Camp Laurence

Der kleine Briefkasten, den Laurie eines Tages in der Hecke zwischen den beiden Grundstücken aufgehängt hatte, war eine fantastische Idee gewesen. Alle, sogar Mrs March und Mr Laurence nutzten das ehemalige Vogelhaus, um Nachrichten auszutauschen. Es war Bettys Aufgabe, nach der Post zu sehen, wenn sie mit den Puppen spazieren fuhr.

An einem schönen Julimorgen kam sie mit einem Arm voll Post ins Haus. Zwei Briefe für Jo, ein seltsamer Hut und ein einzelner Handschuh sowie ein Brief für Meg. Dieser war von Mr Brook, Lauries Lehrer. Er hatte für Meg ein deutsches Lied übersetzt. "Betty, hast du auch genau nachgesehen? Ist nicht noch einer im Briefkasten? Ich habe die Handschuhe bei Mr Laurence vergessen."

Betty schüttelte den Kopf: "Ich habe mich auch schon gewundert, aber der Briefkasten ist leer."

"Oh, Laurie ist so ein Schuft", schimpfte Jo lachend. "Ich habe ihm erzählt, dass ich wünschte, es wären größere Hüte in Mode, da ich mir ständig einen Sonnenbrand auf der Nase hole. Und er meinte, ich solle auf die Mode pfeifen und einfach einen größeren Hut tragen. Jetzt hat er mir dieses scheußliche, alte Exemplar geschickt."

Zu dem Hut gehörte ein Brief. Laurie lud die March Schwestern zu einem Picknick ein. Er bekam Besuch von ein paar Jungen und Mädchen aus England, mit denen er nach Longmeadow rudern wollte. Er erklärte, dass Kate Vaughn, als Anstandsdame für die Mädchen mitging. Mr Brooke würde sich um die Jungen kümmern.

Jo freute sich sehr, über die Einladung und bat ihre Mutter um Erlaubnis.

"Hoffentlich sind die Vaughns nicht alle sehr erwachsen und vornehm", meinte Meg.

"Ich weiß nur, dass es vier Geschwister sind. Kate müsste etwas älter sein als du. Die Zwillinge Fred und Frank sind in meinem Alter und Grace, die Kleinste, ist etwa neun oder zehn Jahre. Laurie kennt die Zwillinge aus dem Internat."

Während Amy, Jo und Meg sich darüber berieten, was sie anziehen sollten, saß Betty still in ihrer Ecke. "Betty, du kommst doch mit, oder?", fragte Jo.

"Aber nur wenn ich nicht mit fremden Jungen sprechen muss!"

"Versprochen!", rief Jo.

Die Mädchen beschlossen, ihre Pflichten heute besonders fleißig zu erledigen, damit sie den freien Tag morgen richtig genießen konnten.

Im Haus der Marchs herrschte am nächsten Morgen ebenso hektisches Treiben wie nebenan. Betty war als Erste fertig. Während ihre Schwestern noch dabei waren, sich hübsch zu machen, berichtete sie von ihrem Aussichtsposten am Fenster, was sich im Haus der Laurences abspielte.

"Oh, da kommen die Gäste! Eine große, schlanke Dame, ein kleines Mädchen und zwei schrecklich aussehende Jungen. Einer von ihnen geht auf Krücken. Jetzt beeilt euch mal! Oh, und da kommt Ned Moffat und Sallie ist auch dabei."

"Wie schön, ich dachte Ned wäre in die Berge gefahren", freute sich Meg. "Jo! Du willst aber nicht ernsthaft diesen grässlichen Hut aufsetzen", rief sie entsetzt, als sie ihre Schwester sah.

"Doch! Er ist für so einen Ausflug wie geschaffen", grinste Jo. Sie zog den alten Schlapphut noch etwas tiefer in die Stirn und rannte als Erste aus dem Haus. Laurie begrüßte sie fröhlich und stellte die Mädchen dann höflich den Gästen vor.

Meg freute sich, als Ned beteuerte, er sei nur ihretwegen gekommen. Jo verstand, warum Laurie stets die Nase rümpfte, wenn er von Kate sprach. Sie wirkte sehr überheblich. Betty beäugte die Zwillinge. Der Junge mit den Krücken tat ihr Leid. Amy musterte Grace sehr reserviert, stellte aber bald fest, dass sie eigentlich ganz nett war.

Am Fluss angekommen, kletterte die Gesellschaft in zwei Boote. Laurie und Jo ruderten im ersten Boot, und Mr Brooke und Ned Moffat hatten gut zu tun, ihrem flotten Tempo zu folgen. Jos Hut hatte gleich für einige Lacher gesorgt. Nur Kate wunderte sich über die lockeren Umgangsformen der Amerikaner.

Es war nicht weit bis Longmeadow, und als die beiden Boote das Ufer erreichten, hatten die vorausgefahrenen Bediensteten von Mr Laurence bereits das Zelt und die Tore für das Kricketspiel aufgestellt. Auf einer großen Wiese, mit alten Eichen lagen Picknickdecken ausgebreitet.

"Willkommen in Camp Laurence! ", rief Laurie. "Mr Brooke ist der General und ich bin sein Adjutant. Wir schlagen vor, gleich mit dem Kricketspiel zu beginnen, bevor es zu heiß wird."

Sie bildeten zwei Mannschaften. Die von Jo gewann sogar das Spiel, obwohl Fred geschummelt hatte. Doch beim folgenden Picknick war der Ärger bald vergessen. Betty kam zur Überraschung ihrer Schwestern mit Frank ins Gespräch und sie unterhielten sich angeregt.

"Ich habe Frank schon lange nicht mehr so lachen gesehen", freute sich dessen kleine Schwester Grace.

"Ja, unsere Betty ein kleiner Engel", erwiderte Meg.

Bei einer Diskussion zwischen Kate und Meg, in der es um die Unterschiede zwischen englischen und amerikanischen Frauen ging, kam Mr Brooke Meg zu Hilfe: "Die amerikanischen Frauen schätzen ihre Unabhängigkeit ebenso wie ihre Gründungsväter, und sie werden dafür respektiert, dass sie ihr eigenes Geld verdienen."

"Außerdem macht es Spaß, die Dinge, die man gelernt hat, an Jüngere weiterzugeben", fügte Meg hinzu und wunderte sich über ihre Schlagfertigkeit. So hatte sie den verhassten Job bei den verzogenen Kings-Kindern noch nie betrachtet.

Nach einer weiteren Partie Kricket und ein paar Liedern am Lagerfeuer machte sich die Gesellschaft wieder auf den Nachhauseweg. Im Garten von Mr Laurence verabschiedeten sich alle herzlich voneinander, denn die Vaughns wollten am nächsten Tag nach Kanada weiterreisen. Die vier Schwestern liefen nach Hause und winkten noch ein letztes Mal vor ihrer Einganstür.

"Abgesehen von ihren ungehobelten Manieren können amerikanische Mädchen doch recht nett sein, wenn man sie erst näher kennen lernt", bemerkte Kate, diesmal ganz ohne ironischen Unterton.

"Da haben Sie Recht", bestätigte Mr Brooke und lächelte.