Dunkle Tage

Betty hatte hohes Fieber, und es stand um einiges schlimmer um sie, als ihre Schwestern ahnten. Nur Hanna und Dr. Bangs wussten Bescheid, denn auch Mr Laurence wurde jeglicher Besuch verboten, da er sich nicht erinnern konnte, ob er jemals Scharlach gehabt hatte.

Der Arzt kam jeden Tag kurz vorbei, um nach Betty zu sehen. Meg blieb zu Hause und nahm Hanna viel Arbeit im Haushalt ab. Sie fühlte sich schuldig, wenn sie ihrer Mutter schrieb, dass alles in Ordnung wäre. Doch sie hatte es Hannah versprochen.

Jo kümmerte sich aufopfernd um Betty und saß fast den ganzen Tag an ihrem Bett. Das Fieber stieg immer mehr an und Betty begann im Fieberwahn mit den Fingern auf der Bettdecke Klavier zu spielen. Sie sprach wirres Zeug und krächzte mit ihrem geschwollenen Hals. Als sie schließlich ihre Schwestern nicht mehr erkannte und nur noch nach ihrer Mutter rief, bekam es Jo mit der Angst zu tun.

Hanna war gerade soweit, Mrs March zu benachrichtigen, als ein neuer Brief aus Washington schlechte Neuigkeiten brachte. Der Zustand von Mr March hatte sich wieder verschlimmert.

Die folgenden Tage waren quälend. Im ganzen Haus herrschte düstere, betrübte Stimmung, niemand lachte mehr. Die Mädchen wussten nicht, um wen sie sich mehr sorgen sollten, Betty oder Vater.

Die Nachbarn schickten Blumen und gute Wünsche. Sogar der Postbote, der Milchmann, der Bäcker und Frau Hummel erkundigten sich regelmäßig nach Betty. Erst jetzt fiel ihren Schwestern auf, wie viele Freunde die schüchterne Betty doch hatte.

Dr. Bangs kam zweimal täglich, doch auch er wusste keinen Rat mehr. Bei seinem Besuch am 1. Dezember nahm er Hanna beiseite und sagte leise zu ihr: "Falls Mrs March ihren Mann allein lassen kann, sollten Sie jetzt nach ihr schicken."

Hanna nickte wortlos, und Meg, die die Worte des Arztes ebenfalls gehört hatte, schluchzte laut auf. Jo begriff sofort, was los war, und ein fragender Blick auf Hanna bestätigte ihre schlimme Vermutung. Sie sprang auf und sprintete so schnell sie konnte zum Postamt, um das Telegramm aufzugeben.

Als sie zurückkam, traf sie Laurie vor der Tür, der soeben einen Brief von Mrs March aus dem Briefkasten geholt hatte. Ungeduldig riss Jo ihn auf. Gott sei Dank, ihrem Vater ging es etwas besser. Aber erleichtert schien sie nicht. Laurie fragte, was denn los wäre.

"Ich habe gerade ein Telegramm an Mutter geschickt. Der Arzt hat gemeint, dass jetzt die Zeit dafür sei…" bei diesen Worten konnte Jo ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Sie flossen in Sturzbächen und Jo sank in Lauries Arme. Er drückte sie fest an sich und murmelte: "Ich bin hier, ich halte dich fest, Liebes." So standen sie für ein paar Minuten eng umschlungen, bis Jo sich etwas beruhigt hatte, sich aus der Umarmung befreite und Laurie dankbar anlächelte.

"Ich hoffe nur, Mutter kommt rechtzeitig von Washington. Es ist ein langer Weg."

"Oh, da muss ich dir etwas gestehen. Sie wird schneller hier sein, als du denkst."

Jo sah Laurie erstaunt an.

"Ich habe bereits gestern ein Telegramm aufgegeben. Großvater und ich waren der Meinung, man solle nicht noch länger warten. Brooke hat sofort geantwortet und deine Mutter ist schon unterwegs. Heute Nacht müsste sie eintreffen."

Bei diesen Worten hellte sich Jos Gesicht auf und sie flog Laurie um den Hals. Lachend und weinend zugleich, rief sie: "Ich freu mich so! Laurie, du bist ein Schatz!"

Laurie war von dem erneuten Gefühlsausbruch völlig überrascht und versuchte, Jo zu beruhigen, indem er ihr über den Rücken streichelte und ihr die Tränen von der Wange wischte. Dabei gab er ihr einen schüchternen Kuss. Das brachte Jo sofort wieder zur Vernunft.

"Was fällt dir ein?", fragte sie scharf.

"Ich hab… ich wollte… dich doch nur trösten. Du bist mir um den Hals gefallen", stammelte er verlegen.

"Ja, weil ich so froh bin, dass Mutter kommt. Wann wird ihr Zug überhaupt erwartet?"

"Um zwei Uhr in der Früh. Ich werde sie abholen", erwiderte Laurie, froh über den abrupten Themenwechsel.

Ein frischer Wind schien durchs Haus zu wehen, und alle waren in heller Aufruhr, um Mrs March einen entsprechenden Empfang zu bereiten. Hanna backte sogar einen Kuchen. Alle wirkten wie neu belebt, sogar das Kaminfeuer schien fröhlicher zu flackern. Nur Betty spürte von dieser Freude nichts. Teilnahmslos lag sie im Bett. Meg und Jo saßen abwechselnd bei ihr und wischten ihr aufgequollenes Gesicht mit kühlen Tüchern ab.

Der Arzt hatte bei seiner letzten Visite gesagt, diese Nacht würde die Entscheidung bringen. Entweder sie überwand das Fieber, das jetzt auf seinem Höhepunkt war, oder…

Die Zeit verstrich unendlich langsam. Um halb zwei machte Laurie sich auf den Weg zum Bahnhof. Gegen halb drei begann es zu schneien. Jo blickte sehnsüchtig aus dem Fenster. Plötzlich hörte sie Meg schluchzen. Sie drehte sich um und sah, wie Meg das Gesicht in ihre Hände vergrub. Oh nein!, dachte sie entsetzt und konnte vor Angst kaum atmen. Betty ist gestorben, und Meg bringt es nicht übers Herz, es mir zu sagen.

Sie eilte zum Bett ihrer Schwester. Betty lag friedlich da. Der schmerzverzerrte Ausdruck war von ihrem Gesicht verschwunden und sie hatte aufgehört zu schwitzen. Jo war sich sicher, Betty sei für immer friedlich eingeschlafen, beugte sich mit Tränen in den Augen über sie und küsste sie. "Leb wohl, liebste Betty. Leb wohl. Ich werde dich immer lieben!"

In diesem Moment kam Hanna ins Zimmer. Sie befühlte Betty Stirn und legte ihr Ohr über Betty Mund. "Dem Herrgott sein Dank! Das Fieber ist zurückgegangen!", rief sie außer sich vor Freude. Die Mädchen blickten sie ungläubig an.

Noch bevor sich die Schwestern richtig freuen konnten, kam Dr. Bangs zur Tür herein. Er hatte versprochen, in der Nacht noch einmal vorbeizuschauen. Er bestätigte Hannas Diagnose. "Eurer kleinen Schwester geht es wieder besser. Ich glaube, sie kommt durch. Sie muss jetzt viel schlafen, und wenn sie aufwacht…"

Doch der Rest seiner Rede ging in lautem Freudengeheul unter. Meg, Jo und Hanna fielen sich erleichtert in die Arme und auch Mr Laurence kam herbeigeeilt.

Jetzt fiel es ihnen nicht mehr schwer, auf die Ankunft von Mrs March zu warten. Und als die Sonne langsam am Horizont aufging, hörten sie endlich die Kutsche heranfahren.

"Sie ist da. Mutter ist endlich wieder zurück!", jubelte Jo.