Glücklich vereint

Der Dezember kam den Mädchen vor wie der Sonnenschein nach einem langen, schweren Gewitter. Mr March ging es mit jedem Tag besser. Um jedoch einen erneuten Rückfall zu vermeiden, wollte er erst zu Beginn des neuen Jahres die Heimreise antreten.

Auch Bettys Genesung machte immer kleine Fortschritte. Sie konnte bereits auf dem Sofa liegen und mit ihren Kätzchen und Puppen spielen. Weil sie noch sehr schwach war, trug Jo ihre abgemagerte Schwester jeden Tag vom Sofa zum Sessel am Fenster, damit sie frische Luft bekam.

Meg, die seit dem Sommer Spaß am Kochen und Backen hatte, stand jetzt fast täglich in der Küche, um kleine Köstlichkeiten für Betty zuzubereiten.

Amy war überglücklich über ihre Heimkehr und hielt sich an ihre guten Vorsätze, an die sie ihr Ring erinnern sollte. Sie verteilte sogar viele ihrer kleinen Schätze derart großzügig an ihre Schwestern, dass diese Amy kaum wieder erkannten.

Jo hatte Laurie noch ein paar Tage schmoren lassen, doch es dauerte nicht lange, bis die beiden wieder ein Herz und eine Seele waren.

Als sich das Weihnachtsfest näherte, schmiedeten sie gemeinsam eifrig Pläne für ein gelungenes Festprogramm.

Am Weihnachtsmorgen strahlte die Sonne und kündigte einen herrlichen Tag an. Betty fühle sich an diesem Tag besonders gut und bat darum, gleich Mrs Marchs Weihnachtsgeschenk, ein hellblaues Kleid, anziehen zu dürfen. Sie kam sich wie eine kleine Königin vor, als Jo und Laurie sie mitsamt dem Sessel wie auf einer Sänfte zum Fenster im Wohnzimmer trugen.

Vor dem Fenster wartete eine große Überraschung, für die Jo und Laurie die ganze Nacht geschuftet hatten. Mitten im Garten stand eine riesengroße Schneefrau mit einem Mistelkranz auf dem Kopf, einem großen Korb voller Früchte und Blumen in der einen und einem Bündel Klaviernoten in der anderen Hand. Um ihren Hals war ein kunterbunter Wollschal geschlungen. Zu ihren Füßen stand ein wunderschönes Bild, und daneben der Puppenwagen mit der neu eingekleideten Johanna.

Am Apfelbaum lehnte eine riesige Weihnachtskarte. Darauf stand in dicken Buchstaben:

Für unseren Engel

Den jeder hier so gerne mag,
Wünschen wir am Weihnachtstag
Sorgenfreies Glück und viel Gesundheit,
Frieden Liebe und stets Heiterkeit.

Meg war fleißig in der Nacht.
Und hat Johanna schön gemacht.
Danach war sie dann das Modell
für unser Künstlernaturell.

Jo strickte sich die Finger wund
für den Schal in kunterbunt.
Damit kannst du bald wieder an die frische Luft
und bis dahin schickt Laurie dir exotischen Duft.

Mit den Früchten wirst du schnell gesund
und spielst dir bald wieder die Finger wund.
Dafür sorgen auch die neuen Noten,
sie stammen von einem älteren Boten.

Du weißt, wir lieben dich alle sehr
und schenken dir nächstes Jahr sicher noch mehr!

Die Überraschung war mehr als geglückt. Betty rannen vor Freude kleine Tränen über die Wangen und sie war völlig sprachlos. Jo und Laurie rannten nach draußen, um die Geschenke zu holen. "Ich bin bis oben hin voll mit Glücklichkeit, wenn noch ein Tropfen hinzukommt, laufe ich über", sagte Betty.

Es war ein fröhliches Weihnachtsfest. Als sie gerade gemütlich bei einer Tasse Tee beisammen saßen, kam eine Überraschung, die das Glücksfass zum Überlaufen bringen sollte.

"Hier kommt noch ein Geschenk für die March-Familie", rief Laurie, der zur Tür gerannt war, als es plötzlich unerwartet klingelte. Er machte eine dramatische Verbeugung und hinter ihm betraten zwei Männer das Wohnzimmer.

"Vater! Vater ist da!" Alle riefen wild durcheinander und stürzten auf den großen Mann zu, der sich auf den anderen stützte. In kürzester Zeit waren Mr March und Mr Brooke von allen Seiten umringt, und alle versuchten gleichzeitig, Mr March zu umarmen und Mr Brooke willkommen zu heißen.

In dem Getümmel fiel niemandem auf, wie Meg nicht nur ihren Vater, sondern auch dessen jungen Begleiter kurz umarmte und er ihr von der spontanen Geste und dem Freudenjubel verwirrt - und aus Versehen, wie er später behauptete - einen Kuss auf die Wange hauchte.

Mrs March fand als Erste ihren Verstand wieder und rief erschrocken: "Leise! Betty schläft…"

Doch zu spät. Betty stand bereits in der Tür und lief mit vorsichtigen, zitternden Schritten direkt in die Arme ihres Vaters. Als sich die erste Aufregung gelegt hatte und Mr March und Betty in zwei bequemen Stühlen im Kreis der Familie untergebracht waren, berichtete Mr March, wie lange er schon von dieser Überraschung träumte. Es gab so viel zu erzählen…

Nach einer Weile kam Hanna und verkündete, das Festmahl sei fertig. Das Weihnachtsessen war ein Gedicht. Der Truthahn schmeckte hervorragend und der Pudding zerging auf der Zunge.

Auch Laurie, Mr Laurence und John Brooke waren zum Essen geblieben, und Jo konnte es trotz der ausgelassenen Stimmung nicht lassen, Brooke grimmig anzufunkeln.

Nach dem Essen verabschiedeten sich die Gäste und ließen die glücklich vereinte Familie allein. Die Marchs machten es sich am Kaminfeuer gemütlich und die Mädchen berichteten ihrem Vater von den Ereignissen während seiner Abwesenheit.

"Könnt ihr euch noch erinnern, wie wir vor einem Jahr zusammen saßen und jammerten, dass wir kein schönes Weihnachtsfest haben würden?", fragte Jo.

"Ja, seitdem ist viel Gutes passiert", erinnerte sich Meg und lächelte verträumt.

"Ich fand, es war ein ziemlich hartes Jahr für uns", widersprach Amy und betrachtete nachdenklich ihren funkelnden Ring.

"Ich bin froh, dass es vorbei ist, denn jetzt bist du endlich wieder bei uns", fügte Betty hinzu, die auf Mr Marchs Schoß saß.

"Es war ein wirklich harter Weg für euch, meine kleinen Pilger. Aber ihr wart sehr tapfer, und ich glaube, eure Bündel sind schon um einiges leichter geworden", sagte Mr March und blickte seine Mädchen mit väterlichem Stolz an. "Ich habe heute einige kleine Entdeckungen gemacht."

"Oh, erzähl uns, welche Entdeckungen du gemacht hast", rief Meg neugierig.

"Hier zum Beispiel eine." Mr March nahm Megs Hand, die auf der Armlehne seines Stuhls lag, und deutete auf die rauen Fingerkuppen, einige Schwielen und zwei kleine Brandblasen. "Ich kann mich an eine Zeit erinnern, als diese Hand sehr zart und gepflegt war. Sie war sehr hübsch, aber so gefällt sie mir besser. Ich hoffe nur, dass ich sie nicht so schnell hergeben muss."

Für Meg hätte es keinen schöneren Lohn für die vielen Stunden Arbeit gehen können, als das Lob ihres Vaters.

"Was ist mit Jo?", wollte Betty wissen. "Sie hat sich so aufopfernd um mich gekümmert!"

"Mal abgesehen von dem gewagten Haarschnitt, sehe ich nicht mehr meinen wilden Sohn Jo, den ich vor einem Jahr zurückgelassen habe, sondern eine warmherzige, verantwortungsbewusste junge Dame. Sie ist etwas schmal und blass geworden. Das Wohlergehen der Familie ist ihr wichtiger als ihre Schönheit."

"Jetzt Betty", rief Amy, die es eigentlich gar nicht erwarten konnte, selbst an die Reihe zu kommen.

"Von unserer fleißigen Biene ist so wenig übrig, dass ich mich normalerweise gar nicht trauen würde, etwas zu sagen, da sie sonst noch kleiner werden würde. Doch sie ist nicht mehr schüchtern wie früher und hat viele neue Freunde gewonnen. Sogar den Furcht einflößenden Mr Laurence hat sie um ihre talentierten Finger gewickelt."

Er schloss Betty in seine Arme und drückte sie liebevoll an sich.

Nach kurzem Schweigen sah Mr March zu Amy und sagte: "Und ich habe noch eine Entdeckung gemacht. Ich habe heute ein kleines Mädchen gesehen, das freiwillig und sehr geschickt den Tisch abgeräumt hat, und mit viel Geduld gewartet hat, bis sie an der Reihe war. Sie hat den ganzen Abend kein einziges Mal in den Spiegel geschaut und kein Wort über den hübschen Ring an ihrem Finger verloren. Ich bin sehr stolz auf dich, weil du gelernt hast, mehr an andere zu denken."

Amy strahlte vor Stolz und erzählte ihrem Vater die Geschichte des Rings. Als sie endete stand Betty mit wackeligen Beinen auf und ging ans Klavier. Glücklich hob sie den Deckel, strich vorsichtig über die Tasten und begann dann Vaters Lieblingslied zu spielen. Alle sangen mit.