Peiter, Peter und Peer

[von Hans Christian Andersen]

Es ist unglaublich, was Kinder in unserer Zeit alles wissen! Man weiß bald nicht mehr, was sie nicht wissen. Dass der Storch sie aus dem Brunnen oder Mühlteich geholt und zu Vater und Mutter gebracht hat, ist nun eine so alte Geschichte, dass die Kinder nicht mehr daran glauben. Und doch ist es das einzig Richtige.

Aber wie kommen die Kleinen in den Mühlteich oder den Brunnen? Ja, das weiß nicht jeder, aber manche wissen es doch. Hast du den Himmel richtig betrachtet, und in einer sternklaren Nacht die vielen Sternschnuppen gesehen? Die sind so, als wenn ein Stern herunterfiele und verschwände. Die Gelehrtesten können nicht erklären, was sie selber nicht wissen. Aber es kann erklärt werden, wenn man es weiß. Es ist, wie wenn ein kleines Weihnachtslicht vom Himmel fiele und verlöscht. Es ist ein Seelenfunken vom lieben Gott, der zur Erde herabfährt, und während er in unsere dichtere, schwerere Luft hineinkommt, schwindet der Glanz. Es bleibt nur, was unsere Augen nicht zu sehen vermögen, denn es ist etwas weit Feineres als unsere Luft. Es ist ein Himmelskind, das da ausgesandt wird, ein kleiner Engel, aber ohne Flügel, denn das Kleine soll ja Mensch werden. Still gleitet es durch die Luft, und der Wind trägt es hin in eine Blume. Das kann nun eine Nachtviole sein, eine Butterblume, eine Rose oder Pechnelke. Liegt ihnen das Luftkind nun im Wege, so stoßen sie es nicht heraus. Sie haben nicht das Herz dazu und legen es hin in die Sonne auf ein Seerosenblatt. Von dort krabbelt und kriecht es hinab ins Wasser, wo es schläft und wächst, bis der Storch es sehen und zu einer Menschenfamilie holen kann, die sich so ein süßes Kleines wünscht. Aber ob es süß ist oder nicht, beruht darauf, ob das Kleine von dem klaren Wasser getrunken hat oder Schlamm und Entenflott ihm in die falsche Kehle gekommen ist. Der Storch nimmt ohne Wahl das Erste, das er sieht. Eines kommt in ein gutes Haus zu unvergleichlich gütigen Eltern, ein anderes kommt zu harten Leuten in großes Elend, sodass es viel besser gewesen wäre, in dem Mühlenteich zu bleiben.

Die Kleinen erinnern sich gar nicht mehr, was sie unter dem Seerosenblatt träumten, und wo am Abend die Frösche sangen: "Koax, koax, Strax, strax!" Das bedeutet in der Menschensprache: "Nun sollt ihr sehen, wie gut ihr schlafen und träumen könnt!"

Die Kleinen erinnern sich auch nicht, in welcher Blume sie zuerst lagen oder wie sie duftete. Und doch gibt es etwas in ihnen, wenn sie erwachsene Menschen werden, das da sagt: "Die Blume haben wir am liebsten!" Das kann nur die Blume sein, in der sie als Luftkinder lagen.

Der Storch wird sehr alt, und immer gibt er darauf acht, wie es den Kleinen geht, die er gebracht hat, und wie sie sich in die Welt schicken; er kann freilich nichts für sie tun oder ihre Lage verändern, er hat seine eigene Familie, für die er sorgen muss, aber er verliert sie niemals aus den Augen.

Ich kenne einen alten, sehr ehrbaren Storch, der sehr klug und weise ist. Er hat viele Kleine geholt und kennt auch ihre Geschichte, in der immer etwas Schlamm und Entenflott aus dem Mühlenteich ist. Ich bat ihn, dass er mir die Lebensgeschichte von einem dieser Kinder erzählt. Da sagte er, dass ich drei für eine aus dem Hause Peitersen haben sollte.

Die Peitersens, das war eine besonders nette Familie. Der Mann war einer von zweiunddreißig Ratsmännern in der Stadt, und das war eine Auszeichnung. Er lebte für den Stadtrat und sah darin seine wichtigste Bestimmung. Da kam der Storch und brachte einen kleinen Peiter, denn so wurde das Kind genannt. Im nächsten Jahr kam der Storch wieder mit einem Kind, den sie Peter nannten. Als dann der Dritte gebracht wurde, erhielt er den Namen Peer, denn in den Namen Peiter-Peter-Peer liegt der Name Peitersen.

Das waren also die Brüder Peitersen. Einst waren sie drei Sternschnuppen, jeder in seiner Blume gewiegt, unter das Seerosenblatt in den Mühlenteich gelegt und vom Storch zu der Familie gebracht, deren Haus an der Ecke liegt, wie du wohl weißt. Sie wuchsen auf und wollten noch etwas mehr werden als ihr Vater im Rat der zweiunddreißig Männer.

Peiter sagte, er wolle Räuber werden. Er hatte die Oper von "Fra Diavolo" gesehen und sich für das Räuberhandwerk entschieden, weil es ihm so abenteuerlich erschien. Peter wollte dagegen lieber Bauer werden und Peer strebte danach, Vater zu werden. Das sagte nun ein jeder, wenn man sie fragte, was sie in der Welt werden wollten.

Dann kamen sie in die Schule. Einer wurde Erster, und einer wurde Letzter, und einer kam immer gerade in die Mitte aus. Die verständnisvollen Eltern sagten trotzdem, das die drei Brüder alle gleich klug wären, und das waren sie auch. Sie gingen auf Kinderbälle, sie rauchten Zigarren, wenn keiner es sah, und sie lernten mit jedem Tag dazu.

Peiter war von klein auf streitbar, wie ein Räuber es ja sein muss. Er war ein sehr unartiger Junge. Die Mutter sagte, dass es von dem Würmern käme, an denen er litt. Unartige Kinder haben immer Würmer, das ist der Schlamm im Leib. Sein Eigensinn und seine Streitlust verdarben eines Tages das neue Seidenkleid der Mutter.

"Stoß nicht an den Kaffeetisch, mein Gotteslamm", hatte sie gesagt. "Du könntest den Sahnetopf umwerfen und ich bekäme Flecken auf mein neues Seidenkleid!" Und das "Gotteslamm" nahm mit fester Hand den Sahnetopf und goss die Sahne der Mama geradewegs in den Schoß. Sie sprang auf und rief: "Gott, oh, Gott! Das war nicht klug, mein Lämmchen!" Aber sie musste ihm einen festen Willen zugestehen, und das erschien ihr viel versprechend. Er hätte ganz gewiss ein Räuber werden können, aber er wurde es nicht wirklich. So kam es, dass er nur wie ein Räuber aussah und mit verbeultem Hut und langen, wirren Haaren ging. Aus ihm sollte nun ein Künstler werden, also zeigte er sich nur noch in die Künstlerkleidern und sah dazu wie eine Stockrose aus. Alle Menschen, die er zeichnete, sahen ebenso wie Stockrosen aus. Diese Blume hatte er nun mal besonders gerne, weil er auch in einer Stockrose gelegen hatte, sagte der Storch.

Peter hatte in einer Butterblume gelegen. Er sah um die Mundwinkel immerzu schmierig aus und hatte eine gelbe Haut. Man musste glauben, wäre er angeschnitten worden, so wäre Butter herausgeflossen. Er war wie geboren zum Butterhändler und hätte sein eigenes Firmenschild sein können. Aber in seinem Innern war er ganz und gar Bauer. Peter war der musikalische Teil der Familie, aber "Genug für sie alle zusammen", sagten die Nachbarn. Er komponierte siebzehn Polkas in einer Woche und machte daraus eine Oper mit Trompeten und Schellen. Ei, wie war die schön!

Peer war weiß und rot, klein und gewöhnlich. Er hatte in einer Gänseblume gelegen. Niemals schlug er um sich, wenn die andern Jungen ihn schlugen. Er sagte stets, er wäre der Vernünftigste, und der Vernünftigste gibt immer nach. Zuerst sammelte er Griffel, dann Briefmarken, und danach schaffte er sich eine kleine Naturaliensammlung an, in der das Skelett eines Stichlings, drei blind geborene Rattenjungen in Spiritus und ein ausgestopfter Maulwurf waren. Peer hatte Sinn für das Wissenschaftliche und einen guten Blick für die Natur. Das war erfreulich für die Eltern und auch für Peer. Er ging lieber in den Wald als in die Schule, lieber in die Natur als zum Lernen. Seine Brüder waren schon verlobt, als er noch dafür lebte, seine Eiersammlung von Wasservögeln zu vervollständigen. Er wusste bald viel mehr von den Tieren als von den Menschen. Ja, er glaubte sogar, dass das Tiere liebenswerter seien. Er sah, dass der Nachtigallvater die ganze Nacht seiner kleinen Frau "Kluck, kluck! Zi, zi! Lo, lo, li!" vorsang, wenn das Weibchen auf seinen Eiern brütete. Das hätte Peer nie tun oder durchhalten können. Wenn die Storchmutter mit ihren Jungen im Nest lag, stand der Storchvater die ganze Nacht auf einem Bein auf dem Dachfirst. Peer hätte nicht einmal eine Stunde so stehen können. Und als er eines Tages das Gewebe einer Spinne betrachtete und sah, was darin hockte, gab er den Traum vom Ehestand ganz auf. Herr Spinne webt, um leichtsinnige Fliegen zu fangen, junge und alte, dicke und dünne. Er lebt, um seine Familie zu ernähren, und Madame Spinne zeigt großen Appetit. Sie isst ihren Mann vor lauter Liebe auf, isst sein Herz, seinen Kopf und seinen Leib. Nur die langen, dünnen Beine bleiben im Spinngewebe zurück, dort, wo er mit Nahrungssorgen für die ganze Familie saß. Das ist die reine Wahrheit, direkt aus der Naturgeschichte. Das sah Peer und dachte: "So von seiner Frau geliebt zu werden und von ihr aufgefressen zu werden, nein, so weit treibt es kein Mensch."

Peer beschloss, sich nie zu verheiraten! Nie einen Kuss zu geben oder zu nehmen, der wie der erste Schritt in den Ehestand aussehen könnte. Aber einen Kuss bekam er doch, und zwar einen, den wir alle bekommen. Denn wenn wir lange genug gelebt haben, bekommt der Tod den Auftrag: "Küss ihn weg!" Da leuchtet dann ein Sonnenblitz vom lieben Gott, so hell, dass wir nur noch schwarz vor den Augen sehen. Die Menschenseele, die wie eine Sternschnuppe kam, fliegt wieder wie eine Sternschnuppe dahin, aber nicht, um in einer Blume zu ruhen oder unter einem Seerosenblatt zu träumen. Die Seele hat wichtigere Dinge vor und fliegt hinein in das große Ewigkeitsland. Wie es dort ist und aussieht, kann aber niemand sagen. Keiner hat je hineingesehen, nicht einmal der Storch, mag er auch noch so viel wissen. Darum wusste er nun auch nichts mehr über Peer zu sagen.

Von Peiter und Peter hatte ich genug gehört, und das hast du wohl auch. Also sagte ich dem Storch meinen Dank für dieses Mal, doch nun verlangte er drei Frösche und eine junge Schlange für seine kleine Geschichte. Willst du bezahlen? Ich will nicht! Ich habe keine Frösche und schon gar nicht eine junge Schlange.