Mary findet einen Schlüssel

Ein paar Tage lang hatte es unaufhörlich geregnet, aber als Mary an diesem Morgen aus dem Fenster sah, war der Himmel über dem Moor blau und strahlend. "So ist das im Moor", sagte Martha, die hinter Mary stand, fröhlich. "Der Frühling kommt und dann bleibt der Sturm für eine Weile weg."

Mary hatte gedacht, dass es in England immerzu regnete und war erstaunt, als Martha ihr sagte, dass in Yorkshire der Frühling sehr sonnig sei und das Moor bald schon voll von blühenden Blumen sein werde. Martha schwärmte von herumflatternden Schmetterlingen und singenden, hoch in die Lüfte steigenden Lerchen.

"Wenn du siehst, wie schön das Moor im Frühjahr ist, läufst du bestimmt auch den ganzen Tag draußen herum, wie Dickon", sagte Martha. Das traute Mary sich gar nicht zu, denn sie war noch nie von morgens bis abends irgendwo herumgelaufen.

"Bis zu unserer Hütte sind es fünf Meilen", erzählte Martha. "Ich weiß nicht einmal, ob du es bis dorthin schaffen würdest, weil du noch nie in deinem Leben deine Beine richtig benutzt hast."

"So eine Hütte würde ich gern einmal sehen", sagte Mary.

Martha sah sie prüfend an und stellte fest, dass Mary längst nicht mehr so verdrießlich wie am Anfang aussschaute. Sie beschloss, ihre Mutter zu fragen, ob Mary mit ihr zur Hütte kommen dürfe.

Sie hatte heute nämlich ihren freien Tag und teilte Mary mit, dass sie sich sehr auf diesen Nachmittag mit ihrer Familie freute. "Meine Mutter weiß immer einen Ausweg. Vielleicht redet sie mit Mrs. Medlock, die sehr viel von ihr hält. Vielleicht darfst du dann tatsächlich bald einmal mitkommen", meinte Martha.

"Ich kenne deine Mutter nicht, aber trotzdem mag ich sie sehr gern. Genauso ist es mit Dickon", erwiderte Mary.

"Das verstehe ich gut",sagte Martha voller Stolz. "Mich würde interessieren, was Dickon wohl über dich sagen würde."

Jetzt sah Mary wieder schlecht gelaunt wie eh und je aus. "Er mag mich bestimmt nicht. Keiner mag mich."

"Magst du dich selbst denn?", wollte Martha wissen.

"Ich weiß es nicht, na ja, also eigentlich nicht" , antwortete Mary zögernd.

Ein leichtes Lächeln huschte über Marthas Gesicht.

Nachdem Mary gefrühstückt hatte und Martha zur Hütte gegangen war, ging Mary schnell in den Garten. Sie fühlte sich einsam wenn sie wusste, dass Martha nicht im Haus war. Sie rannte zehn Mal um den Springbrunnen im Garten, danach ging es ihr besser.

Als sie in den ersten Gemüsegarten kam, entdeckte sie Ben Weatherstaff. Er hatte scheinbar auch bessere Laune, weil die Sonne schien, denn er sprach Mary gleich an.

"Merkst du was? Es wird Frühling, riech mal", sagte er und Mary schnupperte.

"Ich rieche etwas frisches, feuchtes und kräftiges."

"Das ist die gute Erde", zufrieden grub er weiter. "Mir macht es Spaß, sie umzugraben, damit alles wachsen kann."

Mary wollte wissen, was denn aus der Erde herauskäme. Erstaunt darüber, dass Mary dies alles nicht wusste, sagte er ihr die Namen der Blumen: Krokusse und Schneeglöckchen.

Mary hatte in Indien nie etwas langsam wachsen gesehen. Wenn dort der Regen fiel, war alles am nächsten Tag schon grün gewesen. Ben erklärte ihr, dass das hier sehr viel langsamer ginge, an einem Tag hier ein Blättchen, am nächsten Tag vielleicht das nächste dort...Sie solle es beobachten. Das wollte Mary tun.

Mit einem Mal hörte sie das Flügelrauschen des Rotkehlchens und freute sich. Es kam ganz nah an Marys Füße heran und hüpfte aufgeregt.

"Kennt es mich noch?", fragte Mary.

"Natürlich kennt er dich noch, er kennt alles in den Gärten ganz genau."

"Gibt es in dem Garten, in dem es lebt, auch noch Pflanzen und Blumen im Boden?", wollte Mary wissen.

Ben Weatherstaffs Gesicht verschloss sich wieder, er wollte nicht über den geheimen Garten sprechen. "Frag Robin, so nenne ich den Vogel. Er ist der Einzige, der sich dort aufhält" sagte Ben nur.

Seitdem Mary auf der Welt war, also zehn Jahre lang, war niemand mehr in dem geheimen Garten gewesen. Mit diesem Gedanken ging Mary weiter.

Robin kam ihr hinterher und machte auf sich aufmerksam. Er zwitscherte, hopste und plusterte sich auf, die Brust weit vorgestreckt. Mary konnte ganz nah an ihn herangehen. Es war aufregend, der Vogel schien ihr vollkommen zu vertrauen. Plötzlich flog er zu einem Beet, an dem Erde aufgeworfen war. So als hätte ein Hund nach etwas gegraben.

Robin ließ sich dort nieder und es sah so aus, als wenn er Mary auffordern wollte, näher zu kommen. Als sie auf das Beet zuging, entdeckte sie etwas in der frisch aufgeworfenen Erde. War es ein Ring? Mary griff nach dem Ring und als sie ihn aus dem Boden zog, erkannte sie, dass es ein alter Schlüssel war, den sie in der Hand hielt.

Benommen sah Mary den Schlüssel an. "Er hat hier viele Jahre lang gelegen. Es könnte der Schlüssel zum geheimen Garten sein!"