Ein aufregender Tag

Vor Marys Augen befand sich nun der geheimnisvolle Garten, er wirkte wie verwunschen. Überall rankten sich Kletterrosenzweige, an den Bäumen streckten sie sich ineinander verschlungen empor. Teilweise wucherten sie über den Boden, weil kein Platz mehr an den Bäumen war. Von den Zweigen der Bäume wehten die Ranken wie Vorhänge. Hier und da hatten sie sich von Baum zu Baum ineinander verflochten und bildeten Hängebrücken.

Was Mary am meisten beeindruckte, war die Stille, die hier herrschte. Selbst das Rotkehlchen saß ganz still oben auf seinem Baum und beobachtete Mary.

"Kein Wunder, dass es hier so still ist. Der Garten schweigt, weil ich seit zehn Jahren der erste Mensch bin, der hier ist."

Sie wollte gern wissen, ob die Pflanzen, die es hier noch gab, am Leben waren, aber leider konnte sie es nicht feststellen. Ben Weatherstaff hätte es gekonnt, aber sie sah nur braune und graue Knospen und Zweige.

Mary fühlte sich ganz feierlich und war glücklich, dass sie nun endlich den Garten gefunden hatte und immer wieder zu ihm zurückkehren konnte. So oft sie wollte, konnte sie nun das Tor aufschließen und in ihre eigene kleine Welt besuchen, die ihr soviel bedeutete.

Mit ihrem Springseil hüpfte sie durch den Garten und sah sich alles genau an. An einer Stelle sah sie, dass dort einmal ein Blumenbeet gewesen sein musste. Beim Näherkommen entdeckte sie kleine grüne Spitzen, die sich aus der schwarzen Erde schoben.

Sofort fielen ihr die Namen der Blumen ein, die Ben ihr genannt hatte. "Vielleicht wachsen hier Krokusse, Schneeglöckchen oder Narzissen.", sagte sie zu sich selbst. "Dann könnten an anderen Stellen auch Blumen wachsen." Sie beugte sich über das Beet und sog den erdigen Geruch ganz tief ein. Sie liebte den Geruch.

Vorsichtig ging sie weiter , um zu sehen, ob es noch andere Blumen gab. Es gab noch Leben in diesem Garten, das freute Mary sehr. Sie entdeckte jede Menge lebendiger Stauden und war ganz aufgeregt.

Sie fing an, Gräser an einigen Stellen zu entfernen, an denen sie Triebe entdeckt hatte. Sie wollte, obwohl sie noch niemals Gartenarbeit verrichtet hatte, diesen Trieben Platz zum Wachsen verschaffen. Sie nahm sich vor, jeden Tag wiederzukommen und Unkraut zu entfernen und zu graben. Sie hatte so viel Spaß an dieser Arbeit, dass sie gar nicht mehr aufhören wollte und ziemlich viel schaffte.

Gegen Mittag fiel ihr plötzlich ein, dass es schon längst Zeit zum Essen war. Sie sah noch einmal auf die kleinen grünen Blätterspitzen, denen sie Platz zum Atmen gegeben hatte und fand, dass sie schon viel kräftiger und gesünder aussahen. Sie war hoch zufrieden und sagte zu den Rosensträuchern und Bäumen, dass sie nachmittags wieder herkommen würde.

Mit glühenden Wangen, leuchtenden Augen und einem riesigen Appetit saß sie am Mittagstisch und verdrückte eine so große Portion, dass Martha sie lobte und sich freute. Sie wollte gleich ihrer Mutter erzählen, wie gut Mary das Seilspringen tat.

Beim Essen fiel Mary ein, dass sie beim Graben im Garten eine Wurzel aufgefallen war, die wie eine weiße Zwiebel ausgesehen hatte. Sie fragte Martha möglichst unauffällig danach. "Das sind Knollen. Aus ihnen wachsen Blumen, zum Beispiel Narzissen und Oseterglocken.", erklärte Martha. "Dickon hat jede Menge Lilienzwiebeln in unserem Garten eingepflanzt."

Mary erfuhr, dass Dickon sehr viel über Blumen wusste. Außerdem erzählte Martha, dass Blumenzwiebeln sich selbst helfen, in dem sie sich in der Erde selbst vermehren, sogar dann, wenn sich niemand um sie kümmerte. Mary war erleichtert, in ihrem Garten war Leben.

Sie wollte gerne einen Spaten haben und sprach mit Martha darüber. Diese wunderte sich etwas über Marys ungewöhnlichen Wunsch. Aber als Mary sagte ihr, dass sie sich in dem großen Haus einsam fühlte und gern einen kleinen Garten anlegen wollte. Martha war sofort überzeugt, dass dies das Richtige sei. Auch ihre Mutter hätte zu ihr gesagt, dass man Mary ein Stück Land zum Bepflanzen geben sollte.

Es beeindruckte Mary, dass Marthas Mutter, ohne sie zu kennen, mit ihren Vorschlägen immer ins Schwarze traf. Sie musste so ganz anders sein als Marys Mutter in Indien.

"Ich habe eine Idee, wie du zu deinem Spaten kommst, Mary", sagte Martha. "Wenn du Druckbuchstaben schreiben kannst, denn die kann Dickon lesen, dann diktiere ich dir einen Brief an ihn. Er kann in Thwaite ein Gartenset und Blumensamen für dich besorgen. Es gibt dort einen kleinen Laden, in dem ich einen Spaten, eine Harke und eine Spitzhacke, die zusammen zwei Shilling kosten, gesehen habe."

"Das ist ja so toll!" rief Mary. "Das Geld habe ich. Ich bekomme jede Woche einen Shilling von Mrs. Medlock. Bis jetzt wusste ich nicht, wofür ich das Geld brauchen könnte. Und Druckbuchstaben kann ich bestimmt schreiben."

Martha holte schnell Papier und einen Stift. Voller Vorfreude begann Mary zu schreiben, was Martha ihr diktierte:

"Mein lieber Dickon,

ich hoffe, dir geht es im Moment so gut wie mir. Miss Mary möchte gern ein Blumenbeet anlegen und wir dachten, dass du nach Thwaite gehen könntest, um dort Gartengeräte und Samen zu kaufen. Such die schönsten aus und welche, die leicht aufzuziehen sind. Es ist nämlich das erste Mal, dass Mary ein Blumenbeet anlegen will und in Indien ist alles ganz anders. Grüße an alle Zuhause,

deine Schwester, die dich lieb hat,

Martha Phoebe Sowerby"

Das Geld wollten die Beiden einem Freund von Dickon mitgeben, dem Metzgersjungen, der mit seinem Karren weit herum kam. Martha sagte, dass Dickon die Sachen selbst vorbeibringen würde, nachdem er sie gekauft hätte. Mary brauchte sie nicht abzuholen.

Verlegen und aufgeregt stellte Mary fest, dass sie Dickon dann zu sehen bekommen würde."Ich dachte, ich würde ihn bestimmt nie kennen lernen", sagte sie zu Martha.

"Möchtest du das denn nicht?" fragte Martha. Sie hatte bemerkt, dass Mary ziemlich begeistert aussah.

"Doch, schrecklich gern", antwortete Mary.

"Ach, wie konnte ich vergessen, dir zu sagen, dass ich mit Mutter gesprochen habe! Ich habe sie gefragt, ob du einmal mitkommen kannst zu unserer Hütte", fiel Martha ein. "Mutter sagte, du solltest Mrs. Medlock selbst fragen, ob du mitfahren darfst, sie erlaubt es dir bestimmt."

Mary konnte gar nicht fassen, dass heute all die aufregenden Dinge nacheinander geschahen. Sie stellte sich vor, wie sie am helllichten Tag über das Moor fahren und die Hütte mit den zwölf Kindern sehen würde. Ihr gefiel die Vorstellung. Sie würde Dickon sehen und Marthas Mutter.

Mary und Martha saßen noch eine Weile zusammen und beide waren eine Zeit lang ziemlich still.

Aber dann fiel Mary ein, dass sie auch heute wieder das unheimliche Weinen auf dem Flur gehört hatte. Sie fragte Martha, ob das Mädchen in der Küche heute wieder Zahnschmerzen gehabt hätte.

Martha zuckte ein bisschen zusammen. "Wie kommst du denn jetzt darauf?", fragte sie.

"Als ich heute auf dich gewartet habe, habe ich die Tür aufgemacht und bin ein Stück den Flur hinunter gegangen. Da habe ich wieder das Schreien gehört, zum dritten Mal schon. Es ist heute kein Wind, es kann also nicht der Wind gewesen sein."

"Du darfst nicht herumlaufen und lauschen. Wenn Mr. Craven davon erfährt wird er schrecklich böse. Ich weiß nicht, was er dann mit dir machen wird" erwiderte Mary nur und dann verschwand sie aus Marys Zimmer, weil Mrs. Medlock angeblich nach ihr geläutet habe.

"Das ist wirklich das seltsamste Haus, das man sich nur vorstellen kann", sagte Mary, müde von den Anstrengungen dieses Tages.