Ben Weatherstaff sieht über die Mauer

Es war ein herrlicher Nachmittag. Alles glänzte und strotzte vor Leben, als wenn sich die Natur dazu entschlossen habe, sich Colin von ihrer schönsten Seite zu zeigen. Der Frühling war gekommen und hatte alles verwandelt.

Es gab blühende Obstbäume mit roten und weißen Blüten, in denen die Bienen summten. Mary und Dickon arbeiteten ein wenig und Colin sah ihnen dabei zu. Zwischendurch brachten sie ihm Zeige mit sprießenden Blättchen, Knospen und Blüten zum Ansehen. Sie schoben ihn im Rollstuhl durch den Garten und zeigten ihm alles, was der Frühling aus der Erde hatte kommen lassen.

Colin brannte darauf, Robin das Rotkehlchen zu sehen. Dickon versprach, dass er es bald oft genug sehen werde, wenn seine Jungen nämlich geschlüpft seien und er Futter für sie besorgen werden würde.

Die ganze Zeit über flüsterten die Drei. Aber manchmal vergaßen sie vor lauter Begeisterung die Vorsicht und lachten lauthals, bevor sie sich vor Schreck die Hände vor die Münder pressten.

Die Sonne schien golden in den Garten. Dickon hatte sich gerade ins Gras gesetzt um ein wenig Flöte zuspielen, da entdeckte Colin den alten Baum, an dem ein Ast abgebrochen war.

"Dieser Baum ist alt, er ist tot, stimmts?", fragte er seine Freunde. "Die Äste sind ganz grau und es wachsen keine Blätter mehr an ihnen."

Dickon antwortete, dass der Baum tatsächlich tot war, er aber der schönste Baum von allen wäre, wenn die Rosen, die an ihm emporrankten, blühen würden.

Colin fragte ihn, wer den Ast wohl abgebrochen hätte. Dickon wich aus uns sagte nur, dass dass vor vielen Jahren geschehen sei.

In diesem Moment zeigte sich das Rotkehlchen. Mary und Dickon waren erleichtert. Sie mussten nun erstmal keine Fragen über den Baum beantworten. "Robin hat ein Zauberer geschickt", meinte Mary später heimlich zu Dickon. Sie wussten beide nicht, was sie Colin wegen des Baumes sagen sollten.

Robin flog umher und suchte Futter für sein Weibchen. Das brachte Colin auf die Idee, den Dienern aufzutragen, Gebäck und Tee an einem Weg abzustellen, an dem es Dickon dann abholte.

Kurze Zeit später saßen die Kinder im Gras und ließen sich Kuchen, Toast mit Butter und Hörnchen schmecken. Für Dickons Tiere fiel auch der ein oder andere Krümel ab und alle waren zufrieden.

Nun würde es bald Abend werden. Die Sonnenstrahlen wurden immer länger, die Bienen waren fortgeflogen und Vögel sah man nur noch selten herumfliegen.

Colin hatte eine rosige Wange. "So sollte es immer sein", sagte er."Ich will jeden Tag wieder herkommen. Ich möchte den Sommer erleben und sehen, wie hier alles wächst. Ich selber werde auch hier wachsen. "Das wirst du mit Sicherheit", meinte Dickon. "Bald wirst du hier herumlaufen und graben wie wir."

Das war ein neuer Gedanke für Colin. "Ich? Laufen? Graben? Wirklich?"

"Natürlich wirst du das. Wenn du keine Angst mehr hast und die wirst du bald nicht mehr haben, werden deine Beine dich schon tragen", sagte Dickon lachend.

Zweifelnd sah Colin Dickon an und verstummte eine Weile. Alles um sie herum schien leiser zu werden. Die Tiere bewegten sich kaum noch. Ruß hockte auf einem Zweig und döste.

Plötzlich flüsterte Colin aufgeregt: "Wer ist der Mann da drüben?"

Mary und Dickon sprangen auf. Colin zeigte auf die hohe Mauer und dort entdeckten sie das erboste Gesicht von Ben Weatherstaff. Er stand auf einer Leiter und drohte Mary mit der Faust.

"Schläge hättest du verdient, du ungezogenes, viel zu neugieriges Buttermilchgesicht!", schimpfte er. "Ich mochte dich von Anfang an nicht, dich mit deinen tausend Fragen und deiner Nase, die du in alles stecken musst, was dich nichts angeht! Wenn Robin nicht gewesen wäre, hätte ich mich gar nicht auf dich eingelassen."

"Robin war es ja gerade, der mir den Weg in den Garten gezeigt hat", versuchte Mary ihm zu erklären. Aber Ben wurde noch wütender als er das hörte und war versucht von der Leiter in den Garten zu springen.

"Für deine Fehler das Rotkehlchen verantwortlich machen zu wollen, ist ja wohl der Gipfel!" Plötzlich siegte seine Neugier und er fragte, wie um alles in der Welt Mary in den Garten hineingekommen war.

Gerade als Mary sich wieder erklären wollte, befahl Colin zu dem Gärtner geschoben zu werden. Ben hatte ihn noch nicht bemerkt, aber jetzt starrte er Colin verwundert an.

Der Rollstuhl hielt unter Ben Weatherstaffs Leiter und auf einmal wusste er, wer Colin war. Er erstarrte, sagte kein Wort mehr und sah Colin unverwandt ins Gesicht.

"Wer bin ich?", fragte Colin forsch. "Sag es!" Ben antwortete nach einem Zögern mit brüchiger Stimme, dass er wohl wisse, wer er sei. "Die Augen deiner Mutter sind es, die mich gerade ansehen. Wie kommst du hierher? Du bist der arme Krüppel."

In Colin platzte etwas. Blut schoss in sein Gesicht. Er richtete sich steil auf und schrie:"Ich bin kein Krüppel! Ich bin kein Krüppel!"

"Das ist er wirklich nicht, er hat keinen Buckel. Ich habe ihn untersucht", unterstützte Mary ihren Freund.

"Hast du keinen krummen Rücken? Und keine verkrüppelten Beine?", fragte Ben mit zittriger Stimme.

"Nein!" Colin brüllte jetzt. Noch nie hatte jemand etwas über seine Beine gesagt. Das war einfach zu viel. Er nahm all seine Kraft zusammen und fasste Dickons Arm.

Mary hielt die Luft an und betete, dass er es schaffen würde.

Tatsächlich. Colin stand aufrecht im Gras. Er sah Ben Weatherstaff herausfordernd an. "Schau mich an!", rief er aufgebracht.

"Er ist so gerade gewachsen wie ich", bekräftigte Dickon.

Mary hatte nicht damit gerechnet, was jetzt geschah. Ben schluckte schwer und plötzlich liefen dicke Tränen an seinen Wangen herunter.

"Ich fasse es nicht", schluchzte er und schlug seine faltigen Hände zusammen. "Warum erzählen die Leute nur so etwas? Du bist zwar weiß wie die Wand und dünn wie ein Grashalm, aber du bist kein Krüppel! Gott sei Dank!"

Colin stand fest und aufrecht und sah Ben an.

"Du bist mein Diener", sagte Colin würdevoll. "Dies ist mein Garten und du wirst nicht darüber reden. Steig von deiner Leiter. Mary wird dich zu mir bringen. Ich muss etwas mit dir besprechen."

Ben war noch ganz benommen und er hatte vom Weinen noch ein nasses Gesicht. Einen Moment noch konnte er seinen Blick nicht abwenden. Aber dann nahm er sich zusammen, griff an seinen Hut und sagte "Jawohl, Sir" und stieg von der Leiter.