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Dracula

von Bram Stoker

Dracula - Kapitel 1

Jonathan Harkers Tagebuch
3. Mai. Bistritz - Von München fuhr ich über Wien und Budapest nach Klausenburg. Ich wohnte im Hotel Royal. Zum Diner oder vielmehr zum Souper aß ich ein sehr schmackhaftes aber Durst erzeugendes Paprikahendl. Ich schlief nicht gut, was vielleicht an dem Hendl lag; ich trank zwar alles Wasser in meiner Karaffe, war aber immer noch durstig. Als ich gegen Morgen endlich doch einschlief, klopfte es laut an meiner Tür. Die Nacht war um! Zum Frühstuck aß ich wiederum Paprika - in einer Suppe aus Maismehl.

Ich war unterwegs nach Transsylvanien. Genauer gesagt sollte ich nach Bistritz reisen, einem Distrikt im äußersten Osten des Landes. Die Grenzen der Staaten Transsylvanien, Moldau und Bukowina treffen sich dort inmitten der Karpaten. Die genaue Lage des Schlosses Dracula, zu dem ich unterwegs war, konnte ich allerdings nicht ermitteln.

Nachdem ich meine Suppe rasch hinunter geschlungen hatte, eilte ich zum Bahnhof. Ich hätte in Ruhe frühstücken können, denn mein Zug hatte fast eine Stunde Verspätung. Als die Reise weiterging, rollte der Zug den ganzen Tag durch eine sehr reizvolle Landschaft. Ich hatte Gelegenheit, sowohl die Landschaft als auch die Bevölkerung zu betrachten. Auf jeder Station sah man Einheimische in fremd anmutenden Trachten. Als wir in Bistritz ankamen, war die Dämmerung bereits hereingebrochen. Die Stadt liegt hart an der Grenze. Der Borgopass führt von hier aus in die Bukowina und Bistritz hat eine stürmische Vergangenheit hinter sich. Zu Beginn des 17. Jahrhundert wurde die Stadt drei Wochen belagert. Sie verlor 13 000 Einwohner durch Gefechte, Seuchen und Hungersnöte.

Auf Empfehlung des Grafen Dracula übernachtete ich im Hotel Goldene Krone. Der Wirt händigte mir einen Brief des Grafen aus:

"Mein Freund! Ich heiße Sie in den Karpaten willkommen und erwarte Sie mit Ungeduld. Ich habe für Sie einen Platz in der Postkutsche nach Bukowina reserviert. Die Kutsche geht um drei Uhr morgens. Mein Wagen wird am Borgopass auf Sie warten und Sie zu mir bringen. Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Reise und dass Sie sich während Ihres Aufenthaltes meiner herrlichen Heimat freuen mögen.
Ihr Freund Dracula!"

4. Mai. Die Wirtsleute waren sehr höflich und zuvorkommend. Als ich sie allerdings über Details ausfragen wollte, wurden sie zurückhaltend und gaben vor, nicht genug zu verstehen. Als ich den Wirt fragte, ob er den Grafen Dracula kenne oder mir etwas über das Schloss berichten könne, bekreuzigten sich beide ängstlich. Die Wirtin fragte mich beinahe hysterisch, ob ich wirklich zum Grafen Dracula gehen müsse. "Wissen Sie denn nicht, was heute für ein Tag ist?", fragte sie mich. "Es ist die St. Georgsnacht! Wenn die Uhr Mitternacht schlägt, haben alle bösen Dinge auf der Welt freien Lauf. Wissen Sie denn, wohin Sie gehen und zu wem?"

Die Wirtin warf sich zu Boden und flehte mich an, zu bleiben. Es war lächerlich und doch fühlte ich mich unbehaglich. Ich wusste aber, dass nichts mich davon abhalten durfte, meinen Geschäften nach zu gehen. Ich versuchte, die Wirtin zu beruhigen und sie aufzuheben. Schließlich stand sie auf, trocknete ihre Tränen und nahm das Kruzifix von ihrem Halse, um es mir umzuhängen. "Um ihrer Mutter willen!", sagte sie, als sie mir den Rosenkranz umlegte. Ich muss zugeben, dass ich mich nicht mehr so zuversichtlich fühlte. Sollte dieses Tagebuch meine Mina vor mir erreichen, möge es ihr meine Abschiedsgrüße übermitteln. Die Kutsche kommt!

Ich begab mich zur Postkutsche während der Postillion mit der Wirtin sprach. Das Gespräch drehte sich um mich. Auch andere Leute, die auf der Bank vor dem Haus gesessen hatte, lauschten dem Gespräch und sahen mitleidig zu mir herüber. Ich hörte, dass einige Wörter sich wiederholten und schlug sie darum in meinem Polyglott-Wörterbuch nach. Es waren Wörter wie "Ordog = Satan", "Pokol - Hölle", "Stregoica = Hexe" und "vrolok" oder "vlkoslak = Werwolf oder Vampir". Als wir abfuhren, machten die Menschen, die dem Gespräch beigewohnt hatten, das Kreuzzeichen und streckten zwei gespreizte Finger gegen mich aus. Nur mit Mühe erfuhr ich von einem Mitreisenden, dass dies ein Zauber oder ein Schutz gegen den bösen Blick darstellen sollte.

Der Fuhrmann trieb seine Pferde an und die Fahrt begann. Ein letztes Mal blickte ich auf den malerischen Wirtsgarten und auf die reichen Oleander und Orangenbäume. Wir fuhren zunächst durch die üppigen grünen Hügel des Mittellandes. Je länger die Fahrt aber dauerte, umso schroffer wurde die Landschaft. Auch die Fahrgäste wurden unruhig. Als es dunkel wurde, spornte der Fuhrmann seine Pferde noch mehr an. Auch die Erregung der Mitreisenden steigerte sich immer mehr. Als wir den Borgopass erreichten, bekam ich kleine Geschenke zugesteckt. Sie wurden mir mit einem Ernst aufgedrängt, dass ich sie einfach nicht ablehnen konnte, auch wenn es wirklich seltsame Dinge waren.

Wir kamen zur östlichen Passöffnung, die Stelle, an der Draculas Wagen auf mich warten sollte. Es war weit und breit nichts zu sehen. "Sie werden wohl doch nicht erwartet", rief mir der Kutscher zu. "Dann nehme ich Sie jetzt mit bis nach Bukowina und Sie kehren übermorgen wieder zurück." Noch bevor ich antworten konnte, fuhr eine Kalesche mit vier Pferden von hinten an uns heran. Die Pferde waren kohlschwarz und im Lampenschein funkelten die Augen des fremden Kutschers rot. "Du bist zu früh!", donnerte der Fremde. "Du wolltest den englischen Herren wohl mit nach Bukowina nehmen. Aber ich weiß viel und meine Rosse sind schnell." Ich hatte Zeit, den hoch gewachsenen Mann zu betrachten. Sein Mund war grausam, mit sehr roten Lippen und scharfen, elfenbeinweißen Zähnen. "Die Toten reisen schnell!" flüsterte einer meiner Reisegefährten, schlug das Kreuz und spreizte die Finger. Mein Gepäck wurde umgeladen und ich stieg in die fremde Kutsche. Wortlos wendete der fremde Kutscher den Wagen und wir fuhren in die Dunkelheit.

Mich überlief ein eisiger Schauer und ich fühlte mich plötzlich sehr verlassen. Wir fuhren sehr rasch. Ich sah auf meine Uhr. Nur noch wenige Minuten bis Mitternacht. Ein Hund begann zu heulen, die lang gezogenen traurigen Töne hallten schauerlich durch die Nacht. Ein weiterer Hund antwortete und so setzte es sich fort, bis überall ein wildes Heulen vernehmbar war. Die Pferde scheuten und schwitzten, der Kutscher hatte alle Mühe, sie zu halten. Nun begann auf den Bergen zu beiden Seiten der Straße ein lauteres, helleres Gebell. Wölfe! Am liebsten wäre ich aus dem Wagen gesprungen. Der Kutscher hatte die Pferde beruhigt, so dass die Fahrt weitergehen konnte. Es wurde immer kälter, das Geheul der Wölfe klang immer lauter und die Pferde schienen meine Furcht zu teilen. Plötzlich tauchte eine blaue flackernde Flamme aus dem Dunkel auf. Der Kutscher hielt die Pferde an, sprang ab und verschwand in der Dunkelheit. Ich war verzweifelt, denn das Geheul der Wölfe kam immer näher. Im nächsten Augenblick war der Kutscher wieder da und ließ die Pferde antreten. Dieser Zwischenfall wiederholte sich ungezählte Male. Ich muss aber geschlafen oder geträumt haben, denn als der Kutscher einmal zwischen mir und der blauen Flamme stand, verdeckte er diese keineswegs, ich konnte sie vielmehr gespenstisch weiter flackern sehen. Ich war entsetzt, hielt es aber doch für eine Sinnestäuschung. Dann verschwanden die blauen Lichter rasch und wir sausten wieder durch die Nacht.

Einmal entfernte sich der Kutscher sehr weit von der Kutsche. Die Pferde begannen zu wiehern und las ich aus dem Fenster der Kutsche blickte, fuhr ich erschreckt zurück. Im fahlen Licht des Mondes erblickte ich Wölfe, die einen Ring um die Kutsche gebildet hatten. Sie fletschten ihre weißen Zähne. Zunächst war ich vor Angst wie gelähmt. Dann rief ich nach dem Kutscher. Ich rief um Hilfe und trommelte mit den Händen gegen den Wagenschlag. Was der Kutscher tat, weiß ich nicht. Dann hörte ich ihn scharfe Befehle rufen und schaute noch einmal aus dem Fenster. Der Kutscher stand auf dem Weg und schwenkte seine Arme. Die Wölfe wichen langsam zurück und dann schob sich eine Wolke vor den Mond. Wir standen im Finstern. Der Kutscher kletterte auf den Kutschbock. Die Wölfe waren verschwunden. Diese Erlebnisse waren so seltsam und ungewöhnlich, dass mich eine große Furcht überkam. Die Fahrt setzten wir in völliger Dunkelheit fort, es ging steil bergauf. Plötzlich bemerkte ich, dass die Kutsche in den großen Hof eines ruinenhaften Gebäudes eingefahren war. Aus den schwarzen Fensterhöhlen drang kein Lichtstrahl. Die Kutsche hielt an und der Kutscher war mir beim Aussteigen behilflich. Er nahm meine Koffer und stellte sie neben mich. Als alles ausgeladen war, schwang er sich auf den Kutschbock und verschwand mit Pferden und Wagen in einem der schwarzen Torbogen. Ich war allein.

Dracula - Kapitel 2

Jonathan Harkers Tagebuch - Fortsetzung
5. Mai. Schweigend blieb ich stehen, denn ich wusste nicht, was ich tun sollte. Die drohenden Mauern und die dunklen Fensterhöhlen entfachten Furcht und Zweifel in mir. Wohin war ich geraten? War es normal für einen Anwaltsschreiber, sich in ein solches Abenteuer zu stürzen? Ich dachte mit einem wehmütigen Lächeln an Mina, die das Wort "Anwaltsschreiber" gar nicht gern hörte. Ich war nun selber Anwalt! Kurz bevor ich London verließ, hatte ich von meinem bestandenen Examen erfahren.

Vielleicht träumte ich das alles ja hier. Ich begann mich zu kneifen und spürte den Schmerz nur allzu klar. Nein - es gab keinen Zweifel. Ich war wach und stand mutterseelenallein an einem der unheimlichsten Orte, die ich mir nur vorstellen konnte. Mir schien es so, als hätte ich schon eine Ewigkeit im dunklen Hof gestanden, als ich das Rasseln von Ketten hinter dem großen Tor hörte, das sich gleich darauf quietschend öffnete. Vor mir stand ein alter, hoch gewachsener Mann, der bis auf seinen langen weißen Schnurrbart glatt rasiert war. Er war ganz in Schwarz gekleidet und trug eine altmodische silberne Lampe in der Hand. Der alte Mann machte eine einladende Geste und sagte in bestem Englisch, allerdings nicht ohne fremdartigen Akzent:

"Willkommen auf Schloss Dracula! Treten Sie frei und freiwillig herein." Er stand steif wie eine Statue, griff aber, in dem Augenblick als ich die Schwelle überschritten hatte, schnell nach meiner Hand und drückte sie heftig. Ich zuckte heftig zusammen; sein Griff war über die Maßen hart und seine Hand so kalt wie die Hand eines Toten.

"Kommen Sie frei und freiwillig herein!", wiederholte der Graf. "Gehen Sie gesund wieder und lassen Sie etwas von der Freude zurück, die Sie mitbrachten." "Graf Dracula?", fragte ich vorsichtig, denn die Gestalt, die vor mir stand, erinnerte mich doch sehr an meinen unerschrockenen und schweigsamen Kutscher. "Ich bin Dracula. Seien Sie in meinem Hause herzlich willkommen, Herr Harker. Kommen Sie herein. Die Nacht ist kalt und sie werden hungrig und durstig sein." Während er sprach, stellte er die Lampe ab und griff nach meinem Gepäck. Ich protestierte, aber der Graf hob nur abwehrend die Hand. "Sie sind mein Gast. Es ist spät und die Dienerschaft nicht mehr verfügbar. Sie werden nach der langen Reise Toilette machen und sich waschen wollen. Folgen Sie mir." Und der Graf führte mich eine steile Wendeltreppe hinauf und durch einen mit Steinen gefliesten Korridor. Er öffnete eine schwere Tür und führte mich in ein hell erleuchtetes Zimmer, in dem ein gedeckter Tisch stand. In dem mächtigen Kamin brannte knackend ein Feuer. Der Graf schloss die Tür hinter mir und stellte mein Gepäck ab. "Ihr Schlafzimmer befindet sich gleich hier", sagte der Graf und öffnete eine Tür auf der anderen Seite des Zimmers. Wir durchschritten einen achteckigen, fensterlosen Raum und gelangten in das Schlafgemach. Auch in diesem Zimmer brannte ein anheimelndes Feuer und wärmte den großzügigen Raum. "Ich denke, Sie finden alles nach Wunsch. Wenn Sie fertig sind, kommen Sie bitte in das andere Zimmer, wo das Abendbrot Ihrer wartet." Mit diesen Worten ging der Graf.

Die Wärme und das Licht hatten meine gereizten Nerven beruhigt. Meine Zweifel und Beunruhigungen waren dahin und ich hatte Zeit zu bemerken, dass ich hungrig war. Schnell machte ich mich zurecht und kehrte in das Speisezimmer zurück. Das Souper war angerichtet und Graf Dracula lud mich herzlich ein, zu zulangen. "Sie werden es mir nicht verübeln, wenn ich nicht mit Ihnen speise", bemerkte der Graf. "Aber ich bin es nicht gewohnt, so spät zu soupieren."

Ich übergab dem Grafen den versiegelten Brief von Mr. Hawkins, meinem Herren, und sah zu, wie Dracula ihn las. Als er geendet hatte, reichte er mir den Brief zurück. Was ich las, erfreute mein Herz:

"Ich bedauere, dass ein Anfall von Gicht es mir unmöglich macht, Ihre Angelegenheiten selbst zu ordnen. Ich schicke Ihnen aber einen Stellvertreter, der mein vollständiges Vertrauen besitzt. Sie werden einen jungen Mann kennen lernen, der talentiert, energisch und überaus zuverlässig ist. Er ist in meinen Diensten aufgewachsen und sehr diskret. Während seines Aufenthaltes wird er Ihnen uneingeschränkt zur Verfügung stehen und er ist darüber hinaus ermächtigt, Aufträge jeder Art von Ihnen entgegen zu nehmen."

Der Graf hob den Deckel von einer Terrine und darunter lag ein prächtiges gebratenes Huhn. Ich verspeiste es - zusammen mit Käse, Salat und zwei Gläsern eines alten Tokaier - zu Abendbrot, während der Graf mich über meine Reise ausfragte. Nach der Mahlzeit bot er mir eine Zigarre an, die ich erfreut annahm. Behaglich saß ich nun an einem warmen Kaminfeuer, genoss die Zigarre und fand Zeit, den Grafen etwas näher zu betrachten. Sein Gesicht hatte etwas von einem Raubvogel, der Nasenrücken war scharf gebogen und sehr schmal, die Nasenflügel auffallend geformt. Seine Stirn wölbte sich hoch auf, mit dünnem Haar an den Schläfen und vollerem Haar am Rest des Kopfes. Die Augenbrauen waren buschig und wuchsen über der Nase beinahe zusammen. Unter dem weißen Schnurrbart sah sein Mund hart und grausam aus, die Zähne ragten scharf und elfenbeinweiß über die stark geröteten Lippen heraus. Die Ohren waren ungewöhnlich spitz, während das Kinn breit und fest und die Wangen schmal aber straff erschienen. Der allgemeine Eindruck aber war der einer außerordentlichen Blässe.

Erst später bemerkte ich die Hände des Grafen. Sie waren nicht schmal und weiß - im Gegenteil. Sie waren grob, breit mit eckigen Fingern, die Nägel zu nadelscharfen Spitzen geschnitten. Seltsamerweise wuchsen ihm Haare auf der Handfläche. Als der Graf im Laufe des Abends mich einmal zufälligerweise mit diesen Händen berührte, konnte ich mich des Grauens nicht erwehren. Möglicherweise lag es aber auch an seinem unreinen Atem, der mich streifte und bei mir ein Gefühl der Übelkeit auslöste, das ich nicht verbergen konnte. Der Graf indes war aufmerksam genug und zog sich mit einem grimmigen Lächeln zurück. Wir schwiegen eine Weile und ich fühlte, wie sich eine beängstigende Stille über das Schloss legte. Plötzlich war mir, als hörte ich wieder die Wölfe heulen. Auch der Graf hatte dies bemerkt. "Hören Sie nur. Es sind die Kinder der Nacht, die Musik für uns machen!" Der Graf musste meinen entsetzen Gesichtsausdruck gesehen haben, denn er fügte rasch hinzu: "Ja, ihr Stadtbewohner seid eben nicht imstande dem Jäger nachzufühlen. Und außerdem, werdet Ihr müde sein. Das Bett ist bereit. Schlafen Sie morgen nach Belieben aus, denn ich habe bis abends auswärts zu tun. Träumen Sie wohl." Er verbeugte sich höflich und öffnete mir die Tür zu dem achteckigen fensterlosen Raum, der zwischen dem Speisezimmer und meinem Schlafzimmer lag. Mit gemischten Gefühlen begab ich mich in mein Schlafzimmer. Ich dachte an viele seltsame Dinge und hoffte, dass Gott mich beschützen würde.

7. Mai. Früher Morgen, aber die letzten vierundzwanzig Stunden waren geruhsam und angenehm. Ich schlief lange, aß ein bereitgestelltes Frühstück und las die Worte, die der Graf mir auf einem Kärtchen hinterlassen hatte: "Ich muss leider noch einige Zeit fernbleiben. Warten Sie nicht auf mich. D." Nach dem Frühstück suchte ich nach einer Glocke, um nach der Dienerschaft zu läuten, konnte aber keine entdecken. Es ist seltsam, dass es in diesem offensichtlich reichen Haushalt keine Diener zu geben scheint. Das Tafelservice ist aus reinem Gold und reich verziert. Auch die Stoffe des Zimmers sind erlesen und kostbar. Sie sehen aus, als ob sie sich schon Jahrhunderte lang vorzüglich halten. Was bemerkenswert ist, dass sich in keinem Zimmer ein Spiegel befindet. Zum Rasieren muss ich meinen kleinen Handspiegel benutzen, was nicht sehr bequem ist. Nach dem Essen sah ich mich nach einer Lektüre um. Ich wollte nicht ohne Erlaubnis in dem Schloss umher wandern und so öffnete ich nur vorsichtig eine weitere Tür. Wunderbarerweise befand ich mich in einer Art Bibliothek, die mir eine reiche Auswahl englischer Bücher bot.

Ich stöberte also in den Büchern, als sich plötzlich die Tür öffnete und der Graf eintrat. "Oh, Sie haben meine guten Freunde gefunden", rief der Graf und deutete auf die Bücher. "Durch diese Bücher habe ich England lieben gelernt. Ich sehne mich danach, in den belebten Straßen Ihres herrlichen Londons zu promenieren. Leider kenne ich Ihre Sprache nur aus den Büchern, auch wenn Sie behaupten, ich spräche Ihre Sprache." "Aber bester Graf,", erwiderte ich, "Sie sprechen ungeheuer gut Englisch." "Sie schmeicheln mir", versetzte der Graf. "Man wird mit immer gleich den Fremden anmerken. Das ist mir nicht genug. Hier bin ich ein Adliger, ein Bojar. Das Volk kennt mich und ich bin sein Herr. Ich will nicht, dass jemand sagt: Hört, da spricht ein Fremder. Ich bin lange Herr gewesen und das will ich auch bleiben. Und deshalb hoffe ich, dass Sie nicht nur als Geschäftsträger meines Freundes Peter Hawkins hier sind, sondern noch eine zeitlang bei mir bleiben und mich das Sprechen lehren. Verzeiht mir außerdem, lieber Freund, wenn ich heute lange ausblieb. Ich habe viele Geschäfte zu erledigen."

Ich nickte nur und fragte, ob ich jederzeit in dies Bücherzimmer treten dürfe. "Gewiss!", versicherte mir der Graf und fügte hinzu: "Sie dürfen im Schloss überall hingehen. Nur die verschlossenen Türen dürfen Sie nicht öffnen. Es hat Gründe, warum Dinge so sind, wie sie sind. Wir sind in Transsylvanien und nicht in England. Ich denke, Sie wissen ohnehin, dass hier seltsame Dinge geschehen." Dieser Einwurf des Grafen führte zu einer ausgedehnten Konversation und mit der Zeit wurde ich etwas kühner. Ich befragte den Graf zu den seltsamen Dingen, die ich in der ersten Nacht gesehen hatte. "Ist es wahr,", fragte ich den Grafen, "dass die blauen Lichter vergrabene Schätze anzeigen?" "Der Glaube ist weit verbreitet, dass in einer Nacht wie der St. Georgsnacht, in der alle bösen Geister freie Bahn haben, die blauen Flammen sich an den Plätzen zeigen, an denen verborgene Schätze liegen." "Und niemand kommt, um die Schätze zu bergen?" Der Graf lächelte böse. "Unsere Bauern sind feige und dumm. Diese Flämmchen erscheinen nur in einer Nacht. Und in dieser Nacht geht niemand, der nicht muss, aus seinem Haus. Und wenn es jemand wagen würde, so könnte er doch am nächsten Tag nicht mehr sagen, wo er die blaue Flamme gesehen hat. Oder können sie sich an einen dieser Orte erinnern?" Ich verneinte und wir wechselten das Thema.

"Erzählen Sie mir von London und dem Haus, das Sie für mich ausgesucht haben." Sofort erhob ich mich und holte aus meinem Koffer die nötigen Papiere. Der Graf sah sich die Papiere genau an und stellte mir hundert Fragen über das Grundstück und seine Umgebung. Mir aber schien, dass er alles so gründlich studiert hatte, dass er eigentlich viel mehr wusste als ich. Als ich mein Erstaunen darüber offenbarte, antwortete der Graf: "Sehen Sie, mein lieber Freund. Ich bin allein und niemand - auch Sie nicht - wird mir in der Fremde zur Seite stehen, nicht wahr?" Dann wandte er sich wieder den Papieren zu und vertiefte sich in das Problem des Ankaufs des Besitzes. Er unterschrieb einige Schriftstücke und fügte dem bereits fertigen Brief an Herrn Hawkins einen weiteren hinzu. Dann fragte er mich, wie ich eigentlich auf den Besitz gestoßen sei.

"In einer Nebengasse in Purfleet fand ich das Gebäude, das von einer hohen, aus roh behauenen Steinen gebauten Mauer umgeben ist. Seit langer Zeit schon steht es leer und die schweren Eichenholztüren bleiben verschlossen. Das Grundstück heißt Carfax, wahrscheinlich eine Verstümmelung des alten quartre faces. Das Haus ist nämlich würfelförmig. Alles in allem umfasst der Besitz zwanzig Morgen. Die erwähnte Mauer verleiht ihm einen gewissen düsteren Charakter. Das Grundstück verfügt über einen kleinen aber tiefen Teich oder See. Er wird von einer unterirdischen Quelle gespeist. Das Haus ist groß und hat zum Teil wirklich dicke Mauern und wenig Fenster. Kurz und gut, das Haus sieht aus wie eine alte Festung und steht dicht bei einer alten Kirche oder Kapelle. In der Nachbarschaft befinden sich nur wenige Gebäude. Eines davon ist sehr groß und erst kürzlich als Privatirrenanstalt eingerichtet worden. Aber dieses Gebäude können Sie von Ihrem Grundstück aus nicht sehen."

Dracula hörte sich meine Ausführungen geduldig an. Dan sagte er: "Ich freue mich, dass es so groß und alt ist. Ich suche keinen Ort mit warmem Sonnenschein, glitzerndem Wasser und fröhlichem Lachen. Ich bin nicht mehr jung und habe viele liebe Tote zu beklagen gehabt. Auch die Mauern meines Schlosses hier sind alt und es gibt viele Schatten. Ich liebe das Dunkel und ich bin gern mit meinen Gedanken allein. Wenn Ihr mich jetzt entschuldigt? Ich bitte Euch, in meiner Abwesenheit die Papiere wieder in Ordnung zu bringen." Der Graf nickte noch einmal knapp und verließ das Zimmer.

Ich brachte seine Papiere in Ordnung und sah mir dann noch einige Bücher an. Eines davon war ein Atlas. Die offensichtlich viel benutzte Karte von England lag aufgeschlagen. Ich sah näher hin und bemerkte, dass mehrere Orte mit kleinen Kreisen gekennzeichnet waren; einer an der Ostseite von London, dort, wo sein zukünftiger Besitz lag, einer bei Exeter und einer bei Whitby an der Küste von Yorkshire. Nach mehr als einer Stunde kam der Graf zurück. Er lud mich zum Abendessen ein, entschuldigte sich aber, dass er schon gegessen habe. Nach dem Essen saßen wir beisammen und plauderten. Darüber vergaßen wir die Zeit und plötzlich ertönte draußen ein Hahnenschrei. Der Graf sprang auf. "Schon so spät? Verzeihen Sie, dass ich Sie so lange aufhielt. Die Unterhaltung über mein neues Vaterland war so anregend, dass ich die Zeit vergessen habe." Er empfahl sich eilig und ich blieb allein zurück.

8. Mai. Als ich mit diesem Tagebuch begann, fürchtete ich, zu ausführlich zu sein. Aber jetzt bin ich doch froh, dass ich bisher alles so genau festhielt. Es ist wirklich merkwürdig hier und fühle mich sehr unbehaglich. Wenn ich doch nur jemanden hätte, mit dem ich reden könnte. Aber hier ist nur der Graf und ich befürchte, dass ich die einzige lebende Seele in diesen Mauern bin. Aber ich muss vernünftig sein. Meine Fantasie darf nicht mit mir durch gehen.

Nach nur wenigen Stunden Schlaf erhob ich mich. Ich hatte meinen Taschenspiegel am Fenster befestigt und damit begonnen, mich zu rasieren. Da legte sich die Hand des Grafen auf meine Schulter und er sagte "Guten Morgen" zu mir. Ich erschrak, denn ich hatte ihn nicht kommen sehen, obwohl ich im Spiegel das ganze Zimmer hinter mir übersehen konnte. Vor Überraschung hatte ich mich leicht geschnitten, aber ich achtete nicht darauf. Vielmehr sah ich noch einmal in den Spiegel, um zu sehen, ob ich mich getäuscht hatte. Aber es war keine Täuschung: der Graf stand so dicht hinter mir, dass ich ihn über meine Schulter hinweg erblicken konnte. Im Spiegel aber war ich allein und konnte ihn nicht entdecken! Sofort stieg wieder das furchtbare Grauen in mir auf, das mich während meines Aufenthaltes schon mehrfach beschlichen hatte. Jetzt merkte ich auch, dass meine kleine Verletzung blutete. Das Blut rann über mein Kinn und ich legte das Rasiermesser aus der Hand, um mir ein Pflaster zu holen. Als der Graf mein Gesicht sah, glänzten seine Augen in dämonischem Feuer auf und er griff nach meiner Kehle. Ich wich erschrocken aus, so dass der Graf das Kruzifix der braven Wirtin berührte, das ich mir am Abend der ersten Nacht um den Hals gebunden hatte. Diesmal wich der Graf zurück und seine Erregung verschwand so schnell, wie sie gekommen war.

"Seien sie vorsichtig. Schneiden Sie sich nicht noch einmal, das ist in diesem Lande sehr gefährlich. Und fort mit diesem schrecklich Spielzeug der menschlichen Eitelkeit." Der Graf ergriff meinen Taschenspiegel und öffnete eines der großen Fenster. Er holte aus und schleuderte meinen Spiegel in die Tiefe, wo er klirrend zerbrach. Dann ging er ohne ein weiteres Wort fort. Nun muss ich mich im Deckel meiner Uhr oder im Boden meiner Seifenschale aus Metall spiegeln, wenn ich mich rasieren will.

Ich trat schließlich in das Speisezimmer hinaus, aber von dem Grafen war nichts zu sehen. Ich frühstückte allein und wunderte mich, dass ich den Grafen bisher niemals hatte essen oder trinken sehen. Nach dem Frühstück unternahm ich eine kleine Erkundung durch das Schloss. Dabei entdeckte ich ein reizendes Zimmer mit einer entzückenden Aussicht nach Süden. Das Schloss steht am Rande eines Furcht erregenden Abgrundes. Ein Stein fiele wohl tausend Fuß tief ohne irgendwo anzustoßen. Man sieht nur ein Meer von wogenden Baumwipfeln. Alles ist grün. Aber ich bin wahrhaftig nicht in der Stimmung, Naturschönheiten zu bewundern. Ich setzte meinen Erkundungsgang fort. Ich fand Türen, Türen und nochmals Türen. Aber alle sind verschlossen. Dieses Schloss ist ein Gefängnis und ich bin darin gefangen!

Dracula - Kapitel 3

Jonathan Harkers Tagebuch - Fortsetzung
Ich steigerte mich in eine Art Raserei, hinein als mir die Erkenntnis, ein Gefangener zu sein, voll zu Bewusstsein kam. Ich rannte wie ein Wahnsinniger durch das Schloss und rüttelte an den Türen. Nur allmählich konnte ich mich beruhigen und wieder einen klaren Gedanken fassen. Ich begann darüber nachzudenken, was zu tun sei. Ich kam allerdings noch zu keinem Ergebnis. Sicher ist, dass Graf Dracula keinesfalls von meinen Plänen etwas merken darf. Er weiß, dass er mich gefangen hält und hat offensichtlich seine Gründe, so dass er mir nur noch mehr Schwierigkeiten in den Weg legen würde, wenn er von meinen Absichten wüsste. Das Beste wird sein, ich behalte meinen Erfahrungen und Ängste für mich und bin weiterhin wachsam.

Kaum war mir klar geworden, dass ich meinen ganzen Verstand brauchen würde, um aus dieser verzweifelten Lage zu entkommen, hörte ich, wie unten das schwere Tor aufging. Der Graf kehrte zurück. Ich ging leise in mein Zimmer und überraschte ihn dort dabei, wie er mein Bett machte. Ich hatte Recht gehabt. Es gab keine Dienstboten im Schloss. Ich war mit dem unheimlichen Grafen allein. Und ein weiterer schrecklicher Gedanke stahl sich in mein Hirn: Wenn niemand hier war, dann musste Dracula selbst auch das Fuhrwerk gelenkt und den Wölfen Einhalt geboten haben. Unwillkürlich fasste ich nach dem Kruzifix an meinem Hals, das mir in letzter Zeit mehr Trost spendete als ich es je für möglich gehalten hätte.

Mitternacht. - Ich habe lange mit dem Grafen geplaudert und ihn nach den Geschichten seines Geschlechts befragt. Er erwärmte sich sehr für dieses Thema, ging im Zimmer auf und ab und erzählte von Personen, Schlachten und Ereignissen so lebendig, dass ich fast glaubte, er sei leibhaftig dabei gewesen. "Wir Szekler haben ein Recht darauf, stolz zu sein. In unseren Adern fließt das Blut so mancher tapferer Völker. Der ugrische Stamm trug den wilden Kampfgeist von Island herunter und überschwemmte als gefürchtete Berserker die Küsten Europas, Asiens und Afrikas. Die Völker dachten, dass ein Heer von Werwölfen eingefallen sei. Als sie in dieses Land kamen, trafen sie mit den Hunnen zusammen und die sterbenden Nationen erzählten sich, sie seien Nachkommen jener Hexen, die, als sie aus dem Skythenland vertrieben wurden, sich in der Steppe mit Teufel paarten. Wir sind ein Erobererstamm und haben die Magyaren, die Lombarden, die Awaren, die Bulgaren und die Türken in die Flucht geschlagen. Und dann kam die große Niederlage unseres Volkes. Die Schmach bei Cassova. Wer schlug die Türken auf eigenem Boden als die Banner der Walachen und Magyaren vor dem Halbmond in den Staub sanken? Einer aus meinem Geschlecht. Ein Dracula! Doch als er gefallen war, verkaufte sein eigener Bruder das Volk an die Türken zur schmachvollen Knechtschaft. Und ich sage euch, dieses Draculas Geist hieß einen späteren seines Namens immer und immer wieder über den breiten Strom in die Türkei einfallen."

Der Graf holte Luft und ich hatte Mühe, den verwirrenden Ausführungen zu folgen. "Als Einziger kehrte er von der blutigen Walstatt heim, auf der sein Stamm niedergemetzelt worden war", fuhr der Graf fort. "Er wusste, dass nur er den Sieg erzwingen konnte. Es wird behauptet, dass er nur an sich dachte. Bah, was taugt ein Kriegsvolk ohne seinen Anführer? Unser stolzer Geist kann es nicht ertragen, unfrei zu sein! Ja, junger Herr, die Szekler und die Draculas können sich einer glorreichen Vergangenheit rühmen. Die kriegerischen Zeiten sind vorbei und Blut ist ein zu kostbares Ding in diesen jämmerlichen Friedenszeiten. Und der Ruhm ist nur mehr wie ein Märchen, das man sich erzählt." Der Graf schwieg und da es schon fast wieder Morgen war, gingen wir zu Bett.

12. Mai. Mein Tagebuch ähnelt inzwischen erschreckend den Erzählungen aus 1001 Nacht und doch bin ich gewillt mit nackten Tatsachen zu beginnen, an denen nicht gezweifelt werden kann. Ich muss mich davor hüten, sie mit meinen Beobachtungen und Erfahrungen zu vermischen. Am letzten Abend begann der Graf sofort, mich über juristische Dinge auszufragen. Er befragte mich zu den Schritten, die er zur Ausführung seiner Absichten zu tun habe. So fragte er mich, ob es in England gestattet ist, zwei oder mehrere Sachverwalter für die Geschäfte zu haben. Ich antwortete ihm, er könne so viele Sachverwalter beschäftigen, wie er wolle, es sei aber nicht unbedingt klug dies zu tun. Er fragte darauf hin weiter, ob es klug wäre einen Sachverwalter für Geldangelegenheiten und einen für Schifffahrtsangelegenheiten zu haben. Er betonte, dass eventuell ein lokales Eingreifen nötig sein könne, was durch eine große Entfernung des finanziellen Verwalters erschwert würde. Als ich ihn bat, sein Anliegen genauer zu erläutern, erklärte der Graf:

"Unser Freund Hawkins kauft für mich ein Grundstück in London. Um auszuschließen, dass der von mir beauftragte Advokat nur sein eigenes oder das Wohl seiner Freunde im Auge hat, beschloss ich, mir einen solchen aus der weiteren Umgebung Londons zu suchen. Nun nehme ich an, dass ich per Schiff einige Güter transportieren lassen möchte. Vielleicht nach Newcastle oder Durham - wäre es da nicht von Vorteil, meine Angelegenheiten von einem am betreffenden Ort ansässigen Agenten besorgen zu lassen?" Ich erwiderte, dass dies zwar möglich sei, wir Advokaten aber einen Interessenverband bildeten und einer für den anderen die Erledigung lokaler Angelegenheiten übernähme. Dracula ging nur flüchtig darauf ein und fuhr fort, über die Art, wie man am besten Schiffstransporte einleite und welche Formalitäten zu erfüllen wären, zu sprechen. Im Laufe der Unterhaltung stellte ich fest, dass er selbst einen guten Advokaten abgegeben hätte. Es gab nichts, was er nicht bedacht hatte. Dafür, dass er noch nie in England gewesen war, waren seine Kenntnisse erstaunlich. Als er sich über alles hinreichend informiert hatte, stand er unvermittelt auf.

"Sie haben doch schon an unseren Freund Hawkins geschrieben?" fragte er. Ich antwortete mit leichter Bitterkeit, dass ich noch nicht in der Lage gewesen sei, Briefe abzusenden. "Dann schreiben Sie jetzt. Schreiben Sie, an wen Sie wollen. Teilen Sie mit, dass Sie noch einen Monat hier zu bleiben gedenken." "Wollen Sie wirklich, dass ich noch so lange bleibe?" Ich war entsetzt. "Ich wünsche es nicht nur, ich wäre tödlich beleidigt, wenn Sie früher abreisen würden. Ihr Herr und Meister schickt Sie zu seiner Vertretung und ich glaube doch wohl, dass in erster Linie meine Interessen gewahrt werden. Ich habe doch keinen Termin bestimmt, oder?"

Ich seufzte. Ich war ein Gefangener und in Draculas Augen lag eine gewisse Genugtuung. Außerdem war ich ja wirklich auf Geheiß meines Meisters hier und nicht bevollmächtigt, nur für mich zu entscheiden. Dracula kostete seinen Sieg aus und sagte in seiner verbindlichen Art: "Lieber Freund, wenn Sie nun Ihre Briefe schreiben, berühren Sie nur Geschäftliches. Und sagen Sie Ihren Freunden, dass es Ihnen gut geht." Mit diesen Worten händigte er mir drei Briefbogen und drei Kuverts aus. Es war sehr dünnes Überseepapier und mir war klar, dass der Graf die Briefe lesen würde. Aus diesem Grund schrieb ich an meine liebe Mina und an Herrn Hawkins nur wenige formelle Zeilen um nur im Geheimen meine Lage genau zu schildern. Zusätzlich verfasste ich den Brief an Mina in Stenografie, damit der Graf ihn nicht lesen könne.

Als ich die Briefe geschrieben hatte, saß ich eine Weile still und las in einem Buch, während der Graf einige Zeilen schrieb. Dann nahm er meine beiden Briefe und legte sie zu den seinen. Er brachte das Schreibzeug wieder in Ordnung und verließ das Zimmer. Rasch sprang ich auf um in Erfahrung zu bringen, an wen der Graf geschrieben hatte. Der erste Brief war an Samuel F. Billington, No.7, The Crescent, Whitby gerichtet, der zweite an Coutts & Co.,London, der dritte ging an Herrn Leutner, Varna und der vierte an die Bankiers Klopstock & Billreuth, Budapest. Gerade wollte ich die noch nicht verschlossenen Briefe aus den Kuverts ziehen, als der Graf wieder das Zimmer betrat. Er nahm die Briefe und verschloss sie sorgfältig. Ich hatte gerade noch Zeit gehabt, die Briefe wieder an ihren Platz zu legen und mich auf meinen Stuhl zu werfen. Ich zitterte. Der Graf trat an mich heran: "Leider habe ich heute Abend dringende Privatangelegenheiten zu erledigen. Sie finden - wie immer - alles was Sie brauchen."

Ich wollte schon aufatmen und mich ein wenig entspannen, als der Graf abermals das Wort an mich richtete. "Lassen Sie sich raten, lieber Freund, nein, lassen Sie sich warnen. Unter keinen Umständen dürfen Sie in einem anderen Raum des Schlosses schlafen als in Ihrem eigenen Schlafgemach. Sollten Sie in dieser Beziehung unvorsichtig sein ..." Er ließ den Satz unbeendet und mich in höchster Angst zurück, obwohl nichts grauenhafter sein kann als dieses unnatürliche scheußliche Netz von Geheimnissen, das sich um mich zusammen zu ziehen scheint.

Später. - Der Graf eilte davon und ich zog mich in mein Zimmer zurück. Im Schloss war kein Laut zu hören und ich fand keine Ruhe. Also verließ ich mein Zimmer und lief durch das Schloss. Bald war ich in dem lieblichen Südzimmer, von dessen Fenster man die Freiheit erahnen kann. Ich war ein Gefangener und fühlte mich, als müsse ich meine Lungen mit der frischen Nachtluft füllen. Ich spürte, dass dieses Nachtleben des Grafen mich innerlich zerstörte und mir die Kräfte raubte. Ich lehnte mich etwas aus dem Fenster und atmete mit jedem Atemzug Friede und Trost ein, als ich aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahrnahm. Der Lage nach musste es das Zimmer des Grafen sein. Ich versteckte mich so gut es ging und sah angestrengt aus dem Fenster.

Zunächst sah ich nur einen Kopf. Das Gesicht konnte ich nicht erkennen, nur den Nacken und ich war - ich muss es zugeben - ein wenig belustigt. Die Belustigung schlug aber rasch in blankes Entsetzen um als ich dabei zu sehen musste, wie der Graf sich ganz aus dem Fenster schob und Kopf voraus, über dem schrecklichen Abgrund die Schlossmauer hinab kroch. Sein Mantel wirkte wie ein großes Paar Flügel und ich konnte nicht glauben, was sah. Die Fingernägel griffen in die Mauerritzen und der Graf verschwand behände in der Dunkelheit. Was für eine Kreatur verbirgt sich in dieser Menschengestalt? Grenzenloses Entsetzen überwältigte mich und ich fühlte hilflose Angst. Welchen Gefahren würde ich noch ins Auge blicken müssen?

15. Mai. Und wieder sah ich, wie der Graf das Schloss auf diese seltsame Weise einer Eidechse gleich, verließ. Er kletterte wohl hundert Fuß dem Abgrund entgegen und verschwand in einer Höhle oder einem Fenster. Ich lehnte mich soweit aus dem Fenster, wie es nur ging, aber ich konnte nicht sehen, in welches Loch er geschlüpft war. Ich nutzte sogleich die Gelegenheit und holte aus meinem Zimmer eine Lampe. Mit ihr bewaffnet ging ich erneut auf Entdeckungsreise im Schloss. Wieder probierte ich unzählige Türen aus, die alle verschlossen waren. Auf meiner Suche nach einem Ausweg gelangte ich schließlich in die Halle, die ich bei meiner Ankunft durchquert hatte. Die große Tür war fest verschlossen und bot keine Fluchtmöglichkeit. Der Schlüssel befand sich sicher in den Gemächern des Grafen. Es galt also, diese Gemächer zu finden, dort einzudringen und den Schlüssel zu holen. Wieder stieg ich treppauf und treppab. Alle Türen waren verschlossen. Schließlich aber gelangte ich an eine Tür, die meinem Druck nachgab. Mit aller Kraft schob ich die Tür auf. Ich befand mich in einem Teil des Schlosses, der rechts von den mir bekannten Räumen lag und außerdem ein Stockwerk tiefer. Ich sah aus dem Zimmer und erkannte, dass diese Zimmerreihe nach Süden zeigte. Das Zimmer, das ich betreten hatte, hatte sowohl Süd- als auch Westfenster. Aus beiden sah man in den schauerlichen Abgrund. Ich erkannte, dass das Schloss auf eine Felsenzunge gebaut war und von drei Seiten nicht zugänglich war. Die Fenster bewiesen, dass hierher kein Bogen, keine Feldschlange und keine Schleuder reichten.

Nachdem ich das weite Tal im Westen betrachtet hatte, sah ich mich in dem Zimmer um. Die Möbel waren bequemer, als die, die ich hatte. Über allem lag eine dicke Staubschicht, aber das gelbe Mondlicht, das durch die vorhanglosen Fenster hereinflutete, verwischte den Eindruck von Alter und Moder. Meine Nerven waren zum Zerreißen gespannt und ich fühlte eine schreckliche Einsamkeit über dem Raum liegen. Und doch fühlte ich mich wohler als in meinen Gemächern, die mir durch die Anwesenheit des Grafen verleidet sind. Nun sitze ich hier an einem zierlichen Schreibtisch und schreibe in mein Tagebuch. Sind wir wirklich im neunzehnten Jahrhundert?

16. Mai. Gott steh mir bei. Ich muss Ruhe bewahren oder ich falle dem Wahnsinn anheim. Bis heute verstand ich nicht, was Shakespeare im Sinn hatte als er Hamlet sagen ließ: "Mein Buch! Nur schnell mein Schreibbuch her, es ist Zeit, dass ich das alles niederschreibe." Wie gut, dass ich mein Tagebuch habe. In diesen Tagen, an denen mein Gehirn aus allen Fugen zu geraten scheint, lenkt die strikte Angewohnheit, genaueste Eintragungen vorzunehmen, mich von meiner Angst etwas ab. Die Warnung des Grafen, nirgendwo im Schlosse zu schlafen als in meinem Zimmer, hatte mich erschreckt. Noch mehr erschreckt mich, dass der Graf, jetzt, da ich seine Warnung in den Wind schlug, mich in noch strengerem Gewahrsam halten wird. Als ich an dem zierlichen Schreibtisch saß und mein Tagebuch führte, überkam mich eine bleierne Müdigkeit. Des Grafen Warnung hatte ich wohl gehört, aber es gefiel mir, ihr kein Gehör zu schenken. Und so zog ich mir ein großes Ruhebett aus einem Winkel. Ich stellte es so, dass ich die herrliche Mond beschienene Aussicht genießen konnte. Dann legte ich mich zurecht und dachte eigentlich an nichts mehr. Ich muss wohl eingeschlafen sein, oder vielleicht auch nicht, aber was ich nun berichten muss, war so natürlich, so erschreckend natürlich, dass ich jetzt, im hellen Sonnenlicht kaum glauben kann, es nur geträumt zu haben.

Ich war plötzlich nicht mehr allein im Raum. Ich sah mich drei Damen gegenüber, drei seltsamen Damen. Das Licht schien durch ihre Leiber hindurch zu scheinen und sie warfen keine Schatten. Sie kamen auf mich zu und sahen mich an. Sie flüsterten miteinander. Zwei von den Damen waren dunkelhaarigen und hatten Adlernasen, die an den Grafen erinnerten. Ihre dunklen Augen wirkten im Mondlicht fast rot. Die dritte war mit ihren goldenen Locken und hellen Augen so schön, wie man sich ein Mädchen nur denken kann. Alle drei hatten blendend weiße Zähne. Wie Perlen blitzen sie lang und scharf zwischen ihren wollüstigen roten Lippen hervor. Obwohl ich mich zu ihnen hingezogen fühlte, überkam ich ein großes Unbehagen, ja sogar eine Todesangst. Was ich jetzt schreiben muss, schreibe ich nicht gerne nieder, da Mina vielleicht einmal diese Zeilen lesen wird. Es wird ihr sicher Schmerz bereiten zu lesen, dass ich ein wildes Verlangen danach empfand, diese Lippen zu küssen. Während ich mit diesem Verlangen kämpfte, flüsterten die Mädchen mit einander. "Geh du. Du bist die erste. Wir sind nach dir an der Reihe." Die zweite sagte: "Er ist jung und stark. Das gibt Küsse für uns alle." Ich lag still und hörte sie miteinander flüstern. Ich war hin und her gerissen zwischen wonniger Erwartung und Todesangst.

Schließlich kam eine an mich heran und beugte sich über mich. Ich konnte ihren Atem riechen, süß, honigsüß und dann roch ich etwas Bitteres, Abstoßendes in ihrem Atem - wie Blut. Vorsichtig blinzelte ich und sah, dass das schöne Mädchen zu mir getreten war. Sie leckte sich die scharlachroten Lippen mit ihrer roten Zunge und ihre weißen Zähne blitzen. Dann kniete sie neben mir nieder und beugte sich immer tiefer zu mir herab. Sie streifte an Mund und Kinn vorbei. Ich konnte ihren heißen Atem auf meiner Kehle fühlen und zitterte. Ich hörte saugende Laute und hatte das eigentümliche Gefühl, das man hat, wenn eine Hand sich einem nähert, die einen kitzeln will. Ich fühlte die süße Weichheit ihrer Lippen und dann die harten Spitzen zweier scharfen Zähne. Ich schloss die Augen und wartete - mit bangem Herzen.

In diesem Augenblick fühlte ich die Nähe des Grafen, der in einem Sturm der Erregung herangekommen war. Unwillkürlich öffnete ich die Augen und sah, wie der Graf das schöne Mädchen am Nacken packte und zurückriss. Sie war wütend und knirschte mit den Zähnen, aber ihre Wut war nichts gegen die Wut des Grafen! Seine Augen sprühten und ich hatte das Gefühl, direkt in die roten Flammen der Hölle zu sehen. Sein ohnehin blasses Gesicht war totenbleich und seine Gesichtszüge starr. Er schleuderte das Mädchen mit Riesenkraft zurück und ging dann auf die anderen zu. Mit schneidender Stimme sagte er: "Wie kann es eine von euch wagen, ihn anzurühren, wo er doch mir gehört? Ich habe euch verboten, ein Auge auf ihn zu werfen. Hütet euch! Wenn ich euch noch einmal bei ihm treffe, dann werdet ihr meinen Zorn spüren!" Das schöne Mädchen lachte kokett und antwortete: "Du hast nie geliebt und wirst nie lieben!" Die anderen Mädchen stimmten ihr schauriges seelenloses Gelächter ein. Der Graf sah die Mädchen an und erwiderte: "Und ich kann doch lieben. Ihr wisst es doch alle, aus vergangener Zeit. Ist es nicht so? So sei es, dass ihr ihn küssen könnt, wenn ich mit ihm fertig bin. Aber jetzt geht! Ich muss ihn aufwecken, denn heute gibt es noch viel zu tun!" "Wir sollen leer ausgehen?", zischten da die Weiber. Der Graf deutet auf ein Bündel, das er auf den Boden geworfen hatte. In dem Bündel bewegte sich etwas und ich meinte, das halb erstickte Stöhnen eines Kindes zu hören. Die Frauen nahmen das schreckliche Bündel an sich und verschwanden kichernd. Sie gingen nicht durch eine Tür, nein, sie schienen einfach in den Strahlen des Mondlichts zu zerfließen und ich konnte noch einen Moment lang ihre schattenhaften Umrisse sehen, ehe sie ganz verschwanden. Das Grauen überwältigte mich und ich sank in eine Ohnmacht.

Dracula - Kapitel 4

Jonathan Harker Tagebuch - Fortsetzung
Ich erwachte in meinem eigenen Bett. Der Graf muss mich hierher getragen haben, wenn ich nicht alles geträumt habe. Ich bin immer noch nicht sicher, ob ich wirklich alles nur geträumt habe, aber die Art und Weise, wie meine Kleider zusammengelegt sind, lässt mich ahnen, dass der Graf die Kleider zusammenlegte. Auch meine Uhr ist nicht aufgezogen und darauf lege ich doch immer großen Wert. Aber schlussendlich sind das alles keine endgültigen Beweise dafür, dass ich nicht träumte. Und wenn der Graf mich hierher brachte, so hat er mir wenigstens mein Tagebuch gelassen, von dem ich mir sicher bin, dass er es nicht billigen würde. Ich sehe mich in meinem Zimmer um und denke, dass es gestern noch Schrecken für mich barg. Heute aber ist es mir ein Asyl, denn es gibt nichts Entsetzlicheres als die drei Frauen, die irgendwo im Schloss darauf warten mein Blut zu trinken!

18. Mai. Ich war noch einmal im Schloss unterwegs, um das Zimmer bei Tageslicht zu sehen. Als ich die Tür öffnen wollte, so war sie verschlossen. Der Riegel ist nicht vorgeschoben. Es ist eher, als würde etwas von innen vor der Tür liegen. Ich bin nun sicher, dass es kein Traum war und werde auf Grund dieser Tatsachen handeln.

19. Mai. Letzte Nacht trat der Graf von mir und verlangte, dass ich drei Briefe schreibe. Einen, dass meine Arbeit beendet ist und meine Abreise näher rückt, einen weiteren, dass ich am folgenden Tag abzureisen gedenke und einen dritten, dass ich das Schloss verlassen und in Bistritz angekommen sei. Ich wagte nicht zu protestieren, denn der Graf weiß, dass ich zuviel gesehen habe. Ich darf nicht lebend davon kommen, denn ich könnte ihm gefährlich werden. Nun gilt es also, Zeit zu gewinnen und die Augen nach einer Fluchtmöglichkeit offen zu halten. Der Graf indes erklärte seine ungewöhnliche Bitte damit, dass die Post hier unregelmäßig befördert würde und dass meine Freunde meine Briefe schneller erhielten, wenn ich sie sozusagen im Voraus schriebe. Ich widersprach ihm nicht, sondern teilte zum Schein seine Ansichten und fragte nach den Daten, die ich auf die Briefe setzen sollte. Der Graf rechnete kurz nach. Dann sagte er: "Auf den ersten Brief 12. Juni, auf den zweiten Brief 19. Juni und auf den dritten Brief 29. Juni." Nun weiß ich, wie lange ich noch zu leben habe. Gott steh mir bei!

28. Mai. Ich habe einen Weg gefunden, Hilfe zu holen! Eine Bande Zigeuner ist ins Schloss gekommen. Was sie hier tut, weiß ich nicht, aber ich schrieb zwei Briefe. Einen an Herrn Hawkins, in dem ich ihn bat, sich mit Mina in Verbindung zu setzen und einen an meine liebe Mina. Diesen Brief verfasste ich in Stenografie, damit der Graf ihn nicht würde lesen können, falls er ihn abfing. Ich schrieb nicht alles, was ich hier gesehen habe. Mina würde sich zu Tode ängstigen. Ich schilderte ihr nur klar den Ernst meiner Lage. Beide Briefe schob ich einem Zigeuner zu und legte ein Goldstück dabei. Der Zigeuner nahm die Briefe drückte sie an sein Herz, verbeugte sich und steckte sie dann in seine Mütze. Ich bin voller Hoffnung und frohen Mutes; der Graf ist nicht da und so schreibe ich weiter.

Der Graf ist gekommen. Er setzte sich zu mir und zog zwei Briefe aus der Tasche. "Die haben mir die Zigeuner gegeben. Sehen Sie, der eine Brief ist von Ihnen an unseren gemeinsamen Freund Hawkins. Der andere ist ein garstiges Ding, denn er ist nicht unterschrieben. So geht er uns denn auch nichts an." Er hielt den Brief und den Umschlag an die Flamme der Lampe und ich sah meine Hoffnung verbrennen. "Der andere Brief ist von Ihnen und Ihre Briefe sind mir heilig. Diesen Brief werde ich selbstverständlich abschicken. Ich musste ihn leider öffnen, also siegeln sie ihn doch bitte wieder zu." Ich konnte nichts tun, als ihm zu gehorchen. Der Graf verbeugte sich und ging. Als er die Tür hinter sich zuzog, hörte ich, wie sich der Schlüssel im Schloss drehte. Als ich einen Augenblick später an der Tür stand, fand ich sie tatsächlich verschlossen.

31. Mai. Ich erwachte am Morgen und wollte aus meinem Koffer etwas Papier und einige Umschläge holen, als ich bemerkte, dass alles Papier fort war. Meine Notizen, meine Eisenbahnfahrpläne, mein Kreditbrief, alles, was mir hätte nützlich sein können ist fort. Und außerdem ist mein Reiseanzug nicht mehr da. Auch mein Überzieher und meine Decke fehlen. Das schien mir wieder eine neue Perfidie zu sein.

17. Juni. Heute Morgen hörte ich im Hof Peitschenknallen und Stampfen wie von Pferdehufen. Ich eilte ans Fenster und sah voll Freude zwei große Leiterwagen in den Hof hinein rollen. Jeder Wagen wurde von acht schweren Pferden gezogen. Die Fuhrwerke wurden begleitet von mehreren Slowaken, alle mit breitem Hut, messingbeschlagenem Gürtel, schmutzigen Schaffellen und hohen Stiefeln. Da die Tür noch immer verschlossen war, öffnete ich ein Fenster und rief sie an. Sie schauten zu mir herauf und zeigten auf mich. Der Hauptmann der Zigeuner eilte herbei und redete mit den Slowaken. Alle lachten und schauten zu mir hoch. Danach konnte ich sie durch kein Geschrei dazu bewegen, noch einmal den Kopf nach mir zu drehen. Von den Leiterwagen wurden große viereckige Kisten abgeladen. Sie scheinen leer zu sein, denn da Abladen ging schnell. Die Kisten wurden in einer Ecke des Hofes gestapelt und als alle abgeladen waren, bezahlte der Zigeunerhauptmann die Slowaken. Die spuckten auf das Geld, damit es Glück bringen möchte und gingen zurück zu ihren Fuhrwerken. Bald darauf hörte ich, wie die Leiterwagen den Hof des Schlosses verließen.

24. Juni. Es ist kurz vor Tagesanbruch. In der letzten Nacht verließ der Graf mich früh und sobald ich frei war, rannte ich in das kleine Südzimmer, um den Grafen zu beobachten. Irgendwas ist im Gange! Ich stand wohl so eine halbe Stunde am Fenster, als ich den Grafen aus seinem Zimmer heraus kriechen sah. Wie gewohnt kletterte er mit dem Kopf voran die Mauer hinab, aber wie erschrak ich, als ich sah, dass er meinen Reiseanzug trug! Über seiner Schulter lag das schreckliche Bündel, dass er den Frauen vorgeworfen hatte. Meine Kleider trägt er, damit die Leute meinen, sie hätten mich in einer Stadt oder in einem Dorf gesehen, wie ich meine Briefe aufgebe. Ich könnte toben vor Wut, wenn ich daran denke, was der Graf ungestraft tut, während er mich als seinen Gefangenen hält. Ich wollte auf die Rückkehr des Grafen warten, deshalb blieb ich am Fenster stehen.

Plötzlich war mir, als tanzten kleine Fleckchen im Mondlicht. Fein wie Staub wirbelten sie umher. Ich beobachtete diese kleinen Fleckchen und eine gewisse Ruhe überkam mich. Ja, fast fühlte ich Behaglichkeit, wie ich den tanzenden Flecken zuschaute. Ich stand in meine Fensternische gelehnt und genoss das luftige Spiel als ich tief unten im Tale ein wehes Heulen von Hunden wahrnahm. Es flößte mir augenblicklich Unbehagen ein und ich blickte auf die tanzenden Flecken, die unter dem lauter werdenden Heulen immer neue Gestalten anzunehmen schienen. Ich konnte fühlen, dass ich mich gegen die Stimme der Vernunft wehrte, die mir riet, davon zu laufen. Meine ganze Seele wehrte sich dagegen. Ich wurde hypnotisiert! Der Staub tanzte rascher, das Mondlicht zitterte und es entstanden schwankende Gestalten vor meinen Augen. Erst in diesem Moment riss ich mich los, erwachte und rannte schreiend davon. Die schwankenden Gestalten waren die drei Mädchen gewesen, die darauf warteten mein Blut zu trinken.

Erst in Abgeschiedenheit meines Zimmers fühle ich mich etwas besser, was aber nicht lange andauern sollte. Nur wenige Stunden später hörte ich aus den Gemächern des Grafen entsetzliche Laute, die mir das Blut in den Adern gefrieren ließen. Eine dumpfe Wehklage und dann Totenstille. Ich schauderte, wusste aber, dass ich nicht zu tun vermochte. Also setzte ich mich nieder und weinte.

Mir rannen die Tränen die Wangen hinab als ich draußen vom Schlosshof erneutes Wehgeschrei vernahm. Eine Frau mit verwirrtem Haar und mit über der Brust gekreuzten Armen stand dort im Torbogen. Sie schrie und heulte wild: "Ausgeburt der Hölle, gib mir mein Kind!" Die Frau warf sich auf Knie und rief wieder und wieder. Sie raufte sich die Haare und erschien mir wie toll. Aber ihre Schreie verhallten, ohne dass sich im Schloss etwas bewegte. Dann hörte ich den Grafen mit scharfer, metallischer Stimme etwas rufen. Wo war er? An seinem Fenster? Als Antwort ertönte das Heulen der Wölfe und jagte mir einen Schauer den Rücken hinab. Das Rudel Wölfe kam schnell heran. Die Frau weinte nicht mehr und schrie auch nicht. Die Wölfe stürzten sich auf sie und kurze Zeit später strichen sie einzeln davon, mit von Blut verschmierten Lefzen.

Für die Frau empfand ich kein Mitleid, denn ich wusste ja, was ihrem Kinde zugestoßen war. Sie war besser tot als die grausame Wahrheit ertragen zu müssen. Aber ich war verzweifelt. Was sollte ich nur tun, um mich aus diesem entsetzlichen Wirrwarr von Nacht, Spuk, Angst, Blut und Grausamkeit zu befreien?

25. Juni. Niemand, der nicht in tiefster Nacht Schreckliches erlitten hat, kann verstehen, wie süß und teuer ein neuer Morgen mit goldenem Sonnenlicht für die geängstigte Seele ist. Im Licht der Sonne zerfloss meine Angst und es ist klar, dass ich etwas unternehmen muss, solange das Licht mich stärkt. Heute geht mein erster vordatierter Brief ab. Die Zeit drängt. Den Grafen habe ich noch nie bei Tageslicht gesehen, ich vermute, dass er schläft. Ach, könnte ich nur in sein Zimmer gelangen, aber seine Tür ist immer verschlossen. Doch halt - es gibt einen Eingang in seiner Zimmer, aber die Tür ist es nicht! Ich habe ihn doch selbst aus dem Fenster kriechen sehen. Ob das auch für mich ein Weg sein kann? Ich werde es wagen, denn ich habe nichts mehr zu verlieren. Gott wird mir beistehen. Mina, lebe wohl, wenn ich bei der waghalsigen Kletterpartie mein Leben lassen muss!

Später. - Ich habe das Wagnis hinter mich gebracht. Bevor mich der Mut verlassen konnte, ging ich an das Fenster, von dem aus ich Dracula die Mauer hinabklettern sah. Ich sah lange Tiefe, damit deren Anblick mich nicht mehr schreckte. Dann zog ich die Stiefel und meine Strümpfe aus und machte mich auf den Weg. Ich fühlte keinen Schwindel, die Steine waren roh und der Mörtel im Laufe der Jahre verschwunden. Die Zeit schien zu verfliegen und sehr schnell war ich an des Grafen Fenster angelangt. In höchster Erregung machte ich mich daran, in das Fenster des Grafen zu klettern. Welche Gefahr! Ich sah mich im Zimmer um, aber es war leer!

Sein Zimmer war seltsam möbliert und wirkte unbewohnt. Alles war Staub bedeckt. Ich begann in fieberhafter Eile nach einem Schlüssel zu suchen aber das Einzige, was ich fand war ein großer Haufen Gold in einer Ecke des Zimmers. Es waren verschiedene Münzen, römische, türkische englische, ungarische und andere. Auch das Gold war mit einer dicken Staubschicht überzogen. Sicherlich war keines der Stücke, die ich betrachtete, weniger als 300 Jahre alt.

Eine Tür in einer Ecke des Zimmers erregte meine Aufmerksamkeit. Die Tür war nicht verschlossen. Ich schritt hindurch und gelangte über einen gepflasterten Gang zu einer steilen Wendeltreppe. Es war dunkel, aber ich musste hinab! Vorsichtig tatstete ich mich voran. Unten angekommen schlug mir widerlicher Leichengeruch und der Dunst von frisch aufgegrabener Erde entgegen. Ich folgte dem tunnelartigen Durchgang und trat schließlich in eine halb verfallene Kapelle. Von hier aus führten Stufen in verschiedene Grabgewölbe. Der Boden war frisch umgegraben und die Erde war in große Holzkisten gefüllt worden, offenbar waren es die Kisten, die die Slowaken gebracht hatten.

Ich stieg in die Grabgewölbe hinab. In den ersten beiden fand ich nichts als alte Sargstücke und Staub. Im dritten aber standen ungefähr fünfzig von den Holzkisten, gefüllt mit frischer Erde. Und in einer ruhte - der Graf! Ob er tot war oder schlief konnte ich nicht erkennen. Er hielt die Augen offen, aber sein Blick war starr. Die Wangen waren bleich und die Lippen waren rot wie immer. Was ich nicht entdecken konnte war irgendeine Bewegung, ein Zeichen von Leben. Kein Puls, kein Atemzug, kein Herzschlag. Mir grauste es, aber ich musste nachsehen, ob er einen Schlüssel bei sich hatte. Ich beugte mich über den Grafen und sah ihm ins Gesicht. In den offenen Augen lag ein solcher Ausdruck wildesten Hasses, dass ich auf der Stelle kehrtmachte und floh. Ich nahm den Weg, den ich gekommen war und warf mich keuchend auf mein Bett, um nachzudenken.

29. Juni. Heute ist das Datum des letzten Briefes. Der Graf hat Vorsorge getroffen, dass man glauben soll, ich hätte die Briefe selber abgeschickt, denn ich sah ihn wieder in meinen Kleidern das Schloss verlassen. Ach, hätte ich doch nur eine Waffe, aber welche Waffe kann gegen solchen Teufel kämpfen? Ich ging in die Bibliothek, da ich Angst hatte, den drei durstigen Damen zu begegnen und las, bis ich einschlief.

Als ich erwachte, stand der Graf im Zimmer und sagte mit verbissener Mine: "Morgen, mein Freund, werden Sie also reisen. Sie kehren zu Ihrer Beschäftigung zurück und wir sehen uns vielleicht nie wieder. Ihren Brief habe ich aufgegeben. Morgen, wenn Sie abreisen, werde ich nicht hier sein können. Die Zigeuner und auch die Slowaken werden hier sein. Wenn alle mit der Arbeit fertig sind, wird mein Wagen für Sie bereit stehen und Sie zum Borgopass bringen. Aber ich denke, ich werde Sie auf Schloss Dracula begrüßen dürfen." Wollte der Graf mich wirklich ziehen lassen? Ich stellte ihn auf die Probe und fragte: "Warum kann ich nicht heute Nacht reisen?" "Weil mein Kutscher und meine Pferde nicht zur Verfügung stehen", antwortete er. "Und wenn ich zu Fuß gehe? Mein Gepäck kann ich später abholen lassen." Der Graf erhob sich und ich fürchtete schon das Schlimmste, als er sagte: "Ihr Engländer habt eine schöne Redensart: Gib dem kommenden Gast dein Bestes, den abreisenden aber halte nicht auf. Ich bedauere, dass Sie nicht länger mein Gast sein wollen, aber unter keinen Umständen sollen Sie länger hier verweilen müssen, als Sie selber es wünschen. Kommen Sie mit."

Der Graf bedeutet mir, ihm zu folgen. Voll steifer Grandezza stieg er mit mir die Treppe in die große Halle hinunter. "Hören Sie das?", der Graf blieb stehen und sah mich an. Ich hörte das Heulen der Wölfe und musste an die Frau denken, die unter den Wölfen den Tod gefunden hatte. Dracula war inzwischen zum Tor getreten und öffnete es. Draußen heulten die Wölfe noch wilder und ich konnte ihre roten Mäuler und weißen Zähne sehen. Ich roch ihren stinkenden Atem und mir wurde klar, dass es unsinnig war, den Kampf gegen den Grafen aufzunehmen. Vielleicht war es auch sein Plan, mich den Wölfen vorzuwerfen, jetzt, da der Tag meines Todes heran gekommen war?

Ich trat zurück und schrie: "Schließen Sie das Tor, ich warte gern bis morgen." Kaum konnte ich der Tränen der Enttäuschung Herr werden, als der Graf mit einer schnellen Bewegung seines Arms das Tor zuwarf und der Riegel dröhnend vorsprang. Entmutigt begab ich mich in mein Zimmer, um mich niederzulegen, als ich vor meiner Tür ein Flüstern hörte. Ich hörte den Grafen sagen: "Zurück. Eure Zeit ist noch nicht gekommen. Morgen Nacht ist er euer." Ein leises Kichern war die Antwort und Wut entbrannt stieß ich die Tür auf. Vor meiner Tür standen die drei schrecklichen Frauen und starrten mich gierig an. Sie brachen in Gelächter aus und rannten davon. Ich kehrte in mein Zimmer zurück. Morgen wird also mein Todestag sein. Gott, steh mir bei und denen, die mich lieben.

30. Juni. Die letzten Worte für mein Tagebuch. Ich schlief bis kurz vor Tagesanbruch. Noch bin ich am Leben. Als der Hahnenschrei ertönte, wusste ich, dass ich gerettet war. Frohen Herzens öffnete ich meine Tür und eilte in die große Halle. Ich wollte das Tor öffnen und fliehen, aber das Tor war verschlossen. Der Graf musste es noch in der Nacht verschlossen haben. Mich ergriff wildes Verlangen, den Schlüssel zu besitzen und ich stieg ohne zu Zögern die Mauer hinab in das Zimmer des Grafen. Das Zimmer war leer und nirgends war ein Schlüssel zu erblicken. Ich wusste, wo ich den Graf finden würde und ging auf direktem Weg in das Grabgewölbe. Aber wie erschrak ich, als ich in die Holzkiste blickte. Der weiße Bart des Grafen war nun eisengrau, die Wangen nicht länger bleich sondern rosig behaucht. Auf den Lippen, die noch röter waren als sonst, standen Tropfen frischen Blutes, die ihm aus den Mundwinkeln über Kinn und Hals rannen. Das Gesicht wirkte voller, so als wäre die ganze schreckliche Kreatur mit frischem Blut durchtränkt, wie ein vollgesogener Blutegel.

Ich schauderte, aber ich musste diesen Körper untersuchen, sonst war ich verloren. Ein sicheres und blutiges Festmahl für die schrecklichen anderen Drei. Das Lächeln auf Draculas Gesicht versetzte mich in ungeheure Wut. Diesem Wesen hatte ich geholfen, nach London über zu siedeln. Nun konnte er sich unter den vielen Menschen Londons einen immer größer werdenden Kreis von Halbdämonen schaffen und seine Blutgier stillen. Das musste ich verhindern! Ich ergriff eine Schaufel, die wohl die Arbeiter vergessen hatten und holte weit aus. Ehe mein Schlag treffen konnte, drehte der Graf den Kopf und sah mich voll an. Jähes Entsetzen lähmte mich und die Schaufel entglitt meinen kraftlos gewordenen Händen. Sie stürzte zu Boden und riss dabei eine klaffende Wunde in die Stirn des Liegenden. Das Letzte was ich sah, was das höhnische Lächeln des Grafen.

Ich war schon in das Zimmer des Grafen geeilt, als ich rollende Räder und stampfende Schritte vernahm. Die Zigeuner und die Slowaken begannen, die mit Erde gefüllten Kisten zu verladen. Ich musste wieder hinunter und mich verstecken, um in einem unbewachten Moment aus dem großen Tor zu entkommen. Aber ich hatte mich noch nicht zur Tür umgedreht, als ein Windstoß durch das Zimmer fuhr und die Tür krachend zufiel. Ich konnte sie nicht bewegen, so sehr ich auch zerrte und schob.

Mina, verzeih, dass ich diesen Schritt nun tun muss, aber ich werde nicht mit diesen drei schrecklichen Weibern hier bleiben. Ich werde die Mauern hinabsteigen, so weit wie es geht, weiter, als ich es bis zu den Gemächern des Grafen tat. Ich muss fort aus diesem scheußlichen Gefängnis - koste es, was es wolle! Gottes Gnade ist besser als diese Ungeheuer. Ich habe schon in den Abgrund geblickt, er ist steil und tief. Wenn Gott es will, werde ich am Fuße dieses Abgrundes schlafen - als ein Mann. Lebe wohl, Mina, mein Liebe.

Dracula - Kapitel 5

Brief von Fräulein Mina Murray an Fräulein Lucy Westenraa
9. Mai - Liebe Lucy! Vergib mir, das ich in der letzten Zeit mit dem Briefeschreiben im Rückstand blieb, ich habe viel Arbeit, wie das bei Schulassistenten so üblich ist. Ich sehne mich danach, bei dir zu sein und nach der See. Ich habe viel gearbeitet in der letzten Zeit und auch fleißig das Stenografieren geübt. Du weißt, dass ich mich bei Jonathans Studien nützlich machen will und wenn wir verheiratet sind, kann ich sein Diktat aufnehmen und es mit der Schreibmaschine abschreiben. Jonathan und ich schreiben uns oft Briefe im Stenogramm und ich weiß, dass er sogar ein solches Tagebuch über seine Reisen führt. So ein Tagebuch will ich auch führen, sobald ich bei dir bin. Eines, in das ich hineinschreiben kann, wann immer ich Lust habe und das ich Jonathan zeigen kann, falls etwas Mitteilungswürdiges darinnen steht. Vor allem soll es ein Übungsbuch für mich sein. Ich habe einen Brief von Jonathan aus Transsylvanien erhalten. Es geht ihm gut und er wird in einer Woche die Rückreise antreten. Ich freue mich so sehr, ihn wieder zu sehen! Oh, es schlägt zehn. Gute Nacht. Stets deine Mina.

PS. Wenn du mir schreibst, musst du mir vieles erzählen. Ich hörte da Gerüchte über dich und einen hübschen, großen kraushaarigen Mann?

Brief von Fräulein Lucy Westenraa an Fräulein Mina Murray
17. Chatham-Street, Mittwoch Liebste Mina! Ich weiß nicht, was ich dir erzählen soll, denn hier ist nichts geschehen, was dich interessieren könnte. Wir vertreiben uns die Zeit mit Spaziergängen und Ritten im Park oder wir besuchen die Gemäldegalerien. Von dem großen, kraushaarigen Mann vermute ich, dass du den meinst, der auf der letzten Unterhaltung bei mir saß. Das ist her Holmwood und irgendjemand hat dir da wohl einen Bären aufgebunden. Herr Holmwood ist öfter bei uns, denn er und Mama verstehen sich gut.

Dann trafen wir vor einiger Zeit einen Herren, der etwas für dich wäre, wenn du nicht schon an Jonathan gebunden wärst. Er ist wirklich eine glänzende Partie; hübsch in vornehmen Verhältnissen und aus guter Familie. Er ist erst neunundzwanzig Jahre und leitet schon eine ausgedehnte Irrenanstalt. Wie du dir denken kannst, ist er Arzt. Er ist ein energischer, aber sehr ruhiger Mann. Er wirkt völlig unerschütterlich, was in seinem Berufe wohl auch sehr wichtig ist. Er sieht einem ins Gesicht als wolle er die Gedanken lesen, aber ich bin eine harte Nuss für ihn, oder - wie er sagt ein schwieriges psychologisches Problem. Ach Mina, wir haben von klein auf alle Geheimnisse geteilt und nun muss ich dir auch eines verraten. Arthur - Herr Holmwood - ich hab ihn lieb. Ich schäme mich, das zu schreiben, auch wenn ich sicher glaube, dass auch er mich liebt. Ich hab ihn so lieb, Mina, so lieb. Nun ist mir wohl. Ich wünschte, du wärest hier. Eigentlich sollte ich den Brief zerreißen, aber ich sehne mich danach, dir alles zu sagen. Nun muss ich schließen. Erzähle niemandem davon und bete für mein Glück! Lucy

Brief von Fräulein Lucy Westenraa an Fräulein Mina Murray
Liebste Mina! Tausend Dank für deinen Brief. Ich bin so froh, dass ich dir alles erzählte und nun weiß, dass du mir zustimmst. Hier bin ich, die im September zwanzig werden soll und noch keinen Heiratantrag hatte und heute kamen gleich drei! Was sagst du dazu? Drei Anträge! Ich muss dir von allen erzählen! Von dem ersten erzählte ich dir schon: Es ist Dr. John Seward, der Arzt mit der Irrenanstalt. Äußerlich war er sehr kühl und er sprach sehr ernst mit mir. Aber er setzte sich fast auf seinen Zylinder und das tun Männer doch eher selten. Er sagte, dass er mich lieb gewonnen hätte, aber als ich zu weinen begann, fragte er, ob ich einem anderen gehöre. Da musste ich ihm natürlich sagen, dass ich einem anderen gehöre. Er stand auf, sah ernst und schwermütig drein und wünschte mir alles Glück der Welt. Ich musste wieder weinen, denn einen wackren Mann mit gebrochenem Herzen von dir schicken zu müssen, ist wahrlich nicht leicht.

Nummer Zwei kam nach dem Lunch. Er ist Texaner und sieht jung und frisch aus. Sein Name ist Quincey P. Morris und als er mich allein fand, ergriff er meine Hand und schüttete einen ganzen Gießbach von Liebesbeteuerungen über mich und legte mir Herz und Seele zu Füßen. Dann aber hielt er inne, weil er wohl etwas in meinen Gesicht gesehen hatte. Er fragte: "Lucy, ich weiß, dass Sie ehrlich sind. Sagen Sie mir die Wahrheit wie ein Kamerad dem anderen. Haben Sie schon einen lieb? Dann will ich Sie nicht länger belästigen." Ach Mina, warum sind Männer so edel, auch wenn man es gar nicht verdient? Ich brach wieder in Tränen aus und sagte: "Ja, ich liebe einen, obgleich er mir bis heute nicht gesagt hat, dass er mich liebt." Quincey P. Morris war sehr traurig. So traurig, dass ich mich zu ihm hinüber beugte und ihn küsste, Da stand er auf, verabschiedete sich und ging.

Und Nummer drei - du willst doch wohl noch von Nummer drei hören? - nun, Nummer drei legte seinen Arm um mich, kaum dass er in das Zimmer getreten war. Er küsste mich. Ich bin sehr glücklich, weiß ich doch gar nicht, womit ich das verdient habe. Ich bin Gott dankbar dafür, dass er mir in seiner Güte einen solchen Freund, einen solchen Liebhaber und einen solchen Gatten bescherte. Lucy

Dr. Seward Diarium - Fonografisch aufgenommen
22. April - Seit meiner gestrigen Enttäuschung leide ich an mangelndem Appetit und habe ein Gefühl der Leere. Nichts in der Welt scheint mir noch Bedeutung zu haben. Die einzige Kur für solche Zustände ist Arbeit, deshalb ging ich hinunter zu meinen Patienten. Ich habe da einen, der für mich eine Studie höchsten Interesses bildet, da er so wunderlich in seinen Ideen und doch so verschieden von den anderen Irren ist. Ich habe mich zu dem versuch entschlossen, in seine Ideen einzudringen. Und heute hatte ich das Gefühl, als sei ich seinem Geheimnis direkt auf der Spur. Ich befragte ihn genauer als ich sonst tue, da ich seine Halluzinationen zu beherrschen wünsche.

Sein Name ist R.M. Renfield. Er ist 59 Jahre alt und besitzt ein sanguinisches Temperament. Er ist stark, krankhaft reizbar und leidet an Perioden von Wahnsinn auf der Basis einer fixen Idee. Ich kann diese Idee nicht finden. Was macht ihn wahnsinnig? Sein Temperament löst zusammen mit störenden äußeren Einflüssen seelisch erschöpfende Anfälle aus. Herr Renfield ist wahrscheinlich gefährlich, wenn sein Dämmerzustand eintritt. Ich denke, dass, wenn sein Selbstbewusstsein im Mittelpunkt steht, die zentrifugalen und die zentripetalen Kräfte sich die Waage halten. Wird aber dieser Mittelpunkt aus irgendeinem Grund verschoben, so kann nur ein Anfall oder eine Reihe von Anfällen das Gleichgewicht wieder herstellen.

Brief von Quincey Morris an Herrn Arthur Holmwood
25. Mai. - Lieber Arthur! Wir haben schon am Lagerfeuer der Prärien gesessen, uns Geschichten erzählt und unsere Wunden verbunden. Nun gilt es andere Geschichten zu erzählen und andere Wunden zu verbinden und auf dein Wohl zu trinken. Wollen wir das nicht an meinem Lagerfeuer morgen Abend besorgen? Ich lade dich ein, da ich weiß, dass eine gewisse Dame zum Diner eingeladen ist und du frei bist. Und noch einer wird mit von der Partie sein - unser alter Spießgeselle aus Korea, Jack Seward. Er wird kommen und unsere tränen werden sich über dem Weinglase mischen, wenn wir auf dein Glück anstoßen. Wir versprechen dir ein herzliches Willkommen und schwören, dass wir dich nach Hause schicken, wenn du, einem Paar schöner Augen zu Ehren, zu tief ins Glas geschaut hast. Also komm! Dein auf immer Quincey P. Morris

Telegramm von Arthur Holmwood an Quincey P. Morris
26. Mai. Rechne auf jeden Fall mit mir. Ich bringe Neuigkeiten, mit denen ihr nicht rechnet. Arthur.

Dracula - Kapitel 6

Mina Murrays Tagebuch
24. Mai Whitby. Lucy, süßer und lieblicher als je, holte mich vom Bahnhof ab. Wir fuhren in das Haus am Crescent, in dem sie Zimmer bewohnen. Ein wirklich reizendes Fleckchen Erde. Das Tal ist grün und tief eingeschnitten, man kann von den Hängen aus nicht herunter sehen. Auf der anderen Seite liegt die alte Stadt mit ihren übereinander geschachtelten Häusern, die alle mit roten Ziegeln gedeckt sind. Gerade über der Stadt liegt die Ruine der Abtei Whitby, eine sehr schöne Ruine voll von romantischen Plätzen. Es geht die Sage, dass sich in den Fenstern öfter eine weiße Frau sehen lasse. Zwischen dem Kloster und der Stadt befindet sich noch eine Pfarrkirche, die inmitten eines großen Friedhofes liegt. Es ist ein wirklich reizender Fleck, denn er liegt direkt über der Stadt und von dort aus kann man den Hafen und die Bucht sehr gut überblicken. Spazierwege mit Bänken führen zu beiden Seiten über den Friedhof und den ganzen Tag sitzen hier Leute und genießen die herrliche Aussicht.

Wegen der schönen Aussicht sitze ich nun auch hier und schreibe. Ich schaue auf den Hafen hinunter und auf den Leuchtturm. Auch die Boje kann ich sehen, deren Glocke bei hoher See anschlägt und klagende Töne in den Wind schickt. Man erzählt sich, dass man die Glocke auf offener See hören kann, wenn ein Schiff verloren ist. Ich muss den alten Mann fragen, der des Weges kommt, ob das wirklich so ist.

Der Mann muss furchtbar alt sein, denn sein Gesicht ist durchfurcht. Er erzählt mir, dass er nahe an Hundert sei. Matrose ei er gewesen in der Grönländischen Fischerflotte. Als ich ihn über die weiße Frau und die Glocke befrage, antwortet er skeptisch. "Das sind alles alte Geschichten, Fräulein. Solange ich mich erinnern kann, waren diese Geschichten hier nicht. Vielleicht waren sie früher einmal da." Ich dachte, dass ich von diesem knorrigen alten Mann allerlei Interessantes erfahren könnte und bat ihn, mir von der Walfischfängerei zu erzählen. Er wollte eben damit anfangen, als es sechs schlug. Der alte Mann stand sofort auf und sagte. "Verzeihung, Fräulein, aber ich muss wieder heim. Mein Enkelkind hat es nicht gern, wenn ich es warten lasse. Und bis ich die Stufen da hinunter komme, dauert es seine Zeit." Mit diesen Worten humpelte er davon.

Ich sah ihm nach, wie er - so gut es ging - die Stufen hinunter kletterte. Die Treppe ist charakteristisch für den Ort. Hunderte von Stufen führen von der Stadt hinauf zur Kirche. Aber jetzt muss auch ich heimgehen. Lucy und ihre Mutter werden sicher schon auf mich warten.

1. August. Lucy und ich hatten ein interessantes Gespräch mit meinem alten Freund und den zwei anderen, die immer mit ihm kommen. Er muss eine wirkliche Persönlichkeit gewesen sein und die beiden anderen folgen ihm immer noch treu. Immerzu streitet er. Lucy sieht süß aus, sie hat etwas Farbe bekommen und die alten Männer finden sie wohl sehr hübsch, denn sie wollen gerne neben ihr sitzen. Ich brachte das Thema auf Sagen und mein Freund begann sich zu echauffieren: "Alles Unsinn, alles, Hexen, Kobolde, Gespenster, Teufel, alles Unsinn. Nichts als dummes Zeug. Aber schlimmer noch, als dass sie diese Lügen in Zeitungen schreiben und von der Kanzel herunter predigen, ist, dass sie diese Lügen auch auf die Grabsteine schreiben."

Ich verstand nicht, worauf er hinaus wollte und sagte, um ihn zum Weiterreden zu veranlassen: "Herr Swales, Sie wollen doch nicht im Ernst behaupten, dass alle diese Grabsteine falsch sind?" Ungeduldig schüttelte er den Kopf: "Nur wenige werden darunter sein, die nicht falsch sind. Die meisten sind schlicht leer, wie unseres alten Dun's Tabakdose am Freitag. Wie sollte es auch anders sein? Sehen Sie her: Edward Spencelagh, ermordet an der Küste von St. Andreas im April 1884." "Und?", fragte ich. "Wer brachte ihn wohl heim, wenn er von Piraten ermordet wurde?" "Und so ist es bei vielen diesen Gräbern." Lucy gab dem Gespräch eine neue Wendung, in dem sie einwarf: "Oh, wie schade, dass Sie mir das erzählt haben. Es ist doch mein Lieblingsplatz und ich kann ihn nicht aufgeben." "Das darf Sie nicht stören, Herzchen. Aber meine Zeit ist um und ich muss gehen. Ich empfehle mich." Er stand auf und humpelte davon.

Lucy und ich blieben noch eine Weile sitzen und Lucy erzählte mir von Arthur und ihren Hochzeitsplänen. Mir fiel dieses Gespräch schwer, denn ich hatte schon einen ganzen Monat nichts mehr von Jonathan gehört.

Am gleichen Tag. - Jetzt bin ich allein hier oben. Ich bin enttäuscht, denn es war kein Brief für mich dabei. Es hat eben neun geschlagen und langsam flammen die Lichter der Stadt auf. Hoffentlich geht es Jonathan gut. Wo ist er wohl? Denkt er an mich? Ich wollte, er wäre hier.

Dr. Seward Tagebuch
5. Juni. Selbstgefühl, Verschlossenheit und Zielbewusstsein, das sind die stark entwickelten Eigenschaften von Herrn Renfield. Ich weiß nur nicht, was sein Ziel ist. Der Fall wird aber immer interessanter! Renfield scheint ein ganz bestimmtes Schema zu haben, nur was er damit will, konnte ich noch nicht ergründen. Er liebt Tiere, geht aber manchmal so mit ihnen um, dass ich eine besonders grausame Ader vermuten möchte. Gegenwärtig sammelt er Fliegen. Er hat so viele, dass ich ihn bat, sie wegzuschaffen. Er fragte mit erster Mine, ob er drei Tage Zeit dafür erhalten könne, dann seien die Fliegen fort. Ich sagte, dass sei in Ordnung. Ich werde ihn scharf beobachten.

18. Juni. Renfield hat die Fliegen an Spinnen verfüttert, die er nun in einer Schachtel gefangen hält.

1. Juli. Herrn Renfields Spinnen werden nun genauso wie zuvor seine Fliegen zu einer Plage. Als ich ihm sagte, er müsse die Spinnen abschaffen, wurde er sehr traurig. Ich sagte ihm, dass er wenigstens einige davon frei lassen müsse. Er beruhigte sich und ich setzte ihm denselben Termin wie für die Fliegen. In diesem Moment flog eine Fliege herein, die von ihrer aasigen Nahrung aufgebläht war und laut brummte. Herr Renfield fing sie, hielt sie einen Moment zwischen Daumen und Zeigefinger und dann verspeiste er sie. Ich empfand tiefen Ekel und großen Widerwillen, Herr Renfield aber erklärte, Fliegen seien schmackhaft und heilkräftig. Es sei blühendes Leben und gebe auch ihm wieder neue Kraft. Ich muss zusehen, wie er der Spinnen Herr wird. Er hat ein offensichtlich ein tiefes Problem im Kopf. In seinem Notizbuch finden sich ganze Seiten voll von Zeichen, Zahlen in Kolonnen und deren Summe wieder als Kolonnen, als wäre er einem statistischen Problem auf der Spur.

8. Juli. Ich bin sicher, dass in seinem Wahnsinn Methode steckt. Ich habe eine noch nebelhafte Vorstellung in meinem Kopf, die hoffentlich bald Gestalt annehmen wird. Ich hielt mich einige Tage von Herrn Renfield fern. Nur so kann ich bemerken, ob irgendeine Änderung stattgefunden hat. Alles ist beim Alten geblieben. Nur hat er die Spinnen gegen einen Sperling ersetzt, den er mit Mühe fangen konnte. Er ist dabei, den Sperling zu dressieren. Die Spinnen sind weniger geworden, sie sind aber gut genährt, da er sie immer noch Fliegen füttert.

19. Juli. Nun hat Herr Renfield eine ganze Sperlingskolonne. Fliegen und Spinnen werden weniger. Als ich ihn besuchte, rannte er auf mich zu, schmiegte sich an mich und bat darum, ein kleines Kätzchen zu bekommen. Fast war ich auf eine solche Bitte vorbereitet, konnte man doch sehen, dass seine Wünsche an Größe und Lebhaftigkeit zu nehmen. Ich wollte nicht, dass die Sperlingsfamilie den gleichen Tod starb wie zuvor die Fliegen und Spinnen und fragte ihn. "Wollt Ihr nicht vielleicht lieber eine Katze?" "O ja, gern möchte ich eine Katze. Aber ich dachte, ich bitte zuerst um ein Kätzchen, denn so ein Kätzchen kann mir doch niemand verwehren." Ich schüttelte den Kopf und sagte ihm, dass eine Katze im Moment nicht in Frage käme. Sein Gesicht zuckte drohend und gefährlich. Er warf mir einen Blick zu, der mich hätte töten können. Ich bin sicher, dass der Mann mit einer Mordmanie behaftet ist. Als ich ihn später an diesem Tag noch einmal aufsuchte, warf er sich auf Knie und flehte um eine Katze. Aber ich blieb fest und ließ ihn an seinen Fingern nagend zurück.

20. Juli. Als ich Herrn Renfield heute noch vor den Wärtern besuchte, hatte er gute Laune. Er streute gerade am Fenster seinen Zucker aus - Köder für die Fliegen. Seine Vögel konnte ich nirgends entdecken. Als ich ihn danach fragte, sagte er, die Vögel seien alle entflogen. Ich sah einzelne Federn im Zimmer herumfliegen und einen Tropfen Blut auf seinem Kopfkissen. Ich sagte aber nichts weiter und ging. Die Wärter wies ich an, besondere Vorkommnisse sofort zu melden.

Später. - Eben war ein Wärter hier. Herr Renfield ist sehr krank. Er hat eine Menge Federn erbrochen. Der Wärter glaubt, dass Herr Renfield seine Vögel gefressen hat. Mit Federn und völlig roh. Ehrlich gesagt, glaube ich das auch!

Abends. - Abends gab ich Herrn Renfield ein starkes Schlafmittel. Als er eingeschlafen war, untersuchte ich sein Notizbuch. Ich fand meine Vermutung bestätigt, dass es sich hier um einen Mordsüchtigen der besonderen Art handelt. Er hat vor, sich so viel Leben einzuverleiben, als irgendwie möglich. Ich muss eine neue Klassifikation für ihn erfinden. Ich werde ihn Zoophage benennen, weil er ein Fresser von lebenden Wesen ist. Fast wäre ich geneigt, ihn das Experiment weiter führen zu lassen. Wenn eine Katze die Sperlinge gefressen hätte, wie wäre es weiter gegangen?

Es ist erschreckend, wie klar der Mensch denkt. Obwohl das viele Irre innerhalb ihres Wahnsinns tun. Wie viele Leben ihm wohl ein Mensch wert ist? Seine Berechnungen sind ganz gewissenhaft abgeschlossen und heute hat er mit neuen begonnen. Welcher Mensch legt sich am Ende des Tages Rechenschaft über alles ab?

Mir kommt mein Leben in den Sinn, dass seit Lucys Ablehnung leerer ist als zuvor. Oh Lucy, ich kann dir nicht böse sein und auch Arthur nicht, der mein Freund und gleichzeitig der Glückliche ist, der dich besitzen wird. Für mich heißt es jetzt Arbeit! Arbeit! Eine Wohltat wäre mir, wenn ich - wie der wahnsinnige Herr Renfield - einen so starken Antrieb zur Arbeit hätte!

Mina Murrays Tagebuch
26. Juli. Wie gut, dass ich mein Tagebuch habe, so kann ich mich wenigstens ein wenig aussprechen. Ich bin sehr in Sorge wegen Jonathan und wegen Lucy. Von Herrn Hawkins, dem ich einen Brief geschrieben hatte, ob er nicht etwas von Jonathan gehört habe, erhielt ich einen netten Brief. Er schrieb, die Beilage habe er soeben erhalten. Es war eine Nachricht von Jonathan, nur eine Zeile lang. Sie besagt, dass er gerade im Begriff sei, abzureisen. Sonst nichts. Das sieht Jonathan gar nicht ähnlich. Und zu allem Überfluss hat Lucy ihre alte Angewohnheit des Schlafwandels wieder aufgenommen. Ich habe mit ihrer Mutter ausgemacht, dass ich jede Nacht die Türe zu unserem Zimmer verschließe und den Schlüssel an mich nehme. Wir haben Angst, das Lucy sich - wie viele Schlafwandler - plötzlich auf einem Dachfirst oder einem Klippenrand wieder findet, wenn sie aufwacht und dann abstürzt. Ich weiß, dass Lucys Vater dieselbe Angewohnheit hatte.

Nichts desto trotz macht Lucy viele Pläne. Wir sprechen viel über die Hochzeit, über Kleider und über die Hauseinrichtung. Mir macht das alles natürlich auch viel Spaß, war ich doch mit Jonathan in derselben Lage, wenn wir uns allerdings mehr nach der Decke strecken mussten als Lucy und Arthur. Lucy zählt die Minuten bis Arthurs bei ihr sein kann, der einzige Sohn des Lords Godalming muss allerdings bei seinem Vater weilen, dem es nicht besonders gut geht. Fast möchte ich glauben, es ist das Warten, was ihr so zusetzt. Es wird ihr besser gehen, wenn Arthur erst hier ist.

27. Juli. Ich sorge mich sehr um Jonathan, habe ich doch immer noch keine Nachricht von ihm. Während ich mir sehnlichst wünsche, dass Jonathan schreiben möge, schlafwandelt Lucy schlimmer als je zuvor. Ich bin schon selber ganz nervös und verstört durch die mangelnde Nachtruhe und die Sorgen um meine liebe Freundin, der es allen Umständen zum Trotz ein wenig besser zu gehen scheint.

3. August. Niemand hat etwas von Jonathan gehört und es ist schon wieder eine Woche ins Land gegangen. Immer wieder schaue ich die kurzen Zeilen an und kann es nicht verstehen. Obwohl es seine Handschrift ist, ist das so gar nicht seine Art zu schreiben. Lucy scheint angespannt und ich weiß nicht, warum. Sie war weniger somnabul, versucht aber auch im Schlaf jede Tür zu öffnen, die sie verschlossen findet.

6. August. Bald kann ich das Warten nicht mehr ertragen. Ich weiß nicht, wohin ich mich wenden soll. Wer hat Jonathan gesehen? Ich muss mich mit Geduld wappnen, zumal Lucy erregter als gewöhnlich ist. Die Fischer sagen Sturm voraus und während ich dies schreibe, haben wir hier oben einen grauen Himmel und eine hohe, in Wolken gehüllte Sonne. Alles ist grau, die Felsen, die Wolken, das Wasser, das brüllend über die Untiefen und Sandbänke brandet. Dunkle Gestalten huschen vereinzelt über den Strand und die Fischerboote streben heimwärts.

Da kommt der alte Swales, in dem eine Veränderung vorgegangen zu sein scheint. Er nimmt seinen Hut ab und spricht mich an: "Es tut mir leid, falls ich Sie in den letzten Wochen mit meinem Gerede über die Toten und Ähnliches gekränkt habe. Ich habe es nicht so gemeint. Aber wir Alten stehen ja sowieso mit einem Fuß im Grab und lieben es nicht daran zu denken. Ich aber fürchte den Tod nicht; zwar möchte ich nicht gern sterben, aber den Tod fürchte ich nicht. Das Leben ist doch schließlich nichts anderes als ein Warten auf etwas, was man gerade nicht hat. Nur auf den Tod können wir uns unbedingt verlassen. Und weinen Sie nicht, mein Fräulein", er sah, dass ich weinte, "wenn ich heute Nacht abberufen werde, bin ich zufrieden. Vielleicht kommt er mit dem Wind, weit draußen über der See."

Er starrte in die eisgrauen Wellen. Plötzlich hob er den Arm und rief: "Schauen Sie! Dort! Etwas ist in dem Wind, das aussieht und riecht wie der Tod. Ich fühle ihn kommen. Oh Herr, ich werde fröhlich antworten, wenn du mich rufst." Er nahm seinen Hut ab und stand still mit erhobenen Armen. Schließlich reichte er mir die Hand und humpelte davon. Er ließ mich tief berührt und sehr ängstlich zurück.

Ich war erleichtert, als der Küstenwart auf mich zukam. "Sehen Sie", sagte er dort. "Dort draußen ist ein Schiff, aber ich kann nicht erkennen ob es ein Russe ist. Es wird wie wahnsinnig hin und her geworfen. Offensichtlich weiß der Kapitän sich nicht zu helfen. Sieht er denn den Sturm nicht kommen? Warum läuft er nicht den Hafen an oder geht nordwärts? Fast sieht es aus, als wäre das Schiff führerlos. Ich bin sicher, vor morgen werden wir davon noch mehr erfahren.

Dracula - Kapitel 7

Ausschnitt aus dem Daily Telegraph vom 8. August
In Minas Tagebuch eingeklebt. Gestern zog einer der schwersten und plötzlichsten Stürme über Whitby, die es hier bisher gegeben hat. Dieser außergewöhnliche Sturm wurde von seltsamen Umständen begleitet. Nach einem schönen Nachmittag tauchte am nordwestlichen Himmel plötzlich eine hohe Sturmwolke auf. Während der Küstenwart Meldung machte, sagte ein alter Fischer einen schweren Sturm voraus. Das Naturschauspiel des Sonnenuntergangs war im Angesicht des drohenden Sturmes so prächtig, dass viele Menschen sich auf dem alten Friedhof auf der Klippe versammelt. Der Weg der versinkenden Sonne war übersät von Myriaden von Wolken jeder Farbe - Feuerrot, Purpur, Rosa, Grün, Violett und Gold in allen Schattierungen.

Der Wind flaute ab und eine vorausahnende Spannung lag über allem. Kurz nach Mitternacht begann in den Lüften ein seltsames, hohles Brausen und ein scharfer Laut fuhr über die See. Ohne besondere Anzeichen brach der Sturm los. Die Natur veränderte mit unglaublicher Geschwindigkeit ihr Aussehen und die Wogen erhoben sich voller Wut. Hohe, Gischt gekrönte Wellen brachen über den Damm und der Wind brüllte wie Donner. Die Menschen konnten sich kaum auf den Füßen halten und mussten sich mit aller Kraft an die eisernen Geländer klammern. Der Pier wurde geräumt.

Nebelmassen, die vom Meer landeinwärts fegten, erhöhten die Gefahren beträchtlich. Sie huschten über das Land wie Gespenster und man konnte sich leicht einbilden, den Geist derer zu sehen, die draußen auf See den Tod gefunden hatten. Blitze zuckten und die ganze Szene war hinreißend schön und schaurig gefährlich zugleich. Auf der Ostklippe wurde der neue Scheinwerfer aktionsbereit gemacht und bald glitt sein Lichtschein durch den Nebel. Mehr als ein Fischerboot rettete sich noch in den schützenden Hafen. Als schließlich alle Boote in Sicherheit waren, schrie die Menge am Pier vor Freude. Aber die Freude währte nur Sekunden. Dann erfasste das Licht des Scheinwerfers einen Schoner unter vollem Segel, derselbe Schoner, der schon vorher schon gesichtet worden war, wie er scheinbar führerlos in den Wellen dümpelte.

Das Schiff schwebte in Gefahr - keine Frage. Die Wogen schlugen höher und höher und der Nebel wurde immer dichter. Der Scheinwerfer vermochte kaum noch hindurch zu dringen und das Schiff schien verloren. Plötzlich drehte der Wind nach Nordost und die Nebelschwaden wurden lichter. Und dann - mirabile dictu - schoss der fremde Schoner mit vollen Segeln in den sicheren Hafen.

Der Scheinwerfer verfolgte das Schiff und ein Schauder durchrieselte alle Umstehenden. Am Steuer war ein Leichnam angebunden, der bei jeder Bewegung des Schiffes hin und her geschwenkt wurde. Das Schiff schien ansonsten verlassen. Als den Umstehenden klar wurde, dass das Schiff wie durch ein Wunder von eines toten Mannes Hand in den Hafen gesteuert worden war, durchfuhr sie ein grausiges Entsetzen.

Alles ging schneller, als es sich schildern lässt. Der Schoner flog quer durch den Hafen und fuhr auf einen Haufen Kies und Sand auf. Im Augendblick der Landung sprang ein riesiger schwarzer Hund von Bord des Geisterschiffes und verschwand.

Der Küstenwart und die Polizei gingen an Bord des Schoners. Sie fanden einen Mann an das Steuerrad gebunden, die Hände eine über der anderen. Zwischen den Handflächen und dem Holz war ein Kruzifix geklemmt, Der Rosenkranz war über die Schnüre gewunden, die den Leichnam an das Steuer fesselten. Der Mann hatte sich selbst an das Steuer gefesselt und die Seile mit den Zähnen fest gezogen. Er musste eine ganze Zeit dort gestanden haben, denn die Schnüre hatten das Fleisch bis auf die Knochen zerschnitten.

In der Tasche des Toten fand sich eine kleine Flasche, gut verkorkt und bis auf eine kleine Papierrolle leer. Es ist unnötig darüber zu berichten, dass sofort das Gerede über Bergegeld und Rechte des Schiffseigners das Volk beschäftigte. Unterdessen wurde der tote Mann mit aller Rücksicht von dem Platz getragen, an dem er in Ehren seine Wache bis in den Tod gehalten hatte.

Der furchtbare Sturm ist vorüber und die Menge beginnt sich zu zerstreuen. Ich werde rechtzeitig neue Details über das Wrack für die nächste Ausgabe schicken. Whitby

9. August. Inzwischen ist bekannt, dass es sich bei dem seltsamen Schoner um die "Demeter", ein russisches Schiff aus Varna handelt. Als Ladung hatte es Silbersand und eine Anzahl großer Kisten mit Erde. Der Adressat dieser Ladung ist ein Agent in Whitby; Herr S.F. Billington, The Crescent Nr.7. Dieser Agent ging heute Morgen an Bord und ergriff Besitz von der Ladung. Die Beamten der Seebehörde achten bei diesem Fall besonders streng darauf, dass alle Geschäfte in Übereinstimmung mit den bestehenden Verordnungen abgewickelt werden. Den großen Hund, der von Bord sprang, hat bisher noch niemand gesehen, auch wenn alle nach ihm suchen. Einige Bewohner haben große Angst, denn ohne Zweifel ist dieser Hund eine wilde Bestie. Heute fand man in aller Frühe einen Bullenbeißerbastard, den großen Hund des Kohlenhändlers, tot auf der Straße. Seine Kehle war durchbissen und sein Leib wie von der Kralle eines Raubtieres aufgeschlitzt.

Später. - Ich durfte das Logbuch der "Demeter" durchsehen. Bis auf die letzten drei Tage enthielt es nichts Besonderes. Von größerem Interesse ist die Papierrolle in der Flasche. Es wurde heute früh verlesen und ich habe nie einen seltsameren Bericht gehört. Es scheint fast so, als wäre der Kapitän, ehe er in See stach, von einer Art Wahnsinn befallen worden. Mein Bericht ist mit Vorbehalt zu sehen, da ich nach dem Diktat eines Sekretärs des russischen Konsuls schreibe, der die Güte hatte, mir das Schriftstück rasch zu übersetzen.

Logbuch der "Demeter"
Von Varna nach Whitby. Begonnen am 18. Juli. Es ereignen sich seltsame Dinge an Bord und ich fühle mich gezwungen, von jetzt an genaue Notizen zu machen. Es begann am 6. Juli als wir unsere Ladung - Silbersand und Kisten mit Erde - aufnahmen. Am Mittag setzten wir Segel und hatten frischen Ostwind. Wir hatten fünf Mann Besatzung, dann den Steuermann, zwei Maate, den Koch und mich (Kapitän). Am elften Juli fuhren wir in den Bosporus ein und hatten eine Revision durch türkische Zollbeamte. Wir zahlten Bakschisch und fuhren nachmittags um vier weiter.

Am 12. Juli erreichten wir die Dardanellen. Wieder hatten wir Zollbeamte an Bord und mussten Bakschisch zahlen. Wir fuhren rasch weiter und liefen bei Dunkelheit in den Archipel ein. Einen Tag später passierten wir Kap Matapan. Irgendetwas ist los, aber die Mannschaft schwieg. Am 14. Juli schien die Mannschaft ängstlich, obwohl es alles kräftige unerschrockene Burschen waren, die nicht das erstmal auf See waren. Der Steuermann versuchte etwas aus ihnen heraus zu bringen, aber sie bekreuzigten sich und sagten, es sei etwas. Mehr konnte der Steuermann nicht herausfinden.

Am 16. Juli meldete der Steuermann in der Früh einen der Männer - Petrowski - als vermisst. Das konnte ich mir nicht erklären. Ich übernahm die Backbordwache acht Glas und wurde von Abramoff abgelöst. Ich wagte nicht, ins Bett zu gehen, da die Mannschaft sehr niedergeschlagen ist und sagt, dass sie etwas Besonderes erwartet. Wieder sagten sie, dass etwas an Bord sei. Der Steuermann wurde sehr ungeduldig mit ihnen und ich befürchte eine Meuterei.

Am 17. Juli vertraute mir Olgaren völlig verstört an, dass sich ein fremder Mann an Deck befinde. Er habe an Deck Wache gehalten, als ein großer, hagerer Mann - bestimmt niemand von der Besatzung - die Mannschaftsstiege heraufkam und zum Bug hin verschwand. Er ging dem Mann nach, konnte aber niemanden entdecken. Olgaren war sehr aufgeregt und ich befürchte, dass eine Panik ausbricht. Deshalb werde ich eine gründliche Durchsuchung des Schiffes anordnen.

Als wir später am Tag das Schiff durchsuchten, fanden wir nichts. Die Mannschaft atmete auf, aber der Steuermann grollte und schimpfte, weil er die Mannschaft als feige und hasenfüßig empfand.

22. Juli. Wir haben seit drei Tagen schlechtes Wetter, aber wir segeln fleißig. Da so viel zu tun ist, scheint die Angst der Männer vergessen und auch der Steuermann hat sich mit den Männern ausgesöhnt. Wir passierten Gibraltar und fuhren dann durch die Meerenge hinaus in die offene See. Alles ist in Ordnung.

24. Juli. Ich bin sicher, dass ein Fluch auf dem Schiff liegt. Bei der Einfahrt in den Golf von Biscaya hatten wir ein schweres Unwetter. Da wir einen Mann verloren hatten, war das Segeln schwierig. Und dann verloren wir in der Nacht wieder einen Mann. Genau wie der erste verschwand er nach der Wache. Es ist keine Spur von ihm zu finden. Die restliche Mannschaft bittet, zu zweit Wache halten zu dürfen, da sie sich fürchtet. Der Steuermann tobt. Ich befürchte, dass irgendetwas Schlimmes passiert.

28. Juli. Seit vier Tagen wütet ein Sturm. Es gibt keinen Schlaf für uns und wir sind alle erschöpft. Wachen können wir schon kaum noch aufstellen, weil wir alle mit den Kräften am Ende sind. Einer der Männer erbot sich freiwillig, Wache zu beziehen. Der Wind lässt nach und alles wird ein wenig ruhiger.

29. Juli. Der Mann, der freiwillig Wache bezog, ist verschwunden. Es gab ein großes Geschrei. Wir durchsuchten erneut alles und fanden nichts. Die Mannschaft ist nun wirklich in Panik.

30. Juli. Völlig erschöpft ging ich in meine Kabine, um ein wenig zu schlafen. Nach wenigen Stunden weckte mich der Steuermann, der meldete, dass mehrere Leute auf Wache und am Steuer fehlten. Jetzt sind nur noch der Steuermann, zwei Mann der Besatzung und ich übrig.

1. August. Wir hatten zwei Tage lang Nebel. Wir hatten gehofft, dass wir englischen Kanal ein Notsignal abgegeben könnten, aber wir sahen kein anderes Segel. Da ich mit den wenigen Leuten die Segel nicht reffen kann, muss ich vor dem Wind laufen. Ich bin sicher, dass wir einem schrecklichen Unglück entgegen treiben. Unser bärbeißiger Steuermann ist nun am mutlosesten, so als wäre alle Kraft von ihm abgefallen. Die anderen zwei Männer scheinen über ihre Angst hinaus zu sein. Alle arbeiten wacker und sind auf das Schlimmste gefasst.

2. August. Ein Schrei von Deck! Sofort eilte ich hinzu, ebenso der Steuermann, mit dem ich fast zusammen stieß. Der Wachhabende ist fort. Wieder einer weniger. Durch den Nebel können wir nicht genau sagen wo wir sind. Gott steh uns bei!

3. August. Ich bin allein - oh mein Gott. Als ich um Mitternacht den Mann am Steuer ablösen wollte, war niemand mehr da. Die See war ruhig, der Wind gleichmäßig und ich durfte das Steuer nicht allein lassen. Ich rief nach dem Steuermann, der kurz darauf im Schlafanzug und mit verstörtem Blick an Deck kam. Blankes Entsetzen stand in seinen Augen, als er mir ins Ohr flüsterte: "Glauben sie mir, es ist hier! Ich weiß es nun ganz bestimmt, denn ich habe es auf der Wache selbst gesehen. Es war groß und mager und totenbleich. Ich versuchte, mein Messer in seinen Rücken zu rammen, aber ich stieß durch den Rücken hindurch wie durch Luft."

Ich fürchtete um den Verstand meines Steuermanns, aber bevor ich ihn beruhigen konnte, fuhr er schon fort: "Ich weiß, dass es hier ist. Hier irgendwo auf dem Schiff. Vielleicht in den grausigen Kisten. Ich muss es wissen, ich muss die Kisten öffnen. Bleiben Sie einstweilen hier am Steuer." Er warf mir noch einen warnenden Blick zu und legte die Finger an die Lippen. Dann griff er nach der Werkzeugkiste und einer Laterne und verschwand unter Deck.

Der Wind hatte aufgefrischt und ich konnte das Ruder nicht verlassen. Ich war sicher, dass mein Steuermann den Verstand verloren hatte. Die Kisten aber - dachte ich - sind fest und stabil, daran sollte er sich ruhig erst einmal ein wenig austoben.

Ich hörte den Steuermann im Laderaum klopfen und begann Hoffnung zu schöpfen. Vielleicht beruhigte er sich bald wieder und war mir wieder ein Gefährte in der gemeinsamen Not, doch da drang ein grausiger Schrei an mein Ohr und ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Der Steuermann rannte an Deck, die Augen weit aufgerissen, das Weiße darinnen Blut unterlaufen. Sein Gesicht war schrecklich verzerrt und rief: "Es ist hier. Retten Sie mich. So retten Sie mich doch!" Er starrte irr um sich in den Nebel und wurde ein wenig ruhiger.

"Kommen Sie, Kapitän, für uns ist es besser, wenn wir gehen. Er ist da. Kommen Sie mit. Und wenn Sie es nicht tun, wird die See eben nur mich vor ihm retten. Ich bin frei!" Und bevor ich ihn packen konnte oder etwas sagen konnte, sprang er auf die Reling und warf sich in die schwarzen Fluten. Fast bin ich erleichtert, denn nun glaube auch ich das Geheimnis zu kennen. Er war der Wahnsinnige, der die anderen Leute verschwinden ließ und nun selbst sein Ende gefunden hat. Wenn ich endlich in einen Hafen komme, werde ich alles zu verantworten haben. Wenn ich einen Hafen erreiche!

4. August. - Es ist so neblig, dass ich nicht sehen kann, dass die Sonne aufgeht. Aber ich bin Seemann und ich weiß, dass die Sonne jetzt aufgeht. Ich musste die ganze Nacht das Steuer festhalten und als ich so in der Finsternis stand, sah ich ihn - Es! Gott steh' mir bei und verzeihe mir die große Sünde, aber der Steuermann tat das Rechte als er sich in die See stürzte. Als Seemann den Tod in den schwarzen Wassern zu suchen, darf einem nicht verübelt werden. Aber ich bin nun einmal der Kapitän. Ich darf mein Schiff unter keinen Umständen verlassen.

Ich werde mich wehren und gegen das Ungeheuer kämpfen. Ich werde meine Hände an das Ruder fesseln. Wenn ich etwas darum winde, dass Er - Es nicht berühren kann, auch wenn meine Kräfte schwinden, so habe ich doch alles getan um meine Ehre und meine Seele zu retten. Ich bereite die kleine Flasche vor, falls wir schiffsbrüchig werden. Falls man sie findet, wird man vielleicht verstehen. Ich jedenfalls bleibe meiner Pflicht treu. Gott hilf mir und stehe einer armen irrenden Seele bei.

An dieser Stelle endet das Logbuch. Die Darlegung entspricht ohne Zweifel den Tatsachen und niemand wird sagen können, ob sich die Ereignisse an Bord anders abgespielt haben. Die Leute hier sind jedenfalls der Ansicht, dass der Kapitän ein Held ist. Ein ehrenvolles Begräbnis ist ihm sicher. Und so wird er auf dem Klippenfriedhof zur letzten Ruhe gebettet. Mehr als hundert Bootseigner wollen ihm das letzte Geleit geben.

Von dem großen Hund hat man bisher keine Spur gefunden.

Mina Murrays Tagebuch
8. August. Die Nacht, die hinter uns liegt war sehr unruhig und unheimlich. Der Sturm heulte schaurig und pfiff in den Kaminen. Lucy war unruhig, wachte aber nicht auf. Dafür kleidete sie sich zweimal vollständig an und ich musste sie wieder auskleiden und ins Bett bringen. Das Schlafwandeln ist eine seltsame Sache; wenn ihr Wille auf physische Weise durchkreuzt wird, gehorcht sie sofort und fügt sich in die normalen Abläufe.

Wir standen beide früh auf und gingen hinunter zum Hafen. Wir wollten sehen, ob in dieser Sturmnacht irgendetwas geschehen war. Die Sonne schien hell und freundlich, aber es waren nur wenig Menschen zu sehen. Als ich das immer noch bedrohliche Meer erblickte, dankte ich Gott, dass Jonathan sich auf festem Boden befand. Aber - kann ich mir da so sicher sein? Wo ist Jonathan? Warum höre ich nichts von ihm? Ich bin in schrecklicher Angst.

Lucy und ich wohnten dem Begräbnis des armen, tapferen Kapitäns bei. Lucy war sehr unruhig und ich neige zu der Annahme, dass ihre nächtlichen Träume sich langsam schädlich auf sie auswirken. Der Kapitän wird in der Nähe unserer Bank bestattet, so dass wir alles gut überblicken konnten.

Lucy kann oder will mir nicht sagen, was sie so beunruhigt; vielleicht weiß sie es ja auch wirklich nicht. Allerdings wurde heute Morgen der alte Herr Swales mit gebrochenem Genick auf unserer Bank liegend aufgefunden. Dieser Umstand hat Lucy sehr erschüttert. Der hinzugezogene Arzt vermutet, dass Herr Swales in einem Anfall von Entsetzen auf seinen Sitz zurück gefallen ist. Sein Gesicht soll von Abscheu und Entsetzen gezeichnet gewesen sein. Der arme alte Mann. Ob er sterbend noch dem Tod in die Augen geblickt hat?

Der Tod von Herrn Swales und alle anderen Begebenheiten wirken auf Lucy offensichtlich viel mehr ein, als auf andere Menschen. Genauso war es mit der Begebenheit, bei der der ansonsten ruhige Hund eines der Männer, völlig außer sich war und sich auch nicht beruhigen ließ. Während der gesamten Begräbnis-Zeremonie bellte der Hund hysterisch und seine Augen glühten wild. Erst als der Besitzer den Hund prügelte und schließlich zu dem Grabstein zerrte, neben dem er selbst gestanden hatte, wurde der Hund ruhig und zitterte vor Angst. Er fürchtete sich so sehr, dass er in einem wirklich erbärmlichen Zustand war. Das empfand auch Lucy, aber sie wagte nicht, den Hund zu berühren.

Ich befürchte, dass die Ereignisse der letzten Stunden Lucy viel Stoff zum Träumen bietet. Darum werde ich mit Lucy noch einen ausgedehnten Spaziergang machen, damit sie wenigstens physisch ermüdet ist und wenig Lust zum Schlafwandeln verspürt.

Dracula - Kapitel 8

Mina Murrays Tagebuch - Fortsetzung
11. August. 3 Uhr morgens. Nun sitze ich schon wieder über meinem Tagebuch, aber ich bin viel zu aufgeregt, um schlafen zu können. Wir haben ein Abenteuer erlebt und ich bin froh, dass wir es heil überstanden haben, denn es hat mir einen tödlichen Schrecken eingejagt.

Kurz nachdem ich vorhin Tagebuch geschrieben hatte, schlief ich ein. Als ich erwachte, war es sehr dunkel im Zimmer und ich fühlte eine seltsame Leere. Ich tastete mich zu Lucy hinüber und entdeckte, dass ihr Bett leer war. Ich machte das Licht an und sah, dass Lucy aus unserem Zimmer verschwunden war. Die Zimmertür, die ich abends vorsorglich verschlossen hatte, war zwar zu, aber nicht mehr verriegelt. Ich wollte Lucys Mutter nicht beunruhigen. Die Arme ist am Herzen leidend und es geht ihr zur Zeit wieder schlechter, so dass ich sie nicht aufregen wollte. Ein schneller Blick ließ mich feststellen, dass alle Kleider und auch der Schlafrock im Zimmer lagen. Im Nachthemd konnte sie also nicht weit gekommen sein.

Ohne lange nachzudenken, ergriff ich einen warmen Schal und rannte los. Im Haus konnte ich sie nicht finden, aber das Haustor stand offen. Ich musste befürchten, dass Lucy fort gegangen war. Als ich in The Crescent ankam, schlug die Glocke gerade eins. Es war keine Menschenseele auf der Straße und ich fand auch keine Spur von Lucy. Ich konnte vom Rande der Westklippe quer über den Hafen zur Ostklippe blicken - hoffte ich doch, Lucy auf unserem Lieblingsplatz zu entdecken. Wir hatten Vollmond aber auch dicke Wolken. Eine Weile konnte ich überhaupt nichts sehen. Dann riss der Himmel auf und ich sah die Kirche mit ihrem Friedhof. Und auf unserem Lieblingsplatz lehnte eine schneeweiße Gestalt. Die nächste Wolke verhüllt den Himmel wieder, so dass ich nicht genau sagen konnte, ob ich gesehen hatte, dass etwas Dunkles hinter der weißen Gestalt stand und sich zu ihr herunter beugte oder ob meine überreizten Sinne mich getäuscht hatten.

Es war mir egal. Ich flog die steilen Treppen hinab und eilte zur Brücke, dem einzigen Weg, auf dem die Ostklippe von hier aus zu erreichen war. Ich war froh, dass die Stadt wie tot dalag. So würde niemand von Lucys Leiden erfahren. Der Weg zur Ostklippe erschien mir unendlich lang und ich rang nach Atem als ich mit zitternden Knien die Stufen zur Abtei hinauf eilte. Fast war ich auf der Höhe angelangt, als ich die weiße Gestalt auf unserem Lieblingsplatz trotz der Dunkelheit gut erkennen konnte. Es war Lucy und irgendjemand - oder irgendetwas - beugte sich dunkel und schmal zu ihr herunter. Der Schreck fuhr mir in alle Glieder und entsetzt rief ich "Lucy! Lucy!". Das Etwas hob den Kopf und wandte mir ein Gesicht zu, bei dem mein Entsetzen nur noch größer wurde. Es war leichblass und hatte rot glühende Augen.

Ich rannte zur Kirchhofstür und verlor Lucy und das grausige Etwas für einen Moment aus den Augen. Als ich sie wieder sehen konnte, hatten sich die Wolken verzogen und das kühle Licht des Vollmondes umfloss Lucy, die halb zurückgelehnt ganz allein auf der Bank saß.

Ich beugte mich über sie. Sie schien zu schlafen, dabei aber rang sie nach Luft, als wäre sie dem Ersticken nahe. Im Schlaf bewegte sie die Hand und zog den Kragen ihres Nachthemdes fest um ihre Kehle. Ein leichter Schauer überlief sie, als würde sie frieren. Rasch nahm ich meinen Schal von den Schultern und hüllte Lucy hinein. Ich befürchtete eine tödliche Erkrankung, wenn die nächtliche Kühle Lucys erhitzten Körper angriff. Um den Schal zu befestigen, benutzte ich eine große Sicherheitsnadel. Ich muss mich dabei aber ungeschickt angestellt haben, denn Lucy stöhnte und fasst sich immer wieder an die Kehle, so als hätte ich sie gestochen. Ich zog ihr meine Schuhe an die Füße und versuchte dann, sie vorsichtig zu wecken.

Es dauerte lange, bis Lucys Schaf weniger fest wurde. Ich schüttelte sie, denn ich wollte sie rasch nach Hause bringen. Schließlich öffnete sie die Augen und erwachte. Ohne Zweifel wusste sie nicht, wo sie sich befand und war trotz der unmöglichen und unheimlichen Situation von der ihr eigenen Grazie durchdrungen. Als sie begriff, dass sie sich nahezu unbekleidet auf einem Friedhof befand, riss sie die Augen ängstlich auf und klammerte sich an mich. Behutsam zog ich sie empor und wir traten den Heimweg an.

Wir hatten Glück, denn wir begegneten niemandem, der hätte sehen können, in welchem Zustand Lucy sich befand oder dass ich barfuss war. Ich war in großer Sorge. Nicht nur Lucys Gesundheit lag mir am Herzen, nein - auch ihr Ruf wäre dahin, würde dieses nächtliche Abenteuer bekannt.

Daheim wuschen wir uns gründlich und ich brachte Lucy ins Bett. Sie umklammerte meine Hand und flehte mich an, niemandem etwas zu sagen. Auch ihre Mutter sollte von alle dem nichts erfahren. Ich zögerte, dachte dann aber an den zarten Gesundheitszustand von Lucys Mutter und so versprach ich es eben. Ich verschloss die Tür und trage den Schlüssel um mein Handgelenk. Ich hoffe, dass wir für diese Nacht Ruhe finden werden. Lucy schläft nun tief und fest und ich werde auch versuchen, zur Ruhe zu gehen.

Am gleichen Tage. Mittags. Bisher geht alles gut. Lucy schlief, bis ich sie weckte und ihr scheint der nächtliche Ausflug nicht geschadet zu haben. Sie sieht blühender aus als in den Wochen zuvor. Ich habe sie aber mit der Nadel tatsächlich verletzt. Ich muss ein Stück der zarten Haut ihrer Kehle gefasst und durchstochen haben. Man sieht zwei kleine rote Punkte und auf ihrem Kragen war ein Tropfen Blut. Ich entschuldigte mich herzlich, aber Lucy lachte mich aus. Sie sagte, sie spüre nichts davon und da die Wunden so unbedeutend sind, werden sie keine Narben hinterlassen.

Am gleichen Tage. Nachts. Der Tag war ruhig und glücklich. Wir aßen in Mulgrave Woods und genossen die Sonne und die klare Luft. Am Abend schlenderten wir auf der Kasinoterrasse herum und lauschten der Musik. Wir gingen früh schlafen. Lucy ist ruhiger als die Tage zuvor und ich habe Hoffnung auf eine friedliche Nacht. Natürlich werde ich die Tür wieder sorgfältig verschließen und den Schlüssel an mich nehmen.

12. August. Entgegen meiner Hoffnung war die Nacht unruhig, denn Lucy versuchte zweimal aufzustehen. Sie war ungehalten darüber, dass die Tür verschlossen war und legte sich nur unter Protest wieder ins Bett. Als ich das nächste Mal erwachte, zwitscherten schon die Vögel vor unserem Fenster. Lucy war auch wach und sah frisch und erholt aus. Sie war gleich sehr munter und kam zu mir ins Bett. Sie erzählte von Arthur und ich erzählte ihr von meinen Sorgen um Jonathan. Sie versuchte mich zu trösten und hatte auch einigen Erfolg damit.

13. August. Der Tag war ruhig, die Nacht begann wie gewohnt mit dem Schlüssel um mein Handgelenk. Ich erwachte mitten in der Nacht und fand Lucy in ihrem Bett sitzend auf das Fenster deutend. Ich stand auf und schob den Vorhang zurück. Das Mondlicht lag silbern auf der unsagbar schönen Landschaft und hüllte alles in ein geheimnisvolles Schweigen. Eine große Fledermaus flatterte durch den Garten, kreiste und wirbelte und kam wieder zum Fenster zurück. Einige Male kam sie ganz nah an das Fenster, erschrak dann aber wohl, als sie mich sah und flog quer über den Hafen zur Abtei hinüber. Als ich mich zu Lucy umdrehte, lag diese schon wieder in tiefem Schlummer und rührte sich in der Nacht auch nicht mehr.

14. August. Lucy und ich verbrachten den Tag lesend und schreibend oben auf der Klippe. Lucy hat unseren Lieblingsplatz so ins Herz geschlossen, dass sie gar nicht weggehen mag, weder zum Tee noch zum Abendessen. Aber natürlich mussten wir heimgehen als die Sonne am Horizont unterging und alles in ein rosiges Glühen tauchte. Lucy sah sich das Schauspiel an und murmelte: "Gerade wie seine roten Augen. Gerade so." Ich erschrak über diese seltsamen Worte, die so ohne jeden Zusammenhang gesprochen waren. Vorsichtig schaute ich zu Lucy hinüber und bemerkte, dass sie in eine Art Halbschlaf gefallen war und auf unsere Bank zurück starrte. Ich folgte ihrem Blick und glaubte, jemanden auf unserer Bank sitzen zu sehen, dessen Augen rot leuchteten. Sekunden später zerfloss das Bild. Ich war einer Spiegelung des roten Sonnenlichtes in den Scheiben der Kirche aufgesessen. Ich machte Lucy darauf aufmerksam und sie kam rasch wieder zu sich.

Auf dem Heimweg wirkte Lucy traurig, vielleicht dachte sie an die Nacht oben auf der Klippe. Nach dem Essen hatte Lucy Kopfweh und ging bald zu Bett. Als sie schlief, machte ich mich zu einem kleinen Abendspaziergang auf. Ich ging nach Westen, an den Klippen entlang und sehnte mich nach Jonathan.

Als ich heimkehrte, war unser Haus in helles Licht Mondlicht getaucht. Ich sah zu unserem Fenster hinauf und bemerkte Lucys Kopf dort. Ich nahm an, sie warte auf mich und zog mein Taschentuch hervor, um ihr zu winken. Lucy rührte sich nicht. Ich sah genauer hin und erkannte, dass Lucys Augen geschlossen waren. Sie schlief, mit dem Kopf auf der Fensterbank und neben ihr saß etwas, das wie ein großer Vogel aussah.

Aus Sorge um ihre Gesundheit rannte ich die Treppen zu unserem Zimmer empor. Als ich das Zimmer betrat, kehrte Lucy gerade in ihr Bett zurück, schwer atmend und in tiefstem Schlafe. Wieder hielt sie an Hand an die Kehle gedrückt. Ich weckte sie nicht auf, sondern deckte sie gut zu und verschloss die Tür und das Fenster. Im Schlaf sieht Lucy schön aus, aber sie ist bleich und unter ihren Augen liegt eine harte und tiefe Linie, die mir gar nicht gefällt.

15. August. Obwohl ich heute später aufstand als gewöhnlich, blieb Lucy im Bett, weil sie erschöpft war. Beim Frühstück überraschte uns die Nachricht, dass es Arthurs Vater besser ginge. Arthur lässt uns mitteilen, dass sein Vater wünsche, die Hochzeit bald zu halten. Lucy ist voller Glück. Ihre Mutter aber ist froh und besorgt zu gleich.

Sie ist erfreut, dass Lucy einen Mann gefunden hat, aber gleichzeitig ist sie traurig darüber, dass sie Lucy schon so früh verlieren muss. Außerdem vertraute Frau Westenraa mir an, dass das Todesurteil über sie schon gesprochen ist. Ich darf Lucy nichts davon sagen, aber der Arzt hat Frau Westeraa eröffnet, dass sie innerhalb weniger Monate sterben muss, da ihr Herz immer schwächer werde. Auch jetzt schon kann jeder Schreck, jede Aufregung imstande sein, sie zu töten. Oh, was war es klug von uns, Lucys Mutter nichts von dem nächtlichen Abenteuer auf den Klippen zu erzählen.

17. August. Zwei Tage lang habe ich mich gefürchtet, in mein Tagebuch zu schreiben. Irgendetwas Schreckliches steht uns bevor, es braut sich etwas über uns zusammen, das spüre ich genau. Ich habe keine Nachricht von Jonathan. Lucy wird immer schwächer und die Stunden ihrer Mutter sind gezählt.

Warum nur siecht Lucy so dahin? Sie isst gut, sie schläft gut und ist an der frischen Luft. Aber ihr Gesichtchen wird von Tag zu Tag blasser, sie selbst immer schwächer und schlaffer. Im Schlaf röchelt sie oft, als wollte sie ersticken. Jede Nacht schließe ich unsere Tür ab. Lucy steht trotzdem auf und geht im Zimmer umher. Heute Nacht fand ich sie wieder am offenen Fenster liegend. Ich konnte sie nicht wecken, denn sie war ohnmächtig. Schließlich schaffte ich es, sie wieder ins Leben zu rufen, da weinte sie leise und schien immer wieder nach Luft zu ringen. Ich fragte sie, warum sie denn am offenen Fester sitze. Sie schüttelte aber nur den Kopf und wandte sich von mir ab. Ich brachte sie ins Bett und deckte sie zu. Sie schlief augenblicklich ein und ich untersuchte ihre Kehle. Die Wunden von der Nadel sind immer noch nicht verheilt. Sie sind offen und größer als vorher und an den Rändern weiß. Wenn die Wunden nicht in den nächsten Tagen verheilen, müssen wir wohl einen Arzt aufsuchen.

Brief von Samuel F. Billington & Sohn, Sachwalter, Whitby an Herren Carter, Paterson & Co., London vom 17. August
Meine Herren! Sie empfangen anliegend einen Frachtbrief der Great Northern Railway. Unmittelbar nach Ausladung am Gütebahnhof Kings Cross sind die Güter in Carfax nächst Purfleet, abzuliefern. Da das Haus gegenwärtig leer steht, finden Sie anliegend alle Schlüssel.

Auf beigegebener Skizze können Sie ersehen, wo Sie die bezeichneten Kisten (50 Stück) abladen sollen. Es ist die ehemalige Kapelle des Hauses. Unser Klient wünscht eine baldige Ablieferung, deshalb seien Sie bitte mit Ihren Fuhrwerken pünktlich um 4 Uhr 30 in Kings Cross. Wir fügen einen Scheck über zehn (10) Pfund bei, um allen Verzögerungen vorzubeugen, die durch Anfragen betreffs der Bezahlung entstehen könnten. Sollte das Geld nicht ausreichen, werden wir auf Ihre Benachrichtigung hin den Fehlbetrag sofort per Scheck überweisen. Sollte die Rechnung geringer sein, bitten wir um Rücksendung des überschüssigen Betrages. Bitte lassen Sie den Schlüssel beim Verlassen des Hauses in der Halle zurück. Der Besitzer hat einen Zweitschlüssel. Mit vorzüglicher Hochachtung Samuel Billington & Sohn

Brief von Herren Carter, Paterson & Co., London an die Herren Billington & Co., Whitby
Sehr geehrte Herren! Dankend bestätigen wir den Erhalt von lb.10 und senden - laut anliegender Rechnung - Ihnen den Mehrbetrag über lb.1 17 s.9d. mittels Scheck zurück. Ihrer Anweisung gemäß wurden die Güter abgeliefert und der Schlüssel in einem Paket in der Halle zurückgelassen. Hochachtungsvoll, Carter, Paterson & Co.

Mina Murray Tagebuch
18. August. Wir sitzen auf der Friedhofsbank und es geht uns heute wirklich gut. Lucy ist fröhlich und hat in der letzten Nacht einfach geschlafen, ohne mich zu stören. Sie sieht auch schon wieder viel besser aus, auch wenn sie immer noch etwas blass und elend erscheint. Warum sie so kränkelt, kann ich nicht begriffen, da sie nicht blutarm ist. Immerhin hat sie ihren natürlichen Frohsinn wieder entdeckt und plaudert ungezwungen mit mir, sogar über jene Nacht, in der ich sie hier auf dem Friedhof fand.

Ich träumte und doch auch wieder nicht. Ich wusste, dass ich hierher wollte, obwohl ich mich fürchtete. Ich kann mich erinnern, über die Straße und über die Brücke gelaufen zu sein. Ich hörte Hunde bellen, als wäre die ganze Stadt voll heulender Hunde. Dann erinnere ich mich an etwas Langes. Es war schwarz und hatte rote Augen. Ich fühlte Süße und gleichzeitig unendliche Bitterkeit über mich kommen. In meinen Ohren war ein Singen, wie es die Ertrinkenden wohl vernehmen. Dann schien meine Seele den Körper zu verlassen und ich flog über die Abtei hinweg. Ich fühlte Todesangst und war doch frei. Dann kam ich langsam zu mir und sah, dass du mich schütteltest. Jawohl, ich sah es eher, als dass ich es fühlte.

Sie lachte, aber mir sträubten sich die Nackenhaare. Ich hielt es für unklug, an diesem Thema fest zu halten und so gingen wir zu anderen Themen über. Als wir heimgingen, hatte eine frische Brise Lucys Wangen gerötet und Frau Westeraa schien sehr erfreut, ihre Tochter so wohl anzutreffen.

19. August. Ich könnte singen vor Glück und Freude. Freude, große Freude! Und doch nicht nur Freude, sondern auch Sorge, aber vor allem Freude. Jonathan war krank, deshalb konnte er mir nicht schreiben. Herr Hawkins hat mir den Brief gesandt und so kenne ich nun den Sachverhalt. Morgen schon werde ich abreisen und zu Jonathan fahren. Ich kann mich vielleicht an seiner Pflege beteiligen oder ihn nach Hause holen. Herr Hawkins meint, wir sollten auf jeden Fall sofort heiraten, wenn nötig, dann gleich dort. Der Brief der Krankenschwester hat mich unendlich traurig gemacht. Ich trage ihn an meiner Brust, da kann ich ihn immer fühlen. Mein Gepäck steht bereit, ich muss eilen, denn es kann sein ... aber ich darf nicht weiter schreiben, ich muss es erst Jonathan sagen, meinem Gemahl. Sein Brief tröstet mich, bis ich ihn in den Armen halten darf.

Brief der Schwester Agathe, Joseph- und Marienhospital, Budapest an Fräulein Mina Murray
12. August. Wertes Fräulein! Auf Wunsch des Herren Jonathan Harker schreibe ich Ihnen diesen Brief, da er noch nicht wieder stark genug ist, es selbst zu tun. Wir pflegen Herrn Harker nun seit etwa sechs Wochen in unserem Hospital. Er litt an einer schweren Hirnhautentzündung. Herr Harker lässt Sie grüßen und Ihnen mitteilen, dass mit der gleichen Post ein Brief an Herrn Hawkins ergeht, in dem er um Entschuldigung für sein langes Ausbleiben bittet und mitteilt, dass sein Auftrag ausgeführt ist.

Er bittet aber noch um einige Wochen Urlaub, um sich hier im Hospital erholen zu können. Er lässt auch mitteilen, dass er nicht genug Geld bei sich hat, um seinen Aufenthalt im Hospital zu bezahlen. Mit vielen Grüßen und warmen Segenswünschen Ihre Schwester Agathe

P.S. Da der Patient schläft, öffne ich den Brief noch einmal, um Ihnen einiges mitzuteilen. Wie Herr Harker mir berichtete, werden Sie bald die Seine sein. Alles Gute für die Zukunft. Herr Harker hat einen schweren Schock erlitten. Er hatte grässliche Fieberphantasien von Werwölfen, Blut, Gift, Dämonen und Gespenstern. Ich fürchte mich zu sagen, wovon er noch phantasierte!

Seien Sie immer lieb und gut zu ihm; keine Aufregung sollte an ihn herankommen. Gern hätten wir eher geschrieben, aber wir wussten nicht an wen und wohin. Herr Harker hatte nichts bei sich. Wir wussten nur, dass er mit dem Zug aus Klausenburg gekommen war und auf dem Bahnhof laut nach einem Billett nach Hause geschrieen hat. Man erkannte in ihm den Engländer und gab ihm ein Billet, so weit der Zug ging.

Seien Sie unbesorgt. Herr Harker ist hier in guten Händen. Es geht ihm schon viel besser und ohne Zweifel wird er in ein paar Wochen genesen sein. Seien Sie trotzdem vorsichtig.

Dr. Sewards Tagebuch
19. August. Renfield gibt sich wieder interessant. Gestern Abend gegen acht begann er, wie ein Hund zu schnüffeln. Der Wärter, der von meinem Interesse an Renfield weiß, ermunterte ihn, zu sprechen. Aber Renfield - normalerweise höflich und bisweilen unterwürfig - zeigte sich überaus anmaßend und ließ sich nicht zu einem Gespräch mit dem Wärter herab. "Der Meister ist nahe." Verkündete er immer wieder. Hat er nun eine religiöse Wahnidee? Wenn es so wäre, dürften wir uns auf etwas gefasst machen. Mordmanie und religiöser Wahnsinn sind in der Kombination unheimlich.

Ich besuchte ihn Renfield persönlich gegen neun. Und wirklich, sein Größenwahn kennt keine Grenzen. Bald wird er sich einbilden, selbst Gott zu sein. Er steigerte sich immer mehr in diese Erregung hinein und ich passte scharf auf. Da überkam ihn plötzlich dieser seltsame Gesichtsausdruck, den Irre haben, wenn sie auf eine Idee kommen. Seine Haltung wurde charakteristisch. Jeder Irrenwärter kennt sie. Er hockte sich auf den Bettrand, wurde ganz ruhig und starrte mit glanzlosen Augen ins Leere. War die Apathie gespielt oder echt?

Ich versuchte, ihn in ein Gespräch über seine Haustiere zu verwickeln. Das hatte bisher nie seinen Zweck verfehlt. Aber Renfield antwortete nur mürrisch: "Zum Henker. Was kümmert mich das alles?" "Sie werden sich doch wohl immer noch um ihre Spinnen kümmern?", fragte ich ihn. Da antwortete er mir höchst rätselhaft: "Die Brautjungfern erfreuen die Augen, die auf die Ankunft der Braut warten. Wenn die Braut sich aber nähert, können die mit Tränen gefüllten Augen der Brautjungfern ihr Strahlen nicht sehen."

Er wollte nichts weiter sagen und blieb stumm auf seinem Bettrand sitzen. Ich bin müde und verstimmt. Immerzu muss ich an Lucy denken. Wenn ich nicht bald schlafe, muss ich zum Chloral greifen, moderner Morpheus C2HCl3O.H2O! Oder lieber nicht, sonst wird es noch zur Gewohnheit. Wenn sich der Schlaf nicht einstellt, dann bleibe ich eben wach.

Wie froh war ich nur kurze Zeit später, dass ich kein Chloral genommen hatte. Die Glocke hatte eben zwei geschlagen, als der Wärter erschien und mir mitteilte, dass Renfield entflohen sei. Ich sprang in meine Kleider und eilte hinunter. Renfield war gefährlich, dessen war ich mir sicher. Der Wärter erklärte, Renfield sei durch das Fenster geflohen.

Ich nahm seine Verfolgung auf, denn der Wärter hatte ihn durch das Fenster nach links laufen sehen. Im Gegensatz zu dem Wärter bin ich mager und konnte denselben Weg nehmen wie Renfield. Ich rannte so schnell ich konnte in die angegebene Richtung. Ich war noch nicht weit gelaufen, als ich eine weiße Gestalt die Mauer überklettern sah, die mein Grundstück von dem Nachbargrundstück trennt.

Ich rannte zurück und rief einige Wärter zu Hilfe. Sie folgten mir nach Carfax für den Fall, dass Renfield gewalttätig werden würde. Mit Hilfe einer Leiter überkletterte ich die Mauer und sprang auf der anderen Seite hinunter. Gerade noch sah ich Renfield hinter der Hausecke verschwinden. Ich eilte ihm nach und sah dann, wie er sich an das alte, eisenbeschlagene Tor der ehemaligen Kapelle presste.

Renfield sprach offenbar mit jemandem, ich konnte aber nicht verstehen, was er sagte. Ich wollte ihn nicht erschrecken, denn einen nackten Narren einzufangen ist schwieriger als man glaubt. Wir näherten uns also langsam und vorsichtig. Erst als auch die anderen Wärter zur Stelle waren, war ich so dicht an Renfield herangetreten, dass ich die Worte verstehen konnte. "Ich werde treu sein, Meister. Ich bin euer Sklave und ihr werdet mich belohnen. Aus der Ferne habe ich euch lange verehrt. Nun seid Ihr nahe und ich erwarte Eure befehle. Wenn Ihr die Dinge verteilt, werdet ihr mich nicht übergehen, mein Meister?"

Er bettelte. Fürwahr sind seine Wahnideen eine seltsame Kombination. Als wir ihn festnahmen, wehrte er sich wie ein Tiger. Wie gut, dass wir ihn überwältigen konnten, denn mit seiner Entschlossenheit und seiner Kraft, hätte er Schlimmes anrichten können. Wir legten ihm eine Zwangsjacke an und ketteten ihn anschließend in der Gummizelle fest.

Sein Gebrüll ist schlimm, schlimmer noch die Pausen dazwischen. Die Mordlust steht ihm ins Gesicht geschrieben. Seine Worte hallen durch das Haus. "Ich werde mich gedulden, Meister. Ich weiß dass es kommt. Es kommt. Es kommt!"

Dracula - Kapitel 9

Brief von Mina Harker an Lucy Westenraa
24. August. Liebste Lucy! Ich will deine Neugier befriedigen und dir berichten, wie es mir bisher ergangen ist. Wie du weißt, bestieg ich in Hull das Schiff nach Hamburg. Von dort aus fuhr ich mit der Bahn hierher, nach Budapest. Während der ganzen Fahrt dachte ich nur an Jonathan. Und ich fand ihn, aber ach - wie mager und schwach er ist. Aus seinen Augen ist die Entschlossenheit verschwunden und seine ruhige Würde ist dahin. Nur mehr ein Wrack habe ich gefunden, ohne viel Erinnerung an die letzten Wochen.

Da er einen schrecklichen Nervenschock erlitten hat und ich fürchte, sein Gehirn zu überanstrengen, frage ich ihn auch nicht. Schwester Agathe, die gute Seele, erzählte mir, dass er von schauerlichen Dingen gesprochen hat, als er im Delirium lag. Sie konnte es mir nicht erzählen, was er gesagt hat, davor hat sie zu viel Angst. Aber als sie sah, dass ich mich grämte, da hat sie mir versichert, dass Jonathan mich niemals vergessen hat, egal was er erlebte. Die gute Agathe fürchtet, dass er sich in ein anderes Mädchen verliebt haben könnte.

Ich schäme mich zu gestehen, dass ich froh bin, dass keine andere Frau an seiner Krankheit schuld ist. Ich sitze an seinem Bette und sehe sein Gesicht an. Vorhin, als ich etwas aus seinem Rock holen sollte, fiel mein Blick auf sein Notizbuch. Gerade wollte ich ihn fragen, ob ich einen Blick hinein tun dürfte, da sah ich sein Gesicht. Hier - in diesem Notizbuch - liegt der Schlüssel zu seiner Krankheit.

"Wilhelmine!", sagte Jonathan und ich wusste, dass er nun mit großem Ernst sprechen wollte, "In diesem Notizbuch steckt das Geheimnis. Aber ich will es nicht wissen. Wenn ich daran denke, was ich sah, dreht sich meine Gehirn im Kreis und ich weiß nicht, ob ich wache oder träume. Ich will mein Leben ganz neu beginnen, in dem ich dich heirate. Und nun meine Liebste, bist du gewillt mir meine Unwissenheit in dieser Sache zu erhalten? Bewahrst du das Buch für mich auf? Du kannst es lesen, nur erzähl mir nie davon! Es sei denn, eine heilige Pflicht zwingt mich dazu, mir diese schrecklichen Stunden ins Gedächtnis zurückzurufen."

Er sank erschöpft in die Kissen zurück. Heute Nachmittag werden wir vermählt werden, Schwester Agathe hat alles arrangiert.

Und dann ging alles so schnell, Lucy. Ich bin glücklich, so glücklich. "Ich will!" Jonathan sagte es sehr entschieden und ich konnte kaum sprechen. Alle waren reizend zu uns und als der Kaplan und die Schwestern mich mit meinem Mann - oh wie seltsam ist es, "mein Mann" zu schreiben - allein gelassen hatten, zog er sein Notizbuch hervor und wickelte es in weißes Papier. Ich band ein blaues Bändchen darum und wir siegelten es über dem Knoten mit meinem Traurig als Petschaft.

Nie werde ich das Buch öffnen, außer es wäre um seiner selbst willen oder in Erfüllung einer ernsten Pflicht. Oh Lucy, ich bin die glücklichste Frau auf der Welt. Jonathan zog mich mit seinen noch schwachen Händen an sich und besiegelte das Gelübde zwischen uns mit einem Kuss.

Ach Lucy, auch dir bin ich herzlich zugetan und wünsche mir, dass deine Ehe auch so schön werden möge wie die meine. Ich bin nun ein glückliches Weib und ich bitte den Allmächtigen, dass das Leben dir alles gibt, was es verspricht. Ich wünsche dir, dass du immer so glücklich bist, wie ich es jetzt bin, auch wenn du einmal ein Leid ertragen musst. Ich grüße dich herzlich und muss fort, meinen Gemahl pflegen. Stets deine Mina Harker .

Brief von Lucy Westenraa an Mina Harker
30. August. Liebst Mina! Oh, Liebste, was freue ich mich über dein Glück. Möget ihr bald Einzug in eurem neuen Heim halten. Wie schön wäre es, ihr kämet so früh, dass ihr hier bei uns Aufenthalt hättet. Die Seeluft würde Jonathan bestimmt gut, denn sie hat auch mich geheilt. Ich esse wie ein Vielfraß und bin voll Lebenslust. Das Schlafwandeln habe ich völlig aufgegeben. Ich glaube, ich habe mich seit einer Woche nicht mehr aus dem Bett gerührt, nachdem ich mich abends hinein legte. Arthur meint, ich werde fett. Ja, du hast richtig gelesen. Arthur ist hier. Wir machen Spaziergänge und Spazierritte, wir rudern und fischen und ich habe ihn lieber als je zuvor. Da kommt er schon und ruft nach mir. Herzliche Grüße Lucy

P.S. Mutter geht es etwas besser, sie lässt dich grüßen.
P.P.S. Wir machen am 28. September Hochzeit

Dr. Sewards Tagebuch
20. August. Renfield hat sich soweit beruhigt, dass zwischen seinen Tobsuchtsanfällen Pausen eintreten. Sehr interessant, der Fall! Nach seinem Ausbruch war er nahezu die folgende Woche immerzu gewalttätig. Als dann eines Nachts der Mond aufging, wurde er ruhiger und murmelte: "Nun kann ich warten. Ich kann warten." Als der Wärter mir dies mitteilte, eilte ich hinunter zu dem Patienten. Er war immer noch in Zwangsjacke und Gummizelle, aber sein Gesicht wirkte nicht mehr so verstört und seine Augen waren wieder von jener bittenden, fast unterwürfigen Sanftheit, wie zuvor.

Ich gab den Auftrag, ihn zu befreien. Die Wärter zögerten, aber sie gehorchten. Renfield sagte: "Die da denken, dass ich Sie verletzen könnte. So was Dummes. Ich verletzte Sie nicht. Dumme Teufel." Für mich war es eine Beruhigung zu sehen, dass er in seinem kranken Hirn doch einen Unterschied zwischen mir und den Wärtern sieht. Dennoch kann ich seinen Gedankengängen nicht folgen. Heute Abend war er auch gar nicht gesprächig und so verließ ich ihn.

Die Wärter berichteten mir, dass er bis kurz vor Tagesanbruch ruhig war, dann missgelaunt und später gewalttätig wurde bis er sich schließlich in einen Tobsuchtsanfall steigerte, der ihn bis zur Ohnmacht erschöpfte. Drei Tage lang blieb das Muster gleich. Gewalttätig am Tag, ruhig von Mondaufgang bis Sonnenaufgang. Ich verstehe nicht, worauf er hinaus will. Aber heute Nacht wird der gesunde Verstand den kranken Verstand ausspielen. Wir werden Renfield heute die Gelegenheit geben, erneut zu entweichen, allerdings werden wir ihm dabei folgen.

23. August. Es kommt eben anders als man denkt. Zwar war der Käfig offen, aber der Vogel wollte nicht entweichen. So durchkreuzte Renfield alle unsere Pläne und blieb in seiner Zelle. Immerhin wissen wir jetzt, dass die Perioden der Ruhe ziemlich lange dauern. So können wir ihm nun am Tage die Fesseln ein paar Stunden abnehmen und ihn nur bis zur Stunde vor Sonnenaufgang in die Gummizelle sperren. Und da - schon wieder das Unerwartete. Ich werde gerufen, da der Patient neuerlich entwichen ist.

Später. - Und wieder ein nächtliches Intermezzo. Nach dem Kontrollgang des Nachtwächters huschte Renfield davon. Ich gab den Wärtern den Auftrag, ihm zu folgen. Er stieg wieder in den verlassenen Garten und presste sich an die alte Kapellentür. Als er mich erblickte, verfiel er in Raserei. Wenn die Wärter nicht gewesen wären, hätte mein letztes Stündlein geschlagen. Die Wärter hielten ihn, als er plötzlich seine Anstrengungen verdoppelte. Dann wurde er ruhig. Ich sah mich um, konnte aber nichts entdecken. Renfield starrte einer im Mondlicht flatternden großen Fledermaus nach, die nach Westen flog. Es sah fast aus, als flöge diese Fledermaus mit Verstand einem Ziele zu.

Renfield wurde ruhig und sagte: "Sie brauchen mich nicht zu fesseln. Ich komme ruhig mit." Und das tat er auch. Es liegt es Unheil verkündendes in dieser Ruhe. Ich werde diese Nacht wohl nicht vergessen.

Lucy Westenraas Tagebuch
24. August, Hillingham. Ich will es Mina nachmachen und ein Tagebuch führen. So haben wir genug Stoff zum plaudern, sobald sie wieder hier ist. Ich vermisse sie sehr und fühle mich unglücklich. Letzte Nacht hatte ich denselben Traum wie in Whitby, alles in mir ist dunkel und schreckhaft. Ich bin aufgeregt und ängstlich, gleichzeitig schwach und erschöpft. Arthur kam zum Lunch und blickte mich bekümmert an. Mir war auch nicht nach Scherzen zumute. Vielleicht kann ich heute Nacht bei Mutter schlafen.

25. August. Mutter fühlte sich selbst nicht wohl und hatte Sorge, mich in Angst zu versetzen. Also ging ich in mein Zimmer und machte den Versuch, wach zu bleiben. Zunächst gelang es mir, aber als es zwölf schlug, erwachte ich aus einem leichten Schlummer. An meinem Fenster kratzte und schabte es, aber ich machte mir nicht daraus und muss wohl wieder eingeschlafen sein, da ich mich nicht an etwas anderes erinnern kann. Heute Morgen fühle ich mich schwach und elend. Mein Gesicht ist völlig bleich und meine Kehle schmerzt. Auch meine Lungen können nicht in Ordnung sein, da es mir schwer fällt, genug Luft zu schöpfen. Aber Arthur darf nicht wissen, dass ich mich so schlecht fühle,

Brief von Arthur Holmwood an Dr. Seward
31. August, Albemarle Hotel. Lieber John! Bitte tu mir einen Gefallen. Lucy ist krank, auch wenn ich dir nicht sagen kann, was sie hat. Sie sieht entsetzlich elend aus und wird von Tag zu Tag schwächer. Ich habe sie gefragt, ob es irgendeinen Grund gibt, aber sie weiß sich auch nicht zu helfen. Ihre Mutter wage ich nicht zu fragen, hat sie mir doch gestanden, dass das Todesurteil über sie schon gesprochen ist. Die Arme hat ein krankes Herz und jede Aufregung oder jeder Schreck könnte tödlich sein für sie.

Irgendetwas bedrückt das Gemüt meines Mädchens und ich bin außer mir wenn ich sehe, wie schlecht es ihr geht. Ich sagte ihr schon, dass ich dich bitten würde, sie zu untersuchen. Sie machte erst Einwendungen und suchte nach Ausflüchten, erklärte sich aber doch zu einer Untersuchung bereit. Ich weiß, dass es für dich eine peinliche Angelegenheit ist, aber es geschieht ja um ihretwillen.

Ich zögere nicht, dich zu bitten und bitte zögere du nicht, zu handeln. Du kommst morgen um zwei Uhr zum Lunch nach Hillingham. Nur so wird Frau Westenraa nicht misstrauisch. Nach dem Lunch kannst du Lucy dann allein sprechen. Ich komme zum Tee und wir werden gemeinsam das Haus verlassen.

In Todesangst um Lucy bitte ich dich: lass mich nicht im Stich! Arthur.

Brief von Dr. Seward an Arthur Holmwood, 2. September
Lieber alter Freund! Ich beeile mich dir mitzuteilen, dass bei Fräulein Westenraa keine funktionelle Störung vorzuliegen scheint. Auch kann ich keine bestimmte Krankheit nachweisen. Allerdings hat sie sich stark verändert, seit ich sie das letzte Mal sah. Auch konnte ich nicht alle Untersuchungen so durchführen, wie es hätte sein müssen, da uns unsere innige Freundschaft Schranken auferlegt, die ärztliche Wissenschaft und ärztlicher Brauch nicht zu durchbrechen vermögen.

Als ich ankam, war Fräulein Westenraa in bester Stimmung und ich brauchte einige Minuten um zu durchschauen, dass sie alles tat, um ihre ebenfalls anwesende Mutter von der Tatsache abzulenken, dass sie sich sehr schlecht fühlte. Beim Essen ging es fröhlich zu und danach verließ uns Frau Westenraa, um sich niederzulegen. Kaum war ihre Mutter gegangen, fielen alle Masken von Lucy ab und sie sank stöhnend in einen Sessel. Sie sagte: "Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr ich es hasse, von mir zu sprechen. Aber sagen Sie Arthur alles, was Sie für nötig halten, denn es geht mir nicht um mich, sondern nur um ihn."

Ich bin also völlig frei. Ohne Mühe war zu merken, dass sie etwas blutleer ist. Aber die gewöhnlichen Anzeichen einer Anämie konnte ich nicht entdecken. Als sie das Fenster öffnete, zerbrach eine Scheibe und verletzte sie leicht an der Hand. So konnte ich ihr Blut prüfen. Die Analyse ergab nichts Außergewöhnliches. Betrachtet man allein diese Tatsache, ist sie in einem vorzüglichen Gesundheitszustand.

Im Verlauf der Untersuchung klagte Fräulein Lucy über zeitweilige Atembeschwerden und über lethargische Schlafzustände mit schweren Träumen. Sie sei als Kind mondsüchtig gewesen und habe auch in Whitby geschlafwandelt. Einmal sei sie sogar des nächtens bis hinauf zur Klippe gestiegen.

Da kam mir Idee, dass die Ursache vielleicht auf seelischem Gebiete zu suchen sei. Deshalb schrieb ich meinem alten Lehrer und Freund Van Helsing. Van Helsing versteht mehr von rätselhaften Krankheitsbildern als sonst jemand hier im Land.

Ich habe ihn ersucht, aus Amsterdam hierher zu kommen, um sich Fräulein Lucy anzusehen. Da du mir mitgeteilt hast, du wolltest alles auf deine Rechnung nehmen, habe ich ihm mitgeteilt, wer du bist und in welchem Verhältnis du zu Fräulein Westenraa stehst.

Ich bin stolz, etwas für dich tun zu können und ich weiß, dass Van Helsing aus persönlicher Neigung gerne etwas für mich tun wird. Er ist ein seltsamer Herr, aber wenn er kommt, müssen wir allem was er sagt, Gehör schenken und seinen Anordnungen folgen. Er ist ein sehr fortschrittlicher Wissenschaftler, außerdem Metaphysiker und Philosoph. Er ist ohne jedes Vorurteil. Er hat Nerven aus Stahl, ein stabiles Temperament und eine unbeugsame Entschlossenheit. Er hat Selbstbeherrschung und ist tolerant, darüber hinaus verfügt er über ein gütiges und treues Herz. Er ist der rechte Mann für diese Angelegenheit und ich vertraue ihm vollkommen.

Morgen werde ich Fräulein Lucy wieder besuchen. Wir werden in einem Geschäft aufeinander treffen, damit ihre Mutter nicht erschrickt, wenn ein zweites Mal ein Arzt ins Haus kommt. Stets dein John Seward.

Brief von Abraham Van Helsing, Dr.med., Dr. phil., Dr. lit. etc., an Dr. Seward

2. September. Mein lieber Freund! Ich habe Ihren Brief erhalten und werde mich sofort auf den Weg machen. Das Glück lässt es zu, dass ich fort kann ohne jemanden im Stich zu lassen, der meine Hilfe braucht. Ich eile zu meinem Freund, der damals den giftigen Brand schnell aus meiner Wunde gesaugt hat, die entstand durch das Messer, das unser anderer Freund hatte fallen lassen. Belegen Sie mir ein Zimmer im Great Eastern Hotel. Ich möchte die junge Dame nicht zu spät am Morgen besuchen, denn ich muss abends wahrscheinlich wieder zurück. Sollte es notwendig werden, kann ich in drei Tagen wieder vor Ort sein und dann länger bleiben. Bis dahin leben Sie wohl, mein Freund John. Van Helsing.

Brief von Dr. Seward an Herrn Arthur Holmwood
Mein lieber Arthur! Van Helsing ist schon wieder fort. Lucys Mutter nahm den Lunch auswärts, so dass er sie ungestört und sorgfältig untersuchen konnte. Ich war nicht bei der ganzen Untersuchung anwesend und Van Helsing erschien hinterher sehr bekümmert. Er sagte mir, dass er nachdenken müsse. Ich erzählte ihm von unserer Freundschaft und wie sehr du in der Angelegenheit auf meine Hilfe baust. Van Helsing sagt: "Alles was Sie von der Sache denken, können Sie ihm mitteilen. Wenn Sie erraten können und wollen was ich denke, so teilen Sie ihm auch dies mit. Es geht um Leben und Tod, vielleicht um mehr."

Er war sehr ernst und wollte mir keine weiteren Erklärungen geben. Sei ihm nicht böse, denn seine Zurückhaltung zeigt nur, dass sein Verstand für Lucys Wohlergehen arbeitet. Ich werde morgen seinen Bericht erhalten, wenn er es möglich machen kann.

Lucy war bei unserem Besuch viel heiterer und sah ohne Zweifel besser aus. Ihr Atem ging normal und sie hatte etwas Farbe im Gesicht. Sie war sehr lieb zu dem Professor und versuchte, es ihm besonders leicht zu machen. Es fiel ihr nicht leicht, aber Van Helsing plauderte launig mit ihr, so dass sie bald wirklich fröhlich war. Dann warf er mich hinaus, um sie sorgfältig zu untersuchen. Die Untersuchung ergab wie schon zuvor keine funktionelle Störung. Aber sie muss sehr viel Blut verloren haben. Aber wie? Wo?

Wie schon erwähnt, war Van Helsing sehr ernst. Er trug mir auf, täglich zu telegraphieren. "Wenn es nötig ist, komme ich wieder. Diese Krankheit und das ganze süße junge Ding interessieren mich. Fräulein Lucy hat mein Herz gewonnen und ihr zu Liebe werde ich wiederkommen." Arthur, ich werde getreulich Wacht halten. Ich hoffe, dass dein Vater sich auf dem Wege der Besserung befindet. Wie furchtbar muss es für dich sein, zwei Menschen, die man liebt von Krankheit und Tod bedroht zu sehen. Ängstige dich nicht allzu sehr, ich werde dich auf dem Laufenden halten.

Dr. Sewards Tagebuch
4. September. Renfield hatte gestern einen Anfall zu einer sehr ungewöhnlichen Zeit. Gerade als es Mittag schlug, wurde er unruhig. Der Wärter, der die Symptome kennt, rief nach Hilfe, die glücklicherweise Weise rasch bei der Hand war. Mit dem zwölften Schlag fiel der Patient in eine Raserei, die etwa fünf Minuten anhielt. Es folgte eine Melancholie, in der er sich bis jetzt befindet. Seine Wutschreie sind entsetzlich und regen die anderen Patienten sehr auf. Wir haben alle Hände voll zu tun. Jetzt - kurz nach der Essenszeit, sitzt Renfield immer noch brütend in seiner Ecke. Ich kann ihn einfach nicht verstehen.

Später. - Wieder gibt es eine Veränderung bei Renfield. Die Melancholie ist einer freundlichen Aufgeräumtheit gewichen. Er fängt wieder Fliegen und isst sie. Als ich eintrete, entschuldigt er sich für sein schlechtes Benehmen und bittet darum, wieder in sein Zimmer zu dürfen. Auch bittet er um sein Notizbuch. Ich hielt es für klug, in bei Laune zu halten und so ist er wieder in seinem alten Zimmer. Seine für den Tee gedachte Zuckerportion hat er auf dem Fensterbrett ausgestreut und fängt Fliegen. Wie ehedem sammelt er sie in einer Schachtel und sucht bereits mit den Augen nach der ersten Spinne.

Ich wollte die Gunst der Stunde nutzen und etwas über die letzten Tage erfahren. Zunächst schwieg der Zoophage, dann sagte er leise: "Es ist alles vorbei. Er hat mich im Stich gelassen. Wenn ich es nicht für mich selbst tue, dann gibt es keine Hoffnung mehr für mich." Dann drehte er sich zu mir um und bat um mehr Zucker für die Fliegen.

Mitternacht. - Wieder eine Veränderung. Ich kam von Fräulein Lucy als ich ihn schon auf der Straße brüllen hörte. Rasch eilte ich zu ihm. Je tiefer die Sonne sank, desto ruhiger wurde Renfield. Als die Sonne versunken war, glitt er mir wie eine träge Masse aus den Händen und sank zu Boden. Kurz darauf stand er wieder auf (es ist beeindruckend, wie schnell sich manche Irre von diesen Anfällen erholen) und ging zum Fenster. Er wischte die Zuckerkrümel vom Sims und schüttete die Schachtel mit den Fliegen aus. Ich war sehr überrascht und fragte ihn: "Wollen Sie denn keine Fliegen mehr fangen?" Er schüttelte den Kopf und antwortete: "Ich habe diesen Plunder satt." Er ist wirklich sehr interessant, wenn ich doch nur einen Blick in sein Innenleben werfen könnte! Ob es an den Sonnenphasen liegt? Ich meine, seine Anfälle. Bei manchen Leuten ist es der Mond, bei Renfield vielleicht die Sonne.

Telegramm von Dr. Seward an Van Helsing
4. September. Patientin heute wohlauf.

Telegramm von Dr. Seward an Van Helsing
5. September. Patientin macht gute Forschritte. Appetit gut. Schlaf regelmäßig, gute Laune; Farbe kehrt zurück.

Telegramm von Dr. Seward an Van Helsing
6. September. Kommen Sie sofort und verlieren Sie keine Zeit. Dramatischer Umschwung zum Schlechten. Telegramm an Holmwood erst nach Gespräch mit Ihnen.

 

Dracula - Kapitel 10

Brief von Dr. Seward an Arthur Holmwood
6. September. Lieber Arthur! Heute habe ich keine guten Nachrichten für dich. Lucy erlitt heute Morgen einen leichten Rückfall. Frau Westenraa war in Sorge und hat mich als Arzt konsultiert, so hat das Unglück doch auch etwas Gutes. So habe ich ihr von Van Helsing erzählt, der ein großer Spezialist ist und mit dem ich beabsichtige Lucy gemeinsam zu behandeln. Nun können wir kommen und gehen ohne befürchten zu müssen, die arme alte Dame zu sehr aufzuregen. Wir sind von großen Schwierigkeiten umgeben und wir müssen neben der ärztlichen Kunst auf Gottes Hilfe vertrauen. Wenn du von mir keine Nachricht erhältst, kannst du davon überzeugt sein, dass nichts Besonderes vorgefallen ist. In Eile aber stets dein John Seward

Dr. Sewards Tagebuch
7. September. "Haben Sie ihrem Bräutigam schon etwas gesagt?", fragte Van Helsing mich, als ich ihn vom Bahnhof abholte. Ich schüttelte den Kopf. "Gut so", nickte Van Helsing. "Es ist besser, er weiß nichts. Vielleicht soll er es nie wissen. Nur wenn es sein muss, soll er es erfahren. Aber Sie, mein Freund John, lassen Sie sich warnen. Sie haben viel mit Verrückten zu tun und jeder Mensch ist ein bisschen verrückt. Ihren Verrückten erzählen Sie auch nicht, was Sie tun und was Sie denken, also behalten Sie auch hier das, was Sie erfahren, für sich. Sie und ich werden geheim halten müssen, was wir da oder dort erfahren." Er berührte mich an der Stirn und in der Herzgegend. "Ich habe mir meine Gedanken gemacht. Später werde ich Sie wohl einweihen." "Warum sagen sie mir es nicht gleich?", fragte ich. "Weil der gute Hausvater erst dann etwas zu Ihnen sagen wird, wenn er sich sicher ist. Aber ganz bestimmt nicht vorher."

Nach einer Pause fuhr er fort: "John, Sie waren immer ein aufmerksamer Student. Heute sind Sie Arzt. Als Student hatten Sie immer die vollständigsten Aufzeichnungen und ich hoffe, dass diese gute Gewohnheit in Ihnen noch lebendig ist. Das sichere Wissen ist immer stärker als die Erinnerung. Der Fall unserer lieben Lucy kann für uns von hohem Interesse werden - ich sage kann. Also merken Sie sich alles recht genau. Nichts ist nebensächlich. Legen Sie Ihre Vermutungen und Zweifel schriftlich nieder. Später ist dies vielleicht von Interesse, denn wir lernen aus unseren Fehlern, nicht aus unseren Erfolgen."

Ich beschrieb ihm die Symptome von Lucys Krankheit, die dieselben waren wie zuvor nur ausgeprägter und Van Helsing sah sehr ernst aus. Er hatte seine Arzttasche dabei, die vielerlei Instrumente und Medikamente enthielt. Frau Westenraa begrüßte uns, als wir ankamen. Sie war sehr besorgt, aber lange nicht so in Aufregung, wie wir vermutet hatten und das war gut so. Ich ordnete an, dass Sie sich von Lucy fernzuhalten habe und sich nur soweit mit deren Krankheit beschäftigen dürfe, wie es unbedingt nötig sei. Sie sagte bereitwillig zu und führte uns dann in Lucys Zimmer. Augenblicklich war ich entsetzt von Lucys Anblick. Sie war von wächserner, gespenstischer Blässe, selbst in ihren Lippen und ihrem Zahnfleisch schien kein Blut mehr zu sein. Ihre Wangenknochen standen weit hervor. Sie rang nach Luft. Van Helsings Gesicht erstarrte. Lucy war völlig kraftlos, sie konnte nicht einmal sprechen.

Van Helsing nickte mir zu und wir verließen leise das Zimmer. Dann packte Van Helsing mich am Arm und zog mich den Gang entlang in das nächste leer stehende Zimmer. Er schloss die Tür und verriegelte sie. "Wie entsetzlich", sagte er. "Wir haben keine Zeit zu verlieren. Sie hat nicht einmal mehr genug Blut in sich, um die Bewegung des Herzens zu gewährleisten. Wir müssen sofort eine Bluttransfusion vornehmen, oder sie wird sterben. Wollen Sie oder soll ich?"

Sofort stimmte ich ihm zu und bot mein Blut an. "Machen Sie sich bereit. Ich werde meine Instrumententasche holen und alles vorbereiten." Van Helsing und ich gingen die Treppe zur Halle hinunter, wo er seine Tasche abgestellt hatte. Als wir auf der Treppe waren, klopfte es an der Haustür. Das Mädchen öffnete und Arthur trat ein. Er stürzte auf mich zu und rief: "Jack, ich bin sehr besorgt. Ich bin in Todesangst. Was ist mit Lucy? Mein Vater ist etwas wohler und so konnte ich hierher eilen. Ist dies hier Doktor Van Helsing? Ich bin Ihnen dankbar, dass Sie sich um meine Lucy kümmern." Van Helsing ließ seinen Blick über Arthurs kräftigen Körper gleiten und erkannte die starke jugendliche Männlichkeit, die dieser ausströmte. Ohne zu Zögern sagte er sehr ernst: "Wenn Sie der Bräutigam sind, kommen Sie gerade zur rechten Zeit. Lucy ist krank, sehr krank. Dennoch müssen Sie nicht verzweifeln. Sie sind nämlich im Stande, etwas zu tun. Wenn Sie genug Mut haben, können Sie mehr für Sie tun als irgend jemand anderes auf dieser Welt."

Arthur schüttelte Van Helsings dargebotene Hand. Heiser antwortete er: "Sagen Sie mir, was ich tun kann, und ich werde es tun. Ich würde meinen letzten Blutstropfen für Sie geben. Sie bedeutet mir mehr als mein Leben." Der Professor, der sich trotz allem seine humoristische Ader bewahrt hatte, meinte, er brauche nicht den letzten Blutstropfen. Arthur wurde blass. "Sie meinen, ich soll ihr Blut spenden? Blut, das von mir zu ihr fließt?" Van Helsing nickte. "Sie ist krank, sehr krank. Sie braucht Ihr Blut oder sie muss sterben. Wir müssen eine Operation vornehmen. Wir nennen es Bluttransfusion. Blut aus Ihren vollen in ihre leeren Adern." Arthur erklärte sich mit allem einverstanden. So eilten wir in Lucys Zimmer hinauf. Arthur musste zunächst draußen warten. Lucy war wach aber zu schwach zum Sprechen. Van Helsing erklärte ihr mit vorsichtigen Worten, dass er eine Medizin für sie habe, die sie tapfer schlucken müsse. Gehorsam wie ein kleines Kind schluckte Lucy mühsam das Narkotikum, das Van Helsing ihr reichte. Es dauerte lange, bis es wirkte, ein Zeichen dafür, dass Lucy vollkommen erschöpft war.

Als Lucy eingeschlummert war, rief Van Helsing Arthur herein. "Während John und ich den Tisch herein tragen, können Sie sich einen Kuss holen", sagte Van Helsing. Arthur beugte sich über seine Braut. "Er ist jung und stark. Sein Blut ist rein, wir werden es nicht defibrinieren müssen", wandte sich Van Helsing an mich. Dann führte er schnell und mit vollkommener Sicherheit die Operation durch. Als die Transfusion eine Weile andauerte, schien ein Hauch von Farbe in Lucys Gesicht zurückzukehren, während Arthurs Gesicht bleicher wurde. Ich begann ängstlich zu werden, da der Blutverlust Arthur anzugreifen schien. Wie erschöpft musste dann erst Lucys Organismus sein? Van Helsing stand da und blickte unverwandt auf die Uhr. Dann sagte er mit sanfter Stimme zu Arthur: "Es ist gut. Bleiben Sie still liegen. John wird Sie verbinden, ich Lucy." Die Operation war vorbei. Arthurs Wunde war schnell verbunden. Er wirkte erschöpft und mitgenommen.

Van Helsing sagte, ohne sich umzudrehen: "Dieser brave Mann hat wohl noch einen Kuss verdient, den er sich jetzt holen darf." Und er richtete das Kissen unter dem Kopf der Patientin. Dabei verschob sich das schwarze Samtband, das Lucy mit einer antiken Diamantschließe um den zarten Hals trug. Ein roter Fleck an ihrer Kehle wurde sichtbar und Van Helsing holte laut und zischend Atem. Arthur dagegen bemerkte nichts, küsste seine Braut und wandte sich zum Gehen.

"Er soll einen Schluck Portwein trinken und noch eine Zeitlang ruhen. Dann soll er heimgehen, gut essen und viel schlafen. Sicher hat er dann das Blut rasch ersetzt, das er jetzt seiner Braut gegeben hat. Lieber Freund, Sie haben gerade noch ihr Leben retten können. Gehen Sie nun heim. Wir werden Ihnen Bericht erstatten, sobald es etwas Neues gibt. Adieu!" Van Helsing reichte Arthur die Hand und ich führte Arthur nach unten.

Als er weg war, trat ich wieder in Lucys Zimmer. Sie schlief nun und ihr Atem war kräftiger. Van Helsing beobachtete sie aufmerksam. Das Samtband bedeckte die Wunden wieder vollständig und ich fragte den Professor nach seiner Meinung die Wunden betreffend. "Was halten Sie davon?" Er erwiderte: "Was halten Sie davon?" "Ich habe die Wunden noch nicht richtig gesehen", musste ich zugeben und untersuchte die Kehle der schlafenden Lucy. Ich fand zwei punktartige Verletzungen; nicht sehr groß aber hässlich. Die Ränder waren weiß und blutleer, wie bei einer Quetschung. Waren diese Wunden Ursache des ernormen Blutverlustes? Sofort verwarf ich diesen dummen Einfall wieder. So etwas war ja gar nicht denkbar! Bei der Menge Blut, die Lucy verloren haben musste, hätten wir in ihrem Bett ganze Blutlachen finden müssen.

"Nun?", fragte Van Helsing. "Nein,", musste ich zugeben, "dazu fällt mir beim besten Willen nichts ein." Van Helsing erhob sich. "Ich muss heute noch nach Amsterdam. Ich habe dort Dinge - Bücher - die ich dringend hier brauche. Lucy aber darf keine Sekunde allein bleiben. Sie müssen die ganze Nacht hier bleiben und dürfen die ganze Zeit kein Auge von ihr lassen." "Soll ich eine Pflegerin bestellen?", fragte ich. "Auf gar keinen Fall. Sie dürfen nicht von ihrer Seite weichen. Sie dürfen auch nicht schlafen. Später, wenn ich wieder da bin, dürfen Sie ruhen. Ich werde mich sehr eilen. Wenn ich zurück bin, können wir beginnen." "Was meinen Sie? Beginnen - womit?" "Das werden Sie dann sehen, lieber Freund. Und nun muss ich fort. Achten Sie gut auf sie. Sollte ihr ein Leid geschehen, weil Sie schlafen, werden Sie es später wohl sehr bereuen." Damit eilte er aus dem Haus und ließ mich mit der kranken Lucy allein.

8. September. Wie Van Helsing angeordnet hatte, blieb ich bei Lucy. Als die Wirkung des Narkotikums nachließ, erwachte sie von allein. Sie sah wohltuend besser aus als vor der Transfusion. Sie war guter Laune und recht lebhaft. Dennoch war sie sehr schwach. Frau Westenraa sah ebenfalls nach ihrer Tochter und froh, sie wohler vorzufinden. Über den Einfall des Professors, bei Lucy zu wachen, lachte sie herzlich. Dennoch blieb ich bei meinen Vorsatz und bereitete mich auf eine schlaflose Nacht vor. Während ein Mädchen Lucy für die Nacht richtete, aß ich ein leichtes Abendessen. Danach ließ ich mich bei Lucy nieder, die keine Einwendungen machte, sondern im Gegenteil sehr dankbar wirkte.

Es dauerte nicht lange, als der Schlaf Lucy zu übermannen schien, sie aber raffte sich wieder auf und schüttelte den Schlaf ab. Dies geschah mehrere Male und ich fragte sie: "Wollen Sie denn nicht schlafen?" Sie antwortete: "Nein, denn ich fürchte ich mich davor." "Sie fürchten sich vor dem Schlaf? Aber warum denn? Schlaf ist genau das, was Sie jetzt brauchen, meine Liebe." Sie schauderte. "Ihnen geht es nicht so wie mir, bei der der Schlaf der Vorbote des Grauens ist." "Der Vorbote des Grauens? Was meinen Sie?" Da wirkte sie plötzlich sehr verzweifelt. "Ich weiß es doch nicht. Ich weiß nur, dass ich immer so elend werde, wenn ich schlafe, so dass ich mich inzwischen fürchte, einzuschlafen. Ich wage nicht einmal mehr, daran zu denken." Ich tätschelte ihre Hand. "Liebes Fräulein, heute bin ich hier, Ihren Schlaf zu bewachen. Ihnen wird nichts geschehen, denn ich bin hier. Ich verspreche Ihnen, dass nichts passiert und wenn Sie einen bösen Traum haben, wecke ich Sie sofort."

Da löste sich die Anspannung in ihrem kleinen Gesicht und sie fragte: "Das versprechen Sie mir? Das wollen Sie wirklich tun? Wie froh bin ich, dass Sie hier sind. Dann will ich schlafen." Kaum hatte sie ausgesprochen, stahl sich ein Seufzer der Erleichterung über ihre Lippen und sie schlief augenblicklich ein.

Ich wachte die ganze Nacht bei ihr. Lucy schlief tief und fest. Ihr Atem ging regelmäßig und man konnte fast sehen, wie Leben und Gesundheit in den Körper zurückkehrten. Kein böser Traum quälte sie in dieser Nacht. Am frühen Morgen kam das Mädchen und ich ließ Lucy in ihrer Obhut zurück. Ich eilte nach Hause, denn ich war auf einige Neuigkeiten sehr gespannt. Ich sendete kurze Telegramme an Van Helsing und Arthur, dann musste ich den ganzen Tag über arbeiten, da viel liegen geblieben war. Erst abends kam ich dazu, mich um meinen Zoophagen zu kümmern. Er war den vergangenen Tag und auch die letzte Nacht ruhig gewesen. Gott sei Dank! Ich saß gerade beim Abendessen, als mich ein Telegramm von Van Helsing erreichte. Er bat mich, auch die nächste Nacht in Hillingham zu verbringen. Er würde den Nachtzug nehmen und am frühen Morgen eintreffen.

9. September. Mein Hirn fühlte sich dumpf und leer an, ein untrügliches Zeichen meiner geistigen Erschöpfung. Ich hatte nun zwei Nächte kaum einige Augenblicke geschlafen und war müde und ausgebrannt. Als ich in Hillingham ankam, war Lucy aufgestanden und in bester Laune. Sie sah in welcher Verfassung ich mich befand und ordnete an: "Heute Nacht wird nicht gewacht! Es geht mir schon wieder viel besser. Heute Nacht kann ich aufbleiben und euren Schlaf bewachen."

Ich lächelte und schwieg und so gingen wir hinunter und nahmen das Abendbrot ein. Ich trank ein paar Gläser vorzüglichen Portweins und wir plauderten. Schließlich gingen wir wieder hinauf und Lucy wies mir ein Zimmer direkt neben dem ihren an, in dessen Kamin ein lustiges Feuer brannte. "Heute Nacht bleiben Sie hier", sagte sie energisch. "Sie legen sich auf das Sofa und ich lasse die Tür offen. Wenn ich etwas brauche, kann ich Sie rufen und Sie sind gleich bei mir." Mir blieb nichts anderes übrige, als zuzustimmen und ich war ja auch wirklich hundemüde. Selbst wenn ich es versucht hätte, so hätte ich nicht wach bleiben können. Und so legte ich mich auf das Sofa und ließ Lucy erneut versprechen, mich zu rufen, wenn irgendetwas sei. Dann vergaß ich alles um mich herum.

Lucy Westenraas Tagebuch
9. September. Heute Abend fühle ich mich glücklich. Ich kann mich wieder bewegen und wieder denken - welch ein köstliches Gefühl nach der entsetzlichen Schwäche der letzten Tage. Ich habe das Gefühl, dass Arthur dicht bei mir ist, so nah, wie nie zuvor. In meiner Krankheit und Schwäche habe ich ganz egoistisch nur auf mich geschaut. Nun, da die Kräfte wiederkehren, ist auch wieder Platz für Amor. Oh, Arthur! Ich denke ganz fest an dich, eigentlich müssten dir die Ohren davon klingen. Wie segensreich war die Ruhe in der vergangenen Nacht. Der teure Dr. Seward wachte treu über meinen Schlaf und auch heute Nacht muss ich mich nicht fürchten zu schlafen, denn er ist in meiner Nähe und in Rufweite. Ich bin dankbar, dass es Menschen gibt, die so gut zu mir sind. Auch Gott sei Dank dafür. Gute Nacht, Arthur!

Dr. Sewards Tagebuch
10. September. Ich erwachte, als ich des Professors Hand auf meinem Kopf spürte. "Wie geht es unserer Patienten?" Ich stand sofort auf und antwortete: "Als ich von ihr wegging, ging es ihr gut. Gestern Abend ging es ihr noch besser." "Kommen Sie mit, wir wollen nach ihr sehen." Und der Professor begab sich sofort in Lucys Zimmer. Der Vorhang war noch geschlossen und ich zog ihn langsam auf, während der Professor an Lucys Bett trat. Als das Sonnenlicht in das Zimmer flutete, hörte ich das zischende Atemholen Van Helsings und wusste sofort, dass etwas geschehen war. Mich durchfuhr ein entsetzlicher Schreck. Van Helsing rief: "Gott steh uns bei!", und deutete mit Schreck geweiteten Augen auf Lucys Lagerstatt.

In tiefer Ohnmacht lag Lucy auf ihrem Bett, bleicher und elender als je zuvor. Ihr Gesicht, sogar ihre Lippen und ihr Zahnfleisch waren weiß. Das Zahnfleisch schien sich von den Zähnen zurück zu ziehen. Van Helsings Gesicht war aschfahl und verzerrt. "Rasch!", sagte er, seine Wut bezwingend. "Versuchen wir es mit Brandy." Schnell holte ich die Karaffe aus dem Speisezimmer und er netzte Lippen, Fußsohlen, Handgelenke und Brust mit dem Alkohol. Dann - nach furchtbaren Minuten des Wartens sagte Van Helsing: "Es ist noch nicht zu spät. Ihr Herz schlägt noch. Aber die Arbeit ist umsonst gewesen und wir müssen von vorn beginnen. Arthur ist nicht hier, deshalb muss ich diesmal Sie in Anspruch nehmen." Er kramte in seinem Koffer während er sprach und holte die für die Operation nötigen Instrumente hervor.

Ich zog meinen Rock aus und krempelte die Hemdsärmel hoch. Wir begannen augenblicklich mit der Transfusion, da man Lucy kein Narkotikum hätte einflößen können. Die Zeit schien mir endlos und das Abziehen von Blut - selbst wenn man es gern gibt - ist eine unheimliche Angelegenheit. Plötzlich hob der Professor warnend den Finger. "Rühren Sie sich jetzt nicht. Es könnte sein, dass mit fortschreitender Kräftigung ihr Bewusstsein wieder kehrt. Das wäre gefährlich! Ich werde eine Vorsichtsmaßnahme treffen müssen." Und so spritzte er ihr rasch eine kleine Dose Morphium. Der Zustand der Ohnmacht ging in einen narkotischen Schlaf über und ein schwacher Schimmer von Farbe legte sich über ihre Lippen und Wangen. Ich fühlte eine persönliche Genugtuung, denn niemand, der es nicht erlebt hat, weiß was es heißt, das eigene Blut in den Körper der geliebten Frau hinüber strömen zu lassen.

Der Professor beendete die Operation und beschwor mich, Arthur nichts von der Transfusion zu sagen, da es ihn erschrecken oder eifersüchtig machen könnte. Ich trank ein Glas zu meiner Stärkung und nickte nur. Der Professor schickte mich zur Erholung auf das Sofa im Nebenraum, auf dem ich sofort einschlief. Noch im Einschlafen fielen mir Lucys Wunden wieder ein, mit den seltsamen zerfetzt aussehenden Rändern.

Lucy schlief weit in den Tag hinein und war recht stark und wohlauf als sie erwachte, aber lange nicht so wie am Vortage. Van Helsing wollte einen Spaziergang unternehmen und schärfte mir ein, Lucy unter keinen Umständen allein zu lassen. Als er ging, hörte ich ihn nach einem Telegraphenbüro fragen. Lucy und ich plauderten ein wenig und sie schien sich an die vergangene Nacht nicht erinnern zu können. Auch ihre Mutter, die später zu uns stieß, bemerkte keine Veränderung und bedankte sich überschwänglich bei mir.

Nach ein paar Stunden kehrte Van Helsing zurück. Er schickte mich nach Hause und ordnete an, dass ich ordentlich essen und trinken solle. In dieser Nacht sollte ich schlafen und Kräfte sammeln, während er bei Lucy bleiben wollte. Dann sagte er noch etwas Seltsames: "Nur wir beide werden den Fall behandeln, bester Freund. Es braucht niemand anderes davon zu wissen. Ich habe meine Gründe, glauben Sie mir. Fragen Sie nicht, noch nicht! Aber seien Sie mutig genug, auch das Unglaublichste für wahr zu halten. Gute Nacht."

Als ich ging, traf ich auf zwei Dienstmädchen, die mich anflehten, bei Lucy wachen zu dürfen. Aber ich sagte ihnen, dass nur der Professor und ich Wache hielten und sonst niemand. Ich traf bei mir zu Hause zu einem verspäteten Diner ein und machte auch sogleich einen Rundgang. Es war alles in Ordnung. Während ich dies schreibe fühle ich, wie mich der Schlaf übermannt.

11. September. Als ich heute in Hillingham ankam, war Van Helsing in bester Laune und Lucy wohlauf. Ich war noch nicht lange da, als ein großes Paket für den Professor abgegeben wurde. Als er es öffnete, kam ein großer Strauß mit weißen Blüten zum Vorschein. "Die sind für Sie, Fräulein Lucy", sagte der Professor. Lucy war sehr erfreut. "Es sind Heilkräuter", erklärte Van Helsing und als Lucy ein Gesicht schnitt, lachte er. "Nein, nein. Wir werden keinen Aufguss daraus machen. Wir legen die Blüten an Ihr Fenster und wir binden einen Kranz für Ihren Hals, damit Sie wieder in Ruhe schlafen können." Lucy hatte dem Professor aufmerksam gelauscht und sich die Blüten derweil näher angeschaut. Nun rief sie halb belustigt halb angewidert aus: "Herr Professor! Wollen Sie sich einen Scherz mit mir erlauben? Das ist doch ganz gemeiner Knoblauch!"

Van Helsing richtete sich zu seiner vollen Größe auf und sagte mit eiserner Mine: "Fräulein Lucy! Keine Scherze, beileibe nicht. In allem, was ich hier tue, liegt ein tödlicher Ernst. Widersetzen Sie sich mir nicht und nehmen Sie sich in Acht, nicht nur um Ihretwillen, sondern auch um anderer willen." Lucy erbleichte erschrocken, aber der Professor fuhr unbeirrt fort: "Wir alle wollen nur Ihr Bestes. In diesem gemeinen Knoblauch liegt eine Kraft, die Ihnen nur Gutes bringen kann. Wir legen Sie auf die Fensterbank und winden einen Kranz für Ihren Hals. Sie müssen gehorchen und dürfen keine Fragen stellen, denn Schweigen ist ein Teil des Gehorsams. Und nun John, werden wir das Zimmer hier mit den Knoblauchblüten zieren, die gerade aus Haarlem kommen, wo sie mein Freund Van der Pool das ganze Jahr über in Glashäusern zieht. Ich musste gestern telegrafieren, damit die Blüten heute hier sein konnten."

Lucy schwieg und auch ich folgte gehorsam den seltsamen Anweisungen Van Helsings, die sich sicherlich in keiner Pharmakopöe gefunden hätten. Wir verteilten die Blüten im ganzen Zimmer. Wir schlossen die Fenster und Van Helsing rieb die Rahmen sorgfältig damit ein. Das ganze Zimmer war von Knoblauchduft geschwängert als wir uns Werk vollendet hatten. Ich konnte nicht umhin zu bemerken: "Sie haben sicherlich für alles, was wir hier tun einen Grund, Herr Professor, aber das was wir jetzt tun, gibt mir wirklich Rätsel auf. Ein Spötter könnte meinen, wir versuchten es hier mit Zauberei, fast so, als wollten wir einen bösen Geist fernhalten." "Vielleicht ist es genau das, was wir tun müssen", antwortete der Professor ruhig und flocht weiter an dem Kranz, der Lucys Hals schmücken sollte.

Als Lucy ihre Nachttoilette beendet hatte, brachten wir sie zu Bett und Van Helsing legte ihr persönlich den Kranz um den Hals. Dann wies er sie an, den Kranz nicht zu verschieben und weder Fenster noch Tür zu öffnen. Lucy versprach alles und war sehr dankbar.

Van Helsing und ich verließen das Haus. Er war sich sicher, dass Lucy heute Nacht nichts zustoßen würde. Wir verabredeten, dass ich ihn am Morgen in aller Frühe aus seinem Hotel abholen sollte. Er schien voller Vertrauen während mich das Grauen packte. Hatte ich doch auch zwei Nächte zuvor den Fehler gemacht und Lucy allein gelassen. Fast hätte es sie das Leben gekostet. Wie würde es nun in dieser Nacht sein?

Dracula - Kapitel 11

Lucy Westenraas Tagebuch
12. September. Alle sind gut zu mir und ich bin ganz verliebt in den Professor. Warum er wohl wegen der Blüten so ärgerlich war? Er hat mich mit seinem Wutausbruch richtig erschreckt. Er hat ja Recht; es ist, als strömten sie eine gewisse Behaglichkeit aus. Ich fürchte mich nicht, heute Nacht allein zu sein und das Flattern vor meinem Fenster schreckt mich auch nicht. Wie furchtbar war es doch, schlaflos zu sein und gleichzeitig Angst vor dem Schlaf zu haben. Wie glücklich können Menschen sein, wenn ihr Leben ohne Angst dahin fließt. Doch heute Nacht bin auch ich ohne Angst. Der Knoblauch, den ich früher nicht leiden konnte, ist mir heute Nacht köstlich. Der Schlaf kommt, ich kann ihn fühlen. Gute Nacht.

Dr. Sewards Tagebuch
13. September. Ich holte den Professor aus seinem Hotel ab und wir fuhren nach Hillingham. Der Morgen war frisch und klar, als wir gegen acht bei Lucys Haus ankamen. Frau Westenraa begrüßte uns herzlich und berichtete, dass es Lucy viel besser gehe und dass sie noch schlafe. Der Professor lächelte erleichtert: "Dann habe ich den Fall wohl erkannt und meine Behandlung hat offensichtlich Erfolg." Da drohte Frau Westeraa scherzhaft mit dem Finger und warf ein: "Auch ich habe einen Anteil daran, dass es Lucy besser geht. Als ich heute Morgen nach ihr sah, war das ganze Zimmer so dumpf und die Luft schwer von dem stechenden Geruch Ihrer seltsamen Blüten. Ich war besorgt, ob dieser Geruch nicht Lucys zarter Gesundheit schaden könne und öffnete das Fenster, um frische Luft hinein zu lassen. Sie werden sicher ihre Freude an Lucy haben." Damit begab sie sich in ihr Boudoir zurück, um den Morgenimbiss einzunehmen.

Das Gesicht des Professors war aschfahl geworden. Kaum hatte Frau Westenraa uns verlassen, verlor der Professor seine Beherrschung und zerrte mich in das Speisezimmer. Er schloss die Tür und sank im selben Augenblick auf einem Stuhl zusammen. Er schlug die Hände vor das Gesicht und weinte. Dann rang er die Hände und schluchzte: "Was haben wir, was hat die arme Lucy verbrochen, dass wir so furchtbar verfolgt werden? Haben sie gehört, was diese Mutter tat? Sie zerstörte in bester Absicht das Leben ihres einzigen Kindes und wir dürfen es ihr noch nicht einmal sagen, weil dann beide sterben würden. Oh warum nur hat sich die Hölle gegen uns verbündet? Kommen Sie, John. Wir müssen nach Lucy sehen. Und dann müssen wir handeln ob Teufel oder nicht. Wir werden gegen sie kämpfen."

Wieder packte er mich am Arm und zerrte mich diesmal die Treppe hinauf zu Lucys Zimmer. Lucy lag wie am Tage zuvor wachsbleich und elend in den Kissen. "Wie ich erwartet habe", murmelte Van Helsing. Er ging zur Tür und schloss sie. Dann bereitete er wortlos die nächste Transfusion vor. Gerade wollte ich meinen Rock ausziehen, als Van Helsing mir Einhalt gebot. "Nein! Sie werden operieren, ich werde das Blut spenden."

Wieder begann die Operation. Wieder gab es ein Narkotikum und wieder kehrte nach einiger Zeit ein Schimmer von Leben in Lucys Gesicht zurück. Als sie schließlich schlief, hielt ich Wache und Van Helsing ruhte sich aus. Er erklärte auch Frau Westenraa, dass sie nichts aus Lucys Zimmer entfernen oder nichts darinnen verändern dürfe, da sich alles auf das spezielle Heilverfahren bezog, das wir bei Lucy anwenden mussten. Frau Westenraa zeigte sich einsichtig. Lucy erwachte und war recht wohlauf und munter, konnte sich aber wieder nicht an die Ereignisse der Nacht erinnern. Van Helsing will die nächste Nacht selbst bei Lucy wachen. Ich werde nach Hause gehen und darüber nachdenken, ob mein Leben unter Irren schon begonnen hat auf mein Gehirn einzuwirken.

Lucy Westenraas Tagebuch
17. September. Ich hätte nicht gedacht, was vier Tage und vier Nächte des Friedens bewirken können. Ich bin schon wieder sehr kräftig. Ich genieße den Sonnenschein und die frische Luft als hätte ich ein schweres Albdrücken hinter mir. Meine Erinnerung ist dunkel, da waren Angst erfüllte Zeiten des Wartens und lange Pausen des Vergessens. Der Professor aber vertreibt die bösen Träume. Alles scheint vorbei zu sein, das Flattern gegen mein Fenster, die rauen Befehle, die mich zu etwas zwangen, das ich bis heute nicht nennen kann, die fernen Stimmen, alles das liegt hinter mir. Ohne Furcht gehe ich zu Bett und laufe vor dem Schlaf nicht mehr davon. Ich habe den Knoblauch lieb gewonnen und ich bekomme jeden Tag eine neue Schachtel aus Haarlem. Heute Nacht wird der Professor in Amsterdam sein. Aber ich brauche keinen Pfleger mehr. Heute Nacht war ich auch zweimal wach, als Zweige oder Fledermäuse ziemlich heftig an das Fenster schlugen und fand den Professor schlafend. Es wird also keine allzu große Veränderung für mich sein, wenn ich heute Nacht allein bin.

"The Pall Mall Gazette" 18. September
Der entflohene Wolf

Gefährliches Abenteuer unseres Interviewers

Interview mit dem Aufseher des Zoologischen Gartens
Thomas Bilder ist der Mann, der als Aufseher in dem Teil des Zoologischen Gartens arbeitet, in dem die Wölfe untergebracht sind. Sein Häuschen befindet sich hinter dem Elefantengehege. Thomas Bilder und seine Frau sind sehr gastfreundlich und luden mich zum Essen ein. Thomas Bilder plauderte von seinem Leben mit den Wölfen, Schakalen und Hyänen und schließlich kamen wir zu dem entflohenen Wolf.

"Wir nennen diesen Wolf Berserker. Er war hübsch und recht gutartig. Nie gab er Anlass zur Klage. Gerade ihm hätte ich einen Ausbruch nicht zugetraut. Aber man kann den Wölfen ebenso wenig trauen wie den Weibern." Thomas Bilder blinzelte seiner Frau zu und sprach dann weiter: "Also, etwa zwei Stunden nach der Fütterung, hörten ich plötzlich Lärm. Ich war im Pumagehege, denn dort war ein Tier krank. Als ich die Wölfe plötzlich heulen und bellen hörte, lief ich schnell herbei. Berserker war in eine Raserei verfallen, sprang immer wieder gegen das Gitter und heulte zum Gotterbarmen. Er wollte wohl hinaus. Es waren nicht viele Leute im Zoo, aber in Berserkers Nähe stand ein großer, hagerer Mann. Er hatte eine Hakennase und einen Spitzbart. Seine Augen waren rot. Ich fand ihn auf den ersten Blick sehr unsympathisch. Mit seinen weißen Lederhandschuhen deutete er auf die Wölfe und sagte zu mir, dass diese Tiere über irgendetwas aufgeregt seien. Ich konnte den Kerl nicht ausstehen und schlug ihm vor, dass die Tiere sich vielleicht seinetwegen aufregen würden. Da lachte er hässlich und ich konnte seine spitzen, scharfen und weißen Zähne sehen. ‚Oh, nein. Mich möchten sie nicht fressen.'

Während ich mit diesem seltsamen Manne sprach, legten die Tiere sich nieder, als lauschten sie unserem Gespräch. Ich trat zu Berserker und er ließ sich hinter den Ohren kraulen wir immer. Da trat auch der Mann hinzu, langte hinein und kraulte den Wolf. Ich warnte ihn, aber er lachte nur. ‚Treiben Sie ein Geschäft mit diesen Tieren?' , fragte ich ihn. Er verneinte und erklärte er hätte selber nur einige Haustiere. Dann verabschiedete er sich und ging. Berserker sah ihm noch eine ganze Weile nach, dann drehte er sich um und blieb bis zum Abend friedlich.

Als der Mond aufging, begannen alle Wölfe zu heulen. Warum sie heulten, weiß ich nicht. Lediglich ein großer Hund trieb sich außerhalb des Parkweges herum. Ich war noch ein- oder zweimal draußen, um nach dem Rechten zu sehen. Kurz bevor die Uhr zwölf schlug, machte ich meine letzte Runde. Als ich an Berserkers Käfig vorbeikam, waren die Gitterstäbe zerbrochen und der Käfig leer. Das ist alles, was ich weiß. Ein Gärtner will einen großen grauen Hund durch die Hecke schlüpfen sehen, aber wer weiß, ob das stimmt. Er soll nordwärts gelaufen sein, schneller als ein Pferd galoppiert. Aber Wölfe können das gar nicht. Im Rudel mögen Wölfe ja gefährlich sein und auch über andere Tiere herfallen. Aber der einzelne Wolf ist eine jämmerliche Kreatur, nicht halb so schlau und mutig wie ein guter Hund. Dieser Wolf kann nicht einmal für sich selbst sorgen. Er wird irgendwo in der Nähe des Parks zittern und überlegen, wie er an ein Frühstück kommt." Noch während er sprach, tauchte etwas vor seinem Fenster auf. Überrascht schaute er hinaus und rief aus: "Potzblitz, da kommt der alte Berserker ganz von allein nach Hause."

Thomas Bilder sprang auf und öffnete die Tür, was mir gar nicht behagte. Und da stand der Wolf, der halb London in Angst und Schrecken versetzt und Kinder das Fürchten gelehrt hatte. Wie der verlorene Sohn kehrte er reumütig zurück, mit einem zerschnittenen Kopf, der mit Glasscherben gespickt war. Thomas Bilder untersuchte die Wunden des Wolfes und kam zu dem Schluss, dass er über eine Mauer gestiegen sein musste, auf der zerbrochene Flaschen gelegen hätten. Er nahm seinen Wolf und brachte ihn in das Gehege zurück, wo er ihm noch ein Stück Fleisch verabreichte. Darauf begab er sich in sein Haus, um Meldung zu machen. Auch ich ging, um diesen merkwürdigen Sonderbericht zu verfassen.

Dr. Sewards Tagebuch
17. September. Nach Tisch saß ich in meinem Arbeitszimmer und machte verschiedene Einträge in meine Bücher. Wegen der vielen Besuche bei Lucy, war doch einiges liegengeblieben, was nun dringender Erledigung bedurfte. Plötzlich flog die Tür auf und Renfield stürmte in mein Zimmer. Dass ein Patient einfach so in das Zimmer der Direktor stürmt, ist eine unerhörte Sache, aber da sah ich Renfields verzerrtes Gesicht und das Tischmesser in seiner Hand. Schnell versuchte ich, den Tisch zwischen ihn und mich zu bringen, aber Renfield war schneller. Bevor ich etwas tun konnte, versetzte er mir einen Schlag und erwischte mich mit dem Messer am Handgelenk. Die Wunde blutete ziemlich. Ehe er zu einem zweiten Schlag ausholen konnte, war ich wieder Herr der Lage und warf meinen Patienten der Länge nach zu Boden. Wir mussten noch eine Weile ringen, derweil das Blut aus meiner Wunde auf dem Boden eine kleine glänzende Lache bildete. Als Renfield diese Lache sah, tat er etwas, das in mir tiefsten Ekel und Widerwillen auslöste. Er ließ von mir ab, legte sich auf den Bauch und leckte mein Blut auf! Dabei murmelte er immer wieder: "Blut ist Leben. Blut ist Leben!"

Ich habe den Eindruck, der Blutverlust vom Spenden, Lucys Krankheit mit dem zermürbendem Auf und Ab und nun auch noch ein blutdürstiger Renfield - das alles ist etwas viel für mich. Ich brauche Ruhe und bin froh, dass Van Helsing mich heute entbehren kann.

Telegramm von Van Helsing, Antwerpen an Seward, Carfax
(Da die Grafschaft nicht angegeben war, irrtümlich nach Carfax in Sussex geschickt, deshalb 24 Stunden zu spät zugestellt.)

17. September. - Bitte sehen Sie heute Nacht in Hillingham nach dem Rechten. Sie müssen nicht die ganze Zeit wachen, aber doch sehen, ob Blüten auf dem rechten Platz. Von größter Wichtigkeit! Werde so schnell es geht bei Ihnen sein.

Dr. Sewards Tagebuch
18. September. Van Helsings Telegramm erfüllte mich mit schrecklicher Sorge. Ich eilte nach Hillingham, hatte ich doch eine ganze Nacht verloren. Was für ein grausames Unheil mag nur über uns liegen? Ich nehme diese Walze mit, dann kann ich mein Tagebuch auf Lucys Fonograf weiterführen.

Memorandum, hinterlassen von Lucy Westenraa
17. September. Niemand soll durch mich Unheil erfahren, darum schreibe ich alles auf, was sich in dieser Nacht zugetragen hat, auch wenn ich vor Schwäche kaum noch zu schreiben vermag und weiß, dass ich des Todes bin.

Wie üblich ging ich zu Bett und achtete auf die Knoblauchblüten, so wie der Professor es mir beibrachte. Schnell schlief ich ein und erwachte von dem Flattern am Fenster, das ich das erste Mal in Whitby vernommen habe. Zunächst hatte ich keine Angst, obwohl ich allein war, aber ich konnte nicht wieder einschlafen. Dann bekam ich doch Angst und versuchte, wach zu bleiben. Aber der Schlaf wollte mich übermannen und so öffnete ich die Tür und rief hinaus, ob jemand da sei. Die Mutter wagte ich nicht zu wecken und deshalb schloss ich meine Tür wieder. Im Gebüsch hörte ich Geheul wie von einem großen Hund. Ich sah aus dem Fenster und bemerkte eine große Fledermaus, die mit ihren Flügeln immer an mein Fenster geschlagen hatte. Ich legte mich wieder in mein Bett und beschloss, zu wachen. Dann öffnete sich plötzlich meine Zimmertür! Meine Mutter kam herein, um nachzusehen, ob bei mir alles in Ordnung sei.

Sie war kalt und ich befürchtete, dass sie sich erkälten könnte. So bat ich sie bei mir zu bleiben und sie legte sich zu mir ins Bett. Kaum, dass wir gemütlich lagen, begann das Klatschen und Flattern am Fenster wieder und ängstigte meine Mutter ein wenig. Ich konnte ihr schwaches Herz klopfen hören. Dann setzte das Geheul wieder ein und wir hörten Glas zerbrechen. Ein Windstoß hob den Vorhang, so dass wir den Kopf eines großen grauen Wolfes sehen konnten. Meine Mutter schrie entsetzt auf und griff wild um sich. Dabei riss sie mir den Knoblauchkranz vom Halse ab. Sie starrte einige Augenblicke auf den Wolf. Ein grausiges gurgelndes Geräusch drang aus ihrer Brust. Sie fiel zurück, wie vom Blitz getroffen und ihr Kopf schlug gegen meine Stirn. Ich muss kurz die Besinnung verloren haben, jedenfalls drehte sich das ganze Zimmer um mich.

Als ich wieder zu mir kam, zog der Wolf seinen Kopf zurück. Tanzende Staubkörner erfüllten den Raum. Tausende. Sie funkelten und drehten sich. Es wurden immer mehr, aber ich konnte mich nicht rühren, denn der Körper meiner toten Mutter lag auf mir. Dann verlor ich wohl wieder das Bewusstsein. Viel Zeit kann nicht vergangen sein, aber es war einfach entsetzlich! Eine Totenglocke läutet und alle Hunde der Nachbarschaft heulten. In unserem Gebüsch aber sang eine Nachtigall. Der Lärm musste auch die Mägde geweckt haben, denn ich konnte sie vor meiner Tür hören. Ich rief sie herein, sie sahen, was geschehen war und schrieen auf. Aber sie hoben den toten Körper meiner Mutter auf und legten ihn erst wieder auf das Bett, als ich aufgestanden war. Wir deckten ein Laken über meine Mutter. Die Mädchen waren so durcheinander, dass ich sie ins Speisezimmer schickte, ein Glas Wein zur Beruhigung zu trinken.

Als sie fort waren, legte ich alle Blüten, die ich besaß auf Mutter. Dann wieder fiel mir ein, was Van Helsing mir eingeschärft hatte, aber ich wollte die Blüten bei meiner Mutter lassen. Außerdem hatte ich vor, eines der Mädchen zu bitten, bei mir zu wachen. Ich folgte den Mädchen ins Speisezimmer, da keines von ihnen wiederkehrte. Was ich sehen musste, ließ mich vor Schreck erstarren. Die Mädchen lagen auf dem Boden und atmeten schwer. Die halbvolle Karaffe Sherry roch verdächtig nach Opium. Die Mädchen werden mir in dieser Nacht nicht beistehen können. Ich bin wieder bei Mutter im Zimmer. Die schlafenden Mädchen, die betäubt wurden - von wem? - und ich. Wir sind allein mit einer Toten. Draußen kann ich das tiefe Heulen eines Wolfes hören. Die Luft ist erfüllt von den Pünktchen. Sie leuchten blau und düster. Was soll ich nur tun? Gott schütze mich vor dem Bösen. Diesen Brief werde ich an meiner Brust bergen, auf dass ihr ihn findet, wenn ihr mich findet. Meine Mutter ist gegangen, vielleicht wird es auch für mich Zeit, zu gehen. Arthur, mein Liebster, lebe wohl, falls ich diese Nacht nicht überleben sollte.

Dracula - Kapitel 12

Dr. Sewards Tagebuch
18. September. Ich eilte nach Hilligham und klopfte leise, um Lucy und ihre Mutter nicht zu stören. Als niemand öffnete, läutete ich so rücksichtsvoll wie nötig, aber die faulen Dienstboten schien das nicht zu stören. Niemand antwortete und niemand öffnete die Tür. Mich packte eine Wut auf die faule Dienerschaft und ich klopfte und läutete energischer. Als wiederum nichts geschah, beschlich mich eine unsägliche Furcht und die Totenstille des Hauses schien sich auf meiner Brust niederzulassen. War etwas geschehen? War ich zu spät? Jede Minute zählte nun und ich lief um das Haus herum, um eine Möglichkeit zu finden, hineinzukommen. Aber jede Tür und jedes Fenster war fest verschlossen, so dass ich unverrichteter Dinge wieder zum Eingang zurückkehrte. Dort traf ich Van Helsing. Auch er war außer Atem und rief keuchend: "Haben Sie denn mein Telegramm nicht erhalten? Sind Sie eben erst gekommen? Geht es ihr gut? Sind wir zu spät?"

So rasch und deutlich ich konnte, erklärte ich ihm, dass ich das Telegramm erst heute Morgen erhalten hatte und just in diesem Moment angekommen war. Van Helsing nahm den Hut ab. "Ich fürchte, wir sind zu spät. Gott sein Ihnen gnädig. Kommen Sie John, wir müssen hinein. Zeit bedeutet für uns jetzt alles."

Wir eilten zurück auf die Hinterseite des Hauses und nahmen uns das Küchenfenster vor. Mit einer Knochensäge durchtrennten wir die Gitter und öffneten mit einem langen spitzen Messer den Riegel des Fensters. Wir stiegen in das Haus ein. In der Küche und den danebenliegenden Dienstbotenzimmern war niemand zu sehen. Im Speisezimmer fanden wir vier Dienstmädchen auf dem Boden liegend. Tot waren sie nicht. Wir konnten ihren Atem hören und rochen Betäubungsmittel. Van Helsing und ich warfen uns nur einen Blick zu und waren uns einig. Diesen Mädchen konnte später geholfen werden. Jetzt mussten wir erst Lucy finden. Wir liefen zu Lucys Zimmer und blieben an der Tür einige Augenblicke zögernd stehen. Mit zitternden Händen öffnete Van Helsing schließlich die Tür.

Uns bot sich ein unbeschreiblich trauriger und entsetzlicher Anblick. Auf dem Bett lagen zwei Frauen. Die eine war mit einem Laken bedeckt, dass durch den Windhauch vom Fenster weg geweht war und ihr Gesicht freigab. Es war Lucys Mutter. Auf ihrem Gesicht lag der Ausdruck tiefsten Entsetzens. Die zweite Frau war Lucy. Ihr Gesicht war totenblass. Die Wunden an ihrem Hals wirkten zerfetzt und blutleer. Die Blüten, die für Lucys Schutz gedacht waren, lagen auf der Leiche der Mutter. Van Helsing beugte sich über Lucy. Er zeigte Erstaunen und rief: "Rasch! Den Brandy. Vielleicht sind wir noch nicht zu spät!"

Ich holte den Brandy aus dem Speisezimmer, nicht ohne zu kontrollieren, ob er frei von Betäubungsmitteln war. Wir rieben Lucy, wie früher auch schon, mit dem Brandy ab. "Mehr können wir im Moment nicht tun." Van Helsing richtete sich auf. "Gehen Sie und wecken Sie die Mädchen. Waschen Sie ihnen das Gesicht mit kaltem Wasser ab, aber nicht zu vorsichtig. Die Mädchen sollen gleich einheizen und ein warmes Bad herrichten. Wir müssen Lucy erst erwärmen, bevor wir etwas anderes tun können. Sie ist fast so kalt wie ihre tote Mutter."

Drei der vier Mädchen konnte ich wecken, das vierte, ein besonders junges Ding, legte ich auf das Sofa und ließ es schlafen. Die anderen waren zunächst verwirrt und dann völlig aufgelöst. Sie schrieen und weinten, bis ich recht streng mit ihnen wurde und sie an die Arbeit schickte. Unter Weinen und Klagen gingen sie an die Arbeit, entfachten das Feuer und richteten ein heißes Bad für Lucy. Wir legten Lucy in das heiße Wasser und rieben eifrig ihre Glieder. Unterdessen klopfte es nachdrücklich an der Haustür. Eines der Mädchen erschien und teilte uns mit, dass ein Herr da sei, der eine Nachricht von Herrn Holmwood ausrichten wolle. Wir ließen bestellen, dass wir jetzt keine Zeit hätten und dass er bitten warten solle. Das Mädchen nickte und verschwand.

Wir vertieften uns wieder in unsere Arbeit und ich hatte Van Helsing noch nie mit einem solchen Ernst arbeiten sehen. Es war eine Sache auf Leben und Tod, das war mir klar. Van Helsing murmelte: "Wenn es damit getan wäre, würde ich dich ja gehen lassen, Mädchen. Aber ich sehe einfach kein Licht am Horizont." Ich verstand diese Worte nicht, bemerkte aber, dass die Wärme einen günstigen Einfluss auf Lucy hatte. Wir konnten ihr Herz durch das Stethoskop schlagen hören und sie atmete wieder. Van Helsing rief erleichtert: "Das hätten wir für's Erste!" Er schlug sie in ein heißes Laken und trug sie ein anderes Zimmer, das die Mädchen inzwischen hergerichtet hatten.

Eines der Mädchen blieb bei Lucy während Van Helsing und ich uns berieten. Wir gingen dazu in das düstere Speisezimmer in dem die Vorhänge zugezogen waren, wie die Traueretikette es verlangte. Der Professor begann: "Sie braucht eine Bluttransfusion. So viel ist klar. Aber wer soll es tun? Sie sind erschöpft, ich bin es auch. Bekommt sie kein Blut, hat das arme Ding vielleicht keine Stunde mehr zu leben. Wer würde sich Adern öffnen lassen für sie?"

"Wie wäre es mit mir?", sagte da eine Stimme vom Sofa her. Wir fuhren herum und sahen, wer dort saß. Es war Quincey P. Morris, der eine Nachricht von Arthur überbringen sollte. Wir hatten ihn völlig vergessen, aber jetzt schickte ihn uns wirklich der Himmel. Quincey hatte ein Telegramm von Arthur dabei, das Arthurs höchste Sorge um Lucy ausdrückte. Da es aber seinem Vater weiterhin sehr schlecht ging, war er unabkömmlich. Nun sollte sich Quincey an seiner Stelle nach Lucy erkundigen.

Van Helsing nahm Quinceys Hand und zog ihn mit nach oben. "Sie schickt uns der Himmel. Solange Gott uns weiterhin Männer wie sie zur rechten Zeit schickt, nehme ich es gern mit dem Teufel auf." Quincey und ich sahen uns an und ich schüttelte den Kopf. Ich verstand auch nicht, was der Professor damit sagen wollte. Wir schritten wieder einmal zur Operation. Aber entgegen unseren Erfahrungen bei den ersten Operationen, reagierte Lucy kaum auf das Blut von Quincey. Zu schwer war der Schock, zu groß der Blutverlust, zu schwach ihr zarter Körper. Nur ganz allmählich begann sie, sich in das Leben zurückzukämpfen. Herz und Lunge begannen wieder gleichmäßiger zu arbeiten und Van Helsing machte die übliche Morphiumeinspritzung. Ihre Ohnmacht ging in einen tiefen Schlaf über. Van Helsing blieb bei Lucy und ich kümmerte mich darum, dass Quincey sich ausruhte und etwas zu sich nahm. Dann ging ich zurück zu Van Helsing.

Der Professor sass über einige Briefbogen gebeugt, als ich in das Zimmer trat. Auf seinem Gesicht lag ein seltsamer Ausdruck. "Das fiel von ihrer Brust, als wir sie vorhin ins Bad trugen." Ich las und war verwirrt. "Professor, was meint sie nur? Ist sie vor Angst wahnsinnig geworden oder schwebt wirklich eine entsetzliche Gefahr über uns?" Van Helsing nahm das Papier wieder an sich und versuchte, mich zu beruhigen. "Wir müssen warten, John. Stellen Sie keine Fragen. Sie werden alles noch rechtzeitig begreifen. Was wollten Sie denn von mir, als Sie hier eintraten?" Ich überlegte einen Augenblick und fand dadurch wieder zu mir selbst. "Der Totenschein, Professor. Wir müssen klug und umsichtig handeln, wenn wir einer Untersuchung vorbeugen wollen. Und eine Untersuchung müssen wir unter allen Umständen vermeiden! Sie und ich und auch der behandelnde Arzt von Frau Westenraa weiß, dass sie herzleidend war. Alle können das bestätigen. Ich will den Totenschein gleich selbst ausfüllen und zum Standesamt bringen. Danach bestellen wir den Leichbestatter."

"Das ist eine gute Idee, John. Wenn Fräulein Lucy auch mächtige Feinde zu haben scheint, so hat sie doch auch Freunde, die für sie die Andern öffnen und ihr auch noch andere Gefälligkeiten erweisen. Ja, John, ich bin nicht blind, aber dafür liebe ich euch alle noch viel mehr. Nun aber fort mit Ihnen." Im Hausflur traf ich Quincey, der ein Telegramm für Arthur bereitete, dass Frau Westenraa tot und Lucy ebenfalls sehr krank gewesen sei, sich aber auf dem Wege der Gesundung befinde. Ich teilte Quincey mein Vorhaben mit und er flüsterte mir zu: "Wenn Sie wieder da sind, muss ich ein paar Worte mit Ihnen sprechen. Unter vier Augen." Ich nickte ihm zu und ging.

Gott sei Dank gab es auf dem Standesamt keine Schwierigkeiten und ich verabredete mich mit dem Leichbestatter für den Abend zum Sargmaßnehmen und für sie übrigen Formalitäten. In Hillingham wartete Quincey auf mich. Lucy schlief und der Professor wachte persönlich über Ihren Schlaf. Er bedeutete mir, still zu sein, um Lucy nicht zu wecken und so ging ich wieder hinunter zu Quincey, der sich im weniger düsteren Speisezimmer aufhielt. Quincey kam sofort auf den Punkt.

"John, Sie wissen, dass ich mich nie ungefragt in Dinge einmische. Dieser Fall aber liegt anders. Ich habe diesem Mädchen einen Antrag gemacht. Und ich habe es immer noch sehr gern. Was ist denn nur mit ihr los? Ich bin nicht dumm, John und ich hörte Van Helsing sagen, dass noch weitere Transfusionen nötig seien. Und da Sie und der Holländer sehr erschöpft wirken ...", er machte einen Pause und sah mich fragend an. "Ich weiß ja, ihr Doktoren tut viele Dinge im Geheimen und sagt keinem Menschen etwas davon, aber dieser Fall hier liegt anders. Ich habe auch mein Blut gegeben, ebenso wie Sie und der Doktor. Ihr habt es doch auch getan, oder?"

Ich nickte stumm. Quincey fuhr fort: "Und ich vermute, dass auch Arthur beteiligt ist. Als ich vor einigen Tagen sah, wirkte er elend und erschöpft. John, ich habe einmal gesehen, wie ein Pferd zugrunde ging. Eine der großen Fledermäuse, die auch Vampire genannt werden, hatte es in der Nacht angefallen. Als ich dazu kam, war seine Kehle durchgebissen und seine Adern geöffnet. Es hatte so wenig Blut im Leib, dass es sich nicht mal mehr aufrichten konnte. Ich gab ihm den Gnadenschuss. Seitdem habe ich nichts wieder so schnell dahin siechen sehen. John, sagen Sie mir die Wahrheit, Arthur war der Erste, oder?"

In seinen Augen sah ich die furchtbare Sorge um eine geliebte Frau und wusste, dass er von dem schrecklichen Geheimnis, das sie umgab, nichts ahnte. Diese Unwissenheit machte es eigentlich noch viel schlimmer für ihn, so dass er alle Kraft brauchte um nicht die Beherrschung zu verlieren. Ich sah letztendlich keinen Grund mehr, ihm etwas zu verschweigen und bestätigte seine Vermutungen. Als er fragte, wie lange dass schon geht, rechnete ich rasch nach. Ich kam auf etwa zehn Tage. "Zehn Tage!", Quinceys Augen weitete sich vor Schreck. "Dann hat das arme Geschöpf in diesen zehn Tagen Blut von vier starken Männern erhalten? Warum ist sie dann so elend? Sie hat das Blut wieder verloren. Wer hat es ihr denn nur genommen?"

Ich konnte nur mit dem Kopf schütteln, denn ich wusste es ja auch nicht sicher. "Van Helsing und ich sind am Ende unserer Weisheit. Wir haben Lucy strengstens bewacht, mussten sie aber doch durch widrige Umstände einige Zeit allein lassen. Aber das wird nicht wieder geschehen. Von jetzt an bleiben wir, bis alles ein Ende gefunden hat. Ganz gleich, wie es aussehen wird." Quincey sah mir in die Augen und sagte uns seine Hilfe zu, so lange wie wir sie benötigten.

Lucy erwachte am späten Nachmittag und das Erste, was sie tat, war nach dem Pergament an ihrer Brust zu greifen. Van Helsing war so weitsichtig gewesen, es wieder an Ort und Stelle zu bringen, so dass Lucy sich nun beim Aufwachen nicht sorgen musste. Sie sah mich und Van Helsing dankbar an, aber sogleich verfinsterte sich ihr bleiches Gesicht und sie begann, haltlos zu weinen. Erst jetzt war sie sich des Todes der geliebten Mutter ganz bewusst geworden. Wir bemühten uns nach Kräften, sie zu trösten, mussten aber zugeben, dass alles was wir taten nur Tropfen auf den Stein waren. Lucy weinte immerzu, war aber sichtlich erleichtert als wir ihr erklärten, dass sie nun nicht mehr allein bleiben dürfe.

Van Helsing und ich blieben abwechselnd bei ihr und gegen Abend fiel sie in einen leichten Schlummer. Im Schlaf griff sie nach dem Pergament und zerriss es. Van Helsing trat zu ihr und nahm ihr das Pergament fort. Trotzdem bewegten sich Lucys Hände weiter, als wäre das Papier noch dort. Als alles zerrissen war, öffnete sie die Hände und ließ die nicht vorhandenen Fetzen in den Abend hinaus fliegen. Van Helsing beobachtete den Vorgang mit gerunzelter Stirn und sorgenvollem Blick, aber er sagte kein Wort dazu.

19. September. Wir hatten eine unruhige Nacht, da Lucy sich immer noch vor dem Einschlafen fürchtete. Van Helsing und ich wachten abwechselnd und Lucy war keinen Augenblick unbeaufsichtigt. Obwohl wir nicht darüber gesprochen hatten, wusste ich, dass Quincey die ganze Nacht um das Haus herumging und dort nach dem Rechten sah. Als endlich der Tag der herauf dämmerte, sahen wir, wie schlecht es Lucy ging. Wir waren uns darüber im Klaren, dass wir eine Sterbende vor uns hatten. Je nach dem ob sie schlief oder wachte, zeigte sich ein deutlicher Unterschied im Aussehen, was sowohl mir als auch dem Professor auffiel. Schlief sie, ging ihr Atem ruhiger, sie sah zwar abgemagert aber kräftiger aus. Im Schlafe stand ihr Mund offen. Der Blick auf das blasse Zahnfleisch und die dadurch länger und schärfer wirkenden Zähne war frei. Wenn sie wach war, zeigte sich in ihren Augen ein milder Schimmer, der nicht darüber hinweg täuschen konnte, dass Lucy dahin siechte.

Am Nachmittag verlangte sie nach Arthur, der um sechs Uhr in Hillingham ankam. Die Sonne ging unter und tauchte alles in warmes rotes Licht. Auch auf Lucys Wangen malte sie einen rosigen Hauch. Arthur war zutiefst erschrocken über Lucys Zustand. Immer häufiger kamen Ohnmachtsanfälle über sie und machten eine Unterhaltung mit ihr unmöglich. Allein Arthurs Anwesenheit heiterte sie ein wenig auf und sie versuchte zu scherzen und fröhlicher zu sein. Es ist nun fast neun Uhr und ich spreche dies auf Lucys Fonograf. Im Augenblick sind Arthur und Van Helsing bei ihr, aber ich werde sie gleich ablösen. Mir liegt schwer auf der Seele, dass diese Nachtwachen morgen schon vorbei sein könnten. Gott sei uns gnädig.

Brief von Mina Harker an Lucy Westenraa
Von der Adressatin nicht mehr geöffnet.
17. September. Liebe Lucy, ich weiß, dass ich lange nichts mehr habe von mir hören lassen, aber ich bin sicher, du verzeihst mir sofort, wenn du all die Neuigkeiten gelesen hast, die dieser Brief enthält. Lass mich der Reihe nach erzählen. Ich brachte meinen lieben Gemahl Jonathan wohlbehalten nach
Exeter zurück. An der Station wartete Herr Hawkins in einem Wagen auf uns. Und das, obwohl er einen schweren Gichtanfall zu ertragen hatte. Wir fuhren mit ihm in sein Haus, in dem er uns einige Zimmer auf das Behaglichste hatte einrichten lassen. Wir aßen zusammen und Herr Hawkins sagte: "Mina, Jonathan, hört zu. Ich kenne euch beide von klein auf. Ich bin euch herzlich zugetan und wünsche mir nichts sehnlicher, als dass ihr zwei glücklich und zufrieden werdet. Schlagt euer Heim hier bei mir auf, denn ich bin ganz allein, was im Alter nicht gut ist. Wenn ich einmal nicht mehr bin, dann soll alles, was ich besitze, euch gehören."

Jonathan und Herr Hawkins drückten sich die Hände. Es war ein so bewegender Moment, dass ich weinen musste. Oh, Lucy! Wir verlebten einen wunderschönen Abend und sind nun in diesem schönen alten Haus zu Hause. Es ist von Ulmen umstanden und man kann die Raben krächzen hören. Du kannst dir vorstellen, dass ich nun unglaublich viel zu tun habe. In einem neuen Haushalt gibt es viel zu besorgen. Deshalb kann ich auch nicht in die Stadt kommen und dich und deine liebe Mutter besuchen. Wie geht es ihr denn? Jonathan braucht auch noch Pflege, wenn er doch langsam wieder Fleisch ansetzt. Er war ja so mitgenommen von dieser schrecklichen Krankheit. Er schreckt auch immer noch nachts hoch und zittert. Gott sei Dank kommen diese Anfälle aber immer seltener und ich hege begründete Hoffnung, dass sie irgendwann vollständig verschwinden.

Was unser Leben hier betrifft, weißt du nun das Neueste. Nun erzähle: wie sieht es bei euch aus? Wann und wo werdet ihr heiraten? Wollt ihr eine große Trauung oder lieber eine kleine, private Feier? Lass mich alles wissen, was dir auf der Seele liegt; du weißt, dass ich dir herzlich zugetan bin. Jonathan lässt ebenfalls herzlich grüßen. Liebe Lucy, ich wünsche dir alles Gute. Stets deine Mina Harker.

Bericht von Dr. med. Patrick Henness, Mitglied der K. Ärztlichen Gesellschaft an Dr. med. John Seward am 20. September
Werter Herr, wie besprochen lege ich nun Bericht ab über den Fortgang der Geschäfte Ihrer Klinik und insbesondere über den Patienten Renfield. Es gibt viel zu berichten, denn Renfield ist ein weiteres Mal ausgebrochen. Hätten wir nicht so schnell und beherzt gehandelt, hätte es wohl ein schlimmes Ende nehmen können. So aber ist alles glücklich verlaufen und es ist niemand etwas Ernsthaftes geschehen. Als heute ein Frachtwagen vorfuhr und ein Mann den Portier nach dem verlassenen Hause fragte, zu dem Renfield sich zweimal geflüchtet hat, begann alles. Ich selbst stand an einem Fenster und konnte den ganzen Hergang beobachten. Einer der Männer aus dem Frachtwagen stieg also aus, um nach dem Weg zu fragen. Er ging unter Renfields Fenster vorbei, worauf dieser begann, den Mann auf das Übelste zu beschimpfen. Ja, er drohte sogar, den Mann zu ermorden, weil dieser ihn beraubt habe.

Bevor der Mann aufbrausen konnte, öffnete ich das Fenster und bedeutete dem Mann, Renfield nicht ernst zu nehmen. Der Mann nickt und sah sich um, als würde ihm jetzt erst gewahr, wo er sich befand. Er fragte mich höflich nach dem Weg und ich erklärte ihm, wo die Einfahrt zu dem verlassen Haus lag. Der Mann dankte und entfernte sich unter Renfields wüsten Beschimpfungen.

Ich aber eilte zu Renfield, weil ich sehen wollte, was einen solchen Ausbruch hervorgerufen hatte. Als ich bei Renfield ankam, wollte dieser von seinen Beschimpfungen nichts wissen und stellte sich als sehr ruhig und friedlich. Leider muss ich sagen, dass dies ein Beispiel seiner neuen Verschlagenheit war, denn keine halbe Stunde später stieg er aus seinem Zimmerfenster und lief die Alle hinunter. Die Wärter und ich folgten ihm, denn ich befürchtete, dass er Übles im Schilde führte. Renfield rannte zielstrebig auf das verlassene Haus zu. Der Frachtwagen, der große hölzerne Kisten geladen hatte, stand davor und die Männer hatten schwer gearbeitet, beide hatten Schweiß auf der Stirn und waren außer Atem.

Renfield packte einen von ihnen und warf ihn zu Boden. Er war außer sich und hätte den Mann sicher in Stücke gerissen, wären wir nicht dazu gekommen. Aber in seiner Wut entwickelte er unmenschliche Kräfte. Ein Wärter und ich selbst, der ich nicht klein und leicht bin, wir warfen uns auf den tobenden Renfield, der uns abschüttelte als wären wir lästiges Ungeziefer. Auch die beiden Fuhrmänner waren kräftige Kerle und dennoch hatten wir unsere Mühe, Renfield zu beruhigen. Als wir ihn schließlich in der Zwangsjacke hatten, schrie er: "Ihr beraubt mich nicht! Ihr nicht. Ich muss für meinen Herren und Meister kämpfen." Wir hörten ihm nicht mehr lange zu, sondern brachten ihn mit viel Mühe aber ohne weitere Zwischenfälle in die Gummizelle.

Die beiden Fuhrleute mussten beruhigt werden, was ich mit einigen steifen Grogs und je einem Sovereign tat. Falls Sie noch Fragen zu diesem Zwischenfall haben, bin ich in Besitz ihrer Namen: nämlich Jack Smollet, von Duddings Rents, King George's Road, Great Walworth und Thomas Snelling, Peter Parley's Road, Guide Court, Bethnal Grean. Beide sind bei Harris & Sons angestellt, welches ein Umzugsunternehmen ist.

Wenn weitere Dinge vorfallen, werde ich Sie davon selbstverständlich persönlich und sofort in Kenntnis setzen, ggf. werde ich telegrafieren. Mit vorzüglicher Hochachtung Patrick Hennessy.

Brief von Mina Harker an Lucy Westenraa
Von der Adressatin nicht mehr geöffnet.
18. September. Meine liebe Lucy, es ist etwas Entsetzliches geschehen. Der liebe Herr Hawkins ist nicht mehr! Auch wenn wir nicht mit ihm verwandt waren, trifft uns sein Verlust doch tief. Für Jonathan war er wie ein Vater. Er hat uns in sein Haus geholt und uns schließlich auch sein Vermögen hinterlassen. Wir sind aufs Tiefste betrübt. Jonathan leidet ganz besonders, da er nicht nur einen geliebten Menschen und ein Vorbild verloren hat, sondern nun auch die volle Verantwortung auf seinen Schultern spürt. Dazu der furchtbare Schock, von dem er sich noch immer nicht ganz erholt hat - ach, es ist schrecklich!

Dass ich dir das alles in deinen schönsten Stunden und Tagen erzählen muss, macht mich traurig. Verzeih mir, dass ich dir von all dem schreibe, aber ich muss mit irgendjemandem darüber reden. Es kostet mich viel Kraft, immer fröhlich und heiter zu sein, um Jonathan nicht noch mehr Kummer zu bereiten. Deshalb schreibe ich dir, meine liebe Freundin, das ganze Elend.

Herr Hawkins hat angeordnet, dass er in London in einem Grabe mit seinem Vater ruhen wolle. So werden wir also nach London kommen, um ihm das letzte Geleit zu geben. Da werden wir uns dann wieder sehen, liebe Lucy. Ich werde zu euch kommen und wenn es auch nur für ein paar Minuten ist. Mit vielen guten Wünschen Mina Harker.

Dr. Sewards Tagebuch
20. September. Nur mit Überwindung gelingt es mir, heute einen Eintrag in mein Tagebuch vorzunehmen, so niedergedrückt und elend ist mir zu Mute. Welch ein Unglück! Erst Lucys Mutter, nun Arthurs Vater und nun -

Wie abgemacht, löste ich Arthur und Van Helsing bei Lucy ab. Arthur wollte erst nicht weichen, aber dann erklärten wir ihm, dass er Lucy nicht helfen könne, wenn er zusammenbräche. Da gab er nach und folgte Van Helsing in das Wohnzimmer. Das Feuer knisterte und die beiden legten sich auf den Sofas nieder, um zu ruhen. Ich blieb bei Lucy, die bleich in ihren Kissen lag. Van Helsing hatte wieder den Knoblauch überall sorgfältig verteilt; die Fenstersimse und auch Lucys Hals waren mit Knoblauchkränzen umwunden. Lucy schlief und ihre Zähne staken spitz und scharf aus ihrem Mund hervor. Ihr blasses Zahnfleisch hatte sich zurückgezogen und sie sah wirklich schauerlich aus.

Als ich mich zu ihr niederbeugte, bewegte sie sich plötzlich. Gleichzeitig hörte ich ein Geräusch am Fenster. Ich schlich mich zum Vorhang und lugte hinaus. Draußen flatterte eine große Fledermaus in weiten Kreisen durch den Garten. Hin und wieder gerieten ihre Schwingen an das Fenster und verursachten dieses Geräusch. Ich drehte mich zu Lucy um und bemerkte, dass sie sich den Knoblauchkranz vom Halse gerissen hatte. So gut ich konnte, brachte ich den Kranz wieder in Ordnung und fuhr mit meiner Wache fort. Nach einiger Zeit erwachte Lucy und ich gab ihr zu essen. Lucy nahm nur wenig zu sich, griff aber jetzt - in wachem Zustand - nach den Knoblauchblüten und zog sie dicht an sich heran, während sie im schlafenden Zustand die Blüten immer von sich wegzustoßen versucht hatte.

Ich beobachtete dieses seltsame Verhalten die ganze Nacht über. Schlief sie, versuchte sie, den Knoblauch los zu werden, wachte sie, zog sie ihn eng an sich. Als Van Helsing mich um sechs Uhr ablöste, war Arthur gerade in einen unruhigen Schlummer gefallen. Van Helsing warf einen Blick auf Lucy und zuckte erschrocken zurück. Er zischte mir zu: "Öffnen Sie die Vorhänge! Ich brauche sofort mehr Licht!" Schnell gehorchte ich. Der Professor beugte sich über Lucy, entfernte die Blüten und das Tuch, das er um ihren Hals geschlungen hatte. "Mein Gott!", rief er entsetzt und zeigte auf ihren Hals. Die Wunden an ihrer Kehle waren vollständig verheilt!

In Van Helsings Gesicht stand das blanke Grauen. "Sie muss sterben. Es wird nicht mehr lange dauern. Wecken Sie Arthur, damit er hier ist, wenn es zum Letzten kommt. Wir haben es ihm versprochen!" Wieder gehorchte ich. Arthur und ich betraten Lucys Zimmer. Van Helsing hatte alles in Ordnung gebracht und sogar Lucys Haar gebürstet, das sich jetzt golden über ihrem Kissen ringelte. Lucy öffnete die Augen und sah Arthur. Als dieser sich zu ihr herunter beugen wollte, um sie zu küssen, wies Van Helsing ihn an, nur Lucys Hand zu halten.

Arthur ergriff ihre Hand und fiel neben ihrem Bett auf die Knie. Lucy lächelte lieblich und ihre Augen strahlten engelsgleich. Doch allmählich schlossen sich die Augen und Lucy sank wieder in Schlaf. Zuerst war ihr Atem sanft und ruhig, dann plötzlich wurde er keuchend und sie öffnete nach Luft ringend den Mund. Ihre Zähne traten lang und spitz hervor, vor allem die Eckzähne ragten unheimlich aus dem bleichen Zahnfleisch. Sie öffnete die Augen, die jetzt nicht mehr strahlten sondern trübe und hart aussahen. Mit einer Stimme, die leise und wollüstig klang, sprach sie Arthur an: "Arthur. Geliebter. Wie schön, dass du hier bist. Küsse mich!"

Fast hätte Arthur ihrem Wunsch Folge geleistet. Aber Van Helsing war schneller. Er sprang auf Arthur zu und packte ihn am Genick. Dann riss er Arthur zurück und schleuderte ihn unter einem schrecklichen Kraftaufwand quer durch das Zimmer. "Um Himmels Willen. Fort! Kommen Sie nicht in ihre Nähe, wenn sie die Seele Ihrer Braut und Ihre eigene retten wollen." Arthur war zu verwirrt, um zu reagieren. Schweigend blieb er sitzen, wo Van Helsing ihn hingeschleudert hatte.

Ich aber hatte keinen Blick von Lucy gewandt. Als Van Helsing Arthur wegriss, verzerrte sich ihr Gesicht in fürchterlicher Wut und die spitzen Zähne bissen heftig aufeinander. Schließlich schloss sie ihre Augen und atmete keuchend. Nur kurz darauf, schlug sie die Augen wieder auf und wir sahen wieder in Lucys bekannte liebe Augen. Sie griff nach Van Helsings Hand und küsste sie. "Mein treuer Freund. Stehen Sie ihm bei und geben Sie ihm Frieden." Van Helsing kniete neben Lucys Bett nieder und versprach es ihr. Dann holte er Arthur heran, dass er Lucys Hand hielt und ihr noch einen Kuss auf die Stirn gab.

Im Zimmer war es still. Nur Lucys keuchender Atem war zu hören, der dann ausblieb. "Es ist vorbei", sagte Van Helsing. "Sie ist tot!" Ich führte den weinenden Arthur ins Wohnzimmer. Mir brach fast das Herz, den Freund so betrübt und die geliebte Frau tot zu sehen. Ich überließ Arthur seinem Schmerz und ging zurück in das Sterbezimmer. Lucy war verändert. Der Tod schien ihr einen Teil ihrer einstigen Schönheit zurückgegeben zu haben. Ihr Gesicht wirkte wieder runder und die Lippen waren nicht mehr so weiß. "Nun hat sie wenigstens ihren Frieden gefunden. Nun ist alles vorbei", sagte ich zu Van Helsing. Der Professor hob den Kopf und sah mich ernst an. "Nein, mein Freund. Sie irren sich. Das war der erst der Anfang!" Ich wollte ihn fragen, was er damit meinte, aber er hob abwehrend die Hände. "Nicht jetzt. Wir können vorerst nichts tun außer genau zu beobachten und abzuwarten."

Da Lucy zusammen mit ihrer Mutter beigesetzt werden sollte, war die Beerdigung für den übernächsten Tag angesetzt. Ich erledigte die Formalitäten. Der Beerdigungsunternehmer zeigte sich unterwürfig, was mir unangenehm war und sogar die Frau, die den Toten die letzte Ehre erwies, vertraute mir an, dass besonders die junge Frau eine wunderschöne Leiche sei. Ich wollte das alles nicht hören. Mich wunderte, dass Van Helsing nicht abreiste. Dann aber sah ich, welche Unordnung in diesem Haushalt herrschte, in dem es nun niemanden mehr gab, der sich auskannte und so war es wohl das Einfachste, das der Professor blieb und auch Einsicht in die Papiere nahm. Arthur war schon fort, er musste zuerst bei dem Begräbnis seines Vaters zugegen sein, bevor er seine Braut zu Grabe tragen konnte.

Während ich die Papiere von Frau Westenraa ordnete, behielt sich der Professor die Durchsicht von Lucys Papieren vor. "Sie wissen, was wir suchen. Es muss noch mehr Papiere geben wie dieses", er holte Lucys Pergament hervor, das sie in jener schrecklichen Nacht auf der Brust getragen und im Schlaf zerrissen hatte. "Sie sehen die anderen Papiere durch und wenn Sie etwas finden, was für den Sachverwalter der verstorbenen Frau Westenraa wichtig sein könnte, versiegeln Sie es und machen dann Mitteilung. Ich bleibe in diesem Zimmer und forsche nach den Dingen, die ich brauche. Wir müssen unter allen Umständen verhindern, dass ihre innersten Gedanken in fremde Hände fallen."

Wir machten uns sofort an die Arbeit und innerhalb einer halben Stunde hatte ich die wichtigen Papiere zusammengestellt und an den Sachverwalter der Westenraas geschrieben. Ich hatte gerade den Brief versiegelt, als Van Helsing in das Zimmer trat. "Kann ich hier noch etwas tun? Ich stehe Ihnen gern zur Verfügung." Ich sah Van Helsing an. "Haben Sie denn gefunden, was Sie suchten?" Van Helsing antwortete: "Ich habe nicht nach etwas Bestimmten gesucht. Ich hoffte nur, irgendetwas zu finden und das habe ich auch. Ich fand einige Notizen, einige wenige Briefe und ein gerade begonnenes Tagebuch. Alle diese Dinge habe ich hier bei mir. Wenn ich morgen Lucys Bräutigam sehe, werde ich die Erlaubnis einholen, von einigen Dingen Gebrauch zu machen."

Der Professor und ich wollten uns zur Ruhe begeben, sahen aber vorher noch einmal nach der toten Lucy. Sie war von einem Meer von Blüten umgeben. Das Leichentuch lag über ihrem Gesicht. Van Helsing schlug es zurück und wir waren erstaunt, wie schöne Lucy im Tode war. Fast konnten wir nicht glauben, dass ein Leichnam vor uns lag, so anmutig und lieblich wirkte ihr Gesicht. Der Professor sah ernst und nachdenklich auf Lucy herab und verließ dann das Zimmer. Als er wiederkehrte hatte er einen Handvoll wildem Knoblauch dabei, den er unter die Blumen mischte, die auf Lucys Bett lagen. Anschließend nahm er ein kleines goldenes Kreuz von seinem Hals und legte es Lucy auf den Mund. Er deckte das Leichentuch über sie und wir verließen still das Zimmer.

Gerade wollte ich mich in meinem Zimmer ausziehen, als es an der Tür klopfte. Der Professor trat ein und setzte sich auf einen Sessel. "Ich muss Sie bitten, mir morgen ein Sezierbesteck zu bringen", sagte er mit dumpfer Stimme. "Müssen wir denn eine Sektion vornehmen?", fragte ich. "Ja und doch auch nicht. Ich muss eine Operation durchführen. Erschrecken Sie nun nicht, lieber Freund. Ich weiß, Sie haben sie geliebt, aber ich muss Lucy den Kopf abschneiden und ihr das Herz heraustrennen. Es würde mich glücklich machen, wenn Sie mir helfen würden. Alles andere tue ich. Eigentlich müssten wir es heute Nacht schon tun, aber es geht wegen Arthur nicht. Er wird morgen nach der Beerdigung seines Vaters kommen und Lucy sehen wollen. Aber gleich danach, werden wir es tun müssen. Wir werden alles in Ordnung bringen und niemand außer uns weiß etwas davon."

Mir zuckte der Schreck durch alle Glieder. "Ihr den Kopf abschneiden? Warum? Sie ist doch tot. Eine Sektion bringt uns nichts ein. Ohne medizinische Gründe ist eine solche Operation etwas Ungeheuerliches." Ich war nahezu außer mir und Van Helsing legte mir beruhigend die Hand auf die Schulter. "John, ich weiß, dass Ihr Herz blutet. Wenn ich könnte, würde ich Ihren Schmerz gerne tragen. Aber ich kann es nicht. Es gibt Dinge, die Sie nicht wissen, aber ich weiß sie. Erinnern Sie sich zurück, John. Habe ich in all den Jahren unserer Freundschaft je etwas getan, das nicht einen triftigen Grund hatte? Ich glaube an das, was ich tue, auch wenn ich nur ein fehlbarer Mensch bin. Darum habt Ihr mich doch gerufen, oder? Und habe ich nicht Arthur daran gehindert, seine sterbende Braut zu küssen? Ich habe gesehen, dass Ihr darüber verwundert ward. Aber war Lucy mir nicht dankbar dafür?

Glaubt mir, mein Freund, ich habe gute Gründe für mein Vorhaben. Vertrauen Sie mir John. Auch ich habe die kleine Lucy geliebt. Auf meine Weise. Ich würde nie etwas tun, das ihr oder denen, die sie geliebt hat, mehr Schmerz zufügen würde als unbedingt nötig. Und eines muss ich noch sagen: Auch wenn Ihr nicht mehr an mich glaubt und mir Eure Hilfe verweigert - ich werde es trotzdem tun müssen. Ich muss es einfach tun." Eine Weile lang war es völlig still. Dann fuhr Van Helsing fort: "John, es werden schreckliche Dinge geschehen. Glauben sie mir. Werden Sie mir vertrauen, egal, was kommt?"

Ich gab ihm die Hand und versprach ihm, zu vertrauen. Van Helsing stand auf und ich brachte ihn zur Tür. Er ging den Flur entlang und verschwand in seinem Zimmer. Im gleichen Augenblick sah ich eines der Dienstmädchen in Lucys Zimmer huschen. Sie konnte mich nicht sehen und ich war gerührt von so viel Anhänglichkeit. Sicherlich wollte das Mädchen bei seiner Herrin wachen, damit die sterbliche Hülle nicht allein sein musste.

Ich schlief tief und traumlos. Ich erwachte von der Stimme des Professors, die zu mir sagte: "Wir brauchen kein Sezierbesteck mehr. Es ist zu spät." Ich war verwirrt. "Warum brauchen wir es nicht mehr?" "Weil es zu spät ist", wiederholte Van Helsing. "Oder zu früh. Sehen Sie das? Das ist heute Nacht gestohlen worden." Er hielt das goldene Kruzifix hoch. "Wie, gestohlen? Aber Sie haben es doch in der Hand?" Van Helsing schüttelte ungeduldig den Kopf. "Ich habe es der Diebin wieder abgenommen. Jedem verabscheuungswürdigem Wesen, das seine Herrin noch im Tod bestiehlt. Sie wird ihre Strafe erhalten. Nicht von mir. Sie wusste ja nicht, was sie tat. Und wir müssen nun wieder warten." Ich erinnerte mich an das Dienstmädchen, das ich für anhänglich gehalten hatte. Sie hatte Lucy bestohlen?

Van Helsing ging und ließ mich in grüblerischer Stimmung zurück. Nach dem trostlosen Vormittag kam gegen Mittag der Sachverwalter, ein Herr Marquand von der Firma Wholeman Söhne, Marquand & Lidderdale. E war mit meiner vorbereitenden Tätigkeit so weit zufrieden und nahm mir die Sorge um alle weiteren Details ab. Da Frau Westenraa wusste, dass ihre Tage gezählt waren, hatte sie alles in peinlichste Ordnung gebracht. Der ganze Nachlass fiel nach Lucys Tod nun Herrn Arthur Holmwood - dem Lord Godalming - zu. Marquand blieb nicht lange und nachdem er versprochen hatte noch einmal wieder zu kommen und Lord Godalming zu besuchen, verabschiedete er sich.

Arthur wollte gegen fünf Uhr ankommen und wir begaben uns nur kurze Zeit in das Sterbezimmer. Dort waren nun Lucy und ihre Mutter gemeinsam aufgebahrt und es lag eine feierliche Traurigkeit über dem Raum. Trotzdem ordnete Van Helsing an, dass Arthur seine Braut allein sehen solle und der Beerdigungsunternehmer machte sich erschrocken daran, den ursprünglichen Zustand wieder herzustellen und beide Frauen getrennt aufzubahren. Arthur erschien und wir sahen auf den ersten Blick, dass wir einen gebrochenen Mann vor uns hatten. Arthur hatte seinen Vater geliebt und ihn verloren. Und dann war seine Braut vor seinen Augen dahingesiecht. Wie viel kann ein Mann aushalten? Ich begleitete Arthur in das Sterbezimmer. Ich wollte mich zurückziehen, aber Arthur hielt mich am Arm fest.

"John, ich will Ihnen danken. Ich weiß, dass auch Sie sie geliebt haben. Sie standen ihr von allen Freunden am nächsten. Ich muss Ihnen danken, für alles, was Sie für sie getan haben." Er warf seine Arme um mich und barg seinen Kopf an meiner Schulter. Ich hörte, wie er verzweifelt schluchzte. "John, sagen Sie mir, was ich tun soll. Mein Leben ist dahin. Was soll ich tun ohne die, die ich geliebt habe?" Ich tröstete ihn, so gut ich konnte. "Arthur, lassen Sie uns gemeinsam Lucy ein letztes Mal sehen." Arthurs Atem ging wieder ruhiger und er fasste sich langsam wieder. Wir gingen gemeinsam zu Lucy. Ich hob das Laken auf und wir sahen sie an. Wie schön sie immer noch war! Mich überlief ein eiskalter Schauer und auch Arthur neben mir zitterte. "John, verzeihen Sie mir, aber ist sie wirklich tot?"

Ich wusste, dass man einen so grausamen Zweifel sofort aus der Welt schaffen musste und erklärte Arthur, dass das, was mit Lucy passierte nicht so ungewöhnlich war. Besonders wenn das Leben noch jung und das Leiden akut und kurz gewesen war, mache der Tod die Toten zuweilen überirdisch schön. Arthur glaubte meine gestotterten Erklärungen und kniete neben Lucys Bett nieder. Er sah sie lange an, dann küsste er ihre Hand und schließlich ihre Stirn. Ich sagte Arthur, dies sei nun der Abschied, da der Sarg bereit sei. Er sah sie noch einmal wehmütig an und ging hinaus.

Ich erzählte Van Helsing von Arthurs Bedenken nachdem der Professor den Beerdigungsunternehmer aufgefordert hatte, seines Amtes zu walten und die Särge zu zuschrauben. Van Helsing nickte und meinte, auch er habe fast geglaubt, dass Lucy noch am Leben sei. Zum Diner trafen wir Arthur wieder. Alle waren recht schweigsam und ohne rechten Appetit. Van Helsing richtete das Wort an Arthur: "Lord ...", aber Arthur unterbrach ihn. "Nein. Bitte nicht. Noch nicht. Mein Vater ist noch nicht lange fort. Ich bitte Sie ..." Van Helsing antwortete gütig. "Nun gut, ich sage Arthur und gebrauchte den Titel nur, weil ich im Zweifel war. Ich weiß, wie hart alles für Sie war. Wirklich hart. Sie haben mir vertraut, auch wenn es Ihnen schwer fiel. Ich nehme an, dass Sie mir jetzt zunächst wieder nicht vertrauen. Aber es wird der Tag kommen, da Sie mir voll und ganz vertrauen und dankbar sein werden für das, was ich tat."

"Ich bin Ihnen auch jetzt schon dankbar für alles, was Sie für Lucy getan haben. Sie haben ein edles Herz. Tun Sie, was Sie für nötig halten." Arthur sah den Professor freundlich an. Der räusperte sich und sagte: "Sie wissen, dass Frau Westenraa Ihnen ihr ganzes Eigentum vermacht hat?" Arthur schüttelte erstaunt den Kopf. "Nun, Sie haben jetzt das Recht über alles zu verfügen. Ich bitte Sie darum, alle Briefe und Papiere Lucys lesen zu dürfen. Vertrauen Sie mir. Ich wünsche dies nicht aus Neugierde zu tun, sondern habe andere Gründe. Sie können mir glauben, dass ich jedes Schriftstück vertraulich behandele. Aber es ist besser, ich habe alles bei mir. Wenn die Zeiten wieder besser werden, gebe ich Ihnen alles zurück. Was sagen Sie, Arthur?"

"Dr. Van Helsing, tun Sie, was Sie wollen. Ich weiß, dass Lucy Sie gewähren lassen würde. Und so werde ich Ihnen nicht im Wege stehen. Ich werde Sie auch nicht mit Fragen belästigen sondern warten, bis Sie mir alles erklären können." Arthur lächelte. Der Professor erhob sich und sagte feierlich: "Ich danke Ihnen. Wir werden noch viel Leid erleben. Wir werden durch bittere Wasser gehen müssen, ehe wir an die Süßen gelangen. So lassen Sie uns tapfer, selbstlos und mutig sein, dann wird sich alles zum Guten wenden."

In dieser Nacht schlief Van Helsing nicht. Immer wieder ging er in Lucys Sterbezimmer, in dem er wilden Knoblauch verteilt hatte und sah nach, dass nichts und niemand Lucys Ruhe störte.

Dracula - Kapitel 13

Mina Harkers Tagebuch
22. September. Ich sitze im Zug nach Exeter. Jonathan schläft tief. Zwischen heute und meinem letzten Eintrag in Whitby scheinen Jahrhunderte zu liegen. Damals wusste ich nicht, wo Jonathan ist. Heute ist er mein Gemahl, wir sind reich und er ist Chef seines Geschäftes, nun, wo Herr Hawkins tot ist. Die Trauerfeier war einfach, aber sehr schön. Es waren nur wenige Menschen da; Jonathan und ich, die Dienerschaft, einige alte Freunde aus Exeter und noch einige andere Honoratioren. Jonathan und ich standen am Grab, um unserem längsten und treuesten Freund das letzte Geleit zu geben.

Nach der Beerdigung kehrten wir in die Stadt zurück und besuchten Hyde Park Corner. Wir gingen erst zu "The Rows" und wandelten anschließend Picadilly hinunter. Wir liefen nebeneinander und Jonathan hatte sich bei mir eingehakt, was ich eher unpassend fand, aber ich ließ ihn gewähren. Mit einem Mal drückte Jonathan meinen Arm so stark, dass ich vor Schreck und Schmerz beinah laut aufgeschrieen hätte. Ich wandte mich zu ihm und sah, dass er totenbleich geworden war. Seine Augen traten hervor und er starrte auf einen großen, hageren Mann mit einer hässlichen Adlernase. Der Mann betrachtete ein junges Mädchen und bemerkte uns gar nicht. Sein Gesicht war grausam und hart. Die Lippen waren sehr rot und die Zähne wirkten dagegen spitz und scharf.

Jonathan starrte den Mann immer noch an. Ich befürchtete, der Mann könne es merken. Ich befürchtete auch, dass Jonathan einen Rückfall erleiden könnte, denn er wirkte sehr verstört auf mich. "Weißt du, wer das ist?" Jonathan stand das blanke Entsetzen ins Gesicht geschrieben. "Mein, Liebster", antwortete ich. "Ich kenne ihn nicht. Wer ist es denn?" Jonathan antwortete tonlos: "Er ist es selbst!" Obwohl ich seine Antwort nicht verstand, durchschauerte mich eisiger Schreck. Jonathan hatte Angst. Wäre ich nicht gewesen, wäre er umgesunken. Aber er ließ den seltsamen Fremden nicht aus den Augen.

"Ich glaube fast, der Graf ist jünger geworden. Wie schrecklich! Oh, mein Gott. Wenn ich es doch nur wüsste!" Ich verstand kein Wort von dem, was Jonathan da flüsterte und versuchte nur, ihn ruhig fort zu ziehen. Er folgte mir bereitwillig und so kamen wir in den Green Park, wo wir uns auf eine hübsche Bank setzten. Jonathan setzte sich und starrte einige Minuten in die Luft. Seine Augen schlossen sich. Er sank in einen unruhigen Schlummer. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, so saß ich still und hielt sein Haupt an meiner Schulter. Nach zwanzig Minuten bewegte er sich und sagte: "Ich bin wohl eingeschlafen. Verzeih mir, Mina. Lass uns irgendwo ein Glas Tee trinken."

Hatte er den fremden Mann vergessen, so wie er während seiner Krankheit alles vergessen hatte? Konnte dieses Versinken und Vergessen seinem Gehirn schaden? Ich traue mich nicht, ihn zu fragen, da ich ihn nicht aufregen wollte. Ich war mir aber sicher, dass ich nun das Paket öffnen muss, in dem sein Tagebuch verwahrt liegt. Jonathan mein Liebster, es geschieht nur zu deinem Besten.

Später. - Oh, was für ein trauriger Tag ist heute! Nicht nur, dass wir unseren lieben Herrn Hawkins zu Grabe tragen mussten und Jonathan diesen schrecklichen Rückfall hatte, nein, als wir nach Hause kamen - in ein schrecklich leeres Haus - fanden wir ein Telegramm von einem Van Helsing vor. "Ich gestatte mir, Ihnen die traurige Mitteilung zu machen, dass Frau Westenraa vor fünf Tagen, Fräulein Lucy vorgestern gestorben ist. Beide sind heute beerdigt worden." Meine liebe, arme Lucy. Und die liebe Frau Westenraa! Sie werden niemals wieder mit mir lachen. So viel Elend in den wenigen Zeilen. Und der arme Arthur. Wie sehr muss er wohl leiden.

Dr. Sewards Tagebuch
22. September. Es ist alles vorüber. Arthur ist abgereist und Quincey Morris begleitete ihn. Van Helsing aber ist unten und ruht sich aus. Er fährt heute Nacht nach Amsterdam, will aber morgen Abend schon wieder zurückkehren. Er hat vor, bei mir zu bleiben, weil er, wie er sagt, in London noch einiges zu erledigen hat. Der arme, alte Mann. Die Aufregung in den letzten Wochen hat wohl seine Kraft aufgezehrt. Wohl deshalb erlitt er vorhin im Wagen, nachdem wir Arthur und Quincey Morris beim Bahnhof abgeliefert hatten, einen hysterischen Anfall, obwohl er behauptet, es sei kein hysterischer Anfall gewesen. Jedenfalls weinte und lachte der Professor zur gleichen Zeit, so dass es ihn schüttelte. Ich war sehr streng zu ihm, wie man es auch bei hysterischen Frauen ist, aber er lachte und weinte immer weiter.

Als er etwas ruhiger wurde, versuchte er sich zu erklären: "Ach, John, glauben Sie nur nicht, ich sei nicht traurig, weil ich lache. Und glauben Sie nicht, dass ich traurig bin, wenn ich weine, denn ich lache ja zur gleichen Zeit. Und das echte Lachen, das kommt wie ein König. Es kommt, wann es will, auch wenn die Zeiten ungeeignet sind. Dieses Lachen ist wie Sonnenschein, die Spannungen lassen nach und wir können wieder von vorne beginnen. Ach John, um Arthur blutet mir das Herz. Er ist im gleichen Alter wie mein Sohn, der leider nicht mehr am Leben ist. Deshalb mag ich Arthur so. Es ist die Ähnlichkeit. Und das Lachen macht, das ich weitermachen kann."

Ich muss zugeben, dass ich seinen Ausführungen nicht folgen konnte. Ich wollte ihn nicht verletzen, musste ihn aber trotzdem fragen, was sein Lachen zu bedeuten habe. Der Professor wurde sehr ernst als er mir antwortete: "Ach, die grausame Ironie. Sie haben doch gesehen, wie blühend Lucy aussah, da in ihrem Sarg, umgeben von Blumen. Nun liegt sie in dem Marmorhaus, bei ihrer Mutter, dort draußen auf dem Friedhof. Alles war so traurig und feierlich. Lucy ist tot. Oder ist sie es vielleicht nicht?"

Ich starrte Van Helsing entsetzt an. "Professor! Was reden Sie denn da? Ich kann nichts Lächerliches an all dem finden. Arthur war nicht wirklich im Zweifel!" "Ich weiß. Sagte er nicht, dass die Bluttransfusionen sie zu seinem Weibe gemacht haben?" Ich zuckte mit den Schultern. "Das mag sein. Ich weiß es nicht mehr genau." Van Helsing sah mich an. "Und wenn es so ist, was ist dann mit den anderen Männern? Bin ich, dessen Weib schon lange tot ist, nun ein Bigamist? Auch wenn ich meinem Weibe immer die Treue gehalten habe?" Ich verstand den Professor nicht und auch nicht seine seltsam anmutenden Scherze. "Verzeihen Sie mir, John. Ich offenbare mich Ihnen nur, weil ich Ihnen trauen kann. Das Lachen kommt und das Lachen geht. Manchmal für eine lange Zeit, John. Ich weiß es!"

Nun kann ich also mein Tagebuch beschließen. Alles ist vorbei. Lucy ist tot, wir sind in alle Winde zerstreut. Werde ich je ein neues Tagebuch beginnen? Ich bin traurig und ohne Hoffnung, wenn ich nun schreibe "FINIS".

The Westminster Gazette am 25. September
Das Geheimnis von Hampstead
Eine Reihe von seltsamen Begebenheiten spielen sich zur Zeit in der Nachbarschaft von Hampstead ab. Mehrere Kinder liefen während der letzten Tage von zu Hause fort oder kamen nach dem Spielen nicht mehr nach Hause zurück. Alle Kinder waren so klein, dass sie nicht zuverlässig darüber Auskunft geben konnten, wo sie gewesen waren. Alle aber berichteten, sie hätten mit einer "blutigen Dame" gespielt. Man vermisste die Kinder immer spät abends und in zwei Fällen fand man die Kinder erst am nächsten Morgen. Es ist durchaus möglich, das alle Kinder die später verschwanden, das Kind, das als erstes verschwand und von der "blutigen Dame" berichtete, nur nachahmen. Inzwischen spielen die Kinder sogar untereinander "blutige Dame" und versuchen sich mit verschiedenen Listen wegzulocken.

Auf der anderen Seite haben diese Geschichten vielleicht aber doch einen ernsten Hintergrund. Es ist auffällig, dass die Kinder, die in der Nacht vermisst wurden, an der Kehle leichte Verletzungen haben. Die Wunden sehen aus wie kleine Bisswundes eines Tieres, etwa einer Ratte oder eines kleinen Hundes. Die Polizei hat nun in dieser Gegend ein besonders wachsames Auge auf herumirrende kleine Kinder und auch auf Hunde, die in dieser Gegend herumlaufen.

The Westminster Gazette am 25. September
Der Schrecken von Hampstead - Extrablatt
Heute morgen wurde wieder ein Kind, das in der letzten Nacht vermisst wurde, unter einem Ginsterbusch in der Nähe des Schießhügels, einem weniger bekannten Teil der Hampsteader Heide gefunden worden. Wie bei einigen Fällen zuvor, weist auch dieses Kind am Hals kleine, punktförmige Bisswunden auf. Es ist schrecklich schwach und abgezehrt. Wiederhergestellt berichtete auch dieses Kind von der "blutigen Dame", die es zu sich gelockt habe.

Dracula - Kapitel 14

Mina Harkers Tagebuch
23. September. Nach einer unruhigen Nacht geht es Jonathan schon viel besser. Er hat viel zu tun und darüber bin ich sehr froh. Die Arbeit lenkt seinen Geist ab und er bemüht sich sehr, den Anforderungen gerecht zu werden, die an ihn gestellt werden. Ich bin sehr stolz darauf, dass er - allem Schrecken zum Trotz - nun zu seiner alten Leistungsfähigkeit zurück gefunden hat und die Arbeit, die auf ihn zukommt, bewältigt. Er kann nicht einmal zum Lunch nach Hause kommen, so viel hat er zu tun. Ich dagegen habe meine Arbeiten alle erledigt. Ich werde nun sein Reisetagebuch nehmen und mich damit in mein Zimmer einschließen, um es zu lesen.

24. September. Oh, mein Gott! Was muss mein Jonathan gelitten haben! Ganz gleich, ob Wahrheit oder Einbildung, es muss das Grauen gewesen sein. Ob wohl ein Fünkchen Wahrheit darinnen steckt? Wann hat er diese Dinge geschrieben? Bevor er krank wurde oder danach? Ich werde es wohl nie erfahren, denn ich kann mit ihm nicht darüber sprechen. Nun aber haben wir diesen seltsamen Menschen gesehen. Dieser entsetzliche Graf ist hier in London. Was sagte Jonathan an unserem Hochzeitstag? "Nur wenn eine heilige Pflicht mich zwingen sollte die bitteren Stunden mir wieder zurückzurufen ..." Ist das hier vielleicht schon die heilige Pflicht? Was kann ich tun? Ich werde zunächst das Reisetagebuch, das ja im Stenogramm geschrieben ist, auf meiner Schreibmaschine übertragen. Dann haben wir es im Bedarfsfall für andere bereit. So kann ich auch vielleicht am Ende im Namen meines lieben Jonathans sprechen. Vielleicht wird Jonathan selbst mit mir über all das reden wollen.

Brief von Van Helsing an Frau Harker
24. September. Sehr verehrte Frau! Ich wende mich mit diesem vertraulichen Brief an Sie und Sie kennen mich insofern, als ich seinerzeit die traurige Nachricht vom Tode Ihrer Freundin Lucy sandte. Ich bitte um Verzeihung, dass ich Sie heute schon wieder behellige- Lord Godalming hat mich in den Stand gesetzt, Fräulein Lucys Briefe und Papiere zu lesen. Unter diesen Briefen waren auch einige von Ihnen. Ich schließe daraus, dass Sie mit Fräulein Lucy befreundet waren und sie lieb hatten. Liebe Frau Mina, um Lucys Willen beschwöre ich Sie, mir zu helfen. Es ist großes Unrecht geschehen und nun gilt es Leid zu verhindern, größeres Leid als Sie es sich vorstellen können. Wären Sie zu einem persönlichen Gespräch bereit?

Ich bin mit Dr. Seward und Lord Godalming (Lucys Arthur) gut befreundet. Dennoch muss die Sache einstweilen geheim gehalten werden. Wenn Sie mir die Erlaubnis erteilen, komme ich zu Ihnen nach Exeter, um Sie zu besuchen. Bitte verzeihen Sie nochmals, dass ich dieses Ansinnen an Sie stelle. Ich habe Ihre Briefe gelesen. Auch Ihr Gatte leidet, wenn ich Sie in den Briefen richtig verstanden habe. Klären Sie ihn bitte zunächst nicht auf, damit er nicht wieder krank wird. Ihr ergebener Van Helsing.

Mina Harkers Tagebuch
25. September. Ich habe Dr. Van Helsing telegrafiert. Er kommt noch heute mit dem Zug. Jetzt, da die Zeit immer näher rückt, merke ich, wie aufgeregt ich bin. Ob Van Helsing auch Licht in Jonathans düstere Geschichte bringen kann? Aber nein - er kommt ja wegen Lucy und nicht wegen Jonathan. Sein Reisetagebuch hat mich ganz in den Bann geschlagen und meine Fantasie schießt Kapriolen. Van Helsing hat Lucy in ihrer letzten Krankheit behandelt, also wird er mir einiges über sie berichten können. Sie muss wieder in die Gewohnheit des Schlafwandels verfallen sein, das arme Mädchen! Über meinen eigenen Angelegenheiten habe ich ganz vergessen, wie schlecht es Lucy schon in Whitby ging. Ich bin froh, dass ich mein Tagebuch ins Reine übertragen habe, so kann ich es Van Helsing aushändigen, wenn er etwas über Lucy wissen will. Jonathan ist unterwegs. Es ist das erste Mal, dass wir getrennt sein, seit wir verheiratet sind. Hoffentlich kann er sich von jeder Aufregung fernhalten.

Später. Van Helsing war hier und ist schon wieder fort. Alles war äußerst seltsam und in meinem Kopf dreht sich alles. Kann das alles wahr sein? Wenn ich Jonathans Tagebuch nicht gelesen hätte, hätte ich kein einziges Wort von dem geglaubt, was der Professor mir erzählte. Aber so ... Armer Jonathan, was musst du gelitten haben. Ich werde alles tun, um das Ganze von ihm fern zu halten, damit er sich nicht wieder so aufregen muss. Oder wäre es vielleicht besser für ihn, zu wissen, dass seine Augen und Ohren ihn damals nicht trogen? Dass alles so gewesen ist, wie er es aufgeschrieben hat? Vielleicht ist es ja der Zweifel, der ihn so quält und er wird ruhiger und gelassener, wenn er weiß, es ist alles wahr.

Van Helsing ist ein guter und kluger Mann. Ich glaube, wenn er morgen wiederkommt, werde ich ihn wegen Jonathan fragen. Vielleicht findet dann doch noch alles ein gutes Ende. Ich werde mich von nun an in der Praxis des Interviewens üben und alles, was wir gesprochen haben, möglichst wörtlich aufschreiben.

Van Helsing ist ein kräftig gebauter Mann von mittlerer Größe. Er hat einen breiten Brustkasten, einen schlanken Hals und einen fein geformten Kopf. Sein energisches Kinn ist glatt rasiert, der Mund breit und entschlossen, die Nase fein und gerade. Seine breite Stirn steigt steil an und fällt nach rückwärts über zwei weit auseinander stehende Ausbuchtungen, so dass sein rötliches Haar über die Schläfen und den Hinterkopf zurückfällt. Seine Augen sind blau und offen. Wir plauderten eine kleine Weile und ich fragte ihn, warum er mich zu sprechen wünsche.

"Verzeihen Sie, dass ich Ihre Briefe an Fräulein Lucy las, aber irgendwo musste ich beginnen. Sie waren mit ihr in Whitby. Sie führten zeitweise Tagebuch. Auch Fräulein Lucy führte ein Tagebuch, aber es setzt erst ein, nachdem Sie fort waren. Es war eine Nachahmung Ihres Tagebuchs. In Fräulein Lucys Tagebuch habe ich Eintragungen zu den Einflüssen gefunden, die sie zum Schlafwandeln brachten. Auch wird beschrieben, dass Sie einmal Lucy bei einer solchen Gelegenheit retteten. Ich bin über all das sehr bestürzt und bitte Sie daher, mir alles zu berichten, dessen Sie sich noch erinnern."

Ich lächelte den Professor an. "Ich kann Ihnen alles ganz genau berichten, denn ich habe seinerzeit alles aufgeschrieben. Ich kann Ihnen alles zeigen, wenn Sie es wünschen." Ich stand auf und holte mein Tagebuch. Natürlich zuerst das Stenogramm, denn ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, den Professor ein wenig zappeln zu lassen. Freudig griff er dach und begann zu lesen, aber gleich wurde sein Gesicht lang. "Sie sind eine kluge Frau, Frau Mina. Leider kann ich nicht stenografieren. Sie werden es mir vorlesen müssen." Da war mein kleiner Scherz zu Ende und ich fand es gar nicht mehr lustig. Rasch nahm ich also die mit Maschine geschriebene Kopie und gab sie Van Helsing.

"Verzeihen Sie mir", sagte ich. "Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen. Hier ist alles mit Maschine aufgeschrieben. Wenn Sie möchten, können Sie es jetzt lesen, während ich den Lunch anordne. Dann können Sie mich fragen und wir essen dabei." Van Helsing stimmte zu und ließ sich gemütlich in einem Sessel nieder. Ich ging hinaus und sah nach dem Lunch, aber hauptsächlich wollte ich ihn nicht stören. Als ich wieder in das Zimmer trat, ging Van Helsing erregt auf und ab. Er eilte auf mich zu und fasste mich bei den Händen.

"Oh, Frau Mina. Wie kann ich Ihnen für diesen Bericht danken? Er ist wie Sonnenschein und öffnet mir das Tor. Ach, Sie können es nicht verstehen, aber ich bin Ihnen so dankbar. Wenn ich je etwas für Sie oder die Ihrigen tun kann, lassen Sie es mich wissen. Ich werde tun, was in meiner Macht steht. Liebe Frau Mina, es gibt im Leben Licht und Schatten. Sie sind ein Licht! Ihr Leben wird gesegnet sein und Ihr Gatte hat es mit Ihnen gut getroffen." Ich wurde ein wenig rot. "Aber, Herr Van Helsing. Sie kennen mich doch gar nicht. Wie können Sie mich da so loben?"

"Natürlich kenne ich Sie! Ich bin alt und habe mein Leben lang Mann und Weib studiert. Das menschliche Gehirn ist mein Lebensstudium, alles was damit zusammenhängt und was daraus gefolgert wird. Ich durfte Ihre Briefe an Lucy und Ihr Tagebuch lesen. Ich weiß, dass Sie voller Güte sind. Sie und Ihr Gatte sind vornehme Naturen. Erzählen Sie mir von Ihrem Gatten. Geht es ihm gut? Ist das Fieber vollkommen vorbei? Ist er wieder stark und munter?" Van Helsing beugte sich interessiert zu mir hinüber. Ich berichtete von Jonathans Anfall in London, nach dem Begräbnis. "Ein Anfall? Ein neuerlicher Anfall von Nervenfieber?", fragte der Professor. "Nein, er glaubte jemanden zu erkennen, der eine schreckliche Erinnerung in ihm wachrief. Diese Erinnerung muss irgendwie mit dem Nervenfieber in Verbindung gestanden haben." Weiter konnte ich nicht sprechen, denn das Mitleid mit Jonathan und meine Sorge um ihn überfluteten mich. Ich warf mich weinend vor Van Helsing auf den Boden und flehte ihn an, er möge Jonathan helfen.

Van Helsing hob mich auf und setzte mich auf das Sofa. Er nahm meine Hände und redete sanft mit mir: "Mein Leben besteht nur aus Arbeit. Für Freundschaften hatte ich nie viel Zeit, aber seit mein Freund John mich hier geholt hat, weil er meiner Hilfe bedurfte, habe ich viele prächtige und liebenwerte Menschen kennen gelernt. Mehr denn je erkenne ich, dass ich älter werde und einsam bin. Sie sind eine gute Frau und ich bin froh, dass ich Ihnen einen Gefallen erweisen kann, denn das Leiden Ihres Gatten liegt im Bereich meiner Studien und Erfahrungen. Ich will tun, was ich kann, um Ihren Gatten wieder zum dem starken Menschen zu machen, der er einmal war. Lassen Sie uns nun essen. Sie sind sehr aufgeregt und ängstlich. Ihr Mann wäre nicht damit einverstanden, wenn Sie so bleich hier herum sitzen. Seinetwegen müssen Sie essen und lächeln. Wir werden auch nicht weiter über Fräulein Lucy sprechen. Es macht Sie nur traurig. Über Jonathans Leiden können wir sprechen, wenn Sie etwas gegessen haben."

Nach dem Lunch begaben wir uns in das Wohnzimmer. Van Helsing forderte mich auf, von Jonathan zu sprechen, aber ich kam mir wie eine Närrin vor mit den Geschichten aus dem Reisetagebuch. Van Helsing aber nahm mir meine Bedenken, in dem er erklärte, die Angelegenheit, die ihn zu mir geführt hätte, sei gleichermaßen seltsam. Er versicherte mir, dass er ohne Vorurteil und auf alles gefasst sei. Mir fiel eine Zentnerlast von der Seele und ich ging, um die Abschrift von Jonathans Reisetagebuch zu holen. Ich händigte ihm die Kopie aus und er versprach, morgen wieder zu kommen, sobald es seine Zeit erlaubte. Auch Jonathan wollte er morgen kennen lernen. Er verabschiedete sich freundlich und ging. Nun sitze ich und denke nach, ohne zu wissen, worüber.

Brief von Van Helsing an Frau Harker
25. September um 6 Uhr abends. Sehr verehrte Frau Mina, seien Sie unbesorgt! Ich habe das Tagebuch Ihres Gemahls gelesen und kann Ihnen versichern, dass jede Zeile der Wahrheit entspricht. Auch wenn es schrecklich sein mag, Sie und Ihren Mann kann es nun nicht mehr ängstigen. Ihr Mann ist ein vornehmer und starker Charakter. Niemand, der diese Mauer hinunter stieg um in das Zimmer zu gelangen - zweimal hinunter stieg - kann auf Dauer an einem Nervenleiden erkranken. Der Kopf und das Herz Ihres Gemahls sind in Ordnung. Vertrauen Sie mir. Ich bin darüber hinaus überglücklich, dass ich Sie beide heute noch sehen soll, ich habe so unendlich viel Neues erfahren, dass ich ganz verwirrt bin. Ich muss nachdenken! Ihr ergebenster Van Helsing

Brief von Frau Harker an Van Helsing
25. September um 6.30 Uhr abends. Lieber Professor, Sie nehmen eine Zentnerlast von meiner Seele. Aber was für entsetzliche Dinge hat Jonathan durchlitten, wenn seine Aufzeichnungen stimmen. Was für schreckliche Dinge gibt es auf dieser Welt. Und dieser grauenhafte Graf weilt nun tatsächlich in London! Ich habe Angst, daran zu denken. Jonathan aber wird erst spät heute Abend hier sein, so dass ich Sie frage, ob Sie nicht morgen mit uns das erste Frühstück gegen 8 Uhr einnehmen wollen, wenn Ihnen das nicht zu früh ist. Sie brauchen nicht zu antworten. Wenn ich nichts von Ihnen höre, erwarte ich Sie morgen zum Frühstück. Ihre ergebene und dankbare Freundin Mina Harker.

Jonathan Harkers Tagebuch
26. September. Die Zeit ist gekommen, dass ich meine Aufzeichnungen fortsetze, auch wenn ich nicht geglaubt habe, dass ich jemals wieder in dieses Tagebuch schreiben werde. Als ich gestern Abend heimkam, erzählte mir Mina nach dem Essen von Van Helsings Besuch. Sie hat ihm unser beider Tagebücher mitgegeben und der Professor hat bestätigt, dass alles was ich gesehen und notiert habe, wahr gewesen ist. Diese Nachricht hat einen neuen Menschen aus mir gemacht. Zweifelte ich vorher an meinen Sinnen und an meinem Verstand, sehe ich nun klar und fürchte mich auch nicht mehr, nicht einmal mehr vor dem Grafen. Wie er es beabsichtigt hat, ist er nach London gekommen. Er war es, den ich in der Stadt sah. Wie aber ist es zu dieser Verjüngung gekommen? Ich bin sicher, dass Van Helsing das Rätsel lösen kann, wenn er nur im Entferntesten der Beschreibung entspricht, die Mina von ihm gegeben hat. Gleich werde ich ihn in seinem Hotel abholen, während Mina sich noch ankleidet.

Die Begegnung mit Van Helsing war bemerkenswert. Als ich in sein Hotelzimmer trat, um ihn abzuholen, nahm er mich bei den Schultern und drehte mein Gesicht ins Licht. Er sah mich lange aufmerksam an und sagte dann: "Frau Mina hat erzählt, Sie wären schwer krank und hätten einen Nervenschock erlitten." Ich fand es bezaubernd, dass dieser alte Herr von meiner Frau als "Frau Mina" sprach. Ich lächelte also und antwortete: "Ich war krank und hatte einen Nervenschock. Sie aber, lieber Dr. Van Helsing haben mich bereits geheilt. Sie haben mir die Zweifel genommen, mit denen ich mich seit meiner Rückkehr aus Transsylvanien herumschlage. Sie haben mir mein Selbstvertrauen wieder gegeben. Alles was ich gesehen habe, ist wahr. Das weiß ich jetzt. Sie ahnen nicht, was es heißt, an allem zu zweifeln!"

Van Helsing lachte ein wenig. "Es wird mir eine Freude sein, noch mehr über Sie zu erfahren, wenn wir gemeinsam frühstücken. Und gestatten Sie mir, dass ich Ihre Frau als einen wahren Engel bezeichne. Sie ist eine gute Frau, eine, die von Gott gesandt ist. Sie ist selbstlos, treu, zärtlich und edel. Ich kenne Sie schon aus Ihren Briefen und Ihre wahre Persönlichkeit kenne ich nun seit heute Nacht. Wollen Sie mir Ihre Hand geben? Dann sind wir Freunde ein Leben lang." Tagelang hätte ich ihm zuhören können, wie er meine Mina lobte und so drückten wir uns die Hände und waren ganz still.

Nach einer Weile fuhr Van Helsing fort: "Wir haben eine große Aufgabe vor uns und ich bitte Sie jetzt gleich mir mitzuteilen, ob ich auf Ihre Hilfe rechnen kann. Sie können viel zur Lösung des Problems beitragen. Was ging Ihrer Reise nach Transsylvanien voraus? Diese Auskunft wird mir zunächst reichen, wenn ich auch später noch um andere Mithilfe bitten werde." "Betrifft das, was Sie vorhaben, den Grafen?", fragte ich den Professor. Er nickte feierlich: "Es betrifft ihn." "Dann gehöre ich Ihnen, mit ganzem Herzen und allem Verstand. Ich werde Ihnen ein Bündel Papiere geben, das Sie auf Ihrer kommenden Reise studieren können." Nach dem Frühstück begleitete ich ihn zum Bahnhof. Wir verabschiedeten uns freundschaftlich und Van Helsing fragte: "Wenn ich Sie darum bitte, werden Sie dann zu mir in die Stadt kommen und auch Ihre Gattin mitbringen?" Ich versprach ihm, dass wir zu ihm kommen würden, wann immer er es wünsche.

Ich gab ihm die Morgenzeitung und die Nachrichten vom Abend zuvor- Van Helsing stieg ein und wir plauderten am Fenster noch eine Weile und warteten auf die Abfahrt des Zuges. Van Helsing sah die Zeitungen flüchtig durch und sein Blick blieb an einer Schlagzeile der "Westminster Gazette" hängen. Er erbleichte und flüsterte: "Oh, mein Gott. So früh schon? So früh?" Er hatte mich völlig vergessen und ich kam ihm erst wieder zu Bewusstsein, als der Zug mit einem leisen Rucken anfuhr. Er fasste sich, drückte meine Hand ein letztes Mal und trug mir auf, Mina noch einmal herzlich zu grüßen. Dann war er fort.

Dr. Sewards Tagebuch
26. September. Nichts ist in diesem Leben sicher, nicht einmal das Ende. Noch vor einer Woche schrieb ich FINIS unter meine Aufzeichnungen und nun sitze ich erneut hier und fahre in meiner Chronik fort. Ich hatte bis heute Nachmittag keine Gelegenheit darüber nachzudenken, was geschehen ist. Renfield ist wieder beim Fliegenfang und vernünftiger als bisher. Dass er wieder zum Spinnenfang übergeht, machte er mir kein Kopfzerbrechen. Aus Arthur Brief entnehme ich, dass er sich auf dem Wege der Besserung befindet und daran hat auch sicher Quincey Morris seinen Anteil, der Arthur mit seinem Humor aufzuheitern versteht. Und ich selbst ging mit Enthusiasmus an die Arbeit, so dass ich glaubte sagen zu können, die Wunden, die das Schicksal der armen Lucy bei uns allen geschlagen hat, beginnen zu vernarben.

Nun aber ist Van Helsing mit einer Meldung der "Westminster Gazette" hier angekommen und die Wunden reißen wieder auf. In der Meldung ist die Rede von vermissten Kindern, die, wenn sie wieder aufgefunden wurden, punktförmige Wunden an der Kehle aufwiesen. Als ich die Meldung las, schoss mir ein Gedanke durch den Kopf. Ich sah Van Helsing an. "Es ist ähnlich wie bei Lucy." Van Helsing nickte. "Und was halten Sie davon?" "Es ist möglich, dass alle diese Fälle auf die gleiche Ursache zurückzuführen sind. Was Lucy verletzt hat, hat auch die Kleinen verletzt." Van Helsing erwiderte nicht ganz klar: "Das trifft nur indirekt, nicht aber direkt zu." Ich hob die Schultern und sah in fragend an.

"John", sagte Van Helsing gütig, "wollen Sie mir weismachen, dass Sie keine Ahnung haben, woran Lucy gestorben ist? Ich habe so viele Andeutungen gemacht und Sie waren schließlich dabei!" "Nun, Professor, sie starb an nervöser Erschöpfung infolge großen Blutverlusts oder Blutzersetzung." "Das ist richtig, John, aber was ist an dem Blutverlust schuld gewesen?" Wieder hob ich fragend die Schultern. "Sie sind ein heller Kopf, John. Aber trotz Ihres scharfen Verstandes stecken Sie zu tief in Vorurteilen. Was nicht sein kann und nicht sein darf, das ist auch nicht, richtig? Ihre Augen und Ohren nehmen nur das wahr, was innerhalb Ihres täglichen Lebens liegt. Aber es gibt mehr Dinge, John. Dinge, die wir nicht verstehen, alte und neue Dinge, John. Unsere Wissenschaft ist bestrebt, alles zu erklären. Wenn sie es nicht kann, dann behauptet sie, es gäbe nichts zu erklären. Wir sehen jeden Tag neue Strömungen, die in Wahrheit alt sind und nur vorgeben, neu zu sein. Glauben Sie an körperliche Verwandlungen? Oder an die Materialisation? Nein? Oder an den Astralkörper? Das Gedankenlesen? An Hypnotismus?"

"Daran schon", warf ich ein. "Charcot hat das zur Genüge bewiesen." Van Helsing lächelte. "Dann sind Sie damit zufrieden? So sind Sie also im Stande, den Gedanken des großen Charcot zu folgen und in der tiefsten Seele derer zu lesen, die unter seinem Einfluss stehen? Schade, dass Charcot nicht mehr lebt. Ich muss annehmen, dass Sie ihn einfach als Tatsache hingenommen haben, ohne zu sehen, dass zwischen der Prämisse und der Schlussfolgerung eine beachtliche Lücke klafft. Und wenn Sie an den Hypnotismus glauben, wie können Sie dann die Gedankenübertragung verleugnen? Es gibt überall Geheimnisse, John. Methusalem wurde 900 Jahre alt. Warum konnte die liebe Lucy mit dem Blut von vier starken Männern nicht einen Tag länger leben? Wir hätten sie retten können, wenn sie nur einen Tag länger gelebt hätte. Kennen Sie alle Geheimnisse von Tod und Leben? Können Sie erklären, warum einige Spinnen frühzeitig und klein sterben, während eine Spinne im Turm einer spanischen Kirche Jahrhunderte lang lebte? Sie war schließlich so groß, dass sie sich an ihrem Faden herab lassen und das Öl der ewigen Lichter austrinken konnte. Warum also gibt es in den Pampas und anderswo Fledermäuse, die in der Nacht über Pferde und Kühe herfallen und ihnen das Blut aussaugen? Bis zum letzten Tropfen? Diese Fledermäuse gibt es auch auf einigen Inseln im Ozean, wo sie am Tag wie Früchte an den Bäumen hängen und in der Nacht, wenn Matrosen auf den Schiffen wegen der Hitze an Deck schlafen, herunter flattern. Am Morgen findet man dann tote Männer, weiß und blutleer wie Fräulein Lucy."

Ich erschrak. "Professor! Sie wollen nicht andeuten, dass eine solche Fledermaus Lucy das Leben nahm und dass es solche Kreaturen im heutigen London gibt?" Van Helsing gebot mir Stillschweigen und fuhr fort: "Können Sie mir sagen, warum es zu allen Zeiten und überall auf der Welt den Glauben gab, dass Einzelne immer weiterleben, wenn es ihnen gegeben ist? Dass es Männer und Frauen gibt, die nicht sterben können? Wir wissen von den Kröten, die Tausende Jahre eingeschlossen in ihren Höhlungen lebten. Können Sie mir das erklären?" Ich hatte das unbestimmte Gefühl, dass der Professor mir eine Lektion erteilen wollte, wie früher in seinem Studierzimmer. "Herr Professor, sagen Sie mir die Thesis, so kann ich Ihren Ausführungen eher folgen. Im Moment fühle ich mich wie einer, der sich bei Nebel im Sumpf verlaufen hat."

"Die Thesis ist: Sie sollen glauben." "An was soll ich glauben, Professor?" "An Dinge, an die Sie nicht glauben. Haben Sie keine Vorurteile. Glauben Sie nicht, dass wir alle Weisheit der Welt besitzen." "Wenn ich Sie richtig verstanden habe, wünschen Sie also, dass die Aufmerksamkeit meines Verstandes nicht durch ein vorgefasstes Urteil in Bezug auf einige seltsame Vorkommnisse beschränkt sei?" "John, Sie sind noch immer mein begabtester Schüler. So haben Sie auch schon den ersten Schritt zum Verständnis getan. Sie glauben also auch, dass die Wunden an den Kehlen der Kinder von demselben Wesen herrühren wie die Wunden an Lucys Hals?"

Ich nickte. Van Helsing stand auf und sah mich ernst an. "Da liegen Sie falsch, John. Ich wünschte, es wäre so. Aber es ist schlimmer. Viel schlimmer." Ich rief: "Um Gottes Willen, Professor. Was soll das heißen?" "Nun, John, es war Lucy, die diese Wunden hervorbrachte!"

Dracula - Kapitel 15

Dr. Sewards Tagebuch - Fortsetzung
Ein heißer Zorn erfasste mich. War der Professor denn von Sinnen? Ich sprang auf und schlug auf den Tisch. "Ruhig, John", brummte Van Helsing. "Ich weiß, Sie denken, ich wäre wahnsinnig. Und ich wäre es auch lieber, denn Wahnsinn ist manchmal leichter zu ertragen als die Wahrheit, die in diesem Falle wirklich schrecklich ist. Glauben sie mir, John. Ich will Sie nicht quälen. Ich will auch Lucy nichts Böses nachsagen. Ich weiß, dass Sie sie geliebt haben. Umso grausamer ist die Wahrheit für Sie. Sie müssen mir glauben. Ich werde Ihnen heute Abend den Beweis liefern, wenn Sie mich begleiten. Werden Sie kommen?" Ich zögerte.

"John, wenn ich Unrecht habe, ist der Beweis eine Erlösung. Und schaden kann es in keinem Fall. Schlimm wird es nur für uns, wenn ich Recht habe. Ich erzähle Ihnen nun meinen Plan. Wir gehen ins Spital und besuchen das Kind, das unter dem Ginsterbusch gefunden wurde. Ich bin mit dem behandelnden Arzt befreundet, so dass wir Zutritt zu dem Kinde erhalten werden. Wir sind einfach Wissenschaftler, die studienhalber da sind." "Und dann?", fragte ich skeptisch. "Dann werden wir die Nacht auf dem Friedhof verbringen. Ich habe hier den Schlüssel zu Lucys Grab. Der Friedhofswärter übergab ihn mir. Er ist für Arthur."

Ich starrte den Professor an und fühlte, dass etwas Entsetzliches auf mich zukam. Ich ließ mir aber nichts anmerken und eilte mit dem Professor zu dem Kinde. Die Zeit drängte, denn der Abend stand bevor. Wir fanden das Kind wach, es hatte gegessen und es ging ihm recht gut. Dr. Vincent, der Freund von Van Helsing, zeigte uns die Wunden am Hals des Kindes. Sie sahen aus wie die Wunden, die Lucy an der Kehle gehabt hatte. Dr. Vincent vermutete, dass ein Tier das Kind gebissen habe. Eine Ratte vielleicht oder eine Fledermaus, eine, die von den Segelschiffen aus den südlichen Ländern eingeschleppt worden war. So etwas könne vorkommen. Erst vor zehn Tagen sei ein Wolf ausgebrochen. Die Kinder hätten daraufhin nur noch "Rotkäppchen" gespielt. Nun allerdings, nach den Vorkommnissen mit den vermissten Kindern, würden alle nur noch "blutige Dame" spielen. Und auch dieses Kind hier habe den Wunsch geäußert fort gehen zu dürfen, um mit der "blutigen Dame" zu spielen.

"Legen Sie den Eltern der Kleinen ans Herz, sie nicht aus den Augen zu lassen. Sollte das Kind noch einmal über Nacht ausbleiben, könnte das schlimme Folgen haben. Es wird doch nicht demnächst entlassen?" "Nein, eine Woche wird es wohl noch hier bleiben müssen, zumindest bis die Bisswunden verheilt sind", erwiderte Dr. Vincent, als er Van Helsing die Hand zum Abschied gab. Van Helsing nickte und wir verließen das Spital. Draußen war es schon dunkel und der Professor schlug vor, zunächst noch etwas zu essen und so ließen wir uns denn in "Jack Straws Castle" nieder und speisten zu Abend.

Gegen zehn Uhr verließen wir die Gastwirtschaft und der Professor ging zielstrebig durch die Straßen, bis wir schließlich vor der Friedhofsmauer standen. Wir stiegen über die Mauer und fanden mit Mühe die Gruft der Westenraa. Van Helsing zog den Schlüssel aus der Tasche und öffnete die quietschende Tür. Beklommen traten wir ein und Van Helsing schloss die Tür hinter uns, nicht ohne zu prüfen, wie wir die Tür im Notfalle wieder öffnen konnten. Van Helsing zündete eine Kerze an und wir sahen uns um. Schon am Tage der Beerdigung hatte die Gruft unheimlich und grauenvoll ausgesehen, obwohl sie mit Blumen geschmückt war. Nun aber, einige Tage nach der Beerdigung, waren die Blumen fahl und verwelkt. Schlaff lagen sie auf den Särgen und vermittelten den Eindruck von Fäulnis und Verfall.

Van Helsing hatte für die toten Blumen, die krabbelnden Käfer und Spinnen keinen Blick. Systematisch leuchtete er mit seiner Kerze in der Gruft herum, bis er Lucys Sarg gefunden hatte. Dann zog er einen Schraubenschlüssel aus der Tasche. "Was haben Sie vor?", flüsterte ich, denn ich traute mich nicht, lauter zu sprechen. "Ich muss den Sarg öffnen", erklärte Van Helsing. Er zog die Schrauben hervor und hob den Deckel ab. Darunter wurde der Bleisarg sichtbar. Fast war mir der Anblick unerträglich und ich fiel dem Professor in dem Arm, um ihm Einhalt zu gebieten. "Lassen Sie mich", sagte der Professor ruhig und trieb den Schraubenzieher durch das Blei. Es entstand ein Loch, das eben groß genug war, um eine kleine Säge einzulassen. Ich wartete auf den Geruch der Verwesung, der aus dem Sarg austreten musste und zog mich bis zur Türe zurück. Van Helsing sägte unbeirrt ein großes Loch in den Sarg und schlug den entstandenen Ausschnitt zurück. Mit der Kerze fuhr er in den Sarg. Ich trat näher und sah ebenfalls in den Sarg. Er war leer.

Ich erschrak furchtbar, Van Helsing aber schien genau das erwartet zu haben. "Sind Sie zufrieden?", fragte er mich. "Dass Lucys Körper hier nicht liegt, beweist nur, dass der Köper nicht hier ist", antwortete ich störrisch und etwas kindisch. "Das ist logisch", versetzte Van Helsing. "Aber wie erklären Sie sich, dass er nicht hier ist?" "Leichenräuber?", hielt ich ihm entgegen und merkte selber, wie lächerlich meine Einwendungen waren. Van Helsing seufzte. "Nun gut. Wir brauchen noch einen Beweis. Folgen Sie mir." Er schloss den Sarg, packte seine Sachen ein und wir verließen die Gruft. Er schloss die Tür wieder ab und reichte mir den Schlüssel. "Nehmen Sie ihn, Sie haben dann mehr Sicherheit." "Was ist schon ein Schlüssel, Professor. Es könnte Duplikate geben." Der Professor antwortete nicht, sondern steckte den Schlüssel selbst in die Tasche. Dann gab er mir den Auftrag, auf der einen Seite des Friedhofes zu wachen, während er auf der anderen Seite wachen wollte.

Es war kalt und unheimlich. Die Uhr schlug zwölf, dann eins und schließlich zwei. Ich fror und war ärgerlich. Was taten wir hier? Ich veränderte meine Position, weil meine Beine einzuschlafen drohten, da sah ich es! Etwas Weißes huschte über den Friedhof. Der Professor kam aus seinem Versteck hervor und auch ich stolperte los. In der Ferne ließ ein Hahn seinen Schrei ertönen. Die weiße Gestalt huschte auf das Grab der Westenraa zu. Einige Bäume versperrten mir die Sicht und ich hörte etwas an der Stelle, an der ich das Gespenst zum ersten Mal gesehen hatte. Es war Van Helsing! In seinen Armen hatte er ein kleines Kind. "Glauben Sie mir nun?" "Nein!", antwortete ich trotzig und verletzend. "Ich sehe ein Kind, aber wer hat es hierher gebracht? Ist es verletzt?" Van Helsing untersuchte es und verneinte. "Ich wusste es", rief ich triumphierend. "Das heißt nur, dass wir rechtzeitig hier waren, John."

Wir mussten nun überlegen, was mit dem Kind geschehen sollte. Wir wollten es nicht bei einer Polizeistation abliefern. Sonst hätten wir erklären müssen, wo wir es gefunden hatten und was wir auf dem Friedhof taten. Wir beschlossen, auf der Straße auf einen Polizisten zu warten und das Kind dann so hinzulegen, dass er es nicht übersehen konnte. Wir setzten unseren Plan sofort in die Tat um und machten uns davon, sobald wir sicher waren, dass das Kind gefunden worden war. Wir eilten nach Hause, aber ich kann nicht schlafen und mache deshalb diese Aufzeichnungen. Gegen Mittag will Van Helsing mich wieder abholen. Er besteht darauf, dass ich an einer weiteren Expedition teilnehme.

27. September. Erst gegen zwei Uhr fanden wir eine günstige Gelegenheit, unser Vorhaben auszuführen. Wir mussten ein Begräbnis abwarten und hatten uns hinter einer Baumgruppe versteckt gehalten. Als nun die letzten Nachzügler den Friedhof verließen und der Friedhofswärter hinter sich das Gitter absperrte, waren wir sicher, dass wir bis morgen früh freie Hand haben würden. Ich fühlte mich wieder sehr beklommen. Den Sarg eines Mädchens zu öffnen, das nun schon eine Woche tot war, war eine Sache. Den Sarg ein zweites Mal zu öffnen, obwohl wir wussten, dass dieser leer war, eine andere. Van Helsing nahm den Schlüssel und öffnete wie am Tag zuvor die Gruft. Der Ort kam mir nicht mehr so grauenhaft vor wie in der Nacht, er machte mich nur sehr traurig.

Van Helsing ging zielstrebig auf Lucys Sarg zu und schlug das ausgeschnittene Blei zurück. Ich war ihm einigermaßen gelangweilt gefolgt und zuckte nun unter einem entsetzlichen Schreck zusammen. Lucy lag in dem Sarg. Wie am Tage ihrer Beerdigung sah sie entzückend aus, wohlmöglich, dass sie noch schöner geworden war. Ihre Lippen waren rot, röter, als sie je zu Lebzeiten gewesen waren. Auf ihren süßen Wangen war ein rosiger Schimmer zu sehen. "Ist das ein Trick?", fragte ich den Professor. "Sind Sie nun überzeugt?", gab er zurück und zog Lucys Oberlippe empor, so dass ich ihre spitzen Eckzähne sehen konnte. Ich schauderte voller Grauen. "Mit diesen Zähnen können die Kinder gebissen worden sein. Glauben Sie nun?" Mein lächerlicher Widerspruchsgeist regte sich und ich sagte: "Sie könnte ja heute Nacht wieder hierher gebracht worden sein." "John! Wer soll das getan haben?" "Irgendjemand. Was weiß ich." Ich schämte mich, aber ich konnte einfach nicht glauben, was ich sah. "John, sie ist schon eine Woche tot. Die meisten Leichen sehen nach dieser Zeit nicht mehr so aus!" Darauf hatte ich keine Antwort. Ich war selbst verwirrt, dass die tote Lucy so schön war.

Van Helsing sah sich Lucy ganz genau an. "Wir haben hier etwas Ungewöhnliches vor uns, John. Lucy wurde in Trance von einem Vampir gebissen. So konnte er am Besten ihr Blut trinken. Sie starb in Trance. Und nun liegt sie hier als Untote in Trance. Das unterscheidet sie von den anderen. Wenn die Untoten schlafen, zeigt ihr Gesicht das an, was sie wirklich sind. Aber schauen Sie sich Lucy an. Wenn sie nicht untot ist, kehrt sie in die Form einer gewöhnlichen Toten zurück. Es liegt nichts Boshaftes um ihre Augen. Es tut mir so leid, sie in ihrem Schlaf stören zu müssen." Bei seinen Worten überlief es mich kalt und ich begann zum ersten Mal, Van Helsings Vorhaben zu begreifen. Er musste mein Minenspiel beobachtet haben, denn er fragte: "Glauben Sie nun?" Ich schluckte. "Drängen Sie mich nicht, Professor. Aber ich glaube, ich kann Ihnen langsam folgen. Wie werden Sie Ihr blutiges Werk vollbringen?"

"Nun, John, wir müssen ihr der Kopf abschneiden und ihren Mund mit Knoblauch füllen. Zuletzt müssen wir ihr einen Pfahl durch das Herz treiben." Mich erfasste Grauen und unendliche Traurigkeit. Ich sollte das Mädchen, das ich einst geliebt hatte, auf so schreckliche Art verstümmeln? Dann aber fühlte ich auch die leise Abscheu, die ich mittlerweile in Lucys Gegenwart empfand, die Gegenwart einer Untoten. Meine Liebe war dabei, in Hass und Grauen umzuschlagen. War so etwas möglich? Ich wartete darauf, dass Van Helsing beginnen würde, aber er stand nur still da und schwieg. Plötzlich ließ er das Schloss seines Koffers zuschnappen.

"So einfach ist es wohl doch nicht. Wenn es nach mir ginge, würde ich es gleich hier zu Ende bringen. Aber es müssen noch andere Dinge bedacht werden. Lucy hat bisher niemanden getötet, auch wenn sie die Gelegenheit dazu gehabt hätte. Wir brauchen Arthur, obwohl ich nicht weiß, wie ich ihm das Ganze erklären soll. Wenn schon Sie John, mir bis zuletzt nicht glaubten, wie soll es Arthur tun, der sie doch heiraten wollte? Als ich ihn von seiner sterbenden Braut wegriss, sah ich die Zweifel in seinen Augen. Er misstraute mir. Er könnte denken, dass ich seine Braut habe lebendig begraben lassen. Aber wir können nichts anderes tun. Er braucht Gewissheit, um Ruhe zu finden. Er muss durch die bitteren Wasser, wenn er die Süßen kosten will. Ich bin zu allem bereit."

Van Helsing schien nun einen Entschluss gefasst zu haben. "Sie kehren in Ihre Anstalt zurück, John und sehen dort nach dem Rechten. Ich werde die Nacht auf dem Friedhof verbringen, ich habe hier noch einiges zu tun. Holen Sie mich bitte morgen Abend um zehn Uhr im Berkeley-Hotel ab. Ich werde Arthur und den jungen Amerikaner bitten, ebenfalls zu erscheinen. Und nun rasch. Bis Picadilly fahre ich mit Ihnen. Dort werde ich etwas essen aber ehe die Sonne untergeht, muss ich wieder hier sein." Wir schlossen das Grab ab und fuhren nach Picadilly.

Notiz von Dr. Van Helsing für Dr. John Seward, im Handkoffer zurückgelassen
27. September. Lieber Freund John! Ich gehe nun zum Friedhof, um meine Studien zu treiben. Ich habe mir vorgenommen, Lucy heute nicht aus Ihrem Grabe zu lassen, damit sie morgen umso gieriger ist. Diese Notiz schreibe ich, falls mir bei diesem Vorhaben etwas zustößt. Ich werde Knoblauch und Kruzifix vor die Grabtür legen, diese Gegenstände lieben Untote nicht sehr. Da sie noch wenig Erfahrung als Untote hat, gehe ich davon aus, dass sie sich abschrecken lassen wird. Dies hilft allerdings nur, um zu verhindern dass sie fortgeht. Ihren Rückweg könnte ich mit solchen Dingen nicht verhindern. Untote können ziemlich rabiat werden.

Vor Fräulein Lucy fürchte ich mich nicht, aber ich muss an jenen denken, der sie zu dem machte, was sie nun ist. Er hat nun Zutritt zu ihrem Grab und er ist stark. Schlau ist er ebenfalls, das haben wir in jenem Spiel gemerkt, bei dem Lucys Leben der Einsatz war und das wir verloren haben. Die Untoten haben auch körperliche Kraft, sogar unsere Kraft, die wir für Lucy gaben, nennt er nun sein eigen. Er verfügt über die Wölfe und über anderes Getier. Sollte er heute Nacht kommen, wird er auf mich treffen. Ich halte es zwar für unwahrscheinlich, aber man kann nie sicher sein. Sollte mir also etwas zustoßen, nehmen Sie die Papiere, auch Harkers Tagebuch und lesen Sie sie. Dann gehen Sie auf die Suche nach dem großen Untoten. Wenn Sie ihn finden, schneiden Sie ihm den Kopf ab, verbrennen sein Herz oder durchbohren es mit einem Pfahl, damit die Welt Ruhe hat. Leben Sie wohl, wenn es denn sein müsste. Van Helsing

Dr. Sewards Tagebuch
28. September. Eine Nacht ungestörten Schlafes hat einen neuen Menschen aus mir gemacht. Gestern war ich so erschöpft, dass ich fast Van Helsings verrückten Ideen Glauben geschenkt hätte. Aber jetzt im hellen Tageslicht, sieht alles anders aus. Van Helsing selbst glaubt wohl daran. Aber es muss irgendeine natürliche Erklärung für all die mysteriösen Dinge geben. War vielleicht der Professor selbst der Täter? Hat er unter dem Zwang einer fixen Idee gehandelt? Ich kann es mir eigentlich nicht vorstellen. Trotzdem werde ich Van Helsing gründlich beobachten. Es muss doch Licht in diese verworrene Geschichte zu bringen sein!

29. September. Morgens.- Arthur und Quincey kamen, wie angekündigt, kurz vor zehn Uhr in Van Helsings Zimmer. Van Helsing sprach mit uns, richtete aber sein Hauptaugenmerk auf Arthur. Er sprach von einer schweren Aufgabe und der Hoffnung, dass wir alle ihn begleiten würden. Dann fragte er Arthur, ob dieser über den Brief erstaunt gewesen sei. "Allerdings", antwortete Arthur, der jetzt den Titel Lord Godalming führte. "Ihr Brief regte mich sehr auf. Zu viel Unglück habe ich in der letzten Zeit durchlitten. Ich kann auf Weiteres gern verzichten. Und doch haben Sie mich neugierig gemacht, Professor. Quincey und ich versuchten uns einen Reim darauf zu machen, aber wir wurden immer verwirrter."

Van Helsing warf einen Blick auf mich und sagte: "Auch John, kann sich noch keinen Reim auf alles machen." Er musste gesehen haben, dass ich wieder in meine skeptische Haltung zurück gefallen war. Dann sprach er weiter: "Ich bitte Sie, mir zu erlauben, heute Nacht alles zu tun, was ich tun muss. Es ist viel verlangt, dass weiß ich. Und es wird nur noch mehr werden, wenn Sie wissen, um was es geht. Deshalb muss ich Sie auffordern, mir blindlings zu vertrauen und die Erlaubnis ebenso blind auszusprechen. Ich bin mir bewusst, dass Sie mir vielleicht hinterher eine Zeitlang zürnen."

Quincy und Lord Godalming wechselten einen Blick. "Ich stehe für den Professor ein", sagte Quincey. Dann sprach Arthur: "Ich liebe es nicht, 'die Katze im Sack' zu kaufen, Van Helsing. Ich kann Ihnen dieses Versprechen nur bedingt geben, denn wenn Sie etwas tun, was meiner Ehre als Edelmann oder meinem christlichen Glauben zuwider läuft, muss ich es zurücknehmen. Wenn Sie mir versichern, dass Sie weder das eine noch das andere verletzen, gebe ich Ihnen meine Zustimmung, auch wenn ich nicht verstehe, wohin das alles führen soll." Van Helsing bedankt sich bei Quincey und nahm die einschränkenden Bedingungen des Lords an.

"Alles was ich von Ihnen verlange ist, dass Sie erst über meine vielleicht verdammungswürdigen Handlungen nachdenken und sie genau prüfen, ob sie im Widerspruch mit Ihren Anschauungen stehen. Und darum bitte ich Sie nun, mit mir zu kommen. Wir gehen auf den Friedhof von Kingstead, und zwar im Geheimen." Arthur erbleichte. "Was wollen wir dort?" Van Helsing antwortete: "Wir steigen in die Gruft und öffnen den Sarg." Arthur rang nach Luft. "Herr Professor. Das ist kein Scherz! Zu allen Dingen, die auch nur den Schein von Vernunft haben, bin ich bereit, aber die Schändung des Grabes von Lucy ..." Er sah den Professor hilflos an.

"Ich kann es Ihnen nicht ersparen. Es tut mir leid." Van Helsing war voller Mitleid. "Aber wenn wir nicht tun, was zu tun ist, muss die, die Ihr geliebt habt, für immer durch Dornen wandeln und durch das Feuer der Hölle gehen. Hören Sie mich an meine Herren. Sie glauben, Fräulein Lucy ist tot. Dann kann ihr ja nichts geschehen. Aber wenn sie nicht tot sein sollte -" Arthur sprang auf und unterbrach Van Helsing. "Was reden Sie denn da? Ist sie etwa lebendig begraben worden?" Er stöhnte vor Angst. "Ich habe nicht gesagt, dass sie lebt", entgegnete Van Helsing. "Ich habe gesagt, dass sie vielleicht nicht tot ist." "Was macht das für einen Unterschied?", rief Arthur. "Wir sind einem großen Geheimnis auf der Spur, meine Herren, eines, das nur das Wissen von Jahrhunderten aufklären kann. Aber ich habe noch nicht geendet. Lord Godalming, darf ich Lucy das Haupt abschneiden?"

Arthur sprang entsetzt auf. "Nein!", schrie er. "Niemals erlaube ich, dass Ihr den Leichnam verstümmelt. Warum tut Ihr das? Warum quält Ihr mich und meine Lucy so sehr? Und fragt nicht weiter. Ich verweigere jede Zustimmung, egal, was Sie tun wollen. Sie wollen Ihre Grabesruhe stören und da sei Gott vor." Van Helsing erhob sich nun ebenfalls und führte ruhig aus: "Lieber Lord, dann ist alles worum ich Sie zunächst bitte, kommen Sie mit und hören und sehen Sie. Ich werde Ihnen später dieselbe Frage wieder stellen. Vielleicht werden Sie dann noch mehr als ich wollen, dass getan wird, was getan werden muss. Und wenn nicht, dann werde ich es trotzdem tun, Ganz gleich, wie Sie dazu stehen. Ich werde mich allerdings zu Ihrer Verfügung halten, damit Sie mit mir abrechnen können, wann immer Sie es wünschen." Van Helsings Stimme versagte einen Moment. Aber er fuhr fort:

"Gehen Sie jetzt nicht im Zorn von mir. Ich habe schon oft schwere Pflichten erfüllt, aber diese hier zerreißt mir das Herz. Als Lucy noch lebte, habe ich alles versucht, um das Leid von ihr abzuwenden. Es ist mir nicht geglückt. Also muss ich nun das tun, was getan werden muss. Denken Sie nach, meine Herren. Warum füge ich mir selbst Schmerz zu? Warum mache ich mir diese Arbeit? Warum komme ich aus dem fernen Amsterdam? Und warum gebe ich - wie Sie alle - mein Blut für dieses Mädchen? Ich habe sie lieb gehabt, wie jeder von Ihnen auch. Ich wachte Tag und Nacht bei ihr und wenn mein Tod etwas nützen würde, und sie dadurch keine Untote mehr sein müsste, würde ich auch mein Leben für sie geben." Arthur war von dieser ernsten, leidenschaftlichen Rede ergriffen. Er nahm Van Helsings Hand. "Professor, es ist hart daran zu denken und was Sie sagen, verstehe ich nicht. Aber ich will mit Ihnen gehen und abwarten."

Dracula - Kapitel 16

Dr. Sewards Tagebuch - Fortsetzung
In der finsteren Nacht stiegen wir um dreiviertel zwölf über die Friedhofsmauer. Van Helsing ging voraus und führte uns. Der Professor öffnete die Gruft und trat zuerst ein. Ich sah zu Arthur hinüber, aber er hielt sich gut. Als wir in der Gruft standen, schloss der Professor die Tür und zündete eine Blendlampe an. Er zeigte auf Lucys Sarg und fragte mich, ob Lucy gestern in diesem Sarg gelegen habe. Ich bejahte die Frage und erinnerte mich an die liebliche Tote, die wir gesehen hatten. Van Helsing öffnete den Sarg wie auch schon zuvor. Arthur trat nervös näher. Er war sehr blass. Alle beugten sich über den Sarg und prallten erschrocken zurück. Der Sarg war leer!

Nach einigen Minuten des eisigen Schweigens sagte Quincey Morris: "Professor, entschuldigen Sie die ungehörige Frage, aber haben Sie das getan?" Van Helsing schüttelte den Kopf. "Ich habe Sie nicht berührt, das schwöre ich bei allen Heiligen. Vorgestern Nacht kamen John und ich her, da war ihr Sarg leer. Wir warteten draußen und sahen etwas Weißes sich durch die Bäume bewegen. Als wir bei Tage wieder kamen, da lag Lucy in ihrem Sarg. John, sage ich die Wahrheit?" Ich nickte. Van Helsing erzählte: "Wir kamen gerade noch zurecht. Ein kleines Kind wurde vermisst und wir fanden es hier zwischen den Gräbern. Gestern Abend kam ich dann noch einmal hierher. Ich legte Knoblauch und andere Dinge vor die Grabtür und hielt Wache. Ich sah niemanden. Heute entfernte ich die Dinge und den Knoblauch von der Tür. Darum ist sie nun fort. Wir müssen nur Geduld haben. Sie kommt zurück. Vertrauen sie mir. Warten Sie draußen mit mir." Er löschte seine Laterne und verließ die Gruft. Wir anderen folgten ihm mit einem mulmigen Gefühl.

An der frischen Luft ging es uns gleich viel besser. Die dumpfe Luft in der Gruft trug dazu bei, dass man ängstlich und gereizt war. Van Helsing ging sogleich an die Arbeit. Er nahm eine weiße Masse, die aussah wie Kitt aus der Tasche und verknetete sie mit einer waffelartigen Oblate. Die Masse stopfte er in die Ritzen zwischen Grabtür und Steinfassung. "Damit schließe ich die Tür und die Untote kann nicht hinein." "Was ist es denn für eine Masse?", fragte Arthur. Van Helsing nahm seinen Hut ab. "Es ist die Hostie. Ich habe einen kirchlichen Dispens." Diese Antwort bekehrte auch die ärgsten Zweifler unter uns und wir waren überzeugt, dass dem Professor unbedingtes Vertrauen zu schenken war. Wir sahen dem Professor in ehrfürchtigem Schweigen zu, bis er alles erledigt hatte. Dann nahmen wir unsere Posten auf dem Friedhof ein.

Wir warteten schweigend. Nach endloser Zeit hörte ich den Professor zischen und sah ihn mit dem Finger deuten. Eine schmale weiße Gestalt schwebte heran. Sie hielt einen dunklen Gegenstand an die Brust gedrückt. Als der Mond durch die Wolken brach, blieb die Gestalt einen Moment stehen. Ganz deutlich konnten wir eine dunkelhaarige Frau in Sterbekleidern sehen, die ein kleines Kind auf dem Arm hielt. Die Frau beugte sich über das Kind und wir hörten einen leisen Schmerzensschrei. Der Professor hinderte uns daran, sofort vorwärts zu stürmen. Er stand hinter seinem Baum und hob warnend die Hand. Die Frauengestalt ging weiter und hob dabei den Kopf. Arthur stöhnte auf, als wir Lucy Westenraa erkannten. Sie wirkte schrecklich verändert. Ihre Lieblichkeit war einer herzlosen Grausamkeit gewichen und ihre Reinheit von einer wollüstigen Ausgelassenheit verdrängt worden.

Van Helsing trat vor und auch wir anderen stellten uns in einer Linie vor dem Grabe auf. Van Helsing entfachte das Licht in seiner Laterne und als das Licht aufflammte, sahen wir Lucys Lippen von frischem Blut befleckt. Ein schmales Rinnsal lief ihr über das Kinn und färbte ihr Totenhemd rot. Wir waren starr vor Entsetzen und Arthur war einer Ohnmacht nahe. Als das Gespenst - ich wage kaum es Lucy zu nennen - unser ansichtig wurde, knurrte es, wie eine wilde Katze und sein Blick glitt über uns hinweg. Ich sah in teuflisch glühende Augen, in denen nichts mehr von der Lucy war, die ich geliebt hatte. Hass und Abscheu überfluteten mich. Ich hätte sie auf der Stelle töten können. Lucy begann wollüstig zu lächeln und schleuderte das Kind, das sie in den Armen gehalten hatte, achtlos zur Seite. Das Kind schrie erschrocken auf und blieb weinend liegen.

Lucy lächelte Arthur verführerisch an und öffnete die Arme. "Komm zu mir, Arthur. Lass die anderen und komm. Mein Busen lechzt nach dir. Wir wollen zusammen ruhen, mein Gatte!" Etwas teuflisch Süßes lag in ihrer Stimme und fuhr uns heiß in die Glieder. Arthur, der zurückgewichen war, als Lucy das Kind so kaltblütig von sich geschleudert hatte, nahm die Hände vom Gesicht und öffnete ebenfalls die Arme. Da sprang Lucy auf ihn los, aber Van Helsing warf sich dazwischen und hielt sein goldenes Kruzifix hoch. Lucy zuckte zurück und eilte mit verzerrtem Gesicht an uns vorbei der Gruft zu. Zwei Schritte vor der Tür blieb sie wie gebannt stehen. Sie drehte sich zu uns um und wir sahen, was sie war. Die Haut aschfahl, die Lippen mit Blut befleckt, die Augen von dämonischer Glut und das Gesicht voll spöttischer Bosheit.

Keiner rührte sich. Lucy stand vor der Grabtür, durch die sie nicht gehen konnte, auf der anderen Seite in Bann gehalten durch Van Helsings Kruzifix. Van Helsing rief Arthur zu: "Was sagen Sie nun, mein Freund? Lassen Sie mich tun, was ich tun muss?" Arthur fiel auf die Knie und weinte: "Tun Sie, was Sie für nötig halten. Es kann nichts Entsetzlicheres geben als das." Quincey und ich hoben ihn auf. Van Helsing löschte das Licht und entfernte die weiße Masse aus den Ritzen der Grabtür. Entsetzt sahen wir, wie die weiße Gestalt auf die Tür zuging und ohne sie öffnen im Inneren verschwand. Kaum war sie fort, machte sich Van Helsing daran, die Ritzen wieder zu verstopfen. Wir waren darüber sehr erleichtert. Das Kind weinte immer noch leise, als wir es aufhoben.

"Wir werden uns morgen Mittag hier wieder treffen, meine Freunde. Vorher können wir nichts tun. Dieses Kind legen wir dort ab, wo es gefunden wird, wie auch beim letzten Mal. Arthur, für Sie war das alles besonders schwer. Sie sind nun mitten in den bitteren Wassern. Wenn alles gut geht, können Sie morgen schon von den süßen Wassern kosten. Ich denke, Sie sehen ein, dass es sein muss. Verzeihen Sie mir, mein Freund." Wir brachten das Kind in Sicherheit und gingen dann nach Hause, wobei wir versuchten uns gegenseitig aufz muntern so gut es eben ging. Wir waren sehr müde und schliefen alle sofort ein.

29. September. Nachts. Kurz vor zwölf holten Quincey, Arthur und ich den Professor ab. Als hätten wir uns abgesprochen, trugen wir alle schwarze Anzüge. Gemeinsam gingen wir zum Friedhof. Es war halb zwei als wir dort ankamen und wir spazierten auf dem Friedhof umher, wobei wir uns allmählich aus der Sichtweite der Anwesenden entfernten. Als dann der Totengräber sein Amt versehen und der Friedhofswärter das große Tor verschlossen hatte, konnten wir endlich ans Werk gehen. Van Helsing trug eine kleine braune Ledertasche, die einer Krickettasche ähnelte und sehr schwer zu sein schien.

Wir folgten dem Professor zum Grab der Westenraa, er ließ uns ein und wir schlossen sorgfältig die Tür hinter uns. Aus seiner Tasche nahm der Professor eine Laterne und zwei weitere Kerzen, die ihm als Lichtquelle dienen sollten. Als Van Helsing den Deckel des Sarges öffnete, zitterte Arthur wie Espenlaub. Wir blickten schweigend auf Lucy, die in toter Schönheit in dem Sarg lag. Ich durchforschte mein Herz, aber ich fand keine liebevolle Regung mehr darin. Ich hasste dieses Wesen in dem Sarg geradezu und auch aus Arthurs Mine konnte ich kein Mitleid lesen. Er wandte sich an Van Helsing: "Ist das wirklich Lucys Leib oder ist es ein Dämon, der ihre Gestalt angenommen hat?" "Es ihr Körper und doch wieder nicht. Haben Sie noch ein wenig Geduld Arthur. Dann werden wir sehen, was sie war und was sie ist." Unsere Blicke glitten wieder über die Gestalt im Sarg, deren spitze Zähne und deren blutiger wollüstiger Mund uns Schauer über den Rücken jagten. Van Helsing bereitete in seiner betont sachlichen Art die Gerätschaften vor, die er benötigen würde.

Er legte einen Lötkolben und etwas Lötmasse heraus und eine helle Öllampe. Darauf folgten seine Operationsmesser und ein runder Holzpfahl; etwa drei Zoll dick und drei Fuß lang. Eines der Enden war angespitzt und offensichtlich im Feuer gehärtet worden. Zuletzt legte Van Helsing einen schweren Hammer zu seinen Instrumenten, dessen Anblick mir ein wenig den Atem verschlug. Aber wir bewahrten alle Haltung und schwiegen. Schließlich ergriff der Professor das Wort. "Bevor ich beginne, lassen Sie mich einiges erklären. Alles, was ich tue, beruht auf dem Wissen der Alten und dem Wissen derer, die sich dem Studium der Untoten gewidmet haben. Wird jemand ein Untoter, trifft ihn der Fluch der Unsterblichkeit. Er muss von Jahrhundert zu Jahrhundert wandern, immer neue Opfer suchend. So mehrt er das Übel auf der Welt, denn wer als Opfer eines Untoten stirbt, wird selbst zu einem. Arthur, wenn ich erlaubt hätte, dass Lucy Sie vor ihrem Tode küsst, so hätten Sie nach Ihrem Tode 'nosferatu' werden müssen. Auch Sie hätten Opfer zu Untoten gemacht und die Welt mit Grauen erfüllt. Wir wollen Lucy von diesem Schicksal erlösen. Sie hat eben erst begonnen, unschuldige Kinder in ihren Bann zu ziehen. Noch sind diese Kinder nicht verloren. Aber wenn sie länger bei Lucy bleiben, wird deren Macht über sie immer größer.

Wir müssen Lucy beistehen, damit die Wunden an den Kehlen der Kleinen heilen und sie ihren Platz unter den Engeln einnehmen kann. Ich bin bereit, das zu tun, was getan werden muss. Lucy wird die Hand segnen, die dem Grauen ein Ende bereitet. Deshalb frage ich, ob nicht einer unter uns ist, der diesen Streich führen will, einer, der sie geliebt hat - mehr als ich es tat." Wir begriffen, dass der Professor Arthur meinte. Wir sahen ihn an und bemerkten die Entschlossenheit in seinem schneeweißen Gesicht. "Ich danke Ihnen, Professor. Sagen Sie mir, was ich tun soll und ich werde mein Bestes geben." Van Helsing trat dicht an Arthur heran und erklärte: "Was Sie tun müssen ist schrecklich, aber einige Augenblicke des Grauens werden Ihnen mit einer Ewigkeit des Glücks vergolten. Sie müssen diesen Pfahl durch ihr Herz treiben und es wird furchtbar sein. Sie dürfen nicht mehr zögern, wenn Sie einmal begonnen haben. Egal, was geschieht, egal, was Sie glauben zu sehen. Wir sind bei Ihnen und wir werden die ganze Zeit für Sie beten."

Arthur ergriff den Pfahl und nahm den Hammer zur Hand. Er trat an den Sarg heran, während Van Helsing begann aus dem Messbuch zu lesen und Quincey und ich so gut wie wir konnten respondierten. Arthur setzte langsam den Pfahl über dem Herzen des Leichnams an. Voll Entsetzen sah ich den Eindruck in dem weichen, weißen, kalten Fleisch. Dann schlug Arthur mit aller Kraft zu. Ein schriller Schrei hallte durch die Gruft und das Wesen im Sarg bäumte sich auf. Blutiger Schaum tropfte von den roten Lippen. Der Körper wand sich wie in Krämpfen. Die scharfen Zähne schnappten nach Arthur und zerbissen die eigenen Lippen. Blut rann das Kinn hinab. Arthur aber zögerte nicht. Erneut hob er den Arm und trieb den Pfahl weiter in das Herz. Blut quoll nun auch aus dem Herzen der furchtbaren Gestalt und besudelte alles. Arthurs Unerschütterlichkeit gab uns neuen Mut und unsere Stimmen hallten nun fester durch die Gruft. Die Bewegungen im Sarg ließen nach und hörten schließlich auf. Arthur hatte das Entsetzliche hinter sich gebracht.

Nun, da alles vorbei war, entglitt ihm der Hammer und er schwankte so sehr, dass wir ihn stützen mussten. Sein Atem ging stoßweise und seine Stirn war schweißbedeckt. Was er hatte durchmachen müssen, war von mehr als nur menschlicher Erwägung getragen gewesen. Wir setzten Arthur auf den Boden und kümmerten uns einige Minuten nur um ihn. Niemand warf einen Blick in den Sarg. Als es ihm besser ging, trat Van Helsing an den Sarg heran. Quincey und ich taten es ihm nach. Was wir sahen, erstaunte uns so sehr, dass sich auch Arthur vom Boden erhob, um zu sehen, was wir sahen.

Im Sarg lag nicht mehr das teuflische Wesen, das ich am Schluss so sehr gehasst hatte. Nein, dort lag Lucy, wie wir sie im Leben gekannt hatten. Ihr Gesicht war verklärt von überirdischer Schönheit. Auch wenn es gezeichnet war von Krankheit, von Leid und Verwüstung, war es doch Lucys reines Gesicht, das nun davon zeugte, dass sie für immer in Gottes Frieden eingegangen war. Van Helsing legte Arthur den Arm um die Schultern. "Können Sie mir nun verzeihen, lieber Freund?" Arthur drehte sich zu dem Professor um. "Gott segne Sie. Sie haben meiner lieben Braut die Seele und mir meinen Frieden zurückgegeben." Er lehnte sich an Van Helsings Schulter und weinte leise. Wir standen tief ergriffen und schweigend in der Gruft. Schließlich hob Arthur den Kopf und wischte sich die Tränen ab. Van Helsing schob ihn an den Sarg heran. "Nun können Sie sie küssen, soviel, wie Sie wollen. Sie ist nun wieder unsere Lucy und nicht länger ein grinsender Teufel." Arthur beugte sich über Lucy und küsste ihre toten Lippen. Wir schickten ihn mit Quincey an die frische Luft und brachten unser Werk zu Ende.

Zuerst sägten wir den Pfahl knapp über dem Körper ab. Anschließend schnitten wir Lucy das Haupt ab und füllten ihren Mund mit Knoblauch. Zuletzt verlöteten wir den Bleisarg, schraubten den Deckel wieder fest und entfernten uns. Van Helsing verschloss die Gruft sorgfältig und übergab Arthur den Schlüssel. Die Sonne strahlte vom Himmel und wir hörten die Vögel zwitschern. Unseren Herzen tat diese frische und fröhliche Stimmung gut und wir waren froh, das gesteckte Ziel erreicht zu haben. Bevor wir uns trennten wurde Van Helsing noch einmal sehr ernst. "Liebe Freunde, der erste Schritt ist getan und es war sicherlich die schmerzhafteste Aufgabe. Aber eine weit schwierigere Aufgabe liegt noch vor uns. Wir müssen den Urheber allen Übels ausfindig machen und vernichten. Ich bin mir sicher, das Gefahr und furchtbarer Schrecken auf uns zukommen. Will mir trotzdem jemand behilflich sein? Wir haben doch alle glauben gelernt, oder? Ist dann das, was jetzt vor uns liegt, nicht eine heilige Pflicht? Wollen wir uns versprechen, bis zum Äußersten zusammenzuhalten? Wollen wir das?" Wir sahen uns schweigend an. Einer nach dem anderen besiegelte den Bund mit einem Handschlag.

Der Professor fuhr fort: "Wir werden in zwei Tagen wieder zusammenkommen und gemeinsam bei unserem Freund John speisen. Ich werde noch zwei andere mitbringen. Bisher kennen Sie sie noch nicht. Aber an diesem Abend werde ich das Werk darlegen und meine Pläne vor Ihnen entwickeln. John, kommen Sie bitte heute schon mit mir, denn es gibt viel zu bedenken und vorzubereiten. Ich brauche Ihre Hilfe. Ich fahre nach Amsterdam, bin aber morgen wieder zurück. Die große Suche beginnt. Hören Sie gut zu, damit Sie wissen, was wir tun werden und was wir fürchten müssen. Wenn Sie darüber Klarheit haben, werden wir unser Versprechen erneuern. Wenn wir einmal angefangen haben, können wir nicht mehr zurück."

Dracula - Kapitel 17

Dr. Sewards Tagebuch - Fortsetzung
Im Hotel wartete ein Telegramm von Mina Harker auf den Professor, das ihr Kommen angekündigte. Der Professor wies mich an, Mina Harker bei mir aufzunehmen, da er nach Amsterdam musste. Er übergab mir das Reisetagebuch von Jonathan Harker, ihrem Mann, sowie die Kopie ihres eigenen Tagebuches, geschrieben in Whitby. Er legte mir die Lektüre der Tagebücher sehr ans Herz. "Dies hier ist vielleicht die Ursache für meinen und ihren Tod, oder aber der Anfang vom Ende der Untoten. Lesen Sie es, John und wir besprechen alles, wenn ich zurück bin." Der Professor machte sich reisefertig und ich eilte zum Bahnhof, um Mina Harker abzuholen.

Am Bahnhof konnte ich Frau Harker zunächst nicht entdecken, dann aber sprach mich eine elegante, mädchenhafte Dame an: "Sind Sie Dr. Seward? Professor Van Helsing hat mir telegrafiert, dass Sie mich abholen würden." Ich begrüßte Frau Harker und nahm ihr das Gepäck ab, bei dem sich auch eine Reiseschreibmaschine befand. Wir fuhren zu mir und ich bemerkte, dass Frau Harker einen Schauder unterdrücken musste, als sie das Irrenhaus sah. Gleich wird sie hier im Arbeitszimmer sein, um mir einiges mitzuteilen. Ich muss aufpassen, dass ich in Bezug auf unsere Aufgabe nichts erzähle, was sie ängstigt und beunruhigt.

Mina Harkers Tagebuch
29. September. Bei John Seward lernte ich die Technik des Sonografen kennen und war über dieses Instrument ganz entzückt. Ich wollte etwas über Lucys Krankheit und ihren Tod erfahren, aber John Seward war ob dieses Ansinnens zunächst völlig entsetzt. Er versuchte zu erklären, dass man nur mit Mühe bestimmte Stellen des Tagebuches heraussuchen könne. Sein Stottern machte mich mutig und ich bot mit großer Kühnheit an, sein Tagebuch in schriftliche Form zu bringen. Er wurde leichenblass und rief ein um das andere Mal: "Nein, nein! Nein! Ich kann Sie diese schrecklichen Ereignisse nicht hören lassen!"

Lucys Tod hatte also etwas Schreckliches! Ich habe es ja geahnt. Ich dachte einige Augenblicke nach und sah plötzlich, dass John Seward Jonathans und auch mein Tagebuch auf dem Tisch liegen hatte. Sicher hatte Van Helsing ihm die Dokumente ausgehändigt. "Mr. Seward, Sie kennen mich nicht und ich kenne Sie nicht. Lesen Sie die Tagebücher, die der Professor Ihnen gab. Dann werden Sie mich besser kennen." Als ich geendet hatte, sah Dr. Seward mich sehr freundlich an. Er ist wirklich ein vornehmer und außergewöhnlicher Mann, damit hatte Lucy Recht. "Verzeihen Sie, Frau Harker", sagte er zu mir. "Ich kenne Sie eigentlich schon gut genug. Ich habe nur gezögert, weil Sie meine Aufzeichnungen vielleicht erschrecken werden, aber ich sehe, dass Sie eine mutige Frau sind. So können Sie sich mein Tagebuch anhören, während ich die Ihren in Ruhe studieren werde." Und so gingen wir auseinander, ein jeder mit den Aufzeichnungen des anderen.

Dr. Sewards Tagebuch
29. September. Ich vertiefte mich in die Tagebücher der Harkers und merkte nicht, wie die Zeit verrann. Gerade hatte ich Frau Harkers Tagebuch beendet, als sie in das Zimmer trat. Sie war blass und verweint und ihr Ausdruck rührte mich zutiefst. Ich entschuldigte mich dafür, sie betrübt zu haben. Sie lächelte und sagte: "Das Leid, das Sie tragen müssen, hat mich sehr gerührt. Was ist das nur für ein wundervoller Apparat, der unverfälscht Ihren tiefen Kummer widerspiegelt. Ich habe versucht, mich nützlich zu machen und das Gehörte auf meiner Maschine nieder geschrieben. Niemand außer mir wird die Schläge Ihres Herzens vernehmen." Ich dankte ihr gerührt.

"Aber trotzdem muss diese Geschichte erzählt werden, damit wir den heißen Kampf gegen dieses Scheusal aufnehmen können. Jede Kenntnis, jeder Hinweis ist wichtig. Ich habe Ihr Tagebuch erst bis zum 7. September gehört und weiß doch schon, wie sehr Lucy gelitten hat. Jonathan und ich arbeiten seit Van Helsing bei uns war fieberhaft daran, noch mehr Informationen zu erhalten. So ist Jonathan nach Whitby gefahren und wird uns morgen wieder zur Verfügung stehen. Wir brauchen keine Geheimnisse voreinander zu haben, Dr. Seward, denn wir wollen gemeinschaftlich das Scheusal besiegen. Was wir brauchen ist unbedingtes Vertrauen!"

Frau Harker sah mich flehentlich an und doch konnte ich Mut und Entschlossenheit in ihren Zügen sehen. "Handeln Sie in dieser Angelegenheit, wie Sie es für richtig halten, liebe Frau Harker. Hören Sie weiter mein Tagebuch. Sie werden entsetzliche Dinge zu hören bekommen, aber vielleicht mag Ihnen das Ende, das wirkliche Ende, auch wieder einen Hauch von Frieden geben. Aber kommen Sie erst, es ist serviert. Wir müssen bei Kräften bleiben, wenn wir diese grauenvolle, schreckliche Aufgabe in Angriff nehmen wollen."

Mina Harkers Tagebuch
29. September. Nach Tisch stellte Dr. Seward den Fonografen wieder in sein Arbeitszimmer und ich holte meine Schreibmaschine. Während ich seinen Aufzeichnungen lauschte, las er weiter in Jonathans Tagebuch. Als ich den furchtbaren Bericht über Lucys Krankheit und Ableben beendet hatte, sank ich kraftlos in meinen Lehnstuhl zurück. Dr. Seward bemerkte meine Schwäche und gab mir etwas Brandy zu trinken, der mich rasch wieder belebte. Nur der Gedanke daran, dass Lucy letztendlich ihren Frieden gefunden hatte, ließ mich einem Nervenzusammenbruch entgehen. Hätte ich nicht vorher Jonathans Aufzeichnungen gelesen, ich glaube, es wäre mir schwer gefallen, dass Erzählte für wahr zu halten.

Um mich abzulenken, bot ich Dr. Seward an, auch den Rest seines Tagebuches zu übertragen, um alle Aufzeichnungen vollständig vorliegen zu haben. Er willigte ein und nachdem Dr. Seward den letzten Rundgang bei seinen Patienten gemacht hatte, war auch ich mit dem Schreiben fertig. Ehe ich schlafen ging, bat ich Dr. Seward noch um die "Westminster Gazette" und auch um die "Pall Mall Gazette", denn mir ist eingefallen, dass uns die Ausschnitte aus den Zeitungen aus Whitby geholfen haben, mehr Informationen über den Grafen und seine Machenschaften zu erhalten. Vielleicht kann ich auch aus diesen Zeitungen etwas entnehmen, was uns hilft.

Dr. Sewards Tagebuch
30. September. Ich habe Jonathan Harker kennen gelernt, der nicht nur ein sehr intelligenter Mann ist sondern auch eine unglaubliche Seelenstärke besitzt. Ich glaube seinen Aufzeichnungen - in Anbetracht meiner eigenen ist das nur zu verständlich. Der zweite Abstieg in die Grabgewölbe zeugt von einem unglaublichen Wagemut. Ich hatte einen kraftstrotzenden Vertreter absoluter Männlichkeit erwartet und nicht den stillen, sensiblen Gentleman, der heute hier eintraf.

Nach dem Lunch zogen die Harkers sich zurück. Wenig später klapperte die Schreibmaschine. Die beiden sind fleißig an der Arbeit. Frau Harker erzählte, dass sie alle Beweisstücke in eine chronologische Reihenfolge bringen wollen auch die Briefwechsel zwischen dem Adressaten der Kisten in Whitby und dem Spediteur in London.

Auf den Gedanken, unser Nachbarhaus könnte das Versteck des Grafen sein, bin ich nie gekommen, dabei hätte mich doch Renfields Verhalten auf diesen Gedanken bringen können. Wenn wir das alles gewusst hätten, hätten wir Lucy retten können - aber halt! Solche Gedanken darf man sich nicht erlauben, sie treiben einen in den Wahnsinn. Harker will zu Tisch eine zusammenhängende Aufzählung der Tatsachen mitbringen. Inzwischen werde ich Renfield besuchen, der anscheinend eine Art Anzeiger für das Kommen und Gehen des Grafen gewesen ist. Ob das stimmt, werden wir wissen, wenn wir alle Daten vergleichen.

Renfield saß völlig friedlich da und wirkte auf mich so vernünftig wie jeder andere auch. Er sprach davon, heimgehen zu wollen und hätte ich nicht all das Wissen, das ich nun habe, hätte ich ihn vielleicht wirklich nach einer kurzen Beobachtungsphase gehen lassen. Aber nun, da ich weiß, dass seine Anfälle mit der Anwesenheit des Grafen zusammenhingen, frage ich mich, was diese völlige Zufriedenheit zu bedeuten hat? Ich bin misstrauisch und habe den Wärter angewiesen, für alle Fälle eine Zwangsjacke bereit zu halten.

Jonathan Harkers Tagebuch
29. September. In Whitby holte mich Billington Junior, ein junger, hübscher Mensch vom Bahnhof ab und brachte mich in das väterliche Haus. Ich wurde gastfreundlich empfangen. Billington Senior hatte schon alle Papiere bereit gelegt und mich durchfuhr es eiskalt, als ich die Briefe sah, die ich am Tische des Grafen hatte schreiben müssen. Alles war auf das Genaueste vorbereitet und geplant gewesen. Auf der Rechnung stand "Fünfzig Kisten gewöhnlicher Erde zu Experimentierzwecken". Mehr konnte ich bei Billington nicht herausfinden und so ging ich hinunter zum Hafen und suchte den Hafenmeister, einen Zollbeamten und den Küstenwächter auf. Alle wussten etwas über die seltsame Landung des unheimlichen Schiffes, aber keiner konnte etwas zu den Kisten mit Erde sagen.

30. September. Auch in Kings Cross konnte ich keine Neuigkeiten über die fünfzig Kisten in Erfahrung bringen, nur, dass sie in das alte verlassene Haus gebracht wurden. Es steht zu befürchten, dass sich nicht mehr alle fünfzig Kisten in dem Haus befinden. Ich werde später nach dem Fuhrmann suchen, der die Kisten von Carfax abholte und von Renfield angegriffen wurde. Außerdem haben Mina und ich nun endlich alle Papiere in Ordnung.

Mina Harkers Tagebuch
30. September. Ich bin sehr froh, dass die Fahrt nach Whitby Jonathan nicht geschadet hat. Ich hatte doch große Angst um ihn. Jonathan aber geht es besser als vorher, er ist tatkräftig und entschlossen. Wir haben nun auch alle Papiere soweit in Ordnung gebracht. Eigentlich könnte man fast Mitleid haben mit dem Grafen, denn er ist schließlich ein Verfolgter. Auf der anderen Seite ist er kein menschliches Wesen und wenn man weiß, was er getan hat, hat er kein Mitleid verdient.

Später. Lord Godalming und Herr Morris erschienen zu früh, so dass ich sie empfangen musste. Dr. Seward und Jonathan waren fort und ich war allein. Die beiden Herren zu empfangen war schmerzlich, denn ich musste an Lucys süße Hoffnungen denken, die sie noch vor wenigen Monaten gehegt hatte. Keiner der Herren wusste, dass ich von ihrem Werben um Lucy Kenntnis hatte. Sie wussten auch nicht, in wie weit ich in alle anderen Vorgänge eingeweiht war und so waren sie unsicher, was sie sagen und tun sollten. Da Lucy und ich wie Schwestern gewesen waren, beschloss ich, die beiden vollständig aufzuklären und erzählte so gut ich konnte von den Tagebüchern, den Dokumenten und davon, dass Jonathan und ich gerade alle Papiere in eine chronologische Ordnung gebracht hatten. Ich händigte jedem eine Kopie aus, damit sie sie in der Bibliothek lesen konnten.

"Das haben alles Sie geschrieben, Frau Harker?", fragte Lord Godalming. Als ich nickte, fuhr er fort: "Ich weiß zwar noch nicht, warum Sie dies alles tun, aber ich sehe, dass Sie ein guter und edler Mensch sind. Ich vertraue Ihnen blindlings und werde versuchen, mich nützlich zu machen. Ich habe meine Lektion schon gelernt und ich weiß, dass Sie meine Lucy lieb hatten." Seine Stimme brach und Tränen glänzten in seinen Augen. Herr Morris legte ihm kurz die Hand auf die Schulter und verließ gleich darauf das Zimmer. Als Lord Godalming mit mir allein war, setzte er sich auf das Sofa und ließ seinen Gefühlen freien Lauf. Ich setzte mich neben ihn und nahm seine Hand. Es dauerte lange und der Schmerz kam in Wellen. Lord Godalming weinte und rang in tiefster Verzweiflung die Hände. Schließlich legte er seinen Kopf an meine Schulter und weinte wie ein müdes Kind.

Nach einiger Zeit ließ der Gefühlssturm nach und Lord Godalming erzählte mir, dass er in den vergangenen Tagen mit niemandem hatte über seinen Schmerz reden können. "Ihre Teilnahme tut mir unendlich wohl, Frau Harker. Sie verstehen mich und haben einen Einblick in das Grauen, das ich durchlitten habe. Sie sind wie eine Schwester, die mit mir den Kummer um Lucy trägt. Ihre Sympathie und Ihr Mitleid bedeuten mir viel. Ich kann nicht aufhören, Ihnen zu danken und möchte - wenn es Sie nicht verletzt - mein Leben lang Ihr Bruder seiner, um Lucys willen, in der sie Schwester verloren haben." "Um Lucys Willen", antwortete ich und reichte ihm meine Hände. "Und um Ihretwillen", erwiderte Lord Godalming, "denn Sie sind eine wunderbare Frau, Frau Harker, die die Achtung und die Dankbarkeit eines Mannes verdient."

Ich verließ den Lord und traf auf dem Korridor auf Herrn Morris. "Ich sehe, Sie haben Arthur getröstet. Das ist gut, denn nur eine Frau kann einen Mann trösten, wenn er an Herzeleid zu ersticken droht. Und Arthur hatte keine, die ihm helfen konnte." Herr Morris sah mich an, das Bündel Papiere in der Hand, das ich ihm ausgehändigt hatte. Wenn er die Papiere schon gelesen hatte, so wusste er, dass ich von seiner Werbung um Lucy wusste. "Ich wollte, ich könnte alle trösten. Darf ich Ihre Freundin sein und Sie trösten, wenn Sie des Trostes bedürfen? Sie werden später verstehen, warum ich das sage." Herr Morris beugte sich über meine Hand, um sie zu küssen und ich küsste seine Stirn. Er sah mich mit großem Ernst an. "Sie werden Ihre Güte und Ihren Edelmut nie bereuen, kleines Mädchen." Damit drehte er sich um und ging zu Arthur in das Arbeitszimmer. Kleines Mädchen! Ich weiß, dass er diese Worte auch zu Lucy gesagt hat, der gute, treue Freund.

Dracula - Kapitel 18

Dr. Sewards Tagebuch
30. September. Als ich zu Hause ankam, hatten Lord Godalming und Herr Morris die Tagebücher und Dokumente, die die prächtige Frau Harker angefertigt hatte, schon studiert. Herr Harker war von der Befragung des Fuhrunternehmers noch nicht zurückgekehrt. Frau Harker bereitete uns den Tee und ich schäme mich fast, zugeben zu müssen, dass ich mich zum ersten Mal in meinem eigenen Haus daheim fühlte. Nach dem Tee bat Frau Harker darum, Renfield kennen zu lernen. Ich hatte Zweifel, aber sie sah mich so süß und flehentlich an, dass ich ihr die Bitte nicht abschlagen konnte.

Wir betraten Renfields Zimmer und ich sagte ihm, dass eine Dame seine Bekanntschaft machen wolle. "Lassen Sie die Dame erst eintreten, wenn ich aufgeräumt hatte", sagte Renfield und aß sämtliche Fliegen und Spinnen auf, die er in seinen Schachtel aufbewahrte. Als er sein widerliches Tun beendet hatte, hieß er die Dame eintreten. Ich traute Renfield nicht und wählte daher einen Platz, von dem aus ich mich auf ihn stürzen konnte, falls er Frau Harker zu nahe kommen sollte. Frau Harker trat ein und ging unbefangen auf Renfield zu, was diesen verwirrte und ihm Respekt einflößte. Freundlich hielt sie ihm die Hand hin. "Guten Tag, Herr Renfield. Dr. Seward hat mir schon viel von Ihnen erzählt." Renfield antwortete nicht, sondern starrte Frau Harker finster an. Dann klärten sich seine Gesichtszüge auf und er fragte: "Sind Sie das Mädchen, das der Doktor heiraten wollte? Ach nein, Sie können es nicht sein. Das Mädchen ist tot." Frau Harker antwortete: "Nein, ich war schon verheiratet, ehe ich Dr.Seward kennen lernte. Ich bin Frau Harker."

"Was wollen Sie hier?" Renfield war unfreundlich aber Frau Harker blieb liebenswürdig. "Mein Mann und ich besuchen Dr. Seward." "Sehen Sie zu, dass Sie wieder fortkommen." Renfield war bemerkenswert unhöflich und ich fürchtete, dass Frau Harker das Gespräch nicht sehr unterhaltsam fand. Also mischte ich mich ein: "Wie kommen Sie darauf, dass ich jemand heiraten wollte?" Renfield sah mich nur an. "Herr Doktor, hier entgeht niemandem etwas. Sie sind gleichermaßen beliebt beim Personal, Ihren Freunden und den Patienten, die Ursache und Wirkung zu verwechseln pflegen, weil es ihnen an geistigem Gleichgewicht mangelt. Ich bemerke sehr wohl, dass die sophistischen Tendenzen einiger von ihnen die Irrtümer des 'non causae' und der 'ignoratio elenchi' hart streifen."

Ich traute meinen Ohren kaum, als ich Renfield dabei zuhörte, wie er elementare Philosophie zum Besten gab. Ob es wohl Frau Harkers Einfluss zu zuschreiben war, dass diese neue Seite bei meinem Lieblingsnarr zutage trat? Sollte es so sein, muss Frau Harker über eine beträchtliche geistige Kraft verfügen. So plauderten wir einige Zeit mit Renfield, bis wir auf sein Lieblingsthema zu sprechen kamen und er so vernünftig wie Frau Harker und ich darüber sprach. "Liebe Dame, ich bin ein Mann, der von einer seltsamen Idee in Bann gehalten wird. Es ist nicht verwunderlich, dass meine Freunde es mit der Angst zu tun bekamen und mich in dieses Irrenasyl bringen ließen. Das Leben ist eine positive und ununterbrochene Wesenheit - so bilde ich es mir jedenfalls ein. Durch das Verzehren lebender Wesen - ganz gleich auf welcher Stufe der Schöpfung diese Wesen stehen - kann ich mein eigenes Leben bis ins Unermessliche verlängern, das glaube ich zumindest. Manchmal ist der Glaube daran so stark, dass ich den Wunsch verspüre, mir ein Menschenleben einzuverleiben. Herr Dr. Seward wird Ihnen bestätigen, dass ich versuchte ihn zu töten, in der Absicht, mir durch das Medium seines Blutes die Kraft seines Leibes zu eigen zu machen.'Das Blut ist das Leben.' Das sagt schon die Bibel. Nur hat ein Verkäufer eines gewissen Geheimmittels die ganze Sache ins Lächerliche gezogen, nicht wahr, Doktor?"

Ich nickte, zu verblüfft, Renfield zu antworten. Gerade hatte noch hatte dieser Mann Spinnen und Fliegen verzehrt! Mein Blick fiel auf die Uhr und ich sah, dass es höchste Zeit war, Van Helsing vom Bahnhof abzuholen. So verabschiedeten wir uns von Renfield, der zu Frau Harker sagte: "Ich flehe zu Gott, dass ich ihr süßes Antlitz nicht mehr erblicken muss. Er segne und behüte Sie!" Wir eilten hinüber und ich fand Arthur gefasster als er seit Lucys Erkrankung gewesen war und auch Herr Morris war wieder etwas heiterer. Ich ließ die Freunde zurück, um Van Helsing abzuholen.

Die Begrüßung war herzlich und auf der Fahrt berichtete ich Van Helsing alles, was sich in seiner Abwesenheit zugetragen hatte. Ich erzählte auch, dass Lord Godalming und Herr Morris die Tagebücher gelesen hätten, die Frau Harker kopiert hatte. Da brach der Professor in Lobgesänge auf Frau Mina aus und beschwor mich im gleichen Augenblick, Frau Harker von nun an von allem fernzuhalten. "John, was wir vorhaben, ist Männerarbeit. Wir können Frau Mina nicht dieser Gefahr aussetzen, auch wenn der Herrgott ihr ein Männergehirn und das Herz eines Weibes gegeben hat. Sicherlich hat er noch Großes vor mit ihr. Wir dürfen sie nicht in Gefahr bringen. Da sie alles niedergeschrieben hat, muss sie sich heute noch mit uns beraten und ab morgen gehen wir unsere eigenen Wege."

Ich war ganz seiner Meinung und erzählte gleich darauf, dass wir herausgefunden hatten, welches Haus der Graf in London gekauft hatte. Nämlich das Haus, das meinem Haus direkt benachbart war. Diese Nachricht schien Van Helsing zu beunruhigen. "Hätten wir das doch vorher gewusst. Wir hätten Lucy retten können. Aber dazu ist es jetzt zu spät. Wir wollen nun nur noch nach vorne schauen und unseren Weg bis zum Ende gehen." Zu Hause angekommen, sollten wir uns für das Diner frisch machen. Van Helsing aber wollte zuvor mit Frau Harker sprechen. "Sie und Ihr Mann haben also alle Ereignisse bis zu diesem Augenblick aufgezeichnet und chronologisch geordnet?" Frau Harker schüttelte den Kopf. "Nicht bis zu diesem Augenblick. Nur bis heute früh. Sehen Sie, hier habe ich eine Notiz von heute. Soll auch sie in die Akten kommen?" Sie errötete und übergab dem Professor ein Blatt Papier. Van Helsing las es mit ernster Mine. "Liebe Frau Harker, es muss nicht hinein, wenn es Ihnen nicht angenehm ist. Aber ich bitte Sie trotzdem, fügen Sie es ein. Die Liebe Ihres Gatten wird es erhöhen und auch wir werden Sie nur noch mehr achten und verehren." Er gab ihr das Blatt zurück worauf hin sie erneut errötete. So haben wir nun alle Ereignisse und Informationen bis zum gegenwärtigen Augenblick vollständig und sortiert. Heute Abend ist um neun Uhr eine Besprechung angesetzt, wie wir unserem geheimnisvollen und entsetzlichen Feind das Handwerk legen können.

Mina Harkers Tagebuch
30.September. Zwei Stunden nach Tisch trafen wir uns in Dr. Sewards Arbeitszimmer. Van Helsing nahm den Platz am Kopf des Tisches ein, ich saß als seine Sekretärin zu seiner Rechten. Jonathan nahm neben mir Platz, während sich auf der anderen Seite Lord Godalming, Dr. Seward und Herr Mooris niederließen. Mit einem Blick in die Runde stellte der Professor sicher, dass wir alle die Aufzeichnungen gelesen hatten und im Bilde waren.

"Zuerst möchte ich Ihnen etwas über den Feind mitteilen, mit dem wir es zu tun haben werden. Ich werde Sie mit der Geschichte des Mannes bekannt manchen, den wir verfolgen. Im Anschluss daran können wir in die Diskussion eintreten, wenn Ihnen dieses Vorgehen zu sagt." Van Helsing sah uns fragend an. Wir nickten stumm und er fuhr fort: "Einige von uns haben handgreifliche Beweise dafür, dass es Wesen gibt, die man Vampire nennt. Daneben gibt es auch Berichte und Lehren unserer Vorfahren über diese Wesen, die für deren Existenz Beweis genug bilden müssten. Aber ich gebe zu, dass auch ich zunächst skeptisch war, obwohl ich geschult daran bin, die Augen offen zu halten. Hätte ich zu Beginn gewusst, was ich heute weiß, so hätte ein kostbares Leben vielleicht gerettet werden können." Er unterbrach sich und wischte sich über die Augen.

"Aber das ist vorbei und wir müssen nach vorn blicken. Unsere Aufgabe muss sein, weitere Seelen vor diesem Schicksal zu bewahren. Der 'Nosferatu' stirbt nicht wie die Biene, wenn er sticht. Im Gegenteil. Er wird immer stärker und erlangt immer mehr Kraft, Böses zu tun. Der Vampir, den zu finden wir uns zur Aufgabe machen, hat die Kraft von zwanzig Männern. Er ist schlau, denn seine Schlauheit wächst im Laufe der Zeit. Er besitzt die Gabe der Nekromantie, die Sehergabe der Toten. Und er hat Macht über alle Toten in seiner Nähe. Wir wissen, dass er grausam ist, die Gefühllosigkeit in Person. Mit gewissen Einschränkungen kann er erscheinen, wann, wo und wie er will. Sturm, Nebel und Donner kann er gebieten und er hat Macht über Ratten, Wölfe, Fledermäuse, Fliegen und Füchse. Er kann sich zeitweilig unsichtbar machen, kann groß und klein werden und er geht und kommt ungesehen." Ich dachte an die arme Lucy und musste einen Schauder unterdrücken.

Der Professor aber sprach unbeirrt weiter: "Sie sehen, meine Freunde, was wir uns vorgenommen haben, ist nicht einfach. Wie wollen wir ihn unschädlich machen? Wie wollen wir vorgehen, wenn wir ihn gefunden haben? Und was geschieht, wenn unser Plan misslingt? Ich hänge nicht am Leben, aber wenn wir unterliegen geht es um mehr als Leben oder Tod. Wir werden vielleicht wie er; schreckliche, kalte Nachtgespenster. Ohne Herz und Mitleid werden wir jene zu vernichten suchen, die wir im Leben am meisten liebten. Die Pforten des Himmels sind uns auf ewig verschlossen, denn wer sollte sie für uns öffnen? Wir werden ein Schandfleck im Angesicht Gottes sein, aber dürfen wir zögern, wenn wir durch unser Tun auch nur eine Seele retten können? Ich für meine Person habe mich entschieden. Ich bin alt und mein Leben liegt hinter mir. Ich habe Sonnenschein und Musik und Liebe gekannt. Aber wie ist es mit euch, die ihr jung seid und noch am Anfang steht?"

Ich fühlte Jonathans Hand auf meiner Hand und befürchtete schon, dass ihn der Schrecken überwältigt habe, aber dann sah ich seinen entschlossenen Blick und hörte ihn sagen: "Ich bürge für Mina und mich." Auch Quincey Morris nickte und gab seine Zustimmung. "Schon um Lucys Willen gehöre ich Ihnen", sagte Dr. Godalming. Dr. Seward nickte nur. So stand der Professor auf und legte sein goldenes Kruzifix auf den Tisch. Auch wir anderen erhoben uns und reichten uns im Angesicht des Kreuzes feierlich die Hände. Wir schlossen einen ernsten Bund und ich fürchtete mich, wäre aber nie auf die Idee gekommen, mich zurück zu ziehen. Nach diesem feierlichen Moment nahmen wir wieder Platz und Van Helsing fuhr fort. Mir wurde klar, dass unser ernstes Werk schon begonnen hatte.

"Sie wissen jetzt also, mit wem wir es zu tun haben. Unser Gegner ist stark aber auch wir sind nicht ganz machtlos. Wir haben den Vampiren die Kraft der Überlegung voraus, wir haben wissenschaftliche Erfahrungen und können frei denken und handeln. Wir können die Stunden des Tages und der Nacht gleichermaßen nutzen. Und unser Ziel ist selbstlos, dass ist nicht unwichtig, liebe Freunde. Wir müssen uns nun über die allgemeine Natur der uns entgegentretenden Kräfte und auch über das individuelle Nichtkönnen klar werden. Sprechen wir also über die Fähigkeiten der Vampire im Allgemeinen und über die unseres speziellen Gegners im Besonderen.

Unser Wissen fußt auf Tradition und Aberglaube. Das ist zwar nicht viel, aber wir müssen damit zufrieden sein. Außerdem beruht der Glaube an Vampire allein auf diesen beiden. Wer von uns hätte angesichts unseres nüchternen, wissenschaftlichen neunzehnten Jahrhunderts an die Existenz von Vampiren geglaubt? Überall auf der Welt war der Vampir bekannt. Im alten Griechenland, im alten Rom, in Germanien und Frankreich, auf der Krim genauso wie in Indien. Manches, was das eine oder andere Volk von ihm glaubt, ist durch das erwiesen, was wir mit eigenen Augen gesehen haben, liebe Freunde. Ein Vampir kann nicht sterben, nur weil die Zeit vergeht. Nein! Solange er sich vom Blut lebender Wesen ernähren kann, gedeiht er weiter, ja er erscheint sogar jünger und kräftiger.

Ohne das Blut lebender Wesen aber kann der Vampir nicht sein. Er isst nicht - wie unser Freund Jonathan Harker selbst beobachten konnte. Vampire werfen keinen Schatten und haben kein Spiegelbild. Dass er die Stärke vieler Männer hat, kann Jonathan ebenfalls bezeugen, der seinen eisernen Griff selbst spürte. Er befiehlt den Wölfen und kann selbst zum Wolf werden, wie wir seit der Ankunft des schrecklichen Schiffes in Whitby wissen. Dass er auch eine Fledermaus sein kann, hat Frau Mina gesehen, denn sie sah ihn als solche am Fenster unserer armen Lucy. Auch John und Quincey haben ihn zu verschiedenen Zeiten in dieser Gestalt beobachtet. Er schafft sich den Nebel, um ungesehen zu erscheinen, davon hat der Kapitän berichtet. Und er kommt auf den Strahlen des Mondes als elementarer Staub. Jonathan sah, wie die unheimlichen Schwestern im Schlosse des Grafen auf diese Weise Gestalt annahmen. Er kann sich klein machen, wie Lucy, die durch eine kleine Türspalte in ihre Gruft ging. Wenn er einmal seinen Weg gefunden hat, kann man ihn nicht ein- oder aussperren. Er sieht im Dunklen."

Van Helsing sah uns der Reihe nach an und nahm einen Schluck Tee. Wir schwiegen, denn es war klar, dass er noch nicht geendet hatte. "Alles, was ich eben aufzählte, liebe Freunde, kann ein Vampir. Und doch ist er nicht frei. Er ist ein Gefangener und kann nicht überall dort hingehen, wohin es ihn gelüstet. Auch er, der außerhalb der Natur steht, muss sich einigen Gesetzen beugen. So darf er nirgendwo eintreten, es sei denn, ein Bewohner lädt ihn ein. Danach allerdings kann er sich uneingeschränkt Zutritt verschaffen. Wenn der Tag kommt, ist seine Macht am Ende. Und es gibt noch mehr Dinge, die zu wissen sich lohnt. Ist der Vampir nicht an dem Platz, an den er gebunden ist, kann er sich nur genau am Mittag und bei Sonnenauf- oder -untergang verwandeln. Innerhalb der ihm gezogenen Grenzen kann er tun und lassen, was er will, wenn er sich in seiner Heimaterde, einem Sarg oder einem anderen verrufenen Platz befindet. An anderen Orten ist er - wie erwähnt - an bestimmte Zeiten gebunden, wenn er sich verwandeln will.

Es gibt aber auch Dinge, die seine Macht angreifen. Knoblauch gehört dazu wie wir wissen und auch das Kruzifix hier auf unserem Tisch ist mächtiger als er. Ein Zweig wilder Rosen auf seinem Grab hindert ihn am Herauskommen. Eine geweihte Kugel, die man in den Sarg schießt, tötet ihn endgültig und die friedbringende Wirkung des Pfahles haben wir an Lucy gesehen. Auch das Abschneiden des Kopfes bringt ihn zur Ruhe. Finden wir das Versteck des Grafen, können wir in dort festhalten und ihn vernichten. Aber Dracula ist schlau. Arminius, ein Freund von mir, teilte mir einiges über den Grafen mit. Er scheint wirklich jener Wojwode Dracula gewesen zu sein, der sich während der Türkenkriege einen Namen machte. Er war kein gewöhnlicher Mann. Er war mutig, stark, geschickt, tapfer und klug. Seine Denkkraft und seine mutige Entschlossenheit hat er mit ins Grab genommen. Die Dracula waren ein edles Geschlecht, aber einige von ihnen gingen Bündnisse mit den dunklen Mächten ein. Sie lernten diese Künste an einem Ort in den Bergen, wo der Teufel jeden Zehnten seiner Schüler als Tribut forderte. Es gibt Akten, in denen die Rede von Hexen und anderen dunklen Gestalten ist. In einem Manuskript wird Dracula sogar als Vampir bezeichnet."

"Man weiß davon?", fragte Dr. Seward entgeistert. Van Helsing nickte. Herr Morris dagegen schaute unverwandt aus dem Fenster, stand schließlich auf und verließ den Raum. Der Professor wartete eine Weile, dann sagte er: "Wir müssen uns überlegen, was wir tun und einen Plan entwickeln. Wir wissen, dass vom Schiff in Whitby fünfzig Kisten Erde transportiert und nach Carfax geliefert wurden. Einige von diesen Kisten wurden später wieder entfernt. Wir müssen also zunächst in Erfahrung bringen, wie viele Kisten noch in Carfax sind und wo ..." Bevor der Professor weiter sprechen konnte, hallte ein Pistolenschuss und das Fenster zerbarst in tausend Scherben. Ich muss zugeben, dass ich laut aufschrie. Lord Godalming eilte ans Fenster. "Ich wollte Sie nicht erschrecken", hörten wir Herrn Morris draußen sagen. "Ich komme gleich und erzähle Ihnen alles." Eine Minute später trat er ein. "Verzeihen Sie nochmals. Sicher war es dumm von mir, zu schießen. Aber während der Professor sprach, kam eine große Fledermaus an das Fenster und setzte sich auf die Brüstung. Ich habe inzwischen eine große Abneigung gegen diese Tiere und sah ging ich, um die Fledermaus zu erschießen. Ich habe sie wohl nicht getroffen, denn sie flatterte davon."

Herr Morris setzte sich. Van Helsing nahm seine Überlegungen wieder auf. "Wir müssen herausfinden, wo die anderen Kisten hingekommen sind. Wir müssen das Ungeheuer auf seinem Lager fangen und töten und wir müssen die Erde in den Kisten sozusagen sterilisieren. Dann findet er keine Sicherheit mehr in ihr und wir kämpfen mit ihm, wenn er eine Menschengestalt hat und am schwächsten ist. An diesem Punkt ist es nun an der Zeit, Frau Harker aus der Gefahr zu entfernen. Sie nehmen jetzt zum letzten Mal an unseren Besprechungen teil. Ich kann Sie dieser Gefahr einfach nicht aussetzten, liebe Freundin. Wir ziehen in den Kampf und Sie werden unser guter Stern sein. Je sicherer wir Sie wissen, desto freier können wir handeln."

Die Männer atmeten erleichtert auf. Ich empfand die Entscheidung des Professors als bittere Pille, hatte ich doch auch viel zur Entwirrung der Fakten beigetragen, aber ich sah ein, dass mir nichts anderes blieb, als das ritterliche Anerbieten der Herren anzunehmen. Herr Morris ließ uns auch keine Zeit zu weiteren Diskussionen, denn er schlug vor, auf der Stelle das Nachbarhaus zu besichtigen. Die Männer brachen auf und ich blieb schweren Herzens zurück in der Hoffnung, dass sie mir wenigstens von den Ereignissen berichten würden. Sie haben mir geraten ins Bett zu gehen. Aber wie soll ich schlafen, wenn die, die mir lieb und teuer sind, sich in Gefahr begeben? Nur damit Jonathan sich um mich keine Sorgen macht, werde ich mich hinlegen und ein wenig ruhen.

Dr. Sewards Tagebuch
1. Oktober. Es ist vier Uhr morgens, aber ich will der Reihe nach berichten. Wir wollten gerade aufbrechen, als mich die Nachricht erreichte, Renfield wünsche mich zu sehen. Da man einen neuerlichen Tobsuchtsanfall fürchtete, eilte ich sofort zu ihm hin. Der Professor, Lord Godalming und Herr Morris begleiteten mich. Renfield war sehr erregt, aber recht vernünftig. Er trug seine Bitte vor, sofort entlassen und nach Hause geschickt zu werden. Er sei vollständig wieder hergestellt und könne nun gehen. Dann bat er darum, meinen Freunden vorgestellt zu werden und perplex wie ich war, tat ich ihm den Gefallen. Er schüttelte allen die Hände. "Lord Godalming, ich hatte die Ehre, Sekundant Ihres Vaters zu sein. Ich entnehme Ihrem Titel, dass Ihr lieber Herr Vater nicht mehr unter uns weilt. Ach und Herr Morris, seien Sie stolz auf Ihr Vaterland, dessen Aufnahme in die Union ein großer Schritt war. Und wie stolz bin ich, Van Helsing kennen zu lernen. Sehen Sie doch, meine Herren, die Sie Ihren Platz in der Welt gefunden haben, dass ich so vernünftig bin, wie einer von Ihnen. Ich rufe Sie als Zeugen dafür. Und ich weiß, dass Dr. Seward als Menschfreund, Jurist, Mediziner und Wissenschaftler mit mir verhandeln wird, wie mit einem, der unter außergewöhnlichen Umständen zu sehen ist."

Wir waren alle sehr verwirrt und fast hätte ich mich hinreißen lassen zu glauben, Renfield sei wirklich vollständig gesunder, aber dann hielt ich es doch für besser, abzuwarten. Ihn zu entlassen wäre eine schwerwiegende Entscheidung und wir alle kannten die unglaublich raschen Veränderungen im Verhaltend des Patienten. Ich nickte ihm also freundlich zu und bestätigte, dass es ihm schon viel besser gehen. Das reichte Renfield aber offensichtlich nicht, denn er drang erneut in mich, ihn sofort, noch in dieser Stunde zu entlassen. Als ich mich erneut unentschlossen zeigte, sagte er: "Ich bitte um die Erlaubnis, zu gehen. Es sind persönliche Motive, die mich bewegen, nein, es geschieht um anderer willen. Vertrauen Sie mir. Es sind gute Gründe." Ich sah Renfield scharf an, während Van Helsing ihn fragte, warum er denn ausgerechnet in dieser Nacht gehen müsse. Renfield schüttelte nur den Kopf und sagte, er sei nicht frei und dürfe nicht sprechen, es ruhe aber Verantwortung auf ihm. Mir wurde das alles zu viel und ich erhob mich. "Kommen Sie, meine Freunde, wir haben noch anderes zu tun." Ich wandte mich zu gehen.

Da ging eine rasche Veränderung in Renfield vor und einen Augenblick lang dachte ich, er wolle abermals einen Mordanschlag auf mich begehen. Aber er warf sich mir vor die Füße und flehte mit erhobenen Händen gehen zu dürfen. "Hören Sie mir zu. Ich bin nicht mehr der Narr, der ich war. Ich bin vollständig vernünftig. Glauben Sie mir. Ich rede im vollsten Ernst und kämpfe um meine Seele. Lasst mich fort von hier! Egal wohin, legen Sie mir eine Zwangsjacke an. Legen Sie mich in Ketten. Bringen Sie mich ins Gefängnis, aber lassen Sie mich fort von hier! Lassen Sie mich fort." Ich hob ihn auf und schickte ihn ins Bett, da ich mir auf sein Verhalten keinen Reim machen konnte. Als ich ihn verließ, sagte er zu mir: "Wenn Sie sich später erinnern, werden Sie mir Recht geben, Herr Doktor. Ich habe in dieser Nacht mein Möglichstes gegeben, Sie zu überzeugen."

Dracula - Kapitel 19

Jonathan Harkers Tagebuch
1. Oktober. Da ich Mina in Sicherheit weiß, ist mir bei der Suche nach unserem Feind etwas leichter ums Herz. Die Begegnung mit dem Patienten Renfield allerdings setzte uns allen zu und wir verließen sein Zimmer in einem erregten Zustand. Van Helsing und auch Quincey fanden Renfield recht vernünftig und fragten Dr. Seward, warum er denn seinen Wünschen nicht entsprochen und ihn freigelassen hatte. Dr. Seward antwortete: "Ich stimme mit Ihnen überein, meine Herren, aber Renfield ist ein Wegweiser auf den Pfaden des Grafen. Ich fürchte, etwas Falsches zu tun, wenn ich ihm seinen Wunsch erfüllte. Vielleicht hat der Graf seine Hände im Spiel und so hoffe ich, das Richtige getan zu haben." Wir anderen nickten verständnisvoll. Lord Godalming kramte in seinen Taschen und brachte ein silbernes Pfeifchen zutage. "Wir wollen nun aufbrechen. Und wenn das Haus drüben voller Ratten ist, so habe ich hier das Gegenmittel." Das Pfeifchen blitzte im Licht auf und wir machten uns auf den Weg.

Wir überstiegen die Mauer und eilten auf das unheimliche dunkle Haus zu. Vor dem Tor hielt der Professor an: "Liebe Freunde, wir dürfen die Gefahr nicht unterschätzen. Der Graf ist kein Gespenst. Er hat riesige Kräfte und kann uns einfach zerquetschen, während wir ihm nichts anhaben können. Er darf uns nicht berühren, also tragen Sie alle dies." Er händigte uns zunächst kleine silberne Kruzifixe aus und danach ein Kranz aus Knoblauchblüten. "Für weltlichere Feinde nehmen Sie diese kleine Revolver und für jeden ein Messer. Ein elektrisches Licht, das Sie an der Brust befestigen können. Und falls es zum Äußersten kommen sollte, noch dies." Und er gab jedem von uns eine geweihte Hostie. Als wir alle gleichermaßen ausgerüstet waren, öffnete Dr. Seward mit einem Dietrich das Schloss des großen Tores. Kreischend schwang der Torflügel auf.

Van Helsing ging mutig voran und rief: "In manuas tuas Domine!", als er die Schwelle überschritt. Wir taten es ihm nach und schlossen dann die Tür hinter uns, da wir von der Straße aus nicht gesehen werden wollten. Wir achteten darauf, dass sich die Tür wieder öffnen ließ, falls wir rasch den Rückzug antreten mussten. Dann gingen wir auf die Suche. Unsere Lampen ließen unsere Schatten bizarr über die Wände huschen und ich hatte das Gefühl, dass wir nicht allein waren. Sicherlich war das nur eine Erinnerung an die schrecklichen Erlebnisse in Transsylvanien, aber ich glaubte nur wenig später zu bemerken, dass die anderen sich ähnlich fühlten. Bei jedem Geräusch und jeder Bewegung sahen wir uns ängstlich um.

Alles war mit dickem Staub überzogen, in allen Ecken hingen dichte Spinnenweben. Man sah einige Fußspuren und auf dem Tisch im Flur lag ein Schlüsselbund, das offensichtlich mehrfach benutzt worden war. Van Helsing nahm die Schlüssel an sich und sagte zu mir: "Jonathan, Sie kennen die Skizzen dieses Hauses. Wie kommt man am raschesten zur Kapelle?" Ich versuchte mich zu erinnern und führte die anderen so gut ich konnte. Schließlich standen wir vor einer niedrigen gotischen Eichentür. Van Helsing suchte den passenden Schlüssel und öffnete die Tür. Wir waren auf das Schlimmste vorbereitet. Ein ekelhafter Gestank schlug uns entgegen. Außer mir war noch keiner der anderen mit dem Grafen in einem geschlossenen Raum zusammen gewesen. Und ich hatte ihn in den ausgehungerten Stadien seiner Existenz kennen gelernt. Mit frischem Blut voll gesaugt hatte ich ihn nur in der halb verfallenen Kapelle gesehen, durch die ein frischer Wind fuhr.

Dieser Raum hier aber war klein und eng. Es war stickig und roch erdig, ein Miasma schien in der übel riechenden Atmosphäre zu schweben. Der Geruch aber war nicht der von Leichen oder der von warmem Blute sondern der Geruch von Fäulnis, die wieder in Fäulnis übergeht. Schrecklich! Unter normalen Umständen hätte wohl keiner von uns den Geruch ertragen, aber wir befanden uns in einer Ausnahmesituation. Nach dem ersten Zurückprallen, fassten wir Mut und durchsuchten den Raum. Von den fünfzig Kisten befanden sich nur noch neunundzwanzig hier. Ich schauderte und als ich sah, wie Lord Godalming aus der Tür einen Blick in den dunklen Flur warf, blieb mein Herz fast stehen. War dort nicht das scheußliche Gesicht des Grafen zu erkennen, mit seiner hohen Nase und den rot glühenden Augen? Lord Godalming blickte angestrengt in das Dunkel und wendete sich dann ab. "Ich dachte, ich hätte ein Gesicht gesehen. Aber es waren wohl nur Schatten."

Mit klopfendem Herzen richtete ich meine Lampe nach vorn und trat in den dunklen Gang hinaus. Ich konnte nichts entdecken. Nirgends war eine Nische, in der er sich hätte verstecken können. So glaubte ich, die Mauersteine hätten unserer Phantasie einen Streich gespielt und schwieg. Als ich wieder in den Raum trat, sah ich Morris vor etwas zurück schrecken. Die ganze Ecke, in der er stand, war voll phosphorizierenden Lichts. Wir zogen uns unwillkürlich zurück und plötzlich füllte sich der Raum mit Ratten.

Wie gelähmt standen wir da, nur Lord Godalming schien Herr seiner Sinne zu sein. Er sprang auf das Tor der Kapelle zu, das wir von außen kannten, drehte den Schlüssel im Schloss und stieß die Tür mit aller Kraft auf. Dann zog er das silberne Pfeifchen aus der Tasche und ließ einen schrillen Pfiff ertönen. Dem Pfiff antwortete Hundegebell und nach kaum einer Minute kamen drei Terrier angerannt. Wir drängten uns in der Nähe des Tores zusammen und ich konnte die Fußspuren im dicken Staub erkennen. So waren die Kisten also fortgeschafft worden. Es wurden immer mehr Ratten und die Hunde sprangen herzu. An der Schwelle aber blieben sie stehen und hoben die Nasen. Sie begannen jämmerlich zu heulen und taten nichts gegen die Ratten. Wir beeilten uns, aus der Kapelle heraus zu kommen. Lord Godalming griff einen der Hunde und warf ihn in das Kapelleninnere. Jetzt tat der Hund das, was er vorher verweigert hatte. Er bekämpfte seine natürlichen Feinde, die nun genauso schnell verschwanden, wie sie erschienen waren. Die anderen Hunde, die ebenfalls in die Kapelle geworfen wurden, konnten kaum noch Beute machen.

Die Ratten waren fort und mit ihnen der Druck, der auf uns gelastet hatte. Die Hunde bellten fröhlich und unsere Laune hob sich. In der frischen Luft verschwand das Gefühl, eingeschlossen zu sein und wir verriegelten das äußere Tor wieder und legten die Ketten vor. Mit unseren Hunden setzten wir die Suche fort. Wir fanden nichts als Staub und als wir das Haus durch die Haupttür verließen, erwachte im Osten schon der Morgen. Van Helsing nahm den großen Schlüssel vom Bund und schloss die Tür sorgfältig ab. "Diese nächtliche Expedition ist soweit ganz erfolgreich verlaufen. Uns ist nichts geschehen und wir wissen nun, wie viele Kisten fehlen. Ich bin froh, dass wir Mina nicht dabei hatten, so muss sie nun keine schrecklichen Träume fürchten. Gut zu wissen ist auch, dass die Freunde des Grafen nicht mit übernatürlichen Fähigkeiten ausgestattet sind. So konnte er zwar die Ratten herbeirufen, sie flüchteten aber vor den Hunden unseres Freundes Arthur. Wir wollen diese Nacht als Erfolg ansehen und nun schlafen gehen. Es werden noch andere Tage und Nächte kommen. Wir müssen vorwärts und dürfen nicht zurückschrecken."

Als wir in das Haus traten, was alles still. Aus Renfields Zimmer kamen leise klagende Laute. Mina lag im Bett und schlief. Sie atmete so leise, dass ich mein Ohr auf ihre Brust legen musste. Sie sieht blasser aus als sonst. Hoffentlich hat die nächtliche Besprechung sie nicht zu sehr angegriffen. Ich bin froh, dass sie in Sicherheit ist. Auch wenn der Preis dafür ist, dass ich mich ihr nicht anvertrauen und nichts von unseren Expeditionen berichten darf. Ich lege mich auf das Sofa, denn ich will sie nicht stören.

Später. Wir haben alle lange geschlafen, denn der Tag war geschäftig und die Nacht ereignisreich. Auch Mina war wohl sehr erschöpft, denn ich war vor ihr wach und musste sie einige Male rufen, ehe sie zu sich kam. Sie war schlaftrunken und starrte mich erschreckt an. Sie klagte über Müdigkeit und so ließ ich sie noch ein wenig schlafen. Einundzwanzig Kisten sind fort. Sie zu suchen, wird die nächste Aufgabe sein. Ich muss noch heute Thomas Snelling aufsuchen.

Dr. Sewards Tagebuch
1. Oktober. Als der Professor mich weckte, war es kurz vor Mittag. Van Helsing wirkte gelassener und fröhlicher, das Werk der letzten Nacht hat eine drückende Last von seiner Seele genommen. Er bat mich, mit ihm zusammen Renfield zu besuchen, da dieser ihn sehr interessierte. "Ich möchte mit ihm über die Idee, lebende Wesen zu verzehren, plaudern. In Frau Minas Tagebuch wird darüber berichtet, dass er unter dieser Idee gelitten hat." Ich lächelte nur und erklärte Van Helsing, dass Renfield noch Spinnenbeine an den Lippen kleben hatte, als er Frau Mina erzählte, diese Idee sei vorüber. Da ich einige unaufschiebbare Dinge zu erledigen hatte, ging Van Helsing allein zu Renfield und erschien nach bemerkenswerter kurzer Zeit wieder. Renfield habe kaum mit ihm gesprochen, berichtete der Professor. Er habe lediglich gesagt, Van Helsing sei alt und verrückt und solle sich mit seinen Gehirntheorien zum Teufel scheren.

Van Helsing schien etwas enttäuscht von Renfields Verhalten und wollte nun Frau Harker einen Besuch abstatten. Arthur und Quincey forschen nach dem Verbleib der Erdkisten. Heute Abend wollen wir uns wieder treffen.

Mina Harkers Tagebuch
1. Oktober. Wie seltsam, dass Jonathan mit mir nicht über die Dinge sprechen darf, nachdem wir nun jahrelang keine Geheimnisse voreinander hatten. Ich brenne darauf zu erfahren, was die Männer gestern entdeckt haben, aber niemand sagt ein Wort. Wir waren beide sehr erschöpft und haben lange geschlafen. Wahrscheinlich bin ich deshalb heute so niedergeschlagen und traurig. Gestern ging ich wie befohlen zu Bett, konnte aber nicht schlafen. Ich war voll Angst und dachte immerzu an Jonathan und an das, was in der Vergangenheit war. Wäre ich nicht nach Whitby gegangen, wäre Lucy vielleicht noch am Leben, denn sie wäre allein nie auf den Friedhof gegangen. Ich grämte mich also den ganzen Abend und kann mich nicht erinnern, wie ich eigentlich einschlief. Ich hörte eine Bellen und seltsame Laute aus Renfields Zimmer, das unter meinem liegt. Betete Renfield etwa? Dann wurde es plötzlich sehr still. Ich stand auf und sah aus dem Fenster. Alles war dunkel und still, nur ein feiner Nebelstreifen stieg aus dem Rasen und kroch auf das Haus zu.

Ich beschloss, wieder ins Bett zu gehen, denn ich fühlte mich lethargisch und müde. Aber ich konnte nicht schlafen und stand wieder auf. Der Nebel war dichter geworden und schien sich an das Haus anzuschmiegen als wolle er sich durch das Fenster hineinstehlen. Der Irre unter mir war sehr laut. So laut hatte ich ihn noch nie gehört. Er bat um irgendetwas. Er flehte geradezu. Leider verstand ich nicht, was er sagte. Dann hörte ich Kampfgeräusche und wusste, dass er mit den Wärtern rang. Das erschreckte mich zutiefst und ich ging wieder zu Bett. Ich zog die Decke über den Kopf und steckte beide Finger in die Ohren. Obwohl ich nicht mehr schläfrig war, muss ich eingeschlafen sein, denn ich erwachte erst, als Jonathan mich am Morgen weckte. Er hatte Mühe, mich wach zu bekommen. Ich hatte seltsam geträumt denn meine Gedanken mussten sich in meine Träume gemischt haben.

Ich wollte schlafen aber auch auf Jonathan warten. Meine Hände und Füße, ja selbst mein Gehirn waren schwer. Ich schlief unruhig. Die Luft wurde plötzlich feucht, schwer und kalt. Ich zog meine Decke zurück und bemerkte, dass es im Zimmer ganz dunkel war. Das Licht war heruntergeschraubt und glühte nur noch als schwacher roter Punkt. Selbst in meinem Zimmer schien der Nebel nun zu sein. Hatte ich das Fenster nicht geschlossen? Ich wollte aufstehen, aber meine Glieder waren schwer und so schloss ich die Augen und wartete. Der Nebel wurde dichter (was für einen Unsinn man zuweilen träumt, Nebel im Schlafzimmer) und er drang nicht durch das Fenster sondern durch die Türritzen herein. Er wurde immer dicker und stand schließlich wie eine Wolkensäule in meinem Zimmer. Oben glühte das Gaslicht wie ein rotes Auge.

In meinem Kopf hallte ein Bibelwort wieder. "Eine Säule aus Rauch bei Tage und aus Feuer in der Nacht." Kam da ein überirdischer Meister zu mir? Auch wenn die Säule aus Feuer und Rauch war. Ich sah genauer hin und der Nebel teilte sich. Zwei glühende Augen starrten mich an. Von solchen Augen hatte Lucy erzählt, als wir auf dem Cliff spazieren gingen. Mich packte die Panik als mir einfiel, dass Jonathan gesehen hatte, wie die entsetzlichen Weiber sich aus wirbelndem Nebel materialisierten. Ich muss ohnmächtig geworden sein, denn Dunkelheit umfing mich. Das Letzte, was ich zu sehen glaubte, war ein fahles Antlitz, das sich über mich beugte.

Ich muss mich vor solchen Träumen in Acht nehmen. Sie können einen verrückt machen, wenn sie sich wiederholen. Gern würde ich den Professor oder Dr. Seward um ein Schlafmittel bitten, aber ich möchte sie nicht beunruhigen. Heute Nacht will ich mich bemühen, einfach zu schlafen. Wenn es nicht geht, werde ich sie morgen um ein Mittel bitten. Vielleicht geben sie mir etwas Chloral, damit ich schlafen kann. Die letzte Nacht hat mich müder gemacht, als wenn ich überhaupt nicht geschlafen hätte.

2. Oktober. In der letzten Nacht habe ich fest geschlafen und nichts geträumt. Ich habe nicht gehört, dass Jonathan sich zu Bett begab. Aber der Schlaf hat mich nicht erfrischt. Ich fühle mich heute sehr elend, schwach und mutlos. Den ganzen Tag über habe ich versucht, zu lesen, aber eigentlich habe ich nur träumend herumgelegen. Am Nachmittag ließ Renfield mich rufen. Er war sehr nett und als ich mich von ihm verabschiedete, küsste er meine Hände und segnete mich. Das hat mich sehr aufgeregt und ich muss weinen, wenn ich ihn denke. Wenn Jonathan wüsste, dass ich geweint habe, würde er sich Sorgen machen, also darf er von meiner neuen Schwäche nichts erfahren. Er und die anderen waren bis kurz vor dem Abendessen unterwegs und kamen sehr ermüdet heim. Ich tat mein Möglichstes, um sie aufzuheitern und ich vergaß, wie müde ich war. Nach Tisch schickten die Männer mich zu Bett, weil sie angeblich noch gemeinsam rauchen wollten. Ich aber weiß, dass sie sich erzählen wollen, was sie an diesem Tag alles in Erfahrung bringen konnten.

Ich wollte den Männern nicht im Weg sein, denn ich hatte bemerkt, dass Jonathan eine wichtige Entdeckung gemacht hatte. Also bat ich Dr. Seward um ein kleines Schlafmittel, da ich in der letzten Nacht so schlecht geschlafen hatte. Er bereitete mir ein mildes Tränkchen. Ich habe es genommen, aber der Schlaf stellt sich nicht ein. Habe vielleicht eine Dummheit gemacht? Wäre es vielleicht wichtiger, wach zu bleiben? Zu spät, der Schlaf kommt. Gute Nacht.

Dracula - Kapitel 20

Jonathan Harkers Tagebuch
1. Oktober. Abends. Ich fand Thomas Snelling, aber leider war er nicht mehr in der Lage Auskunft zu geben. Die Aussicht auf reichliches Bier, das er sich von meinem Besuch erhoffte, hatte ihn veranlasst, sich schon vor meinem Erscheinen zu viel zu gönnen. Von seiner Frau erfuhr ich allerdings, dass er eigentlich nur Helfer von Smollet war und so fuhr ich von Bethnal Green nach Walworth und traf Smollet beim Abendtee an. Er ist ein anständiger Kerl mit einem fähigen Kopf. Er erinnerte sich genau an den Transport der Kisten und sah für mich in seinem mit Eselsohren versehenen Notizbuch nach, wohin die Kisten geliefert worden waren. Sechs Kisten hatte er in die Chicksandstreet 197, Mile End New Town und sechs weitere Kisten in die Jamaika Lane, Bermondsey geliefert. Offensichtlich wollte der Graf seine Zufluchtsstätten über ganz London ausbreiten und sich keinesfalls auf zwei Seiten Londons beschränken. Ich fragte Smollet, ob noch mehr Kisten aus Carfax geholt worden seien.

"Sie haben mich nobel belohnt, Herr. Darum werde ich Ihnen sagen, was ich weiß. Ich habe jemanden über eine staubige Arbeit in einem alten Haus in Purfleet sprechen hören. Fragen Sie Sam Bloxam, der kann Ihnen vielleicht weiterhelfen. Wenn Sie mir einen Umschlag mit einer Marke darauf geben, auf dem Ihre Adresse steht, dann werde ich Ihnen Sams Adresse schicken, sobald ich ihn finden kann." Wir taten es wie besprochen und nun habe ich noch eine Spur mehr. Ich bin recht müde von diesem Tag und sehne mich nach Schlaf. Mina liegt schon im Bett, sie sieht blass und verweint aus. Die Arme. Sicher ist es schwer für sie, nun nicht mehr zu wissen, was es Neues vom Grafen gibt. Und ich muss stark sein, darf ihr nichts erzählen, was sie beunruhigen könnte, aber sie macht es mir leicht und schweigt ebenfalls.

2. Oktober. Abends. Der Tag war lang und ermüdend. Gleich heute Morgen erhielt ich die Adresse von Sam Bloxam. Er lebt in Walworth Korkrans 4, Poters Cort, Bartels Street. Ich lag noch im Bett, als das Kuvert zugestellt wurde und so stand ich vor Mina auf. Sie sah blass und abgezehrt und gar nicht wohl aus. Ich ließ sie schlafen, aber ich beschloss, dass sie nach Exeter zurückkehren soll. Der Aufenthalt hier bekommt ihr nicht.

Nach einer langen Irrfahrt durch Walworth, auf der ich feststellte, dass Smollet in Rechtschreibung nicht besonders gut war, fand ich Bloxam bei der Arbeit. Nachdem ich ihm zugesichert hatte, für die Auskunft gut zu zahlen, erfuhr ich, dass er zweimal von Carfax nach Piccadilly gefahren war und neun große Kisten von Carfax nach Piccadilly geliefert hatte. Die Hausnummer hatte er vergessen, aber er beschrieb das Haus als staubig und alt, nicht weit von einer großen weißen Kirche oder etwas anderem Neugebauten entfernt. Ich fragte ihn, wer ihm die Häuser geöffnet hatte. "Da war ein alter Mann, der hat mir den Auftrag erteilt. Und obwohl er doch so weißhaarig und mager war, dass man meinte, er könne keinen Schatten werfen, war er stark wie ein junger Bulle! Er hat mir mit den Kisten geholfen. Das hätte ich allein nicht schaffen können."

Der Graf selbst! Mich überlief es eiskalt. "Wie kamen Sie in das Haus in Piccadilly?", fragte ich ihn. "Da war auch der alte Mann. Er muss vor mir weggegangen sein, so dass er auch vor mir in Piccadilly war. Er half mir wieder mit den Kisten." "Wo haben Sie die Kisten hingebracht?" "Na, gleich in die Halle. Da stand sonst nichts. War 'ne verdammt durstige Arbeit." "Ja, ja", unterbrach ich ihn, "und Sie können sich nicht an die Hausnummer erinnern?" "Nein. Aber das Haus ist nicht schwer zu finden. Es ist aus weißen Steinen und hat einen hohen Balkon. Und zum Tor führen Treppen hinauf."

Ich bezahlte den Mann und machte mich auf den Weg nach Piccadilly. Ich hatte Hoffnung das Haus zu finden, denn die Beschreibung war recht genau gewesen. Und ich hatte Glück. Ich fand das Haus, das aussah, als hätte es schon lange leer gestanden. Das Holzwerk war schwarz vor Alter und die Läden standen offen. An der Vorderseite des Balkons musste eine Tafel angeschlagen gewesen sein, die gewaltsam entfernt worden war. Man sah nur noch die Haken aus dem Mauerwerk hervorragen. Für mich gab es hier nichts mehr zu tun. Ich musste den Vorbesitzer ausfindig machen, um mehr Informationen und vielleicht Zutritt zu dem Haus zu erhalten.

Ich ging um das Haus herum, um fest zu stellen, ob man vielleicht von hier etwas mehr erfahren könnte. Ich fragte einige Stallknechte, ob sie etwas über das Haus wüssten. Sie wussten nichts, nur dass es bis vor wenigen Tagen zum Verkauf gestanden hatte, dass aber das "Zu Verkaufen" - Schild der Firma Mitchell, Söhne & Candy nun verschwunden sei. Ich bedankte mich und eilte davon.

Mitchell, Söhne & Candy hatten ihr Bureau in der Sackville Straße und der Herr, dem ich wenig später gegenüber saß war nicht gewillt, mir auch nur irgendeine Auskunft über den Käufer des "Herrensitzes", wie er es nannte, zu erteilen. Also gab ich mich als Anwalt des Lord Godalmings zu erkennen und bat erneut um die Auskunft. Es trat eine Veränderung im Verhalten des Herren ein, der Lord Godalming schon einmal zu Diensten war und es nun keinesfalls mit ihm verscherzen wollte. Ich gab ihm Dr. Sewards Adresse und er versprach, bis zum Abend die Informationen an diese Adresse zu schicken.

Ich war müde und hungrig und froh, nach Hause zu kommen. Alle Freunde waren schon da. Mina war blass und müde aber tapfer wie immer. Mir fiel es schwer, alles was ich herausgefunden hatte, vor ihr zu verbergen. Ich bin froh, dass wir frühzeitig den Entschluss gefasst haben, sie von all dem fernzuhalten. Gut ist auch, dass sie morgen nach Hause in ihre gewohnte Umgebung fährt. Den Freunden konnte ich die Neuigkeiten erst erzählen, als wir allein waren. Wir hatten ein wenig musiziert und danach begleitete ich Mina in unser Schlafzimmer. Sie weinte und klammerte sich an mich, aber ich konnte nicht bleiben, da noch so viel zu erledigen war. Zum Glück hat die ganze schreckliche Geschichte bis jetzt noch keinen Schatten auf unsere Liebe geworfen.

Der Einfachheit halber las ich den anderen aus meinem Tagebuch vor. Van Helsing zeigte sich zufrieden. "Wenn wir alle Kisten in jenem Hause beieinander finden, ist unsere Arbeit bald getan. Dann hetzen wir den Verruchten in den natürlichen Tod." "Und wie kommen wir in das Haus? Hier in Carfax gibt es eine hohe Mauer und es war Nacht, als wir einbrachen. In Piccadilly kann man wohl kaum ungesehen einen Einbruch verüben." Herr Morris sah uns zweifelnd an. "Wir müssen des Schlüsselbundes des Grafen habhaft werden", sinnierte Van Helsing. Da vor dem Morgen nichts mehr zu erledigen war, blieben wir nur noch kurz beieinander und gingen dann zu Bett. Ich habe mein Tagebuch ergänzt und Mina im Schlaf betrachtet. Sie ist immer noch blass und hat ihre Stirn in tiefe Falten gezogen, aber sie sieht nicht mehr so abgehärmt und erschöpft wie heute früh aus. Morgen wird sie nach Exeter reisen. Ich bin müde!

Dr. Sewards Tagebuch
1. Oktober. Renfield verhält sich wieder absonderlich. Nachdem er heute Früh mit Van Helsing nicht sprechen wollte, besuchte ich ihn und fand ihn sozusagen in Wolken schwebend und auf alles herabschauend. Ich fragte ihn: "Wie steht es denn mit den Fliegen?" Er antwortete, er bedürfe ihrer nicht mehr. "Dann sind Sie jetzt hinter einer Seele her?", fragte ich ihn, um zu provozieren. "Was soll ich mit einer Seele?", antwortete er. "Mir ist gegenwärtig alles gleichgültig. Suchen Sie sich einen anderen Zoophagen für weitere Studien. Ich brauche keine Seelen. Ich könnte Sie nicht essen und ..." Er brach ab und setzte neu an: "Was soll ich mit dem Leben? Ich werde niemals Mangel an Lebenskraft haben." Damit versank er in tiefes Schweigen und ich verließ ihn. Später schickte er nach mir und da mich sein Zustand sehr interessierte, kam ich der Bitte nach.

Als ich bei ihm eintrat, schleuderte er mir sogleich seine Frage entgegen: "Was ist es mit den Seelen?" Ich fragte geschickt zurück: "Wie steht es denn bei Ihnen damit?" "Ich brauche keine Seelen." "Aber wie können wir das Leben nehmen, ohne die Seelen zu nehmen?", hielt ich ihm vor. "Sie haben ein Summen und Zwitschern um sich, wenn Sie ihre Himmelfahrt machen. Seelen von wohl tausend Fliegen und Spinnen und Vögeln und Katzen." Renfield hielt sich entsetzt die Ohren zu. Ich rief ihm laut zu: "Wollen Sie etwas Zucker haben, um Fliegen zu fangen?" Er schüttelte den Kopf. "Fliegen sind armselige Geschöpfe. Und an Spinnen ist nichts zu essen und zu ..." Wieder brach er bei dem Wort "trinken" ab. Was hat das zu bedeuten? Ich ging, um über Renfield nachzudenken. Er denkt über etwas nach. Er ist phasenweise vernünftig, aber irgendetwas Neues ist im Gange. Der Graf hat ihn besucht. Dessen bin ich mir sicher. Und warum will er das Wort "trinken" nicht aussprechen?

Ich habe mit Van Helsing über Renfield gesprochen und wir sind noch einmal bei ihm gewesen. Wie früher hat er Zucker ausgestreut und fängt die schon herbstmüden Fliegen. Es ist eine absonderliche Geschichte und wir müssen heute Nacht gut auf ihn aufpassen!

Brief, Mitchell, Söhne & Candy an Lord Godalming
1. Oktober. Mylord! Wir freuen uns, Ihren Wünschen entsprechen zu können und teilen Ihnen folgendes mit: Die Verkäufer des Hauses Nr. 347, Piccadilly sind die Testamentvollstrecker des verstorbenen Herrn Winter-Suffield. Käufer ist ein fremder Adliger, Graf der Ville. Er hat den Kauf selbst perfekt gemacht und das Kaufgeld direkt bezahlt. Leider wissen wir nicht mehr über ihn. Eure ergebensten Diener Mitchell, Söhne & Candy

Dr. Sewards Tagebuch
2. Oktober. Ich wies die Wärter an, auf das Schärfste auf Renfield zu achten und ging zum Abendessen hinüber. Nach Tisch versammelten wir uns im Arbeitszimmer, nur Frau Mina war schon zu Bett gegangen. Harker ist der Einzige, der Ergebnisse vorweisen kann und wir hoffen, dass wir auf der richtigen Spur sind. Bevor ich schlafen ging, sah ich noch einmal nach Renfield, der tief und fest schlief. Heute Morgen erfuhr ich, dass Renfield gegen Mitternacht unruhig war und laut Gebete hergesagt habe. Mehr konnte der Wärter nicht dazu sagen, da er eingeschlafen war. Man kann Menschen eben nur trauen, wenn man hinter ihnen steht.

Harker ist unterwegs, um seine Spuren zu verfolgen, Quincey und Arthur sehen sich nach Pferden um, denn Lord Godalming ist der Ansicht, Pferde zu haben, sei zweckmäßig, um keine Zeit zu verlieren. Wenn wir die gewünschten Informationen erhalten, müssen wir die Erde zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang sterilisieren, also ist höchste Eile geboten. Wenn der Graf am Schwächsten ist und keinen Platz mehr zum Flüchten hat, werden wir ihn abfangen. Van Helsing sucht im Britischen Museum nach mehr Informationen. Vielleicht sind wir alle verrückt und enden schließlich in der Zwangsjacke!

Später. Wir sind wieder alle zusammen und scheinen einen Schritt weiter zu sein. Wenn alles gut geht, ist das Werk des morgigen Tages der Anfang vom Ende. Renfield ist völlig ruhig. Ob das etwas mit unserem Vorhaben zu tun hat? Sicher wird ihn die Vernichtung des Vampirs nicht überraschen, war sein Verhalten doch immer mit den Aktivitäten des Grafen verknüpft. Wenn ich nur die geringste Vermutung hätte, was in seinem Geist vorgeht - Moment, ich kann ein wildes Schreien hören. Ist das Renfield? Der Wärter kommt in mein Zimmer und berichtet, dass Renfield einen Unfall gehabt hat. Er habe ihn schreien hören und als sie zu ihm in das Zimmer geeilt seien, habe Renfield mit dem Gesicht nach unten blutüberströmt auf dem Boden gelegen. Ich muss sofort zu Renfield!

Dracula - Kapitel 21

Dr. Sewards Tagebuch - Fortsetzung
3. Oktober. Als ich Renfields Zimmer trat, lag er in einer großen Blutlache. Ich wollte ihn aufheben und bemerkte, wie schwer er verletzt war. Der Wärter, der neben mir kniete, sagte leise: "Ich glaube, sein Rückgrat ist gebrochen. Sehen Sie, die rechte Gesichtshälfte, der rechte Fuß und der rechte Arm sind gelähmt." Ich nickte und untersuchte seine Kopfverletzung. Es sah aus, als wäre er mit dem Kopf auf den Boden geschmettert worden. "Wie kann er sich so verletzten?", fragte der Wärter fassungslos. Ich antwortete nicht, sondern schickte nach Van Helsing.

Van Helsing kam und warf nur einen Blick auf Renfield. "Was für ein unglücklicher Zufall", sagte er ruhig, offenbar in Rücksicht auf den Pfleger. "Er wird intensive Pflege brauchen. Ich ziehe mich nur rasch um." Renfield atmete keuchend. Van Helsing kam zurück und trug seine Instrumententasche bei sich. Wir schickten den Wärter weg, da wir mit Renfield allein sein wollten und untersuchten ihn. Die Wunden im Gesicht waren oberflächlich, aber er hatte einen Schädelbruch. Der Knochen war eingedrückt und drückte auf die Stelle des Gehirns, die für den Bewegungsapparat zuständig ist. Während Van Helsing die Operation vorbereitete, in der er den Druck auf das Gehirn mindern wollte, klopfte es an der Tür. Quincey und Arthur standen draußen und sahen erschreckt auf die große Blutlache. "Wir hörten, dass Renfield einen Unfall hatte. Können wir etwas tun?"

Beide traten ein. Qiuncey setzte sich zu Renfield auf die Bettkante. Arthur nahm daneben Platz. "Wir müssen noch ein wenig warten", wies Van Helsing uns an. "Wir müssen den richtigen Zeitpunkt zum Trepanieren abwarten. Der Blutpfropf muss rasch und gründlich entfernt werden." Wir schwiegen und warteten. Jeder von uns fürchtete sich vor dem, was Renfield berichten könnte, wenn er noch Zeit dazu haben würde. Sein Atem ging pfeifend. Mich ergriff ein unsägliches Grauen, das sich von Sekunde zu Sekunde steigerte. Ein Blick in die Gesichter meiner Kameraden sagte mir, dass es ihnen ähnlich ging. Renfield ging es immer schlechter. Er konnte jeden Moment sterben. Van Helsing sah mich an und sagte: "Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren, es kann eine Seele auf dem Spiel stehen. Gerade hier über dem Ohr müssen wir operieren."

Ohne ein weiteres Wort vollzog er die Operation. Renfield keuchte und riss plötzlich die Augen auf. Er hatte einen wilden Ausdruck in den Augen, der erst nach einigen Minuten dem der frohen Überraschung wich. Er bewegte sich krampfhaft und flüsterte: "Ich bin ganz ruhig, Dr. Bitte, sagen Sie den Leuten, Sie sollen mir die Zwangsjacke ausziehen. Ich habe furchtbar geträumt. Aber was ist mit meinem Gesicht? Es fühlt sich so geschwollen an?" Van Helsing beruhigte ihn und murmelte sanft: "Erzählen Sie uns Ihren Traum, Renfield." Renfield sah Van Helsing an und seine Augen leuchteten in dem schrecklich zerschmetterten Gesicht.

"Ich träumte", begann Renfield und schloss die Augen. Ich sah, dass er einer Ohnmacht nahe war und flüstere Quincey zu: "Rasch, den Brandy aus meinem Arbeitszimmer." Quincey eilte davon und bald schon netzten wir Renfields Lippen mit Brandy. Sein Atem wurde wieder ruhiger und er setzte erneut an: "Ich träumte nicht. Es war grausige Wirklichkeit. Und ich habe nur noch wenig Zeit, denn ich weiß, dass ich sterben muss. Es war in jener Nacht, in der ich Sie bat, mich frei zu lassen. Ich konnte nicht sprechen, ich fühlte mich gebunden. Aber ich war gesund, so gesund, wie ich jetzt bin, ohne die Verletzungen, die ich erlitt. Ich war in Verzweiflung und Todesangst. Dann hörte ich Hunde heulen. Aber sie heulten nicht, wo Er war. Nebel stieg auf. Und Er kam zu mir. In Menschengestalt. Seine Augen glühten und sein Mund lachte. Ich musste ihn einladen, auch wenn ich es nicht wollte. Er versprach mir alles Mögliche. Nicht mit Worten, sondern in dem er es mich sehen ließ."

Wir wechselten einen raschen Blick. "Ja, wie er mir die Fliegen geschickt hatte, oder die Schmetterlinge der Nacht. So ließ er mich alles sehen. Ratten, Millionen Ratten. Und Hunde und Katzen und alle voll mit rotem Blut, mit Jahren von Lebenskraft. Dann heulten wieder Hunde hinter seinem Haus. Er trat ans Fenster und hob die Hand. Er teilte den Nebel und Hunderte von Ratten kamen heran. Auf seinen Fingerzeig standen sie still. 'Fall nieder und bete mich an, dann schenke ich dir all diese Leben', sagte er. Ich öffnete das Fenster und ließ ihn herein." Ich wollte Renfield drängen, weiter zu sprechen, aber Van Helsing hielt mich zurück. "Lassen Sie ihn einfach reden. Vielleicht findet er nicht mehr zu seinen Gedanken zurück, wenn wir ihn unterbrechen."

"Ich wartete den ganzen Tag auf Ihn, aber Er ließ nichts von sich hören. Ich war recht erbost. In der Nacht glitt er herein zu mir und grinste mich nur an. Als er an mir vorbeikam, war es mir, als wäre Frau Harker eingetreten. Er roch nach ihr." Wir erschraken sehr aber Renfield bemerkte es nicht. "Frau Harker hat mich besucht. Sie ist blass und anders als sonst. Ich erkannte sie erst, als sie sprach. Ich mag die blassen Menschen nicht. Ich mag die, die ordentlich Blut in den Adern haben. Aber aus Frau Harkers Adern ist das Blut verschwunden. Er hat es ihr ausgesaugt! Das machte mich rasend!" Ich sah, dass nicht nur ich vor Entsetzen zitterte, trotzdem schwiegen wir eisern. "Als er dann heute zu mir kam, dachte ich daran, dass Wahnsinnige übernatürliche Kräfte haben. Und ich packte ihn, mit all' meinem Wahnsinn. Ich dachte schon, der Sieger zu sein. Dann sah ich seine Augen und meine Kräfte zerflossen wie Wasser. Er hob mich empor und schleuderte mich zu Boden. Blutrote Schleier legten sich um mich. Er verschwand ..." Renfield verstummte.

Van Helsing erhob sich. "Wir wissen nun, dass er hier ist und wir kennen sein Ziel. Wir dürfen keine Zeit verlieren. Bewaffnet euch, liebe Freunde, gerade so wie in jener Nacht, da wir in sein Haus einstiegen. Macht schnell. Jeder Augenblick ist kostbar." Wir eilten davon, um die Gegenstände zu holen und trafen uns vor der Tür der Harkers wieder. "Sollen wir sie wirklich stören?", fragte Arthur zweifelnd. "Wir müssen. Und wenn wir sie zu Tode erschrecken. Notfalls müssen wir auch die Tür einschlagen." Van Helsing war sich so sicher, dass auch wir anderen wieder von unserem Tun überzeugt waren. Wir mussten uns tatsächlich mit den Schultern gegen die Tür stemmen, die schließlich unter lautem Krachen nachgab. Als wir in das vom Mondlicht beschienene Zimmer blickten, sträubten sich uns die Nackenhaare.

Jonathan Harker lag auf dem Bett, das dem Fenster näher stand. Sein Atem ging mühsam und sein Gesicht war gerötete. Hatte er einen Schlaganfall erlitten? Auf dem Rand des anderen Bettes kniete die weiße Gestalt seiner Frau, ein großer hagerer, ganz in schwarz gekleideter Mann stand neben ihr. Sein Gesicht war abgewandt. Als er sich umdrehte, erkannten wir den Grafen. Er hielt Minas Hände mit seiner Linken umklammert und mit seiner Rechten presste er ihren Kopf gegen seine entblößte Brust, über die ein leiser Blutfaden rann. Minas Haltung erinnerte an die eines Kätzchens, das von einem verzweifelten Kind dazu gezwungen werden soll, zu trinken, in dem man es mit der Nase in die Milch stößt. Der Graf richtete seinen furchtbaren glühenden Blick auf uns. Seine harten spitzen Zähne schlugen hinter den bluttriefenden Lippen heftig aufeinander. Er ließ von Mina ab, schleuderte sie auf das Bett und stürzte sich auf uns. Van Helsing war geistesgegenwärtig genug ihm den Umschlag mit der heiligen Hostie entgegen zu halten. Der Graf blieb sofort stehen. Nun hielten auch wir unsere Kruzifixe in die Höhe und bedrängten den Grafen. Der Mond verdunkelte sich.

Als Quincey endlich das Gaslicht angezündet hatte, sahen wir nicht mehr als ein wenig dünnen Dampf vom Grafen. Ehe wir uns fassen konnten, verschwand der Dampf durch den Spalt unter der Tür mit einem so heftigen Schwung, dass die Tür, die wir vorher mit Gewalt geöffnet hatten, ins Schloss fiel. Frau Harker hatte das Bewusstsein wieder erlangt und stieß einen wilden schrecklichen Schrei aus. Dieser Schrei fuhr ins in alle Glieder. Nie werde ich diesen Schrei vergessen, der voll von Verzweiflung und Trauer war. Frau Harker fiel in die Kissen zurück. Sie war entsetzlich blass und das Blut, das ihr Kinn und ihre Lippen verschmierte, unterstrich ihre Blässe noch. Sie schlug die Hände vor das Gesicht und weinte herzzerreißend. Arthur warf einen Blick auf das gequälte Menschenkind und verließ fluchtartig das Zimmer.

Van Helsing behielt einen klaren Kopf. "Jonathan liegt in der Lethargie, die ein Vampir hervorrufen kann. Ich werde ihn wecken, denn für Mina können wir im Augenblick nichts tun." Während Van Helsing Jonathan weckte, zog ich die Vorhänge zurück und sah auf den Garten der im Mondenschein lag. Ich konnte Quincey sehen, der über den Rasen lief und sich hinter einem Eibenbaum versteckte. Was tat er da? Im nächsten Moment hörte ich Harker schreien, der zu Bewusstsein gekommen war und seine Frau entdeckt hatte. "Was ist passiert? Was ist los? Was ist das für Blut? Mein Gott! Ist es so weit gekommen? Guter Gott, hilf uns! Hilf ihr!" Er warf sich auf die Knie und rang die Hände. Van Helsing versuchte, ihn zu beruhigen. Aber Jonathan war sehr aufgebracht. "Bleiben Sie bei ihr, Van Helsing. Ich werde zu Ihm gehen." Nun wurde Mina sehr erregt und klammerte sich an Jonathan. "Du darfst nicht gehen! Ich habe heute Nacht schon so viel erlitten. Ich will nicht auch noch fürchten müssen, dass er dir etwas antut!" Sie steigerte sich in ein hysterisches Weinen, das Jonathan zwang, sich zu ihr zu setzen und sie zu trösten.

"Wir müssen uns vor allem beruhigen. Heute Nacht wird nichts mehr geschehen. Wir sind in Sicherheit. Wir müssen ruhig werden und uns beraten." Das waren Van Helsings kluge Worte. Mina, die sich Jonathans Arm schmiegte, schluchzte: "Ich bin unrein. Unrein! Nie wieder darf ich dich küssen. Oh, dass du ausgerechnet vor mir nun Angst haben musst." Jonathan unterbrach sie. "Mina, ich möchte solche Dinge nicht hören. Nie wird sich etwas zwischen uns stellen." Er barg ihren Kopf an seiner Brust und sie weinte lange. Nach einer Weile wurden ihre Schluchzer ruhiger und seltener. Jonathan sagte mit einer gespielten Ruhe, die seine Nerven zum Zerreißen anspannen musste: "Dr. Seward, berichten Sie mir nun, was geschehen ist. Die Hauptsachen weiß ich, aber ich würde auch gern die Einzelheiten kennen."

Ich berichtete ihm alles, so gut ich konnte und hatte Mitleid mit ihm, als ich schildern musste, was der Graf mit seiner Frau getan hatte. Jonathan war von weiß glühender Wut, konnte aber nichts tun, als seine Frau festzuhalten und zärtlich ihr Haar zu liebkosen. Als ich geendet hatte, klopfte es an der Tür und Quincey und Arthur traten ein. Sie berichteten, dass sie den Vampir vergeblich gesucht hätten. Allerdings hatte der Graf noch Zeit gehabt, die Tagebuchnotizen und auch meinen Fonografen zu zerstören. "Wie gut, dass wir eine Kopie im Geldschrank haben", warf ich ein. Arthur berichtete weiter: "Ich sah auch in Renfields Zimmer. Er ist tot." Ich fühlte, dass Arthur noch etwas wusste, aber absichtlich schwieg. Also drang ich nicht weiter in ihn und Van Helsing fragte Quincey: "Haben Sie noch mehr zu berichten?" "Nun, wir sahen eine Fledermaus von Renfields Zimmer aus gen Westen fliegen. Er ist also nicht hier in Carfax und er wird auch heute Nacht nicht mehr kommen. Der Himmel rötet sich schon. Wir müssen morgen ans Werk!"

Es legte sich eine Stille über das Zimmer, die schließlich von Van Helsing unterbrochen wurde. "Liebe Mina, sagen Sie uns nun, wie es Ihnen ergangen ist. Wir werden nun keine Geheimnisse mehr voreinander haben. Unsere Rettung ist jetzt die schonungslose Offenheit." Frau Harker zitterte, aber sie hob den Kopf und sah uns an. "Ich nahm den Schlaftrunk, aber der Schlaf ließ auf sich warten. Ich begann zu fantasieren und meine Gedanken drehten sich um Vampire, Tod, Leid, Schmerz und Blut. Dann bin ich aber wohl doch eingeschlafen, denn ich weiß nichts mehr. Auch Jonathan weckte mich nicht. Er lag neben mir, als ich erwachte und den Nebel im Zimmer bemerkte. Ich fühlte ein unbestimmtes Entsetzen und hatte das Gefühl, jemand ungebeten bei mir zu haben. Ich wollte Jonathan wecken, aber schlief fest. Eine fürchterliche Angst überkam mich, aber Jonathan wurde einfach nicht wach. Und plötzlich stand ein großer schlanker Mann neben meinem Bett. Als hätte der Nebel Gestalt angenommen. Ich erkannte ihn sofort. Es war der Graf, ich habe Jonathans Beschreibung oft genug gelesen." Sie atmete tief ein und sah uns an.

"Der Graf zischte: 'Schweig, oder ich zerschmettere deinen Ehemann. Und halte jetzt schön still, es ist schließlich nicht das erste oder zweite Mal, dass ich meinen Durst an dir stille.' Ich war so entsetzt! Er entblößte meinen Hals. Ich konnte keinen Widerstand leisten. Als wäre es ein Teil des Zaubers! Er presste seine Lippen auf meinen Hals. Ich weiß nicht wie lange es dauerte. Halb ohnmächtig sah ich nur seinen blutbefleckten Mund. Er sagte höhnisch: 'Auch du wolltest deinen Verstand gegen mich ausspielen und den Männern helfen, Jagd auf mich zu machen. Du weißt nun schon und die anderen werden es bald wissen, was es heißt, meine Wege zu kreuzen und meine Pläne zu vereiteln. Ich untergrub ihre Stellung während sie kombinierten. Ich habe über Nationen geboten und für sie gekämpft, Jahrhunderte bevor ihr geboren wart! Aber du bist nun mein, Fleisch von meinem Fleisch, Blut von meinem Blut, du, die sie alle lieb haben und die sie beschützen wollten'." Frau Harker zitterte immer heftiger.

"Er sagt, dass ich nun seine Genossin und Gehilfin sei und dass er mich strafen müsse für das, was ich getan hätte. Mit seinem spitzen Nagel öffnete er eine Ader an seiner Brust und packte mich im Genick. Mit der anderen Hand hielt er meine Hände fest. Dann presste er mein Gesicht an seine Brust. Es hieß ersticken oder ... trinken." Sie würgte. "Was habe ich getan? Womit habe ich das verdient? Ich habe immer nur in Bescheidenheit und Rechtschaffenheit zu leben gewünscht. Gott sei mir gnädig!" Sie rieb sich über die Lippen, als ob sie den Schmutz abwischen könne, der sie befleckt hatte. Der Himmel begann sich von Osten her zu röten, es wurde immer heller. Harker war während der Erzählung seiner Frau schweigsam und ruhig gewesen. Bei dem steigenden Licht konnten wir ganz deutlich sein weiß gewordenes Haar sehen.

Heute bleibt immer einer in Rufweite der Harkers, bis wir uns wieder treffen und über das weitere Vorgehen beraten. Sicher aber ist, dass die Sonne heute kein unglücklicheres Haus als das unsere bescheinen wird.

Dracula - Kapitel 22

Jonathan Harkers Tagebuch
3. Oktober. Ich schreibe jetzt um sechs Uhr in dieses Tagebuch, weil ich mich fürchte, nachzudenken. Ich muss mich ablenken und weiter schreiben. Wir müssen alles aufschreiben. Das Wichtige und das Unwichtige, das Unwichtige vielleicht noch eher als das Wichtige. Das Unwichtige lehrt uns vielleicht am meisten, so wie Mina und ich heute belehrt wurden. Trotz all des Jammers und des Leides dürfen wir aber nicht aufhören zu hoffen und zu vertrauen. Mina sprach eben davon, wie unsere Treue sich auch in Not und Leid bewährt habe und sie weinte dabei. Wir müssen weiter abwarten, bis zum Ende. Mein Gott - das Ende? Was für ein Ende wird das sein? Nur nicht nachdenken. Rasch an die Arbeit.

Van Helsing und Dr. Seward kehrten zurück und wir gingen gleich mit großem Ernst an die weiteren Beratungen. Dr. Seward berichtete uns, wie sie Renfield gefunden hatten; mit dem Gesicht nach unten liegend, den Kopf zerschmettert, das Kreuz gebrochen. Der Wärter, der zugegebenermaßen gedöst hatte, hatte zunächst nichts Ungewöhnliches bemerkt. Dann aber habe er laute Stimmen aus Renfields Zimmer gehört. Renfield habe mehrfach "Gott! Gott! Gott!" gerufen. Weiter habe er einen Fall gehört. Als er in Renfields Zimmer trat, habe er ihn am Boden liegen sehen. Außer Renfield sei niemand im Zimmer gewesen, deshalb nahm er an, dass niemand weiter bei ihm gewesen war.

Dr. Seward wollte aufgrund der Zeugenaussage des Wärters einen Totenschein darüber ausstellen, dass Renfield bei einem Sturz aus dem Bett verunglückt sei. Wir mussten nun darüber sprechen, wie es weiter gehen solle. Wir beschlossen zunächst, Mina wieder vollkommen ins Vertrauen zu ziehen, da die Geheimnisse, die wir vor ihr hatten, zu ihrem Elend beträchtlich beigetragen hatten. Dabei hatten wir sie beschützen wollen! Mina war sehr tapfer, was uns alle rührte. Van Helsing fragte sie: "Liebe Frau Mina, befürchten Sie eigentlich nichts? Nicht für sich selbst, sondern für andere von Ihrer Seite? Sie wissen, was ich meine?"

Mina nickte und antwortete fest: "Ich weiß, worauf sie hinaus wollen. Und nein, ich fürchte mich nicht und weiß genau, was ich zu tun habe! Ich beobachte mich scharf. Sollte ich je ein Zeichen an mir entdecken, dass ich einem meiner Lieben etwas antun könnte, werde ich sterben. Ich hoffe darauf, dass es einen Freund gibt, der mir den letzten Schritt - mich selbst zu töten - erspart, wenn aber nicht ..." Ihre Stimme verklang. Van Helsing erhob sich und legte seine Hand auf ihren Kopf. "Wenn kein Ausweg bleibt, steht hier einer, der Ihnen das Furchtbarste ersparen wird, wenn es denn zu Ihrem Besten wäre. Ich bin Ihnen treu ergeben, aber hier sind noch mehr Menschen, die sich gern zwischen Sie und den Tod werfen. Sie dürfen nicht sterben, Frau Mina. Nicht bevor jener, der Ihnen das angetan hat, zu Tode gebracht wurde. Sie würden nach Ihrem Tode so werden wie er. Klammern Sie sich an das Leben, auch wenn es schmerzt. Sie müssen sich gegen Tod und Verdammnis zur Wehr setzen!"

Mina zitterte am ganzen Körper und alle Farbe war aus ihrem Gesicht gewichen. Aber ihre Stimme klang entschlossen als sie sagte: "Wenn Gott mich am Leben erhalten will, will ich mich bemühen, stark zu sein bis - wenn es Sein Wille ist, das Unaussprechliche von mir genommen ist." Wir gelobten uns im Herzen, für Mina zu kämpfen und auszuhalten. Wir kehrten zu unserem Gespräch über die weiteren Schritte zurück. Mina fiel die Aufgabe zu, alle Tagebücher und Aufzeichnungen im Geldschrank aufzubewahren, auch die Fonografenwalzen. Wie früher sollte sie Berichte sammeln und sie war erleichtert, dass sie wieder eine Aufgabe hatte.

Van Helsing war schon einen Schritt weiter. "Wie gut, dass wir bei unserem nächtlichen Besuch in Carfax nichts veränderten. Wir hätten dem Grafen vielleicht unsere Absicht verraten, von der er jetzt noch nichts ahnt. So kann er unsere Pläne auch nicht durchkreuzen, da er nichts von ihnen weiß. Er ahnt vermutlich nicht, dass wir die Mittel haben, seine Schlupfwinkel zu sterilisieren. Danach kann er sie nicht mehr benutzen. Wir aber wissen nun so viel über die Verteilung, dass wir nach dem Besuch des Hauses in Piccadilly auch die Spuren der restlichen Kisten finden werden. Auf dem heutigen Tage ruht unsere große Hoffnung. Solange die Sonne leuchtet, ist das Scheusal an die Gestalt gebunden, die es angenommen hat. Es kann sich nicht unsichtbar machen und nicht durch Ritzen oder Spalten verschwinden. Wir müssen heute alle Schlupfwinkel finden und sie sterilisieren. Wenn wir ihn nicht bei dieser Gelegenheit antreffen und vernichten, werden wir ihn auf irgendeinem Platz in die Enge treiben und zugrunde richten."

An dieser Stelle stand ich auf, ich wollte nicht eine Sekunde länger warten. Wir sollten handeln statt zu plaudern! Aber Van Helsing mahnte mich zur Geduld. "Wir müssen Spuren suchen, lieber Freund. Papiere, Scheckbücher, Schlüssel. Der Graf muss noch mehr Häuser gekauft haben. Wo anders als in Piccadilly sollten wir Hinweise darauf finden? In Piccadilly kann er jederzeit von hinten oder vorne kommen, in dem Straßenverkehr beachtet ihn niemand. Wir müssen zunächst das Haus durchsuchen. Wenn wir dann seine Geheimnisse kennen, werden wir, wie es in der Waidmannssprache heißt, 'seine Röhren verstopfen'. Aber wir müssen gut planen. Wie kommen wir in das Haus? Wir können es nicht am helllichten Tage aufbrechen."

"Das ist mir egal!", rief ich. Ich wollte keine Zeit mehr vergeuden, da jede ungenutzte Minute eine Qual für mich war. Van Helsing nickte mir begütigend zu. "Ruhig Jonathan, ruhig. Wir wollen in dieses Haus, haben aber keinen Schlüssel. Nun, wir müssen einfach so tun, als hätten wir das Recht, das Haus zu öffnen. Ich habe mir überlegt, wir gehen nach zehn Uhr, also zu einer Zeit, zu der auch der Eigentümer etwas vornehmen lassen würde, nach Piccadilly. Ein Schlosser öffnet uns die Tür und wir gehen unbefangen vorne hinein. Sind wir erst einmal im Haus, können wir nach weiteren Spuren suchen. Während einige die Kisten in Bermodsey und Mile End suchen, können die anderen in Piccadilly warten."

Lord Godalming machte den Vorschlag, Pferd und Wagen dorthin zu entsenden, wo wir beides gebrauchen könnten, aber Van Helsing riet davon ab, da die eleganten Equipagen mit dem Wappen doch zu auffällig seien. Wir würden uns Droschken mieten, wenn es darauf ankäme. Mina hörte allem gespannt zu, sah aber so mager und bleich aus, dass es mir ins Herz schnitt. Als wir auf die Reihenfolge zu sprechen kamen, in der wir die anstehenden Dinge erledigen wollten, gab es wieder Zweifel. Schließlich kamen wir überein, als erstes den zunächst liegenden Schlupfwinkel des Grafen zu zerstören. Anschließend wollten wir uns dann nach Piccadilly begeben.

Dem Plan, gemeinsam nach Piccadilly zu gehen und Mina schutzlos zurückzulassen, konnte ich nicht entsprechen. Ich wollte bei ihr sein und sie beschützen. Aber Mina bestand darauf, dass ich mit den anderen ziehe, denn es könnten meine juristischen Kenntnisse oder aber meine Erfahrungen in Transsylvanien für die anderen von großem Nutzen sein. "Ich fürchte mich nicht, Jonathan. Schlimmer als es ist, kann es nicht werden. Gott kann, wenn er will, seine Hand über mich halten." Ich nahm Minas Hand. "Dann wollen wir uns beeilen. Der Graf kann eher nach Piccadilly kommen, als wir denken." Ich sah Mina liebevoll an. Van Helsing aber schüttelte den Kopf. "Der Graf hat gestern lange gezecht und wird sich ordentlich ausschlafen. Haben Sie das vergessen?" Mich durchzuckte ein heißer Schmerz. Vergessen! Als könnte ich diese Nacht je vergessen.

Mina brach bei Van Helsings Worten in Tränen aus und Van Helsing wurde blass. Er hatte Mina nicht quälen wollen, er hatte nur übersehen, dass sie dabei saß. Er erschrak über seine Gedankenlosigkeit und tröstete Mina: "Ich habe es nicht böse gemeint. Können Sie einem alten stupiden Mann verzeihen?" Mina weinte und nahm seine Hand. "Sie haben mir so viel Gutes getan, Professor. Natürlich verzeihe ich Ihnen. Nun müssen Sie aber bald gehen. Das Frühstück ist fertig. Und wir müssen essen, damit wir bei Kräften bleiben."

Es war ein seltsames Frühstück, bei dem wir gegenseitig versuchten, uns aufzuheitern und Mut zu zusprechen. Nach dem Frühstück sagte Van Helsing: "Wir brechen nun auf zu unserer schrecklichen Aufgabe. Sie alle sind seit jener Nacht in Carfax auf das Beste gerüstet. Nun müssen wir Frau Mina vor dem Ungeheuer schützen. Bis zum Sonnenuntergang sind Sie geborgen. Und wir werden bis dahin zurück sein, aber wenn ...", er unterbrach sich, redete aber schnell weiter, "Wir wollen sicher sein, dass Sie gegen physische Angriffe hinreichend geschützt sind. Ihr Zimmer habe ich so hergerichtet, dass die Dinge, die er nicht verträgt, den Eingang versperren. Nun will ich aber Sie selbst noch schützen. Ich möchte Ihre Stirn mit dieser geweihten Hostie berühren, im Namen des Vater, des Sohnes und ..."

Ein unmenschlicher Schrei zerriss die Luft. In dem Moment, in dem Van Helsing Mina die Hostie auf die Stirn legte, verbrannte das weiße Fleisch, als hielte er ein Stück weiß glühendes Eisen in der Hand. Mina spürte den furchtbaren Schmerz und verstand sofort die ganze schreckliche Bedeutung des Geschehnisses. In unendlicher Verzweiflung sank sie auf die Knie. Mit dem Haar vor ihrem Gesicht rief sie immer wieder: "Unrein! Unrein! Sogar der Allmächtige spürt Ekel vor meinem geschändeten Fleisch. Bis zum jüngsten Gericht muss ich wohl nun dieses Zeichen auf der Stirn tragen. Ich bin unrein!" Auch ich fiel auf die Knie und umschlang mein Weib, das in hoffnungslosem Jammer schluchzte. Die Freunde umstanden uns mit Tränen in den Augen.

Van Helsing trat zu uns. "Vielleicht müsst Ihr dieses Mal tragen, liebe Frau Mina. Vielleicht ist uns aber auch vergönnt zu sehen, wie diese Stirn rein und weiß wie zuvor wird, wenn nämlich das Scheusal zu Tode kommt. Bis wir wissen, was geschieht, werden wir diese Bürde tragen müssen. Vielleicht sind wir die auserwählten Werkzeuge göttlicher Gnade und steigen auf Sein Geheiß empor wie andere durch Geißelhiebe oder Schmach." Die Worte des Professors spendeten Trost und Hoffnung. Ergriffen knieten wir alle nieder und fassten uns an den Händen. Wir beteten um Hilfe und Führung in der Aufgabe, die vor uns lag.

Es wurde Zeit, aufzubrechen. Ich musste Mina Lebwohl sagen und wir schieden, wie wir es beide unser Leben lang wohl nicht vergessen werden. Dann gingen wir. Mir ist eines klar: Wenn Mina ein Vampir werden muss, wird sie nicht allein in jenes unbekannte, schreckliche Land gehen. Auch heute noch gilt, dass die verfluchten Leiber nur in geweihter Erde ruhen können und die heiligste Liebe als Werberin für die unheimliche Reihe der Untoten missbraucht wird.

In Carfax fanden wir alles so wie bei unserem ersten Besuch. Kaum zu glauben, dass in dieser prosaischen Atmosphäre von Zerfall, Staub und Verwahrlosung eine Ursache zur Befürchtung zu finden sein sollte, wie wir sie hegten. Allein unser fester Entschluss und die Erinnerung an jene Nacht spornten uns an, unsere Aufgabe durchzuführen. Im Haus fanden wir nichts von Bedeutung und so begaben wir uns in die Kapelle. Van Helsing erklärte: "Wir müssen die Erde sterilisieren, die für ihn voll von heiligen Erinnerungen ist. Zu seinen Zwecken brachte er sie hierher. Er wählte diese Erde, weil sie ihm heilig ist. Wir machen Sie nun noch heiliger und schlagen ihn mit seinen eigenen Waffen. Die Erde, die dem Gebrauche von Menschen geweiht war, weihen wir nun Gott."

Er entnahm seinem mitgeführten Koffer einige Werkzeuge und öffnete den Deckel der ersten Kiste. Die Erde roch dumpf und muffig. Wir achteten nicht darauf und Van Helsing zog aus einer Büchse ein Stück der Hostie. Vorsichtig legte er sie in die Kiste und verschloss den Deckel wieder. Eine Kiste nach der anderen wurde nun geöffnet, ein Stück Hostie hineingelegt und dann wieder verschlossen. Als wir fertig waren, war nichts zu bemerken. Wir verließen Carfax und gingen der Station zu, um den Zug zu erreichen. Wir kamen an der Front des Asyls vorbei und ich sah Mina am Fenster stehen. Ich winkte und nickte, um ihr zu zeigen, dass wir bis hierher erfolgreich waren. Sie erwiderte meinen Gruß und winkte uns Lebewohl. Dies schreibe ich in der Eisenbahn.

Wir erreichten Piccadilly um 12.30 Uhr. Kurz bevor wir die Fenchurch Street erreichten, sagte Lord Godalming: "Jonathan, es ist besser, Sie gehen nun nicht mit uns. Quincey und ich werden einen Schlosser bestellen. Es ist nicht auszuschließen, dass wir Unannehmlichkeiten bekommen. Sie sind Jurist und die Anwaltskammer würde Ihnen vorwerfen, an einem Einbruch beteiligt gewesen zu sein." Ich sagte, dass es mir egal sei, ob ich Schwierigkeiten bekommen würde. Aber Lord Godalming fuhr fort: "Es ist auch besser, wenn wir nicht in so großer Zahl erscheinen. Mein Name wird die Bedenken des Schlossers und möglicherweise auch die der Polizei zerstreuen. Ich denke, Sie, John und der Professor warten im Green-Park an einer Stelle, von der aus Sie das Haus beobachten können. Wenn die Tür geöffnet wird, kommen Sie her und wir lassen Sie ein."

John, der Professor und ich schlenderten gemächlich zum Green-Park, während Godalming und Morris in einer Droschke davon fuhren. Die Zeit schien nicht zu verstreichen und ich sah das düstere Haus in seiner Verwahrlosung mit klopfendem Herzen an. Schließlich aber fuhr eine Droschke vor. Arthur und Quincey entstiegen ihr in unbefangener Weise. Ein Handwerker, der auf dem Kutschbock gesessen hatte, kletterte herunter und begab sich zur Eingangstür. Arthur erläuterte dem Mann offensichtlich, was zu tun sei. Dieser nickte, zog seinen Rock aus und hängte ihn an die Gitterstäbe des Zaunes. Dabei rief er einem zufällig des Weges kommenden Polizisten etwas zu. Der Polizist nickte nur und ging weiter. Der Handwerker legte sein Werkzeug zurecht und brachte ein großes Bündel Schlüssel zum Vorschein. Der dritte Schlüssel passte und die Tür sprang auf. Die drei Männer traten ein. Van Helsing, John und ich konnten nur weiter ungeduldig warten.

Endlich trat der Handwerker aus der Tür. Er überreichte Arthur noch einen Schlüssel und packte dann sein Werkzeug ein. Arthur zog seine Börse hervor und bezahlte den Mann. Der Schlosser zog seinen Rock an und ging. Niemand hatte bemerkt, dass wir uns soeben unrechtmäßig Zutritt zu einem fremden Haus verschafft hatten. Wir gingen über die Straße und klopften an der Haustür. Sofort wurde uns geöffnet. "Es riecht ganz furchtbar hier drinnen", sagte Arthur. Tatsächlich, es roch wie in der Kapelle in Carfax. Der Graf musste sich oft hier aufgehalten haben. Wir begannen, das Haus zu durchsuchen, blieben aber eng zusammen. Wir fanden acht Kisten im Speisezimmer. Nur acht Kisten! Wir suchten aber neun! Wenn wir über den Verbleib der neunten Kiste nichts in Erfahrung bringen konnten, konnte unser Werk nicht vollendet werden.

Rasch sterilisierten wir die acht Kisten in gewohnter Weise. Es wurde uns klar, dass der Graf nicht hier war und so suchten wir nach einigen seiner Gebrauchsgegenstände. Wir untersuchten das Haus vom Keller bis zum Dach. Aber die vom Grafen benutzen Gegenstände fanden sich ausschließlich im Speisezimmer. Wir fanden Akten über das Haus in Piccadilly und über den Kauf der Häuser in Bermondsey und Mile End. Weiter waren Briefpapier, Tinte, Umschläge und Federn zu sehen. Zum Schutz gegen den Staub war alles mit einem dünnen Einschlagpapier abgedeckt. Wir fanden auch noch eine Kleiderbürste, einen Kamm, einen Krug und eine Waschschüssel. Das Wasser in der Schüssel war wie von Blut gerötet. Und wir entdeckten Schlüssel, die offensichtlich zu den Häusern gehörten. Lord Godalming und Morris notierten sich die genauen Adressen der Häuser in Bermondsey und Mile End, nahmen die Schlüssel an sich und machten sich auf den Weg dorthin, um die Kisten unbrauchbar zu machen. Wir übrigen werden hier geduldig auf ihre Rückkehr warten oder auf die des Grafen.

Dracula - Kapitel 23

Dr. Sewards Tagebuch
3. Oktober - Das Warten im Haus in Piccadilly fiel uns schwer, auch wenn Van Helsing versuchte, uns geistig wach zu halten. Immer wieder sah er Jonathan hinüber, der furchtbar leidet. Gestern noch war er ein glücklicher, frisch aussehender Mann mit braunem Haar, voller Energie und Tatendrang. Heute ist er ein deutlich gealterter, gebeugter Mann, dessen Haare schlohweiß sind. Seine Augen liegen in tiefen Höhlen, sein Gesicht wirkt vergrämt und faltig. Einzig seine Energie scheint die schreckliche Nacht überdauert zu haben. Glühender Eifer beseelt ihn und ist vielleicht seine einzige Rettung, wenn alles gut geht. Er tut mir unendlich leid und ich dachte schon, mein Leid sei unermesslich, aber seines dagegen ... Der Professor dagegen beschäftigt uns die ganze Zeit, damit Jonathan gar nicht erst ins Grübeln kommt. So erzählte er uns folgendes:

"Ich habe alle Berichte über dieses Ungeheuer gelesen, die ich finden konnte. Je mehr ich las, desto sicherer war ich mir, dass es ausgerottet werden muss. Es machen sich überall Zeichen des Fortschritts bemerkbar. Seine Fähigkeiten wachsen und er ist sich ihrer immer bewusster. Mein Freund Arminius in Budapest stellte mir seine Studien zur Verfügung. Ihnen konnte ich entnehmen, dass Dracula in seinem Leben ein hervorragender Mensch war. Er war Diplomat, Krieger und Alchemist, was in jenen Zeiten den Höhepunkt wissenschaftlicher Entwicklung bedeutete. Sein Verstand war mächtig, seine Erfahrung unvergleichlich und sein Herz kannte weder Furcht noch Gewissen. Es gab keine Wissenschaft in jener Zeit, in der er sich nicht versucht hat.

Seine geistigen Kräfte überlebten den physischen Tod auch wenn sein Gedächtnis nicht ganz lückenlos zu sein scheint. In manchen Beziehungen ist er geistig noch ein Kind, aber er wächst und mit ihm wachsen die Fähigkeiten. Er macht Erfahrungen und zieht daraus seine Schlüsse. Er wäre der Vater und Schöpfer einer neuen Art von Wesen geworden, deren Weg durch den Tod, nicht durch das Leben geht, wenn wir nicht seine Pfade gekreuzt hätten. Misslingen unsere Pläne jedoch, wird er tatsächlich dieses Ziel erreichen."

Harker fragte: "Wie meinen Sie das, Professor? Wie macht er Erfahrungen?" Van Helsing antwortete: "Nun, seit er hier ist, versucht er seine Kräfte. Langsam, aber sicher. Es ist unser Glück, dass sein Gehirn noch ein Kindergehirn ist, denn es ist an der Arbeit. Er hat Erfolge. Hätte er von Anfang an gewisse Dinge gewagt, er wäre längst außerhalb unseres Machtbereiches. Er hat Jahrhunderte vor sich, er kann es sich leisten zu warten. Sein Wahlspruch lautet: 'Festina lente'." Harker und ich sahen uns an und verstanden nicht, was der Professor da sprach. Er fuhr fort: "Ich will es Ihnen erklären, meine Herren. Es ist nicht zu übersehen, dass dieses Scheusal Erfahrungen erwirbt. Er bedient sich eines Zoophagen, um in ihr Haus zu kommen, John. Ein Vampir muss, um später kommen und gehen zu können, wie er möchte, das erste Mal von einem Bewohner des Hauses eingeladen werden.

Aber das ist noch nicht die wichtigste Erfahrung. Er hat die Kisten zunächst mit menschlicher Hilfe transportiert. Er wusste es damals noch nicht anders. Dann half er beim Transport und stellte fest, er könnte es auch allein tun. Das hat er getan. Niemand außer ihm kennt den Schlupfwinkel. Aber keine Sorge, alles das ist ihm sehr spät eingefallen. Wir haben alle seine Schlupfwinkel zerstört. Alle bis auf einen und den werden wir auch noch finden. Für uns steht mehr auf dem Spiel als für ihn. Arthur und Quincey müssten schon auf dem Rückweg sein. Wenn sie hier sind, sind wir fünf."

Van Helsing wurde von einem Klopfen an der Tür unterbrochen. Wir erschraken, aber dann erkannten wir, dass ein Bote mit einer Depesche vor der Tür stand. Van Helsing nahm die Depesche entgegen. Sie war von Mina. "Achtet auf D. Er hat um 12.45 Uhr Carfax eilig verlassen und ist in südlicher Richtung davon. Will er einen Rundgang antreten, um mit euch zusammen zu treffen? Mina." Zunächst schwiegen wir betroffen. Dann sagte Jonathan: "Dann werden wir ja bald mit ihm zusammen kommen." Van Helsing nickte. "Die Zeit zum Handeln ist gekommen. Heute ist Dracula nur mit menschlichen Eigenschaften begabt. Er kann sich nicht verwandeln, wenn die Sonne untergeht. Und er braucht Zeit, um seinen Standort zu verändern. Wichtig ist nur, dass Arthur und Quincey vor ihm hier eintreffen."

Eine halbe Stunde, nach dem die Depesche von Frau Mina hier eingetroffen war, klopfte es an der Tür. Wieder erschraken wir, gingen aber gemeinsam in die große Halle, um nach zu sehen. Es waren Arthur und Quincey, die berichteten, dass sie 12 Kisten gefunden und für Dracula unbrauchbar gemacht hätten. "Nun bleibt uns nichts anderes übrig, als zu warten", sagte Quincey. "Wenn er bis fünf Uhr aber nicht hier ist, sollten wir nach Hause fahren, damit wir Frau Mina beistehen können." Van Helsing winkte ab. "Er wird in Kürze hier sein. Da bin ich sicher. Frau Mina telegrafierte uns, dass er in südlicher Richtung davon ging. Er ist noch nicht hier. Das kann nur heißen, dass er erst nach Bermondsey und von dort aus nach Mile End ging. Wir sollten uns einen Angriffsplan zurecht legen, aber - still. Es ist zu spät. Hört ihr das?"

Van Helsing hob den Finger und wir anderen lauschten wie erstarrt. Wir hörten, wie ein Schlüssel in das Schlüsselloch gesteckt wurde. Rasch und ohne zu zögern übernahm Quincey die Führung und wies jedem von uns einen Platz zu, den wir, ihm blindlings gehorchend, sofort einnahmen. Van Helsing, Harker und ich standen direkt hinter Tür, um den Rückzug abschneiden zu können. Lord Godalming und Quincey standen weiter vorn und aus der Sicht, aber sofort bereit, die Fenster zu versperren. Wir hörten leise tappende Schritte auf dem Gang. Unsere Herzen klopften zum Zerspringen.

Plötzlich sprang der Graf, der auf eine Überraschung wohl gefasst war, mit einem Satz ins Zimmer. Er war so schnell, dass wir ihn nicht halten konnten. Sein Ausdruck war der eines Raubtieres und so so wenig menschlich, dass wir uns augenblicklich von der Bestürzung erholten. Der Erste, der handelte war Harker. Geistesgegenwärtig warf er sich zwischen das Ungeheuer und die Tür. Der Graf ließ ein hässliches Knurren hören und fletschte die langen spitzen Zähne. Er musterte uns mit tiefer Verachtung. Dieser Blick veranlasste uns, ihn plötzlich zu bedrängen. Ich bedauerte, dass wir den Angriff nicht geplant hatten. Was sollte ich tun? Würden unsere weltlichen Waffen etwas nützen? Harker versuchte, mit einem langen Kukrimesser dem Grafen einen Stoß zu versetzen. Dracula aber wich aus, so dass der Stoß nicht sein Herz durchbohrte sondern lediglich ein tiefes Loch in seinen Rock riss, aus dem nun ein Bündel Banknoten und ein Strom von Goldmünzen herausfielen.

Dracula durchbohrte Harker mit seinen Blicken und instinktiv hob ich die Hostie und das Kruzifix. Eine überirdische Kraft schien meinen Arm zu führen und Dracula wich Schritt um Schritt zurück. Der Ausdruck auf seinem Gesicht lässt sich nicht in Worte fassen, so abgrundtief waren der Hass und die Bosheit, die sich dort spiegelten. Sein wachsfarbenes Gesicht wirkte gelbgrün und stach von den rot glühenden Augen ab. Ehe Harker einen zweiten Stoß ausführen konnte, duckte sich der Graf unter seinem Arm hindurch und klaubte einige Goldmünzen vom Fußboden auf. Dann schoss er zum Fenster und sprang hindurch. Unter Krachen und Klirren des splitternden Glases landete der Graf auf dem gepflasterten Hof. Er erhob sich unversehrt und drehte sich zu uns um.

"Ihr dachtet, dass ihr mich überlisten könnt? Ich werde euch noch zu schaffen zu machen. Ihr glaubt, ihr habt mir meine Ruheplätze genommen, aber ihr wisst nicht, dass ich noch mehr habe. Ich habe sie über Jahrhunderte verteilt. Ich habe die Zeit auf meiner Seite. Jetzt beginnt meine Rache. Eure Frauen sind schon mein und auch ihr werdet durch sie bald mein sein. Kreaturen, die meine Befehle ausführen." Dracula eilte zu der Stalltür und verschwand. Wir hörten, wie er den Riegel von innen vorschob.

Nun konnten wir ihm nicht durch den Stall folgen und rannten deshalb in die Halle. "Er fürchtet uns. Soviel ist sicher. Und er hat nicht so viel Zeit, wie er sagt. Wozu sonst die Eile? Und warum hat er das Geld mitgenommen? Schnell, geht ihm nach! Das war ein wirklich aufschlussreiches Zusammentreffen. Ich werde hier bleiben und dafür sorgen, dass er nichts Brauchbares hier mehr vorfindet, wenn er zurückkehrt." Van Helsing bückte sich nach dem auf dem Boden liegenden Geld. Er steckte es in die Tasche. Die Urkunden, die auf dem Tisch lagen, warf er mit den anderen Sachen in den Kamin und zündete sie an. Godalming, Morris und Harker hatten versucht, dem Grafen zu folgen, aber als sie die Stalltür aufgebrochen hatten, war keine Spur mehr zu entdecken. Es war später Nachmittag. Für heute hatten wir unser Spiel verloren.

"Lassen Sie uns zu Frau Mina zurückkehren. Was wir tun konnten, haben wir getan. Nun müssen wir sie schützen. Die Hoffnung trägt uns weiter. Es ist nur noch eine Kiste übrig, die es zu finden gilt. Wenn das geschafft ist, wird alles gut." Van Helsing richtete seine Worte vor allem an Harker, der wie gebrochen schien. Schnell kehrten wir zu meinem Hause zurück. Frau Mina erwartete uns und trug eine frohe Mine zur Schau. Sie sah in unsere Gesichter und wurde blass wie der Tod. "Ihr habt getan, was ihr tun konntet. Ich danke euch." Sie nahm den weißen Kopf ihres Mannes in die Hände und küsste ihn. Haker stöhnte nur, zu groß war sein Jammer.

Unser Abendbrot war rasch verzehrt, hatte doch keiner von uns seit dem Morgen auch nur einen Bissen über die Lippen gebracht. Nach der Mahlzeit fühlten wir uns weniger elend und hoffnungslos. Wie versprochen, berichteten wir Frau Harker alles, was sich zugetragen hatte und sie wurde rot und blass bei unseren Schilderungen. Als wir geendet hatten, erhob sich Frau und begann zu sprechen. Die Narbe auf ihrer Stirn leuchtete rot und voll grimmigen Hasses dachten wir daran, wie und wodurch diese Narbe zustande gekommen war. "Meine treuen Freunde, mein lieber Jonathan. Verliert in dieser schrecklichen Zeit bitte nicht aus den Augen, dass das, was ihr tun müsst, kein Werk des Hasses sein darf. Die arme Seele, die all' das Leid bewirkt, trägt ja selbst die größte Last. Denkt an die reine Freude, die sie haben wird, die auch Lucy hatte, wenn ihr den schlimmeren Teil zu Gunsten des edleren vernichtet habt. Ihr müsst ihn vernichten, aber ihr müsst Mitleid mit ihm haben."

Während ihrer Rede, verzerrte sich Jonathans Gesicht in einer unglaublichen Wut. Er sprang auf. "Wenn Gott ihn mir in die Hände gibt, dann werde ich alles irdische Leben an ihm zerstören. Und wenn ich dabei seine Seele für immer in die tiefste brennende Hölle senden könnte, bei Gott, ich täte es!" "Sage doch solche Dinge nicht, Jonathan. Ich habe heute den ganzen langen Tag darüber nachgedacht. Jonathan, vielleicht bedarf ich auch eines Tages das Mitleid eines Menschen, der es mir dann versagt, weil er mich so sehr für das hasst, was ich bin. Ich würde es dir gern ersparen, Jonathan, aber so steht es nun einmal um mich. Deine Worte waren zornig und hässlich und ich bete zu Gott, dass dieser sie dir nicht strenger anrechnet als das Weinen aus dem gebrochenen Herzen eines liebenden Mannes. Deine weißen Haare legen Zeugnis davon ab, was du erlitten hast."

Sie weinte und wir Männer weinten mit ihr. Harker warf sich auf die Knie und versteckte sein Gesicht in den Falten ihres Kleides. Van Helsing gab uns ein Zeichen und wir verließen leise den Raum. Ehe das Ehepaar Harker sich zur Ruhe begab, sicherte Van Helsing das Schlafzimmer gegen den Vampir und beruhigte Frau Harker. Van Helsing hat jedem von ihnen eine Handglocke hingestellt, um uns im Notfall rufen zu können. Außerdem werden Quincey, Godalming und ich die Nacht über abwechselnd wachen und Frau Harker beschützen. Quincey hat die erste Wache. Arthur hat sich bereits zur Ruhe begeben, denn er hat die zweite Wache. Nachdem meine Arbeit getan ist, werde nun auch ich mich zur Ruhe begeben.

Jonathan Harkers Tagebuch
3. - 4. Oktober. - Es ist kurz vor Mitternacht. Nach dem gestrigen Tag, der nicht enden wollte, sehnte ich mich nach Schlaf, in der Hoffnung, nach dem Aufwachen alles anders vorzufinden. Ehe wir auseinander gingen, berieten wir, was als nächstes zu tun sei, kamen aber zu keinem rechten Ergebnis. Wir müssen die Kiste finden, die letzte Kiste mit Erde, in der der Graf seinen schaurigen Schlaf schläft. Wenn wir die Kiste nicht finden und ihn nicht fangen können, kann er uns noch auf Jahre hin in Bewegung halten. Was passiert in der Zwischenzeit? Dieser Gedanke beunruhigt mich wirklich. Mein armes Weib, das so ohne Fehl und Tadel ist. Welch süßes Mitleid zeigte sie heute gegen das Scheusal, so dass mein eigener Hass umso hässlicher und gemeiner erschien. Soll die Welt dieses reine Geschöpf wirklich verlieren?

Als die Sonne unterging, kam eine Ruhe über Mina, wie sanfter Frühling nach den Märzstürmen. Ich dachte, die Sonne ließe ihr Antlitz erglühen, aber nun glaube ich, dass die Ursache tiefer liegt. Ich bin nicht schläfrig, nur müde - todmüde. Ich muss mich zum Schlafen zwingen, denn morgen ist auch wieder ein Tag.

Später. - Ich muss eingeschlafen sein. Als ich erwachte, saß Mina kerzengerade im Bett. Sie sah mich an und flüsterte: "Da geht jemand im Korridor!" Ich stand auf, ging leise durch das Zimmer und öffnete die Tür. Draußen lag hellwach Herr Morris auf der Matratze. Er sah mich an und sagte dann: "Es ist alles in Ordnung. Einer von uns ist immer hier. Schlafen Sie." Ich nickte ihm dankbar zu und schloss die Tür. Mina hatte alles mit angehört und seufzte tief. "Diese tapferen Männer! Ich danke Gott dafür, dass sie bei uns sind." Dann legte sie sich zurück und schlief ein. Ich finde keinen Schlaf, deshalb schreibe ich.

4. Oktober. - Mina weckte mich ein zweites Mal in dieser Nacht. Das Grau des erwachenden Tages kroch durch die Ritzen und wir mussten doch recht gut geschlafen haben. "Ich muss sofort den Professor sprechen", sagte Mina. "Was ist denn?", fragte ich besorgt. "Ich habe eine Idee. Ich habe die ganze Nacht darüber nachgedacht. Der Professor muss mich hypnotisieren. Es muss geschehen, ehe es Tag wird, dann werde ich vielleicht sprechen können. Rasch. Hole Van Helsing!" Dr. Seward hielt draußen noch Wache und ich schickte ihn zu Van Helsing. Van Helsing war augenblicklich zur Stelle und auch die anderen Herren erschienen in unserem Schlafzimmer. Als Van Helsing sah, dass Mina lächelte, wich der besorgte Ausdruck auf seinem Gesicht. "Ich sehe, Frau Mina ist wie ehedem. Was kann ich für Sie tun, liebe Frau Mina? Es muss etwas Wichtiges sein, wenn ich die Uhrzeit bedenke."

"Bitte hypnotisieren Sie mich!", bat Mina. "Ehe es Tag wird, denn ich fühle, dass ich werde sprechen können. Machen Sie rasch, die Zeit drängt." Van Helsing nickte nur knapp und stellte keine Fragen mehr. Er machte Mina ein Zeichen, dass sie sich aufrecht hinsetzen solle. Er sah ihr fest in die Augen und begann mit seiner Hypnose. Dazu strich er ihr mit den Händen am Kopf entlang und auch über ihre Stirn. Mina blickte dem Professor starr in die Augen, dann schlossen sich ihre Lider. Sie saß völlig still. Als sich ihre Augen öffneten war sie eine andere. Ihre Stimme hatte einen träumerischen, traurigen Klang, den ich noch nie zuvor gehört hatte.

Van Helsing war mit Schweiß bedeckt. Vorsichtig begann er mit ihr zu sprechen, während wir alle zuhörten. "Wo sind Sie?", fragte er. "Das weiß ich nicht." Stille. Van Helsing zeigte auf die Vorhänge und ich zog sie zurück. Ein rötlicher Strahl fiel ins Zimmer und machte das Licht rosig. "Wo sind sie jetzt?" "Ich weiß nicht. Hier ist alles fremd." "Was sehen Sie?" "Ich kann nichts sehen. Es ist dunkel." "Was hören Sie?", der Professor war bemüht, die Anspannung in seiner Stimme zu überspielen. "Ich höre Klatschen von Wasser. Es gluckert und gurgelt. Ich kann die Wellen außen hören." "Sind Sie auf einem Schiff?" "Ja." "Was hören Sie noch?" "Das sind Männer. Sie rennen herum. Eine Kette rasselt und das Gangspill dreht sich klirrend." "Was tun Sie?" "Ich liege hier. Es wie der Tod." Mina atmete noch einmal tief ein, dann fielen ihr die Augen zu.

Die Sonne war aufgegangen. Van Helsing legte Mina die Hände auf die Schultern und drückte sie sachte zurück in ihre Kissen. Einige Sekunden lag sie still wie ein schlafendes Kind. Dann schlug sie mit einem langen Seufzer die Augen auf. "Habe ich etwas sagen können?" Der Professor wiederholte das ganze Gespräch für sie. "Dann müssen wir sofort handeln. Vielleicht ist es noch nicht zu spät", sagte Mina. Lord Godalming und Morris wollten davon eilen, aber Van Helsing hielt sie zurück.

"Liebe Freunde, das Schiff hat den Anker gelichtet, als Mina sprach. Viele Schiffe werden heute Morgen den Anker gelichtet haben. Welches ist das, das wir suchen? Immerhin haben wir nun wieder eine Spur! Wie blind sind wir gewesen. Als Dracula gestern das Geld an sich raffte, war er dabei zu entfliehen. Hört ihr, er wollte uns entfliehen. Mit nur einer Kiste Erde und einer Meute Männer an den Fersen, die ihn vernichten wollen, hat er gesehen, dass London keinen Raum mehr für ihn bietet. Er hat die letzte Kiste an Bord eines Schiffes gebracht und will das Land verlassen. Er glaubt, uns entwischen zu können, aber auch wir sind listig und werden in Kürze wissen, welches Schiff er nahm. Wir können nun eine Weile Atem schöpfen und ausruhen. Es liegen Wasser zwischen ihm und uns. Wir wollen in Ruhe baden und frühstücken und dann alles weitere besprechen."

Mina sah van Helsing an. "Müssen wir ihn denn noch verfolgen, wenn er doch das Land verlassen hat?" "Wir müssen und wenn es bis zu den Pforten der Hölle wäre", antwortete Van Helsing fest. "Warum?" Minas Augen sahen Van Helsing flehend an. "Frau Mina, der Graf kann noch Jahrhunderte leben. Sie aber sind nur ein sterblicher Mensch. Seit er jenes Wahrzeichen auf Ihre Kehle gedrückt hat, ist Zeit für uns das Kostbarste." Mina begriff und ich konnte sie gerade noch auffangen, als sie ohnmächtig zusammen sank.

Dracula - Kapitel 24

Nachricht von Van Helsing in Dr. Sewards Fonografen gesprochen.
Dies ist eine Nachricht für Jonathan Harker. Lieber Herr Harker, Sie werden bei Ihrer Frau bleiben. Während wir auf die Suche gehen, bleiben Sie hier und leisten Ihrer Frau Gesellschaft. Diesen Tag kann er nicht kommen. Was ich Ihnen nun sage, habe ich den anderen schon gesagt. Unser Feind ist fort und ich bin sicher, dass er auf dem Weg zurück nach Transsylvanien ist. Ich weiß es! Er muss das schon vorbereitet haben und die letzte Erdkiste irgendwo zum Einschiffen gelagert haben. Darum brauchte er das Geld, darum auch die Eile. Er war in Sorge, dass wir ihn noch vor Sonnenuntergang in unsere Gewalt bekämen. Als Lucys Grab ihm auch nicht mehr als Schlupfwinkel dienen konnte, da blieb ihm nur dieser letzte Ausweg. Er ist schlau. Er hat ein Schiff gefunden, dass die gleiche Strecke zurückfährt. Wir müssen nun herausfinden, welches Schiff es ist.

Haben Sie Mut, Herr Harker. Diese Kreatur brauchte Jahrhunderte, um nach London zu kommen und wir können sie in einem Tag fangen, wenn wir die Pläne kennen. Er ist böse und er empfindet kein Leid, wie wir es tun, aber auch ihm sind Grenzen gesetzt. Wir bleiben stark, unserem Vorsatz getreu. Gemeinschaftlich werden wir noch stärker sein. Halten Sie den Kopf schon um Ihres Weibes Willen hoch. Die Schlacht hat begonnen und der Sieg wird unser sein! Seien Sie also guten Mutes, bis wir zurückkehren.

Jonathan Harkers Tagebuch
4. Oktober. - Mina ist jetzt bedeutend froher, da sie weiß, dass der Graf das Land verlassen hat und ich auf Anraten von Van Helsing bei ihr bleiben werde. Es ist alles so unwirklich, dass man das Geschehene kaum zu fassen vermag. Aber wenn mein Blick auf die Narbe an der Stirn meiner Frau fällt, dann ist jeder Zweifel ausgeschlossen, dass sich alles wirklich so zugetragen hat. Mina und ich haben uns noch einmal alle Tagebücher und Papiere vorgenommen, da wir beide das Nichtstun fürchten. Unsere Furcht und Angst schwindet, je größer uns die Wahrheit der Sache erscheint. Mina spricht davon, dass wir vielleicht ausersehen sind, Werkzeuge der göttlichen Gnade zu sein. Vielleicht ist das wirklich so. Von der Zukunft sprechen wir beide nicht. Wir warten zunächst die Rückkehr der anderen. Und zum Glück eilen die Stunden dahin, es ist schon drei Uhr.

Mina Harkers Tagebuch
5. Oktober, 5 Uhr abends. Wir sitzen zusammen und sprechen über die Ereignisse des Tages. Van Helsing berichtet: "Der Graf will die Donaumündung erreichen, das war mir klar, als ich erkannte, dass er zurück nach Transsylvanien will. Es muss ein Segelschiff gewesen sein, wenn man den Schilderungen von Frau Mina in der Hypnose glauben kann. Also suchten wir ein solches Schiff und Lord Godalming gelang es auch, bei Lloyd eine Liste zu bekommen, auf der alle ausgehenden Schiffe vermerkt waren. Wir fanden auf dieser Liste nur ein einziges Schiff, das nach dem Schwarzen Meer auslaufen sollte. Die 'Czarina Catharina' sollte die Donau hinauf fahren. Das musste das Schiff sein, auf dem der Graf war. Und wirklich, nach einigen Mühen erzählten uns die Leute von einem Mann, einem großen hageren Mann, der gestern in aller Eile ein Schiff gesucht hatte. Er habe mit Geld nur so um sich geworfen. Als er dann einen Platz auf der 'Czarina Catharina' hatte, sei er davon gestürmt um später mit Pferd und Wagen wieder zu kommen. Eine große Kiste habe er aufgeladen gehabt, die er allein ausgeladen habe, dabei sei die Kiste so schwer gewesen, dass mehrere Männer benötigt wurden, um die Kiste zu verstauen. Das Schiff lief aus und war, als wir die Erkundigungen einzogen, wohl schon auf hoher See.

Nun können wir uns eine Weile ausruhen, Frau Mina. Der Feind ist auf See und die Fahrt geht zur Donaumündung. Eine Reise mit dem Segelschiff dauert lange. Wir aber werden die Reise zu Lande unternehmen und ihn dort treffen. Wenn wir Glück haben, können wir ihn zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang erwischen und zwar in seiner Kiste. Dort kann er sich nicht wehren und wir können mit ihm verfahren, wie wir es müssen. Unseren Plan fertig zu stellen, haben wir noch Tage Zeit. Die Kiste wird in Varna gelöscht und dort einem Agenten übergeben, der den Namen Ristics trägt."

Ich fragte den Professor, ob der Graf wirklich an Bord des Schiffes und ob es wirklich nötig sei, ihn zu verfolgen. Van Helsing antwortete zunächst ruhig, dann immer heftiger: "Wir haben den Beweis durch Ihre Aussagen in Trance. Der Graf ist an Bord. Und selbstverständlich müssen wir ihn verfolgen. Es ist absolut notwendig. Das Ungeheuer hat schon genug Übles angerichtet. Im Moment hat er noch einen beschränkten Spielraum, aber wir sprachen schon über seine Entwicklung. Er kam aus einem dünn besiedelten Land hierher, wo die Menschen wie Kornähren wachsen. Er kommt aus einem Land voll von geologischen und chemischen Wundern. In einer kriegerischen Zeit war er berühmt wegen seiner Klugheit, seiner Tapferkeit und wegen seiner eisernen Nerven. Vitale Prinzipien haben in unfassbarer Weise in ihm ihre höchste Vollendung erlangt. Sein Körper bleibt stark und wächst und ebenso wächst sein Gehirn. Darüber hinaus verfügt er über dämonische Kräfte. Aber diese Kräfte werden den Mächten das Feld räumen müssen, die im Guten ihren Ursprung haben und seine Symbole sind. Der Graf hat Euch, liebe Frau Mina vergiftet. Wenn der Tod kommt, und er kommt zu jedem, werden sie sein wie der Graf. Das darf nicht geschehen."

Ich zitterte und Jonathan nahm meine Hand. Van Helsing führte weiter aus: "Wir haben geschworen, dass dies nicht geschehen darf. Wir sollen hier die Vollstrecker des göttlichen Willens sein. Gott will die Welt nicht einem solchen Ungeheuer überlassen. Eine Seele konnten wir schon retten, nun ziehen wir aus, noch mehr zu bergen." Ich unterbrach den Professor: "Aber hat der Graf nicht vielleicht gelernt? Wird er nicht wie der Tiger das Dorf meiden, in dem man auf ihn Jagd gemacht hat?" Van Helsing lächelte.

"Das Beispiel mit dem Tiger, den die Inder 'Menschenfresser' nennen, ist gut. Unser Tiger berührt keine andere Beute mehr, seit er Menschenblut gekostet hat. Er weicht nicht zurück, oh nein! Zu Lebzeiten überschritt er die türkische Grenze und griff die Türken auf dem eigenen Grund und Boden an. Er wurde zurückgeschlagen, aber er kehrte wieder. Seine Ausdauer und Beharrlichkeit sind zu beachten. Und sehen wir, was er getan hat, um hierher zu kommen. Mit seinem Kindergehirn hat er alles vorbereitet und geplant. Er hat fremde Sprachen studiert, sich über Justiz, Politik, Geldwesen und Wissenschaften unterrichtet. Er lernt Gebräuche eines Landes und eines Volkes, das erst geworden ist, seit er lebt. Sein Appetit wächst und auch seine geistigen Kräfte vermehren sich. Er hat das alles allein gemacht. Ganz allein kam er aus einem halb verfallenen Grab in einem weltfernen Land. Wenn sich erst eine weite Gedankenwelt vor ihm auftut, wie viel mehr wird er dann vermögen? Er spottet dem Tod und gedeiht inmitten von Seuchen, die Menschengeschlechter dahinrafft. Nicht Gott hat dieses Geschöpf erschaffen, sonst würden Ströme des Guten von ihm ausgehen. Wir wollen die Welt von dem Ungeheuer befreien und ein Zweifel der Klugen wäre in einem Zeitalter wie dem unsren seine größte Stärke."

Nach einer allgemeinen Diskussion gingen wir ohne Entscheidung auseinander, um zu schlafen und nachzudenken. Als wäre eine Zentnerlast von mir genommen, fühle ich wunderbaren Frieden und eine heilige Ruhe. Etwas Störendes ist von uns gewichen, es wäre fast befreiend, wäre da nicht die rote Narbe auf meiner Stirn, die mir zuschreit: "Unrein!"

Dr. Sewards Tagebuch
5. Oktober. - Wir standen früh auf und der Schlaf hat uns allen gut getan. Beim Frühstück herrschte allgemeine Fröhlichkeit, so dass mir fast Zweifel an unserem Werke kommen. Ist das wirklich alles passiert? Nur ein Blick auf Frau Minas Stirn zerstreut alle Zweifel. Wir wollen uns in einer halben Stunde hier treffen und beraten. Ich fürchte nur, dass Frau Minas Zunge vielleicht gebunden sein wird. Sie zieht ihre eigenen Schlüsse, das ist gut und richtig, aber kann es sein, dass der Graf nicht ohne Absicht ihr die Bluttaufe gab? Wer weiß, womit er sie vergiftet hat, aber ich fürchte, das Gift beginnt zu wirken. Frau Harker schweigt, aber kann nicht ein Gift, das sie zum Schweigen zwingt sie auch zum Reden zwingen? Ich muss meinen Gedanken Einhalt gebieten, um der guten Frau in Gedanken nichts Böses zu unterstellen. Hier kommt Van Helsing, ich werde mit ihm über dieses Thema sprechen.

Später. - Ich saß mit dem Professor und sprach über meine Gedanken als er plötzlich sehr ernst wurde. "Freund John, was wir jetzt besprechen, muss vorerst unter uns bleiben. Frau Mina, unsere gute Frau Mina verändert sich. Wir haben schon unsere schlimmen Erfahrungen mit Lucy gemacht, wir müssen also besonders auf der Hut sein. Schauen Sie ihr in das Gesicht und sie werden die Kennzeichen des Vampirismus entdecken. Es ist noch schwach, aber es ist da. Ihre Zähne sind schärfer und ihr Blick härter. Sie ist oft schweigsam, wie damals Fräulein Lucy. Was sie bekannt zu machen wünscht, sagt sie nicht, sondern schreibt es auf. Und nun meine Befürchtung: Wenn sie uns in Hypnose sagen kann, was der Graf tut, kann dann nicht er, der sie zuerst hypnotisierte und ihr sein Blut zu trinken gab, sie zwingen, ihm zu erzählen, was sie von uns weiß?"

Ich nickte. Das waren auch meine Befürchtungen gewesen. "Wenn das wahr ist, dann darf sie fortan nichts mehr von unseren Absichten erfahren. Was sie nicht weiß, kann sie nicht verraten. Das ist eine schlimme Sache, aber wir werden es ihr sagen müssen, natürlich, ohne den Grund zu nennen." Van Helsing wischte sich die Schweißperlen vom Gesicht. Er verließ mich, da wir uns bald mit den anderen treffen. Er wollte sich noch ein wenig vorbereiten, vor allem auf das Gespräch mit Frau Mina.

Später. - Wir wurden von der grausamen Pflicht, Frau Harker zu bitten unseren Versammlungen fern zu bleiben entbunden, da Frau Harker selbst entschieden hatte, an den Versammlungen nicht mehr teilzunehmen. Van Helsing und ich verständigten uns mit Blicken und waren uns einig, den anderen noch nichts von dem schrecklichen Verdacht zu erzählen. Van Helsing gab uns einen Überblick über die Informationen der letzten Stunden. "Die 'Czarina Catharina' ist gestern früh aus der Themse ausgelaufen. Sie macht wahrscheinlich eine sehr schnelle Fahrt, wir wissen ja, dass der Graf das Wetter zu seinen Gunsten beeinflussen kann. Trotzdem braucht das Schiff bis Varna drei Wochen, während wir diese Stadt zu Lande in drei Tagen erreichen können. Selbst wenn der Graf einen Tag gewinnt und wir mehrere Tage verlieren, können wir rechtzeitig dort sein, ausgerüstet mit allem, was gegen das Böse hilft, sei es geistiger oder weltlicher Natur."

Quincey Morris fügte hinzu: "Der Graf kommt aus dem Lande der Wölfe. Vielleicht trifft er unter Umständen schon vor uns ein. Wie wäre es, wenn wir unsere Ausrüstung durch Winchesterbüchsen vervollständigen?" "Einverstanden!", antwortete Van Helsing. "Sie sollen Ihre Winchesters haben. Hier können wir ohnehin wenig tun. Da wir Varna noch nicht kennen, können wir auch früher aufbrechen und dort warten. Wir können uns einfach fertig machen und wenn alles in Ordnung ist, reisen wir vier kurzfristig ab." Hier unterbrach Harker. "Sie vier?" Van Helling nickte. "Sie bleiben natürlich bei Ihrer lieben Frau." Harker schluckte, sagte dann aber mit rauer Stimme: "Ich werde mit Mina sprechen. Morgen können wir weiter über die Angelegenheit reden."

Ich dachte, man müsse Harker nun vor seiner Frau warnen und machte Van Helsing ein Zeichen. Der aber legte als Antwort nur den Finger auf die Lippen und wendete sich ab.

Jonathan Harkers Tagebuch
5. Oktober. - Nachmittags. Unsere Angelegenheit ist in eine neue Phase getreten und ich bin kaum eines positiven Gedankens fähig. Vor allem Minas Weigerung, länger an unseren Beratungen teilzunehmen, machte mich stutzig. Da sie schweigt, muss ich die Gründe dafür selber finden. Und auch die anderen, die die Botschaft so gelassen aufnahmen ... waren wir nicht einig gewesen, keine Geheimnisse mehr voreinander zu haben? Mina schläft im Moment. Sie sieht ruhig und friedlich aus, ich bin froh, dass es solche Momente für sie noch gibt.

Später. Alles ist seltsam. Gerade noch durchzog ein warmes Glücksgefühl meine Brust, als ich am Bette meines Weibes saß und seinen Schlaf bewachte. Da schlug sie plötzlich die Augen auf und sagte: "Jonathan, du musst mir etwas versprechen. Du gibst mir dein Ehrenwort und Gott ist unser Zeuge. Egal was passiert, egal wie sehr ich dich anflehe, du darfst dein Wort nicht brechen. Schnell, versprich es mir." Ich zögerte und Mina bat erneut: "Ich bitte ja nicht um meinetwillen. Frag Van Helsing, ob ich recht handele. Wenn es nicht recht ist, entbinde ich dich von dem Versprechen." Da es ihr so wichtig war, versprach ich, mein Wort nicht zu brechen, egal wie sehr sie mich bat. Ein Ausdruck des Glücks flog über ihr Gesicht. "Versprich mir, dass du mir gegenüber nie etwas erzählst, was ihr gegen den Grafen im Schilde führt. Weder in Worten noch durch irgendwelche Zeichen. Versprich zu schweigen, solange ich dieses Mal trage." Sie zeigte auf die Narbe an ihrer Stirn. "Ich verspreche es", sagte ich noch einmal. Mir war, als risse ein Verbindung zwischen uns ab.

Mitternacht. Den ganzen Abend über war Mina froh und heiter. Wir fassten alle wieder ein bisschen Mut, sogar mir war wieder ein bisschen wohler. Wir zogen uns früh zurück und Mina schläft tief und fest. Wie gut, dass sie trotz allen Leides schlafen kann. Was gäbe ich für einen traumlosen Schlaf.

6. Oktober. - Morgens. Mina weckte mich zur selben Zeit wie gestern und bat mich, Van Helsing zu holen. Ich dachte, sie wolle wieder hypnotisiert werden und eilte zu Van Helsings Zimmer. Der hatte wohl schon darauf gewartet, denn er saß vollständig bekleidet in seinem Zimmer und folgte mir sofort. Mina sagte uns, es sei nicht nötig die anderen zu wecken. "Ihr könnt es Ihnen erzählen. Ich muss mit euch reisen." Van Helsing und ich starrten Mina perplex an. "Ich muss mitgehen! Ich kann nur jetzt darüber sprechen, wenn die Sonne aufgeht, muss ich schweigen. Ich weiß, dass ich gehen muss, sobald der Graf mich ruft. Wenn er mir im Geheimen befiehlt, muss ich gehorchen und jede List anwenden, um seinem Willen zu folgen. Ihr Männer seid tapfer und stark. Gemeinsam könnt ihr Vielem trotzen, unter dessen Last ein Einzelner zusammenbrechen würde. Ich kann euch außerdem vielleicht von Nutzen sein. Ihr könnt mich hypnotisieren und ich kann euch Dinge erzählen, die ich selber nicht weiß."

Es war Van Helsing, der zuerst sprach. "Frau Mina, wie immer haben Sie die richtige Entscheidung getroffen. Gemeinschaftlich wollen wir zu Ende bringen, was wir uns vorgenommen haben." Mina antwortete nicht mehr und als wir nach ihr sahen, war sie eingeschlafen. Auch als wir die Vorhänge aufzogen und Sonnenlicht in das Zimmer flutete, erwachte sie nicht. Van Helsing und ich verließen das Zimmer und trafen uns mit Lord Godalming, Morris und Dr. Seward in Van Helsings Zimmer.

"Wir werden morgen früh nach Varna abreisen. Dabei müssen wir mit einem neuen Faktor, mit Frau Mina, rechnen. Ihre Seele ist treu. Und auch wenn es für sie qualvoll ist, kann sie uns Dinge berichten, die nur sie weiß. Sie kann uns warnen. Da wir uns in Varna bereithalten müssen, sofort zu handeln, dürfen wir keine Möglichkeit außer Acht lassen." "Was werden wir tun?", fragte Morris. "Wir werden an Bord gehen und nach der Kiste sehen. Ist sie da, legen wir einen Zweig wilde Rosen auf den Deckel. Dann kann Dracula nicht herauskommen, so behauptet es jedenfalls der Aberglaube. Etwas anderes als das haben wir nicht. Wenn sich dann eine günstige Gelegenheit bietet, öffnen wir die Kiste und tun das, was nötig ist." Van Helsing blickte in die Runde.

"Wenn ich die Kiste finde, werde ich nicht mehr warten. Ich werde sie öffnen und das Scheusal vernichten. Egal, wer mir zusieht", rief Morris leidenschaftlich. "Liebe Freunde", sagte Van Helsing. "Wir müssen sehen, was wir tun können. Ich bin sicher, keiner von uns wird der Gefahr weichen oder auch nur mit der Wimper zucken. Aber wir können unmöglich voraussehen, was sich ereignen wird. Wir sind gut bewaffnet und wenn die Zeit zum Handeln gekommen ist, dann sind wir zur Stelle. Bevor es losgeht, sollte jeder von uns seine Angelegenheiten regeln. Meine Angelegenheiten habe ich bereits geordnet, so dass ich mich den Reisevorbereitungen widmen kann. Ich werde alle Billets kaufen und mich um das Notwendigste kümmern." Da es nichts mehr zu besprechen gab, trennten wir uns. Ich werde nun auch Ordnung in meine irdischen Angelegenheiten bringen, um auf alles vorbereitet zu sein.

Später. - Ich habe alles erledigt, mein Testament gemacht und alles bis ins Kleinste geregelt. Sollte Mina mich überleben, ist sie meine Alleinerbin. Sollten wir beide sterben, so sollen alle die, die gut zu uns waren, unsere Erben sein. Mina wird unruhig, denn die Sonne geht unter. Irgendetwas ist in ihr, das sich genau bei Sonnenuntergang enthüllen wird, da bin ich sicher. Das Auf- und Untergehen der Sonne sind im Moment wichtige Augenblicke für uns. Hoffentlich führt das alles zu einem guten Ende. Da mein Weib das alles nicht wissen darf, schreibe ich in mein Tagebuch. Da ruft sie nach mir.

Dracula - Kapitel 25

Dr. Sewards Tagebuch
11. Oktober, abends. - Herr Harker hat mich gebeten dies niederzuschreiben, damit die Berichte vollständig sind. Er aber hat keine Kraft, es selbst zu tun. Kurz vor Sonnenuntergang wurden wir zu Frau Harker gerufen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Frau Harker bei Sonnenaufgang und bei Sonnenuntergang am freiesten ist. In dieser Zeit kann sie ihr wahres Ich zeigen, ohne dass eine Macht sie einschränkt oder zum Schweigen bringt. Zunächst ist es erst ein eher negativer Zustand, als ob sich Fesseln lösen, dann aber folgt rasch die völlige Freiheit. Am Ende der Zeit steht wieder das Schweigen, das uns zeigt, dass der Zwang wieder da ist.

Wir eilten also zu Frau Harker und fanden sie mit allen Zeichen eines inneren Kampfes. Bald hatte sie die Herrschaft über sich zurück gewonnen und bat ihren Mann, sich zu ihr zu setzen. Sie ergriff seine Hand und begann zu sprechen: "Vielleicht sind wir heute ein letztes Mal in Freiheit zusammen, ihr Lieben. Du, mein Liebster, wirst bis ans Ende bei mir bleiben, das weiß ich. Morgen werden wir ausziehen, um unsere Aufgabe zu einem Ende zu bringen und nur Gott weiß, ob wir erfolgreich sein werden. Ihr wollt mich mitnehmen, dafür danke ich sehr. Ich weiß, dass ihr alles dafür tun werdet, mich zu retten, meine Seele zu retten. Bedenkt aber, dass ich nicht mehr so bin wie ihr. In meinem Blut kreist ein schleichendes Gift, das mich zerstören muss. Ihr wisst, dass ich in Gefahr bin und obwohl es einen Weg gibt, mich zu retten, so dürfen wir ihn nicht einschlagen."

Van Helsing sah Mina fragend an. "Ich meine, dass ich mich selbst töte, oder einer von euch es tut und ihr dann meine Seele rettet, so wie ihr es bei Lucy getan habt. Wäre die Furcht oder der Tod das Einzige, was im Weg stünde, ich würde keine Sekunde zögern, hier mitten unter euch sterben. Aber es ist nicht nur der Tod. Jetzt, wo die Hoffnung leuchtet, kann es nicht Gottes Wille sein, mich sterben zu lassen. Und so gebe ich die Gewissheit auf und ziehe mit euch hinaus ins Ungewisse, wo keiner von uns weiß, was ihm beschieden ist und uns die schlimmsten Dinge erwarten, die die Erde und die Hölle erzeugt."

Wir schwiegen, denn wir wussten, dass dies nur eine Einleitung war. "Ihr gebt vielleicht euer Leben. Aber ihr müsst noch mehr geben. Ihr müsst mich, wenn es nötig werden sollte, alle und zwar alle - ohne Ausnahme - töten wollen. Kommt ihr zu der Überzeugung, dass ich mich so verändere, dass der Tod für mich besser als das Leben ist, dann müsst ihr mich töten, mir einen Pfahl durch das Herz treiben und mir den Kopf abschneiden. Versprecht es!" Ihr Blick irrte von einem zum anderen. Quincey kniete nieder und versprach ihr unter Tränen, dass er vor der Pflicht nicht zurückschrecken würde, sollte es je so weit kommen. Auch Van Helsing, Lord Godalming und ich leisteten den Eid. Jonathan trat mit seinen weißen Haaren vor und fragte entsetzt: "Muss ich auch dieses Versprechen geben?"

In Minas Gesicht stand unendliche Liebe und unendliches Mitleid. "Du, Geliebter! Auch du darfst nicht davor zurückschrecken. Unsere Seelen sind für immer eins, denn du bist mir am Teuersten. Es hat immer Zeiten gegeben, da tapfere Männer ihre Frauen und Kinder töten mussten. Wenn ich durch eine Hand fallen muss, dann durch die Hand des Menschen, den ich am meisten geliebt habe. So habt ihr es auch bei Lucy gehalten." Van Helsing und auchJonathan versprachen ihr alles. Mina seufzte vor Erleichterung und lehnte sich zurück. Dann sagte sie: "Und nun eine Warnung! Die Zeit kann schnell und unerwartet kommen, dass ihr schnell und ohne Zögern handeln müsst. Wenn es so weit kommt, könnte ich, oder nein, werde ich mit ihm gegen euch verbündet sein. Und ich habe noch eine Bitte. Bitte lest mir das Totengebet vor. Einmal muss es doch für mich gelesen werden."

Jonathan schluchzte: "Muss ich es denn lesen? Der Tod ist dir noch fern." Mina antwortete ernst: "Wer weiß? Und es wäre mir ein Trost." Sie hatte das Buch schon bereit gelegt und wir erlebten eine Szene voll Feierlichkeit, Unheimlichkeit, Traurigkeit aber auch von eigentümlicher Schönheit. Frau Mina hatte Recht gehabt mit ihrer Ahnung. Die Szene war bizarr und doch tröstete sie uns ein wenig. Selbst das Schweigen, in das Frau Mina bald darauf verfiel, war nicht mehr ganz so hoffnungslos.

Jonathan Harkers Tagebuch
15. Oktober. Varna. Wir brachen am 12. Oktober auf und reisten Tag und Nacht. Hier in Varna begaben wir uns in das Hotel Odessa. Was sich auch auf der Reise ereignete, es ist mir egal. Ich warte allein auf den Tag, an dem die "Czarina Catharina" in den Hafen einläuft. Mina geht es gut, sie hat ein wenig Farbe bekommen und schläft viel. Vor Sonnenaufgang und Sonnenuntergang ist sie frisch und munter wie eh und Van Helsing benutzt die Zeit, um sie zu hypnotisieren. Die ersten Male war es schwer, sie in Hypnose zu versetzen, jetzt geht es aber gewohnheitsmäßig leicht. Van Helsing stellt immer die gleichen Fragen, wo sie ist, was sieht und hört. Mina antwortet: "Ich sehe nichts, denn es ist dunkel. Ich höre, wie die Wellen an das Schiff schlagen. Das Wasser rauscht und es geht ein frischer Wind."

Offenbar ist die "Czarina Catharina" immer noch auf hoher See. Lord Godalming, der Lloyd gebeten hat, über die Fahrt des Schiffes Bericht zu erstatten, erhielt verschiedene Telegramme, dass die "Czarina Catharina" von nirgendsher gemeldet war. Wir aßen und begaben uns zu Bett. Morgen werden wir beim Vizekonsul die Erlaubnis erbitten, dass Schiff sofort betreten zu dürfen, wenn es einläuft. Van Helsing sagt aber, das sei nur zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang zweckmäßig. Um keinen Verdacht zu erregen, kann der Graf nicht in Menschgestalt erscheinen und wird wohl zunächst in seiner Kiste bleiben. Können wir nach Sonnenaufgang an Bord des Schiffes gelangen, dann haben wir gewonnen. Wir haben keine Sorge, dass es Schwierigkeiten mit den Beamten gibt, da in diesem Land viel mit Trinkgeldern zu erreichen ist. Das Schiff darf nur nicht nach Sonnenuntergang in den Hafen einlaufen.

16. Oktober. - Minas Aussagen bleiben immer gleich. Wellen, Wasser, Wind. Wir scheinen wirklich sehr zeitig in Varna eingetroffen zu sein. Unsere Vorbereitungen werden abgeschlossen sein, wenn wir von der "Czarina Catharina" hören. Sie muss die Dardanellen passieren, von dort werden wir Nachricht erhalten.

17. Oktober. - Alles ist aufs Beste vorbereitet. Wenn Graf kommt, werden wir ihn würdig empfangen. Lord Godalming erzählte dem Schiffseigner, in der Kiste könnten Gegenstände sein, die einem Freund von ihm gestohlen wurden. Der Schiffseigner gab uns seine Zustimmung, die Kiste auf eigene Gefahr zu öffnen. Wir waren in Besitz eines Briefes an den Kapitän, in dem der Schiffseigner uns erlaubt, an Bord alles zu tun, was wir für nötig hielten. Ein Schreiben gleichen Inhalts hatten wir für den Agenten in Varna erhalten, der von Lord Godalmings Liebenswürdigkeit ganz bezaubert war. Was werden wir tun, wenn wir die Kiste geöffnet haben? Wenn der Graf in der Kiste ist, werden wir ihn pfählen und ihm den Kopf abschneiden. Van Helsing behauptet, dass der Graf nach dieser Behandlung sofort zu Staub zerfallen müsse und so auch keine Beweismittel gegen uns vorlägen.

24. Oktober. - Wir warten immer noch und Minas Berichte sind immer die gleichen. Auch die Telegramme sagen immer das gleiche. Keine Spur von der "Czarina Catharina".

Dr. Sewards Tagebuch
25. Oktober. - Die "Czarina Catharina" hat gestern die Dardanellen passiert. Endlich geht es voran. Ich vermisse meinen Fonografen, bin ich es doch nicht gewohnt, mein Tagebuch mit der Hand zu schreiben. Wir waren alle in höchster Erregung als die Nachricht von den Dardanellen eintraf. Nur Frau Harker war nicht aufgeregt. Wir verheimlichten ihr die Neuigkeit zwar, aber früher hätte sie unsere Erregung gespürt und ihre Schlüsse daraus gezogen. Das ist nun nicht mehr so, da sie sich seit drei Wochen doch sehr verändert. Sie ist völlig gleichgültig, auch wenn sie gesünder aussieht und ihre Wangen einen leichten Schimmer haben. Van Helsing und ich sind nicht sehr zufrieden mit ihr und hegen einen schlimmen Verdacht. Während der Hypnose achten wir immer sehr auf ihre Zähne, aber noch gibt es kein Anzeichen, dass sie schärfer werden. Wenn es aber dazu kommen sollte, müssen wir sofort bestimmte Schritte unternehmen.

Die "Czarina Catharina" hat noch ungefähr 24 Stunden zu segeln, wenn sie die Geschwindigkeit halten kann. Sie wird also am Morgen eintreffen. Wir gehen alle früh schlafen, um rechtzeitig zur Stelle zu sein.

25. Oktober. Mittags. Keine Spur von der "Czarina Catharina". Minas Bericht war derselbe wie die Tage zuvor. Wir Männer befinden uns in einem Zustand des Fiebers, nur Harker ist erstaunlich ruhig. Er schärfte sein Gurkhamesser und lässt es jetzt nicht mehr von der Seite. Frau Mina fiel gestern Nachmittag in eine Lethargie, die Van Helsing und mir nicht gefallen wollte. Am Morgen war sie dann sehr unruhig. Wir waren froh, dass sie einschlief. Nach einigen Stunden kam Harker und berichtete, er könne seine Frau nicht wecken. Wir sahen nach ihr, sie atmete regelmäßig und sah sehr frisch aus. Wir ließen sie schlafen, weil Schlaf vielleicht das Beste für sie ist.

Später. Nach einigen Stunden Schlaf erwachte Frau Mina und war wohler als in den Tagen zuvor. Bei Sonnenuntergang hörten wir den üblichen hypnotischen Bericht. Der Graf schwimmt immer noch im Schwarzen Meer.

26. Oktober. Immer noch keine Nachricht von der "Czarina Catharina". Minas Bericht lautet gleich. Sie spricht allerdings von "schwachen Wellen". Einlaufende Dampfer berichten über Nebel. Hat der Graf die "Czarina Catharina" durch Nebel zum Liegen gezwungen?

27. Oktober. Wieder keine Nachricht. Wir sind sehr beunruhigt. Van Helsing glaubt, dass der Graf uns entwischen könne. Er fügt hinzu: "Frau Minas Lethargie gefällt mir gar nicht. In Trance machen ihr Gedächtnis und ihre Seele seltsame Sprünge. Wenn wir sie heute hypnotisieren, müssen wir versuchen, mehr aus ihr heraus zu bringen!"

28. Oktober. Wir erhielten ein Telegramm, dass die "Czarina Catharina" in Galatz eingetroffen ist und die Nachricht erschreckte uns weniger, als wir vermutet hätten. Wir hatten ja tagelang auf etwas gewartet, von dem wir nicht wussten, was es sein würde. Wir waren allerdings überrascht und jeder ging mit seiner Verwunderung anders um. Van Helsing rang die Hände als haderte er mit Gott, aber er schwieg. Lord Godalming wurde kreidebleich und Morris zog mit rascher Bewegung seinen Gürtel enger. Das bedeute "Vorwärts!". Frau Harker war sehr blass und Herr Harker lächelte das bittere Lächeln derer, die alle Hoffnung aufgeben.

"Wann geht der nächste Zug nach Galatz?", fragte Van Helsing. "Morgen früh um 6.30 Uhr!", antwortete Frau Mina ohne zu zögern. Als alle sie anstarrten, lächelte sie ein wenig und erklärte, dass sie sich schon immer für die Fahrpläne interessiert habe und nach der Hochzeit dieser Neigung noch mehr nachgegangen sei, um Jonathan eine Hilfe sein zu können. Auch in letzter Zeit habe sie immer wieder die Fahrpläne studiert. Van Helsing schickte Lord Godalming zum Bahnhof, um die Fahrkarten zu kaufen. Harker wurde zum Schiffsagenten geschickt, dass er auch für den Agenten in Galatz einen Brief aufsetzte, der uns die Erlaubnis gab, das Schiff zu betreten und zu durchsuchen. Quincey Morris sollte den Vizekonsul aufsuchen und ihn bitten, uns seinem Kollegen in Galatz zu empfehlen und so den Weg für uns jenseits der Donau zu ebenen. Ich sollte mit Van Helsing bei Frau Mina bleiben.

Frau Harker war fröhlich und sagte: "Dann werde ich auch versuchen, mich nützlich zu machen und für Sie zu denken und zu schreiben. Mir ist, als hebe sich ein böser Einfluss von mir weg, als wäre ich freier als seit langer Zeit." Morris, Arthur und Jonathan lächelten Frau Harker glücklich an, meinten sie doch, diese Aussage positiv auslegen zu können. Nur Van Helsing und ich sahen uns ernst und bekümmert an. Die drei verschwanden und Van Helsing bat Mina, einige Tagebücher zu holen. Kaum war sie gegangen, sagte er: "Sie glauben also dasselbe wie ich." Ich nickte. "Es ist eine Veränderung mit ihr vorgegangen. Die Vorstellung macht mich krank, aber vielleicht täuschen wir uns auch."

Van Helsing schüttelte den Kopf. "Als Frau Mina die Worte sagte, die uns verwunderten, hatte ich eine Idee. Vor drei Tagen hat der Graf in der Hypnose ihr seinen Geist gesandt. Besser noch, er nahm sie mit in seine Kiste, denn ihre Augen sehen und ihre Ohren hören mehr als er in seinem engen Grab. Er macht nun die größten Anstrengungen uns zu entkommen, da er nun weiß, wo wir sind. Im Moment braucht er Mina nicht und entlässt sie aus seinem Machtbereich. Er weiß, sie wird kommen, sobald er ruft. Ich aber hege die Hoffnung, dass unsere Gehirne gegen dieses Kindergehirn den Sieg davon tragen. Wir dürfen auch Frau Mina nicht aufregen. Wir brauchen ihren Verstand. Und die besondere Gabe, die der Graf ihr verlieh und die er nun nicht ganz wieder von ihr nehmen kann. Still da kommt Frau Mina!"

Frau Harker trat ins Zimmer und schien fröhlich und glücklich. Über der Arbeit hatte sie ihr Elend vergessen und gab Van Helsing die gewünschten Aufzeichnungen. Van Helsing sah Frau Mina ernst an, dann hellte sich sein Gesicht auf und er sagte: "Frau Mina, fürchten Sie sich nie vor dem Nachdenken. Ich selbst habe oft geglaubt, in meinem Kopfe seien halbe Gedanken, dabei weiß ich jetzt, dass es junge Gedanken waren, zu jung, um einen Flug zu wagen. Dinge, die wir früher sagten oder schrieben, sehen im Nachhinein ganz anders aus, so auch Jonathans Worte, die er hier niederschrieb. Er berichtet uns, dass - ich zitiere: 'Dieser andere, der später immer und immer wieder seine Scharen über den breiten Strom ins Türkenland einfallen ließ, kam als einziger von der blutigen Walstatt heim, obgleich er geschlagen war. Er kehrte aber wieder, weil er wusste, dass er allein den Sieg erringen werde.' Was sagt uns das? Nicht viel? Oh, das sagt uns eine Menge! Der Kinderverstand des Grafen sieht nichts. Er ist schlau und klug, vielleicht erfinderisch, aber sein Gehirn ist nicht ausgereift. Er arbeitet erfahrungsmäßig. Ich sehe, Frau Mina, sie haben verstanden?"

Frau Mina lächelte und nickte. Dann erklärte sie: "Der Graf ist ein Verbrecher. Unter schwierigen Verhältnissen greift er zu dem, was ihm die Gewohnheit eingibt. Er versuchte, London zu erobern. Er wurde geschlagen. Wie damals zieht er sich über die Donau zurück, um einen neuen Vorstoß vorzubereiten." Van Helsing hatte unauffällig seine Finger um Frau Minas Handgelenk gelegt. Er maß ihren Puls und sagte: "Zweiundsiebzig, trotz aller Erregung. Vielleicht gibt es doch noch Hoffnung." Er wandte sich wieder Frau Mina zu: "Weiter, liebe Frau. Sie können einfach erzählen. John und ich wissen alles." Mina nickte und fuhr fort:

"Er ist selbstsüchtig und verbrecherisch. Er rettet nur seine eigene Haut, alles andere ist ihm gleichgültig. Er beschränkt sich immer nur auf eines und dieses Eine verfolgt er skrupellos. Durch seinen Egoismus ist meine Seele frei geworden. Ich fühle es. Seit jener grauenvollen Nacht war ich nicht freier als heute. Und ich war immer in Sorge, er könne die Hypnose oder meine Träume ausnutzen." "Das hat er getan", warf Van Helsing ein. "Durch Sie ist es ihm gelungen, uns hier in Varna festzuhalten, während sein Schiff nach Galatz fuhr. Dort hat er sicher schon Vorbereitungen für seine Flucht getroffen. Aber sein Verstand reichte eben nur bis hierher. Er denkt, weil er den Faden zwischen sich und Ihnen abgeschnitten hat, wissen wir auch nicht, wo er ist. Aber er befindet sich im Irrtum. Durch die schreckliche Bluttaufe hat er Ihnen die Fähigkeit gegeben, sich ihm im Geiste zu nähern. Zur Zeit des Sonnenauf- und -untergangs gehorchen Sie meinem Willen und nicht seinem! Er selber weiß nicht, dass Sie diese Fähigkeit besitzen. Er kann nun auch nicht mehr erfahren, was wir vorhaben. Wir sind ohne jede Selbstsucht und verfolgen den Grafen, um ihn zu vernichten. Wir würden nicht mit der Wimper zucken, müssten wir dabei unser eigenes Leben lassen. Und nun, John, bringen sie das alles zu Papier. Wir sind heute ein gutes Stück des Weges weitergekommen."

Dracula - Kapitel 26

Dr. Sewards Tagebuch - Fortsetzung
29. Oktober. - Geschrieben im Zug von Varna nach Galatz. Gestern Abend versammelten wir uns, nachdem jeder seine Aufgabe erledigt hatte. Frau Harker sollte hypnotisiert werden und Van Helsing hatte Mühe, sie in Trance fallen zu lassen. Zunächst berichtete sie wie so oft von Wellen und den menschlichen Schritten. Dann aber wurde sie plötzlich aufmerksamer: "Was ist das? Ich sehe einen Lichtschimmer. Ich fühle den Wind." Sie stand vom Sofa auf und richtete die Hände mit den Handflächen nach oben, als trüge sie eine schwere Last. Van Helsing und ich sahen uns wissend an. Mina stand still und schwieg. Die Minuten, in denen sie sprechen konnte, flossen unwiederbringlich dahin. Mina schwieg. Plötzlich öffnete sie die Augen und sagte: "Möchte einer der Herren noch etwas Tee? Sie müssen alle sehr müde sein."

Um ihr eine Freude zu machen, gingen wir auf ihren Vorschlag ein. Sie eilte geschäftig nach draußen. Als sie den Raum verlassen hatte, sagte Van Helsing: "Sie haben es gehört, meine Herren. Er ist nahe an Land. Und Sie wissen, so wie es um ihn steht, muss er das Land heute Nacht erreichen, sonst ist ein ganzer Tag für ihn verloren. Dann kommen wir zur rechten Zeit. Wenn er bei Nacht nicht entflieht, kommen wir bei Tag über ihn und er ist uns in dieser Kiste auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Wenn er er selbst wird, wach und sichtbar, ist er entdeckt."

Es gab weiter nichts zu sagen und so warteten wir auf das Morgengrauen, um vielleicht aus Frau Minas Mund Neuigkeiten zu erfahren. Am Morgen fiel es dem Professor schwer, Frau Mina in Trance zu bringen. Die Zeit wurde knapp und Frau Mina sagte nur: "Es ist dunkel. Ich höre Wasser in gleicher Höhe mit mir und ein Knirschen von Holz auf Holz." Dann ging - rot und leuchtend - die Sonne auf. Wir müssen nun bis zum Abend warten.

Wir setzten unsere Reise nach Galatz in höchster Spannung fort. Wir haben leider schon drei Stunden Verspätung. Unser Ziel können wir also erst ein gut Stück nach Sonnenausgang erreichen. Bis dahin haben wir noch zweimal die Gelegenheit, Frau Mina zu hypnotisieren.

Später. - Sonnenuntergang ist vorbei. Es war noch schwieriger als heute morgen, Frau Harker zu hypnotisieren. Fast habe ich den Eindruck, dass sie ihrer Fantasie mehr Raum lässt, oder liegt es nur daran, dass der Einfluss des Scheusals auf sie schwindet? Jedenfalls sprach sie schließlich rätselhafte Worte: "Über mich hin weht ein kühler Wind und irgendetwas geht heraus. Ich kann Stimmen hören. Sie sind weit weg. Sprechen sie in fremden Zungen? Ich höre donnernde Wasserfälle und das Heulen von Wölfen." Dann schwieg sie und erschauerte zugleich. Sie schüttelte und streckte sich, wie vom Schlag getroffen. Als sie aus der Hypnose erwachte, fror sie erbärmlich und war wie zerschlagen. Sie konnte sich an nichts erinnern. Wir teilten ihr mit, was sie gesagt hatte. Sie dachte nach und schwieg.

30. Oktober. 7 Uhr morgens. Vielleicht habe ich später keine Zeit mehr zum Schreiben. Wir nähern uns Galatz. Wir hatten Frau Harker am Morgen hypnotisiert und folgendes von ihr erfahren: "Ich höre Wasser rauschen. Es ist auf der gleichen Höhe wie meine Ohren. Es knirscht Holz auf Holz. Ich kann Vieh brüllen hören und da ist noch ein anderer Ton, ein seltsamer ..." Sie brach ab und erbleichte. Gleich danach war es vorbei und wir konnten nichts mehr aus ihr herausbringen. Van Helsing sieht angespannt aus und jetzt ertönt die Zugpfeife. Wir fahren in Galatz ein. Trotz aller Sorge glühen wir vor Eifer.

Mina Harkers Tagebuch
30. Oktober. Herr Morris brachte mich in unser Hotel. Da er keine fremde Sprache spricht, ist er im Moment am entbehrlichsten. Wie in Varna verteilten die Männer die Aufgaben unter sich. Hier ging allerdings Herr Godalming zum Konsul, damit sein hoher Rang dem Beamten gegenüber der schnellen Erledigung unserer Angelegenheit zu Gute kommen sollte. Die anderen gingen zum Schiffsagenten, um Näheres über die Ankunft der "Czarina Catharina" zu erhalten. Lord Goldaming ist zurück. Der Konsul ist verreist, der Vizekonsul krank. So erledigt ein Sekretär unsere wichtige Angelegenheit.

Jonathan Harkers Tagebuch
30. Oktober. Dr. Seward, Van Helsing und ich sprachen um 9 Uhr bei den Herren Mackenzie & Steinhoff vor. Sie sind die Vertreter der Londoner Firma Hapgood und hatten aus London ein Telegramm erhalten, das sie anwies, uns in jeder Weise behilflich zu sein. Sie führten uns an Bord der "Czarina Catharina", die im Flusshafen vor Anker lag. Der Kapitän heißt Donelson und er erzählte uns, dass er noch in seinem Leben eine so schnelle Fahrt gemacht habe.

"Wir waren wegen des guten Windes in Sorge. So etwas bezahlt man manchmal mit einem Schiffbruch. Der Wind war so stark, dass wir glaubten, der Teufel selbst blase in unsere Segel. Dazu kam, dass wir fast nichts sehen konnten. Wenn wir uns Schiffen, einem Hafen oder einem Kap näherten, fiel dichter Nebel herab. Wenn er sich wieder lichtete, waren wir außer Sicht. In Gibraltar konnten wir kein Signal geben, weil wir einfach im Nebel daran vorbei fuhren. Schließlich dachten wir, eine so flotte Fahrt würde den Schiffseigentümer erfreuen und unser Ansehen steigern." Dieser Kapitän zeigte eine solche Mischung aus Einfalt und Schlauheit, Aberglaube und kaufmännischer Berechnung, dass wir lächeln mussten. Dann fuhr er fort:

"Wir passierten den Bosporus, als meine Mannschaft unruhig wurde. Einige Männer kamen und baten, die Kiste über Bord werfen zu dürfen, die erst kurz vor unserer Abfahrt auf das Schiff gekommen war. Ein alter, unheimlich aussehender Mann hatte sie aufgeladen. Ich hatte gesehen, wie einige Männer zu ihm hinschielten und zwei Finger gabelförmig gegen ihn ausstreckten, um sich vor dem bösen Blick zu schützen. Es war lächerlich. Natürlich erlaubte ich ihnen nicht, die Kiste über Bord zu werfen. Irgendwann kam dann der Nebel, der fünf Tage nicht wich. Ich beschloss, mich treiben zu lassen, um dem Teufel, so er es war, der unsere Segel blähte, seine Freude zu lassen. Wir hatten immer guten Wind und tiefes Wasser unter dem Kiel. Als der Nebel sich lichtete, waren wir schon im Fluss, Galatz gegenüber." Er holte tief Luft und sah uns an.

"Die Männer waren aufgeregt und forderten wieder, die Kiste über Bord zu werfen. Sie hatten sie schon an Deck geschleppt. Ich musste die Kiste wirklich verteidigen. Sie blieb gleich an Deck stehen, dann konnte ich sie von da aus löschen lassen. Eine Stunde vor Sonnenaufgang kam ein Mann, der die Kiste abholen wollte. Alle seine Papiere waren in Ordnung und ich war froh, die Kiste los zu sein. Des Teufels Gepäck kann nicht schlimmer sein als diese Kiste." "Wie hieß der Mann, der die Kiste abholte?", fragte Van Helsing. Der Kapitän stieg in seine Kabine hinunter und kam mit einem Papier zurück. "Der Mann heißt Immanuel Hildesheim. Seine Adresse ist Burgenstraße 16." Mehr wusste der Kapitän nicht. Wir bedankten uns und gingen.

Wir begaben uns sofort zu Hildesheim und trafen ihn in seinem Kontor an. Wir mussten seinem Gedächtnis mit einigen Sovereigns auf die Sprünge helfen, aber dann erzählte er alles, was er wusste. Er hatte von einem Herrn de Ville aus London den Auftrag erhalten, eine Kiste abzuholen, die auf der "Czarina Catharina" befördert wurde. Um den Zoll zu umgehen, sollte es vor Sonnenaufgang geschehen. Gleich nach der Abholung sollte die Kiste einem gewissen Petroff Skinsky übergeben werden. Dieser Skinsky sollte mit den Slowaken in Verbindung stehen, die den Fluss hinunter bis zum Hafen Handel treiben. Hildesheim selbst war mit einer englischen Banknote bezahlt worden und hatte, wie gewünscht, die Kiste am Schiff an Skinsky übergeben. Mehr konnten wir von ihm nicht erfahren.

Wir gingen also weiter, um Skinsky zu finden, aber niemand hatte ihn gesehen. Sein Nachbar erzählte uns, er sei vor zwei Tagen fort gegangen und noch nicht wieder aufgetaucht. Wir suchten noch nach Skinsky als jemand gelaufen kam und berichtete, Skinskys Leichnam sei an der Innenseite der Friedhofsmauer gefunden worden. Seine Kehle sei aufgerissen, wie von einem wilden Tier. Die Menschen, die eben noch mit uns gesprochen hatten, eilten davon, um die Bluttat selbst zu sehen. Wir dagegen machten uns unauffällig aus dem Staub, da wir nicht in die Sache verwickelt werden wollten.

Wir gingen nach Hause und waren ratlos. Die Kiste wurde auf dem Wasserweg irgendwohin geschafft, aber wie sollten wir nun die Spur wieder finden? Mina wieder ins Vertrauen zu ziehen, ist der einzige Weg, der bleibt. Dann muss ich auch von meinem Schweigegelübde ihr gegenüber entbunden werden.

Mina Harkers Tagebuch
30. Oktober, abends. Die Männer waren schrecklich müde und enttäuscht, als sie hier ankamen. Ich bat sie, sich ein wenig auszuruhen, während ich die Eintragungen ergänze. Was bin ich froh über die Reiseschreibmaschine, die Herr Morris mir besorgte. Nun ist alles erledigt. Ich sehe meinen Jonathan auf dem Sofa liegen. Guter Jonathan, was hast du schon alles durch gemacht und was wirst du noch durchleiden müssen? Wo auch immer ich dir helfen kann, ich werde es mit Freuden tun. Van Helsing gab mir die Papiere, die ich bisher nicht sehen durfte. Ich werde sie gründlich durchsehen, während die Tapferen sich ausruhen. Ich muss ohne Vorurteile über die Sache nachdenken, so wie der Professor es mir geraten hat und ich glaube, Gottes Gnade hat mich eine Entdeckung machen lassen. Rasch, ich brauche eine Landkarte! Ich habe auf der Karte nachgesehen und bin mir nun vollkommen sicher. Mein Plan liegt bereit. Ich werde die Freunde zusammen rufen, um ihnen alles vorzulesen.

Minas Denkschrift. Eingetragen in ihr Tagebuch. - Der Graf will in seine Heimat zurückkehren, die Tatsache ist die Grundlage der Untersuchung. Ich glaube, dass er von jemandem zurückgebracht werden muss, denn wenn er sich nach seinem Wunsche bewegen könnte, würde er es tun, als Mensch, als Wolf oder als Fledermaus. Er fürchtet sich entschieden vor einer Entdeckung oder Störung. Zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang ist er an seine Kiste gefesselt. Wie können wir nun seiner habhaft werden? Dazu müssen wir wissen, auf welchem Wege er sich fortbewegt.

Auf der Straße ist es wahrscheinlich zu gefährlich. Es könnte einen Überfall geben oder neugierige Leute, die wissen wollen, was in der Kiste ist. Auch könnten Wach- oder Zollstationen verlangen, die Kiste zu öffnen. Wir könnten ihn leicht verfolgen. Das scheint er am meisten zu fürchten, denn er hat sogar auf mich - sein Opfer - verzichtet. Auch könnte er mit der Bahn reisen, aber dort wäre die Kiste unbeaufsichtigt und es könnte zu Verzögerungen kommen. Diese aber kann er sich nicht leisten, da wir ihm auf den Fersen sind. Selbst wenn er in der Nacht entweichen kann, was sollte er dort, auf fremder Erde, ohne Unterschlupf? Auch diesen Weg wird er nicht eingeschlagen haben.

Bleibt der Weg auf dem Wasser, der für ihn viele Vorteile bringt, selbst wenn ihm auch hier Gefahren drohen. Er kann über Nebel, Sturm und Schnee befehlen. Allerdings darf er keinen Schiffbruch erleiden, denn gegen das Wasser ist er machtlos. Auch an einer ungeeigneten Küste zu stranden, wäre für ihn schrecklich. Wir wissen, dass er sich auf dem Wasser befindet. Wir müssen nur herausfinden, auf welchem Wasser.

Tragen wir zusammen, was wir bisher wissen: Er hatte die Absicht, nach Galatz zu kommen, schickte uns aber auf einer falsche Fährte, in dem er die Frachtpapiere nach Varna ausfertigte. Er wollte uns entkommen, er wusste, dass wir ihn verfolgen. Die "Czarina Catharina" machte schnelle Fahrt, Hildesheim nahm die Kiste rechtzeitig in Empfang und Skinsky übernahm sie. Bis dahin lief alles nach Plan. Aber hier verliert sich auch die Spur. Alles was wir wissen ist, dass Wachen und Zoll glücklich umgangen wurden. Die Kiste schwimmt irgendwo auf dem Wasser.

Was hat der Graf getan, als er in Galatz an Land war? Bei Sonnenaufgang konnte er in seiner eigenen Gestalt erscheinen. Dracula traf also Skinsky und instruierte ihn, wie der Transport der Kiste auf einem der Flüsse zu bewerkstelligen sei. Als Skinsky alles in die Wege geleitet hatte, tötet Dracula den Agenten, um seine Spur zu verwischen. Ich habe nun die Landkarte studiert und ich bin mir sicher: Dracula befindet sich auf dem Sereth, der sich bei Fundu mit der Bistritza vereinigt, die den Borgopass umfließt. Der Fluss macht eine Schleife, die so nahe beim Schloss Dracula liegt, dass es keinen bequemeren Weg als diesen gibt.

Tagebuch. Ich hatte meinen Plan gerade fertig vorgelesen, als Jonathan mich in die Arme schloss und küsste. Auch Van Helsing war voll des Überschwanges: "Wo wir blind waren, hat Frau Mina ihre Augen offen gehalten. Liebe Frau Mina, wir haben die verloren geglaubte Fährte wieder gefunden. Zwar hat der Graf einen Vorsprung, aber er kann ihn nicht nutzen, denn er kann die Kiste nicht verlassen. Er will keinen Verdacht erregen und riskieren, dass die Kiste über Bord geworfen wird. Wir haben keine Zeit zu verlieren. Zum Kriegsrat!"

Lord Goldaming schlug vor, eine Dampfbarkasse zu kaufen und Dracula zu verfolgen, während Morris dem Grafen zu Pferde an Land nachsetzen wollte. Bei Ideen fand Van Helsing ausgezeichnet. Herr Morris wies auf die Winchesters hin, die er besorgt hatte und die im Kampf gegen die Wölfe und anderes Getier sicherlich nützlich sein würden. Dr. Seward hörte sich die Pläne an und beschloss, mit Herrn Morris zu gehen, da die beiden sich von vielen Jagdabenteuern her gut kannten und miteinander vertraut waren. Aber auch Lord Goldaming durfte dem Grafen nicht allein nachsetzen. Ich sah, dass Jonathan zögerte. Er wollte den ... Vampir - ich zögere, da ich dieses Wort schreibe - töten, aber er wollte auch bei mir bleiben und mein Schutz sein. Van Helsing nahm ihm die Entscheidung ab:

"Freund Jonathan, Sie müssen Arthur begleiten. Sie können fechten, sind jung, kräftig und tapfer. Es ist Ihre Frau, über die der Graf so unendlich viel Leid und Kummer gebracht hat. Es ist nur recht und billig, wenn er durch Ihre Hand fällt. Ich bin alt und kann nicht mehr rasch laufen. Auch bin ich es nicht gewöhnt, lange zu reiten, was vielleicht nötig wird, wenn der Graf verfolgt werden muss. Aber ich kann auf andere Weise kämpfen. Ich mache folgenden Vorschlag: Sie und Lord Godalming fahren mit dem Dampfboot den Fluss hinauf, während Morris und Dr. Seward die Ufer des Flusses bewachen, jederzeit bereit, den Feind zu fassen, sollte er irgendwo landen. Ich aber werde Frau Mina direkt in das Herz des Feindesland führen. Während der Graf in der Kiste festgebannt auf dem Flusse schwimmt, werden wir den Weg nach dem Schlosse Dracula einschlagen. Frau Mina wird mich führen und leiten. Es gibt noch viel zu tun, bis dieses Vipernnest endlich ausgehoben ist."

Jonathan war außer sich als er hörte, dass Van Helsing mich direkt in die Hölle hinein führen wollte. Er rang die Hände und rief: "Mein Gott, du überhäufst uns mit Schrecken. Was haben wir nur getan?" Van Helsing aber fasste nach Jonathans Arm und sagte beruhigend: "Mein Freund, ich will Frau Mina vor dem grauenhaften Platz retten, den ich betreten muss. Verstehen Sie mich denn nicht? Ich muss dort hineingehen und ich werde sie nicht mitnehmen. Aber es muss dort etwas geschehen, etwas Furchtbares, was ihre Augen nicht sehen dürfen. Außer Jonathan wissen wir alle, was geschehen muss, um den Grafen unschädlich zu machen.

Wir sind in einer entsetzlichen Lage. Der Graf darf nicht entkommen, er ist gewandt und schlau und bleibt vielleicht ein Jahrhundert lang verborgen. Dann aber wird unsere liebe Frau Mina seine Genossin. Sie würde wie die anderen, von denen Sie, Jonathan uns mit Grausen berichtet haben. Verzeihen Sie mir, dass ich Ihnen Schmerz bereiten muss, aber es muss sein. Wenn es sein muss, gebe ich für dieses Aufgabe mein Leben hin. Wenn jemand dort bleiben muss, als Genosse der Gespenster, so werde ich es sein." Jonathan erbleichte, aber er sagte mit fester Stimme: "Wir sind alle in Gottes Hand."

Später. Ich muss diese Männer recht lieb haben, die sich so sehr anstrengen, treu und tapfer zu sein. Wie froh bin ich, dass Lord Godalming und auch Herr Morris reich sind, und das Geld, das sie besitzen so großzügig in den Dienst unserer Sache stellen. Was könnte dieses Geld in den Händen einer bösen Person für Schaden anrichten! Die Rollen sind verteilt. Die Männer haben inzwischen eine schöne Barkasse, die unten am Fluss unter Dampf liegt und abfahrbereit ist. Auch ein halbes Dutzend guter Pferde mit voller Ausrüstung steht bereit. Wir haben Karten und Reisegegenstände jeder Art erworben. Van Helsing und ich werden mit dem Zug nach Veresti reisen und von dort aus mit dem Wagen zum Borgopass aufbrechen. Wir haben viel Bargeld bei uns, da wir Pferd und Wagen kaufen wollen. Wir können niemandem trauen und müssen also selbst kutschieren. Wir alle haben Waffen. Auch ich trage einen großkalibrigen Revolver. Auf eine Waffe, die die anderen noch haben, muss ich wegen der Narbe an meiner Stirn verzichten, aber Van Helsing meint, gegen Wölfe sei ich zumindest ausreichend bewaffnet. Es ist inzwischen sehr kalt und Schneeschauer fegen über das Land.

Später. Ich musste von meinem geliebten Mann Abschied nehmen, was für eine schwere Prüfung. Ob wir uns wohl lebend wieder sehen?

Jonathan Harkers Tagebuch
30. Oktober, nachts. Wir sind auf der Barkasse und ich schreibe im Schein der Kesselfeuerung. Lord Godalming heizt ein, denn er kennt sich damit aus. Sicher hat Mina richtig gefolgert. Wir sind dem Grafen auf der Spur und machen auch bei Nacht gute Fahrt. Lord Godalming hat mich aufgefordert, schlafen zu gehen, aber ich kann nicht. Immerzu muss ich an Mina denken und daran, welchem schrecklichen Ort sie sich nähert. Herr Morris und Dr. Seward sind aufgebrochen, ehe wir abfuhren. Sie wollen am rechten Ufer reiten und sich nicht zu dicht am Fluss halten, so dass sie von den Höhen aus lange Strecken übersehen können. Zwei Leute sind bei Ihnen, die die Reservepferde reiten und führen. In Kürze müssen sie allerdings diese Leute entlassen und die Pferde selbst übernehmen. Falls wir uns wieder vereinigen müssen, kann einer der Sättel als Damensattel hergerichtet werden. In wilder Fahrt gleiten wir über den Fluss - was für ein Abenteuer. Kalter Nebel steigt auf und flattert uns ins Gesicht. Ringsumher höre ich die unheimlichen Stimmen der Nacht. Auf unserem dunkeln Weg treiben wir einem unbekannten Ziel entgegen.

1. November, abends. Gestern sind wir den ganzen Tag in großer Eile gefahren. Wir überholten einige offene Boote, aber keines von ihnen hatte eine Kiste oder eine andere Ladung an Bord. Auch heute gab es nichts Neues. Wir haben nichts gefunden, von dem, was wir suchten. Inzwischen sind wir in die Bistritza eingelaufen. Haben unsere Vermutungen uns getäuscht? Alle Boote, die wir trafen, haben wir untersucht. Dabei stellten wir fest, dass unser Boot von einigen Leuten für ein Regierungsschiff gehalten wurde. Das erleichterte unsere Suche ungemein. Heute früh haben wir uns in Fundu eine rumänische Flagge gekauft und lassen sie nun auffällig flattern. Wir konnten schließlich in Erfahrung bringen, dass ein großes Schiff mit doppelter Rudermannschaft und in großer Eile gesehen worden war. Ob es allerdings in die Bistritza abgebogen ist oder den Sereth weiter verfolgt hat, konnte uns niemand sagen. Ich bin furchtbar müde und Godalming hat angeboten, die erste Wache zu übernehmen. Gott segne ihn für alles, was er für mich und Mina tut.

2. November, morgens. Ich habe die ganze Nacht geschlafen. Lord Godalming wollte mich nicht wecken, da ich so tief und fest geschlafen habe. Ich mache mir Vorwürfe, dass er die Nacht über wachen musste, aber mir geht es viel besser als gestern nach einer ruhigen Nacht. Wir machen Fahrt und ich fühle, dass meine alte Energie zurückkehrt. Wo Mina und Van Helsing jetzt wohl sind? Wenn alles gut gegangen ist, könnten sie bald schon in der Nähe des Borgopasses sein. Gott möge die beiden beschützen! Ich wünschte, wir könnten schnellere Fahrt machen, aber das Boot leistet schon das Äußerste. Morris und Dr. Seward werden wohl leidlich vorankommen. Vielleicht sehen wir sie ja schon, bevor wir Strasba erreichen. Sollten wir bis dahin den Grafen nicht eingeholt haben, müssen wir erneut beraten, wie es weitergehen soll.

Dr. Sewards Tagebuch
2. November. Wir reiten seit drei Tagen und haben keine Neuigkeiten gehört. Jeder Augenblick ist kostbar, deshalb habe ich auch kaum Zeit zu schreiben. Wir machen nur die nötigsten Pausen und hoffen, dass wir bald die Dampfbarkasse zu Gesicht bekommen.

3. November. In Fundu erfuhren wir, dass die Barkasse in die Bistritza eingebogen ist. Es ist schrecklich kalt. Hoffentlich beginnt es nicht zu schneien, wir müssten sonst einen Schlitten nehmen, um die Verfolgung fortzusetzen.

4. November. Wir hörten, dass die Barkasse an einer Stromschnelle einen Unfall erlitten habe. Godalming ist aber wohl soweit Fachmann, als er das Boot selbst reparieren konnte. Sie haben die Stromschnellen überwunden und nehmen die Verfolgung wieder auf. Die Bauern, mit denen wir sprachen sagten, dass das Boot bei dem Unfall sehr gelitten habe. Wir müssen uns beeilen, vielleicht brauchen die beiden bald unsere Hilfe.

Dracula - Kapitel 27

Mina Harkers Tagebuch
31. Oktober. Heute Morgen konnte der Professor mich kaum hypnotisieren. Alles, was ich gesagt haben soll, war: "Ruhig und dunkel." Wir sind jetzt in Veresti und Van Helsing besorgt gerade Pferd und Wagen. Wir haben ungefähr 70 Meilen vor uns. Es könnte eine schöne Reise sein, wenn die Umstände erfreulicher wären.

Später. Van Helsing ist zurück. In einer Stunde werden wir abreisen. Die Wirtin packt uns gerade einen riesigen Korb mit Lebensmitteln und Van Helsing häuft Pelzmäntel und Decken auf den Wagen. Frieren werde ich wohl nicht. Ich habe Angst vor dem, was uns erwartet. Was die Zukunft auch bringt, wir sind alle in Gottes Hand. Ich wünschte, Jonathan könnte wissen, dass mein letzter Gedanke ihm gilt, falls ich mein Leben lassen muss.

1. November. Mit großer Eile setzten wir unsere Reise fort. Wir wechselten des Öfteren die Pferde und alles verlief gut. Van Helsing sagt wenig, aber er bezahlt die Bauern gut, so dass die Pferdewechsel schnell von statten gehen. Die Leute sind abergläubisch und als sie meine Narbe sahen, streckten sie zwei Finger gegen mich aus und bekreuzigten sich. Ich setzte jetzt Hut und Schleier nicht mehr ab, so dass niemand der Narbe ansichtig wird. Da wir schnell reisen und keinen Kutscher haben, werden wir wohl keine Schwierigkeiten mit dem bösem Blick bekommen. Van Helsing ist unermüdlich. Er hypnotisierte mich am Abend, aber ich sagte wieder nur: "Dunkel, Wasser, krachendes Holzwerk." Der Graf ist also immer noch auf dem Wasser. Ich sehne mich nach Jonathan, aber ich habe keine Angst, weder für ihn noch für mich. Van Helsing ist eingeschlafen. Er braucht Ruhe, denn wir haben schwere Tage vor uns.

2. November. Morgens. Ich konnte den Professor dazu überreden, dass wir abwechselnd kutschieren. Nun kann er ruhen, während ich kutschiere und so bei Kräften bleiben. Der Tag ist sehr kalt und in der Luft liegt eine merkwürdige Schwere. Wir sind bedrückt und bei der Hypnose sagte ich: "Dunkelheit, krachendes Holz, rauschendes Wasser." Verändert sich der Fluss? Hoffentlich bringt Jonathan sich nicht in Gefahr.

2. November. Nachts. Wir fuhren den ganzen Tag durch eine immer wilder werdende Landschaft. Da wir uns gegenseitig aufzuheitern versuchen, sind wir bester Stimmung. Gegen Morgen werden wir den Borgopass erreichen. Wir fahren vierspänning, da die Häuser weniger werden und ein Pferdewechsel immer schwieriger wird. Was wird der morgige Tag uns bringen? Ich bin immer noch unrein und hoffe trotzdem, dass Gott seine Hand schützend über mich und die meinen hält.

Abraham Van Helsings Memorandum
4. November. Falls ich meine treuen Freund Dr. John Seward nicht mehr sehe, so soll dieses Schriftstück zur Aufklärung dienen. Es ist Morgen. Ich schreibe im Schein des Feuers, das wir die ganze Nacht über unterhalten haben. Es ist schrecklich kalt. Frau Mina war heute anders als sonst, denn sie schlief und schlief und schlief. Ich hoffe, sie ist nicht zu angegriffen. Sie isst nicht und macht auch keine Einträge mehr in ihr Tagebuch, dabei war sie doch immer so eifrig. Ich habe eine seltsame Ahnung, irgendetwas stimmt nicht. Am Abend war Frau Mina dann etwas munterer, der lange Schlaf scheint sie erfrischt zu haben. Ich konnte sie aber nicht mehr hypnotisieren, mein Einfluss wurde von Tag zu Tag schwächer und fehlte heute vollkommen. Ich vertraue auf Gott und sehe dem entgegen, was da kommt.

Gestern früh kamen wir zum Borgopass. Ich hypnotisierte Frau Mina und es gelang ein letztes Mal. Sie rief: "Dunkelheit und wirbelnde Wasser." Wir setzten unseren Weg fort und Frau Mina begann vor Eifer zu glühen. Als wäre eine neue Fähigkeit über sie gekommen, zeigt sie mir mit großer Bestimmtheit den Weg. Sie tat, als würde sie sich von Jonathans Notizen her an diesen Weg erinnern, aber mich beschlich ein seltsames Gefühl. Trotzdem ließ ich ihr den Willen und schlug den von ihr gewünschten Weg ein. Die Pferde liefen geduldig dahin und wir erkannten immer mehr von dem, was Jonathan uns geschildert hatte. Ich riet Frau Mina, ein wenig zu ruhen und sie gehorchte. Sie schlief mehrere Stunden und ich wurde misstrauisch. Ich versuchte, sie zu wecken, aber es gelang mir nicht.

Ich habe das Gefühl, als schlafe ich auch. Habe ich irgendetwas begangen? Ich fühle mich schuldig. Der Weg führt steil bergan und die Landschaft ist wild und rau, als seien wir am Ende der Welt. Ich wecke Frau Mina auf und diesmal gelingt es. Als ich versuche, sie zu hypnotisieren, habe ich keinen Einfluss auf sie und plötzlich bemerke ich, dass die Sonne untergegangen ist. Frau Mina lacht, wie in der Nacht, als wir das erste Mal in Carfax waren. Die Sache ist mir nicht geheuer, aber Frau Mina ist lieb und fürsorglich mit mir. Ich vergesse alle Furcht und zünde ein Feuer an. Sie bereitet das Essen, während ich die Pferde versorge. Als wir essen wollen, lehnt sie ab. Sie habe großen Hunger gehabt und schon zuvor etwas gegessen. Ich habe schwere Bedenken. Ich esse allein. Wir wickeln uns in unsere Pelze. Sie soll schlafen, während ich wache. Aber ich schlafe immer ein. Jedesmal, wenn ich hochfahre, liegt Frau Mina mit wachen Augen da und blinzelt mich an.

Ich habe auf diese Weise recht viel Schlaf bekommen. Als wir aufstanden, versuchte ich, sie zu hypnotisieren, aber es misslang. Die Sonne stieg höher und höher und Frau Mina fiel in einen Schlaf, aus dem ich sie nicht aufzuwecken vermochte. Im Schlaf sieht sie gesünder und frischer aus als je zuvor. Ich fürchte! Ich fürchte! Es geht um Leben und Tod oder um mehr als das, aber wir dürfen nicht zurückschrecken!

5. November. Morgens. Ich bin nicht verrückt, glauben Sie mir. Wir haben seltsame Dinge erlebt und gesehen und doch könnten Sie vielleicht auf den Gedanken kommen, der alte Professor habe den Verstand verloren, aber das ist nicht so! Gestern reisten wir den ganzen Tag und kamen immer tiefer in das Gebirge hinein. Die Landschaft war wüst und wild. Frau Mina schlief und auch zu einer Mahlzeit, die ich mir bereitete, konnte ich sie nicht wecken. Der unheimliche Zauber dieses Ortes scheint mehr und mehr Einfluss auf sie auszuüben, hat sie doch die Vampirtaufe schon empfangen. Wenn sie den ganzen Tag schläft, muss ich es eben auch tun, damit ich in der Nacht munter sein kann. Die Pferde liefen wacker voran und ich schlief ein. Wieder erwachte ich mit einem Gefühl der Schuld und verlorenen Zeit. Frau Mina schlief und die Sonne stand schon tief am Himmel.

Die Berge, die uns seit Tagen zu drohen schienen, waren zurück gerückt und wir befanden uns nahe der Spitze eines steilen Hügels, den ein Schloss krönte. So ein Schloss hatte Jonathan in seinem Tagebuch beschrieben. Ich war zwischen Freude und Furcht hin und her gerissen. Egal ob gut oder schlimm, das Ende rückte in greifbare Nähe. Ich weckte Frau Mina und versuchte, sie zu hypnotisieren. Vergeblich. Wie gestern hielten wir, versorgten die Pferde, entzündeten ein Feuer und bereiteten eine Mahlzeit. Frau Mina wollte nichts zu sich nehmen. Ich beschwor sie nicht, ich wusste, dass es zwecklos war. Sie sah mir bei der Mahlzeit zu, denn ich aß, um bei Kräften zu bleiben. Zuvor aber streute ich, in Sorge vor dem, was geschehen könnte, Teilchen der Hostie so dicht wie möglich in einem Ring um den Platz, an dem Frau Mina saß. Während ich aß, wurde Frau Mina immer stiller und blasser. Sie begann zu zittern und als ich auf sie zutrat, klammerte sie sich an mir fest. Ich bat sie, dichter an das Feuer heran zu gehen. Sie erhob sich und tat einen Schritt. Dann aber blieb sie wie gebannt stehen. Dann schüttelte sie den Kopf und wich zurück. "Ich kann nicht!", flüsterte sie. Ich nickte zufrieden. Wenn sie den Ring nicht überwinden konnte, dann kann es auch keiner von denen, die wir fürchteten.

Plötzlich begannen die Pferde zu wiehern. Sie stampften unruhig und ich musste sie beruhigen. Das geschah in dieser Nacht mehrere Male und in der kältesten Stunde der Nacht verlosch unser Feuer. Ich versuchte, ein neues Feuer zu entfachen, aber Schnee und kalter Nebel ließen das Feuer immer wieder ausgehen. Alles war still, nur die Pferde wieherten und stampften sorgenvoll. Entsetzliche Angst bemächtigte sich auch meiner. Immer wieder musste ich mir sagen, dass ich mich innerhalb des schützenden Ringes befand. Ich glaubte, meine Fantasie spiele mir einen Streich. Die Schneeflocken und der Nebel tanzten und wirbelten im Kreise; schon glaubte ich die unheimlichen Frauen zu erkennen, von denen Jonathan berichtete hatte. Die Pferde schrieen inzwischen in Todesnot. Frau Mina saß ruhig am Feuer. Als ich aufstand, um nach den Pferden zu sehen, hielt sie mich fest. "Bleiben Sie hier. Gehen Sie nicht hinaus. Hier sind Sie sicher!" "Was ist mit Ihnen?", rief ich in höchster Sorge. "Ich fürchte vor allem um Sie!", lachte Frau Mina und sah mich an. "Niemand in der Welt kann vor ihnen sicher sein als ich." Die Flammen loderten auf, ich sah die rote Narbe auf ihrer Stirn und verstand. Die Schneeflocken tanzten immer noch, sie wurden dichter und begannen sich zu materialisieren. Ich glaubte, mein Verstand setze aus, denn ich sah, wie die drei Frauen zu Fleisch und Blut wurden. Es waren die drei Frauen, die Jonathan im Schloss hatten küssen wollen. Sie hatten kalte, grausame Augen, weiße, spitze Zähne und wollüstige Lippen.

Sie streckten ihre Arme nach Frau Mina aus uns riefen: "Komm! Komm, Schwesterchen." Ich fuhr herum und sah Frau Mina an. Aber auf ihrem Gesicht lag ein solcher Ausdruck des Grauens, des Entsetzens und der Abscheu, dass mein Herz frohlockte. Ich fasste wieder Hoffnung. Sie gehört noch nicht zu jenen! Ich fasste mit der Hoffnung auch Mut und griff nach der Hostie. Mit einem brennenden Holzscheit und der Hostie ging ich auf die Frauen zu. Sie zogen sich vor mir zurück und lachten ein tiefes, schauerliches Lachen. Ich hatte keine Angst mehr, denn ich wusste, diese Geschöpfe Nacht konnten uns nichts anhaben. Die Pferde hatten sich beruhigt und lagen still auf der Erde. Schnee fiel auf sie und als ich genauer hinsah, bemerkte ich, dass sie immer weißer wurden. Da wusste ich, dass die armen Tiere von nun an nichts mehr zu fürchten hatten. Als die Sonne aufging, durchzog es mich wie ein neues Leben und ich schüttelte die Gespenster der Nacht ab. Wie durchsichtige Schatten flogen sie in Richtung auf das Schloss davon und verschwanden.

Ich ging, um nach Frau Mina zu sehen und sie zu hypnotisieren. Aber sie liegt in einem tiefen Schlummer. Ich habe das Feuer angefacht und gesehen, dass alle Pferde tot sind. Es wird heute viel zu tun geben. Ich muss ein paar Plätze finden, an denen das Sonnenlicht mich schützt. Rasch noch ein stärkendes Frühstück, dann will ich meine schwere Aufgabe in Angriff nehmen. Frau Mina schläft glücklicherweise ruhig.

Jonathan Harkers Tagebuch
4. November. Abends. Hätten wir doch nur nicht den Unfall mit der Barkasse gehabt. Sicherlich hätten wir den Grafen schon eingeholt und meine geliebte Mina wäre schon frei. Ich mache mir große Sorgen, da sie nun so nahe dem entsetzlichen Ort weilt. Wir haben Pferde genommen und werden der Spur folgen. Godalming bereitet alles vor, während ich dies schreibe. Wir sind bewaffnet und zu jedem Kampf bereit. Wären wir nur schon bei Morris und Dr. Seward. Wir können nur noch hoffen. Sollte ich nicht mehr zum Schreiben kommen, so lebe wohl, Mina. Gott behüte und beschütze dich.

Dr. Sewards Tagebuch
5. November. In der Morgendämmerung sahen wir einen Zug von Zigeunern in großer Eile mit ihrem Leiterwagen landeinwärts fahren. Sie sind in großer Hast unterwegs. Der Schnee fällt in dichten Flocken und die Luft ist seltsam unruhig. Vielleicht sind es unsere überreizten Nerven, aber es ist, als liege ein seltsamer Druck auf uns. Das Heulen von Wölfen ist zu hören. Wir werden gleich aufbrechen, trotz der Gefahren, die uns erwarten. Irgendjemandes Tod ist es, zu dem wir reiten. Aber nur Gott weiß, wer, wo, wie oder was sein wird.

Dr. Van Helsings Memorandum
5. November. Nachmittags. Ich verließ Frau Mina, die immer noch schlafend im geweihten Kreis lag und schlug den Weg zum Schloss ein. Ich nahm den Schmiedehammer mit mir. Im Schloss waren alle Türen offen, aber ich zertrümmerte trotzdem die rostigen Angeln, so dass mich weder dummer Zufall noch böser Einfall in dem Schlosse einsperren konnten. Jonathans Berichte kamen mir sehr zustatten. Ich konnte mich gut an den Weg in die Kapelle erinnern. Dort hatte ich meine Aufgabe zu erfüllen. Die Luft war stickig und mehrfach schwanden mit fast die Sinne. Ich hatte ein dumpfes Dröhnen in Ohren und ich fragte mich, ob es vielleicht das Heulen von Wölfen sein konnte. Wie es wohl Frau Mina ging? Ich hatte nicht gewagt, sie mitzunehmen, also musste ich sie allein lassen. Nun drohte ihr Gefahr von den Wölfen.

Ich entschloss mich, mein Werk zu Ende zu führen und schnellstmöglich zu Frau Mina zurückzukehren. Ich musste mindestens drei belegte Gräber aufsuchen. Ich suchte und fand das erste Grab, in dem eines der Weiber lag. In seinem wollüstigen Vampirschlaf lag es da, mit roten Lippen und so schön, dass es mich kalt überlief. Ich verstand nun, was passieren konnte: Man nahm sich vor, den Vampir zu töten, wurde dann von der Schönheit in Bann geschlagen und zögerte und zögerte. Dann bleibt man, bis die Sonne untergegangen und der Vampirschlaf vorbei ist. Die herrlichen Augen des Weibes öffnen sich, es folgt der Kuss. Wieder ein Opfer des Vampirtums. Der Mensch ist schwach!

Ich geriet in der Gegenwart dieser Frau in eine Erregung, die nur durch einen Zauber hervorgerufen sein konnte, denn der Sarg war staubbedeckt und ein grässlicher Geruch hing in der Luft. Mich alten Mann erfüllte plötzlich ein Verlangen, das meine Kräfte zu lähmen schien. Was es auch war, die schwere Luft oder meine Müdigkeit, ich weiß es nicht. Ich fiel in einen Schlaf, mit offenen Augen mich dem Zauber hingebend. Ein Wehruf ertönte durch die Schneeluft, langgezogen und voller Angst. Ich fuhr empor und erkannte Frau Minas Stimme. Erst da fand ich Kraft, mein furchtbares Werk zu vollenden. Als ich den zweiten Sargdeckel hob, lag da ein weiteres Weib. Ich sah es nicht an, um nicht wieder in seinen Bann zu geraten. Der dritte Sarg stand etwas erhöht, das Weib darin war von bestrickendem Liebreiz. Gott sei dank klang mir Frau Minas Schrei noch in den Ohren und hinderte den Zauber daran, sich meiner zu bemächtigen.

Da uns in der Nacht nur drei Gespenster heimgesucht hatten, nahm ich an, dass nicht mehr Untote hier zu finden seien. Ich fand in der Kapelle noch ein weiteres Grabmal. Es war groß und edel ausgeführt. Es stand nur ein Wort darauf: DRACULA. Hier stand ich also vor der Ruhestätte des Königs der Vampire. Das Grab war leer. Bevor ich nun daran ging, durch mein Werk diese Frauen dem natürlich Tode zu überliefern, legte ich eine Hostie in Draculas Grab und verbannte ihn so für immer daraus.

Was ich dann zu tun hatte, war schlimm und schwer. Es war das Schrecklichste, was ich je getan habe. Lucy dem Griff des Untoten zu entreißen war schon grauenhaft, aber nun drei Frauen auf diese Weise zu behandeln! Ich zitterte und wenn ich ehrlich bin, zittere ich heute noch. Meine Nerven hielten durch, bis alles vorüber war. Hätte ich nicht gesehen, welchen Frieden mein Tun brachte, ich hätte diese blutige Arbeit nicht zu Ende führen können. Das Einschlagen des Pfahls verursachte ein furchtbares Knirschen, die Gestalten wanden sich, die Lippen voller blutigem Schaum. Kaum hatte ich die Köpfe abgetrennt, zerfielen diese Leiber zu Staub und ich kann nur noch Mitleid empfinden. Ich hatte mein Werk vollendet und bevor ich zu Frau Mina zurück eilte, sicherte ich die Eingänge des Schlosses noch gegen das Eintreten des Untoten.

Frau Mina schlief, als ich zurückkehrte. Sie erwachte und weinte heiße Tränen als sie sah, was ich durchlitten hatte. "Kommen Sie. Wir wollen fort von hier und Jonathan entgegeneilen. Ich weiß, dass er auf dem Weg zu mir ist." Sie sah so schmal, zerbrechlich und blass aus, aber ich fand diese Blässe beinahe wohltuend gegen die frische Lebendigkeit der drei Vampirfrauen, denen ich gerade ihren Frieden gegeben hatte. Wir zogen also ostwärts, den Freunden entgegen. Und auch ihm, von dem Frau Mina mir sagte, dass wir ihn sicher treffen würden.

Mina Harkers Tagebuch
6. November. Am späten Nachmittag brachen der Professor und ich nach Osten auf. Es ging steil bergab, aber wir liefen nicht rasch. Wir hatten einige Decken und Pelze zu tragen, ebenso einige Lebensmittel. Wir befanden uns in völliger Einöde und nach etwa einer Meile war ich von dem Abstieg ermüdet. Wir rasteten und sahen zurück. Das Schloss Dracula hob sich in klaren Linien vom Himmel ab, tausend Fuß über uns am Rande eines ungeheueren Abgrundes. Von Ferne hörten wir das Heulen der Wölfe. Ihre Stimmen waren durch den dichten Schneefall gedämpft. Wir fühlten uns unbehaglich und Van Helsing suchte einen Platz, an dem wir einem Angriff weniger ausgesetzt wären. Nach einiger Zeit rief Van Helsing nach mir. Er hatte eine natürliche Höhle entdeckt mit einem torartigen Eingang. Er zog mich hinein. "Sehen Sie, hier sind wir vor Wölfen geschützt. Wir können mit einem nach dem anderen abrechnen." Wir richteten uns mit den Decken und Pelzen behaglich ein und Van Helsing nötigte mich zu essen. Ich konnte nicht, denn schon der Gedanke daran erregte in mir Ekel. Van Helsing sah enttäuscht aus, sagte aber nichts.

Stattdessen holte er seinen Feldstecher hervor und suchte den Horizont ab. Plötzlich rief er: "Mina! Da! Sehen Sie!" Ich sprang auf und stellte mich neben Van Helsing. Der Schnee wirbelte in dichten Flocken vor meinen Augen, weit entfernt sah ich den Fluss sich wie ein schwarzes Band winden und krümmen. Und dann - so nahe bei uns, dass ich nicht verstand warum ich sie nicht gleich gesehen hatte, eine Gruppe berittener Männer, die in ihrer Mitte einen langen Leiterwagen mit sich führten. Auf dem Wagen stand eine große viereckige Kiste. Wir waren am Ziel und mein Herz pochte laut. Aber der Abend senkte sich hernieder und ich wusste, dass der Körper, der jetzt noch in der Kiste gefangen war, bald seine Freiheit gewinnen würde. Würde er unseren Nachstellungen entrinnen können? Ich drehte mich nach dem Professor um - er war fort. Erst einige Augenblicke später entdeckte ich ihn, wie er einen Ring um den Felsblock zog, auf dem ich stand und Teilchen der Hostie auf den Ring streute. Es war ein Ring, gleich dem, der mich heute Nacht beschützt hatte.

"Sie eilen sich, wegen des Sonnuntergangs", rief Van Helsing. "Hier sind Sie wenigstens vor ihm sicher. Aber schauen Sie, Frau Mina. Da kommen zwei Reiter von Süden! Es müssen Quincey und John sein. Schauen Sie durch das Glas." Ich schaute, aber konnte keinen der Männer erkennen. Ich wusste nur, dass Jonathan nicht dabei war. Ich blickte weiter über die Landschaft und sah aus nördlicher Richtung auch zwei Reiter kommen. Einer von ihnen war mein geliebter Jonathan. Sie verfolgten die Männer mit dem Leiterwagen. Der Professor zeigte sich glücklich, dass alle Gefährten wieder beieinander waren und griff nach seiner Winchester. Schussbereit ging er am Eingang der Höhle in Stellung. Auch ich zog meinen Revolver heraus. Das Heulen der Wölfe wurde lauter und der Schneefall wurde immer dichter, obwohl weiter draußen die Sonne schien. Ich blickte wieder durch das Glas und entdeckte die Wölfe, die erst noch vereinzelt, sich langsam sammelten, lüstern nach Beute.

Das Warten schien eine Ewigkeit zu dauern. Der Wind heulte und brauste. Der Sonnuntergang stand unmittelbar bevor. Die Zigeuner schienen nicht zu bemerken, dass sie verfolgt wurden, aber sie eilten noch mehr, je näher die Sonne sich den Bergspitzen zu neigte. Die Männer waren nicht mehr weit von uns entfernt. Plötzlich klangen zwei Stimmen durch den Wind. "Halt!" Jonathan und Herr Morris hatten gerufen. Die Männer mit dem Leiterwagen hielten unwillkürlich ihre Pferde an. Im gleichen Moment ritten Jonathan und Lord Godalming von der einen und Herr Morris und Dr. Seward von der anderen Seite an die Männer heran. Die Zigeuner zögerten nur einen Moment, dann gab der Anführer rasch das Zeichen zum Weiterreiten. Sie schlugen auf ihre Pferde ein, die sich aufbäumten, aber die vier Angreifer rissen die Winchesterbüchsen heraus und zwangen die Männer erneut zum Halten. Auch Van Helsing und ich gaben uns zu erkennen und legten die Waffen an. Die Zigeuner zogen nun ebenfalls ihre Waffen. Eine Entscheidung musste fallen.

Der Anführer riss sein Pferd herum und rief seinen Männern etwas zu, das ich nicht verstehen konnte. Er deutete auf die sinkende Sonne und dann auf das Schloss. Jonathan, Lord Godalming, Herr Morris und Dr. Seward stießen in Richtung des Leiterwagens vor. Eigentlich hätte ich Furcht spüren müssen, um Jonathan und um mich. Aber ich fühlte nur das wilde Brennen in mir, handeln zu wollen. Der Anführer erkannte die Absicht unserer Männer und befahl seinen Leuten, den Wagen zu schützen. Sie scharten sich um den Wagen und versperrten den vier Angreifern den Weg. Unseren Männern ging es darum, die Aufgabe zu erfüllen, ehe die Sonne unterging. Nichts schien sie davon abhalten zu können, weder die grimmigen Zigeuner mit ihren blitzenden Messern, noch das scheuerliche Heulen der Wölfe, das immer näher zu kommen schien.

Schließlich gelang es Jonathan, den Wagen zu erklimmen. Mit schier unmenschlicher Kraft warf er sich auf die Kiste und schob sie über den Rand des Leiterwagens. Polternd fiel sie zu Boden. Herr Morris versuchte verzweifelt, den Ring der Zigeuner zu durchbrechen. Ich hatte mehrfach Klingen blitzen sehen. Hatten sie ihn etwa verletzt? Aber Herr Morris parierte mit seinem Jagdmesser und ich war sicher, dass er unverletzt durchgekommen war. Mit aller Kraft und größter Hast machten sich die beiden Männer daran, den Deckel der Kiste zu öffnen. Erst jetzt sah ich, dass Herr Morris sich die Hand auf die Brust presste und Blut zwischen seinen Fingern hindurch lief. Trotzdem ließ er in seiner Anstrengung nicht nach.

Jonathan und Herr Morris hatten den Deckel weggesprengt. Die Zigeuner hatten sich den Winchesterbüchsen von Lord Godalming und Dr. Seward ergeben und wagten keinen Widerstand mehr. Die Sonne berührte beinahe die Bergspitzen und warf lange Schatten auf den Schnee. Mein Blick fiel auf den Grafen, der auf der Erde in der Kiste lag. Eine totenbleiche Wachsfigur, deren Augen rot glühten. Als die Augen die sinkende Sonne sahen, wich der Ausdruck des Hasses dem Ausdruck wilden Triumphes. Im gleichen Augenblick sauste Jonathans Messer nieder. Es durchschnitt die Kehle des Grafen in dem Moment, als Herrn Morris' Jagdmesser das Herz des Grafen durchbohrte. Ich schrie auf und verstummte sofort. Vor unseren Augen und ehe wir es recht fassen konnten, zerfiel der Körper des Grafen zu Staub und entschwand unseren Blicken. Im Augenblick der endlichen Auflösung lag ein Schimmer von Glück über dem Antlitz des Grafen, den ich mein Lebtag nicht vergessen werde. Nie hätte ich den Graf zu solchen Gefühlen fähig gehalten.

Die Zigeuner rissen ihre Pferde herum und ritten, als gelte es ihr Leben. Die Wölfe folgten ihnen nach. Herr Morris lag auf dem Boden. Der geweihte Kreis hielt mich nicht länger und ich eilte zu ihm. Auch Van Helsing und Dr. Seward liefen herbei. Jonathan kniete neben dem todwunden Freund und hielt seine Hand. Als ich heran kam, griff Herr Morris unter großer Anstrengung mit der freien Hand nach mir und sagte: "Ich hoffe, ich konnte Ihnen einen Dienst erweisen." Er unterbrach sich und rief: "Seht! Oh, seht! Das war des Sterbens wert!" Die Sonne versank hinter den Bergspitzen und rosiges Licht fiel auf mein Gesicht. Die Männer knieten ergriffen nieder. Ein "Amen" war zu hören. Dann sprach der sterbende Herr Morris noch einmal: "Es ist nicht umsonst gewesen. Gott sei gelobt. Ihre Stirn ist so fleckenlos wie dieser Schnee. Der Fluch ist von ihr gewichen!" Wir standen um ihn und weinten bittere Tränen, während der tapfere Mann mit einem Lächeln auf den Lippen starb.

Notiz
Sieben Jahre ist es nun her, dass wir so bittere Qualen leiden mussten. Einige von uns haben aber Glück gefunden, das das Furchtbare reichlich aufwiegt. Der Geburtstag unseres Jungen fällt mit dem Todestag von Quincey zusammen, nach dem unser Junge auch benannt ist. Ich weiß, dass Mina im Stillen hofft, der kleine Quincey werde einst so tapfer, edel und mutig wie unser toter Freund. In diesem Sommer machten wir eine Reise nach Transsylvanien und besuchten alle Orte, mit denen uns diese furchtbaren Erinnerungen verbinden. Fast ist es unmöglich zu glauben, dass alles wirklich so geschehen ist. Nichts ist davon mehr zu sehen oder zu finden. Nur das Schloss war dort, hoch emporragend über einer schrecklichen Wildnis.

Wieder zu Hause, plauderten wir über vergangene Zeiten. Wir blicken ohne Bitterkeit zurück. Lord Godalming und auch Dr. Seward sind glücklich verheiratet. Unsere Aufzeichnungen liegen in einem feuerfesten Schrank. Wenn man genau hinsieht, ist kaum ein authentisches Schriftstück dabei. Nur eine Masse von Blättern voll Maschinenschrift und natürlich unsere Notiz- und Tagebücher. Wir können von niemandem verlangen, dass er diese Schriftstücke als Beweise gelten lässt. Aber welches Resümee zog Van Helsing, als er unseren Jungen auf dem Schoß hatte? "Wir verlangen von niemandem, dass er uns Glauben schenkt, darum brauchen wir auch keine Beweise. Aber dieser Junge hier wird eines Tages erfahren, wie tapfer und edel seine Mutter ist. Und dann wird er begreifen, warum wir sie alle so lieben und um ihretwillen so Schweres auf uns nahmen."

Jonathan Harker

Der Klassiker DRACULA von Bram Stoker (1847-1912) wurde von Kirsten Großmann für den Lesekorb nacherzählt.


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