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Lesekorb - Das Web-Magazin für Kinder

Die Schatzinsel

von Robert Louis Stevenson

Der alte Seebär

Ich möchte euch die Geschichte der Schatzinsel erzählen, auf der sich noch jetzt ungehobene Schätze befinden. Aus diesem Grund werde ich ihre Lage verschweigen.

Beginnen möchte ich aber mit der Zeit, als mein Vater das Gasthaus ‚Zum Admiral Benbow' bewirtschaftete und ein alter sonnengebräunter Seemann mit einem Säbelhieb quer über die Wange sein Quartier zum ersten Mal unter unserem Dach aufschlug. Schon am ersten Tag sang er das Seemannslied:

"Fünfzehn Mann auf des toten Manns Kiste,
jo-ho, jo-ho - und ' ne Buddel voll Rum!",

das auch später noch oft aus seinem Munde erklang.

Unser Gasthaus gefiel ihm, da nicht viele Leute herkamen und er vom Hügel aus das Meer beobachten konnte. Er trug zwar schäbige Kleider, aber bezahlte sofort mit 2 oder 3 Goldstücken und sein Auftreten war das eines Menschen, der Gehorsam gewohnt ist. War er vielleicht ein alter Steuermann oder Kapitän, der nicht erkannt werden wollte?

Der Alte, den ich fortan bei mir Kapitän nannte, war meist schweigsam und beobachtete mit seinem Fernrohr das Meer. Ich sollte ihn alarmieren, wenn ein Matrose mit nur einem Bein auftaucht.

Wenn er am Abend zu viel Rum getrunken hatte, sang er laut seine verrückten, wilden Seemannslieder, und alle Gäste hatten Angst vor ihm. Am meisten fürchteten sie aber seine schrecklichen Erzählungen vom Hängen und Ertrinken, von fürchterlichen Stürmen auf dem Meer und von der Seeräuberinsel Tortuga. Welch interessantes, abenteuerliches Leben er geführt haben musste!

Woche für Woche, Monat für Monat blieb er in unserem Haus.

Als mein Vater sehr krank wurde, kam oft unser Arzt Doktor Livesey, der gleichzeitig der Richter war, zu uns. Er hatte ein sehr angenehmes Wesen und stand rein äußerlich mit seiner gepflegten Kleidung und seiner gepuderten schneeweißen Perücke im krassen Gegensatz zum Kapitän.

Als dieser mit dem Doktor einen Streit beginnen wollte, stellte der sich mutig gegen ihn, ohne einen Funken von Angst zu zeigen. Er machte dem alten Seebären klar, dass er ihn im Auge behalten werde.

Nicht lange danach kam es zu einem ersten geheimnisvollen Vorfall.

Wir hatten einen bitterkalten Winter mit schweren Stürmen. Da es meinem Vater immer schlechter ging, mussten sich meine Mutter und ich allein um die Wirtschaft kümmern.

An einem dieser frostigen Tage war der Kapitän sehr früh aufgestanden und zum Strand gegangen. Ich war in der Gaststube und deckte schon den Tisch für ihn, als ein Mann herein kam, den ich noch nie vorher gesehen hatte. Er war ein blasser, aufgeschwemmter Kerl, dem zwei Finger an der linken Hand fehlten, und er trug ein Entermesser.

Er wollte ein Glas Rum trinken und winkte mich an seinen Tisch. Mit lauernder Stimme fragte er mich, ob der gedeckte Frühstückstisch für seinen Maat Bill sei. Als ich ihm sagte, dass ich diesen Maat nicht kenne, antwortete er, dass man diesen auch Kapitän nennen kann, und seine Beschreibung traf genau auf unseren Gast zu. Ich erzählte ihm, dass dieser spazieren gegangen ist und zeigte ihm den Weg zu den Felsen. Er wartete aber in der Gaststube, und auch ich durfte nicht nach draußen gehen.

Endlich kam der Kapitän zurück und trat ein. "Bill", sagte der Fremde. Der Kapitän drehte sich auf dem Absatz um und stand uns mit kreidebleichem Gesicht gegenüber. Er sah aus wie ein Mensch, der einen Geist oder den Teufel oder etwas noch Schlimmeres erblickt.

"Komm, Bill, du kennst mich doch", sagte der Fremde. "Du erinnerst dich doch sicher an deinen alten Schiffskameraden?" Der Kapitän schnappte nach Luft. "Schwarzer Hund!", sagte er. "Wer sonst?", entgegnete der andere und sprach von ihrer gemeinsamen Zeit.

Schließlich setzten sie sich an den Tisch, und ich lauschte gespannt, ob ich etwas von ihrem Gespräch verstehen könnte. Als ihre Stimmen lauter wurden, hörte ich einige Worte des Kapitäns. "Nein, nein, nein, nein - und jetzt Schluss damit!", schrie er einmal, und dann: "Wenn es zum Hängen kommt, dann sollen alle hängen, sage ich!"

Dann folgten plötzlich Flüche und andere Geräusche, Stühle und Tische krachten übereinander, Stahl klirrte, und dann erscholl ein lauter Schmerzensschrei. Im nächsten Augenblick sah ich den schwarzen Hund in voller Flucht und den Kapitän dicht hinter ihm. Beide hatten die Messer gezogen, und dem Flüchtenden tropfte Blut von der linken Schulter. Schließlich verschwand er mit nicht geahnter Schnelligkeit hinter dem Hügel.

Kurz darauf brach der Kapitän in der Gaststube zusammen. Sein Gesicht hatte eine entsetzliche Farbe, sein Atem ging schwer und seine Augen waren geschlossen. Zum Glück kam gerade in diesem Moment Doktor Livesey zur Tür herein. Er stellte fest, dass der Kapitän einen Schlaganfall hatte, versorgte ihn, und wir brachten ihn ins Bett. Als ich gegen Mittag mit frischen Getränken und Medizin zu ihm kam, schimpfte er auf den Doktor, der ihm den Rum verboten hatte, und fluchte vor sich hin.

"Jim", sagte er schließlich, "du hast doch jenen Seemann heute gesehen?"

"Den schwarzen Hund?", fragte ich.

"Ja, den schwarzen Hund. Er ist ein Bösewicht, aber es gibt noch schlimmere Kerle, und die haben ihn angestiftet. Sie haben es auf meine alte Seekiste abgesehen.

Reite zu dem Waschlappen von einem Doktor und sage ihm, dass er mit allen seinen Beamten herkommen soll, denn bald wird er hier alle die antreffen, die von der Mannschaft des Kapitän Flint übrig geblieben sind. Ich bin der Einzige, der den Platz seines Schatzes kennt. Er sagte ihn mir, als er im Sterben lag, so wie ich jetzt."

Aber du darfst nichts verraten, solange sie mir nicht den Schwarzen Fleck geschickt haben oder bis du den Schwarzen Hund wieder gesehen hast oder einen Seemann mit einem Bein - ihn ganz besonders, Jim!"

"Aber was ist denn der Schwarze Fleck, Käpt´n?", fragte ich.

"Das ist eine Vorladung, mein Junge. Ich werde dir das erklären, wenn sie es tun. Aber halt nur die Augen offen, und - bei meiner Ehre - ich werde dir die Hälfte abgeben."

Er nahm seine Medizin wie ein Kind und fiel dann in einen tiefen, einer Ohnmacht ähnlichen Schlaf.

An diesem Abend starb mein Vater, und das drängte alle anderen Gedanken in den Hintergrund.

In den nächsten Tagen kam der Kapitän die Treppe wieder bis in die Gaststube herunter und nahm seine Mahlzeiten wie gewöhnlich ein, allerdings aß er sehr wenig, trank dafür aber umso mehr Rum und sang sein hässliches altes Seemannslied.

Manchmal steckte er seine Nase zur Tür hinaus, um die Seeluft einzuatmen. Dabei stützte er sich auf die Mauer des Hauses und atmete tief und schwer wie ein Mann, der einen steilen Berg bestiegen hat.

Da er mich nie ansprach, glaubte ich, er habe sein Geständnis so gut wie vergessen.

Trotz seiner Schwäche sah er in der Trunkenheit gefährlich aus, wenn er sein Entermesser zog und es blank vor sich auf den Tisch legte.

Am Tag nach dem Begräbnis meines Vaters sah ich auf der Straße einen Mann langsam näher kommen. Er war offenbar blind, denn er tastete mit einem Stock vor sich hin. Er ging gebückt und trug einen weiten, alten und zerfetzten Matrosenmantel mit einer Kapuze, der ihn geradezu entstellte. Nie in meinem Leben habe ich eine abstoßendere Gestalt erblickt.

Vor dem Gasthaus blieb er stehen und fragte, wo er sei. Ich antwortete ihm, dass er sich in der Bucht von Black Hill beim ‚Admiral Benbow' befinde. Als ich ihm meinen Arm reichte, um ihn auf seinen Wunsch hin hereinzuführen, zog er mich plötzlich mit einem kraftvollen Ruck zu sich und sagte: "Nun, mein Junge, führe mich hinein zum Kapitän!" Als ich ablehnte, drohte er, mir den Arm zu brechen und verdrehte mir diesen augenblicklich so, dass ich vor Schmerz laut aufschrie.

"Genug jetzt, marsch!", befahl er mir mit grausamer, kalter Stimme, die mich noch mehr einschüchterte als seine Misshandlung. "Führe mich geradeaus zu ihm hin, und wenn er mich sieht, dann rufst du: ‚Hier ist ein Freund von euch, Bill!' " Nachdem er mich noch einmal schmerzhaft zwickte, hatte ich solche Angst vor dem Blinden, dass ich gehorchte.

Der Kapitän schaute hoch und war augenblicklich nüchtern. Er wollte sich von seinem Stuhl erheben, aber dazu fehlte die Kraft. Der Blinde forderte mich auf, die linke Hand des Kapitäns an seine eigene rechte zu führen, und ich sah, wie er etwas in die Hand des Kapitäns schob. Sofort darauf verschwand er.

Als der Kapitän sich von seinem Schreck erholt hatte, rief er: "Zehn Uhr! Sechs Stunden! Die wollen wir noch nutzen!" Damit sprang er auf die Füße, begann aber zu taumeln, schwankte einem Augenblick und fiel dann zu Boden. Meine Mutter eilte herbei, aber ein neuer Schlaganfall hatte dem Leben des Kapitäns ein Ende gesetzt.

Die Seemannskiste

Erst jetzt erzählte ich alles meiner Mutter. Einerseits wollten wir schnell die Sachen des Kapitäns nach Geld durchsuchen, damit wir uns das nehmen könnten, was er uns schuldete. Andererseits hatten wir Angst vor seinen Schiffskameraden, vor allem vor dem Schwarzen Hund und dem blinden Bettler. Schließlich entschlossen wir uns, zusammen ins Nachbardorf zu gehen und Hilfe zu holen. Ohne zu zögern liefen wir in den kalten Nebel und den dämmernden Abend.

Meine Freude war riesengroß, als wir nach wenigen hundert Schritten die erleuchteten Fenster im Ort erblickten, aber ganz schnell verwandelte sich diese in Enttäuschung, denn keiner der Männer war bereit, mit uns zum ‚Admiral Benbow' zurückzukehren, nachdem sie von unseren Schwierigkeiten hörten.

Einige von ihnen kannten den Namen des Kapitän Flint, der mir selber vorher unbekannt gewesen war. Dieser Name flößte ihnen einen furchtbaren Schrecken ein. Manche wollten in den letzten Tagen Fremde auf der Landstraße und ein kleines offenes Boot mit Segel in der Bucht gesehen haben.

Aber auch nachdem meine Mutter eine Rede hielt und zu ihnen als Männern mit Hasenherzen sprach, bestand die einzige Hilfe für uns darin, dass ein Mann zu Doktor Livesey ritt, um bewaffnete Hilfe zu holen und dass man uns gesattelte Pferde bereit halten wollte, falls wir verfolgt würden. Mir gaben sie eine geladene Pistole für den Fall, dass wir angegriffen würden.

Mein Herz schlug heftig, als wir beide in der kalten Nacht den gefährlichen Heimweg antraten. Schnell und lautlos schlüpften wir an den Hecken entlang.

Im ‚Admiral Benbow' angekommen, schlossen wir sofort die Fensterläden, und ich bückte mich, um dem toten Kapitän den Schlüssel abzunehmen. Dabei entdeckte ich neben seiner Hand ein kleines rundes Stück Papier, das auf einer Seite geschwärzt war. Ohne Zweifel war das der Schwarze Fleck. In sauberer Handschrift stand auf der anderen Seite: "Du hast Zeit bis zehn Uhr heute Abend!"

In dem Moment begann unsere Uhr zu schlagen. Ich erschrak bei dem Geräusch, aber es war erst sechs Uhr.

Nach längerem Suchen fanden wir den Schlüssel an einem Faden am Hals des Kapitäns. Ohne zu zögern eilten wir die Treppe hinauf zu der kleinen Kammer, in der er geschlafen hatte und wo seit dem Tag seiner Ankunft die alte Seemannskiste stand.

Auf ihrem Deckel war mit einem Eisen ein B eingebrannt worden. Mutter öffnete das Schloss, und der Deckel klappte zurück. Aus dem Inneren wehte uns ein starker Geruch von Tabak und Teer entgegen. Obenauf lag ein ordentlich gefalteter Anzug aus teurem Tuch.

Darunter begann ein ziemliches Durcheinander: ein Quadrant, ein Kännchen aus Zinn, einige Pakete Tabak, zwei Paar sehr schöne Pistolen, ein Barren Silber, eine alte spanische Uhr, einige Schmuckstücke von geringem Wert, ein paar in Messing gefasste Kompasse und fünf oder sechs seltsam geformte Muscheln aus Westindien. Ganz unten lag ein vom Seesalz gebleichter Bootsmantel, den meine Mutter ungeduldig herauszog.

Dann lagen die letzten Gegenstände der Kiste vor uns: ein in Wachstuch eingewickeltes Päckchen, das Papiere zu enthalten schien und ein Beutel aus Segeltuch, der bei Berührungen den Klang von Geldstücken von sich gab.

Meine Mutter wollte sich von den Münzen genau das nehmen, was der Kapitän uns schuldete, was gar nicht so einfach war, da sie aus allen möglichen Ländern stammten.

Plötzlich schlug mein Herz bis zum Hals, denn ich hörte das Klopfen vom Stock des Blinden auf der gefrorenen Straße. Es kam näher und näher, während wir dasaßen und den Atem anhielten. Dann klopfte es laut gegen die Haustür, und wir hörten, wie die Klinke heruntergedrückt wurde. Das Scheusal versuchte die Tür zu öffnen!

Nachdem eine Weile Ruhe geherrscht hatte, fing das Klopfen wieder an, wurde aber immer schwächer. Mutter wollte auch jetzt noch weiter genau das Geld abzählen, welches ihr zustand - nicht mehr und nicht weniger. Als wir aber vom Hügel einen lang gezogenen leisen Pfiff vernahmen, war auch sie bereit, mit den bisher abgezählten Münzen zu verschwinden. Ich schnappte mir als Entschädigung das in Wachstuch eingewickelte Päckchen.

Wir tasteten uns die Treppe hinunter und liefen ins Freie, wo der Nebel schon dabei war sich aufzulösen und der Mond hell und klar auf den Weg und die Hügel schien. Als das Geräusch von eiligen Fußtritten zu uns klang und wir ein hin und her schwankendes, sich schnell näherndes Licht erblickten, wurde meine Mutter vor Aufregung ohnmächtig, und ich schleppte sie an die Böschung unter der kleinen Brücke.

Das Ende des blinden Mannes

Obwohl ich mich fürchtete, trieb mich meine Neugier im Schutz der Sträucher an die Straße zurück. Sieben oder acht Männer kamen heran, drei von ihnen Hand in Hand. Der Mittlere dieses Trios war der blinde Bettler, der rief: "Schlagt die Tür ein!"

Überrascht blieben sie stehen, als sie sahen, dass die Tür des ‚Admiral Benbow' offen stand. Dann aber gingen vier oder fünf von ihnen hinein, und eine Stimme brüllte: "Bill ist tot!"

Der Blinde schrie weiter seine Anweisungen: "Ein paar von euch Tagedieben durchsuchen ihn, die anderen nach oben und die Kiste geholt!"

Ich hörte, wie sie die Treppe hinaufpolterten. Einer der Männer öffnete oben das Fenster und schrie: "Pew, sie sind uns zuvor gekommen! Irgendjemand hat die Kiste von oben bis unten durchwühlt!"

"Ist es da?", brüllte der blinde Bettler, den sie, wie ich jetzt mitbekam, Pew nannten.

"Das Geld ist da!"

"Flints Zeichnung meine ich!", schrie der Blinde.

"Wir können sie hier nirgends entdecken", erwiderte der Mann.

"He, ihr da unten, hat Bill sie bei sich?", schrie der Blinde wieder.

Ein anderer Kerl erschien in der Tür der Wirtschaft und sagte: "Wir haben Bill schon durchsucht. Es ist nichts zu finden."

"Es waren die Leute aus der verdammten Kneipe, es war der Junge! Ich wünschte, ich hätte ihm die Augen ausgekratzt!", schrie der blinde Mann. "Sie waren vor kurzem noch hier. Sie hatten die Tür verriegelt, als ich da war. Verteilt euch, Kerle, und sucht sie!" Er schlug mit seinem Stock auf die Straße. Lärm von umstürzenden Schränken und eingeschlagenen Türen erklang. Dann kamen die Männer wieder heraus auf die Straße und erklärten, dass sie uns nirgends finden konnten.

Plötzlich ertönte durch die Nacht der gleiche Pfiff, der meine Mutter und mich über dem Gold des toten Kapitäns aufgeschreckt hatte. Diesmal hörte ich ihn aber zweimal hintereinander. An den Reaktionen der Männer merkte ich, dass dies eine Warnung vor einer nahenden Gefahr war.

Einer der Männer sagte: "Dirk pfeift! Zweimal! Wir werden verschwinden müssen!"

"Verschwinden? Du Feigling!", schrie Pew. "Dirk war ein Narr und Angsthase von Anfang an! Ihr müsst euch nicht um ihn kümmern. Sie müssen hier irgendwo stecken. Weit können sie nicht gekommen sein. Verteilt euch und sucht nach ihnen, ihr Hunde! Oh, hol mich der Teufel, wenn ich nur sehen könnte!"

Zwei der Kerle kamen seiner Aufforderung nach, die anderen standen unentschlossen auf der Straße herum. Pew beschimpfte sie weiter, aber seine Kumpane wollten das Geld nehmen und verschwinden. Pews Wut steigerte sich so sehr, dass er wild mit seinem Stock um sich schlug und dabei mehr als einen schwer traf. Sie fluchten auf den blinden Bösewicht, drohten ihm mit schrecklichen Worten und versuchten vergeblich, den Stock zu packen und seinen Händen zu entreißen.

Dieser Streit war unsere Rettung. Während die Kerle noch tobten, erklang vom Hügel beim Dorf ein anderes Geräusch - der Hufschlag galoppierender Pferde. Ein Schuss ertönte und augenblicklich rannten die Schurken nach verschiedenen Richtungen auseinander - außer Pew. Ihn hatten sie verlassen oder vielleicht auch vergessen. Er tappte auf der Straße umher und schrie nach seinen Kameraden.

In diesem Augenblick wurden im Mondlicht vier oder fünf Reiter sichtbar. Pew irrte völlig verwirrt umher und landete schließlich unter dem ersten der Pferde. Sein Schrei gellte durch die Nacht, aber die vier Hufe trampelten über ihn hinweg. Der Reiter versuchte ihn zu retten - aber vergebens.

Ich sprang aus meinem Versteck und rief die Reiter an. Als sie die Pferde zum Stehen brachten, erkannte ich sie. Ganz hinten sah ich den jungen Burschen, der vom Dorf aus zu Doktor Livesey geritten war. Die anderen waren Zollbeamte, die er unterwegs getroffen hatte und mit denen er schlauerweise sofort zurückgekehrt war. Das Auftauchen eines Schmugglerbootes vor Kitt's Hole war Inspektor Dance zu Ohren gekommen und hatte ihn veranlasst, in dieser Nacht in unsere Richtung zu reiten. Diesem Umstand verdankten meine Mutter und ich unsere Rettung.

Pew war tot. Meine Mutter brachten wir ins Dorf, wo sie wieder zu sich kam.

Inspektor Dance und seine Männer kamen leider zu spät in der Bucht an, denn das Schmugglerboot hatte schon Segel gesetzt und fuhr davon.

Ich erzählte ihm nach seiner Rückkehr unsere ganze Geschichte, und er ging mit mir zum ‚Admiral Benbow'. Von der Verwüstung des Hauses kann man sich keine Vorstellung machen! Sie hatten zwar nur den Goldsack des Kapitäns und etwas Silber aus der Kasse genommen, aber ich sah sofort, dass wir ruiniert waren.

Inspektor Dance konnte das Ganze nicht begreifen. "Sie haben das Geld genommen, sagst du? Na schön, Hawkins, aber was haben sie dann noch gesucht? Noch mehr Geld, vermute ich."

"Nein, Herr Inspektor, ich glaube nicht, dass sie noch mehr Geld gesucht haben", erwiderte ich. "Ich nehme an, dass das, was sie suchten, in meiner Brusttasche steckt. Ich möchte es - ganz ehrlich gesagt - in Sicherheit bringen." Wir einigten uns, dass es das Beste ist, wenn ich mit ihm und seinen Männern zu Doktor Livesey reite und sofort machten wir uns alle auf den Weg.

Die Papiere des Kapitäns

Bei unserer Ankunft sagte uns das Dienstmädchen des Doktors, dass dieser nicht zu Hause ist, dass er auf dem Schloss mit dem Baron speise und dort den ganzen Abend verbringen werde.

"Dann wollen wir dorthin reiten", sagte Inspektor Dance.

Der Diener ließ uns sofort ein und führte uns in die große Bibliothek. Ich hatte den Baron noch nie so nahe gesehen: Er war groß und breit mit einem derben, offenen Gesicht. Seine Augenbrauen waren tiefschwarz und in ständiger Bewegung.

Der Baron, der Mister Trelawney hieß, und der Doktor begrüßten uns und fragten nach dem Grund unseres Kommens. Als sie vom Inspektor die Geschichte hörten, zerbrach der Baron vor Begeisterung seine lange Pfeife, und der Doktor hatte, vermutlich um besser hören zu können, seine gepuderte Perücke abgenommen. Mit seinen kurz geschorenen schwarzen Haaren sah er sehr merkwürdig aus.

Ich gab dem Doktor das in Wachstuch eingewickelte Päckchen, das er von allen Seiten ansah und dann in seine Rocktasche steckte. Inspektor Dance trank ein Bier und ritt dann wieder zum Dienst. Ich durfte mit dem Doktor auf dem Schloss bleiben und nahm ein kräftiges Abendbrot zu mir, denn ich war hungrig wie ein Wolf.

Doktor Livesey sagte: "Baron, Ihr habt sicher schon von diesem Flint gehört, nehme ich an?" "Schon von ihm gehört!", rief der Baron. "Von ihm gehört! Er war der blutdürstigste Seeräuber, der je die Meere befahren hat. Die Spanier hatten eine so entsetzliche Furcht vor ihm. Ich habe mit meinen Augen seine Toppsegel auf der Höhe von Trinidad gesehen, und der Kapitän, auf dessen Schiff ich mich befand, kehrte einfach feige um und fuhr zurück nach Port-of-Spain."

Der Baron war überzeugt, dass Flint sehr viel Geld hatte, denn das Einzige, was diesen Schurken je interessiert hätte, sei Geld gewesen. Schließlich sagte der Doktor: "Nehmen wir an, dass das, was ich hier in meiner Tasche habe, so etwas wie ein Hinweis ist auf den Ort, wo Flint seinen Schatz vergraben hat - kann dieser Schatz sehr viel wert sein?"

"Sehr viel wert, mein Herr?", schrie der Baron. "Er ist so viel wert, dass ich - wenn wir den Hinweis haben, von dem ihr sprecht - sofort im Dock von Bristol ein Schiff ausrüsten und Euch und Hawkins mit auf die Reise nehmen werde. Und ich werde den Schatz finden, und wenn ich ein ganzes Jahr lang danach suchen müsste."

Also beschlossen wir, das Päckchen zu öffnen. Da es zugenäht war, musste der Doktor seine Instrumententasche holen und es mit seiner Operationsschere aufschneiden. Es enthielt zwei Dinge: Ein kleines Buch und ein versiegeltes Papier.

Zuerst schlug der Doktor das Buch auf. Auf der ersten Seite befanden sich nur einige Kritzeleien. Die nächsten zehn oder zwölf Seiten waren mit einer Reihe seltsamer Eintragungen angefüllt. Am Beginn jeder Zeile stand ein Datum und am Ende eine Geldsumme wie in einem gewöhnlichen Kontobuch, aber anstelle einer Erklärung waren dazwischen immer nur Kreuze.

Diese Buchführung erstreckte sich über fast zwanzig Jahre, wobei die eingetragenen Summen immer höher wurden. Am Ende stand eine Summe und darunter die Worte "Bones sein Anteil".

"Das ist mir ganz und gar unverständlich", sagte Doktor Livesey.

"Aber es ist doch alles sonnenklar!", rief der Baron. "Es ist das Kontobuch dieses finsteren Kerls. Diese Kreuze stehen für die Namen der Schiffe oder Städte, die sie versenkt oder geplündert haben. Die Beträge sind der Anteil des Schurken." Der Doktor bemerkte, dass die Beträge immer höher wurden, je weiter Bills Rang stieg. Sonst stand nur wenig in dem Buch.

"Doch nun zu dem anderen Papier", sagte der Baron. Dieses Papier war an mehreren Stellen versiegelt. Sehr vorsichtig öffnete es der Doktor und heraus fiel die Karte einer Insel mit Längen- und Breitengraden, Lotungen, Namen von Bergen, Buchten und Einfahrten, also allen Einzelheiten, die nötig waren, um ein Schiff an ihren Küsten zu einem sicheren Ankerplatz zu bringen. Sie maß etwa neun Meilen in der Länge und fünf in der Breite und hatte ungefähr die Form eines aufrecht stehenden, fetten Drachens.

Es gab zwei schöne, vom Land geschützte Häfen und im mittleren Teil einen Berg, der mit "Das Fernrohr" bezeichnet war. Außerdem befanden sich auf der Karte Angaben aus späterer Zeit und vor allem drei Kreuze mit roter Tinte, zwei im nördlichen Teil der Insel und eins im Südwesten. Bei diesem letzten Kreuz standen in sauberer Schrift, die sich deutlich vom Gekritzel des Kapitäns unterschied, die Worte: "Hauptteil des Schatzes liegt hier".

Auf der Rückseite hatte die gleiche Person folgende Informationen geschrieben:

‚Hoher Baum, Abhang des Fernrohrs, deutet auf einen Punkt in Nordnordost zu Nord.
Skelettinsel Ostsüdost und bei Ost.
Zehn Fuß.
Das Barrensilber befindet sich im nördlichen Versteck.
Es ist am östlichen Abhang des Hügels zu finden, zehn Faden südlich von dem schwarzen Felsen,
mit dem Gesicht ihm zugekehrt.
Die Waffen sind leicht zu finden, in dem Sandhügel,
Nordspitze der nördlichen Landzunge, an der Einfahrt, Richtung Ost und ein Viertel Nord. J.F.'

Diese wenigen Worte, die ich nicht verstand, erfüllten den Baron und den Doktor mit Entzücken. Der Baron sagte: "Livesey, Ihr gebt sofort Eure elende Praxis auf. Morgen reise ich nach Bristol und in zwei Wochen oder zehn Tagen werden wir das beste Schiff und die ausgesuchteste Mannschaft haben, die es in England gibt. Hawkins wird als Schiffsjunge mitkommen. Ihr, Livesey, werdet Schiffsarzt, ich selbst der Admiral. Wir werden bei herrlichem Wind eine schnelle Reise ohne Schwierigkeiten haben und an dem Platz so viel Geld finden, damit wir uns darin wälzen können, solange wir wollen."

Der Doktor war sofort bereit mitzukommen, aber er äußerte seine Bedenken, weil er der Meinung war, dass Mister Trelawney zu schwatzhaft sei, weil wir ja nicht die einzigen waren, die von dem Papier wussten. Die Kerle, die die Wirtschaft angegriffen hatten, und andere, die mit dem Kapitän an Bord gewesen waren, würden auf jeden Fall versuchen, in den Besitz des Schatzes zu gelangen. Wir alle gelobten, stumm wie ein Grab zu sein.

Meine Reise nach Bristol

Der Doktor fuhr nach London und suchte einen Arzt, der sich um seine Praxis kümmerte. Ich träumte im Schloss, wo ich unter der Aufsicht von Redruth, dem Wildhüter bleiben durfte, vom Meer, von fernen Inseln und Abenteuern. In meiner Fantasie erforschte ich jeden Teil unserer Insel.

Der Baron brauchte länger als gedacht, aber eines Tages kam ein Brief von ihm, in dem er unter anderem schrieb: "Das Schiff ist gekauft und ausgerüstet. Es liegt vor Anker, fertig zum Auslaufen. Sein Name ist ‚Hispaniola'. Alle hier in Bristol haben sich viel Mühe gegeben, mir beim Kauf eines Schiffes und bei den anstehenden Arbeiten auf der ‚Hispaniola' zu helfen, als sie hörten, welchen Hafen wir ansteuern werden, welchen Schatz."

Ich war entsetzt, als ich las, dass der Baron nicht wie versprochen seinen Mund gehalten hatte.

Weiter schrieb er: "Mehr Sorgen machte mir die Mannschaft. Ich wollte ungefähr zwanzig Männer haben, denn wir könnten unterwegs ja an Eingeborene, Seeräuber oder die verhassten Franzosen geraten. Ein Glücksfall brachte mich an den Mann, den ich brauchte.

Am Dock kam ich mit ihm ins Gespräch. Er war ein alter Seemann, der an Land eine Wirtschaft betreibt, aber gern wieder als Koch zur See fahren möchte. Er hatte nur ein Bein, und ich heuerte ihn auf der Stelle als Schiffskoch an. John Silver wird er genannt. Mit seiner Hilfe habe ich in wenigen Tagen eine ganze Reihe der rauesten alten Seemänner zusammen gebracht. Sie sind nicht gerade hübsch anzusehen, aber, nach ihren Gesichtern zu urteilen, unerschrockene und mutige Burschen.

Meine Gesundheit und meine Stimmung sind ausgezeichnet, ich esse wie ein Stier und schlafe wie ein Stück Holz. Ich werde mich aber erst wieder meines Lebens freuen, wenn ich auf dem Meer bin. Ahoi! Die wunderbare Seefahrt hat mir den Kopf verdreht! Also, Livesey, kommt sofort und lasst mich nicht eine Stunde warten!

Der junge Hawkins soll mit Redruth sofort zu seiner Mutter gehen und dann sollen sie beide ebenfalls auf dem schnellsten Weg nach Bristol kommen.

Ich habe noch nicht erwähnt, dass Blandly, der mir das Schiff vermittelt hat, einen bewundernswerten Mann als Schiffszimmermann ausfindig gemacht hat. Der lange John Silver hat einen sehr guten Maat aufgegabelt. Sein Name ist Arrow. Außerdem habe ich herausgefunden, dass Silver selbst ein vermögender Mann ist.

"John Trelawney"

Am folgenden Tag ging ich mit Redruth zum ‚Admiral Benbow'. Meine Mutter trafen wir gesund und munter an, denn der Ärger mit dem Kapitän war vorbei, und der Baron hatte das ganze Haus instand setzen lassen. Das Gastzimmer und das Wirtshausschild waren frisch gestrichen, und sogar die Möbel waren neu. Während meiner Abwesenheit hatte der Baron einen Jungen als Gehilfen für meine Mutter gefunden.

Eine Nacht blieb ich im Haus und am nächsten Tag nach dem Mittagessen machte ich mich mit Redruth auf die Beine. Ich sagte meiner Mutter, dem Gasthaus und der Bucht Lebwohl.

Gegen Einbruch der Dunkelheit bestiegen wir eine Postkutsche, in der ich sofort einschlief. Tom Redruth weckte mich durch einen Rippenstoß, als wir in Bristol ankamen.

Wir gingen zu dem Gasthof unten bei den Docks, in dem Baron Trelawney sein Quartier aufgeschlagen hatte. Von hier aus konnte er die Arbeiten an dem Schoner beaufsichtigen. Der Weg dorthin führte uns an den Kaianlagen entlang, wo eine Menge Schiffe unterschiedlichster Art, Größe und Herkunft lagen. Daneben sah ich viele alte Matrosen mit Ringen in den Ohren, mit gekrausten Bärten und geteerten Zöpfen und mit ihrem wiegenden, schwerfälligen Seemannsgang.

Vor einem großen Gasthof trafen wir Baron Trelawney, der wie ein Seeoffizier in kräftiges blaues Tuch gekleidet war. "Da seid ihr ja", sagte er. "Der Doktor ist schon gestern aus London gekommen. Die Schiffsbesatzung ist komplett. Morgen segeln wir los!"

In der Wirtschaft "Zum Fernrohr"

Als ich gefrühstückt hatte, gab mir der Baron einen Brief, der an John Silver in der Wirtschaft "Zum Fernrohr" adressiert war und beschrieb mir den Weg dahin. Die Gäste in dem ordentlichen kleinen Haus waren fast nur Matrosen.

Ich entdeckte einen Mann, der aus einem Nebenzimmer kam und wusste sofort, dass das der lange John war. Sein linkes Bein war dicht unter der Hüfte abgeschnitten, und unter der linken Schulter trug er eine Krücke, die er sehr geschickt handhabte. Er war sehr groß und stark, und sein Gesicht war zwar blass, aber gescheit und gutmütig. Er war bester Laune und pfiff beim Herumlaufen.

Ich war froh, als ich diesen Mann erblickte, denn nach der Beschreibung des Barons hatte ich befürchtet, dass Silver der einbeinige Matrose sein könnte, von dem der Kapitän gesprochen hatte. Allerdings sah er ganz anders aus als die Seeräuber, die ich beim ‚Admiral Benbow' gesehen hatte. Ich übergab ihm den Brief, und er drückte meine Hand in seiner großen, starken Pranke. Dabei sagte er: "Du bist der neue Schiffsjunge! Ich freue mich, dich zu sehen."

In diesem Augenblick erhob sich plötzlich am anderen Ende des Raumes ein Gast und lief zur Tür. Ich erkannte ihn mit einem Blick. Es war der blassgesichtige Mann, der als Erster den ‚Admiral Benbow' betreten hatte und dem zwei Finger fehlten. "He, haltet ihn!", rief ich. "Das ist der Schwarze Hund!"

"Wer er ist, ist mir egal, aber er hat seine Zeche nicht bezahlt", sagte Silver und schickte einen Mann namens Harry hinterher.

Zu mir sagte er: "Wer war das, sagtest du? Was für ein Schwarzer?"

"Der Schwarze Hund", antwortete ich. "Hat Baron Trelawney Ihnen nichts von den Piraten erzählt? Er war einer von ihnen."

"Was?", schrie Silver. "In meinem Haus? Ben, lauf ihnen nach und hilf Harry! Einer von diesen Piraten war das also? Morgan, hast du mit ihm getrunken?", fragte er einen alten, grauhaarigen Matrosen. Der sagte, dass er den Mann nie vorher gesehen hätte. "Das ist dein Glück", rief der lange John. "Wenn du dich mit solchen Kerlen einlässt, dann wirst du mein Gasthaus nie mehr betreten, darauf kannst du dich verlassen."

John Silver erzählte mir dann, dass Tom Morgan ein ziemlich anständiger Mann sei, nur ein wenig dumm. Schließlich fiel ihm ein, dass er aber den Schwarzen Hund schon mehrmals hier gesehen hatte und zwar in Begleitung eines blinden Bettlers.

Nach einer Weile kamen die beiden Männer atemlos zurück und erklärten, sie hätten die Spur des Schwarzen Hundes in der Menge verloren. John Silver machte sich Gedanken darüber, dass der Baron ein schlechtes Bild von ihm bekommen könnte, weil er den Seeräuber nicht erwischt hatte.

"Hawkins", sagte er zu mir, "du wirst dem Baron die Sache wahrheitsgetreu erzählen. Du bist zwar ein Junge, aber ebenso klug wie ein Alter. Ich habe das sofort gesehen, als du herein kamst. Aber sag doch selbst, was hätte ich tun sollen mit diesem alten Stück Holz, auf dem ich herum humpeln muss? Ja, wäre ich noch ein erstklassiger Seemann wie früher! Ich hätte ihn im Handumdrehen erwischt und ihm Handschellen angelegt!

Aber da gibt es keine Ausreden, Pflicht ist Pflicht. Ich werde meinen Dreispitz aufsetzen und mit dir zu Käpt'n Trelawney gehen, um ihm die ganze Geschichte zu erzählen. Denn das ist durchaus eine ernste Sache, mein Junge."

Bei unserem kurzen Spaziergang längs der Kaianlagen sprach er über die verschiedenen Schiffe, an denen wir vorüber kamen, über Takelung, Tonnage und Nationalität und erklärte mir die Arbeiten, die gerade ausgeführt wurden. Seemännische Ausdrücke wiederholte er, bis ich sie wirklich gelernt hatte. Ich sah immer mehr ein, dass es einen besseren Schiffskameraden überhaupt nicht geben konnte.

Im Gasthof erzählte der lange John dem Doktor und dem Baron die Geschichte vom Anfang bis zum Ende. Die beiden Herren bedauerten es, dass der Schwarze Hund entkommen war, aber es ließ sich ja nun nicht mehr ändern. Dann nahm Silver seine Krücke und verschwand.

"Heute Nachmittag vier Uhr sind alle Mann an Bord!", schrie ihm der Baron nach. "Ay, ay, Sir!", rief der Koch zurück.

"Nun, Baron", sagte Doktor Livesey, "im allgemeinen sind eure Entdeckungen nicht viel wert, aber dieser John Silver gefällt mir, dass kann ich wohl sagen."

"Der Mann ist ein Vermögen wert", erklärte der Baron. "Aber nun nimm deinen Hut, Hawkins, wir wollen uns das Schiff ansehen!"

Pulver und Waffen

Die ‚Hispaniola' lag ein Stück weit draußen. Als wir an Bord kletterten, salutierte Mr. Arrow, ein alter, braungebrannter Seemann, der Ringe in den Ohren trug und schielte. Er und der Baron waren dick befreundet.

Als wir in die Kajüte hinab gegangen waren, meldete ein Matrose, dass Kapitän Smollett den Baron zu sprechen wünsche. "Ich stehe dem Kapitän immer zur Verfügung", sagte der Baron.

Der Kapitän trat herein und schloss sofort hinter sich die Tür. "Es ist immer besser, offen zu sprechen, glaube ich, selbst auf die Gefahr hin, Anstoß zu erregen. Diese Fahrt gefällt mir nicht, die Mannschaft gefällt mir nicht, und mein Offizier gefällt mir auch nicht. Das ist alles, kurz und bündig."

"Vielleicht gefällt Euch das Schiff auch nicht?", erkundigte sich der Baron sehr zornig.

"Dazu kann ich nichts sagen, solange ich es nicht erprobt habe", entgegnete der Kapitän. "Es scheint ein tüchtiges Fahrzeug zu sein, mehr kann ich nicht sagen."

Nun schaltete sich Doktor Livesey in das Gespräch ein. "Ich muss sagen, dass ich eine Erklärung für die Worte verlange. Euch gefällt diese Fahrt nicht, habt Ihr gesagt. Warum nicht?"

"Ich wurde engagiert, um die Fahrt, wie wir sagen, mit versiegelter Order zu unternehmen. Ich soll das Schiff für diesen Herrn dorthin bringen, wohin er mir befielt", sagte der Kapitän. "So weit, so gut. Aber nun entdecke ich, dass jeder Mann vor dem Mast mehr weiß als ich. Ich kann das nicht als fair bezeichnen oder Ihr vielleicht?"

"Nein", erwiderte der Doktor, "ich auch nicht."

"Dann habe ich gehört", fuhr der Kapitän fort, "dass wir auf Schatzsuche gehen. Meine eigene Mannschaft hat mir das erzählt. Einen Schatz zu suchen ist eine heikle Arbeit, und solche Fahrten wollen mir nicht gefallen. Ich liebe sie nicht, wenn sie geheim sind, aber vor allem nicht, wenn das Geheimnis sogar schon der Papagei kennt."

"John Silvers Papagei?", fragte der Baron.

"Das ist nur so eine Redensart", antwortete der Kapitän. "Es wird gequatscht, will ich damit sagen. Es ist meine Überzeugung, dass keiner von Euch Herren weiß, was uns bevorsteht. Aber ich will Euch sagen, was ich davon halte: Es geht um Leben oder Tod, und es wird ein scharfes Rennen werden."

"Das ist richtig, aber wir nehmen das Wagnis auf uns", erwiderte der Doktor. "Warum gefällt Euch aber die Mannschaft nicht? Sind es keine guten Matrosen?"

"Sie gefallen mir nicht", sagte Kapitän Smollett. "Ich hätte mir meine Leute selbst aussuchen sollen!"

"Vielleicht ist das richtig", entgegnete der Doktor. "Mein Freund hätte Euch vielleicht bei der Auswahl zu Rate ziehen sollen. Aber dieses Versäumnis, wenn es eines war, war keinesfalls beabsichtigt. Warum gefällt Euch unser Offizier, Mr. Arrow, nicht?"

"Ich glaube, dass er ein guter Seemann ist, aber er gibt sich zuviel mit der Mannschaft ab, um ein guter Offizier zu sein. Ein Maat muss sich zurückhalten, er sollte mit den Männern vor dem Mast nicht trinken."

"Ihr meint also, er trinkt?", rief der Baron.

"Nein", erwiderte der Kapitän, "er ist nur zu vertraulich mit den Matrosen. Ihr, meine Herren, seid also fest entschlossen, diese Fahrt zu unternehmen?"

"Felsenfest", antwortete der Baron.

"Na schön", sagte der Kapitän. "Ihr habt mich sehr geduldig angehört, und ich habe Dinge gesagt, die ich nicht beweisen kann. Lasst mich noch etwas dazu sagen. Die Männer verstauen das Pulver und die Waffen im vorderen Kielraum. Aber Ihr habt doch dafür einen guten Platz unter der Kajüte. Warum wollt Ihr es nicht dort unterbringen? Das war das Erste. Außerdem wollt Ihr vier von Euren eigenen Leuten mitbringen. Man sagte mir, dass einige von ihnen nach vorn sollen. Warum gebt Ihr ihnen die Kojen nicht hier neben der Kajüte? Das war das Zweite. Nur noch eines. Ich will Euch erzählen, was ich selbst gehört habe. Man sagt, dass Ihr die Karte einer Insel habt, dass auf der Karte Kreuze sind, welche die Stelle anzeigen, wo der Schatz liegt. Man weiß auch, wo sich diese Insel befindet." Dann nannte er die genaue Länge und Breite.

"Ich habe nicht davon gesprochen", rief der Baron. "Keiner Seele habe ich davon erzählt."

"Die Männer wissen es", erwiderte der Kapitän.

"Livesey, Ihr oder Hawkins müsst es gewesen sein!", rief der Baron.

"Es spielt keine Rolle, wer es war", entgegnete der Doktor. Ich glaube, wir alle ärgerten uns über die Schwatzhaftigkeit des Barons, aber keiner von uns glaubte wohl wirklich, dass er von der Lage der Insel gesprochen hatte.

"Nun, meine Herren, ich weiß nicht, wer von Ihnen die Karte verwahrt, aber ich stelle die Bedingung, dass sie vor mir und Mr. Arrow geheim gehalten wird. Andernfalls müsste ich Euch um meine Entlassung bitten."

"Ich verstehe", sagte der Doktor. "Ihr verlangt, dass wir diese Sache für uns behalten und dass wir aus dem Achterschiff eine Festung machen, bemannt mit den eigenen Leuten meines Freundes und ausgerüstet mit dem Pulver und allen Waffen, die an Bord sind. Mit anderen Worten: Ihr befürchtet eine Meuterei."

"Mein Herr", erwiderte Kapitän Smollett, "legt mir bitte keine Worte in den Mund, die ich nicht gesagt habe. Mr. Arrow und einige der Männer, vielleicht auch alle, scheinen ehrenhaft zu sein. Aber ich bin für die Sicherheit des Schiffes und für das Leben jedes Einzelnen an Bord verantwortlich. Ich glaube, dass die Dinge nicht richtig laufen, und ich bitte Euch, gewisse Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen oder mir meinen Abschied zu geben. Das ist alles."

Der Baron sagte ärgerlich: "Ich habe Euch angehört, was ich sicher nicht getan hätte, wäre der Doktor nicht hier gewesen. Dann hätte ich Euch sicher zum Teufel gejagt. Aber nun habe ich Euch angehört, und ich will tun, was Ihr verlangt. Von Euch selbst halte ich allerdings nicht mehr viel."

"Das muss ich Euch überlassen", sagte der Kapitän. "Aber Ihr werdet sehen, dass ich nur meine Pflicht tue." Nach diesen Worten ging er hinaus.

"Trelawney", sagte der Doktor, "entgegen allen meinen Erwartungen ist es Euch, glaube ich, gelungen, zwei sehr ehrenhafte Männer an Bord dieses Schiffes zu bringen, nämlich diesen Kapitän und John Silver."

"Silver, ja", rief der Baron, "aber den anderen halte ich für einen unerträglichen Dickkopf. Ich erkläre sein Benehmen für unmännlich, für unseemännisch und ausgesprochen unenglisch."

"Nun", gab der Doktor zurück, "wir werden ja sehen."

Als wir an Deck kamen, hatten die Männer schon begonnen, das Pulver und die Waffen umzustauen. Diese neue Anordnung sowie auch die neue Lage der Kojen gefielen mir ganz gut.

Schließlich kamen auch die Letzten der Mannschaft, unter ihnen der lange John, an Bord. Der Koch kroch geschickt wie ein Affe die Bordwand hoch und erkundigte sich, was wir tun. Dann verschwand er schnell in Richtung der Kombüse.

Ich betrachtete gerade eine Kanone, als der Kapitän mir zurief: "He, Schiffsjunge, weg da! Geh hinunter zum Koch und such dir Arbeit!" Als ich davon eilte, hörte ich ihn noch zum Doktor sagen: "Günstlinge will ich auf meinem Schiff nicht haben." Nun war ich sicher, dass ich genauso dachte wie der Baron und den Kapitän gründlich verabscheute.

Die Fahrt

Die ganze Nacht über hatten wir noch sehr viel zu tun, und als kurz vor dem Morgengrauen der Bootsmann pfiff, war ich hundemüde. Aber ich hätte das Deck auch nicht verlassen, wenn ich doppelt so müde gewesen wäre. Alles war so neu und interessant für mich: die kurzen Kommandos, der schrille Ton der Pfeife und die Männer, die im Schein der Schiffslaternen auf ihre Plätze eilten.

John Silver stimmte ein Lied an - die mir so gut bekannte Melodie: "Fünfzehn Mann auf des toten Manns Kiste", und die ganze Mannschaft stimmte im Chor ein: "Jo-ho, jo-ho, und ' ne Buddel voll Rum!" Dabei legten sie sich gegen die Spaken und schoben sie mit aller Kraft vor sich her.

Ich dachte noch einmal zurück an den ' Admiral Benbow' und an den alten Kapitän, aber nun hatte unsere Reise zur Schatzinsel begonnen.

Die Fahrt verlief alles in allem glücklich. Allerdings zeigte sich Mr. Arrow noch schlimmer, als der Kapitän befürchtet hatte. Er war sehr oft betrunken, aber wir konnten nicht feststellen, woher er den Rum hatte. Er war ein unbrauchbarer Offizier und übte einen schlechten Einfluss auf die Matrosen aus. Niemand war überrascht oder traurig darüber, als er in einer stürmischen Nacht verschwand und nie mehr gesehen wurde.

Der Bootsmann, Job Anderson, wurde sein Nachfolger als Maat, führte aber weiter den Namen Bootsmann. Baron Trelawney war oft zur See gefahren, seine Kenntnisse waren jetzt sehr von Nutzen. Bei gutem Wetter übernahm er oft die Wache. Auch der Schiffszimmermann, Israel Hands, war ein vorsichtiger, kluger, erfahrener Seemann, der im Notfall jede Aufgabe übernehmen konnte. Er war sehr vertraut mit dem langen John Silver.

Silver, unser Smutje, bewegte sich geschickt bei jedem Wetter mit seinem einen Bein auf dem Schiff. Der Schiffszimmermann erzählte mir, dass er kein gewöhnlicher Mann wäre, sondern früher eine gute Schule besucht hätte. Und er sei tapfer! Ein Löwe sei nichts im Vergleich zu ihm! Die ganze Mannschaft hatte Respekt vor ihm und gehorchte ihm aufs Wort. Zu mir war er stets freundlich und freute sich immer, mich in der Kombüse zu sehen, die er blitzsauber hielt. In einer Ecke stand in einem Käfig sein Papagei. Er erzählte mir: "Das ist Käpt'n Flint. Ich habe ihn nach dem berühmten Seeräuber benannt. Er soll uns den Erfolg unserer Reise vorhersagen."

Und der Papagei sagte mit großer Geschwindigkeit: "Goldstücke! Goldstücke! Goldstücke!"

Der lange John erzählte mir, dass der Papagei ungefähr zweihundert Jahre alt ist und viel erlebt hat. "Wenn jemand mehr Schlechtigkeit gesehen hat als er, dann muss es der Teufel persönlich sein. Er segelte schon mit dem großen Käpt'n England, dem Piraten, über die Meere." "Klar zum Wenden!", schrie der Papagei, und Silver gab ihm ein Stück Zucker. Manchmal fluchte der Papagei aber auch so schrecklich, dass man es kaum glauben konnte.

Der Baron und Kapitän Smollett mochten sich noch immer nicht, obwohl der Kapitän sagte, dass er sich in der Mannschaft wahrscheinlich getäuscht habe und in das Schiff hatte er sich geradezu verliebt. Oft sagte er aber auch: "Wir sind noch nicht wieder zu Hause, und mir gefällt diese Fahrt nicht."

Die Mannschaft wurde auf der Fahrt verwöhnt. Manchmal gab es doppelte Grogrationen und wenn einer der Männer Geburtstag feierte, hatten wir Pudding. Ständig stand im Mittelschiff ein Fass mit Äpfeln, aus dem sich jeder nach Lust und Laune bedienen konnte.

Dieses Apfelfass half uns, denn ohne es hätten wir keine Warnung erhalten und alle durch schnöden Verrat unser Ende gefunden. Folgendes geschah:

Wir segelten voll freudiger Erwartung Tag und Nacht auf unsere Insel zu. Nach den Berechnungen musste es der letzte Tag der Seereise sein.

Es war gerade nach Sonnenuntergang. Ich hatte alle meine Arbeiten getan und befand mich auf dem Weg zu meiner Koje, als ich Appetit auf einen Apfel bekam. Ich musste ganz in das Fass hinein klettern, denn kaum ein Apfel war übrig geblieben. Wie es geschah, weiß ich nicht, vielleicht durch das Plätschern der Wellen oder die schaukelnden Bewegungen des Schiffes, auf jeden Fall musste ich eingeschlafen sein. Ich wurde wach, als sich ein schwerer Mann geräuschvoll in der Nähe niedersetzte. Ich wollte gerade aus dem Fass springen, als er zu reden begann. Es war die Stimme von John Silver, und noch bevor ich ein Dutzend Worte verstanden hatte, hätte ich mich um nichts in der Welt mehr zeigen mögen. Ich blieb zitternd vor Furcht liegen und lauschte, denn schon die wenigen Worte ließen mich erkennen, dass das Leben aller anständigen Männer an Bord nun von mir allein abhing.

Was ich im Apfelfass hörte

"Nein, nicht ich", sage Silver. "Flint war der Käpt'n. Ich war nur Quartiermeister, wegen meines Holzbeines. Dieselbe Breitseite, die mich mein Bein kostete, nahm dem alten Pew sein Augenlicht." Dann erzählte er weiter, dass man den Namen eines Schiffes niemals ändern soll, wenn es einmal getauft ist, sonst geht es unter wie "Das alte Wahlross", Flints erstes Schiff. Silver sprach: "Ich habe es gesehen, triefend von Blut und bis zum Absaufen mit Gold beladen."

"Ha!", rief eine andere Stimme. Es war die des jüngsten Matrosen an Bord, und sie war voller Bewunderung. "Flint war eben doch der Tollste von allen!"

Der lange John erzählte ihm noch, dass er zuerst mit England, dem großen Piraten, gefahren sei und dann mit Flint. Diesmal fahre er sozusagen auf eigene Rechnung. Unter England legte er sich neunhundert Pfund zurück und unter Flint zweitausend. Er erklärte dem jungen Matrosen, wie wichtig es sei zu sparen. Er sagte zum Beispiel: "Der blinde Pew gab in einem Jahr zwölfhundert Pfund aus. Aber in den letzten zwei Jahren seines Lebens ging er betteln und hat gestohlen und hat den Leuten den Hals durchgeschnitten und dabei hat er gehungert. Zum Teufel!"

Dann sprach er mit dem jungen Burschen so freundlich, wie er es sonst mit mir tat. Ich hätte ihn dafür umbringen können. Durch seine Reden überzeugte er diesen ansonsten anständigen Burschen, sich mit ihm zu verbünden.

Er erzählte ihm, dass seine Frau inzwischen das "Fernrohr" verkauft hat und sich mit seinem ganzen anderen gesparten Geld aus dem Staub gemacht hat. Nach dieser Reise würden sie sich treffen, und er würde sich als Gentleman zur Ruhe setzen.

Mit einem leisen Pfiff begrüßte Silver einen weiteren Mann. Es war Dick und auch die Stimme unseres Schiffszimmermannes Israel Hands vernahm ich. Er sagte: "Smutje, eines möchte ich wissen: Wie lange sollen wir noch hin und her kreuzen wie ein verdammtes Proviantboot? Ich habe langsam die Nase voll von Käpt'n Smollett! Zum Donnerwetter, er hat mir lange genug zugesetzt. Ich möchte selbst gern in die Kajüte! Ich möchte ihren Wein und all das andere!"

"Israel", sagte Silver, "du hast keinen Verstand in deinem Kopf! Aber ich nehme an, dass du mir zuhören kannst, wenigstens sind deine Ohren dazu groß genug. Ich sage dir also folgendes: Du wirst weiter vorne schlafen und ein hartes Leben haben, du wirst leise sprechen, und du wirst nüchtern bleiben, bis ich das Zeichen gebe. Darauf kannst du dich verlassen, mein Alter."

Der Zimmermann knurrte: "Ich fragte ja nur, wann? Weiter sag' ich nichts."

"Wann! Hol' s der Teufel!", rief Silver. "Wenn du es genau wissen willst, werde ich es dir sagen. Im allerletzten Augenblick! Wir haben einen erstklassigen Seemann, Käpt' n Smollett. Er fährt dieses gesegnete Schiff für uns. Und dann haben wir den Baron und den Doktor mit einer Karte.

Ich weiß nicht, wo der Schatz liegt. Du sagst, dass du es auch nicht weißt. Schön, und deshalb meine ich, dieser Baron und der Doktor sollen das Zeug finden und uns helfen, es an Bord zu bringen, zum Teufel! Dann werden wir weitersehen. Wenn ich mich auf euch alle verlassen könnte, ihr Hundesöhne, dann sollte uns Käpt' n Smollett noch den halben Weg wieder zurückbringen, ehe ich losschlage. Aber ich weiß ja, was ihr für Kerle seid! Deshalb werde ich sie alle erledigen, sobald die Moneten an Bord sind, wenn es auch schade drum ist."

"Aber was wollen wir mit ihnen anfangen, wenn wir sie uns vornehmen?", fragte Dick.

"Nun, wie denkst du darüber?", rief der Koch. "Sollen wir sie wie Meuterer irgendwo aussetzen? So hätte es Käpt'n England gemacht. Oder sollen wir sie wie Schweine abschlachten? Das wäre Flints oder Billy Bones Art gewesen."

"Billy war der Mann dafür", erwiderte Israel. "Er sagte immer: ‚Tote können nicht mehr beißen.'

Nun ist er selber tot. Wenn je ein harter Bursche in den Hafen gefahren ist, so war es Billy."

"Du hast recht", sagte Silver. "Er war hart und schnell bei der Hand. Ich bin zwar ein Gentleman, aber diesmal ist es ernst und deshalb stimme ich für - Tod. Wenn ich erst einmal im Parlament sitze und in der Kutsche fahre, dann soll mir keiner von ihnen in die Quere kommen. Warum sollten wir sie also laufen lassen?"

"John", rief der Schiffszimmermann, "du bist ein ganzer Kerl!"

"Das kannst du erst sagen, wenn du es erlebt hast, Israel", sagte Silver. "Eine Bedingung habe ich noch: Trelawney gehört mir! Ich werde ihm seinen Kalbskopf mit diesen Händen herunterschlagen." Dann unterbrach er seine Rede und sagte: "Spring doch mal auf, sei ein guter Junge und hol mir einen Apfel aus dem Fass!"

Ihr werdet euch vorstellen können, wie ich erschrak! Wenn ich die Kraft dazu gefunden hätte, wäre ich bestimmt aus dem Fass gesprungen und davon gelaufen. Aber meine Glieder ließen mich im Stich, und mein Herz versagte mir den Dienst. Ich hörte schon, wie Dick aufstand, aber dann erklang die Stimme von Hands: "Lass das doch, du wirst doch nicht aus diesem Fass saufen wollen, John. Gib uns lieber eine Runde Rum!"

Silver gab Dick den Schlüssel, damit dieser eine Kanne abfüllen konnte. Während seiner Abwesenheit sprach Israel leise mit dem Koch. Ich konnte davon nur wenige Worte verstehen, doch einen Satz hörte ich genau: "Keiner von ihnen will sich uns anschließen." Also waren doch noch zuverlässige Männer an Bord!

Als Dick zurückkehrte, nahm jeder einen Schluck aus der Kanne und trank - der Eine "auf gutes Gelingen", der Andere "auf den alten Flint".

Schließlich fiel ein heller Lichtschein in das Fass, der Mond war aufgegangen. Fast im selben Augenblick rief die Stimme vom Ausguck: "Land ahoi!"

Der Kriegsrat

Dann gab es auf Deck ein großes Getrampel, das ich ausnutzte, um aus dem Fass zu schlüpfen. Ich schloss mich der Mannschaft an, die sich an der Luvseite versammelte. Eine Nebelbank hatte sich mit dem Erscheinen des Mondes aufgelöst. Weit im Südwesten von uns sahen wir zwei niedrige Hügel, die einige Meilen auseinander lagen, und hinter dem einen erhob sich ein dritter höherer Berg, dessen Gipfel noch vom Nebel umgeben war.

Was ich sah, erschien mir wie ein Traum, denn ich hatte mich von der schrecklichen Angst, die ich wenige Minuten vorher ausgestanden hatte, noch nicht ganz erholt. Kapitän Smollett gab die Anweisungen so, dass wir der Ostseite der Insel näher kamen.

"Nun, Männer, hat einer von euch das Land vor dem Bug schon einmal gesehen?", fragte der Käpt' n, als alle Leinen fest waren.

"Ich, Sir", antwortete Silver. "Mit einem Küstenfahrer, auf dem ich Koch war, haben wir dort einmal Wasser genommen."

"Der Ankerplatz liegt im Süden, hinter einer kleinen Insel, nicht wahr?", fragte der Kapitän weiter.

"Ja, Käpt'n, es ist die Skelett-Insel, jedenfalls wird sie so genannt. Es war einmal ein Sammelplatz für Seeräuber, und ein Matrose, den wir damals an Bord hatten, kannte alle diese Namen. Den Berg im Norden dort nennen sie Fockmast-Berg. Es gibt dort drei Berge, die alle in einer Reihe nach Süden liegen. Sie werden Fockmast, Großmast und Besanmast genannt. Aber der Großmast-Berg, es ist der hohe mit der Wolke obendrauf, wird meisten das Fernrohr genannt, weil sie dort einen Ausguck hatten, wenn sie vor Anker lagen und ihre Schiffe reinigten."

"Ich habe hier eine Karte", sagte Kapitän Smollett. "Wollt Ihr einmal sehen, ob das die Stelle ist?"

Die Augen des langen John funkelten, als er die Karte in die Hände nahm. Aber das Papier sah sehr frisch aus, und ich wusste, dass er eine Enttäuschung erleben würde. Es war nicht die Karte, die wir in der Kiste von Billy Bones gefunden hatten. Es war eine Kopie mit allen Angaben - Namen, Höhen und Lotungen, nur die roten Kreuze und die schriftlichen Bemerkungen fehlten. So sehr sich Silver auch geärgert haben mag, er besaß doch Selbstbeherrschung genug, seine Enttäuschung zu verbergen.

"Ja", sagte er, "das ist ganz sicher die Stelle, und das Ganze ist sehr genau gezeichnet. Ich möchte nur wissen, wer die Karte angefertigt hat. Die Seeräuber waren doch wohl zu unwissend dazu, möchte ich meinen. Ah, hier ist es: ‚Käpt'n Kidds Ankerplatz' - das ist genau der Name, den mein Kamerad damals gebraucht hat. Es gibt da eine ziemlich starke Strömung nach Süden und an der Westküste wieder nach Norden. Ihr hattet recht, Käpt'n", fuhr er fort, "mit dem Wind zu segeln und die Insel von Luv her anzusteuern."

Ich war erstaunt über die Kaltblütigkeit, mit der John sein Wissen von der Insel eingestanden hatte. Als er sich mir jetzt näherte, hatte ich Angst vor seiner Grausamkeit, seiner Falschheit und seiner Macht. Ein Schaudern überlief mich, als er seine Hand auf meinen Arm legte. Er sagte zu mir: "Es ist ein wunderschöner Platz für einen Jungen wie dich, um an Land zu gehen. Du wirst baden, auf Bäume klettern und Ziegen jagen. Wenn du einmal auf Entdeckungen ausgehen willst, dann frage nur den alten John, er wird dir schon etwas Gutes zu essen mitgeben."

In einem Augenblick, als wir unbemerkt miteinander sprechen konnten, sagte ich aufgeregt zu Doktor Livesey: "Doktor, ich muss mit Euch reden! Holt den Kapitän und den Baron hinunter in die Kajüte. Ich habe furchtbare Nachrichten."

Als er zu den beiden Männern ging, war mir klar, dass er ihnen von meiner Bitte erzählte, aber keiner von ihnen ließ sich etwas anmerken. Der Kapitän gab Job Andersen den Befehl, alle Männer an Deck zu pfeifen.

"Jungs", sprach Käpt'n Smollett zu ihnen, "ich habe euch ein paar Worte zu sagen. Das Land, das wir gesichtet haben, ist die Insel, die das Ziel unserer Reise war. Ich habe Baron Trelawney gesagt, dass jeder Mann an Bord auf der Reise seine Pflichten so erfüllt hat, dass man es nicht hätte besser verlangen können. Deshalb wird man euch Grog bringen, damit ihr auf unsere Gesundheit und unser Glück anstoßen könnt. Wir werden das auch unten in der Kajüte tun."

Die Männer brachten ein kräftiges "Hurra!" auf den Baron und den Kapitän aus. Es war nur schwer zu glauben, dass dieselben Männer uns nach dem Leben trachteten.

Der Doktor, der Baron und der Kapitän gingen nach unten. Bald darauf ließen sie ausrufen, dass Jim Hawkins zu ihnen kommen soll, damit die anderen keinen Verdacht schöpften.

Ich traf die drei Männer sehr aufgeregt an. Ihre Blicke waren vom Anfang bis zum Ende meiner Erzählung auf mich gerichtet. Sie dankten mir für meinen Mut und für den Dienst, den ich ihnen erwiesen hatte.

Der Baron gestand ein, dass er einen Fehler gemacht hatte, als er nicht auf die Bedenken des Kapitäns gehört hatte. Allerdings gestand auch der Kapitän: "Ich habe noch nie von einer Mannschaft gehört, die eine Meuterei plante, ohne dass sie ihre Absicht vorher durch deutliche Anzeichen verraten hätte, so dass jeder Mann mit Augen im Kopf das Unheil voraussehen und entsprechende Schritte unternehmen konnte. Aber diese Mannschaft hier überrascht ich."

"Käpt'n", sagte der Doktor, "daran ist Silver schuld. Er ist ein erstaunlicher Mann."

Der Kapitän sagte, dass es drei wichtige Punkte zu bedenken gäbe. "Als Erstes", begann er, "müssen wir vorwärts, weil wir nun nicht mehr zurück können. Zweitens haben wir noch Zeit, zumindest so lange, bis der Schatz gefunden ist. Drittens gibt es auch noch einige treue Matrosen. Meine Herren, früher oder später werden sie losschlagen. Mein Vorschlag ist deshalb: Die Gelegenheit beim Schopf ergreifen und selbst eines schönen Tages losschlagen, wenn es die Kerle am wenigsten erwarten."

Wir überlegten, auf welche Männer Verlass sei: uns selbst und die drei Diener von Baron Trelawney. Sieben von sechsundzwanzig Männern! Ich bekam den Auftrag, die Augen weiter offen zu halten. Ich fühlte mich aber ziemlich verzweifelt und hilflos.

Mein Abenteuer beginnt

Am Morgen lagen wir ungefähr eine halbe Meile südöstlich vor der flachen Ostküste. In der Nähe der Küste waren gelbe Sandbänke und viele hohe Nadelbäume. Ein großer Teil der Insel wurde von graufarbigen Wäldern bedeckt. Die Berge ragten deutlich mit nackten, kahlen Felsen über die Vegetation hinaus.

Wir hatten eine langweilige Morgenarbeit vor uns, denn das Schiff musste mit Hilfe von Booten drei oder vier Meilen um die Spitze der Insel in die enge Passage zum Hafen hinter der Skellett-Insel manövriert werden. Die ganze Zeit über stand der lange John beim Steuermann und dirigierte das Schiff in die Einfahrt. Er kannte die Passage wie seine eigene Tasche.

Wir brachten das Schiff genau an die Stelle, wo der Anker in die Karte eingezeichnet war. Der Boden hier war reiner Sand, das Ufer meist flach. Der Platz war ganz von Land umgeben und von Wald eingeschlossen. Zur Zeit der Flut reichte das Wasser bis an die Baumstämme. Vom Schiff aus konnten wir nichts von einer Hütte oder von Palisaden sehen. Man hätte meinen können, wir seien die ersten Menschen, die hier ankerten.

Seit wir in der Nähe der Insel waren, änderte sich das Benehmen der Männer. Sie lagen an Deck herum und unterhielten sich knurrend miteinander. Der harmloseste Befehl wurde mit einem finsteren Blick entgegengenommen und nur widerwillig und nachlässig ausgeführt. Wie eine Gewitterwolke drohte uns die Meuterei, das war nur zu deutlich.

Nur John Silver war stets freundlich und höflich. Wenn ein Befehl gegeben wurde, antwortete er bereitwillig: "Ay, ay, Sir!". Wenn gar nichts zu tun war, stimmte er ein Lied nach dem anderen an, so als wollte er die schlechte Stimmung der Mannschaft verdecken.

Wir beratschlagten in der Kajüte, was wir tun können. Der Kapitän sagte zu uns: "Wir haben im Moment nur einen Mann, auf den wir uns verlassen können, und das ist Silver. Er will das Gleiche wie Ihr und ich, nämlich die Leute beruhigen. Wir müssen ihm die Gelegenheit geben, mit den Leuten zu reden. Erlaubt, Baron, dass die Männer einen Nachmittag an Land gehen."

Diesem Vorschlag wurde zugestimmt. Alle zuverlässigen Männer bekamen geladene Pistolen. Hunter, Joyce und Redruth wurden in unsere Pläne eingeweiht.

Der Kapitän ging an Deck und sprach zur Mannschaft: "Jungs, wir hatten einen heißen Tag und sind alle müde und verstimmt. Ein Ausflug an Land wird deshalb keinem schaden. Ihr könnt die leichten Boote nehmen und wer Lust hat, kann den Nachmittag an Land verbringen. Mit einem Kanonenschuss werde ich eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang das Zeichen zur Rückkehr geben."

Im Nu hatten die Kerle ihre schlechte Laune vergessen und schrien: "Hurra!". Der Kapitän verschwand und überließ es Silver, den Ausflug zu organisieren. Sechs Burschen wollten an Deck bleiben, und die übrigen dreizehn, einschließlich Silver, begannen in die Boote zu klettern.

In diesem Augenblick kam mir der erste jener verrückten Gedanken in den Sinn, die dazu beigetragen haben, unser Leben zu retten. Wenn Silver sechs Männer zurück gelassen hatte, so war es klar, dass unsere Partei das Schiff nicht übernehmen konnte, aber es war ebenso klar, dass man meine Unterstützung im Moment nicht benötigte. Sofort kam mir der Gedanke, mit an Land zu gehen. Im Nu war ich über die Bordwand geklettert, kauerte mich in den Vorderteil des nächsten Bootes, und fast im selben Augenblick stieß das Boot ab. Niemand beachtete mich.

Unser Boot war schneller als die anderen. Sein Bug stieß zwischen den Bäumen ans Ufer, ich griff einen Ast, schwang mich daran hinaus und ließ mich in das nächste Dickicht fallen. Silver und die anderen waren noch weit hinter uns. "Jim! Jim!", hörte ich ihn rufen, aber ich sprang und rannte immer geradeaus, bis ich nicht mehr laufen konnte.

Der erste Schlag

Ich war froh, dem langen John entwischt zu sein. Mit Interesse schaute ich mich in der seltsamen Gegend um, in der ich mich befand. Ich hatte ein Stück Sumpf durchquert und war jetzt am Rand eines welligen, sandigen Landstriches, der sich etwa eine Meile hinzog. In mir erwachte die Entdeckerfreude. Die Insel war unbewohnt, meine Schiffskameraden hatte ich hinter mir gelassen, und vor mir gab es nichts Lebendiges außer Tieren und Vögeln. Hier und da sah ich blühende Pflanzen, die mir unbekannt waren, und manchmal auch Schlangen. Über ihre Gefährlichkeit dachte ich keinen Moment nach.

Dann kam ich an ein lang gestrecktes Dickicht, das bis an den Rand eines breiten, mit Schilf bewachsenen Sumpfes reichte. Der Umriss des Fernrohrberges war durch den Dunst undeutlich zu erkennen.

Plötzlich rauschte das Schilf, und eine kreischende Wolke von Vögeln erhob sich. Ich hatte Angst, dass sich meine Schiffskameraden dem Sumpf näherten, und ich hatte mich nicht getäuscht, denn bald hörte ich sehr entfernt und leise die Laute einer menschlichen Stimme. Die Stimme wurde immer lauter und kam immer näher. Obwohl ich große Angst hatte, dachte ich an meine Pflicht - die Piraten zu belauschen.

Ich erkannte die Stimme von John Silver, der sich mit einem anderen Mann, er hieß Tom, unterhielt. Ich kroch auf allen vieren und arbeitete mich langsam aber stetig an sie heran. Auf einer Lichtung sah ich John Silver im Gespräch mit Tom. Als ich sie belauschte, bekam ich mit, dass Silver den Mann überreden wollte, an der Meuterei teilzunehmen. Aber ich hatte einen von den ehrlichen Männern gefunden, denn ich hörte ihn sagen: "So war unser Herrgott jetzt zuschaut, ich würde lieber meine Hand verlieren. Wenn ich gegen meine Pflicht handle …"

Dann wurde er plötzlich durch einen Lärm unterbrochen. Weit draußen im Sumpf ertönte ein Laut wie ein Wutschrei, dem ein zweiter antwortete, und dann folgte ein schrecklicher, lang gezogener Schrei. Noch lange, als wieder Ruhe eingezogen war, gellte mir dieser Todesschrei in den Ohren.

Tom war bei diesem Schrei aufgesprungen, aber Silver verzog keine Miene. "Silver", sagte Tom, "was um Himmels Willen war das?" "Das?", antwortete Silver lächelnd. "Ich denke, das wird Alan gewesen sein."

Nach diesen Worten richtete sich Tom hoch auf. "Alan!", schrie er. "Dann Friede seiner Seele, denn er war ein aufrechter Seemann Und was dich anbelangt, John Silver: Wir sind lange Kameraden gewesen, aber das ist nun vorbei. Ihr habt Alan umgebracht, stimmt's? Nun, dann töte mich auch, wenn du kannst. Aber ich werde euch trotzen!"

Mit diesen Worten drehte der brave Bursche dem Koch den Rücken zu und machte sich auf den Weg zum Strand. Aber er sollte nicht weit kommen. Mit einem Schrei griff John nach dem Ast eines Baumes, schleuderte die Krücke aus seiner Achselhöhle und jagte dieses ungewöhnliche Wurfgeschoss durch die Luft. Mit der Spitze traf es den armen Tom mit furchtbarer Gewalt mitten in den Rücken. Er streckte seine Arme in die Höhe, stöhnte auf und fiel zu Boden. Im nächsten Augenblick war John über ihm und stieß sein Messer zweimal bis an den Griff in den schutzlosen Körper.

Für eine Weile drehte sich die ganze Welt vor meinen Augen. Silver reinigte an einem Grasbüschel sein blutverschmiertes Messer und holte dann aus der Tasche eine Pfeife heraus. Mit ihr brachte er verschiedene Töne hervor, die weithin zu hören waren.

Ich hatte Angst, dass gleich noch mehr Männer kommen würden und begann, mich zurückzuziehen. Ich kroch so schnell und so lautlos, wie ich konnte, zum Wald. Dabei hörte ich die Rufe der alten Seeräuber. Ich rannte wie nie zuvor drauflos und dabei wurde meine Angst immer größer.

Konnte irgendein Mensch verlorener sein als ich? Wenn auch die Kanone abgefeuert wurde, wie konnte ich es wagen, zu den Booten hinunter zu gehen und mich unter die Feinde zu mischen, die gerade eben diese Bluttat ausgeführt hatten? Würde mir nicht auch der erste Beste den Hals umdrehen?

Ich rannte ohne Unterbrechung weiter und kam so dem Fuß des kleinen Berges mit den zwei Spitzen näher. Hier war die Luft frischer, und es gab immergrüne Eichen und große Kiefern.

An dieser Stelle traf mich ein neuer Schrecken. Ich blieb mit klopfendem Herzen stehen.

Der Mann von der Insel

Der Abhang des Berges war steil und steinig. Ein paar Kiesel lösten sich und fielen prasselnd und scheppernd zwischen die Bäume. Unwillkürlich blickte ich in jene Richtung und sah eine Gestalt, die mit großer Geschwindigkeit hinter den Stamm einer Kiefer hüpfte. Ich hätte nicht sagen können, was es war, ob Bär oder Mensch oder Affe. Es schien dunkel und zottig zu sein.

Was sollte ich tun? Selbst Silver erschien mir weniger schrecklich als dieses Geschöpf der Wälder. Ich machte also auf dem Absatz kehrt und lenkte meine Schritte zurück in Richtung der Boote.

Als ich über meine Schulter zurück blickte, erschien die Gestalt wieder und begann mich zu jagen. Ich musste erkennen, dass ich mich mit einem solchen Gegner in der Schnelligkeit nicht messen konnte. Wie ein Hirsch flitzte das Geschöpf von Stamm zu Stamm. Obwohl es sich beim Laufen fast bis auf den Boden beugte, gab es für mich keinen Zweifel mehr, dass es ein Mensch ist.

Mir kam alles wieder in den Sinn, was ich von Menschenfressern gehört hatte. Aber trotzdem beruhigte mich die Tatsache, dass es ein Mensch war. Dagegen begann die Angst vor Silver wieder zu wachsen.

Als ich stehen blieb, um über mein weiteres Vorgehen nachzudenken, fiel mir meine Pistole ein, und mein Mut begann zu steigen.

Ich machte ein entschlossenes Gesicht und ging kühn auf diesen Mann von der Insel zu. Er hatte sich jetzt hinter einem anderen Baumstamm verborgen. Er musste mich aber genau beobachtet haben, denn sobald ich mich in seine Richtung bewegte, erschien er wieder und kam mit einem Schritt auf mich zu. Dann zögerte er, ging zurück, kam abermals auf mich zu und warf sich schließlich zu meiner Überraschung und Verwirrung auf die Knie. Dabei streckte er seine gefalteten Hände demütig vor.

"Wer seid Ihr?", fragte ich.

"Ben Gunn", antwortete er, und seine Stimme klang unbeholfen und heiser wie ein verrostetes Schloss. "Ich bin der arme Ben Gunn, und ich habe drei Jahre lang mit keinem Menschen mehr gesprochen."

Nun konnte ich sehen, dass er ein Weißer war wie ich selbst und recht angenehme Gesichtszüge hatte. Seine Haut war von der Sonne verbrannt, aber seine hellen Augen leuchteten. Er war mit Fetzen von altem Segeltuch, alten Matrosenkleidern und Ziegenfellen bedeckt, die er mit Hilfe von verschiedenen Befestigungen zusammenhielt, mit Messingknöpfen, Holzstäbchen und geteerten Bindfäden.

"Drei Jahre!", rief ich. "Habt Ihr Schiffbruch erlitten?"

"Nein, Kamerad", erwiderte er. "Ich wurde ausgesetzt. Vor drei Jahren ausgesetzt. Seitdem habe ich von Ziegen gelebt, von Beeren und Muscheln. Du hast nicht zufällig ein Stück Käse in der Tasche? Nein? Ach, so viele lange Nächte habe ich von Käse geträumt."

Ich wusste, dass Aussetzen eine schreckliche Strafe bedeutete, die besonders unter Seeräubern üblich war. Der Übeltäter wird dabei mit einem kleinen Vorrat an Pulver und Blei an Land gebracht und auf irgendeiner einsamen und entfernten Insel zurückgelassen.

"Wenn ich jemals wieder an Bord kommen sollte, dann sollt Ihr einen ganzen Laib Käse haben", sagte ich.

Die ganze Zeit über hatte er den Stoff meiner Jacke befühlt, meine Hände gestreichelt und meine Stiefel betrachtet. Er zeigte ein kindliches Vergnügen an meiner Gegenwart.

Jetzt aber wiederholte er: "Wenn du jemals wieder an Bord kommen solltest, sagtest du? Aber wer soll dich daran hindern? Wie heißt du eigentlich, mein Junge?"

Ich antwortete ihm, dass ich Jim heiße, und er erzählte mir von seiner Mutter, einer frommen Frau, und dass er auf dieser einsamen Insel auch zur Frömmigkeit zurückgefunden habe. "Und, Jim", sagte er, dann blickte er sich um und senkte seine Stimme zu einem Flüstern, "ich bin reich."

Nun wusste ich, dass der arme Kerl in der Einsamkeit verrückt geworden war.

Er wiederholte erregt seine Behauptung: "Reich bin ich! Reich! Und ich will dir etwas sagen: Ich werde einen reichen Mann aus dir machen, Jim. Ach, Jim, du wirst deinem Schicksal noch einmal dankbar sein, dass du mich als Erster gefunden hast!"

Dann legte sich plötzlich ein Schatten über sein Gesicht. Er umklammerte mit eisernem Griff meine Hand und fragte: "Aber jetzt, Jim, sag mir die Wahrheit! Ist das Flints Schiff?"

"Es ist nicht Flints Schiff", antwortete ich ihm, "und Flint ist tot. Aber ich will die Wahrheit sagen. Es sind einige von Flints Männern an Bord, und das ist das Unglück für uns."

"Doch nicht ein Mann … mit einem Bein?", keuchte er.

"John Silver?", fragte ich zurück.

"Ja, Silver!", rief er. "Das war sein Name."

"Er ist der Koch und der Anführer der Bande." Ich fasste schnell einen Entschluss und erzählte ihm die ganze Geschichte unserer Reise und schilderte ihm die fatale Lage, in der wir uns befanden. Als ich fertig war, klopfte er mir auf die Schulter.

"Du bist ein guter Kerl, Jim", sagte er. "Ihr steckt alle in der Falle, aber ihr müsst einfach Ben Gunn vertrauen. Ben Gunn ist der Mann, der euch helfen wird. Allerdings möchte ich gern wissen, ob der Baron ein großzügiger Mann ist, der mit sich reden lassen würde über, sagen wir, tausend Pfund von dem Schatz?"

"Ich bin sicher, dass er darüber mit sich reden lässt", sagte ich.

"Und er würde mich nach Hause mitnehmen?", fügte er hinzu.

"Sicher", rief ich. "Der Baron ist ein Gentleman. Außerdem werden wir Euch zur Arbeit auf dem Schiff benötigen, wenn wir die anderen losgeworden sind."

"Jetzt will ich dir was erzählen", fuhr er fort. "Soviel werde ich erzählen und kein Wörtchen mehr. Ich war auf Flints Schiff, als er den Schatz vergrub, er und noch sechs kräftige Matrosen. Sie waren fast eine Woche an Land, während wir auf der alten ' Walross' in der Nähe der Küste kreuzten. Eines schönen Tages ging das Signal hoch, und Flint kam in einem kleinen Boot. Leichenblass sah er aus, aber er war da, und die sechs waren alle tot, tot und begraben. Wie er es gemacht hat, konnte keiner an Bord herauskriegen. Es war Kampf, Mord, zumindest Totschlag. Er allein gegen sechs! Billy Bones war der Maat, der lange John war Quartiermeister. Sie fragten Flint, wo der Schatz geblieben sei. ‚Ach', sagte er zu ihnen, ‚ìhr könnt ja an Land gehen, wenn ihr wollt und dort bleiben.' Das war's, was er sagte.

Vor drei Jahren fuhr ich auf einem anderen Schiff, und wir sichteten diese Insel. ‚Jungs', sagte ich, ‚hier liegt Flints Schatz. Wir wollen an Land gehen und ihn suchen.' Dem Käpt'n gefiel das nicht. Aber meine Schiffskameraden waren einer Meinung, und wir gingen an Land. Zwölf Tage suchten wir nach dem Schatz, und mit jedem Tag schimpften sie mehr auf mich, bis eines schönen Morgens alle Männer wieder an Bord gingen. ‚Was dich betrifft, Benjamin Gunn', sagten sie, ‚hier hast du eine Muskete und einen Spaten und eine Spitzhacke. Du kannst hier bleiben und allein nach Flints Schatz suchen.'

So bin ich also nun drei Jahre hier, Jim. Das wirst du deinem Baron sagen. Drei Jahre war der Mann auf dieser Insel, Tag und Nacht, bei Sonnenschein und Regen. Du wirst ihm sagen, dass Gunn ein guter Mann ist."

"Gut", erwiderte ich, "die Frage ist nur, wie ich wieder an Bord komme."

"Das ist der Haken", entgegnete er. "Aber dafür gibt es mein Boot, das ich mit meinen eigenen Händen gebaut habe. Ich habe es unter dem weißen Felsen versteckt. Nach Einbruch der Dunkelheit können wir es versuchen. Ha, was ist das?"

Obwohl die Sonne noch ein oder zwei Stunden vom Horizont entfernt war, erscholl in diesem Augenblick ein donnernder Kanonenschuss.

"Der Kampf hat begonnen!", schrie ich. "Folgt mir!"

Meine Angst war vergessen, und ich rannte in die Richtung des Ankerplatzes davon. Dicht neben mir eilte der Mann von der Insel in seinen Ziegenfellen mühelos und leichtfüßig dahin. Nach einer längeren Pause folgte dem Kanonenschuss eine Salve von Musketen und Pistolen.

Wieder folgte eine Pause, und dann erblickte ich, kaum eine Viertelmeile von uns entfernt, die englische Flagge, die über den Bäumen im Wind flackerte.

Die Erzählung des Doktors

Es war etwa halb zwei, als die beiden Boote von der ‚Hispaniola' abstießen und an Land ruderten. Der Kapitän, der Baron und ich besprachen in der Kajüte die Lage. Wenn sich nur eine kleine Brise Wind geregt hätte, wir wären über die sechs an Bord gebliebenen Meuterer hergefallen, hätten das Ankertau gekappt und wären aufs Meer hinaus gesegelt. Aber der Wind blieb aus. Um unsere Hilflosigkeit noch zu verschlimmern, kam Hunter mit der Nachricht herunter, dass Jim Hawkins in ein Boot geschlüpft und mit den Anderen an Land gegangen sei.

Wir machten uns Sorgen um seine Sicherheit und fragten uns, ob wir den Jungen jemals wieder sehen würden. Wir beschlossen, dass Hunter und ich mit der Jolle an Land fahren sollten, um Erkundigungen einzuziehen. Wir ruderten nicht auf die Boote zu, die an Land lagen, sondern in die Richtung, in der das auf der Karte vermerkte Blockhaus lag.

Die zwei Männer, die noch in den Booten saßen, sahen uns, blieben aber sitzen, denn sie hatten sicher den Befehl, sich nicht zu entfernen.

Ich sprang aus der Jolle und war noch nicht hundert Schritte weit gelaufen, als ich auf das Blockhaus stieß. Hier befand sich eine Quelle mit klarem Wasser. Das Blockhaus war so gebaut, dass es etwa vierzig Personen aufnehmen konnte. Auf allen Seiten waren Schießscharten angebracht und rings um das Haus hatte man einen weiten Platz gerodet. Vervollständigt wurde das Ganze durch einen sechs Fuß hohen Palisadenzaun, der weder eine Tür noch sonst eine Öffnung hatte. Wer im Blockhaus war, war also eindeutig im Vorteil, denn mit aufmerksamen Wachen konnte man sich gegen alle Angreifer verteidigen.

Was mich besonders anzog, war aber die Quelle, denn bei aller sonst so guten Verpflegung fehlte es uns auf der ‚Hispaniola' an Wasser.

Plötzlich erscholl der Todesschrei eines Mannes weithin über die Insel. Mein erster Gedanke war: Jim Hawkins ist hin! Ohne weiter Zeit zu verlieren, kehrte ich zum Ufer zurück und sprang in die Jolle. Eilig ruderten wir zum Schiff zurück. Dort fand ich den Baron und den Käpt'n sehr erschüttert. Aber auch einem der sechs Matrosen auf dem Vorderdeck ging es nicht besser. Sicher könnten wir ihn dazu bringen, sich uns anzuschließen.

Ich erklärte dem Kapitän meinen Plan, und wir wurden uns über die Durchführung einig. Den alten Redruth schickten wir mit drei oder vier geladenen Musketen und einer Matratze zum Schutz in den Gang zwischen der Kajüte und dem Vorderdeck. Hunter brachte inzwischen das Boot unter das Heckfenster, und Joyce und ich begannen, es mit Pulverkisten, Musketen, Zwiebacksäcken, Fleischtonnen, einem Fass Kognak und meinem Arzneikasten zu beladen.

Der Kapitän und der Baron hielten die Meuterer an Bord in Schach, und Joice, Hunter und ich ruderten ein zweites Mal mit all den Sachen, die wir ins Boot geworfen hatten, an Land. Diese zweite Fahrt schien die Wachen am Ufer ziemlich zu beunruhigen, und einer von ihnen sprang ans Ufer und verschwand.

Sofort als wir an Land kamen, begannen wir, die Vorräte ins Blockhaus zu schaffen. Ohne uns eine Pause zu gönnen, warfen wir alle unsere Kisten über den Palisadenzaun. Dann bezogen die beiden Diener Stellung im Haus, und ich ruderte zur ‚Hispaniola' zurück.

Schließlich riskierten wir noch weitere Bootsladungen. Diese bestanden aus Fleisch, Schießpulver, Zwieback sowie je einer Muskete und einem Entermesser für den Baron, Redruth, den Kapitän und für mich. Die übrigen Waffen und den Rest des Pulvers warfen wir über Bord.

Bevor wir mit unserem Boot endgültig von der ‚Hispaniola' ablegten, rief der Kapitän: "He, Männer! He, Abraham Gray! Ich verlasse dieses Schiff, und ich befehle euch, eurem Kapitän zu folgen. Gray, ich weiß, dass Ihr im Grunde ein anständiger Kerl seid. Ich habe meine Uhr hier in der Hand und gebe Euch dreißig Sekunden Zeit, mit uns zu kommen."

Dann trat eine Pause ein. Plötzlich entstand ein Durcheinander, man hörte das Geräusch von Schlägen, und heraus stürzte Abraham Gray, der eine Wunde auf der Backe hatte. "Ich gehe mit Euch, Kapitän", sagte er.

Im nächsten Augenblick sprang er mit zu uns ins Boot, und wir fuhren los. Vom Schiff waren wir glücklich losgekommen, aber wir waren noch nicht an Land und in unserem Blockhaus.

Der Doktor erzählt von der letzten Fahrt der Jolle

Die letzte Fahrt verlief ganz anders als die vorherigen. Unsere Nussschale von einem Boot war entschieden überladen mit fünf erwachsenen Männern und dem Gepäck. Da die Ebbe eingesetzt hatte, lief eine starke Strömung westwärts durch die Bucht und dann nach Süden zur Durchfahrt in das offene Meer, durch die wir am Morgen hereingekommen waren. Dadurch wurden wir von unserem richtigen Kurs abgetrieben und entfernten uns von dem eigentlichen Landeplatz.

Während wir uns auf Umwegen dem Ufer näherten, sagte der Kapitän plötzlich: "Die Kanone!"

Keiner hatte an sie, an ihre Kugeln und das dazugehörende Pulver gedacht! Als wir zurück zum Schiff schauten, sahen wir, wie die fünf Halunken eifrig damit beschäftigt waren, die Kanone aus ihrer Verhüllung zu befreien, in die sie während der Fahrt verpackt war.

Trotz aller Gefahr steuerten wir unseren Landeplatz an, was jetzt wieder möglich war, da wir weitestgehend aus der Strömung heraus waren.

Da Baron Trelawney der beste Schütze war, forderte ihn der Kapitän auf, auf Israel Hands zu schießen, der einmal Flints Geschützmeister war, uns also besonders gefährlich werden konnte. Der Baron erhob seine Büchse und zielte, allerdings traf er nicht Hands, sondern einen der anderen vier, da sich Hands plötzlich bückte.

Der Schrei, den der getroffene Mann ausstieß, alarmierte die Männer am Ufer. Wir sahen, wie sie unter den Bäumen hervorstürmten und auf ihre Plätze in den Booten eilten. Es fuhr aber nur ein Boot los. Die anderen Piraten liefen am Ufer entlang in Richtung Blockhaus. "Schnell vorwärts!", schrie der Kapitän. "Wenn wir das Ufer nicht erreichen, ist alles verloren."

Als das Wasser schon ganz flach war, krachte der Schuss von der Kanone, den Jim gehört hatte. Wo die Kugel einschlug, konnte keiner von uns mit Sicherheit sagen. Ich nehme an, sie flog über unsere Köpfe. Allerdings führte die Überlastung unseres Bootes dazu, dass es ganz langsam mit dem Heck voran drei Fuß in der Tiefe versank. Zum Glück war uns nichts passiert, und wir wateten an Land. Allerdings lagen alle unsere Vorräte auf dem Grund der Bucht. Besonders schlimm war, dass nur noch zwei von unseren fünf Gewehren schussbereit waren.

Unsere Bestürzung wuchs, als wir aus dem Wald am Ufer Stimmen hörten, die immer näher kamen. Besonders fürchteten wir, dass Hunter und Joice von den Piraten angegriffen würden. Sie würden wohl kaum den Mut und die Standhaftigkeit aufbringen, um sich gegenüber einem halben Dutzend Piraten zur Wehr zu setzen. Hunter war zuverlässig, aber Joice war zwar ein höflicher und angenehmer Diener, der Kleider ausbürsten konnte, aber ein geübter Kämpfer war er nicht.

Der Doktor erzählt vom Ende der Kämpfe des ersten Tages

Wir liefen, so schnell uns die Füße tragen wollten, quer durch den Streifen Wald, der uns noch vom Blockhaus trennte. Mit jedem Schritt näherten sich die Stimmen der Seeräuber, und schon bald hörten wir ihre schnellen Tritte und das Krachen der Zweige.

Ich sah, dass es bald zu einem ernsten Kampf kommen musste und kontrollierte das Zündschloss an meinem Gewehr. "Kapitän", sagte ich, "Baron Trelawney ist ein Scharfschütze. Gebt ihm Euer Gewehr, denn sein eigenes ist unbrauchbar." Sie tauschten ihre Gewehre aus. Als ich sah, dass Grey völlig unbewaffnet war, gab ich ihm mein Entermesser.

Als wir bis auf wenige Schritte an das Blockhaus heran waren, erschienen sieben Piraten, an ihrer Spitze Job Anderson, der Bootsmann. Als sie uns erblickten, blieben sie völlig überrascht stehen. Noch ehe sie sich von ihrem Schreck erholt hatten, schossen der Baron und ich, sowie auch Hunter und Joice im Blockhaus.

Die Schüsse blieben nicht ohne Wirkung. Einer der Gegner stürzte sofort zu Boden und die übrigen machten kehrt und flüchteten in den Wald. Wir freuten uns über den Erfolg, als im Gebüsch eine Pistole knallte. Die Kugel pfiff an meinem Ohr vorbei und traf den armen Tom Redruth. Der Baron und ich erwiderten den Schuss, aber es gab nichts, worauf wir zielen konnten. Der Kapitän und Grey untersuchten Tom. Es stand schlecht.

Da unsere Schüsse die Meuterer scheinbar verscheucht hatten, konnten wir den alten Wildhüter über die Palisaden heben. Er stöhnte und blutete, und wir trugen ihn ins Blockhaus. Der Baron ließ sich neben seinem alten Wildhüter auf die Knie nieder, küsste seine Hand und weinte wie ein Kind. Bald darauf starb Redruth.

Inzwischen hatte der Kapitän aus seinen Taschen eine Menge der verschiedensten Dinge zum Vorschein gebracht: die britische Flagge, eine Bibel, eine Rolle starken Bindfaden, Feder, Tinte, das Logbuch und einige Pfund Tabak. Die Fahne hisste er an einem schlanken Fichtenstamm.

Dann nahm mich der Kapitän auf die Seite und sagte: "Wir sitzen ziemlich tief in der Patsche. Es ist ein Jammer, dass wir unsere letzte Ladung verloren haben. Mit Pulver und Blei werden wir ausreichen, aber die Rationen sind knapp, zu knapp."

In diesem Augenblick flog eine Kanonenkugel pfeifend über das Dach des Blockhauses hinweg und schlug weit entfernt im Wald ein. Beim nächsten Versuch zielten sie schon besser, und die Kugel schlug innerhalb der Palisaden ein.

Den ganzen Abend über setzten sie den Beschuss fort. Eine nach der anderen Kugel flog über uns hinweg, aber sie richteten keinen Schaden an.

"Etwas Gutes ist doch daran", bemerkte der Kapitän. "Der Wald vor uns ist auf jeden Fall feindfrei, und die Ebbe dauert auch schon eine ganze Weile an. Unsere Vorräte liegen wahrscheinlich jetzt frei. Also Freiwillige vor zum Fleischholen!"

Grey und Hunter meldeten sich als erste. Gut bewaffnet schlichen sie sich aus dem Blockhaus. Aber die Mission erwies sich als erfolglos, denn vier oder fünf von den Meuterern waren schon damit beschäftigt, unsere Vorräte wegzuschleppen. Sie brachten sie in ein Boot, in dem Silver im Heck saß und das Kommando führte. Jeder von ihnen trug eine Muskete. Die Waffen mussten aus einem Lager stammen, das sie vor uns geheim gehalten hatten.

Gerade als ich über das Schicksal von Jim Hawkins nachdachte, ertönte ein Ruf von der Landseite her. "Doktor! Baron! Kapitän! Hallo, Hunter! Seid Ihr das?", hörten wir es rufen. Ich kam gerade noch rechtzeitig zur Tür um zu sehen, wie Jim Hawkins gesund und munter über die Palisaden kletterte.

Jim Hawkins erzählt

Sobald Ben Gunn die Fahne sah, blieb er stehen, ergriff mich beim Arm und setzte sich nieder. "Auf jeden Fall sind deine Freunde schon da", sagte er, "denn Silver hätte die Piratenflagge gehisst. Deine Freunde sind hier in dem Blockhaus, das vor vielen Jahren von dem alten Flint gebaut wurde. Ich werde nicht mit zu deinen Freunden gehen, bis ich deinen echten Gentleman gesehen und sein Ehrenwort erhalten habe.

Aber wenn Ben Gunn gebraucht wird, dann weißt du, Jim, wo er zu finden ist. Nämlich genau dort, wo du ihn heute gefunden hast. Und der, der zu mir kommt, muss so ein weißes Ding in der Hand halten, und er muss allein kommen."

"Gut", sagte ich. "Ich verstehe Euch."

Er hielt mich fest und sagte ängstlich: "Und wenn du Silver treffen solltest, Jim, dann wirst du doch nicht Ben Gunn verraten? Nicht einmal wilde Pferde würden es aus dir herausbringen, oder?"

Unser Gespräch wurde durch einen lauten Knall unterbrochen, und eine Kanonenkugel flog krachend durch die Bäume. Wir rannten beide nach verschiedenen Richtungen davon.

Als ich an den Strand kam, sah ich, dass auf der ‚Hispaniola' die Piratenflagge wehte. Einige Matrosen zertrümmerten mit Beilen die Jolle.

Schließlich kehrte ich zum Blockhaus zurück, wo ich meine Freunde traf. Ich hatte bald meine Geschichte erzählt und schaute mich um. Der Abendwind pfiff durch jede Ritze des Bauwerkes und bedeckte den Boden mit einem feinen Sandregen. Der Sand kam in unsere Augen, gelangte zwischen die Zähne und befand sich in unserem Essen.

Unser Schornstein war ein viereckiges Loch im Dach, und nur ein Teil des Rauches fand da seinen Weg hinaus. Der Rest wirbelte im Haus herum und war der Grund dafür, dass wir ständig husten mussten und uns die Augen tränten.

Unser neuer Mann, Grey, trug wegen seiner Verletzung einen Verband um den Kopf, und der alte Redruth lag noch immer unbegraben steif und starr unter dem Fahnentuch.

Der Kapitän teilte die Wachen ein. Zwei wurden ausgeschickt um Feuerholz zu sammeln, und zwei andere mussten für Redruth ein Grab ausheben. Der Doktor wurde zum Koch ernannt, und ich musste an der Tür Posten stehen. Der Kapitän munterte uns stets auf und fasste mit an, wo es nötig war.

Einmal fragte mich der Doktor: "Was für ein Mann ist dieser Ben Gunn eigentlich?"

"Ich weiß es nicht", antwortete ich. "Ich weiß nicht einmal, ob er ganz richtig im Kopf ist." Der Doktor erklärte mir, dass ein Mann, der drei Jahre allein auf einer Insel gelebt hat, etwas sonderbar erscheinen muss. Dann vertraute er mir an, dass er in seiner Schnupftabakdose Parmesankäse versteckt hat, den er nun gern Ben Gunn geben möchte.

Vor dem Abendessen begruben wir den alten Tom im Sand.

Unsere Anführer besprachen unsere Aussichten. Die Vorräte waren so gering, dass uns der Hunger bald zur Übergabe zwingen würde. Wir wollten auch versuchen, möglichst viele Seeräuber abzuschießen. Außerdem standen uns noch zwei Helfer zur Seite: der Rum und das ungesunde Klima. Der Doktor wettete seine Perücke, dass die Hälfte von ihnen binnen einer Woche auf dem Rücken liegen würde, da sie ihr Lager in der sumpfigen Gegend aufgeschlagen hatten und ohne Arzneimittel waren.

Am nächsten Morgen waren alle schon viel früher wach als ich. Plötzlich hörte ich ihre Stimmen: "Parlamentärflagge! Silver selbst!" Bei diesen Worten sprang ich hoch und lief zu einer Schießscharte in der Wand.

Silvers Botschaft

Tatsächlich standen zwei Männer draußen vor den Palisaden, einer von ihnen schwenkte ein weißes Tuch, und der andere war Silver höchstpersönlich.

"Bleibt drinnen, Männer", sagte der Kapitän. "Zehn zu eins, dass dies ein Trick ist." Dann rief er den Seeräuber an: "Wer da? Bleibt stehen oder wir schießen!"

"Parlamentärflagge", schrie Silver.

Der Kapitän schickte uns alle auf die Posten. Dann wandte er sich wieder den Meuterern zu: "Was wollt ihr mit eurer Parlamentärflagge?"

Diesmal antwortete der andere Mann: "Käpt' n Silver möchte an Bord kommen und Vorschläge machen."

"Kapitän Silver?", schrie der Kapitän zurück. "Den kenne ich nicht. Wer ist das?"

Der lange John antwortete selbst: "Ich bin es. Diese armen Kerle haben mich zum Kapitän gewählt, Herr, nachdem Ihr desertiert seid. Wir wollen uns unterwerfen, wenn wir uns einig werden."

"Mann", erwiderte Käpt'n Smollett, "ich habe nicht die geringste Lust mit Euch zu sprechen. Wenn Ihr mit mir sprechen wollt, könnt Ihr kommen. Wenn ein Verrat geplant ist, dann nur von Eurer Seite, und in diesem Fall gnade Euch Gott!"

Silver kletterte trotz seines Holzbeines mit erstaunlicher Kraft und Geschicklichkeit über den Zaun. Schließlich stand er vor dem Kapitän, den er höflich begrüßte. Dieser ließ ihn aber nicht ins Haus, sondern forderte ihn auf, sich in den Sand zu setzen. Nachdem er auch uns begrüßt hatte, kam er endlich zur Sache. "Bis jetzt seid Ihr geschickt gewesen. Wir werden nun besser aufpassen, aber ich möchte mit Euch verhandeln.

Nun, es ist also so: Wir wollen diesen Schatz, und wir werden ihn auch bekommen, das ist für uns die Hauptsache. Ihr wollt möglichst bald Euer Leben in Sicherheit bringen, schätze ich, und das ist für Euch die Hauptsache. Ihr habt eine Karte, oder nicht?"

"Das kann sein", erwiderte der Kapitän.

"O ja, Ihr habt sie, ich weiß es", gab der lange John zurück. "Was ich sagen will: Wir wollen die Karte. Euch allen wollte ich nie etwas Böses tun."

Der Kapitän unterbrach ihn: "Wir wissen genau, was ihr wollt, aber wir kümmern uns nicht darum. Ihr seht doch, dass es euch nicht gelingen wird. Am liebsten wäre es mir, euch und die ganze Insel in die Luft zu sprengen. Das ist meine Meinung in dieser Sache!"

"Schön und gut", sagte Silver etwas vorsichtiger. "Ich kann den Herren keine Vorschriften machen darüber, was sie zu tun oder zu lassen haben. Die Sache steht so: Ihr gebt uns die Karte, damit wir an den Schatz kommen können, und ihr hört auf, arme Seeleute abzuknallen. Tut ihr das, dann lassen wir euch die Wahl: Entweder ihr kommt mit uns an Bord, wenn der Schatz verladen ist. Dann habt ihr mein Ehrenwort, dass wir euch irgendwo sicher an Land absetzen. Oder wenn euch das nicht gefallen sollte, dann könnt ihr auch hier bleiben. Wir werden unsere Vorräte mit euch teilen, und ich gebe euch wie vorher mein Ehrenwort, das erste Schiff, das wir sichten, anzurufen und hierher zu schicken, um euch aufzunehmen. Ihr seht, dass das ein guter Vorschlag ist. Einen besseren könnte man euch kaum machen. Ich hoffe, dass alle Männer in diesem Blockhaus sich meine Worte überlegen werden."

Kapitän Smollett erhob sich von seinem Platz und fragte: "Ist das alles?"

"Es ist unser allerletztes Wort, zum Donnerwetter", antwortete Silver. "Lehnt Ihr es ab, werdet Ihr nichts mehr von mir sehen als Gewehrkugeln."

"Sehr gut", sagte der Kapitän. "Nun hört mich an. Wenn ihr hier heraufkommt, Einer nach dem Anderen, unbewaffnet, so will ich mich verpflichten, euch alle in Eisen zu legen und nach Hause zu bringen vor ein anständiges Gericht in England. Wenn ihr das nicht wollt, werde ich euch alle zum Teufel jagen. Ihr könnt den Schatz nicht finden. Ihr könnt auch das Schiff nicht steuern, denn keiner von euch versteht etwas von Navigation. Hier stehe ich, und ich sage es Euch: Ich werde Euch eine Kugel nachjagen, sobald ich Euch das nächste Mal sehe. Scher dich fort von hier, Kerl, und zwar plötzlich!"

Silvers Gesicht musste man gesehen haben. Seine Augen traten vor Wut aus den Höhlen. Keiner von uns half ihm beim Aufstehen, und so musste er durch den Sand bis zum Vorbau kriechen, um sich daran hochzuziehen. Dann spuckte er auf den Boden.

"Ihr werdet sehen, was ich von euch halte!" schrie er. "Ehe eine Stunde vergangen ist, werde ich euer altes Blockhaus wie ein leeres Rumfass verheizen. Lacht nur, zum Teufel! Ehe eine Stunde herum ist, wird euch das Lachen vergangen sein. Die dabei ins Gras beißen, werden noch am besten dran sein."

Mit einem schrecklichen Fluch humpelte er davon.

Der Angriff

Sobald Silver verschwunden war, jagte uns der Kapitän alle wieder auf unsere Posten, die wir unvorsichtigerweise verlassen hatten.

Schließlich sagte er: "Freunde, ich habe Silver eine Breitseite verabreicht. Mit Absicht habe ich ihn so in Fahrt gebracht. Noch ehe eine Stunde vergangen ist, werden sie uns so, wie es Silver gesagt hat, entern. Ich brauche euch nicht zu sagen, dass wir ihnen an Zahl unterlegen sind, aber wir kämpfen in der Deckung dieses Hauses. Ich habe nicht die geringsten Zweifel, dass wir sie schlagen können."

Unsere geladenen Gewehre, weitere Munition und die Entermesser lagen bereit. Wir löschten das Feuer, ich nahm noch schnell ein kleines Frühstück zu mir, und Hunter schenkte an alle eine Runde Branntwein aus.

Dann teilte uns der Kapitän unsere Aufgaben für die Verteidigung zu: "Doktor, Ihr übernehmt die Tür. Haltet die Augen offen, bleibt drinnen und feuert durch den Vorbau. Hunter, Ihr übernehmt hier die Ostseite, und Ihr, Joice, bleibt auf der Westseite. Baron Trelawney, Ihr seid der beste Schütze. Ihr und Grey werdet die lange Nordseite mit den fünf Schießscharten übernehmen. Dort besteht die größte Gefahr. Wenn sie da herankommen und durch unsere eigenen Schießscharten auf uns schießen, dann sieht es schlecht für uns aus. Hawkins, weder du noch ich verstehen viel vom Schießen. Wir werden also laden, und wo es nötig ist, zur Hand gehen."

Nach einer Stunde bemerkten wir die ersten Anzeichen für den Angriff. Joice hob als Erster sein Gewehr und feuerte. Der Knall war kaum verhallt, als er von draußen mit einer knatternden Salve wiederholt wurde. Es fiel ein Schuss nach dem anderen von allen Seiten der Umzäunung. Mehrere Kugeln trafen das Blockhaus, aber keine fand hinein.

Dann war alles still. Nichts von unseren Gegnern war zu sehen.

Plötzlich sprang eine kleine Gruppe Piraten mit lautem Geschrei aus dem Wald auf der Nordseite und rannte auf die Palisaden zu. Im selben Augenblick wurde unter den Bäumen das Feuer wieder eröffnet, eine Gewehrkugel pfiff durch die Tür und zersplitterte die Muskete des Doktors.

Wie Affen kletterten die Angreifer über den Zaun. Der Baron und Grey schossen wieder und wieder. Drei Männer stürzten, zwei davon rücklings nach draußen. Einer von ihnen war offensichtlich nicht verletzt, denn er war sofort wieder auf den Beinen und verschwand zwischen den Bäumen.

Die vier, die innerhalb der Palisaden waren, stürmten geradewegs schreiend auf das Haus zu. Wir schossen, aber sie rannten zu schnell. Sie erklommen den Abhang und stürzten sich auf uns. Vor der mittleren Schießscharte erschien der Kopf des Bootsmannes Job Anderson. "Auf sie, alle Mann!", brüllte er mit donnernder Stimme.

In diesem Augenblick packte ein anderer Pirat Hunters Gewehr vorn beim Lauf, drehte es ihm aus der Hand, zog es durch die Schießscharte und streckte den armen Kerl mit einem einzigen mächtigen Schlag besinnungslos zu Boden. Inzwischen war ein dritter ungestört um das Haus gerannt, erschien plötzlich in der Tür und fiel mit seinem Entermesser über den Doktor her.

Unsere Lage hatte sich vollständig gewendet. Wir waren ohne Schutz. In meine Ohren drangen wirre Schreie, krachende Pistolenschüsse und ein lautes Aufstöhnen.

Der Kapitän schrie: "Hinaus, Burschen! Bekämpft sie im Freien! Nehmt die Entermesser!"

Ich sah, wie der Doktor seinen Angreifer den Hang hinunter verfolgte und ihm einen kräftigen Hieb quer über das Gesicht versetzte. Dieser ging zappelnd zu Boden.

Mit erhobenem Entermesser rannte ich um die Ecke des Hauses, als ich Anderson gegenüber stand. Er brüllte laut auf und schwang seinen in der Sonne blitzenden Säbel hoch über den Kopf. Ich sprang blitzschnell zur Seite. Da ich in dem Sand keinen Halt fand, rollte ich kopfüber den Abhang hinunter.

Alles ging sehr schnell. Als ich aus der Tür gestürzt war, hatten die anderen Meuterer gerade die Palisaden überwunden. Grey, der mir auf dem Fuß folgte, schlug den großen Bootsmann nieder, noch ehe dieser sich von seinem Hieb in die Luft erholt hatte. Ein anderer war an einer Schießscharte niedergeschossen worden, als er gerade in das Haus feuern wollte. Einen dritten hatte der Doktor mit einem Schlag erledigt. Der letzte von den Vieren, die die Palisaden überwunden hatten, kletterte nun unter Todesängsten wieder hinaus. Wir hatten gesiegt!

Der Doktor, Gray und ich rannten schnell wieder in Deckung, denn die überlebenden Piraten konnten jeden Augenblick wieder zurückkommen.

Mit einem Blick erfassten wir im Haus den Preis, den unser Sieg gekostet hatte. Hunter lag neben seiner Schießscharte besinnungslos auf dem Boden. Joice lag mit einem Schuss durch den Kopf neben der seinen und rührte sich nicht mehr. Der Baron stützte den Kapitän, der verwundet war.

Mein Abenteuer auf dem Meer beginnt

Die Meuterer kamen nicht mehr zurück. Der Doktor kümmerte sich um die Verwundeten. Der Pirat, den eine Kugel an der Schießscharte getroffen hatte, starb unter dem Messer des Doktors. Für Hunter taten wir, was wir tun konnten, aber er erlangte das Bewusstsein nicht mehr wieder. Seine Rippen waren durch den Schlag gebrochen worden und beim Stürzen hatte er einen Schädelbruch erlitten. In der folgenden Nacht ging sein Leben zu Ende.

Die Wunden des Kapitäns waren schwer, aber nicht lebensgefährlich. Eine Kugel hatte ihm das Schulterblatt zerschlagen und die Lunge leicht gestreift. Eine zweite Kugel hatte ihm einige Muskeln am Oberschenkel verletzt. Um sich zu erholen, würde er viel Ruhe brauchen.

Nachdem wir zu Mittag gegessen hatten, saßen der Baron und der Doktor an der Seite des Kapitäns und berieten. Als sie sich ausgesprochen hatten, nahm der Doktor seinen Hut und seine Pistolen, steckte sich ein Entermesser in den Gürtel und schob die Karte in seine Tasche. Dann nahm er ein Gewehr über die Schulter, kletterte an der Nordseite über die Palisaden und verschwand mit schnellen Schritten zwischen den Bäumen.

Gray und ich saßen zusammen am anderen Ende des Blockhauses und beobachteten überrascht den Doktor. Gray meinte, dass der Doktor verrückt geworden sein müsse, aber ich sagte: "Ich nehme an, der Doktor hat eine Idee, und wenn mich nicht alles täuscht, dann will er Ben Gunn aufsuchen."

In der engen Hitze der kleinen Fläche zwischen den Palisaden begann ich ihn zu beneiden. Abscheu vor dem vielen Blut und den Toten packte mich. Während ich den Boden des Blockhauses säuberte und das Geschirr abwusch, reifte in mir ein Plan. Ich wusste, dass er dumm und tollkühn war, aber ich wollte ihn mit Vorsicht und Überlegung ausführen.

Als mich niemand beobachtete, füllte ich beide Taschen meines Rockes mit Schiffszwieback Er würde mich zumindest über den nächsten Tag vor dem Verhungern bewahren. Ich nahm mir außerdem ein Paar Pistolen, ein Pulverhorn und Kugeln und fühlte mich gut bewaffnet.

Mein Plan bestand darin, zur sandigen Landzunge zu gehen, die den Ankerplatz im Osten vom offenen Meer trennte. Ich wollte feststellen, ob an dem weißen Felsen wirklich das Boot von Ben Gunn lag.

Als der Baron und Gray dem Kapitän den Verband erneuerten, kletterte ich schnell über die Palisaden und verschwand im Dickicht.

Ich nahm den geraden Weg zur Ostküste der Insel. Bald gelangte ich an den Rand des Waldes und sah vor mir das Meer. Ich ging am Strand entlang, bis vor mir der Ankerplatz lag. Ich sah die ‚Hispaniola', auf der noch immer die Piratenflagge wehte. Längsseits lag eines der Boote. In ihm saß Silver. Einige Männer lehnten über die Heckreling. Sie schienen zu sprechen und zu lachen.

Schließlich legte das Boot ab und fuhr zum Ufer. Zur selben Zeit war die Sonne hinter dem Fernrohr-Berg untergegangen, der Nebel verdichtete sich schnell, und es begann dunkel zu werden. Ich durfte keine Zeit mehr verlieren, wenn ich das Boot noch an diesem Abend finden wollte.

Der weiße Felsen war noch deutlich zu erkennen. Ich brauchte eine ganze Weile, um ihn zu erreichen, wobei ich oft auf allen Vieren durch das Gestrüpp kroch. Die Nacht war fast hereingebrochen, als ich den rauen Felsen berührte. Genau darunter befand sich eine sehr schmale Mulde, mit grünem Rasen bedeckt, die von Dünen und kniehohem Unterholz verborgen wurde. Mitten in dieser Mulde stand tatsächlich ein kleines Zelt aus Ziegenfell.

Ich sprang hinunter, hob eine Seite des Zeltes in die Höhe, und vor mir lag Ben Gunns Boot. Es war von vorn bis hinten selbst gebaut. Über ein derbes, schiefwandiges Rahmenwerk aus Holz war, mit der Haarseite nach außen, eine Haut aus Ziegenfellen gespannt. Das Ding war ausgesprochen schmal, und ich konnte mir nicht vorstellen, dass es einen erwachsenen Menschen tragen würde. Es hatte eine sehr niedrige Sitzbank, eine Art Fußstütze am Bug und ein Doppelpaddel zum Fortbewegen.

Eigentlich hätte mein geheimes Abenteuer nun zu Ende sein können, denn ich hatte das Boot gefunden. Doch inzwischen war mir ein weiterer Gedanke gekommen. Ich wollte unter dem Schutz der Nacht hinausfahren, das Ankertau der ‚Hispaniola' kappen und sie ans Ufer treiben lassen. So wollte ich verhindern, dass die Meuterer den Anker liften, um nach ihrer Niederlage in See zu stechen.

Beim Warten auf die Dunkelheit verzehrte ich einen guten Teil meines Zwiebacks. Als der letzte Schimmer des Tageslichtes verschwand, breitete sich undurchdringliche Finsternis über die Schatzinsel aus. Als ich schließlich das Lederboot auf die Schulter nahm und an den Strand kam, waren von dem ganzen Ankerplatz nur noch zwei Punkte zu erkennen.

Der eine war das große Feuer am Strand, um das die besiegten Piraten lagen und zechten. Der andere war nur ein verschwommener Lichtschimmer in der Dunkelheit und zeigte die Position des ankernden Schiffes an.

Die Ebbe hatte bereits eine Weile begonnen, und ich musste durch einen breiten Gürtel von nassem Sand waten, ehe ich an den Rand des Wassers kam. Ich watete ein kleines Stück hinein, und mit einiger Kraft und Geschicklichkeit gelang es mir, das Lederboot mit dem Kiel nach unten auf das Wasser zu setzen.

Die Ebbe läuft

Das Lederboot war sehr sicher, es lag flott und gut in der Strömung, allerdings ließ es sich schlecht lenken. Da ich seine Launen noch nicht kannte, drehte es sich nach allen Seiten, nur nicht dorthin, wohin ich rudern wollte. Zum Glück riss mich die Ebbe genau in Richtung der ‚Hispaniola' mit sich fort.

Zuerst tauchte sie wie ein schwarzer Fleck vor mir auf, der aber immer mehr Gestalt annahm. Als ich beim Ankertau ankam, hielt ich mich daran fest. Ich zog mein Messer, öffnete es mit den Zähnen und durchschnitt einen Strang nach dem anderen, bis das Schiff nur noch an zweien hing. Dann musste ich erst einmal warten, bis das Tau wieder lockerer hing.

Ich begann genauer auf die Stimmen auf dem Schiff zu hören. Der Schiffszimmermann Israel Hands stritt sich lautstark mit einem Matrosen. Beide waren betrunken.

Am Ufer sah ich die Glut des Lagerfeuers zwischen den Bäumen schimmern. Jemand sang ein altes, trauriges Seemannslied.

Endlich kam der Wind wieder, drehte das Schiff in eine gute Position, und ich schnitt mit ganzer Kraft die letzten beiden Stränge durch. Ich ruderte mit meinem Lederboot auf das Heck zu, bekam einen dünnen Strick zu fassen, der über die Reling herabhing und hielt mich daran fest.

Ich kann nicht sagen, warum ich das tat, Es geschah zuerst nur instinktiv, aber dann gewann meine Neugierde die Oberhand, ich beschloss, einen Blick durch das Kajütenfenster zu werfen. Ich zog mich immer weiter heran, bis ich ein Stück vom Inneren der Kajüte überblicken konnte. Ich sah Hands und seinen Gefährten, jeder die Hand an der Kehle des anderen.

Plötzlich wurde ich durch das Schwanken des Lederbootes aufgeschreckt. Im selben Augenblick machte das Schiff eine scharfe Wendung und schien seinen Kurs zu ändern und zwar in südlicher Richtung. Rings um mich her sah ich lauter kleine Wellen, die sich mit einem lauten Geräusch überschlugen. Ich blickte über meine Schulter zurück, und mein Herz schlug mir gegen die Rippen. Dort, genau hinter mir, leuchtete die Glut des Lagerfeuers. Die Strömung hatte sich im rechten Winkel gedreht und wälzte sich durch die Einfahrt ins offene Meer hinaus.

Inzwischen hatten die Trunkenbolde ihren Streit beendet, trampelten die Kajütentreppe herauf und erkannten ihre schlimme Lage.

Ich legte mich flach auf den Boden meines elenden Schiffleins und ergab mich meinem Schicksal. Ich wollte meinem nahenden Untergang nicht ins Auge blicken. Nach und nach übermannte mich die Müdigkeit. Schließlich schlief ich ein und träumte von zu Hause.

Die Fahrt im Lederboot

Es war heller Tag, als ich aufwachte. Ich trieb in meinem Boot an der Südwestecke der Schatzinsel. Ich war knapp eine Viertelmeile vom Ufer entfernt, und mein erster Gedanke war, dorthin zu paddeln und an Land zu gehen.

Dieses Vorhaben musste ich aber bald wieder aufgeben, denn zwischen den herabgestürzten Felsen brüllte und schäumte die Brandung. Wenn ich da hineingeriet, dann würde mein Fahrzeug an der rauen Küste zerschellen.

Inzwischen hatte ich eine andere Möglichkeit erkannt. Ich erinnerte mich, was Silver über die Strömung gesagt hatte, die an der ganzen Westküste der Schatzinsel entlang nach Norden lief. An meiner Position erkannte ich, dass ich mich bereits in ihrem Bereich befand. Mein kleines Boot trieb überraschend ruhig und sicher dahin. Allerdings hatte ich keine Möglichkeit, meine Position zu beeinflussen, denn schon eine kleine Gewichtsveränderung erzeugte einen heftigen Wechsel im Verhalten des Bootes.

Aber welche Hoffnung hatte ich, jemals wieder an Land zu kommen, wenn ich den Kurs des Bootes nicht beeinflussen konnte? Schreckliche Angst überfiel mich, aber ich verlor nicht den Kopf. Ich beobachtete das Verhalten des Bootes und merkte, dass es sich sozusagen seinen Weg durch die Wellen suchte.

Ich beschloss, das Paddel über die eine Seite zu legen, um mit ihm an glatteren Stellen ein oder zwei Schläge in Richtung Land zu geben. Mit diesem Vorhaben begann ich sofort. Ich lag zwar sehr unbequem, und es war eine ermüdende und langwierige Arbeit, aber ich machte sichtlich Fortschritte. Ich kam dem Land sehr nah. Da änderte sich abermals die Strömung und vor mir breitete sich wieder das offene Meer aus.

Gerade vor mir, etwa eine halbe Meile entfernt, sah ich die ‚Hispaniola' unter Segel. Sie fuhr unter dem Großsegel und zwei Klüversegeln, und das herrliche weiße Tuch leuchtete in der Sonne. Allerdings fielen mir die seltsamen Manöver des Schiffes auf: Hin und her, vorwärts und zurück, nach Norden, Süden, Osten und Westen. Mir wurde klar, dass das Ruder nicht besetzt war. Wenn das stimmte, wo befanden sich die Männer? Entweder waren sie stockvoll betrunken oder sie hatten das Schiff verlassen. Wenn ich an Bord gelangen könnte, vielleicht würde es mir gelingen, das Schiff seinem Kapitän zurückzubringen.

Die Strömung führte uns beide, das Lederboot und den Schoner, gleichmäßig vorwärts. Ich fasste den Entschluss, zum Schiff zu paddeln. Ich setzte mich auf und wurde sofort von einem Wasserguss begrüßt. Ich ließ mich aber nicht von meinem Vorhaben abbringen. Mit aller Kraft paddelte ich auf die steuerlose ‚Hispaniola' zu.

Ich näherte mich dem Schoner ziemlich schnell. Ich musste annehmen, dass das Schiff verlassen war, denn keine Seele erschien an Deck. Es dauerte eine ganze Zeit, bis meine Position und die des Schiffes so günstig waren, dass ich auf dem Gipfel einer Welle den Klüverbaum fassen konnte und mein Fuß zwischen den Tauen Halt fand. Allerdings hatte ich bei dieser Aktion das Lederboot unter Wasser gedrückt, und der Schoner zermalmte es später.

Ich befand mich also auf der ‚Hispaniola', aber es gab keinen Rückzug mehr für mich.

Ich hole die Piratenflagge herunter

Das Schiff bockte weiter und schlug aus wie ein junges Pferd. Die Segel füllten sich einmal nach der einen, dann nach der anderen Seite. Schließlich entdeckte ich die beiden Wachen. Der eine Mann lag auf dem Rücken, die Arme ausgestreckt wie ein Gekreuzigter. Israel Hands lehnte gegen das Geländer, das Kinn war ihm auf die Brust gesunken. Das Gesicht war unter seiner braunen Haut ganz weiß. Ich bemerkte auf den Planken um die beiden herum dunkle Blutlachen.

Hands drehte sich mit einem Stöhnen herum. Ich ging zu ihm und sagte voller Ironie: "An Bord zurückgekehrt, Mister Hands."

Schwerfällig drehte er seine Augen zu mir, aber er war zu schwach, um seinem Erstaunen Ausdruck zu geben. Alles, was er hervorbrachte, war ein einziges Wort: "Schnaps."

Ich schlüpfte die Treppe nach unten zur Kajüte. Das Durcheinander, das dort herrschte, kann man sich kaum vorstellen. Bei der Suche nach der Karte hatte man alle verschlossenen Fächer aufgebrochen. Der Boden war mit Schmutz bedeckt. Dutzende von leeren Flaschen klirrten in den Ecken gegeneinander.

Ich ging hinab in den Laderaum. Dort waren alle Fässer verschwunden, die meisten Flaschen hatte man ausgetrunken. Ich fand noch eine Flasche für Hands, und für mich nahm ich Zwieback, eingemachte Früchte, ein großes Paket Rosinen und ein Stück Käse.

Dann stieg ich wieder an Deck und legte meine Vorräte hinter das Ruder. Ich ging zum Wasserfass und tat einen tiefen Zug. Erst danach brachte ich Hands den Branntwein, den er sofort fast ganz austrank.

"Schwer verletzt?", fragte ich ihn.

"Wenn dieser Doktor an Bord wäre, könnte ich in wenigen Tagen wieder auf den Beinen sein. Aber, siehst du, ich habe eben kein Glück. Dieser Waschlappen da ist erledigt und tot", erwiderte er und zeigte auf den anderen Piraten. "Und wo kommst du jetzt her?"

"Nun", sagte ich, "ich bin an Bord gekommen, um das Schiff zu übernehmen, Mister Hands. Betrachtet mich bitte bis auf weiteres als Euren Kapitän."

Er schaute mich mürrisch an, sagte aber kein Wort. Sein Gesicht hatte wieder etwas Farbe bekommen, obwohl er noch immer sehr krank aussah.

"Im Übrigen, Mister Hands", fuhr ich fort, "kann ich diese Fahne nicht dulden. Mit Eurer Erlaubnis werde ich sie herunterholen. Besser gar keine Fahne als diese." Damit holte ich die verfluchte schwarze Fahne herunter und warf sie über Bord.

Er beobachtete mich mit scharfen und verschlagenen Augen. Schließlich sagte er: "Ich schätze, Kapitän Hawkins, Ihr habt die Absicht, wieder an Land zu kommen? Wir sollten darüber sprechen, denn ohne mich bist du dazu nicht in der Lage. Ich will dir einen Vorschlag machen: Du gibst mir zu essen und zu trinken und irgendeinen alten Fetzen, um meine Wunde zu verbinden, und ich werde dir sagen, wie du segeln musst."

"Ich sage Euch eins", entgegnete ich, "zu Kapitän Kidds Ankerplatz werde ich nicht zurückkehren. Ich fahre in die Nordeinfahrt und setze den Schoner dort schön auf den Strand."

Hands zeigte sich damit einverstanden. Nach drei Minuten hatte ich es geschafft, dass die ‚Hispaniola' längs der Schatzinsel dahinsegelte. Die Aussicht, noch vor Mittag die Nordspitze zu umfahren und noch vor der Flut die Nordeinfahrt zu erreichen, war gut. Dort konnten wir das Schiff ruhig auf den Sand setzen und warten, bis wir bei Ebbe an Land gehen konnten.

Nachdem ich Hands seine Wunde verbunden hatte und er ein wenig gegessen und einige Schlucke Branntwein zu sich genommen hatte, ging es ihm sichtlich besser. Mich beunruhigten die Augen des Schiffszimmermannes, die mich höhnisch über das ganze Deck verfolgten. In diesen Augen sah ich Spott und Verrat.

Israel Hands

Der Wind drehte sich so, dass wir günstig zur Mündung der Nordeinfahrt gelangten. Allerdings mussten wir nun noch darauf warten, dass die Flut höher stieg.

Hands wollte mich unter Deck schicken, um ihm eine neue Flasche zu holen, aber ich merkte, dass die ganze Sache nur ein Vorwand war. Er wollte, dass ich das Deck verließ.

Zum Schein ging ich auf seinen Wunsch ein und stieg die Treppe mit möglichst viel Lärm hinunter. Dann zog ich meine Schuhe aus und rannte leise den Gang entlang, kletterte die Leiter zum Vorderschiff hinauf und steckte den Kopf durch die Luke. Meine schlimmsten Befürchtungen trafen zu.

Er hatte sich auf Hände und Knie erhoben und kroch - obwohl ihm sein Bein bei jeder Bewegung sehr schmerzte - ziemlich rasch über das Deck. In einer halben Minute hatte er eine große Rolle Schiffstau erreicht und zog daraus einen kurzen Dolch, der bis zum Heft mit Blut befleckt war. Hastig ließ er ihn in seiner Jacke verschwinden und schleppte sich wieder zu seinem alten Platz zurück.

Ich wusste jetzt also, dass sich Hands bewegen konnte und dass er jetzt sogar bewaffnet war. Ich wusste nicht, was er genau vorhatte, aber in einem Punkt konnte ich ihm vertrauen, und das war die Steuerung des Schiffes. Wir wollten es beide sicher auf den Strand laufen lassen und zwar so, dass es ohne viel Arbeit und Gefahr wieder flott gemacht werden konnte. Bis dahin würde Hands sicher mein Leben schonen.

Ich schlich mich zurück, um dann mit einer Flasche Wein an Deck zu erscheinen.

Hands lag, wie ich ihn verlassen hatte, ganz zu einem Bündel zusammengekauert und als wäre er zu schwach, um das Licht zu ertragen.

Als die Flut hoch genug stand, machten wir uns an die Umsetzung unseres Vorhabens. Wir hatten kaum zwei Meilen vor uns. Aber die Navigation war schwierig, denn die Einfahrt zu diesem nördlichen Ankerplatz war nicht nur eng und seicht, sondern verlief auch von Osten nach Westen, so dass der Schoner sehr vorsichtig manövriert werden musste. Ich glaube, ich war ein guter Seemann und Hands ein ausgezeichneter Lotse. Wir gelangten sicher vorbei an den Sandbänken hinein.

Wir hatten kaum die Einfahrt passiert, als das Land sich um uns schloss. Die Ufer waren dicht bewaldet. Er erzählte mir, wie man das Schiff später wieder flott bekommen könnte, und dann gehorchte ich ganz genau seinen Befehlen. Als er schrie: "Und jetzt, mein Herzchen, herum!", stemmte ich mich gegen das Steuer, die ‚Hispaniola' schwang schnell herum und lief, den Bug voran, auf das flache, bewaldete Ufer zu.

Die Aufregung der letzten Manöver hatte mich meine Wachsamkeit gegenüber Hands vergessen lassen. Ich war so gespannt auf den Moment, wenn das Schiff das Land berührt, dass ich die Gefahr vergaß.

Doch von einer plötzlichen Unruhe ergriffen, drehte ich den Kopf. Hands näherte sich mir mit dem Dolch in der rechten Hand. Wir stießen beide einen Schrei aus, als sich unsere Augen trafen. Im gleichen Augenblick warf er sich nach vorn. Ich sprang zur Seite, wobei ich das Ruder losließ. Es schlug nach der anderen Seite und traf Hands auf der Brust, was ihn für eine Weile lähmte.

Ehe er sich erholte, war ich aus der Ecke heraus. Vor dem Großmast blieb ich stehen, zog eine Pistole aus der Tasche, zielte kaltblütig und drückte ab. Der Hammer fiel nieder, aber es folgte weder ein Blitz noch ein Knall. Das Seewasser hatte das Pulver verdorben.

Trotz seiner Verwundung bewegte sich Hands erstaunlich schnell. Als er sah, dass ich ihm ausweichen wollte, blieb er genau wie ich stehen. So vergingen ein oder zwei Minuten. Wir standen, bis die ‚Hispaniola' plötzlich auf Grund lief, schwankte, sich einen Augenblick lang in den Sand bohrte und dann mit einem Schlag nach Backbord überkippte.

Augenblicklich verloren wir beide unseren Halt und rollten fast zusammen über das Deck. Der Tote rutschte uns hinterher. Wir waren so nah beieinander, dass mein Kopf gegen den Fuß des Schiffszimmermannes schlug und mir die Zähne klapperten. Ich war als erster wieder auf den Beinen, denn Hands musste sich erst von der Leiche befreien. Schnell musste ich einen neuen Fluchtweg finden. Gedankenschnell sprang ich in die zum Großmast führenden Wanten, hastete Hand über Hand hinauf und gönnte mir nicht eher einen Atemzug, bis ich auf dem oberen Querbalken saß.

Diese Schnelligkeit hatte mich gerettet, denn der Dolch fuhr kaum einen halben Fuß unter mir ins Holz, als ich in die Höhe kletterte.

Ich verlor keine Zeit und lud meine Pistole mit frischem Pulver. Auch die zweite machte ich schussfertig. Als Hands das sah, begann er zu begreifen, dass sich alles jetzt gegen ihn wandte.

Zögerlich und schwerfällig stieg er jetzt ebenfalls in die Wanten und begann langsam und mühsam hochzuklettern. Den Dolch hatte er zwischen die Zähne geklemmt.

Als er etwa ein Drittel des Weges zurückgelegt hatte, sprach ich ihn an: "Noch einen Schritt, Mister Hands, und ich jage Euch eine Kugel in den Kopf."

Er hielt sofort an und versuchte zu überlegen. Schließlich begann er darüber zu sprechen, was für ein Pech er doch habe. Ich lauschte seinen Worten, doch plötzlich fuhr seine rechte Hand über seine Schulter, etwas schwirrte wie ein Pfeil durch die Luft. Ich spürte einen Schlag, gleich darauf einen starken Schmerz und dann war ich mit der Schulter an den Mast genagelt. Bei diesem furchtbaren Schmerz und der Überraschung des Augenblicks gingen meine beiden Pistolen los und fielen mir dann aus den Händen. Mit einem erstickten Schrei ließ der Schiffszimmermann die Wanten fahren und stürzte kopfüber ins Wasser.

"Goldstücke!"

Hands versank, und ich konnte ihn auf dem Grund des klaren Wassers liegen sehen. Er war tot. Sobald ich das begriffen hatte, fühlte ich mich krank, schwach und erschreckt. Das Blut lief mir über Rücken und Brust. Der Dolch schien dort, wo er meine Schulter an den Mast genagelt hatte, wie ein heißes Eisen zu brennen. Ich hatte Angst, ebenfalls in das Wasser zu fallen, neben die Leiche des Schiffszimmermannes.

Zum Glück hatte mich der Dolch fast verfehlt, und mit der Zeit riss die getroffene Haut durch mein ängstliches Zittern ab. Die Wunde blutete zwar nun heftiger, aber ich war wieder frei und stieg auf das Deck hinunter. Ich versorgte meine Wunde, so gut ich konnte.

Dann schaute ich mich auf dem Schiff um, das nun in gewissem Sinne mir gehörte. Zuerst warf ich den toten Mann über Bord. Mit einem lauten Klatschen fiel er ins Wasser, direkt neben Hands.

Nun war ich allein auf dem Schiff. Die letzten Strahlen der Sonne fielen durch eine Lücke zwischen den Bäumen. Ich kletterte nach vorn und schaute über die Reling. Das Wasser schien mir niedrig genug. Zur Sicherheit hielt ich mich mit beiden Händen an dem gekappten Ankertau fest, und dann ließ ich mich langsam über Bord gleiten. Das Wasser reichte mir kaum bis zur Hüfte. Ich watete zum Ufer.

Endlich hatte ich wieder festen Boden unter den Füßen. Ich kehrte auch nicht mit leeren Händen zurück. Da lag der Schoner, von Piraten gesäubert und bereit, unsere Männer wieder an Bord zu nehmen und in See zu stechen. Ich dachte an nichts anderes mehr, als zum Blockhaus zurückzukehren. Meinen Freunden würde nichts übrig bleiben, als mich für meine Taten zu loben.

Mit diesen Gedanken und guter Laune trat ich den Rückweg zum Blockhaus und zu meinen Kameraden an.

Auf meinem Weg kam ich an die Stelle, wo ich Ben Gunn, den Ausgesetzten, getroffen hatte. Es war jetzt fast ganz dunkel geworden, und ich entdeckte in der Schlucht zwischen den zwei Gipfeln einen lodernden Schein gegen den Himmel. Dort, so nahm ich an, bereitete der Mann von der Insel vor einem prasselnden Feuer sein Abendessen. Ich wunderte mich allerdings über seine Sorglosigkeit, denn wenn ich das Feuer sah, konnte es auch Silver bemerken.

Eine ganze Weile stolperte ich durch die Dunkelheit. Dann ging der Mond hell auf. Mit seiner Hilfe legte ich schnell den Rest meines Weges zurück. Als ich an den Rand der Lichtung kam, sah ich das Blockhaus im Schatten liegen. Auf der anderen Seite des Hauses war ein riesiges Feuer bis auf die Asche niedergebrannt. Keine Seele rührte sich, kein Geräusch war zu hören außer dem Rauschen des Windes.

Ich war erstaunt und ein wenig erschrocken, denn es war nicht unsere Art gewesen, große Feuer anzuzünden. Mich überkam die Furcht, dass während meiner Abwesenheit ein Unglück geschehen sein konnte.

An einer dunklen Stelle überkletterte ich die Palisaden und kroch geräuschlos auf Händen und Knien zur Ecke des Hauses. Ich näherte mich dem Haus, ohne eine Wache zu sehen, und mein Herz klopfte vor Freude laut.

Jetzt war ich an der Tür. Drinnen war alles stockfinster. Ich hörte regelmäßiges Schnarchen und schlich mich hinein. Mein Fuß stieß an das Bein eines Schlafenden, der sich brummend herumdrehte, aber nicht aufwachte.

Dafür kreischte plötzlich eine schrille Stimme aus der Finsternis: "Goldstücke! Goldstücke! Goldstücke!" und immer so weiter ohne Pause. Silvers grüner Papagei, Käpt'n Flint! Er hielt eine bessere Wache als irgendein menschliches Wesen und zeigte so meine Ankunft an.

Durch das Geschrei des Papageis erwachten die Schläfer, und Silvers Stimme schrie: "Wer da?"

Ich wollte fortrennen, aber die Piraten schlossen sich um mich und hielten mich fest. Einer der Piraten verließ das Blockhaus und holte ein brennendes Scheit Holz.

Im Lager des Feindes

Beim roten Schein der Fackel sah ich, dass die Piraten im Besitz des Blockhauses und der Vorräte waren. Von Gefangenen sah ich aber keine Spur. Ich musste annehmen, dass alle meine Kameraden zugrunde gegangen waren.

Von den sechs Piraten, die noch am Leben geblieben waren, waren fünf auf den Beinen. Der sechste sah leichenblass aus und hatte einen blutbefleckten Verband um den Kopf. Der Papagei saß auf der Schulter des langen John und putzte seine Federn.

Silver sagte: "So, da ist also Jim Hawkins! Einfach so zu uns verirrt, he? Na dann komm, es freut mich, dich zu sehen!" Damit setzte er sich und stopfte seine Pfeife. "Nun, Jim, dass du ein gescheiter Junge bist, habe ich schon damals gemerkt, als ich dich zum ersten Mal sah. Aber das hier kann ich doch nicht ganz begreifen."

Man kann sich denken, dass ich darauf keine Antwort gab.

Silver zog gelassen an seiner Pfeife und setzte seine Rede fort: "Nun hör mal zu, Jim. Wenn du schon einmal hier bist, will ich dir offen sagen, was ich denke. Ich habe dich immer gern gesehen und hatte gehofft, du schließt dich uns an. Nun wird dir gar nichts anderes übrig bleiben, denn Kapitän Smollett ist sehr auf Disziplin aus. Er und der Doktor wollen nichts mehr von dir wissen. Der Doktor sagte, dass du ein undankbarer Tropf bist. Die Geschichte ist also die, dass du nicht mehr zu deinen eigenen Leuten zurückgehen kannst, denn sie wollen dich nicht haben. Wenn du nicht mit dir allein eine dritte Mannschaft gründen willst, die sich heraushält, dann musst du dich Käpt'n Silver anschließen."

Ich war beruhigt, dass meine Freunde am Leben waren und Silvers Behauptung, dass mir die Kajütenpartei wegen meiner Flucht zürnte, glaubte ich nicht ganz.

Silver fuhr fort: "Ich will gar nicht davon reden, dass du in unserer Hand bist. Wenn es dir bei uns gefällt, gut, dann kannst du dich uns anschließen. Ist das nicht der Fall, Jim, dann kannst du frei und unbekümmert nein sagen. Es drängt dich niemand. Überleg es dir gut." Seine ganze Rede klang höhnisch.

Ich überwand meine Angst und fragte mutig: "Schön, wenn ich wählen soll, dann habe ich auch ein Recht darauf zu erfahren, was geschehen ist, warum ihr hier seid und wo sich meine Freunde befinden."

Silver wandte sich in freundlichem Ton an mich: "Gestern morgen in aller Frühe kam Doktor Livesey mit einer Parlamentärflagge herunter. ‚Kapitän Silver', sagte er, ‚mit Euch ist es aus. Das Schiff ist verschwunden.' Keiner von uns hatte auf dem Ausguck gestanden und nun schauten wir hinaus. Zum Donnerwetter, das alte Schiff war verschwunden! Ich habe nie einen Haufen Narren gesehen, der dümmer schaute. ‚Also', sagte der Doktor, ‚wir wollen verhandeln.' Dann haben wir verhandelt, er und ich, und sind so verblieben: Vorräte, Schnaps, Blockhaus, Brennholz gehören jetzt uns. Was sie anbelangt, so sind sie abgezogen; ich weiß nicht wohin.

Und damit du nicht etwa denkst, dass du in den Vertrag eingeschlossen bist, will ich dir die letzten Worte wiederholen, die gesprochen wurden. ' Wie viele seid ihr', fragte ich ihn, 'die das Blockhaus verlassen?' ‚Vier' ,sagte er, ‚vier, und einer von uns ist verwundet. Wo der Junge steckt, das weiß ich nicht. Er soll zum Teufel gehen, mich kümmert er nicht mehr. Wir haben genug von ihm.' "Ist das alles?", fragte ich.

"Ja, das ist alles, was du hören sollst, mein Sohn", erwiderte Silver.

"Und jetzt soll ich also wählen?"

"Und jetzt sollst du wählen. Das ist sicher", antwortete Silver.

"Gut", sagte ich, "ich bin kein solcher Narr, dass ich nicht wüsste, was ich zu erwarten habe. Ich habe zu viele sterben sehen, seit ich mit Euch unterwegs bin. Aber es gibt da noch ein paar Dinge, die ich Euch sagen möchte. Ihr befindet Euch in einer schlechten Lage. Das Schiff ist verloren und ebenso der Schatz, und viele Eurer Männer sind tot. Euer ganzes Unternehmen ist gescheitert. Und wenn Ihr wissen wollt, wer es getan hat - ich war es!

Ich saß in jener Nacht, als wir Land gesichtet hatten, im Apfelfass und belauschte Euch, John, und Euch, Dick Johnson, und Hands, der jetzt auf dem Grund des Meeres ruht. Jedes Wort, das ihr gesprochen habt, habe ich weitererzählt, noch ehe eine Stunde vergangen war.

Was den Schoner anbelangt, so habe ich das Ankertau gekappt, und ich war es, der die Männer an Bord getötet hat, und ich war es, der das Schiff dorthin brachte, wo ihr es nie finden werdet. Ich fürchte euch nicht mehr als eine Fliege. Tötet mich, wenn es euch gefällt, oder verschont mich.

Aber eines will ich euch noch sagen: Wenn ihr mich am Leben lasst, dann soll Vergangenes vergangen sein, und wenn ihr Kerle wegen Seeräuberei vor Gericht stehen werdet, dann will ich euch alle retten, wenn ich es kann. Es ist an euch zu wählen. Tötet noch einen, und ihr schadet euch selbst. Verschont mich, und ihr erhaltet euch einen Zeugen, der euch vom Galgen retten wird."

Keiner der Männer rührte sich. Sie saßen wie die Schafe da und starrten mich an.

"Eins will ich dazu sagen", rief der alte Seemann - Morgan war sein Name -, den ich in der Wirtschaft des langen John in Bristol gesehen hatte. "Er war es, der den Schwarzen Hund erkannt hat!"

Der Schiffskoch fügte noch hinzu: "Es war dieser Junge, der Billy Bones die Karte geklaut hat. Von Anfang bis zum Ende stoßen wir auf Jim Hawkins!"

"Dann also vorwärts!", sagte Morgan mit einem Fluch. Er sprang auf und schwang sein Messer.

"Zurück da!", schrie Silver. Wer bist du eigentlich, Tom Morgan? Vielleicht denkst du, dass du hier Käpt'n wärst Bei allen Teufeln, ich werde dich eines Besseren belehren! Komm mir in die Quere, und du wirst dorthin gehen, wo schon viele gute Männer vor dir hingegangen sind, damals wie heute. Mir hat noch keiner widersprochen und sich nachher noch seines Lebens gefreut."

Morgan war darauf ganz still, aber von den anderen hörte man ein raues Gemurmel.

"Tom hat recht", sagte einer. "Ich bin lange genug geschliffen worden von so einem Kerl", fügte ein anderer hinzu. "Ich will hängen, wenn ich es mir von dir gefallen lasse, John Silver."

"Wünscht vielleicht einer von euch Herren mit mir anzubinden?", brüllte Silver. "Sagt, was ihr wollt! Wer etwas will, soll es bekommen. Wer Mut hat, nehme ein Entermesser, und ich werde mir sein Inneres betrachten, noch bevor diese Pfeife ausgebrannt ist - trotz meiner Krücke!"

Keiner der Männer rührte sich, und keiner gab eine Antwort.

"So seid ihr also!", fuhr er fort. "Ihr seid ein hübscher Haufen zum Anschauen, aber zum Kämpfen taugt ihr nicht. Wenn ihr nicht kämpfen wollt, dann müsst ihr gehorchen! Ich mag diesen Jungen. Ich habe nie einen besseren Jungen als ihn gesehen. Er ist eher ein Mann als so ein paar Ratten wie ihr. Und ich sage euch dies: Ich will den sehen, der Hand an ihn legt - das wollte ich sagen, und ihr könnt Gift drauf nehmen."

Darauf folgte ein langes Schweigen. Ich stand aufrecht an der Wand, und mein Herz schlug wie ein Schmiedehammer. Silver lehnte an der Wand, die Arme verschränkt und seine Pfeife in einem Mundwinkel. Er war ruhig, aber seine Augen beobachteten seine aufsässigen Genossen. Diese zogen sich in die entgegen gesetzte Ecke des Blockhauses zurück, und ich hörte das leise Zischeln ihres Geflüsters. Ihre Blicke galten immer wieder Silver.

"Ihr habt scheinbar eine Menge zu reden", bemerkte Silver und spuckte in die Höhe. "Fangt an und lasst' s mich hören, oder macht Schluss damit!"

Einer der Männer erwiderte: "Diese Mannschaft ist unzufrieden. Diese Mannschaft schätzt es nicht, wenn man ihr droht. Diese Mannschaft hat wie jede andere ihre Rechte. Nach Euren eigenen Regeln dürfen wir miteinander reden. Ich erkenne an, dass Ihr zur Zeit Kapitän seid, aber ich verlange mein Recht und gehe nach draußen um zu beraten."

Der Bursche salutierte, ging ruhig zur Tür und verschwand aus dem Haus. Die Übrigen folgten einer nach dem anderen. Jeder salutierte, als er hinausging und fügte irgendeine Entschuldigung dazu.

Silver und ich waren allein. "Aufgepasst jetzt, Jim Hawkins", begann er in einem ruhigen Flüsterton, den man kaum hören konnte, "du stehst mit einem Bein im Grab, und was noch schlimmer ist, vor der Folter. Sie wollen mich absetzen. Aber merk dir, ich halte zu dir, durch dick und dünn. Das hatte ich nicht vor, bevor du gesprochen hast. Ich war verzweifelt, dass ich all das Gold verlieren und dazu noch gehängt werden sollte. Aber ich erkannte, dass du der richtige Kerl bist, dass ich zu dir halten werde und du zu mir. Ich rette meinen Zeugen und er rettet mir den Hals."

Langsam begann ich zu verstehen. "Ihr glaubt, es ist alles verloren?", fragte ich.

"Ja, zum Henker, das glaube ich!", antwortete er. "Schiff verloren, Hals verloren - das ist die Lage. Als ich über die Bucht schaute und den Schoner nicht mehr sah, da habe ich aufgegeben. Und diese Bande da, mit ihrer Beratung, das sind alles Narren und Feiglinge. Ich werde dein Leben vor ihnen retten, wenn ich es kann. Aber, Jim, dafür rettest du den langen John vor dem Galgen."

Ich war vollständig verwirrt. "Ich werde tun, was ich kann", sagte ich.

"Das ist abgemacht!", rief der lange John. Du trittst für mich ein, und, zum Teufel, ich habe eine Chance! Du musst mich verstehen, Jim. Ich stehe jetzt auf der Seite des Barons. Ich weiß, dass du das Schiff sicher irgendwo untergebracht hast. Ich weiß nicht, wie du das angestellt hast, aber es liegt sicher. Ich sehe dir an, dass du etwas taugst. Jim, wir beide hätten noch viel Gutes zusammen schaffen können. Jim, es wird Ärger geben. Und da wir gerade von Ärger sprechen: Warum hat mir wohl der Doktor die Karte gegeben?"

Mein Gesicht zeigt mein Erstaunen.

"Ja, das hat er getan, trotz allem", sagte er, "und da steckt ohne Zweifel etwas dahinter, Schlechtes oder Gutes." Er trank einen Schluck Kognak und schüttelte dabei seinen Kopf wie ein Mann, der sich auf das Schlimmste gefasst macht.

Wieder der Schwarze Fleck

Die Beratung der Seeräuber hatte schon einige Zeit gedauert, als einer von ihnen das Haus betrat. Er bat uns um die Fackel und ging wieder hinaus.

Ich ging zu der nächsten Schießscharte und schaute hinaus. Auf halbem Weg den Abhang hinunter zu den Palisaden standen sie, und ein Mann lag in ihrer Mitte auf den Knien. Ich sah im Mondlicht und im Schein der Fackel, die Klinge eines Messers in seiner Hand blinken. Die übrigen hatten sich alle niedergebeugt, als wollten sie das Tun des Mannes genau verfolgen. Ich konnte erkennen, dass er außer dem Messer auch noch ein Buch in der Hand hielt, worüber ich mich wunderte.

Dann stand er auf, und die ganze Gesellschaft bewegte sich auf das Blockhaus zu. Die Tür wurde geöffnet, und die fünf Männer standen im Eingang. Dann schoben sie einen aus ihrer Mitte nach vorn. Langsam und zögerlich kam er auf uns zu. Dabei hielt er seine geschlossene rechte Hand vor sich hin.

"Na komm schon, mein Junge!" rief Silver. "Ich werde dich nicht fressen. Gib es nur her! Ich kenne die Regeln."

Der Seeräuber trat nun schneller nach vorn. Nachdem er Silver etwas von Hand zu Hand übergeben hatte, flitzte er noch schneller zurück.

Der Schiffskoch schaute sich an, was man ihm gegeben hatte. "Der Schwarze Fleck! Ich habe es mir gedacht. Allerdings wird er euch Unglück bringen, denn ihr habt das Papier dazu aus einer Bibel herausgeschnitten. Ich schätze, ihr werdet am Galgen enden."

Einer der Männer sagte: "John Silver, diese Mannschaft hat dir nach ordentlicher Beratung, wie es vorgeschrieben ist, den Schwarzen Fleck übergeben. Jetzt dreh ihn herum, wie es vorgeschrieben ist, und schau nach, was draufsteht. Dann kannst du reden."

"Vielen Dank, Georg", erwiderte der Schiffskoch. "Du hast die Regeln im Kopf. Das sehe ich gern. Also, was ist es denn nun? Ah, abgesetzt- das ist es. Das ist sehr schön geschrieben. Ist das deine Handschrift, Georg? Würde mich gar nicht wundern, wenn du demnächst hier der Käpt'n wirst. Aber jetzt werde ich so, wie es die Regeln verlangen, hier sitzen bleiben und warten bis ihr eure Beschwerden vorbringt und ich euch antworten werde. Inzwischen ist euer Schwarzer Fleck nicht einen Zwieback wert. Alles Weitere wird sich dann finden."

"Oh", erwiderte Georg, "du meinst wohl, du hättest nichts zu befürchten? Wir sind uns jedenfalls einig, das kann man sagen. Erstens hast du dieses ganze Unternehmen verpfuscht, was du nicht leugnen kannst. Zweitens hast du den Feind umsonst aus dieser Falle hier herausgelassen. Drittens wolltest du uns nicht erlauben, sie auf dem Weg zu überfallen. Wir haben dich durchschaut, Silver. Du hast ein falsches Spiel mit uns getrieben. Und viertens ist da noch dieser Junge."

"Ist das alles?", fragte Silver ruhig.

"Es ist mehr als genug", gab Georg zurück. "Für deine Fehler werden wir alle hängen."

"Also gut, hört zu. Ich werde auf diese vier Punkte antworten. Ich habe also dieses Unternehmen verpfuscht. Hab' ich das wirklich? Ihr wisst alle, was ich wollte, und wenn wir es so durchgeführt hätten, dann säßen wir jetzt wieder an Bord der ‚Hispaniola', und der Schatz läge sicher im Laderaum des Schiffes. Wer hat meine Pläne durchkreuzt? Wer ist daran schuld? Anderson und Hands und du, Georg! Und du bist der letzte von dieser aufsässigen Bande, der noch an Bord ist.

Und du hast die Unverschämtheit, aufzustehen und dich als Käpt'n über mich zu setzen? Gerade du, der viele von uns ins Unglück gestürzt hat? Bei allen Teufeln, das ist das stärkste Stück, das ich je erlebt habe!"

An den Gesichtern von Georg und seinen Leuten konnte ich ablesen, dass er nicht vergeblich gesprochen hatte.

"Das war schon eine ganze Menge, was? Ihr sagt, dieses Unternehmen sei verpfuscht. Wenn ihr nur begreifen könntet, wie sehr es verpfuscht ist, ihr würdet staunen! Wir sind dem Galgen so nahe, dass mir der Hals steif wird, wenn ich nur daran denke.

Wenn ihr etwas über Nummer vier hören wollt, über diesen Jungen da. Ist er nicht eine Geisel? Sollen wir eine Geisel vernichten? Nein, er kann unsere letzte Rettung sein, und das sollte mich nicht wundern.

Und Nummer drei? Dazu gibt es eine ganze Menge zu sagen. Vielleicht zählt es für euch nichts, wenn ein studierter Doktor jeden Tag zu euch kommt, um nach euch zu sehen - nach dir John, mit deinem zerschlagenen Schädel, oder nach dir Georg, den noch vor sechs Stunden das Fieber schüttelte und der Augen hat so gelb wie eine Zitrone.

Und nun zu Nummer zwei und warum ich einen Handel gemacht habe." Er warf ein Stück Papier auf den Boden, das ich sofort erkannte. Es war die Karte auf dem gelben Papier mit den drei roten Kreuzen, die ich in dem Wachstuch auf dem Boden der Kiste des Kapitäns gefunden hatte. Ich konnte mir einfach nicht denken, warum der Doktor sie ihm gegeben hatte.

Das Auftauchen der Karte war für die Meuterer ganz und gar unglaublich. Sie sprangen darauf wie Katzen nach einer Maus. Sie ging von Hand zu Hand, einer entriss sie dem anderen. Man hätte denken können, nicht nur das Gold befinde sich schon in ihren Händen, sondern sie seien schon in Sicherheit und auf See damit. An der Unterschrift auf der Karte hatten sie erkannt, dass es wirklich Flints Plan war.

"Alles schön und gut", sagte Georg, "aber wie sollen wir mit dem Schatz wegkommen? Wir haben kein Schiff!"

"Georg, durch eure Meuterei haben wir das Schiff verloren, aber ich habe den Schatz gefunden. Wer ist also der bessere Mann? Und jetzt trete ich zurück, zum Donnerwetter. Jetzt wählt zu eurem Käpt'n, wen ihr wollt, ich habe genug davon!"

"Silver!", schrien sie. "Silver soll unser Kapitän sein!"

"Ich schätze also, Freund Georg, du wirst auf eine andere Gelegenheit warten müssen", sagte der Koch. "Und nun, Kameraden, was ist mit dem Schwarzen Fleck?" Silver schenkte ihn mir als Andenken an diese Nacht, und ich habe ihn bis heute aufbewahrt.

Nach diesen Ereignissen gab es noch einen Umtrunk für alle, und dann legten wir uns zum Schlafen nieder. Silver rächte sich an Georg, indem er ihn als Wache aufstellte und ihm den Tod androhte, falls er sich als unzuverlässig erweisen sollte.

Es dauerte lange, bis ich die Augen schließen konnte. Ich dachte über Silver nach, der einerseits die Meuterer im Zaum halten wollte und andererseits versuchte, Frieden zu schließen, um sein eigenes Leben zu retten. Ich hatte Mitleid mit ihm, so schlecht er auch war.

Auf Ehrenwort

Wir erwachten alle, auch unsere Wache, als eine kräftige Stimme vom Rand des Waldes rief: "Blockhaus ahoi! Hier ist der Doktor."

Es war wirklich der Doktor. Obwohl ich mich freute, seine Stimme zu hören, war mir unwohl bei dem Gedanken an mein ungehorsames Betragen. Ich sah, wohin es mich geführt hatte, in welche gefährliche Lage und unter welche Gesellschaft. Ich schämte mich, ihm ins Gesicht zu sehen.

"Ihr seid es, Doktor! Einen schönen guten Morgen", rief Silver, der sofort hellwach war. "Georg, hilf dem Doktor über die Reling! Eure Patienten sind alle wohlauf, sie sind alle frisch und munter. Wir haben auch eine hübsche Überraschung für Euch, Doktor", fuhr er fort. "Wir haben einen kleinen Besucher hier, der quietschfidel ist. Geschlafen hat er die ganze Nacht längsseits vom John."

Doktor Livesey hatte inzwischen die Palisaden überklettert und fragte: "Doch nicht etwa Jim?"

"Gerade Jim, und so, wie er immer war", antwortete Silver.

Der Doktor blieb wie angewurzelt stehen und sagte kein Wort. Es dauerte einige Sekunden, ehe er weitergehen konnte.

"Gut, gut", sagte er schließlich, "erst die Arbeit und dann das Vergnügen. Wollen wir uns die Patienten ansehen." Einen Augenblick später betrat er das Blockhaus, nickte mir grimmig zu und begann mit der Untersuchung der Kranken. Er schien sich nicht zu fürchten, obwohl er wissen musste, dass sein Leben unter diesen verräterischen Teufeln an einem Haar hing. Er, aber auch die Kranken verhielten sich so, als wäre er noch immer Schiffsarzt und sie noch immer treue Matrosen.

"Schön", fügte er hinzu, nachdem er alle versorgt hatte, "das wär' s für heute. Und jetzt hätte ich gern mit dem Jungen da gesprochen."

Georg fluchte laut: "Nein!"

Da schlug Silver mir der flachen Hand auf das Fass. "Ruhe!", brüllte er und schaute wie ein Löwe um sich. "Doktor", fuhr er dann in seinem gewöhnlichen Ton fort, "ich habe schon daran gedacht, denn ich weiß, dass Ihr den Jungen gut leiden könnt. Hawkins, willst du mir als junger Gentleman dein Ehrenwort geben, dass du uns nicht durchbrennst?"

Bereitwillig gab ich das verlangte Versprechen.

"Dann, Doktor, geht hinaus und steigt über die Palisaden. Wenn Ihr dort seid, werde ich Euch den Jungen hinunter an die Innenseite bringen. Ich schätze, Ihr könnt mit ihm durch die Ritze reden."

Als der Doktor das Haus verlassen hatte, brach die Entrüstung der anderen los. Sie beschuldigten ihn, ein doppeltes Spiel zu spielen, die Interessen seiner Verbündeten zu verraten und für sich selbst einen Separatfrieden abzuschließen. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie er ihren Ärger besänftigen wollte. Aber er war ihnen weit überlegen. Er behauptete, es sei notwendig, dass ich mit dem Doktor spreche und hielt ihnen die Karte unter die Nasen. Er sagte, dass er die Abmachung erst später brechen will und bis dahin den Doktor an der Nase herumführt.

Mit seiner Hand auf meiner Schulter gingen wir hinaus und ließen die anderen verwirrt zurück. Mit seiner Redekunst hatte er sie zum Schweigen gebracht.

Langsam gingen wir hinunter zu der Stelle, wo der Doktor uns auf der anderen Seite der Palisaden erwartete. "Ihr werdet Euch das alles merken", sagte er zum Doktor. "Der Junge wird Euch erzählen, wie ich ihm das Leben gerettet habe und dafür sogar abgesetzt wurde. Doktor, wenn ein Mann so hart am Wind steuert wie ich und mit jedem Atemzug seinen Hals riskiert, dann ist es doch nicht zu viel verlangt, ein gutes Wort für ihn einzulegen? Es geht jetzt nicht nur um mein Leben, sondern auch um das des Jungen. Darum gebt mir ein gutes Wort, Doktor, und ein wenig Hoffnung für die Zukunft."

Silver hatte sich vollständig verändert, seit er hier draußen war. Seine Wangen schienen eingefallen, und seine Stimme zitterte. Nie vorher hatte er so ernst gesprochen.

"Aber John, Ihr habt doch nicht etwa Angst?" fragte Doktor Livesey.

"Doktor, ich bin kein Feigling, aber ich gebe ehrlich zu, dass ich zittere, wenn ich an den Galgen denke. Ihr seid ein guter und ehrlicher Mann, und Ihr werdet nicht vergessen, was ich Gutes getan habe, ebenso wenig wie Ihr das Böse vergessen werdet, das weiß ich. Ich lasse Euch jetzt mit Jim allein. Ihr werdet Euch auch das merken, denn es ist viel, was ich da für Euch tue."

Mit diesen Worten ging er ein kleines Stück zurück, bis er außer Hörweite war. Hin und wieder schaute er nach mir und dem Doktor und manchmal auch nach seinen Gefährten am Blockhaus.

"Jim", begann der Doktor mit trauriger Stimme, "da bist du also wieder. Was du dir eingebrockt hast, das sollst du auch auslöffeln, mein Junge. Es war feige von dir fortzulaufen."

Bei diesen Worten begann ich zu heulen. Ich bat den Doktor, mir keine Vorwürfe zu machen, da ich mir selbst schon genug gemacht hatte. Aber ich sagte auch: "Ich wäre jetzt schon tot, wenn sich Silver nicht für mich eingesetzt hätte. Ich fürchte mich vor dem Tod, aber noch mehr fürchte ich mich davor, wenn sie mich foltern."

Da unterbrach mich der Doktor: "Jim, spring über den Zaun, und wir laufen davon."

"Doktor", entgegnete ich, "ich habe mein Wort gegeben."

"Ich weiß", rief er. "Das können wir jetzt nicht ändern, Jim. Ich kann dich einfach nicht hier lassen. Spring doch! Ein Satz, und du bist draußen. Wir werden wie die Antilopen davonrennen."

"Nein", antwortete ich. "Ihr wisst nur zu gut, dass Ihr es selbst auch nicht tun würdet. Silver vertraut mir. Ich habe mein Wort gegeben und werde deshalb nicht gehen. Aber, Doktor, Ihr habt mich nicht zu Ende reden lassen. Wenn sie mich foltern, kann es sein, dass ich ihnen verrate, wo das Schiff ist, denn ich habe das Schiff genommen. Es liegt in der Nordeinfahrt, am südlichen Ufer, gerade unter Hochwasser. Bei Ebbe muss es trocken liegen."

Ich erzählte dem Doktor das ganze Abenteuer, und er hörte mir schweigend zu. Dann bemerkte er: "Das ist eine Fügung des Schicksals. Immer bist du es, der uns das Leben rettet. Glaubst du, wir lassen zu, dass du das deine verlierst? Du hast die Verschwörung entdeckt, und du hast Ben Gunn gefunden. Das war die beste Tat deines Lebens!"

Denn sprachen Silver und der Doktor noch ein paar Worte miteinander. Der Koch nutze die Gelegenheit, die Fragen zu stellen, die ihn so sehr bewegten: "Was habt Ihr vor? Warum habt Ihr das Blockhaus verlassen? Warum habt Ihr mir diese Karte gegeben? Ich weiß darauf keine Antwort."

Darauf erwiderte der Doktor: "Ich will Euch ein wenig Hoffnung geben, Silver. Wenn wir beide lebendig aus dieser Falle herauskommen, so werde ich alles tun, um Euch zu retten. Als zweites Zugeständnis möchte ich Euch einen guten Rat geben: Haltet den Jungen immer bei Euch, und wenn Ihr Hilfe braucht, dann ruft. Ich gehe jetzt fort, um Euch Hilfe zu suchen. Auf Wiedersehen, Jim!"

Damit verschwand der Doktor mit schnellen Schritten im Wald.

Die Suche nach dem Schatz

Als wir wieder allein waren, bedankte sich Silver bei mir dafür, dass ich nicht mit dem Doktor weggelaufen war. Er hatte aus den Augenwinkeln beobachtet, wie mich der Doktor dazu aufgefordert hatte. Er sagte: "Jim, wir müssen jetzt den Schatz suchen, und dabei müssen wir zwei zusammen bleiben."

Wir gingen zu den Männern zurück, die inzwischen das Frühstück vorbereitet hatten. Als alle ausgiebig gegessen hatten, sagte Silver: "He, Kameraden, es ist euer Glück, dass ihr mich habt, weil ich mit meinem Kopf für euch denke. Ich habe bekommen, was ich wollte. Sie haben zwar das Schiff, und ich weiß nicht, wo es ist, aber wenn wir erst einmal den Schatz haben, dann werden wir auch das Schiff finden. Außerdem haben wir noch die Boote und damit sicher die Oberhand.

Was die Geisel betrifft, so wird der Junge heute zum letzten Mal mit einem von seinen Freunden gesprochen haben. Ich habe bei dem Gespräch viel Neues erfahren und werde die Geisel bei der Schatzsuche an die Leine nehmen. Der Junge ist für uns Gold wert, vor allem, wenn uns etwas passieren sollte. Wenn wir erst einmal das Schiff und den Schatz besitzen, dann wollen wir wieder über Hawkins reden."

Die Männer hatten jetzt gute Laune, aber ich war schrecklich niedergeschlagen, denn ich wusste nicht, was in nächster Zeit passieren würde. Silver war ein doppelter Verräter. Er hatte noch immer zwei Eisen im Feuer, und es bestand kein Zweifel darüber, dass er Reichtum und Freiheit mit den Piraten einem bloßen Entkommen vom Galgen vorziehen würde, denn mehr hatte er auf unserer Seite nicht zu erhoffen. Andererseits mussten wir immer auf der Hut sein vor seinen Kumpanen.

Dazu kam noch, dass ich das Verhalten meiner Freunde nicht verstand, ihren Auszug aus dem Blockhaus und ihr Verzicht auf die Karte.

Schließlich zogen wir los. Alle - außer mir - waren bis an die Zähne bewaffnet. Silver hatte sich zwei Gewehre umgehängt. Dazu trug er im Gürtel ein großes Entermesser und in jeder Tasche seines langen Rockes eine Pistole. Kapitän Flint saß auf seiner Schulter und plapperte lauter sinnloses Zeug.

Mir hatte man einen Strick um den Leib gebunden, und so musste ich Silver folgen, der den Strick mal in der Hand, mal zwischen seinen Zähnen hielt.

Die übrigen Männer trugen Hacken und Schaufeln, Fleisch, Zwieback und Branntwein. Wir gingen zum Strand, wo die beiden Boote auf uns warteten. Während wir ruderten, diskutierten die Männer über die Karte. Das Kreuz war zu ungenau eingezeichnet, und die Angaben auf der Rückseite konnte man verschieden auslegen. Sie waren sich einig, dass ein hoher Baum das wichtigste Merkmal sei.

Gerade vor uns wurde der Ankerplatz von einem zwei- bis dreihundert Fuß hohen Plateau begrenzt, an das sich im Norden der Fernrohr-Berg anschloss. Dieses Plateau war mit Fichten bestanden, die unterschiedlich hoch waren. Welche davon der ‚hohe Baum' des Kapitän Flint war, ließ sich nur an Ort und Stelle mit einem Kompass entscheiden.

An Land angekommen, machten wir uns auf den Weg zum Plateau. Plötzlich schrie einer der Männer auf. Als wir zu ihm kamen, sahen wir, dass er ein Skelett entdeckt hatte. Silver fand, dass die Knochen seltsam angeordnet dalagen, nicht natürlich. Der Mann lag vollkommen gerade da: Seine Füße deuteten nach der einen, seine Hände, die wie bei einem Taucher über den Kopf gestreckt waren, genau nach der entgegen gesetzten Seite.

Da bemerkte Silver: "Mir kommt ein Gedanke! Das ist der Kompass! Dort ist die Spitze der Skelettinsel, die wie ein Zahn emporragt. Nun peilt doch einmal genau an den Knochen entlang!

Das habe ich mir gedacht!", rief der Koch. "Das hier ist der Wegweiser. Hier gerade hinauf geht es zu den lustigen Goldstücken. Aber mir wird ganz kalt bei dem Gedanken, dass Flint hier allein mit den sechs Männern war, die er alle umgebracht hat. Diesen hier hat er als Kompass hingelegt."

Die Männer wunderten sich darüber, dass bei dem Skelett kein Messer, kein Penny, keine Tabaksdose, einfach nichts zu finden war. Sie sprachen über Flint und schließlich brachen wir wieder auf. Allerdings hatte der Schreck vor dem toten Matrosen den Männern die Unbekümmertheit genommen, und sie liefen nun alle zusammen und sprachen nur noch mit gedämpfter Stimme.

Die Stimme unter den Bäumen

Als wir das Plateau erreicht hatten, setzten wir uns nieder. Man hatte einen wunderbaren Ausblick nach allen Seiten. Silver nahm Messungen mit dem Kompass vor. "Es gibt drei hohe Bäume in der geraden Linie von der Skelettinsel her", sagte er.

" ‚Abhang des Fernrohrs' wird der niedrigere Punkt dort sein. Jetzt ist es ein Kinderspiel, das Zeug zu finden."

Bevor wir uns auf den Weg machen wollten, sollte jeder noch etwas essen, meinte Silver. Die Männer sprachen dabei wieder von Flint und welch ein Teufel er gewesen sei. Seit sie das Skelett gefunden hatten, sprachen sie ganz leise. Jetzt flüsterten sie fast nur noch.

Ganz plötzlich drang mitten aus den Bäumen vor uns eine dünne, hohe und zitternde Stimme, die das wohlbekannte Lied anstimmte: "Fünfzehn Mann auf des toten Mannes Kiste, jo-ho, jo-ho - und 'ne Buddel voll Rum!"

Nie habe ich Menschen gesehen, die so zu Tode erschrocken waren wie die Piraten. Alle Farbe wich aus ihren Gesichtern. Einige sprangen in die Höhe, andere klammerten sich an den Nebenmann. Morgan warf sich zu Boden.

"Das war Flint!", rief Merry.

Der Gesang war so plötzlich zu Ende, wie er begonnen hatte.

"Vorwärts", sagte Silver und brachte das Wort nur mühsam zwischen den aschgrauen Lippen hervor. "Ich kenne die Stimme nicht, aber es ist sicher jemand, der uns foppen will, jemand der aus Fleisch und Blut besteht. Darauf könnt ihr euch verlassen."

Als alle langsam wieder Mut schöpften, erklang die Stimme erneut, diesmal aber nicht mit Gesang, sondern mit einem schwachen, fernen Rufen: "Darby M' Graw! Darby M' Graw! Bring den Rum nach hinten, Darby!"

Die Seeräuber blieben wie angewurzelt stehen. Ihre Augen traten ihnen fast aus den Höhlen. "Jetzt steht es fest!", keuchte einer. "Verschwinden wir!"

"Das waren Flints letzte Worte", stöhnte Morgan, "seine letzten Worte, die er an Bord gesprochen hat."

Ich konnte Silvers Zähne klappern hören, aber er hatte noch nicht aufgegeben. Er rief mit großer Anstrengung: "Kameraden, ich bin hier, um dieses Zeug zu holen. Ich lasse mich weder von einem Menschen noch von einem Teufel vertreiben. Ich habe mich nie vor Flint gefürchtet, solange er noch lebte, und bei allen Teufeln, ich werde ihm auch tot gegenübertreten. Siebenhunderttausend Pfund liegen keine Viertelmeile von hier vergraben. Wann hat jemals ein Glücksritter so vielen Goldstücken den Rücken zugekehrt wegen eines betrunkenen, alten Seemannes, der dazu auch noch tot ist."

Aber seine Gefährten waren so entsetzt, dass sie am liebsten nach allen Richtungen davon gelaufen wären, wenn sie sich getraut hätten.

Silver aber hatte seine Furcht fast überwunden. "Ein Geist? Das war Ben Gunn! Bei allen Teufeln!" "Ja, der war es!" rief Morgan.

"Das ist kein großer Unterschied", meinte ein anderer. "Ben Gunn ist genauso wenig leibhaftig hier wie Flint."

"Niemand kümmert sich um Ben Gunn", rief Merry. "Tot oder lebendig, wen kümmert das?"

Es war erstaunlich, wie schnell die Männer ihren Mut wieder fanden. Wir machten uns erneut auf den Weg. Schließlich erreichten wir den ersten der hohen Bäume. Eine Peilung bewies, dass es der falsche war. So ging es auch mit dem zweiten. Der dritte war ein Riese von einem Baum.

Da nun alle wussten, dass er der richtige ist, leuchteten ihre Augen, und ihre Füße bewegten sich schneller. Silver humpelte auf seiner Krücke. Er zog wütend an dem Strick, mit dem ich an ihn gefesselt war. Wenn er sich zu mir umdrehte, erschrak ich vor seinem Blick. Dieser zeigte mir, dass er in der unmittelbaren Nähe des Geldes alles vergessen hatte: sein Versprechen und die Warnung des Doktors. Ich zweifelte nicht daran, dass er jedem ehrlichen Mann auf dieser Insel die Kehle durchschneiden würde, um mit dem Gold davon zu segeln, wie er es von Anfang an geplant hatte.

Jetzt waren wir beim Dickicht angelangt "Hurra, Kameraden!", schrie Merry, und die ersten Männer begannen zu rennen. Plötzlich, keine zehn Schritte weiter, blieben sie stehen. Ein leiser Schrei erklang. Silver verdoppelte sein Tempo. Im nächsten Augenblick hielten er und ich ebenfalls an.

Vor uns lag eine tiefe Grube. Sie war nicht erst jetzt ausgehoben worden, denn die Ränder waren herunter gebrochen, und auf dem Boden wuchs bereits wieder Gras. In der Grube lag der zerbrochene Stiel einer Spitzhacke, daneben waren Kistenbretter verstreut. Auf einem stand der Name von Flints Schiff: "Walross".

Damit war alles klar: Man hatte das Versteck entdeckt und ausgeplündert. Die siebenhunderttausend Pfund waren verschwunden.

Silvers Sturz

Noch niemals auf dieser Welt hat es eine solche Enttäuschung gegeben. Jeder der sechs Männer stand wie vom Schlag getroffen.

Silver fand schnell seine Fassung wieder. "Jim", flüsterte er, "nimm das und halt die Augen offen." Damit reichte er mir eine doppelläufige Pistole. Ich war empört darüber, dass er nun wieder freundlich zu mir war, weil er mich brauchte.

Die Männer sprangen in die Grube und begannen, mit den Händen in der Erde herumzuwühlen. Morgan fand ein einziges Goldstück. Voller Wut auf Silver krochen sie aus der Grube heraus, zum Glück für uns auf der gegenüberliegenden Seite. So standen wir nun, zwei auf der einen und fünf auf der anderen Seite.

"Kameraden", begann Merry, "dort drüben stehen uns zwei allein gegenüber. Der eine ist ein Krüppel, der uns ins Unglück geführt hat, und der andere ein Junge, dem ich das Herz ausreißen werde. Nun, Kameraden -"

Er hob seinen Arm, aber in diesem Augenblick krachten und blitzten aus dem Dickicht drei Musketen. Merry und ein anderer Meuterer stürzten getroffen zu Boden. Die übrigen drei machten kehrt und rannten davon.

Der Doktor, Grey und Ben Gunn traten mit rauchenden Gewehren unter den Bäumen hervor. "Herzlichen Dank, Doktor", sagte Silver, "Ihr seid für mich und Hawkins gerade im letzten Moment erschienen. Du bist es also wirklich, Ben Gunn!", fügte er hinzu.

"Ja, ich bin Ben Gunn, ja", erwiderte der Ausgesetzte. "Wie geht' s, Mister Silver?"

"Ben, Ben", murmelte der lange John, "wenn ich daran denke, wie du mich reingelegt hast!"

Gemeinsam gingen wir zum Liegeplatz der Boote, und der Doktor erzählte mit kurzen Worten, was sich zugetragen hatte. Ben hatte auf seinen langen, einsamen Wanderungen über die Insel das Skelett gefunden und plünderte es aus. Er fand auch den Schatz und grub ihn aus. Auf seinem Rücken trug er ihn in vielen mühseligen Wegen vom Fuß der hohen Fichte zu einer Höhle, die er entdeckt hatte.

Als der Doktor dieses Geheimnis am Nachmittag nach dem Angriff von ihm erfahren hatte und am nächsten Morgen den Ankerplatz verlassen fand, da war er zu Silver gegangen und hatte ihm die Karte gegeben, die nun wertlos war. Er hatte ihm auch die Vorräte überlassen, denn Ben Gunns Höhle war mit eingesalzenem Ziegenfleisch gut versorgt.

Als der Doktor am Morgen erfuhr, dass Silver und seine Leute den Schatz suchen wollen, ließ er den Baron als Wache beim Kapitän zurück und machte sich mit Grey und dem Ausgesetzten auf den Weg. Als sie merkten, dass sie nicht vor uns an der Stelle, wo Flint den Schatz vergraben hatte, sein konnten, schickte er Ben Gunn voraus, der sehr flink zu Fuß war. Diesem war es dann eingefallen, seine alten Schiffskameraden mit seiner Stimme zu erschrecken.

Inzwischen waren wir bei den Booten angekommen. Der Doktor machte eins mit einer Spitzhacke unbrauchbar. Mit dem anderen fuhren wir um die Insel herum zur Nordeinfahrt. Als wir an dem Berg mit den zwei Gipfeln vorüber fuhren, konnten wir den schwarzen Eingang zu Ben Gunns Höhle erkennen. Davor stand der Baron, auf eine Muskete gestützt. Wir winkten ihm mit einem Taschentuch.

Drei Meilen weiter, genau in der Mündung der Nordeinfahrt, begegneten wir der ‚Hispaniola', die ganz allein umherkreuzte. Die letzte Flut hatte sie in die Höhe gehoben. Wir machten sie mit einem anderen Anker fest, und Grey blieb an Bord, um die Nacht als Wache zu verbringen.

Ein leicht ansteigender Weg führte vom Strand zum Eingang der Höhle. Davor empfing uns der Baron. Zu mir war er herzlich und freundlich und sprach kein Wort von meiner Flucht.

Zu Silver sagte er: "John Silver, Ihr seid ein ungeheurer Schurke und Betrüger. Man hat mich ersucht, nichts gegen Euch zu unternehmen. Gut, ich werde es nicht tun. Aber die Toten werden wie Mühlsteine an Eurem Hals hängen."

"Herzlichen Dank, Sir", erwiderte der lange John und salutierte.

Darauf betraten wir alle die Höhle. Es war ein großer, luftiger Raum mit einer kleinen Quelle und einem Teich voll klarem Wasser, der von Farnsträuchern umgeben war. Der Boden war mit Sand bedeckt. Vor einem großen Feuer lag Kapitän Smollett.

In einer entfernten Ecke, die nur manchmal vom Feuerschein erhellt wurde, sah ich einen großen Haufen von Münzen und aufgeschichteten Goldbarren. Das war also Flints Schatz, den zu suchen wir so weit her gekommen waren und der bereits siebzehn Männern der ‚Hispaniola' das Leben gekostet hatte.

Ich durfte nicht daran denken, wie viel Blut und Leid es gekostet hatte, ihn zusammen zu tragen. Wie viele gute Schiffe lagen wegen ihm auf dem Grund des Meeres, wie viele tapfere Männer waren wegen ihm tot. Aber es gab noch immer drei Männer auf dieser Insel, die an diesen Verbrechen beteiligt waren - Silver, der alte Morgan und Ben Gunn. Jeder von ihnen hatte gehofft, einen Anteil vom Schatz zu bekommen.

Der Kapitän begrüßte mich freundlich, meinte aber, dass er sicher nicht noch einmal mit mir zur See fahren wird. Dann sagte er: "Seid Ihr das, John Silver? Was führt Euch hierher?"

"Melde mich zurück zum Dienst, Käpt'n", erwiderte der.

Was war das für ein herrliches Abendessen im Kreise meiner Freunde! Silver beteiligte sich an unseren Späßen und sprang dienstbeflissen auf, wenn etwas fehlte. Er war wie zu Beginn unserer Reise ein höflicher, diensteifriger Seemann.

Das gute Ende

Am nächsten Morgen gingen wir zeitig an die Arbeit, denn der Transport dieser großen Mengen Gold ,fast eine halbe Meile weit bis zur Küste und dann drei Meilen weit im Boot bis zur ‚Hispaniola', war eine schwere Aufgabe für so wenige Männer. Die drei Piraten, die sich noch auf der Insel befanden, störten uns wenig. Eine einzige Wache reichte aus, uns vor einem Überfall zu schützen.

Die Arbeit ging gut voran. Grey und Ben Gunn fuhren mit dem Boot hin und her. Die Übrigen transportierten den Schatz an Land. Ich selbst verpackte in der Höhle die Münzen aus den unterschiedlichsten Ländern in Zwiebacksäcke. Ich glaube, fast alle Geldsorten der Welt hatten in dieser Sammlung ihren Platz gefunden.

Tag für Tag wurde diese Arbeit fortgesetzt. An jedem Abend war wieder ein Vermögen an Bord verstaut worden.

Während dieser ganzen Zeit hörten wir nichts von den drei überlebenden Meuterern. Nur an einem Abend drang ein betrunkenes Singen an unsere Ohren und an einem späteren Tag hörten wir einen Gewehrschuss. Wahrscheinlich waren sie auf der Jagd. Wir hielten eine Beratung und beschlossen, sie auf der Insel zurück zu lassen. Wir ließen für sie einen reichlichen Vorrat an Pulver und Kugeln zurück, ebenso den größten Teil des gesalzenen Ziegenfleisches, einige Medikamente und andere notwendige Dinge wie Werkzeuge, Kleidung, Stricke sowie eine gute Portion Tabak.

Silver wurde von uns allen mit Verachtung behandelt. Es war erstaunlich, wie er das ertrug und mit welch unermüdlicher Höflichkeit er versuchte, sich bei uns allen wieder einzuschmeicheln. Nur Ben Gunn hatte noch immer Angst vor ihm.

Dann war unsere Arbeit auf der Insel beendet. Der Schatz war verstaut, genügend Wasser und der Rest des Ziegenfleisches waren an Bord gebracht.

An einem schönen Morgen lichteten wir den Anker. Wir erkannten bald, dass uns die drei Kerle, die wir zurückließen, doch genau beobachtet hatten. Wir sahen sie auf einer Landzunge im Sand knien mit bittend erhobenen Armen. Es ging uns allen sehr nahe, sie so zu sehen, aber wir konnten sie nicht mitnehmen und noch einmal eine Meuterei riskieren. Der Doktor rief ihnen noch zu, wo sie die Vorräte finden konnten, die wir zurückgelassen hatten. Einer von ihnen gab einen Schuss auf unser Schiff ab.

Wir waren so knapp an Leuten, dass jeder an Bord mit Hand anlegen musste. Nur der Kapitän lag auf einer Matratze im Achterdeck und gab seine Befehle. Wir nahmen Kurs auf den nächsten Hafen in Südamerika, denn ohne neue Matrosen konnten wir die Heimreise nicht wagen.

Als wir in einer schönen Bucht vor Anker gingen, waren wir alle von ein paar kräftigen Stürmen total erschöpft. Aber sofort wurden wir von Negern, mexikanischen Indianern und Mischlingen in ihren kleinen Booten umringt. Sie wollten uns Früchte und Gemüse verkaufen und Münzen tauschen. Der Anblick so vieler gutmütiger Gesichter tat wohl.

Der Doktor und der Baron nahmen mich mit an Land, und wir verbrachten den Abend mit dem Kapitän eines englischen Kriegsschiffes.

Als wir wieder an Bord unseres Schiffes kamen, befand sich Ben Gunn allein an Deck. Verlegen begann er ein Geständnis abzulegen. Silver war geflohen, und er hatte ihm in einem Ruderboot zur Flucht verholfen. Er versicherte uns, er habe es nur getan, um unser Leben zu retten, das ansonsten sicher in Gefahr gewesen wäre.

Aber das war noch nicht alles. Der Schiffskoch war nicht mit leeren Händen gegangen. Er hatte einen der Säcke mit Goldstücken im Wert von ungefähr drei- oder vierhundert Guineen entwendet.

Ich glaube, wir waren alle froh, ihn so losgeworden zu sein.

Um es kurz zu machen: Wir heuerten einige Matrosen an und hatten eine gute Heimfahrt. Jeder von uns erhielt einen reichlichen Anteil von dem Schatz und verwandte ihn seiner Veranlagung entsprechend.

Kapitän Smollett fährt jetzt nicht mehr zur See.

Grey hat sein Geld gespart. Er ist jetzt Maat und Teilhaber eines schönen Schiffes. Dazu hat er geheiratet und ist Vater geworden.

Ben Gunn erhielt tausend Pfund, die er in neunzehn Tagen verjubelte. Am zwanzigsten Tag kam er bettelnd zurück, und man machte ihn zu einem Portier. Die Dorfjugend liebt ihn und er ist ein beachtlicher Sänger in der Kirche.

Von Silver haben wir nichts mehr gehört.

Die Silberbarren und die Waffen liegen, soviel ich weiß, noch immer dort, wo Flint sie vergraben hat. Dort mögen sie meinetwegen auch bleiben. Um keinen Preis der Welt würde ich auf jene verfluchte Insel zurückkehren. Es sind meine schlimmsten Träume, wenn ich die Brandung höre, wie sie gegen die Küste donnert, oder die kreischende Stimme von Kapitän Flint, die ruft: "Goldstücke! Goldstücke! Goldstücke!"

Der Klassiker DIE SCHATZINSEL von Robert Louis Stevenson (1850-1894) wurde von Birgit Weiße für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Georges Roux (1850 - 1929) hergestellt.


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