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Lesekorb - Das Web-Magazin für Kinder

Heidis Lehr- und Wanderjahre

von Johanna Spyri

Zum Alm-Öhi hinauf

Vom freundlichen Dorfe Maienfeld führt ein Fußweg durch grüne, baumreiche Fluren bis zum Fuße der Höhen. Sie schauen von dieser Seite groß und ernst auf das Tal hernieder. Wo der Fußweg anfängt, beginnt bald Heideland. Mit dem kurzen Gras und den kräftigen Bergkräutern duftet es dem Kommenden entgegen. Der Fußweg geht steil und direkt zu den Alpen hinauf.

Auf diesem schmalen Bergpfad stieg am hellen, sonnigen Junimorgen ein großes, kräftig aussehendes Mädchen, das aus dieser Gegend stammte, hinauf. Es führte ein Kind an der Hand, dessen Wangen so glühten, dass selbst die sonnenverbrannte, völlig braune Haut des Kindes flammend rot leuchtete. Es war auch kein Wunder: Das Kind war trotz der heißen Junisonne so verpackt, als hätte es sich gegen bitteren Frost zu schützen. Das kleine Mädchen mochte kaum fünf Jahre alt sein. Seine natürliche Gestalt war aber kaum zu erkennen, denn es hatte zwei, wenn nicht drei Kleider übereinander angezogen und darüber ein großes, rotes Baumwolltuch um gebunden. So stellte die kleine Person eine völlig formlose Figur dar. Die Füße in schwere, mit Nägeln beschlagene Bergschuhe gesteckt, arbeitete es sich heiß und mühsam den Berg hinauf. Eine Stunde vom Tal aufwärts mochten die beiden gestiegen sein, als sie zu dem Weiler kamen. Der liegt auf halber Höhe der Alm und heißt ›im Dörfli‹. Hier wurden die Wandernden fast von jedem Hause aus angerufen, einmal vom Fenster, einmal von einer Haustür und einmal vom Wege her. Denn das Mädchen war in seinem Heimatort angelangt. Es machte aber nirgends Halt, sondern erwiderte alle zugerufenen Grüße und Fragen im Vorbeigehen. Es blieb nicht stehen, bis es am Ende des Weilers bei dem letzten der zerstreuten Häuschen angelangt war. Hier rief es aus einer Tür: "Wart einen Augenblick, Dete, ich komme mit, wenn du weiter hinaufgehst."

Die Angeredete stand still; sofort machte sich das Kind von ihrer Hand los und setzte sich auf den Boden.

"Bist du müde, Heidi?", fragte die Begleiterin.

"Nein, es ist mir heiß", entgegnete das Kind.

"Wir sind jetzt gleich oben. Du musst dich nur noch ein wenig anstrengen und große Schritte machen, dann sind wir in einer Stunde oben", ermunterte die Gefährtin.

Jetzt trat eine breite, gutmütig aussehende Frau aus der Tür und gesellte sich zu den beiden. Das Kind war aufgestanden und wanderte nun hinter den zwei alten Bekannten her. Die kamen sofort in ein lebhaftes Gespräch über allerlei Bewohner des ›Dörfli‹ und der Umgebung.

"Aber wohin willst du eigentlich mit dem Kind, Dete?", fragte jetzt die neu Hinzugekommene. "Es wird wohl das Kind deiner Schwester sein, das hinterlassene."

"Das ist es", erwiderte Dete, "ich will mit ihm hinauf zum Öhi, es muss dort bleiben."

"Was, beim Alm-Öhi soll das Kind bleiben? Du bist, denk ich, nicht recht bei Verstand, Dete! Wie kannst du so etwas tun! Der Alte wird dich aber schon heimschicken mit deinem Vorhaben!"

"Das kann er nicht, er ist der Großvater. Er muss nun etwas tun. Ich habe das Kind bis jetzt gehabt, und das kann ich dir schon sagen, Barbel, dass ich eine Arbeitsstelle wie die, die ich jetzt haben kann, nicht um des Kindes willen ablehne. Jetzt soll der Großvater das Seinige tun."

"Ja, wenn der wäre wie andere Leute, dann schon", bestätigte die kleine Barbel eifrig. "Aber du kennst ja den. Was wird der mit einem Kind anfangen noch dazu mit einem so kleinen! Das hält's nicht aus bei ihm! Aber wo willst du denn hin?"

"Nach Frankfurt", erklärte Dete, "da bekomm ich eine extragute Stelle. Die Herrschaft war schon im vorigen Sommer unten im Bad, ich habe ihre Zimmer auf meinem Gang gehabt und sie versorgt. Schon damals wollten sie mich mitnehmen, aber ich konnte nicht fort gehen. Jetzt sind sie wieder da und wollen mich mitnehmen, und ich will auch gehen, da kannst du sicher sein."

"Ich möchte nicht das Kind sein!", rief die Barbel mit abwehrender Gebärde aus. "Es weiß ja kein Mensch, was mit dem Alten da oben ist! Mit keinem Menschen will er etwas zu tun haben. Jahraus, Jahr ein setzt er keinen Fuß in eine Kirche. Und wenn er mit seinem dicken Stock im Jahr einmal herunterkommt, so weicht ihm alles aus und muss sich vor ihm fürchten. Mit seinen dicken grauen Augenbrauen und dem furchtbaren Bart sieht er auch aus wie ein alter Heide und Indianer. Da ist man froh, wenn man ihm nicht allein begegnet."

"Und wenn auch", sagte Dete trotzig, "er ist der Großvater und muss für das Kind sorgen. Er wird ihm wohl nichts tun, sonst hat er das zu verantworten, nicht ich."

"Ich möchte nur wissen", sagte die Barbel forschend, "was der Alte auf dem Gewissen hat, dass er solche Augen macht und so mutterseelenallein da droben auf der Alm bleibt und sich fast nie blicken lässt. Man sagt allerhand von ihm; du weißt doch gewiss auch etwas davon, von deiner Schwester, nicht, Dete?"

"Freilich, aber ich rede nicht; wenn er's hörte, so hätte ich nichts zu lachen!"

Aber die Barbel hätte schon lange gern gewusst, wie es sich mit dem Alm-Öhi verhalte. Warum er so menschenfeindlich aussehe und da oben ganz allein wohne. Und warum die Leute immer so hinter vorgehaltener Hand von ihm redeten, als fürchteten sie sich, gegen ihn zu sein, und wollten doch nicht für ihn sein. Auch wusste die Barbel gar nicht, warum der Alte von allen Leuten im Dörfli der Alm-Öhi genannt wurde, Er konnte doch nicht der wirkliche Onkel von sämtlichen Bewohnern sein; da aber alle ihn so nannten, tat sie es auch und nannte den Alten nie anders als Öhi. Das steht in der Sprache der Gegend für Onkel. Die Barbel hatte erst vor kurzer Zeit ins Dörfli hinauf geheiratet. Vorher hatte sie unten im Prättigau gewohnt, und so war sie noch nicht so ganz bekannt mit allen Erlebnissen und besonderen Persönlichkeiten aller Zeiten vom Dörfli und der Umgegend. Die Dete, ihre gute Bekannte, war dagegen im Dörfli geboren und hatte da mit ihrer Mutter bis vor einem Jahr gelebt; da war diese gestorben, und die Dete war nach dem Bade Ragaz hinübergezogen, wo sie im großen Hotel als Zimmermädchen einen guten Verdienst fand. Sie war auch an diesem Morgen mit dem Kinde von Ragaz hergekommen; bis Maienfeld hatte sie auf einem Heuwagen fahren können, auf dem ein Bekannter von ihr heimfuhr und sie und das Kind mitnahm. - Die Barbel wollte also diesmal die gute Gelegenheit, etwas zu vernehmen, nicht ungenutzt vergehen lassen; sie fasste vertraulich die Dete am Arm und sagte: "Von dir kann man doch vernehmen, was wahr ist und was die Leute darüber hinaus sagen; du weißt, denk ich, die ganze Geschichte. Sag mir jetzt ein wenig, was mit dem Alten ist und ob der immer so gefürchtet und ein solcher Menschenhasser war."

"Ob er immer so war, kann ich, denk ich, nicht genau wissen. Ich bin jetzt sechsundzwanzig und er sicher siebzig Jahr alt. So habe ich ihn nicht gesehen, als er jung war, das wirst du nicht erwarten. Wenn ich aber wüsste, dass es nachher nicht im ganzen Prättigau herumkäme, so könnte ich dir schon allerhand erzählen von ihm; meine Mutter war aus dem Domleschg und er auch."

"A bah, Dete, was meinst denn?", gab die Barbel ein wenig beleidigt zurück; "es wird nicht so viel getratscht im Prättigau. Und dann kann ich schon etwas für mich behalten, wenn es sein muss. Erzähl mir's jetzt, du wirst es nicht bereuen."

"Ja nu, so will ich, aber halt Wort!", mahnte die Dete. Erst sah sie sich aber um, ob das Kind nicht zu nah sei und alles anhöre, was sie sagen wollte. Aber das Kind war gar nicht zu sehen, es musste schon seit einiger Zeit den beiden Begleiterinnen nicht mehr gefolgt sein. Diese hatten es aber im Eifer der Unterhaltung nicht bemerkt. Dete stand still und schaute sich überall um. Der Fußweg machte einige Krümmungen, doch konnte man ihn fast bis zum Dörfli hinunter übersehen. Es war aber niemand darauf zu sehen.

"Jetzt seh ich's", erklärte die Barbel; "siehst du dort?", und sie wies mit dem Zeigefinger weitab vom Bergpfad. "Es klettert die Abhänge hinauf mit dem Geißenpeter und seinen Geißen. Warum der heut so spät hinaufgeht mit seinen Tieren? Es ist aber gerade recht, er kann nun nach dem Kinde sehen, und du kannst mir umso besser erzählen."

"Mit dem Nach-ihm-Sehen muss sich der Peter nicht anstrengen", bemerkte die Dete; " das Kind ist nicht dumm für seine fünf Jahre, es macht seine Augen auf und sieht, was vorgeht, das hab ich schon bemerkt an ihm. Das wird ihm einmal zugute kommen, denn der Alte hat nur noch seine zwei Geißen und die Almhütte."

"Hat er denn einmal mehr gehabt?", fragte die Barbel.

"Der? Ja, das denk ich, dass er einmal mehr gehabt hat", entgegnete eifrig die Dete; "eins der schönsten Bauerngüter im Domleschg hat er gehabt. Er war der ältere Sohn und hatte nur noch einen Bruder, der war still und ordentlich. Aber der Ältere wollte nichts tun, als den Herrn spielen und im Lande herumfahren und sich mit schlechter Gesellschaft umgeben die niemand kannte. Den ganzen Hof hat er verspielt und verzecht, und wie es herauskam, da sind sein Vater und seine Mutter nacheinander gestorben vor lauter Gram. Und der Bruder, der nun auch am Bettelstab war, ist vor Verdruss in die Welt hinaus, es weiß kein Mensch wohin, und der Öhi selber, als er nichts mehr hatte als einen bösen Namen, ist auch verschwunden. Erst wusste niemand wohin, dann vernahm man, er sei zum Militär gegangen nach Neapel, und dann hörte man nichts mehr von ihm zwölf oder fünfzehn Jahre lang. Dann auf einmal erschien er wieder im Domleschg mit einem halb erwachsenen Buben und wollte diesen beider Verwandtschaft unterbringen. Aber es schlossen sich alle Türen vor ihm, und keiner wollte mehr etwas von ihm wissen. Das erbitterte ihn sehr; er sagte, ins Domleschg setze er keinen Fuß mehr, und dann kam er hierher ins Dörfli und lebte da mit dem Buben. Die Frau muss eine Bündnerin gewesen sein, die er dort unten getroffen und dann bald wieder verloren hatte. Er musste noch etwas Geld haben, denn er ließ den Buben, den Tobias, ein Handwerk erlernen, Zimmermann. Tobias war ein ordentlicher Mensch und wohlgelitten bei allen Leuten im Dörfli. Aber dem Alten traute keiner, man sagte auch, er sei von Neapel desertiert, es wäre ihm sonst schlimm gegangen, denn er habe einen erschlagen, natürlich nicht im Krieg, verstehst du, sondern bei einer Schlägerei. Wir erkannten aber die Verwandtschaft an, da die Großmutter meiner Mutter und seine Großmutter Schwestern waren. So nannten wir ihn Öhi. Und da wir fast mit allen Leuten im Dörfli wieder verwandt sind vom Vater her, so nannten ihn diese alle auch Öhi, und seit er dann auf die Alm hinaufgezogen war, hieß er eben nur noch der ›Alm-Öhi‹."

"Aber wie ist es dann mit dem Tobias gegangen?", fragte gespannt die Barbel.

"Wart nur, das kommt schon, ich kann nicht alles auf einmal sagen", erklärte Dete. "Also der Tobias war in der Lehre draußen in Mels, und sowie er fertig war, kam er heim ins Dörfli und nahm meine Schwester zur Frau, die Adelheid, denn sie hatten sich schon immer gern gehabt. Und auch als sie nun verheiratet waren, verstanden sie sich sehr gut miteinander. Aber es ging nicht lange. Schon zwei Jahre nachher, als er an einem Hausbau mithalf, fiel ein Balken auf ihn herunter und erschlug ihn. Und als man den toten Mann nach Hause brachte, da fiel die Adelheid vor Schrecken und Leid in ein heftiges Fieber von dem sie sich nicht mehr erholte .Sie war nicht sehr kräftig und hatte manchmal so merkwürdige Zustände gehabt, dass man nicht recht wusste, schlief sie oder war sie wach. Nur ein paar Wochen, nachdem der Tobias tot war, begrub man auch die Adelheid. Da sprachen alle Leute weit und breit von dem traurigen Schicksal der beiden, und leise und laut sagten sie, das sei die Strafe, die der Öhi verdient habe für sein gottloses Leben. Auch ihm selbst wurde es gesagt und auch der Herr Pfarrer redete ihm ins Gewissen, er sollte doch jetzt Buße tun; aber er wurde nur immer grimmiger und verstockter und redete mit niemandem mehr, es ging ihm auch jeder aus dem Wege. Auf einmal hieß es, der Öhi sei auf die Alm hinaufgezogen und komme gar nicht mehr herunter, und seither ist er dort und lebt mit Gott und Menschen im Unfrieden. Das kleine Kind der Adelheid nahmen wir zu uns, die Mutter und ich; es war ein Jahr alt. Wie nun im letzten Sommer die Mutter starb und ich im Bad drunten etwas verdienen wollte, nahm ich es mit und gab es der alten Ursel oben im Pfäfferserdorf in die Kost. Ich konnte auch im Winter im Bad bleiben, es gab allerhand Arbeit, weil ich zu nähen und flicken verstehe, und früh im Frühling kam die Herrschaft aus Frankfurt wieder, die ich voriges Jahr bedient hatte und die mich mitnehmen will; übermorgen reisen wir ab, und der Dienst ist gut, das kann ich dir sagen."

"Und dem Alten da droben willst du nun das Kind übergeben? Es wundert mich sehr, was du denkst, Dete", sagte die Barbel vorwurfsvoll.

"Was meinst du denn?", gab Dete zurück. "Ich habe für das Kind alles getan, was ich konnte, und was sollte ich denn mit ihm machen? Ich denke, ich kann ein Kind, das erst fünf Jahre alt wird, nicht mit nach Frankfurt nehmen. Aber wohin gehst du eigentlich, Barbel, wir sind ja schon halbwegs auf der Alm?"

"Ich bin auch gleich da, wo ich hin muss", entgegnete die Barbel; "ich habe mit der Geißenpeterin zu reden, sie spinnt Wolle für mich im Winter. So leb wohl, Dete, mit Glück!"

Dete reichte der Begleiterin die Hand und blieb stehen, während diese auf die kleine, dunkelbraune Almhütte zuging, die einige Schritte seitwärts vom Pfad in einer Mulde stand, wo sie vor dem Bergwind ziemlich geschützt war. Die Hütte stand auf der halben Höhe der Alm, vom Dörfli aus gerechnet, und dass sie in einer kleinen Vertiefung des Berges stand, war gut, denn sie sah so baufällig und verfallen aus, dass es auch so noch gefährlich sein musste darin zu wohnen, wenn der Föhnwind so mächtig über die Berge strich. Dann klapperte alles an der Hütte, Türen und Fenster, und alle die morschen Balken zitterten und krachten. Hätte die Hütte an solchen Tagen oben auf der Alm gestanden, sie wäre unverzüglich ins Tal hinabgeweht worden.

Hier wohnte der Geißenpeter, der elfjährige Bube, der jeden Morgen unten im Dörfli die Geißen holte, um sie hoch auf die Alm hinauf zu treiben, und sie da die kurzen kräftigen Kräuter fressen zu lassen bis zum Abend; dann sprang der Peter mit den leichtfüßigen Tierchen wieder herunter, tat, im Dörfli angekommen, einen schrillen Pfiff durch die Finger, und jeder Besitzer holte seine Geiß auf dem Platz. Meistens kamen kleine Buben und Mädchen, denn die friedlichen Geißen waren nicht zu fürchten. Das war denn den ganzen Sommer durch die einzige Zeit am Tage, da der Peter mit seinesgleichen verkehrte; sonst lebte er nur mit den Geißen. Er hatte zwar daheim seine Mutter und die blinde Großmutter; aber da er immer am Morgen sehr früh fort musste und am Abend vom Dörfli spät heimkam, weil er sich da noch so lange als möglich mit den Kindern unterhalten musste, so verbrachte er daheim nur gerade so viel Zeit, um am Morgen seine Milch und Brot und am Abend eben dasselbe hinunterzuschlucken und dann sich aufs Ohr zu legen und zu schlafen. Sein Vater, der auch schon der Geißenpeter genannt worden war, weil er in früheren Jahren in demselben Berufe gestanden hatte, war vor einigen Jahren beim Holzfällen verunglückt. Seine Mutter, die zwar Brigitte hieß, wurde von jedermann um des Zusammenhangs willen die Geißenpeterin genannt, und die blinde Großmutter kannten weit und breit Alt und Jung nur unter dem Namen Großmutter.

Die Dete hatte wohl zehn Minuten gewartet und sich nach allen Seiten umgesehen, ob die Kinder mit den Geißen noch nirgends zu sehen seien; als dies aber nicht der Fall war, so stieg sie noch ein wenig höher, wo sie besser die ganze Alm bis hinunter übersehen konnte, und guckte nun von hier aus bald dahin, bald dorthin mit Zeichen großer Ungeduld auf dem Gesicht und in den Bewegungen. Unterdessen rückten die Kinder auf einem großen Umwege heran, denn der Peter wusste viele Stellen, wo allerhand Gutes an Sträuchern und Gebüschen für seine Geißen zu nagen war; darum machte er mit seiner Herde vielerlei Wendungen auf dem Wege. Erst war das Kind mühsam nachgeklettert, in seiner schweren Kleidung vor Hitze und Unbequemlichkeit keuchend und alle Kräfte anstrengend. Es sagte kein Wort, blickte aber unverwandt bald auf den Peter, der mit seinen nackten Füßen und leichten Höschen ohne alle Mühe hin und her sprang, bald auf die Geißen, die mit den dünnen, schlanken Beinchen noch leichter über Busch und Stein und steile Abhänge hinaufkletterten. Auf einmal setzte das Kind sich auf den Boden nieder, zog mit großer Schnelligkeit Schuhe und Strümpfe aus, stand wieder auf, zog sein rotes, dickes Halstuch weg, machte sein Röckchen auf, zog es schnell aus und hatte gleich noch eins auszuziehen, denn die Base Dete hatte ihm das Sonntagskleidchen über das Alltagszeug angezogen, damit niemand es tragen müsse. Blitzschnell war auch das Alltagsröckchen weg, und nun stand das Kind im leichten Unterröckchen, die bloßen Arme aus den kurzen Hemdärmelchen vergnüglich in die Luft hinausstreckend. Dann legte es schön alles auf ein Häufchen, und nun sprang und kletterte es mit Leichtigkeit hinter den Geißen und neben dem Peter her. Der Peter hatte nicht Acht gegeben, was das Kind mache, als es zurückgeblieben war. Wie es nun in der neuen Bekleidung nachgesprungen kam, verzog er lustig grinsend das ganze Gesicht und schaute zurück, und wie er unten das Häuflein Kleider liegen sah, wurde sein Gesicht noch ein wenig breiter, und sein Mund reichte fast von einem Ohr bis zum anderen; er sagte aber nichts. Wie nun das Kind sich so frei und leicht fühlte, fing es ein Gespräch mit dem Peter an, und er fing auch an zu reden und musste auf vielerlei antworten; denn das Kind wollte wissen: wie viele Geißen er habe und wohin er mit ihnen gehe und was er dort tue, wo er hinkomme. So gelangten endlich die Kinder samt den Geißen oben bei der Hütte an und kamen der Base Dete zu Gesicht. Kaum aber hatte diese die herankletternde Gesellschaft erblickt, als sie laut aufschrie: "Heidi, was machst du? Wie siehst du aus? Wo hast du deinen Rock und den zweiten und das Halstuch? Und ganz neue Schuhe habe ich dir gekauft für den Berg und dir neue Strümpfe gemacht, und alles fort! Alles fort! Heidi, was machst du, wo hast du alles?"

Das Kind zeigte ruhig den Berg hinunter und sagte: "Dort!" Die Base folgte seinem Finger. Richtig, dort lag etwas und obenauf war ein roter Punkt, das musste das Halstuch sein.

"Du Unglückstropf!", rief die Base in großer Aufregung. "Was kommt dir denn in den Sinn, warum hast du alles ausgezogen? Was soll denn das?"

"Ich brauch es nicht", sagte das Kind und sah gar nicht reuevoll aus über seine Tat.

"Ach du unglückselige, vernunftlose Heidi, hast du denn auch noch gar keine Begriffe?", jammerte und schalt die Base weiter. "Wer soll nun wieder da hinunter, es ist ja eine halbe Stunde Weg! Komm, Peter, lauf du mir schnell zurück und hol das Zeug, komm schnell und steh nicht dort und glotze mich an, als wärst du am Boden festgenagelt."

"Ich bin schon zu spät", sagte Peter langsam und blieb, ohne sich zu rühren, auf demselben Fleck stehen, von dem aus er, beide Hände in die Taschen gesteckt, dem Schreckensausbruch der Base zugehört hatte.

"Du stehst ja doch nur und reißest deine Augen auf und kommst, denk ich, nicht weit auf die Art!", rief ihm die Base Dete zu. "Komm her, du sollst etwas Schönes haben, siehst du?" Sie hielt ihm ein neues Fünferchen hin, das glänzte ihm in die Augen. Plötzlich sprang er auf und davon auf dem geradesten Weg die Alm hinunter und kam in ungeheuren Sätzen in kurzer Zeit bei dem Häuflein Kleider an, packte sie auf und erschien damit so schnell, dass ihn die Base loben musste und ihm sogleich sein Fünfrappenstück überreichte. Peter steckte es schnell tief in seine Tasche, und sein Gesicht glänzte und lachte in voller Breite, denn ein solcher Schatz wurde ihm nicht oft zuteil.

"Du kannst mir das Zeug noch tragen bis zum Öhi hinauf, du gehst ja auch den Weg", sagte die Base Dete jetzt, während sie begann, den steilen Abhang zu erklimmen, der gleich hinter der Hütte des Geißenpeter emporragte. Willig übernahm dieser den Auftrag und folgte der Vorangehenden auf dem Fuße nach, den linken Arm um sein Bündel geschlungen, in der Rechten die Geißenrute schwingend. Heidi und die Geißen hüpften und sprangen fröhlich neben ihm her. So gelangte der Zug nach drei Viertelstunden auf die Almhöhe, wo frei auf dem Vorsprung des Berges die Hütte des alten Öhi stand, allen Winden ausgesetzt, aber auch jedem Sonnenblick zugänglich und mit der vollen Aussicht weit ins Tal hinab. Hinter der Hütte standen drei alte Tannen mit dichten, langen, unbeschnittenen Ästen. Weiter hinten ging es nochmals bergan bis hoch hinauf in die alten, grauen Felsen, erst noch über schöne, kräuterreiche Höhen, dann in steiniges Gestrüpp und endlich zu den kahlen, steilen Felsen hinauf.

An die Hütte festgemacht, der Talseite zu, hatte sich der Öhi eine Bank gezimmert. Hier saß er, eine Pfeife im Mund, beide Hände auf seine Knie gelegt, und schaute ruhig zu, wie die Kinder, die Geißen und die Base Dete herankletterten, denn die Letztere war nach und nach von den anderen überholt worden. Heidi war zuerst oben; sie ging geradeaus auf den Alten zu, streckte ihm die Hand entgegen und sagte: "Guten Abend, Großvater!"

"So, so, wie ist das gemeint?", fragte der Alte barsch, gab dem Kinde kurz die Hand und schaute mit einem langen, durchdringenden Blick unter seinen buschigen Augenbrauen hervor. Heidi gab den langen Blick ausdauernd zurück, ohne nur einmal mit den Augen zu zwinkern; denn der Großvater war mit seinem langen Bart und den dichten, grauen Augenbrauen, die in der Mitte zusammengewachsen waren und aussahen wie eine Art Gesträuch, so verwunderlich anzusehen, dass Heidi ihn genau betrachten musste. Unterdessen war auch die Base herangekommen samt dem Peter, der eine Weile stille stand und zusah, was sich da ereigne.

"Ich wünsche Euch guten Tag, Öhi", sagte die Dete hinzutretend, "und hier bring ich Euch das Kind vom Tobias und der Adelheid. Ihr werdet es wohl nicht mehr kennen, denn seit es ein Jahr alt ist, habt Ihr es nicht mehr gesehen."

"So, was soll das Kind bei mir?", fragte der Alte kurz; "und du dort", rief er dem Peter zu, "du kannst gehen mit deinen Geißen, du bist nicht zu früh; nimm meine mit!"

Der Peter gehorchte sofort und verschwand, denn der Öhi hatte ihn so angeschaut, dass er schon genug davon hatte.

"Es muss eben bei Euch bleiben, Öhi", gab die Dete auf seine Frage zurück. "Ich habe, denk ich, meine Aufgabe die vier Jahre durch erfüllt. Jetzt seit Ihr an der Reihe, auch einmal Eure Pflicht zu tun."

"So", sagte der Alte und warf einen blitzenden Blick auf die Dete. "Und wenn nun das Kind anfängt, dir nachzuflennen und zu winseln, wie es kleine unvernünftige Kinder tun, was muss ich dann mit ihm anfangen?"

"Das ist dann Eure Sache", warf die Dete zurück, "ich denke, mir hat auch niemand gesagt, wie ich mit dem Kleinen umzugehen habe, als es in meinem Arm lag, erst ein Jahr alt, und ich schon für mich und die Mutter genug zu tun hatte. Jetzt muss ich mich um meinen Verdienst kümmern , und Ihr seid der nächste Verwandte des Kindes; wenn Ihr's nicht haben könnt, so macht mit ihm, was Ihr wollt, dann habt Ihr's zu verantworten, wenn es dem Kind schlecht ergeht, und daran wollt Ihr wohl nicht schuld sein."

Die Dete hatte kein so gutes Gewissen bei der Sache, darum war sie so hitzig geworden und hatte mehr gesagt, als sie im Sinn gehabt hatte. Bei ihren letzten Worten war der Öhi aufgestanden; er schaute sie so an, dass sie einige Schritte zurückwich; dann streckte er den Arm aus und sagte befehlend: "Mach, dass du hinunter kommst, von wo du herauf gekommen bist, und lass dich nicht so bald wieder blicken!" Das ließ sich die Dete nicht zweimal sagen. "So lebt wohl, und du auch, Heidi", sagte sie schnell und lief den Berg hinunter in einem Trab bis ins Dörfli hinab, denn die innere Aufregung trieb sie vorwärts. Im Dörfli wurde sie diesmal noch viel mehr angerufen, denn es wunderte die Leute, wo das Kind sei; sie kannten ja alle die Dete genau und wussten, wem das Kind gehörte und alles, was mit ihm vorgegangen war. Als es nun aus allen Türen und Fenstern tönte: "Wo ist das Kind? Dete, wo hast du das Kind gelassen?", rief sie immer unwilliger zurück: "Droben beim Alm-Öhi! Nun, beim Alm-Öhi, ihr hört's ja!"

Sie wurde aber so unwillig, weil die Frauen von allen Seiten ihr zuriefen: "Wie kannst du so etwas tun!", und: "Das arme Tröpfli!", und: "So ein kleines Hilfloses da droben lassen!", und dann wieder und wieder: "Das arme Tröpfli!" Die Dete lief, so schnell sie konnte, weiter und war froh, als sie nichts mehr hörte, denn es war ihr nicht wohl bei der Sache; ihre Mutter hatte ihr beim Sterben das Kind noch übergeben. Aber sie sagte sich zur Beruhigung, sie könne dann ja eher wieder etwas für das Kind tun, wenn sie nun viel Geld verdiene, und so war sie sehr froh, dass sie bald weit von allen Leuten, die ihr dreinredeten, weg- und zu einem schönen Verdienst kommen konnte.

Beim Großvater

Nachdem die Dete verschwunden war, hatte der Öhi sich wieder auf die Bank hingesetzt und blies nun große Wolken aus seiner Pfeife; dabei starrte er auf den Boden und sagte kein Wort. Derweilen schaute Heidi vergnüglich um sich, entdeckte den Ziegenstall, der an die Hütte angebaut war, und guckte hinein. Es war nichts drin. Das Kind setzte seine Untersuchungen fort und kam hinter die Hütte zu den alten Tannen. Da blies der Wind durch die Äste so stark, dass es sauste und brauste oben in den Wipfeln. Heidi blieb stehen und hörte zu. Als es ein wenig stiller wurde, ging das Kind um die nächste Ecke der Hütte herum und kam vorn wieder zum Großvater zurück. Als es diesen noch in derselben Stellung erblickte, wie es ihn verlassen hatte, stellte es sich vor ihn hin, legte die Hände auf den Rücken und betrachtete ihn. Der Großvater schaute auf. "Was willst du jetzt tun?", fragte er, als das Kind immer noch unbeweglich vor ihm stand.

"Ich will sehen, was du drinnen hast, in der Hütte", sagte Heidi.

"So komm!", und der Großvater stand auf und ging voran in die Hütte hinein.

"Nimm dort dein Bündel Kleider noch mit", befahl er im Hereintreten.

"Das brauch ich nicht mehr", erklärte Heidi.

Der Alte kehrte sich um und schaute durchdringend auf das Kind, dessen schwarze Augen glühten in Erwartung der Dinge, die da drinnen sein konnten. "Es kann ihm nicht an Verstand fehlen", sagte er halblaut. "Warum brauchst du's nicht mehr?", setzte er laut hinzu.

"Ich will am liebsten gehen wie die Ziegen, die haben ganz leichte Beinchen."

"So, das kannst du, aber hol das Zeug", befahl der Großvater, "es kommt in den Schrank." Heidi gehorchte. Jetzt machte der Alte die Tür auf und Heidi trat hinter ihm her in einen ziemlich großen Raum ein, es war der Umfang der ganzen Hütte. Da stand ein Tisch und ein Stuhl daran; in einer Ecke war das Schlaflager des Großvaters, in einer anderen hing der große Kessel über dem Herd; auf der anderen Seite war eine große Tür in der Wand, die machte der Großvater auf, es war der Schrank. Da hingen seine Kleider drin und auf einem Gestell lagen ein paar Hemden, Strümpfe und Tücher und auf einem anderen einige Teller und Tassen und Gläser und auf dem obersten ein rundes Brot und geräuchertes Fleisch und Käse, denn in dem Schrank war alles enthalten, was der Alm-Öhi besaß und zu seinem Lebensunterhalt gebrauchte. Wie er nun den Schrank aufgemacht hatte, kam Heidi schnell heran und legte ihre Sachen hinein, so weit hinter des Großvaters Kleider als möglich, damit sie nicht so leicht wieder zu finden seien. Nun sah sie sich aufmerksam in dem Raum um und sagte dann: "Wo muss ich schlafen, Großvater?"

"Wo du willst", gab dieser zur Antwort.

Das war Heidi sehr recht. Nun ging Heidi in alle Ecken des Raumes hinein und schaute jedes Plätzchen an, wo es sich am schönsten schlafen lasse. In der Ecke vor des Großvaters Bett war eine kleine Leiter aufgestellt; Heidi kletterte hinauf und gelangte auf den Heuboden. Da lag ein frischer, duftender Heuhaufen oben, und durch eine runde Luke sah man weit ins Tal hinab.

"Hier will ich schlafen", rief Heidi hinunter, "hier ist's schön! Komm und sieh einmal, wie schön es hier ist, Großvater!"

"Weiß ich schon", tönte es von unten herauf.

"Ich mache jetzt das Bett!", rief das Kind wieder, indem es oben geschäftig hin und her lief; "aber du musst heraufkommen und mir ein Leintuch mitbringen, denn auf ein Bett kommt auch ein Leintuch, und darauf liegt man."

"So, so", sagte unten der Großvater, und nach einer Weile ging er an den Schrank und kramte ein wenig darin herum; dann zog er unter seinen Hemden ein langes, grobes Tuch hervor, das musste so etwas sein wie ein Leintuch. Er kam damit die Leiter herauf. Da war auf dem Heuboden ein ganz ordentliches Bettchen hergerichtet; oben, wo der Kopf liegen musste, war das Heu hoch aufgeschichtet, und das Gesicht kam so zu liegen, dass es gerade zu dem offenen, runden Loch sah.

"Das ist gut gemacht", sagte der Großvater, "jetzt wird das Tuch kommen, aber warte noch" - damit nahm er eine große Menge Heu von dem Haufen und machte das Lager doppelt so dick, damit der harte Boden nicht durchgefühlt werden konnte ; "so, jetzt komm her damit." Heidi hatte das Leintuch schnell in die Hand genommen, konnte es aber fast nicht tragen, so schwer war's; aber das war sehr gut, denn durch das feste Tuch konnten die spitzen Heuhalme nicht durchstechen. Jetzt breiteten die beiden miteinander das Tuch über das Heu, und wo es zu breit und zu lang war, stopfte Heidi die Enden eilfertig unter das Lager. Nun sah es recht gut und sauber aus, und Heidi stellte sich davor und betrachtete es nachdenklich.

"Wir haben noch etwas vergessen, Großvater", sagte sie dann.

"Was denn?", fragte er.

"Eine Decke; denn wenn man ins Bett geht, kriecht man zwischen das Leintuch und die Decke hinein."

"So, meinst du? Wenn ich aber keine habe?", sagte der Alte.

"Oh, dann ist's auch egal, Großvater", beruhigte Heidi, "dann nimmt man wieder Heu als Decke", und sofort wollte Heidi gleich wieder an den Heustock gehen, aber der Großvater hielt sie zurück.

"Wart einen Augenblick", sagte er, stieg die Leiter hinab und ging an sein Lager hin. Dann kam er wieder und legte einen großen, schweren, leinenen Sack auf den Boden.

"Ist das nicht besser als Heu?", fragte er. Heidi zog aus Leibeskräften an dem Sacke hin und her, um ihn auseinander zu legen, aber die kleinen Hände konnten das schwere Leinen nicht bewältigen. Der Großvater half, und wie es nun ausgebreitet auf dem Bette lag, da sah alles sehr gut und haltbar aus, und Heidi stand staunend vor ihrem neuen Lager und sagte: "Das ist eine prächtige Decke und das ganze Bett! Jetzt wollt ich, es wäre schon Nacht, so könnte ich mich gleich hineinlegen."

"Ich meine, wir könnten erst einmal etwas essen", sagte der Großvater, "oder was meinst du?" Heidi hatte über dem Eifer des Bettenbauens alles andere vergessen; als sie nun aber an Essen dachte, bekam sie großen Hunger, , denn Heidi hatte heute noch gar nichts bekommen als früh am Morgen ein Stück Brot und ein paar Schlucke dünnen Kaffee, und nachher hatte sie die lange Reise gemacht. So sagte Heidi ganz zustimmend: "Ja, ich mein es auch."

"So geh hinunter, wenn wir denn einig sind", sagte der Alte und folgte dem Kind auf dem Fuß nach. Dann ging er zum Kessel hin, schob den großen weg und drehte den kleinen heran, der an der Kette hing, setzte sich auf den hölzernen Hocker mit dem runden Sitz vor den Kessel hin und blies ein helles Feuer an. Im Kessel fing es an zu sieden, und unten hielt der Alte an einer langen Eisengabel ein großes Stück Käse über das Feuer und drehte es hin und her, bis es auf allen Seiten goldgelb war. Heidi hatte mit gespannter Aufmerksamkeit zugesehen; jetzt musste ihr etwas Neues eingefallen sein; auf einmal sprang sie auf und ging an den Schrank und von da hin und her. Jetzt kam der Großvater mit einem Topf und dem Käsebraten an der Gabel zum Tisch heran; da lag schon das runde Brot darauf und zwei Teller und zwei Messer, alles schön geordnet, denn Heidi hatte alles im Schrank gesehen und wusste, dass man das alles nun gleich zum Essen brauchen würde.

"So, das ist recht, dass du selbst etwas ausdenkst", sagte der Großvater und legte den Braten auf das Brot als Unterlage; "aber es fehlt noch etwas auf dem Tisch."

Heidi sah, wie einladend es aus dem Topf hervordampfte, und sprang schnell wieder an den Schrank. Da stand aber nur ein einziges Schüsselchen. Heidi musste nicht lange überlegen, dort hinten standen zwei Gläser; augenblicklich kam das Kind zurück und stellte Schüsselchen und Glas auf den Tisch.

"Recht so; du weißt dir zu helfen; aber wo willst du sitzen?" Auf dem einzigen Stuhl saß der Großvater selbst. Heidi schoss pfeilschnell zum Herd hin, brachte den kleinen Hocker zurück und setzte sich drauf.

"Einen Sitz hast du wenigstens, das ist wahr, nur ein wenig niedrig", sagte der Großvater; "aber von meinem Stuhl aus wärst Du auch zu klein, um auf den Tisch zu langen; jetzt musst Du aber einmal etwas zu essen haben, so komm!" Damit stand er auf, füllte das Schüsselchen mit Milch, stellte es auf den Stuhl und rückte den ganz nah an den Hocker heran, so dass Heidi nun einen Tisch vor sich hatte. Der Großvater legte ein großes Stück Brot und ein Stück von dem goldenen Käse darauf und sagte: "Jetzt iss!" Er selbst setzte sich nun auf die Ecke des Tisches und begann sein Mittagsmahl. Heidi ergriff ihr Schüsselchen und trank und trank ohne Pause, denn der ganze Durst der langen Reise meldete sich jetzt. Jetzt atmete Heidi tief- denn vor lauter Trinken hatte sie ja nicht atmen können - und stellte ihr Schüsselchen hin.

"Schmeckt dir die Milch?", fragte der Großvater.

"Ich habe noch nie so gute Milch getrunken", antwortete Heidi.

"So musst du mehr haben", und der Großvater füllte das Schüsselchen noch einmal bis oben hin und stellte es vor das Kind, das vergnüglich in sein Brot biss, nachdem es von dem weichen Käse darauf gestrichen hatte; denn der war, so gebraten, weich wie Butter, und das schmeckte ganz kräftig zusammen, und zwischendurch trank Heidi ihre Milch und sah sehr vergnüglich aus. Als nun das Essen zu Ende war, ging der Großvater in den Ziegenstall hinaus und hatte da allerhand in Ordnung zu bringen, und Heidi sah ihm aufmerksam zu, wie er erst mit dem Besen säuberte, dann frische Streu legte, dass die Tierchen darauf schlafen konnten; wie er dann zu dem kleinen Schuppen nebenan ging und hier runde Stöcke zurechtschnitt und an einem Brett herumhackte und Löcher hineinbohrte und dann die runden Stöcke hineinsteckte und aufstellte; da war es auf einmal ein Stuhl, wie der vom Großvater, nur viel höher, und Heidi staunte das Werk an, sprachlos vor Verwunderung.

"Was ist das, Heidi?", fragte der Großvater.

"Das ist mein Stuhl, weil er so hoch ist; auf einmal war er fertig", sagte das Kind, noch in tiefem Erstaunen und Bewunderung.

"Sie weiß, was sie sieht, sie hat die Augen am rechten Ort", murmelte der Großvater vor sich hin, als er nun um die Hütte herumging und hier einen Nagel einschlug und dort einen und dann an der Tür etwas befestigte und so mit Hammer und Nägeln und Holzstücken von einem Ort zum anderen wanderte und immer etwas ausbesserte oder weg schlug, je nach Notwendigkeit. Heidi ging Schritt für Schritt hinter ihm her und schaute ihm unverwandt mit der größten Aufmerksamkeit zu, und alles, was da vorging, war spannend anzusehen.

So kam der Abend heran. Es fing stärker an zu rauschen in den alten Tannen, ein mächtiger Wind fuhr daher und sauste und brauste durch die dichten Wipfel. Das klang Heidi so schön in die Ohren und ins Herz hinein, dass sie ganz fröhlich darüber wurde und sie hüpfte und sprang unter den Tannen herum, als hätte sie eine unerhörte Freude erlebt. Der Großvater stand in der Schuppentür und schaute dem Kind zu. Jetzt ertönte ein schriller Pfiff. Heidi hielt inne, der Großvater trat heraus. Von oben herunter kamen sie gesprungen, Ziege um Ziege, wie eine Jagd, und mittendrin der Peter. Mit einem Freudenruf schoss Heidi mitten in das Rudel hinein und begrüßte die alten Freunde von heute Morgen einen um den anderen. Bei der Hütte angekommen, stand alles still, und aus der Herde heraus kamen zwei schöne, schlanke Ziegen, eine weiße und eine braune, auf den Großvater zu und leckten seine Hände, denn er hielt ein wenig Salz darin, wie er das jeden Abend zum Empfang seiner zwei Tierchen tat. Der Peter verschwand mit seiner Schar. Heidi streichelte zärtlich die eine und dann die andere von den Ziegen und sprang um sie herum, um sie von der anderen Seite auch zu streicheln, und war selig vor Freude über die Tierchen. "Gehören sie uns, Großvater? Sind sie beide unser? Kommen sie in den Stall? Bleiben sie immer bei uns?", so fragte Heidi fröhlich immer weiter, und der Großvater konnte kaum sein stetiges "Ja, ja!" zwischen die eine und die andere Frage hineinbringen. Als die Ziegen ihr Salz aufgeleckt hatten, sagte der Alte: "Geh und hol dein Schüsselchen heraus und das Brot."

Heidi gehorchte und kam gleich wieder. Nun melkte der Großvater gleich von der Weißen das Schüsselchen voll und schnitt ein Stück Brot ab und sagte: "Nun iss und dann geh hinauf und schlaf! Die Dete hat noch ein Bündelchen für dich dagelassen, da seien Hemdchen und so etwas darin, das liegt unten im Schrank, wenn du's brauchst; ich muss nun mit den Ziegen hinein, so schlaf wohl!"

"Gut Nacht, Großvater! Gut Nacht - wie heißen sie, Großvater, wie heißen sie?", rief das Kind und lief dem verschwindenden Alten und den Geißen nach.

"Die Weiße heißt Schwänli und die Braune Bärli", gab der Großvater zurück.

"Gut Nacht, Schwänli, gut Nacht, Bärli!", rief nun Heidi laut, denn eben verschwanden beide in den Stall hinein. Nun setzte sich Heidi noch auf die Bank und aß ihr Brot und trank ihre Milch; aber der starke Wind wehte Heidi fast von ihrem Sitz herunter; so aß Heidi schnell fertig, ging dann hinein und stieg zu ihrem Bett hinauf, in dem sie auch sofort so fest und herrlich schlief, wie einer sonst nur im schönsten Fürstenbett schlafen konnte. Nicht lange nachher, noch eh es völlig dunkel war, legte auch der Großvater sich auf sein Lager, denn am Morgen war er immer schon mit der Sonne wieder draußen, und die kam sehr früh über die Berge herein gestiegen in dieser Sommerzeit. In der Nacht kam der Wind so gewaltig, dass bei seinen Stößen die ganze Hütte erzitterte und es in allen Balken krachte; durch den Schornstein heulte und ächzte es wie Jammerstimmen, und in den alten Tannen draußen tobte es mit solcher Wut, dass hier und da ein Ast nieder krachte. Mitten in der Nacht stand der Großvater auf und sagte halblaut vor sich hin: "Es wird sich wohl fürchten." Er stieg die Leiter hinauf und trat an Heidis Lager heran. Der Mond draußen stand einmal hell leuchtend am Himmel, dann fuhren wieder die jagenden Wolken darüber hin und alles wurde dunkel. Jetzt kam der Mondschein eben leuchtend durch die runde Öffnung herein und fiel gerade auf Heidis Lager. Sie hatte feuerrote Wangen vom schlafen unter ihrer schweren Decke, und ruhig und friedlich lag sie auf ihrem runden Ärmchen und träumte von etwas Erfreulichem, denn ihr Gesichtchen sah ganz fröhlich aus. Der Großvater schaute so lange auf das friedlich schlafende Kind, bis der Mond wieder hinter die Wolken trat und es dunkel wurde, dann kehrte er auf sein Lager zurück.

Auf der Weide

Heidi erwachte am frühen Morgen von einem lauten Pfiff, und als sie die Augen aufschlug fiel ein goldener Schein durch das runde Loch auf ihr Lager und auf das Heu daneben, dass alles golden leuchtete ringsherum. Heidi schaute erstaunt um sich und wusste überhaupt nicht, wo sie war. Aber nun hörte sie draußen die tiefe Stimme des Großvaters, und jetzt kam ihr alles in den Sinn: Woher sie gekommen war und dass sie nun auf der Alm beim Großvater ist, nicht mehr bei der alten Ursel, die fast nichts mehr hörte und meistens fror, so dass sie immer am Küchenfenster oder am Stubenofen gesessen hatte; dort hatte dann auch Heidi verweilen müssen oder doch ganz in der Nähe, damit die Alte sehen konnte, wo Heidi war, weil sie das Kind nicht hören konnte.

Da war es Heidi manchmal zu eng drinnen, und sie wäre lieber hinausgelaufen. So war sie sehr froh, als sie in ihrem neuen Zuhause erwachte und sich erinnerte, wie viel Neues sie gestern gesehen hatte und was sie heute wieder alles sehen könnte, vor allem das Schwänli und das Bärli. Heidi sprang eilig aus ihrem Bett und hatte in wenig Minuten alles wieder angezogen, was sie gestern getragen hatte, denn es war sehr wenig. Nun stieg sie die Leiter hinunter und sprang nach draußen vor die Hütte. Da stand schon der Ziegenpeter mit seiner Schar, und der Großvater brachte eben Schwänli und Bärli aus dem Stall herbei, dass sie sich der Gesellschaft anschlossen. Heidi lief ihm entgegen, um ihm und den Ziegen guten Tag zu sagen.

"Willst Du mit auf die Weide?", fragte der Großvater. Das war Heidi gerade recht, sie hüpfte hoch auf vor Freude.

"Aber erst waschen und sauber sein, sonst lacht einen die Sonne aus, wenn sie so schön glänzt da droben und sieht, dass du schwarz bist; sieh, dort ist's für dich gerichtet." Der Großvater zeigte auf eine große Wanne voll Wasser, der vor der Tür in der Sonne stand. Heidi sprang hin und patschte und rieb, bis sie ganz glänzend war. Unterdessen ging der Großvater in die Hütte hinein und rief dem Peter zu: "Komm hierher, Ziegengeneral, und bring deinen Rucksack mit." Verwundert folgte Peter dem Ruf und streckte sein Säckchen hin, in dem er sein mageres Mittagessen bei sich trug.

"Mach auf", befahl der Alte und steckte nun ein großes Stück Brot und ein ebenso großes Stück Käse hinein. Der Peter machte vor Erstaunen seine runden Augen so weit auf wie nur möglich, denn die beiden Stücke waren wohl doppelt so groß wie die zwei, die er als eignes Mittagsmahl drinnen hatte.

"So, nun kommt noch das Schüsselchen hinein", fuhr der Öhi fort, "denn das Kind kann nicht trinken wie du, nur so von der Ziege weg, es kennt das nicht. Du melkst ihm zwei Schüsselchen voll zu Mittag, denn das Kind geht mit dir und bleibt bei dir, bis du wieder herunterkommst; gib Acht, dass es nicht über die Felsen hinunterfällt, hörst du?" -

Nun kam Heidi herein gelaufen. "Kann mich die Sonne jetzt nicht auslachen, Großvater?", fragte sie eifrig. Sie hatte sich mit dem groben Tuch, das der Großvater neben dem Wasserzuber aufgehängt hatte, Gesicht, Hals und Arme in ihrer Angst vor der Sonne so kräftig gerieben, dass sie krebsrot vor dem Großvater stand. Er lachte ein wenig.

"Nein, nun hat sie nichts zu lachen", bestätigte er. "Aber weißt du was? Am Abend, wenn du heimkommst, da gehst du noch ganz hinein in die Wanne, wie ein Fisch; denn wenn man geht wie die Ziegen, da bekommt man schwarze Füße. Jetzt könnt ihr losziehen."

Nun ging es lustig die Alm hinauf. Der Wind hatte in der Nacht das letzte Wölkchen weggeblasen; dunkelblau schaute der Himmel von allen Seiten herab, und die leuchtende Sonne schimmerte auf die grüne Alp, und alle die blauen und gelben Blümchen darauf machten ihre Kelche auf und schauten ihr fröhlich entgegen. Heidi sprang hierhin und dorthin und jauchzte vor Freude, denn da waren ganze Grüppchen feiner, roter Himmelsschlüsselchen beieinander, und dort schimmerte es ganz blau von den schönen Enzianen, und überall lachten und nickten die zartblätterigen, goldenen Cystusröschen in der Sonne. Vor Entzücken über all die blühenden Blumen vergaß Heidi sogar die Ziegen und auch den Peter. Sie sprang ganze Strecken voran und dann auf die Seite, denn dort funkelte es rot und da gelb und lockte Heidi auf alle Seiten. Und überall brach Heidi ganze Scharen von den Blumen und packte sie in ihr Schürzchen ein, denn sie wollte alle mit heim nehmen und in ihrer Schlafkammer ins Heu stecken, damit es dort so werde wie hier draußen. - So hatte der Peter heute nach allen Seiten zu gucken, und seine kugelrunden Augen, die nicht besonders schnell hin und her gingen, hatten mehr Arbeit, als der Peter gut bewältigen konnte, denn die Ziegen machten es wie Heidi: Sie liefen auch dahin und dorthin, und er musste überallhin pfeifen und rufen und seine Rute schwingen, um wieder alle die Verlaufenen zusammen zu treiben.

"Wo bist du schon wieder, Heidi?", rief er jetzt mit ziemlich grimmiger Stimme.

"Hier", klang es von irgendwoher zurück. Sehen konnte Peter niemand, denn Heidi saß am Boden hinter einem Hügelchen, das dicht mit duftenden Blumen besät war; da war die ganze Luft so mit gutem Duft erfüllt, wie Heidi es noch nie gerochen hatte. Sie setzte sich in die Blumen hinein und zog den Duft in vollen Zügen ein.

"Komm nach!", rief der Peter wieder. "Du darfst nicht über die Felsen hinunter springen, der Öhi hat's verboten."

"Wo sind die Felsen?", fragte Heidi zurück, bewegte sich aber nicht von der Stelle, denn der süße Duft strömte dem Kind mit jedem Windhauch lieblicher entgegen.

"Dort oben, ganz oben, wir haben noch weit, drum komm jetzt! Und oben am höchsten sitzt der alte Raubvogel und krächzt."

Das half. Augenblicklich sprang Heidi in die Höhe und rannte mit seiner Schürze voller Blumen auf den Peter zu.

"Jetzt hast genug", sagte dieser, als sie wieder zusammen weiterkletterten; "sonst bleibst du immer stecken, und wenn du alle nimmst, gibt es morgen keine mehr." Der letzte Grund leuchtete Heidi ein, und außerdem hatte sie die Schürze schon so gefüllt, dass da wenig Platz mehr gewesen wäre, und morgen mussten auch noch welche da sein. So zog sie nun mit dem Peter weiter, und die Ziegen gingen nun alle geregelter, denn sie rochen die guten Kräuter von dem hohen Weideplatz schon von fern und strebten nun ohne Aufenthalt dahin. Der Weideplatz, wo Peter gewöhnlich Halt machte mit seinen Ziegen und sein Lager für den Tag aufschlug, lag am Fuße der hohen Felsen, die, erst noch von Gebüsch und Tannen bedeckt, zuletzt ganz kahl und schroff zum Himmel hinaufragen. An der einen Seite der Alp ziehen sich Felsenklüfte weit hinunter und der Großvater hatte Recht, davor zu warnen. Als nun dieser Punkt der Höhe erreicht war, nahm Peter seinen Rucksack ab und legte ihn sorgfältig in eine kleine Vertiefung des Bodens hinein, denn der Wind wehte manchmal in sehr starken Böen ; das kannte Peter und wollte seine kostbare Habe nicht den Berg hinunterrollen sehen; dann streckte er sich lang und breit auf den sonnigen Weideboden hin, denn er musste sich nun von der Anstrengung des Steigens erholen.

Heidi hatte unterdessen ihr Schürzchen abgenommen und schön fest zusammengerollt mit den Blumen darin zum Proviantsack in die Vertiefung hineingelegt, und nun setzte sie sich neben den ausgestreckten Peter hin und schaute um sich. Das Tal lag weit unten im vollen Morgenglanz; vor sich sah Heidi ein großes, weites Schneefeld, das sich hoch gegen den dunkelblauen Himmel hinauf erstreckte, und links davon stand eine ungeheure Felsenmasse, und zu jeder Seite derselben ragte ein hoher Felsenturm kahl und zackig in das Blau hinauf und schaute von dort oben auf Heidi nieder. Das Kind saß mäuschenstill da und schaute ringsum, und weit umher war eine große, tiefe Stille; nur ganz sanft und leise wehte der Wind über die zarten, blauen Glockenblümchen und die goldnen, strahlenden Cystusröschen, die überall herumstanden auf ihren dünnen Stängelchen und leise und fröhlich hin und her nickten. Der Peter war eingeschlafen nach seiner Anstrengung, und die Ziegen kletterten oben an den Büschen umher. Heidi fand es so schön, wie noch nie in ihrem bisherigen Leben. Sie genoss das goldene Sonnenlicht, die frische Luft und den zarten Blumenduft und wäre gerne für immer hier geblieben. So verging eine gute Zeit und Heidi hatte so oft und so lange zu den hohen Bergstöcken drüben aufgeschaut, dass es nun war, als hätten sie alle auch Gesichter bekommen und schauten ganz bekannt zu ihr hernieder, so wie gute Freunde.

Jetzt hörte Heidi über sich ein lautes, scharfes Geschrei und Krächzen ertönen; und als sie aufschaute, kreiste über ihr ein so großer Vogel, wie Heidi es noch nie in ihrem Leben gesehen hatte. Er kreiste mit weit ausgebreiteten Schwingen in der Luft, und in großen Bogen kehrte er immer wieder zurück und krächzte laut und durchdringend über Heidis Kopf.

"Peter! Peter! Erwache!", rief Heidi laut. "Sieh, der Raubvogel ist da, sieh! Sieh!"

Peter erhob sich auf den Ruf und schaute mit Heidi dem Vogel nach, der sich nun höher und höher hinauf schwang ins Himmelsblau und endlich über grauen Felsen verschwand.

"Wo ist er jetzt hin?", fragte Heidi, die mit gespannter Aufmerksamkeit den Vogel verfolgt hatte.

"Heim ins Nest", war Peters Antwort.

"Ist er dort oben daheim? Oh, wie schön so hoch oben! Warum schreit er so?", fragte Heidi weiter.

"Weil er muss", erklärte Peter.

"Wir wollen doch dort hinaufklettern und sehen, wo er daheim ist", schlug Heidi vor.

"Oh! oh! oh!" , brach der Peter aus, jeden Ausruf mit verstärkter Missbilligung hervorstoßend; "wenn keine Ziege mehr dorthin kann und der Öhi gesagt hat, du dürfest nicht über die Felsen hinunterfallen."

Jetzt begann Peter mit einem Mal ein so gewaltiges Pfeifen und Rufen anzustimmen, dass Heidi gar nicht wusste, was das bedeuten sollte; aber die Ziegen mussten die Töne verstehen, denn eine nach der anderen kam herunter gesprungen, und nun war die ganze Schar auf der grünen Halde versammelt;, die einen knabberten an den würzigen Halmen, die anderen rannten hin und her und die Dritten stießen zum Zeitvertreib ein wenig mit ihren Hörnern gegeneinander. Heidi war aufgesprungen und rannte zwischen den Ziegen umher, denn das war ihr ein neuer, unbeschreiblich vergnüglicher Anblick, wie die Tierchen durcheinander sprangen und sich lustig machten, und Heidi sprang von einem zum anderen und machte mit jedem ganz persönliche Bekanntschaft; denn jede Ziege war eine ganz besondere Erscheinung für sich und hatte ihre eigenen Manieren. Unterdessen hatte Peter den Sack herbeigeholt und alle vier Stücke, die drin waren, schön in ein Viereck auf den Boden gelegt, die großen Stücke auf Heidis Seite und die kleinen auf die seinige, denn er wusste genau, wie er sie erhalten hatte. Dann nahm er das Schüsselchen und melkte schöne, frische Milch hinein vom Schwänli und stellte das Schüsselchen mitten ins Viereck. Dann rief er Heidi herbei, musste aber länger rufen als nach den Ziegen, denn das Kind war so in Eifer und Freude über die vielen unterschiedlichen Sprünge seiner neuen Spielkameraden, dass es außer diesen nichts sah und nichts hörte. Aber Peter wusste sich verständlich zu machen, er rief, dass es bis in die Felsen hinaufdröhnte, und nun erschien Heidi und die gedeckte Tafel sah so einladend aus, dass sie um sie herumhüpfte vor Freude.

"Hör auf zu hopsen, es ist Zeit zum Essen", sagte Peter, "jetzt sitz und fang an."

Heidi setzte sich hin. "Ist die Milch für mich?", fragte sie, nochmals das schöne Viereck und den Hauptpunkt in der Mitte mit Wohlgefallen betrachtend.

"Ja", erwiderte Peter, "und die zwei großen Stücke zum Essen sind auch dir, und wenn du ausgetrunken hast, bekommst du noch ein Schüsselchen vom Schwänli und dann komm ich."

"Und von wem bekommst du die Milch?", wollte Heidi wissen.

"Von meiner Ziege, von der Schnecke. Fang einmal zu essen an", mahnte Peter wieder. Heidi fing bei ihrer Milch an, und so wie sie ihr leeres Schüsselchen hinstellte, stand Peter auf und holte ein zweites herbei. Dazu brach Heidi ein Stück von ihrem Brot ab. Das ganze übrige Stück, das immer noch größer war, als Peters eigenes Stück, das nun schon samt Zubehör fast zu Ende war, reichte sie ihm hinüber mit dem ganzen großen Brocken Käse und sagte: "Das kannst du haben, ich habe nun genug."

Peter schaute Heidi mit sprachlos vor Verwunderung an, denn nie in seinem Leben hätte er so etwas sagen und oder sogar weggeben können. Er zögerte noch ein wenig, denn er konnte nicht recht glauben, dass es Heidi ernst sei; aber diese hielt erst recht ihre Stücke hin, und da Peter nicht zugriff, legte Heidi sie ihm aufs Knie. Nun sah er, dass es ernst gemeint war; er erfasste sein Geschenk, nickte in Dank und Zustimmung und hielt nun ein so reichliches Mittagsmahl wie noch nie in seinem Leben als Ziegenbub. Heidi schaute derweilen nach den Ziegen aus. "Wie heißen sie alle, Peter?", fragte sie.

Das wusste dieser nun ganz genau und konnte es umso besser in seinem Kopf behalten, da er sich sonst wenig merken musste. Er fing also an und nannte ohne Zögern eine nach der anderen, immer je mit dem Finger die betreffende bezeichnend. Heidi hörte mit gespannter Aufmerksamkeit der Unterweisung zu, und es dauerte gar nicht lange, so konnte Heidi sie alle voneinander unterscheiden und jede bei ihrem Namen nennen, denn eine jede hatte ihre Besonderheiten, die man sich leicht merken konnte; man musste nur allen genau zusehen, und das tat Heidi. Da war der große Türk mit den starken Hörnern, der wollte mit diesen immer gegen alle anderen stoßen, und die meisten liefen davon, wenn er kam, und wollten nichts von dem groben Kameraden wissen. Nur der kecke Distelfink, das schlanke, behände Zicklein, wich ihm nicht aus, sondern rannte von sich aus manchmal drei-, viermal hintereinander so rasch und tüchtig gegen ihn an, dass der große Türk öfters ganz erstaunt dastand und nicht mehr angriff, denn der Distelfink stand ganz kriegslustig vor ihm und hatte scharfe Hörnchen. Da war das kleine, weiße Schneehöppli, das immer so eindringlich und flehentlich meckerte, dass Heidi schon mehrmals zu ihm hingelaufen war und es tröstend beim Kopf genommen hatte. Auch jetzt sprang das Kind wieder hin, denn die junge, jammernde Stimme hatte eben wieder flehentlich gerufen. Heidi legte ihren Arm um den Hals des Zickleins und fragte ganz teilnehmend: "Was hast du, Schneehöppli? Warum rufst du so um Hilfe?" Die kleine Ziege schmiegte sich nahe und vertrauensvoll an Heidi an und war jetzt ganz still. Peter rief von seinem Sitz aus, mit einigen Unterbrechungen, denn er hatte immer noch zu beißen und zu schlucken: "Es tut so, weil die Alte nicht mehr mitkommt, sie haben sie verkauft nach Maienfeld vorgestern, nun kommt sie nicht mehr auf die Alm."

"Wer ist die Alte?", fragte Heidi zurück.

"Pah, seine Mutter", war die Antwort.

"Wo ist die Großmutter?", rief Heidi wieder.

"Hat keine."

"Und der Großvater?"

"Hat keinen."

"Du armes Schneehöppli du", sagte Heidi und drückte das Tierlein zärtlich an sich. "Aber jammere jetzt nur nicht mehr so; siehst du, ich komme nun jeden Tag mit dir, dann bist du nicht mehr so verlassen, und wenn dir etwas fehlt, kannst du nur zu mir kommen."

Das Schneehöppli rieb ganz vergnügt seinen Kopf an Heidis Schulter und meckerte nicht mehr kläglich. Unterdessen hatte Peter sein Mittagsmahl beendet und kam nun auch wieder zu seiner Herde und zu Heidi heran, die schon wieder allerlei beobachtet hatte.

Die weitaus schönsten und saubersten zwei Ziegen der ganzen Schar waren Schwänli und Bärli, die sich auch mit einer gewissen Vornehmheit betrugen, meistens ihre eigenen Wege gingen und besonders dem zudringlichen Türk abweisend und verächtlich begegneten.-

Die Tiere hatten nun wieder begonnen, nach den Büschen hinaufzuklettern, und jedes hatte seine eigene Weise dabei, die einen leichtfertig über alles weg hüpfend, die anderen bedächtig die guten Kräuter suchend unterwegs, der Türk hier und da seine Angriffe probierend. Schwänli und Bärli kletterten geschickt und leicht hinauf und fanden oben sofort die schönsten Büsche und nagten sie fein säuberlich ab. Heidi stand mit den Händen auf dem Rücken und schaute dem allen mit der größten Aufmerksamkeit zu.

"Peter", bemerkte sie jetzt zu dem wieder auf dem Boden Liegenden, "die schönsten von allen sind das Schwänli und das Bärli."

"Weiß ich schon lange", war die Antwort. "Der Alm-Öhi putzt und wäscht sie und gibt ihnen Salz und hat den schönsten Stall."

Aber auf einmal sprang Peter auf und setzte in großen Sprüngen den Ziegen nach, und Heidi lief hintendrein; da musste etwas los sein; da konnte Heidi nicht zurückbleiben. Der Peter sprang durch das Ziegenrudel auf die Seite der Alm zu, wo die Felsen schroff und kahl weit abfielen und ein unbesonnenes Zicklein, wenn es dorthin ging, leicht hinunterstürzen und alle Beine brechen konnte. Er hatte gesehen, wie der vorwitzige Distelfink nach jener Seite hin gehüpft war, und kam noch gerade rechtzeitig, denn eben sprang die kleine Ziege auf den Rand des Abgrundes zu. Peter wollte sie eben packen, da stürzte er auf den Boden und konnte nur noch im Sturze ein Bein des Tieres erwischen und es daran festhalten. Der Distelfink meckerte voller Zorn und Überraschung, dass er so am Bein festgehalten und am Fortsetzen seines fröhlichen Streifzuges gehindert war, und strebte eigensinnig vorwärts. Der Peter schrie nach Heidi, dass sie ihm helfe, denn er konnte nicht aufstehen und riss dem Distelfink fast das Bein aus. Heidi war schon da und erkannte gleich die schlimme Lage der beiden. Sie riss schnell einige wohl duftende Kräuter aus dem Boden und hielt sie dem Distelfink unter die Nase und sagte begütigend:

"Komm, komm, Distelfink, du musst auch vernünftig sein! Sieh, da kannst du hinabfallen und ein Bein brechen, das tut dir furchtbar weh."

Das Zicklein hatte sich schnell umgewandt und Heidi vergnüglich die Kräuter aus der Hand gefressen. Derweilen war Peter auf seine Füße gekommen und hatte den Distelfink an der Schnur erfasst, an welcher sein Glöckchen um den Hals gebunden war, und Heidi erfasste diese von der anderen Seite, und so führten die beiden den Ausreißer zu der friedlich weidenden Herde zurück. Als ihn aber Peter hier in Sicherheit hatte, erhob er seine Rute und wollte ihn zur Strafe tüchtig durchprügeln, und der Distelfink wich scheu zurück, denn er merkte, was geschehen sollte. Aber Heidi schrie laut auf: "Nein, Peter, nein, du musst ihn nicht schlagen, sieh, wie er sich fürchtet!"

"Er verdient's", schnurrte Peter und wollte zuschlagen. Aber Heidi fiel ihm in den Arm und rief ganz entrüstet: "Du darfst ihm nichts tun, es tut ihm weh, lass ihn los!"

Peter schaute erstaunt auf die energisch Einhalt gebietende Heidi, deren schwarze Augen ihn so anfunkelten, dass er unwillkürlich seine Rute niederhielt. "So kann er gehen, wenn du mir morgen wieder von deinem Käse gibst", sagte dann der Peter nachgebend, denn eine Entschädigung wollte er haben für den Schrecken.

"Allen kannst du haben, das ganze Stück morgen und alle Tage, ich brauche ihn gar nicht", sagte Heidi zustimmend, "und Brot gebe ich dir auch ganz viel, wie heute; aber dann darfst du den Distelfink nie, nie wieder schlagen und auch das Schneehöppli nicht und gar keine Ziege."

"Es ist mir gleich", bemerkte Peter, und das war bei ihm soviel als eine Zusage. Jetzt ließ er den Schuldigen los, und der fröhliche Distelfink sprang in hohen Sprüngen auf und davon in die Herde hinein. -

So war unbemerkt der Tag vergangen, und schon war die Sonne im Begriff, weit drüben hinter den Bergen unterzugehen. Heidi saß wieder am Boden und schaute ganz still auf die Blauglöckchen und die Cystusröschen, die im goldenen Abendschein leuchteten, und alles Gras wurde wie golden angehaucht und die Felsen droben fingen an zu schimmern und zu funkeln. Auf einmal sprang Heidi auf und schrie: "Peter! Peter! Es brennt! Es brennt! Alle Berge brennen und der große Schnee drüben brennt und der Himmel. Oh sieh! Sieh! Der hohe Felsenberg ist ganz glühend! Oh, der schöne, feurige Schnee! Peter, sieh auf, sieh, das Feuer ist auch beim Raubvogel! Sieh doch die Felsen! Sieh die Tannen! Alles, alles ist im Feuer!"

"Es war immer so", sagte jetzt der Peter gemütlich und schälte an seiner Rute fort, "aber es ist kein Feuer."

"Was ist es denn?", rief Heidi und sprang hierhin und dorthin, damit sie überallhin sehen konnte, denn sie konnte gar nicht genug bekommen, so schön war's auf allen Seiten. "Was ist es, Peter, was ist es?", rief Heidi wieder.

"Es kommt von selbst so", erklärte Peter.

"O sieh, sieh", rief Heidi in großer Aufregung, "auf einmal werden sie rosenrot! Sieh den mit dem Schnee und den mit den hohen, spitzigen Felsen! Wie heißen sie, Peter?"

"Berge heißen nicht", erwiderte dieser.

"O wie schön, sieh den rosenroten Schnee! Oh, und an den Felsen oben sind viele, viele Rosen! Oh, nun werden sie grau! Oh! Oh! Nun ist alles ausgelöscht! Nun ist alles aus, Peter!" Und Heidi setzte sich auf den Boden und sah so verstört aus, als ginge wirklich alles zu Ende.

"Es ist morgen wieder so", erklärte Peter. "Steh auf, nun müssen wir heim."

Die Ziegen wurden herbei gepfiffen und -gerufen und der Heimweg angetreten.

"Ist's alle Tage wieder so, alle Tage, wenn wir auf der Weide sind?", fragte Heidi. Sie hoffte dass Peter das bejahen würde, als sie nun neben dem Peter die Alm hinunterging.

"Meistens", gab dieser zur Antwort.

"Aber gewiss morgen wieder?", wollte sie noch wissen.

"Ja, ja, morgen schon!", versicherte Peter.

Nun war Heidi wieder froh. Sie hatte so viele Eindrücke in sich aufgenommen und so viele Dinge gingen ihr durch den Kopf, dass sie, bis sie bei der Almhütte ankam, schwieg. Heidi sah den Großvater unter den Tannen sitzen, wo er auch eine Bank angebracht hatte und am Abend seine Ziegen erwartete, die von dieser Seite herunterkämen. Heidi sprang gleich auf ihn zu und Schwänli und Bärli hinter ihr her, denn die Ziegen kannten ihren Herrn und ihren Stall. Der Peter rief Heidi nach: "Komm dann morgen wieder! Gute Nacht!" Denn es war ihm sehr daran gelegen, dass Heidi wieder mitkomme.

Da rannte Heidi schnell wieder zurück und gab dem Peter die Hand und versicherte ihm, dass es wieder mitkomme, und dann sprang sie mitten in die davonziehende Herde hinein und fasste noch einmal das Schneehöppli um den Hals und sagte vertraulich: "Schlafgut, Schneehöppli, und denk dran, dass ich morgen wiederkomme und dass du nie mehr so jämmerlich meckern musst."

Das Schneehöppli schaute ganz freundlich und dankbar zu Heidi auf und sprang dann fröhlich hinter der Herde her.

Heidi kam unter die Tannen zurück.

"O Großvater, das war so schön!", rief sie, noch bevor es sie bei ihm war. "Das Feuer und die Rosen am Felsen und die blauen und gelben Blumen, und sieh, was ich hier bringe!" Und damit schüttete Heidi ihren ganzen Blumenreichtum aus dem gefalteten Schürzchen vor den Großvater hin. Aber wie sahen die armen Blümchen aus! Heidi erkannte sie nicht mehr. Es war alles wie Heu, und kein einziger Blütenkelch stand mehr offen.

"O Großvater, was haben sie?", rief Heidi ganz erschrocken aus. "So waren sie nicht, warum sehen sie so aus?"

"Die wollen draußen stehen in der Sonne und nicht ins Schürzchen hinein", sagte der Großvater.

"Dann will ich gar keine mehr mitnehmen. Aber, Großvater, warum hat der Raubvogel so gekrächzt?", fragte Heidi beiläufig.

"Jetzt gehst du ins Wasser und ich in den Stall und hole Milch, und nachher gehen wir zusammen in die Hütte und essen zu Nacht, dann sag ich dir's."

So wurde getan, und wie nun später Heidi auf ihrem hohen Stuhl saß vor ihrem Milchschüsselchen und der Großvater neben ihr, da kam das Kind gleich wieder mit seiner Frage: "Warum krächzt der Raubvogel so und schreit immer so herunter, Großvater?"

"Der lacht die Leute aus dort unten, dass sie so eng zusammenleben in den Dörfern und miteinander streiten. Da ruft er hinunter: ›Würdet ihr auseinander gehen und jeder seinen Weg gehen und auf eine Höhe steigen wie ich, so wär's euch wohler!" Der Großvater sagte diese Worte fast wild, so dass Heidi das Gekrächz des Raubvogels dadurch noch eindrücklicher in Erinnerung blieb.

"Warum haben die Berge keinen Namen, Großvater?", fragte Heidi wieder.

"Die haben Namen", erwiderte dieser, "und wenn du mir einen so beschreiben kannst, dass ich ihn kenne, so sage ich dir, wie er heißt."

Nun beschrieb Heidi den Felsenberg mit den zwei hohen Türmen genau so, wie sie ihn gesehen hatte, und der Großvater sagte wohlgefällig: "Recht so, den kenn ich, der heißt Falknis. Hast du noch einen gesehen?"

Nun beschrieb Heidi den Berg mit dem großen Schneefeld, auf dem der ganze Schnee im Feuer gestanden hatte und dann rosenrot geworden war und dann auf einmal ganz bleich und erloschen dastand.

"Den erkenn ich auch", sagte der Großvater, "das ist die Schesaplana; so hat es dir gefallen auf der Weide?"

Nun erzählte Heidi alles vom ganzen Tage, wie schön es gewesen, und besonders von dem Feuer am Abend, und nun sollte der Großvater auch sagen, woher es gekommen war, denn der Peter hätte nichts davon gewusst.

"Siehst du", erklärte der Großvater, "das macht die Sonne, wenn sie den Bergen gute Nacht sagt, dann wirft sie ihnen noch ihre schönsten Strahlen zu, dass sie sie nicht vergessen, bis sie am Morgen wiederkommt."

Das gefiel Heidi und sie konnte es kaum erwarten, dass es wieder Tag werde, damit sie wieder auf die Weide könne um wieder zu sehen, wie die Sonne den Bergen gute Nacht sagte. Aber erst musste sie nun schlafen gehen, und sie schlief auch die ganze Nacht herrlich auf seinem Heulager, und träumte von lauter schimmernden Bergen und roten Rosen darauf und mittendrin das Schneehöppli in fröhlichen Sprüngen.

Bei der Großmutter

Am andern Morgen kam wieder die helle Sonne, und dann kam der Peter und die Ziegen, und wieder zogen sie alle miteinander auf der Weide hinauf. So ging es Tag für Tag, und Heidi wurde bei diesem ständigen Aufenthalt im Freien ganz braun und so kräftig und gesund, dass ihr nie etwas fehlte; Heidi lebte froh und glücklich von einem Tag zum anderen, so wie die lustigen Vöglein in den Bäumen im grünen Wald leben. Als es nun Herbst wurde und der Wind anfing lauter über die Berge hin zu sausen, da sagte der Großvater gelegentlich: "Heut bleibst du da, Heidi; ein kleines Kind wie dich kann der Wind mit einem Ruck über alle Felsen ins Tal hinabwehen."

Wenn Peter aber das am Morgen vernahm, sah er sehr unglücklich aus, denn er erwartete dadurch nur Unangenehmes: zum einen wusste er vor Langeweile nun gar nicht mehr, was anfangen, wenn Heidi nicht bei ihm war; dann kam er um sein reichliches Mittagsmahl, und außerdem waren die Ziegen so störrig an diesen Tagen, dass er die doppelte Mühe mit ihnen hatte; denn die Tiere waren nun auch so an Heidis Gesellschaft gewöhnt, dass sie nicht vorwärts wollten, wenn sie nicht dabei war, und auf alle Seiten rannten. Heidi wurde niemals unglücklich, denn sie sah immer irgendetwas Erfreuliches vor sich. Am liebsten ging sie schon mit Hirt und Ziegen auf die Weide zu den Blumen und zum Raubvogel hinauf, wo so mannigfaltige Dinge zu erleben waren mit all den verschieden gearteten Ziegen; aber auch das Hämmern und Sägen und Zimmern des Großvaters war sehr unterhaltsam für Heidi; und traf es sich, dass er gerade die schönen runden Ziegenkäschen zubereitete, wenn es daheim bleiben musste, so war das ein ganz besonderes Vergnügen, dieser merkwürdigen Tätigkeit zuzuschauen; dabei machte der Großvater beide Arme bloß und rührte damit in dem großen Kessel herum. Aber am interessantesten war für Heidi an solchen Windtagen das Wogen und Rauschen in den drei alten Tannen hinter der Hütte. Da musste sie von Zeit zu Zeit immer wieder hinlaufen und alles andere stehen und liegen lassen, egal was war, denn es gab nichts schöneres als dieses tiefe, geheimnisvolle Tosen in den Wipfeln da droben; da stand Heidi unten und lauschte hinauf und konnte niemals genug bekommen, zu sehen und zu hören, wie das in den Bäumen mit großer Macht wehte und wogte und rauschte. Jetzt war die Sonne nicht mehr heiß wie im Sommer, und Heidi suchte ihre Strümpfe und Schuhe hervor und auch den Rock, denn nun wurde es immer frischer, und wenn Heidi unter den Tannen stand, wurde sie richtig durchgeweht, aber sie lief doch immer wieder hin und konnte nicht in der Hütte bleiben, wenn sie das Rauschen des Windes vernahm.

Dann wurde es kalt, und der Peter hauchte in die Hände, wenn er früh am Morgen heraufkam, aber nicht lange; denn auf einmal fiel über Nacht hoher Schnee, und am Morgen war die ganze Alm schneeweiß und ringsherum war kein einziges grünes Blättlein mehr zu sehen. Da kam der Geißenpeter nicht mehr mit seiner Herde, und Heidi schaute ganz verwundert durch das kleine Fenster, denn nun fing es wieder zu schneien an, und die dicken Flocken fielen fort und fort, bis der Schnee so hoch wurde, dass er bis ans Fenster hinaufreichte, und dann noch höher, dass man das Fenster gar nicht mehr aufmachen konnte und man ganz verpackt war in dem Häuschen. Das kam Heidi so lustig vor, dass sie immer von einem Fenster zum anderen rannte, um zu sehen, wie es denn noch werden wollte und ob der Schnee noch die ganze Hütte zudecken wollte, so dass man am hellen Tag ein Licht anzünden müsste . Es kam aber nicht so weit, und am anderen Tag ging der Großvater hinaus - denn nun schneite es nicht mehr - und schaufelte ums ganze Haus herum eine Weg und warf große, große Schneehaufen aufeinander; es sah aus als stünden plötzlich ganze Schneeberge um die Hütte herum; aber nun waren die Fenster wieder frei und auch die Tür, und das war gut, denn als am Nachmittag Heidi und der Großvater am Feuer saßen, jeder auf seinem Hocker - denn der Großvater hatte längst auch einen für das Kind gezimmert -, da polterte auf einmal etwas heran und schlug immerzu gegen die Holzschwelle und machte endlich die Tür auf. Es war der Geißenpeter; er hatte aber nicht aus Unart so gegen die Tür gepoltert, sondern um seinen Schnee von den Schuhen abzuschlagen, die bis oben damit bedeckt waren; eigentlich der ganze Peter war von Schnee bedeckt, denn er hatte sich durch die hohen Schichten so durchkämpfen müssen, dass ganze Massen an ihm hängen geblieben und auf ihm festgefroren waren, denn es war sehr kalt. Aber er hatte nicht nachgegeben, denn er wollte zu Heidi hinauf, er hatte sie jetzt acht Tage lang nicht gesehen.

"Guten Abend", sagte er beim Eintreten, stellte sich gleich so nah als möglich ans Feuer heran und sagte weiter nichts mehr; aber sein ganzes Gesicht lachte vor Vergnügen, dass er da war. Heidi schaute ihn sehr verwundert an, denn als er nun so nah am Feuer war, fing es überall an ihm zu tauen an, so dass der ganze Peter aussah wie ein sanfter Wasserfall.

"Nun, General, wie steht's?", sagte jetzt der Großvater. "Nun bist du ohne Armee und musst am Griffel nagen."

"Warum muss er am Griffel nagen, Großvater?", fragte Heidi sogleich mit Wissbegierde.

"Im Winter muss er in die Schule gehen", erklärte der Großvater; "da lernt man lesen und schreiben, und das geht manchmal schwer, da hilft' s ein wenig, wenn man am Griffel nagt; ist's nicht wahr, General?"

"Ja, 's ist wahr", bestätigte Peter.

Jetzt war Heidis Interesse geweckt; sie stellte sehr viele Fragen an Peter über die Schule und alles, was einem da begegnete und was zu hören und zu sehen war. Und da immer viel Zeit bei einer Unterhaltung verging, an der Peter teilnahm, so konnte er derweilen schön trocknen von oben bis unten. Es war immer eine große Anstrengung für ihn, seine Vorstellungen in die Worte zu bringen, die bedeuteten, was er meinte; aber diesmal hatte er's besonders schwer, denn kaum hatte er eine Antwort zustande gebracht, so hatte ihm Heidi schon wieder zwei oder drei unerwartete Fragen gestellt und meistens solche, die einen ganzen Satz als Antwort erforderten.

Der Großvater hatte sich ganz still verhalten während dieser Unterhaltung, aber es hatte ihm öfter ganz lustig um die Mundwinkel gezuckt, was ein Zeichen war, dass er zuhörte.

"So, General, nun warst du im Feuer und brauchst Stärkung, komm, iss mit!" Damit stand der Großvater auf und holte das Abendessen aus dem Schrank hervor, und Heidi schob die Stühle zum Tisch. Unterdessen war vom Großvater auch eine Bank an die Wand gezimmert worden; nun da er nicht mehr allein war, hatte er da und dort allerlei Sitze für zwei eingerichtet, denn Heidi hatte die Art, dass sie sich überall nah beim Großvater hielt, wo er auch ging, stand oder saß. So hatten sie alle drei gut Platz zum Sitzen und Peter bekam ganz große Augen, als er sah, welch ein mächtiges Stück von dem schönen getrockneten Fleisch der Alm-Öhi ihm auf seine dicke Brotschnitte legte. So gut hatte es der Peter lange nicht gehabt. Als nun das vergnügte Mahl zu Ende war, fing es an zu dunkeln, und Peter schickte sich zur Heimkehr an. Als er nun "Gute Nacht" und "Dank Euch Gott" gesagt hatte und schon unter der Tür war, kehrte er sich noch einmal um und sagte: "Am Sonntag komm ich wieder, heute in acht Tagen, und du solltest auch einmal zur Großmutter kommen, hat sie gesagt."

Das war ein ganz neuer Gedanke für Heidi, dass sie zu jemandem gehen sollte; aber der Gedanke gefiel Heidi, und gleich am folgenden Morgen war das Erste, dass sie erklärte: "Großvater, jetzt muss ich gewiss zu der Großmutter hinunter, sie erwartet mich."

"Es liegt zu viel Schnee", erwiderte der Großvater abwehrend.

Aber Heidi hatte es sich fest vorgenommen, denn die Großmutter hatte es ja sagen lassen; so musste es sein. So verging kein Tag mehr, an dem das Kind nicht fünf- und sechsmal sagte: "Großvater, jetzt muss ich gewiss gehen, die Großmutter wartet ja immer auf mich."

Am vierten Tag knisterte und knarrte es draußen bei jedem Schritt vor Kälte und die ganze große Schneedecke ringsum hart war gefroren; aber die Sonne schien wunderschön ins Fenster, gerade auf Heidis hohen Stuhl, als sie beim Mittagsmahl saß. Da begann Heidi wieder ihr Sprüchlein: "Heut muss ich aber gewiss zur Großmutter gehen, es dauert ihr sonst zu lange." Da stand der Großvater vom Mittagstisch auf, stieg auf den Heuboden hinauf, brachte den dicken Sack herunter, der Heidis Bettdecke war, und sagte: "So komm!" In großer Freude hüpfte das Kind ihm nach in die glitzernde Schneewelt hinaus. In den alten Tannen war es nun ganz still und auf allen Ästen lag der weiße Schnee. Im Sonnenschein schimmerte und funkelte es überall von den Bäumen in solcher Pracht, dass Heidi hoch aufsprang vor Begeisterung und ein übers andere Mal ausrief: "Komm heraus, Großvater, komm heraus! Es ist lauter Silber und Gold an den Tannen!" Denn der Großvater war in den Schuppen hineingegangen und kam nun mit einem großen, breiten Schlitten heraus: vorn war eine Stange angebracht, und von dem flachen Sitz konnte man die Füße nach vorn hinunter halten und gegen den Schneeboden stemmen und der Fahrt die Richtung geben. Hier setzte sich der Großvater hin, nachdem er zuerst die Tannen ringsum mit Heidi hatte bestaunen müssen. Er nahm das Kind auf seinen Schoß, wickelte es um und um in den Sack ein, damit es hübsch warm bleibe, und drückte es fest mit dem linken Arm an sich, denn das war nötig bei der kommenden Fahrt. Dann umfasste er mit der rechten Hand die Stange und stieß sich mit beiden Füßen ab. Da schoss der Schlitten mit einer solchen Schnelligkeit die Alm hinab, dass Heidi meinte, sie fliege in der Luft wie ein Vogel, und laut aufjauchzte. Auf einmal stand der Schlitten still, gerade bei der Hütte vom Geißenpeter. Der Großvater stellte das Kind auf den Boden, wickelte es aus seiner Decke heraus und sagte:

"So, nun geh hinein, und wenn es anfängt dunkel zu werden, dann komm wieder heraus und mach dich auf den Weg." Dann kehrte er um mit seinem Schlitten und zog ihn den Berg hinauf.

Heidi machte die Tür auf und kam in einen kleinen Raum hinein, da sah es schwarz aus. Ein Herd war da und einige Schüsselchen auf einem Gestell, das war die kleine Küche; dann kam gleich wieder eine Tür, die machte Heidi wieder auf und kam in eine enge Stube hinein. Das Ganze war keine Sennhütte, wie beim Großvater, wo es einen einzigen, großen Raum gab und oben einen Heuboden, sondern es war ein kleines, uraltes Häuschen, wo alles eng war und schmal und dürftig. Als Heidi in das Stübchen trat, stand sie gleich vor dem Tisch, daran saß eine Frau und flickte an Peters Jacke, das erkannte Heidi sogleich. In der Ecke saß ein altes, gekrümmtes Mütterchen und spann. Heidi wusste gleich, woran sie war und ging geradewegs auf das Spinnrad zu und sagte: "Guten Tag, Großmutter, jetzt komme ich zu dir; hast du gedacht, es dauert lang, bis ich komme?"

Die Großmutter erhob den Kopf und suchte die Hand, die gegen sie ausgestreckt war, und als sie diese erfasst hatte, befühlte sie dieselbe erst eine Weile nachdenklich in der ihrigen, dann sagte sie: "Bist du das Kind droben beim Alm-Öhi, bist du die Heidi?"

"Ja, ja", bestätigte das Kind, "jetzt gerade bin ich mit dem Großvater im Schlitten heruntergefahren."

"Wie ist das möglich! Du hast ja eine so warme Hand! Sag, Brigitte, ist der Alm-Öhi selber mit dem Kind heruntergekommen?"

Peters Mutter, die Brigitte, die am Tisch geflickt hatte, war aufgestanden und betrachtete nun mit Neugierde das Kind von oben bis unten; dann sagte sie: "Ich weiß nicht, Mutter, ob der Öhi selber mit ihm heruntergekommen ist; es ist nicht anzunehmen, das Kind wird's nicht recht wissen."

Aber Heidi sah die Frau sehr bestimmt und keineswegs unwissend an und sagte: "Ich weiß ganz gut, wer mich in die Bettdecke gewickelt hat und mit mir heruntergeschlittert ist; das ist der Großvater."

"Es muss doch etwas daran sein, an dem was der Peter so den Sommer über vom Alm-Öhi gesagt hat, wenn wir dachten, er wisse es nicht recht", sagte die Großmutter; "wer hätte freilich das Kind lebte keine drei Wochen da oben. Wie sieht es denn aus, Brigitte!" Diese hatte das Kind unterdessen so von allen Seiten angesehen, so dass sie nun wohl berichten konnte, wie es aussah. auch glauben können, dass so etwas möglich sei; ich dachte, "Es ist so zierlich, wie die Adelheid war", gab sie zur Antwort; "aber es hat die schwarzen Augen und das krause Haar, wie es der Tobias hatte und auch der Alte droben; ich glaube, es sieht den zweien ähnlich."

Unterdessen war Heidi ruhig geblieben; sie hatte ringsum geschaut und alles genau betrachtet, was da zu sehen war. Jetzt sagte sie: "Sieh, Großmutter, dort schlägt es einen Fensterladen immer hin und her, und der Großvater würde auf der Stelle einen Nagel einschlagen, dass er wieder fest hält, sonst schlägt der Fensterladen auch einmal eine Scheibe ein; sieh, sieh, wie er tut!"

"Ach, du gutes Kind", sagte die Großmutter, "sehen kann ich es nicht, aber hören kann ich es wohl und noch viel mehr, nicht nur den Laden; da kracht und klappert es überall, wenn der Wind kommt, und er kann überall herein blasen; es hält nichts mehr zusammen, und in der Nacht, wenn sie beide schlafen, ist es mir manchmal so angst und bang, es falle alles über uns zusammen und schlage uns alle drei tot; ach, und da ist kein Mensch, der etwas ausbessern könnte an der Hütte, der Peter kann es nicht."

"Aber warum kannst du denn nicht sehen, was der Laden tut, Großmutter? Sieh jetzt wieder, dort, gerade dort." Und Heidi zeigte die Stelle deutlich mit dem Finger.

"Ach Kind, ich kann ja gar nichts sehen, gar nichts, nicht nur den Laden nicht", klagte die Großmutter.

"Aber wenn ich hinausgehe und den Laden ganz aufmache, dass es recht hell wird, kannst du dann sehen, Großmutter?"

"Nein, nein, auch dann nicht, es kann mir niemand mehr hell machen."

"Aber wenn du hinausgehst in den ganz weißen Schnee, dann wird es dir gewiss hell; komm nur mit mir, Großmutter, ich will es dir zeigen." Heidi nahm die Großmutter bei der Hand und wollte sie fortziehen, denn Heidi machte es Angst, dass es der Großmutter nirgends hell wurde.

"Lass mich nur sitzen, du gutes Kind; es bleibt doch dunkel bei mir, auch im Schnee und in der Helle, sie dringt nicht mehr in meine Augen."

"Aber dann doch im Sommer, Großmutter", sagte Heidi, immer ängstlicher nach einem guten Ausweg suchend; "weißt, wenn dann wieder die Sonne ganz heiß herunterbrennt und dann ›gute Nacht‹ sagt und die Berge alle feuerrot schimmern und alle gelben Blümlein glitzern, dann wird es dir wieder schön hell?"

"Ach, Kind, ich kann sie nie mehr sehen, die feurigen Berge und die goldenen Blümlein droben, es wird mir nie mehr hell auf Erden, nie mehr."

Jetzt brach Heidi in lautes Weinen aus. Voller Jammer schluchzte sie fortwährend: "Wer kann dir denn wieder hell machen? Kann es niemand? Kann es gar niemand?"

Die Großmutter suchte nun das Kind zu trösten, aber es gelang ihr nicht so bald. Heidi weinte fast nie; wenn sie aber einmal anfing, dann konnte sie auch fast nicht mehr aus der Traurigkeit herauskommen. Die Großmutter hatte schon allerhand probiert, um das Kind zu beschwichtigen, denn es ging ihr zu Herzen, dass es so jämmerlich schluchzte. Jetzt sagte sie: "Komm, liebe Heidi, komm hier heran, ich will dir etwas sagen. Siehst du, wenn man nichts sehen kann, dann hört man so gern ein freundliches Wort, und ich höre es gern, wenn du redest; komm, setz dich nahe zu mir und erzähl mir etwas, was du machst da droben und was der Großvater macht, ich habe ihn früher gut gekannt; aber jetzt hab ich seit einigen Jahren nichts mehr von ihm gehört außer durch den Peter, aber der sagt nicht viel."

Jetzt kam Heidi ein neuer Gedanke; sie wischte rasch ihre Tränen weg und sagte tröstlich: "Wart nur, Großmutter, ich will alles dem Großvater sagen, er macht dir schon wieder hell und macht, dass die Hütte nicht zusammenfällt, er kann alles wieder in Ordnung machen."

Die Großmutter schwieg stille, und nun fing Heidi an, ihr mit großer Lebendigkeit zu erzählen : von ihrem Leben mit dem Großvater und von den Tagen auf der Weide und von dem jetzigen Winterleben mit dem Großvater; und davon was er alles aus Holz machen könne: Bänke und Stühle und schöne Krippen, wo man für das Schwänli und Bärli das Heu hineinlegen könnte, und einen neuen großen Wassertrog zum Baden im Sommer, und ein neues Milchschüsselchen und Löffel, und Heidi wurde immer eifriger im Beschreiben all der schönen Sachen, die so auf einmal aus einem Stück Holz herauskommen. Und Heidi erzählte wie sie dann neben dem Großvater stehe und ihm zuschaue und wie sie das alles auch einmal machen wolle. Die Großmutter hörte mit großer Aufmerksamkeit zu, und von Zeit zu Zeit sagte sie dazwischen: "Hörst du's auch, Brigitte? Hörst du, was sie vom Öhi sagt?"

Mit einem Mal wurde die Erzählung unterbrochen durch ein großes Gepolter an der Tür, und herein stampfte der Peter, blieb aber sogleich ruhig stehen und sperrte seine runden Augen ganz erstaunlich weit auf, als er Heidi erblickte, und er machte ein ganz fröhliches Gesicht, als sie ihm sogleich zurief: "Guten Abend, Peter!"

"Ist denn das möglich, dass der schon aus der Schule kommt", rief die Großmutter ganz verwundert aus. "So geschwind ist mir seit manchem Jahr kein Nachmittag vergangen! Guten Abend, Peterli, wie geht es mit dem Lesen?"

"Gleich", gab der Peter zur Antwort.

"So, so", sagte die Großmutter ein wenig seufzend, "ich habe gedacht, es würde sich vielleicht ändern mit der Zeit, wenn du dann zwölf Jahre alt wirst im Februar."

"Warum muss es sich ändern, Großmutter?", fragte Heidi gleich mit Interesse.

"Ich meine nur, dass er es doch noch hätte lernen können", sagte die Großmutter, "das Lesen mein ich. Ich habe dort oben auf dem Regal ein altes Gebetbuch, da sind schöne Lieder drin, die habe ich so lange nicht mehr gehört, und im Gedächtnis habe ich sie auch nicht mehr; da habe ich gehofft, wenn der Peter nun lesen lerne, so könne er mir etwa ein gutes Lied lesen; aber er kann es nicht lernen, es ist ihm zu schwer."

"Ich denke, ich muss Licht machen, es wird ja schon ganz dunkel", sagte jetzt Peters Mutter, die immer emsig an der Jacke fortgeflickt hatte; "der Nachmittag ist mir auch vergangen, ohne dass ich's merkte."

Nun sprang Heidi von seinem Stühlchen auf, streckte eilig seine Hand aus und sagte: "Gut Nacht, Großmutter, ich muss auf der Stelle heim, wenn es dunkel wird", und nacheinander gab sie dem Peter und seiner Mutter die Hand und ging auf die Tür zu. Aber die Großmutter rief besorgt: "Wart, wart, Heidi; so allein musst du nicht fort, der Peter muss mit dir gehen, hörst du? Und gib Acht auf das Kind, Peterli, dass es nicht umfällt, und steh nicht still mit ihm, dass es nicht friert, hörst du? Hat es auch ein dickes Halstuch an?"

"Ich habe gar kein Halstuch an", rief Heidi zurück, "aber ich will schon nicht frieren"; damit war es zur Tür hinaus und ging so schnell weiter, dass der Peter kaum nachkam. Aber die Großmutter rief jammernd: "Lauf ihm nach, Brigitte, lauf, das Kind muss ja erfrieren, so bei der Nacht, nimm mein Halstuch mit, lauf schnell!" Die Brigitte gehorchte. Die Kinder hatten aber kaum ein paar Schritte den Berg hinauf getan, so sahen sie von oben herunter den Großvater kommen, und mit wenigen raschen Schritten stand er vor ihnen.

"Recht so, Heidi, Wort gehalten!", sagte er, packte das Kind wieder fest in seine Decke ein, nahm es auf seinen Arm und stieg den Berg hinauf. Brigitte sah gerade noch, wie der Alte das Kind wohl verpackt auf seinen Arm genommen und den Rückweg angetreten hatte. Sie trat mit dem Peter wieder in die Hütte ein und erzählte der Großmutter mit Verwunderung, was sie gesehen hatte. Auch diese musste sich sehr wundern und sagte immer wieder: "Gott Lob und Dank, dass er so ist mit dem Kind, Gott Lob und Dank! Wenn er es nur auch wieder zu mir lässt, das Kind hat mir so gut getan! Was hat es für ein gutes Herz und wie kann es so kurzweilig erzählen!" Und immer wieder freute sich die Großmutter, und bis sie ins Bett ging, sagte sie immer wieder: "Wenn es nur auch wiederkommt! Jetzt habe ich doch noch etwas auf der Welt, auf das ich mich freuen kann!" Und die Brigitte stimmte jedes Mal ein, wenn die Großmutter wieder dasselbe sagte, und auch der Peter nickte jedes Mal zustimmend mit dem Kopf und zog seinen Mund weit auseinander vor Vergnüglichkeit und sagte: "Hab's schon gewusst."

Unterdessen redete Heidi in ihrem Sack drinnen immerzu auf den Großvater ein; da die Stimme aber nicht durch die acht Lagen Stoff dringen konnte und er daher kein Wort verstand, sagte er: "Wart ein wenig, bis wir daheim sind, dann sag's."

Sobald er nun, oben angekommen, in seine Hütte eingetreten war und Heidi aus seiner Hülle herausgeschält hatte, sagte sie: "Großvater, morgen müssen wir den Hammer und die großen Nägel mitnehmen und bei der Großmutter den Fensterladen festmachen und sonst noch viele Nägel einschlagen, denn es kracht und klappert alles bei ihr."

"Müssen wir? So, das müssen wir? Wer hat dir das gesagt?", fragte der Großvater.

"Das hat mir kein Mensch gesagt, ich weiß es eben", entgegnete Heidi, "denn es hält alles nicht mehr fest und es ist der Großmutter angst und bang, wenn sie nicht schlafen kann und es so tut, und sie denkt: "Jetzt fällt alles ein und gerade auf unsere Köpfe"; und der Großmutter kann man gar nicht mehr hell machen, sie weiß gar nicht, wie man es könnte, aber du kannst es schon, Großvater; denk nur, wie traurig es ist, wenn sie immer im Dunkeln ist und es ihr dann noch angst und bang ist und es kann ihr kein Mensch helfen als du! Morgen wollen wir gehen und ihr helfen; gell, Großvater, wir wollen?"

Heidi hatte sich an den Großvater angeklammert und schaute mit vollem Vertrauen zu ihm auf. Der Alte schaute eine kleine Weile auf das Kind nieder, dann sagte er: "Ja, Heidi, wir wollen machen, dass es nicht mehr so klappert bei der Großmutter, das können wir; morgen tun wir's."

Nun hüpfte das Kind vor Freude im ganzen Hüttenraum herum und rief ein Mal ums andere: "Morgen tun wir's! Morgen tun wir's!"

Der Großvater hielt Wort. Am folgenden Nachmittag wurde dieselbe Schlittenfahrt gemacht. Wie am vorhergehenden Tag stellte der Alte das Kind vor der Tür der Geißenpeter-Hütte nieder und sagte: "Nun geh hinein, und wenn's Nacht wird, komm wieder." Dann legte er den Sack auf den Schlitten und ging um das Häuschen herum.

Kaum hatte Heidi die Tür aufgemacht und war in die Stube hineingesprungen, so rief schon die Großmutter aus der Ecke: "Da kommt das Kind! Das ist das Kind!", und ließ vor Freude den Faden los und das Rädchen stehen und streckte beide Hände nach dem Kinde aus. Heidi lief zu ihr, rückte gleich das niedere Stühlchen ganz nahe an sie heran, setzte sich darauf und hatte der Großmutter schon wieder eine große Menge von Dingen zu erzählen und von ihr zu erfragen. Aber auf einmal ertönten so gewaltige Schläge an das Haus, dass die Großmutter vor Schrecken so zusammenfuhr, dass sie fast das Spinnrad umwarf, und zitternd ausrief: "Ach du mein Gott, jetzt kommt's, es fällt alles zusammen!" Aber Heidi hielt sie fest im Arm und sagte tröstend: "Nein, nein, Großmutter, erschrick nur nicht, das ist der Großvater mit dem Hammer, jetzt macht er alles fest, dass es dir nicht mehr angst und bang wird."

"Ach, ist auch das möglich! Ist auch so etwas möglich! So hat uns doch der liebe Gott nicht ganz vergessen!", rief die Großmutter aus. "Hast du's gehört, Brigitte, was es ist, hörst du's? Wahrhaftig, es ist ein Hammer! Geh hinaus, Brigitte, und wenn es der Alm-Öhi ist, so sag ihm, er soll doch dann auch einen Augenblick hereinkommen, dass ich ihm auch danken kann."

Die Brigitte ging hinaus. Eben schlug der Alm-Öhi mit großer Gewalt neue Haken in die Mauer; Brigitte trat an ihn heran und sagte: "Ich wünsche Dir guten Abend, Öhi, und die Mutter auch, und wir haben Dir zu danken, dass Du uns einen solchen Dienst tust; und die Mutter möchte Dir noch gern selbst danken drinnen; sicher, das hätte nicht jeder für uns getan, wir werden oft an Dich denken, denn sicher….-"

"Mach's kurz", unterbrach sie der Alte hier; "was Ihr vom Alm-Öhi haltet, weiß ich schon. Geh nur wieder hinein; was zu machen ist, sehe ich selber"

Brigitte gehorchte sogleich, denn der Öhi hatte eine Art, der man sich nicht leicht widersetzte. Er klopfte und hämmerte um das ganze Häuschen herum, stieg dann das schmale Treppchen hinauf bis unter das Dach, hämmerte weiter und weiter, bis er auch den letzten Nagel eingeschlagen hatte, den er mitgebracht hatte. Unterdessen war es auch schon dunkel geworden, und kaum war er heruntergestiegen und hatte seinen Schlitten hinter dem Ziegenstall hervorgezogen, als auch schon Heidi aus der Tür trat und vom Großvater wie gestern verpackt auf den Arm genommen und der Schlitten nachgezogen wurde, denn allein da drauf sitzend, wäre die ganze Umhüllung vom Heidi abgefallen, und es wäre fast oder ganz erfroren. Das wusste der Großvater wohl und hielt das Kind ganz warm in seinem Arm.

So ging der Winter dahin. In das freudlose Leben der blinden Großmutter war nach langen Jahren eine Freude gefallen und ihre Tage waren nicht mehr lang und dunkel, einer wie der andere, denn nun hatte sie immer etwas in Aussicht, nach dem sie verlangen konnte. Vom frühen Morgen an lauschte sie auch schon auf den trippelnden Schritt, und ging dann die Tür auf und das Kind kam wirklich daher gesprungen, dann rief sie jedes Mal in lauter Freude: "Gottlob! Da kommt's wieder!" Und Heidi setzte sich zu ihr und plauderte und erzählte so lustig von allem, was sie wusste, so dass es der Großmutter ganz gut ging und ihr die Stunden dahingingen, sie merkte es nicht, und kein einziges Mal fragte sie mehr so wie früher: "Brigitte, ist der Tag noch nicht um?", sondern jedes Mal, wenn Heidi die Tür hinter sich schloss, sagte sie: "Wie war doch der Nachmittag so kurz; ist es nicht wahr, Brigitte?" Und diese sagte: "Doch sicher, es kommt mir so vor, als hätten wir gerade erst die Teller vom Essen weggestellt." Und die Großmutter sagte wieder: "Wenn mir nur der Herrgott das Kind erhält und dem Alm-Öhi den guten Willen! Sieht es auch gesund aus, Brigitte?" Und jedes Mal erwiderte diese: "Es sieht aus wie ein Erdbeerapfel."

Heidi hing sehr an der alten Großmutter, und wenn es ihr wieder in den Sinn kam, dass niemand, auch der Großvater nicht, die Großmutter wieder sehend machen konnte, überkam sie immer wieder eine große Traurigkeit; aber die Großmutter sagte ihr immer wieder, dass sie am wenigsten darunter leide, wenn sie bei ihr sei, und Heidi kam auch an jedem schönen Wintertag heruntergefahren auf ihrem Schlitten. Der Großvater war, ohne weitere Worte, so fort gefahren, hatte jedes Mal den Hammer und allerlei andere Sachen mit aufgeladen und manchen Nachmittag durch an dem Geißenpeter-Häuschen herum geklopft. Das hatte aber auch seine gute Wirkung; es krachte und klapperte nicht mehr die ganzen Nächte durch, und die Großmutter sagte, so habe sie manchen Winter lang nicht mehr schlafen können, das wolle sie auch dem Öhi nie vergessen.

Es kommt ein Besuch und dann noch einer, der mehr Folgen hat

Schnell war der Winter und noch schneller der fröhliche Sommer darauf vergangen, und ein neuer Winter neigte sich schon wieder dem Ende zu. Heidi war glücklich und froh wie die Vöglein des Himmels und freute sich jeden Tag mehr auf die herannahenden Frühlingstage, wenn der warme Föhn durch die Tannen brausen und den Schnee wegfegen würde. Dann würde die helle Sonne die blauen und gelben Blumen hervorlocken und die Tage der Weide würden kommen, die für Heidi das Schönste mit sich brachten, was es auf Erden geben konnte.

Heidi war nun acht Jahre alt; sie hatte vom Großvater allerlei Kunstgriffe erlernt: Mit den Ziegen konnte sie so gut umgehen wie kaum ein anderer, und Schwänli und Bärli liefen ihr nach wie treue Hunde und meckerten gleich laut vor Freude, wenn sie nur Heidis Stimme hörten. In diesem Winter hatte Peter schon zweimal vom Schullehrer im Dörfli ausgerichtet, der Alm-Öhi solle das Kind, das bei ihm sei, nun in die Schule schicken; es habe schon mehr als das vorgeschriebene Alter und hätte schon im letzten Winter kommen sollen. Der Öhi hatte beide Male dem Schullehrer sagen lassen, wenn er etwas von ihm wolle, so sei er daheim, das Kind schicke er nicht in die Schule. Diesen Bericht hatte der Peter richtig überbracht.

Die Märzsonne hatte den Schnee an den Abhängen geschmolzen und überall im Tal guckten die weißen Schneeglöckchen hervor und auf der Alm hatten die Tannen ihre Schneelast abgeschüttelt und die Äste wehten wieder lustig. Heidi rannte vor Wonne immer hin und her von der Haustür zum Ziegenstall und von da unter die Tannen und dann wieder hinein zum Großvater, um ihm zu berichten, wie viel größer das Stück grüner Boden unter den Bäumen wieder geworden sei. Und direkt anschließend kam sie wieder um nachzusehen, denn Heidi konnte es nicht erwarten, bis alles wieder grün wurde und der ganze schöne Sommer mit Grün und Blumen wieder auf die Alm gezogen kam.

Als Heidi so am sonnigen Märzmorgen hin und her rannte und jetzt wohl zum zehnten Mal über die Türschwelle sprang, wäre sie vor Schrecken fast rückwärts hingefallen, denn auf einmal stand sie vor einem schwarzen alten Herrn, der sie ganz ernsthaft anblickte. Als er aber ihren Schrecken sah, sagte er freundlich: "Du musst nicht erschrecken vor mir, die Kinder sind mir lieb. Gib mir die Hand! Du wirst Heidi sein; wo ist der Großvater?"

"Er sitzt am Tisch und schnitzt runde Löffel aus Holz", erklärte Heidi und machte nun die Tür wieder auf.

Es war der alte Herr Pfarrer aus dem Dörfli, der den Öhi vor Jahren gut gekannt hatte, als er noch unten wohnte und sein Nachbar war. Er trat in die Hütte ein, ging auf den Alten zu, der sich über sein Schnitzwerk hinbeugte, und sagte: "Guten Morgen, Nachbar."

Verwundert schaute dieser in die Höhe, stand dann auf und entgegnete: "Guten Morgen Herrn Pfarrer." Dann stellte er seinen Stuhl vor den Herrn hin und fuhr fort: "Wenn der Herr Pfarrer einen Holzsitz nicht scheut, hier ist einer."

Der Herr Pfarrer setzte sich. "Ich habe Sie lange nicht gesehen, Herr Nachbar", sagte er dann.

"Ich den Herrn Pfarrer auch nicht", war die Antwort.

"Ich komme heut, um etwas mit Ihnen zu besprechen", fing der Herr Pfarrer wieder an; "ich denke, Sie wissen schon in welcher Angelegenheit ich komme und worüber ich mich mit Ihnen verständigen will und wovon ich hören will, was Sie vor haben."

Der Herr Pfarrer schwieg und schaute auf Heidi, die an der Tür stand und die neue Erscheinung aufmerksam betrachtete.

"Heidi, geh zu den Ziegen", sagte der Großvater. "Du kannst ein wenig Salz mitnehmen und bei ihnen bleiben, bis ich auch komme."

Heidi verschwand sofort.

"Das Kind hätte schon vor einem Jahr und ganz bestimmt aber diesen Winter die Schule besuchen sollen", sagte nun der Herr Pfarrer; "der Lehrer hat Sie mahnen lassen, Sie haben keine Antwort darauf gegeben; was haben Sie mit dem Kind vor, Herr Nachbar?"

"Ich habe vor, es nicht in die Schule zu schicken", war die Antwort.

Verwundert schaute der Herr Pfarrer auf den Alten, der mit gekreuzten Armen auf seiner Bank saß und gar nicht nachgiebig aussah.

"Was wollen Sie aus dem Kinde machen?", fragte jetzt der Herr Pfarrer.

"Nichts, es wächst und gedeiht mit den Ziegen und den Vögeln; bei denen geht es ihm gut und es lernt nichts Böses von ihnen."

"Aber das Kind ist keine Ziege und kein Vogel, es ist ein Menschenkind. Wenn es nichts Böses lernt von diesen seinen Kameraden, so lernt es auch sonst nichts von ihnen; es soll aber etwas lernen, und die Zeit dazu ist da. Ich bin gekommen, es Ihnen zeitig zu sagen, Nachbar, damit Sie sich besinnen und einrichten können den Sommer durch. Dies war der letzte Winter, den das Kind so ohne allen Unterricht zugebracht hat; nächsten Winter kommt es zur Schule, und zwar jeden Tag."

"Ich tu's nicht, Herr Pfarrer", sagte der Alte unentwegt.

"Meinen Sie denn wirklich, es gebe kein Mittel, Sie zur Vernunft zu bringen, wenn Sie so eigensinnig auf Ihrem unvernünftigen Tun beharren wollen?", sagte der Herr Pfarrer jetzt ein wenig eifrig. "Sie sind weit in der Welt herumgekommen und haben viel gesehen und vieles lernen können, ich hätte Ihnen mehr Einsicht zugetraut, Herr Nachbar."

"So", sagte jetzt der Alte und seine Stimme verriet, dass es auch in seinem Innern nicht mehr so ganz ruhig war; "und meint denn der Herr Pfarrer, ich werde wirklich im nächsten Winter am eisigen Morgen durch Sturm und Schnee ein so zartes Kind den Berg hinunterschicken, zwei Stunden weit, und zur Nacht wieder heraufkommen lassen, wenn's manchmal tobt und tut, dass unsereiner fast in Wind und Schnee ersticken müsste, und dann ein Kind wie dieses? Und vielleicht kann sich der Herr Pfarrer auch noch an die Mutter erinnern, die Adelheid; sie war mondsüchtig und hatte Anfälle, soll das Kind auch so etwas bekommen durch die Anstrengung? Es soll mir einer kommen und mich zwingen wollen! Ich gehe vor alle Gerichte mit ihm, und dann wollen wir sehen, wer mich zwingt!"

"Sie haben ganz Recht, Herr Nachbar", sagte der Herr Pfarrer mit Freundlichkeit; "es wäre nicht möglich, das Kind von hier aus zur Schule zu schicken. Aber ich kann sehen, Sie lieben das Kind; tun um seinetwillen etwas, das Sie schon lange hättet tun sollen, kommen Sie wieder ins Dörfli herunter und leben Sie wieder mit den Menschen. Was ist das für ein Leben hier oben, allein und verbittert gegen Gott und Menschen! Wenn Ihnen einmal etwas zustoßen würde hier oben, wer würde Ihnen helfen? Ich kann auch gar nicht begreifen, dass Sie den Winter durch nicht halb erfrieren in Ihrer Hütte, und wie das zarte Kind es nur aushalten kann!"

"Das Kind hat junges Blut und eine gute Decke, das möchte ich dem Herrn Pfarrer sagen, und dann noch eins: Ich weiß, wo es Holz gibt, und auch, wann die gute Zeit ist, es zu holen; der Herr Pfarrer darf in meinen Schuppen hineingehen, es ist etwas drin, in meiner Hütte geht das Feuer nie aus den Winter durch. Was der Herr Pfarrer mit dem Herunterkommen meint, davon halt ich nichts; die Menschen da unten verachten mich und ich sie auch, wir bleiben voneinander, so ist's für alle das beste."

"Nein, nein, es geht Ihnen nicht gut; ich weiß, was Ihnen fehlt", sagte der Herr Pfarrer mit herzlichem Ton. "Mit der Verachtung der Menschen dort unten ist es so schlimm nicht. Glauben Sie mir, Herr Nachbar: Versuchen Sie, sich mit Gott zu versöhnen, bitten Sie Ihn um Verzeihung wenn es nötig ist, und dann kommen Sie und erleben Sie, dass die Menschen anders mit Ihnen umgehen und dass es Ihnen gut gehen wird."

Der Herr Pfarrer war aufgestanden, er hielt dem Alten die Hand hin und sagte nochmals mit Herzlichkeit: "Ich zähle darauf, Herr Nachbar, im nächsten Winter sind Sie wieder unten bei uns und wir sind die alten, guten Nachbarn. Es würde mir großen Kummer machen, wenn man Sie zwingen müsste; geben Sie mir jetzt die Hand darauf, dass Sie herunterkommen und wieder unter uns leben wollen, ausgesöhnt mit Gott und den Menschen."

Der Alm-Öhi gab dem Herrn Pfarrer die Hand und sagte fest und bestimmt: "Der Herr Pfarrer meint es gut mit mir; aber was er erwartet, das tu ich nicht, ich sag es sicher und werde meine Meinung sicher nicht ändern : Das Kind schick ich nicht, und herunter komm ich nicht."

"So helfe Ihnen Gott!", sagte der Herr Pfarrer und ging traurig zur Tür hinaus und den Berg hinunter.

Der Alm-Öhi war verstimmt. Als Heidi am Nachmittag sagte: "Jetzt wollen wir zur Großmutter", erwiderte er kurz: "Heut nicht." Den ganzen Tag sprach er nicht mehr, und am folgenden Morgen, als Heidi fragte: "Gehen wir heut zur Großmutter?", war er noch gleich kurz von Worten wie im Ton und sagte nur: "Wollen sehen." Aber noch bevor die Schüsselchen vom Mittagessen weggestellt waren, trat schon wieder ein Besuch zur Tür herein, es war die Base Dete. Sie hatte einen schönen Hut auf dem Kopf mit einer Feder darauf und ein Kleid, das alles mitfegte, was am Boden lag, und in der Sennhütte lag da allerlei, das nicht an ein Kleid gehörte. Der Öhi schaute sie an von oben bis unten und sagte kein Wort. Aber die Base Dete hatte vor, ein sehr freundliches Gespräch zu führen; sie fing an zu loben und sagte, Heidi sehe so gut aus, sie habe sie fast nicht mehr gekannt und man könne schon sehen, dass es ihr nicht schlecht gegangen sei beim Großvater. Sie habe aber gewiss auch immer daran gedacht, Heidi ihm wieder abzunehmen, denn sie habe sich ja schon denken können, dass ihm das Kind im Weg sein müsse, aber in jenem Augenblick habe sie es ja nirgends sonst hingeben können; seitdem aber habe sie Tag und Nacht nachgedacht, wo sie das Kind vielleicht unterbringen könnte, und deswegen komme sie auch heute, denn auf einmal habe sie etwas vernommen, da könne Heidi zu einem solchen Glück kommen, dass sie es gar nicht habe glauben wollen. Dann sei sie aber auf der Stelle der Sache nachgegangen, und nun könne sie sagen, es habe alles seine Richtigkeit, Heidi komme zu einem Glück wie unter Hunderttausenden kein zweiter. Furchtbar reiche Verwandte von ihrer Herrschaft, die fast im schönsten Haus in ganz Frankfurt wohnen haben eine einzige kleine Tochter, die müsse immer im Rollstuhl sitzen, denn sie sei auf einer Seite gelähmt und auch sonst nicht gesund, und so sei sie fast immer allein und müsse auch allen Unterricht allein nehmen bei einem Lehrer, und das sei ihr so langweilig, und auch sonst hätte sie gern eine Freundin im Haus; und da habe man so davon geredet bei ihrer Herrschaft, wenn man nur so ein Kind finden könnte, wie die Dame beschrieb, die in dem Haus die Wirtschaft führte, denn ihre Herrschaft habe viel Mitgefühl und möchte dem kranken Töchterchen eine gute Freundin gönnen. Die Wirtschaftsdame hatte nun gesagt, sie wolle so ein recht unverdorbenes, so ein eigenartiges, das nicht sei wie alle, die man so alle Tage sehe. Da habe sie selbst denn auf der Stelle an Heidi gedacht und sei gleich hingelaufen und habe der Dame alles so beschrieben von Heidi und so von ihrem Charakter, und die Dame habe sogleich zugesagt.

Man könne sich kaum vorstellen, welche Chance das für Heidi bedeuten könne. Ganz besonders wenn man daran denke, dass der Tochter ja etwas zustoßen könne, da sie ja so kränklich sei….- ".

"Bist du bald fertig?", unterbrach hier der Öhi, der bis dahin kein Wort dazwischengeredet hatte.

"Pah", gab die Dete zurück und warf den Kopf auf, "Du tust gerade, als ob ich Dir das unanständigste Zeug gesagt hätte; dabei gibt es im ganzen Prättigau niemanden, der dem lieben Gott für diese Nachricht nicht dankbar wäre, hätte ich sie ihm gebracht."

"Bring sie, wem du willst, ich will nichts davon hören", sagte der Öhi trocken.

Aber jetzt fuhr die Dete auf wie eine Rakete und rief: "Ja, wenn du so denkst, dann will ich dir denn schon auch sagen, wie ich denke: Das Kind ist jetzt acht Jahre alt und kann nichts und weiß nichts, und du willst es nichts lernen lassen; du willst es in keine Schule und in keine Kirche schicken, das haben sie mir gesagt unten im Dörfli; aber Heidi ist das Kind meiner einzigen Schwester; ich hab es zu verantworten, wie's mit Heidi weitergeht: und wenn ein Kind eine Chance bekommen kann wie jetzt Heidi, so kann nur jemand dagegen sein, dem alle Menschen gleichgültig sind und der niemandem etwas Gutes wünscht. Aber ich gebe nicht nach, das sag ich dir, und die Leute stehen alle auf meiner Seite. Und es gibt keinen unten im Dörfli, der nicht mir hilft und gegen dich ist. Und wenn du etwa vor Gericht klagen willst, so besinne dich wohl, Öhi; es gibt noch Sachen, die dann wieder zur Sprachen kommen könnten, die du nicht gerne hörst. Denn vor Gericht könnte manches ans Licht kommen, das bisher vergessen war."

"Schweig!", donnerte der Öhi heraus, und seine Augen funkelten wie Feuer. " So nimm das Kind , auch wenn ich weiß, dass es schlecht für es ist. Komm mir aber nie mehr vor Augen mit dem Kind, ich will das Kind nie sehen mit dem Federhut auf dem Kopf und Worten im Mund wie dich heute!"

Der Öhi ging mit großen Schritten zur Tür hinaus.

"Du hast den Großvater bös gemacht", sagte Heidi und blitzte mit seinen schwarzen Augen die Base wenig freundlich an.

"Er wird schon wieder gut, komm jetzt", drängte die Base; "wo sind deine Kleider?"

"Ich komme nicht", sagte Heidi.

"Was sagst du?", fuhr die Base auf; dann änderte sie den Ton ein wenig und fuhr halb freundlich, halb ärgerlich weiter: "Komm, komm, du verstehst es nicht besser, du wirst es so gut haben, wie du es dir gar nicht vorstellen kannst." Dann ging sie an den Schrank, nahm Heidis Sachen hervor und packte sie zusammen: "So, komm jetzt, nimm dort dein Hütchen, es sieht nicht schön aus, aber es ist egal für einmal, setz es auf und mach, dass wir fortkommen."

"Ich komme nicht", wiederholte Heidi.

"Sei doch nicht so dumm und störrig wie eine Ziege; von denen hast du dir das abgesehen. Begreif doch nur, jetzt ist der Großvater bös, du hast es ja gehört, dass er gesagt hat, wir sollen ihm nicht mehr vor Augen kommen, er will es nun haben, dass du mit mir gehst, und jetzt musst du ihn nicht noch böser machen. Du weißt gar nicht, wie schön es in Frankfurt ist und was du alles sehen wirst und wenn es dir dann nicht gefallen sollte, so kannst du wieder heimgehen; bis dahin ist der Großvater dann wieder gut."

"Kann ich wirklich wieder umkehren und heimkommen heut Abend?", fragte Heidi.

"Ach was, komm jetzt! Ich sag dir's ja, du kannst wieder heim, wann du willst. Heut gehen wir bis nach Maienfeld hinunter und morgen früh sitzen wir in der Eisenbahn, mit der bist du nachher im Augenblick wieder daheim, das geht wie geflogen."

Die Base Dete hatte das Bündelchen Kleider auf den Arm und Heidi an die Hand genommen; so gingen sie den Berg hinunter.

Da es noch nicht Weidezeit war, ging der Peter noch zur Schule ins Dörfli hinunter, oder sollte doch dahin gehen; aber er machte hier und da einen Tag Ferien, denn er dachte, es nütze nichts, dahin zu gehen, das Lesen brauche man auch nicht, und ein wenig herumlaufen und große Ruten suchen nütze etwas, denn diese könne man brauchen. So kam er gerade von der Seite her in der Nähe seiner Hütte . Er war offensichtlich erfolgreich gewesen, denn er trug ein ungeheures Bündel langer, dicker Haselruten auf der Achsel. Er stand still und starrte die zwei Entgegenkommenden an, bis sie bei ihm ankamen; dann sagte er: "Wo willst du hin?"

"Ich muss nur geschwind nach Frankfurt mit der Base", antwortete Heidi, "aber ich will zuerst noch zur Großmutter hinein, sie wartet auf mich."

"Nein, nein, kommt nicht in Frage, es ist schon viel zu spät", sagte die Base eilig und hielt Heidi fest bei der Hand; "du kannst dann gehen, wenn du wieder heimkommst, komm jetzt!" Damit zog die Base Heidi weiter und ließ sie nicht mehr los; denn sie fürchtete, dass es drinnen dem Kinde wieder in den Sinn kommen könne, dass es nicht fort wolle, und die Großmutter könne ihm helfen wollen. Der Peter sprang in die Hütte hinein und schlug mit seinem ganzen Bündel Ruten so furchtbar auf den Tisch los, dass alles erzitterte und die Großmutter vor Schrecken vom Spinnrad aufsprang und laut aufjammerte. Der Peter hatte sich Luft machen müssen.

"Was ist's denn? Was ist's denn?", rief angstvoll die Großmutter, und die Mutter, die am Tisch gesessen hatte und fast aufgeflogen war bei dem Knall, sagte in angeborener Langmut: "Was hast du, Peterli; warum bist du so wild?"

"Weil sie Heidi mitgenommen hat", erklärte Peter.

"Wer? Wer? Wohin, Peterli, wohin?", fragte die Großmutter jetzt mit neuer Angst; sie musste aber schnell erraten haben, was vorging, die Tochter hatte ihr ja vor kurzem berichtet, sie habe die Dete gesehen zum Alm-Öhi hinaufgehen. Ganz zitternd vor Eile machte die Großmutter das Fenster auf und rief flehentlich hinaus: "Dete, Dete, nimm uns das Kind nicht weg! Nimm uns Heidi nicht!"

Die beiden Laufenden hörten die Stimme, und die Dete mochte wohl ahnen, was sie rief, denn sie fasste das Kind noch fester und lief, was sie konnte. Heidi widerstrebte und sagte: "Die Großmutter hat gerufen, ich will zu ihr."

Aber das wollte die Base gerade nicht und beschwichtigte das Kind; es solle jetzt nur schnell kommen, damit sie nicht noch zu spät kämen, und damit sie morgen weiterreisen könnten; es könnte ja dann sehen, wie es ihm in Frankfurt gefallen werde, und dass sie sicher gar nicht mehr fort wolle von dort; und wenn sie doch heim wolle, so könne sie ja gleich gehen und dann auch noch der Großmutter etwas mit heimbringen, was sie freue. Das war eine Aussicht für Heidi, die ihr gefiel. Sie fing an ohne Widerstreben zu laufen.

"Was kann ich der Großmutter heimbringen?", fragte sie nach einer Weile.

"Etwas Gutes", sagte die Base, "so schöne, weiche Weißbrötchen, daran wird sie Freud haben, sie kann ja doch das harte, schwarze Brot fast nicht mehr essen."

"Ja, sie gibt es immer wieder dem Peter und sagt: ›Es ist mir zu hart‹; das habe ich selbst gesehen", bestätigte Heidi. "So wollen wir geschwind gehen, Base Dete; dann kommen wir vielleicht heut noch nach Frankfurt, damit ich bald wieder da bin mit den Brötchen."

Heidi fing nun so an zu rennen, dass die Base mit ihrem Bündel auf dem Arm fast nicht mehr nachkam. Aber sie war sehr froh, dass es so rasch ging, denn nun kamen sie gleich zu den ersten Häusern vom Dörfli, und da konnte es wieder allerhand Reden und Fragen geben, die Heidi wieder auf andere Gedanken bringen konnten. So lief sie gerade aus weiter, und das Kind zog dabei noch so stark an ihrer Hand, dass alle Leute es sehen konnten, wie sie um des Kindes willen so eilen musste. So rief sie auf alle die Fragen und Anrufungen, die ihr aus allen Fenstern und Türen entgegentönten, nur immer zurück: "Ihr seht's ja, ich kann jetzt nicht still stehen, das Kind rennt und wir haben noch weit."

"Nimmst' du sie mit?" - "Läuft sie dem Alm-Öhi fort?" - "Es ist nur ein Wunder, dass sie noch am Leben ist!" - "Und dazu noch so rotbackig!" So tönte es von allen Seiten, und die Dete war froh, dass sie ohne Verzug durchkam und keinen Bescheid geben musste und auch Heidi kein Wort sagte, sondern nur immer vorwärts strebte in großem Eifer. -

Von dem Tage an machte der Alm-Öhi, wenn er herunterkam und durchs Dörfli ging, ein böseres Gesicht als je zuvor. Er grüßte keinen Menschen und sah mit seinem Käsekorb auf dem Rücken, mit dem ungeheuren Stock in der Hand und den zusammengezogenen dicken Brauen so drohend aus, dass die Frauen zu den kleinen Kindern sagten: "Gib Acht! Geh dem Alm-Öhi aus dem Weg, er könnte dir noch etwas tun!"

Der Alte verkehrte mit keinem Menschen im Dörfli, er ging nur durch und weit ins Tal hinab, wo er seinen Käse verkaufte und seine Vorräte an Brot und Fleisch besorgte. Wenn er so vorbeigegangen war im Dörfli, dann standen hinter ihm die Leute alle in Grüppchen zusammen, und jeder wusste etwas Besonderes, was er am Alm-Öhi gesehen hatte, wie er immer wilder aussehe und dass er jetzt keinem Menschen mehr auch nur einen Gruß abnehme, Und alle waren sich einig, dass es ein großes Glück sei, dass das Kind habe weglaufen können; man habe ja auch gesehen, wie es fortgedrängt habe, so, als fürchte es, der Alte sei schon hinter ihm her, um es zurückzuholen. Nur die blinde Großmutter hielt unverrückt zum Alm-Öhi, und wer zu ihr heraufkam, um bei ihr spinnen zu lassen oder das Gesponnene zu holen, dem erzählte sie es immer wieder, wie gut und sorgfältig der Alm-Öhi mit dem Kind gewesen sei und was er alles für sie und die Tochter getan habe, wie viele Nachmittag er an ihrem Häuschen herumgeflickt habe, das ohne seine Hilfe gewiss schon zusammengefallen wäre. So kamen denn auch diese Berichte ins Dörfli herunter; aber die meisten, die sie vernahmen, sagten dann, die Großmutter sei vielleicht zu alt zum Begreifen, sie werde es wohl nicht recht verstanden haben, sie werde wohl auch nicht mehr gut hören, weil sie nichts mehr sehe.

Der Alm-Öhi zeigte sich jetzt nicht mehr bei den Geißenpeters; es war gut, dass er die Hütte so fest zusammengenagelt hatte, denn sie blieb für lange Zeit ganz unberührt. Jetzt begann die blinde Großmutter ihre Tage wieder mit Seufzen, und nicht einer verstrich, an dem sie nicht klagend sagte: "Ach, mit dem Kind ist alles Gute und alle Freude von uns genommen, und die Tage sind so leer! Wenn ich nur noch einmal das Heidi hören könnte, eh ich sterben muss!"

Ein neues Kapitel und lauter neue Dinge

Im Hause des Herrn Sesemann in Frankfurt lag die kranke Tochter, Klara, in dem bequemen Rollstuhl, in dem sie den ganzen Tag saß und von einem Zimmer ins andere geschoben wurde. Jetzt saß sie im so genannten Studierzimmer, das neben der großen Essstube lag und wo vielerlei Gerätschaften herumstanden und -lagen, die das Zimmer wohnlich machten und zeigten, dass man sich hier gewöhnlich aufhielt. An dem großen, schönen Bücherschrank mit den Glastüren konnte man sehen, woher das Zimmer seinen Namen hatte und dass es wohl der Raum war, wo die gelähmte Tochter den tägliche Unterricht erhielt.

Klara hatte ein blasses, schmales Gesicht, aus dem zwei freundliche, blaue Augen herausschauten, die in diesem Augenblick auf die große Wanduhr gerichtet waren, die heute besonders langsam zu gehen schien; denn Klara, die sonst kaum ungeduldig wurde, sagte jetzt mit ziemlicher Ungeduld in der Stimme: "Ist es denn immer noch nicht Zeit, Fräulein Rottenmeier?"

Die Letztere saß sehr aufrecht an einem kleinen Arbeitstisch und stickte. Sie trug einen eigenartigen Umhang, einen großen Kragen oder Halbmantel, welcher der Persönlichkeit ein feierliches Aussehen verlieh, das noch betont wurde durch eine Art von hoch gebauter Kuppel, die sie auf dem Kopf trug. Fräulein Rottenmeier war schon seit mehreren Jahren, seitdem die Dame des Hauses gestorben war, im Hause Sesemann, führte die Wirtschaft und hatte die Oberaufsicht über das ganze Dienstpersonal.

Herr Sesemann war meistens auf Reisen, überließ daher dem Fräulein Rottenmeier das ganze Haus, nur mit der Bedingung, dass seine kleine Tochter bei allem mitbestimmen und nichts gegen ihren Wunsch geschehen dürfe.

Während oben Klara zum zweiten Mal mit Zeichen der Ungeduld Fräulein Rottenmeier befragte, ob die Zeit noch nicht da sei, da die Erwarteten erscheinen konnten, stand unten vor der Haustür die Dete mit Heidi an der Hand und fragte den Kutscher Johann, der eben vom Wagen gestiegen war, ob sie wohl Fräulein Rottenmeier so spät noch stören dürfe.

"Das ist nicht meine Sache", brummte der Kutscher; "klingeln Sie den Sebastian herunter, drinnen im Korridor."

Dete tat, wie ihr gesagt worden war, und der Diener des Hauses kam die Treppe herunter; er hatte große, runde Knöpfen auf seiner Jacke und fast ebenso große runde Augen im Kopfe.

"Ich wollte fragen, ob ich um diese Zeit Fräulein Rottenmeier noch stören dürfe", wiederholte Dete ihre Frage.

"Das ist nicht meine Sache", gab der Diener zurück; "klingeln Sie das Fräulein Tinette herunter an der anderen Klingel", und ohne weitere Auskunft verschwand Sebastian.

Dete klingelte wieder. Jetzt erschien auf der Treppe das Fräulein Tinette mit einem blendend weißen Deckelchen auf der Mitte des Kopfes und einer spöttischen Miene auf dem Gesicht.

"Was ist?", fragte sie auf der Treppe, ohne herunterzukommen. Dete wiederholte ihre Frage. Tinette verschwand, kam aber bald wieder und rief von der Treppe herunter: "Sie werden erwartet!"

Jetzt stieg Dete mit Heidi die Treppe hinauf und trat, Tinette folgend, in das Studierzimmer ein. Hier blieb Dete höflich an der Tür stehen, Heidi immer fest an der Hand haltend, denn sie wusste nicht, wie Heidi sich in der unbekannten Umgebung verhalten würde.

Fräulein Rottenmeier erhob sich langsam von ihrem Sitz und kam näher, um die angekommene Gespielin der Tochter des Hauses zu betrachten. Der Anblick schien sie nicht zu befriedigen. Heidi hatte ihr einfaches Baumwollröckchen an und ihr altes, zerdrücktes Strohhütchen auf dem Kopf. Das Kind guckte sehr harmlos darunter hervor und betrachtete mit offensichtlicher Verwunderung den Turmbau auf dem Kopf der Dame.

"Wie heißest du?", fragte Fräulein Rottenmeier, nachdem auch sie einige Minuten lang forschend das Kind angesehen hatte, das kein Auge von ihr abwandte.

"Heidi", antwortete sie deutlich und mit klangvoller Stimme.

"Wie? Wie? Das soll doch wohl kein christlicher Name sein? So bist du doch nicht getauft worden. Welchen Namen hast du in der Taufe erhalten?", fragte Fräulein Rottenmeier weiter.

"Das weiß ich jetzt nicht mehr", entgegnete Heidi.

"Ist das eine Antwort!", bemerkte die Dame mit Kopfschütteln. "Dete, ist das Kind einfältig oder schnippisch?"

"Wenn es ihnen recht ist, so werde ich für das Kind antworten, denn es ist sehr unerfahren", sagte die Dete, nachdem sie Heidi heimlich einen kleinen Stoß gegeben hatte für die unpassende Antwort. "Es ist aber weder einfältig noch schnippisch, das kennt sie gar nicht; sie meint alles so, wie sie redet. Aber Heidi ist heute zum ersten Mal in einem Herrenhaus und kennt die guten Umgangsformen nicht; aber sie ist willig und lernt schnell, bitte haben Sie dafür Verständnis. Das Kind ist auf den Namen Adelheid getauft worden, wie seine Mutter, meine verstorbene Schwester."

"Nun denn, das ist doch ein Name, den man benutzen kann", bemerkte Fräulein Rottenmeier. "Aber, Fräulein Dete, ich muss Ihnen doch sagen, dass mir das Kind für sein Alter sonderbar vorkommt. Ich habe Ihnen mitgeteilt, die Gefährtin für Fräulein Klara müsste in ihrem Alter sein, um denselben Unterricht mit ihr zu verfolgen und überhaupt ihre Beschäftigungen zu teilen. Fräulein Klara ist 12 Jahre; wie alt ist das Kind?"

"Ich bitte um Verzeihung", antwortete Dete wortgewandt, "ich habe tatsächlich fast vergessen, wie alt es ist; es ist wirklich ein wenig jünger, viel ist es nicht, ich kann's so ganz genau nicht sagen, es wird etwas 10 Jahre alt sein oder etwas älter, nehme ich an."

"Jetzt bin ich acht, der Großvater hat's gesagt", erklärte Heidi. Die Base stieß sie wieder an, aber Heidi hatte keine Ahnung, warum, und wurde keineswegs verlegen.

"Was, erst acht Jahre alt?", rief Fräulein Rottenmeier mit einiger Entrüstung aus. "Vier Jahre zu wenig! Was soll das geben! Und was hast du denn gelernt? Was hast du für Bücher gehabt bei deinem Unterricht?"

"Keine", sagte Heidi.

"Wie? Was? Wie hast du denn lesen gelernt?", fragte die Dame weiter.

"Das hab ich nicht gelernt und der Peter auch nicht", berichtete Heidi.

"Barmherzigkeit! Du kannst nicht lesen? Du kannst wirklich nicht lesen!", rief Fräulein Rottenmeier im höchsten Schrecken aus. "Ist es die Möglichkeit, nicht lesen! Aber was hast du denn ansonsten gelernt?"

"Nichts", sagte Heidi der Wahrheit gemäß.

"Fräulein Dete", sagte Fräulein Rottenmeier nach einigen Minuten, in denen sie nach Fassung rang, "es ist alles nicht wie verabredet, wie konnten Sie mir dieses Wesen bringen?" Aber die Dete ließ sich nicht so schnell einschüchtern; sie antwortete ganz mutig: "Verzeihung, ich dachte, das Kind sei genau so, wie Sie es haben wollten; die Dame hat mir beschrieben, wie es sein müsse, so ganz besonders und nicht wie die anderen, und so musste ich das Kleine nehmen, denn die Größeren sind bei uns dann nicht mehr so außergewöhnlich, und ich dachte, dieses passe wie gemacht auf die Beschreibung. Jetzt muss ich aber gehen, denn meine Herrschaft erwartet mich; ich will, wenn's meine Herrschaft erlaubt, bald wieder kommen und nachsehen, wie es mit Heidi geht." Mit einem Knicks war die Dete zur Tür hinaus und die Treppe hinunter mit schnellen Schritten. Fräulein Rottenmeier stand einen Augenblick noch da, dann lief sie der Dete nach; es war ihr wohl in den Sinn gekommen, dass sie noch eine Menge von Dingen mit der Base besprechen wollte, wenn das Kind wirklich dableiben sollte. Und da war es doch nun einmal und, wie sie bemerkte, hatte die Base fest im Sinn, es dazulassen.

Heidi stand noch auf demselben Platz an der Tür, wo sie von Anfang an gestanden hatte. Bis dahin hatte Klara von ihrem Sessel aus schweigend allem zugesehen. Jetzt winkte sie Heidi: "Komm hierher!"

Heidi trat an den Rollstuhl heran.

"Willst du lieber Heidi heißen oder Adelheid?", fragte Klara.

"Ich heiße nur Heidi und sonst nichts", war Heidis Antwort.

"So will ich dich immer so nennen", sagte Klara; "der Name gefällt mir für dich, ich habe ihn aber nie gehört, ich habe aber auch nie ein Kind gesehen, das so aussieht wie du. Hast du immer nur so kurzes, krauses Haar gehabt?"

"Ja, ich denke' schon", gab Heidi zur Antwort.

"Bist du gern nach Frankfurt gekommen?", fragte Klara weiter.

"Nein, aber morgen geh ich dann wieder heim und bringe der Großmutter weiße Brötchen!", erklärte Heidi.

"Du bist aber ein seltsames Kind!", fuhr jetzt Klara auf. "Man hat dich ja extra nach Frankfurt kommen lassen, dass du bei mir bleibest und den Unterricht mit mir nimmst, und siehst du, es wird nun ganz lustig, weil du gar nicht lesen kannst, nun kommt etwas ganz Neues in den Stunden vor. Sonst ist es manchmal so schrecklich langweilig und der Morgen will gar nicht zu Ende kommen. Denn siehst du, jeden Morgen um zehn Uhr kommt der Lehrer, und dann fängt der Unterricht an und dauern bis um zwei Uhr, das ist so lange. Der Herr Lehrer nimmt auch manchmal das Buch ganz nahe ans Gesicht heran, so, als wäre er auf einmal ganz kurzsichtig geworden, aber er gähnt nur furchtbar hinter dem Buch, und Fräulein Rottenmeier nimmt auch von Zeit zu Zeit ihr großes Taschentuch hervor und hält es vor das ganze Gesicht hin, so, als sei sie ganz ergriffen von etwas, das wir lesen; aber ich weiß recht gut, dass sie nur ganz schrecklich gähnt dahinter; wenn ich aber auch einmal gähnen muss, so muss ich es mir immer verkneifen, denn wenn ich auch nur einmal so herzhaft gähne, so holt Fräulein Rottenmeier gleich den Fischtran und sagt, ich sei wieder schwach, und Fischtran nehmen ist das Allerschrecklichste, da verkneife ich mir lieber das Gähnen. Aber nun wird's viel kurzweiliger, da kann ich dann zuhören, wie du lesen lernst."

Heidi schüttelte ganz bedenklich mit dem Kopf, als sie vom Lesenlernen hörte.

"Doch, doch, Heidi, natürlich musst du lesen lernen, alle Menschen müssen, und der Lehrer ist sehr gut, er wird niemals böse, und er erklärt dir dann schon alles. Aber siehst du, wenn er etwas erklärt, und du verstehst etwas davon nicht, dann musst du nur warten und gar nichts sagen, sonst erklärt er dir noch viel mehr und du verstehst es noch weniger. Aber dann nachher, wenn du etwas gelernt hast und es weißt, dann verstehst du schon, was er gemeint hat."

Jetzt kam Fräulein Rottenmeier wieder ins Zimmer zurück; sie hatte Dete nicht mehr zurückrufen können und war sichtlich aufgeregt davon, denn sie hatte dieser eigentlich gar nicht deutlich genug sagen können, was alles nicht nach der Vereinbarung sei bei dem Kinde, und da sie nicht wusste, was nun zu tun sei, um ihren Schritt rückgängig zu machen, war sie umso aufgeregter, denn sie selbst hatte die ganze Sache angestiftet. Sie lief nun vom Studierzimmer ins Esszimmer hinüber, und von da wieder zurück, und kehrte dann unmittelbar wieder um und fuhr hier den Sebastian an, der seine runden Augen eben nachdenklich über den gedeckten Tisch gleiten ließ, um zu sehen, ob sein Werk keinen Mangel habe.

"Denken Sie morgen Ihre großen Gedanken fertig und machen Sie, dass man heut noch zu Tische komme."

Mit diesen Worten ging Fräulein Rottenmeier an Sebastian vorbei und rief nach Tinette mit so wenig einladendem Ton, dass die Fräulein Tinette mit noch viel kleineren Schritten herantrippelte als sonst gewöhnlich - und sich mit so spöttischem Gesicht hinstellte, dass selbst Fräulein Rottenmeier nicht wagte, sie anzufahren; umso mehr schlug ihr die Aufregung nach innen.

"Das Zimmer der Angekommenen ist in Ordnung zu bringen, Tinette", sagte die Dame mit schwer errungener Ruhe; "es liegt alles bereit, nehmen Sie noch den Staub von den Möbeln weg."

"Es ist der Mühe wert", spöttelte Tinette und ging.

Unterdessen hatte Sebastian die Doppeltüren zum Studierzimmer mit ziemlichem Knall aufgeschlagen, denn er war sehr böse, aber sich in Antworten Luft zu machen durfte er Fräulein Rottenmeier gegenüber nicht wagen; dann trat er ganz gelassen ins Studierzimmer, um den Rollstuhl hinüberzufahren. Während er den Griff hinten am Stuhl, der sich verschoben hatte, zurechtdrehte, stellte sich Heidi vor ihn hin und schaute ihn unverwandt an, was er bemerkte. Auf einmal fuhr er auf. "Na, was ist denn da Besonderes dran?", schnurrte er Heidi an in einer Weise, wie er es wohl nicht getan hätte, wenn er Fräulein Rottenmeier gesehen hätte, die eben wieder auf der Schwelle stand und gerade herein trat, als Heidi entgegnete: "Du siehst dem Geißenpeter gleich."

Entsetzt schlug die Dame ihre Hände zusammen. "Ist es die Möglichkeit!", stöhnte sie halblaut. "Nun duzt sie mir den Diener! Dem Wesen fehlen alle Urbegriffe!"

Der Stuhl kam herangerollt und Klara wurde von Sebastian hinausgeschoben und auf ihren Sessel an den Tisch gesetzt.

Fräulein Rottenmeier setzte sich neben sie und winkte Heidi, sie sollte den Platz ihr gegenüber einnehmen. Sonst kam niemand zu Tische, und es war viel Platz da; die drei saßen auch weit auseinander, so dass Sebastian mit seiner Schüssel zum Anbieten viel Platz hatte. Neben Heidis Teller lag ein schönes, weißes Brötchen; das Kind schaute mit erfreuten Blicken darauf. Die Ähnlichkeit, die Heidi entdeckt hatte, musste ihr ganzes Vertrauen für den Sebastian erweckt haben, denn sie saß mäuschenstill und rührte sich nicht, bis er mit der großen Schüssel zu ihr herantrat und ihr die gebratenen Fischchen hinhielt, dann zeigte Heidi auf das Brötchen und fragte: "Kann ich das haben?" Sebastian nickte und warf dabei einen Seitenblick auf Fräulein Rottenmeier, denn es wunderte ihn, was die Frage für einen Eindruck auf sie mache. Augenblicklich ergriff Heidi ihr Brötchen und steckte es in die Tasche. Sebastian machte eine Grimasse, denn eigentlich hätte er jetzt gerne gelacht; er wusste aber wohl, dass ihm das nicht erlaubt war. Stumm und unbeweglich blieb er immer noch vor Heidi stehen, denn reden durfte er nicht, und weggehen durfte er erst dann, wenn man sich bedient hatte. Heidi schaute ihm eine Zeit lang verwundert zu, dann fragte sie: "Soll ich auch von dem essen?" Sebastian nickte wieder. "So gib mir", sagte sie und schaute ruhig auf ihren Teller. Sebastians Grimasse wurde sehr bedenklich, und die Schüssel in seinen Händen fing an gefährlich zu zittern.

"Er kann die Schüssel auf den Tisch setzen und nachher wiederkommen", sagte jetzt Fräulein Rottenmeier mit strengem Gesicht. Sebastian verschwand sogleich. "Dir, Adelheid, muss ich überall die ersten Begriffe beibringen, das sehe ich", fuhr Fräulein Rottenmeier mit tiefem Seufzer fort. "Vor allem will ich dir zeigen, wie man sich am Tische bedient", und nun machte die Dame deutlich und eingehend alles vor, was Heidi zu tun hatte. "Dann", fuhr sie fort, "muss ich dir ganz eindringlich sagen, dass du am Tisch nicht mit Sebastian zu sprechen hast, auch sonst nur dann, wenn du einen Auftrag oder eine notwendige Frage an ihn zu richten hast; dann aber nennst du ihn nie mehr anders als Sie oder Er, hörst du? Dass ich dich niemals mehr ihn anders nennen höre. Auch Tinette nennst du Sie, Fräulein Tinette. Mich nennst du so, wie du mich von allen nennen hörst; wie du Klara nennen sollst, wird sie selbst bestimmen."

"Natürlich Klara", sagte diese. Nun folgte aber noch eine Menge von Verhaltungsmaßregeln, über Aufstehen und Zubettgehen, über Hereintreten und Hinausgehen, über Ordnung halten, Türenschließen, und über alledem fielen Heidi die Augen zu, denn sie war heute vor fünf Uhr aufgestanden und hatte eine lange Reise gemacht. Sie lehnte sich an den Sesselrücken und schlief ein. Als dann nach längerer Zeit Fräulein Rottenmeier zu Ende gekommen war mit ihrer Unterweisung, sagte sie: "Nun denke daran, Adelheid! Hast du alles recht begriffen?"

"Heidi schläft schon lange", sagte Klara mit ganz belustigtem Gesicht, denn das Abendessen war für sie seit langer Zeit nie so kurzweilig vergangen.

"Es ist doch völlig unerhört, was man mit diesem Kind erlebt!", rief Fräulein Rottenmeier in großem Ärger und klingelte so heftig, dass Tinette und Sebastian miteinander herbeigestürzt kamen; aber trotz allen Lärms erwachte Heidi nicht, und man hatte die größte Mühe, sie so weit zu erwecken, dass sie in ihr Schlafzimmer gebracht werden konnte; erst durch das Studierzimmer, dann durch Klaras Schlafstube, dann durch die Stube von Fräulein Rottenmeier zu dem Eckzimmer, das nun für Heidi eingerichtet war.

Fräulein Rottenmeier hat einen unruhigen Tag

Als Heidi am ersten Morgen in Frankfurt ihre Augen aufschlug, konnte sie erst gar nicht begreifen, was sie erblickte. Sie rieb ganz tüchtig ihre Augen, guckte dann wieder auf und sah dasselbe. Sie saß auf einem hohen, weißen Bett und vor sich sah Heidi einen großen, weiten Raum, und wo die Helle herkam, hingen lange, lange weiße Vorhänge, und dabei standen zwei Sessel mit großen Blumen darauf, und dann kam ein Sofa an der Wand mit denselben Blumen und ein runder Tisch davor, und in der Ecke stand ein Waschtisch mit Sachen darauf, wie Heidi sie noch nie gesehen hatte.

Aber nun fiel ihr auf einmal ein, dass sie in Frankfurt sei, und sie erinnerte sich an den ganzen gestrigen Tag und zuletzt noch ganz klar an die Unterweisungen der Dame, soweit Heidi sie gehört hatte. Heidi sprang nun von ihrem Bett herunter und machte sich fertig. Dann ging sie an ein Fenster und dann an das andere; sie musste den Himmel sehen und die Erde draußen, sie fühlte sich wie im Käfig hinter den großen Vorhängen. Heidi konnte diese nicht wegschieben; so kroch sie dahinter, um an ein Fenster zu kommen. Aber dieses war so hoch, dass Heidi nur gerade mit dem Kopf so weit hinaufreichte, dass sie durchsehen konnte. Aber Heidi fand nicht, was sie suchte. Sie lief von einem Fenster zum anderen und dann wieder zum ersten zurück; aber immer war dasselbe vor ihren Augen, Mauern und Fenster und wieder Mauern und dann wieder Fenster. Es wurde Heidi ganz bange. Noch war es früh am Morgen, denn Heidi war gewöhnt, früh aufzustehen auf der Alm und dann sogleich hinauszulaufen vor die Tür und zu sehen, wie's draußen sei; ob der Himmel blau und die Sonne schon droben sei, ob die Tannen rauschen und die kleinen Blumen schon die Augen offen haben.

Wie das Vögelein, das zum ersten Mal in seinem schön glänzenden Gefängnis sitzt, hin und her hüpft und bei allen Stäben probiert, ob es nicht dazwischen durchschlüpfen und in die Freiheit hinausfliegen kann, so lief Heidi immer von dem einen Fenster zum anderen, um zu probieren, ob es nicht aufgemacht werden kann. Denn dann musste man doch etwas anderes sehen als Mauern und Fenster; da musste doch unten der Erdboden, das grüne Gras und der letzte schmelzende Schnee an den Abhängen zum Vorschein kommen, und Heidi sehnte sich, das zu sehen. Aber die Fenster blieben fest verschlossen, wie sehr auch das Kind drehte und zog und von unten suchte, die kleinen Finger unter die Rahmen zu schieben, damit es Kraft hätte, sie aufzudrücken; es blieb alles eisenfest aufeinander sitzen. Nach langer Zeit, als Heidi einsah, dass alle Anstrengungen nichts halfen, gab sie ihren Plan auf und überdachte nun, wie es wäre, wenn sie vor das Haus hinausginge und hintenherum, bis sie auf den Grasboden käme, denn sie erinnerte sich, dass sie gestern Abend vorn am Haus nur über Steine gekommen war. Jetzt klopfte es an ihrer Tür und unmittelbar darauf steckte Tinette den Kopf herein und sagte kurz: "Frühstück bereit!"

Heidi verstand diese Worte keineswegs als eine Einladung; auf dem spöttischen Gesicht der Tinette stand viel eher eine Warnung, ihr nicht zu nah zu kommen, als eine freundliche Einladung geschrieben, und das las Heidi deutlich von dem Gesicht und richtete sich danach. Sie nahm den kleinen Schemel unter dem Tisch empor, stellte ihn in eine Ecke, setzte sich darauf und wartete so ganz still ab, was nun kommen würde. Nach einiger Zeit kam etwas mit ziemlichem Geräusch, es war Fräulein Rottenmeier, die schon wieder in Aufregung geraten war und in Heidis Stube hineinrief: "Was ist mit dir, Adelheid? Begreifst du nicht, was ein Frühstück ist? Komm herüber!"

Das verstand nun Heidi und folgte sogleich nach. Im Esszimmer saß Klara schon lang an ihrem Platz und begrüßte Heidi freundlich, machte auch ein viel fröhlicheres Gesicht als sonst gewöhnlich, denn sie sah voraus, dass heute wieder allerlei Neues geschehen würde. Das Frühstück ging nun ohne Störung vor sich; Heidi aß ganz anständig ihr Butterbrot, und wie alles zu Ende war, wurde Klara wieder ins Studierzimmer hinübergerollt und Heidi wurde von Fräulein Rottenmeier angewiesen, nachzufolgen und bei Klara zu bleiben, bis der Hauslehrer kommen würde, um die Unterrichtsstunden zu beginnen. Als die beiden Kinder allein waren, sagte Heidi sogleich: "Wie kann man hinaussehen hier und ganz hinunter auf den Boden?"

"Man macht ein Fenster auf und guckt hinaus", antwortete Klara belustigt.

"Man kann diese Fenster nicht aufmachen", versetzte Heidi traurig.

"Doch, doch", versicherte Klara, "nur du noch nicht, und ich kann dir auch nicht helfen; aber wenn du einmal den Sebastian siehst, so macht er dir schon eines auf."

Das war eine große Erleichterung für Heidi zu wissen, dass man doch die Fenster öffnen und hinausschauen könne, denn noch war sie ganz unter dem Druck des Gefangenseins von ihrem Zimmer her. Klara fing nun an, Heidi zu fragen, wie es bei ihr zu Hause sei, und Heidi erzählte mit Freuden von der Alm und den Ziegen und der Weide und allem, was ihr lieb war.

Unterdessen war der Lehrer angekommen; aber Fräulein Rottenmeier führte ihn nicht, wie gewöhnlich, ins Studierzimmer, denn sie musste sich erst aussprechen und geleitete ihn zu diesem Zweck ins Esszimmer, wo sie sich vor ihn hinsetzte und ihm in großer Aufregung ihre bedrängte Lage schilderte und wie sie in diese hineingekommen war.

Sie hatte nämlich vor einiger Zeit Herrn Sesemann nach Paris geschrieben, wo er eben verweilte, seine Tochter wünsche sich seit längerem, es möchte eine Freundin für sie ins Haus aufgenommen werden, und auch sie selbst glaube, dass eine solche in den Unterrichtsstunden ein Ansporn, in der übrigen Zeit eine anregende Gesellschaft für Klara sein würde. Eigentlich war die Sache für Fräulein selbst sehr wünschenswert, denn sie wollte gern, dass jemand da sei, der ihr die Unterhaltung der kranken Klara abnehme, wenn es ihr zu viel war, was öfters geschah. Herr Sesemann hatte geantwortet, er erfülle gern den Wunsch seiner Tochter, doch mit der Bedingung, dass eine solche Freundin in allem ganz gehalten werde wie Klara, er wolle keine Kinderquälerei in seinem Hause - "was freilich eine sehr unnütze Bemerkung von dem Herrn war", setzte Fräulein Rottenmeier hinzu, "denn wer wollte Kinder quälen!" Nun aber erzählte sie weiter, wie sehr sie mit dem Kinde hereingefallen sei, und führte alle Beispiele von seinem völlig begriffslosen Dasein an, die es bis jetzt geliefert hatte, dass nicht nur der Unterricht des Herrn Lehrers buchstäblich beim Abc anfangen müsse, sondern dass auch sie in jedem Punkt der Erziehung am Anfang beginnen müsse.

Um aus dieser unheilvollen Lage herauszukommen sehe sie nur eine rettende Möglichkeit: Wenn nämlich der Herr Lehrer erklären würde, dass zwei so verschiedene Wesen nicht miteinander unterrichtet werden könnten ohne der Fortgeschrittenere von beiden zu schaden; das wäre für Herrn Sesemann ein triftiger Grund, die Sache rückgängig zu machen, und so würde er erlauben, dass das Kind gleich wieder dahin zurückgeschickt würde, woher es gekommen war; ohne seine Zustimmung aber dürfte sie das nicht unternehmen, da der Hausherr wisse, dass das Kind angekommen sei. Aber der Lehrer war behutsam und niemals einseitig im Urteilen. Er tröstete Fräulein Rottenmeier mit vielen Worten und der Ansicht, wenn die junge Tochter auf der einen Seite so zurück sei, so möchte sie auf der anderen umso geförderter sein, was bei einem geregelten Unterricht bald ins Gleichgewicht kommen werde. Als Fräulein Rottenmeier sah, dass der Herr Lehrer sie nicht unterstützen, sondern seinen Abc-Unterricht übernehmen wollte, machte sie ihm die Tür zum Studierzimmer auf, und nachdem er herein getreten war, schloss sie schnell hinter ihm zu und blieb auf der anderen Seite, denn vor dem Abc hatte sie einen Schrecken. Sie ging jetzt mit großen Schritten im Zimmer auf und nieder, denn sie hatte zu überlegen, wie die Dienstboten Adelheid zu benennen hätten. Herr Sesemann hatte ja geschrieben, sie müsste wie seine Tochter gehalten werden, und dieses Wort musste sich hauptsächlich auf das Verhältnis zu den Dienstboten beziehen, dachte Fräulein . Sie konnte aber nicht lange ungestört überlegen, denn auf einmal erklang drinnen im Studierzimmer ein erschreckliches Gepolter fallender Gegenstände und dann ein Hilferuf nach Sebastian. Sie stürzte hinein. Da lag auf dem Boden alles übereinander, die sämtlichen Studien-Hilfsmittel, Bücher, Hefte, Tintenfass und obendrauf der Tischteppich, unter dem ein schwarzes Tintenbächlein hervor floss, die ganze Stube entlang. Heidi war verschwunden.

"Da haben wir's", rief Fräulein Rottenmeier händeringend aus. "Teppich, Bücher, Arbeitskorb, alles in der Tinte! Das ist noch nie geschehen! Das ist das Unglückswesen, da ist kein Zweifel!"

Der Herr Kandidat stand sehr erschrocken da und schaute auf die Verwüstung, die allerdings nur eine Seite hatte und eine recht bestürzende. Klara dagegen verfolgte mit vergnügtem Gesicht die ungewöhnlichen Ereignisse und deren Wirkungen und sagte nun erklärend: "Ja, Heidi hat's gemacht, aber nicht mit Absicht, sie muss gewiss nicht gestraft werden, sie war nur so schrecklich eilig, fort zu kommen, und riss den Teppich mit, und so fiel alles hintereinander auf den Boden. Es fuhren viele Wagen hintereinander vorbei, darum ist sie so davon gelaufen; sie hat vielleicht noch nie eine Kutsche gesehen."

"Da, ist's nicht, wie ich sagte, Herr Lehrer? Nicht einen Urbegriff hat das Wesen! Keine Ahnung davon, was eine Unterrichtsstunde ist, dass man dabei zuzuhören und still zu sitzen hat. Aber wo ist das Unheil bringende Ding hin? Wenn es fortgelaufen wäre! Was würde mir Herr Sesemann-"

Fräulein Rottenmeier lief hinaus und die Treppe hinunter. Hier, unter der geöffneten Haustür, stand Heidi und guckte ganz verblüfft die Straße auf und ab.

"Was ist denn? Was fällt dir denn ein? Wie kannst du so davonlaufen!", fuhr Fräulein Rottenmeier das Kind an.

"Ich habe die Tannen rauschen gehört, aber ich weiß nicht, wo sie stehen, und höre sie nicht mehr", antwortete Heidi und schaute enttäuscht nach der Seite hin, wo das Rollen der Wagen verhallt war, das in Heidis Ohren dem Tosen des Föhns in den Tannen ähnlich geklungen hatte, so dass sie in höchster Freude dem Ton nachgerannt war.

"Tannen! Sind wir im Wald? Was sind das für Einfälle! Komm herauf und sieh, was du angerichtet hast!" Damit stieg Fräulein Rottenmeier wieder die Treppe hinan; Heidi folgte ihr und stand nun sehr verwundert vor der großen Verheerung, denn sie hatte nicht gemerkt, was sie alles vor Freude und Eile, die Tannen zu hören mitgerissen hatte.

"Das hast du einmal getan, ein zweites Mal tust du's nicht wieder", sagte Fräulein Rottenmeier, auf den Boden zeigend; "zum Lernen sitzt man still auf seinem Sessel und gibt Acht. Kannst du das nicht selbst fertig bringen, so muss ich dich an deinen Stuhl festbinden. Kannst du das verstehen?"

"Ja", entgegnete Heidi, "aber ich will schon festsitzen." Denn jetzt hatte sie begriffen, dass es eine Regel ist, in einer Unterrichtsstunde still zu sitzen.

Jetzt mussten Sebastian und Tinette hereinkommen, um die Ordnung wiederherzustellen. Der Lehrer entfernte sich, denn der weitere Unterricht musste nun aufgegeben werden. Zum Gähnen war heute gar keine Zeit gewesen.

Am Nachmittag musste Klara immer eine Zeit lang ruhen und Heidi hatte dann ihre Beschäftigung selbst zu wählen; so hatte Fräulein Rottenmeier ihr am Morgen erklärt. Als nun nach Tisch Klara sich in ihrem Sessel zur Ruhe gelegt hatte, ging Fräulein Rottenmeier nach ihrem Zimmer, und Heidi sah, dass nun die Zeit da war, da sie ihre Beschäftigung selbst wählen konnte. Das kam Heid sehr gelegen, denn sie hatte schon immer vor, etwas zu unternehmen; sie musste aber Hilfe dazu haben und stellte sich darum vor das Esszimmer mitten auf den Korridor, damit die Person, die sie zu fragen gedachte, ihr nicht entgehen könne. Richtig, nach kurzer Zeit kam Sebastian die Treppe herauf mit dem großen Teebrett auf den Armen, denn er brachte das Silberzeug aus der Küche herauf, um es im Schrank des Esszimmers zu verwahren. Als er auf der letzten Stufe der Treppe angekommen war, trat Heidi vor ihn hin und sagte mit großer Deutlichkeit: "Sie oder Er!"

Sebastian riss die Augen so weit auf, als es nur möglich war, und sagte ziemlich barsch: "Was soll das heißen, Mamsell?"

"Ich möchte nur gern etwas fragen, aber es ist gewiss nichts Böses wie heute Morgen", fügte Heidi beschwichtigend hinzu, denn sie merkte, dass Sebastian ein wenig erbittert war, und dachte, es komme noch von der Tinte am Boden her.

"So, und warum muss es denn heißen Sie oder Er, das möcht ich zuerst wissen", gab Sebastian im gleichen barschen Ton zurück.

"Ja, so muss ich jetzt immer sagen", versicherte Heidi; "Fräulein Rottenmeier hat es befohlen."

Jetzt lachte Sebastian so laut auf, dass Heidi ihn ganz verwundert ansehen musste, denn sie hatte ja nichts Lustiges gesagt; aber Sebastian hatte auf einmal begriffen, was Fräulein Rottenmeier befohlen hatte, und sagte nun sehr belustigt: "Schon recht, so fahre die Mamsell nur fort."

"Ich heiße gar nicht Mamsell", sagte nun Heidi ihrerseits ein wenig verärgert; "ich heiße Heidi."

"Ist schon recht; die gleiche Dame hat aber befohlen, dass ich Mamsell sage", erklärte Sebastian.

"Hat sie? Ja, dann muss ich schon so heißen", sagte Heidi mit Ergebenheit, denn sie hatte wohl gemerkt, dass alles so geschehen musste, wie Fräulein Rottenmeier befahl.

"Jetzt habe ich schon drei Namen", setzte sie mit einem Seufzer hinzu.

"Was wollte die kleine Mamsell denn fragen?", fragte Sebastian jetzt, indem er, ins Esszimmer eingetreten, sein Silberzeug im Schrank zurechtlegte.

"Wie kann man ein Fenster aufmachen, Sebastian?"

"So, gerade so", und er machte den großen Fensterflügel auf.

Heidi trat heran, aber sie war zu klein, um etwas sehen zu können; sie langte nur bis zur Fensterbank hinauf.

"Da, so kann das Mamsellchen einmal hinausgucken und sehen, was unten ist", sagte Sebastian, indem er einen hohen hölzernen Schemel herbeigeholt hatte und hinstellte. Hoch erfreut stieg Heidi hinauf und konnte endlich den ersehnten Blick durch das Fenster tun. Aber mit dem Ausdruck der größten Enttäuschung zog es sogleich den Kopf wieder zurück.

"Man sieht nur die steinerne Straße hier, sonst gar nichts", sagte das Kind mit großem Bedauern; "aber wenn man um das ganze Haus herumgeht, was sieht man dann auf der anderen Seite, Sebastian?"

"Gerade dasselbe", gab dieser zur Antwort.

"Aber wohin kann man denn gehen, dass man weit, weit hinuntersehen kann über das ganze Tal hinab?"

"Da muss man auf einen hohen Turm hinaufsteigen, einen Kirchturm, so einen, wie der dort ist mit der goldenen Kugel oben drauf. Da guckt man von oben herunter und sieht weit über alles weg."

Jetzt stieg Heidi eilig von seinem Schemel herunter, rannte zur Tür hinaus, die Treppe hinunter und trat auf die Straße hinaus. Aber die Sache ging nicht, wie Heidi sich vorgestellt hatte. Als sie aus dem Fenster den Turm gesehen hatte, kam es ihr vor, sie könne nur über die Straße gehen, dann müsste er gleich vor ihr stehen. Nun ging Heidi die ganze Straße hinunter, aber sie kam nicht an den Turm, konnte ihn auch nirgends mehr entdecken und kam nun in eine andere Straße hinein und weiter und weiter, aber immer noch sah sie den Turm nicht. Es gingen viele Leute an ihr vorbei, aber die waren alle so eilig, dass Heidi dachte, sie hätten nicht Zeit, ihr Auskunft zu geben. Jetzt sah sie an der nächsten Straßenecke einen Jungen stehen, der eine kleine Drehorgel auf dem Rücken und ein ganz kurioses Tier auf dem Arme trug. Heidi lief zu ihm hin und fragte: "Wo ist der Turm mit der goldenen Kugel zuoberst?"

"Weiß nicht", war die Antwort.

"Wen kann ich denn fragen, wo er ist?", fragte Heidi weiter.

"Weiß nicht."

"Weißt du keine andere Kirche mit einem hohen Turm?"

"Freilich weiß ich eine."

"So komm und zeige mir sie."

"Zeig du zuerst, was du mir dafür gibst." Der Junge hielt seine Hand hin. Heidi suchte in ihrer Tasche herum. Jetzt zog sie ein Bildchen hervor, darauf war ein schönes Kränzchen von roten Rosen gemalt; erst betrachte sie noch einmal kurz das Bild, denn es tat Heidi ein wenig leid. Erst heute Morgen hatte Klara es ihr geschenkt; aber hinuntersehen ins Tal, über die grünen Abhänge! "Da", sagte Heidi und hielt das Bildchen hin, "willst du das?"

Der Junge zog die Hand zurück und schüttelte den Kopf.

"Was willst du denn?", fragte Heidi und steckte vergnügt ihr Bildchen wieder ein.

"Geld."

"Ich habe keins, aber Klara hat, sie gibt mir dann schon; wie viel willst du?"

"Zwanzig Pfennige."

"So komm jetzt."

Nun wanderten die beiden eine lange Straße hin, und auf dem Wege fragte Heidi den Begleiter, was er auf dem Rücken trage, und er erklärte ihr, es sei eine schöne Orgel unter dem Tuch, die mache eine prachtvolle Musik, wenn er daran drehe.

Auf einmal standen sie vor einer alten Kirche mit hohem Turm; der Junge stand still und sagte: "Da."

"Aber wie komm ich da hinein?", fragte Heidi, als es die fest verschlossenen Türen sah.

"Weiß nicht", war wieder die Antwort.

"Glaubst du, man könne hier klingeln, so wie man dem Sebastian tut?"

"Weiß nicht."

Heidi hatte eine Klingel entdeckt an der Mauer und zog jetzt aus allen Kräften daran.

"Wenn ich dann hinaufgehe, so musst du warten hier unten, ich weiß jetzt den Weg nicht mehr zurück, du musst mir ihn dann zeigen."

"Was gibst du mir dann?"

"Was muss ich dir dann wieder geben?"

"Wieder zwanzig Pfennige."

Jetzt wurde das alte Schloss inwendig umgedreht und die knarrende Tür geöffnet; ein alter Mann trat heraus und schaute erst verwundert, dann ziemlich erzürnt auf die Kinder und fuhr sie an: "Was untersteht ihr euch, mich da herunterzuklingeln? Könnt ihr nicht lesen, was über der Klingel steht: ›Für solche, die den Turm besteigen wollen‹?"

Der Junge wies mit dem Zeigefinger auf Heidi und sagte kein Wort. Heidi antwortete: "Eben auf den Turm wollt ich."

"Was hast du droben zu tun?", fragte der Türmer; "hat dich jemand geschickt?"

"Nein", entgegnete Heidi, "ich möchte nur hinaufgehen, dass ich hinuntersehen kann."

"Macht, dass ihr heimkommt, und probiert den Spaß nicht wieder, oder ihr kommt nicht gut weg zum zweiten Mal!" Damit kehrte sich der Türmer um und wollte die Tür zumachen.

Aber Heidi hielt ihn ein wenig am Rockschoß und sagte bittend: "Nur ein einziges Mal!"

Er sah sich um, und Heidis Augen schauten so flehentlich zu ihm auf, dass es ihn ganz umstimmte; er nahm das Kind bei der Hand und sagte freundlich: "Wenn dir so viel daran gelegen ist, so komm mit mir!"

Der Junge setzte sich auf die steinernen Stufen vor der Tür nieder und zeigte, dass er nicht mitwollte.

Heidi stieg an der Hand des Türmers viele, viele Treppen hinauf; dann wurden diese immer schmäler, und endlich ging es noch ein ganz enges Treppchen hinauf, und nun waren sie oben. Der Türmer hob Heidi vom Boden auf und hielt es an das offene Fenster.

"Da, jetzt guck hinunter", sagte er.

Heidi sah auf ein Meer von Dächern, Türmen und Schornsteinen nieder; es zog bald seinen Kopf zurück und sagte niedergeschlagen: "Es ist gar nicht, wie ich gemeint habe."

"Siehst du wohl? Was versteht so ein Kleines von Aussicht! So, komm nun wieder herunter und läute nie mehr an einem Turm!"

Der Türmer stellte Heidi wieder auf den Boden und stieg ihr voran die schmalen Stufen hinab. Wo diese breiter wurden, kam links die Tür, die in das Stübchen des Türmers führte, und nebenan ging der Boden bis unter das schräge Dach hin. Dort hinten stand ein großer Korb und davor saß eine dicke graue Katze und fauchte, denn in dem Korb wohnte ihre Familie und sie wollte jeden Vorübergehenden davor warnen, sich in ihre Familienangelegenheiten zu mischen. Heidi stand still und schaute verwundert hinüber, eine so mächtige Katze hatte sie noch nie gesehen; in dem alten Turm wohnten aber ganze Herden von Mäusen, so holte sich die Katze ohne Mühe jeden Tag ein halbes Dutzend Mäusebraten. Der Türmer sah Heidis Bewunderung und sagte: "Komm, sie tut dir nichts, wenn ich dabei bin; du kannst die Jungen ansehen."

Heidi trat an den Korb heran und brach in ein großes Entzücken aus.

"Oh, die netten Tierchen! Die schönen Kätzchen!", rief sie ein ums andere Mal und sprang hin und her um den Korb herum, um alle komischen Bewegungen und Sprünge zu sehen, welche die sieben oder acht jungen Kätzchen vollführten, die in dem Korb rastlos über einander hin krabbelten, sprangen, fielen.

"Willst du eins haben?", fragte der Türmer, der Heidis Freudensprüngen vergnügt zuschaute.

"Selbst für mich? Für immer?", fragte Heidi gespannt und konnte das große Glück fast nicht glauben.

"Ja, gewiss, du kannst auch noch mehr haben, du kannst sie alle zusammen haben, wenn du Platz hast", sagte der Mann, dem es gerade recht war, seine kleinen Katzen loszuwerden, ohne dass er ihnen ein Leid antun musste.

Heidi war im höchsten Glück. In dem großen Hause hatten ja die Kätzchen so viel Platz, und wie musste Klara erstaunt und erfreut sein, wenn die niedlichen Tierchen ankamen!

"Aber wie kann ich sie mitnehmen?", fragte nun Heidi und wollte schnell einige fangen mit seinen Händen, aber die dicke Katze sprang ihr auf den Arm und fauchte sie so grimmig an, dass Heidi sehr erschrocken zurückfuhr.

"Ich will sie dir bringen, sag nur, wohin", sagte der Türmer, der die alte Katze nun streichelte, um sie wieder gut zu machen, denn sie war seine Freundin und hatte schon viele Jahre mit ihm auf dem Turm gelebt.

"Zum Herrn Sesemann in dem großen Haus, wo an der Haustür ein goldener Hundskopf ist mit einem dicken Ring im Maul", erklärte Heidi.

Es hätte nicht einmal so viel gebraucht für den Türmer, der schon seit langen Jahren auf dem Turm saß und jedes Haus weithin kannte, und dazu war der Sebastian noch ein alter Bekannter von ihm.

"Ich weiß schon", bemerkte er; "aber wem muss ich die Dinger bringen, bei wem muss ich nachfragen, du gehörst doch nicht Herrn Sesemann?"

"Nein, aber die Klara, sie hat eine so große Freude, wenn die Kätzchen kommen!"

Der Türmer wollte nun weitergehen, aber Heidi konnte sich von dem unterhaltenden Schauspiel fast nicht trennen.

"Wenn ich nur schon eins oder zwei mitnehmen könnte! Eins für mich und eins für Klara, kann ich nicht?"

"So wart ein wenig", sagte der Türmer, trug dann die alte Katze behutsam in sein Stübchen hinein und stellte sie an das Essschüsselchen hin, schloss die Tür vor ihr zu und kam zurück: "So, nun nimm zwei!"

Heidis Augen leuchteten vor Wonne. Sie suchte ein weißes und dann ein gelb und weiß gestreiftes aus und steckte eins in die rechte und eins in die linke Tasche. Nun ging's die Treppe hinunter.

Der Junge saß noch auf den Stufen draußen, und als nun der Türmer hinter Heidi die Tür zugeschlossen hatte, sagte das Kind: "Welchen Weg müssen wir nun zu Herrn Sesemanns Haus?"

"Weiß nicht", war die Antwort.

Heidi fing nun an zu beschreiben, was es wusste, die Haustür und die Fenster und die Treppen, aber der Junge schüttelte zu allem den Kopf, es war ihm alles unbekannt.

"Siehst du", fuhr dann Heidi im Beschreiben fort, "aus einem Fenster sieht man ein großes, großes, graues Haus und das Dach geht so" - Heidi zeichnete hier mit dem Zeigefinger große Zacken in die Luft hinaus.

Jetzt sprang der Junge auf, er mochte ähnliche Merkmale haben, seine Wege zu finden. Er lief nun in einem Zug drauflos und Heidi hinter ihm drein, und in kurzer Zeit standen sie richtig vor der Haustür mit dem großen Messing-Tierkopf. Heidi zog die Glocke. Bald erschien Sebastian, und wie er Heidi erblickte, rief er drängend: "Schnell! Schnell!"

Heidi sprang eilig herein, und Sebastian schlug die Tür zu; den Jungen, der verblüfft draußen stand, hatte er gar nicht bemerkt.

"Schnell, Mamsellchen", drängte Sebastian weiter, "gleich ins Esszimmer hinein, sie sitzen schon am Tisch. Fräulein Rottenmeier sieht aus wie eine geladene Kanone; was stellt aber auch die kleine Mamsell an, so fortzulaufen?"

Heidi war ins Zimmer getreten. Fräulein Rottenmeier blickte nicht auf; Klara sagte auch nichts, es war eine etwas unheimliche Stille. Sebastian rückte Heidi den Sessel zurecht. Jetzt, als sie auf ihrem Stuhl saß, begann Fräulein Rottenmeier mit strengem Gesicht und einem ganz feierlich-ernsten Ton: "Adelheid, ich werde nachher mit dir sprechen, jetzt nur so viel: Du hast dich sehr ungezogen, wirklich strafbar benommen, dass du das Haus verlässt, ohne zu fragen, ohne dass jemand ein Wort davon wusste, und herumstreichst bis zum späten Abend; es ist eine völlig beispiellose Aufführung."

"Miau", tönte es wie als Antwort zurück.

Aber jetzt stieg der Zorn der Dame. "Wie, Adelheid", rief sie in immer höheren Tönen, "du unterstehst dich noch, nach aller Ungezogenheit einen schlechten Spaß zu machen? Hüte dich wohl, sag ich dir!"

"Ich mache" , fing Heidi an - "Miau! Miau!"

Sebastian warf fast seine Schüssel auf den Tisch und stürzte hinaus.

"Es ist genug", wollte Fräulein Rottenmeier rufen; aber vor Aufregung tönte ihre Stimme gar nicht mehr. "Steh auf und verlass das Zimmer."

Heidi stand erschrocken von ihrem Sessel auf und wollte noch einmal erklären: "Ich mache gewiss" - "Miau! Miau! Miau!"

"Aber Heidi", sagte jetzt Klara, "wenn du doch siehst, dass du Fräulein Rottenmeier so böse machst, warum machst du immer wieder ›miau‹?"

"Ich mache nicht, die Kätzchen machen", konnte Heidi endlich ungestört hervorbringen.

"Wie? Was? Katzen? junge Katzen?", schrie Fräulein Rottenmeier auf. "Sebastian! Tinette! Sucht die greulichen Tiere! Schafft sie fort!" Damit stürzte die Dame ins Studierzimmer hinein und riegelte die Türen zu, um sicherer zu sein, denn junge Katzen waren für Fräulein Rottenmeier das Schrecklichste in der Schöpfung. Sebastian stand draußen vor der Tür und musste erst fertig lachen, eh er wieder eintreten konnte. Er hatte, als er Heidi bediente, einen kleinen Katzenkopf aus der Tasche herausgucken gesehen und sah dem Spektakel entgegen, und wie er nun ausbrach, konnte er sich nicht mehr halten, kaum noch seine Schüssel auf den Tisch setzen. Endlich trat er denn wieder gefasst ins Zimmer herein, nachdem die Hilferufe der geängstigten Dame schon längere Zeit verklungen waren. Jetzt sah es ganz still und friedlich aus drinnen; Klara hielt die Kätzchen auf ihrem Schoß, Heidi kniete neben ihr und beide spielten mit großer Wonne mit den zwei winzigen, graziösen Tierchen.

"Sebastian", sagte Klara zu dem Eintretenden, "Sie müssen uns helfen; Sie müssen ein Nest finden für die Kätzchen, wo Fräulein Rottenmeier sie nicht sieht, denn sie fürchtet sich vor ihnen und will sie forthaben; aber wir wollen die niedlichen Tierchen behalten und sie immer hervorholen, sobald wir allein sind. Wo kann man sie hintun?"

"Das will ich schon besorgen, Fräulein Klara", entgegnete Sebastian bereitwillig; "ich mache ein schönes Bettchen in einem Korb und stelle den an einen Ort, wo mir die furchtsame Dame nicht dahinter kommt, verlassen Sie sich auf mich." Sebastian ging gleich an die Arbeit und kicherte beständig vor sich hin, denn er dachte: "Das wird noch was geben!", und der Sebastian sah es nicht ungern, wenn Fräulein Rottenmeier ein wenig in Aufregung geriet.

Nach längerer Zeit erst, als der Augenblick des Schlafengehens nahte, machte Fräulein Rottenmeier ein ganz klein wenig die Tür auf und rief durch den Spalt heraus: "Sind die abscheulichen Tiere fortgeschafft?"

"Jawohl! Jawohl!", gab Sebastian zurück, der sich im Zimmer zu schaffen gemacht hatte in Erwartung dieser Frage. Schnell und leise fasste er die beiden Kätzchen auf Klaras Schoß und verschwand damit.

Die besondere Strafrede, die Fräulein Rottenmeier Heidi noch zu halten gedachte, verschob sie auf den folgenden Tag, denn heute fühlte sie sich zu erschöpft nach all den vorausgegangene Aufregungen, dem Ärger, Zorn und Schrecken, den Heidi ganz unwissentlich bei ihr verursacht hatte. Sie zog sich schweigend zurück, und Klara und Heidi folgten vergnügt nach, denn sie wussten ihre Kätzchen in einem guten Bett.

Im Hause Sesemann geht's unruhig zu

Als Sebastian am folgenden Morgen dem Hauslehrer die Haustür geöffnet und ihn zum Studierzimmer geführt hatte, zog schon wieder jemand die Hausglocke an, aber mit solcher Kraft, dass Sebastian schnellstens die Treppe herunter rannte , denn er dachte: "So schellt nur der Herr Sesemann selbst, er muss unerwartet nach Hause gekommen sein." Er riss die Tür auf - ein zerlumpter Junge mit einer Drehorgel auf dem Rücken stand vor ihm.

"Was soll das heißen?", fuhr ihn Sebastian an. "Ich will dich lehren, Glocken herunterzureißen! Was hast du hier zu tun?"

"Ich muss zur Klara", war die Antwort.

"Du ungewaschener Straßenkäfer du; kannst du nicht sagen ›Fräulein Klara‹, wie unsereins es tut? Was hast du bei Fräulein Klara zu tun?", fragte Sebastian barsch.

"Sie ist mir vierzig Pfennige schuldig", erklärte der Junge.

"Du bist, denk ich, nicht recht im Kopf! Woher weißt du überhaupt, dass ein Fräulein Klara hier ist?"

"Gestern habe ich ihr den Weg gezeigt, macht zwanzig, und dann wieder zurück den Weg zeigen, macht vierzig."

"Da siehst du, was für Zeug du zusammenflunkerst; Fräulein Klara geht niemals aus, kann gar nicht gehen, mach, dass du dahin kommst, wo du hingehörst, bevor ich dir dazu verhelfe!"

Aber der Junge ließ sich nicht einschüchtern; er blieb unbeweglich stehen und sagte trocken: "Ich habe sie doch gesehen auf der Straße, ich kann sie beschreiben: Sie hat kurzes, krauses Haar, das ist schwarz, und die Augen sind schwarz und der Rock ist braun, und sie kann nicht reden wie wir."

"Oho" , dachte jetzt Sebastian und kicherte in sich hinein, "das ist die kleine Mamsell, die hat wieder etwas angestellt." Dann sagte er, den Jungen herein ziehend: "'s ist schon recht, komm mir nur nach und warte vor der Tür, bis ich wieder herauskomme. Wenn ich dich dann einlasse, kannst du gleich etwas spielen; das Fräulein hört es gern."

Oben klopfte er am Studierzimmer und wurde hereingerufen.

"Es ist ein Junge da, der durchaus an Fräulein Klara selbst etwas zu bestellen hat", berichtete Sebastian.

Klara war sehr erfreut über das außergewöhnliche Ereignis.

"Er soll nur gleich hereinkommen", sagte sie, "nicht wahr, Herr Lehrer, wenn er doch mit mir selbst sprechen muss."

Der Junge war schon eingetreten, und nach Anweisung fing er sofort an, seine Orgel zu drehen. Fräulein Rottenmeier hatte, um dem Abc auszuweichen, sich im Esszimmer allerlei zu schaffen gemacht. Auf einmal horchte sie auf. - Kamen die Töne von der Straße her? Aber so nahe? Wie konnte vom Studierzimmer her eine Drehorgel ertönen? Und dennoch - wahrhaftig - sie stürzte durch das lange Esszimmer und riss die Tür auf. Da - unglaublich - da stand mitten im Studierzimmer ein zerlumpter Orgelspieler und drehte sein Instrument mit größter Emsigkeit. Der Herr Lehrer schien immerfort etwas sagen zu wollen, aber es war nichts zu hören. Klara und Heidi hörten mit ganz erfreuten Gesichtern der Musik zu.

"Aufhören! Sofort aufhören!", rief Fräulein Rottenmeier ins Zimmer hinein. Ihre Stimme wurde übertönt von der Musik. Jetzt lief sie auf den Jungen zu - aber auf einmal hatte sie etwas zwischen den Füßen, sie sah auf den Boden: ein grausiges, schwarzes Tier kroch ihr zwischen den Füßen durch - eine Schildkröte. Jetzt tat Fräulein Rottenmeier einen Sprung in die Höhe, wie sie seit vielen Jahren keinen getan hatte, dann schrie sie aus Leibeskräften: "Sebastian! Sebastian!"

Plötzlich hielt der Orgelspieler inne, denn diesmal hatte die Stimme die Musik übertönt. Sebastian stand draußen vor der halb offenen Tür und krümmte sich vor Lachen, denn er hatte zugesehen, wie der Sprung vor sich ging. Endlich kam er herein. Fräulein Rottenmeier war auf einen Stuhl niedergesunken.

"Fort mit allem, Mensch und Tier! Schaffen Sie sie weg, Sebastian, sofort!", rief sie ihm entgegen. Sebastian gehorchte bereitwillig, zog den Jungen hinaus, der schnell seine Schildkröte erfasst hatte, drückte ihm draußen etwas in die Hand und sagte: "Vierzig für Fräulein Klara, und vierzig fürs Spielen, das hast du gut gemacht"; damit schloss er hinter ihm die Haustür. Im Studierzimmer war es wieder ruhig geworden; die Studien wurden wieder fortgesetzt, und Fräulein Rottenmeier war jetzt auch in dem Zimmer geblieben, um durch ihre Gegenwart ähnlich Vorkommnisse zu verhüten. Den Vorfall wollte sie nach den Unterrichtsstunden untersuchen und den Schuldigen so bestrafen, dass er daran denken würde.

Schon wieder klopfte es an die Tür, und herein trat abermals Sebastian mit der Nachricht, es sei ein großer Korb gebracht worden, der sogleich an Fräulein Klara selbst abzugeben sei.

"An mich?", fragte Klara erstaunt und äußerst neugierig, was das sein möchte; "zeigen Sie doch gleich einmal her, wie er aussieht."

Sebastian brachte einen bedeckten Korb herein und entfernte sich dann eilig wieder.

"Ich denke, erst wird der Unterricht beendet, dann der Korb ausgepackt", bemerkte Fräulein Rottenmeier.

Klara konnte sich nicht vorstellen, was man ihr gebracht hatte; sie schaute sehr verlangend nach dem Korb.

"Herr Lehrer", sagte sie, sich selbst in ihrem Deklinieren unterbrechend, "könnte ich nicht nur einmal schnell hineinsehen, um zu wissen, was drin ist, und dann gleich wieder fortfahren?"

"In einer Hinsicht könnte man dafür, in einer anderen dagegen sein", entgegnete der Lehrer; "dafür spräche der Grund, dass, wenn nun Ihre ganze Aufmerksamkeit auf diesen Gegenstand gerichtet ist-"; die Rede konnte nicht beendigt werden. Der Deckel des Korbes saß nur lose darauf, und nun sprangen mit einem Mal ein, zwei drei und wieder zwei und immer noch mehr junge Kätzchen darunter hervor und ins Zimmer hinein und mit einer so unbegreiflichen Schnelligkeit rannten sie überall herum, dass es so schien, als wäre das ganze Zimmer voll kleiner Kätzchen. Sie sprangen über die Stiefel des Lehrers, bissen in seine Hosenbeine, kletterten am Kleid von Fräulein Rottenmeier empor, krabbelten um ihre Füße herum, sprangen an Klaras Sessel hinauf, kratzten, krabbelten, miauten; es war ein arges Gewirre. Klara rief immerfort voller Entzücken: "Oh, die niedlichen Tierchen! Die lustigen Sprünge! Sieh! Sieh! Heidi, hier, dort, sieh dieses!" Heidi rannte ihnen vor Freude in alle Ecken nach. Der Herr Lehrer stand sehr verlegen am Tisch und zog bald den einen, bald den andern Fuß in die Höhe, um ihn dem unheimlichen Gekrabbel zu entziehen. Fräulein Rottenmeier saß erst sprachlos vor Entsetzen in ihrem Sessel, dann fing sie an aus Leibeskräften zu schreien: "Tinette! Tinette! Sebastian! Sebastian!", denn vom Sessel aufzustehen konnte sie unmöglich wagen, da konnten ja mit einem Mal alle die kleinen Scheusale an ihr empor springen.

Endlich kamen Sebastian und Tinette auf die wiederholten Hilferufe herbei, und jener packte gleich eins nach dem andern der kleinen Geschöpfe in den Korb hinein und trug sie auf den Dachboden zu dem Katzenlager, das er für die zwei von gestern bereitet hatte.

Auch am heutigen Tage hatte kein Gähnen während der Unterrichtsstunden stattgefunden. Am späten Abend, als Fräulein Rottenmeier sich von den Aufregungen des Morgens wieder ausreichend erholt hatte, rief sie Sebastian und Tinette ins Studierzimmer herauf, um hier eine gründliche Untersuchung über die strafwürdigen Vorgänge anzustellen. Nun kam es denn heraus, dass Heidi auf ihrem gestrigen Ausflug die sämtlichen Ereignisse vorbereitet und herbeigeführt hatte. Fräulein Rottenmeier saß weiß vor Entrüstung da und konnte erst keine Worte für ihre Empfindungen finden. Sie winkte mit der Hand, dass Sebastian und Tinette sich entfernen sollten. Jetzt wandte sie sich an Heidi, die neben Klaras Sessel stand und nicht recht begriff, was sie angestellt hatte.

"Adelheid", begann sie mit strengem Ton, "ich weiß nur eine Strafe, die dich empfindlich genug treffen könnte, denn du bist eine Barbarin; aber wir wollen sehen, ob du unten im dunklen Keller bei Mäusen und Ratten nicht zahm wirst, dass du dir keine solchen Dinge mehr einfallen lässt."

Heidi hörte still und verwundert ihr Urteil an, denn in einem so scheußlichen Keller war sie noch nie gewesen, der Raum neben der Almhütte, den der Großvater Keller nannte, wo immer die fertigen Käse lagen und die frische Milch stand, war eher ein schöner und einladender Ort, und Ratten und Mäuse hatte sie dort noch keine gesehen.

Aber Klara fing an, laut zu jammern: "Nein, nein, Fräulein Rottenmeier, man muss warten, bis der Papa da ist; er hat ja geschrieben, er komme nun bald, und dann will ich ihm alles erzählen, und er sagt dann schon, was mit Heidi geschehen soll."

Gegen diesen Oberrichter durfte Fräulein Rottenmeier nichts einwenden, umso weniger, da er wirklich bald zurück erwartet wurde. Sie stand auf und sagte etwas grimmig: "Gut, Klara, aber auch ich werde ein Wort mit Herrn Sesemann sprechen." Damit verließ sie das Zimmer.

Es vergingen nun ein paar ungestörte Tage, aber Fräulein Rottenmeier kam nicht mehr aus der Aufregung heraus. Ihr war ständig bewusst, wie sehr sie sich in Heidi getäuscht hatte , und es kam ihr so vor, als sei seit Heidis Ankunft im Hause Sesemann alles aus den Fugen geraten und komme nicht wieder hinein. Klara war sehr vergnügt; sie langweilte sich nie mehr, denn in den Unterrichtsstunden machte Heidi die kurzweiligsten Sachen; die Buchstaben brachte sie immer alle durcheinander und konnte sie nie behalten, und wenn der Herr Lehrer mitten im Erklären und Beschreiben ihrer Formen war, um sie anschaulicher zu machen und als Vergleich etwa von einem Hörnchen oder einem Schnabel sprach, rief Heidi auf einmal in aller Freude aus: "Es ist eine Ziege!", oder: "Es ist ein Raubvogel!" Denn die Beschreibungen weckten in ihrem Gehirn allerlei Vorstellungen, nur keine Buchstaben. In den späteren Nachmittagsstunden saß Heidi wieder bei Klara und erzählte ihr immer wieder von der Alm und dem Leben dort, so viel und so lange, bis das Heimweh danach in ihr so brennend wurde, dass sie immer zum Schluss versicherte: "Nun darf ich gewiss wieder heim! Morgen darf ich sicher gehen!" Aber Klara beschwichtigte immer wieder und erklärte Heidi, dass sie doch sicher dableiben müsse, bis der Papa komme; dann werde man schon sehen, wie es weitergehe. Wenn Heidi als dann immer wieder nachgab und gleich wieder zufrieden war, so half ihr eine fröhliche Aussicht dazu, die sie im Stillen hatte: denn mit jedem Tage, den sie noch dablieb, würde ihr Häuflein Brötchen für die Großmutter wieder um zwei größer, denn mittags und abends lag immer ein schönes Weißbrötchen bei ihrem Teller; das steckte sie gleich ein, denn sie hätte das Brötchen nie essen können beim Gedanken, dass die Großmutter nie eines habe und das harte, schwarze Brot fast nicht mehr essen konnte. Nach Tisch saß Heidi jeden Tag ein paar Stunden lang ganz allein in ihrem Zimmer und regte sich nicht, denn dass es in Frankfurt verboten war, nur so hinauszulaufen, wie Heidi es auf der Alm tat, das hatte sie nun begriffen und tat es nie mehr. Mit Sebastian drüben im Esszimmer ein Gespräch führen durfte Heidi auch nicht, das hatte Fräulein Rottenmeier auch verboten, und mit Tinette eine Unterhaltung zu probieren, daran dachte sie erst gar nicht; Heidi ging ihr immer scheu aus dem Wege, denn sie redete nur in überheblichem Ton mit Heidi und spöttelte fortwährend. Heidi verstand ihre Art ganz gut, und dass sie sich immer nur über Heidi lustig machte. So saß Heidi täglich da und hatte alle Zeit, sich auszudenken, wie nun die Alm wieder grün war und wie die gelben Blümchen im Sonnenschein glitzerten und wie alles leuchtete rings um die Sonne, der Schnee und die Berge und das ganze weite Tal, und Heidi konnte es manchmal fast nicht mehr aushalten vor Verlangen, wieder dort zu sein. Die Dete hatte ja auch gesagt, Heidi könne wieder heimgehen, wann sie wolle. So kam es, dass Heidi eines Tages es nicht mehr aushielt; sie packte in aller Eile ihre Brötchen in das große rote Halstuch zusammen, setzte ihr Strohhütchen auf und zog aus. Aber schon unter der Haustür traf sie auf ein großes Reisehindernis, auf Fräulein Rottenmeier selbst, die eben von einem Ausgang zurückkehrte. Sie blieb stehen und schaute in starrem Erstaunen Heidi von oben bis unten an, und ihr Blick blieb ganz besonders auf dem gefüllten roten Halstuch haften. Jetzt brach sie los.

"Was ist das für ein Aufzug? Was heißt das überhaupt? Habe ich dir nicht streng verboten, je wieder herumzustreichen? Nun probierst du's doch wieder und dabei siehst du auch noch aus wie eine Landstreicherin."

"Ich wollte nicht herumstreichen, ich wollte nur heimgehen", entgegnete Heidi erschrocken.

"Wie? Was? Heimgehen? Heimgehen wolltest du?" Fräulein Rottenmeier schlug die Hände zusammen vor Aufregung. "Fortlaufen! Wenn das Herr Sesemann wüsste! Fortlaufen aus seinem Hause! Mach nicht, dass er das je erfährt! Und was ist dir denn nicht recht in seinem Hause? Wirst du nicht viel besser behandelt, als du verdienst? Fehlt es dir an irgendetwas? Hast du je in deinem ganzen Leben eine Wohnung oder einen Tisch oder eine Bedienung gehabt, wie du hier hast? Sag!"

"Nein" , entgegnete Heidi.

"Das weiß ich wohl!", fuhr die Dame eifrig fort. "Nichts fehlt dir, gar nichts, du bist ein ganz unglaublich undankbares Kind, und vor lauter Wohlsein weißt du nicht, was du noch alles anstellen willst!"

Aber jetzt kam bei Heidi aller Kummer hoch, der in ihr war, und es brach aus ihr hervor: "Ich will ja nur heim, und wenn ich so lang nicht komme, so muss das Schneehöppli immer klagen, und die Großmutter erwartet mich, und der Distelfink bekommt die Rute, wenn der Geißenpeter keinen Käse bekommt, und hier kann man gar nie sehen, wie die Sonne gute Nacht sagt zu den Bergen; und wenn der Raubvogel in Frankfurt über fliegen würde, so würde er noch viel lauter krächzen, dass so viele Menschen beieinander sitzen und einander bös machen und nicht auf den Felsen gehen, wo es einem gut geht."

"Barmherzigkeit, das Kind ist übergeschnappt!", rief Fräulein Rottenmeier aus und stürzte mit Schrecken die Treppe hinauf, wo sie sehr unsanft gegen den Sebastian rannte, der eben hinunter wollte. "Holen Sie auf der Stelle das unglückliche Wesen herauf!", rief sie ihm zu, indem sie sich den Kopf rieb, denn sie war hart angestoßen.

"Ja, ja, schon recht, danke schön", gab Sebastian zurück und rieb sich den seinen, denn er war noch härter angestoßen.

Heidi stand mit sprühendem Blick noch auf derselben Stelle und zitterte vor innerer Erregung am ganzen Körper.

"Na, schon wieder was angestellt?", fragte Sebastian lustig; als er aber Heidi, die sich nicht rührte, recht ansah, klopfte er ihr freundlich auf die Schulter und sagte tröstend: "Pah! Pah! Das muss sich das Mamsellchen nicht so zu Herzen nehmen, nur lustig, das ist die Hauptsache! Sie hat mir eben jetzt auch fast ein Loch in den Kopf gerannt; aber nur nicht einschüchtern lassen! Na? Immer noch auf demselben Fleck? Wir müssen hinauf, sie hat's befohlen."

Heidi ging nun die Treppe hinauf, aber langsam und leise und gar nicht, wie es sonst ihre Art war. Das zu sehen tat dem Sebastian Leid; er ging hinter Heidi her und sprach ermutigende Worte zu ihr: "Nur nicht abgeben! Nur nicht traurig werden! Nur immer tapfer darauf zu! Wir haben ja ein ganz vernünftiges Mamsellchen, hat noch nie geweint, seit es bei uns ist; sonst weinen sie ja zwölfmal im Tag in dem Alter, das kennt man. Die Kätzchen sind auch lustig droben, die springen auf dem ganzen Dachboden herum und tun wie närrisch. Nachher gehen wir mal zusammen hinauf und schauen ihnen zu, wenn die Dame drinnen weg ist, ja?"

Heidi nickte ein wenig mit dem Kopf, aber so freudlos, dass es den Sebastian richtig traurig machte und er ganz mitleidig Heidi nachschaute, wie sie zu ihrem Zimmer hin schlich.

Beim Abendessen heute sagte Fräulein Rottenmeier kein Wort, aber fortwährend warf sie sonderbar wachsame Blicke zu Heidi hinüber, so als erwartete sie, sie könnte plötzlich etwas Unerhörtes unternehmen; aber Heidi saß mäuschenstill am Tisch und rührte sich nicht, sie aß nicht und trank nicht; nur das Brötchen hatte sie schnell in die Tasche gesteckt.

Am folgenden Morgen, als der Herr Lehrer die Treppe heraufkam, winkte ihn Fräulein Rottenmeier geheimnisvoll ins Esszimmer herein, und hier teilte sie ihm in großer Aufregung ihre Besorgnis mit, die Luftveränderung, die neue Lebensart und die ungewohnten Eindrücke hätten das Kind um den Verstand gebracht, und sie erzählte ihm von Heidis Fluchtversuch und wiederholte ihm von den sonderbaren Reden, was sie noch wusste. Aber der Herr Lehrer besänftigte und beruhigte Fräulein Rottenmeier Er erklärte ihr, er habe Heidi beobachtet und glaube, dass sie durchaus bei klarem Verstande sei, wenn sie sich auch manchmal etwas sonderbar verhalte. Aber bei liebevollem Umgang mit ihr, komme schon alles ins Gleichgewicht. Er fände es wichtiger, dass Heidi das ABC lerne, war ihr bisher noch nicht gelungen sei.

Fräulein Rottenmeier fühlte sich beruhigter und entließ den Herrn Lehrer zu seiner Arbeit. Am späteren Nachmittag erinnerte sie sich an den Aufzug, den Heidi tags zuvor getragen hatte und sie beschloss Heidis Kleider durch einige von Klara zu ersetzen, bevor Herr Sesemann erscheinen würde. Sie erzählte Klara davon, und da diese mit allem einverstanden war und Heidi eine Menge Kleider und Tücher und Hüte schenken wollte, begab sich die Dame in Heidis Zimmer, um deren Kleiderschrank anzusehen und zu untersuchen, was da von dem Vorhandenen bleiben und was entfernt werden solle. Aber nach wenigen Minuten kam sie sehr aufgeregt wieder zurück. "Was muss ich entdecken, Adelheid!", rief sie aus. "Das hat es ja noch nie gegeben! In deinem Kleiderschrank, einem Schrank für Kleider, Adelheid, im Fuß dieses Schrankes, was finde ich? Einen Haufen kleiner Brote! Brot, sage ich, Klara, im Kleiderschrank! Und einen solchen Haufen aufheben!" - "Tinette", rief sie jetzt ins Esszimmer hinaus, "schaffen Sie mir das alte Brot fort aus Adelheids Schrank und auch den zerdrückten Strohhut auf dem Tisch!"

"Nein! Nein!", schrie Heidi auf; "ich muss den Hut haben, und die Brötchen sind für die Großmutter", und Heidi wollte der Tinette nachstürzen, aber sie wurde von Fräulein Rottenmeier festgehalten.

"Du bleibst hier und der Kram wird hingebracht, wo er hingehört", sagte sie bestimmt und hielt das Kind zurück. Aber nun warf sich Heidi an Klaras Sessel nieder und fing ganz verzweifelt an zu weinen, immer lauter und schmerzlicher, und schluchzte ein Mal ums andere mal in ihrem Jammer auf: "Nun hat die Großmutter keine Brötchen mehr. Sie waren für die Großmutter, nun sind sie alle fort und die Großmutter bekommt keine!", und Heidi weinte auf, als wollte ihr das Herz zerspringen. Fräulein Rottenmeier lief hinaus. Klara wurde es angst und bange bei dem Jammer. "Heidi, Heidi, weine nur nicht so", sagte sie bittend, "hör mir zu! Jammere nur nicht so, sieh, ich verspreche dir, ich gebe dir gerade so viel Brötchen für die Großmutter, oder noch mehr, wenn du einmal heimgehst, und dann sind diese frisch und weich, und die deinen wären ja ganz hart geworden und waren es schon. Komm, Heidi, weine nur nicht mehr so!"

Heidi konnte noch lange aufhören zu weinen und schluchzen; aber sie verstand Klaras Trost und hielt sich daran, sonst hätte sie gar nicht mehr aufhören können zu weinen. Heidi musste sich auch noch ein paar Mal vergewissern und Klara fragen: "Gibst du mir so viele, viele, wie ich hatte, für die Großmutter?"

Und Klara versicherte immer wieder: "Gewiss, ganz gewiss, noch mehr, sei nur wieder froh!"

Noch zum Abendtisch kam Heidi mit den rot verweinten Augen, und als sie ihr Brötchen erblickte, musste sie gleich noch einmal aufschluchzen. Aber sie bezwang sich jetzt mit Gewalt, denn sie verstand, dass sie sich am Tisch ruhig verhalten musste. Sebastian machte heute jedes Mal die merkwürdigsten Gebärden, wenn er in Heidis Nähe kam; er deutete bald auf seinen, bald auf Heidis Kopf, dann nickte er wieder und kniff die Augen zu, so als wollte er sagen: "Nur getrost! Ich hab's schon gemerkt und besorgt."

Als Heidi später in ihr Zimmer kam und in ihr Bett steigen wollte, lag ihr zerdrücktes Strohhütchen unter der Decke versteckt. Mit Entzücken zog sie den alten Hut hervor, zerdrückte ihn vor lauter Freude noch ein wenig mehr und versteckte ihn dann, in ein Taschentüchlein eingewickelt, in der aller hinterste Ecke ihres Schrankes. Das Hütchen hatte der Sebastian unter die Decke gesteckt; er war zu gleicher Zeit mit Tinette im Esszimmer gewesen, als diese gerufen wurde, und hatte Heidis Jammerruf vernommen. Dann war er Tinette nachgegangen, und als sie aus Heidis Zimmer heraustrat mit ihrer Brotlast und dem Hütchen oben darauf, hatte er schnell dieses weggenommen und ihr zugerufen: "Das will ich schon fort tun." Darauf hatte er es in aller Freude für Heidi gerettet, was er ihr beim Abendessen zur Erheiterung andeuten wollte.

Der Hausherr hört allerlei in seinem Hause, das er noch nicht gehört hat

Einige Tage nach diesen Ereignissen war es im Hause Sesemann sehr lebhaft; man hörte ein eifriges Treppauf- und Treppabrennen, denn eben war der Hausherr von seiner Reise zurückgekehrt, und aus dem bepackten Wagen wurde von Sebastian und Tinette eine Last nach der anderen hinaufgetragen, denn Herr Sesemann brachte immer eine Menge schöner Sachen mit nach Hause.

Er selbst war als erstes in das Zimmer seiner Tochter gegangen, um sie zu begrüßen. Heidi saß bei ihr, denn es war später Nachmittag, und da waren die beiden immer zusammen. Klara begrüßte ihren Vater mit großer Zärtlichkeit, denn sie liebte ihn sehr, und der gute Papa grüßte sein Klärchen nicht weniger liebevoll. Dann streckte er Heidi seine Hand entgegen die sich leise in eine Ecke zurückgezogen hatte, und sagte freundlich: "Und das ist unsre kleine Schweizerin; komm her, gib mir mal eine Hand! So ist's recht! Nun sag mir mal, seid ihr auch gute Freunde zusammen, Klara und du? Nicht zanken und böse werden, und dann weinen und dann versöhnen, und dann wieder von vorn anfangen, nun?"

"Nein, Klara ist immer gut mit mir", entgegnete Heidi.

"Und Heidi hat auch noch nie versucht zu zanken, Papa", warf Klara schnell ein.

"So ist's gut, das hör ich gern", sagte der Papa, indem er aufstand. "Nun musst du aber erlauben, Klärchen, dass ich etwas esse; heute habe ich noch nichts bekommen. Nachher komm ich wieder zu dir und du sollst sehen, was ich mitgebracht habe!"

Herr Sesemann trat ins Esszimmer ein, wo Fräulein Rottenmeier den Tisch überschaute, der für sein Mittagsmahl gedeckt war. Nachdem Herr Sesemann sich gesetzt und die Hausdame ihm gegenüber Platz genommen hatte und aussah wie ein lebendiges Missgeschick, wandte sich der Hausherr zu ihr: "Aber Fräulein Rottenmeier, was muss ich denken? Sie haben zu meinem Empfang ein wahrhaft erschreckendes Gesicht aufgesetzt. Wo fehlt es denn? Klärchen ist ganz munter."

"Herr Sesemann", begann die Dame mit gewichtigem Ernst, "Klara ist mit betroffen, wir sind fürchterlich getäuscht worden."

"Wieso?", fragte Herr Sesemann und trank in aller Ruhe einen Schluck Wein.

"Wir hatten ja beschlossen, wie Sie wissen, Herr Sesemann, eine Freundin für Klara ins Haus zu nehmen. Da ich ja weiß, wie sehr Sie darauf achten, dass nur Gutes und Edles Ihre Tochter umgibt, hatte ich an ein junges Schweizermädchen gedacht, weil ich hoffte, dass eines jener Mädchen zu uns komme, von denen ich schon so oft gelesen habe; welche, der reinen Bergluft entsprossen, sozusagen, ohne die Erde zu berühren, durch das Leben gehen."

"Ich glaube zwar", bemerkte hier Herr Sesemann, "dass auch die Schweizerkinder den Erdboden berühren, wenn sie vorwärts kommen wollen; sonst wären ihnen wohl Flügel gewachsen statt der Füße."

"Ach, Herr Sesemann, Sie verstehen mich wohl", fuhr das Fräulein fort; "Ich meinte eine jener so bekannten, in den hohen, reinen Bergregionen lebenden Gestalten, die nur wie ein idealer Hauch an uns vorüberziehen."

"Was sollte aber meine Klara mit einem idealen Hauch anfangen, Fräulein Rottenmeier?"

"Nein, Herr Sesemann, ich scherze nicht, die Sache ist mir ernster, als Sie denken; ich bin schrecklich, wirklich ganz schrecklich getäuscht worden."

"Aber worin liegt denn das Schreckliche? Gar so schrecklich sieht mir das Kind nicht aus", bemerkte Herr Sesemann ruhig.

"Sie sollten nur eines wissen, Herr Sesemann, nur das eine, mit was für Menschen und Tieren dieses Wesen Ihr Haus in Ihrer Abwesenheit bevölkert hat; davon könnte der Herr Lehrer erzählen."

"Mit Tieren? Wie muss ich das verstehen, Fräulein Rottenmeier?"

"Es ist eben nicht zu verstehen; das ganze Benehmen des Mädchens ist nicht zu verstehen, außer wenn man annimmt, dass es in seinem Verstand gestört ist."

Bis hierher hatte Herr Sesemann die Sache nicht für wichtig gehalten; aber Gestörtheit des Verstandes? Eine solche konnte ja für seine Tochter die bedenklichsten Folgen haben. Herr Sesemann schaute Fräulein Rottenmeier sehr genau an, so, als wollte er sich erst versichern, ob nicht etwa bei ihr eine derartige Störung zu bemerken sei. In diesem Augenblick wurde die Tür aufgetan und der Hauslehrer angemeldet.

"Ah, da kommt unser Lehrer, der wird uns Aufschluss geben!", rief ihm Herr Sesemann entgegen. "Kommen Sie, kommen Sie, setzen Sie sich zu mir!" Herr Sesemann streckte dem Eintretenden die Hand entgegen. "Der Herr Lehrer trinkt eine Tasse schwarzen Kaffee mit mir, Fräulein Rottenmeier! Setzen Sie sich, setzen Sie sich - keine Komplimente! Und nun sagen Sie mir, Herr Lehrer, was ist mit dem Kinde, das als Freundin meiner Tochter ins Haus gekommen ist und das Sie unterrichten. Was hat es für eine Bewandtnis mit den Tieren, die es ins Haus gebracht, und wie steht es mit seinem Verstand?"

Der Herr Lehrer musste erst seine Freude über Herrn Sesemanns glückliche Rückkehr aussprechen und ihn willkommen heißen, weswegen er ja gekommen war; aber Herr Sesemann drängte ihn, dass er ihm Aufschluss gebe über die fraglichen Punkte. So begann denn der Hauslehrer: "Wenn ich mich über das Wesen dieses jungen Mädchens aussprechen soll, Herr Sesemann, so möchte ich vor allem darauf aufmerksam machen, dass, auf der einen Seite ein Mangel der Entwicklung vorliegt, welcher durch eine mehr oder weniger vernachlässigte Erziehung, oder besser gesagt, etwas verspäteten Unterricht verursacht ist; hinzu kommt die mehr oder weniger, jedoch durchaus nicht in jeder Beziehung zu verurteilende, im Gegenteil ihre guten Seiten unstreitig dartuende Abgeschiedenheit eines längeren Alpenaufenthalts, welcher, wenn er nicht eine gewisse Dauer überschreitet, ja ohne Zweifel seine gute Seite-"

"Mein lieber Herr Lehrer", unterbrach hier Herr Sesemann, "Sie geben sich wirklich zu viel Mühe; sagen Sie mir, hat auch Ihnen das Kind einen Schrecken beigebracht durch eingeschleppte Tiere, und was halten Sie überhaupt von diesem Umgang für mein Töchterchen?"

"Ich möchte dem jungen Mädchen in keiner Art zu nahe treten", begann der Lehrer wieder, "denn wenn es auch auf der einen Seite in einer Art von gesellschaftlicher Unerfahrenheit, welche mit dem mehr oder weniger unkultivierten Leben, in welchem das junge Mädchen bis zu dem Augenblick seiner Versetzung nach Frankfurt sich bewegte, welche Versetzung allerdings in die Entwicklung dieses, ich möchte sagen noch völlig, wenigstens teilweise unentwickelten, aber anderseits mit nicht zu verachtenden Anlagen begabten und wenn allseitig umsichtig geleitet-"

"Entschuldigen Sie, Herr Lehrer, bitte, lassen Sie sich nicht stören, ich werde - ich muss schnell einmal nach meiner Tochter sehen." Damit lief Herr Sesemann zur Tür hinaus und kam nicht wieder. Drüben im Studierzimmer setzte er sich zu seinem Töchterchen hin; Heidi war aufgestanden. Herr Sesemann wandte sich nach dem Kinde um: "Hör mal, Kleine, hol mir doch schnell - wart einmal - hol mir mal" - (Herr Sesemann wusste nicht recht, was er bedurfte, Heidi sollte aber ein wenig hinausgeschickt werden) - "hol mir doch mal ein Glas Wasser."

"Frisches?", fragte Heidi.

"Jawohl! Jawohl! Recht frisches!", gab Herr Sesemann zurück. Heidi verschwand.

"Nun, mein liebes Klärchen", sagte der Papa, während er ganz nah an seine Tochter heranrückte und deren Hand in die seinige legte, "sag du mir klar und verständlich: Was für Tiere hat deine Freundin ins Haus gebracht und warum muss Fräulein Rottenmeier denken, sie sei zeitweise nicht ganz recht im Kopf; kannst du mir das sagen?"

Das konnte Klara, denn die erschrockene Hausdame hatte auch ihr von Heidis sich verwirrenden Reden gesprochen, die aber für Klara alle einen Sinn hatten. Sie erzählte erst dem Vater die Geschichten von der Schildkröte und den jungen Katzen und erklärte ihm dann Heidis Reden, welche die Dame so erschreckt hatten. Jetzt lachte Herr Sesemann herzlich. "So willst du nicht, dass ich das Kind nach Haus schicke, Klärchen, du findest sie nicht langweilig?", fragte der Vater.

"Nein, nein, Papa, tu nur das nicht!", rief Klara abwehrend aus. "Seit Heidi da ist, passiert immer etwas, jeden Tag, und es ist so kurzweilig, ganz anders als vorher, da geschah nie etwas, und Heidi erzählt mir auch so viel."

"Schon gut, schon gut, Klärchen, da kommt ja auch deine Freundin schon wieder. Na, schönes, frisches Wasser geholt?", fragte Herr Sesemann, als ihm Heidi nun ein Glas Wasser hinstreckte.

"Ja, frisch vom Brunnen", antwortete Heidi.

"Du bist doch nicht selbst zum Brunnen gelaufen, Heidi?", sagte Klara.

"Doch gewiss, es ist ganz frisch, aber ich musste weit gehen, denn am ersten Brunnen waren so viele Leute. Da ging ich die Straße ganz hinab, aber beim zweiten waren wieder so viele Leute; da ging ich in die andere Straße hinein und dort nahm ich Wasser, und der Herr mit den weißen Haaren lässt Herrn Sesemann freundlich grüßen."

"Na, der Ausflug war weit", lachte Herr Sesemann, "und wer ist denn der Herr?"

"Er kam beim Brunnen vorbei und blieb dann stehen und sagte: ›Weil du doch ein Glas hast, so gib mir auch einmal zu trinken; wem bringst du dein Glas Wasser?‹ Und ich sagte: ›Herrn Sesemann.‹ Da lachte er sehr, und dann sagte er den Gruß und auch noch, Herr Sesemann solle sich's schmecken lassen."

"So, und wer lässt mir denn wohl den guten Wunsch sagen? Wie sah der Herr denn weiter aus?", fragte Herr Sesemann.

"Er lacht freundlich und hat eine dicke goldene Kette und ein goldenes Ding hängt daran mit einem großen roten Stein und auf seinem Stock ist ein Rosskopf.

"Das ist der Herr Doktor" - "Das ist mein alter Doktor", sagten Klara und ihr Vater wie aus einem Munde, und Herr Sesemann lachte noch ein wenig in sich hinein beim Gedanken an seinen Freund und dessen Beobachtungen über diese neue Weise, seinen Wasserbedarf decken zu lassen.

Noch an demselben Abend erklärte Herr Sesemann, als er allein mit Fräulein Rottenmeier im Esszimmer saß, um allerlei häusliche Angelegenheiten mit ihr zu besprechen, die Freundin seiner Tochter werde im Hause bleiben; er finde, das Kind sei in einem normalen Zustand, und seine Gesellschaft sei seiner Tochter sehr lieb und angenehmer als jede andere. "Ich wünsche daher", setzte Herr Sesemann sehr bestimmt hinzu, "dass dieses Kind jederzeit durchaus freundlich behandelt und seine Eigentümlichkeiten nicht als Vergehen betrachtet werden. Sollten Sie übrigens mit dem Kinde nicht allein fertig werden, Fräulein Rottenmeier, so ist ja eine gute Hilfe für Sie in Aussicht, da in nächster Zeit meine Mutter zu ihrem längeren Aufenthalt in mein Haus kommt, und meine Mutter wird mit jedem Menschen fertig, wie er sich auch anstellt, das wissen Sie ja wohl, Fräulein Rottenmeier?"

"Jawohl, das weiß ich, Herr Sesemann", entgegnete die Dame, aber nicht mit dem Ausdruck der Erleichterung im Hinblick auf die angezeigte Hilfe. -

Herr Sesemann hatte diesmal nur eine kurze Zeit Ruhe zu Hause, schon nach vierzehn Tagen riefen ihn seine Geschäfte wieder nach Paris, und er tröstete sein Töchterchen, das mit der nahen Abreise nicht einverstanden war, mit der Aussicht auf die baldige Ankunft der Großmama, die schon nach einigen Tagen erwartet werden konnte.

Kaum war Herr Sesemann abgereist, als schon der Brief ankam, in dem die Abreise von Frau Sesemann aus Holstein, wo sie auf einem alten Gute wohnte, meldete; außerdem gab er die genaue Ankunftszeit am nächsten Tag an, damit der Wagen zum Bahnhof geschickt würde, um sie abzuholen.

Klara war voller Freude über die Nachricht und erzählte noch an demselben Abend Heidi so viel und so lange von der Großmama, dass Heidi auch anfing, von der ›Großmama‹ zu reden, worauf Fräulein Rottenmeier Heidi mit Missbilligung anblickte; das bezog Heidi aber auf nichts Besonderes, denn sie fühlte sich unter fortdauernder Missbilligung der Hausdame. Als Heidi dann später in ihr Schlafzimmer gehen wollte, rief Fräulein Rottenmeier sie erst zu sich herein und erklärte Heidi hier, sie habe niemals den Namen ›Großmama‹ anzuwenden, sondern wenn Frau Sesemann nun da sei, habe Heidi sie stets mit›gnädige Frau‹ anzureden. "Verstehst du das?", fragte die Dame, als Heidi sie etwas zweifelhaft ansah; sie gab ihr aber einen so abschließenden Blick zurück, dass Heidi sich keine Erklärung mehr erbat, obwohl sie den Titel nicht verstanden hatte.

Eine Großmama

Am folgenden Abend war man im Hause Sesemann in großer Erwartung und es wurde lebhaft vorbereitet . Man konnte deutlich merken, dass die erwartete Dame ein bedeutendes Wort im Hause mitzusprechen hatte und dass jedermann großen Respekt vor ihr empfand. Tinette hatte ein ganz neues, weißes Häubchen auf den Kopf gesetzt, und Sebastian raffte eine Menge von Fußschemeln zusammen und stellte sie an alle passenden Stellen hin, damit die Dame gleich einen Schemel unter den Füßen finde, wohin sie sich auch setzen möge. Fräulein Rottenmeier ging zur Musterung der Dinge sehr aufrecht durch die Zimmer, so als wolle sie andeuten, dass, wenn auch eine zweite sehr einflussreiche Person im Hause sei, ihre Macht dennoch nicht erlöscheJetzt rollte der Wagen vor das Haus, und Sebastian und Tinette liefen die Treppe hinunter; langsam und würdevoll folgte Fräulein Rottenmeier nach, denn sie wusste, dass auch sie zum Empfang der Frau Sesemann zu erscheinen hatte. Heidi war gesagt worden, sie solle sich in ihr Zimmer zurückziehen und da warten, bis sie gerufen würde, denn die Großmutter würde zuerst zu Klara gehen und diese wohl allein sehen wollen. Heidi setzte sich in eine Ecke und wiederholte ihre Anrede. Es dauerte gar nicht lange, so steckte die Tinette den Kopf klein wenig in Heidis Zimmer und sagte kurz angebunden wie immer: "Hinübergehen ins Studierzimmer!"

Heidi hatte Fräulein Rottenmeier nicht fragen dürfen, wie es mit der Anrede sei, aber sie dachte, die Dame habe sich nur versprochen, denn sie hatte bis jetzt immer erst den Titel nennen gehört und nachher den Namen; so wollte Heidi es dann auch in diesem Fall halten. Als die die Tür zum Studierzimmer öffnete, rief ihr die Großmutter mit freundlicher Stimme entgegen: "Ah, da kommt ja das Kind! Komm mal her zu mir und lass dich recht ansehen."

Heidi trat heran, und mit ihrer klaren Stimme sagte sie sehr deutlich: "Guten Tag, Frau Gnädige."

"Warum nicht gar!", lachte die Großmama. "Sagt man so bei euch? Hast du das daheim auf der Alp gehört?"

"Nein, bei uns heißt niemand so", erklärte Heidi ernsthaft.

"So, bei uns auch nicht", lachte die Großmama wieder und klopfte Heidi freundlich auf die Wange. "Das ist nichts! In der Kinderstube bin ich die Großmama; so sollst du mich nennen, das kannst du wohl behalten, wie?"

"Ja, das kann ich gut", versicherte Heidi, "vorher hab ich schon immer so gesagt."

"So, so, verstehe schon!", sagte die Großmama und nickte ganz lustig mit dem Kopfe. Dann schaute sie Heidi genau an und nickte von Zeit zu Zeit wieder mit dem Kopf, und Heidi guckte ihr auch ganz ernsthaft in die Augen, denn da kam etwas so Herzliches heraus, dass es Heidi ganz warm ums Herz wurde, und die ganze Großmama gefiel Heidi so, dass sie sie unverwandt anschauen musste. Sie hatte so schöne weiße Haare, und um den Kopf ging eine schöne Spitzenkrause, und zwei breite Bänder flatterten von der Haube weg und bewegten sich immer irgendwie, so als ob stets ein leichter Wind um die Großmama wehe, was Heidi ganz besonders gefiel.

"Und wie heißt du, Kind?", fragte jetzt die Großmama.

"Ich heiße nur Heidi; aber weil ich soll Adelheid heißen, so will ich schon Acht geben-"; Heidi stockte, denn sie fühlte sich ein wenig schuldig, weil sie noch immer keine Antwort gab, wenn Fräulein Rottenmeier unversehens "Adelheid!" rief. Denn Heidi hatte sich immer noch nicht richtig daran gewöhnt, das dies ihr Name sei. Fräulein Rottemeier war gerade ins Zimmer gekommen.

"Frau Sesemann wird sicherlich zustimmen", bemerkte Fräulein Rottemeier, "dass ich einen Namen wählen musste, den man doch aussprechen kann, ohne sich selbst genieren zu müssen, schon um der Dienstboten willen."

"Werteste Rottenmeier", entgegnete Frau Sesemann, "wenn ein Mensch einmal ›Heidi‹ heißt und an den Namen gewöhnt ist, so nenn ich ihn so, und dabei bleibt es!"

Es war Fräulein Rottenmeier sehr unangenehm, dass die alte Dame sie beständig nur bei ihrem Namen nannte, ohne weitere Anrede; aber da war nichts zu machen; die Großmama hatte einmal ihre eigenen Wege, und diese ging sie, da half kein Mittel dagegen. Auch ihre fünf Sinne hatte die Großmama noch ganz scharf und gesund, und sie bemerkte, was im Hause vorging, sobald sie es betreten hatte.

Als am Tage nach ihrer Ankunft Klara sich zur gewohnten Zeit nach Tisch niederlegte, setzte die Großmama sich neben sie in einen Lehnstuhl und schloss ihre Augen für einige Minuten; dann stand sie schon wieder auf - denn sie war gleich wieder munter - und trat ins Esszimmer hinaus; da war niemand. "Die schläft", sagte sie vor sich hin, ging dann zum Zimmer der Hausdame und klopfte kräftig an die Tür. Nach einiger Zeit erschien diese und fuhr erschrocken ein wenig zurück bei dem unerwarteten Besuch.

"Wo hält sich das Kind auf um diese Zeit auf, und was tut es? Das wollte ich wissen", sagte Frau Sesemann.

"In seinem Zimmer sitzt es, wo es sich nützlich beschäftigen könnte, wenn es den leisesten Tätigkeitstrieb hätte; aber Frau Sesemann sollte nur wissen, was für verkehrtes Zeug sich dieses Wesen oft ausdenkt und wirklich ausführt, Dinge, die ich in gebildeter Gesellschaft kaum erzählen könnte."

"Das würde ich ganz sicher auch tun, wenn ich so da drinnen säße wie dieses Kind, das kann ich Ihnen sagen, und Sie könnten zusehen, wie Sie mein Zeug in gebildeter Gesellschaft erzählen wollten! Jetzt holen Sie mir das Kind und bringen Sie es in meine Stube, ich will ihm einige hübsche Bücher geben, die ich mitgebracht habe."

"Das ist ja gerade das Unglück, das ist es ja eben!", rief Fräulein Rottenmeier aus und schlug die Hände zusammen. "Was sollte das Kind mit Büchern tun? In all dieser Zeit hat es noch nicht einmal das Abc erlernt; es ist völlig unmöglich, diesem Wesen auch nur einen Begriff beizubringen, davon kann der Herr Lehrer reden! Wenn dieser treffliche Mensch nicht die Geduld eines himmlischen Engels besäße, er hätte diesen Unterricht längst aufgegeben."

"So, das ist merkwürdig, das Kind sieht nicht aus wie eines, das das Abc nicht erlernen kann", sagte Frau Sesemann. "Jetzt holen Sie mir's herüber, es kann vorläufig die Bilder in den Büchern ansehen."

Fräulein Rottenmeier wollte noch einiges bemerken, aber Frau Sesemann hatte sich schon umgewandt und ging rasch ihrem Zimmer zu. Sie wunderte sich sehr über die Nachricht von Heidis Beschränktheit und gedachte, die Sache zu untersuchen, jedoch nicht mit dem Herrn Lehrer. Den schätzte sie zwar wegen seines guten Charakters sehr; aber seine Ausdrucksweise war ihr viel zu umständlich. Daher grüßte sie ihn immer, wenn sie mit ihm zusammentraf, überaus freundlich, lief dann aber sehr schnell auf eine andere Seite, um nicht in ein Gespräch mit ihm verwickelt zu werden.

Heidi erschien im Zimmer der Großmama und machte die Augen weit auf, als es die prächtigen bunten Bilder in den großen Büchern sah, welche die Großmama mitgebracht hatte. Auf einmal schrie Heidi laut auf, als die Großmama wieder ein Blatt umgewandt hatte; mit glühendem Blick schaute Heidi auf die Figuren, dann liefen ihr plötzlich die hellen Tränen aus den Augen, und sie fing heftig an zu schluchzen Die Großmama schaute das Bild an. Es war eine schöne, grüne Weide, wo allerlei Tiere weideten und an den grünen Büschen nagten. In der Mitte stand der Hirt, auf einen langen Stab gestützt, der schaute den fröhlichen Tieren zu. Alles war wie in Goldschimmer gemalt, denn hinten am Horizont war eben die Sonne im Untergehen.

Die Großmama nahm Heidi bei der Hand. "Komm, komm, Kind", sagte sie in freundlichster Weise, "nicht weinen, nicht weinen. Das hat dich wohl an etwas erinnert; aber sieh, da ist auch eine schöne Geschichte dazu, die erzähl ich heut Abend. Und da sind noch so viele schöne Geschichten in dem Buch, die kann man alle lesen und wieder erzählen. Komm, nun müssen wir etwas besprechen zusammen, trockne schön deine Tränen, so, und nun stell dich hier vor mich hin, dass ich dich recht ansehen kann; so ist's recht, nun sind wir wieder fröhlich."

Aber noch verging einige Zeit, bevor Heidi zu schluchzen aufhören konnte. Die Großmama ließ ihr auch eine gute Weile zur Erholung, nur sagte sie von Zeit zu Zeit ermunternd: "So, nun ist's gut, nun sind wir wieder froh zusammen."

Als sie endlich das Kind beruhigt sah, sagte sie: "Nun musst du mir was erzählen, Kind! Wie geht es denn beim Herrn Lehrer in den Unterrichtsstunden, lernst du auch gut und kannst du was?"

"O nein", antwortete Heidi seufzend; "aber ich wusste schon, dass man es nicht lernen kann."

"Was kann man denn nicht lernen, Heidi, was meinst du?"

"Lesen kann man nicht lernen, es ist zu schwer."

"Na so was! Und woher weißt du das?"

"Der Peter hat es mir gesagt und er weiß es schon, der muss immer wieder probieren, aber er kann es nie lernen, es ist zu schwer."

"So, das ist mir ein seltsamer Peter, der! Aber sieh, Heidi, man muss nicht alles nur so hinnehmen, was einem ein Peter sagt, man muss selbst probieren. Sicherhast du nicht wirklich ganz dem Herrn Lehrer zugehört und die Buchstaben angesehen."

"Es nützt nichts", versicherte Heidi mit dem Ton der vollen Ergebenheit in das Unabänderliche.

"Heidi", sagte nun die Großmama, "jetzt will ich dir etwas sagen: Du hast noch nicht lesen gelernt, weil du deinem Peter geglaubt hast; nun aber sollst du mir glauben, und ich sage dir fest und sicher, dass du in kurzer Zeit lesen lernen kannst, wie alle anderen Kinder auch, die so sind wie du und nicht wie der Peter. Und nun musst du wissen, was nachher kommt, wenn du dann lesen kannst - du hast den Hirten gesehen auf der schönen, grünen Weide-; sobald du nun lesen kannst, bekommst du das Buch, da kannst du seine ganze Geschichte vernehmen, ganz so, als ob sie dir jemand erzählte, alles, was er macht mit seinen Schafen und Ziegen und was ihm für merkwürdige Dinge begegnen. Das möchtest du schon wissen, Heidi, nicht?"

Heidi hatte mit gespannter Aufmerksamkeit zugehört, und mit leuchtenden Augen sagte sie jetzt, tief Atem holend: "Oh, wenn ich nur schon lesen könnte!"

"Jetzt wird's kommen, und gar nicht lange wird's dauern das kann ich schon sehen, Heidi, und nun müssen wir mal nach der Klara sehen; komm, die schönen Bücher nehmen wir mit." Damit nahm die Großmama Heidi bei der Hand und ging mit ihr zum Studierzimmer.

Seit dem Tage, an dem Heidi hatte heimgehen wollen und Fräulein Rottenmeier sie auf der Treppe ausgescholten und ihr gesagt hatte, wie schlecht und undankbar sie sei durch ihr Fortlaufenwollen und wie gut es sei, dass Herr Sesemann nichts davon wisse, war mit dem Kinde eine Veränderung vorgegangen. Es hatte begriffen, dass es nicht heimgehen könne, wenn es wolle, wie ihm Dete gesagt hatte, sondern dass es in Frankfurt zu bleiben habe, lange, lange, vielleicht für immer. Heidi hatte auch verstanden, dass Herr Sesemann es sehr undankbar von ihr finden würde, wenn sie heimgehen wollte. Und Heidi dachte sich, dass die Großmama und Klara auch so denken würden. So durfte sie keinem Menschen sagen, dass sie heimgehen möchte. denn Heidi wollte nicht dass die Großmama, die so freundlich mit ihm war, auch böse würde, so wie Fräulein Rottenmeier es geworden war,. Aber Heidis Herzen wurde unter der Last, die darauf lastete, immer schwerer; sie konnte nicht mehr essen, und jeden Tag wurde sie ein wenig blasser. Am Abend konnte Heidi oft lange, lange nicht einschlafen, denn sobald sie allein war und alles still ringsumher, kam ihr alles so lebendig vor die Augen, die Alm und der Sonnenschein darauf und die Blumen; und schlief sie endlich doch ein, so sah sie im Traum die roten Felsenspitzen am Falknis und das feurige Schneefeld an der Schesaplana, und erwachte dann Heidi am Morgen und wollte voller Freude hinausspringen aus der Hütte - da war sie auf einmal in ihrem großen Bett in Frankfurt, so weit, weit weg, und konnte nicht mehr heim. Dann drückte Heidi oft ihren Kopf in das Kissen und weinte lang, ganz leise, dass niemand es höre.

Heidis freudloser Zustand entging der Großmama nicht. Sie ließ einige Tage vorübergehen und sah zu, ob die Sache sich ändere und das Kind sein niedergeschlagenes Wesen verlieren würde. Als es aber gleich blieb und die Großmama manchmal am frühen Morgen schon sehen konnte, dass Heidi geweint hatte, da nahm sie eines Tages das Kind wieder in ihre Stube, stellte es vor sich hin und sagte mit großer Freundlichkeit: "Jetzt sag mir, was dir fehlt, Heidi; hast du einen Kummer?"

Aber gerade dieser freundlichen Großmama gegenüber wollte Heidi nicht undankbar erscheinen, denn sie hatte Angst, dass die Großmutter dann vielleicht gar nicht mehr so freundlich wäre; so sagte Heidi traurig: "Man kann es nicht sagen."

"Nicht? Kann man es vielleicht der Klara sagen?", fragte die Großmama.

"O nein, keinem Menschen", versicherte Heidi und sah dabei so unglücklich aus, dass es die Großmama ganz traurig machte.

"Komm, Kind", sagte sie, "ich will dir was sagen: Wenn man einen Kummer hat, den man keinem Menschen sagen kann, so klagt man ihn dem lieben Gott im Himmel und bittet ihn, dass er helfe, denn er kann allem Leid abhelfen, das uns drückt. Das verstehst du, nicht wahr? Du betest doch jeden Abend zum lieben Gott im Himmel und dankst ihm für alles Gute und bittest ihn, dass er dich vor allem Bösen behüte?"

"O nein, das tu ich nie", antwortete das Kind.

"Hast du denn noch nie gebetet, Heidi, weißt du nicht, was das ist?"

"Nur mit der ersten Großmutter habe ich gebetet, aber es ist schon lange her, und jetzt habe ich es vergessen."

"Siehst du, Heidi, darum musst du so traurig sein, weil du jetzt gar niemanden kennst, der dir helfen kann. Denk einmal nach, wie gut das tun muss, wenn einen etwas immerfort bedrückt und quält und man kann so jeden Augenblick zum lieben Gott hingehen und ihm alles sagen und ihn bitten, dass er helfe, wenn uns sonst gar niemand helfen kann! Und er kann überall helfen und uns geben, was uns wieder froh macht."

Durch Heidis Augen fuhr ein Freudenstrahl: "Darf man ihm alles, alles sagen?"

"Alles, Heidi, alles."

Das Kind zog seine Hand aus den Händen der Großmama und sagte eilig: "Kann ich gehen?"

"Gewiss! Gewiss!", gab diese zur Antwort, und Heidi lief davon und hinüber in ihr Zimmer, und hier setzte sie sich auf ihren Schemel nieder und faltete die Hände und sagte dem lieben Gott alles, was in ihrem Herzen war und sie so traurig machte, und bat ihn dringend und herzlich, dass er ihr helfe und sie wieder heimkommen lasse zum Großvater.-

Es mochte etwas mehr als eine Woche vergangen sein seit diesem Tage, als der Lehrer um ein Gespräch mit Frau Sesemann bat,, indem er ihr über einen merkwürdigen Sachverhalt berichten wollte. Er wurde auf ihre Stube gerufen, und so bald er eintrat, streckte ihm Frau Sesemann freundlich die Hand entgegen: "Mein lieber Herr Lehrer, seien Sie mir willkommen! Setzen Sie sich her zu mir, hier" - sie rückte ihm den Stuhl zurecht. "So, nun sagen Sie mir, was bringt Sie zu mir; doch nichts Schlimmes, keine Klagen?"

"Im Gegenteil, gnädige Frau", begann der Hauslehrer; "es ist etwas vorgefallen, das ich nicht mehr erwarten konnte und auch keiner, der die vorherige Zeit erlebt hatte, hätte erwarten können. Er habe angenommen, dass es ihm nicht mehr möglich sein würde….., dennoch sei genau das jetzt eingetreten"

"Sollte Heidi etwa lesen gelernt haben, Herr Lehrer?", setzte hier Frau Sesemann ein.

In sprachlosem Erstaunen schaute der überraschte Herr die Dame an.

"Es ist ja wirklich völlig wunderbar", sagte er endlich, "nicht nur, dass das junge Mädchen nach all meinen gründlichen Erklärungen, und ungewöhnlichen Bemühungen das Abc nicht erlernt hat, sondern auch und besonders, dass es jetzt in kürzester Zeit, nachdem ich mich entschlossen hatte, das Unerreichbare aus den Augen zu lassen und ohne alle weiter greifenden Erläuterungen nur noch sozusagen die nackten Buchstaben vor die Augen des jungen Mädchens zu bringen, sozusagen über Nacht das Lesen erfasst hat, und dann sogleich mit einer Korrektheit die Worte liest, wie mir bei Anfängern noch selten vorgekommen ist. Fast ebenso wunderbar ist mir die Wahrnehmung, dass die gnädige Frau gerade diese fern liegende Tatsache als Möglichkeit vermutete."

"Es geschehen viele wunderbare Dinge im Menschenleben", bestätigte Frau Sesemann und lächelte vergnüglich; "es können auch einmal zwei Dinge glücklich zusammentreffen, wie ein neuer Lerneifer und eine neue Lehrmethode, und beide können nichts schaden, Herr Lehrer. Jetzt wollen wir uns freuen, dass das Kind so weit ist, und auf guten Fortgang hoffen."

Damit begleitete sie den Lehrer zur Tür hinaus und ging rasch ins Studierzimmer, um sich selbst der erfreulichen Nachricht zu versichern. Richtig, hier saß Heidi neben Klara und las dieser eine Geschichte vor; offensichtlich staunte Heidi selbst sehr darüber und mit wachsendem Eifer entdeckte sie die neue Welt, die ihr nun aufgegangen war; mit einem Mal wurden in den schwarzen Buchstaben Menschen und Dinge lebendig und es entstanden daraus herzbewegende Geschichten. Noch am selben Abend, als man sich zu Tische setzte, fand Heidi auf ihrem Teller das große Buch liegen mit den schönen Bildern, und als sie fragend nach der Großmama blickte, sagte diese freundlich nickend: "Ja, ja, nun gehört es dir."

"Für immer? Auch wenn ich heimgehe?", fragte Heidi ganz rot vor Freude.

"Gewiss, für immer!", versicherte die Großmama; "morgen fangen wir an zu lesen."

"Aber du gehst nicht heim, noch viele Jahre nicht, Heidi", warf Klara hier ein; "wenn nun die Großmama wieder fortgeht, dann musst du erst recht bei mir bleiben."

Noch vor dem Schlafengehen musste Heidi in ihrem Zimmer ihr schönes Buch ansehen, und von dem Tage an war es Heidis Lieblingsbeschäftigung, über ihrem Buch zu sitzen und immer wieder die Geschichten zu lesen, zu denen die schönen bunten Bilder gehörten. Sagte am Abend die Großmama: "Nun liest uns Heidi vor", so war das Kind sehr beglückt, denn das Lesen ging nun ganz leicht, und wenn es die Geschichten laut vorlas, so kamen sie ihm noch viel schöner und verständlicher vor, und die Großmama erklärte dann noch so vieles und erzählte immer noch mehr dazu. Am liebsten betrachtete Heidi immer wieder die grüne Weide und den Hirten mitten unter der Herde, wie er so vergnüglich, auf seinen langen Stab gelehnt, dastand, denn da war er noch bei der schönen Herde des Vaters und ging nur den lustigen Schäfchen und Ziegen nach, weil es ihn freute. Aber dann kam das Bild, wo er, vom Vaterhaus weggelaufen, nun in der Fremde war und die Schweine hüten musste und ganz mager geworden war, weil er nur noch Schweinefutter zu essen bekam. Und auf dem Bilde schien auch die Sonne nicht mehr so golden, da war das Land grau und nebelig. Aber dann kam noch ein Bild zu der Geschichte: Da kam der alte Vater mit ausgebreiteten Armen aus dem Hause heraus und lief dem heimkehrenden reuigen Sohn entgegen, um ihn zu empfangen, der ganz furchtsam und abgemagert in einen zerrissenen Kleidern daherkam. Das war Heidis Lieblingsgeschichte, die sie immer wieder las, laut und leise, und sie konnte nie genug der Erklärungen bekommen, welche die Großmama den Kindern dazu machte. Da waren aber noch so viele schöne Geschichten in dem Buch, und bei dem Lesen derselben und beim Betrachten der Bilder gingen die Tage sehr schnell vorüber, und schon nahte der Zeitpunkt, an dem die Großmama abreisen musste.

Heidi nimmt auf einer Seite zu und auf der anderen ab

Die Großmama hatte während der ganzen Zeit ihres Aufenthalts jeden Nachmittag, wenn Klara sich hinlegte und Fräulein Rottenmeier, wahrscheinlich der Ruhe bedürftig, geheimnisvoll verschwand, sich einen Augenblick neben Klara hingesetzt; aber schon nach fünf Minuten war sie wieder auf den Füßen und hatte dann immer Heidi auf ihr Zimmer gerufen, mit ihr gesprochen und sie auf allerlei Weise beschäftigt und unterhalten. Die Großmama hatte hübsche kleine Puppen und zeigte Heidi, wie man ihnen Kleider und Schürzchen macht, und ganz nebenbei hatte Heidi das Nähen erlernt und machte den kleinen Frauenzimmern die schönsten Röcke und Mäntelchen, denn die Großmama hatte immer Stoffe von den prächtigsten Farben. Da Heidi jetzt lesen konnte, durfte sie auch immer wieder der Großmama ihre Geschichten vorlesen; das machte ihr die größte Freude, denn je mehr sie ihre Geschichten las, desto lieber wurden sie ihr. Heidi erlebte alles, was die Leute in den Geschichten zu erleben hatten, ganz mit und so hatte sie zu ihnen allen ein sehr nahes Verhältnis und freute sich immer wieder, bei ihnen zu sein. Aber so recht froh sah Heidi nie aus, und ihre lustigen Augen waren nie mehr zu sehen.

Es war die letzte Woche, welche die Großmama in Frankfurt zubringen wollte. Sie hatte eben nach Heidi gerufen, damit sie auf ihr Zimmer komme; es war die Zeit, da Klara schlief. Als Heidi mit ihrem großen Buch unter dem Arm eintrat, winkte ihr die Großmama, dass sie ganz nahe zu ihr herankomme, legte das Buch weg und sagte: "Nun komm, Kind, und sag mir, warum bist du nicht fröhlich? Hast du immer noch denselben Kummer im Herzen?"

"Ja", nickte Heidi.

"Hast du ihn dem lieben Gott geklagt?"

"Ja."

"Und betest du nun alle Tage, dass alles gut werde und er dich froh mache?"

"O nein, ich bete jetzt gar nicht mehr."

"Was sagst du mir, Heidi? Was muss ich hören? Warum betest du denn nicht mehr?"

"Es nützt nichts, der liebe Gott hat nicht zugehört, und ich verstehe es auch", fuhr Heidi in einiger Aufregung fort, "wenn nun am Abend so viele, viele Leute in Frankfurt alle beten, so kann der liebe Gott ja nicht auf alle Acht geben, und mich hat er gewiss gar nicht gehört."

"So, woher weißt du denn das so sicher, Heidi?"

"Ich habe alle Tage das Gleiche gebetet, manche Woche lang, und der liebe Gott hat es nie getan."

"Ja, so geht's nicht zu, Heidi! Das musst du nicht meinen! Siehst du, der liebe Gott ist für uns alle ein guter Vater, der immer weiß, was gut für uns ist, wenn wir es gar nicht wissen. Wenn wir aber nun etwas von ihm haben wollen, das nicht gut für uns ist, so gibt er uns das nicht, sondern etwas viel Besseres, wenn wir weiterhin so recht herzlich zu ihm beten, aber nicht gleich weglaufen und alles Vertrauen zu ihm verlieren. Siehst du, was du nun von ihm erbitten wolltest, das war in diesem Augenblick nicht gut für dich; der liebe Gott hat dich schon gehört, er kann alle Menschen auf einmal anhören und übersehen, siehst du, dafür ist er der liebe Gott und nicht ein Mensch wie du und ich. Und weil er nun wohl wusste, was für dich gut ist, dachte er bei sich: ›Ja, die Heidi soll schon einmal haben, worum sie bittet, aber erst dann, wenn es gut für sie ist, und so wie sie darüber recht froh werden kann. Denn wenn ich jetzt tue, was sie will, und sie merkt nachher, dass es doch besser gewesen wäre, ich hätte ihr ihren Willen nicht getan, dann weint sie nachher und sagt: Hätte mir doch der liebe Gott nur nicht gegeben, wofür ich bat, es ist gar nicht so gut, wie ich gemeint habe.‹ Und während nun der liebe Gott auf dich herunter sah, um zu sehen ob du ihm auch recht vertraust und täglich zu ihm kommst und betest und immer zu ihm aufsiehst, wenn dir etwas fehlt, da bist du weggelaufen ohne alles Vertrauen, hast nie mehr gebetet und hast den lieben Gott ganz vergessen. Aber siehst du, wenn einer es so macht und der liebe Gott hört seine Stimme gar nicht mehr unter den Betenden, so vergisst er ihn auch und lässt ihn gehen, wohin er will. Wenn es ihm dabei aber schlecht geht und er jammert: ›Mir hilft aber auch gar niemand!‹, dann hat keiner Mitleiden mit ihm, sondern jeder sagt zu ihm: ›Du bist ja selbst vom lieben Gott weggelaufen, der dir helfen konnte!‹ Willst du's so haben, Heidi, oder willst du nicht wieder zum lieben Gott gehen und ihn um Verzeihung bitten, dass du so von ihm weggelaufen bist, und dann alle Tage zu ihm beten und ihm vertrauen, dass er alles gut für dich machen wird, so dass du auch wieder ein frohes Herz bekommen kannst?"

Heidi hatte sehr aufmerksam zugehört; jedes Wort der Großmama fiel in ihr Herz, denn zur Großmama hatte das Kind ein unbedingtes Vertrauen.

"Ich will jetzt gleich auf der Stelle gehen und den lieben Gott um Verzeihung bitten, und ich will ihn nie mehr vergessen", sagte Heidi reumütig.

"So ist's recht, Kind, er wird dir auch helfen zur rechten Zeit, sei nur getrost!", ermunterte die Großmama, und Heidi lief sofort in ihr Zimmer hinüber und betete sehr ernsthaft und um Verzeihung bittend zum lieben Gott und bat ihn, dass er sie doch nicht vergessen und wieder auf sie schauen möge.-

Der Tag der Abreise war gekommen, es war für Klara und Heidi ein trauriger Tag; aber die Großmama wusste es so einzurichten, dass es den Kindern gar nicht bewusst wurde, dass es eigentlich ein trauriger Tag sei, sondern es war eher wie ein Festtag, bis die gute Großmama im Wagen davonfuhr. Da trat eine Leere und Stille im Hause ein, als wäre alles vorüber, und solange es noch hell war, saßen Klara und Heidi wie verloren da und wussten gar nicht, wie es nun weiter gehen sollte.

Am folgenden Tag, als die Unterrichtsstunden vorbei und die Zeit da war, da die Kinder gewöhnlich zusammen saßen, trat Heidi mit ihrem Buch unter dem Arm herein und sagte: "Ich will dir nun immer, immer vorlesen; willst du, Klara?"

Der Klara war der Vorschlag recht für einmal, und Heidi machte sich mit Eifer an ihre Tätigkeit. Aber es ging nicht lange, so hörte schon wieder alles auf, denn kaum hatte Heidi eine Geschichte zu lesen begonnen, die von einer sterbenden Großmutter handelte, als Heidi auf einmal laut aufschrie: "Oh, nun ist die Großmutter tot!", und in ein jammerndes Weinen ausbrach, denn alles, was sie las, kam Heidi vor, als geschehe es gerade im Augenblick, und so glaubte Heidi, nun sei die Großmutter auf der Alm gestorben, und sie klagte in immer lauterem Weinen: "Nun ist die Großmutter tot, und ich kann nie mehr zu ihr gehen, und sie hat nicht ein einziges Brötchen mehr bekommen!"

Klara versuchte immerzu Heidi zu erklären, dass es ja nicht die Großmutter auf der Alm sei, sondern eine ganz andere, von der diese Geschichte handle; aber auch, als sie es endlich geschafft hatte, der aufgeregten Heidi diese Verwechslung klar zu machen, konnte diese sich doch nicht beruhigen und weinte immer noch untröstlich weiter, denn der Gedanke war nun stets vorhanden, die Großmutter könne ja sterben, während Heidi so weit weg sei, und der Großvater auch noch, und wenn sie dann nach einiger Zeit wieder heimkomme, so sei alles still und tot auf der Alm und sie stehe ganz allein da und könne niemals mehr die sehen, die ihr lieb waren.

Währenddessen war Fräulein Rottenmeier ins Zimmer getreten und hatte noch Klaras Bemühungen, Heidi über ihren Irrtum aufzuklären, mit angehört. Als das Kind aber immer noch nicht aufhören konnte zu schluchzen, trat sie mit sichtlichen Zeichen der Ungeduld zu den Kindern heran und sagte mit bestimmtem Ton: "Adelheid, nun hast Du genug grundlos geweint! Ich will dir eines sagen: Wenn du noch ein einziges Mal beim Lesen deiner Geschichten so heftig reagierst, so nehme ich dir das Buch weg und das für immer!"

Das machte Eindruck. Heidi wurde ganz weiß vor Schrecken, das Buch war ihr höchster Schatz. Sie trocknete in größter Eile ihre Tränen und schluckte und würgte ihr Schluchzen mit Gewalt hinunter, so dass kein Ton mehr zu hören war. Das Mittel hatte geholfen, Heidi weinte nie mehr, was sie auch lesen mochte; aber manchmal fiel es Heidi so schwer, sich zu überwinden und nicht aufzuschreien, dass Klara öfter ganz erstaunt sagte: "Heidi, du machst so schreckliche Gesichter, wie ich noch nie gesehen habe." Aber das Gesichtverziehen machten keinen Lärm und fiel Fräulein Rottenmeier nicht auf, und wenn Heidi ihre Verzweiflung und Trauer überwunden hatte, kam alles wieder für einige Zeit in Ordnung und war tonlos vorübergegangen. Aber ihren Appetit verlor Heidi so sehr und sah so mager und bleich aus, dass der Sebastian es fast nicht ertragen konnte, das so mit anzusehen und Zeuge sein zu müssen, wie Heidi bei Tisch die schönsten Gerichte an sich vorübergehen ließ und nichts essen wollte. Er flüsterte ihr auch öfter ermunternd zu, wenn er ihr eine Schüssel hinhielt: "Nehmt von dem, Mamsellchen, 's ist vortrefflich. Nicht so! Einen rechten Löffel voll, noch einen!", und dergleichen väterlicher Ratschläge mehr; aber es half nichts: Heidi aß fast gar nicht mehr, und wenn sie sich am Abend ins Bett legte, so hatte sie augenblicklich alles vor Augen, was daheim war, und nur ganz leise weinte Heidi dann vor Sehnsucht in ihr Kissen hinein, so dass es gar niemand hören konnte.

So verging eine lange Zeit. Heidi wusste nie, ob es Sommer oder Winter sei, denn die Mauern und Fenster, die Heidi aus allen Fenstern des Hauses Sesemann erblickte, sahen immer gleich aus, und hinaus kam sie nur, wenn es Klara besonders gut ging und eine Ausfahrt im Wagen mit ihr gemacht werden konnte, die aber immer sehr kurz war, denn Klara konnte nicht vertragen, lang zu fahren. So kam man kaum aus den Mauern und Steinstraßen heraus, sondern kehrte gewöhnlich vorher wieder um und fuhr immerfort durch große, schöne Straßen, wo Häuser und Menschen in Fülle zu sehen waren, aber kein Gras und keine Blumen, keine Tannen und keine Berge, und Heidis Verlangen nach dem Anblick der schönen gewohnten Dinge steigerte sich mit jedem Tage mehr. Heidi brauchte jetzt nur den Namen eines diese Erinnerung weckenden Worte zu lesen, so wurde sie sehr traurig sie musste sich mit aller Gewalt dagegen wehren. So waren Herbst und Winter vergangen, und schon blendete die Sonne wieder so stark auf die weißen Mauern am Hause gegenüber, dass Heidi ahnte, dass der Frühling nahe sei, und Peter wieder mit den Ziegen zur Alm hinaufgehe;, dass die goldenen Cystusröschen oben im Sonnenschein glitzerten und allabendlich ringsum alle Berge im Feuer ständen. Heidi setzte sich in ihrem einsamen Zimmer in eine Ecke und hielt sich mit beiden Händen die Augen zu, damit sie den Sonnenschein drüben an der Mauer nicht sehe; und so saß Heidi regungslos, ihr brennendes Heimweh lautlos niederkämpfend, bis Klara wieder nach ihr rief.

Im Hause Sesemann spukt's

Seit einigen Tagen wanderte Fräulein Rottenmeier meistens schweigend und in sich gekehrt im Haus herum. Wenn sie am Abend, wenn es dämmerte, von einem Zimmer ins andere oder über den langen Korridor ging, schaute sie öfters um sich, in die Ecken hinein und auch schnell einmal hinter sich, so, als denke sie, es könnte jemand leise hinter ihr herkommen und sie unversehens am Rock zupfen.

So allein ging sie aber nur noch in den bewohnten Räumen herum. Hatte sie auf dem oberen Flur, wo die schön hergerichteten Gästezimmer lagen, oder gar in den unteren Räumen etwas zu besorgen, wo der große geheimnisvolle Saal war, rief sie nun regelmäßig die Tinette herbei und sagte ihr, sie habe mitzukommen, für den Fall dass etwas von dort herauf- oder von oben herunter zu tragen wäre. In dem Saal hörte man jeden Tritt doppelt, so stark hallte er nach und die alten Ratsherren mit den großen, weißen Kragen sahen aus ihren Bildern so ernsthaft und unverwandt auf einen herab, dass einem ganz unheimlich werden konnte. Tinette ihrerseits machte es ebenso; hatte sie oben oder unten irgend etwas zu tun, so rief sie den Sebastian herbei und sagte ihm, er habe sie zu begleiten, es könne etwas herbeizubringen sein, das sie nicht allein tragen könnte. Wunderbarerweise tat auch Sebastian ganz genau dasselbe; wurde er in die abgelegenen Räume geschickt, so holte er den Johann herauf und wies ihn an, ihn zu begleiten, für den Fall dass er nicht herbeischaffen könnte, was erforderlich sei. Und jeder folgte immer ganz willig dem Ruf, obschon eigentlich nie etwas herbei zu tragen war, so dass jeder gut hätte allein gehen können; aber es war so, als denke der Herbeigerufene immer bei sich, er könne den anderen auch bald für denselben Dienst nötig haben. Während dies oben geschah, stand unten die langjährige Köchin nachdenklich an ihren Töpfen und schüttelte den Kopf und seufzte: "Dass ich das noch erleben musste!"

Es ging im Hause Sesemann seit einiger Zeit etwas ganz Seltsames und Unheimliches vor. Jeden Morgen, wenn die Dienerschaft herunterkam, stand die Haustür weit offen; aber weit und breit war niemand zu sehen, der mit dieser Tatsache im Zusammenhang stehen konnte. In den ersten Tagen, als dies geschehen war, wurden gleich mit Schrecken alle Zimmer und Räume des Hauses durchsucht, um zu sehen, was alles gestohlen sei, denn man dachte, ein Dieb habe sich im Hause verstecken können und sei in der Nacht mit dem Gestohlenen entflohen; aber da war gar nichts fort gekommen, es fehlte im ganzen Hause nicht ein einziges Ding. Abends wurde nicht nur die Tür doppelt zugeriegelt, sondern es wurde auch der hölzerne Balken vorgeschoben - es half nichts: Am Morgen stand die Tür weit offen; und so früh auch die ganze Dienerschaft in ihrer Aufregung am Morgen herunterkommen mochte - die Tür stand offen, wenn auch ringsum alles noch im tiefen Schlaf lag und Fenster und Türen an allen anderen Häusern noch fest verrammelt waren. Endlich fassten sich der Johann und der Sebastian ein Herz und machten sich auf die dringende Bitte von Fräulein Rottenmeier bereit, die Nacht unten in dem Zimmer, das an den großen Saal stieß, zuzubringen und zu erwarten, was geschehen würde. Fräulein Rottenmeier suchte mehrere Waffen des Herrn Sesemann hervor und übergab dem Sebastian außerdem eine große Liqueurflasche, damit beide sich stärken könnten und sie sich wehren könnten, wenn es nötig sei.

Die beiden setzten sich an dem festgesetzten Abend hin und fingen gleich an, sich Mut anzutrinken, was sie erst sehr gesprächig und dann ziemlich schläfrig machte, worauf sie beide sich an die Sesselrücken lehnten und verstummten. Als die alte Turmuhr drüben zwölf schlug, rief Sebastian seinen Kameraden an; der war aber nicht leicht zu wecken; sooft ihn Sebastian anrief, legte er seinen Kopf von einer Seite der Sessellehne auf die andere und schlief weiter. Sebastian lauschte jetzt ganz gespannt, er war nun wieder ganz munter geworden. Es war alles mäuschenstill, auch von der Straße war kein Laut mehr zu hören. Sebastian schlief nicht wieder ein, denn jetzt wurde es ihm sehr unheimlich in der großen Stille, und er rief den Johann nur noch mit gedämpfter Stimme an und rüttelte ihn von Zeit zu Zeit ein wenig. Endlich, als es droben schon ein Uhr geschlagen hatte, war der Johann wach geworden und wusste wieder, warum er auf dem Stuhl saß und nicht in seinem Bett lag. Jetzt fuhr er auf einmal sehr tapfer empor und rief: "Nun, Sebastian, wir müssen doch einmal hinaus und sehen, wie's steht; du wirst dich ja nicht fürchten. Nur mir nach."

Johann machte die leicht angelehnte Zimmertür weit auf und trat hinaus. Im gleichen Augenblick blies aus der offenen Haustür ein scharfer Luftzug her und löschte das Licht aus, das der Johann in der Hand hielt. Dieser stürzte zurück, warf den hinter ihm stehenden Sebastian beinah rücklings ins Zimmer hinein, riss ihn dann mit, schlug die Tür zu und drehte in fieberhafter Eile den Schlüssel um, und schloss die Tür ab. Dann riss er seine Streichhölzer hervor und zündete sein Licht wieder an. Sebastian wusste gar nicht recht, was vorgefallen war, denn hinter dem breiten Johann stehend, hatte er den Luftzug nicht so deutlich empfunden. Als er aber Johann nun bei Licht besah, tat er einen Schreckensruf, denn der Johann war kreideweiß und zitterte wie Espenlaub. "Was ist's denn? Was war denn draußen?", fragte der Sebastian teilnehmend.

"Sperrangelweit offen die Tür", keuchte Johann, "und auf der Treppe eine weiße Gestalt, siehst du, Sebastian, nur so die Treppe hinauf - husch und verschwunden."

Dem Sebastian gruselte es und es lief ihm kalt über den ganzen Rücken. Jetzt setzten sich die beiden ganz nah zusammen und regten sich nicht mehr, bis der neue Morgen da war und es auf der Straße anfing, lebendig zu werden. Dann traten sie zusammen hinaus, machten die weit offen stehende Haustür zu und stiegen dann hinauf, um Fräulein Rottenmeier Bericht zu erstatten über das Erlebte. Die Dame war auch schon zu sprechen, denn die Erwartung der zu vernehmenden Dinge hatte sie nicht mehr schlafen lassen. Sobald sie nun vernommen hatte, was vorgefallen war, setzte sie sich hin und schrieb einen Brief an Herrn Sesemann, wie er noch keinen erhalten hatte; er möge sich sofort aufmachen und nach Hause zurückkehren, denn da geschähen unerhörte Dinge. Dann wurde ihm das Vorgefallene mitgeteilt sowie auch die Nachricht, dass die Tür jeden Morgen offen stehe; dass also keiner im Hause seines Lebens mehr sicher sei und dass man überhaupt nicht absehen könne, was für schlimme Folgen dieser unheimliche Vorgang noch nach sich ziehen könne. Herr Sesemann antwortete umgehend, es sei ihm unmöglich, so plötzlich alles liegen zu lassen und nach Hause zu kommen. Die Gespenstergeschichte komme ihm sehr merkwürdig vor, er hoffe auch, sie sei vorübergehend; sollte es indessen keine Ruhe geben, so möge Fräulein Rottenmeier an Frau Sesemann schreiben und sie fragen, ob sie nicht nach Frankfurt zu Hilfe kommen wollte; gewiss würde seine Mutter in kürzester Zeit mit den Gespenstern fertig, und diese trauten sich nachher sicher so bald nicht wieder, sein Haus zu beunruhigen. Fräulein Rottenmeier war nicht zufrieden mit dem Ton dieses Briefes; die Sache war ihr zu wenig ernst aufgefasst. Sie schrieb unverzüglich an Frau Sesemann, aber von dieser Seite her klang die Antwort nicht eben befriedigender sie enthielt sogar t einige ganz anzügliche Bemerkungen. Frau Sesemann schrieb, sie gedenke nicht, extra von Holstein nach Frankfurt hinunterzureisen, weil die Rottenmeier Gespenster sehe. Übrigens sei niemals ein Gespenst gesehen worden im Hause Sesemann, und wenn jetzt eines darin herumfahre, so könne es nur ein lebendiges sein, mit dem die Rottenmeier sich sollte verständigen können; wenn nicht, so solle sie die Nachtwächter zu Hilfe rufen.

Aber Fräulein Rottenmeier war entschlossen, ihre Tage nicht mehr in Schrecken zuzubringen, und sie wusste sich zu helfen. Bis dahin hatte sie den beiden Kindern nichts von der Geistererscheinung gesagt, denn sie befürchtete, die Kinder würden vor Furcht Tag und Nacht keinen Augenblick mehr allein bleiben wollen, und das konnte sehr unbequeme Folgen für sie haben. Jetzt ging sie geradewegs ins Studierzimmer hinüber, wo die beiden zusammen saßen, und erzählte mit gedämpfter Stimme von den nächtlichen Erscheinungen eines Unbekannten. Sofort schrie Klara auf, sie bleibe keinen Augenblick mehr allein, der Papa müsse nach Hause kommen und Fräulein Rottenmeier müsse zum Schlafen in ihr Zimmer hinüberziehen, und Heidi dürfe auch nicht mehr allein sein, sonst könne das Gespenst einmal zu ihr kommen und ihr etwas tun; sie wollten alle in einem Zimmer schlafen und die ganze Nacht das Licht brennen lassen, und Tinette müsste nebenan schlafen und der Sebastian und der Johann müssten auch herunterkommen und auf dem Korridor schlafen, dass sie gleich schreien und das Gespenst erschrecken könnten, wenn es etwa die Treppe heraufkommen wollte. Klara war sehr aufgeregt und Fräulein Rottenmeier hatte nun die größte Mühe, sie etwas zu beschwichtigen. Sie versprach ihr, sogleich an den Papa zu schreiben und auch ihr Bett in Klaras Zimmer stellen und sie nie mehr allein lassen zu wollen. Alle konnten sie nicht in demselben Raume schlafen, aber wenn Adelheid sich auch fürchten sollte, so müsste Tinette ihr Nachtlager bei ihr aufschlagen. Aber Heidi fürchtete sich mehr vor der Tinette als vor Gespenstern, von denen das Kind noch nie etwas gehört hatte, und es erklärte gleich, es fürchte das Gespenst nicht und wolle schon allein in seinem Zimmer bleiben. Hierauf eilte Fräulein Rottenmeier an ihren Schreibtisch und schrieb an Herrn Sesemann, die unheimlichen Vorgänge im Hause, die allnächtlich sich wiederholten, hätten die zarte Gesundheit seiner Tochter derart erschüttert, dass die schlimmsten Folgen zu befürchten seien; man müsse mit schweren Erkrankungen und seelischen Schäden rechnen, wenn dieser Zustand des Schreckens im Hause nicht behoben werde.

Das half. Zwei Tage darauf stand Herr Sesemann vor seiner Tür und schellte derart an seiner Hausglocke, dass alles zusammenlief und einer den anderen anstarrte, denn man glaubte, nun lasse der Geist frecher Weise noch vor Nacht seine boshaften Stücke aus. Sebastian guckte ganz behutsam durch einen halb geöffneten Laden von oben herunter; in dem Augenblick schellte es noch einmal so nachdrücklich, dass jeder unwillkürlich eine Menschenhand hinter dem tüchtigen Ruck vermutete. Sebastian hatte die Hand erkannt, stürzte durchs Zimmer, kopfüber die Treppe hinunter, kam aber unten wieder auf die Füße und riss die Haustür auf. Herr Sesemann grüßte kurz und stieg ohne weiteres zum Zimmer seiner Tochter hinauf. Klara empfing den Papa mit einem lauten Freudenruf, und als er sie so munter und völlig unverändert sah, glättete sich seine Stirn, die er vorher sehr zusammengezogen hatte; und er entspannte sich immer mehr, als er nun von ihr selbst hörte, sie sei so wohl wie immer und sie sei so froh, dass er gekommen sei, dass es ihr jetzt ganz recht sei, dass ein Geist im Haus herumfahre, weil er doch daran schuld sei, dass der Papa heimkommen musste.

"Und wie führt sich das Gespenst weiter auf, Fräulein Rottenmeier?", fragte nun Herr Sesemann mit einem lustigen Ausdruck in den Mundwinkeln.

"Nein, Herr Sesemann", entgegnete die Hausdame ernst, "es ist kein Scherz. Ich zweifle nicht daran, dass morgen Herr Sesemann nicht mehr lachen wird; denn was in dem Hause vorgeht, deutet auf Fürchterliches, das hier in vergangener Zeit vorgegangen und verheimlicht worden sein muss."

"So, davon weiß ich nichts", bemerkte Herr Sesemann, "muss aber bitten, meine völlig ehrenwerten Ahnen nicht verdächtigen zu wollen. Und nun rufen Sie mir den Sebastian ins Esszimmer, ich will allein mit ihm reden."

Herr Sesemann ging hinüber und Sebastian erschien. Es war Herrn Sesemann nicht entgangen, dass Sebastian und Fräulein Rottenmeier sich nicht eben mit Zuneigung betrachteten; so hatte er seine Gedanken.

"Komm her, Sebastian", winkte er dem Burschen entgegen, "und sag mir nun ganz ehrlich: Hast Du nicht vielleicht selbst ein wenig Gespenst gespielt, so um Fräulein Rottenmeier ein wenig auf den Arm zu nehmen, he?"

"Nein, bei meiner Ehre, das darf der gnädige Herr nicht glauben; es ist mir selbst ganz unheimlich bei der Sache", entgegnete Sebastian mit unverkennbarer Ehrlichkeit.

"Nun, wenn das so aussieht, so will ich morgen dir und dem tapferen Johann zeigen, wie Gespenster beim Licht aussehen. Schäme dich, Sebastian, ein junger, kräftiger Bursche, wie du es bist, vor Gespenstern davonzulaufen! Nun geh unverzüglich zu meinem alten Freund, Doktor Classen: meine Empfehlung und er möchte ganz unbedingt heute Abend Punkt neun Uhr bei mir erscheinen; ich sei extra von Paris hergereist, um ihn zu konsultieren. Er müsse die Nacht bei mir wachen, so schlimm sei's; er solle sich richten! Verstanden, Sebastian?"

"Jawohl, jawohl! Der gnädige Herr kann sicher sein, dass ich's gut mache." Damit entfernte sich Sebastian, und Herr Sesemann kehrte zu seinem Töchterchen zurück, um ihr alle Furcht vor einer Erscheinung zu nehmen, die er noch heute ins richtige Licht stellen wollte.

Punkt neun Uhr, als die Kinder zur Ruhe gegangen und auch Fräulein Rottenmeier sich zurückgezogen hatte, erschien der Doktor, der unter seinen grauen Haaren noch ein recht jugendliches Gesicht und zwei lebhaft und freundlich blickende Augen zeigte. Er sah etwas ängstlich aus, brach aber gleich nach seiner Begrüßung in ein helles Lachen aus und sagte, seinem Freunde auf die Schulter klopfend: "Nun, nun, für einen, bei dem man wachen soll, siehst du noch wirklich gut aus, Alter."

"Nur Geduld, Alter", gab Herr Sesemann zurück; "derjenige, für den du wachen musst, wird schon schlimmer aussehen, wenn wir ihn erst abgefangen haben."

"Also doch ein Kranker im Haus und dazu einer, der eingefangen werden muss?"

"Weit schlimmer, Doktor, weit schlimmer. Ein Gespenst im Hause, bei mir spukt's!"

Der Doktor lachte laut auf.

"Schöne Teilnahme ist das, Doktor!", fuhr Herr Sesemann fort; "schade, dass meine Freundin Rottenmeier sie nicht genießen kann. Sie ist fest überzeugt, dass ein alter Sesemann hier herumrumort und Schauertaten abbüßt."

"Wie hat sie ihn aber nur kennen gelernt?", fragte der Doktor noch immer sehr erheitert.

Herr Sesemann erzählte nun seinem Freunde die ganze Geschichte und dass auch jetzt noch allnächtlich die Haustür geöffnet werde, wie sämtliche Hausbewohner versicherten. Er fügte hinzu, um für alle Fälle vorbereitet zu sein, habe er zwei gut geladene Revolver in das Wachlokal legen lassen; denn entweder sei die Sache ein sehr unerwünschter Scherz, den sich vielleicht irgendein Bekannter der Dienerschaft mache, um die Leute des Hauses in Abwesenheit des Hausherrn zu erschrecken - dann könnte ein kleiner Schrecken, wie ein guter Schuss ins Leere, ihm nicht unheilsam sein-; oder auch es handle sich um Diebe, die auf diese Weise erst den Gedanken an Gespenster aufkommen lassen wollten, um nachher umso sicherer zu sein, dass niemand sich herauswage - in diesem Falle könnte eine gute Waffe auch nicht schaden.

Während dieser Erklärungen waren die Herren die Treppe hinunter gegangen und traten in dasselbe Zimmer ein, wo Johann und Sebastian auch gewacht hatten. Auf dem Tische standen einige Flaschen schönen Weines, denn eine kleine Stärkung von Zeit zu Zeit konnte nicht unerwünscht sein, wenn die Nacht da zugebracht werden musste. Daneben lagen die beiden Revolver, und zwei, ein helles Licht verbreitende Armleuchter standen mitten auf dem Tisch, denn so im Halbdunkel wollte Herr Sesemann das Gespenst denn doch nicht erwarten.

Nun wurde die Tür ans Schloss gelehnt, denn zu viel Licht durfte nicht in den Korridor dringen, es konnte das Gespenst verscheuchen. Jetzt setzten sich die Herren gemütlich in ihre Lehnstühle und fingen an, sich allerlei zu erzählen, nahmen auch hier und da dazwischen einen guten Schluck, und so schlug es zwölf Uhr, eh sie sich's versahen.

"Das Gespenst hat uns gewittert und kommt wohl heut gar nicht", sagte der Doktor jetzt.

"Nur Geduld, es soll erst um ein Uhr kommen", entgegnete der Freund.

Das Gespräch wurde wieder aufgenommen. Es schlug ein Uhr. Ringsum war es völlig still, auch auf den Straßen war aller Lärm verklungen. Auf einmal hob der Doktor den Finger empor.

"Pst, Sesemann, hörst du nichts?"

Sie lauschten beide. Leise, aber ganz deutlich hörten sie, wie der Balken zurückgeschoben, dann der Schlüssel zweimal im Schloss umgedreht, jetzt die Tür geöffnet wurde. Herr Sesemann fuhr mit der Hand nach seinem Revolver.

"Du fürchtest dich doch nicht?", sagte der Doktor und stand auf.

"Vorsicht ist besser", flüsterte Herr Sesemann, erfasste mit der Linken den Armleuchter mit drei Kerzen, mit der Rechten den Revolver und folgte dem Doktor, der, gleichermaßen mit Leuchter und Schießgewehr bewaffnet, voranging. Sie traten auf den Korridor hinaus.

Durch die weit geöffnete Tür kam ein bleicher Mondschein herein und beleuchtete eine weiße Gestalt, die regungslos auf der Schwelle stand.

"Wer da?", donnerte jetzt der Doktor heraus, dass es durch den ganzen Korridor hallte, und beide Herren traten nun mit Lichtern und Waffen an die Gestalt heran. Sie kehrte sich um und tat einen leisen Schrei. Mit bloßen Füßen im weißen Nachtkleidchen stand Heidi da, schaute mit verwirrten Blicken in die hellen Flammen und auf die Waffen und zitterte und bebte wie Espenlaub von oben bis unten. Die Herren schauten einander in großem Erstaunen an.

"Ich glaube wahrhaftig, Sesemann, es ist deine kleine Wasserträgerin", sagte der Doktor.

"Kind, was soll das heißen?", fragte nun Herr Sesemann. "Was wolltest du tun? Warum bist du hier heruntergekommen?"

Schneeweiß vor Schrecken stand Heidi vor ihm und sagte fast tonlos: "Ich weiß nicht."

Jetzt trat der Doktor vor: "Sesemann, der Fall gehört in mein Gebiet; geh, setz dich einstweilen in deinen Lehnstuhl drinnen, ich will vor allem das Kind hinbringen, wo es hingehört."

Damit legte er seinen Revolver auf den Boden, nahm das zitternde Kind ganz väterlich bei der Hand und ging mit ihm zur Treppe.

"Nicht fürchten, nicht fürchten", sagte er freundlich im Hinaufsteigen, "nur ganz ruhig sein, da ist gar nichts Schlimmes dabei, nur getrost sein."

In Heidis Zimmer eingetreten, stellte der Doktor seinen Leuchter auf den Tisch, nahm Heidi auf den Arm, legte sie in ihr Bett hinein und deckte sie sorgfältig zu. Dann setzte er sich auf den Sessel am Bett und wartete, bis sich Heidi ein wenig beruhigt hatte und nicht mehr an allen Gliedern bebte. Dann nahm er das Kind bei der Hand und sagte begütigend: "So, nun ist alles in Ordnung, nun sag mir auch noch, wo wolltest du denn hin?"

"Ich wollte gewiss nirgends hin", versicherte Heidi; "ich bin auch gar nicht selbst hinuntergegangen, ich war nur auf einmal da."

"So, so, und hast du vielleicht geträumt in der Nacht, weißt du, so, dass du deutlich etwas sahst und hörtest?"

"Ja, jede Nacht träume ich und immer gleich. Dann meine ich, ich sei beim Großvater, und draußen hör ich's in den Tannen sausen und denke: Jetzt glitzern die Sterne so schön am Himmel, und ich laufe geschwind und mache die Tür auf an der Hütte und da ist's so schön! Aber wenn ich erwache, bin ich immer noch in Frankfurt." Heidi fing schon an zu kämpfen und zu schlucken an dem Gewicht, das den Hals hinaufstieg.

"Hm, und tut dir denn auch nichts weh, nirgends? Nicht im Kopf oder im Rücken?"

"O nein, nur hier drückt es so wie ein großer Stein immerfort."

"Hm, etwa so, wie wenn man etwas gegessen hat und wollte es nachher lieber wieder zurückgeben?"

"Nein, so nicht, aber so schwer, wie wenn man stark weinen sollte."

"So, so, und weinst du denn so recht heraus?"

"O nein, das darf man nicht, Fräulein Rottenmeier hat es verboten."

"Dann schluckst du's herunter zum andern, nicht wahr, so? Richtig! Nun, du bist doch recht gern in Frankfurt, nicht?"

"O ja", war die leise Antwort; sie klang aber so, als bedeute sie eher das Gegenteil.

"Hm, und wo hast du mit deinem Großvater gelebt?"

"Immer auf der Alm."

"So, da ist's doch nicht so besonders kurzweilig, eher ein wenig langweilig, nicht?"

"O nein, da ist's so schön, so schön!" Heidi konnte nicht weiter; die Erinnerung, die eben durchgemachte Aufregung, das lang verhaltene Weinen überwältigten die Kräfte des Kindes; mit aller Macht stürzten jetzt die Tränen aus den Augen und Heidi brach in ein lautes, heftiges Schluchzen aus.

Der Doktor stand auf; er legte freundlich Heidis Kopf auf das Kissen nieder und sagte: "So, noch ein klein wenig weinen, das kann nichts schaden, und dann schlafen, ganz ruhig einschlafen; morgen wird alles gut." Dann verließ er das Zimmer.

Wieder unten in die Wachstube angekommen, ließ er sich dem wartenden Freunde gegenüber in den Lehnstuhl nieder und erklärte dem gespannt Zuhörenden: "Sesemann, dein kleiner Schützling ist erstens mondsüchtig; völlig unbewusst hat er dir allnächtlich als Gespenst die Haustür aufgemacht und deiner ganzen Mannschaft den Schrecken eingejagt. Zweitens wird das Kind vom Heimweh verzehrt, so dass es schon jetzt völlig abgemagert ist; also ist schnelle Hilfe nötig! Für das erste Übel und die in hohem Grade stattfindende Aufregung gibt es nur ein Heilmittel, nämlich, dass du sofort das Kind in die heimatliche Bergluft zurückversetzt; für das zweite gibt's ebenfalls nur eine Medizin, nämlich ganz dieselbe. Demnach reist das Kind morgen ab, das ist mein Rezept."

Herr Sesemann war aufgestanden. In größter Aufregung lief er das Zimmer auf und ab; jetzt brach er aus: "Mondsüchtig! Krank! Heimweh! Abgemagert in meinem Hause! Das alles in meinem Hause! Und alle sehen zu und verstehen nichts davon! Und du, Doktor, du meinst, das Kind, das frisch und gesund in mein Haus gekommen ist, schicke ich elend und abgemagert seinem Großvater zurück? Nein, Doktor, das kannst du nicht verlangen, das tu ich nicht, das werde ich nie tun. Jetzt nimmst Du das Kind in die Hand, mach Kuren mit ihm, mach, was du willst, aber mach es mir wieder gesund, dann will ich es heimschicken, wenn es will; aber erst hilfst du!"

"Sesemann", entgegnete der Doktor ernsthaft, "bedenke, was du tust! Dieser Zustand ist keine Krankheit, die man mit Pulvern und Pillen heilt. Das Kind hat keine zähe Natur, aber wenn du es jetzt gleich wieder in die kräftige Bergluft hinaufschickst, an die es gewöhnt ist, so kann es wieder völlig gesund werden; wenn nicht - du willst nicht, dass das Kind unheilbar krank zum Großvater oder gar nicht mehr zurückkommt?"

Herr Sesemann war erschrocken stehen geblieben: "Ja, wenn du so redest, Doktor, dann gibt es nur einen Weg, dann muss sofort gehandelt werden." Mit diesen Worten nahm Herr Sesemann den Arm seines Freundes und wanderte mit ihm hin und her, um die Sache noch weiter zu besprechen. Dann brach der Doktor auf, um nach Hause zu gehen, denn es war unterdessen viel Zeit vergangen, und durch die Haustür, die diesmal vom Herrn des Hauses aufgeschlossen wurde, drang schon der helle Morgenschimmer herein.

Am Sommerabend die Alm hinan

Herr Sesemann stieg in großer Erregtheit die Treppe hinauf und wanderte mit festem Schritt zum Schlafgemach von Fräulein Rottenmeier. Hier klopfte er so ungewöhnlich kräftig an die Tür, dass die Bewohnerin mit einem Schreckensruf aus dem Schlaf auffuhr. Sie hörte die Stimme des Hausherrn draußen: "Bitte sich zu beeilen und im Esszimmer zu erscheinen, es muss sofort eine Abreise vorbereitet werden."

Fräulein Rottenmeier schaute auf ihre Uhr, es war halb fünf Uhr morgens; zu solcher Stunde war sie in ihrem Leben noch nie aufgestanden. Was konnte nur vorgefallen sein? Vor Neugierde und angstvoller Erwartung nahm sie alles verkehrt in die Hand und kam keineswegs voran, denn was sie einmal angezogen hatte, suchte sie nachher im Zimmer.

Unterdessen ging Herr Sesemann den Korridor entlang und zog mit aller Kraft an jedem Glockenzug, der je für die verschiedenen Mitglieder der Dienerschaft angebracht war, so dass in jedem der betreffenden Zimmer eine Schreckensgestalt aus dem Bett sprang und verkehrt in die Kleider fuhr, denn einer wie der andere dachte sogleich, das Gespenst habe irgendwie den Hausherrn gepackt und dies sei sein Hilferuf. So kamen sie nach und nach, einer schauerlicher aussehend als der andere, herunter und stellten sich mit Erstaunen vor den Hausherrn hin, denn dieser ging frisch und munter im Esszimmer auf und ab und sah keineswegs aus, als habe ihn ein Gespenst erschreckt. Johann wurde sofort losgeschickt, Pferde und Wagen in Ordnung zu bringen und sie nachher vorzuführen. Tinette erhielt den Auftrag, sogleich Heidi aufzuwecken und sie so anzukleiden ,dass sie in der Lage sei eine Reise anzutreten. Sebastian erhielt den Auftrag, zu dem Hause zu eilen, wo Heidis Cousine Dete arbeitete, und diese herbeizuholen. Fräulein Rottenmeier war inzwischen fertig angezogen und alles saß, wie es musste, nur die Haube saß verkehrt auf dem Kopf, so dass es von weitem aussah, als sitze ihr das Gesicht auf dem Rücken. Herr Sesemann schrieb den rätselhaften Anblick dem frühen Aufwachen zu und gab sofort seine Anweisungen. Er erklärte der Hausdame, sie habe sofort einen Koffer herbei zu schaffen und alle Sachen des Schweizerkindes hineinzupacken - so nannte Herr Sesemann gewöhnlich Heidi, dessen Name ihm etwas ungewohnt war-, dazu noch einen guten Teil von Klaras Kleidern, damit das Kind was Rechtes mitbringe; es müsse aber alles schnell und ohne langes Besinnen vor sich gehen.

Fräulein Rottenmeier blieb vor Überraschung wie in den Boden eingewurzelt stehen und starrte Herrn Sesemann an. Sie hatte erwartet, er wolle ihr im Vertrauen die Mitteilung einer schauerlichen Geistergeschichte machen, die er in der Nacht erlebt habe. Die hätte sie jetzt bei hellem Morgenlicht sehr gern gehört; stattdessen diese völlig prosaischen und dazu noch sehr unbequemen Aufträge. So schnell konnte sie das Unerwartete nicht bewältigen. Sprachlos stand sie immer noch da und erwartete weitere Anweisungen oder Erklärungen.

Aber Herr Sesemann hatte keine Erklärungen im Sinn; er ließ die Dame stehen, wo sie stand, und ging ins Zimmer seiner Tochter. Wie er vermutet hatte, war diese durch die ungewöhnliche Unruhe im Hause wach geworden und lauschte nach allen Seiten hin, was wohl vorgehe. Der Vater setzte sich nun an ihr Bett und erzählte ihr den ganzen Verlauf der Geistergeschichte und dass Heidi nach Meinung des Doktors sehr angegriffen sei und wohl nach und nach ihre nächtlichen Wanderungen ausdehnen, vielleicht gar das Dach besteigen würde, was dann mit den höchsten Gefahren verbunden wäre. Er habe also beschlossen, das Kind sofort heimzuschicken, denn solche Verantwortung könne er nicht auf sich nehmen, und Klara müsse sich dareinfinden, sie sehe ja ein, dass es nicht anders sein könne.

Klara war sehr schmerzlich überrascht von der Mitteilung und wollte erst allerlei Auswege finden, aber es half nichts, der Vater blieb fest bei seinem Entschluss, versprach aber, im nächsten Jahre mit Klara in die Schweiz zu reisen, wenn sie nun recht vernünftig sei und nicht herumjammere. So schickte sich Klara in das Unvermeidliche, begehrte aber zum Ersatz, dass der Koffer für Heidi in ihr Zimmer gebracht und da gepackt werde, damit sie hineinstecken könne, was ihr Freude mache, was der Papa sehr gern bewilligte, ja er ermunterte Klara noch, dem Kinde eine schöne Aussteuer zurechtzumachen. Unterdessen war die Dete angelangt und stand in großer Erwartung im Vorzimmer, denn dass sie um diese ungewöhnliche Zeit herbeigerufen worden war, musste etwas Ungewöhnliches bedeuten. Herr Sesemann trat zu ihr heraus und erklärte ihr, wie es mit Heidi stehe und dass er wünsche, sie möchte das Kind sofort, gleich heute noch, nach Hause bringen. Dete sah sehr enttäuscht aus; diese Nachricht hatte sie nicht erwartet. Sie erinnerte sich auch noch recht gut an die Worte, die ihr der Öhi mit auf den Weg gegeben hatte, dass sie ihm nie mehr vor die Augen kommen solle; und so das Kind dem Alten einmal bringen und dann nehmen und dann wiederbringen, das schien ihr nicht ganz ratsam zu sein. Sie besann sich also nicht lange, sondern sagte mit großer Beredsamkeit, heute wäre es ihr leider völlig unmöglich, die Reise anzutreten, und morgen könnte sie noch weniger daran denken, und die Tage darauf wäre es am allerunmöglichsten, um der darauf folgenden Geschäfte willen, und nachher könnte sie dann gar nicht mehr. Herr Sesemann verstand die Sprache und entließ Dete ohne weiteres. Nun ließ er den Sebastian vortreten und erklärte ihm, er habe sich unverzüglich auf die Reise vorzubereiten; heute habe er mit dem Kinde bis nach Basel zu fahren, morgen bringe er es heim. Dann könne er sogleich wieder umkehren, zu berichten habe er nichts, ein Brief an den Großvater werde diesem alles erklären.

"Nun aber noch eine Hauptsache, Sebastian", schloss Herr Sesemann, "und dass du mir das pünktlich erledigst! Den Gasthof in Basel, den ich dir hier auf meine Karte geschrieben habe, kenne ich. Du weist meine Karte vor, dann wird dir ein gutes Zimmer angewiesen werden für das Kind; für dich selbst wirst du schon sorgen. Dann gehst Du zuerst in das Zimmer des Kindes hinein und verrammelst alle Fenster so sehr, dass sie nur mit großer Kraft zu öffnen sind. Ist das Kind zu Bett, so gehst du und schließt von außen die Tür ab, denn das Kind wandert herum in der Nacht und könnte Gefahr laufen in dem fremden Haus, wenn es etwa hinausginge und die Haustür aufmachen wollte; verstehst du das?"

"Ah! Ah! Ah! Das war's? So war's?", stieß Sebastian jetzt in größter Verwunderung aus, denn es war ihm eben ein großes Licht aufgegangen über die Geistergeschichte.

"Ja, so war's! Das war's! Und Du bist ein Angsthase, und dem Johann kannst Du sagen, er sei desgleichen und alle miteinander eine lächerliche Mannschaft." Damit ging Herr Sesemann in seine Stube, setzte sich hin und schrieb einen Brief an den Alm-Öhi.

Sebastian war verdutzt mitten im Zimmer stehen geblieben und wiederholte jetzt einige Male in Gedanken: "Hätte ich mich doch von dem Feigling von Johann nicht in die Wachstube hineinziehen lassen, sondern wäre dem weißen Figürchen nachgegangen, was ich doch jetzt ganz gewiss tun würde!", denn jetzt schien die Sonne hell in jede Ecke der hellgrauen Stube und ließ alles in einem klaren Licht erscheinen.

Unterdessen stand Heidi völlig ahnungslos in ihrem Sonntagsröckchen und wartete ab, was geschehen sollte, denn die Tinette hatte Heidi nur aus dem Schlafe aufgerüttelt, die Kleider aus dem Schrank genommen und das Anziehen gefördert, ohne ein Wort zu sagen. Sie sprach niemals mit der ungebildeten Heidi, denn Heidi war ihr zu dumm.

Herr Sesemann trat mit seinem Brief ins Esszimmer ein, wo das Frühstück bereitstand, und rief: "Wo ist das Kind?"

Heidi wurde gerufen. Als es zu Herrn Sesemann herantrat, um ihm ›guten Morgen‹ zu sagen, schaute er ihm fragend ins Gesicht: "Nun, was sagst du denn dazu, Kleine?"

Heidi blickte verwundert zu ihm auf.

"Du weißt am Ende noch gar nichts", lachte Herr Sesemann. "Nun, heut gehst du heim, jetzt gleich."

"Heim?", wiederholte Heidi tonlos und wurde schneeweiß, und eine Augenblick lang konnte Heidi kaum atmen, so stark fing ihr Herz an zu schlagen vor Aufregung.

"Nun, willst du davon etwa nichts wissen?", fragte Herr Sesemann lächelnd.

"O ja, ich will schon", kam jetzt heraus, und nun war Heidi dunkelrot geworden.

"Gut, gut", sagte Herr Sesemann ermunternd, indem er sich setzte und Heidi winkte, dasselbe zu tun. "Und nun frühstücke tüchtig und hernach steigst du in den Wagen und fährst fort."

Aber Heidi konnte keinen Bissen herunterbringen, so sehr sie sich auch aus Gehorsam zwingen wollte; Heidi war so aufgeregt, dass sie gar nicht wusste, ob sie wach war oder träumte und ob sie vielleicht wieder auf einmal erwachen und im Nachthemdchen an der Haustür stehen würde.

"Sebastian soll reichlich Proviant mitnehmen", rief Herr Sesemann Fräulein Rottenmeier zu, die eben eintrat; "das Kind kann nicht essen, begreiflicherweise. - Geh hinüber zu Klara, bis der Wagen vorfährt", setzte er freundlich, zu Heidi gewandt, hinzu.

Das war auch Heidis Wunsch: Sie lief schnell hinüber. Mitten in Klaras Zimmer war ein ungeheurer Koffer zu sehen, noch stand dessen Deckel weit offen.

"Komm, Heidi, komm", rief ihr Klara entgegen. "Sieh, was ich dir habe einpacken lassen, komm, freust du dich?"

Und sie nannte ihr eine ganze Menge von Dingen, Kleider und Schürzen, Tücher und Nähsachen, "und sieh hier, Heidi", und Klara hob triumphierend einen Korb in die Höhe. Heidi guckte hinein und sprang hoch auf vor Freude, denn drinnen lagen wohl zwölf schöne, weiße, runde Brötchen, alle für die Großmutter. Die Kinder vergaßen in ihrem Jubel ganz, dass nun der Augenblick kam, in dem sie sich trennen mussten, und als mit einem Mal der Ruf erschallte: "Der Wagen ist bereit!" - da war keine Zeit mehr zum Traurigwerden. Heidi lief in ihr Zimmer, da musste noch das schönes Buch von der Großmama liegen, niemand konnte es eingepackt haben, denn es lag unter dem Kopfkissen, weil sich Heidi Tag und Nacht nicht davon trennen konnte. Das wurde in den Korb auf die Brötchen gelegt. Dann machte Heidi ihren Schrank auf; noch suchte sie nach etwas wichtigem, das man vielleicht auch nicht eingepackt hatte. Richtig - auch das alte rote Tuch lag noch da, Fräulein Rottenmeier hatte es zu gering erachtet, um mit eingepackt zu werden. Heidi wickelte es um einen anderen Gegenstand und legte es zuoberst auf den Korb, so dass das rote Paket gut zu sehen war. Dann setzte sie ihr schönes Hütchen auf und verließ sein Zimmer.

Die beiden Kinder mussten sich schnell Lebewohl sagen, denn Herr Sesemann stand schon da, um Heidi zu dem Wagen zu bringen. Fräulein Rottenmeier stand oben an der Treppe, um hier Heidi zu verabschieden. Als sie das seltsame rote Bündelchen erblickte, nahm sie es schnell aus dem Korb heraus und warf es auf den Boden.

"Nein, Adelheid", sagte sie tadelnd, "so kannst du nicht von diesem Hause aus abreisen; solches Zeug brauchst du überhaupt nicht mitzuschleppen. Nun lebe wohl."

Auf dieses Verbot hin durfte Heidi sein Bündelchen nicht wieder aufnehmen, aber sie schaute mit einem flehentlichen Blick zu dem Hausherrn auf, so, als wollte man ihm seinen größten Schatz nehmen.

"Nein, nein", sagte Herr Sesemann in sehr bestimmtem Tone, "das Kind soll mitnehmen, was ihm Freude macht, und sollte es auch junge Katzen oder Schildkröten mit fortschleppen, so wollen wir uns darüber nicht aufregen, Fräulein Rottenmeier."

Heidi hob eilig ihr Bündelchen wieder vom Boden auf, und Dank und Freude leuchteten aus den Augen. Unten am Wagen reichte Herr Sesemann dem Kinde die Hand und sagte ihm mit freundlichen Worten, , er und seine Tochter Klara würden immer an Heidi denken; er wünschte ihr alles Gute auf den Weg, und Heidi dankte recht schön für alles Gute, das sie erfahren hatte, und zum Schluss sagte Heidi: "Und den Herrn Doktor lasse ich tausendmal grüßen und ihm auch vielmals danken." Denn Heidi hatte sich wohl gemerkt, wie er gestern Abend gesagt hatte: "Und morgen wird alles gut." Nun war es so gekommen, und Heidi dachte, er habe dazu geholfen.

Jetzt wurde das Kind in den Wagen gehoben und der Korb und die Provianttasche und der Sebastian kamen nach. Herr Sesemann rief noch einmal freundlich: "Glückliche Reise!", und der Wagen rollte davon.

Bald darauf saß Heidi in der Eisenbahn und hielt unbeweglich ihren Korb auf dem Schoße fest, denn sie wollte ihn nicht einen Augenblick aus den Händen lassen, die kostbaren Brötchen für die Großmutter waren ja darin, die musste Heidi sorgfältig hüten und von Zeit zu Zeit einmal wieder ansehen und sich darüber freuen. Heidi saß mäuschenstille während mehrerer Stunden, denn erst jetzt kam es ihr recht zu Bewusstsein, dass sie auf dem Wege heim zum Großvater sei, auf die Alm, zur Großmutter, zum Geißenpeter, und nun dachte sie an alles, was sie wieder sehen würde und wie daheim alles aussehen würde, und dabei kamen ihr wieder neue Gedanken auf einmal sagte Heidi ängstlich: "Sebastian, ist es auch sicher, dass die Großmutter auf der Alm nicht gestorben ist?"

"Nein, nein", beruhigte dieser, "wir wollen es nicht hoffen, sie wird schon noch am Leben sein."

Dann versank Heidi wieder in ihre Gedanken; nur hier und da guckte sie einmal in ihren Korb hinein, denn der Großmutter alle die Brötchen auf den Tisch zu legen, war ihr Hauptgedanke. Nach längerer Zeit sagte sie wieder: "Sebastian, wenn man nur auch ganz sicher wissen könnte, dass die Großmutter noch am Leben ist."

"Jawohl! Jawohl!", entgegnete der Begleiter halb schlafend; "Wird schon noch leben, wüsste auch gar nicht, warum nicht."

Nach einiger Zeit fielen auch Heidis Augen zu, und nach der vergangenen unruhigen Nacht und dem frühen Aufstehen war Heidi so müde, dass sie erst wieder erwachte, als Sebastian sie tüchtig am Arm schüttelte und ihr zurief: "Erwachen! Erwachen! Gleich müssen wir aussteigen, wir sind in Basel angekommen!"

Am folgenden Morgen ging's weiter, viele Stunden lang. Heidi saß wieder mit ihrem Korb auf dem Schoß, den sie um keinen Preis dem Sebastian übergeben wollte; aber heute sagte Heidi gar nichts mehr, denn nun wurde mit jeder Stunde die Erwartung größer. Dann auf einmal, als Heidi gar nicht daran dachte, ertönte laut der Ruf: "Maienfeld!" Sie sprang von ihrem Sitz auf, und dasselbe tat Sebastian, der auch überrascht worden war. Jetzt standen sie draußen, der Koffer mit ihnen, und der Bahnzug pfiff weiter ins Tal hinein. Sebastian sah ihm wehmütig nach, denn er wäre viel lieber so sicher und ohne Mühe weitergereist, als dass er nun eine Fußmarsch unternehmen sollte, der dazu noch mit einer Bergbesteigung enden musste, die sehr beschwerlich und dazu gefahrvoll sein konnte in diesem Lande, wo doch alles noch halb wild war, wie Sebastian annahm. Er schaute daher sehr vorsichtig um sich, wen er nach dem sichersten Weg ins ›Dörfli‹ fragen könnte. Unweit des kleinen Stationsgebäudes stand ein kleiner Leiterwagen mit einem mageren Rösslein davor; auf diesen wurden von einem breitschultrigen Manne ein paar große Säcke aufgeladen, die mit der Bahn hergebracht worden waren. Sebastian trat zu ihm heran und brachte seine Frage nach dem sichersten Weg zum Dörfli vor.

"Hier sind alle Wege sicher", war die kurze Antwort.

Jetzt fragte Sebastian nach dem besten Wege, auf dem man gehen könne, ohne in die Abgründe zu stürzen, und auch wie man einen Koffer nach dem betreffenden Dörfli befördern könnte. Der Mann schaute nach dem Koffer hin und maß ihn ein wenig mit den Augen; dann erklärte er, wenn das Ding nicht zu schwer sei, so wolle er es auf seinen Wagen nehmen, da er selbst ins Dörfli fahre, und so gab ein Wort das andere, und schließlich kamen die beiden überein, der Mann solle Kind und Koffer mit auf seinen Wagen nehmen, und nachher vom Dörfli aus könne das Kind am Abend mit irgendjemand auf die Alm geschickt werden.

"Ich kann allein gehen, ich weiß schon den Weg vom Dörfli auf die Alm", sagte hier Heidi, die mit Aufmerksamkeit der Verhandlung zugehört hatte. Dem Sebastian fiel eine schwere Last vom Herzen, als er sich so auf einmal seiner Aussicht auf das Bergklettern entledigt sah. Er winkte nun Heidi geheimnisvoll auf die Seite und überreichte ihr eine schwere Rolle und einen Brief an den Großvater und erklärte Heidi, die Rolle sei ein Geschenk von Herrn Sesemann, die müsse aber zuunterst in den Korb gesteckt werden, noch unter die Brötchen, und darauf müsse genau Acht gegeben werden, dass sie nicht verloren gehe, denn darüber würde Herr Sesemann ganz fürchterlich böse und sein Leben lang nie mehr gut werden; das sollte das Mamsellchen nur ja bedenken.

"Ich verliere sie schon nicht", sagte Heidi zuversichtlich und steckte die Rolle samt dem Brief zu aller unterst in den Korb hinein. Nun wurde der Koffer aufgeladen, und danach hob Sebastian Heidi samt ihrem Korb auf den hohen Sitz empor, reichte ihr seine Hand hinauf zum Abschied und ermahnte sie noch einmal mit allerlei Zeichen, auf den Inhalt des Korbes ein Auge zu haben; denn der Führer war noch in der Nähe, und Sebastian war vorsichtig, besonders jetzt, da er wusste, er hätte eigentlich selbst das Kind an Ort und Stelle bringen sollen. Der Führer schwang sich jetzt neben Heidi auf den Sitz hinauf, und der Wagen rollte den Bergen zu, während Sebastian, froh über seine Befreiung von der gefürchteten Bergreise, sich am Stationshäuschen niedersetzte, um den zurückgehenden Bahnzug abzuwarten.

Der Mann auf dem Wagen war der Bäcker vom Dörfli, welcher seine Mehlsäcke nach Hause fuhr. Er hatte Heidi nie gesehen, aber wie jedermann im Dörfli wusste er von dem Kinde, das man dem Alm-Öhi gebracht hatte; auch hatte er Heidis Eltern gekannt und sich gleich gedacht, dass er es hier mit dem Kinde zu tun habe, über das so viel erzählt wurde . Es wunderte ihn nun ein wenig, warum das Kind schon wieder heimkomme und während der Fahrt fing er nun mit Heidi ein Gespräch an: "Du wirst das Kind sein, das oben beim Alm-Öhi war, beim Großvater?"

"Ja."

"So ist es dir schlecht gegangen, dass du schon wieder von so weit her heimkommst?"

"Nein, das ist es mir nicht; kein Mensch kann es so gut haben, wie man es in Frankfurt hat."

"Warum kommst du denn dann heim?"

"Nur weil es mir der Herr Sesemann erlaubt hat, sonst wäre ich nicht heimgekommen."

"Pah, warum bist du denn aber nicht lieber dort geblieben, wenn man dir es erlaubt hat, heimzugehen?"

"Weil ich tausendmal lieber heim will zum Großvater auf die Alm als sonst alles auf der Welt."

"Denkst vielleicht anders, wenn du hinaufkommst", brummte der Bäcker; " wundert mich aber doch ", sagte er dann zu sich selbst, "es kann wissen, wie's ist."

Nun fing er an zu pfeifen und sagte nichts mehr, und Heidi schaute um sich und fing an innerlich zu zittern vor Erregung, denn sie erkannte die Bäume am Wege, und drüben standen die hohen Zacken des Falknis-Berges und schauten zu ihr herüber, so als grüßten sie Heidi wie gute alte Freunde; und Heidi grüßte wieder, und mit jedem Schritt vorwärts wurde Heidis Erwartung gespannter, und sie meinte, sie müsse vom Wagen herunter springen und aus allen Kräften laufen, bis sie ganz oben wäre. Aber sie blieb doch still sitzen und rührte sich nicht, aber alles zitterte an ihr. Jetzt fuhren sie im Dörfli ein, eben schlug die Glocke fünf Uhr. Augenblicklich sammelte sich eine Gesellschaft von Kindern und Frauen um den Wagen herum, und ein paar Nachbarn traten auch noch herzu, denn der Koffer und das Kind auf des Bäckers Wagen hatten die Aufmerksamkeit aller Umwohnenden auf sich gezogen, und jeder wollte wissen, woher und wohin und wem beide zugehörten. Als der Bäcker Heidi heruntergehoben hatte, sagte sie eilig: "Danke, der Großvater holt dann schon den Koffer", und wollte davonrennen. Aber von allen Seiten wurde Heidifestgehalten, und eine Menge von Stimmen fragten alle auf einmal, jede etwas Eigenes. Heidi drängte sich mit einer solchen Angst auf dem Gesichte durch die Leute, dass man ihr unwillkürlich Platz machte und sie laufen ließ, und einer sagte zum anderen: "Du siehst ja, wie sie sich fürchtet, sie hat auch allen Grund." Und dann fingen sie noch an, sich zu erzählen, wie der Alm-Öhi seit einem Jahr noch viel ärger geworden sei als vorher und mit keinem Menschen mehr ein Wort rede und ein Gesicht mache, als wolle er am liebsten jeden umbringen, der ihm in den Weg komme. Wenn das Kind wüsste wohin auf der ganzen Welt, so liefe es nicht in das alte Drachennest hinauf. Aber hier fiel der Bäcker in das Gespräch ein und sagte, er werde wohl mehr wissen als sie alle, und er erzählte dann sehr geheimnisvoll, wie ein Herr das Kind bis nach Maienfeld gebracht und es ganz freundlich entlassen habe. Und er habe auch gleich ohne zu handeln ihm den geforderten Fahrpreis und dazu noch ein Trinkgeld gegeben und überhaupt könne er sicher sagen, dass es dem Kind wohl gut gegangen sei, wo es war, es selbst habe gewünscht, zum Großvater zurückzugehen. Diese Nachricht brachte eine große Verwunderung hervor und wurde nun gleich im ganzen Dörfli so verbreitet, dass es noch am gleichen Abend kein Haus gab, in dem man nicht davon redete, dass Heidi aus allem Wohlstand zum Großvater zurück gewollt habe.

Heidi lief vom Dörfli bergauf, so schnell sie nur konnte; von Zeit zu Zeit musste sie aber plötzlich stehen bleiben, denn sie bekam kaum noch Luft; der Korb am Arm war doch ziemlich schwer, und dazu ging es nun immer steiler, je höher hinauf es ging. Heidi hatte nur noch einen Gedanken: "Wird auch die Großmutter noch auf ihrem Plätzchen am Spinnrad in der Ecke sitzen, ist sie auch nicht gestorben unterdessen?" Jetzt erblickte Heidi die Hütte oben in der Vertiefung an der Alm, ihr Herz fing an zu klopfen, Heidi rannte noch mehr, immer mehr und immer lauter schlug ihr Herz. Jetzt war sie oben - vor Zittern konnte sie fast die Tür nicht aufmachen - doch jetzt - Heidi sprang hinein bis mitten in die kleine Stube und stand da, völlig außer Atem, und brachte keinen Ton hervor.

"Ach du mein Gott", tönte es aus der Ecke hervor, "so sprang unsere Heidi herein, ach, wenn ich sie noch ein Mal im Leben bei mir haben könnte! Wer ist hereingekommen?"

"Da bin ich ja, Großmutter, da bin ich ja", rief Heidi jetzt und stürzte zu der Ecke und gleich auf ihre Knie zu der Großmutter heran, fasste ihren Arm und ihre Hände und legte sich an sie und konnte vor Freude gar nichts mehr sagen. Erst war die Großmutter so überrascht, dass auch sie kein Wort hervorbringen konnte; dann fuhr sie mit der Hand streichelnd über Heidis Kraushaare hin, und nun sagte sie ein über das andere Mal: "Ja, ja, das sind ihre Haare und es ist ja ihre Stimme, ach du lieber Gott, dass du mich das noch erleben lässt!" Und aus den blinden Augen fielen ein paar große Freudentränen auf Heidis Hand nieder. "Bist du's auch, Heidi, bist du auch sicher wieder da?"

"Ja, ja, sicher, Großmutter", rief Heidi nun mit aller Zuversicht, "weine nur nicht, ich bin ganz gewiss wieder da und komme alle Tage zu dir und gehe nie wieder fort, und du musst auch viele Tage lang kein hartes Brot mehr essen, siehst du, Großmutter, siehst du?"

Und Heidi packte nun aus ihrem Korb ein Brötchen nach dem andern aus, bis sie alle zwölf auf dem Schoß der Großmutter aufgehäuft hatte.

"Ach Kind! Ach Kind! Was bringst du denn für einen Segen mit!", rief die Großmutter aus, als es nicht enden wollte mit den Brötchen und immer noch eines folgte. "Aber der größte Segen bist du mir doch selber, Kind!" Dann griff sie wieder in Heidis krause Haare und strich über ihre heißen Wangen und sagte wieder: "Sag noch ein Wort, Kind, sag noch etwas, dass ich dich hören kann."

Heidi erzählte nun der Großmutter, welche große Angst sie ausgestanden habe, weil sie Angst gehabt habe, die Großmutter sei vielleicht gestorben unterdessen und habe nun gar nicht die weißen Brötchen bekommen, und sie könne nie, nie mehr zu ihr gehen.

Jetzt trat Peters Mutter herein und blieb einen Augenblick unbeweglich stehen vor Erstaunen. Dann rief sie: "Sicher, es ist die Heidi, wie kann das nur sein!"

Heidi stand auf und gab ihr die Hand, und die Brigitte konnte sich gar nicht genug verwundern darüber, wie Heidi aussehe, und ging um das Kind herum und sagte: "Großmutter, wenn du doch nur sehen könntest, was für ein schönes Röckchen Heidi hat und wie sie aussieht; man kennt sie fast nicht mehr. Und das Federhütchen auf dem Tisch gehört dir auch noch? Setz es doch einmal auf, so kann ich sehen, wie du drin aussiehst."

"Nein, ich will nicht", erklärte Heidi, "du kannst es haben, ich brauche es nicht mehr, ich habe schon noch mein eigenes." Damit machte Heidi ihr rotes Bündelchen auf und nahm ihr altes Hütchen daraus hervor, das auf der Reise zu den Knicken, die es schon vorher hatte, noch einige hinzubekommen hatte. Aber das kümmerte Heidi wenig; sie hatte ja nicht vergessen, wie der Großvater beim Abschied nachgerufen hatte, in einem Federhut wolle er sie niemals sehen; darum hatte Heidi ihr Hütchen so sorgfältig aufgehoben, denn sie dachte ja immer ans Heimgehen zum Großvater. Aber die Brigitte sagte, so einfältig müsse sie nicht sein, es sei ja ein prächtiges Hütchen, das nehme sie nicht; man könnte es ja vielleicht der kleinen Tochter vom Lehrer im Dörfli verkaufen und noch viel Geld bekommen, wenn sie selbst das Hütchen nicht tragen wolle. Aber Heidi blieb bei ihrem Vorhaben und legte das Hütchen leise hinter die Großmutter in die Ecke, wo es ganz verborgen war. Dann zog Heidi auf einmal ihr schönes Röckchen aus, und über das Unterröckchen, in dem sie nun mit bloßen Armen dastand, band sie das rote Halstuch, und nun fasste sie die Hand der Großmutter und sagte: "Jetzt muss ich heim zum Großvater, aber morgen komm ich wieder zu dir; gute Nacht, Großmutter."

"Ja, komm auch wieder, Heidi, komm auch morgen wieder", bat die Großmutter und drückte Heidis Hand zwischen den ihrigen und konnte das Kind fast nicht loslassen.

"Warum hast du denn dein schönes Röckchen ausgezogen?", fragte die Brigitte.

"Weil ich lieber so zum Großvater will, sonst kennt er mich vielleicht nicht mehr, du hast mich ja auch fast nicht gekannt darin."

Die Brigitte ging noch mit Heidi vor die Tür hinaus, und hier sagte sie ein wenig geheimnisvoll zu ihr: "Den Rock hättest du schon anbehalten können, er hätte dich doch gekannt; aber sonst musst du dich in Acht nehmen; der Peterli sagt, der Alm-Öhi sei jetzt immer böse und rede kein Wort mehr."

Heidi sagte ›gute Nacht‹ und stieg die Alm hinauf mit ihrem Korb am Arm. Die Abendsonne leuchtete ringsum auf die grüne Alm, und jetzt war auch drüben das große Schneefeld an der Schesaplana sichtbar geworden und strahlte herüber. Heidi musste alle paar Schritte wieder stehen bleiben und sich umdrehen, denn die hohen Berge hatte sie im Rücken beim Hinaufsteigen. Jetzt fiel ein roter Schimmer vor ihren Füßen auf das Gras, sie drehte sich um-- die Felshörner am Falknis flammten zum Himmel auf, das weite Schneefeld glühte und rosenrote Wolken zogen darüber hin; das Gras rings auf der Alm war golden, von allen Felsen flimmerte und leuchtete es nieder und unten schwamm weithin das ganze Tal in Duft und Gold; so hatte Heidi die Herrlichkeit nicht mehr im Sinn gehabt und auch nie so im Traum gesehen. Heidi stand mitten in der Herrlichkeit, und vor Freude und Wonne liefen ihr die hellen Tränen die Wangen herunter, und sie musste die Hände falten und in den Himmel hinaufschauen und ganz laut dem lieben Gott danken, dass er sie wieder heimgebracht hatte und dass alles, alles noch so schön war und noch viel schöner, als sie es in Erinnerung gehabt hatte, und dass alles wieder ihr gehörte; und Heidi war so glücklich und so reich in all der großen Herrlichkeit, dass sie gar nicht genug Worte fand, dem lieben Gott genügend zu danken. Erst als das Licht ringsum verglühte, konnte Heidi wieder von der Stelle weg; nun rannte sie aber so den Berg hinauf, dass es gar nicht lange dauerte, so erblickte sie oben die Tannenwipfel über dem Dache und jetzt das Dach und die ganze Hütte; und auf der Bank an der Hütte saß der Großvater und rauchte sein Pfeifchen, und über die Hütte her wogten die alten Tannenwipfel und raschelten im Abendwind. Jetzt rannte Heidi noch mehr, und bevor der Alm-Öhi nur recht sehen konnte, was da herankam, stürzte das Kind schon auf ihn hin, warf seinen Korb auf den Boden und umklammerte den Alten, und vor Aufregung des Wiedersehens konnte es nichts sagen, als nur immer ausrufen: "Großvater! Großvater! Großvater!"

Der Großvater sagte auch nichts. Seit vielen Jahren waren ihm zum ersten mal wieder die Augen nass geworden, und er musste mit der Hand darüber fahren. Dann löste er Heidis Arme von seinem Hals, setzte das Kind auf seine Knie und betrachtete es einen Augenblick. "So, bist du wieder heimgekommen, Heidi", sagte er dann; "wie ist das? Besonders herausgeputzt siehst du nicht aus, haben sie dich fortgeschickt?"

"O nein, Großvater", fing Heidi nun mit Eifer an, "das musst du nicht glauben, sie waren alle so gut, die Klara und die Großmama und der Herr Sesemann; aber siehst du, Großvater, ich konnte es fast gar nicht mehr aushalten, bis ich wieder bei dir daheim sein könnte, und ich habe manchmal gemeint, ich müsste ersticken, so hat es mich gewürgt; aber ich habe gewiss nichts gesagt, weil es undankbar gewesen wäre. Aber dann auf einmal an einem Morgen rief mich der Herr Sesemann ganz früh - aber ich glaube, der Herr Doktor war schuld daran - aber es steht vielleicht alles in dem Brief" - damit sprang Heidi auf den Boden und holte den Brief und die Rolle aus dem Korb herbei und legte beide in die Hand des Großvaters.

"Das gehört dir", sagte dieser und legte die Rolle neben sich auf die Bank. Dann nahm er den Brief und las ihn durch: Ohne ein Wort zu sagen, steckte er dann das Blatt in die Tasche.

"Meinst, du könntest auch noch Milch trinken mit mir, Heidi?", fragte er nun, indem er das Kind bei der Hand nahm, um in die Hütte einzutreten. "Aber nimm dort dein Geld mit dir, da kannst du ein ganzes Bett für kaufen und Kleider für ein paar Jahre."

"Ich brauch es gewiss nicht, Großvater", versicherte Heidi; "ein Bett hab ich schon, und Kleider hat mir Klara so viele eingepackt, dass ich gewiss nie mehr andere brauche."

"Nimm's, nimm's, und leg es in den Schrank, du wirst es schon einmal brauchen können."

Heidi gehorchte und hüpfte nun dem Großvater nach in die Hütte hinein, wo sie vor Freude über das Wiedersehen in alle Ecken sprang und die Leiter hinauf - aber da stand sie plötzlich still und rief in Betroffenheit von oben herunter: "Oh, Großvater, ich habe kein Bett mehr!"

"Kommt schon wieder", klang es von unten herauf, "wusste ja nicht, dass du wieder heimkommst; jetzt komm zur Milch!"

Heidi kam herunter und setzte sich auf ihren hohen Stuhl am alten Platze, und nun erfasste sie ihr Schüsselchen und trank mit einer Begierde, als habe sie noch nie etwas so Köstliches zu trinken gekommen, und als sie mit einem tiefen Atemzug das Schüsselchen hinstellte, sagte Heidi "So gut wie unsere Milch ist doch gar nichts auf der Welt, Großvater."

Jetzt ertönte draußen ein schriller Pfiff; wie der Blitz schoss Heidi zur Tür hinaus. Da kam die ganze Schar der Ziegen hüpfend, springend, Sätze machend von der Höhe herunter, mittendrin der Peter. Als er Heidi sah, blieb er wie angewurzelt auf der Stelle stehen und starrte sie sprachlos an. Heidi rief: "Guten Abend, Peter!", und rannte mitten in die Ziegen hinein: "Schwänli! Bärli! Kennt ihr mich noch?", und die Zicklein mussten ihre Stimme gleich erkannt haben, denn sie rieben ihre Köpfe an Heidi und fingen an leidenschaftlich zu meckern vor Freude, und Heidi rief alle nacheinander beim Namen, und alle rannten wie wild durcheinander und drängten sich zu ihr heran; der ungeduldige Distelfink sprang hoch auf und über zwei Ziegen weg, um gleich in die Nähe zu kommen, und sogar das schüchterne Schneehöppli drängte mit einem ziemlich eigensinnigen Bohren den großen Türk auf die Seite, der nun ganz verwundert über die Frechheit dastand und seinen Bart in die Luft hob, um zu zeigen, dass er es sei.

Heidi war außer sich vor Freude, alle die alten Gefährten wieder zu haben; sie umarmte das kleine, zärtliche Schneehöppli wieder und wieder und streichelte den stürmischen Distelfink und wurde vor großer Liebe und Zutraulichkeit der Ziegen hin und her gedrängt und geschoben, bis sie nun ganz in Peters Nähe kam, der noch immer auf demselben Platze stand.

"Komm herunter, Peter, und sag mir einmal guten Abend!", rief ihm Heidi jetzt zu.

"Bist denn wieder da?", brachte er nun endlich in seinem Erstaunen heraus, und nun kam er herzu und nahm Heidis Hand, die diese ihm schon lange hingehalten hatte, und nun fragte er, so wie er immer getan hatte bei der Heimkehr am Abend: "Kommst morgen wieder mit?"

"Nein, morgen nicht, aber übermorgen vielleicht, denn morgen muss ich zur Großmutter."

"Es ist recht, dass du wieder da bist", sagte der Peter und verzog sein Gesicht auf alle Seiten vor ungeheurem Vergnügen, dann schickte er sich an nach Hause zu gehen; aber heute wurde es ihm so schwer wie noch nie mit seinen Ziegen, denn als er sie endlich mit Locken und Drohen so weit gebracht hatte, dass sie sich um ihn sammelten, und Heidi, den einen Arm um Schwänlis und den andern um Bärlis Kopf gelegt, davonspazierte, da kehrten mit einem Male alle wieder um und liefen den dreien nach. Heidi musste mit ihren zwei Ziegen in den Stall eintreten und die Tür zumachen, sonst wäre der Peter niemals mit seiner Herde fort gekommen. Als das Kind dann in die Hütte zurückkam, da sah es sein Bett schon wieder aufgerichtet, prächtig hoch und duftend, denn das Heu war noch nicht lange hereingeholt, und darüber hatte der Großvater ganz sorgfältig die sauberen Leintücher gebreitet. Heidi legte sich mit großer Lust hinein und schlief so herrlich, wie sie ein ganzes Jahr lang nicht geschlafen hatte. Während der Nacht verließ der Großvater wohl zehnmal sein Lager und stieg die Leiter hinauf und lauschte sorgsam, ob Heidi auch schlafe und nicht unruhig werde, und schaute am Loch nach, wo sonst der Mond hereinkam auf Heidis Lager, ob auch das Heu noch fest drinnen sitze, das er hineingestopft hatte, denn von nun an durfte der Mondschein nicht mehr hereinkommen. Aber Heidi schlief in einem Zuge fort und wanderte keinen Schritt herum, denn ihr großes, brennendes Verlangen war gestillt worden: sie hatte alle Berge und Felsen wieder im Abendglühen gesehen, sie hatte die Tannen rauschen gehört, sie war wieder daheim auf der Alm.

Am Sonntag, wenn's läutet

Heidi stand unter den wogenden Tannen und wartete auf den Großvater, der mitgehen und den Koffer vom Dörfli heraufholen wollte, während sie selbst bei der Großmutter wäre. Das Kind konnte es fast nicht erwarten, die Großmutter wieder zu sehen und zu hören, wie ihr die Brötchen geschmeckt hätten. aber die Wartezeit wurde Heidi nicht langweilig, weil sie nicht genug bekommen konnte von den heimatlichen Tönen, von dem Tannenrauschen über ihr und sie genoss den Duft und das Leuchten der grünen Weiden und der goldenen Blumen darauf.

Jetzt trat der Großvater aus der Hütte, schaute noch einmal rings um sich und sagte dann mit zufriedenem Ton: "So, nun können wir gehen."

Denn es war Sonnabend heut, und an dem Tage machte der Alm-Öhi alles sauber und in Ordnung in der Hütte, im Stall und ringsherum; das war seine Gewohnheit, und heut hatte er den Morgen dazu genommen, um gleich nachmittags mit Heidi ausgehen zu können, und so sah nun alles ringsherum gut und zu seiner Zufriedenheit aus. Bei der Geißenpeter-Hütte trennten sie sich, und Heidi sprang hinein. Kaum hatte die Großmutter ihren Schritt gehört, rief sie ihr liebevoll entgegen: "Kommst du, Kind? Kommst du wieder?"

Dann erfasste sie Heidis Hand und hielt sie ganz fest, denn immer noch fürchtete sie, das Kind könnte ihr wieder entrissen werden. Und nun musste die Großmutter erzählen, wie die Brötchen geschmeckt hätten, und sie sagte, sie habe es sich so schmecken lassen, dass sie meine, sie sei heute so kräftig wie lang nicht mehr. Peters Mutter fügte hinzu, die Großmutter habe vor lauter Sorge, sie werde zu bald fertig damit, nur ein einziges Brötchen essen wollen, gestern und heut zusammen, und sie käme gewiss noch ziemlich zu Kräften, wenn sie so acht Tage lang hintereinander jeden Tage eines essen könnte. Heidi hörte der Brigitte mit Aufmerksamkeit zu und blieb jetzt noch eine Zeit lang nachdenklich. Nun hatte sie aber eine Lösung gefunden. "Ich weiß schon, was ich mache, Großmutter", sagte Heidi in freudigem Eifer; "ich schreibe der Klara einen Brief und dann schickt sie mir gewiss noch einmal so viel Brötchen, wie da sind, oder auch zweimal so viele, denn ich hatte schon einen großen Haufen dieser Brötchen im Schrank gesammelt; als man mir sie weggenommen hatte, sagte Klara, sie gebe mir genau so viele wieder, und das tut sie schon."

"Ach Gott", sagte die Brigitte, "das ist eine gute Meinung; aber denk, sie werden auch hart. Wenn man nur hier und da etwas Geld übrig hätte, der Bäcker unten im Dörfli macht auch solche, aber ich vermag kaum das schwarze Brot zu bezahlen."

Jetzt schoss ein heller Freudenstrahl über Heidis Gesicht: "Oh, ich habe furchtbar viel Geld, Großmutter", rief sie jubelnd aus und hüpfte vor Freude in die Höhe, "jetzt weiß ich, was ich damit mache! Alle, alle Tage musst du ein neues Brötchen haben und am Sonntage zwei, und der Peter kann sie heraufbringen vom Dörfli."

"Nein, nein, Kind!", wehrte die Großmutter; "das kann nicht sein, das Geld hast du nicht dazu bekommen, du musst es dem Großvater geben, er sagt dir dann schon, was du damit machen musst."

Aber Heidi ließ sich nicht stören in ihrer Freude, sie jauchzte und hüpfte in der Stube herum und rief ein übers andere Mal: "Jetzt kann die Großmutter jeden Tag ein Brötchen essen und wird wieder ganz kräftig, und - oh, Großmutter", rief sie mit neuem Jubel, "wenn du dann so gesund wirst, so wird es dir gewiss auch wieder hell, es ist vielleicht nur, weil du so schwach bist."

Die Großmutter schwieg still, sie wollte die Freude des Kindes nicht trüben. Bei ihrem Herumhüpfen fiel Heidi auf einmal das alte Liederbuch der Großmutter in die Augen, und es kam ihr ein neuer freudiger Gedanke: "Großmutter, jetzt kann ich auch ganz gut lesen; soll ich dir einmal ein Lied lesen aus deinem alten Buch?"

"O ja", bat die Großmutter freudig überrascht; "kannst du das auch wirklich, Kind, kannst du das?"

Heidi war auf einen Stuhl geklettert und hatte das Buch mit einer dicken Staubwolke heruntergezogen, denn es hatte lange unberührt da oben gelegen; nun wischte Heidi es sauber ab, setzte sich damit auf ihren Schemel zur Großmutter hin und fragte, was sie nun lesen solle.

"Was du willst, Kind, was du willst", und mit gespannter Erwartung saß die Großmutter da und hatte ihr Spinnrad ein wenig von sich geschoben.

Heidi blätterte und las leise hier und da eine Linie: "jetzt kommt etwas von der Sonne, das will ich dir lesen, Großmutter." Und Heidi begann und wurde selbst immer eifriger und immer wärmer, während sie las:

"Die güldne Sonne
Voll Freud und Wonne
Bringt unsern Grenzen
Mit ihrem Glänzen
Ein herzerquickendes, liebliches Licht.
Mein Haupt und Glieder
Die lagen darnieder;
Aber nun steh ich,
Bin munter und fröhlich,
Schaue den Himmel mit meinem Gesicht.
Mein Auge schauet,
Was Gott gebauet
Zu seinen Ehren,
Und uns zu lehren,
Wie sein Vermögen sei mächtig und groß.
Und wo die Frommen
Dann sollen hinkommen,
Wenn sie mit Frieden
Von hinnen geschieden
Aus dieser Erde vergänglichem Schoß.
Alles vergehet,
Gott aber stehet
Ohn alles Wanken,
Seine Gedanken,
Sein Wort und Wille hat ewigen Grund.
Sein Heil und Gnaden
Die nehmen nicht Schaden,
Heilen im Herzen,
Die tödlichen Schmerzen,
Halten uns zeitlich und ewig gesund.
Kreuz und Elende -
Das nimmt ein Ende,
Nach Meeresbrausen
Und Windessausen
Leuchtet der Sonne erwünschtes Gesicht.
Freude die Fülle
Und selige Stille
Darf ich erwarten
Im himmlischen Garten,
Dahin sind meine Gedanken gericht'."

Die Großmutter saß still da mit gefalteten Händen, und ein Ausdruck unbeschreiblicher Freude, so wie ihn Heidi nie an ihr gesehen hatte, lag auf ihrem Gesicht, obschon ihr die Tränen die Wangen herab liefen. Als Heidi schwieg, bat sie mit Verlangen: "Oh, noch einmal, Heidi, lass es mich noch einmal hören:

Kreuz und Elende
Das nimmt ein Ende"

Und das Kind fing noch einmal an und las in eigener Freude und Verlangen:

"Kreuz und Elende
Das nimmt ein Ende,
Nach Meeresbrausen
Und Windessausen
Leuchtet der Sonne erwünschtes Gesicht.
Freude die Fülle
Und selige Stille
Darf ich erwarten
Im himmlischen Garten,
Dahin sind meine Gedanken gericht'."

"O Heidi, das macht hell! Das macht so hell im Herzen! Oh, wie hast du mir gut getan, Heidi!"

Ein ums andere Mal sagte die Großmutter die Worte der Freude, und Heidi strahlte vor Glück und musste sie nur immer ansehen, denn so hatte Heidi die Großmutter nie gesehen. Sie hatte gar nicht mehr das alte trübselige Gesicht, sondern schaute so freudig und dankend auf, als sähe sie schon mit neuen, hellen Augen in den schönen himmlischen Garten hinein.

Jetzt klopfte es am Fenster, und Heidi sah den Großvater draußen, der ihr winkte, mit heimzukommen. Heidi folgte schnell, aber nicht ohne der Großmutter zu versichern, morgen komme sie wieder, und auch wenn sie mit Peter auf die Weide gehe, so komme sie doch im halben Tag zurück; denn dass Heidi der Großmutter wieder hell machen konnte und sie wieder fröhlich wurde, das war nun für Heidi das allergrößte Glück, das sie kannte, noch viel größer, als auf der sonnigen Weide und bei den Blumen und Ziegen zu sein. Die Brigitte lief Heidi zur Tür nach mit Rock und Hut, dass sie ihre Sachen mitnehme. Den Rock nahm sie auf den Arm, denn der Großvater kenne sie jetzt schon, dachte sie bei sich; aber den Hut wies Heidi hartnäckig zurück, die Brigitte sollte ihn nur behalten, sie selbst setze ihn nie, nie mehr auf den Kopf. Heidi war so erfüllt von ihren Erlebnissen, dass sie gleich dem Großvater alles erzählen musste, was ihr das Herz erfreute: dass man die weißen Brötchen auch unten im Dörfli für die Großmutter holen könne, wenn man nur Geld habe, und dass es der Großmutter auf einmal so hell und wohl geworden war, und wie Heidi das alles zu Ende geschildert hatte, kehrte sie wieder zum Ersten zurück und sagte ganz zuversichtlich: "Gelt, Großvater, wenn die Großmutter schon nicht will, so gibst du mir doch alles Geld in der Rolle, dass ich dem Peter jeden Tag ein Stück geben kann zu einem Brötchen und am Sonntag zwei?"

"Aber das Bett, Heidi?", sagte der Großvater; "ein rechtes Bett für dich wäre gut, und nachher bleibt schon noch für manches Brötchen."

Aber Heidi ließ dem Großvater keine Ruhe und bewies ihm, dass sie auf seinem Heubett viel besser schlafe, als sie jemals in ihrem Kissenbett in Frankfurt geschlafen habe, und bat so eindringlich und unablässig, dass der Großvater zuletzt sagte: "Das Geld ist dein, mach, was dich freut; du kannst der Großmutter manches Jahr lang Brot holen dafür."

Heidi jauchzte auf: "O juhe! Nun muss die Großmutter nie mehr hartes, schwarzes Brot essen, und, o Großvater! Nun ist doch alles so schön wie noch nie, seit wir leben!", und Heidi hüpfte hoch auf an der Hand des Großvaters und jauchzte in die Luft hinauf wie die fröhlichen Vögel des Himmels. Aber auf einmal wurde Heidi ganz ernsthaft und sagte: "Oh, wenn nun der liebe Gott gleich auf der Stelle getan hätte, was ich so stark erbeten habe, dann wäre doch alles nicht so geworden, ich wäre nur gleich wieder heimgekommen und hätte der Großmutter nur wenige Brötchen gebracht und hätte ihr nicht lesen können, was ihr so gut tut; aber der liebe Gott hatte schon alles ausgedacht, so viel schöner, als ich es wusste; die Großmama hat es mir gesagt, und nun ist alles so gekommen. Oh, wie bin ich froh, dass der liebe Gott nicht nachgab, als ich so bat und jammerte! Aber jetzt will ich immer so beten, wie die Großmama sagte, und dem lieben Gott immer danken, und wenn er etwas nicht tut, das ich erbitten will, dann will ich gleich denken: Es geht gewiss wieder wie in Frankfurt, der liebe Gott denkt gewiss etwas viel Besseres aus. Aber wir wollen auch alle Tage beten, gelt Großvater, und wir wollen es nie mehr vergessen, damit der liebe Gott uns auch nicht vergisst."

"Und wenn's jemand doch vergisst?", murmelte der Großvater.

"Oh, dem geht's nicht gut, denn der liebe Gott vergisst ihn dann auch und lässt ihn ganz laufen, und wenn es ihm einmal schlecht geht und er jammert, so hat kein Mensch Mitleid mit ihm, sondern alle sagen nur: Er ist ja zuerst vom lieben Gott weggelaufen, nun lässt ihn der liebe Gott auch gehen, der ihm helfen könnte."

"Das ist wahr, Heidi, woher weißt du das?"

"Von der Großmama, sie hat mir alles erklärt."

Der Großvater ging eine Weile schweigend weiter. Dann sagte er, seine Gedanken verfolgend, vor sich hin: "Und wenn's einmal so ist, dann ist es so; zurück kann keiner, und wen der Herrgott vergessen hat, den hat er vergessen."

"O nein, Großvater, zurück kann man, das weiß ich auch von der Großmama, und dann geht es so wie in der schönen Geschichte in meinem Buch, aber die weißt du nicht; jetzt sind wir aber gleich daheim, und dann wirst du schon erfahren, wie schön die Geschichte ist."

Heidi strebte in ihrem Eifer rascher und rascher die letzte Steigung hinauf, und kaum waren sie oben angekommen, als sie die Hand des Großvaters losließ und in die Hütte hineinrannte. Der Großvater nahm den Korb von seinem Rücken, in den er die Hälfte der Sachen aus dem Koffer hineingepackt hatte, denn den ganzen Koffer heraufzubringen wäre ihm zu schwer gewesen. Dann setzte er sich nachdenklich auf die Bank nieder. Heidi kam wieder herbei gerannt, ihr großes Buch unter dem Arm: "Oh, das ist recht, Großvater, dass du schon dasitzt", und mit einem Satz war Heidi an seiner Seite und hatte schon ihre Geschichte aufgeschlagen, denn die hatte Heidi schon so oft und immer wieder gelesen, dass das Buch von selbst an dieser Stelle aufging. Jetzt las Heidi mit großer Teilnahme von dem Sohne, der es gut hatte daheim, wo draußen auf des Vaters Feldern die schönen Kühe und Schäflein weideten und er in einem schönen Mantel, auf seinen Hirtenstab gestützt, bei ihnen auf der Weide stehen und dem Sonnenuntergang zusehen konnte, wie es alles auf dem Bilde zu sehen war. "Aber auf einmal wollte er sein Hab und Gut für sich haben und sein eigener Meister sein und forderte es dem Vater ab und lief fort damit und verprasste alles. Und als er gar nichts mehr hatte, musste er hingehen und Knecht sein bei einem Bauer, der hatte aber nicht so schöne Tiere, wie die, die auf seines Vaters Feldern waren, sondern nur Schweine; diese musste er hüten, und er hatte nur noch Fetzen auf sich und bekam nur von den Abfällen, welche die Schweineaßen, ein klein wenig. Da dachte er daran, wie er es daheim beim Vater gehabt und wie gut der Vater mit ihm gewesen war und wie undankbar er gegen den Vater gehandelt hatte, und er musste weinen vor Reue und Heimweh. Und er dachte: ›Ich will zu meinem Vater gehen und ihn um Verzeihung bitten und ihm sagen, ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen, aber lass mich nur dein Tagelöhner bei dir sein.‹ Und wie er von ferne zum Haus seines Vaters kam, da sah ihn der Vater und kam herausgelaufen - was meinst du jetzt, Großvater?", unterbrach sich Heidi in ihrem Vorlesen; "jetzt meinst du, der Vater sei noch böse und sage zu ihm: ›Ich habe es dir ja gesagt!‹? Jetzt hör nur, was kommt: Und sein Vater sah ihn und es jammerte ihn und lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn, und der Sohn sprach zu ihm: ›Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir und bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen.‹ Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: ›Bringt das beste Kleid her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an die Füße, und bringt das gemästete Kalb her und schlachtet es und lasst uns essen und fröhlich sein, denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden, und er war verloren und ist wieder gefunden worden.‹ Und sie fingen an, fröhlich zu sein."

"Ist denn das nicht eine schöne Geschichte, Großvater?", fragte Heidi, als dieser immer noch schweigend dasaß und sie doch erwartet hatte, er werde sich freuen und wundern.

"Doch, Heidi, die Geschichte ist schön", sagte der Großvater; aber sein Gesicht war so ernsthaft, dass Heidi ganz stille wurde und die Bilder ansah. Leise schob sie noch einmal ihr Buch vor den Großvater hin und sagte: "Sieh, wie es ihm gut geht", und zeigte mit ihrem Finger auf das Bild des Heimgekehrten, wie er im frischen Kleid neben dem Vater steht und wieder zu ihm gehört als sein Sohn.

Ein paar Stunden später, als Heidi längst im tiefen Schlafe lag, stieg der Großvater die kleine Leiter hinauf; er stellte sein Lämpchen neben Heidis Lager hin, so dass das Licht auf das schlafende Kind fiel. Es lag da mit gefalteten Händen, denn zu beten hatte Heidi nicht vergessen. Auf seinem rosigen Gesichtchen lag ein Ausdruck des Friedens und seligen Vertrauens, der zu dem Großvater reden musste, denn lange, lange stand er da und rührte sich nicht und wandte kein Auge von dem schlafenden Kinde ab. Jetzt faltete auch er die Hände, und halblaut sagte er mit gesenktem Haupte: "Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir und bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen!" Und ein paar große Tränen rollten dem Alten die Wangen herab. -

Wenige Stunden nachher in der ersten Frühe des Tages stand der Alm-Öhi vor seiner Hütte und schaute mit hellen Augen um sich. Der Sonntagmorgen flimmerte und leuchtete über Berg und Tal. Einzelne Frühglocken tönten aus den Tälern herauf, und oben in den Tannen sangen die Vögel ihre Morgenlieder.

Jetzt trat der Großvater in die Hütte zurück. "Komm, Heidi!", rief er auf den Boden hinauf. "Die Sonne ist da! Zieh ein gutes Röckchen an, wir wollen in die Kirche miteinander!"

Heidi brauchte nicht lange; das war ein ganz neuer Ruf vom Großvater, dem musste sie schnell folgen. In kurzer Zeit kam sie herunter gesprungen in ihrem schmucken Frankfurter Röckchen. Aber voller Erstaunen blieb Heidi vor ihrem Großvater stehen und schaute ihn an. "O Großvater, so hab ich dich nie gesehen", brach es endlich aus ihr heraus, "und den Rock mit den silbernen Knöpfen hast du noch gar nicht getragen, oh, du bist so schön in deinem schönen Sonntagsrock."

Der Alte blickte vergnüglich lächelnd auf das Kind und sagte: "Und du in dem deinen; jetzt komm!" Er nahm Heidis Hand in die seine, und so wanderten sie miteinander den Berg hinunter. Von allen Seiten tönten jetzt die hellen Glocken ihnen entgegen, immer voller und reicher, je weiter sie kamen, und Heidi lauschte mit Entzücken und sagte: "Hörst du's, Großvater? Es ist wie ein großes, großes Fest."

Unten im Dörfli waren schon alle Leute in der Kirche und fingen eben zu singen an, als der Großvater mit Heidi eintrat und sich ganz hinten auf der letzten Bank niedersetzte. Aber mitten im Singen stieß der zunächst Sitzende seinen Nachbar mit dem Ellenbogen an und sagte: "Hast du das gesehen? Der Alm-Öhi ist in der Kirche!"

Und der Angestoßene stieß den Zweiten an und so fort, und in kürzester Zeit flüsterte es an allen Ecken: "Der Alm-Öhi! Der Alm-Öhi!", und die Frauen mussten fast alle einen Augenblick den Kopf umdrehen, und die meisten fielen ein wenig aus der Melodie, so dass der Vorsänger die größte Mühe hatte, den Gesang schön aufrechtzuerhalten. Aber als dann der Herr Pfarrer anfing zu predigen, ging die Zerstreutheit ganz schnell vorüber, denn es war ein so warmes Loben und Danken in seinen Worten, dass alle Zuhörer davon ergriffen wurden, und es war, als sei ihnen allen eine große Freude widerfahren. Als der Gottesdienst zu Ende war, trat der Alm-Öhi mit dem Kinde an der Hand heraus und schritt dem Pfarrhaus zu, und alle, die mit ihm heraustraten und die schon draußen standen, schauten ihm nach; und die meisten gingen hinter ihm her, um zu sehen, ob er wirklich ins Pfarrhaus eintrete, was er tat. Dann sammelten sie sich in Gruppen zusammen und besprachen in großer Aufregung das Unerhörte, dass der Alm-Öhi in der Kirche erschienen war. Alle schauten mit Spannung nach der Pfarrhaustür, wie der Öhi wohl wieder herauskommen werde, ob in Zorn und Hader oder im Frieden mit dem Herrn Pfarrer, denn man wusste ja gar nicht, was den Alten heruntergebracht hatte und wie es eigentlich gemeint sei. Aber es war doch schon bei vielen eine neue Stimmung eingetreten, und einer sagte zum andern: "Es wird wohl mit dem Alm-Öhi nicht so böse sein, wie man tut; man muss ja nur sehen, wie sorglich er das Kleine an der Hand hält." Und der andere sagte: "Das hab ich ja immer gesagt, und zum Pfarrer hinein ginge er auch nicht, wenn er ein so schlechter Mensch wäre, sonst müsste er sich ja fürchten; man übertreibt auch viel." Und der Bäcker sagte: "Hab ich das nicht zuallererst gesagt? Seit wann läuft denn ein kleines Kind, das zu essen und zu trinken hat, was es will, und sonst alles Gute, aus alledem weg und heim zu einem Großvater, wenn der bös und wild ist und es sich zu fürchten hat vor ihm?" Und es kam eine ganz liebevolle Stimmung gegen den Alm-Öhi auf und nahm überhand, denn jetzt gesellten sich auch die Frauen das zu, und diese hatten so manches von der Geißenpeterin und der Großmutter gehört, das den Alm-Öhi ganz anders darstellte, als die allgemeine Meinung war, und das ihnen jetzt auf einmal glaubwürdig erschien, so dass es mehr und mehr so wurde, als warteten sie alle da, um einen alten Freund zu begrüßen, der ihnen lange gefehlt hatte.

Der Alm-Öhi war unterdessen an die Tür der Studierstube getreten und hatte angeklopft. Der Herr Pfarrer machte auf und trat dem Eintretenden entgegen, nicht überrascht, wie er wohl hätte sein können, sondern so, als habe er ihn erwartet; die ungewohnte Erscheinung in der Kirche war ihm nicht entgangen. Er ergriff die Hand des Alten und schüttelte sie wiederholt mit der größten Herzlichkeit, und der Alm-Öhi stand schweigend da und konnte erst kein Wort herausbringen, denn auf solchen herzlichen Empfang war er nicht vorbereitet. Jetzt fasste er sich und sagte: "Ich komme, um den Herrn Pfarrer zu bitten, dass er mir die Worte vergeben möchte, die ich auf der Alm zu ihm gesagt habe, und dass er mir nicht nachtragen wolle, wenn ich widerspenstig war gegen seinen wohlmeinenden Rat. Der Herr Pfarrer hat ja in allem Recht gehabt und ich war im Unrecht; aber ich will jetzt seinem Rate folgen und im Winter wieder eine Wohnung im Dörfli beziehen, denn die harte Jahreszeit ist nichts für das Kind dort oben, es ist zu zart; und wenn dann auch die Leute hier unten mich von der Seite ansehen, so wie einen, dem nicht zu trauen ist, so habe ich es nicht besser verdient, und der Herr Pfarrer wird es ja nicht tun."

Die freundlichen Augen des Pfarrers glänzten vor Freude. Er nahm noch einmal die Hand des Alten und drückte sie in der seinen und sagte mit Rührung: "Nachbar, du bist in der rechten Kirche gewesen, noch eh du in die meinige herunter gekommen bist; darüber freu ich mich, und dass du wieder zu uns kommen und mit uns leben willst, soll dir nicht Leid tun, bei mir sollst du als ein lieber Freund und Nachbar alle Zeit willkommen sein, und ich hoffe manches Winterabendstündchen fröhlich mit dir zu verbringen, denn deine Gesellschaft ist mir lieb und wert, und für das Kleine wollen wir auch gute Freunde finden." Und der Herr Pfarrer legte sehr freundlich seine Hand auf Heidis Krauskopf und nahm sie bei der Hand und führte sie hinaus, indem er den Großvater hinausbegleitete, und erst draußen vor der Haustür nahm er Abschied, und nun konnten alle die herumstehenden Leute sehen, wie der Herr Pfarrer dem Alm-Öhi die Hand immer noch einmal schüttelte, gerade als wäre das sein bester Freund, von dem er sich fast nicht trennen könnte. Kaum hatte sich dann die Tür hinter dem Herrn Pfarrer geschlossen, so drängte die ganze Versammlung dem Alm-Öhi entgegen, und jeder wollte der Erste sein, und so viele Hände wurden miteinander dem Herankommenden entgegengestreckt, dass er gar nicht wusste, welche zuerst ergreifen, und einer rief ihm zu: "Das freut mich! Das freut mich, Öhi, dass du auch wieder einmal zu uns kommt!", und ein anderer: "Ich hätte auch schon lang gern wieder einmal ein Wort mit dir geredet, Öhi!" Und so tönte und drängte es von allen Seiten, und als nun der Öhi auf alle die freundlichen Begrüßungen erwiderte, er beabsichtige, seine alte Wohnung im Dörfli wieder zu beziehen und den Winter mit den alten Bekannten zu verleben, da gab es erst einen rechten Lärm, und es war gerade so, als wenn der Alm-Öhi die beliebteste Persönlichkeit im ganzen Dörfli wäre, die jeder mit Nachteil entbehrt hatte. Noch weit an die Alm hinauf wurden Großvater und Kind von den meisten begleitet, und beim Abschied wollte jeder die Versicherung haben, dass der Alm-Öhi bald einmal bei ihm vorbeischaue, wenn er wieder herunterkomme; und wie nun die Leute den Berg hinab zurückkehrten, blieb der Alte stehen und schaute ihnen lange nach, und auf seinem Gesichte lag ein so warmes Licht, als schiene bei ihm die Sonne von innen heraus. Heidi schaute unverwandt zu ihm auf und sagte ganz erfreut: "Großvater, heut wirst du immer schöner, so warst du noch nie."

"Meinst du?", lächelte der Großvater. "Ja, und siehst du, Heidi, mir geht's heute auch über alle Maßen gut, und mit Gott und Menschen im Frieden stehen, das tut einem so gut! Der liebe Gott hat's gut mit mir gemeint, dass er dich auf die Alm schickte."

Bei der Geißenpeter-Hütte angekommen, machte der Großvater gleich die Tür auf und trat ein. "Grüß Gott, Großmutter", rief er hinein; "ich denke, wir müssen einmal wieder ans Flicken gehen, bevor der Herbstwind kommt."

"Du mein Gott, das ist der Öhi!", rief die Großmutter voll freudiger Überraschung aus. "Dass ich das noch erlebe! Dass ich dir noch einmal danken kann für alles was du für uns getan hast, Öhi! Vergelt's Gott! Vergelt's Gott!"

Und mit zitternder Freude streckte die alte Großmutter ihre Hand aus, und als der Angeredete sie herzlich schüttelte, fuhr sie fort, indem sie die seinige fest hielt: "Und eine Bitte hab ich auch noch auf dem Herzen, Öhi: Wenn ich dir je etwas zu leid getan habe, so strafe mich nicht damit, dass du noch einmal Heidi fortlässt, bevor ich unten bei der Kirche liege. Oh du weißt nicht, was mir das Kind bedeutet!", und sie hielt es fest an sich, denn Heidi hatte sich schon an sie geschmiegt.

"Keine Sorge, Großmutter", beruhigte der Öhi; "damit will ich weder dich noch mich strafen. Jetzt bleiben wir alle beieinander und, will's Gott, noch lange so."

Jetzt zog die Brigitte den Öhi ein wenig geheimnisvoll in eine Ecke hinein und zeigte ihm das schöne Federhütchen und erzählte ihm, wie es sich damit verhalte, und dass sie ja natürlich so etwas einem Kinde nicht abnehme.

Aber der Großvater sah mit Gefallen auf Heidi hin und sagte: "Der Hut gehört ihr, und wenn sie ihn nicht mehr auf den Kopf tun will, so hat sie Recht, und hat sie ihn dir gegeben, so nimm ihn nur."

Die Brigitte war sehr erfreut über das unerwartete Urteil. "Er ist gewiss mehr als zehn Franken wert, sieh nur!", und in ihrer Freude streckte sie das Hütchen hoch auf. "Was aber Heidi auch für einen Segen von Frankfurt mit heimgebracht hat! Ich habe schon manchmal denken müssen, ob ich nicht den Peterli auch ein wenig nach Frankfurt schicken solle; was meinst du, Öhi?"

Dem Öhi schoss es ganz lustig aus den Augen. Er meinte, es könnte dem Peterli nichts schaden; aber er würde doch eine gute Gelegenheit dazu abwarten.

Gerade da kam Peter zur Tür herein; er hatte es so eilig, dass er zuerst mit dem Kopf so fest gegen die Tür gestoßen war, dass drinnen alles klirrte. Atemlos und keuchend stand er nun mitten in der Stube still und streckte einen Brief aus. Das war aber auch ein Ereignis, das noch nie vorgekommen war, ein Brief mit einer Aufschrift an Heidi, den man ihm auf der Post im Dörfli übergeben hatte. Jetzt setzten sich alle voller Erwartung um den Tisch herum, und Heidi machte ihren Brief auf und las ihn laut und ohne Fehler vor. Der Brief war von Klara Sesemann geschrieben. Sie erzählte Heidi, dass es seit ihrer Abreise so langweilig geworden sei in ihrem Hause, sie es nicht lang hintereinander so aushalten könne und so lange den Vater gebeten habe, bis er die Reise nach Bad Ragaz schon auf den kommenden Herbst festgelegt habe, und die Großmama wolle auch mitkommen, denn sie wolle auch Heidi und den Großvater auf der Alm besuchen. Und weiter ließ die Großmama noch Heidi sagen, sie habe Recht getan, dass sie der alten Großmutter die Brötchen habe mitbringen wollen, und damit sie diese nicht trocken essen müsse, komme gleich der Kaffee noch dazu, er sei schon auf der Reise, und wenn sie selbst nach der Alm komme, so müsse Heidi sie auch zur Großmutter führen.

Da gab es nun eine solche Freude und Erstaunen über diese Nachrichten und so viel zu reden und zu fragen, da alle ganz aufgeregt waren, dass selbst der Großvater nicht bemerkte, wie spät es schon war, und so vergnügt und fröhlich waren sie alle in der Aussicht auf die kommenden Tage und fast noch mehr in der Freude über das Zusammensein an dem heutigen, dass die Großmutter zuletzt sagte: "Das Schönste ist doch, wenn so ein alter Freund kommt und uns wieder die Hand gibt, so wie vor langer Zeit; das gibt so ein tröstliches Gefühl ins Herz, dass wir einmal alles wieder finden, was uns lieb ist. Du kommst doch bald wieder, Öhi, und das Kind morgen schon?"

Das wurde der Großmutter in die Hand hinein versprochen; nun aber war es Zeit zum Aufbruch, und der Großvater wanderte mit Heidi die Alm hinauf, und wie am Morgen die hellen Glocken von nah und fern sie herunter gerufen hatten, so begleitete nun aus dem Tale herauf das friedliche Geläut der Abendglocken sie bis hinauf zur sonnigen Almhütte, die ganz sonntäglich im Abendschimmer ihnen entgegenglänzte.

Wenn aber die Großmama im Herbst kommt, dann gibt es gewiss noch manche neue Freude und Überraschung für Heidi wie für die Großmutter, und sicher kommt auch gleich ein richtiges Bett auf den Heuboden hinauf, denn wo die Großmama hinkommt, da kommen alle Dinge bald in die erwünschte Ordnung und Richtigkeit, nach außen wie nach innen.

Der Klassiker HEIDIS LEHR- UND WANDERJAHRE von Johanna Spyri (1827-1901) wurde von Andrea Weber-Tramp für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Jessie Willcox Smith (1863-1935) hergestellt.


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