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Pinocchio

von Carlo Collodi

Vorwort

Was habt ihr für ein Bild im Kopf, wenn ihr "Pinocchio" hört? Rote Kappe, grünes Jäckchen und lange Holznase, nicht wahr? Wie ihr, bin auch ich mit dem Pinocchio aus der Zeichentrickserie groß geworden.

In dem Roman von Carlo Collodi bestehen die Kappe aus ein paar alten Brotkrumen und das Jäckchen aus Papierresten. Ihr werdet vieles anders lesen, als ihr es aus dem Fernsehen kennt und doch dabei immer wieder auf gute alte Bekannte stoßen.

Was bleibt ist der Wandel Pinocchios von der frechen, vorlauten Holzpuppe zum braven, hilfsbereiten Menschenjungen.

Die Zeit, in der Carlo Collodi aufgewachsen ist, (1826-1890) kann man mit der heutigen nicht mehr vergleichen. Er wuchs als Kind armer Eltern mit elf weiteren Geschwistern auf und es war ihm wichtig, seinen jungen Lesern zu vermitteln, dass man es nur mit Fleiß und harter Arbeit im Leben zu etwas bringt.

Man mag diesen erhobenen Zeigefinger heute für übertrieben halten und ich muss gestehen, dass die eine oder andere Passage bei meiner Nacherzählung auch modernisiert wurde. Es ist aber vielleicht ganz interessant zu erfahren, dass Collodi selbst, der eigentlich Lorenzini hieß, zu Schulzeiten der größte Lausbub der ganzen Schule war. Er spielte Lehrern und Mitschülern gleichermaßen die ungeheuerlichsten Streiche. Erst als er sich einmal vor der ganzen Klasse bis auf die Knochen blamierte, änderte er sein Verhalten und fing an seine Mitmenschen respektvoll zu behandeln.

Moderne Kinderliteratur soll unterhaltend und spannend sein. Doch ich verspreche euch, "Pinocchios Abenteuer", so heißt das Buch, das im Original 1883 erschienen ist, hat eine Menge Spannung: Weil die Holzpuppe ein richtig fauler Bengel ist und lieber herumstreunt, als in die Schule zu gehen, macht er seinem Vater Geppetto großen Kummer. Er stürzt von einem haarsträubenden Abenteuer ins nächste, woran nicht zuletzt der Fuchs und der Kater einen gehörigen Teil Schuld tragen.

In der guten Fee findet er eine Mutter, die immer wieder versucht, Pinocchio auf den richtigen Weg zu bringen und er strengt sich mächtig an. Leider sind die Verlockungen des süßen Nichtstuns meist größer.

Wer schon einmal die Walt Disney Verfilmung gesehen hat, kann sich gewiss noch an die Grille erinnern. Diese Grille steht für das Gewissen. Für Pinocchios Gewissen. Im Roman versucht sie stets Pinocchio zu ermahnen, so wie auch wir mit unserem Gewissen hadern, wenn wir etwas tun, von dem wir wissen, dass es nicht in Ordnung ist.

Ich wünsche euch jetzt viel Spaß mit Pinocchio, Geppetto, dem Fuchs und dem Kater, aber lest selbst, wen ihr sonst noch wiederfindet…

Ein Holzscheit der sprechen kann

Es war einmal…

Ein Prinz? Ein Zauberer? Könnte man denken, oder? Aber nein, meine Geschichte beginnt ganz anders. Es war einmal ein Holzscheit.

Es war kein besonders edles Holz, sondern ein Stück Brennholz, wie man es benutzte, um in der kalten Jahreszeit den Ofen zu schüren, damit die Stube behaglich warm wurde.

Fragt mich nicht, wie es geschah, aber Tatsache ist, dass genau dieser Holzscheit eines Tages in der Tischlerwerkstatt von Meister Antonio landete. Wegen seiner Nasenspitze, die immer blaurot leuchtete, wie eine überreife Kirsche, nannten ihn alle Meister Kirsche.

In dem Moment, da Meister Kirsche dieses Stück Holz sah, wurde er ganz glücklich. Voller Freude rieb er sich die Hände und murmelte vor sich hin: "Dieses Holz kommt wie gerufen. Es gibt ein vortreffliches Tischbein."

Gesagt, getan. Er griff zu seinem scharfen Beil, mit dem er die Rinde abschälen wollte und das Holz glätten. Aber in dem Moment, als er ausholte um den ersten Schlag zu machen, erstarrte er plötzlich. Hörte er doch ein leises Stimmchen, da ihn anflehte: "Schlag mich nicht so fest!"

Könnt ihr euch vorstellen, was für ein Gesicht der Meister Kirsche da gemacht hat? Mit erschreckten Augen sah er sich im Zimmer um. Woher kam diese Stimme? Es war niemand da! Er schaute in den Schrank, der verschlossen war, wie immer. Er schaute in den Korb, in dem er die Hobelspäne sammelte; er öffnete sogar die Tür, um draußen nachzusehen. Niemand war da. Na, so was!

"Mir scheint", sagte er schließlich lachend und kratzte sich unter der Perücke, "ich werde langsam alt. Da war überhaupt kein Stimmchen. Ich habe es mir nur eingebildet."

Wieder nahm er sein Beil und schlug kräftig auf den Holzscheit.

"Au, du hast mir wehgetan", jammerte dasselbe dünne Stimmchen.

Meister Kirsche wurde vor Schreck ganz starr. Er stand mit offenem Mund da, die Zunge hing ihm fast bis ans Kinn herunter und er erinnerte im Augenblick an die Fratze eines Wasserspeiers bei einem Brunnen.

Als er endlich seine Sprache wieder gefunden hatte, stammelte er: "Wo um alles in der Welt kommt dieses Stimmchen her. Ich habe es genau gehört. Aber hier ist keine Menschenseele. Sollte etwa dieses Stück Holz gelernt haben, zu weinen und zu jammern? Das kann doch nicht sein. Es ist ein einfaches Stück Holz. Oder sollte sich darin etwa jemand verstecken? Dem werde ich's jetzt aber zeigen!"

Und mit diesen Worten packte er das arme Stück Holz mit beiden Händen und schmetterte es gegen die Wände seiner Werkstatt. Dann wartete er ab und horchte, ob das Stimmchen wieder anfangen würde zu jammern. Er wartete mehrere Minuten, aber nichts geschah.

"Ich muss mir dieses Stimmchen wahrhaftig nur eingebildet haben. Jetzt mache ich mich wieder an die Arbeit!"

Um sich Mut zu machen, begann er ein Liedchen zu trällern. Das Beil legte er zur Seite und griff nach dem Hobel, um das Holzstück glatt zu hobeln; während er so hin und herhobelte, hörte er wieder dieses Stimmchen, das lachend rief: "Hör bitte auf! Du kitzelst mich am ganzen Körper!"

Der arme Meister Kirsche fiel wie vom Blitz getroffen um. Als er wieder zu sich kam, bemerkte er, dass er auf dem Boden saß. Seine Nasenspitze, die sonst immer blaurot leuchtete, war vor lauter angst nur noch blau.

Da klopfte es an die Tür.

"Kommt herein", rief der Tischler, der sich noch immer auf der Erde befand.

Ein rüstiger alter Mann namens Geppetto trat ein. Wegen seiner Perücke, die maisgelb leuchtete, hatten ihm die Kinder im Dorf den Spitznamen Maispudding gegeben. Geppetto war oft sehr jähzornig, und wenn ihn jemand mit diesem Namen rief, geriet er so in Wut, dass er nicht mehr zu halten war.

"Guten Tag, Meister Antonio. Darf ich fragen, was sie auf dem Boden machen?"

"Ich versuche den Ameisen das kleine Einmaleins beizubringen", antwortete Meister Kirsche trocken.

"Da wünschen ich Ihnen viel Erfolg."

"Was führt euch zu mir, Freund Geppetto?"

"Meine Beine! Ihr müsst wissen, Meister Antonio, ich möchte euch um einen Gefallen bitten. Heute früh kam mir ein großartiger Einfall."

"Da bin ich aber gespannt."

"Ich habe mir überlegt, dass ich mir eine Puppe aus Holz schnitzen könnte. Es soll eine ganz besondere Marionette werden, die tanzen und fechten und richtige Purzelbäume vollführen kann. Mit ihr könnte ich dann durch die Welt reisen und mir durch Auftritte etwas zu Essen und Trinken verdienen. Was denkt ihr darüber?"

"Bravo, Maispudding!", rief das Stimmchen, das den guten Meister Antonio so aus der Fassung gebracht hatte.

Als Geppetto hörte, dass man ihn Maispudding nannte, wurde er vor Zorn so rot, wie eine Paprikaschote und schrie: "Was fällt euch ein, mich zu beleidigen?"

"Das war ich nicht", versicherte der Tischler.

"Wer soll es sonst gewesen sein. Natürlich wart ihr es."

"Nein!"

"Doch!"

Die beiden alten Männer erhitzten sich immer mehr. Aus Worten wurden Taten und sie packten sich an den Haaren, kratzen und bissen sich. Als der Kampf zu Ende war, hielt Meister Kirsche die maisgelbe Perücke von Geppetto in den Händen und Gepetto merkte, dass er die graumelierte Perücke des Tischlers im Mund hatte.

Sie gaben sie die falschen Haare zurück und schlossen Frieden. Dabei drückten sie sich die Hände und versprachen, ihr Leben lang gute Freunde zu bleiben.

"Nun, Freund Geppetto. Um was für einen Gefallen wolltet Ihr mich bitten?"

"Ich hätte gerne ein Stück Holz, um mir diese Marionette zu schnitzen. Gebt Ihr mir eins?"

Zufrieden ging Meister Kirsche zur Werkbank, um jenes Stück Holz zu holen, das der Grund für die ganze Aufregung gewesen war. Als er Geppetto das Holzscheit übergeben wollte, versetzte es ihm einen herben Schlag und sprang mit einem heftigen Ruck gegen das dürre Schienbein des armen Geppetto.

"Au, ist das eure spezielle Art, Geschenke zu machen, Meister Antonio? Ihr habt mich fast lahm geschlagen."

"Das war ich nicht, ehrlich!", versicherte der Tischler.

"Lügner!"

"Maispudding!"

"Hornochse!"

So begann der Streit von neuem. Geppetto verlor die Beherrschung, stürzte sich auf Meister Kirsche und dann verprügelten sich die beiden nach Strich und Faden.

Da sie auf diese Weise ihre Rechnung beglichen hatten, gaben sie sich erneute die Hand und versicherten sich nochmals ein Leben lang gute Freunde zu bleiben.

Zum guten Schluss nahm Geppetto sein Holzscheit unter den Arm, bedankte sich bei Meister Antonio und ging hinkend nach Hause.

Wie aus dem Holzscheit Pinocchio wird

Geppettos Wohnung war ein Zimmerchen im Erdgeschoß, das nur durch einen Raum unter der Treppe Licht erhielt. Die Einrichtung war ein klappriger Stuhl, ein durchgelegenes Bett und ein wackeliger Tisch.

Hinten an der Wand sah man einen kleinen Ofen, in dem ein Feuer loderte, und über dem Feuer hing ein Kessel, aus dem eine Dampfwolke aufstieg. Aber dies alles war nur täuschend echt gemalt.

Der alte Mann holte gleich sein Handwerkszeug herbei und machte sich daran, seine Holzpuppe zu schnitzen.

"Welchen Namen soll ich ihr nur geben?", überlegte er. "Ich denke, ich werde ihn Pinocchio nennen. Der Name soll ihm Glück bringen. Also machte er sich mit Eifer an die Arbeit. Zuerst schnitzte er ihm die Haare, dann die Stirn und die Augen. Stellt euch Geppettos Erstaunen vor, als er bemerkte, dass sich die Augen bewegten und den Blick nicht mehr von ihm ließen.

"Warum starrt ihr mich so an, ihr Holzaugen?", rief er unwillig. Nach den Augen machte er die Nase. Die war noch nicht ganz fertig, als sie zu wachsen begann. In nur wenigen Minuten war sie eine riesengroße Nase geworden. Geppetto versuchte sie zu kürzen, aber sie wuchs nur umso mehr.

Nach der Nase machte er den Mund. Der begann augenblicklich zu lachen und Geppetto zu ärgern.

"Hör auf zu lachen!", rief Geppetto ärgerlich. Aber es war, als würde er mit einer Wand sprechen. Und der Mund streckte ihm die Zunge heraus. Geppetto tat so, als sähe er es nicht und fuhr damit fort das Kinn, den Hals, die Schultern, den Körper sowie Arme und Hände zu machen.

Als der letzte Finger geschnitzt war, zogen sie ihm die Perücke vom Kopf. Er blickte auf und musste zusehen, wie die Holzpuppe sich die maisgelbe Perücke selbst aufsetzte und halb darunter verschwand.

Dieses freche, unverschämte Verhalten machte Geppetto so traurig, wie er es noch nie in seinem Leben gewesen war und so sagte er zu Pinocchio: "Du Taugenichts von einem Sohn, du bist noch nicht einmal fertig, und schön lässt du es deinem Vater gegenüber an Respekt fehlen."

Er wischte sich eine Träne ab und fuhr fort die Beine und Füße zu schnitzen. Als er damit fertig war, spürte er einen Fußtritt gegen seine Nasenspitze.

"Das geschieht mir ganz recht", sprach er zu sich. "Ich hätte ihn gar nicht zu Ende schnitzen sollen, aber nun ist es zu spät."

Dann nahm er den Holzbuben unter den Arm und stellte ihn auf den Fußboden um ihm das Laufen beizubringen. Pinocchios Beine waren noch ganz steif, doch mit jedem Schritt lockerten sie sich und bald fing er an, alleine im Zimmer herumzulaufen. Mit einem Mal schlüpfte er durch die Haustür, sprang auf die Straße und verschwand.

Der arme Geppetto rannte ihm hinterher, konnte den Schlingel aber nicht einholen, weil Pinocchio Sprünge wie ein Hase machte.

"Fasst ihn!", keuchte Geppetto.

Aber die Menschen auf der Straße lachten nur über die Holzpuppe, die davon galoppierte wie ein Wildpferd.

Glücklicherweise tauchte ein Polizist auf, der das Gelächter der Leute gehört hatte. Er stellte sich mit breiten Beinen mitten auf die Straße, um, was auch immer da kommen möge, aufzuhalten. Pinocchio, der den Polizisten sah, versuchte ihm zu entkommen, indem er zwischen dessen Beinen hindurchschlüpfen wollte. Aber der der Polizist packte Pinocchio an seiner ungewöhnlich großen Nase und übergab ihn Geppetto.

Der alte Mann wollte dem Bengel gleich die Ohren lang ziehen. Aber stellt euch sein Erstaunen vor, als er bemerkte, dass Pinocchio gar keine Ohren hatte. Geppetto hatte vor lauter Aufregung einfach vergessen sie zu schnitzen. Also griff er Pinocchio am Genick und schüttelte ihn kräftig durch. Dann drohte er: "Wir gehen jetzt nach Hause und dort wirst du was erleben."

Bei dieser Drohung warf sich Pinocchio auf den Boden und weigerte sich mitzugehen. Die Neugierigen standen in einer Gruppe zusammen und einer sagte: "Der arme Kleine. Er hat ganz Recht, wenn er nicht zu Geppetto möchte. Wer weiß, was der Grobian mit ihm anstellt."

Die Leute redeten wild durcheinander und einer malte die Szene schlimmer aus, als der andere. Letztendlich ließ der Polizist Pinocchio laufen und führte den armen Geppetto ins Gefängnis ab.

Dieser wusste nicht was er sagen sollte. Er heulte los und schluchzte: "Dieser ungeratene Sohn! Solche Mühe habe ich mir ihm gegeben. Aber es geschieht mir ganz recht."

Was dann geschah, ist eine Geschichte, die man fast nicht glauben mag. Ich werde sie euch in den folgenden Kapiteln erzählen.

Pinocchio und die Grille

Während der arme Geppetto ohne Schuld ins Gefängnis kam, rannte der Holzbengel über die Felder auf geradem Weg nach Hause. Er sprang über hohe Böschungen und Dornenhecken. Die Tür zu Geppettos Zimmer war nur angelehnt. Pinocchio ging hinein und schob den großen Riegel vor.

Pinocchio setzte sich mit Schwung auf die Erde und seufzte erleichtert. Aber die Erleichterung hielt nicht lange an. Irgendetwas im Raum machte "Zirp-zirp-zirp".

"Wer ruft mich da?", fragte Pinocchio ängstlich.

"Ich bin es!"

Pinocchio drehte sich um und sah eine dicke Grille, die langsam die Wand hinaufkletterte. "Wer bist du, Grille?"

"Ich bin die sprechende Grille und wohne in diesem Zimmer seit mehr als hundert Jahren."

"Jetzt gehört dieses Zimmer allerdings mir", sagte Pinocchio, "und ich rate dir so schnell wie möglich zu verschwinden."

"Ich gehe aber nicht fort von hier, bis ich dir die Wahrheit gesagt habe."

"Dann sag sie mir, aber beeile dich."

"Wehe den Kindern, die nicht auf ihre Eltern hören und eigenwillig von Zuhause fortlaufen. Sie werden alleine kein Glück finden und es sehr bald bereuen!"

"Zirp du nur Grille. Ich weiß jetzt schon, dass ich mich morgen Früh aus dem Staub mache; wenn ich hier bleibe schicken sie mich nur in die Schule und ich muss lesen und rechnen lernen. Darauf habe ich überhaupt keine Lust. Lieber renne ich mit den Schmetterlingen um die Wette und klettere auf die höchsten Bäume, um die Vogelküken aus dem Nest zu holen."

"Armes Dummerchen! Weißt du nicht, dass du dann als Erwachsener ein rechter Esel sein wirst. Alle werden sich über dich lustig machen. Du könntest wenigstens ein Handwerk erlernen, damit du ehrlich dein Brot verdienen kannst."

Pinocchio, der allmählich genug gehört hatte erwiderte: "Das einzige Handwerk, das ich erlernen möchte ist, gut essen, schlafen und lustig sein."

"Merke dir eins Pinocchio", antwortete die kluge Grille ganz ruhig, "alle, die ein solches Handwerk ausüben landen früher oder später im Armenhaus oder im Gefängnis."

"Sieh dich vor, du hässliche Unglücksgrille! Wenn ich richtig zornig werde…"

"Armer Pinocchio, du tust mir richtig Leid. Du bist nicht nur eine Puppe aus Holz sondern ein richtiger Holzkopf!"

Als Pinocchio das hörte, griff er voller Wut zum Holzhammer und schmetterte ihn Richtung der Wand, auf der die Grille saß.

Vielleicht hatte er sie nicht treffen wollen, aber unglücklicherweise traf er sie genau am Kopf und sie fiel tot zur Erde.

Inzwischen wurde es Abend und Pinocchio bemerkte, dass sein Magen gehörig knurrte. Mit jeder Minute wurde es schlimmer und bald hatte er einen richtigen Bärenhunger. Also lief er schnell zum Herd hinüber, wo der brodelnde Kessel hing, um nachzusehen, was sich darin Leckeres befand. Stellt euch vor, was für ein Gesicht Pinocchio machte, als er erkannte, dass alles nur an die Wand gemalt war.

Er begann im Zimmer herumzulaufen und durchsuchte alle Kisten und Ecken, ob nicht irgendwo ein Stückchen Brot oder wenigstens ein angeschimmeltes Stück Maiskuchen zu finden war. Aber nichts! Als der Hunger unerträglich wurde, weinte er und sagte verzweifelt:

"Die sprechende Grille hatte Recht! Es war schlecht von mir meinem Vater davonzulaufen. Wäre Geppetto jetzt nur hier, dann gäbe es bestimmt etwas zu Essen."

Da entdeckte er plötzlich auf dem Abfallhaufen etwas Rundes und Hellbraunes, das ganz so wie ein Hühnerei aussah. Sofort stürzte er sich darauf - es war wirklich ein Hühnerei. Pinocchios Freude in diesem Moment war unbeschreiblich. Er glaubte zu träumen und wiegte das Ei in seinen Armen.

Er überlegte, wie er das Ei am besten zubereiten sollte. Vielleicht kochen, oder doch braten? Er entschied sich dafür, es ohne Schale im Wasser zu kochen. In eine Pfanne gab er Wasser und wartete bis es dampfte. Dann schlug er die Eierschale auf und wollte den Inhalt hineingießen.

Aber statt Eiweiß und Dotter kam ein munteres, artiges Küken zum Vorschein, das eine höfliche Verbeugung machte: "Tausend Dank, Herr Pinocchio, dass Sie mir die Mühe erspart haben, die Schale selbst aufzubrechen. Auf Wiedersehen und leben Sie wohl!"

Sprach's, breitete seine Flügelchen aus und flatterte durch das offene Fenster davon.

Der arme Pinocchio stand da wie angewurzelt und starrte mit offenem Mund seinem Abendessen hinterher. Als er den ersten Schreck überwunden hatte, fing er an zu weinen und trampelte voller Verzweiflung mit den Füßen auf den Boden.

"Die Grille hatte wirklich Recht. Ich habe alles falsch gemacht. Wenn doch nur mein Vater hier wäre."

Und da ihm der Magen mehr denn je knurrte, überlegte Pinocchio nochmals in die Stadt zu gehen. Irgendein barmherziger Mensch würde ihm bestimmt ein Stückchen Brot schenken.

Gepetto kommt aus dem Gefängnis

Gerade diese Nacht war eine abscheuliche Winternacht. Es donnerte sogar und Blitze ließen den Himmel erleuchten, als würde er brennen. Pinocchio hatte schreckliche Angst, aber sein Hunger war stärker, also verließ er das Haus und war mit ein paar hundert Sprüngen schon im Dorf.

Doch keine Menschenseele ließ sich blicken. Der Ort schien wie ausgestorben. Vor Hunger und Verzweiflung ganz außer sich, klingelte Pinocchio an einem Haus Sturm. Irgendjemand würde sich doch sehen lassen. Und tatsächlich, ein alter Mann mit Nachtmütze erschien am Fenster und rief wütend: "Was willst du so spät noch?"

"Seid doch so freundlich und gebt mir ein Stück Brot!"

"Warte, ich komme gleich zurück", gab der Alte zur Antwort, der glaubte irgendein nichtsnutziger Junge hätte sich einen Streich erlaubt. Nach einer halben Minute öffnete sich das Fenster erneut und Pinocchio hörte die Stimme des Mannes:

"Komm her und halte deine Mütze auf!"

Pinocchio, der keine Mütze besaß, trat näher heran. Da ergoss sich plötzlich eine ganze Wasserschüssel über ihn als wäre er ein Trog welker Blumen. Er kehrte nach Hause zurück, nass wie ein Pudel und erschöpft vor Hunger und Müdigkeit.

Er setzte sich und stützte seine durchnässten und schmutzigen Füße auf das Becken voll glühender Kohlen. So schlief er ein. Während er schlief, fingen seine Füße Feuer; ganz langsam verkohlten sie und wurden zu Asche.

Erst als es Tag wurde, erwachte Pinocchio endlich, weil es an der Tür klopfte.

"Wer ist da?", fragte er gähnend und rieb sich die Augen.

"Ich bin es!", antwortete eine Stimme. Es war Geppettos Stimme.

Der arme Pinocchio, der noch ganz verschlafen war, hatte noch nicht bemerkt, was mit seinen Füßen geschehen war. So sprang er auf, um Geppetto die Tür zu öffnen. Aber bereits nach zwei oder drei taumeligen Schritten fiel er der Länge nach auf den Fußboden.

"Mach mir endlich auf", rief Geppetto von der Straße her.

"Vater, ich kann nicht, jemand hat mir meine Füße abgefressen."

"Wer soll das gewesen sein?"

"Die Katze", erwiderte Pinocchio, als er die Katze sah, die mit ihren Vorderpfötchen ein paar Holzspäne herumwirbelte.

"Ich sage dir, öffne die Tür."

"Es geht nicht, Vater. Ich kann nicht aufstehen. Oh, ich armer Junge. Nun muss ich mein Leben lang auf den Knien umherrutschen."

Geppetto, der sich sicher war, dass dies nur ein neuer Streich von Pinocchio war, kletterte die Hauswand hoch und stieg durch das Fenster ins Zimmer.

Eigentlich wollte er schimpfen und strafen, als er aber Pinocchio der Länge nach auf der Erde liegen sah, wurde er sehr gerührt. Er nahm den Jungen in seine Arme und küsste ihn liebevoll. Dicke Tränen liefen ihm über sein runzliges Gesicht. "Mein kleiner Pinocchio, wobei hast du dir nur deine Füße verbrannt?"

"Ich habe keine Ahnung, Vater, aber es war eine schreckliche Nacht. Es donnerte und blitzte und fast wäre ich verhungert. Und dann war da diese Grille…."

Pinocchio erzählte Geppetto seine ganzen Erlebnisse. Als er geendet hatte, heulte er los, dass es fünf Kilometer weiter noch zu hören war.

Geppetto hatte von dieser verworrenen Geschichte nur so viel verstanden, Pinocchio litt schrecklichen Hunger. Er zog drei Birnen, die er sich selbst als Frühstück mitgenommen hatte aus seiner Jackentasche und reichte sie Pinocchio. "Ich gebe sie dir gerne. Iss, und lass es dir schmecken."

"Wenn du willst, dass ich sie aufesse, dann schäle sie mir doch bitte"!

"Schälen? Dass du so ein Leckermaul bist, mein Junge. Das ist schlimm. In dieser Welt müssen sich schon die Kinder daran gewöhnen, alles zu essen. Man weiß nie, was geschehen wird."

"Du hast gut reden, aber ungeschältes Obst esse ich niemals. Schalen mag ich nicht!"

Und der gutherzige Geppetto zog ein Messer heraus und schälte geduldig alle drei Birnen. Die Schalen legte er daneben. Pinocchio aß die erste Birne und wollte gerade das Gehäuse wegwerfen, doch Geppetto hielt ihm am Arm fest:

"Wirf es nicht fort! Auf dieser Welt kann man alles noch verwenden."

"Aber den Strunk kann man doch nicht essen!", rief Pinocchio.

Geppetto blieb ganz ruhig und legte ein Gehäuse nach dem anderen zu dem Schalenberg. Als Pinocchio die drei Birnen verschlungen hatte, jammerte er, dass er immer noch Hunger habe. Geppetto erklärte ihm, dass außer den Schalen und Strünken nichts essbares mehr im Haus wäre.

"Nun ja", meinte Pinocchio, "wenn gar nichts mehr da ist, dann muss ich wohl ein Stückchen Schale essen."

Er begann zu kauen. Zuerst verzog er noch den Mund doch dann vertilgte er in Windeseile den kleinen Haufen, bis nichts mehr übrig war. "So, jetzt geht es mir richtig gut!"

"Siehst du, wie Recht ich hatte. Mein liebes Kind, man kann nie wissen, was noch kommt. Es gibt so viele Möglichkeiten…"

Pinocchio bekommt eine Fibel

Kaum war Pinocchios Hunger gestillt, da jammerte er wieder und wollte neue Füße. Doch Geppetto wollte ihn für seine begangenen Streiche bestrafen und ließ ihn noch einen halben Tag weinen und klagen. Dann sagte er: "Weshalb sollte ich dir neue Füße machen? Damit du mir gleich wieder davonrennst?"

"Nein, ich verspreche dir, dass ich ab heute ganz artig sein werde."

"Das sagen alle Kinder, die etwas haben möchten", entgegnete Geppetto.

"Ich werde zur Schule gehen und fleißig lernen und es zu etwas bringen, versprochen!"

Geppetto blickte noch mürrisch drein, doch in seinen Augen bildeten sich bereits Tränen. Pinocchios Zustand war zu grausam. Er erwiderte kein Wort, aber er nahm sein Werkzeug und zwei Stückchen Holz und machte sich an die Arbeit.

In nicht mal einer Stunde waren die Füße fertig. Geppetto erklärte Pinocchio, dass er ein wenig schlafen solle, damit er die Füße fest leimen könne. Also schloss die Holzpuppe seine Augen und tat so ob er einschliefe.

Als Pinocchio merkte, dass seine Füße wieder perfekt befestigt waren, sprang er vom Tisch herunter und hüpfte und tanzte durchs ganze Zimmer. "Zum Dank, lieber Vater, möchte ich sofort zur Schule gehen."

"Das freut mich, mein Junge!"

"Aber so nackt kann ich nicht gehen."

Geppetto, der so arm war, dass er nicht einmal einen Cent in der Tasche hatte, fertigte eine Jacke aus geblümtem Papier, ein Paar Schuhe aus Baumrinde und ein Mützchen aus weichen Brotresten an.

"Ich sehe wirklich wie ein vornehmer Herr aus", jubelte Pinocchio. "Aber um zur Schule gehen, fehlt mir noch das Allerwichtigste."

"Und das wäre?"

"Ich habe keine Fibel."

"Du hast Recht. Wo soll ich nur ohne Geld eine Fibel herbekommen?"

Da wurde Pinocchio ganz traurig und begriff was wirkliche Armut ist.

"Warte!", rief Geppetto plötzlich. Er stand auf, zog seine Samtjacke an, die bereits übervoll mit Flicken war und verließ das Haus. Wenig später kehrte er zurück. In der Hand die Fibel für Pinocchio - aber seine Jacke trug er nicht mehr. Der arme Mann stand in seinem dünnen Hemd da und draußen hatte es angefangen zu schneien.

"Wo ist deine Jacke, Vater?"

"Ich habe sie verkauft, sie war mir eh zu warm."

Pinocchio begriff sofort, was Geppetto ihm wirklich sagen wollte. Vor lauter Dankbarkeit sprang er Geppetto an den Hals und küsste ihm das ganze Gesicht.

Als es mit schneien aufgehört hatte, machte sich Pinocchio mit seiner neuen Fibel auf den Weg in die Schule. Er nahm sich vor heute noch lesen zu lernen, morgen dann schreiben und übermorgen rechnen. Dann würde er fürchterlich viel Geld verdienen und Geppetto davon eine neue Jacke ganz aus Gold und Silber kaufen.

Mitten in seinen Überlegungen hörte er Musik in der Ferne: Pfeifenklänge und Trommelschläge. Was mochte das wohl für Musik sein? Zu dumm, dass er in die Schule musste. Ratlos stand Pinocchio da. Was sollte er machen. Er beschloss kurzerhand, heute der Musik zuzuhören, und erst morgen in die Schule zu gehen.

Gesagt, getan. Er rannte los, immer den Pfeifentönen nach. Mit einem Mal stand er mitten auf einem Platz, voller Menschen, die sich um eine große Holzbude und ein bunt bemaltes Zelt drängten.

"Was ist das für eine Bude?", fragte Pinocchio einen kleinen Jungen aus dem Dorf.

"Lies doch selbst, was auf dem Plakat steht, dann weißt du es!"

"Ich würde es ja gerne lesen, aber ausgerechnet heute geht das noch nicht."

"Bravo, du Esel! Dann werde ich es dir vorlesen. - GROSSES PUPPENTHEATER - Gleich fängt es an."

"Wie viel muss man für den Eintritt bezahlen?"

"Vier Groschen."

Pinocchio begann fieberhaft nachzudenken, wie er zu dem Geld kommen sollte. Er bot dem Jungen seine Kleider an, aber der lachte ihn nur aus. Pinocchio stand wie auf Kohlen. Er hatte nur die Möglichkeit die neue Fibel zu Geld zu machen. Aber er zögerte noch und schwankte. Schließlich fragte er den Jungen aber doch.

"Für vier Groschen nehme ich die Fibel", mischte sich ein Trödler ein, der das Gespräch verfolgt hatte. Im Handumdrehen war das Buch verkauft. Wenn man bedenkt, dass zu diesem Zeitpunkt der arme alte Geppetto in seinem dünnen Hemd zitterte, nur weil er seinem Sohn die Fibel gekauft hatte!

Im Marionettentheater

Als Pinocchio das Marionettentheater betrat, geschah etwas, das einem Aufstand glich. Die Vorstellung hatte bereits angefangen und auf der Bühne sah man den Harlekin und den Kasper, die miteinander stritten und sich prügelten. Die Zuschauer bogen sich vor lachen. Da unterbrach der Harlekin plötzlich sein Spiel, wandte sich dem Publikum und rief in feierlichem Ton:

"Gott im Himmel! Träume ich? Der da unten ist doch Pinocchio!..."

Die Puppen begannen durcheinander zu rufen. "Pinocchio ist da! Pinocchio ist da!". Alle sprangen hervor und auf die Bühne. "Pinocchio unser Bruder. Komm zu uns herauf!", rief Harlekin.

Auf diese freundliche Einladung hin machte Pinocchio einen Satz und landete auf dem Kopf des Kapellmeisters. Von dort sprang er auf die Bühne. Man kann sich nicht vorstellen, wie die Marionetten ihn umarmten und sich freuten. Es war ein rührender Anblick. Aber die Zuschauer wurden langsam unruhig und begannen zu schimpfen, dass sie das Stück sehen wollten.

Die Puppen ignorierten die Menge einfach und warfen Pinocchio mit großem Geschrei in die Höhe und fingen ihn wieder auf.

Da erschien der Puppenspieler, ein riesiger Mann und so hässlich, dass man Angst bekam, wenn man ihn nur ansah. Sein Bart war tintenschwarz und so lang, dass er bis zum Boden reichte. Seine Augen sahen aus wie zwei brennende Laternen aus rotem Glas.

In den Händen schwang er eine Peitsche, die aus Schlangen und Fuchsschwänzen gefertigt war. Keiner wagte mehr zu atmen. Es war so still, man hätte eine Fliege problemlos husten hören können. Die Holzpuppen zitterten wie Espenlaub.

"Warum kommst du in mein Theater und bringst alles durcheinander?", fragte der Puppenspieler unseren Pinocchio mit dröhnender Stimme.

"Glauben Sie mir, würdiger Herr, es war nicht meine Schuld!"

"Schluss jetzt! Nach der Vorstellung werden wir abrechnen!"

Als das Stück zu Ende war, ging der Puppenspieler in die Küche, wo er einen Hammelbraten essen wollte. Weil ihm aber noch Holz fehlte, um den Braten fertig zu garen, rief er Harlekin und Kasper zu sich. "Bringt mir die Holzpuppe her, die ich am Nagel aufgehängt habe. Sie scheint mir aus gutem Brennholz gemacht zu sein. Wenn ich den ins Feuer werfe, bekomme ich eine wunderschöne Flamme für mein Abendessen."

Die beiden Marionetten zögerten, aber durch den Furcht einflößenden Blick ihres Herrn, gehorchten sie doch. Der unglückliche Pinocchio wand sie wie ein Aal und schrie verzweifelt: "Vater, rette mich! Ich will nicht sterben! Ich will nicht sterben!"

Feuerfresser, so hieß der Puppenspieler, war aber im Grunde seines Herzens kein böser Mensch. Wie er Pinocchio verzweifelt rufen hörte, bekam er Mitleid. Zuerst wehrte er sich gegen dieses Gefühl, doch dann gab er sich selbst nach und musste gewaltig niesen.

Als der Harlekin dieses Niesen hörte, strahlte er, bückte sich zu Pinocchio und flüsterte: "Gute Nachrichten, mein Bruder! Wenn der Puppenspieler niest, bekommt er Mitleid. Du bist gerettet!"

Dazu muss man wissen, dass der Feuerfresser, nicht wie andere Menschen zu weinen beginnt, wenn sein Herz gerührt ist. Nein, er muss niesen. Doch er spielte noch weiter den Grobian und schrie Pinocchio an: "Hör endlich auf zu heulen. Mir ist schon ganz elend im Magen. Beinahe wie…. Hatschi! Hatschi!", und er nieste jetzt zweimal.

"Gesundheit", sagte Pinocchio.

"Danke. Dein Vater und deine Mutter, leben die noch?", wollte Feuerfresser wissen.

"Mein Vater ja, aber eine Mutter habe ich keine."

"Gott allein weiß, was für großen Kummer dein alter Herr wegen dir ausstehen müsste, wenn ich dich in die glühenden Kohlen werfen würde. Er tut mir leid." Und mit diesen Worten nieste Feuerfresser bereits dreimal.

"Nein, ich werde dich verschonen. Gendarmen!", rief er plötzlich, "Greift den Harlekin da, bindet ihn ordentlich und werft ihn ins Feuer. Ich möchte endlich meinen knusprigen Hammel essen."

Der Harlekin bekam einen solchen Schrecken, dass ihm die Beine wegsackten und er zu Boden fiel. Bei diesem Anblick warf sich Pinocchio dem Puppenspieler vor die Füße und flehte ihn an: "Erbarmen, edler Herr Feuerfresser! Gnade für den armen Harlekin."

Doch Feuerfresser blieb hart und befahl den Gendarmen den Harlekin ins Feuer zu werfen. Aber er hatte seine Rechnung ohne Pinocchio gemacht. Der rief plötzlich: "Vorwärts Gendarmen, bindet mich fest und werft mich in die Flammen. Ich werde es nicht zulassen, dass mein Freund Harlekin für mich sterben muss!"

Diese heldenhaften Worte rührten nicht nur die Holzpuppen. Auch Feuerfresser fing wieder an zu niesen. Und nachdem er fünfmal geniest hatte, breitete er zärtlich die Arme aus und sagte zu Pinocchio: "Du bist ein prächtiger Junge! Komm zu mir und gib mir einen Kuss!"

Pinocchio lief herbei, kletterte wie ein Eichhörnchen am Bart des Puppenspielers hinauf und gab ihm einen herzhaften Kuss auf die Nasenspitze.

"Ihr seid alle begnadigt", seufzte Feuerfresser, "ich werde meinen Hammel eben halb roh essen müssen. Aber beim nächsten Mal hüte sich der, den es trifft…!"

Auf die Nachricht der Begnadigung liefen alle Holzpuppen zusammen und begannen zu singen und zu tanzen. Der Morgen graute bereits, als sie immer noch feierten.

Pinocchio und die fünf Goldstücke

Am nächsten Tag nahm Feuerfresser Pinocchio beiseite und wollte wissen, wie sein Vater heißt und was für ein Handwerk er betreibt.

Pinocchio erzählte, dass Geppetto sehr arm war und sogar seine warme Jacke verkauft hatte, um für ihn eine Fibel zu kaufen.

"So ein armer Teufel! Fast tut er mir leid. Hier nimm diese fünf Goldstücke, bringe sie ihm und grüße ihn schön von mir!"

Pinocchio bedankte sich tausendmal, verabschiedete sich bei allen herzlich und machte sich freudestrahlend auf den Weg nach Hause. Er war noch kein halben Kilometer weit, da begegnete er einem Fuchs, der auf einer Pfote hinkte und einem Kater, der blind war und sich von dem Fuchs führen ließ.

"Guten Tag, Pinocchio!", grüßte der Fuchs höflich.

"Woher kennst du meinen Namen?"

"Ich kenne deinen Vater gut. Erst gestern sah ich ihn vor seiner Haustür stehen, in einem dünnen Hemd; er zitterte vor Kälte."

"Mein armer Vater. Aber das hat nun ein Ende. Ich bin nun ein reicher Herr geworden."

"Ein reicher Herr, wie das?" Der Fuchs begann spöttisch zu lachen. Auch der Kater stimmte mit ein.

Pinocchio wurde sehr wütend und erzählte von dem Geld, das er von Feuerfresser bekommen hatte. Dann zog er die Goldmünzen hervor. Bei diesem verlockenden Klang vergaßen sich die beiden und der Fuchs streckte seine gelähmte Pfote aus und der Kater riss beide Augen auf. Doch Pinocchio bemerkte nichts davon.

Der Fuchs erkundigte sich, was Pinocchio mit dem Geld machen wollte. Pinocchio erzählte von seinem Plan für Geppetto eine Jacke ganz aus Gold und Silber zu kaufen. Und natürlich noch eine neue Fibel.

"Eine Fibel, für dich?", fragte der Fuchs.

"Ja, natürlich. Ich möchte in die Schule gehen und fleißig lernen."

"Schau mich an, durch die alberne Lust zu lernen, habe ich ein Bein verloren", sagte der Fuchs.

"Schau mich an, durch die alberne Lust zu lernen habe ich mein Augenlicht verloren", sagte der Kater.

In diesem Augenblick ließ ein weiße Amsel, die auf der Hecke saß, ihre Stimme erklingen: "Pinocchio, höre nicht auf den Rat dieser schlimmen Freunde, du wirst es bitter bereuen!"

Da machte der Kater einen großen Satz, stürzte sich auf die Amsel und verschlang sie mit Haut und Federn. Nachdem er fertig war, schloss er wieder seine Augen und spielte den Blinden.

"Die arme Amsel, warum hast du das gemacht?", fragte Pinocchio.

"Es soll ihr eine Lehre sein, sich in die Gespräche anderer einzumischen."

Der Fuchs lenkte die Unterhaltung geschickt auf ein anderes Thema. Er erzählte Pinocchio vom Land der Einfaltspinsel. Er versprach ihm, dass aus seinen fünf Goldmünzen über Nacht zweitausend werden können. In diesem Land, so erklärte er, gab es ein gesegnetes Feld. Wer sein Geld dort vergräbt, es mit zwei Eimern Wasser begießt und eine Prise Salz darauf streut, der findet am nächsten Tag ein Bäumchen voll mit Goldstücken.

Pinocchio, der erst fest entschlossen war, zu Geppetto nach Hause zu gehen, wurde immer unschlüssiger. Zweitausend Goldstücke in einer Nacht. Was könnte er von diesem Geld alles für Geppetto kaufen. Also rief er:

"Oh, wie schön. Wenn ich meine Goldstücke geerntet habe, werde ich euch einen Anteil schenken."

"Uns etwas schenken!", rief der Fuchs und tat ganz beleidigt. "Gott bewahre!"

"Gott bewahre!", wiederholte der Kater, wie es seine Art war.

Wirtshaus "Zum Roten Krebs"

So wanderte Pinocchio gemeinsam mit dem Fuchs und dem Kater. Als es Abend wurde erreichten sie todmüde das Wirtshaus "Zum Roten Krebs".

"Hier wollen wir eine Rast machen", meinte der Fuchs. Sie wollten etwas essen, ein paar Stunden schlafen, um dann um Mitternacht zu diesem Wunderfeld aufzubrechen. Der Kater und der Fuchs, meinten, dass sie gar keinen Hunger hätten, weil ihr Magen schmerzte. So aßen sie nur fünfunddreißig Seebarben mit Tomatensoße und vier Portionen Pansen mit Parmesan; sowie einen gut gewürzten Hasenbraten und ein Ragout aus Geflügelfleisch mit Eidechsen.

Nur dem armen Pinocchio waren die Goldstücke tatsächlich auf den Magen geschlagen. Der Fuchs bestellte beim Wirt zwei Zimmer, eines für ihn und den Kater und eines für seinen Freund Pinocchio. Der Wirt lächelte ihn wissend an, als der Fuchs darum bat, dass er alle drei um Mitternacht wecken solle.

Pinocchio schlief augenblicklich ein und träumte von seinem neuen Reichtum. Doch gerade als er nach dem Bäumchen greifen wollte, um die Goldtaler zu ernten, da schreckte er, von drei kräftigen Schlägen an seine Zimmertür geweckt, auf. Es war der Wirt, der mitteilte, dass es Mitternacht war.

"Sind meine Freund schon bereit?", fragte Pinocchio.

"Mehr als das. Sie sind bereits vor zwei Stunden abgereist. Das älteste Kätzchen des Katers hat Frostbeulen an den Pfoten und schwebt in Lebensgefahr. Aber sie werden euch bei Tagesanbruch am Wunderfeld treffen."

"So, so. Das Abendessen haben sie aber bezahlt, oder?"

"Aber wo denken Sie hin. Die beiden sind so gut erzogen, dass Sie euch die Freude nicht nehmen wollten."

"Schade, auf diese Freude hätte ich gerne verzichtet", erwiderte Pinocchio, zahlte ein Goldstück für Essen und Nachtlager und ging davon. Die Nacht war überaus finster und Pinocchio kam nur tastend voran. Während er so dahin schlich, entdeckte er auf einem Baumstumpf ein kleines Wesen. Es schimmerte in einem fahlen Licht.

"Wer bist du?", fragte Pinocchio.

"Ich bin der Schatten der Grille", antwortet das kleine Wesen mit einem Stimmchen so leise, als käme es aus einer anderen Welt. "Ich möchte dir einen guten Rat geben. Kehre um und bringe die restlichen vier Goldstücke deinem armen Vater. Er weint zu Hause, weil er nicht weiß, wo du bist."

"Morgen ist Geppetto ein reicher Mann. Aus den vier Goldstücken werde ich nämlich zweitausend machen."

"Traue niemals Menschen, die dir versprechen von heute auf morgen reich zu werden. Das sind nur Betrüger. Höre auf mich und kehre um."

"Ich will aber weitergehen!"

"Es ist spät, und die Nacht ist dunkel."

"Ich will weitergehen!"

Die Grille gab sich alle Mühe Pinocchio zu überzeugen, aber der wollte ihr nicht zu hören. Im Gegenteil, ihn langweilten die Worte und er wünschte ihr eine Gute Nacht.

"Gute Nacht Pinocchio! Und der Himmel soll dich vor Räubern beschützen."

Kaum hatte sie dies gesagt, verlosch ihr Licht und auf der Straße wurde es dunkler als zuvor.

Während Pinocchio darüber nachdachte, dass er vor Räubern überhaupt keine Angst hatte, hörte er plötzlich ein leises Blätterrascheln hinter sich. Als er sich umdrehte, erblickte er zwei unheimliche schwarze Gestalten die sich in Kohlesäcke vermummt hatten. Da ihm nichts Besseres einfiel, steckte er seine Goldstücke geschwind in den Mund.

Dann versuchte er wegzurennen. Aber er wurde am Arm gepackt und eine hohle Stimme rief: "Geld oder Leben!"

Da Pinocchio wegen der Goldstücke nicht sprechen konnte, machte er tausend Verrenkungen und versuchte den Dieben klarzumachen, dass er nur eine arme Holzpuppe sei.

Doch die Gesellen ließen sich nicht beirren. "Gib das Geld heraus, oder du bist des Todes!", sagte der Größere.

"Des Todes!", wiederholte der Andere.

Dann drohten sie damit, auch Pinocchios Vater zu töten. Da rief er: "Nein, nicht meinen Vater!" Dabei klirrten die Münzen in seinem Mund.

"Ah, du Bengel. Du hast Geld unter deiner Zunge versteckt. Spuck es sofort aus!"

Nun versuchten die Diebe mit aller Gewalt Pinocchios Mund zu öffnen. Doch Pinocchio packte einen der Räuber an der Hand und biss sie ab. Nun stellt euch vor, wie verwundert Pinocchio war, als er erkannte, dass er keine Hand sondern eine Pfote abgebissen hatte.

Er nutzte diesen Moment und befreite sich aus der Gewalt, um zu fliehen. Die Räuber jagten über Hecken und Felder hinter ihm her. Der, der seine Pfote verloren hatte, rannte auf drei Beinen.

Nach einer Hetzjagd von nahezu fünfzehn Kilometer war Pinocchio völlig erschöpft. Mit letzter Kraft kletterte er am Stamm einer hohen Pinie hinauf. Die Verfolger versuchten es ebenfalls, aber es gelang ihnen nicht und sie fielen zu Boden.

Sie gaben sich aber nicht geschlagen, sondern sammelten trockenes Holz und entfachten ein Feuer am Fuß der Pinie. Pinocchio sah die Flammen immer höher steigen. In seiner Verzweiflung tat er einen gewaltigen Satz aus dem Baumwipfel und rannte weiter über Felder und durch Weingärten.

Die Räuber hinter ihm her. Als Pinocchio an einen Graben voll mit schlammigem Wasser kam, machte er einen riesigen Sprung und landete sicher auf der anderen Seite. Seine Verfolger sprangen ebenfalls, aber sie taten sich in ihren Säcken schwer und landeten mittendrin.

"Angenehmes Bad, meine Herren Räuber!", rief Pinocchio. Er freute sich schon, dass die beiden ertrunken wären, als er bemerkte, dass sie ihm bereits wieder, triefend wie ein Fass ohne Boden, nachliefen.

Die große Eiche

Pinocchio war so erschöpft, dass er allen Mut verlor. Doch plötzlich erkannte er im finsteren Grün der Bäume ein schneeweißes Häuschen schimmern. Er beschloss seine letzten Kräfte aufzuwenden, um dorthin zu gelangen.

Er rannte, was die Beine hergaben, quer durch den Wald; die Räuber weiter hinter ihm her. Nach beinahe zwei Stunden kam er völlig verzweifelt und mit keuchendem Atem an dem Häuschen an. Alles war still. Er klopfte, doch niemand antwortete. Außer sich, hämmerte er mit Händen und Füßen auf die Türe ein. Da erschien am Fenster ein schönes Mädchen mit dunkelblauen Haaren und einem Gesicht so bleich wie Kerzenwachs.

Ohne die Lippen zu bewegen und mit einer Stimme wie aus einer anderen Welt sagte es: "In diesem Haus sind alle tot, hier wohnt niemand!"

"Dann mach du mir wenigstens auf!", flehte Pinocchio unter Tränen.

"Das geht nicht, auch ich bin tot."

"Was machst du dann am Fenster?"

"Ich warte, dass die Totenbahre kommt und mich fortträgt."

Mit diesen Worten verschwand das Mädchen lautlos. Pinocchio rief ihm hinterher doch in diesem Augenblick wurde er am Kragen gepackt.

"Jetzt entkommst du uns nicht mehr!"

Pinocchio hatte jetzt den sicheren Tod vor Augen. Die Goldmünzen klapperten in seinem Mund. Die beiden Räuber zückten ihre scharf geschliffenen Messer, doch an Pinocchios hartem Holz zerbrachen diese. Da rief einer der Diebe: "Ich weiß! Wir hängen ihn auf!"

"Wir hängen ihn auf!", wiederholte der andere.

Gesagt, getan. Sie banden ihm die Hände auf den Rücken, warfen ihm eine Schlinge um den Hals und hängten ihn an den stärksten Ast einer mächtigen Eiche.

Dann hockten sie sich unter den Baum und warteten ab, bis Pinocchio ausgezappelt hätte. Aber Pinocchio war ein zäher Brocken. Drei Stunden später hielt er seinen Mund immer noch fest zusammengekniffen.

Die Räuber hatten das Warten satt und verabschiedeten sich bis zum nächsten Morgen. "Hoffentlich bist du dann mausetot und dein Mund weit geöffnet." Und sie liefen davon.

Ein stürmischer Nordwind war aufgekommen und schleuderte Pinocchio mit voller Kraft gegen die alte Eiche. Pinocchio hatte große Schmerzen und die Schlinge zog sich immer fester um seinen Hals.

"Ach, mein lieber Vater, wenn du nur hier wärst!"

Mehr zu sagen, fehlte ihm die Kraft. Dann hing er ganz erstarrt da.

Das Mädchen mit den dunkelblauen Haaren hatte von ihrem Fenster aus alles beobachtet und bekam Mitleid mit unserem Pinocchio. Sie klatschte dreimal in die Hände und mit einem lauten Rauschen erschien ein Falke, der sich auf dem Fensterbrett niederließ.

"Was befehlt ihr, reizende Fee?", sprach der Falke und senkte ehrfürchtig seinen Schnabel. Das Mädchen war nämlich eine gute Fee, die seit über tausend Jahren im Wald wohnte.

Sie bat den Falken die Holzpuppe an der alten Eiche zu befreien, und sie behutsam ins Gras zu legen. Der Falke flog davon. Nur wenige Minuten später hatte er den Auftrag erledigt und berichtete, dass der Bub noch am Leben wäre und etwas geflüstert habe.

Da klatschte die Fee zweimal in die Hände. Ein prächtiger Pudel erschien, der auf seinen Hinterbeinen ging, wie ein Mensch. Er war gekleidet wie ein Kutscher.

"Pass gut auf, Medoro!", sagte die Fee zu dem Pudel. "Spanne die schönste Kutsche in meinem Stall an, fahre zum Wald und bringe vorsichtig die arme Holzpuppe zu mir."

Medoro eilte wie der Blitz davon. Kurz darauf fuhr aus dem Stall eine himmelblaue Kutsche heraus. Sie war mit Federn von Kanarienvögeln gepolstert und innen mit Schlagsahne und Butterkeksen ausgestattet. Hundert Gespanne weißer Mäuse zogen sie in Windeseile Richtung Wald.

Nur eine Viertelstunde später kehrte die Kutsche wieder zurück. Die Fee, die vor der Türe gewartet hatte, nahm den armen Pinocchio auf den Arm, brachte ihn in ein Zimmer aus Perlmutt und ließ die besten Ärzte der Umgebung rufen.

Sie erschienen sofort. Einer nach dem anderen kamen ein Rabe, eine Eule und eine Grille.

Die Fee befragte alle drei nach ihrer Meinung. Der Rabe meinte feierlich: "Wenn ihr mich fragt, ist diese Holzpuppe mausetot, sollte sie aber unglücklicherweise nicht tot sein, so wäre das ein sicheres Zeichen, dass sie noch lebt!"

"Es tut mir Leid", sagte die Eule, "aber ich muss dem Raben widersprechen. Ich bin der Meinung, dass die Holzpuppe noch lebt, sollte sie aber nicht mehr leben, so wäre dies ein sicheres Zeichen, dass sie tot ist!"

"Und was sagen Sie dazu, verehrte Grille?", wollte die Fee wissen.

"Ich sage, ein kluger Arzt schweigt besser, wenn er nicht weiß, was er sagen soll. Im Übrigen sehe ich diesen Bengel nicht zum ersten Mal."

Pinocchio wurde plötzlich von einem krampfartigen Zittern geschüttelt.

"Diese Puppe ist ein Nichtsnutz, der seinem Vater nur Herzschmerz zufügt und ihn noch ins Grab bringen wird."

Da hörte man ein unterdrücktes Weinen und Schluchzen. Als sie das Betttuch anhoben, merkten sie, dass es Pinocchio war, der so bitterlich weinte.

"Wenn ein Toter weint, ist das ein Zeichen, dass es ihm besser geht", sagte der Rabe feierlich.

"Es tut mir Leid, aber ich muss Ihnen nochmals widersprechen. Wenn ein Toter weint, ist das ein Zeichen, dass er keine Lust hat zu sterben."

Pinocchios Nase beginnt zu wachsen

Sobald die drei Ärzte das Zimmer verlassen hatten, trat die Fee zu Pinocchio. Sie legte ihm die Hand auf die Stirn und stellte fest, dass er sehr hohes Fieber hatte.

Also löste sie ein Pülverchen in einem halbvollen Wasserglas auf und reichte es Pinocchio mit den Worten: "Wenn du das trinkst, bist du bald wieder gesund."

Pinocchio verzog den Mund und fragte mit kläglicher Stimme: "Ist es süß oder bitter?"

"Bitter, aber es hilft dir."

"Wenn es bitter ist, mag ich es nicht!"

"Trinke es, und du bekommst zur Belohnung ein Stückchen Zucker von mir."

Pinocchio begann mit der Fee zu verhandeln und wollte zuerst das Zuckerstückchen essen. Die Fee ließ sich darauf ein. Doch als Pinocchio den süßen Geschmack genossen hatte, weigerte er sich, die bittere Medizin zu trinken und verlangte nochmals ein Stück Zucker. Die Fee, geduldig wie eine Mutter, gab ihm noch eines. Doch Pinocchio spielte dasselbe Spiel. Die Fee ermahnte ihn, dass er ohne die Medizin bald sterben würde.

"Lieber sterbe ich, als dass ich dieses scheußliche Zeug trinke!", rief Pinocchio.

In diesem Augenblick sprang die Zimmertüre auf und vier Kaninchen, schwarz wie Tinte, kamen herein, die auf ihren Schultern einen kleinen Sarg trugen.

"Was wollen die von mir?", fragte Pinocchio ängstlich.

"Wir sind gekommen um dich zu holen. Da du die Medizin nicht nimmst, wirst du in wenigen Minuten tot umfallen."

"Ach, liebe Fee", schrie Pinocchio da, "gib mir schnell das Glas! Ich will nicht sterben!"

Er nahm das Glas mit beiden Händen und trank es in einem Zug aus.

"Nun", sagten die Kaninchen, "dann haben wir den Weg eben umsonst gemacht." Und verließen ärgerlich brummend das Haus der guten Fee.

Pinocchio sprang schon nach wenigen Minuten wieder im Zimmer herum. Holzpuppen werden nur sehr selten krank und dann sehr schnell wieder gesund.

Als die Fee ihn herumtollen sah ermahnte sie Pinocchio in Zukunft nicht so trotzig zu sein und die Medizin rechtzeitig zu nehmen. Pinocchio versprach es.

"So, und nun komm her und erzähle mir, wie du den Räubern in die Hände gefallen bist!"

Pinocchio setzte sich neben die Fee und begann zu erzählen. Vom Feuerfresser und den fünf Goldmünzen, vom Fuchs und dem Kater, die ihm vom Wunderfeld erzählten - die ganze Geschichte bis hin zur alten Eiche.

"Und wo hast du die vier Goldstücke jetzt?", fragte die Fee.

"Ich habe sie verloren", antwortete Pinocchio; aber das war gelogen, denn er trug sie in seiner Tasche. Kaum hatte er die Lüge ausgesprochen, wurde seine ohnehin schon lange Nase, um zwei Finger länger.

"Und wo hast du sie verloren?"

"Hier im Wald."

Bei dieser Lüge wurde die Nase noch länger.

"Wir werden sie suchen und bestimmt wiederfinden, denn hier im Wald geht nichts verloren."

"Ach, jetzt fällt es mir wieder ein. Ich habe die Goldstücke nicht verloren, sondern mit deiner Medizin verschluckt." Pinocchio wurde ganz heiß vor Verlegenheit.

Bei dieser dritten Lüge wurde die Nase so unerhört lang, dass der arme Pinocchio sich nicht mehr drehen konnte, ohne am Fenster oder am Bett anzustoßen. Die Fee schaute ihn an und lachte.

"Warum lachst du?", fragte Pinocchio ganz verwirrt und besorgt wegen seiner Nase.

"Ich lache über das Lügenmärchen, das du mir aufgetischt hast."

"Woher weißt du, dass ich gelogen habe?"

"Lügen kann man leicht erkennen. Es gibt zwei Arten: die mit den kurzen Beinen und die, die lange Nasen haben. Du wirst selbst erraten, zu welcher Art deine Lüge gehört."

Pinocchio schämte sich so sehr, dass er nicht wusste, wo er sich verstecken sollte. Aber seine Nase war so lang geworden, dass er nicht einmal mehr durch die Tür passte.

Das Wunderfeld

Bevor die gute Fee Pinocchio half, ließ sie ihn erst eine gute halbe Stunde jammern und heulen. Sie wollte ihm eine Lehre erteilen, damit Pinocchio mit dem Lügen aufhörte. Aber als sie sah, wie verzweifelt er war, bekam sie Mitleid und klatschte in die Hände.

Daraufhin kamen an die tausend Spechte. Sie setzten sich auf Pinocchios Nase und fingen an, sie wieder auf ihre normale Größe zu hacken.

"Du bist so gut zu mir, Fee. Ich habe dich sehr lieb", sagte Pinocchio und wischte sich die letzten Tränen weg.

"Auch ich habe dich lieb und wenn du bei mir bleiben willst, kannst du mein Brüderchen sein."

"Ich würde gerne bleiben, aber was wird aus dem armen Geppetto?"

"Daran habe ich schon gedacht. Dein Vater wurde benachrichtigt, und bevor es Nacht wird, ist er hier bei dir."

"Wirklich?", jubelte Pinocchio. "Liebe Fee, ich möchte ihm entgegenlaufen. Ich kann es gar nicht erwarten, ihn zu sehen."

"Geh nur, aber pass auf, dass du dich nicht verirrst. Bleib auf dem Waldweg, dann begegnet ihr euch bestimmt."

Pinocchio brach sofort auf. Als er bei der alten Eiche war, hörte er Schritte. Er sah sich um und entdeckte den Fuchs und den Kater. Die fielen Pinocchio um den Hals und fragten, wie er hierher komme?"

Und Pinocchio erzählte den beiden die Geschichte beginnend beim Gasthaus "Zum Roten Krebs" und endend bei der großen Eiche.

"Kann man sich etwas Schlimmeres vorstellen?", rief der Fuchs. "In was für einer Welt leben wir denn, kann man niemandem mehr vertrauen?"

Während sie miteinander sprachen, sah Pinocchio, dass dem Kater die rechte Pfote mit den Krallen fehlte. Der Kater wollte antworten und verhaspelte sich sofort, da übernahm der Fuchs das Wort und tischte Pinocchio eine abenteuerliche Geschichte auf: Kurz zuvor waren sie dem hungrigen Wolf begegnet, der sie um ein Almosen gebeten hatte. Weil die beiden aber überhaupt nichts besaßen, biss sich der Kater seine Pfote ab und warf sie dem Wolf zum fressen vor.

Pinocchio war ganz gerührt von dieser Geschichte. Dann erzählte er, dass er hier auf seinen Vater wartete, der jeden Augenblick kommen würde.

"Und deine Goldstücke?"

"Die habe ich sicher in meiner Tasche versteckt."

"Wenn man darüber nachdenkt, dass es morgen schon tausend oder gar zweitausend statt vier sein könnten. Warum hörst du nicht auf unseren Rat?"

"Heute geht es nicht. Ich werde es an einem anderen Tag machen."

"An einem anderen Tag ist es aber zu spät", sagte der Fuchs. "Ein reicher Mann hat das Feld gekauft und ab morgen darf dort keiner mehr sein Geld vergraben."

"Wie weit ist es denn zu dem Feld?"

"Kaum zwei Kilometer. In nicht mal einer Stunde hast du die Taschen voller Geld. Willst du mit uns kommen?"

Pinocchio zögerte. Er dachte an die gute Fee und seinen Vater. Sogar die Ermahnungen der Grille kamen ihm in den Sinn. Aber dann war der Reiz des schnellen Geldes doch größer und er willigte ein.

Sie wanderten fast einen halben Tag! Endlich kamen sie zu einer Stadt, die Dummenfang hieß. Sie liefen durch eine Schar von Bettlern und Armen. Mittendrin fuhren jedoch immer wieder Kutschen auf denen Füchse, diebische Elstern und Raubvögel thronten.

"Wo ist denn nun das Wunderfeld?"

"Nur wenige Schritte von hier."

Sie gingen zur Stadt hinaus und blieben vor einem Feld stehen, das aussah, wie alle anderen Felder auch. Pinocchio wunderte sich zwar, grub aber ein Loch, legte seine Goldstücke hinein und deckte sie mit Erde zu. Der Fuchs erklärte ihm, dass er zum Wassergraben gehen müsse um dort einen Eimer Wasser zu holen. Das tat Pinocchio.

"Jetzt können wir gehen und in zwanzig Minuten steht hier ein wunderschönes Bäumchen, an dessen Ästen unzählige Goldstücke prangen."

Der arme Pinocchio war ganz außer sich vor Freude. Die beiden Gesellen verabschiedeten sich von ihm und wünschten eine gute Ernte.

Um die Zeit schneller zu überbrücken, kehrte Pinocchio nochmals in die Stadt zurück. Dort zählte er jede Minute, bis er zum Wunderfeld zurückkehrte. Sein Herz schlug laut, wie eine große Wohnzimmeruhr und er malte sich aus, was er mit dem vielen Geld anstellen würde.

Er kam immer näher und hielt Ausschau nach seinem Goldmünzenbäumchen. Nichts war zu sehen. Auch die Stelle, in der er die Münzen hineingelegt hatte, sah aus wie zuvor. Ratlos kratzte er sich am Kopf. In diesem Augenblick gellte schrilles Gelächter in seinen Ohren. Auf einem Baum saß ein dicker Papagei.

"Warum lachst du?", fragte Pinocchio wütend.

"Ich lache über die Dummköpfe, die jeden Unsinn glauben."

"Sprichst du von mir?"

"Ja, ich spreche von dir Pinocchio. Wie dumm muss man sein, um zu glauben, dass man Geld aussäen kann wie Samenkörner. Geld vermehrt sich nur durch ehrliche Arbeit, die man mit seinen eigenen Händen oder seinem Verstand vollbringt."

"Ich verstehe dich nicht", sagte Pinocchio, der vor Angst schon zitterte.

"Gut, dann werde ich mich deutlicher ausdrücken. Während du in der Stadt warst, kamen der Fuchs und der Kater hier aufs Feld und haben deine Goldstücke ausgegraben. Dann haben sie sich aus dem Staub gemacht!"

Pinocchio blieb der Mund offen stehen. Voller Verzweiflung, fing er mit den bloßen Händen an zu graben. Er grub ein solch großes Loch, dass ein ganzer Strohballen darin Platz gefunden hätte, aber die Goldmünzen waren nicht mehr da.

Voller Verzweiflung rannte Pinocchio zurück in die Stadt, um beim Richter die beiden Bösewichte anzuzeigen. Der Richter war ein riesiger Gorilla mit einer goldenen Brille. Gerührt hörte er die ganze Geschichte an. Als Pinocchio geendet hatte rief er: "Dieser arme Teufel ist um vier Goldstücke betrogen worden. Ergreift ihn und steckt ihn gleich ins Gefängnis!"

Unseren armen Pinocchio traf dieser Richterspruch wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Er wollte Einspruch erheben, aber die Gendarmen stopften ihm den Mund und führten ihn hinter Schloss und Riegel.

Dort musste er vier Monate verbringen. Bestimmt wäre er noch länger dort geblieben, wenn ihm nicht der Zufall zu Hilfe gekommen wäre.

Der junge Kaiser der Stadt Dummenfang, hatte einen großen Sieg gegen seine Feinde errungen. Deswegen ordnete er Feierlichkeiten an und befahl die Gefängnisse zu öffnen und alle Straßenräuber freizulassen.

"Wenn man die anderen freilässt, will ich auch hier raus", sagte Pinocchio zum Kerkermeister.

"Du nicht", antwortete der, "du bist ja kein Übeltäter."

"Ich bitte um Verzeihung", entgegnete Pinocchio, "aber ich bin selbst ein rechter Spitzbube."

"Wenn das so ist", antwortete der Wärter, zog hochachtungsvoll seinen Hut und ließ Pinocchio laufen.

Pinocchio wird erneut gefangen genommen

Stellt euch Pinocchios Freude vor, endlich frei zu sein. Schnurstracks machte er sich auf den Weg zum Häuschen der guten Fee.

Das regnerische Wetter hatte die Straße in einen wahren Sumpf verwandelt, in den man bis zu den Knien versank. Aber Pinocchio kämpfte sich durch, gequält von der Sehnsucht nach seinem Vater und seiner Schwester mit den dunkelblauen Haaren.

Auf dem Weg schwor er sich, ab jetzt ein ordentlicher und gehorsamer Junge zu werden, und bereute, dass er auf die gut gemeinten Ratschläge der anderen nicht gehört hatte.

Während er so nachgrübelte, hielt er plötzlich an und sprang vier Sätze zurück. Was hatte ihn so erschrocken? Eine dicke Schlange lag quer über der Straße und versperrte den Weg. Ihre Haut war giftgrün und ihre Augen flammten wie Feuer.

Pinocchio schlotterten die Knie und machte sich wie gelähmt auf den Rückzug. Nach mehr als einem halben Kilometer ließ er sich erschöpft auf einem Steinhaufen nieder um abzuwarten, dass die Schlange den Weg endlich wieder freigab.

Er wartete eine Stunde, zwei Stunden, drei Stunden; aber die Schlange bewegte sich nicht. Von weitem erkannte er das rötliche Flackern ihrer Feueraugen. Da redete sich Pinocchio Mut zu, näherte sich ihr auf wenige Schritte, und mit süßer Stimme säuselte er: "Entschuldigen Sie, Frau Schlange, aber würden Sie mir den Gefallen tun und ein wenig zur Seite rücken, damit ich vorbeikann?"

Nichts rührte sich.

"Sie müssen nämlich wissen, Frau Schlange, dass ich nach Hause zu meinem Vater möchte, der schon sehnsüchtig auf mich wartet. Erlauben Sie mir, dass ich weiterlaufen darf?"

Aber statt einer Antwort, wurde die bisher sehr lebhafte Schlange unbeweglich und starr und schloss ihre Augen.

"Ob sie wirklich tot ist?", fragte Pinocchio. Ohne Zeit zu verlieren, versuchte er über die Schlange zu klettern. Doch diese schoss plötzlich wie eine Sprungfeder nach oben. Pinocchio fiel zurück, stolperte und landete kopfüber im Straßenschlamm. Nur noch seine Beine strampelten wild in der Luft.

Als die Schlange dies sah, fing die herzhaft an zu lachen. Sie lachte und lachte und konnte gar nicht mehr aufhören. Bei diesem Lachkrampf platzte ihr eine Ader in der Brust und sie starb wirklich.

Also machte sich Pinocchio weiter auf den Weg zum Haus der guten Fee. Unterwegs quälte ihn schrecklicher Hunger. Er lief in einen Weinberg um sich ein paar frische Muskatellertrauben zu pflücken. Hätte er das nur nicht getan!

Kaum war er zwischen den Reben anbekommen, fühlte er, wie seine Beine von zwei schneidenden Eisen zusammengepresst wurden. Der arme Pinocchio war in ein Fangeisen geraten, das ein Bauer aufgestellt hatte, um die Marder von seinen Hühnerställen fern zu halten.

Wie man sich denken kann, begann Pinocchio zu weinen und zu brüllen. Aber keine lebende Seele hörte ihn. Es wurde Nacht.

Das Fangeisen zersägte beinahe seine Beine und Pinocchio war einer Ohnmacht nahe. Da hörte er leise Schritte. Es war der Besitzer des Weinberges, der nachsehen wollte, ob ein Marder in die Falle gegangen war. Sein Erstaunen war groß, als er im Schein seiner Laterne erkannte, dass nicht ein Marder sondern eine Holzpuppe in der Falle saß.

"Ach, du elender Dieb - du stiehlst also meine Hühner!"

"Nein, das war ich nicht", schluchzte Pinocchio. "Ich hatte nur so großen Hunger und wollte mir ein paar Trauben holen."

"Wer Trauben stiehlt, stiehlt auch Hühner! Dir werde ich eine Lehre erteilen!", schrie der Bauer zornig, öffnete die Fangeisen und trug Pinocchio am Genick nach Hause. Vor der Scheune angekommen, warf er ihn auf den Boden und sprach:

"Es ist spät und ich werde nun zu Bett gehen. Gerade heute ist mein Hund gestorben; du wirst ab sofort seinen Platz einnehmen und mir als Wachhund dienen!"

Gesagt, getan. Er legte Pinocchio ein schweres Halsband um und zog es so fest, dass Pinocchio nicht herausschlüpfen konnte. An dem Halsband war eine lange Eisenkette, die an der Mauer festgemacht war. In der Hundehütte lag Stroh, das dem verstorbenen Hofhund die vergangen vier Jahre als Lager gedient hatte. Der Bauer ermahnte Pinocchio zu bellen, sollten sich Diebe heranschleichen.

Dann ging er ins Haus und der arme Pinocchio blieb zusammengekauert vor der Hundehütte zurück; vor Hunger, Kälte und Angst - mehr tot als lebendig.

Wieder bereute Pinocchio seine Taten und sehnte sich nach Geppetto. Dann kroch er in die Hundehütte und schlief ein.

Pinocchio überführt die Diebe

Zwei Stunden waren bereits vergangen, seit Pinocchio eingeschlafen war. Durch ein Flüstern wurde er aufgeweckt. Er steckte seine Nasenspitze aus der Hundehütte und sah vier kleine Tiere, die wie Katzen aussahen.

Aber es waren keine Katzen sondern Steinmarder, die es auf die Eier und das junge Geflügel abgesehen hatten. Einer der Marder trat an die Hütte und sprach leise: "Guten Abend, Melampo!"

"Ich heiße nicht Melampo, ich bin Pinocchio und vertrete den Wachhund, der heute früh gestorben ist."

"Gestorben? Das arme Tier! Er war so gutmütig. Aber so wie du aussiehst, werden wir und auch mit dir einig werden. Ich schlage dir dasselbe Abkommen vor, das wir mit Melampo hatten."

"Und was wäre das?"

"Wir kommen einmal in der Woche, holen uns acht Hühner. Eines davon bekommst du, dafür verrätst du uns nicht beim Bauer."

"Das hat Melampo gemacht?"

"Ja, und wir haben uns gut vertragen - du verstehst?"

"Nur zu gut!", antwortete Pinocchio und schüttelte drohend seinen Kopf.

Die vier Marder waren sich ihrer Sache aber ganz sicher und liefen schnurstracks in den Hühnerstall. Pinocchio ging ihnen hinterher und schlug das Gatter zu. Zur Sicherheit rollte er noch einen schweren Stein davor und begann laut zu bellen.

Der Bauern sprang aus dem Bett und fragte, was denn los wäre. Pinocchio erklärte aufgeregt, dass die Diebe im Hühnerstall wären. Und in der Tat, als der Bauer den Stall betrat, fing er die vier Marder und steckte sie in einen Sack.

Daraufhin streichelte er Pinocchio liebevoll, lobte ihn und fragte, wie er den Räubern auf die Spur gekommen war. Pinocchio beschloss, den toten Melampo nicht anzuschwärzen und verschwieg dessen Abkommen mit den Mardern. Er erzählte dem Bauern nur, was die Marder ihm angeboten hatten.

"Bravo, mein Junge", rief da der Bauer. "Du bist eine ehrliche Haut. Um dir zu zeigen, wie zufrieden ich mit dir bin, lasse ich dich frei. Du kannst nach Hause gehen."

Von der Last des Halsbandes befreit, rannte Pinocchio los und hielt nicht eher an, bis er die Landstraße erreicht hatte, die ihn zum Haus der guten Fee brachte. Auf der Wiese angekommen, hielt er Ausschau nach dem weißen Haus, aber es war nicht da. An dessen Stelle stand ein Schild, auf dem stand:

HIER RUHT DAS MÄDCHEN MIT DEM BLAUEN HAAR. ES STARB VOR SCHMERZ, WEIL ES VERLASSEN WURDE, VON PINOCCHIO, SEINEM BRÜDERCHEN.

Pinocchio musste die Worte mühsam zusammenbuchstabieren und als er es geschafft hatte, begann er zu weinen und bedeckte den kleinen Grabstein mit tausend Küssen. Er weinte die ganze Nacht und klagte laut: "Oh, meine liebe Fee, warum bist du tot? Ich war so böse und du so gut! Und wo mag nur mein Vater sein? Wenn ich ihn nur wiederfinden würde. Dann bliebe ich für immer bei ihm."

Pinocchio flehte und weinte, da erschien eine Taube und fragte ihn: "Kleiner Junge, was machst du hier?"

"Siehst du nicht, dass ich weine?", antwortete Pinocchio und wischte seine Tränen am Jackenärmel ab.

"Sag mir, kennst du eine Marionette, die Pinocchio heißt?"

"Pinocchio? Ich bin Pinocchio!", schrie die Holzpuppe.

"Dann kennst du wohl auch Geppetto?", fragte die Taube

"Und ob ich den kenne. Er ist mein Vater. Kannst du mich zu ihm führen? So antworte doch! Lebt er noch?"

"Geppetto hat dich über vier Monate gesucht. Da er dich nicht gefunden hat, beschloss er ein Boot zu bauen und dich in den fernen Ländern zu suchen. Du findest ihn ungefähr tausend Kilometer von hier am Ufer des Meeres."

"Tausend Kilometer? Ach, liebe Taube, wie schön wäre es, wenn ich Flügel hätte."

"Ich nehme dich mit. Setze dich auf meinen Rücken."

Und ohne weitere Worte schwang sich die Taube mit großen Flügelschlägen in die Lüfte. Sie flogen den ganzen Tag und als es Abend wurde sagte die Taube: "Ich habe großen Durst!"

"Und ich habe Hunger!", fügte Pinocchio hinzu.

Die Taube schlug vor, in einem Taubenschlag Rast zu machen. Sie fanden eine Schüssel mit Wasser und eine mit Linsen vor. Pinocchio, der Linsen noch nie leiden konnte, lernte jedoch in dieser Nacht, dass großer Hunger jede Abneigung überwindet und er stopfte sich mit Linsen voll, bis er beinahe platzte.

Nachdem sie gestärkt waren, flogen sie weiter und am nächsten Morgen erreichten sie das Ufer des Meeres. Die Taube setzte Pinocchio ab und flog so schnell davon, dass der Holzjunge sich nicht einmal mehr bedanken konnte.

Der Strand war voller Menschen, die alle auf das Meer hinausblickten und schrien und winkten.

"Was ist hier los?", fragte Pinocchio eine alte Frau.

"Ein armer Vater, der seinen Sohn verloren hat, ist in ein kleines Boot gestiegen, um ihn zu suchen. Aber das Meer ist heute sehr aufbrausend und das kleine Boot droht jeden Augenblick zu kentern."

Pinocchio sah in die Richtung, in der die alte Frau zeigte und erkannte den alten Geppetto in einer Nussschale. Riesige Wellenberge türmten sich auf und Pinocchio schrie und winkte ohne Unterlass. Es schien, als ob auch Geppetto ihn bemerkte, denn auch er winkte zurück.

Da rollte plötzlich eine riesige Sturzwelle heran und verschluckte das Boot. Die Menschen warteten mit angehaltenem Atem, aber es tauchte nicht mehr auf. Da gingen die Leute traurig in ihre Häuser zurück.

Auf dem Rückweg hörten sie einen verzweifelten Aufschrei. Sie sahen den Holzjungen, der von der Klippe ins offene Meer sprang und rief: "Ich werde meinen Vater retten!"

Das Holz, aus dem Pinocchio geschnitzt war, wurde vom Wasser getragen und so schwamm er beinahe wie ein Fisch. Er wurde von den Fluten mitgerissen und bald sahen die Menschen am Strand nichts mehr von ihm.

"Armer Junge!", sagten die Fischer und beteten leise für ihn.

Die Insel der fleißigen Bienen

Pinocchio hoffte, seinen armen Vater rechtzeitig zu finden und schwamm die ganze Nacht. Und es war eine grausame Nacht. Es regnete ohne Unterlass, hagelte, donnerte und blitzte, dass es zeitweise taghell wurde.

Als der Morgen dämmerte, erspähte Pinocchio einen Landstreifen. Es war eine Insel. Mit seiner letzten Kraft schwamm er gegen die Wogen an. Vergeblich! Da kam eine Sturzwelle angerollt und schleuderte ihn mit großer Wucht ans Ufer.

Pinocchio rappelte sich auf und mit ihm beruhigte sich auch das Meer und die Sonne blitzte durch die Wolken. Er spähte, ob Geppetto in seinem kleinen Boot zu erkennen war, doch so sehr er sich auch anstrengte, er sah nichts.

Bei der Vorstellung, er könne ganz allein auf der Insel sein, wurde ihm angst und bange. Da entdeckte er in einiger Entfernung einen Delfin und rief: "Hallo, Herr Fisch, darf ich sie etwas fragen?"

"Selbstverständlich", antwortete der höfliche Delfin.

Pinocchio erkundigte sich, ob die Insel bewohnt wäre. Dann fiel ihm ein, dass so ein Delfin viel herumkommt und wollte wissen, ob er seinen Vater nicht gesehen hätte.

Der höfliche Fisch erklärte, dass der alte Mann bestimmt vom schrecklichen Walfisch verschlungen worden war, der seit längerem die Gewässer unsicher machte.

"Ist er sehr groß, dieser Walfisch?", fragte Pinocchio zitternd.

"Um dir eine Vorstellung zu machen, sage ich dir, dass er größer wie ein fünfstöckiges Haus ist. Sein Maul ist so riesig, dass eine ganze Eisenbahn mit Lokomotive bequem darin Platz findet."

"Du meine Güte!", rief Pinocchio entsetzt und verabschiedete sich schnell von dem freundlichen Delfin. Eilig schlug er den Weg ein, den ihm der nette Fisch zuvor erklärt hatte. Bald kam er im "Dorf der fleißigen Bienen" an. Pinocchio erkannte schnell, dass ein Faulenzer wie er an einem solchen Ort nichts zu suchen hatte.

Der Hunger plagte ihn und er fragte einen Mann, der einen schweren Kohlewagen zog, nach einem Groschen. Der Köhler bot ihm sogar vier Groschen an, wenn er ihm half den Wagen nach Hause zu ziehen.

"Ich muss mich schon sehr wundern", erwiderte Pinocchio beleidigt, "merken Sie nicht, dass ich kein Packesel bin? Solch einen Wagen habe ich noch niemals gezogen."

Der Köhler schlug Pinocchio vor gegen seinen Hunger zwei Scheiben seines Hochmutes abzuschneiden und diese zu essen. Pinocchio zuckte die Schultern und wartete ab.

Wenige Minuten später kam ein Maurer. Es vollzog sich dasselbe Spiel. Der Maurer bot Pinocchio fünf Groschen gegen ehrliche Arbeit, aber unser Holzbengel hatte darauf keine Lust.

Schließlich erschien eine hübsche, junge Frau mit zwei Krügen voller Wasser. Pinocchio bat sie um einen Schluck Wasser.

"Trink nur, mein Kind", sagte die junge Frau.

Pinocchio sog sich voll, wie ein Schwamm. Dann jammerte er, dass er großen Hunger litt. Die Schöne Frau schlug ihm vor, einen Wasserkrug für sie zu tragen. Zu Hause bekäme er ein schönes Stück Brot und leckeren Blumenkohl. Zum Nachtisch hätte sie ein Likörbonbon.

Den Verlockungen dieses Leckerbissens konnte Pinocchio nicht widerstehen. Er nahm sich einen der schweren Krüge und trug ihn auf dem Kopf zum Haus der jungen Frau.

Pinocchio durfte an einem gedeckten Tisch Platz nehmen und schlang das ihm servierte Essen in Windeseile herunter. Als er seiner Wohltäterin danken wollte, blieb ihm der noch volle Mund offen stehen. Dieses Gesicht kannte er doch… und die Haare, sie waren so blau, wie die der guten Fee.

"Oh, liebe gute Fee! Bist du es? Wenn du wüsstest, wie viel ich um dich geweint habe." Tränen erstickten seine Stimme. Er warf sich auf die Erde und umklammerte die Knie der geheimnisvollen Frau.

Zuerst bestritt die Frau, dass sie die gute Fee sei. Aber bald konnte sie das Versteckspiel nicht mehr in die Länge ziehen.

"Wie hast du Schelm mich nur erkannt. Als du mich verlassen hast, war ich ein Mädchen und jetzt bin ich eine Frau und könnte deine Mutter sein."

"Ich habe dich so lieb. Mein Herz hat es mir verraten. Nun habe ich endlich eine Mutter, wie jedes normale Kind. Aber wie bist du so schnell gewachsen?"

"Das bleibt mein Geheimnis!"

"Oh, bitte verrate es mir. Ich möchte auch wachsen. Seit ich auf der Welt bin, bin ich noch keinen Zentimeter größer geworden."

"Aber eine Holzpuppe kann doch nicht wachsen. Sie bleibt immer gleich!"

"Ich habe es so satt, eine Holzpuppe zu sein. Es wird Zeit, dass ich ein Mensch werde."

"Eines Tages wirst du einer werden. Aber du musst erst ein braver und gehorsamer Junge sein. Gute Jungen lernen fleißig um später eine angemessene Arbeit zu bekommen. Außerdem darf man nicht lügen und muss gerne zur Schule gehen."

"Mir macht Schule Bauchweh. Aber von heute an will ich mich bessern. Ich verspreche ein guter Junge zu werden und meinem Vater nur noch Freude zu bereiten. Wo mag der arme Geppetto nur sein?"

"Ich weiß es nicht. Aber ich bin mir sicher, du wirst ihn wieder in deine Arme schließen."

Pinocchios Freude über diese Worte war übergroß. Er küsste sie und nannte sie von nun an Mutter. Die Fee erklärte ihm, dass er ab morgen in die Schule gehen werde und später ein Handwerk erlernen solle.

Erst wand sich Pinocchio noch, denn die Aussicht zu arbeiten und fleißig zu sein, stimmte ihn nicht gerade vergnügt. Doch dann dachte er an das Versprechen der guten Fee. Er wollte nicht länger eine Holzpuppe sein. Also gelobte er:

"Ich werde lernen, ich werde arbeiten und ich werde alles tun, was du mir sagst. Ich will ein richtiger Junge werden!"

Pinocchio und seine Schulkameraden

Am Tag darauf ging Pinocchio tatsächlich in die Schule. Vielleicht könnt ihr euch die Lausbuben vorstellen, wie sie gelacht haben, als eine Holzpuppe ihr neuer Schulkamerad wurde. Sie neckten und hänselten ihn, zogen ihm die Mütze vom Kopf und zupften an seiner Jacke. Eine Weile ließ sich Pinocchio alles gefallen, doch dann riss ihm der Geduldsfaden und er sagte:

"Ich bin nicht hier, damit ich für euch den Hanswurst spiele. So wie ich andere achte, möchte ich auch geachtet werden."

Da grölten die Jungen noch mehr und einer wollte Pinocchio sogar an seiner Nase ziehen. Doch dazu kam es nicht. Pinocchio stelle ihm ein Bein und versetzte ihm einen Stoß mit seinem Ellbogen. Nach dieser Tat, gewann Pinocchio die Achtung aller Mitschüler und sie schlossen ihn in ihr Herz.

Auch der Lehrer war stolz, weil Pinocchio aufmerksam, fleißig und klug war. Er machte nur den Fehler, dass er sich mit Jungen anfreundete, die rechte Taugenichtse waren. Die Fee ermahnte ihn, dass diese schlechten Freunde ihn eines Tages verführen würden und ins Unglück stürzen. Aber Pinocchio beruhigte seine Mutter und meinte, dass er doch nicht dumm wäre.

Einige Tage später begegnete Pinocchio auf dem Weg zur Schule einem Haufen solcher Schulkameraden. Sie riefen: "Weißt du schon das Allerneueste?"

"Was denn?"

"Nicht weit von hier schwimmt ein Walfisch im Meer, der so groß ist wie ein Berg! Wir gehen zum Strand, um ihn uns anzusehen. Kommst du mit?"

"Ich? Nein ich muss zur Schule. Was wird der Lehrer sonst sagen. Und meine Mutter."

"Lass den Lehrer doch reden und deine Mutter erfährt davon sowieso nichts."

Pinocchio musste daran denken, wie ein riesiger Wal durchs Meer geschwommen war, als Geppetto mit seinem Boot kenterte und so beschloss er, sich den Walfisch anzusehen. Schnell wie er war, rannte er allen davon und lachte sie aus ganzem Herzen aus, wie sie hinter ihm herhechelten.

Der Unglückselige ahnte in diesem Augenblick nicht, welch furchtbares Unheil vor ihm lag.

Am Meer angelangt, ließ er seinen Blick übers Wasser streifen, aber er konnte nichts erkennen.

"Vermutlich ist der Wal gerade beim Frühstücken, oder er hat sich ins Bett gelegt, um ein Nickerchen zu machen", scherzte einer der Buben.

An diesem albernen Ausspruch merkte Pinocchio, dass seine Schulkameraden ihn nur an der Nase herumgeführt hatten. Er wurde sehr zornig und rief: "Was soll das? Warum habt ihr mir ohne Sinn dieses Märchen erzählt."

"Oh, es hatte schon seinen Sinn. Wir wollten, dass du endlich einmal die Schule schwänzt. Schämst du dich nicht, jeden Tag so pünktlich und eifrig in den Unterricht zu gehen? Wegen dir stehen wir vor unserem Lehrer schon richtig schlecht da."

"Was soll ich tun, damit ihr zufrieden seid?", fragte Pinocchio.

"Du sollst die Schule endlich einmal gründlich satt haben, so wie wir."

"Ihr seid wirklich lächerlich", sagte Pinocchio kopfschüttelnd.

"Komm uns nicht so, Pinocchio. Wir sind sieben und du nur allein."

Was nun folgte könnte man als Schlag auf Schlag bezeichnen. Ein Wort folgte dem anderen und aus den Worten wurden Hiebe. Bald war eine erbitterte Prügelei im Gange. Pinocchio, obwohl er ganz allein war, verteidigte sich wie ein Held und hinterließ bei seinen Gegnern blaue Flecken als Andenken.

Da rief plötzlich ein dicker Krebs, der aus dem Wasser gestiegen kam, mit heiserer Stimme, die wie ein erkältete Trompete klang: "Hört ihr wohl auf, ihr Lausejungen. Solche Raufereien nehmen bekanntlich ein böses Ende!"

Keiner hörte auf den Krebs und Pinocchio, der Schlingel, erwiderte spöttisch: "Schweig, du Krebs. Lutsche besser ein paar Hustenpastillen und leg dich ins Bett, damit du dein Erkältung los wirst!"

Die Jungen waren in der Zwischenzeit dazu übergegangen, sich mit Gegenständen zu bewerfen. Und was lag da näher, als die Schulbücher zu verwenden. Als ihre eigenen Bücher alle im Meer schwammen, zogen sie aus Pinocchios Schultasche den dicken Wälzer über die Zahlenlehre heraus. Einer der Bengel holte aus und schmiss das Buch mit aller Kraft. Doch statt Pinocchio zu treffen, traf er seinen Kameraden am Kopf.

Der wurde weiß, wie ein Leintuch und schrie: "Mama! Hilfe! Ich sterbe!" Dann sank er zu Boden. Bei diesem Anblick rannten die entsetzten Jungen davon. Nur Pinocchio blieb stehen. Voller Panik rannte er ans Meer und tränkte ein Taschentuch, um es seinem Schulkameraden an die Schläfe zu halten.

"Eugen! Armer Eugen! Mach doch endlich die Augen auf und antworte mir! Ich bin unschuldig. Ich lasse nicht zu, dass du hier stirbst."

Pinocchio begann verzweifelt zu weinen. Wie sollte er dies alles seiner lieben Mutter erklären. Sie hatte ihn vor den schlechten Kameraden gewarnt. Aber er hatte nicht gehört. Was sollte nur werden? Da hörte er Schritte, die näher kamen. Er drehte sich um; es waren zwei Polizisten.

"Was machst du auf dem Boden?", fragten sie Pinocchio.

"Ich helfe meinem Schuldkameraden."

"Ist ihm schlecht geworden?"

"Es scheint so!"

"Dem ist nicht einfach nur schlecht", sagte einer der Polizisten, der sich über Eugen gebückt hatte. "Er ist an der Schläfe verletzt. Wer hat das getan und womit?"

"Es ist mit diesem Buch passiert, aber ich war es nicht."

"Wem gehört dieses Buch?"

"Mir."

"Das ist wohl eindeutig. Steh sofort auf und komme mit uns!"

"Aber ich bin unschuldig!"

Bevor sie gingen, riefen die Polizisten einige Fischer herbei, die gerade mit ihrem Boot am Strand vorüber fuhren, und sagten zu ihnen: "Könnt ihr euch um diesen Jungen kümmern? Er ist am Kopf verletzt. Nehmt ihn mit nach Hause."

Dann schoben sie Pinocchio vor sich her. Der verstand die Welt nicht mehr. Alles erschien ihm wie ein böser Traum. Am schrecklichsten schien ihm der Gedanke, dass die gute Fee ihn so sehen würde. Als ein Windstoß seine Mütze einige Meter davon wehte, bat er darum, sie wieder zu holen.

Dies war die Gelegenheit. Pinocchio rannte in gestrecktem Galopp Richtung Strand. Die Polizisten hetzten ihm einen großen Hund hinterher, der in allen Hunderennen den ersten Preis gewonnen hatte.

Die Menschen hingen aus den Fenstern, um sich das Schauspiel nicht entgehen zu lassen. Aber Pinocchio und der Hund wirbelten eine solche Staubwolke auf, dass sie um ihr Vergnügen gebracht wurden.

Pinocchio wird für einen Fisch gehalten

Während dieser verzweifelten Jagd gab es einen schrecklichen Augenblick, in dem Pinocchio sich verloren glaubte. Nämlich als Alidoro - so hieß der Hund, der schneller war als Pinocchio, ihn beinahe erreicht hatte. Pinocchio spürte dessen heißen Atem im Nacken. Glücklicherweise war der Strand nur noch einige Schritte entfernt. Dort angelangt, machte die Holzpuppe einen riesigen Sprung, wie ein Frosch und landete mitten im Wasser.

Alidoro wollte noch anhalten, aber er hatte zu viel Schwung und stürzte ebenfalls ins Meer. Leider konnte der Hund nicht schwimmen und zappelte wild mit den Pfoten. "Hilf mir, Pinocchio, ich ertrinke!", schrie er verzweifelt.

Pinocchio war froh, außer Gefahr zu sein und dachte nicht daran, dem Untier zu helfen. Doch als er zusehen musste, wie Alidoro um sein Leben kämpfte, bewegte dies sein gutes Herz und er rief: "Wenn ich dir helfe, musst du mir aber versprechen mir nicht mehr nachzujagen!"

"Ich verspreche es dir! Beeile dich, ich kann nicht mehr!"

Anfangs noch zögerlich, zog Pinocchio den riesigen Hund am Schwanz Richtung Ufer. Der Arme konnte sich kaum auf den Beinen halten, doch Pinocchio hielt es für klüger gleich wieder ins Meer abzutauchen und rief dem Hund noch seine besten Wünsche zu.

"Auf Wiedersehen Pinocchio und tausend Dank. Du hast mir das Leben gerettet. Das werde ich dir nie vergessen. Irgendwann sehen wir uns bestimmt wieder."

Pinocchio schwamm weiter und hielt sich immer entlang der Küste auf. In den Uferfelsen entdeckte er eine Art Grotte, aus der Rauch aufstieg. Wenn dort ein Feuer ist, kann ich mich aufwärmen und meine nasse Kleidung trocknen, dachte er und schwamm zum Felsenriff.

Gerade, als er hinaufklettern wollte, zog ihn etwas in die Höhe. Er versuchte zu entkommen, aber es war zu spät. Zu seiner großen Verwunderung fand er sich in einem großen Netz, mitten in einem Fischschwarm wieder.

In diesem Moment kam der Fischer aus der Grotte. Der war so hässlich, dass man ihn mit einem Meeresungeheuer verwechseln konnte. Er sah aus, wie eine grüne Rieseneidechse, die auf ihren Hinterfüßen ging. Der Fischer betrachtete seinen Fang und nickte zufrieden.

Ein Glück, dass ich kein Fisch bin, dachte Pinocchio bei sich, während das grüne Ungeheuer das Netz in die Grotte zog um seine Ausbeute genauer zu betrachten. Mitten in der Höhle brutzelte eine Pfanne voll Öl, die nur auf die Schellfische, Meeräschen, Seebarben und Sardellen zu warten schien, die der Mann nach und nach in einen Eimer voll Wasser warf.

Das Netz war so gut wie leer, nur noch Pinocchio blieb übrig. Der Fischer fragte erstaunt: "Was ist denn das für eine Fischsorte?" Er betrachtete unseren Pinocchio von allen Seiten, dann sagte er schließlich: "Ah, ich weiß! Es muss ein Seekrebs sein."

Pinocchio, der über diese Äußerung sehr gekränkt war, schrie: "Was erlauben Sie sich! Damit Sie es wissen, ich bin keine Krebs, sondern eine Marionette!"

"Eine Marionette?", erwiderte der Fischer. "Nun, einen Marionetten-Fisch habe ich noch nie gegessen. Umso besser!"

"Mich aufessen? Aber so begreifen Sie doch, ich bin gar kein Fisch. Hören Sie mich nicht sprechen?"

"Da hast du Recht. Du bist wirklich etwas Besonderes. Zum Zeichen meiner Wertschätzung, darfst du dir selber aussuchen, wie ich dich zubereiten soll."

Unsere Holzpuppe flehte, dass er ihn frei lassen solle. Er weinte und schrie und erkannte wieder einmal, was für ein großer Fehler es war, nicht in die Schule gegangen zu sein.

Der Fischer aber, überhörte Pinocchios Gebrüll. Er wendete ihn in Mehl, bis er von Kopf bis Fuß weiß war und wie eine Gipspuppe aussah. Dann packte er ihn beim Kopf um ihn in die Pfanne zu werfen…

In diesem Augenblick erschien ein großer Hund in der Grotte, der vom leckeren Bratenduft herbeigelockt worden war.

"Scher dich weg", schrie der Fischer, der den panierten Pinocchio in der Hand hielt. Aber der arme Hund hatte Hunger für vier und winselte: "Gib mir einen Bissen ab und ich lass dich in Frieden."

Das grüne Ungeheuer dachte nicht daran, von seinem Fang etwas abzugeben und stieß den Hund mit dem Fuß weg. Doch mit einem hungrigen Hund ist nicht zu spaßen und er fletschte seine riesigen Zähne.

In dem Moment hörte er ein leises Stimmchen: "Rette mich Alidoro, sonst werde ich gebraten."

Der Hund erkannte sofort Pinocchios Stimme und entdeckte, dass sie aus jenem Mehlbündel kam, das der Fischer in die Pfanne werfen wollte. Also machte er einen Satz nach oben, schnappte mit dem Maul die bemehlte Holzpuppe und rannte wie ein Blitz aus der Grotte.

Er war viel zu schnell für den Fischer, sodass dieser ihm nur laut hinterher fluchen konnte.

Inzwischen hatte Alidoro den Fußweg erreicht und legte Pinocchio behutsam auf den Boden. "Wie soll ich dir nur danken", sagte Pinocchio.

"Das brauchst du nicht. Du hast mir das Leben gerettet und ich dir. Wir müssen einander doch helfen." Alidoro streckte Pinocchio seine Vorderpfote hin. Der drückte sie ganz fest und sie trennten sich als Freunde.

Ganz in der Nähe stand eine Hütte, auf die ging Pinocchio zu und fragte einen alten Mann, der in der Sonne saß: "Sagen Sie, guter Mann, wissen Sie was mit dem Jungen passiert ist, der am Kopf verwundet wurde?"

"Der Junge wurde von einigen Fischern in mein Haus gebracht. Es geht ihm gut, er ist wieder zu Hause."

"Wirklich? Dann war die Verletzung nicht gar so schwer?"

"Sie hätte schwer sein können, denn jemand hat ihm ein dickes Buch an den Kopf geworfen", antwortete der Alte.

Pinocchio stellte sich dumm, und fragte, wer dies getan hatte. Er bekam zur Antwort, dass es ein gewisser Pinocchio, ein rechter Taugenichts und Teufelskerl war.

"Alles Lüge! Ich kenne ihn vom sehen und mir scheint er ist ein braver Junge, der seinen Eltern nur Freude bereitet." Während Pinocchio diese Lügen von sich gab, wurde seine Nase immer länger. Da begann er ängstlich zu schreien:

"Glauben Sie mir kein Wort. Dieser Pinocchio ist wirklich ein schlimmer Strolch. Anstatt in die Schule zu gehen, ist er mit seinen Schulkameraden davongelaufen!"

Kaum hatte er das gesagt, verkürzte sich seine Nase wieder auf die gewohnte Größe. Der alte Mann, der Mitleid mit dem weißen Pinocchio hatte, schenkte ihm ein Säckchen, dass sich die Holzpuppe überzog. Und als er sich so notdürftig bekleidet hatte, machte er sich auf den Weg ins Dorf.

Es war ihm gar nicht wohl in seiner Haut. Wie sollte er der guten Fee nur erklären, was geschehen war? Bestimmt verzeiht sie mir nicht. Ich habe mein Versprechen gebrochen, dachte er betrübt. Er erreichte das Dorf bei Nacht. Der Regen platschte vom Himmel und Pinocchio wollte entschlossen beim Haus der guten Fee klopfen.

Doch er brauchte drei Versuche, bis er sich endlich traute. Nach einer kleinen Ewigkeit öffnete sich ein Fenster im vierten Stock und eine Schnecke mit einer Kerze in der Hand, beugte sich heraus: "Wer ist da so spät?"

"Ist die gute Fee zu Hause?", fragte Pinocchio.

"Die Fee schläft und möchte nicht geweckt werden. Wer bist du denn?"

"Ich bin's, Pinocchio, die Holzpuppe, die bei der Fee wohnt!"

"Aha! Ich weiß! Warte dort unten auf mich, ich komme sofort und öffne dir!", sagte die Schnecke.

Es verging eine Stunde, Pinocchio fror in seinem dünnen Säckchen. Es vergingen zwei Stunden und niemand öffnete Pinocchio. So klopfte er nochmals, diesmal lauter und kräftiger. Daraufhin öffnete sich ein Fenster im dritten Stock.

"Liebes Schneckchen", rief Pinocchio von der Straße, "ich warte nun schon zwei Stunden. Kannst du dich nicht beeilen?"

"Mein liebes Kind, ich bin eine Schnecke und Schnecken haben es nie eilig." Damit wurde das Fenster wieder geschlossen.

Nach endlosen Stunden wurde Pinocchio so ungeduldig, dass er mit seinem Fuß gegen die Tür schlug. Dabei blieb sein Fuß leider im Holz stecken und ließ sich auch nicht mehr herausziehen. Armer Pinocchio. Er verbrachte die restliche Nacht mit einem Bein auf dem Boden, das andere in der Luft hängend.

Bei Tagesanbruch öffnete sich endlich die Tür. Die tüchtige Schnecke hatte neun Stunden gebraucht, um die vier Stockwerke herunterzukommen. Doch sie konnte Pinocchio auch nicht aus seiner misslichen Lage befreien. Die Fee schlief noch immer und so brachte die Schnecke Pinocchio ein Tablett mit Brot, einem gebratenem Huhn und vier Aprikosen.

Beim Anblick dieser guten Gaben fühlte sich Pinocchio wieder getröstet. Aber was war das für eine Enttäuschung, als er feststellte, dass das Brot aus Gips, das Huhn aus Pappe und die Aprikosen aus Stein waren. Er wollte losheulen, aber dazu kam es nicht. Ob aus Kummer oder wegen seines leeren Magens, jedenfalls fiel er ohnmächtig zu Boden.

Als er wieder zu sich kam, lag er auf dem Sofa und die gute Fee saß neben ihm. Sie blickte ihn streng an und sagte: "Ich will dir nochmals verzeihen, aber wehe dir, wenn du noch ein einziges Mal einen bösen Streich spielst."

Pinocchio versprach und schwor hoch und heilig, dass er fleißig lernen und sich immer gut benehmen würde.

Den ganzen Rest des Jahres hielt er sein Wort. Bei den Prüfungen war er wirklich der Beste und sein Verhalten wurde allgemein gelobt. Das machte die Fee sehr glücklich und so sagte sie zu ihm: "Morgen soll endlich dein Wunsch in Erfüllung gehen!"

"Welcher Wunsch?"

"Von morgen ab wirst du keine Holzpuppe mehr sein, sondern ein richtiger kleiner Junge."

Diese Freude kann nur der verstehen, der Pinocchio erlebt hat. Für den nächsten Tag wurde ein großes Fest vorbereitet zu dem alle Schulkameraden eingeladen waren. Die Fee ließ zweihundert Tassen Milchkaffee und vierhundert Brötchen mit Butter vorbereiten. Es versprach ein wunderschöner Tag zu werden…

Leider gibt es im Leben unserer Marionette immer ein großes Aber, das alles wieder verdirbt.

Pinocchio im Spielzeugland

Die Fee erlaubte Pinocchio die Einladungen selbst auszuteilen und ermahnte ihn bis zur Dunkelheit wieder zu Hause zu sein. Pinocchio versprach, in spätestens einer Stunde zurück zu sein und verabschiedete sich von seiner lieben Mutter.

Nach einer knappen Stunde waren alle Einladungen verteilt. Als die Schulkameraden hörten dass es Butterbrötchen gab, sagten alle freudig zu. Einen der Jungen mochte Pinocchio besonders gern. Er hieß eigentlich Romeo, aber alle nannten ihn wegen seiner schlaksigen Statur nur Docht.

Dieser Docht war der faulste Junge in der ganzen Schule. Pinocchio wollte ihm die Einladung bringen, aber er war nicht zu Hause. Also suchte Pinocchio überall nach seinem Freund. Unter dem Vordach eines Bauernhauses, fand er ihn schließlich.

"Was machst du hier?", fragte Pinocchio.

"Ich warte, bis es Mitternacht ist, dann werde ich von hier fortgehen."

"Du willst fortgehen? Ich habe überall nach dir gesucht, um dir meine Einladung zu bringen."

"Was für eine Einladung?"

"Weißt du denn noch gar nichts von dem großen Ereignis? Ich werde morgen aufhören eine Holzpuppe zu sein."

"Nun viel Spaß dabei. Aber du wirst wohl ohne mich feiern müssen. Ich gehe in das schönste Land auf der ganzen Welt, in ein richtiges Schlaraffenland."

"Und wie heißt dieses Land?"

"Es heißt Spielzeugland. Willst du nicht mitkommen? Zu zweit macht alles noch viel mehr Spaß."

"Ich?", rief Pinocchio, "nein, auf keinen Fall."

Docht begann nun von den Vorzügen des Spielzeuglandes zu berichten. Dort gab es keine Schulen und keine Lehrer. Man brauchte nie zu lernen und konnte den ganzen Tag spielen. Immer donnerstags war schulfrei und die Woche setzte sich aus sechs Donnerstagen und einem Sonntag zusammen. Die Ferien begannen am 1. Januar und endeten am 31. Dezember. Er erklärte Pinocchio, was für ein großer Fehler es wäre, nicht mitzukommen.

Pinocchio wiegte den Kopf, als wollte er sagen: "So ein Leben würde ich auch gerne führen!" Doch dann rief er: "Nein, nein - niemals! Ich habe es der guten Fee versprochen. Und ich werde mein Versprechen auch halten. Außerdem geht die Sonne gerade unter und ich muss bei Anbruch der Dunkelheit zu Hause sein. Also leb wohl und gute Reise!"

So leicht kam Pinocchio seinem Freund nicht davon. Er erzählte weiter: "Um Mitternacht kommt ein großer Wagen der mehr als hundert Jungen ins Spielzeugland bringt. Und es gibt dort tatsächlich nicht einen einzigen Lehrer."

Pinocchio spürte, wie er langsam schwach wurde. Die Dunkelheit war hereingebrochen und er überlegte, sich den Wagen wenigstens anzusehen. Zu spät war er sowieso schon und die Fee würde sich auch wieder beruhigen.

"Und man muss wirklich nie mehr lernen und hat das ganze Jahr Ferien?", fragte er seinen Freund Docht nochmals.

Es war eine besonders finstere Nacht und Pinocchio hatte sich so lange von seinem Freund vom Spielzeugland erzählen lassen, dass plötzlich aus der Ferne ein Licht nahte. Glocken klingelten und Trompeten schallten.

"Das ist er!", rief Docht und sprang auf. "Kommst du jetzt mit?"

"Aber ist es auch ganz bestimmt wahr, was du mir alles erzählt hast?"

"Wenn ich es dir doch sage."

"Was für ein schönes Land!"

Der Wagen kam geräuschlos angefahren, weil um seine Räder Lumpen gewickelt waren. Gezogen wurde er von zwölf Eselgespannen. Die Eselchen waren alle gleich groß, unterschieden sich nur in der Fellfarbe. Was besonders seltsam war, die Esel hatten keine Hufe, sondern trugen richtige Stiefel aus Leder.

Der Kutscher war ein Männlein - mehr breit als hoch. Weich und fettig, wie ein Stück Butter. Alle Kinder mochten ihn sofort und kletterten auf seinen Wagen, der schon voll war mit Kindern zwischen acht und zwölf Jahren.

Kaum hatte er angehalten, wandte sich der Kurtscher an Docht: "Sag, mein hübscher Junge, willst du auch mitkommen? Leider ist im Inneren kein Platz mehr!"

"Das macht nichts, ich werde es mir auf der Deichsel bequem machen", rief Docht und schwang sich rittlings darauf.

Dann fragte das Männlein unseren Pinocchio, ob er auch mitwolle.

"Nein, ich bleibe hier. Ich gehe wieder nach Hause, um in der Schule fleißig zu lernen."

"Wohl bekomm's!"

"Pinocchio", sagte Docht, "hör auf mich, kommt mit. Wir werden ein lustiges Leben führen!"

"Nein, nein, nein!"

Da schrien plötzlich einige Jungen im Innern dasselbe.

Pinocchio dachte an die gute Fee und doch spürte er, wie er weich wurde. Seine guten Vorsätze wurden immer kleiner. Als bestimmt hundert Stimmen ihn lockten, meinte er: "Rückt etwas zusammen, ich will auch noch mit."

"Leider ist drinnen kein Platz, aber du kannst auf eines der Eselchen sitzen."

Gesagt, getan. Doch das Eselchen verpasste Pinocchio einen kräftigen Schlag in den Bauch, sodass er zu Boden flog. Die Kinder lachten schallend. Das Männlein ging scheinbar liebevoll zu dem störrischen Gesellen hin, lehnte sich zu ihm, als wolle er ihm einen Kuss geben und biss ihm das rechte Ohr zur Hälfte ab.

Pinocchio stieg abermals auf und der Wagen fuhr langsam an. Aber während das Eselchen so dahingaloppierte, war es Pinocchio, als hörte eine leise Stimme, die zu ihm sprach: "Du armer Einfaltspinsel! Warum musstest du unbedingt deinen Kopf durchsetzen. Das wist du noch bereuen."

Niemand war zu erkennen. Woher war die Stimme gekommen? Langsam schliefen alle Kinder ein, nur der Kutscher sang ein Lied und steuerte den Wagen. Da erklang wieder diese Stimme: "Du wirst ein rechter Dummkopf werden. Wer nichts lernt, wird ein schlimmes Ende nehmen. Ich habe es am eigenen Leib erfahren. Es kommt der Tag, da wirst du weinen, so wie ich es heute tue… Aber dann ist es zu spät."

Bei diesen Worten erschrak Pinocchio sehr und sprang vom Rücken des Reittiers herunter. Er trat zu dem Eselchen und griff nach seinem Maul. Denkt euch, wie er erschrak, als er erkannte, das es weinte… ganz so wie ein Kind! Er machte den Kutscher darauf aufmerksam, aber der beruhigte ihn mit seiner sanften Stimme und Pinocchio sprang ohne Widerrede wieder auf.

Früh am Morgen erreichten sie das Spielzeugland. Es glich keinem anderen Land. Dort lebten ausschließlich Kinder. In den Straßen herrschte Fröhlichkeit, Lärm und Geschrei. Es war ein solches Getöse, dass man sich Watte in die Ohren stopfen musste, um nicht taub zu werden.

Überall standen Theaterzelte, die voll mit Kindern waren. Pinocchio, Docht und die anderen, stürzten sich ins Getümmel und nach wenigen Minuten hatten sie bereits neue Freundschaften geschlossen. Wo konnte man glücklicher sein?

Bei Spiel und Spaß und ununterbrochenem Vergnügen vergingen die Stunden, die Tage und die Wochen wie im Flug. "Oh, was für ein schönes Leben", sagte Pinocchio jedes Mal, wenn er Docht zufällig traf.

"Siehst du, ich hatte Recht. Und du wolltest gar nicht mitkommen!"

Fünf Monate dauerte nun schon dieses herrliche Schlaraffenland. Da erwachte Pinocchio eines Morgens und erlebte, wie man so schön sagt, eine böse Überraschung, die ihm die Laune gründlich verdarb.

Pinocchio wird ein Eselchen

Und was war das für eine Überraschung? Ich werde es euch verraten: Als Pinocchio aufwachte, wollte er sich am Kopf kratzen, wie er das tat bemerkte er… dass ihm über Nacht Ohren gewachsen waren, die so lange waren, wie ein Staubwedel.

Sofort suchte er einen Spiegel, um sich zu begutachten. Daraus blickte ihn sein Gesicht mit einem Paar prächtiger Eselsohren an. Pinocchio schämte sich zutiefst und begann zu weinen. Doch je verzweifelter er schrie, desto mehr wuchsen seine Ohren und bedeckten sich mit weichem Fell.

"Ach, ich Ärmster, ich Ärmster", schrie Pinocchio und packte sich mit beiden Händen an den Ohren. Er zerfloss vor Selbstmitleid. Da fiel ihm plötzlich sein Freund Docht ein und er wurde sehr wütend. Er streifte sich eine große Baumwollmütze über und machte sich auf die Suche.

Sein Freund war zu Hause und öffnete eilig, als Pinocchio klopfte. Stellt euch Pinocchios Gesicht vor, als er entdeckte, dass auch Docht sich eine übergroße Mütze aufgesetzt hatte. Bei diesem Anblick fühlte sich Pinocchio ein wenig getröstet.

"Wie geht es dir, mein lieber Docht?"

"Ausgezeichnet! Wie einer Maus im Parmesankäse!"

"Ist das dein Ernst?"

"Warum sollte ich dich belügen?"

"Entschuldige, aber warum trägst du diese Mütze?"

"Der Arzt hat sie mir verordnet, weil ich mir am Knie wehgetan habe. Aber sag mir, warum du auch eine Mütze trägst?"

"Der Arzt hat sie mir verordnet, weil ich mir einen Fuß aufgeschürft habe."

"Armer Pinocchio!"

"Armer Docht!"

Auf diese Worte folgte langes Schweigen. Sie musterten sich spöttisch. Bis Pinocchio seinen Freund fragte, ob er nicht auch seit heute Morgen ein Ohrenleiden hätte. Dieser bejahte und meinte, dass er sogar an beiden Ohren litt. Es begann ein Streit darüber, wer wem zuerst seine Ohren zeigte. Sie beschlossen, bei drei, gleichzeitig die Mützen vom Kopf zu nehmen.

"Eins, zwei, drei!"

Da geschah etwas Sonderbares. Statt sich zu schämen und in Tränen auszubrechen, begannen sie zu lachen. Sie lachten übermütig und amüsierten sich über die langen Ohren. Aber mitten im schönsten Gelächter, wurde Docht plötzlich ganz still. Er begann zu schwanken und wechselte die Farbe:

"Hilf mir Pinocchio! Ich kann nicht mehr gerade auf meinen Beinen stehen!"

"Ich auch nicht mehr", schrie Pinocchio auf und taumelte. Noch während sie das sagten, fielen sie vornüber und fingen an auf allen Vieren durchs Zimmer zu laufen. Sie rannten herum und ihre Arme wurde zu Eselsfüßen, ihre Gesichter verlängerten sich und bekamen Mäuler und ihr Rücken bedeckte sich mit einem dichten hellgrauen, schwarz gepunkteten Fell.

Und wisst ihr, wann der schlimmste Augenblick für die beiden Taugenichtse war? Als ihnen hinten am Rücken ein Schwanz wuchs. Sie schämten sich zutiefst und bejammerten ihr Schicksal. Doch was war das? Aus den Mäulern kam nur lautes "I-A, I-A!"

Da wurde an die Tür geklopft und eine Stimme von draußen rief: "Macht auf! Hier ist der Kutscher, der euch hergebracht hat. Macht auf, sonst wehe euch!"

Als nicht geöffnet wurde, trat das Männlein die Tür ein. Die Eselchen verstummten, ließen den Kopf und die Ohren hängen und zogen den Schwanz ein. Das Männlein streichelte sie, dann begann er sie zu striegeln. Das Fell begann zu glänzen und der Kutscher legte ihnen Zaumzeug an, um sie auf den Marktplatz zu bringen. Er würde für die beiden bestimmt eine hübsche Summe bekommen.

Und wirklich ließen die Käufer nicht lange auf sich warten. Docht wurde von einem Bauern gekauft und Pinocchio von einem Zirkusdirektor.

Nun habt ihr wohl erkannt, was das freundliche Kutschermännchen in Wirklichkeit für ein böses Ungeheuer war. Er sammelte von Zeit zu Zeit alle faulen Kinder ein, brachte sie ins Spielzeugland und wartete, bis zu kleinen dummen Eselchen wurden, um sie dann zu verkaufen.

Was aus Docht wurde, weiß ich nicht. Pinocchio aber hatte eine harte Zeit vor sich. Da er auch als Esel sehr wählerisch war, was sein Essen anging, bekam er von seinem neuen Herrn zwei kräftige Hiebe mit der Peitsche.

Der Hunger wurde irgendwann übermächtig und Pinocchio versuchte ein Maul voll Heu. Zu seiner Verwunderung stellte er fest, dass es gar nicht so übel schmeckte und fraß über Nacht alles auf. Am nächsten Morgen hatte er wieder Hunger, doch sein Herr sagte:

"Glaubst du, ich habe dich gekauft, um dich zu mästen? Du wirst hier arbeiten. Also los! Im Zirkus bringe ich dir bei, wie man durch Reifen springt und auf den Hinterbeinen Walzer und Polka tanzt."

Pinocchio blieb keine andere Wahl. In den nächsten drei Monaten lernte er all diese Dinge und bezog zahllose Peitschenhiebe. Doch dann war der große Tag gekommen. Auf bunten Plakaten, die überall klebten, war zu lesen:

GROSSE GALAVORSTELLUNG: Heute tritt zum ersten Mal das berühmte ESELCHEN PINOCCHIO, unser STERN DES TANZES auf. Das Theater ist taghell erleuchtet!

Das Theater war bis auf den letzten Platz gefüllt. Alle waren gekommen, um das berühmte Eselchen zu sehen. Nach dem ersten Teil, trat der Zirkusdirektor vor das Publikum, machte eine tiefe Verbeugung und hielt eine feierliche Ansprache:

"Hochverehrtes Publikum. Heute Abend sehen sie das Ergebnis monatelanger Arbeit. Ich möchte Ihnen das Eselchen Pinocchio vorstellen. Bitte unterstützen sie es mit ihrem Applaus."

Die Zuschauer klatschen kräftig und als das Eselchen die Arena betrat, wurde der Applaus zu einem wahren Orkan. Pinocchio war festlich herausgeputzt. Hinter seinen Ohren steckten weiße Kamelien. Die Mähne war in Locken geteilt, die mit bunten Bändern gehalten wurden. Der Schwanz war von dunkelroten und hellblauen Samtbändern durchflochten. Kurzum, ein Eselchen zum Verlieben!

"Vorwärts Pinocchio! Im Schritt!", rief der Direktor.

Da sprang das Eselchen auf die Beine und lief rund um die Manege im Schritt. Mit dem jeweiligen Kommando steigerte der Direktor das Tempo bis zum Galopp. Als Pinocchio volle Geschwindigkeit hatte, ertönte ein Pistolenschuss, den der Direktor abgegeben hatte.

Das Eselchen tat so, als wäre es verwundet und fiel zur Seite. Das Publikum tobte, vor Begeisterung. Als Pinocchio wieder aufschaute, erkannte er in der Loge eine schöne Frau, die um den Hals eine dicke goldene Kette trug, mit einem Medaillon, auf das das Bild einer Holzpuppe gemalt war.

"Das ist ja mein Bild! Diese Frau ist die gute Fee!", wieherte Pinocchio. Voller Freude wollte er nach ihr rufen, aber es ertönte nur erbärmliches Eselsgeschrei. Die Zuschauer hielten sich vor Lachen die Bäuche.

Der Zirkusdirektor verpasste dem Eselchen einen Peitschenhieb auf die Nase, um es zu belehren. Als der Esel den Schmerz überwunden hatte, sah er erneut zur Loge - doch sie war leer! Die Fee verschwunden!

Pinocchio glaubte zu sterben. Seine Augen füllten sich mit Tränen und er weinte bitterlich. Aber niemand bemerkte es, nicht einmal der Direktor, der ihn mit der Peitsche zum Springen aufforderte. Beim Sprung durch den Reifen, blieb er mit den Hinterläufen hängen und fiel zur Erde. Als er aufstand, hinkte er stark.

Der Arzt, der am nächsten Morgen gerufen wurde, erklärte, dass das Eselchen sein restliches Leben lahmen würde. Da sagte der Direktor zum Stallburschen: "Was soll ich mit einem lahmen Esel. Bring ihn zum Markt und verkaufe ihn wieder!"

Wenig später gehörte Pinocchio einem Mann, der aus Pinocchio Fell eine neue Trommel für die Musikkapelle seines Dorfes machen wollte.

Und tatsächlich führte der Mann den Esel zu einer Klippe, band ihm einen großen Stein um den Hals und ein Seil an den Hinterhuf. Dann verpasste er ihm einen Stoß und Pinocchio fiel ins Meer. Der Mann setzte sich auf einen Felsen und wartete geduldig ab, bis der Esel ertrunken war, um ihm dann das Fell abzuziehen.

Pinocchio wird vom Walfisch verschlungen

Nach gut fünfzig Minuten dachte der Käufer, jetzt müsse der Esel mausetot sein. Er wollte ihn heraufziehen, um aus dem Fell eine schöne Trommel zu fertigen. Er begann zu ziehen: zog und zog - doch was tauchte schließlich auf? Statt eines toten Esels, hing eine lebendige Marionette am Seil, die sich wie ein Aal wand.

Dem Mann blieb der Mund offen stehen und als er sich vom ersten Schreck erholt hatte, fragte er: "Wo ist mein Esel?"

"Der Esel bin ich!", gab Pinocchio lachend zur Antwort.

"Du? Willst du Bengel dich über mich lustig machen?"

"Es ist mein Ernst. Das Salzwasser wird mich wieder verwandelt haben. Solche Scherze erlaubt sich das Meer öfter!"

"Hüte dich du Bengel! Wehe dir, wenn mir der Geduldsfaden reißt", schimpfte der Mann.

"Wenn du mein Bein losbindest, erzähle ich dir die ganze Geschichte."

Der Käufer, im Grunde ein braver Geselle, wurde neugierig und band Pinocchio los, der sofort zu erzählen begann. Von seinem Leben als Holzpuppe, der Schule, dem Spielzeugland und wie er ein Esel wurde. Natürlich berichtete er auch über seine Zeit im Zirkus und warum er auf dem Markt an den Mann verkauft wurde.

"Ich habe zwei Mark für dich bezahlt. Wer gibt mir mein Geld zurück!"

"Verzweifelt nicht, guter Herr! Esel gibt es genug auf dieser Welt. Aber ich werde dir die Geschichte noch zu Ende erzählen. Denn du hast deine Rechnung ohne die gute Fee gemacht."

"Wer ist diese Fee?"

"Meine Mutter. Wie alle guten Mütter hat sie mich immer beschützt. Als ich so im Wasser hing, schickte sie einen riesigen Schwarm Fische zu mir, der mir erst die Ohren, den Schwanz und zuletzt das ganze Eselfleisch abfraß. Zurück blieb die Holzpuppe. Du musst wissen, ich bin aus einem besonders harten Holz geschnitzt. Das bemerkten die Fische sehr schnell und schwammen davon."

"Über deine Geschichte kann ich nur lachen", schrie der Käufer zornig. "Ich möchte meine zwei Mark zurück. Weißt du, was ich mache? Ich verkaufe dich als Brennholz auf dem Markt!"

"Verkauf mich nur! Ich bin einverstanden!", rief Pinocchio. Und wie er das sagte, sprang er ins offene Meer zurück. Er schwamm davon und rief: "Auf Wiedersehen, mein Herr!"

Während Pinocchio auf gut Glück dahin schwamm, sah er mitten im Meer eine Klippe aufragen, die offenbar aus weißem Marmor war. Am höchsten Punkt der Klippe entdeckte er ein Zicklein, dass ihm meckernd ein Zeichen gab, er solle näherkommen.

Das Sonderbarste an dem Zicklein war die Farbe seines Felles. Es war nicht weiß, oder braun, oder gar gefleckt, nein, es war leuchtend blau und erinnerte an das Haar des schönen kleinen Mädchens. Könnt ihr euch vorstellen, wie Pinocchios Herz höher schlug? Mit aller Kraft schwamm er auf die Klippe zu. Nachdem er fast die halbe Strecke zurückgelegt hatte, tauchte plötzlich der fürchterliche Kopf eines Seeungeheuers vor ihm auf. Das weit aufgerissene Maul glich einem gähnenden Abgrund. Drei Reihen schrecklicher Zähne jagten Pinocchio unglaubliche Angst ein.

Dieses Seeungeheuer war niemand anderes als der Riesenwalfisch, von dem schon öfters in dieser Geschichte die Rede war. Pinocchio versuchte diesem Monster auszuweichen und änderte seine Richtung, aber das aufgerissene Maul kam wie ein Pfeil auf ihn zugeschossen.

"Beeile dich, Pinocchio!", meckerte die Ziege angstvoll.

Pinocchio verdoppelte seine Geschwindigkeit und schien durchs Wasser zu fliegen. Er war dicht bei der Klippe und das Zicklein wollte ihm aus dem Wasser helfen - aber es war zu spät! Das Ungeheuer hatte ihn erreicht und schlürfte den armen Pinocchio in sich hinein, wie man eine Auster ausschlürft.

Der Sturz in den Bauch des Wales war so heftig, dass Pinocchio vom groben Aufprall eine viertel Stunde betäubt lieben blieb. Als er sich von seinem Schrecken erholt hatte und wieder zu sich kam, wusste er nicht einmal mehr, wo er sich befand. Um ihn herum war alles so schwarz, dass er meinte in ein Tintenfass gefallen zu sein.

Von Zeit zu Zeit wehte ihm ein heftiger Windstoß ins Gesicht. Der Wal litt nämlich an Asthma und so kam die Luft aus seinen Lungen, wie der Nordwind daher.

Zuerst wollte Pinocchio stark bleiben. Doch wie er darüber nachdachte, dass er im Bauch eines Seeungeheuers gefangen war, fing er an zu weinen zu jammern und zu schreien: "Hilfe! Hilfe! Kommt mich denn keiner retten?"

"Wer soll dich denn retten, Unglücklicher?", sagte aus dem Dunkel eine laute, schrille Stimme, die wie eine verstimmte Geige klang.

"Wer bist du?", fragte Pinocchio, dem es eiskalt dem Rücken hinunter lief.

"Ein armer Thunfisch, den der Wal verschluckt hat. Und was für ein Fisch bist du?"

"Mit Fischen habe ich nichts zu tun, ich bin eine Holzpuppe. Was sollen wir jetzt nur tun?", jammerte Pinocchio.

"Uns mit unserem Schicksal abfinden und warten, bis der Wal uns verdaut hat."

"Aber ich will nicht verdaut werden!", schrie Pinocchio und weinte erneut. "Ich will fort von hier. Ich werde fliehen! Ist der Walfisch sehr groß?"

"Sein Leib ist länger als ein Kilometer, da ist der Schwanz noch nicht einmal eingerechnet."

Während sie im Dunkeln diese Unterhaltung führten, schien es Pinocchio, als sähe er ganz in der Ferne einen schwachen Lichtschimmer. Und er fragte den Thunfisch, was das für ein Licht sei.

"Es wird irgendein Unglücksgefährte von uns sein!"

"Ich will zu ihm hingehen. Vielleicht ist es ein alter, erfahrender Fisch, der mir zeigen kann, wie man hier wieder herauskommt."

"Das wünsche ich dir von ganzen Herzen, lieber Junge! Lebe wohl!"

"Lebe auch du wohl, Thunfisch."

Wen Pinocchio findet, lest selber…

Sobald sich Pinocchio von seinem neuen Freund, dem Thunfisch, verabschiedet hatte, tappte er in die Dunkelheit hinein. Langsam tastete er sich durch den Walfischbauch. Schritt für Schritt dem Lichtschimmer immer ein Stückchen näher.

Je weiter er ging, desto heller wurde der Lichtschein, bis er ihn endlich erreichte. Und was fand er da? Ihr dürft ein Mal raten!

Ein kleines gedecktes Tischchen, auf dem eine brennende Kerze stand, die in einer grünen Glasflasche steckte. An diesem Tisch saß ein alter Mann mit Haaren so weiß wie Schlagsahne. Bei diesem Anblick überkam Pinocchio solche Freude, dass er glaubte verrückt zu werden. Er wollte lachen und weinen und einen ganzen Haufen erzählen, aber er stammelte nur wirres Zeug.

Endlich stieß er einen Freudenschrei aus, breitete die Arme aus und fiel dem alten Mann um den Hals. "Mein lieber Vater! Endlich habe ich dich wieder. Nun werde ich dich nie mehr verlassen. Nie mehr!"

"Traue ich meinen alten Augen? Pinocchio bist du es wirklich?", erwiderte der Alte und wischte sich über die Augen.

"Ja, ich bin es! Erkennst du mich nicht mehr? Mein lieber Vater, wenn du wüsstest welch großes Unglück über mich kam, seit ich von dir davongerannt bin." Pinocchio machte es sich auf Geppettos Schoß bequem und begann zu erzählen:

Er begann an dem Tag, als er die Fibel erhalten hatte. Als er erzählte, wie er Geppetto in seinem Boot zwischen den Wellen entdeckt hatte, unterbrach ihn sein Vater.

"Ich habe dich auch gleich erkannt und wollte zurück ans Ufer. Aber es war zu stürmisch. Ich trieb ins offene Meer hinaus, direkt auf den fürchterlichen Walfisch zu. Dieser streckte seine Zunge heraus und verschlang mich, wie ein Frühstücksbrötchen.

"Wie lange bist du schon hier drin?", wollte Pinocchio wissen.

"Zwei Jahre, mein lieber Pinocchio, die mir wie zwei Jahrhunderte vorkommen!"

"Wie konntest du nur so lange überleben?"

"Das will ich dir erzählen. An jenem Tag, als der Wal mich verschluckt hatte, kenterte ein großes Handelsschiff. Die Besatzung konnte sich in Sicherheit bringen, aber das Schiff sank. Der Wal hatte offensichtlich einen ausgezeichneten Appetit, denn er schluckte das ganze Schiff auf einen Bissen. Nur den Mastbaum hat er wieder ausgespuckt, weil er ihm zwischen den Zähnen hängen geblieben war."

Pinocchio schaute mit weit offenen Mund zu seinem Vater, der fortfuhr: "Zu meinem Glück hatte das Schiff Büchsenfleisch, Zwieback, Wein, Rosinen, Käse, Zucker, Kerzen und Streichhölzer geladen. Von diesen Dingen habe ich die zwei Jahre überlebt. Doch nun ist die Vorratskammer leer, und die Kerze, die du hier siehst, ist die letzte…"

"Und dann?"

"Dann werden wir im Dunkeln sitzen!"

"Wir müssen fliehen, am besten sofort!", rief Pinocchio.

"Fliehen? Und wie?"

"So, wie wir hereingekommen sind, durch das Maul des Walfisches."

"Du hast gut reden, mein Sohn. Ich kann nicht schwimmen."

"Das machst nichts. Du setzt dich auf meinen Rücken und ich bringe uns wohlbehalten ans Ufer."

Geppetto hatte große Zweifel und versuchte Pinocchio seinen Plan auszureden. Doch der nahm ohne weitere Worte die Kerze und ging voraus, um zu leuchten. "Folge mir, hab keine Angst", sagte er zu seinem Vater.

Sie gingen eine gute Weile. Bei der gewaltigen Kehle des Ungeheuers angekommen, machten sie Halt, um den richtigen Augenblick zur Flucht abzuwarten.

Ihr müsst wissen, dass der alte Wal nicht nur an Asthma litt sondern auch an Herzbeschwerden. Daher schlief er stets mit geöffnetem Maul. Pinocchio konnte deshalb, als er an die untere Öffnung der Kehle trat, und nach oben blickte, durch das weit aufgerissene Maul draußen den Sternenhimmel erkennen.

"Jetzt ist der richtige Augenblick. Der Wal schläft wie ein Murmeltier. Außerdem ist das Meer ganz ruhig und der Mond erleuchtet die Nacht. Bleibe dicht hinter mir, bald sind wir gerettet."

Gesagt, getan. Sie stiegen durch die Kehle des Ungetüms nach oben. Als sie in dem ungeheuren Maul angekommen waren, tippelten sie auf Zehenspitzen über die Zunge. Nur noch ein Sprung trennte sie vom rettenden Meer - da musste der Wal mit einem Mal niesen. Das Niesen war so heftig, dass die beiden zurückprallten und sich erst im Magen des Ungeheuers wieder fanden.

Durch den Sturz war die Kerze erloschen und Vater und Sohn blieben im Dunkeln.

"Was jetzt?", fragte Pinocchio und wurde sehr ernst.

"Jetzt sind wir vollkommen verloren, mein Sohn!"

"Warum verloren? Gib mir deine Hand, wir versuchen noch einmal die Flucht."

Pinocchio nahm seinen Vater und sie erklommen gemeinsam erneut das Maul, überquerten die Zunge und kletterten über die drei Zahnreihen. "Steig auf meine Schultern und heb dich gut fest. Alles andere mache ich."

Kaum hatte Geppetto sich festgeklammert, da sprang Pinocchio ins Wasser und schwamm davon. Das Meer war ruhig und glatt wie Öl, der Mond erstrahlte darüber und der Walfisch schlief so fest, dass ihn nicht einmal Kanonendonner aufwecken konnte.

Pinocchio wird endlich ein Junge

Während Pinocchio eilig davonschwamm, bemerkte er, dass Geppetto heftig zitterte. Zitterte er vor Kälte oder vor Angst? Pinocchio meinte tröstend: "Nur Mut, Vater! In ein paar Minuten haben wir Land erreicht und sind gerettet!"

"Aber wo ist das gesegnete Land?", fragte der alte Mann, der immer unruhiger wurde. "Egal, wohin ich blicke, ich sehe nur Himmel und Meer."

"Ich kann schon Land erkennen", rief Pinocchio, "du weißt doch, dass ich so gut wie eine Katze sehe." Pinocchio versuchte Hoffnung zu verbreiten, doch allmählich verlor auch er den Mut. Seine Kräfte ließen nach und er keuchte. Er schwamm, so lange es sein Körper zuließ; dann sagte er zu Geppetto: "Mein lieber Vater… ich glaube… ich sterbe…"

Da ertönte eine Stimme, die wie eine verstimmte Geige klang: "Wer stirbt da?"

"Mein armer Vater und ich!"

"Diese Stimme kenne ich doch! Pinocchio, bist du es?"

"Ganz recht! Und du?"

"Der Thunfisch! Ich bin euch gefolgt und auf demselben Weg entkommen."

"Lieber Thunfisch, du kommst genau im richtigen Augenblick. Bitte hilf uns, sonst sind wir verloren."

Der Thunfisch freute sich, dass er Pinocchio und Geppetto helfen konnte. Er ließ die beiden sich an seiner Schwanzflosse festhalten und brachte sie in wenigen Minuten ans rettende Ufer. Pinocchio bedankte sich überschwänglich und gab seinem Freund, dem Thunfisch einen zärtlichen Kuss. Dieser wurde ganz verlegen und verschwand schnell im Meer, bevor jemand seine Tränen der Rührung sehen konnte.

Es war Tag geworden und Pinocchio bot Geppetto seinen Arm: "Stütz dich nur bei mir auf, mein lieber Vater. Wir werden langsam wie die Schnecken gehen und viele Pausen einlegen. Vielleicht finden wir irgendwo ein Haus, wo man uns etwas zu essen gibt."

Sie waren noch keine hundert Schritte gegangen, da entdeckten sie am Straßenrand zwei elende Gestalten. Es waren der Fuchs und der Kater, die kaum wiederzuerkennen waren. Stellt euch vor, der Kater, der sich so lange blind gestellt hatte, war wirklich blind geworden. Und der Fuchs war sehr gealtert, sein Fell von Motten zerfressen und er hatte nicht einmal mehr einen Schwanz.

"Ach Pinocchio", rief der Fuchs mit klagender Stimme, "hab Erbarmen mit zwei armen Kranken!"

"Zwei Kranken", wiederholte der Kater.

"Nichts als Heuchler seid ihr. Ihr habt mich belogen und betrogen. Es geschieht euch recht, wenn es euch jetzt so schlecht geht."

Nach diesen Worten gingen Pinocchio und Geppetto langsam weiter. Als sie wieder hundert Schritte getan hatten, erblickten sie inmitten von Feldern eine schöne Hütte aus Stroh mit einem Ziegeldach.

"Bestimmt wohnt hier jemand", sagte Pinocchio.

Sie gingen hin und klopften an die Tür.

"Wer ist da?", fragte eine dünne Stimme.

"Wir sind ein armer Vater mit seinem Sohn, ohne Brot und ohne Dach", antwortete Pinocchio.

Die Stimme hieß Pinocchio den Schlüssel zu drehen und einzutreten. Sie gingen ins Haus und sahen sich um. Aber niemand war da. Pinocchio rief, nach dem Hausherren und die Stimme leitete ihre Blicke zur Decke. Auf einem hohen Balken saß die sprechende Grille.

"Oh, mein liebes Grillchen", begrüßte Pinocchio sie höflich.

"Jetzt nennst du mich liebes Grillen, aber erinnerst du dich, wie du den Holzhammer nach mir geworfen hast, um mich aus dem Haus zu jagen?"

"Du hast Recht. Jage auch mich hinaus, aber bitte hab Mitleid mit meinem armen Vater…"

Die Grille hatte Mitleid, auch mit dem Sohn. Eigentlich wollte sie Pinocchio nur eine Lehre erteilen.

"Gefällt euch das Haus?", fragte die Grille. "Es wurde mir gestern von einer reizenden Ziege mit leuchtend blauem Fell geschenkt."

Pinocchio wurde ganz aufgeregt, und wollte wissen, wo die Ziege hingegangen sei. Leider hatte die Grille darauf keine Antwort. Sie wusste nur, dass die Ziege sehr traurig war. Sie hatte etwas von einem Wal erzählt, der den armen Pinocchio wohl gefressen hat. Dann war sie fortgegangen.

"Es war meine liebe kleine Fee", rief Pinocchio und schluchzte bitterlich. Als seine Tränen getrocknet waren, bereitete er für Geppetto ein Lager aus Stroh, damit er sich ausruhen konnte. Danach fragte er die Grille, ob er nicht für seinen Vater einen Becher Milch bekommen könne. Die Grille erklärte ihm den Weg zu einem Gärtner, der Kühe besaß.

Pinocchio lief zum Haus des Gärtners Giangio, der wollte ihm den Becher Milch allerdings für einen Groschen verkaufen. Verschämt wollte Pinocchio gerade wieder nach Hause laufen, als der Gärtner ihm anbot, für ihn Wasser aus dem Brunnen zu befördern.

Giangio erklärte der Holzpuppe den Gebrauch der Winde, die ein Triebwerk aus Holz war. Damit sollte Pinocchio einhundert Eimer Wasser heraufholen, für den einen Becher Milch. Ohne Zögern machte sich Pinocchio an die Arbeit. Und es war eine harte Arbeit. Der Schweiß lief ihm herab und er musste erkennen, dass er noch nie eine solch schwere Tätigkeit verrichtet hatte.

"Bis jetzt", erklärte der Gärtner, "hat mein Esel die Mühe gehabt, aber er liegt im Sterben."

Pinocchio wollte das Eselchen unbedingt sehen. Giangio führte ihn in den Stall. Dort lag ein völlig überarbeitetes Eselchen. Erschüttert stellte Pinocchio fest, dass er es kannte. Er beugte sich herunter und fragte in der Eselsprache: "Wer bist du?"

Der sterbende Esel schlug die Augen auf und antwortete: "Ich…bin… Docht…" Und daraufhin schloss er die Augen für immer.

"Woher kennst du ihn?", fragte der Gärtner den weinenden Pinocchio.

"Er war mein Schulfreund!"

"Du bist mit einem Esel zur Schule gegangen? Da musst du aber eine Menge gelernt haben", sagte Giangio und brach in schallendes Gelächter aus.

Beschämt ging Pinocchio mit seinem Becher Milch nach Hause. Ab diesem Tag stand er immer vor dem Morgengrauen auf und drehte die Winde, um für Geppetto einen Becher Milch zu bekommen. Mit der Zeit lernte er Körbe zu flechten und mit diesem Geld bestritt er den Haushalt. In den Abendstunden übte er Lesen und Schreiben.

Durch seinen guten Willen gelang es ihm sogar etwas Geld auf die Seite zu legen. Als er vierzig Groschen gespart hatte, wollte er in die Stadt, um sich endlich einen Anzug zu kaufen. Er verabschiedete sich vom Geppetto und machte sich fröhlich auf den Weg.

Da erblickte er eine schöne Schnecke, die aus der Hecke kroch.

"Erkennst du mich?", fragte die Schnecke.

"Ich glaube schon… bist du nicht die Schnecke, die Zimmermädchen bei der guten Fee war?" Die Schnecke nickte nur. Pinocchio bestürmte sie mit zahlreichen Fragen und wurde immer aufgeregter. "Antworte mir schnell, schönes Schneckchen!"

Die Schnecke antwortete in gewohnter Ruhe: "Mein lieber Pinocchio, die arme Fee liegt im Hospital."

"Im Hospital?"

"Leider! Sie wurde von so viel Unglück getroffen, dass die krank wurde. Jetzt besitzt sie nichts mehr und kann sich nicht einmal mehr ein Stückchen Brot kaufen."

"Arme Fee! Wie traurig mich das macht. Viel habe ich leider nicht, aber nimm diese vierzig Groschen. Davon wollte ich mir einen Anzug kaufen. Aber den brauche ich nicht, geh schnell und bringe der Fee das Geld."

Die Schnecke lief ganz gegen ihre Gewohnheiten so schnell davon wie eine Eidechse.

Zuhause angekommen, erklärte Pinocchio seinem Vater nur, dass er nichts Passendes gefunden hätte. Dann machte er sich an die Arbeit und flocht doppelt so viel Körbe und lernte doppelt so lange.

Erschöpft ging er zu Bett und schlief ein. Im Traum sah er die wunderschöne Fee. Sie gab ihm einen Kuss und sagte: "Braver Pinocchio! Zum Dank für dein gutes Herz vergebe ich dir deine Dummheiten. Kinder, die ihre Eltern so liebevoll unterstützen, wenn sie in Not sind, die verdienen ein großes Lob. Werde ein vernünftiger Junge, dann wirst du glücklich sein."

An dieser Stelle endete der Traum und Pinocchio riss die Augen auf. Stellt euch seine Verwunderung vor, als er feststellte, dass er keine Holzpuppe mehr war! Statt der Strohwände der Hütte befand er sich in einem hübsch eingerichteten Zimmer. Er sprang aus dem Bett und fand einen Anzug, der ihm perfekt passte.

Aus den Taschen seiner Jacke, zog er eine Geldbörse aus Elfenbein auf der stand: "Die Fee mit den blauen Haaren gibt ihrem Pinocchio seine vierzig Groschen zurück und dankt ihm für sein gutes Herz."

Er öffnete die Börse, doch statt der vierzig kupfernen Groschen, funkelten ihm vierzig Goldmünzen entgegen. Daraufhin ging Pinocchio zum Spiegel und betrachtete sich. Ein kluges, munteres Gesicht mit kastanienbraunem Haar und blauen Augen blickte ihm entgegen.

Angesichts all dieser Wunder, wusste Pinocchio nicht mehr, ob er wachte oder träumte. "Aber wo ist mein lieber Vater?" Er ging ins Nebenzimmer und traf auf den alten Geppetto, der gesund und rüstig war, ganz wie früher.

"Mein Vater, wie kommt es, dass es dir so gut geht und alles ganz verändert ist?", rief Pinocchio, fiel seinem Vater um den Hals und bedeckte ihn mit Küssen.

"Ich will es dir erklären. Wenn böse Jungen gut werden, haben sie die Gabe, alles um sich herum zum Positiven zu verändern."

"Und wo hat sich der Holzpinocchio versteckt?"

"Da ist er", antwortete Geppetto und zeigte ihm eine große Marionette, die in einem Sessel lag. Die Gliedmaßen hingen herunter, der Kopf zur Seite gedreht.

Pinocchio betrachtete sie eine Weile, dann meinte er: "Wie töricht ist doch als Holzpuppe war! Und wie glücklich ich nun als richtiger Junge bin!"

Ende!

Die Geschichten von PINOCCHIO von Carlo Collodi (1826-1890) wurde von Gabi Müller für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Carlo Chiostri (1863-1890) hergestellt.


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