Zurück zur Seite    Bilder ein/ausblenden     Druckvorgang starten

Info: Für den Druck des gesamten Buches (inkl. Bilder) sind ca. 52 Blatt Papier erforderlich.

LABBÉ - 100% Kreativität

Lesekorb - Das Web-Magazin für Kinder

Betty und ihre Schwestern

von Louisa May Alcott

Vorwort

Mädchen, deren Ziel es ist brav zu sein und ihre Pflichten zu erledigen. Wie langweilig, werdet ihr denken, oder? Aber im 19. Jahrhundert, in der die Geschichte um Betty und ihre drei Schwestern spielt war das durchaus üblich.

Nun waren die vier Mädchen alles andere als immer nur artig, sonst hätte Louisa May Alcott wahrscheinlich nicht einen solchen Welterfolg mit dem Buch gelandet. Die Geschichte spielt in der Zeit des amerikanischen Bürgerkrieges, als der Norden Amerikas gegen die Südstaaten gekämpft hat. Der Vater der Schwestern hat sich als Kriegspfarrer gemeldet und so mussten die jungen Damen mit Hilfe ihrer Mutter und der Haushälterin Hanna schneller, als ihnen lieb war lernen, selbständig zu werden.

Jedem gelingt das auf seine ganz eigene Art und ihr werdet die unterschiedlichen Charaktere der March-Schwestern schnell kennen und auch lieben lernen.

Louisa May Alcott wurde am 29. November 1832 in der Nähe von Philadelphia geboren. Sie hatte schon früh angefangen zu schreiben. Leider verdiente sie dabei nicht genug und sie begann an einer Schule zu unterrichten. Später wurde sie Gouvernante, heute würde man Nanny dazu sagen. Nebenher veröffentlichte sie Gruselromane.

Während des Krieges arbeitete sie freiwillig als Krankenschwester. Nach Kriegsende wurde sie Herausgeberin der Kinderzeitschrift "Merry's". Ihr Verleger fragte sie, ob sie nicht ein Kinderbuch schreiben wolle. So entstand eine autobiographische Geschichte über ihre Kindheit und ihre Familie.

Im Original hieß das Buch "Little Women or Meg, Jo, Beth and Amy".

Der Hinweis auf die "Pilgerreise" am Anfang, bezieht sich auf ein erfolgreiches englisches Buch von John Bunyan mit dem Titel "The Pilgrim's Progress". Es beschreibt die Leiden und Gefahren eines Christen auf dem Weg bis zur Erlösung in der himmlischen Stadt.

"Little Women" ist eigentlich eine Trilogie. Das bedeutet, dass in drei Bänden über das Leben der Familie March erzählt wird. Betty und ihre Schwestern ist der erste Teil.

Louisa May Alcott, die ihr gesamtes Leben unverheiratet blieb, starb am 6. März 1888 in Boston.

Aber nun lest selbst, wie es Meg, Jo, Betty und Amy ergeht, ich bin gespannt, wer euer Liebling wird.

Kleine Pilger

"Ohne Geschenke ist es gar kein richtiges Weihnachten", beschwerte sich Jo, die gemütlich auf dem Teppich lag.

"Ach, arm zu sein ist so furchtbar!" Meg begutachtete seufzend ihr altes Kleid.

"Es ist nicht fair, manche Mädchen besitzen so viele schöne Dinge und wir haben nichts", fügte Amy mit hinzu.

"Aber wir haben doch unsere Eltern und uns!", versuchte Betty, die anderen aufzumuntern.

Für einen Moment erhellten sich die Gesichter der vier Schwestern. Doch sie verdüsterten sich sofort wieder, als Jo traurig meinte: "Vater ist aber nicht bei uns und so schnell wird er auch nicht wieder zurückkommen." Sie sagte nicht "vielleicht nie wieder", aber alle fügten dies in Gedanken hinzu, während sie an den Vater dachten, der weit weg in der Nähe von Washington an der Kriegsfront war.

Es herrschte bedrücktes Schweigen. Dann riss Meg ihre Schwestern aus den Gedanken: "Ihr wisst, Mutter hat vorgeschlagen auf Weihnachtsgeschenke zu verzichten. Sie meint wir sollten kein Geld für Vergnügen ausgeben, solange es den Männer im Krieg so schlecht geht."

"Jede von uns besitzt genau einen Dollar. Ich glaube nicht, dass der Armee mit vier Dollar geholfen ist. Es macht mir nichts aus, wenn die Eltern oder ihr mir nichts schenkt, aber ich möchte mir selber so gerne "Undine und Sintram" kaufen. Ich wünsche es mir schon ewig", sagte Jo, die ein richtiger Bücherwurm war.

Die Schwestern begannen darüber zu diskutieren, was sie sich von ihrem Dollar gerne kaufen würden. Betty wünschte sich neue Klaviernoten und Amy brauchte dringend neue Zeichenstifte. Meg jammerte: "Wir haben für unser Geld wirklich schwer gearbeitet. Besonders ich. Den ganzen Tag muss ich die schrecklichen Kinder der Familie King unterrichten."

Nun versuchte jede, die andere davon zu überzeugen, wie schlecht es ihr ginge und wie sehr sie es verdient hätte, sich etwas Schönes zu leisten. Jo, die den ganzen Tag bei Tante March verbrachte, einer überaus reizbaren und meckernden alten Person. Betty, die Abspülen und Putzen für die unerfreulichste Arbeit auf der Welt hielt und sich sicher war, davon so steife Finger zu bekommen, dass sie nicht mehr richtig Klavier spielen könne.

"Ich wette, keiner von euch leidet so schlimm wie ich", schluchzte Amy. "Ihr müsst nicht mit solch arroganten Ziegen zur Schule gehen, die euch wegen eurer Kleider auslachen, eure Nase verunglimmern und Vater als armen Schlucker etikettieren."

"Verunglimpfen, Amy", belehrte Jo das jüngste Mitglied der March-Familie lauthals lachend. "Und "etikettieren" klingt, als wäre Vater ein Gurkenglas!"

"Du brauchst dich gar nicht über mich lustig zu machen", erwiderte Amy beleidigt. "Es ist schicklich, sich gewählt auszudrücken und den eigenen Wortschatz zu erweitern."

"Streitet nicht!", ergriff Meg das Wort. "Doch wünschte ich auch, wir hätten noch all das Geld, das Vater früher besaß - wie glücklich könnten wir ohne Geldsorgen sein", grübelte sie. Noch lebhaft konnte sie, als die Älteste sich an bessere Zeiten erinnern.

"Ich meine, obwohl wir schwer arbeiten, haben wir doch jede Menge Spaß miteinander und sind eine echte Rasselbande, wie Jo sagen würde", warf Betty ein.

"Jo verwendet immer einen solchen Straßenjargon!", beschwerte sich Amy mit herablassendem Blick auf ihre schlaksige Schwester.

Sofort sprang Jo auf und begann, munter zu pfeifen.

"Hör auf Jo, so etwas tun nur Jungs!"

"Genau deswegen mache ich es ja!"

"Ich verabscheue Mädchen, die sich nicht damenhaft benehmen können!"

"Und ich hasse eingebildete Prinzesschen!"

"Pack schlägt sich, Pack verträgt sich", trällerte Betty mit solch zuckersüßer Stimme und unschuldigem Gesicht, dass sogar die beiden Zankhähne lachen mussten.

Meg, die die gerne die Mutterrolle in deren Abwesenheit übernahm, begann mit einer Standpauke. Sie warf Jo vor, dass man sich als eine junge Dame gefälligst auch so zu benehmen hätte. Wütend riss sich Jo, die eigentlich Josefine hieß das Haarnetz vom Kopf und schüttelte ihre kastanienbraune Mähne. "Ich hasse es erwachsen zu werden. Ich will nicht Miss March werden und wie ein Püppchen herumstolzieren. Ich möchte ein Junge sein - dann wäre ich jetzt bei Papa, statt hier wie eine alte Oma zu stricken."

Betty versuchte ihre ältere Schwester zu trösten, doch Meg fuhr fort. "Du Amy, du benimmst dich viel zu geziert. Mit zwölf Jahren mag das ja noch ganz witzig, aber wenn du so weiter machst, wirst du bald eine hochmütige Diva."

"Wenn Jo ein Wildfang ist und Amy eine Diva, was bin ich dann?", wollte Betty wissen.

"Du bist unser Engel!", erklärte Meg ohne Umschweife. Und niemand widersprach. Die dreizehnjährige Betty war mit ihrem ruhigen, Wesen tatsächlich der Liebling aller. Sie hatte glatte braune Haare, einen rosigen Teint, strahlende Augen und fast immer ein zufriedenes Lächeln.

Ihre Schwester Amy war mit zwölf Jahren zwar die Jüngste, ließ aber mit ihrer Art keinen Zweifel darüber, dass sie sich selbst für eine überaus wichtige Persönlichkeit hielt. Sie war ein bezauberndes Mädchen mit blonden Locken und blauen Augen. Nur ihre kleine Stupsnase fand Amy selbst "absolut hässlich".

Jo machte sich nicht viel aus Äußerlichkeiten. Ihr wunderschönes Haar stopfte sie meist lieblos in ein Netz. Mit ihren langen, dünnen Armen und Beinen erinnerte die Fünfzehnjährige an ein junges Fohlen. Vom Herumtollen im Freien war sie braun gebrannt.

Meg, war mit sechzehn Jahren schon eine richtige junge Dame und sehr eitel. Sie besaß bereits eine sehr weibliche Figur und hatte große braune Augen und dicke braune Locken. Da es sechs Uhr schlug und die Mutter bald zu Hause erwartet wurde, stoppte Meg ihre Predigt.

Es wurde alles für Mrs Marchs Heimkehr vorbereitet. Betty, die Mutters Hausschuhe im Kamin anwärmte, bemerkte: "Mutters Schuhe sind ganz kaputt, ich werde meinen Dollar nehmen und ihr neue kaufen."

Erneut begannen die Mädchen zu diskutieren. Sie kamen zu dem Schluss, dass Mrs March Pantoffeln, Handschuhe, selbst bestickte Taschentücher und eine Flasche Kölnisch Wasser bekommen würde.

"Aber bevor Mutter eintrifft, sollten wir schnell noch für unser Theaterstück an Weihnachten proben", ermahnte Jo ihre Schwestern.

"Das ist das letzte Mal, dass ich mitspiele", nörgelte Meg. "Ich fühle mich langsam zu alt für solche Kindereien."

Jo, nahm ihre Schwester nicht besonders ernst, immerhin war Meg die beste Schauspielerin unter den Schwestern war. "Amy, komm her und spiel noch mal die Szene als Ohnmächtige! Du wirkst noch steif wie ein Stock", erteilte Jo Regieanweisungen.

Amy, der eigentlich jedes schauspielerische Talent fehlte versuchte ihr bestes. Das Stück, das sie dieses Jahr aufführten hieß "Der Fluch der Hexe" und die Autorin war Jo selbst. Betty sah ihre große Schwester voller Bewunderung an: "Du bist ein richtiger kleiner Shakespeare!"

Als die Probe gerade in vollem Gang war und die Mädchen über das eine oder andere Missgeschick kicherten, kam Mrs March nach Hause: "Schön, dass ihr so vergnügt seid!", ertönte ihre fröhliche Stimme in der Tür. Die jungen Schauspielerinnen drehten sich um und liefen auf ihre Mutter zu, umarmten sie und nahmen ihr den Mantel ab. Es war nur ein schlichter grauer Umhang, doch die große, schlanke Mrs March machte einen eleganten Eindruck darin.

Auf ihrem Gesicht lag ein liebevoller Blick. "Meine Lieben, wie war euer Tag?" Während die Mutter sich von ihren Töchtern deren Tag schildern ließ, zog sie ihre vom Schnee durchweichten Stiefel aus, schlüpfte in ihre vorgewärmten Hausschuhe und machte es sich mit Amy im Lehnstuhl bequem.

"Nach dem Essen gibt es eine Überraschung für euch", sagte Mrs March geheimnisvoll, als sie alle am Tisch saßen. Ein hoffnungsvolles Lächeln huschte über die Gesichter der vier Mädchen. Jo wirbelte ihre Serviette in die Luft und rief: "Ein Brief! Ein Brief von Vater! Stimmt's?"

"Ja, ein langer Brief. Er glaubt, er übersteht den harten Winter besser, als er dachte. Er wünscht uns frohe Weihnachten, schickt viele liebe Grüße und hat noch eine besondere Botschaft für euch."

Ihr Vater hatte sich freiwillig als Pfarrer und Seelsorger gemeldet, um den Soldaten an der Front beizustehen. Als alle bereit waren, las die Mutter den Brief vor. Er war sehr aufmunternd geschrieben und beschrieb sehr lebendig vom Alltag im Lager. Doch gegen Ende des Briefes spürte man das Heimweh, des Vaters:

"Gib den Mädchen einen Kuss von mir und drück sie ganz fest. Ihr Liebe ist für mich ein großer Trost. Leider werden wir uns noch längere Zeit nicht sehen, aber wenn wir in dieser Zeit fleißig arbeiten, werden diese harten Tage nicht vergeudet sein. Ich weiß, dass meine Mädchen brave, liebevolle Töchter sein werden. Sie werden ihre Pflichten erledigen und sich ausgezeichnet entwickeln, sodass ich, wenn ich heimkomme, noch stolzer auf meine kleinen Damen sein kann."

Die vier Schwestern waren den Tränen nahe. Sie nahmen sich vor, sich zu bessern. Amy drückte ihr Gesicht an Mrs Marchs Schulter und schniefte: "Ich bin so selbstsüchtig. Aber ich werde mich ganz bestimmt bessern, sodass ich ihn nicht enttäusche."

Den Schwestern liefen Tränen über ihre Wangen und jede gelobte sich zu bessern.

"Erinnert ihr euch noch an das Buch "Die Pilgerreise", das haben wir immer nachgespielt, als ihr noch klein wart?", fragte die Mutter. "Vom Keller bis zum Dachboden seid ihr mit alten Hüten, Bündeln und Wanderstäben gereist."

"Oh ja, wenn ich nicht schon zu alt dafür wäre, würde ich es gerne noch einmal spielen", meinte Amy, die sich schon für furchtbar erwachsen hielt.

"Dafür ist man nie zu alt, Liebes", erklärte Mrs March. "Auf die eine oder andere Weise sind wir unser ganzes Leben auf einer Pilgerreise. Jeder hat sein Bündel mit Lasten zu tragen. Der Wegweiser ist unsere Sehnsucht nach Glück, sie führt uns durch alle Hindernisse. Nun, meine kleinen Pilger, was denkt ihr darüber erneut auf die Reise zu gehen? Diesmal in unseren richtigen Leben. Ich bin gespannt, was wir erreichen, bis Vater wieder bei uns ist."

"Aber wo sind unsere Bündel?", fragte Amy, die alles immer sehr wörtlich nahm.

"Ihr habt sie vorhin selbst aufgezählt, als ihr euch vorgenommen habt, euch zu bessern. Meg möchte weniger an ihr Aussehen denken und mehr arbeiten, Jo möchte eine Dame werden, Betty lieber Abspülen und nicht so ängstlich sein und du Amy möchtest weniger an dich selbst denken. Lasst es uns einfach probieren", sagte Mrs March nachdenklich.

"Es ist nur ein anderer Name für den Versuch, gute Menschen zu werden. Das Spiel hilft uns sicher, besser daran zu denken."

"Uns fehlt aber wie der Pilger im Buch eine Schriftrolle mit Leitsätzen, die uns die Richtung anzeigt", schlug Jo begeistert vor. Die Idee gefiel ihr, weil sie den langweiligen Pflichten einen Hauch von Romantik und Abenteuer verlieh.

"Schaut am Weihnachtsmorgen unter euer Kopfkissen und ihr werdet eure Reiseführer finden", versprach Mrs March.

Fröhliche Weihnachten

Als Jo am Weihnachtsmorgen erwachte dämmerte es gerade. Ihr erster Blick galt dem Kamin. Doch dort waren keine Socken mit Süßigkeiten. Einen Moment war sie sehr enttäuscht, aber dann fiel ihr Mutters Versprechen wieder ein. Sie griff unters Kopfkissen - und wirklich, da war ein harter Gegenstand. Sie zog ein kleines Büchlein mit purpurrotem Einband hervor. Es war die wunderschöne, alte Geschichte "Die Pilgerreise". Am Ende hatte Mutter einige Seiten mit ihrer schwungvollen Handschrift zugefügt. Jo spürte sofort, dass ihr das Buch auf ihrem langen Weg ein guter Begleiter sein würde.

Mit einem temperamentvollen "Fröhliche Weihnachten!", weckte sie Meg und erinnerte sie an die Überraschung unter dem Kopfkissen. Meg fand ein grün eingebundenes Buch mit derselben Geschichte. Auch ihre beiden jüngeren Schwestern waren im Zimmer nebenan aufgewacht und hatten ihre Bücher entdeckt. Bettys Buch war taubengrau, das von Amy dunkelblau.

Die Schwestern blätterten in ihren Büchern und tuschelten über die persönlichen Leitsätze der Mutter, während draußen langsam die Sonne aufging. Sie beschlossen, jeden Morgen nach dem Aufstehen einige Seiten in den Büchern zu lesen.

Als es Zeit fürs Frühstück war, fragte Meg erstaunt: "Wo ist eigentlich Mutter?"

"Ich weiß auch nicht, vorhin kam ein kleiner Betteljunge und erzählte etwas von einer kranken Mutter", berichtete Hanna, "da ist sie sofort mit ihm gegangen, um zu helfen." Hanna half schon seit Megs Geburt im Haushalt der Marchs, und alle hatten die hilfsbereite Frau so ins Herz geschlossen, dass sie längst ein Familienmitglied war.

Meg zog den Korb mit den Geschenken hervor, den die Schwestern unter dem Sofa versteckt hatten. "Wo ist den Amys Flasche mit Kölnisch Wasser?", fragte sie bestürzt, als sie den leeren Platz im Korb bemerkte. Da hörten sie Schritte im Flur und wollte den Korb gerade wieder unters Sofa schieben, als sie bemerkten, dass es nur Amy war.

"Wo warst du denn?", wollte Meg wissen, die sich wunderte, dass die bequeme Amy schon so früh unterwegs gewesen war.

"Lacht mich nicht aus!", begann Amy und holte eine Flasche Kölnisch Wasser hinter ihrem Rücken hervor, die doppelt so groß war wie die fehlende. "Ich wollte doch unbedingt neue Zeichenstifte, deshalb hatte ich von meinem Dollar nur die kleine Flasche gekauft. Aber sie waren zum Glück noch unbenutzt. So konnte ich sie wieder eintauschen… ich möchte doch nicht mehr so egoismisch sein!"

Amy machte ein so ernstes Gesicht, dass nicht mal Jo Lust hatte, sie zu verbessern.

Erneut klapperte die Eingangstür und Amy steckt die Flasche schnell in den Korb und schob ihn zurück.

"Frohe Weihnachten Mutter! Vielen Dank für die schönen Bücher. Wir haben schon darin gelesen." Fröhlich riefen alle vier Schwestern durcheinander, als ihre Mutter die Tür aufmachte.

"Frohe Weihnachten, meine kleinen Damen", antwortete Mrs March und nahm ihre Mädchen der Reihe nach in den Arm. "Es freut mich, dass ihr schon mit eurer Pilgerreise begonnen habt. Ich habe auch gleich einen Vorschlag: Nicht weit von hier liegt eine kranke Frau mit ihrem neugeborenen Baby. Daneben hocken sechs Kinder in dem einzigen Bett, um sich gegenseitig gegen die bittere Kälte zu schützen. Sie haben weder Brennholz noch etwas zu essen. Was haltet ihr davon, wenn wir diesen armen Menschen unser Weihnachtsfrühstück schenken?"

Allen Mädchen knurrte der Magen. Sie hatten über eine Stunde gewartet und die Leckereien auf dem Tisch sahen verlockend aus. So delikate Sachen hatte es lange nicht gegeben. Ein paar Sekunden schwiegen alle betreten, bis Jo herausplatzte: "Was bin ich froh, dass wir nicht ohne dich angefangen haben!"

Schnell war alles eingepackt und die Schwestern machten sich zusammen mit ihrer Mutter auf den Weg.

Die Hütte bestand aus einem einzigen Raum, dessen Fenster eingeschlagen war. Die Kinder hatten sich zur Mutter und dem Baby unter eine alte, löchrige Decke gelegt. Ihre Gesichter sahen hungrig aus und die Lippen waren blau.

"Sie schickt der Himmel", rief die arme Frau. "Gott hat uns wahre Engel gesandt!"

Hanna hatte Holz mitgebracht und begann sofort, den Kamin zu schüren. Dann reparierte sie mit ein paar alten Decken notdürftig das kaputte Fenster. Erst schüchtern, dann mit Heißhunger, verschlangen die Kinder die mitgebrachten Speisen.

Obwohl die vier Schwestern nur hungrig zusahen und dabei halfen die Jüngsten zu füttern, empfanden sie dies als das schönste Frühstück ihres Lebens.

Zu Hause schmeckten Brot und Milch noch einmal so gut wie sonst. Nach den Essen ging Mrs March nach oben um für die arme Familie Hummel ein paar alte Kleider herauszusuchen. Die Mädchen nutzten die Gelegenheit, um den Geschenketisch für ihre Mutter vorzubereiten und mit Blumen zu schmücken.

Betty stimmte einen fröhlichen Marsch auf dem Klavier an. Meg führte die Mutter mit verbundenen Augen ins Zimmer und alle riefen: "Überraschung!"

Mrs March war vor Freude völlig gerührt und strahlte übers ganze Gesicht, während sie die Päckchen auspackte. Jedes Geschenk war ein Erfolg. Schuhe und Handschuhe passten wie angegossen und Mrs March steckte sich sofort ein besticktes Taschentuch mit ein paar Tropfen Parfüm in ihre Tasche.

Den Rest des Tages herrsche hektischer Betrieb. Am Abend sollte das Theaterstück von Jo aufgeführt werden. Dafür wurden Möbel zu Requisiten umgebaut, Kostüme anprobiert und die Mädchen aus der Nachbarschaft eingeladen.

Etwa ein Dutzend Freundinnen saß gespannt vor dem blauen Vorhang, hinter dem es aufgeregt raschelte. Amy kicherte hysterisch, sie war sehr nervös. Ein Glöckchen läutete und die Vorstellung begann. Nach jeder Szene gab es tosenden Applaus. Bisher hatte alles geklappt. Aber als der Hauptakteur in der Schlussszene die Prinzessin mit einer Strickleiter von Turm retten wollte, brach dieser zusammen und das Liebespaar wurde mit lautem Gepolter unter dem gebastelten Turm begraben.

"Nicht lachen! Tut so, als wäre das alles geplant", flüsterte Meg und eilte in ihrer Rolle als Don Pedro auf die Bühne und befreite die beiden. Dank Megs spontanem Einsatz nahm das Stück zwar einen leicht veränderten Ausgang, doch das Publikum war begeistert und spendete tosenden Beifall.

Da erschien Hanna auf dem Dachboden und bat die jungen Damen zu Tisch.

Als die Mädchen im Wohnzimmer ankamen, blieb ihnen die Sprache weg. So einen reich gedeckten Tisch hatten sie schon seit Jahren nicht mehr gesehen: Neben Brot, Butter, Käse und Wurst standen da Kuchen, frisches Obst und eine Schale teurer französischer Bonbons.

Die Mädchen starrten wortlos den Tisch, dann ihre Mutter an, der die verblüfften Gesichter sichtlich Vergnügen bereiteten.

"War eine gute Fee hier?", fragte Amy.

"Oder der Weihnachtsmann?", fügte Betty hinzu.

"Nein, nichts davon. Der alte Mr Laurence hat die Sachen geschickt", antwortete Mrs March.

"Der Großvater des Laurence-Jungen? Wie in aller Welt kommt er auf so eine Idee? Wir kennen ihn doch kaum!", wunderte sich Meg.

"Hanna hat einem seiner Hausangestellten von euerem Weihnachtsfrühstück erzählt. Er ist ein eigentümlicher alter Kauz, aber das hat ihm gefallen. Vor vielen Jahren war er mit meinem Vater befreundet und hat mir heute Nachmittag eine höfliche Nachricht geschickt: Er hoffe, ich erlaube es ihm, seiner Freude über euer Handeln dadurch Ausdruck zu verleihen, dass er ein paar Kleinigkeiten schicken lasse."

"Die Idee stammt bestimmt von diesem Jungen. Ich bin mir sicher, er war es! Ein netter Kerl. Er schaut immer, als würde er sich gerne unterhalten, ist aber zu schüchtern. Und Meg hat mir verboten, ihn auf offener Strasse anzusprechen", erklärte Jo, während die Platten voller Leckereien von Hand zu Hand wanderten.

Der Junge, von dem die Rede war, lebte im großen Nachbarhaus bei seinem Großvater. Der alte Herr war sehr streng und ließ seinen Enkel viel lernen. Als die Katze der Familie March einmal weggelaufen war, hatte der Junge sie zurückgebracht, und sich kurz mit Jo unterhalten.

"Er hat gute Manieren, und wirkte wie ein Gentleman, als er heute die Blumen selbst vorbeibrachte", meinte Mrs March. "Er schaute sehr neugierig, als er die ausgelassene Stimmung von euch oben hörte. Sicher hätte er gerne mitgelacht. Ich habe nichts dagegen, wenn ihr euch mit ihm anfreundet, vorausgesetzt es ergibt sich eine Gelegenheit."

"Ach, was für schöne Blumen das sind. So einen tollen Strauß hatte ich noch nie", sagte Meg andächtig und roch an den exotischen Blumen auf dem Tisch.

"Ich wünschte, ich könnte meinen Strauß Vater schicken", seufzte Betty. "Er hat bestimmt kein so schönes Weihnachtsfest, wie wir."

Der Nachbarsjunge

"Jo, wo bist du nur?"

"Hier!", tönte eine abwesende Stimme vom Dachboden.

Meg rannte nach oben. Jo kauerte, einen Apfel mampfend, auf dem alten, dreibeinigen Sofa unter dem sonnigen Dachfenster und war völlig in ihr Buch vertieft. Hier war Jos Rückzugsort, an dem sie niemand beim Lesen störte.

"Jo, stell dir vor", sprudelte Meg begeistert hervor und schwenkte ein edles Kuvert. "Wir haben eine offizielle Einladung von Mrs Gardiner für morgen Abend bekommen. Sie lädt dich und mich zu einem Tanz am Neujahrsabend ein. Mutter lässt uns hingehen. Es bleibt nur die Frage, was wir anziehen sollen."

"Was für eine blöde Frage", erwiderte Jo immer noch ihren Apfel kauend. "Die Popelinekleider natürlich - etwas anderes haben wir doch nicht."

"Ich hätte so gerne ein Seidenkleid. Mutter hat mir eines zu meinem 18. Geburtstag versprochen, aber das sind ja noch zwei Jahre hin."

"Ach, so schlecht sind unsere Kleider gar nicht. Nur ich Esel habe meines angesengt als ich mit dem Rücken zu nah am Kamin stand. Jetzt ist es leider nur noch vorne schön."

"Dann bleibt dir wohl nichts anderes übrig, als den ganzen Abend auf einem Stuhl zu sitzen oder mit dem Rücken zur Wand zu stehen", stellte Meg etwas resigniert fest. "Aber ich freue mich so. Jo, du musst mir versprechen, dass du dich morgen Abend ausnahmsweise wirklich damenhaft benimmst."

"Keine Sorge, ich werde mich völlig brav benehmen. Und jetzt lass mich endlich weiterlesen", brummte Jo.

Am Nachmittag vor dem Ereignis herrschte große Aufregung. Amy und Betty halfen ihren großen Schwestern bei den Vorbereitungen für den Ball und flitzten mit viel Gekicher durchs Haus.

"Igitt, was riecht hier so verbrannt", schrie Amy plötzlich.

Jo, hatte Megs lange Haare zu großen Locken auf Papierstreifen gedreht und wollte dies noch mit Hannas Brennschere verstärken. Durch den Geruch etwas skeptisch geworden, rollte sie den Wickel auf und ließ vor Schreck die Brennschere fallen. Eine dicke Strähne von Megs schönem Haar fiel angesengt zu Boden.

"Oh mein Gott! Was hast du getan?", kreischte Meg und rannte zum Spiegel. "Meine Haare! So kann ich unmöglich auf den Ball!" Sie zerrte verzweifelt an den kurzen Franzen, die an ihrer linken Stirnseite hoch standen.

"Du hättest mich gar nicht fragen sollen. Immer geht bei mir alles schief", heulte Jo los. "Es tut mir so leid. Das Eisen war zu heiß."

"Deine Frisur ist noch zu retten. Wir werden die Stelle mit einer Schleife verdecken, das ist jetzt modern, und keiner bemerkt etwas", versuchte Amy ihre Schwester zu beruhigen. Mit vereinten Kräften gelang es den Mädchen schließlich ihre Schwestern ausgehfein zu machen und selbst Jo sah mit ihren hochgesteckten Haaren richtig damenhaft aus.

"Viel Spaß, meine Lieben", wünschte Mrs March. "Hanna holt euch um elf Uhr wieder ab."

Auf dem Weg zu den Gardiners ermahnte Meg ihre Schwester nochmals ihren Rücken gut zu verbergen. "Ich versuche daran zu denken", sagte Jo. "Wink mir einfach, wenn ich irgendetwas falsch mache."

"Winken ist nun wirklich nicht damenhaft! Aber ich ziehe als Zeichen eine Augenbraue hoch, einverstanden?"

Die beiden Mädchen waren ziemlich aufgeregt, als sie beim Haus der Gardiners ankamen. Mrs Gardiner begrüßte sie freundlich und rief nach Sally, ihrer ältesten Tochter. Meg kannte Sally und kam schnell mit ihr und einigen anderen Mädchen ins Gespräch. Jo, die sich nichts aus Mädchenklatsch machte, blieb mit dem Rücken an der Wand zurück.

Der Tanz wurde eröffnet, und Jo bewunderte, wie Meg trotz ihrer zu kleinen Schuhe und den ungewohnt hohen Absätzen eine elegante Figur machte. Plötzlich sah sie einen großen rothaarigen Jungen auf sich zukommen.

"Oh je, er will mich auffordern. Ich kann auf keinen Fall tanzen, sonst sieht jeder mein kaputtes Kleid", dachte Jo entsetzt und versuchte, an der Wand entlang zu entkommen. Erleichtert entdeckte sie eine Nische, die von einem Vorhang verdeckt war, und schlüpfte rücklings hinein.

"Um Himmels Willen! Ich wusste ja nicht… ich wusste nicht, dass hier schon jemand ist", stammelte Jo erschrocken, als sie heftig mit jemandem zusammenstieß, und wollte die Nische augenblicklich wieder fluchtartig verlassen. Ein sympathisches Lachen hielt sie zurück. Jo drehte sich um und sah in das Gesicht ihres Nachbarn, den Laurence-Jungen.

"Beachten Sie mich gar nicht, und bleiben Sie, wenn Sie mögen!", bot er ihr trotz seines sichtlichen Schrecks freundlich an.

"Störe ich auch nicht?"

"Kein bisschen. Ich habe mich hier nur verkrochen, weil ich kaum jemanden kenne und mir sehr fremd vorkam."

"Mir ging's genauso", gab Jo erleichtert zu. "Wohnen Sie nicht neben uns? Dank Ihnen hatten wir ein tolles Weihnachtsdinner", Jo lachte ihn an.

"Großvater hat es geschickt. Wie geht es Ihrer Katze, Miss March?", wechselte er das Thema.

"Wunderbar, Mr Laurence. Aber ich bin einfach Jo."

"Und ich heiße Laurie. Eigentlich Theodor, aber die Jungs nannten mich immer Dora, da habe ich ihnen gesagt, sie sollen mich Laurie nennen."

Eine kurze Pause trat ein. "Möchten Sie nicht tanzen, Miss Jo?", fragte Laurie grinsend.

"Eigentlich tanze ich gern, wenn genug Platz ist - aber was ist mit dir?"

Laurie begann zu erzählen, dass er lange im Ausland gelebt hat. Von seiner Kindheit in Italien, der Schule in der Schweiz und dem Internat in Frankreich. In einem Jahr würde er aufs College gehen. Also musste er etwa sechzehn sein, überlegte Jo. Sie hätte ihn älter eingeschätzt. Laurie war ziemlich groß und sah ziemlich gut aus. Er hatte gelockte braune Haare, große dunkle Augen, eine schmale Nase und leicht gebräunte Haut. Seine Mutter war Italienerin.

Als das Orchester eine besonders flotte Polka anstimmte, frage Jo: "Magst du nicht tanzen?"

"Ja, aber nur mit dir!", gab Laurie verschmitzt zurück.

"Ich, ich… kann nicht, weil…", stammelte Jo.

"Warum?"

"Kannst du schweigen?"

Laurie nickte.

Jo zeigte Laurie den angesengten Rücken ihres Kleides und erzähle ihm, wie es dazu gekommen war.

"Ich habe eine Idee? Draußen ist ein großer, menschenleerer Flur. Wir tanzen einfach dort", schlug Laurie vor.

Gesagt, getan. Die beiden tobten so ausgelassen durch die lange Halle, dass sie sich nach einigen Runden erschöpft auf die Treppe sinken ließen, als die Musik eine Pause machte.

Genau in dem Moment stolperte Meg aus dem Tanzsaal und entdeckte die beiden. Sie gab Jo ein Zeichen, ihr in ein kleines Zimmer zu folgen. Dort ließ sich Meg sehr undamenhaft auf ein Sofa plumpsen und stöhnte laut auf. "Aua! Ich habe mir den Knöchel verstaucht. Diese dämlichen hohen Schuhe. Ich weiß gar nicht, wie ich den Weg nach Hause laufen soll", schluchzte Meg und rieb sich den dick angeschwollenen Knöchel.

"Du Arme. Was machen wir nur? Soll ich Laurie fragen, ob er uns hilft?"

"Blödsinn. Wir warten bis Hanna kommt. Das dauert wohl noch zwei Stunden, aber du könntest mir einen Kaffee holen, ich bin schrecklich müde."

Jo machte sich auf die Suche. Hinter der dritten Tür hatte sie Glück. Sie huschte hinein und holte eine Tasse Kaffee. Vor lauter Hast entglitt ihr die Tasse und der Inhalt schwappte über Jo. "Was bin ich nur für ein Tollpatsch", fluchte Jo leise.

Laurie kam gerade mit einem Teller Eiscreme und einer Tasse Kaffe vorbei und balancierte alles sehr geschickt in seiner Hand. "Kann ich dir helfen?", fragte er besorgt.

"Ich wollte Meg einen Kaffee bringen. Sie hat sich den Knöchel verstaucht und kann nicht mehr laufen. Doch dann bin ich gestolpert", sagte Jo mit verzweifeltem Blick auf die nun ebenfalls ramponierte Vorderseite ihres Kleides.

"So ein Pech. Ich werde euch mit der Kutsche meines Großvaters nach Hause bringen. Ich wollte sowieso früh gehen und komme direkt an eurem Haus vorbei."

Laurie brachte Meg seine Tasse Kaffee. Die war so angetan von seinem guten Benehmen, dass sie nach kurzem Zögern einwilligte. Kurze Zeit später saßen die beiden Mädchen in dem überdachten Einspänner. Laurie setzte sich neben den Kutscher, nachdem er Megs Knöchel fachmännisch mit frisch gefallendem Schnee gekühlt hatte.

Auf der Heimfahrt erzählte Jo ihrer Schwester, wie sie Laurie begegnet ist. Zu Hause angekommen, bedankten sich die Mädchen mehrfach bei Laurie und versuchten ohne Lärm ins Haus zu gelangen, um ihre Schwestern nicht zu wecken. Vergeblich.

"Wie war es?"

Die beiden erstatteten einen kurzen Bericht und schickten die jüngeren Schwestern dann wieder zurück ins Bett.

Als Meg und Jo sich gegenseitig beim Ausziehen halfen, meinte Jo: "Ich glaube, keine feine Dame hat sich heute mehr amüsiert als wir beide, trotz einiger Schwierigkeiten."

Lästige Pflichten

"Ach, es ist grausam, sich sein Bündel wieder auf den Rücken zu schnüren und in den Alltag zurückzukehren", seufzte Meg am nächsten Morgen, während sie an all ihre unangenehmen Aufgaben dachte.

"Ja, ich wünschte, es wäre immer Weihnachten oder Neujahr", gähnte Jo.

"Wir hätten dann zwar sicherlich nicht immer so viel Vergnügen wie die letzten Tage, aber es wäre herrlich, öfters so feines Essen zu genießen und auf Bälle zu gehen. Ich hätte so gern etwas Luxus!", träumte Meg, während sie prüfte, welches ihrer Kleider weniger schäbig war. "Ach, es macht sowieso keinen Sinn, sich hübsch zu machen, wenn mich nur diese vier Ungeheuer der Kings sehen. Ich werde weiter jeden Tag schuften, bis ich eine alte Jungfer bin und mich keiner mehr heiraten will."

Beim Frühstück herrschte gedrückte Stimmung. Betty hatte Kopfschmerzen und keinen Appetit. Sie legte sich aufs Sofa und ließ sich von ihren drei Kätzchen aufheitern.

Amy zog eine finstere Miene, weil sie wieder nicht für die Schule gelernt hatte. Mrs March war damit beschäftigt, einen Brief zu Ende zu schreiben und selbst Hanna brummte missmutig vor sich hin. Nur Jo pfiff laut und falsch, während sie sich ihre Schuhe anzog.

Sie bemerkte die genervten Blicke ihrer Schwestern und in diesem Augenblick riss nicht nur ihr zweiter Schnürsenkel sondern auch ihr Geduldsfaden: "Ihr seid die schlecht gelaunteste Familie, die ich kenne!", schrie sie laut.

"Und du bist die nervigste Person, die ich kenne", schimpfte Amy zurück. Dabei tropften ein paar Tränen auf ihre Schiefertafel.

"Mädchen, könnt ihr nicht mal ruhig sein! Ich muss wirklich diesen Brief zu Ende bringen", rief Mrs March und strich ärgerlich einen falschen Satz durch.

"Los, lasst uns gehen. Gute Besserung, Betty. Viel Erfolg in der Schule, Amy!" Jo packte Meg am Arm und zog sie Richtung Ausgangstüre. "Auf Wiedersehen, Mutter! Wir waren heute Morgen wirklich unausstehlich, aber wir werden als Engel zurückkommen", versprach Jo.

Die beiden Schwestern gingen noch einen Stück des Weges gemeinsam. Als sie sich trennten, dachte Meg noch mal an die Seiten der Pilgerreise, die sie am Morgen gelesen hatte, und nahm sich fest vor, den Rest des Tages ohne Murren zu verbringen, sodass ihr Vater stolz auf sie sein könnte.

Mr March hatte sein gesamtes Vermögen verloren, als er einem Freund aus finanziellen Nöten helfen wollte. Das war ein schwerer Schlag für die Familie. Die beiden ältern Schwestern schlugen damals vor, eine leichte Arbeit anzunehmen um so einen kleinen Beitrag zum Familieneinkommen leisten zu dürfen.

Meg fand eine Stelle bei der wohlhabenden Familie King in der Nachbarschaft. Ihre Aufgabe war es, auf deren vier kleine Kinder aufzupassen und ihnen gutes Benehmen beizubringen, was wirklich nicht einfach war. Vor allem neidete sie den Kindern den Luxus schöner Kleider und sie fragte sich oft, warum das Leben so ungerecht war und warum nicht wieder alles so wie früher sein konnte.

Jo landete als Gesellschafterin bei der reichen, alten Tante March, die ganz allein in ihrem großen Haus lebte und nicht mehr sehr gut auf den Beinen war. Die kinderlose Tante hatte angeboten, eine der vier Schwestern zu adoptieren, als die Probleme begannen, doch die Marchs wollten um keinen Preis eines ihrer Kinder weggeben. Daraufhin war die alte Dame sehr beleidigt gewesen und sprach lange Zeit kein Wort mehr mit ihren Verwandten.

Durch Zufall traf Tante March eines Tages Jo bei Bekannten. Die temperamentvolle Art gefiel der alten Lady. Da bot sie Jo an, ihr gegen eine kleine Entlohnung Gesellschaft zu leisten und etwas zur Hand zu gehen.

Jo war über diesen Job nicht sehr begeistert, kam aber zur Verwunderung aller, ziemlich gut mit der launischen Verwandten klar. Auch wenn sie öfters stritten, konnte Jo Tante March nie lange böse sein, denn insgeheim bewunderte sie die alte Lady.

Das Beste bei Tante March war die riesige, verstaubte Bibliothek des verstorbenen Onkels. Immer wenn die alte Dame ein Nickerchen machte, schlich Jo in die Bibliothek, machte es sich im Schaukelstuhl bequem und verschlang die Bücher.

Leider wachte Tante March immer an der spannendsten Stelle auf und Jo musste wieder schrecklich langweilige theologische Abhandlungen vorlesen.

Betty war so schüchtern und menschenscheu, dass die Schule für sie eine entsetzliche Qual war. Als sie immer mehr litt, beschlossen die Marchs, sie zu Hause selbst zu unterrichten. Jetzt, wo der Vater im Krieg war und die Mutter viel im Lazarett arbeitete, halfen ihre Schwestern ihr beim Lernen. Daneben half Betty Hanna fleißig im Haushalt, damit das Heim sauber und gemütlich war, wenn die anderen von der Arbeit kamen.

Betty fühlte sich eigentlich nie einsam, denn sie hatte ganz besondere Freundinnen. Sie kleidete ihre Puppen jeden Tag an, ging mit ihnen im Garten spazieren und sang ihnen vor. Ihre zweite große Liebe galt den Kätzchen, die erst fünf Wochen alt waren. Betty lebte zwar recht zufrieden in ihrer eigenen Welt, aber auch sie hatte ihre Sorgen.

Am meisten wünschte sie sich wieder Musikunterricht zu nehmen und endlich ein gescheites Klavier zu besitzen. Niemand sah ihre Tränen, wenn sie versuchte dem kaputten Klimperkasten zu Hause ein paar melodische Töne zu entlocken.

Würde jemand Amy fragen, was sie als schlimmste Belastung in ihrem noch so jungen Leben hielt, würde sie sicher antworten: "Meine Nase." Sie war als kleines Kind einmal hingefallen und hatte sich ihre kleine Stupsnase so ungeschickt gestoßen, dass sie gebrochen war. Seither hatte sie einen klitzekleinen Höcker auf der Nase, den man kaum sah, doch Amy fand ihre Nase krumm, unerträglich platt und einfach hässlich.

Amy hatte ein großes Zeichentalent und malte alles, was ihr in die Quere kam. Zu jeder unpassenden Gelegenheit rutschten ihr Zettel mit bissigen Karikaturen ihrer Mitschülerinnen und Lehrer aus ihren Schulbüchern. Der Unterrichtsstoff interessierte sie wenig. Nur ihr tadelloses Benehmen rettete sie vor einem Hagel an Abmahnungen.

Wegen ihrer aufgetragenen Kleider, musste Amy oft eine Menge Hohn ertragen, was zwar schmerzlich war, aber auch verhinderte, dass Amy eine völlig verzogene Göre wurde.

Meg war Amys engste Vertraute. Die ruhige Betty schüttete ihr Herz lieber bei der wilden Jo aus. Sie bewunderte Jos Selbstbewusstsein und ließ sich gerne von ihr etwas Mut einflößen.

Als sie am Abend zusammen saßen, erzählten sie, was sie am Tag erlebt hatten. Jo berichtete, wie Tante March heimlich in einem Abenteuerroman weiter las, den Jo gerade am Lesen war. Meg erzählte von den Kings, bei denen der älteste Sohn etwas Furchtbares angestellt hatte und der ganze Tag eine sonderbare Stimmung herrschte. Sie hatte sich aber nicht getraut nachzufragen.

Betty wusste eine besonders rührende Geschichte zu erzählen. Als sie am Morgen beim Fischhändler war, unterhielt der sich mit Mr Laurence. In dem Moment kam eine arme Frau herein und fragte, ob sie den Laden putzen dürfe und als Lohn einen Fisch bekäme. Ihre Kinder zu Hause hätten großen Hunger. Der Fischhändler brummte ein "Nö". Als die Frau schon wieder gehen wollten, angelte Mr Laurence mit dem krummen Ende seines Spazierstockes einen dicken Fisch aus dem Becken, gab ihn der Frau und sagte: "Kochen Sie den hier."

"Die Frau sah so witzig aus, wie die den glitschigen Fisch wie ein Baby in ihren Armen wiegte."

Jos Nachbarschaftshilfe

"Was in hast du denn vor bei diesem Wetter?", fragte Meg, als Jo mit Gummistiefeln, einem dicken alten Mantel von Vater und Wollmütze durch den Flur trampelte. In einer Hand trug sie Schaufel und Besen.

"Körperliche Ertüchtigung", antwortete Jo mit einem spitzbübischen Grinsen und stapfte vergnügt in die Kälte. Voller Energie begann sie einen Weg rund um das verschneite Haus freizuschaufeln, damit Betty wieder mit ihren Puppen spazieren fahren konnte.

Das Haus der Marchs lag in einem ruhigen Vorort und der Garten grenzte direkt an den von Mr Laurence. Nur eine niedrige Hecke trennte die beiden so unterschiedlichen Nachbargrundstücke. Auf der einen Seite befand sich ein altes braunes Haus, das eher schlicht und ärmlich wirkte. Auf der anderen Seite glänzte ein schneeweißes, palastartiges Herrenhaus mit Wagenremise, Gewächshaus und gepflegtem Park. Es strahlte großen Luxus aus, jedoch wirkte es sehr verlassen.

"Laurie muss sich darin verdammt einsam fühlen", dachte Jo. Nach dem Ball bei den Gardiners hatte sie ihn länger nicht gesehen und schon befürchtet, sein Großvater hätte ihn zurück nach Europa geschickt. Doch gestern hatte sie sein Gesicht hinter dem Vorhang entdeckt, als sie gerade mit Betty und Amy in eine wilde Schneeballschlacht verwickelt war.

"Laurie braucht unbedingt ein bisschen Spaß und junge Leute um sich herum", murmelte Jo beim Schneeschippen. Sie wollte sehen, ob sich heute etwas erreichen ließe. Und tatsächlich, nach einer Weile fuhr Mr Laurence mit der Kutsche davon.

Das Haus wirkte ganz verlassen. Keiner war zu sehen, bis auf einen braunen Lockenkopf, der im oberen Stock aus dem Fenster blickte. Jo formte einen Schneeball und warf ihn kraftvoll in Richtung Fenster. Treffer! Laurie schaute erschrocken, doch als er Jo erkannte, lachte er und öffnete das Fenster.

"Bist du krank?", fragte Jo.

"Ja, ich hatte eine schlimme Erkältung und durfte eine Woche nicht das Haus verlassen", krähte Laurie.

"Du Armer! Du musst dich furchtbar langweilen. Da brauchst du einen Krankenbesuch."

"Du würdest mich besuchen kommen? Oh ja, bitte!"

"Ich komme gern, ich gehe nur schnell Mutter fragen. Mach das Fenster zu und warte auf mich." Jo stapfte fröhlich davon. Ihr Plan hatte geklappt. Mrs March hatte nichts dagegen, dass Jo dem netten jungen Gentleman einen Besuch abstattete.

Ein äußerst erstaunter Diener meldete Laurie den Besuch einer jungen Dame. "Das ist Miss Jo. Bitten Sie sie herein", erklärte Laurie und wartet an der Treppe.

"Hier bin ich! Mit Sack und Pack", begrüßte sie Laurie. Im linken Arm trug Jo ein kleines, mit einem Tuch bedecktem Päckchen, aus dem ein verführerischer Duft hervor stieg. In der rechten einen Korb mit den drei kleinen Kätzchen.

"Ich soll dir von Mutter gute Besserung wünschen. Meg hat mir selbst gemachten Pudding für dich mitgegeben. Und Betty bestand darauf, dass ich die Kätzchen mitnehme, damit sie dich zum Lachen bringen."

Die Kätzchen waren inzwischen aus dem am Boden abgestellten Korb geklettert und eroberten Lauries Zimmer. Unter viel Gelächter versuchten sie sie wieder einzufangen.

"Soll ich dir etwas vorlesen?", fragte Jo.

"Danke, aber ich habe die Bücher hier alle schon gelesen. Ich würde mich lieber mit dir unterhalten."

"Gerne, aber wenn ich mal anfange zu reden, höre ich den ganzen Tag nicht mehr auf. Das behauptet zumindest Betty", warnte Jo grinsend.

"Ihr scheint immer so viel Spaß zu haben. Wenn ihr vergessen habt, die Vorhänge zuzuziehen, beobachte ich euch manchmal, wie ihr mit eurer Mutter um den Kamin sitzt. Das ist ein schöner friedlicher Anblick. Du weißt doch, ich habe keine Mutter mehr", bei diesen Worten zitterten Lauries Lippen leicht und sein trauriger Blick ging Jo sehr ans Herz.

"Weißt du was, du kommst uns einfach ganz oft besuchen. Du hättest sicher viel Spaß. Glaubst du, dein Großvater würde das erlauben?"

"Wenn deine Mutter ihn fragen würde, stimmt er sicher zu. Er ist eigentlich ganz nett, aber er hat immer Angst, ich könnte Fremde belästigen."

"Wir sind Nachbarn und keine Fremden. Du bist uns jederzeit willkommen."

Jo begann von ihren Tagen bei Tante March zu erzählen. Laurie erhielt eine lebhaft Schilderung der launischen Lady, ihres Spanisch sprechenden Papageis und des dicken Pudels. Laurie höre gerne zu und erfuhr wie sehr Jo das Theater und Bücher liebte. Das brachte ihn auf die Idee Jo Großvaters Bibliothek zu zeigen.

"Wow!", entfuhr es Jo, als sie dort ankamen. Den Mund offen vor Staunen, bewunderte sie die schier endlosen, hohen Regale mit wertvollen Büchern. "Was für ein Reichtum", seufzte Jo beeindruckt und ließ sich in einen Lehnsessel plumpsen. "Theodor Laurence, du musst der glücklichste Junge der Welt sein!"

"Man kann nicht nur Bücher als Freunde haben", widersprach Laurie.

In diesem Moment erschien ein Diener und bat Laurie mit ihm zu kommen, da der Doktor noch einmal nach ihm sehen wollte. "Kann ich dich kurz allein lasse?", fragte er Jo.

"Kein Problem! Ich bin hier schließlich im Paradies."

Laurie verließ die Bibliothek und Jo wanderte neugierig umher. Sie betrachtete gerade das Portrait eines alten Gentleman, als sich die Tür öffnete. In der Annahme, Laurie sei zurück, begann Jo zu reden, ohne den Blick vom Gemälde abzuwenden: "Jetzt bin ich mir ganz sicher, dass dein Großvater ein netter Mann ist. Er hat sehr freundliche Augen, auch wenn sein Mund etwas grimmig wirkt. Er sieht nicht ganz so gut aus, wie mein Großvater, aber ich mag ihn."

"Vielen Dank, junge Dame", ertönte eine tiefe Stimme hinter Jo. Erschrocken drehte sie sich um und blickte direkt in die Augen des alten Mr Laurence. Jo wurde feuerrot und sah zu Boden. Als sie ihren Blick wieder aufrichtete, erkannte sie freundliche Augen unter dicken Augenbrauen, genau wie auf dem Bild.

Mr Laurence lachte, gab Jo die Hand und hob ihr Kinn, um ihr Gesicht genau zu betrachten. "Du hast zwar nicht das Gesicht aber das Wesen deines Großvaters geerbt. Er war ein feiner Mann. Mutig und aufrichtig. Ich war stolz, sein Freund zu sein."

"Vielen Dank, Sir." Jo war erleichtert, die Beschreibung gefiel ihr.

"Und was machst du hier?", fragte Mr Laurence mit einem schärferen Tonfall.

"Ich habe nur einen Krankenbesuch gemacht. Laurie braucht etwas Abwechslung."

"Oh, das ist die Glocke für die Teestunde. Komm mit nach drüben und setze dein Werk als guter Nachbar fort."

"Wenn Sie das mögen, Sir?"

"Sonst würde ich nicht fragen!" Mr Laurence bot Jo höflich seinen Arm an und führte sie ins Teezimmer. Laurie, der gerade die Treppe herunterstürmte, blieb mit offenem Mund abrupt stehen.

"Ich wusste nicht, dass Sie kommen, Sir", stammelte er.

"Das merkt man, so wie du die Treppe herunterpolterst. Jetzt komm mit zum Tee."

Beim Tee sprach Mr Laurence nicht viel, aber er beobachtete die jungen Leute sehr genau. Bald störte die beiden seine Anwesenheit kaum mehr und sie redeten wieder wie alte Freunde. Lauries Augen leuchteten. Mr Laurence entging die Veränderung seines Enkels nicht. Das Mädchen hat Recht, der Junge ist einsam.

Nach dem Tee führte Laurie Jo durch den Garten zum Gewächshaus. Sie fühlte sich wie eine Fee im Märchen zwischen den atemberaubenden Blüten. Laure schnitt die schönsten ab und reichte sie ihr: "Bitte gib den Strauss deiner Mutter, und sag ihr, dass ich die Medizin sehr mochte, die sie mir geschickt hat."

Sie gingen wieder ins Haus zurück. Mr Laurence saß vor dem großen Kamin. Daneben befand sich mitten im Raum ein großer Flügel. "Spielst du?", fragte sie Laurie voller Ehrfurcht.

"Manchmal", gab er bescheiden zurück.

Jo bat ihn, für sie etwas zu spielen, damit sie ihrer Schwester Betty davon erzählen konnte. Laurie setzte sich und spielte so anmutig, dass Jos Bewunderung für ihn immer mehr wuchs. Sie lobte Laurie überschwänglich.

"Das genügt, junge Dame. Zu viel Schmeichelei ist nicht gut für ihn. Ich bin dir sehr dankbar, dass du meinen Enkel besucht hast. Bitte bestelle deiner Mutter viele Grüße von mir. Gute Nacht, Dr. Jo."

"Habe ich etwas falsch gemacht?", frage Jo Laurie im Gang flüsternd.

Er schüttelte den Kopf. "Es war meine Schuld. Er mag es nicht, wenn ich Klavier spiele."

"Warum?"

"Ich erzähl es dir eines Tages. Gute Nacht Jo."

Wieder zu Hause erzählte Jo ausführlich, was sie alles erlebt hatte. "Mutter weißt du, warum Mr. Laurence es nicht mag, wenn Laurie Klavier spielt?"

"Ganz sicher bin ich nicht. Ich vermute, der Grund ist, dass Lauries Vater gegen den Willen von Mr Laurence eine italienische Musikerin geheiratet hat. Sie war eine reizende Dame, aber er mochte sie nicht und hat seinem Sohn die Heirat nie verziehen. Lauries Eltern starben, als er noch ein kleiner Junge war. Mr Laurence nahm ihn bei sich auf. Die Musik erinnert ihn sicher an die Frau, die ihm in seinen Augen den Sohn weggenommen hat."

"Oh, wie romantisch", seufzte Meg. "Und der Ausspruch über die Medizin, die Mutter ihm schickte, war von Laurie wirklich reizend. Er hat sicher etwas vom Wesen seiner Mutter geerbt."

"Was weißt du schon über Laurie. Er wird wohl den Pudding gemeint haben", meckerte Jo.

"Wie dumm bist du eigentlich? Er meinte natürlich dich!"

"Meinst du?", Jo sah Meg sichtlich erstaunt an.

"Du merkst nicht mal, wenn jemand dir ein offensichtliches Kompliment macht", stöhnte Meg.

Bettys Traumpalast

Für Betty war der alte Mr Laurence wie ein bedrohlicher Löwe, auf dem Weg zum nachbarlichen Palast auf ihrer Pilgerreise. Auch nach dessen Besuch bei ihrer Mutter fürchtete sie sich noch immer vor ihm, obwohl er zu allen Mädchen sehr freundlich gewesen war.

Mr Laurence zeigte sich so glücklich darüber, dass sein Enkel in der Familie March wie ein Bruder aufgenommen wurde, dass die Mädchen auch bald vergaßen, wie reich er war.

Als Laurie sogar begann seine Schularbeiten zu vernachlässigen, um lieber mit den Mädchen zu spielen, beschwerte sich sein Hauslehrer, Mr Brooke beim Großvater. Doch der sonst so strenge alte Herr lachte nur und meinte der Lehrer solle ihm etwas Ferien gönnen. Denn Stoff könne er ohne Probleme nachholen.

Die folgende Zeit genossen alle in vollen Zügen. Sie spielten zusammen Theater, gingen Schlitten fahren, oder verbrachten die Zeit im Hause Laurence, wo jeder seinen Neigungen nachging. Meg liebte es im Gewächshaus die Blumen zu bestaunen, Jo schmökerte in der Bibliothek und Amy zückte Stift und Papier um die alten Gemälde abzuzeichnen. Nur Betty träumte immer noch heimlich von dem Flügel im Kaminzimmer.

Sie hatte solche Angst vor Mr Laurence, dass nicht mal Jos gutes Zureden sie dazu brachte einen Fuß in das Haus zu setzen.

Doch während einem Besuch bei Mrs March lenkte Mr Laurence das Gespräch geschickt auf das Thema Musik. "In letzter Zeit vernachlässigt Laurie sogar seine Musik. Ich bin ja ganz froh darüber, denn vorher gab es für ihn kaum etwas anderes, aber nun steht der schöne Flügel da und es ist schade, wenn niemand auf ihm spielt. Hätte nicht eines ihrer Mädchen Lust, von Zeit zu Zeit zu spielen?"

Betty blieb der Atem weg, sie machte einen Schritt vorwärts, ballte die Fäuste und überlegte, ob sie… doch da ertönte schon erneut die tiefe Stimme von Mr Laurence. "Sie müsste nicht einmal Bescheid sagen. Ich bin den ganzen Tag in meinem Arbeitszimmer im anderen Flügel und sie wäre ganz ungestört."

Hier erhob sich Mr Laurence und verabschiedete sich von Mrs March. In diesem Moment schob sich eine kleine zierliche Hand in seine und Betty sah mit dankbarem Gesicht zu ihm hoch, als sie mit zitternder Stimme sagte: "Oh Sir, ich habe Lust, sehr sogar."

"Bist du die Musikerin im Hause March?", fragte er mit sanfter Stimme.

"Ja, ich bin Betty. Ich würde wirklich gerne kommen, wenn ich ganz sicher niemanden störe", antwortete sie, selbst verwundert über ihren plötzlichen Anfall von Mut.

"Das würde mich sehr freuen, meine Liebe." Mr Laurence strich ihr liebevoll über das Haar und Betty wurde feuerrot. "Weißt du, ich hatte auch mal ein kleines Mädchen, das hatte genau solche Augen wie du. Gott schütze dich." Dann ging er eilig davon.

Am nächsten Tag beobachtete Betty, wie Laurie und sein Großvater das Haus verließen. Sie schlüpfte leise durch die Hintertür hinein. Aufgeregt schlich sie ins Wohnzimmer und strich ehrfürchtig über den Flügel. Wie per Zufall lagen bereits einige Noten da. Sie setzte sich und begann vorsichtig zu spielen. Zuerst schaute sie immer wieder nach hinten, ob auch niemand in der Tür auftauchte. Doch nach einer Weile hatte Betty die Welt um sich herum vergessen. Sie spielte völlig versunken, bis Hanna kam, um sie zum Abendessen heimzuholen.

Nach diesem Tag sah man jeden Nachmittag einen kleinen Schatten durch den Garten von Mr Laurence huschen und durch die Hintertür verschwinden. Sie ahnte nicht, dass der alte Herr seine Zimmertür immer ein bisschen offen ließ um ihrem anmutigen Spiel zu lauschen. Sie war überglücklich und völlig zufrieden. Vielleicht passierte es gerade deswegen, weil Betty so dankbar war, dass sie ein noch größeres Geschenk erhielt…

"Mutter, ich möchte Mr Laurence gerne ein paar Hausschuhe nähen", meinte Betty ein paar Wochen später. "Ich würde ihm so gerne danken und ich wüsste sonst nicht wie. Ist das in Ordnung?"

"Aber sicher, mein Liebes. Er wird sich darüber freuen."

Gemeinsam mit ihren Schwestern wählte Betty das Motiv: eine Reihe fröhlicher Stiefmütterchen auf einem weinroten Stoff. Voller Eifer nähte und stickte sie sie jede frei Minute bis das Paar fertig war. Zusammen mit einem kleinen Brief übergab sie das Geschenk Laurie, der es heimlich in das Arbeitszimmer seines Großvaters schmuggelte.

Gespannt wartete Betty auf eine Reaktion. Doch der Tag verstrich und Betty fürchtete schon, sie hätte den alten Gentleman verärgert. Als sie jedoch am nächsten Nachmittag von einer Spazierfahrt mit ihren Puppen zurückkam, wurde sie von ihren Schwestern bereits aufgeregt erwartet.

"Du hast einen Brief von Mr Laurence bekommen! Komm schnell!", brüllte Jo aus dem Fenster.

"Oh Betty, er hat dir ein…", fing Amy an.

Jo schubst sie beiseite und knallte das Fenster zu. An der Haustüre wurde Betty empfangen und sofort ins Wohnzimmer geführt. "Schau hier!", riefen alle durcheinander.

Betty blieb vor Staunen stocksteif stehen. Vor ihr stand ein entzückendes kleines Klavier. Auf den Tasten lag ein edles Kuvert: "Miss Elizabeth March".

"Für mich?", war alles was sie herausbrachte. Ihre Knie wurden so weich, dass sie sich auf Jo stützen musste.

"Ist das nicht großartig? Ist Mr Laurence nicht der liebenswürdigste alte Herr der Welt?", jubelte Jo und umarmte ihre Schwester. "Und hier ist noch ein Brief."

"Lies du ihn, ich bin zu aufgeregt."

"Verehrtes Fräulein March, ich habe in meinem Leben schon viele Hausschuhe besessen, aber noch kein Paar, das so schön war wie das von Ihnen. Stiefmütterchen sind meine Lieblingsblumen und werden mich beim Tragen stets an Sie erinnern. Ich möchte mich bei Ihnen mit etwas bedanken, was einmal meiner kleinen Enkelin gehört hat, die ich leider verloren habe. Die besten Wünsche, Ihr dankbarer Freund und ergebener Diener, James Laurence."

"Wow! Was für eine Ehre! Auf dieses Geschenk kannst du wirklich stolz sein. Laurie hat mir erzählt, wie sehr der alte Herr an seiner Enkeltochter hing. Und nun hat er dir ihr Klavier überlassen", sagte Jo.

"Probier es aus, Liebes! Ich möchte hören, wie das Klavier klingt", forderte Hanna, die aus der Küche herbeigeeilt war, Betty auf.

Betty begann zu spielen und der wunderbare Klang des glänzenden kleinen Klaviers verzauberte alle. "Ich gehe sofort hinüber um mich zu bedanken, bevor ich mich später nicht mehr traue", erklärte Betty, und zum Erstaunen aller lief sie sofort hinüber und betrat das Haus durch den Vordereingang.

Ihre Schwestern waren sprachlos. Doch sie hätten noch viel mehr gestaunt, wenn sie gesehen hätten, was sich im Haus abspielte: Betty klopfte am Arbeitszimmer an und eine barsche Stimme rief: "Herein!"

Ohne zu zögern trat Betty ein und ging auf Mr Laurence zu. "Ich bin gekommen, um Ihnen zu danken, Sir…" Weiter kam sie nicht. Der alte Mann sah sie so freudig und liebevoll an, dass Betty ihre Arme um Mr Laurence schlang und ihm einen Kuss gab.

Damit hatte sie das Herz des alten Gentlemans endgültig erobert. Er hob sie auf seinen Schoß, drückte seine verknitterte Wange an Bettys rosige und fühle sich, als hätte er seine Enkelin zurückbekommen. Dann plauderten die beiden, als würden sie sich schon ewig kennen.

Amys Demütigung

"Der Junge ist ein richtiger Zyklop, findest du nicht?", fragte Amy, als Laurie mit seinem schwarzen Pferd am Haus der Marchs vorbeigaloppierte.

"Spinnst du? Laurie ist doch kein einäugiges Monster", zischte Jo, die keine Beleidigung ihres Freundes duldete. "Er hat nicht nur zwei Augen, sie sind auch noch besonders hübsch."

"Ich meinte doch nur, dass er ein hervorragender Reiter ist und es wirkt, als wäre er mit dem Pferd verwachsen", gab Amy gekränkt zurück.

"Oh mein Gott! Du meinst einen Zentaur, einen Pferdemenschen, und verwechselst ihn mit einem Zyklopen!" Jo kugelte sich vor Lachen.

"Du musst wegen eines Versprechers nicht gleich so gemein sein", blaffte Amy beleidigt. "Ich wünschte nur, ich hätte ein bisschen von dem Geld, das Laurie allein für sein Pferd ausgibt. Ich bin so verschuldet und brauche dingend Geld für kandierte Zitronen. Ich schulde meinen Mitschülerinnen mindestens ein Dutzend."

"Sind Zitronen jetzt der neueste Trend? Das musst du mir erklären", Meg versuchte ein Grinsen zu unterdrücken, da Amy es so wichtig hatte.

"In der Schule kaufen alle kandierte Zitronen. Und wenn du dazugehören willst, musst du es auch tun. Wenn du ein Mädchen magst, schenkst du ihm eine Zitrone. Ich habe schon so viele geschenkt bekommen und kann nie eine zurückgeben. Das sind Ehrenschulden, verstehst du?"

Meg bekam Mitleid und gab ihrer kleinen Schwester 25 Cent aus ihrer Geldbörse. Gleich am nächsten Tag kam Amy kurz vor dem Gong in die Schule geeilt und konnte es kaum erwarten, ihre verheißungsvolle Papiertüte zu zeigen. Schnell sprach es sich herum und Amy wurde von den Mädchen mit viel Aufmerksamkeit überschüttet.

Eine lud sie zu ihrer Party ein, eine Andere wollte Amy unbedingt ihre Uhr bis zur Pause leihen. Und sogar die bissige Jenny Snow, die Amy mehrfach wegen ihrer Nase aufgezogen hatte, wollte plötzlich ihre Freundin sein. Aber Amy hatte ihre gehässigen Worte nicht vergessen und teilte Jenny mit, dass sie von ihr keine kandierten Zitronen zu erwarten hatte.

Jenny platzte fast vor Wut und fasst einen Plan. Unter einem Vorwand ging sie zu Mr Davis, dem Klassenlehrer ans Pult. Dort petzte sie, dass Amy unter ihren Pult Zitronen versteckt hatte. Mr Davis hatte den kandierten Zitronen den Kampf angesagt und mit harten Strafen gedroht.

Er lief feuerrot an und rief: "Miss March, treten Sie vor!"

Amy stand das Herz still.

"Und bringen Sie gleich die verstecken Zitronen mit!"

Wie ein geschlagener Hund trottete Amy zum Pult des Klassenlehrers.

"So, jetzt werfen sie jede einzelne vor meinen Augen aus dem Fenster", befahl Mr Davis.

Amy sah ihn entsetzt an. Das konnte nicht sein Ernst sein. Die Mädchen stöhnten, denn alle hatten gehofft, etwas von den Zitronen abzubekommen. Nachdem Amy den Befehl des Lehrers ausgeführt hatte, war ihre Schmach allerdings noch nicht zu Ende.

"Strecken Sie Ihre Hände vor, Miss March!"

Amy wusste, was jetzt kam, doch ihr Stolz verbat ihr, zu weinen. Der Lehrer nahm den Rohrstock und schlug ein paar Mal mit einem lauten Klatschen zu. Die Schande war viel schlimmer als der Schmerz. Sie war völlig geschockt. Noch nie in ihrem Leben war sie geschlagen worden.

"Den Rest der Stunde werden Sie in der Ecke stehen", befahl Mr Davies.

Das war ein Albtraum für Amy. Nur die Wut auf Jenny Snow half ihr, die Haltung zu bewahren. Die viertel Stunde kam ihr wie eine Ewigkeit vor. Schließlich ertönte das erlösende Wort "Pause!"

Amy lief hoch erhobenen Hauptes zu ihrem Pult, packte ihre Sachen ein und warf Mr Davies zum Abschied wortlos einen vorwurfsvollen Blick zu, den dieser so schnell nicht vergessen sollte. Damit verließ sie nicht nur das Klassenzimmer, sondern gleich das Schulgelände und schwor sich, nicht mehr zurückzukehren.

Als ihre Schwestern und die Mutter eintrafen, erzählte sie ihnen traurig, was vorgefallen war. Alle waren sehr empört und versuchten Amy zu trösten.

In der Schule hatte Amys Verschwinden kein großes Aufsehen erregt. Doch Mr Davies wurde von Minute zu Minute nervöser. Kurz vor Schulschluss schritt eine grimmige Jo ins Klassenzimmer, knallte Mr Davies einen Brief von Mrs March auf das Pult und sammelte Bettys restliche Bücher ein.

"Wenn du mir verspricht, genauso fleißig wie Betty zu Hause zu lernen, musst du die nächsten Wochen nicht zur Schule gehen", erklärte Mrs March ihrer Tochter. "Ich halte nichts von körperlicher Züchtigung - außerdem glaube ich, dass die anderen Mädchen an der Schule nicht der richtige Umgang für dich sind. Doch ich möchte dies gerne erst mit Vater besprechen."

Amy freute sich sehr und konnte schon wieder lächeln, als ihre Mutter fortfuhr: "Es schadet dir gar nichts, dass du die Zitronen verloren hast. Schließlich hast du gegen die Regeln verstoßen und damit eine Bestrafung verdient", fuhr Mrs March reserviert fort.

"Was?", kreischte Amy. "Heißt das, du findest es gut, dass ich vor der ganzen Schule gedemütigt wurde?"

"Nein, ich hätte eine andere Art der Bestrafung gewählt. Aber der heutige Tag hat dir sicher nicht geschadet. Du warst auf dem besten Weg, ein hochnäsiges Prinzesschen zu werden. Du hast sicherlich einige Talente, aber manchmal bildest du dir einfach zu viel darauf ein."

"Stimmt!", ergänzte Laurie, der mit Jo in einer Ecke Schach spielte. "Es gibt auch andere, die tolle Talente haben. Ich kenne da so ein Mädchen, das ein ganz hervorragendes Gespür für Musik hat und gar nicht weiß, was für wundervolle Melodien sie komponiert."

Betty wurde feuerrot und versuchte, noch tiefer zwischen den Sofakissen zu versinken. Jo machte aus lauter Dankbarkeit für das Lob ihrer Schwester einen bewusst miesen Schachzug, der Laurie den Sieg sicherte.

Eine Lehre für Jo

Am Samstagnachmittag waren Meg und Jo gerade dabei, sich hübsch zu machen, als Amy das Zimmer betrat.

"Wo geht ihr hin?", wollte Amy wissen.

"Das geht kleine Mädchen nichts an!", knurrte Jo unfreundlich zurück.

Damit war Amys Neugier erst recht geweckt. Sie wandte sich an Meg, die ihr selten etwas verweigerte: "Sag mir bitte, wo ihr hingeht! Ich möchte mitgehen. Betty ist schon wieder Klavier spielen gegangen und ich langweile mich alleine."

"Das geht nicht, Liebes. Denn du bist nicht eingeladen…"

"Meg, sei still! Du verrätst noch alles", unterbrach Jo vehement.

"Ihr geht bestimmt mit Laurie. Etwas ins Theater, um "Die sieben Burgen" zu sehen? Mutter hat mir erlaubt dieses Stück anzusehen."

"Mutter meint, du sollst erst deine Erkältung auskurieren. Hanna geht nächste Woche mir dir und Betty", versuchte Meg ihre kleine Schwester zu beruhigen.

"Ich will aber lieber mit euch gehen. Ich bin auch ganz artig."

"Auf keinen Fall", rief Jo empört. "Laurie hat nur uns beide eingeladen." Sie hatte sich so sehr auf den Ausflug gefreut und keinerlei Lust, auf Amy aufzupassen.

Als Jo merkte, dass Meg weich wurde rief sie: "Wenn du Amy mitnimmst, dann bleibe ich zu Hause. Und wenn ich nicht dabei bin, hat Laurie keinen Spaß."

Amy setzte sich auf den Boden und begann zornig zu heulen. Meg wollte sie gerade trösten, als sie Lauries Stimme hörten. "Wo bleibt ihr? Wir müssen los!"

Jo und Meg liefen die Treppen hinab und ließen Amy heulend zurück. In ihrer Wut vergaß sie ihre guten Manieren, beugte sich über das Treppengeländer und brüllte: "Das wird dir noch Leid tun, Jo March!"

Das Theaterstück war brillant uns sehr komisch, dennoch ging Jo Amys Drohung nicht aus dem Kopf. Als die Mädchen zurückkehrten, fanden sie Amy lesend im Wohnzimmer. Sie sagte kein Wort, obwohl sie sicherlich beinahe vor Neugierde geplatzt wäre.

Nachdem sie Betty alles erzählt hatten, ging Jo in ihr Zimmer. Alles schien in Ordnung zu sein. Sie konnte keine verdächtigen Spuren erkennen und dachte erleichtert, dass Amy vielleicht eingesehen hatte, dass ihr Auftritt albern war.

Doch am nächsten Tag kam Jo ein fürchterlicher Verdacht. In heller Aufregung kam sie ins Wohnzimmer gerannt. "Hat jemand mein Buch genommen?"

"Nein", antworteten Meg und Betty wie aus einem Mund.

Amy stierte ins Kaminfeuer und sagte nichts. Doch die Röte, die ihr ins Gesicht schoss, verriet sie.

"Amy, du hast es", kreischte Jo, stürzte auf Amy zu, packte sie bei den Schultern und schüttelte sie.

"Nein, ich habe es nicht gesehen."

"Das ist eine Lüge! Du hast etwas mit seinem Verschwinden zu tun. Ich bringe dich schon zum Reden."

"Du kannst mir drohen, wie du willst. Dein dummes, altes Buch wirst du nie wieder sehen!", schrie Amy trotzig.

"Was hast du getan?" Jo sah Amy entsetzt an.

"Ich habe es verbrannt!"

"Was? Mein Buch, an dem ich so lange geschrieben habe. Alle meine schönen Geschichten. Ich habe sie gerade erst fein säuberlich hier hineingeschrieben und die Originalmanuskripte weggeworfen. Du hast die Arbeit von ein paar Jahren zerstört. Du fieses Miststück. Das werde ich dir nie verzeihen."

Meg und Betty waren aufgesprungen. Meg versuchte, Amy zu schützen, während Betty ihr Bestes gab, um Jo zurückzuhalten. Doch Jo schubste Betty unsanft zur Seite und stürmte unter Wutgebrüll auf den Dachboden.

Kurz darauf kam Mrs March nach Hause. Sie spürte sofort die dicke Luft und Meg erzähle ihr, was vorgefallen war. Mrs March redete ein ernstes Wort mit Amy und machte ihr klar, was sie ihrer Schwester angetan hatte. Das Buch war Jos ganzer Stolz.

Mrs March sah ernsthaft betrübt aus. Betty, die Jos Talent zum Geschichtenerzählen absolut bewunderte, war untröstlich und sogar Meg weigerte sich diesmal, ihren Schützling Amy zu verteidigen. Amy fühlte sich von der ganzen Welt allein gelassen.

Als es Zeit zum Abendessen war, erschien Jo mit solch grimmiger Miene, dass es Amys ganzen Mut kostete, sie anzusprechen. "Jo, bitte vergib mir. Es tut mir unendlich Leid."

"Das kann ich dir nie vergeben", fauchte Jo und ignorierte Amy die restliche Zeit des Abendessens.

Auch am nächsten Tag war die Verstimmung noch zu spüren und alle hatten schlechte Laune, als sie nach Hause kamen.

"Ihr seid alle so übel gelaunt. Ich frage jetzt Laurie, ob er mit mir Schlittschuhlaufen geht", verkündete Jo, schnappte ihre Schlittschuhe und rauschte zur Tür hinaus.

"Seht ihr!", beschwerte sich Amy. "Sie hat mir versprochen, sie würden mich das nächste Mal mit zum Schlittschuhlaufen nehmen. Lange hält das Eis nicht mehr. Aber so ist es immer, ich bin ihr ganz egal."

"Sag das nicht, das stimmt nicht. Aber den Vorfall von gestern kann Jo dir eben nicht so schnell verzeihen", meinte Meg. "Vielleicht ist sie wieder versöhnlicher, wenn sie sich mit Laurie ausgetobt hat. Du kannst ihr ja nachgehen, und wenn sie erst einmal lacht, gehst du zu ihr und sagst ihr, wie gern du sie hast."

"Das probier ich."

Als Amy am Fluss ankam, hatten Laurie und Jo bereits ihre Schlittschuhe an. Jo entdeckte Amy zwar noch am Ufer, doch sie drehte ihr den Rücken zu und eile Laurie hinterher. Ihre Wut war noch immer nicht verraucht.

"Bleib nah am Ufer! In der Mitte ist es nicht mehr sicher", schrie Laurie gegen den eisigen Wind. Als sie sich für das Rennen bereit machen, sah Jo, wie Amy unsicher auf das dünnere Eis in der Mitte des Flusses zusteuerte. Für einen Moment blieb ihr das Herz stehen, doch dann gab Laurie das Startzeichen und Jo drehte sich weg. Aber ein ungutes Gefühl stoppte sie und sie sah sich um. Genau in der Sekunde gab das Eis unter Amy nach und sie brach ein. Das Wasser spritzte in die Höhe und Amy schrie laut auf. Ihre Arme ruderten panisch in der Luft.

Jo, war wie gelähmt. Laurie schoss an ihr vorbei und schrie: "Schnell einen dicken Ast!"

Jo befolgte wie eine Maschine Lauries Anweisungen und gemeinsam zogen sie Amy, auf dem Bauch liegend, aus dem eiskalten Wasser. Mit der schlotternden, heulenden Amy in der Mitte, liefen sie, so schnell es ging zum Haus der Marchs.

"Bist du sicher, dass ihr nichts fehlt?", fragte Jo ihre Mutter. Sie sah reumütig auf Amys blonden Lockenkopf und musste pausenlos daran denken, dass sie durch ihre Sturheit beinahe ihre kleine Schwester verloren hätte.

"Amy ist nicht verletzt. Ihr habt schnell und umsichtig reagiert", beruhigte Mrs March.

"Es ist alles meine Schuld. Durch meinen Jähzorn habe ich es erst so weit kommen. Ach, Mutter, ich habe Angst, dass eines Tages noch etwas viel Schlimmeres passiert", schluchzte Jo.

"Ich helfe dir. Und jetzt hör auf zu weinen. Wir haben alle unsere Fehler. Ich war früher genau, wie du. Mit den Jahren habe ich gelernt meinen Jähzorn zu kontrollieren."

"Du?", Jo war völlig erstaunt. Die Tatsache, dass auch ihre Mutter mit einem aufbrausenden Temperament zu kämpfen hatte, gab Jo neuen Mut.

Jo schloss ihre Mutter in die Arme und dann beteten sie zusammen. Bevor Jo ins Bett ging, schlich sie ins Zimmer von Amy und Betty und legte sich kurz zu Amy ins Bett. Sie streichelte ihr über den blonden Lockenkopf und flüsterte:

"Amy, ich habe einen fürchterlichen Fehler gemacht. Nur Laurie ist es zu verdanken, dass du noch bei uns bist. Ich bin so froh."

Als ob sie es gehört hätte, drehte sich Amy im Schlaf um. Sie öffnete die Augen und strahlte Jo an. Ohne ein Wort zu sagen, umarmten sich beide, drückten einander innig und blieben fast die ganze Nacht so liegen.

Experimente

"Endlich haben wir den ersten Juni! Die Kings-Kinder fahren morgen für drei Monate ans Meer und ich habe Urlaub!" Meg tanzte vergnügt durchs Wohnzimmer.

"Tante March hat heute auch all ihre Sachen für ihre Reise nach Plumfield gepackt. Bis zum Schluss habe ich gezittert, dass sie mich doch noch bittet mitzukommen", berichtete Jo, die bereits gemütlich auf dem Sofa lag.

"Was macht ihr jetzt mit der vielen freien Zeit?", wollte Amy wissen.

"Ich werde jeden Tag lange ausschlafen und faulenzen", meinte Meg und seufzte wohlig bei dem Gedanken an das verlockende Nichtstun.

"Und ich werde mich bei Sonnenschein auf meinen Lieblingsast im alten Apfelbaum setzen und ein Buch nach dem anderen verschlingen", freute sich Jo.

"Wir sollten auch Ferien machen und eine Weile die Lernerei sein lassen", schlug Amy vor. "Dann können wir auch spielen und faul sein. Was meinst du Betty?"

"Gerne, wenn Mutter es erlaubt. Ich möchte ein paar neue Stücke auf dem Klavier lernen und die Puppen brauchen dringend neue Sommerkleider, ihre alten sind ganz kaputt."

Also fragten die vier Schwestern Mrs March. Die Mutter erlaubte ihnen für eine Woche nur das zu tun, wozu sie Lust hatten. Warnte sie aber, dass nur Freizeit ohne Pflichten genauso unbefriedigend sein können, wie nur Pflichten ohne Freizeit.

Doch die Mädchen widersprachen voller Überzeugung.

Am nächsten Morgen kroch Meg erst um zehn Uhr aus den Federn. Ihr einsames Frühstück schmeckte nicht richtig und das Wohnzimmer wirkte verlassen und unordentlich. Nur Mutters Ecke war aufgeräumt, wie immer.

Beim Abendessen erzählten die vier Mädchen ihrer Mutter von ihren Vergnügungen und waren sich einig, dass es ein wundervoller, aber ungewöhnlich langer Tag gewesen war.

Jo hatte einen Sonnenbrand auf der Nase und Kopfschmerzen vom langen Lesen. Meg hatte sich am Nachmittag blauen Stoff für ein Kleid gekauft und zugeschnitten. Leider hatte sie erst zu spät bemerkt, dass man diesen Stoff nicht waschen konnte.

Betty musste an die Unordnung in ihrem Zimmer denken und dass es gar nicht so leicht war, drei neue Stücke auf dem Klavier zu lernen. Und Amy machte sich Sorgen, was sie zu Katy Browns Fest anziehen sollte, da ihr weißes Kleid ruiniert war. Doch diese Dinge verschwiegen die Mädchen ihrer Mutter und versicherten, was für ein wunderbarer Tag es gewesen war.

Mrs March lächelte nur still vor sich hin.

Die nächsten Tage zogen sich in die Länge und die Stimmung der Schwestern wurde so wechselhaft wie das Wetter. Nach einiger Zeit wussten die Mädchen kaum noch, was sie mit der vielen Freizeit anstellen sollten.

Allerdings wollte keine zugeben, dass sie von dem Experiment längst die Nase voll hatten. Am Freitagabend waren alle insgeheim froh, dass sie es nun fast überstanden hatten. Mrs March hatte ihre Töchter genau beobachtet und beschloss, die Lektion mit einem kleinen Streich zu beenden: Den letzten Tag würden auch sie und Hanna Urlaub machen.

Als die Schwestern am Samstag aufstanden, brannte in der Küche kein Feuer, kein Frühstück stand auf dem Tisch und von Mrs March war nichts zu sehen. Die Mädchen waren völlig erstaunt. Meg lief nach oben und fand Mrs March im Bett.

"Mutter sagt, sie sei müde und will den ganzen Tag in ihrem Zimmer verbringen", berichtete sie verdutzt. "Sie war ganz seltsam und meinte, es wäre eine anstrengende Woche für sie gewesen und wir sollen uns heute um uns selbst kümmern."

"Kein Problem, das schaffen wir mit links", sagte Jo, die regelrecht erleichtert war, wieder eine Aufgabe zu haben. Das Frühstück war schnell zubereitet. Amy und Betty deckten den Tisch, während Meg und Jo die Speisekammer durchsuchten. Sie verstanden gar nicht, was Hanna an der Hausarbeit so anstrengend fand.

"Wir sollten Mutter auch ein Frühstück bringen", schlug Meg vor, und Jo trug ein Tablett nach oben.

Mrs March bedankte sich herzlich für die nette Geste und lachte erst, als Jo wieder aus dem Zimmer war. Der Tee schmeckte bitter und das Omelett war verbrannt. In weiser Voraussicht hatte sie sich längst ein eigenes Frühstück zubereitet, bevor die Mädchen aus den Federn gekrochen waren. Dies holte sie nun aus ihrem Nachtkästchen und ließ das Omelett darin verschwinden.

Unten kauten die Mädchen lustlos auf den verbrannten Omeletts.

"Das Mittagessen wird bestimmt besser", versprach Jo. "Wir haben ja jede Menge Zeit. Ich koche, und Meg hilft mir, wenn ich nicht mehr weiter weiß."

Jo hatte vom Kochen noch weniger Ahnung als Meg, aber ihr Angebot wurde dankbar angenommen. Jo schrieb eine Nachricht an Laurie und lud ihn voller Vertrauen in ihre Kochkünste zum Essen ein. Erst danach sah sie in die Speisekammer, was überhaupt zum Essen im Haus war. Sie fand Corned Beef, jede Menge Kartoffeln und Salat. Spargel und Krabben wollte sich noch besorgen. Für den Nachtisch hatte sie Erdebeeren mit Schlagsahne geplant.

Meg, die doch sehr an den Kochkünsten ihrer Schwester zweifelte, ermahnte Jo, Mutter um Erlaubnis zu fragen, bevor sie sich etwas vom Haushaltsgeld nahm.

Mrs March regierte kühl. "Ich werde heute auswärts essen. Es ist mein freier Tag und ich werde Bekannte besuchen und mich amüsieren."

Jo verstand die Welt nicht mehr. So hatte sie ihre Mutter noch nie erlebt. Irgendetwas stimmte hier nicht. Verstört schlenderte sie die Treppen hinab, als sie plötzlich Betty bitterlich weinen hörte. Jo eilte ins Wohnzimmer und fand Betty völlig aufgelöst vor dem Käfig von Piep, dem Kanarienvogel. Piep lag regungslos auf dem Rücken, die dünnen Füße in die Luft gestreckt.

"Es ist alles meine Schuld", schniefte Betty. "Ich habe Piep einfach vergessen. Er hat seit Tagen nichts mehr zu fressen bekommen. Wie konnte ich nur…"

Ein Sturzbach von Tränen rann Betty über die Bäckchen, und sie versuchte vergeblich, den armen Piep wieder zum Leben zu erwecken. Jo nahm den Vogel in die Hand und legte ihn in ihre schönste Hutschachtel. Sie beschlossen ihn am Nachmittag mit einer schönen Zeremonie in seinem Hutschachtelsarg zu begraben. Jo wollte noch ein Abschiedsgedicht verfassen.

Während Meg und Amy weiter versuchten, Betty zu trösten, machte sich Jo auf den Weg in die Küche. Das Chaos, das sie vorfand, war nicht sehr ermutigend. Überall stand dreckiges Geschirr herum. "Na, das fängt ja toll an", brummte sie ärgerlich, und versuchte zuerst, das Feuer in Gang zu bringen. Als das brannte, beschloss Jo auf den Markt zu gehen. Doch was sie da erstand konnte ihre Laune nicht heben: winzige Krabben, alten Spargel und noch sehr grüne Erdbeeren.

Aber es sollte noch schlimmer kommen. Keine halbe Stunde später klopfte es an die Türe. Mrs Crocker, eine Nachbarin, stand davor und erklärte freudig, dass sie endlich Zeit hätte, die Einladung von Mrs March anzunehmen. Zu Mrs Crockers Lieblingsbeschäftigungen gehörte es, zu lästern und Klatsch zu verbreiten. Ihren Adleraugen entging nichts.

Meg ließ sie in Mutters Lehnstuhl Platz nehmen und gab sich Mühe, eine gute Gastgeberin zu sein.

Währenddessen schwitzte Jo in der Küche. Der Spargel verlor nach einer Stunde seine Köpfe, aber die Enden waren immer noch hart, die Krabben blieben ihr ein Rätsel und sie versteckte sie ungepult im Salat. Außerdem verbrannte das Brot im Ofen, weil sie mit der Salatsoße nicht klar kam. Mit dem Dessert wollte sie alles retten und schüttete eine gute Portion Zucker in die leicht klumpige Schlagsahne. So würden die Gäste den saueren Geschmack der Erdbeeren nicht bemerken. Jo war völlig erschöpft, als sie den Gong zum Mittagessen schlug.

Als die Schüsseln nach und nach herumgereicht wurden, hätte sie sich am liebsten unter dem Tisch versteckt. Nur Laurie redete und redete, um die Tischgesellschaft zu unterhalten. Alle Schüsseln waren noch fast voll, als es Zeit für Nachtisch war. Jo hoffte inständig, dass der ihre Ehre retten würde.

Mrs Crocker testete als Erste, verzog das Gesicht und trank hastig ein paar Schluck Wasser. Amy, die Erdbeeren über alles liebte, schob sich eine besonders volle Gabel in den Mund, lief knallrot an, griff prustend zur Serviette und rannte hinaus.

"Um Himmels Willen, was ist los?", rief Jo entsetzt.

"Salz statt Zucker und die Sahne ist sauer", antwortete Meg mit angewidertem Gesichtsausdruck.

Jo war kurz davor, in Tränen auszubrechen. Ich Trottel! Verzweifelt sah sie Laurie an, der plötzlich loslachte. Der Lachanfall wirkte ansteckend und rettete die Situation. Sogar die griesgrämige Mrs Crocker stimmte in das Gelächter ein. Meg brachte Brot, Butter und Oliven und so endete das Mittagessen heiter und keiner blieb hungrig.

Auch der Rest des Tages, war mit Arbeit angefüllt. Zuerst begruben sie mit einer feierlichen Zeremonie den Kanarienvogel. Danach räumten sie die Küche und ihre Zimmer auf. Als Mrs March nach Hause kam, waren die Mädchen immer noch bei der Arbeit. Sie erkannte, dass ihr Experiment ein voller Erfolg gewesen war, und schmunzelte heimlich.

"Was für ein grauenhafter Tag", stöhnte Jo.

"Na, seid ihr zufrieden mit eurem Experiment? Oder wollte ihr noch eine Woche länger probieren", fragte die Mutter scheinheilig.

"Ich auf keinen Fall", rief Jo.

"Wir auch nicht", kam es wie aus einem Mund.

"Ihr seht also ein, dass das Leben für alle angenehmer ist, wenn jeder ein paar kleine Pflichten übernimmt?"

Die Mädchen nickten. Mrs March schlug vor, ihnen in den Ferien ein bisschen Kochen beizubringen. Mrs Crocker hatte ihr selbstverständlich längst alle Details des mittäglichen Desasters verraten.

"Gerne", freuten sich Meg und Jo.

"Du hast uns absichtlich mit all den Dingen alleine gelassen, stimmt's?", fragte Jo.

"Ja", lachte Mrs March. "Ich wollte euch einfach zeigen, was passiert, wenn jeder nur an sich denkt."

Die Lektion saß. Die Mädchen versprachen ihre Aufgaben wieder gewissenhaft zu erledigen.

"Und ich passe beim Kochkurs genau auf, damit meine nächste Einladung ein richtiger Erfolg wird", versprach Jo.

Camp Laurence

Der kleine Briefkasten, den Laurie eines Tages in der Hecke zwischen den beiden Grundstücken aufgehängt hatte, war eine fantastische Idee gewesen. Alle, sogar Mrs March und Mr Laurence nutzten das ehemalige Vogelhaus, um Nachrichten auszutauschen. Es war Bettys Aufgabe, nach der Post zu sehen, wenn sie mit den Puppen spazieren fuhr.

An einem schönen Julimorgen kam sie mit einem Arm voll Post ins Haus. Zwei Briefe für Jo, ein seltsamer Hut und ein einzelner Handschuh sowie ein Brief für Meg. Dieser war von Mr Brook, Lauries Lehrer. Er hatte für Meg ein deutsches Lied übersetzt. "Betty, hast du auch genau nachgesehen? Ist nicht noch einer im Briefkasten? Ich habe die Handschuhe bei Mr Laurence vergessen."

Betty schüttelte den Kopf: "Ich habe mich auch schon gewundert, aber der Briefkasten ist leer."

"Oh, Laurie ist so ein Schuft", schimpfte Jo lachend. "Ich habe ihm erzählt, dass ich wünschte, es wären größere Hüte in Mode, da ich mir ständig einen Sonnenbrand auf der Nase hole. Und er meinte, ich solle auf die Mode pfeifen und einfach einen größeren Hut tragen. Jetzt hat er mir dieses scheußliche, alte Exemplar geschickt."

Zu dem Hut gehörte ein Brief. Laurie lud die March Schwestern zu einem Picknick ein. Er bekam Besuch von ein paar Jungen und Mädchen aus England, mit denen er nach Longmeadow rudern wollte. Er erklärte, dass Kate Vaughn, als Anstandsdame für die Mädchen mitging. Mr Brooke würde sich um die Jungen kümmern.

Jo freute sich sehr, über die Einladung und bat ihre Mutter um Erlaubnis.

"Hoffentlich sind die Vaughns nicht alle sehr erwachsen und vornehm", meinte Meg.

"Ich weiß nur, dass es vier Geschwister sind. Kate müsste etwas älter sein als du. Die Zwillinge Fred und Frank sind in meinem Alter und Grace, die Kleinste, ist etwa neun oder zehn Jahre. Laurie kennt die Zwillinge aus dem Internat."

Während Amy, Jo und Meg sich darüber berieten, was sie anziehen sollten, saß Betty still in ihrer Ecke. "Betty, du kommst doch mit, oder?", fragte Jo.

"Aber nur wenn ich nicht mit fremden Jungen sprechen muss!"

"Versprochen!", rief Jo.

Die Mädchen beschlossen, ihre Pflichten heute besonders fleißig zu erledigen, damit sie den freien Tag morgen richtig genießen konnten.

Im Haus der Marchs herrschte am nächsten Morgen ebenso hektisches Treiben wie nebenan. Betty war als Erste fertig. Während ihre Schwestern noch dabei waren, sich hübsch zu machen, berichtete sie von ihrem Aussichtsposten am Fenster, was sich im Haus der Laurences abspielte.

"Oh, da kommen die Gäste! Eine große, schlanke Dame, ein kleines Mädchen und zwei schrecklich aussehende Jungen. Einer von ihnen geht auf Krücken. Jetzt beeilt euch mal! Oh, und da kommt Ned Moffat und Sallie ist auch dabei."

"Wie schön, ich dachte Ned wäre in die Berge gefahren", freute sich Meg. "Jo! Du willst aber nicht ernsthaft diesen grässlichen Hut aufsetzen", rief sie entsetzt, als sie ihre Schwester sah.

"Doch! Er ist für so einen Ausflug wie geschaffen", grinste Jo. Sie zog den alten Schlapphut noch etwas tiefer in die Stirn und rannte als Erste aus dem Haus. Laurie begrüßte sie fröhlich und stellte die Mädchen dann höflich den Gästen vor.

Meg freute sich, als Ned beteuerte, er sei nur ihretwegen gekommen. Jo verstand, warum Laurie stets die Nase rümpfte, wenn er von Kate sprach. Sie wirkte sehr überheblich. Betty beäugte die Zwillinge. Der Junge mit den Krücken tat ihr Leid. Amy musterte Grace sehr reserviert, stellte aber bald fest, dass sie eigentlich ganz nett war.

Am Fluss angekommen, kletterte die Gesellschaft in zwei Boote. Laurie und Jo ruderten im ersten Boot, und Mr Brooke und Ned Moffat hatten gut zu tun, ihrem flotten Tempo zu folgen. Jos Hut hatte gleich für einige Lacher gesorgt. Nur Kate wunderte sich über die lockeren Umgangsformen der Amerikaner.

Es war nicht weit bis Longmeadow, und als die beiden Boote das Ufer erreichten, hatten die vorausgefahrenen Bediensteten von Mr Laurence bereits das Zelt und die Tore für das Kricketspiel aufgestellt. Auf einer großen Wiese, mit alten Eichen lagen Picknickdecken ausgebreitet.

"Willkommen in Camp Laurence! ", rief Laurie. "Mr Brooke ist der General und ich bin sein Adjutant. Wir schlagen vor, gleich mit dem Kricketspiel zu beginnen, bevor es zu heiß wird."

Sie bildeten zwei Mannschaften. Die von Jo gewann sogar das Spiel, obwohl Fred geschummelt hatte. Doch beim folgenden Picknick war der Ärger bald vergessen. Betty kam zur Überraschung ihrer Schwestern mit Frank ins Gespräch und sie unterhielten sich angeregt.

"Ich habe Frank schon lange nicht mehr so lachen gesehen", freute sich dessen kleine Schwester Grace.

"Ja, unsere Betty ein kleiner Engel", erwiderte Meg.

Bei einer Diskussion zwischen Kate und Meg, in der es um die Unterschiede zwischen englischen und amerikanischen Frauen ging, kam Mr Brooke Meg zu Hilfe: "Die amerikanischen Frauen schätzen ihre Unabhängigkeit ebenso wie ihre Gründungsväter, und sie werden dafür respektiert, dass sie ihr eigenes Geld verdienen."

"Außerdem macht es Spaß, die Dinge, die man gelernt hat, an Jüngere weiterzugeben", fügte Meg hinzu und wunderte sich über ihre Schlagfertigkeit. So hatte sie den verhassten Job bei den verzogenen Kings-Kindern noch nie betrachtet.

Nach einer weiteren Partie Kricket und ein paar Liedern am Lagerfeuer machte sich die Gesellschaft wieder auf den Nachhauseweg. Im Garten von Mr Laurence verabschiedeten sich alle herzlich voneinander, denn die Vaughns wollten am nächsten Tag nach Kanada weiterreisen. Die vier Schwestern liefen nach Hause und winkten noch ein letztes Mal vor ihrer Einganstür.

"Abgesehen von ihren ungehobelten Manieren können amerikanische Mädchen doch recht nett sein, wenn man sie erst näher kennen lernt", bemerkte Kate, diesmal ganz ohne ironischen Unterton.

"Da haben Sie Recht", bestätigte Mr Brooke und lächelte.

Luftschlösser

An einem warmen Septembernachmittag schaukelte Laurie in seiner Hängematte und überlegte, was seine Nachbarinnen wohl gerade machten. Doch er war zu faul, aufzustehen und nachzusehen. Das heiße Wetter hatte ihn träge gemacht und er war mit dem falschen Fuß aufgestanden. Irgendwie lief heute alles schief.

Die friedliche Stille des Gartens beruhigte ihn und er war gerade dabei, seine Gedanken auf eine abenteuerliche Reise zu schicken, als er nebenan Geräusche hörte. Er setzte sich auf und entdeckte die vier Schwestern, die aussahen, als würden sie auf eine Expedition gehen.

Was die nur vorhatten? Sie trugen große Schlapphüte und hatten einen Wanderstab in der Hand. Außerdem baumelte ein großer Leinensack über ihren Schultern. Schweigend verließen sie den Garten und wanderten den Hügel hinauf, der zum Fluss führte.

Laurie vermutete, etwas beleidigt, dass sie ein Picknick machen würden und ihn nicht gefragt hatten, ob er dabei sein möchte. Neugierig schlich er hinterher. Wenig später beobachtete er, wie die Mädchen auf dem Hügel im Gras saßen, jede in ihre Arbeit vertieft. Meg nähte, Betty bastelte kleine Dinge aus Nüssen und Tannenzapfen, Amy strickte und Jo las aus einem Buch vor.

Laurie überlegte kurz, ob er wieder umkehren sollte, doch zu Hause war es so langweilig. Also trat er aus dem Wald heraus, räusperte sich und klopfte an die große Eiche, als ob sie eine Tür wäre.

"Darf ich hereinkommen oder störe ich?", fragte er artig.

Meg zog kritisch die Augenbraue hoch und Jo sprang erfreut auf und rief: "Sicher, bleib doch hier. Ich wollte dich eigentlich fragen, ob du mitkommen möchtest. Aber dann dachte ich mir, dass du dir nichts aus unseren albernen Mädchenspielen machst."

"Ich mag all eure Spiele, aber wenn Meg mich nicht dabeihaben möchte, gehe ich auch wieder."

"Du kannst bleiben, aber du musst dich an die Spielregeln halten und etwas Nützliches machen. Das hier ist der "Fleißige Bienen Club"", belehrte ihn Meg.

"Okay, was soll ich tun?"

"Du kannst die Geschichte zu Ende lesen. Dann kann ich Meg beim Nähen helfen", schlug Jo vor.

Als die Geschichte fertig war, wollte Laurie mehr über diesen Club erfahren. Jo erzählte ihm von der Pilgerreise, von der jede der Schwestern ein kleines Büchlein, als Leitfaden besaß.

"Seit Weihnachten spielen wir Pilger und versuchen, auf dem Weg in die himmlische Stadt bessere Menschen zu werden. Weil wir unsere Ferien nicht mit Nichtstun vertrödeln wollen, haben wir uns überlegt unsere Arbeiten mit an die frische zu Luft zu nehmen. Aus Spaß haben wir uns dabei wie echte Pilger verkleidet und unseren Berg der Träume erklommen."

Laurie stand auf und betrachtete den herrlichen Ausblick. "Wunderschön", hauchte er andächtig.

"Wir stehen oft hier und bauen unsere Luftschlösser, in dem jeder gerne leben würde", erklärte Jo weiter.

"Ich habe schon so viele Luftschlösser gebaut, dass ich gar nicht wüsste, in welches ich einziehen will", bekannte Laurie.

So begann Laurie von einem seiner Träume zu erzählen. "Zuerst möchte ich die ganze Welt sehen und mich dann in Deutschland niederlassen und nur noch für die Musik leben. Ich werde ein berühmter Musiker und kann nur noch das tun, was mir gefällt."

Dann forderte er Meg auf, zu erzählen. "Ich hätte gerne ein hübsches Haus, voll mit schönen Dingen. Elegante Möbel und jede Menge Geld. Meine Angestellten kümmern sich um die Hausarbeit und ich müsste keinen Handstrich machen."

In Jos Luftschloss existierte ein Stall voller Pferde und Bücherregale, die bis zur Decke reichten. Außerdem ein magisches Tintenfass, mit dem sie Bücher schreibt, die weltberühmt werden.

Als Betty an der Reihe war meinte sie zufrieden: "Ich wünschte, Vater würde heimkommen. Dann möchte ich glücklich mit unserer ganzen Familie leben."

"Hast du sonst keine Wünsche?", wunderte sich Laurie.

"Seit ich das kleine Klavier besitze, bin ich ganz und gar zufrieden."

"Ich habe jede Menge Wünsche", erklärte Amy. "Aber der größte ist es, in Rom zu leben und zu malen. Ich möchte die beste Künstlerin der Welt werden."

"Wir sind ganz schön ehrgeizig. Außer Betty wollen wir alle reich und berühmt werden. Ich bin gespannt, bei wem diese Wünsche tatsächlich Wirklichkeit werden. Lasst uns in zehn Jahren wieder zusammentreffen und sehen, was aus unseren Luftschlössern geworden ist."

"Oh je, dann bin ich ja schon siebenundzwanzig", rechnete Meg, der immer mehr bewusst wurde, dass sie bald erwachsen war.

"Ich hoffe nur, ich kann dann etwas vorweisen. Natürlich könnte ich Großvater glücklich machen und Kaufmann werden. Aber dieses ganze Zeug interessiert mich nicht."

"Du solltest trotzdem auf deinen Großvater hören und erstmal aufs College gehen, Laurie. Du würdest es dir nie verzeihen, wenn du ihn alleine lässt. Du musst Geduld haben und deine Pflichten erfüllen, dann wirst du auch belohnt. Genauso wie der von allen respektierte Mr Brooke", erklärte Meg.

"Was weißt du über Mr Brooke", hakte Laurie nach, der froh war das Thema zu wechseln.

"Nur das, war ich von deinem Großvater erfahren habe. Er hatte sich liebevoll um seine kranke Mutter gekümmert, bis sie starb. Und jetzt sorgt er für die Dame, die seine Mutter gepflegt hat. Er macht das, ohne groß mit anderen darüber zu reden. Er hat wirklich ein großes Herz."

Da ertönte von Weitem die Glocke, mit der Hanna zum Abendessen rief. Die Mädchen sammelten ihre Sachen zusammen und eilten den Hügel hinunter.

Am Abend beobachtete Laurie seinen Großvater, der sich von Betty ein Stück auf dem Klavier vorspielen ließ und aufmerksam lauschte. Er erinnerte sich an die Unterhaltung am Nachmittag und beschloss: "Ich werde geduldig auf mein Luftschloss warten und erstmal bei Großvater bleiben, solange er mich braucht. Schließlich bin ich das Einzige, was er hat."

Geheimnisse

Inzwischen war es Oktober. Die wärmende Sonne ließ sich nur noch ein paar Stunden am Tag blicken.

Jo war sehr beschäftigt und verkroch sich fast jeden Tag auf dem Dachboden. Auf dem alten Sofa unter dem Dachfenster genoss sie die letzten Sonnenstrahlen und kritzelte eifrig in ein leeres Buch, das sie selbst gebunden hatte. Mit einem zufriedenen Seufzen setzte sie schließlich schwungvoll ihren Namen unter die letzte Zeile.

"Fertig! Ich habe mein Bestes gegeben. Und wenn es diesmal nicht klappt, muss ich eben warten, bis ich es besser kann."

Konzentriert las Jo noch einmal jede Seite ihres Manuskriptes und verbesserte ein paar Fehler. Dann umwickelte sie es mit einem roten Band und betrachtete es voller Stolz. Sie schlich die Treppen hinunter und zog so geräuschlos wie möglich ihren Mantel an. Dann schlich sie sich nach draußen und ging zur nächsten Haltestelle der öffentlichen Pferdekutschen. Jo bezahlte den Kutscher und fuhr zum ersten Mal in ihrem Leben alleine in die Stadt.

Dort angekommen eilte sie mit großen Schritten durch die belebten Straßen, bis sie das gesuchte Haus fand. Am Eingang hingen viele Schilder unter anderem ein auffälliges Reklameschild eines Zahnarztes. Jo straffte die Schultern und betrat das Haus, doch an der Treppe drehte sie plötzlich um. Wenig später unternahm sie einen erneuten Anlauf.

Der junge Mann, der Jo aus dem gegenüberliegenden Haus beobachtete, schmunzelte. "Das sieht ihr wieder ähnlich, dass sie alleine hierher kommt. Aber hinterher ist sie sicher froh, wenn sie jemand nach Hause begleitet."

Als Jo zehn Minuten später mit hochrotem Kopf aus dem Eingang stürzte, war sie alles andere als erfreut, den jungen Gentleman zu sehen. Sie grüßte ihn kurz und wollte davoneilen. Doch er folgte ihr beharrlich.

"War es schlimm? Du bist aber schnell drangekommen!"

"Gott sei dank."

"Warum bist du alleine hergekommen?"

"Ich wollte nicht, dass es jemand weiß."

"Du bist das seltsamste Mädchen, das ich kenne. Wie viele hat er dir gezogen?"

Jo sah Laurie einen Moment lang verdutzt an und brach dann in schallendes Gelächter aus.

"Nein, mit meinen Zähnen ist alles in Ordnung. Aber was machst du im Billardsalon?"

"Entschuldigen Sie, werte Dame. Das ist kein Billardsalon, sondern eine Turnhalle, ich hatte eine Lektion im Fechten. Wollen wir zusammen nach Hause laufen? Dann erzähle ich dir ein Geheimnis, allerdings nur, wenn du mir deines verrätst."

"Ich habe kein…", begann Jo und stoppte abrupt, als ihr einfiel, dass sie seit heute doch ein Geheimnis besaß.

"Ich weiß, dass du eins hast. Vor mir kannst du nichts verbergen. Also erzähl schon, sonst werde ich den ganzen Heimweg schweigen."

"Du darfst es aber niemandem verraten."

"Versprochen!"

"Ich habe zwei meiner Geschichten bei der Zeitung abgegeben, und sie wollen mir nächste Woche Bescheid geben, ob sie sie abdrucken", flüsterte Jo ihrem Freund ins Ohr.

"Hurra! Josephine March, Amerikas berühmte Autorin!", jubelte Laurie, schloss Jo in die Arme und wirbelte sie herum.

Jos Augen glänzten vor Freude. "So, und jetzt erzähl mir dein Geheimnis."

Laurie räusperte sich. "Ich weiß, wo Megs Handschuh ist", sagte er dann bedeutungsvoll.

"Ist das alles?", fragte Jo enttäuscht. Doch Lauries Grinsen verriet ihr, dass hinter der Sache mehr stecken musste.

"Soll ich dir verraten, wo er ist? Das errätst du nie!"

Laurie beugte sich zu Jo hinüber und flüsterte drei Worte in ihr Ohr. Jo blieb stehen und starrte Laurie erstaunt und ziemlich entsetzt an. Dann rief sie entrüstet: "Woher weißt du das?"

"Ich habe ihn gesehen. In seiner Westentasche. Ist das nicht romantisch?"

"Nein, es ist grauenhaft und lächerlich. Was wird Meg bloß dazu sagen?"

"Wehe, du erzählst es ihr! Du hast versprochen, das Geheimnis für dich zu behalten!"

"Ich verrate es nicht. Aber ich finde es abstoßend und wünschte, du hättest es mir nicht erzählt! Es ist kein schöner Gedanke, dass einer kommt, um uns Meg wegzunehmen."

"Ist es dir lieber, wenn zuerst jemand kommt, um dich mitzunehmen?"

"Das soll erstmal einer versuchen!", kreischte Jo drohend.

"Vielleicht sollte ich es versuchen?", kicherte Laurie.

Um Jo auf andere Gedanken zu bringen, schlug Laurie ein Wettrennen den Hügel hinunter vor. Ihre Haarnadeln lösten sich und als sie unten als Zweite ankam, war ihre Frisur völlig aufgelöst. Laurie machte sich auf die Suche, nach den Nadeln und Jo flocht sich einen Zopf.

In dem Moment kam eine äußerst herausgeputzte Meg in ihrem hübschesten Kleid auf sie zu. Sie stellte Jo zur Rede, dass eine junge Dame keine Wettrenne veranstaltete. Jo reagierte beleidigt. Doch Lauries Geschichte hatte ihr gezeigt, das Meg wirklich erwachsen wurde und dass sie ihre geliebte Schwester bald an einen Mann verlieren könnte. Das machte sie traurig.

Die nächsten zwei Wochen benahm sich Jo so seltsam, dass Meg sich wunderte, was wohl los war. Jo sprintete zur Tür, wenn der Postbote klingelte, war unhöflich zu Mr Brooke und sah Meg oft lange mit einem merkwürdigen Blick an. Sie zankte sich mit ihr wegen jeder Kleinigkeit, um dann plötzlich aufzuspringen und sie in den Arm zu nehmen.

Eines Samstags saß Meg nähend am Fenster und betrachtete, wie Jo und Laurie im Garten herumtobten. Sie spielten fangen und als Laurie sie schließlich erreicht hatte, kitzelte er sie. Meg konnte nichts sehen, aber sie hörte lautes Lachen, gefolgt von heimlichtuerischem Geflüster und lautem Rascheln von Zeitungspapier.

Ein paar Minuten später kam Jo zur Tür hereingehopst, ließ sich aufs Sofa plumpsen und begann interessiert, die Zeitung zu studieren.

"Na, was gibt es Spannendes", fragte Meg herablassend.

"Ach nur so eine Geschichte. Sie heißt die malenden Rivalen", erwiderte Jo belanglos.

"Kling gut. Lies vor! Dann kannst du schon keinen Unfug anstellen", sagte Meg.

Jo räusperte sich, nahm einen tiefen Atemzug und begann zu lesen. Die Mädchen lauschten gespannt. Die Geschichte war sehr romantisch, aber auch sehr traurig, da am Schluss fast alle Helden starben.

"Was für eine wundervolle Geschichte. Wer hat sie geschrieben?", fragte Betty und sah Jo durchdringend an.

Die Vorleserin setzte sich auf, legte die Zeitung beiseite und sagte in feierlichem Ton: "Eure Schwester!"

"Du?", rief Meg und ließ ihr Nähzeug fallen.

"Sie ist ganz wunderbar", lobte Amy.

"Ich wusste es, ich wusste es! Oh Jo, ich bin so stolz auf dich!" Betty rannte zu ihrer Schwester und umarmte sie innig.

Alle freuten sich wahnsinnig für Jo und redeten wild durcheinander. Auch Mrs March und Hanna kamen bei dem Lärm aus der Küche und die Zeitung wanderte von Hand zu Hand. Als sich alle etwas beruhigt hatten, erzählte Jo von ihrem Besuch bei der Zeitungsredaktion. Der Zeitungsmann hatte ihre beiden Geschichten abgenommen und ihr erklärt, dass Anfänger noch kein Geld bekommen würden, aber dafür eine große Chance.

Sie gestand auch, dass Laurie in alles eingeweiht war, weil er sie in der Stadt erwischt hatte. Jo hatte vor Freude Tränen in den Augen. Ihr größter Wunsch war in Erfüllung gegangen. Und es war der erste Schritt auf dem Weg zu ihrem Luftschloss.

Das Telegramm

"November ist einfach ein grauenvoller Monat!", jammerte Meg, die am Fenster stand und den Nieselregen beobachtete, der den Garten in ein grautrübes Licht tauchte.

"Und in diesem Monat bin ich auf die Welt gekommen", meinte Jo nachdenklich.

"Nein, wenn jetzt etwas Tolles passieren würde, fänden wir den November alle ganz prima", widersprach Betty, die stets alles optimistisch sah, sogar den November.

Meg sah traurig in den trüben Garten hinaus. Jo gähnte und stützte den Kopf auf die Hände. Nur Amy bearbeitete voller Energie den Ton, aus dem sie liebevoll kleine Tiere formte, als Betty, die am Fenster saß, freudig rief, "Mutter kommt gerade nach Hause. Und Laurie ist ebenfalls auf dem Weg zu uns!"

Mrs March begrüßte ihre Mädchen und wollte wissen, ob ein Brief von Vater gekommen war. Die Schwestern schüttelten betrübt die Köpfe.

"Hey, hat jemand Lust mitzukommen? Ich fahre Brooke mit der Kutsche nach Hause. Als Dank dafür, dass er mich ganze drei Stunden mit Mathematik gequält hat", fragte Laurie fröhlich.

"Klar, wir kommen gerne mit", riefen alle, bis auf Meg. Mutter hatte ihr nahe gelegt, sich in der Öffentlichkeit nicht so oft in der Begleitung des jungen Mr Brooke sehen zu lassen, um Gerede zu vermeiden.

"Kann ich unterwegs etwas für Sie erledigen, Mrs March?", fragte Laurie höflich.

"Wenn du kurz auf dem Postamt nach einem Brief von Mr March fragen könntest, wäre ich dir sehr dankbar. Eigentlich müsste heute einer kommen. Mein Mann schreibt immer regelmäßig."

Ein lautes Klingeln unterbrach sie und kurz darauf kam Hanna mit einem Umschlag herein, den sie so vorsichtig zwischen zwei Fingern trug, als könnte er sonst explodieren.

"Hier ist ein Telegramm angekommen", stieß sie aufgeregt hervor.

Bei dem Wort Telegramm zuckte Mrs March zusammen. Sie riss Hanna den Umschlag aus den Fingern, öffnete ihn hektisch und sank dann völlig blass auf einen Stuhl. Laurie rannte sofort los, um ein Glas Wasser zu holen. Jo hob das Telegramm auf, das zu Boden gefallen war, und las laut vor: MRS MARCH. IHR MANN IST SEHR KRANK. KOMMEN SIE SCHNELL. S. HALE, HOSPITAL, WASHINGTON

Im Wohnzimmer war es schlagartig totenstill. Die Mädchen scharten sich entsetzt und mit Tränen in den Augen um ihre Mutter. Mrs March nahm Jo das Telegramm ab. "Ich muss sofort losfahren. Ich hoffe, ich komme nicht schon zu spät!"

Für ein paar Minuten hörte man nichts außer Schluchzen. Doch dann trocknete Mrs March ihre Tränen und gab entschlossen Anweisungen. Laurie, der sich aus Anstand in den Gang zurückgezogen hatte, bat sie, ein Telegramm aufzugeben, dass sie am nächsten Morgen mit dem ersten Zug losfahren werde.

Außerdem schrieb sie einige Zeilen an Tante March. Diesen Brief sollte Laurie ebenfalls vorbeibringen.

Jo machte sich Gedanken, wie Mutter das Geld für die teuere Reise bezahlen wollte. Wenn sie nur selbst etwas tun könnte. Amy und Hanna holten den großen Koffer vom Dachboden und Meg half ihrer Mutter beim Packen.

Nach kurzer Zeit erschien Mr Laurence mit einigen Flaschen guten Weins und einem großen Korb mit feinsten Lebensmitteln für Mr March. Er bot ihr nicht nur jede denkbare Hilfe an, sondern auch seine Begleitung für die lange Reise. Doch das konnte Mrs March unmöglich annehmen. Mr Laurence war zu alt für eine so beschwerliche Tour.

Der alte Gentleman, verließ nachdenklich murmelnd das Haus. Doch er hatte eine Idee. Wenig später stieß Meg im Flur beinahe mit Mr Brooke zusammen. "Ich komme, um mich Ihnen als Reisebegleiter für Ihre Mutter anzubieten. Mr Laurence sagt, ich könne für ihn ein paar Geschäfte in Washington erledigen. Es wäre mir eine Ehre, Ihre Mutter zu begleiten."

Meg sah Mr Brooke bewundernd an und streckte ihm dankbar die Hand entgegen. "Sie sind so freundlich. Mutter wird sicher einwilligen. Es ist für uns alle eine große Erleichterung zu wissen, dass jemand auf sie aufpasst. Vielen, vielen Dank!"

Laurie erschien wieder mit einem Umschlag von Tante March. Darin war Geld, um das Mrs March sie gebeten hatte. In einem kurzen Brief hatte es sich die alte Dame nicht verkneifen können zu wiederholen, wie unvernünftig es von ihrem Neffen gewesen war, freiwillig zur Arme zu gehen.

Alle halfen weiter bei den Vorbereitungen mit, nur Jo war nicht da. Laurie begann sich Sorgen zu machen und machte sich auf die Suche.

Nachdem er losgegangen war, stand Jo plötzlich in der Tür. Sie hatte einen merkwürdigen Gesichtsausdruck, eine Mischung aus Bedauern und Stolz. Ihre Familie hatte sich gerade zum Abendessen an den Tisch gesetzt und alle sahen sie fragend an.

Jo griff in ihre Tasche, legte ein Bündel Geldscheine auf den Tisch und sagte mit einem leichten zittern in der Stimme: "Das ist mein Beitrag, damit es Vater an nichts fehlt und er nach Hause kommen kann."

"Liebes, wo hast du das viele Geld her? Fünfundzwanzig Dollar! Ich hoffe, du hast nichts Schlimmes angestellt!"

"Es ist mein Geld. Ehrlich. Ich habe es nicht gestohlen, geliehen oder erbettelt, sondern ehrlich verdient. Ich habe nur etwas verkauft, was mir gehörte."

Bei diesen Worten zog Jo die Kapuze ihres Mantels vom Kopf und ihre Schwestern kreischten vor Schreck los. Jos ehemals wunderschönes, langes Haar war kurz geschoren.

"Deine schönen Haare!"

Betty strich Jo traurig über den Kopf, während Jo versuchte, ein gleichgültiges Gesicht zu machen. "Wein nicht Betty. Sie wachsen ja wieder nach. Der Friseur meinte, bald hätte ich einen schicken Bubikopf."

"Wie bist du nur auf die Idee gekommen?", wollte Amy wissen, die lieber gleich den ganzen Kopf als ihre geliebten blonden Locken hätte abschneiden lassen.

"Ich wollte unbedingt irgendetwas für Vater tun. Und ich hasse es ebenso wie Mutter, mir Geld zu leihen. Als ich beim Besorgungen machen am Friseurladen vorbeikam, sah ich im Schaufenster eine Perücke mit zwei Zöpfen ausgestellt. Da hatte ich die Idee."

"War es nicht schlimm, als er sie abgeschnitten hat?", fragte Betty mitfühlend.

"Nein. Ich habe meine Haare noch ein letztes Mal im Spiegel angesehen und dann einfach die Augen zugemacht. Aber es war schon ein komisches Gefühl, als meine Locken vor mir auf dem Tisch lagen und mich aus dem Spiegel ein fremdes Mädchen anstarrte. Der Friseur hat mir zum Abschied noch eine lange Locke geschenkt. Sie ist ein Andenken für dich, Mutter."

Mrs March nahm die Locke, die ihr Jo entgegenstreckte, streichelte sanft darüber und legte sie vorsichtig in eine kleine Dose auf der Anrichte.

Als alles für die Abreise am nächsten Morgen vorbereitet war, fühlte sich Meg völlig erschöpft und wollte ins Bett. Nach einer Weile hörte sie ein Weinen von nebenan.

"Jo", flüsterte sie. "Was ist los? Weinst du wegen Vater?"

"Nein", schniefte Jo. "Im Moment nicht."

"Was ist dann?"

"Meine… meine Haare", kam es schluchzend.

Meg krabbelte zu Jo ins Bett, nahm sie in den Arm und streichelte ihr liebevoll über den Kopf.

"Ich bereue es nicht und würde es morgen wieder tun", sagte Jo tapfer. "Aber ein bisschen eitel bin ich eben auch. Bitte erzähl keinem, dass ich deswegen geweint habe!"

Post aus Washington

Am nächsten Morgen war es noch stockdunkel, als die Mädchen aufstanden, um ihrer Mutter Lebewohl zu sagen. Im ganzen Haus herrschte eine seltsame Stimmung. Die Koffer von Mrs March standen fertig gepackt im Gang, Mantel und Hut lagen griffbereit auf dem Sofa.

"Hanna wird sich um euch kümmern. Und Mr Laurence hat mir versprochen, auf euch Acht zu geben, als wäret ihr seine eigene Familie. Seid nicht traurig und erledigt weiterhin eure kleinen Pflichten. Die Arbeit wird euch Trost spenden."

"Ja, Mutter."

In diesem Moment hörten sie die Kutsche von Mr Laurence, die Mrs March und Mr Brooke zum Bahnhof bringen sollte. Auch Laurie und sein Großvater waren extra aufgestanden, um Mrs March eine gute Reise zu wünschen.

Die Mädchen unterdrückten tapfer ihre Tränen, umarmten ihre Mutter zum Abschied und gaben ihr liebevolle Botschaften für den Vater mit auf den Weg.

"Ohne Mutter wirkt das Haus ganz verlassen", bemerkte Jo, als die Kutsche verschwunden und alle wieder gegangen waren.

Die anderen nickten und sahen traurig auf den Platz, wo Mrs March eben noch gefrühstückt hatte. Von Betty kam ein leises Schluchzen. Es steckte alle an und keine der Schwestern konnte ihre Tränen länger zurückhalten. Einige Minuten weinten alle bitterlich, bis Hanna ins Wohnzimmer kam. "So, Mädchen. Jetzt ist genug der Tränen. Ich habe euch einen Kaffee gekocht, damit ihr danach gestärkt an eure Arbeiten gehen könnt."

Kaffee war in diesen Zeiten etwas Besonderes für die Mädchen und sie freuten sich über die Aufmerksamkeit von Hanna.

Die Schwestern ließen den Alltag einkehren und erledigten ihre Aufgaben. Schon bald erhielten sie die erste Nachricht aus Washington. Ihr Vater war wirklich sehr krank, doch das Eintreffen von Mrs March und die gute Pflege verbesserten seinen Zustand allmählich. Jeden Tag traf ein neuer Brief ein und Meg las ihn am Abend vor dem Kamin den anderen vor.

Zusammen schreiben sie lange Briefe zurück:

Liebste Mutter, ich kann dir gar nicht sagen, wie froh uns die Nachrichten in deinem letzten Brief gemacht haben. Die Mädchen sind alle wahre Goldstücke. Jo hilft mir beim Nähen und besteht darauf, alle möglichen Arbeiten zu übernehmen. Betty ist wie immer eine große Hilfe im Haushalt. Amy ist sehr folgsam und versucht, selbständiger zu werden. Du wärst sicher stolz auf sie.

Mr Laurence wacht über uns wie eine Glucke, wie Jo im Spaß behauptet und Laurie ist sehr aufmerksam und hilfsbereit. Er und Jo schaffen es immer wieder, uns aus unserer sorgenvollen Stimmung zu reißen und uns zum Lachen zu bringen.

Hanna ist eine Heilige und passt sehr gut auf uns auf. Mich nennt sie jetzt immer Miss Margaret und behandelt mich sehr respektvoll. Du siehst, uns geht es allen gut, aber wir vermissen dich ganz schrecklich und hoffen, dass Vater schnell wieder gesund wird und wir bald wieder alle beisammen sind. Meine besten Wünsche an Vater und alles Liebe, eure Meg.

Ansteckungsgefahr

Während sich die Mädchen in der ersten Woche nach der Abreise von Mrs March vorbildlich benahmen, ließ der Fleiß in der zweiten Woche ein wenig nach. Und als sie immer bessere Nachrichten aus Washington erhielten und sich weniger Sorgen um ihren Vater machen mussten, schlichen sich die alten Gewohnheiten klammheimlich wieder ein.

Jo hatte sich eine leichte Erkältung geholt, da sie mehrmals vergessen hatte, ihren geschorenen Kopf mit einem Hut oder einer Kapuze zu schützen. Tante March hatte Angst, sich anzustecken, und gab Jo frei. So lümmelte sie mit dem Vorwand, sich auskurieren zu müssen, faul auf dem Sofa und verschlang von Laurie geliehene Bücher.

Amy fand, dass zu viel Hausarbeit ihren Künstlerhänden schaden konnte, und begann wieder Tonfiguren zu formen. Meg unterrichtete nach wie vor die Kings-Kinder und hielt sich für eine gute Hausfrau, doch immer öfters ertappte sie sich dabei, wie sie verträumt in die Gegend starrte statt zu nähen.

Nur Betty war fleißig wie immer und gönnte sich selten etwas mehr Zeit am Klavier oder bei ihren Puppen. Doch wenn die Sehnsucht nach ihren Eltern zu groß wurde, verkroch sie sich in Mutters Schrank, um dort heimlich zu weinen. Niemand wusste davon, nicht einmal Jo.

Mrs March hatte die Mädchen gebeten, über ihren eigenen Sorgen die arme Familie Hummel in der Hütte am Fluss nicht zu vergessen. Betty, die diese Aufgabe gewissenhaft übernommen hatte, sagte eines Tages zu Jo und Meg: "Ich bin heute so müde, kann nicht eine von euch gehen?"

"Draußen ist es zu stürmisch für meine Erkältung", erwiderte Jo, froh darüber so schnell eine passende Ausrede gefunden zu haben.

"Warum gehst du nicht selber?", fragte Meg.

"Ich war jetzt jeden Tag dort. Das Baby ist sehr krank und ich weiß mir langsam keinen Rat mehr. Ich wäre wirklich froh, wenn du mal nach ihm sehen kannst, Meg", antwortete Betty erschöpft.

"Okay, aber nicht mehr heute. Wir fragen Hanna und wenn Amy zurück ist, soll sie gehen."

Betty ließ sich müde in Mutters Sessel fallen, um sich auszuruhen und auf Amy zu warten. Aber die kam nicht nach Hause. Die anderen hatten die Hummels längst vergessen, und so schlüpfte Betty leise in ihren Mantel, packte ein paar Lebensmittel ein und machte sich trotz Kopfschmerzen und Mattigkeit auf den Weg.

Niemand bemerkte Betty, als sie wieder zurückkehrte. Sie schlich sich nach oben und verkroch sich weinend in Mutters Schrank. Als Jo eine halbe Stunde später auf der Suche nach irgendetwas die Tür des Zimmers öffnete, entdeckte sie Betty, die leichenblass und mit geröteten Augen im Medizinschrank von Mrs March kramte.

"Um Himmels Willen, Betty" Was ist los?" Sie wollte auf ihre Schwester zustürmen, doch Betty machte eine hektische Abwehrbewegung mit den Händen.

"Jo, hattest du schon mal Scharlach?"

"Ja, zusammen mit Meg. Aber das ist lange her. Warum?"

"Oh, Jo", begann Betty zu schluchzen. "Das Baby der Hummels ist tot. Es ist heute in meinen Armen gestorben."

"Oh mein Gott, Betty. Wie schrecklich. Wäre nur ich heute zu den Hummels gegangen!"

"Der Arzt war sehr wütend, dass man ihn nicht früher gerufen hatte. Mich hat er nach Hause geschickt, ich solle gleich Belladonna nehmen, damit ich nicht auch noch krank werde."

"Wenn du krank wirst, verzeihe ich mir das niemals. Ausgerechnet jetzt, wo Mutter nicht da ist."

Jo machte sich große Sorgen. Betty hatte die Familie Hummel die ganz Woche besucht. Sicher hatte sie sich angesteckt. Außerdem klagte sie über Halsschmerzen. Sofort rannte sie zu Hanna, um sie um Rat zu fragen.

"Keine Sorge, von Scharlach stirbt man nicht, wenn man es rechtzeitig behandelt", versuchte Hanna die Mädchen zu beruhigen. Sie schickte Jo, um Doktor Bangs zu holen. Meg sollte Amy zu Tante March bringen, damit sie sich nicht ebenfalls mit Scharlach infizierte.

Amy protestierte lautstark gegen den Vorschlag, zu ihrer Tante zu ziehen. Sie wollte lieber krank werden, als diese griesgrämige, alte Schachtel zu ertragen. Keine Diskussion half, Amy blieb stur. Erst als Laurie kam und ihr versprach sie regelmäßig zu besuchen und mit ihr Ausflüge zu unternehmen, ließ sie sich überreden.

"Soll ich loslaufen und eurer Mutter ein Telegramm senden?", wollte Laurie wissen.

"Das frage ich mich auch schon andauernd", antwortete Meg. "Hanna meint, wir sollen ihr nichts schreiben, denn sie kann Vater nicht alleine lassen und würde sich nur Sorgen machen, ohne Betty helfen zu können. Wir warten ab, was der Arzt meint."

Der Doktor kam und untersuchte Betty genau. Es war ohne Zweifel Scharlach und er ordnete an, dass Amy unbedingt von ihr fern bleiben sollte.

Laurie und Jo begleiteten sie zu Tante March. Als sie der alten Dame die Situation erklärt hatten, stimmte diese zu unter der Bedingung, dass sich Amy im Haushalt nützlich machen sollte.

Amy blickte ihrer Schwester und Laurie traurig hinterher.

Dunkle Tage

Betty hatte hohes Fieber, und es stand um einiges schlimmer um sie, als ihre Schwestern ahnten. Nur Hanna und Dr. Bangs wussten Bescheid, denn auch Mr Laurence wurde jeglicher Besuch verboten, da er sich nicht erinnern konnte, ob er jemals Scharlach gehabt hatte.

Der Arzt kam jeden Tag kurz vorbei, um nach Betty zu sehen. Meg blieb zu Hause und nahm Hanna viel Arbeit im Haushalt ab. Sie fühlte sich schuldig, wenn sie ihrer Mutter schrieb, dass alles in Ordnung wäre. Doch sie hatte es Hannah versprochen.

Jo kümmerte sich aufopfernd um Betty und saß fast den ganzen Tag an ihrem Bett. Das Fieber stieg immer mehr an und Betty begann im Fieberwahn mit den Fingern auf der Bettdecke Klavier zu spielen. Sie sprach wirres Zeug und krächzte mit ihrem geschwollenen Hals. Als sie schließlich ihre Schwestern nicht mehr erkannte und nur noch nach ihrer Mutter rief, bekam es Jo mit der Angst zu tun.

Hanna war gerade soweit, Mrs March zu benachrichtigen, als ein neuer Brief aus Washington schlechte Neuigkeiten brachte. Der Zustand von Mr March hatte sich wieder verschlimmert.

Die folgenden Tage waren quälend. Im ganzen Haus herrschte düstere, betrübte Stimmung, niemand lachte mehr. Die Mädchen wussten nicht, um wen sie sich mehr sorgen sollten, Betty oder Vater.

Die Nachbarn schickten Blumen und gute Wünsche. Sogar der Postbote, der Milchmann, der Bäcker und Frau Hummel erkundigten sich regelmäßig nach Betty. Erst jetzt fiel ihren Schwestern auf, wie viele Freunde die schüchterne Betty doch hatte.

Dr. Bangs kam zweimal täglich, doch auch er wusste keinen Rat mehr. Bei seinem Besuch am 1. Dezember nahm er Hanna beiseite und sagte leise zu ihr: "Falls Mrs March ihren Mann allein lassen kann, sollten Sie jetzt nach ihr schicken."

Hanna nickte wortlos, und Meg, die die Worte des Arztes ebenfalls gehört hatte, schluchzte laut auf. Jo begriff sofort, was los war, und ein fragender Blick auf Hanna bestätigte ihre schlimme Vermutung. Sie sprang auf und sprintete so schnell sie konnte zum Postamt, um das Telegramm aufzugeben.

Als sie zurückkam, traf sie Laurie vor der Tür, der soeben einen Brief von Mrs March aus dem Briefkasten geholt hatte. Ungeduldig riss Jo ihn auf. Gott sei Dank, ihrem Vater ging es etwas besser. Aber erleichtert schien sie nicht. Laurie fragte, was denn los wäre.

"Ich habe gerade ein Telegramm an Mutter geschickt. Der Arzt hat gemeint, dass jetzt die Zeit dafür sei…" bei diesen Worten konnte Jo ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Sie flossen in Sturzbächen und Jo sank in Lauries Arme. Er drückte sie fest an sich und murmelte: "Ich bin hier, ich halte dich fest, Liebes." So standen sie für ein paar Minuten eng umschlungen, bis Jo sich etwas beruhigt hatte, sich aus der Umarmung befreite und Laurie dankbar anlächelte.

"Ich hoffe nur, Mutter kommt rechtzeitig von Washington. Es ist ein langer Weg."

"Oh, da muss ich dir etwas gestehen. Sie wird schneller hier sein, als du denkst."

Jo sah Laurie erstaunt an.

"Ich habe bereits gestern ein Telegramm aufgegeben. Großvater und ich waren der Meinung, man solle nicht noch länger warten. Brooke hat sofort geantwortet und deine Mutter ist schon unterwegs. Heute Nacht müsste sie eintreffen."

Bei diesen Worten hellte sich Jos Gesicht auf und sie flog Laurie um den Hals. Lachend und weinend zugleich, rief sie: "Ich freu mich so! Laurie, du bist ein Schatz!"

Laurie war von dem erneuten Gefühlsausbruch völlig überrascht und versuchte, Jo zu beruhigen, indem er ihr über den Rücken streichelte und ihr die Tränen von der Wange wischte. Dabei gab er ihr einen schüchternen Kuss. Das brachte Jo sofort wieder zur Vernunft.

"Was fällt dir ein?", fragte sie scharf.

"Ich hab… ich wollte… dich doch nur trösten. Du bist mir um den Hals gefallen", stammelte er verlegen.

"Ja, weil ich so froh bin, dass Mutter kommt. Wann wird ihr Zug überhaupt erwartet?"

"Um zwei Uhr in der Früh. Ich werde sie abholen", erwiderte Laurie, froh über den abrupten Themenwechsel.

Ein frischer Wind schien durchs Haus zu wehen, und alle waren in heller Aufruhr, um Mrs March einen entsprechenden Empfang zu bereiten. Hanna backte sogar einen Kuchen. Alle wirkten wie neu belebt, sogar das Kaminfeuer schien fröhlicher zu flackern. Nur Betty spürte von dieser Freude nichts. Teilnahmslos lag sie im Bett. Meg und Jo saßen abwechselnd bei ihr und wischten ihr aufgequollenes Gesicht mit kühlen Tüchern ab.

Der Arzt hatte bei seiner letzten Visite gesagt, diese Nacht würde die Entscheidung bringen. Entweder sie überwand das Fieber, das jetzt auf seinem Höhepunkt war, oder…

Die Zeit verstrich unendlich langsam. Um halb zwei machte Laurie sich auf den Weg zum Bahnhof. Gegen halb drei begann es zu schneien. Jo blickte sehnsüchtig aus dem Fenster. Plötzlich hörte sie Meg schluchzen. Sie drehte sich um und sah, wie Meg das Gesicht in ihre Hände vergrub. Oh nein!, dachte sie entsetzt und konnte vor Angst kaum atmen. Betty ist gestorben, und Meg bringt es nicht übers Herz, es mir zu sagen.

Sie eilte zum Bett ihrer Schwester. Betty lag friedlich da. Der schmerzverzerrte Ausdruck war von ihrem Gesicht verschwunden und sie hatte aufgehört zu schwitzen. Jo war sich sicher, Betty sei für immer friedlich eingeschlafen, beugte sich mit Tränen in den Augen über sie und küsste sie. "Leb wohl, liebste Betty. Leb wohl. Ich werde dich immer lieben!"

In diesem Moment kam Hanna ins Zimmer. Sie befühlte Betty Stirn und legte ihr Ohr über Betty Mund. "Dem Herrgott sein Dank! Das Fieber ist zurückgegangen!", rief sie außer sich vor Freude. Die Mädchen blickten sie ungläubig an.

Noch bevor sich die Schwestern richtig freuen konnten, kam Dr. Bangs zur Tür herein. Er hatte versprochen, in der Nacht noch einmal vorbeizuschauen. Er bestätigte Hannas Diagnose. "Eurer kleinen Schwester geht es wieder besser. Ich glaube, sie kommt durch. Sie muss jetzt viel schlafen, und wenn sie aufwacht…"

Doch der Rest seiner Rede ging in lautem Freudengeheul unter. Meg, Jo und Hanna fielen sich erleichtert in die Arme und auch Mr Laurence kam herbeigeeilt.

Jetzt fiel es ihnen nicht mehr schwer, auf die Ankunft von Mrs March zu warten. Und als die Sonne langsam am Horizont aufging, hörten sie endlich die Kutsche heranfahren.

"Sie ist da. Mutter ist endlich wieder zurück!", jubelte Jo.

Amys Testament

Während all dies zu Hause geschah, hatte Amy eine schwere Zeit bei Tante March. Sie fühlte sich einsam, hatte fürchterliches Heimweh und merkte zum ersten Mal in ihrem Leben, wie sehr sie von ihrer Familie verwöhnt und umsorgt wurde.

Tante March hielt wenig davon, Kinder zu verhätscheln, wie sie es nannte. Sie mochte die Mädchen ihres Neffen sehr gerne, doch sie hielt es für ungebracht, dies zu zeigen. Amys gute Manieren gefielen der alten Dame und sie hatte das kleine Mädchen schnell in ihr Herz geschlossen. Nur merkte Amy davon praktisch nichts.

Die alte Dame stellte erleichtert fest, dass Amy nicht so wild und widerspenstig war wie ihre große Schwester, und hielt es für ihre Pflicht wenigstens einem March-Mädchen eine anständige Erziehung zukommen zu lassen.

Amys Tag bestand aus Staub wischen, was bei den vielen Möbeln eine echte Plagerei war, Abspülen, Silber polieren, den dicken Pudel pflegen und ausführen und fleißig lernen. Anschließend wurde das Gelernte peinlich genau abgefragt.

Laurie erschien wie versprochen jeden Tag, und dank seines Scharms schaffte er es, für Amy die Spielstunde immer ein wenig zu verlängern. Ohne Laurie und Esther, dem Dienstmädchen, wäre Amy sicherlich davongelaufen. Aber sie freundete sich mit Esther an und lauschte gespannt ihren Geschichten aus Frankreich und übte mit ihr Französisch.

"Ich wüsste zu gern, was mit all den Schätzen hier passiert, wenn Tante March einmal stirbt", flüsterte Amy eines Nachmittags zu Esther, die neben ihr saß und strickte.

"Du und deine Schwestern werden alles erben", wisperte Esther lächelnd. "Ich weiß es, weil ich als Zeugin ihr Testament unterschrieben habe."

"Ehrlich? Das ist aber nett von ihr. Nur schade, dass sie uns jetzt noch nichts abgibt", meinte Amy.

"Ihr seid noch zu jung. Aber Madame hat erzählt, dass die Erste von euch, die sich verlobt, die Perlen geschenkt bekommt. Und ich habe so eine Vermutung, dass sie dir vielleicht zum Abschied den kleinen Türkisring schenkt, weil sie dein artiges Benehmen sehr schätzt", erzählte Esther lächelnd.

"Glaubst du wirklich? Oh, ich werde mich künftig wie ein Lämmchen benehmen, wenn ich dafür diesen schönen Ring bekomme."

Ab diesem Nachmittag war Amy an Vorbild in gutem Benehmen und eine wahre Musterschülerin. Tante March freute sich darüber sehr und hielt dies für den ersten Erfolg ihrer strengen Erziehungsmethoden.

Das Gespräch mit Esther hatte Amy auf eine Idee gebracht. Sie wollte ihr Testament machen. Wer weiß, wann sie starb, und wie sollten sonst ihre kleinen Kostbarkeiten gerecht verteilt werden? Schließlich wollte Amy auch nach ihrem Tod noch einen guten Eindruck hinterlassen. Esther half Amy dabei, das Testament zu verfassen und unterschrieb als erster Zeuge. Laurie sollte der zweite sein.

Als der am nächsten Tag kam, konnte er sich ein Lächeln nur schwer verkneifen. Als er aber merkte, wie ernst es Amy war, gab er sich Mühe das Testament mit würdevoller Stimme vorzulesen, was ihm bei den vielen Rechschreibfehlern von Amy nicht immer leicht fiel.

Vater sollte ihre besten Bilder sowie ihr gesamtes Bargeld bekommen, Mutter die meisten Kleider und ihr Medaillon. Meg sollte den Ring von Tante March erhalten, falls Amy ihn bis dahin besitzen würde. An alle hatte sie gedacht: Jo, Betty, Laurie, Mr Laurence, Kitty Bryant und Hanna. "Jetzt habe ich alle wertvollen Dinge verteilt und hoffe, dass sich nach meinem Tod niemand beschwärt", las Laurie zu Ende.

"Hier musst du unterschreiben!" Amy deutete auf die Stelle im Dokument und gab Laurie den Stift. Er setzte schwungvoll seinen Namen auf das Papier und gab es Amy zurück.

Vertrauliche Mitteilungen

Das erste was Betty sah, als sie aus ihrem tiefen Schlaf erwachte, war das Gesicht ihrer Mutter. Sie war noch zu schwach, um zu reden, doch ihr glückliches Lächeln sagte mehr als alle Worte. Mrs March beugte sich über ihre Tochter, küsste sie und streichelte ihre Hand. Mit einem zufriedenen Gesicht schlief Betty gleich wieder ein.

Hanna brachte ein Frühstück nach oben und Mrs March aß und erzählte von den vergangenen Wochen. Vater war nun wirklich auf dem Weg der Besserung und Mr Brooke war bei ihm geblieben.

Draußen hatten sich die Wolken verzogen und die helle Morgensonne ließ den frischen Schnee wie Diamanten funkeln. Alle wankten ins Bett und schliefen so gut und tief wie lange nicht mehr.

Laurie gönnte sich nur zwei Stunden Schlaf und war bereits wieder auf den Beinen, um Amy die guten Nachrichten zu überbringen. Amy benahm sich vorbildlich und vergoss nur ein paar Freudentränen. Ihre Ungeduld, die Mutter endlich wieder zu sehen, unterdrückte sie.

Nach einer Weile klingelte es an der Tür. Mrs March war gekommen, um nach ihrer Jüngsten zu sehen. Die Wiedersehensfreude war riesig und Tante March ließ die beiden nach ein paar kurzen Fragen alleine.

Amy saß auf dem Schoß ihrer Mutter und strahlte bis über beide Ohren. "Inzwischen komme ich ganz gut mit Tante March klar. Sieh mal, diesen Ring hat sie mir vorhin für mein gutes Benehmen geschenkt."

Mrs March war der wertvolle Türkisring natürlich längst aufgefallen und bemerkte, dass der Ring etwas zu groß für ein so junges Mädchen wäre.

"Ich versuche auch, gar nicht eingebildet zu sein. Ich würde ihn so gerne als Erinnerung tragen, an die Zeit, als ich hier alleine war und mir solche Sorgen um Vater und Betty gemacht habe. Er soll mich immer daran erinnern, wie wichtig Gesundheit und eine glückliche Familie sind. Und dass ich nicht mehr so egoistisch sein will."

"Wenn das so ist, erlaube ich es dir, mein Schatz. Aber jetzt muss ich wieder zurück. Sei tapfer, es dauert gewiss nicht mehr lange, bis du wieder nach Hause kannst!"

Am Abend schlich Jo zu ihrer Mutter, die bei der schlafenden Betty saß. Mrs March bemerkte sofort, dass ihre Tochter etwas auf dem Herzen hatte.

"Was ist los, Liebes?"

"Ich muss dir etwas erzählen, über Meg."

"Psst. Erzähl es mir leise, damit Betty nicht aufwacht."

"Kannst du dich erinnern, als Meg im Sommer ihre Handschuhe im Haus von Mr Laurence vergessen hat? Und wir nur einen im Briefkasten gefunden haben?" Mutter nickte. "Laurie hat herausgefunden, wo der zweite abgeblieben ist. Mr Brooke trägt ihn tagtäglich in seiner Westentasche spazieren. Er hat Laurie gestanden, dass er Meg sehr gerne hat, aber niemandem etwas sagen wolle, da sie noch so jung und er so arm ist. Ist das nicht entsetzlich?"

"Glaubst du, Meg mag ihn?", wollte Mrs March wissen, ohne auf Jos Entrüstung einzugehen.

"Keine Ahnung. Was weiß ich schon von diesem romantischen Quatsch. In meinen Büchern benehmen sich verliebte Damen immer sehr komisch. Solche Anzeichen konnte ich bei Meg noch nicht erkennen. Sie wird nur rot, wenn Laurie Witze über angebliche Verehrer macht."

"Dann glaubst du, Meg interessiert sich nicht für John?"

"John?!!", schnappte Jo entsetzt nach Luft.

"Ja, Mr Brooke. Er wollte, dass Vater und ich ihn so nennen, nachdem er täglich im Hospital war."

"Oje, so weit ist es also schon. Er hat sich mit seiner Hilfsbereitschaft bei euch eingeschlichen, damit er Meg bekommt."

"Reg dich nicht so auf, Jo. John war uns wirklich eine große Hilfe. Er ist ein ehrlicher junger Mann und hat uns erzählt, dass er Meg liebt, aber erst noch genug Geld für ein anständiges Zuhause verdienen möchte, bevor er um ihre Hand anhalten wird. Wir konnten ihm seine Bitte nicht abschlagen, aber ich will auf keinen Fall, dass Meg so jung heiratet. Jo, du musst mir versprechen, Meg nichts zu sagen. Lass John erstmal zurückkommen und uns sehen, wie sich die Dinge entwickeln."

"Es wird grauenhaft und es wird mir das Herz brechen. Das weiß ich jetzt schon. Warum sind wir keine Jungs geworden. Dann hätten wir jetzt nicht solche Probleme!" Jo sah so verzweifelt aus, dass Mrs March seufzen musste.

"Nein, Jo. Es ist ganz normal und richtig, dass ihr alle irgendwann unser Haus verlasst und eure eigenen Wege geht. Ich hoffe nur, dass ihr alle glücklich werdet."

"Wünscht ihr euch nicht lieber einen reichen Mann für Meg? Sie könnte doch einfach Laurie heiraten. Er ist nur ein Jahr jünger als sie, hat gute Manieren, ist reich und sehr großzügig. Das wäre ein guter Plan!"

"Die Liebe kann man nicht planen Jo, wie deine Geschichten. Jetzt hast du diesen romantischen Quatsch im Kopf", zog Mrs March ihre Tochter auf.

Ein übler Streich

Jo strengte sich in den nächsten Tagen wirklich gehörig an, damit man ihr das Geheimnis nicht sofort an der Nasenspitze ansah. Doch Meg kannte ihre Schwester nur zu gut und bemerkte, dass diese etwas vor ihr verheimlichen wollten. Sie stellte keine bohrenden Fragen, sondern tat rundweg gleichgültig. Das war bei Jo die beste Vorgehensweise. Meist rückte sie irgendwann von selbst damit raus.

Amy war immer noch bei Tante March, und so blieb Jo nur Laurie, dem sie eigentlich erstmal aus dem Weg gehen wollte, da er sich in einen ebenso hartnäckigen wie findigen Detektiv verwandelte, wenn er ein Geheimnis nur von weitem witterte. Natürlich war es diesmal genauso. Er ließ Jo keine Ruhe, bis er herausfand, dass das Geheimnis irgendetwas mit Meg und Brooke zu tun hatte. Doch mehr bekam er nicht heraus und war beleidigt, weil Jo ihm offensichtlich nicht vertraute.

Meg hatte alle Hände voll im Haushalt zu tun. Mrs March war die meiste Zeit bei Betty und Jo erholte sich von der langen Krankenpflege. Doch plötzlich benahm sich Meg sehr seltsam. Sie erschrak, wenn man sie ansprach, wurde grundlos rot und starrte beim Nähen oft lange gedankenverloren aus dem Fenster.

"Sie hat alle Symptome!", berichtete Jo ihrer Mutter. "Was sollen wir nur machen?"

"Gar nichts. Lass sie in Ruhe. Mit Vaters Ankunft wird sich schon wieder alles beruhigen", antwortete Mrs March.

Also Jo am nächsten Tag das kleine Postamt in der Hecke leerte, war ein versiegelter Umschlag für Meg dabei. Sauerei! Meine Briefe versiegelt Laurie nie, dachte Jo und verteilte die Post an alle.

Auf einmal ließ ein kreischender Aufschrei von Meg alle zusammenfahren.

"Was ist los?", wollte Mrs March wissen.

"Er hat ihn gar nicht geschrieben! Jo, du Miststück! Wie konntest du mir das antun!" Meg verbarg ihr Gesicht in den Händen und wurde von Weinkrämpfen geschüttelt.

"Ich? Ich hab überhaupt nichts getan! Wovon redest du?", verteidigte sich Jo.

Meg zog wütend einen zweiten, zerknitterten Brief aus ihrer Rocktasche und schmiss ihn Jo vor die Füße. "Du hast ihn geschrieben und dieser Kerl von nebenan hat dir geholfen. Wie konntet ihr beide nur so gemein sein?"

Jo strich den Brief glatt und las vor:

Meine liebste Margaret, ich kann meine Leidenschaft nicht länger unterdrücken und muss mein Schicksal kennen, bevor ich von Washington zurückkehre. Ich traue mich nicht, deinen Eltern davon zu erzählen, doch ich denke sie werden zustimmen. Mr Laurence will mir helfen, eine gute Anstellung zu finden. Bitte sag deiner Familie noch nichts, sondern gib mir durch Laurie ein paar hoffnungsvolle Worte. Dein ergebener John.

"Oh dieser Schuft! Das hat er also gemeint, als er mir drohte, er würde sich dafür rächen, dass ich ihm mein Geheimnis nicht verrate!", schrie Jo wütend. "Den knöpfe ich mir vor!" Jo wollte auf der Stelle losstürmen, doch Mrs March hielt sie zurück.

"Stopp! Ich kenne dich und deine Streiche. Du steckst da doch sicher mit drin?"

"Ich schwöre, Mutter. Ich habe nichts damit zu tun. Wenn ich die Briefe geschrieben hätte, wären sie viel besser geworden." Mrs March glaubte ihr.

"Meg du hättest doch merken müssen, dass Mr Brooke niemals so einen Schwachsinn verzapfen würde!", meinte Jo.

"Es sah aus wie seine Handschrift…", stammelte Meg und starrte auf den Brief.

Dann erzählte sie leise, wie Laurie ihr den ersten Brief überreicht hatte. Er wirkte völlig unbeteiligt. Zuerst wollte sie ihrer Mutter sofort alles erzählen, doch dann entschied sie sich, das kleine Geheimnis noch ein paar Tage für sich zu behalten und Mr Brooke zu antworten.

Sie schrieb ihm, dass sie noch zu jung sei, um eine Entscheidung zu treffen. Außerdem wollte sie zuerst mit ihrem Vater sprechen. Sie dankte ihm für seinen Brief und bot ihm an eine gute Freundin zu sein. Mehr wollte sie im Moment nicht.

"Oje, ich kann ihm nie wieder in die Augen schauen", jammerte Meg.

Doch Mrs March und Jo waren über Megs Zeilen sehr erleichtert. "Und was steht nun in dem zweiten Brief?", wollte Jo wissen.

"Dieser Brief kling wirklich ganz anders. Sehr respektvoll und freundlich aber auch grauenhaft. Er schreibt, er hätte mir nie einen Liebesbrief geschickt, und es täte ihm Leid, dass sich meine freche Schwester in seinem Namen einen bösen Scherz erlaubt habe."

"Immer muss ich als Sündenbock herhalten", maulte Jo. "Ich knöpfe mir jetzt Laurie vor!"

"Nein! Ich will mit ihm reden. Das war ein wirklich bösartiger Streich", widersprach Mrs March scharf. "Geh rüber und hol ihn her."

Jo wollte gerade loseilen, als ihr etwas einfiel: "Ich bin mir sicher, Brooke hat deinen Brief nie bekommen, Meg." Sie schnappte sich noch einmal beide Briefe und verglich die Handschrift. "Laurie hat beide Briefe geschrieben. Er wollte mir eins auswischen. Der kann war erleben."

Während Jo unterwegs war, versuchte Mrs March, Meg behutsam die ganze Geschichte beizubringen, und berichtete ihr von Mr Brooks wahren Gefühlen. "Nun, was denkst du? Magst du John so gern, dass du auf ihn warte möchtest, bis er dir ein Heim bieten kann?"

"Ich habe mich so aufgeregt, dass ich im Moment überhaupt nicht weiß, was ich fühle. Von Verehrern habe ich erstmal die Nase voll!", schnaubte Meg. "Ich schäme mich so. Niemand darf von dieser Geschichte erfahren."

Da erschien Jo mit Laurie. Sie hatte ihren Freund nicht vorgewarnt, aber bei dem Gesicht von Mrs March ahnte er sofort, dass ihn eine gepfefferte Strafpredigt erwartete, und sah schuldbewusst zu Boden.

Meg floh bei Lauries Erscheinen sofort aus dem Zimmer und Mrs March schickte auch Jo nach draußen. Eine halbe Stunde tigerte sie auf dem Flur auf und ab, bis sich die Tür endlich wieder öffnete. Die Mädchen erfuhren nie, was in dem Raum gesprochen wurde, doch als sie gerufen wurden, sah Laurie so reumütig aus, dass Jo ihm beinahe verzieh.

Inständig bat er Meg um Verzeihung. "Ich schwöre, Brooke weiß von nichts und wird nie etwas davon erfahren. Ich gebe dir mein Ehrenwort. Ich werde alles tun, was du verlangst, um die Sache wieder gutzumachen! Bitte verzeih mir!"

"Ich versuche es. Aber der Streich war sehr geschmacklos und verletzend. Ich hätte nicht gedacht, dass du so etwas tun könntest", sagte Meg vorwurfsvoll. Doch schließlich verzieh sie ihm, weil sie nie jemandem lange böse sein konnte.

Jo hingegen drehte sich wortlos um und ging. Eigentlich hatte sie Laurie seine kleine Racheaktion zwar bereits vergeben, doch irgendetwas in ihr bestand darauf, ihn noch etwas auf die Folter zu spannen.

Glücklich vereint

Der Dezember kam den Mädchen vor wie der Sonnenschein nach einem langen, schweren Gewitter. Mr March ging es mit jedem Tag besser. Um jedoch einen erneuten Rückfall zu vermeiden, wollte er erst zu Beginn des neuen Jahres die Heimreise antreten.

Auch Bettys Genesung machte immer kleine Fortschritte. Sie konnte bereits auf dem Sofa liegen und mit ihren Kätzchen und Puppen spielen. Weil sie noch sehr schwach war, trug Jo ihre abgemagerte Schwester jeden Tag vom Sofa zum Sessel am Fenster, damit sie frische Luft bekam.

Meg, die seit dem Sommer Spaß am Kochen und Backen hatte, stand jetzt fast täglich in der Küche, um kleine Köstlichkeiten für Betty zuzubereiten.

Amy war überglücklich über ihre Heimkehr und hielt sich an ihre guten Vorsätze, an die sie ihr Ring erinnern sollte. Sie verteilte sogar viele ihrer kleinen Schätze derart großzügig an ihre Schwestern, dass diese Amy kaum wieder erkannten.

Jo hatte Laurie noch ein paar Tage schmoren lassen, doch es dauerte nicht lange, bis die beiden wieder ein Herz und eine Seele waren.

Als sich das Weihnachtsfest näherte, schmiedeten sie gemeinsam eifrig Pläne für ein gelungenes Festprogramm.

Am Weihnachtsmorgen strahlte die Sonne und kündigte einen herrlichen Tag an. Betty fühle sich an diesem Tag besonders gut und bat darum, gleich Mrs Marchs Weihnachtsgeschenk, ein hellblaues Kleid, anziehen zu dürfen. Sie kam sich wie eine kleine Königin vor, als Jo und Laurie sie mitsamt dem Sessel wie auf einer Sänfte zum Fenster im Wohnzimmer trugen.

Vor dem Fenster wartete eine große Überraschung, für die Jo und Laurie die ganze Nacht geschuftet hatten. Mitten im Garten stand eine riesengroße Schneefrau mit einem Mistelkranz auf dem Kopf, einem großen Korb voller Früchte und Blumen in der einen und einem Bündel Klaviernoten in der anderen Hand. Um ihren Hals war ein kunterbunter Wollschal geschlungen. Zu ihren Füßen stand ein wunderschönes Bild, und daneben der Puppenwagen mit der neu eingekleideten Johanna.

Am Apfelbaum lehnte eine riesige Weihnachtskarte. Darauf stand in dicken Buchstaben:

Für unseren Engel

Den jeder hier so gerne mag,
Wünschen wir am Weihnachtstag
Sorgenfreies Glück und viel Gesundheit,
Frieden Liebe und stets Heiterkeit.

Meg war fleißig in der Nacht.
Und hat Johanna schön gemacht.
Danach war sie dann das Modell
für unser Künstlernaturell.

Jo strickte sich die Finger wund
für den Schal in kunterbunt.
Damit kannst du bald wieder an die frische Luft
und bis dahin schickt Laurie dir exotischen Duft.

Mit den Früchten wirst du schnell gesund
und spielst dir bald wieder die Finger wund.
Dafür sorgen auch die neuen Noten,
sie stammen von einem älteren Boten.

Du weißt, wir lieben dich alle sehr
und schenken dir nächstes Jahr sicher noch mehr!

Die Überraschung war mehr als geglückt. Betty rannen vor Freude kleine Tränen über die Wangen und sie war völlig sprachlos. Jo und Laurie rannten nach draußen, um die Geschenke zu holen. "Ich bin bis oben hin voll mit Glücklichkeit, wenn noch ein Tropfen hinzukommt, laufe ich über", sagte Betty.

Es war ein fröhliches Weihnachtsfest. Als sie gerade gemütlich bei einer Tasse Tee beisammen saßen, kam eine Überraschung, die das Glücksfass zum Überlaufen bringen sollte.

"Hier kommt noch ein Geschenk für die March-Familie", rief Laurie, der zur Tür gerannt war, als es plötzlich unerwartet klingelte. Er machte eine dramatische Verbeugung und hinter ihm betraten zwei Männer das Wohnzimmer.

"Vater! Vater ist da!" Alle riefen wild durcheinander und stürzten auf den großen Mann zu, der sich auf den anderen stützte. In kürzester Zeit waren Mr March und Mr Brooke von allen Seiten umringt, und alle versuchten gleichzeitig, Mr March zu umarmen und Mr Brooke willkommen zu heißen.

In dem Getümmel fiel niemandem auf, wie Meg nicht nur ihren Vater, sondern auch dessen jungen Begleiter kurz umarmte und er ihr von der spontanen Geste und dem Freudenjubel verwirrt - und aus Versehen, wie er später behauptete - einen Kuss auf die Wange hauchte.

Mrs March fand als Erste ihren Verstand wieder und rief erschrocken: "Leise! Betty schläft…"

Doch zu spät. Betty stand bereits in der Tür und lief mit vorsichtigen, zitternden Schritten direkt in die Arme ihres Vaters. Als sich die erste Aufregung gelegt hatte und Mr March und Betty in zwei bequemen Stühlen im Kreis der Familie untergebracht waren, berichtete Mr March, wie lange er schon von dieser Überraschung träumte. Es gab so viel zu erzählen…

Nach einer Weile kam Hanna und verkündete, das Festmahl sei fertig. Das Weihnachtsessen war ein Gedicht. Der Truthahn schmeckte hervorragend und der Pudding zerging auf der Zunge.

Auch Laurie, Mr Laurence und John Brooke waren zum Essen geblieben, und Jo konnte es trotz der ausgelassenen Stimmung nicht lassen, Brooke grimmig anzufunkeln.

Nach dem Essen verabschiedeten sich die Gäste und ließen die glücklich vereinte Familie allein. Die Marchs machten es sich am Kaminfeuer gemütlich und die Mädchen berichteten ihrem Vater von den Ereignissen während seiner Abwesenheit.

"Könnt ihr euch noch erinnern, wie wir vor einem Jahr zusammen saßen und jammerten, dass wir kein schönes Weihnachtsfest haben würden?", fragte Jo.

"Ja, seitdem ist viel Gutes passiert", erinnerte sich Meg und lächelte verträumt.

"Ich fand, es war ein ziemlich hartes Jahr für uns", widersprach Amy und betrachtete nachdenklich ihren funkelnden Ring.

"Ich bin froh, dass es vorbei ist, denn jetzt bist du endlich wieder bei uns", fügte Betty hinzu, die auf Mr Marchs Schoß saß.

"Es war ein wirklich harter Weg für euch, meine kleinen Pilger. Aber ihr wart sehr tapfer, und ich glaube, eure Bündel sind schon um einiges leichter geworden", sagte Mr March und blickte seine Mädchen mit väterlichem Stolz an. "Ich habe heute einige kleine Entdeckungen gemacht."

"Oh, erzähl uns, welche Entdeckungen du gemacht hast", rief Meg neugierig.

"Hier zum Beispiel eine." Mr March nahm Megs Hand, die auf der Armlehne seines Stuhls lag, und deutete auf die rauen Fingerkuppen, einige Schwielen und zwei kleine Brandblasen. "Ich kann mich an eine Zeit erinnern, als diese Hand sehr zart und gepflegt war. Sie war sehr hübsch, aber so gefällt sie mir besser. Ich hoffe nur, dass ich sie nicht so schnell hergeben muss."

Für Meg hätte es keinen schöneren Lohn für die vielen Stunden Arbeit gehen können, als das Lob ihres Vaters.

"Was ist mit Jo?", wollte Betty wissen. "Sie hat sich so aufopfernd um mich gekümmert!"

"Mal abgesehen von dem gewagten Haarschnitt, sehe ich nicht mehr meinen wilden Sohn Jo, den ich vor einem Jahr zurückgelassen habe, sondern eine warmherzige, verantwortungsbewusste junge Dame. Sie ist etwas schmal und blass geworden. Das Wohlergehen der Familie ist ihr wichtiger als ihre Schönheit."

"Jetzt Betty", rief Amy, die es eigentlich gar nicht erwarten konnte, selbst an die Reihe zu kommen.

"Von unserer fleißigen Biene ist so wenig übrig, dass ich mich normalerweise gar nicht trauen würde, etwas zu sagen, da sie sonst noch kleiner werden würde. Doch sie ist nicht mehr schüchtern wie früher und hat viele neue Freunde gewonnen. Sogar den Furcht einflößenden Mr Laurence hat sie um ihre talentierten Finger gewickelt."

Er schloss Betty in seine Arme und drückte sie liebevoll an sich.

Nach kurzem Schweigen sah Mr March zu Amy und sagte: "Und ich habe noch eine Entdeckung gemacht. Ich habe heute ein kleines Mädchen gesehen, das freiwillig und sehr geschickt den Tisch abgeräumt hat, und mit viel Geduld gewartet hat, bis sie an der Reihe war. Sie hat den ganzen Abend kein einziges Mal in den Spiegel geschaut und kein Wort über den hübschen Ring an ihrem Finger verloren. Ich bin sehr stolz auf dich, weil du gelernt hast, mehr an andere zu denken."

Amy strahlte vor Stolz und erzählte ihrem Vater die Geschichte des Rings. Als sie endete stand Betty mit wackeligen Beinen auf und ging ans Klavier. Glücklich hob sie den Deckel, strich vorsichtig über die Tasten und begann dann Vaters Lieblingslied zu spielen. Alle sangen mit.

Tante March regelt die Frage

In den nächsten Tagen schwärmten die Mädchen um ihren Vater wie Bienen um ihre Königin. Mr March saß im Lehnstuhl neben Betty, die auf dem Sofa lag, und die Familie ließ es den beiden Genesenden an nichts fehlen.

Doch trotz aller Freude fehlte etwas zum perfekten Glück. Niemand sprach darüber, aber jeder spürte es. Alle warfen sich sorgenvolle Blicke zu, wenn sie Meg beobachteten. Jo gab Mr Brookes Regenschirm, den er im Gang vergessen hatte, einen wütenden Tritt.

Meg wirkte abwesend und wurde nervös, wenn es an der Tür klingelte. Jo, fragte höhnisch: "Na, erwartest du deinen John?"

"Er ist nicht mein John", fauchte Meg. "Hör auf, mich zu nerven. Und sei freundlicher zu ihm, er hat dir schließlich nichts getan."

"Doch, er will dich uns wegnehmen. Am Schlimmsten ist allerdings die Ungewissheit. Warum entscheidest du dich nicht endlich und sagst ihm, was du willst."

"Ich kann gar nichts entscheiden, bevor er nichts sagt. Und das wird er nicht, weil Vater denkt, dass ich noch zu jung bin. Und damit ist das Thema beendet."

"Was wäre denn, wenn er etwas sagen würde. Du würdest doch nur feuerrot anlaufen, dahin schmelzen und verlegen einwilligen, statt ihm eine Abfuhr zu erteilen."

"Ich bin nicht so naiv, wie du denkst! Ich weiß sehr genau, was ich ihm sagen würde."

"Und was wäre das?"

"Dasselbe, was ich bereits in dem Brief geschrieben habe, den Laurie…" Weiter kam sie nicht, denn in diesem Moment klingelte es an der Tür. Schnell flüchtete sie sich zurück auf ihren Stuhl und vertiefte sich eifrig in ihre Näharbeit.

Jos Lachen wich einem grimmigen Gesicht, als sie die Schritte auf dem Flur erkannte.

"Guten Tag. Ich bin nur gekommen, um… meinen Regenschirm zu holen, äh… das heißt, um nach ihrem Vater zu sehen", stotterte Brooke verlegen.

"Ich gebe Vater Bescheid, dass Sie da sind." Jo nutzte die Gelegenheit zu verschwinden und ließ Meg mit Mr Brooke alleine, damit sie gleich ihre Rede loswerden konnte.

Doch Meg wollte sich ebenfalls verdrücken. "Mutter will Sie bestimmt auch begrüßen. Setzen Sie sich doch. Ich sehe nach ihr."

"Gehen Sie nicht! Haben Sie etwa Angst vor mir, Meg?", fragte Mr Brooke und sah dabei so gekränkt aus, dass Meg dachte, sie sei sehr unhöflich gewesen. Die Röte schoss ihr ins Gesicht, denn er hatte sie noch nie Meg genannt, und sie war überrascht, wie süß dies aus seinem Mund klang.

"Wie könnte ich Angst vor Ihnen haben, wo Sie doch so freundlich zu Vater waren. Ich wünschte, ich könnte Ihnen irgendwie dafür danken."

"Das können Sie. Soll ich Ihnen sagen, wie?" Mr Brooke umfasste Megs zierliche Hand mit beiden Händen und sah sie aus seinen großen braunen Augen so verliebt an, dass Meg das Herz bis zum Hals schlug.

"Oh, bitte nicht!", flehte Meg verlegen und versuchte, ihre Hand wegzuziehen.

"Ich möchte Sie nicht drängen. Ich möchte nur wissen, ob Sie mich ein wenig mögen, Meg. Denn ich liebe Sie", sagte Mr Brooke zärtlich.

Dies wäre der Moment für Megs vorbereitete Rede gewesen, doch Meg hielt sie nicht. Sie hatte jedes Wort vergessen, schlug die Augen nieder und murmelte leise: "Ich weiß es nicht."

Mr Brooke lächelte und umschloss Megs Hand ein bisschen fester. "Würden Sie versuchen, es herauszufinden? Ich muss es einfach wissen."

"Aber ich bin zu jung…", stammelte Meg und wunderte sich, warum es ihr so warm ums Herz wurde.

"Ich kann warten. Und inzwischen könnten Sie lernen, mich gern zu haben. Wäre das eine schwierige Aufgabe für Sie, Meg?"

Seine Stimme klang flehentlich, doch als Meg den Kopf für einen schüchternen Blick anhob, entdeckte sie ein siegessicheres Lächeln auf seinen Lippen. Das reizte Meg, und sie musste daran denken, dass ihre Freundin immer predigte, man müsse Männer zappeln lassen. Sie spürte ihre Macht und da sich nicht wusste, was sie tun sollte folgte sie einer launischen Eingebung.

"Ich entscheide mich aber nicht dafür. Bitte gehen Sie!"

Mr Brooke wirkte, als würden ihm gerade die Trümmer seines Luftschlosses um die Ohren fliegen. So hatte er Meg noch nie erlebt. "Ist das ihr Ernst?"

"Ja. Ich möchte, dass sie jetzt gehen."

Mr Brooke wurde blass und sah Meg so wehmütig an, dass sie sofort wieder Mitleid bekam. Doch in diesem Moment trat Tante March ins Zimmer. Sie hatte von der Heimkehr ihres Neffen gehört und wollte ihn besuchen. Meg fuhr zusammen, als hätte sie einen Geist gesehen.

"Was geht hier vor sich?", fragte sie noch grimmiger als sonst und ließ ihren Adlerblick musternd zwischen dem blassen Mr Brooke und der hochroten Meg schweifen.

"Das ist Mr Brooke, ein Freund von Vater…", stammelte Meg, und Mr Brooke flüchtete mit einem grüßenden Nicken schnell ins Nebenzimmer.

"Brooke. Der Hauslehrer dieses Jungen? Ich verstehe. Ich weiß über alles Bescheid. Jo las mir einen Brief von eurem Vater vor und rutschte versehentlich in einen Absatz, der nicht für mich bestimmt war. Natürlich habe ich sie so lange ausgequetscht, bis ich im Bilde war. Du hast doch hoffentlich nicht eingewilligt?"

"Pst. Er könnte dich hören."

"Du willst doch nicht diesen Nichtsnutz heiraten. Wenn ja, erbst du von mir keinen Penny."

Tante Marchs ungebetene Einmischung weckte in Meg den Widerspruchsgeist. "Ich heirate, wen ich will, und du vererbst Geld, wem du willst", war ihre schnippische Antwort.

Tante March sah Meg erstaunt an. So widerspenstig kannte sie sie nicht. Meg erkannte sich selbst kaum, doch sie fand, sie müsse John und das Recht, zu lieben, wen sie wollte, verteidigen.

"Ich könnte keine bessere Partie finden. John ist nett, klug, tatkräftig und mutig. Er hat viele Talente und ist bereit hart zu arbeiten. Jeder mag und respektiert ihn, und ich bin stolz, dass er sich so viel aus mir macht, obwohl ich arm, jung und kaum gebildet bin."

"Er weiß eben, dass du reiche Verwandte hast."

"Wie kannst du so etwas sagen. Mein John würde nie wegen Geld heiraten. Man kann auch arm glücklich sein. Und mit ihm werde ich es sein, denn er liebt mich und ich…" Meg fiel plötzlich siedendheiß ein, dass John ins Nebenzimmer geflüchtet war und dort womöglich alles mit anhören konnte.

Tante March war sehr wütend, doch irgendetwas in Megs glücklichem Gesicht machte die einsame, alte Dame traurig. "Ich will mit der ganzen Sache nichts zu tun haben. Ich bin enttäuscht von dir und habe jetzt auch keine Lust mehr, deinen Vater zu besuchen."

Tante March rauschte aus dem Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu. Meg wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Doch bevor sie wusste, was sie jetzt tun sollte, kam Mr Brooke aus dem Nebenzimmer.

"Ich wollte nicht lauschen, aber ich konnte alles hören, Meg. Vielen Dank, dass Sie mich so verteidigt haben. Und ich danke Tante March, dass ich jetzt Ihre wahren Gefühle kenne."

"Darüber war ich mir selbst noch nicht klar, bis Tante March so schlecht von Ihnen sprach", erklärte Meg.

"Ich muss also nicht gehen? Ich darf auf Sie warten und glücklich werden?"

Meg hauchte leise: "Ja, John."

Also Jo die Türe öffnete, war sie vor Schreck sprachlos. Mr Brooke saß mit überglücklichem Gesicht auf dem Sofa, auf seinem Knie eine ihn verliebt anhimmelnde Meg.

Meg rannte davon, die Treppen hinauf zu ihren Eltern, um empört Bericht zu erstatten. Alle freuten sich und gingen nach unten. Nur Jo ließ sich wütend auf ihr Bett fallen.

"Sind drei Jahre nicht eine lange Wartezeit bis zu eurer Heirat?", wollte Amy von Meg wissen.

"Ich muss noch so viel lernen, dass mir die Zeit bis zu meinem zwanzigsten Geburtstag bestimmt nicht lang vorkommt", antwortete Meg.

"Du musst nur warten, ich kümmere mich um alles", erwiderte Mr Brooke.

Erst als Laurie erschien, atmete Jo erleichtert auf. Endlich einer, mit dem sie vernünftig reden kann.

"Was ist mir dir? Du siehst so unglücklich aus", flüsterte er ihr zu.

"Ich bin ganz und gar gegen diese Hochzeit. Aber ich werde das durchstehen müssen und kein Wort mehr dagegen sagen. Du weißt gar nicht wie hart es für mich ist, Meg ist meine beste Freundin."

"Aber du hast doch mich. Ich bin immer für dich da - ein ganzes Leben lang."

"Ich weiß und dafür bin ich dir sehr dankbar."

"Jetzt schau nicht so traurig. Meg ist glücklich und Brooke wird gut für sie sorgen. Und in drei Jahren, wenn sie heiraten, bin ich mit dem College fertig, und wir beide machen zusammen eine weite Reise, wohin du willst."

"Du bist ein Schatz", flüsterte Jo und gab Laurie einen scheuen Kuss auf die Wange.

Der Klassiker BETTY UND IHRE SCHWESTERN von Louisa May Alcott (1832-1888) wurde von Gabi Müller für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Jessie Willcox Smith (1863-1935) hergestellt.


Seiten URL:
http://www.labbe.de/lesekorb/index.asp?themaid=125



Copyright © 2020 LABBÉ GmbH, D-50126 Bergheim