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Deutsche Sagen

von Autor Unbekannt

Sigfried und Kriemhild - Am Hofe zu Worms

Eine Liebesgeschichte aus alter Zeit, die selbst der Tod nicht beenden konnte. Noch heute glauben Menschen, dass der große Nibelungenschatz, den Sigfrid einst seiner geliebten Frau Kriemhild übereignete, in den Fluten des Rheins bei Worms versenkt liegt.

In Land der Burgunden saß einst Gunther als König auf dem Thron. Ihm zur Seite standen seine Brüder Gernot und Giselher, außerdem hatte er eine Schwester, Kriemhild genannt, die ebenfalls mit ihrer Mutter Ute am Hofe lebte.

Viele tapfere Männer verehrte die schöne Kriemhild, doch die hatte sich geschworen, niemals der Liebe zu verfallen. Denn einst hatte sie in einem Traum gesehen, dass die Liebe ihr großes Leid bringen würde. So wies sie jeden Werbungsversuch ab.

Zur gleichen Zeiten lebte in Xanten am Niederrhein ein junger Mann, der Sigfrid gerufen wurde. Er war der Sohn Königs Sigmund und bestach schon in jungen Jahren durch Kraft und Stärke. Bei all seinen großen Kämpfen hatte er sogar einmal einen Drachen erledigt und in dessen Blut gebadet. Dadurch war seine Haut so ledern geworden, dass keine Waffe sie durchdringen konnte.

Sigfrid war unverwundbar, alleine eine einzige Stelle an seinem Körper, doch davon wusste niemand, war nicht von Drachenblut durchtränkt worden, eine Stelle auf der Schulter des Recken, auf die sich bei seinem Bad ein Lindenblatt gelegt hatte.

Doch Sigfrid hatte sich noch in anderen Kämpfen tapfer geschlagen. So war es ihm gelungen, dem Zwergenvolk der Nibelungen einen riesigen Schatz zu stehlen und den Zwergen die Tarnkappe zu entwenden, die unsichtbar machte, sowie ein mächtiges Schwert mit dem Namen Balmung.

Als Sigfrid nun von der schönen Kriemhild hörte, wollte er sie unbedingt kennen lernen und reiste mit einer Gefolgschaft von zwölf Männern zum Hofe nach Worms. Zunächst erkannte ihn dort niemand, doch schon bald war klar, dass der Gast niemand anderes sein konnte als Sigfrid, der Held, der den Nibelungen ihren Schatz geraubt hatte – und so wurde er freundlich aufgenommen.

Sigfrid blieb ein Jahr lang am Burgundenhof, doch in der ganzen Zeit bekam er Kriemhild nicht zu Gesicht. Aber genau deshalb war er ja nach Worms gereist! Kriemhild hatte sich den Helden jedoch schon längst aus der Nähe angeschaut und sprach nur gute Dinge über ihn.

Es kam eine Zeit, in der die Sachsen und Dänen dem König von Burgunden den Krieg erklärten. Weil Sigfrid gerne gesehen war am Hof und weil es Pflicht eines jeden guten Gastes war, dem König auch in Notzeiten beizustehen, zog Sigfrid mit Gunthers Männern in den Kampf und führte sie schließlich zum Sieg. Denn in einem heißen Zweikampf war es ihm gelungen sowohl den König der Sachsen als auch den König der Dänen gefangen zu nehmen.

Natürlich war die Freude in Worms darüber sehr groß und so feierte man ein großartiges Fest nach diesem Sieg, bei dem nun auch Kriemhild anwesend war. So erblickte Sigfrid die schöne Jungfrau das erste Mal von Angesicht zu Angesicht. Als sie den Saal an der Hand ihrer Mutter Ute betrat, in ihrer Gefolgschaft von vielen weiteren Jungfrauen und Hundert Mannen, da verneigte sich Sigfrid voller Ehrerbietung vor ihr.

Nun durfte er Kriemhild die Hand reichen und sie die letzten Meter durch den Saal geleiten, sein Herz sprang über vor lauter Freude.

Sigfried und Kriemhild - Die Fahrt nach Island

Zur gleichen Zeit wie Gunther und Sigfrid lebte auch eine Königin, die viele Männer begehrter. Sie hieß Brunhild und herrschte über Island. Brunhild war eine gestrenge Frau, die hohe Ansprüche an ihren zukünftigen Gatten stellte – er musste sie nämlich in drei sportlichen Disziplinen besiegen können, sonst hätte er keine Chance bei ihr und war des Todes.

Zu ihren eifrigsten Verehrern gehörte Gunther, König zu Worms. Und so sagte dieser eines Tages zu Sigfrid: „Wenn du mir hilfst, Brunhild für mich zu gewinnen, so werde ich auf immer meine Ehre und mein Leben für dich wagen!“ Diese Gelegenheit kam für Sigfrid nur zu günstig. Er versicherte schnell, dass er Gunther helfen wolle, und forderte für seine Hilfe die Hand der schönen Kriemhild. Damit war Gunther gleich einverstanden – würde er Brunhild heiraten können, so würde Kriemhild Sigfrids Frau.

Gemeinsam mit Hagen von Tronje und dessen Bruder Dankwart fuhren die beiden Männer nach Island. Zwölf Tage und Nächte waren die Reisenden unterwegs, bis sie an der Burg Isenstein ankamen. Dort geleitete Sigfrid den König und sein Pferd wie ein Lehnsmann von Bord des Schiffes. Brunhild begrüßte ihre Gäste sehr freundlich. Zunächst Sigrid, den sie ja schon kannte, dann König Gunther.

Schon am kommenden Tag fand der Wettkampf in den Disziplinen Speerwurf, Steinschleudern und im Sprung statt. Obwohl König Gunther von stattlicher Statur war, hatte er keine Chance gegen die starke Königin der Isländer. Doch dafür hatte Gunther ja Sigfrid mit auf die Reise genommen. Der hatte nämlich die Tarnkappe aufgesetzt und führte nun alle Übungen an Stelle von Gunther durch, der wiederum nur so tat, als würde er die Bewegungen machen.

Brunhild war so stark, dass sie alleine ein Schild tragen konnte, dass zuvor vier Männer in die Arena hatte tragen müssen. Als sie den Speer schleuderte, da geschah das so heftig, dass die Waffe durch den Schild von Gunther drang und den unsichtbaren Sigfrid am Mund verletzte. Doch Sigfrid besann sich sofort auf seiner Aufgabe, schleuderte den Speer mit eben solcher Wucht zurück, dass Brunhild nun zu Boden stürzte. Die erste Disziplin hatten die Männer für sich entscheiden können.

Doch die tapfere Königin rappelte sich sofort wieder auf, nahm einen Stein und schleuderte ihn zwölf Klafter weit, was immerhin rund 22 Meter sind. Wäre es ein kleiner Stein gewesen, so hätte man die Weite sicherlich noch nachvollziehen können, doch es war ein gewaltiger Brocken, den die Königin da schleuderte.

Aber auch bei der zweiten Disziplin standen die Männer der Königin in nichts nach! Der Stein, den Sigfrid für Gunther warf, flog noch ein kleines Stückchen weiter als der von Brunhild – also konnten die beiden auch den zweiten Wettkampf für sich entscheiden. Und auch beim Wettsprung, bei dem Sigfrid - unsichtbar und durch die Kraft der Tarnkappe zusätzlich gestärkt - Gunther mit sich tragen konnte, landete er eine Nasenlänge vor Brunhild. Als diese sich geschlagen sah, forderte sie ihr Volk auf, dem neuen König an ihrer Seite zu huldigen.

So gelang es also König Gunther, die begehrte Brunhild zu sich in sein Reich zu führen. In Worms angelangt, wurde gleich eine prächtige Doppelhochzeit gefeiert, denn natürlich hielt Gunther sein Versprechen ein, seine Schwester Kriemhild Sigfrid zur Frau zu geben. Das jedoch sorgte bei Brunhild für mächtig viel Aufregung und Tränen, denn sie verstand rein gar nicht, warum ihr Mann seine Schwester einem Lehnsmann – denn dafür hielt sie Sigfrid ja – zur Frau gegeben hatte.

Der König versuchte seine Frau zu beschwichtigen, doch es half alles nichts, Brunhild blieb skeptisch und fragte sich innerlich, ob denn bei der Brautwerbung wohl alles mit rechten Dingen zugegangen sei. In der Hochzeitsnacht dann kam es zum Eklat: Als König Gunther versuchte sein Weib zu umarmen, da fesselte Brunhild ihn an Händen und Füßen und hängte den wehrlosen Mann an einem starken Nagel an die Wand. Dort musste er bis zum nächsten Morgen ausharren.

Obwohl Gunther peinlich berührt war, erzählte er sogleich Sigrid von der schändlichen Tat seiner Frau. In der folgenden Nacht stand Sigfrid dann – wieder mit der Tarnkappe ausgerüstet – Gunther bei seinem Eheweib zur Seite. Zum Beweis seiner Tat nahm er heimlich Brunhilds Gürtel und einen Ring, der er ihr bei der Rangelei unbemerkt vom Finger gezogen hatte, an sich.

Kurze Zeit später war das Gastspiel Sigfrids in Worms vorbei. Mit seiner jungen Frau kehrte er nach Xanten zurück und bestieg den Thron seines Vaters.

Sigfried und Kriemhild - Der Streit der Königinnen

Zehn Jahre waren ins Land gegangen, doch noch immer sann Brunhild darüber nach, warum ihr Mann seine Schwester an solch einen – in ihren Augen – unwürdigen Mann verheiratet hatte. Hinzu kam noch, dass sie überhaupt nicht verstand, warum Sigfrid sich nicht wie alle anderen Lehnsherren Gunthers verhielt. Er war nie zu Gast am Hofe und nahm auch andere Pflichten eines Lehnsmanns nicht wahr.

Lange Zeit flüchtete sich König Gunther in Ausreden. Eines Tages aber wollte Brunhild mehr wissen, wollte endlich eine Antwort auf ihre Frage und schlug deshalb Gunther vor, zur nächsten Sonnenwende ein großes Fest zu feiern. So geschah es dann tatsächlich auch.

Natürlich waren auch Kriemhild und Sigfrid unter den Gästen. Wie es sich für den König von Xanten gehörte, zog er mit prächtigem Gefolge in Worms ein, was Brunhild schon einmal mächtig eifersüchtig werden ließ. Wie konnte sich ein Lehnsmann nur so erdreisten, dachte sie hasserfüllt.

Als sie aber am elften Tage des Festes vor dem Gottesdienst die Worte Kriemhilds vernahm: „Schau ihn dir nur an, meinen Mann, wie er da prächtig vor allen anderen Helden einherschreitet und ihm niemand im Kampfe ebenbürtig ist“, da war es vollends aus mit Brunhilds Beherrschung: „Wie kannst du so etwas sagen“, fauchte sie Kriemhild an, „wo doch dein Mann nur der Lehnsmann meines Mannes ist! Deshalb muss er ihm den Vortritt lassen.“

Kriemhild wollte diese Worte nicht gelten lassen. Und so entbrannte ein heftiger Streit der Königinnen, der immer lautstarker ausgetragen wurde. Die beiden Frauen trennten sich schließlich im Zorn und gingen anschließend jede alleine mit ihren Jungfrauen zum Gottesdienst, was viele Anwesende erstaunte, denn immerhin hatte man bis zu diesem Zeitpunkt die Königinnen immer einträchtig beieinander gesehen.

Als Kriemhild vor Brunhild die Kirche betreten wollte, fuhr die Königin der Burgunden aus der Haut: „Bleib stehen, Kriemhild! Du wirst es ja wohl nicht wagen, vor der Ehefrau des Königs deines Mannes das Gotteshaus betreten zu wollen. Das geziemt sich nicht!“

Diese Worte waren zu viel für die schöne Kriemhild. Wütend und voller Zorn offenbarte sie nun Brunhild, dass es vor zehn Jahren gar nicht Gunther gewesen sei, der sie, die starke Königin der Isländer, besiegt hatte, sondern ihr eigener Mann, Sigfrid! Brunhild brach in Tränen aus und schritt – hoch erhobenen Hauptes und ohne ein weiteres Wort zu verlieren – an Kriemhild vorbei in die Kirche.

Erst nach dem Gottesdienst stellte sie die Königin aus Xanten zur Rede. Ob Kriemhild Beweise habe für ihre ungeheuerlichen Anschuldigungen, wollte sie wissen. Da überreichte ihr Kriemhild Gürtel und Ring, die Sigfrid Brunhild in jener Nacht abgenommen hatte, in der er Gunther im Gemach der Eheleute zur Seite gestanden hatte.

Welche eine Schmach für Königin Brunhild! Als Hagen von Tronje seine Königin so bitterlich am Boden zerstört sah, gelobte er, sich an Sigfrid zu rächen, der das Geheimnis um die Brautwerbung gar an seinem eigenen Weib erzählt hatte! Um die Rache erfolgreich ausgehen zu lassen, ersann er eine List: Er ließ falsche Boten nach Worms reiten, die von einem nahenden Krieg mit den Dänen und Sachsen berichteten.

Als Sigfrid von der drohenden Gefahr hörte, erklärte er sich gleich bereit, mit den Männern von König Gunther in den Kampf zu reiten. Das tat er ja schließlich nicht zum ersten Mal! Als das Heer ausrücken wollte, ging Hagen zu Kriemhild, um sich auch von ihr zu verabschieden. Da sprach Kriemhild: „Hagen, bitte rächt nicht an meinem Mann, was ich Königin Brunhild angetan habe. Ich hätte nie etwas sagen dürfen, aber ich tat es aus Wut.“ Hagen von Tronje gelobte, das Leben des Königs von Xanten schützen zu wollen - was auch geschehe!

Nun offenbarte ihm Kriemhild, dass Sigrid nur an einer einzigen Stelle seines Körpers verwundbar sei, nämlich dort, wo beim Bad im Drachenblut das Lindenblatt gelegen hatte. Hagen horchte auf. „Dann markiert doch bitte deutlich die Stelle auf seinem Gewand“, antwortete Hagen, „dann kann ich immer ganz genau im Kampf auf diese Stelle achten!“ Und weil die Königin nicht wusste, welches falsche Spiel Hagen spielte, tat sie, wie er ihr gesagt hatte.

Als jedoch das Heer ausziehen wollte, kam ganz unverhofft die Botschaft, die feindlichen Truppen seien abgezogen. So beschlossen die Männer, stattdessen im Wasgenwald eine Jagd zu veranstalten. Kriemhild verabschiedete sich unter Tränen von Sigfrid, denn sie hatte geträumt, dass zwei wilde Eber Sigfrid anfallen würden und sich dann das Gras rot färben würde. In ihren Augen also kein gutes Omen für den bevorstehenden Ausritt.

Die Jagd selbst gestaltete sich als sehr erfolgreich. Vor allen Dingen Sigfrid machte gute Beute und erlegte zudem mit bloßer Hand einen Bären, was ihm bei seinen Jagdkollegen schon viel Respekt einbrachte. Nach den Mühen des Tages setzte man sich zu einem gemeinsamen Mahl zusammen. Es wurden reichlich Speisen aufgetischt, doch der Wein fehlte. Hagen behauptete, der sei aus Versehen in den Spessart geschickt worden, was natürlich nicht stimmte.

Und er behauptete weiterhin, dass er ganz in der Nähe eine Quelle kennen würde, aus der man reichlich Wasser schöpfen könnte. Hagen, Sigfrid und Gunther verabredeten dorthin einen Wettlauf, und obwohl Sigfrid als einziger Speer und Schild bei sich trug, gelangte er zuerst zum Wasser. Aber er wartete, wollte er doch König Gunther gerne den Vortritt beim Trinken lassen. Als der König der Burgunden sich über die Quelle beugte, nutze Hagen die Möglichkeit, seiner Rache zu frönen.

Er stieß den Speer, den Sigfrid, um zu trinken, achtlos zur Seite gestellt hatte, dem Recken genau dort in den Rücken, wo Kriemhild Sigfrids verwundbare Stelle aufgezeichnet hatte. Das Blut spritze aus der tiefen Wunde, so dass selbst Hagen davon befleckt wurde.

Sigfrid konnte nicht fassen, wie ihm geschah. Rasend vor Wut stürzte er seinem eigenen Mördern nach, ergriff den Schild und hieb damit auf Hagen ein. Doch die Kräfte des Sterbenden ließen schnell nach. Er sank zu Boden und tat seinen letzten Atemzug. Hagens Rache war erfüllt.

Sigfried und Kriemhild - Kriemhilds Trauer

Den Leichnam Sigfrids brachte man noch in der gleichen Nacht nach Worms zurück. Hagen selbst ließ in direkt vor Kriemhilds Tür ablegen. Als an anderen Morgen der Kämmerer beim ersten Läuten zur Messe zu Kriemhild kam, um ihr den Weg zur Kirche zu leuchten, da sah er zuerst den Leichnam und meldete seiner Herrin: „Kriemhild, draußen vor der Tür liegt ein toter Recke!“

Kriemhild musste nur einen Blick auf den Toten werfen, um zu erkennen, um wen es sich handelte. Um ihren geliebten Mann Sigfrid. Sie brach ohnmächtig zusammen. Nun eilten der greise Sigmund und alle Männer Sigfrids zusammen, um den Toten zu beklagen und sich zu rächen. Sie wollten gegen den Mörder kämpfen. Doch Kriemhild bat, aus der Ohnmacht erwachend, zunächst von diesem Vorhaben abzusehen und die Rache auf einen späteren Augenblick zu verschieben, da die Burgunden ihnen ja ohnehin zahlenmäßig überlegen seien.

Sigfrids Leichnam wurde im Münster zu Worms aufgebahrt. Als König Gunther mit Hagen an die Bahre trat, auf der der Tote lag, da klagte er laut: „Es waren Räuber, die Sigfrid töteten.“ Doch das glaubte Kriemhild natürlich nicht. „Tretet nahe an meinen Mann heran, wenn ihr unschuldig seid“, antwortete sie. Gunther folgte der Aufforderung – es geschah nichts. Doch als Hagen ebenfalls an den Toten herantrat, da sprang dessen Wunde erneut auf und begann zu bluten. Nun wusste Kriemhild genau, wer ihren Mann heimtückisch ermordet hatte.

Drei Tage und drei Nächte beweinte Kriemhild ihren Sigfrid. Bevor der Sarg ins Grab hinabgelassen wurde, ließ sie ihn noch einmal öffnen, um sich noch einmal von Sigfrid zu verabschieden, so groß war ihre Trauer.

Sigfrids Männer, die nun Sigmund um sich gescharrt hatte, kehrten nach Xanten zurück. Kriemhild aber blieb in Worms, denn nur hier konnte sie Tag für Tag das Grab des Geliebten aufsuchen. Viele Jahre lang sprach sie kein einziges Wort mit Gunther, der ja ihr Bruder war, und Hagen begegnete sie in all der Zeit kein einziges Mal. Erst als ihre Brüder Gernot und Giselher auf sie einredeten, schloss Kriemhild Friede mit Gunther.

Jahre nach Sigfrids Tod ließ seine Frau den großen Nibelungenschatz, den er ihr einst als Morgengabe geschenkt hatte, von Xanten nach Worms holen. Gunther hatte seine Schwester darum gebeten. Nun trat auch Hagen wieder in das Geschehen ein, denn der Mörder Sigfrids hatte große Angst davor, dass Kriemhild durch ihren unermesslichen Reichtum zu viel Einfluss bei Hofe erlangen könnte. Er schaffte es sogar, dass man ihr den Schlüssel zur Schatzkammer wegnahm.

Darüber war Kriemhild sehr böse. Aber Hagen hatte damit noch immer nicht erreicht, was er erreichen wollte – schließlich ließ er den großen Nibelungenschatz, den Sigfrid einst dem Zwergenvolk entrissen hatte, im Rhein versenken.

Sigfried und Kriemhild - Kriemhilds Hochzeit

13 Jahre lang trauerte Kriemhild um ihren Mann. Eines Tages aber erschien Markgraf Rüdeger von Bechelaren bei ihr und warb im Namen König Etzels um die Hand der Königin. Etzels Frau Helche war unlängst gestorben und so begehrte er nun die schöne Kriemhild zur Frau.

Gunther und seine Brüder waren begeistert von der Idee, denn sie hoffte sehr, dass ihre Schwester so den Weg zurück ins Leben finden würde. Immerhin seien 13 Jahre der Trauer genug, fanden sie einstimmig. Nicht einverstanden mit der Hochzeit war dagegen Hagen von Tronje. Er befürchtete nämlich, dass ihm und den Burgunden Böses drohe könnte, wenn Etzel Kriemhild ehelichen würde, denn immerhin war Hunnenkönig Etzel ein sehr mächtiger Herrscher mit großem Einfluss und Kriemhilds Zorn über den Tod des Mannes Sigfrid noch lange nicht verraucht.

Kriemhild war lange unschlüssig, was sie tun sollte. „Als Witwe steht es mir nur zu zu weinen“, sagte sie auf Rüdegers Frage hin, ob sie Etzels Frau werden wolle. Erst als Rüdeger ihr aber versicherte, jedes Leid, das ihr je widerfahre, würde er blutig rächen, da stimmte sie einer Hochzeit mit Etzel zu.

So zog Kriemhild als fort von Worms. Begleitet wurde sie von Rüdeger, und Etzel kam ihr ein Stück des Weges entgegen. In Wien feierte das Paar schließlich 17 Tage lang Hochzeit, bevor es zurück ins Hunnenreich ging. Kriemhild wurde glücklich mit Etzel und gebar ihm sogar einen Sohn, der Ortlieb genannt wurde. Doch natürlich vergaß die Königin über all ihr Glück hinweg auch ihr Unglück von einst nicht. Sigfrid geriet bei der schönen Frau nie Wirklich in Vergessenheit.

Viele Jahre lebten Kriemhild und Etzel so zusammen. Eines Nachts aber offenbarte sich die Königin ihrem zweiten Mann und beklagte, dass sie nie ihre Verwandten sehen könne, nicht Gunther, nicht Giselher, nicht Gernot. König Etzel stimmte sofort zu, für sie ein großes Fest organisieren zu wollen und schicke sogleich Boten nach Worms aus, um davon künden zu lassen.

Alle dort waren von der Idee angetan. Alle, bis auf einen: Hagen von Tronje hielt nun rein gar nichts davon, ins Hunnenreich zu reisen. Er warnte Kriemhilds Brüder vor einem solchen Ausflug, doch die warfen ihm nur vor, dass er sich fürchten würde. So stimmte schließlich auch Hagen zu, Königin Kriemhild einen Besuch abzustatten.

Da der Weg dorthin weit und beschwerlich war, kehrten die Wormser unter anderem unterwegs bei Rüdeger ein, bei dem Mann also, der vor Jahren als Brautwerber bei Kriemhild für Etzel aufgetreten war. Der junge Giselher verliebte sich in dessen Tochter Dietlind und verlobte sich sogleich mit ihr, dann zog man weiter, begleitet von Rüdeger und 500 seiner Männer.

Dietrich von Bern, der zu diesem Zeitpunkt am Hofe Etzels lebte, ritt mit seinen Männern den Gästen entgegen, um sie zu begrüßen. Als er Hagen von Tronje die Hand reichte, flüsterte er ihm zu, er solle immer schön auf der Hut sein, denn Königin Kriemhild würde noch immer jeden Morgen Tränen um Sigfrid weinen. Da wussten auch Kriemhilds Brüder, dass ihre Reise nicht ohne Gefahren sein würde.

Trotzig ritten die Burgunden am Hofe des Hunnenkönigs ein. Kriemhild begrüßte ihre Gäste und nahm dabei ihren Lieblingsbruder Giselher fest in den Arm. Als sie Hagen von Tronje erblickte, murrte sie ihn an, ob er ihr denn wohl den Nibelungenschatz mitgebracht hätte. Doch Hagen antwortete nur, dass er schon schwer an Schild und Speer zu tragen gehabt hätte. Da wusste Kriemhild, dass jemand die Burgunden vor dem Besuch im Hunnenreich gewarnt hatte.

„Derjenige, der die Burgunden gewarnt hat, sollte sterben“, rief sie laut und voller Zorn. Und ebenso zornig und laut erwiderte Dietrich von Bern, dass er derjenige gewesen sei, der die Warnung ausgesprochen hatte. Da verstummte die Königin schnell, denn diesen gewaltigen Mann fürchtete sie sehr.

Nach der langen Reise mussten sich die Burgunden an Etzels Hof zunächst einmal richtig ausruhen. Hagen und Volker, ein sehr wehrhafter Sänger, übernahmen die erste Wache und setzten sich Kriemhild Gemach gegenüber auf eine Bank. Als Kriemhild die beiden erblickte, wurde sie natürlich sofort wieder an den Tod ihres ersten Mannes erinnert und rief Etzels Männer zu, sie sollten sie rächen. Gleich 60 waren auf Anhieb dazu bereit, doch das waren viel zu wenige. So kamen 400 zusammen.

Die Königin, ihre Krone auf dem Kopfe tragend, schritt der kampfeslustigen Truppe voran. Als Hagen sie kommen sah, legte er sein Schwert auf seine Knie. Es war einst Sigfrids Schwert gewesen, das erkannte auch Kriemhild auf den ersten Blick. Sofort wollte sie von Hagen wissen, der ihr nicht einmal die Ehre erwiesen hatte, in ihrem Beisein aufzustehen, warum er ohne Einladung an den Hof der Hunnen gekommen sei.

Hagen antwortete von oben herab, dass er nur seinen drei Königen gefolgt sein, so wie man es von ihm erwartet hätte. Kriemhild ruhte nicht. „Warum hast du damals diese Tat begangen, für die ich dich so sehr hasse?“, fragte sie. Da antwortete ihr Hagen, er habe Sigfrid erschlagen, um die Schmach, die man seiner Königin Brunhild angetan hatte, zu rächen. Im weiteren Verlauf des Gesprächs forderte Hagen die 400 Hunnen zum Kampfe heraus, doch die zogen sich zurück. Zu groß war ihr Respekt vor diesem Mann.

König Etzel hatte von all den Vorkommnissen nichts mitbekommen. Am nächsten Tag lud er seine Gäste zu einem üppigen Mahl ein. In der Nacht legten sich die Gäste in einem Saal zum Schlafen nieder, auch dieses Mal hielten Volker und Hagen Wache. Eigentlich hatten Kriemhilds Männer in diesen Stunden einen Überfall vornehmen wollen, doch als sie sahen, wer den Schlaf der Gäste bewachte, kehrten sie unverrichteter Dinge zurück. Volker, der Sänger, begleitete den Abzug mit schändlichen Worten.

Sigfried und Kriemhild - Der Entscheidungskampf

Als am nächsten Morgen die Glocken zur Messe läuteten, da empfahl Hagen von Tronje seinen Männer, statt des schönen Wams doch den Harnisch anzuziehen, das sein wohl in der Situation, in der sie sich befänden, besser. Als Etzel das sah, war er mehr als verwundert, ließ sich aber beschwichtigen, als Hagen ihm erklärte, dass das bei den Burgunden so Sitte sei.

riemhild suchte unterdessen Hilfe bei Dietrich von Bern, doch der verweigerte sie, denn er wolle nicht gegen das Gastrecht verstoßen, so sagte er ihr. Nur bei Etzels Bruder Blödelin fand die Königin Gehör. Er wollte ihr bei ihrer Rache zur Seite stehen und drang kurze Zeit später in das Gästehaus von Dankwart ein, Hagens Bruder.

Dort verkündete er lauthals stehend sein Ansinnen und stürze sich auf Dankwart, doch der zog das Schwert und schlug Blödelin den Kopf ab! Daraufhin entbrannte ein fürchterlicher Kampf, bei dem die Hälfte aller Hunnen ums Leben kam. Doch das sollte erst der blutige Anfang dieses Tages sein.

Als nämlich Etzels Männer vom Tod Blödelins hörten, zogen sie ohne sein Wissen aus, um den Toten zu rächen. Sie kämpften so lange, bis alle Begleiter der Burgunden tot am Boden lagen, nur Dankwart alleine überlebte das Massaker und eilte zu seinen Herren.

Mit dem blutigen Schwert in der Hand rief er ihnen zu: „Alle unsere Männer sind erschlagen worden, liegen in ihrem eigenen Blut in ihrer Herberge.“ Was nun passierte, kann man nur als Gemetzel bezeichnen. Hagen von Tronje schlug Ortlieb, Kriemhilds Sohn, den Kopf ab, so fest, dass dieser der Königin in den Schoss sprang. Auch sein Erzieher wurde erschlagen. Gunther und seine Brüder versuchten noch den Streit zu schlichen, doch dann sahen sie, dass sie Hagen von Tronje zu Hilfe eilen mussten.

Kriemhild bat wieder Dietrich von Bern um Hilfe, doch der erbat nur für sich und seine Männer freien Abzug, was man ihm auch gewährte. Auch Rüdeger bat darum, dass man ihn mit seiner Gefolgschaft ziehen lassen sollte, was Giselher, sein künftiger Schwiegersohn, ihm gerne zusagte.

Alle anderen Hunnen, die zu diesem Zeitpunkt noch im Saal waren, fanden den Tod. Die Leichname warf man einfach die Treppe hinunter. Natürlich kamen Hunnen nach, um zu kämpfen, doch Hagen und Volker spotteten nur über sie. Da rief Kriemhild aus: „Etzels Schild voll mit rotem Gold für denjenigen, der mir Hagens Kopf bringt!“ Doch kein Hunne wagte den Kampf gegen diesen Hünen. Nach einer ganzen Zeit erklärten sich Hawart von Dänemark, Markgraf Irung und Landgraf Irnfried bereit, im Kampf gegen Hagen anzutreten. Es kam, wie es kommen musste, alle drei fanden den bitteren Tod. Die Burgunden ruhten sich auf den Toten sitzend aus. Mehr und mehr Hunnen stürmten anschließend in den Saale, die Schlacht ging weiter, bis tief in die Nacht hinein.

So sehr sich Etzel auch bemühte, Frieden in die Angelegenheit zu bringen, Kriemhild bestand darauf, dass Hagen an sie ausgeliefert würde, nur dann wollte sie ihren eigenen Brüdern das Leben schenken. Das aber wäre für Gunther, Giselher und Gernot Verrat gewesen. Alle drei waren sich bewusst, dass sie in dieser Auseinandersetzung wohl sterben würden.

Kriemhild kannte kein Erbarmen. Sie ließ den großen Saalbau, in dem sich die Männer aufhielten, an allen vier Ecken gleichzeitig anzünden. Die Recken versuchten sich mit ihren Schilden gegen das Feuer zu schützen und versuchten gleichzeitig, die Flammen mit dem Blut der Toten zu löschen. Sie litten unerträgliche Qualen – und nur 600 von ihnen erlebten noch den nächsten Morgen.

Mehr und mehr Gold ließ Kriemhild herbeischaffen, um ihre Männer bei Laune zu halten. Auf Knien fehlten sie und Etzel Rüdeger an, Beistand zu leisten. Für ihn aber hätte das den Freundschaftsbruch bedeutet. Erst als Kriemhild ihn an seinen Schwur erinnerte, den er ihr bei der Brautwerbung einst geleistet hatte, da ließ er sich erweichen, auch wenn er nur schweren Herzens in den Kampf gegen seine Freunde zog.

ie Burgunden waren zunächst davon überzeugt, dass ihnen Rüdeger zur Seite stehen würde als er mit seinen Männern auf dem Schlachtfeld auftauchte. Doch er richtete die Waffe gegen sie. Aber Rüdeger konnte seine wahren Gefühle nicht ganz unterdrücken. Hagens Schild, das ihm einst Frau Gotlind als Geschenk gegeben hatte, war zerstört, da bot ihm Rüdeger sein eigenes an. Hagen und Volker schworen sich danach, Rüdeger nicht zu töten, egal wie viele Burgunden er selbst auch töten würde.

Nachdem Rüdeger mit seinen Männern manchen Streiter Gunthers niedergestreckt hatte, griff Gernot ihn an. Er konnte die Sache nicht mehr länger ansehen. Rüdeger tötete Gernot, doch mit seinem letzten Atemzug verwunderte dieser Rüdeger ebenfalls tödlich. Der Tod Rüdegers sprach sich schnell an Etzels Hof herum. So erfuhr auch Dietrich von Bern davon, der seinen Waffenmeister Hildebrand ausschickte, weil er genau erfahren wollte, was passiert war.

Sogleich rüsteten sich Dietrichs Männer, ohne dass er davon etwas ahnte, um Hildebrand zu begleiten. Hildebrand forderte die Herausgabe Rüdegers Leichnam, doch darüber gerieten Burgunden und Dietrichs Mannen so in Streit, dass wiederum die Waffen sprachen. Hildebrand konnte seine eigenen Leute nicht mehr aufhalten, es kam zum Kampf. Er selbst tötete nun Volker, der Dietrichs Neffen umgebracht hatte, Dankwart fand den Tod und Giselher und Wolfhart töteten sich gegenseitig.

Von den Burgunden lebten nunmehr nur noch Hagen von Tronje und König Gunther, alle anderen waren tot. Und von Dietrichs Leuten hatte nur Hildebrand überlebt. Blutüberströmt trat er vor seinen Herren und berichtete ihm von dem, was geschehen war. Dietrich hatte noch nie in seinem Leben eine so fürchterliche Kunde erhalten. Sofort nahm er seine Rüstung und sein Schwert und trat vor Gunther und Hagen.

„Ergebt euch und ich werde euch selbst ins Land der Burgunden geleiten“, bot er ihnen an. Hagen lehnte schroff ab, denn für ihn kam es überhaupt nicht in Frage, dass sich zwei gesunde Männer von selbst in Gefangenschaft begeben würden.

So zog nun Dietrich dieses Mal das Schwert, doch der Kampf dauerte nicht lange, zu sehr waren Hagens Kräfte von den vielen Auseinandersetzungen geschwächt worden. Er schaffte es zwar noch, Dietrich schwer zu verwunden, doch den Todesstoß konnte er ihm nicht mehr versetzen. Dietrich fesselte Hagen und brachte ihn zur Königin.

Kriemhild wollte ihn natürlich sofort töten lassen, doch Dietrich nahm ihr das Versprechen ab, dies nicht zu tun, dann stellte er sich dem zweiten Kampf mit König Gunther. Auch ihn bezwang er und führte ihn zu seiner Schwester, ebenfalls mit der Auflage, dass ihm nichts geschehen sollte.

Als Dietrich sie verlassen hatte, besuchte Kriemhild Hagen im Kerker. Wo er den Nibelungenschatz versteckt halte, wollte sie von ihm wissen. Doch Hagen höhnte nur: Solange noch einer seiner Herren leben würde, würde er ihr niemals den Ort verraten, an dem er den Schatz in Rhein versenkt hatte.

Da ließ Königin Kriemhild ihrem Bruder Gunther den Kopf abschlagen und legte diesen Hagen selbst als Trophäe vor die Füße. Zum ersten Mal in seinem Leben war Hagen von Tronje nun wirklich bewegt. So viel Hass hatte selbst er Kriemhild nicht zugetraut. „Nun sind Gunther, Giselher und Gernot tot und nur Gott und ich wissen, wo der Schatz verborgen liegt“, sagte er zu ihr. „Dir, du Teufelin, werde ich niemals verraten, wo er ist!“

Das war zu viel für Kriemhild! Sie zog Sigfrids Schwert, das Hagen bei sich führte, aus der Scheide und schlug ihm den Kopf ab. Diese schreckliche Tat hatte Hildebrand beobachtet und war entsetzt darüber, dass eine Frau einen so vortrefflichen Recken und Helden getötet hatte. So zog er in blanker Wut sein eigenes Schwert und durchbohrte Kriemhild, die tot zu Boden sank.

So endete das große Fest am Hofe des Hunnenkönigs Etzel, der gemeinsam mit Dietrich der einzig Überlebende der großen Helden war. Überall im Land breitete sich die Trauer, auch im Land der Burgunden, das jetzt gänzlich ohne Führung stand, denn das ganze Königsgeschlecht derer zu Worms war ausgerottet. So hatten die Burgunden den Frevel, den sie an Sigfrid begangen hatten, mit dem eigenen Leben gesühnt.

Vom Anfang der Welt

Es hat tatsächlich einmal eine Zeit gegeben, da gab es nichts in diesem Universum. Weder Sand noch See, weder Meer noch die Erde, keinen Himmel und erst recht keine Sterne. Ganz am Anfang allen Werdens gab es lediglich Ginnungagap, das gähnende, lautlose Nichts.

Doch eines Tages erschien der Geist des Allvaters, jenem, dem wir heute alles zu verdanken haben. Er schuf das Sein und zwei sehr gegensätzliche Bereiche: Im Süden entstand das Land Muspelheim, das Land der Glut und des heißen Feuers. Im Norden dagegen schuf Allvater Niflheim, das Land der Nebel, der Kälte und der Finsternis. Im Norden entsprangen auch zwölf Flüsse aus einer einzigen tosenden Quelle.

Und diese Flüsse stürzten in den Abgrund und erstarrten auf der Grenze zwischen dem Reich im Süden und dem im Norden zu Eis. Im Süden aber stoben die Funken durch die Luft und bald flogen sie auf das Eis, das zu schmelzen begann.

So entstand neues Leben, denn das Eis gab den Riesen Ymir frei und eine riesige Kuh namens Audhumbla. Und das es außer diesen beiden noch immer kein anderes Lebewesen gab, ernährte die Milch der Kuh den Riesen redlich. Doch die Milch schien besondere Kräfte in sich zu tragen, denn eines Tages, der Riese hatte sich zum Schlafen hingelegt, wuchsen doch tatsächlich aus seiner Achselhöhle zwei Riesenwesen – ein Mann und eine Frau! Diese beiden Wesen sind übrigens der Urvater und die Urmutter der Frost- und Reifriesen.

Aber noch immer gab es nicht mehr als Feuer, Wasser und Eis in den beiden Reichen, und so blieb der Kuh Audhumbla gar nichts anderes übrig, als sich vom Eis zu ernähren, das sie geduldig schleckte, denn Gras gab es ja nicht zu fressen. Nachdem die Kuh nun drei Tage lang Eis geschleckt hatte, stand plötzlich ein Mann vor ihr, den sie durch ihr fleißiges Schlecken aus dem kalten Eis befreit hatte. Er nannte sich Buri und brachte es fertig, aus eigener Kraft einen Sohn zu zeugen – obwohl er gar keine Frau an seiner Seite hatte.

Diesen Sohn nannte er Börs, und als dieses Kind endlich erwachsen war, nahm er Bestla, die Tochter des Riesen Blöthorn zur Frau. Die beiden waren sehr glücklich miteinander und hatten gemeinsam wiederum drei Söhne: Odin, Wili und We. Diese drei waren dazu auserkoren, das Göttergeschlecht der Asen zu begründen!

Die Jahre gingen ins Land und eines Tages starb der Riese Ymir. Die drei Brüder Odin, Wili und We nahmen den toten Körper und warfen ihn in den Abgrund, der sich nach und nach zwischen den beiden Reichen Muspelheim und Niflheim gebildet hatte. Und siehe da: Aus dem Körper des toten Riesen entstand die Erde so wie wir sie heute kennen. Sein Blut wurde zum Wasser der Flüsse, Seen und Meere, seine Knochen und Zähne bildeten die Berge und Felsen und aus seinem Schädel wurde schließlich die wunderschöne Himmelswölbung.

Ganz zum Schluss ihrer Arbeit nahmen die drei Götter Odin, Wili und We das Hirn des Riesen Ymir und warfen es in die Luft. Und siehe da, es bildete die vielen kleinen und großen Wolken, die tagein, tagaus ihre Bahnen am Himmelszelt ziehen. Die Haare des Riesen dagegen wurden zu Bäumen, seine Augenbrauen bildeten einen Wall, den man Midgard nannte, und das Land der Menschen gegen das der Riesen abtrennen sollte.

Und weil die drei Asen so mächtig waren, gelang es ihnen, aus Funken, die aus dem Südreich zu ihnen hinüber wehten, Sterne zu bilden, denen sie sogar Namen und eine feste Umlaufbahn gaben. Bald schon hatten die drei ihr Werk getan: die Erde wurde trocken, das Meer umspülte das Land und bald schon begann es überall zu grünen und zu blühen.

Eines Tages wanderten Odin und seine Brüder am Strand des Meeres entlang, als sie zwei Bäume entdeckten: eine Esche und eine Ulme. Da kam es ihnen in den Sinn, die ersten Menschen zu formen, einen Mann und eine Frau. Odin nahm sich der Esche an und machte aus ihm den Mann, aus der Ulme aber formte er danach das Weib. Er hauchte ihnen Leben und Geist ein, Wili tat ein Übriges und gab ihnen Verstand und Gefühl und We sorgte schließlich dafür, dass Mann und Frau die Sinne des Gesichts sowie ihr Gehör und die Sprache benutzen konnten.

Doch damit hatten die drei Götter noch immer nicht genug getan. Alsbald erschufen sie neun Reiche in der Welt, drei unterirdische, drei irdische und drei himmlische. Ganz tief unten lag dabei das Land, das wir schon kennen: Niflheim, das Land des Eises und des Todes. Hierhin kamen all jene, die in ihrem Leben nicht gut und nach den Gesetzen gelebt hatten, die zu Verbrecher wurden und Meineide schworen.

Ein anderes Reich nannte sich Schwarzalfenheim, und es war das Land der Nachtzwerge. Hässliche Geschöpfe seien dies, so erzählte man sich damals. So hässlich und abgrundtief verwachsen, dass man sie kaum beschreiben könne. Ob sie gut oder böse waren, kann man selbst heute nicht einmal genau von ihnen sagen. Auf der einen Seite schmiedeten sie wundervollen Schmuck, scharfe Waffen und Schwerter. Aber des Nachts quälten und ärgerten sie die Menschen, waren aber dagegen ausgesprochen dankbar, wenn ihnen jemand aus der Patsche half oder sich auf andere gütige Weise ihrer annahm.

Im irdischen Bereich befanden sich das Land Midgard, das von den Menschen bewohnt wurde, und das Riesenland, jenes Reich, das den Frost- und Reifriesen gehörte. Außerdem gab es Wanenheim, das Land der Erd- und Wassergötter, die man Wanen nannte.

Im himmlischen Bereich befand sich Muspelheim, das Feuerland. Und es gab dort zudem Lichtalfenheim, wo die Lichtzwerge lebten, die immer schön anzusehen und fröhlich waren. Sie erwiesen sich im Laufe der Jahrhunderte als wahre Freunde der Menschen.

Natürlich gab es im Himmel auch einen Bereich, der den Göttern Odin, Wili und We vorbehalten war. Dieses Reich der Asen wurde Asgard genannt, das heilige Land der Asen. Mächtige zwölf Schlösser hatten sich die Götter hier gebaut. Über eine Regenbogenbrücke gelangt man vom himmlischen Reich ins irdische Reich, doch diese Brücke können nur Götter überschreiten. Überdies wird die Brücke bewacht: Brückenwärter ist Heimdall, der extra ein Horn bei sich trägt, um für den Tag der Tage, den Tag der Götterdämmerung bestens gerüstet zu sein. Denn an jedem Tag wird Heimdall die Götter mit seinem Horn zum Kampfe rufen…

So ist es geschehen vor vielen vielen Jahrhunderten. Die Götter selbst haben die Geschichte überliefert.

Der höchste aller Götter war damals übrigens Odin, den manche auch unter dem Namen Wodan kennen. Er lebte in Walhalla, der größten von den Göttern erschaffenen Halle und war Herrscher über die ganze Welt und die Menschen. Seine besten Weggefährten waren zwei Raben: Hugin und Munin. Hugin, der Gedanke, und Munin, das Gedächtnis, waren Odin treu ergeben. Jeden tag schickte er die Raben in die Welt hinaus und sie berichteten ihm alles, was sie gesehen und gehört hatten, sehr ausführlich.

Manchmal aber machte sich Odin selbst auf den Weg zu den Menschen. Natürlich in einer Verkleidung, denn sonst hätten sich die Menschen doch wohl vor ihm versteckt. Auf einem weißen Pferde ritt er vom Himmel hinab zur Erde, nahm menschliche Gestalt an. Oft trug er dabei einen blauen, mit Sternen besäten Mantel um die Schultern und einen Hut mit einer breiten Krempe. Sah er irgendwo Trauer, so tröstete er, sah er Notleidende, so half er.

Doch auch dem Kampf wich Odin nicht aus. In strahlender Rüstung, mit Gungnir, seinem mächtigen Speer, zog er aus, kämpfte aber selbst nie aktiv mit, sondern zeichnete mit seinem Speer jenen Männern ein Zeichen ins Antlitz, die in diesem Gefecht sterben sollten. Begleitet wurde Odin dabei von den Walküren, jenen wunderschönen Schlachtenjungfrauen, die die Toten schließlich auf ihren feurigen Pferden nach Walhalla brachten, wo sie ewige Ruhe fanden.

Odin hatte auch einen Sohn, dem er den Namen Thor gegeben hatte. Er war der Donnergott – und manche nannten ihn auch Donar. Er half Menschen und Göttern und stand vor allen Dingen den Schwachen und Bedürftigen bei. Und Thor war mächtig: Er beherrschte den Wind und die Wellen, Blitz und Donnern und wusste alles zu gegebener Zeit richtig einzusetzen.

In einem rollenden Wagen, der von Böcken gezogen wurde, fuhr Thor über die Wolken. In der rechten Hand hielt er stets einen Hammer, der Mjölnir genannt wurde und die Gabe besaß, nach einem Wurf stets von selbst zu Thor zurückkehren zu können. Verehrt wurde er schon damals nicht in Tempeln, so wie alle anderen Götter ebenfalls nicht in gemauerten Häusern verehrt wurden, sondern in der Natur, in den Wäldern und Hainen. Thors heiliger Baum war die mächtige Eiche.

Königin der Götter und Menschen war Frigga, Odins Frau, die mit dem Walvater zusammen den Götterthron bestiegen hatte. Man verehrte die heilige Frau wegen ihrer Güte, als Beschützerin der Ehe und der häuslichen Arbeit. Und natürlich sorgte auch sie für reichlichen Kindersegen im Haus der Menschen. Auch sie schritt nicht zu Fuß durch die Welt, sondern reiste in einem Wagen, der von Katzen gezogen wurde. Aber auch andere Tiere waren der Göttin heilig. Zum Beispiel der Kuckuck, die Schwalbe und der Storch.

In die Reihe der Götter reihte sich damals auch Baldur ein, der Gott der Frühlingssonne, der stets für das Gute und Gerechtigkeit kämpfte. Dann gab es noch Hädur, den Gott des Winters, der blind und der Bruder Baldurs war. Ihm standen die Finsternis und die Kälte nahe. Niemand mochte ihn und überall, wo er herrschte, erstarb in kurzer Zeit einfach alles.

Odins Bruder Loki war der Gott des Feuers. Er war tückisch und wankelmütig und verbrannte mit seinen Flammen die Toten. Mal verbündete er sich mit den Göttern, mal mit den Riesen. Niemand wusste genau, woran er mit Loki war. Zudem hatte Loki zwei grauenvolle Kinder: den Fenriswolf und die Midgardschlange.

Das Schreckliche dabei war, dass es in einer alten Weissagung hieß, der Wolf Fenris würde den Göttern einst den Untergang bringen. Natürlich fürchteten sich die Götter vor dem Wolf und banden ihn schließlich mit Stricken und Seilen an einen Felsen im Meer. Das Maul sperrten sie ihm mit einem Schwert auf und der Wolf heute fürchterlich vor lauter Wut und Schmerz. Aber jeder ahnt es: Am Tag der Götterdämmerung wird sich der Wolf Fenris aus seiner Gefangenschaft befreien und gegen die Asen kämpfen.

Und ihm zur Seite wird die Midgardschlange stehen, die auf dem Grunde des Meeres ruht und die ganze Erde mit ihrem langen Leib umfasst hält.

In der Mitte des Himmelsreichs der Götter stand Yggdrasil, eine immergrüne, mächtige Weltesche, die mit ihrer riesigen Baumkrone über das Himmelsgewölbe hinausragte und ihre Äste weit über die ganze Welt breitete. Ihre Wurzeln standen im Reich des Gewesenen, das man Hel nannte. Die Esche stand am Urdbrunnen, an dem auch die Nornen wohnten, die Urd, Werdandi und Skuld hießen. Sie wussten über alle Götter und Menschen genau Bescheid und kannten das Schicksal eines jeden – auch für die Zukunft. Und dieses Wissen trugen ausschließlich die Nornen in sich, niemand anders, nicht einmal Odin, der Göttervater.

Doch eines Tages würde Yggdrasil nicht mehr grün sein, den Nidhogg, ein mächtiger Drache, nagte an den Wurzeln der großen Weltesche. Eines Tages wird die Esche zu welken beginnen. Und das wird der Tag sein, vor dem sich alle fürchten. Der Tag der Götterdämmerung. Ragnarök. An diesem tag wird sich der Fenriswolf aus seinen Fesseln befreien, die Midgardschlange wird sich aus dem Meer erheben, die Riesen werden kommen – und die Götter und Helden sich zu ihrem letzten Kampfe sammeln.

Das wird das Ende der Welt sein. Dann werden Asgard und Midgard vergehen und alles Leben erlöschen!

Thor holt seinen Hammer

Thor war der Sohn des Göttervaters Odin. Sein besonderes Zeichen war, dass er stets einen Hammer in der rechten Hand trug, der, kaum hatte er ihn geworfen, immer wieder zu ihm zurückkehrte. Thor, den viele auch Donar nannten, war der Donnergott, der vor allen Dingen auf der Seite der Schwachen stand.

Nun geschah es aber, dass Thor eines Morgens bemerkte, dass ihm sein Hammer abhanden gekommen war. Er durchsuchte alle Räume seines Hauses, raufte sich wütend den Bart – aber er konnte ihn nicht finden.

Plötzlich tauchte Loki auf, jener listenreiche Gott, dem man nie trauen konnte, weil er mal auf der Seite der Götter, dann aber wieder auf der Seite der Riesen stand. Er konnte seine Schadenfreude Thor gegenüber kaum verbergen und sagte: „Sicher haben die Riesen deinen Hammer gestohlen!“ Und nach einer Weile setzte er gleichmütig nach: „Wenn du möchtest, dann werde ich ein paar Nachforschungen für dich anstellen.“ Das war Thor natürlich sehr recht.

So lieh sich der verschlagene Thor von Odins Frau Frigga das Federkostüm aus und flog nach Riesenheim, wo er schnell in Erfahrung brachte, dass der Riese Thrym, der König aller Unholde, Thors Hammer gestohlen habe. Das Problem sei nur, so hörte Loki, dass der Hammer acht Meilen unter den Erde verborgen sei.

Kaum hatte Loki all das erfahren, lachte der Riese Thrym schallend auf. Eine Bedingung habe er, dann würde er den Hammer herausgeben: „Die schöne Göttin Frigga muss meine Frau werden!“

Natürlich überbrachte Loki diese Botschaft sofort den Göttern. Als Frigga von der Bedingung hört, schrie sie entsetzt auf. Nun war guter Rat teuer, denn Asgard, das Reich der Götter wäre verloren, würde Thor seinen Hammer nicht zurück erhalten.

Die Götter überlegten land, was nun zu tun sei. Und schließlich ließ sich Thor durch Heimdall, den Gott des Frühlichts und Wächter des Himmels, dazu überreden, eine List anzuwenden. Als Braut verkleidet, in schönem Hochzeitsgewand, sollte er selbst statt Frigga nach Riesenland gehen, um seinen Hammer zu holen. Und der hinterlistige Loki bot sofort an, Thor zu begleiten – als seine Dienerin.

Tatsächlich ließ sich der Riese Thrym durch die List täuschen und empfing seine vermeintliche Braut mit Freude. Tief verschleiert war sie vor ihn getreten, niemand ahnte, dass sich Thor als Frau verkleidet hatte. Der Riese ließ sogleich ein großes Festmahl herrichten, bei dem den Gästen Ochsen und Met in Hülle und Fülle aufgetischt wurde.

Erstaunt allerdings waren die Riesen dann doch, als sie sahen, dass die Braut gleichen einen ganzen Ochsen und dazu acht Lachse verspeiste und noch drei Fässer Wein dazu trank. Solch einen Appetit hätten selbst die Riesen der Göttin nicht zugetraut.

„Acht Tage lang hat meine Herrin nicht gegessen und getrunken“, erklärte Loki als Dienerin verkleidet das ungewöhnliche Verhalten seiner Herrin. „Sie hat sich so sehr nach Euch, lieber Thrym, gesehnt.“

Das hörte der Riese natürlich sehr gerne. Nun lüftete er mit ungeschickten Fingern ein wenig den Schleier, den seine Braut trug. Da erschrak Thrym sehr, denn die Augen seiner Frau loderten wie Feuer.

Doch wieder war es Loki, der den Riesen beruhigen konnte: „Meine Herrin hat acht Tage lang kein Auge zugemacht. So sehr hat sie sich darauf gefreut, die Gemahlin des Riesen Thrym zu werden.“

Nun fühlte sich der Riese gleich noch mehr geschmeichelt und befahl seinen Untergebenen: „Holt nun den Hammer des mächtigen Thor!“

Thrym legte seiner Braut den Hammer in den Schoß. Und die freute sich natürlich umso mehr, denn immerhin war sie Thor – und der nun wieder im Besitz seines Hammers. Sogleich ergriff er ihn und schleuderte ihn voller Wut auf den Riesen Thrym. Der starb auf der Stelle. Nun aber gab es kein Halten mehr und Mjölnir, so der Name des Hammers, tat sein Werk und vernichtete die ganze Familie Thryms.

Der Himmel donnerte und lachte zugleich, als Thor und Loki vom rauen Riesenheim zurück nach Asgard, dem Reich der Götter, kehrten. Die List war geglückt.

Baldurs Tod

Odin und Frigga hatten einen Sohn, dem sie den Namen Baldur gegeben hatten. Er war der schönste, edelste und netteste Gott, den man sich nur vorstellen konnte. Der Jüngling, der Gott des Lichts und des Frühlings war, wurden von allen Asen ganz besonders geliebt und geschätzt.

Doch eines Tages hatte seine Mutter einen fürchterlichen Traum. Sie träumte, dass ihr Sohn bald sterben müsse. Er würde von der Göttin Hel in deren Reich, also ins Totenreich entführt werden!

Merkwürdig war nur, dass auch Baldur in dieser Nacht einen solchen Traum hatte und sein junges Leben bedroht sah. Nein, sterben wollte der Sohn der Götter noch lange nicht. Zu sehr liebte er das Leben.

Da rief Odin, Baldurs Vater, Wala zu sich. Die gehörte zur Sippe der Hel und verfügte über die Fähigkeit, in die Zukunft sehen zu können. Doch wie erschrocken war Odin, als auch die Seherin ihm mitteilte, dass sein geliebter Sohn schon in jungen Jahren sterben müsse. Doch Wala wusste noch mehr. Sie wusste sogar, dass Baldurs blinder Bruder Hödur für seinen Tod verantwortlich sein würde.

Nun war guter Rat teuer. Also setzten sich die Asen und die Göttinnen zusammen an einen Tisch und beratschlagten darüber, was zu tun sei. Und sie kamen dazu, dass alle Geschöpfe des Himmels und der Erde einen Schwur leisten mussten, Baldur niemals im Leben etwas antun oder ihn gar töten zu wollen. Und so geschah es.

Egal wer einen Speer oder Pfeil auf den Sohn von Odin und Frigga warf, er blieb unverletzt. Bald schon hatte es sich zu einem richtigen Volkssport entwickelt, den jungen Gott auf diese Weise zu traktieren. Immer aber blieb Baldur unverletzt.

Alles wäre wahrscheinlich auf lange Zeit gut gegangen, wäre da nicht Loki gewesen, jener verschlagene Gott, der stets etwas Böses und Verschlagenes im Sinn führte. Eines Tages nämlich ging er – verkleidet als arme Bettlerin – zu Frigga und entlockte ihr ein wohl gehütetes Geheimnis: Nur ein einziges Lebewesen, der Mistelstrauch nämlich, könne Baldur Schaden zufügen, verriet die Göttin ihm. Als nämlich alle Lebewesen des Himmels und der Erde den Schwur abgelegt hatten, Baldur kein Leid antun zu wollen, hatte man den Mistelstrauch nicht schwören lassen, weil man ihn für viel zu zart und unbedeutend hielt.

Dieses Wissen um Baldurs Verletzlichkeit machte sich nun Loki zu eigen. Er eilte zur alten Eiche und schnitt dort ein kleines Zweiglein des Mistelstrauches ab. Mit dem lief er zu Baldur und forderte ihn auf, sich am Treiben um seinen Bruder Baldur zu beteiligen.

„Wie soll ich das machen?“, fragte Hödur. „Ich bin blind und mein Pfeil würde ihn schon aus diesem Grund niemals treffen!“ Doch Loki wusste Rat. „Spanne du den Boden, ich lege den Pfeil ein und führe dir die Hand“, antwortete er listig.

Und so geschah das Unglaubliche, mit dem niemand gerechnet hatte. Hödur schoss den Pfeil ab, der seinen Bruder tödlich verletzte. So hatte sich auf grausame Art und Weise die Weissagung von Wala, der Seherin, erfüllt.

Hödur wurde übrigens für seine Tat nicht bestraft, denn Odin hatte verkünden lassen, dass sein blinder Sohn nur das für Baldur vorbestimmte Schicksal erfüllt habe.

In ganz Asgard aber herrschte große Trauer. Alle hatten Baldur geliebt, deshalb war sein Tod nun wirklich ein großer Verlust. Baldur selbst, so hatte man beschlossen, sollte auf seinem Schiff bestattet werden, auf dem man einen großen Scheiterhaufen errichteten ließ. Als man den Leichnam nun oben auf den Scheiterhaufen legte, geschah eine weitere Tragödie: Nanna, Baldurs Frau, brach vor lauter Gram und Trauer um den Tod des geliebten Mannes das Herz. Sie starb noch an Ort und Stelle und so wurde auch ihr Leichnam schließlich auf den Scheiterhaufen für die letzte Reise gebettet.

Odin flüsterte seinem toten Sohn noch ein paar Worte ins Ohr ehe Thor den Scheiterhaufen entzündete. Und weil der kleine Zwerg Lit dem großen Thor dabei in die Quere kam, gab er diesem gleich noch einen Tritt – und Lit verbrannte mit Baldur und Nanna im großen Feuer.

Die Riesen, die ebenfalls zu Baldurs Beerdigung gekommen waren, gaben dem Schiff schließlich einen derben Stoß, so dass es von seinem Liegeplatz im Hafen aufs offene Meer getrieben wurde. Die Flammen loderten immer höher und ergriffen schließlich das ganze Schiff, das wie eine Opferfackel über das Meer segelte. Dem ganzen Spektakel machte schließlich eine große Flutwelle ein Ende – sie zog das Schiff auf den Grund des Meeres.

Doch auch nach diesem Zeremoniell war Baldur längst nicht vergessen. Besonders seine Mutter Frigga litt unter dem Tod des geliebten Sohnes. Sie wollte einfach nicht glauben, den Sohn für immer verloren zu haben, und hoffte, das Herz Hels erweichen zu können.

Schließlich entschloss sich Hermodur, der Götterbote, den Ritt ins Totenreich zu wagen. Er wollte seinen Bruder befreien und ihn zurück ins Reich der Lebenden geleiten. Odin gab seinem Sohn das Pferd Sleipnir mit, denn dieses, so sagte er, kenne den Weg ins Totenreich sehr gut und könne Hermodur ein treuer Begleiter sein.

Neun Nächte ritt Hermodur, bis er die Brücke, die hinab ins Reich von Hel führte, erreichte. Kühn wagte der Götterbote auch den letzten Schritt und schon bald entdeckte er im Totenreich seinen Bruder Baldur und dessen Frau Nanna, die beide einwenig blass und müde aussahen. Hermodur tröstete den Bruder und seine Schwägerin und berichtete beiden von seiner Mission.

Doch so sehr er schließlich auch auf Hel einredete, sie wollte die Toten nicht aus ihrem Reich entlassen. „Wer einmal gestorben ist, der bleibt für immer bei mir“, warf sie dem Boten entgegen. Eisig funkelten dabei ihre Augen. Doch dann lenkte sie schließlich ein: „Gut“, so sagte Hel, „ich will Baldur aus dem Reich des Todes entlassen, wenn alle Geschöpfte des Himmels und der Erde, die lebenden und die toten, ihn gemeinsam beweinen. Ist aber nur ein einziges Geschöpft darunter, das keine Tränen vergießt, so bleibt er für immer bei mir.“

Mit dieser frohen Botschaft verließ Hermodur das Reich der Toten. Baldur und Nanna gaben ihm noch Geschenke für Odin und Frigga mit auf den Weg und eigentlich waren alle davon überzeugt, sich bald in einem neuen Leben wieder zu sehen.

Auch Baldurs Mutter Frigga freute sich sehr, als Hermodur ihr die Botschaft Hels überbrachte. Sofort sandte sie Boten in alle Welt, um Lebende und Tote dazu aufzufordern, um den geliebten Sohn zu weinen. Und wirklich, alle nahmen Anteil an dem grausamen Schicksal, das den Göttersohn ereilt hatte. Sogar die Steine ließen sich zu Tränen erweichen.

Nur ein einziges Wesen, eine grimmige Riesin namens Thögg, verweigerte Frigga die Gefolgschaft. Sie vergoss um Baldur keine einzige Träne – und so war das Schicksal des jungen Gottes ein für alle Mal besiegelt. Er musste bei Hel im Reich des Todes bleiben.

Unterdessen fragte man sich bei den Asen natürlich, wo denn Loki geblieben war, jener Verräter, der sie für den Tod Baldurs verantwortlich machten. Der hatte sich nämlich nach dem Tod des jungen Gottes nach Riesenheim geflüchtet und sich dort versteckt, weil er nun doch den Zorn der Götter fürchtete.

Die Götter aber konnten den Mörder und Verräter ausfindig machen. Doch als sie sich seinem Haus in Riesenheim näherten, das in alle Himmelsrichtungen je ein Fenster hatte, da machte sich der verschlagene Bursche schnell aus dem Staub. Und weil er wusste, dass er seinen Verfolgern nur in einer anderen Gestalt entkommen konnte, verwandelte er sich in einen Lachs und verbarg sich unter dem nahe gelegenen Wasserfall. Zuvor jedoch hatte er ein Fischernetz, das er gefertigt hatte, um zu erproben, ob er damit gefangen werden könnte, ins Feuer geworfen.

Genau diese Tat wurde Loki nun zum Verhängnis. Denn als die Götter zu Lokis Haus kamen, sahen sie die Reste des noch nicht ganz verbrannten Fischernetzes im Feuer liegen und wussten sogleich, wo sie Loki suchen mussten. Und fingen ihn schließlich mit dem Netz ein, das er selbst geknüpft hatte!

Die Strafe, die ihn nun erwartete, war ebenso schrecklich wie die Tat, die er begangen hatte. Die Götter brachten Loki auf eine Insel im Reiche der Hel und schmiedeten ihn dort an einen scharfkantigen Felsen, so dass er sich nicht mehr rühren konnte. Über seinem Kopf hängten sie eine Natter auf, die ihm Tag für Tag, Nacht für Nacht ihr Gift auf den Körper spritzte. Loki litt Höllenqualen, wenn das Schlangengift seinen Körper berührte. So versuchte seine Gattin Sigyn, die freiwillig mit ihm auf die Insel im Reich des Todes gegangen war, seine Qualen zu lindern, indem sie das Gift der Natter in einer Schale auffing. Dort immer dann, wenn sie diese Schale leeren musste, spürte Loki den brennenden Schmerz, den das Gift auf der Haut verursachte. Er zitterte und bebte am ganzen Leib. Dieses Zittern und Beben war so stark, dass es überall in Midgard und auf der Erde zu spüren war.

Die Menschen nennen das Zittern noch heute Erdbeben. Und in Nächten, in denen die Erde bebt, heult noch immer der Fenriswolf und die Midgardschlange regt sich in der Tiefe des Meeres, die Wellen und Wogen türmen sich auf und eine Sturmflut brandet gegen den Wall, der das Reich Midgard gegen diese Urgewalten schützt.

Die Götterdämmerung

Nach dem gewaltsamen Tod von Baldur, Odins und Friggas Sohn, herrschte lange Zeit große Trauer im Reich der Asen. Nichts war mehr so wie zuvor. Nur die bösen Riesen, die Unholde und verwachsenen Zwerge freuten sich über den Tod des jungen Gottes, denn seit dem Erlöschen des Sonnenglanzen nahm mehr und mehr die Macht der Finsternis Gewalt über das Reich. Und das kam diesen fürchterlichen Gestalten sehr entgegen.

Auch Odin nahm die Zeichen des Bösen wahr – und konnte doch nichts dagegen tun. So sah er, wie die Blätter der Weltesche Yggdrasil welk wurden und die Asen selbst zu altern begannen. Das lag daran, dass die schöne Iduna, die Göttin der Jugend Yggdrasil nicht mehr mit Met tränkte, der die Weltesche am Leben erhielt.

Iduna war Odins Schwiegertochter, denn sie hatte seinen Sohn Bragi geheiratet. Der besaß die Gabe der Weisheit und konnte wundervoll dichten. Wenn er im Kreise der Götter seine Harfe und seine Verse erklingen ließ, dann hingen alle wie gebannt an seinen Lippen und wollten mehr und mehr von diesem göttlichen Gesang hören. Und so sehr die Asen Bragi liebten, so sehr liebten sie auch seine Ehefrau Iduna, deren Name „Immergrün“ bedeutet und deren Met die Gabe besaß, ewige Jugend zu schenken.

Als Odin nun sah, was mit seinem Reich geschah, setzte er alle Hoffnung auf Iduna. Er schickte Boten nach ihr aus, doch die kamen mit der traurigen Kunde zurück, dass die schöne Göttin verschwunden sei. Auch Hugin und Munin, Odins Raben, suchten nach Iduna. Es gelang ihnen, die Spur der Göttin aufzunehmen. Doch was sie erfuhren, war alles andere als positiv für Odin und sein Reich: Iduna, jene Göttin, auf die der Göttervater all seine Hoffnung gesetzt hatte, lebte nun im Totenreich von Hel – und von dort, das wusste jeder nur zu genau, gab es kein Entkommen mehr. Aber Odin erfuhr nicht nur vom Tod seiner Schwiegertochter. Auch Bragi, sein Sohn, weilte im Reich des Todes, er war seiner Frau freiwillig dorthin gefolgt.

Nun gab es keine Hoffnung mehr. Den Geschöpfen der Erde entschwand die Lebenskraft, die Weisheit in Mimirs Brunnen versiegte.

Odin wusste, was nun passieren würde. Er sah ganz deutlich, dass mit dem Tod des jungen Baldurs, Gott des Lichts, und des Tods von Iduna, die ewige Jugend schenken konnte, das Schicksal seinen Lauf genommen hatte. Nachts hörten Odin und die anderen Asen das Furcht erregende Heulen des Fenriswolfes. Denn auch Lokis Sohn spürte, dass bald seine Zeit kommen werde.

Durch Baldurs Tod hatte die Sonne ihren Glanz verloren, ihre Wärme versiegte nach und nach und ein eisiger, kalter Winter zog ins Land. Dieser grauenvoll harte Fimbulwinter brachte Schneegestöber und starken Frost, rauhe Winde tobten – und er wollte und wollte einfach kein Ende mehr nehmen.

Doch der Winter war nicht nur in der Natur eingezogen. Auch die Herzen der Menschen und Götter wurden eiskalt. Sie führten Kriege, Brüder töteten Brüder, Frauen betrogen ihre Männer, Männer ihre Frauen. Neid, Habgier, Mord und Totschlag standen auf der Tagesordnung.

Mit großer Sorge beobachteten die Götter im hohen Asgard, was um sie herum geschah. Doch selbst wenn Thor seinen mächtigen Hammer gegen die Riesen warf, so konnte er ihnen nichts anhaben, denn eine kalte Wand, entstanden in diesem harten Winter, schütze die Riesen vor allen Angriffen.

Auch Odins Ritt zu Mimir, dem Weisen, verfehlte sein Ziel, denn der Brunnen der Weisheit war durch den kalten Sturm in unglaubliche Wallungen Sturm geraten. Und Mimir? Der stand ohne Hoffnung daneben.

Da sah auch Odin nur noch eine einzige Chance. Er ritt nach Walhall zurück und rief die Götter zum Kampfe. Der hellrote Hahn auf Asgards Dach begann zu krähen, und mit lautem Gekrächze antwortete der dunkelrote Hahn, der auf dem Dach des Totenreichs der Hel saß. Die Midgardschlange erhob ihr Haupt aus den Fluten des Meeres, was dazu führte, dass der Schutzwall um Midgard brach.

Und die Menschen? Die flohen in die Berge und verbargen sich in Höhlen, denn nun hatte es auch der Fenriswolf, Lokis in Ketten gelegter Sohn, geschafft, sich zu befreien. Sein Maul berührte gleichzeitig Himmel und Erde, sein Rachen verschlag die Sonne und den Mond, so dass nur noch Finsternis herrschte.

Befreien konnte sich auch Loki, der nun die Riesen um sich versammelt hatte, um Rache zu nehmen. Auf einem großen Schiff war er über das tosende Meer gekommen. Dieses Schiff, er nannte es Naglfari, war ein echtes Nägelfahrzeug, das aus Finger- und Zehennägeln der Toten erbaut worden war.

Dann brach er endgültig und unausweichlich herein, der Tag der Entscheidung, der Tag, der alles änderte. Zuerst zerbrach der Himmel und gab alle Söhne Muspelheims frei, die von ihrem Anführer Surtur, dem Urweltriesen, auf das Schlachtfeld der Finsternis geführt wurden.

Als das Gillarhorn, das man auch noch in den entlegensten Winkeln der Erde hören konnte, zum dritten Mal ertönte, stürmten Götter und Helden aus Walhalls Toren, die sich weit geöffnet hatten. An der Spitze ritten Odin, der Walvater, in glänzender Rüstung und goldenem Helm, neben ihm Gungnir, der in der Faust seinen Speer trug.

Die letzte Schlacht begann. Wodans Waffe wütete unter den Riesen und Thors Hammer fuhr wie ein Blitz in die Reihen der Unholde. Doch Lokis Sohn, den Fenriswolf, schlug den Asen böse Wunden. Er verbreitete großen Schrecken auf Wigrid, der Walstatt des Weltenringens. Und Fenriswolf selbst? Der schien unverwundbar gegenüber den Waffen der Götter zu sein.

So geschah, was wohl geschehen musste: Loki und Heimdall töteten sich gegenseitig. Thor erschlug mit seinem göttlichen Hammer die Midgardschlange. Doch noch ehe er sich über seinen Sieg freuen konnte, riss der letzte, giftige Atemzug der riesigen Schlange ihn selbst in den Tod.

Tyr tötete Gram, den Höllenhund. Denn während dieser dem Kriegsgott die Kehle zerfleischte, führte Tyr mit seinem Schwert den Todesstoß gegen das Untier und beide starben in derselben Sekunde.

Odin selbst hatte sich den Fenriswolf als Gegner gesucht. Doch dessen ungehemmte Kraft warf den Göttervater zu Boden – und so verschlang schließlich der Weltenwolf Walvater! Widar, Odins Sohn, eilte aus Rache herbei. Er tötete den Wolf – doch das Ende des Geschlechts der Asen war mit Odins Tod besiegelt!

Schließlich stand die ganze Welt in Flammen, denn Surtur, der Anführer der Söhne Muspelheims, hatte das Feuer gelegt. Die Gier der Flammen fraß alles auf, was sich ihr in den Weg stellte. Zum Schluss des fürchterlichen Spektakels öffnete Hel die Tore zum Reich der Toten und nahm diese bei sich auf.

Die Sonne wurde schwarz.

Die Erde versank.

Die Sterne fielen vom Himmel.

Und Yggdrasil, der Weltenbaum, brach zusammen, folgte Menschen und Göttern in ihr Grab.

Doch niemand muss nun traurig sein. Denn die Sage kennt ein gutes Ende. Mit dem Weltenbrand ist längst nicht alles zu Ende. Das Feuer hat alles bereinigt, alle Schuld wurde gesühnt. Nun kann das goldene Zeitalter, das einst im Himmel und auf Erden herrschte, wieder neu anbrechen.

Später wird man sagen, ein einziger Weltentag sei vergangenen, ein neuer angebrochen. Aus dem Meer, das die Asen einst verschlang, entsteht eine neue Erde. Unschuld und Friede herrscht überall. Vollkommenes Glück.

Die Sonne hat eine Tochter geboren, die genau so schön ist wie die Mutter es einst war. Nur zwei kleine Wesen haben das Toben des Weltuntergangs überstanden: Lif und Lifthrasir, das Leben und die Lebenskraft. Sie hatten sich unter den Wurzeln der Weltesche verborgen und dort Schutz gesucht. Aus diesen beiden unschuldigen Kindern erwächst nun ein neues Geschlecht, das die Erde bewohnbar machen wird.

Sogar ein neues Asgard entsteht, denn Baldur und sein blinder Bruder Hödur können Hels Totenreich entsteigen. Auch Thors Söhne, die später den Hammer ihres Vaters auf dem Schlachtfeld finden werden, nehmen ihre Plätze auf den goldenen Stühlen der Götter ein.

Alle haben ein neues Ziel vor Augen. Sie wollen nicht mehr die Eis- und Frostriesen zermalmen, denn den Riesen ist die Wiedergeburt nicht gelungen. Sie wollen Thors Hammer nun nur noch für das Gute in der Welt einsetzen.

Von jetzt an herrscht Friede in den himmlischen Höhen.

Wieland der Schmied

Der Riese Wate, der aus königlichem Geschlecht stammte, lebte vor langer Zeit in Seeland am Ostmeer. Seine Mutter war, so viel weiß man, eine echte Meerjungfrau gewesen. Wate war selbst Vater von drei stattlichen Söhnen, die er Slagfider, Egil und Wieland nannte. Aus Slagfider und Egil hatte der Vater tapfere Krieger werden lassen, Wieland dagegen zu einem tüchtigen Schmied in die Lehre gegeben.

Als dieser die Ausbildung beendet hatte, lebte und arbeitete er noch drei Jahre bei den Zwergen, die ihm manche Kunstfertigkeit beibrachten, danach galt Wieland als einer der besten Schmiede im ganzen Land.

Mit seinen Brüdern zog es Wieland nun in die Einsamkeit. Sie schufen sich ein Heim am Wolfsee, ernährten sich vom Fischfang und der Jagd. Eines Tages sahen sie über dem See drei Schwäne, die zur Landung angesetzt hatten. Als diese drei das Ufer erreicht hatten, entledigten sie sich ihres Federkleides und die drei jungen Männer sahen drei wunderschöne Jungfrauen.

Schnell stand der Entschluss der Männer fest, den drei Walküren, das nämlich waren die Mädchen, das Federkleid zu nehmen, so dass sie sich nicht mehr in ihre tierische Gestalt zurückverwandeln konnten. So mussten die Mädchen in Menschengestalt bei den drei Männern leben, die sie bald ehelichten.

Sieben Jahre lang lebten die drei Paare in großem Glück. Doch noch immer ahnten die Männer nicht, wir sehr sich ihre Frauen ihre alte Gestalt zurückwünschten. Eines Tages schenkte Herwör, Wielands Weib, ihrem Mann einen kostbaren Ring als Symbol der ewigen Liebe. Wieland schmiedete nach dessen Abbild gleich mehrere weitere Ringe und fädelte sie der Reihe nach auf.

Als Wieland und seine Brüder kurze Zeit später von der Jagd nach Hause kehrten, da waren die drei Frauen spurlos verschwunden. Sie hatten nämlich die versteckten Federhemden gefunden und waren zurück in ihre eigene Welt gekehrt. Slagfider und Egil waren so betrübt, dass sie ihre Sachen packten und in die Welt zogen, Wieland aber blieb am Ort, er vertraute ganz einfach auf die Kraft des Rings.

Irgendwann hörte auch Nidung, der König der Njaren, von Wielands besonderen Fähigkeiten als Schmied und hätte den Mann gerne in seinen Diensten gesehen. So ließ er Wieland einfach in seinem Haus gefangen nehmen, brachte ihn und seinen kostbaren Ring in sein Reich. Wieland bebte vor Zorn. Da sprach Nidungs Frau: „Mann, hüte dich vor Wielands Rache. Es wäre besser, du würdest ihm die Sehnen zerschneiden lassen, damit er dir nicht mehr entfliehen kann!“

Nidung nahm der Rat seiner Frau an und fügte Wieland ungeheures Leid zu. Danach ließ er den Verwundeten auf eine nahe gelegene Insel bringen.

Wielands Wunden heilten nur langsam, doch als er wieder arbeiten konnte, hatte der König zahlreiche Aufgaben für ihn. Tagsüber schuftete Wieland nun für den König am Amboss, in der Nacht aber ging er einem Handwerk nach, das bis zu diesem Zeitpunkt noch kein Mensch ausgeübt hatte: Wieland fertigte ein Federkleid, das ihn befähigte, sich wie ein Vogel in die Luft zu erheben.

Eines Morgens erhielt der Schmied auf seiner Insel unverhofft Besuch. Die beiden Söhne des Königs hatten sich heimlich zu ihm geschlichen, um ihn bei seiner Arbeit zu beobachten. Nun sah Wieland den Zeitpunkt für seine Rache gekommen. Er erschlug die Knaben, verbuddelte die Körper unter der Esse und fertigte aus den Schädeln Trinkschalen für den König, die er in Silber einfasste, so dass die Schädel nicht mehr zu erkennen waren, und machte diese dem König und seiner Gemahlin zum Geschenk.

Bathild, die Tochter des Königs, hatte vom Vater nach der Gefangennahme des Schmieds dessen wundersamen Ring als Gabe erhalten. Nun war er ihr aus Unachtsamkeit zerbrochen und die junge Frau wusste, dass nur einer ihn wieder richten konnte: Wieland selbst. So machte sie sich auf den Weg zur Insel, wo Wieland sie zunächst freundlich aufnahm, dann aber mit einem Zaubertrunk gefügig machte und heimlich mit ihr den Bund der Ehe einging. Damit war seine Rache vollendet.

Während die Königstochter das Haus des Schmiedes weinend verließ, zog Wieland sein Federkleid über und flog auf die Burg Nidungs. Der war natürlich mehr als erstaunt und fragte: „Bist du ein Vogel geworden?“ Langsam dämmerte dem König, wer für das Verschwinden seiner Söhne verantwortlich war. Doch bevor Wieland ihm diese drängelnde Frage beantwortete, ließ er den König schwören: „Bei Schildes Rand und Rosses Bug, bei Schwerts Stärke und Schiffes Bord sollst du mir geloben, dass nicht Wielands Weib noch seinem Kind ein Leid geschehe!“

Nachdem König Nidung den Eid geschworen hatte, erzählte ihm Wieland die ganze ungeschminkte Wahrheit und zeigte dabei auf die silbernen Schalen, die er dem König verehrt hatte. Dabei lachte er so höhnisch, dass sofort klar war, was geschehen war. Als er dann dem verzweifelten Vater noch mitteilte, dass Wieland selbst bald der Vater seines Enkels sein würde, da er und Bathild heimlich verheiratet wären, da brach für Nidung eine Welt zusammen.

Er richtete seine Waffe auf den Schmied, vergessen war der Eid. Doch der Pfeil traf den Schmied nicht, der hatte sich längst in die Lüfte erhoben.

Wielands Sohn wurde geboren und erhielt den Namen Witege. Als er ein junger Mann geworden war, schicke die Mutter ihn zu seinem Vater, wo er freundlich aufgenommen wurde. Wieland unterrichtete seinen Sohn in vielerlei Dingen und schickte ihn schließlich mit einer prächtigen Rüstung, die er selbst geschmiedet hatte, in die Welt hinaus. Später diente Witege dem Dietrich von Bern, dessen Ruhm schon damals das ganze Land erfüllte.

Der betrogene Teufel

Lange Zeit hat man in leibhaftig auf der Erde nicht mehr gesehen – den Teufel, jenen Beelzebub der Hölle, den alle fürchten. In früheren Zeiten aber war das anders. Da zeigte er sich den Menschen häufiger einmal und versuchte durch Lug und Trug Männer und Frauen in sein schwarzes Reich zu ziehen.

Natürlich erschien der Teufel ihnen nicht in seiner eigentlichen Gestalt. Niemand erkannte auf den ersten Blick, mit wem er es zu tun hatte. Und so schaffte es der Teufel, unbescholtene Menschen immer wieder zu übertölpeln. Eines Tages aber geriet er an einen Mann, der dem Teufel nicht auf den Leim ging.

Und das kam so: Als der Teufel einmal an einem Feld vorbeikam, auf dem die Kartoffeln in saftigem Grün erstrahlten und in voller Blüte standen, überlegt er, dass er doch mit dem Bauern „ins Geschäft“ kommen könne. Natürlich dachte sich der Teufel, dass er selbst schon seinen Vorteil daraus ziehen würde und der Bauer schließlich leer ausginge.

Also sagte er zum Bauern: „Du, ich gebe dir diesen Beutel Geld, wenn du mir die Hälfte von deinem Feld überlässt!“ Der Bauer überlegte einen kurzen Augenblick und stimmt dann zu. Also schlossen die beiden Herren einen Pakt, aus dem hervorging, dass der Teufel alles bekommen solle, was oberirdisch wächst, der Bauer dagegen alles, was sich unter der Erde befindet.

Als nun der Herbst und die Erntezeit gekommen waren, da staunte der Teufel nicht schlecht, dass von dem herrlichen Grün nur vertrocknetes Laub übrig geblieben war. Der Bauer aber freute sich sehr über seine schönen Kartoffeln, die er aus der Erde ernten konnte.

Nun wäre der Teufel sicher nicht der Teufel gewesen, wenn er nicht gleich eine neue List ersonnen hätte. Er schlug also dem listigen Bauern ein neues Geschäft vor, forderte aber dieses Mal für sich die Ernte ein, die unter der Erde reife. Wieder stimmte der Bauer zu – und säte dann im kommenden Frühjahr Korn auf seinen Felder aus.

Als die Ernte kam und der Teufel seinen Anteil abholen wollte, hatte er auch dieses Mal wieder das Nachsehen. Denn er bekam nur die Wurzeln, der Bauer aber das Getreide. Darüber ärgerte sich der Teufel so sehr, dass er bis heute sich nicht mehr in diesem Gebiet blicken ließ.

Der Teufel als Onkel

Mehr als 300 Jahre ist es schon her, dass ein Bote seinen Weg zwischen Schwerte und Hamm machte und einem ganz üblen Mann auf die Schliche ging. Als sich der Bote nämlich nachts auf sein Lager zum Schlafen legen wollte, übergab er dem Wirt des Hauses, in dem er untergekommen war, sein Geld zur Aufbewahrung.

Doch dieser war kein guter Kerl, sondern nahm das Geld an sich, legte dem Boten wertloses Zinnzeug statt des Geldes in den Sack und klagte ihn am nächsten Tag, als der Bote wieder aufbrechen wollte, obendrein noch des Diebstahls an.

Die Zeiten waren hart, und so verurteilte das Gericht den unschuldigen Boten zum Tode. Am Tage vor seiner Hinrichtung klopfte es plötzlich an die Zellentür des Gefangenen. Niemand anders als der Leibhaftige selbst stand vor der Tür. Er versprach dem Boten, ihn zu befreien, wenn dieser sich in seinen Dienst stellen würde.

Doch der Bote wollte lieber unschuldig sterben, als sich auf ein solches Geschäft einlassen. Da sagte der Teufel: „Ich sehe, dass du wirklich ein ehrlicher Mensch bist. Und so will ich dir helfen, auch ohne dass du in meine Dienste trittst. Ich befreie dich morgen. Schließlich bekomme ich ja den anderen für meine Aufgaben!“ Dann sagte der Teufel dem Mann noch, was er am nächsten Tag zu tun habe.

Am nächsten Morgen wurde der unschuldig Verurteilte tatsächlich zum Galgen geführt. Er stand schon auf der wackeligen Leiter, als er von weitem einen Reiter in scharlachrotem Mantel sah.

„Mein Onkel kommt“, sagte der Bote. So hatte es ihm der Teufel aufgetragen. Und fügte hinzu: „Lasst mich noch ein paar Worte mit ihm wechseln.“ Die Obrigkeit erlaubte es, und so sprach der Mann leise mit dem Mann im roten Mantel, der natürlich nicht sein Onkel, sondern der Teufel höchstpersönlich war.

Und dieser rief plötzlich: „Mein Vetter ist unschuldig. Der Wirt hat sogar meinen Vetter bestohlen!“ Nun meldete sich der Wirt zu Worte, der der Hinrichtung bewohnen wollte: „Das ist eine Lüge! Der Bote hat mich bestohlen!“ Da trat der Satan vor den Wirt und sagte: „Soll dich denn der Teufel holen, wenn du lügst?“ Die Frage konnte der Wirt natürlich nur mit „Ja“ beantworten, wusste er doch nicht, wer vor ihm stand.

Kaum aber hatte der Wirt das kleine Wörtchen „Ja“ ausgesprochen, da packte ihn der Teufel in dem roten Mantel, nahm ihn auf der Stelle mit sich und beide erhoben sich vor den Augen der Anwesenden in die Lüfte.

Nun erkannten alle, dass der Bote nicht gelogen hatte und unschuldig war. Er wurde freigesprochen und erhielt sogar sein Geld wieder, das man schließlich noch im Haus des Wirtes gefunden hatte.

Der überlistete Teufel

In Soest lebte vor langer Zeit einmal ein bitterarmer Schuster. Er besaß so wenig, dass er nicht einmal seinen Kindern ein vernünftiges Essen am Tag anbieten konnte. Krankheit und persönliches Unglück hatten den ansonsten fleißigen Mann in diese Situation gebracht - und er kam und kam einfach nicht mehr aus ihr heraus, so viel er auch arbeitete.

Doch dumm war der Schuster nicht! Eines Tages, als seine Frau wieder einmal ein Wassersüppchen serviert hatte, ging der Meister noch einmal am späten Abend in seine Werkstatt zurück.

„So kann es nicht weitergehen“, dachte er bei sich. „Ich brauche Geld, und das dringend, wenn wir nicht alle vor lauter Hunger sterben wollen! Und wenn das Geld auch vom Teufel ist...!“

Der Schuster hatte den Satz noch nicht ganz ausgesprochen, da stand - wie aus dem Nichts - ein stattlich gekleideter Mann vor ihm. Er trug Kleidung vom Feinsten, hatte Silberspangen an den Schuhen und lächelte den Schuster an.

„Du hast von mir gesprochen“, sagte er freundlich. Der Schuster staunte nicht schlecht! Da stand doch tatsächlich der Leibhaftige vor ihm. Er musterte ihn sorgfältig und dachte: „Nun musst du auf der Hut sein, armer Schuster!“

Doch der Teufel ließ sich nicht beirren. „Ich habe dir das Geld gleich mitgebracht, das du für dein Geschäft und deine Familie benötigst!“ Der Teufel stellte ein großes Glas auf den Tisch, das über den Rand hinaus mit Geldstücken gefüllt war.

„Gibt mir das Geld in 10 Jahren zurück“, sagte er und schmunzelte. „Und weil ich so ein Guter bin, brauchst du mir nur gestrichen so viel zurückgeben, wie ich dir jetzt ausgehändigt habe.“ „Ach ja“, fuhr der Teufel nach einer kurzen Weile fort, „kannst du das Geld dann nicht zurück bezahlen, so werde ich dich samt deiner Lieben zu mir in die Unterwelt holen.“ Dann lachte er teuflisch auf!

Der Schuster überlegte einen kurzen Moment, ob er sich auf den Handel einlassen solle. Plötzlich durchzuckte ihn ein Geistesblitz: „Darf ich dir das Geld auch vor Ablauf der 10 Jahre zurück geben“, fragte er bescheiden.

„Na klar, lieber Meister“, gab der Teufel zurück. Da strich der Schuster mit der Hand über das übervolle Glas, die obersten Geldstücke purzelten auf die Tischplatte und er sammelte sie alle ganz schnell auf. Dann reichte er dem Teufel die mit Geldstücken gefüllte Hand und sagte: „Lieber Geselle, hier hast du deinen gestrichenen Teil wieder.“

Der Teufel staunte nicht schlecht und gab sich schließlich geschlagen. In Soest hatte er also seinen Meister gefunden. Und der Schuster? Der lebte den Rest seines Lebens in Wohlstand und Freude.

Das verwünschte Schloss

Zwischen Schwerte und Wandhofen, auf dem Gebiet der Wandhofer Heide, stand vor langer Zeit einmal ein großes und prächtiges Schloss. Von dessen Geschichte aber weiß man heute nur noch so viel, dass sein letzter Besitzer dort in voller Pracht und Üppigkeit lebte, aber einen Bund mit dem Bösen geschlossen hatte, um sich all seine Wünsche erfüllen zu können.

Lange Zeit ging das Geschäft zwischen dem Edelmann und dem Teufel auch gut. Aber irgendwann schlich sich Missgunst in das Verhältnis der beiden so ungleichen Gesellen ein, worauf der Teufel den Ritter zu sich ins Reich holen wollte.

Weil dessen Lebzeit aber noch nicht abgelaufen war, verlor der Teufel in dem Moment seine Macht über Schloss und Bewohner, als er es unsichtbar machte, um es mit allem, was sich darin befand, in die Tiefe seines Reiches zu holen. Und weil er seine Macht über den Mann und dessen Hab und Gut verloren hatte, konnte er nichts davon in die Hölle bringen.

Das Schloss blieb an seiner alten Stelle, es wurde nur leider nie wieder sichtbar. Nur alle 100 Jahre, so weiß man heute, kann es sich in einer Vollmondnacht wieder einmal für kurze Zeit in voller Pracht zeigen.

Zuletzt wurde das Schloss von einem sehr angesehenen Mann aus Wandhofen erblickt. Diesen führte eine Reise gerade um Mitternacht über die Wandhofer Heide. Und wie es der Zufall wollte, war es eine dieser Vollmondnächte, in denen das Schloss zu sehen war. Als der Mann nun so über die Heide ging, verschwand unter seinen Füßen plötzlich der Weg, auf den er gerade noch seinen Fuß gesetzt hatte.

Und vor sich – er traute kaum seinen Augen – tauchte plötzlich wie aus dem Nichts das große, schöne und hell erleuchtete Schloss auf, aus dem ihm Jubel, Trubel und Heiterkeit entgegen schallte. Der Mann blieb einen Moment wie angewurzelt stehen. Als ihm dann aber die Geschichte von dem verwunschenen Schloss in den Sinn kam, lief er erschrocken davon.

Doch er konnte den Weg nicht mehr finden! Der Schreck fuhr ihm in die Glieder. Mindestens zwei Stunden lang lief er voller Angst durch die Gegend und konnte nichts entdecken, was ihm bekannt vorkam.

Dann aber hörte er in weiter Ferne Menschen dreschen und er ging dem Geräusch nach, bis er schließlich, glücklich über alle Maßen, das Dorf Wandhofen wieder erreichte.

Am anderen Morgen wollte er seinem nächtlichen Abenteuer noch einmal nachspüren und ging mit vielen Leuten an die Stelle zurück, an der er das Schloss gesehen und die Musik gehört hatte. Aber er und seine Leute fanden nichts. Nur an einer Stelle, die ein wenig hügeliger war als alle anderen, wehte dem Mann ein feiner Schwefelgeruch in die Nase.

Der Werwolf von Ergste

Immer schon hat ein ganz besonderes Wesen den Menschen Angst eingeflößt: der Werwolf. Jenes Wesen, das sich in einen Wolf und andere grimmige Tiergestalten verwandeln kann und mit dem Teufel im Bunde steht.

Die Geschichten um den Werwolf besagen aber, dass er bezwungen werden kann, und zwar dann, wenn ein unschuldiges Kind ein Stück Stahl über den Werwolf wirft und es auf der anderen Seite schneller auffangen kann als der Werwolf selbst. Schafft das Kind es nicht, das Stahlstück wieder in den Griff zu bekommen, so muss es elendig sterben und der Werwolf geht als Sieger aus diesem Duell hervor.

Vor 300 Jahren trieb sich der Werwolf in Ergste herum. Mal zeigte er sich in jener Gestalt, mal in dieser, aber niemals führte er Gutes im Schilde. Nein, er tötete sogar die Tiere der Bauern, die viel Angst vor ihm hatten, denn sie wussten ja, dass der Werwolf einen Pakt mit dem Teufel eingegangenen war.

Eines Tages aber kamen zwei tapfere Burschen des Weges, die keinerlei Angst vor dem teuflischen Getier hatten. Nun wollte es der Zufall, dass der eine Knabe eine Schere, der andere ein Messer bei sich trug. Kreuzweise warfen sie sie Sachen über den Werwolf und weil sie flinke Burschen waren, schafften sie es auch, die Sachen wieder an sich zu nehmen, bevor der Werwolf sie erhaschen konnte. So schafften es zwei Kinder, das gefährliche Tier zur Strecke zu bringen.

Der Werwolf aber musste sich nun in seiner ursprünglichen Gestalt zeigen und wurde schließlich vor Gericht gestellt. Die Richter in Limburg fällten ein Urteil: Der Werwolf sollte in die Fluten der Lenne geworfen werden. Würde er an der Oberfläche bleiben, so wäre er schuldig, würde er aber wie jeder Sterbliche untergehen, so wäre er von allem freizusprechen.

Lange Zeit hielt sich der Werwolf über Wasser. Und schon wollten die Unstehenden ihn als Werwolf beschimpfen, da erdachte er sich eine List. Er flehte seinen Verbündeten, den Teufel an, ihm in dieser schweren Stunde beizustehen. Der Teufel hörte das Flehen und griff sofort ein. Denn er wusste, dass der Werwolf in seiner Hosentasche eine Nähnadel trug, die er nun so schwer werden ließ, dass der Werwolf unterging und schon in den Fluten der Lenne zu ertrinken drohte.

Nun wussten die Richter aber, dass der vermeintliche Werwolf gar nicht der richtige Werwolf war, retteten ihn vor dem Ertrinken und ließen ihn frei. Denn immerhin hatte er den Test ja unbeschadet überstanden. Wäre er mit dem Teufel im Bunde gewesen, so wäre er nicht untergegangen – so dachten die Leute zumindest.

Doch die Bauern waren von dem Urteil nicht überzeugt. Kurz nach der Freisprechung schlichen sie eines Nachts zum Werwolf, der in tiefem Schlaf lag, und zündeten ihn an. Als der Werwolf erwachte, stand er bereits in lodernden Flammen und musste elendig verbrennen, denn nun konnte ihm auch der Teufel nicht mehr helfen.

Die Asche dieses fürchterlichen Wesens vergrub man nicht auf dem örtlichen Friedhof, sondern außerhalb des Geländes. Und wer heute nachts durch Ergste spaziert, sollte einmal mehr die Ohren spitzen. Denn der Werwolf spukt hier noch immer und wer genau hinhört, der kann sein Winseln hören.

Tristan und Isolde

Vor vielen Jahrhunderten, als es noch wahre Helden gab, da regierte in England und im Königreich Cornwell König Marke, ein gutmütiger Mann, der von seinem Volk sehr geliebt wurde. Um sich herum hatte er immer eine Schar tapferer Ritter und Damen des Adels versammelt.

Unter ihnen befand sich ein junger Mann namens Tristan, der ein schweres Schicksal hinter sich hatte. Sein Vater, König Riwalin von Parmenie, war noch vor seiner Geburt von König Morgan von Bretagne erschlagen worden. Seine Mutter, Königin Blancheflur, war vor lauter Gram darüber sofort nach Tristans Geburt gestorben. Deshalb hatte er auch diesen traurigen Namen erhalten, denn schon bei seiner Geburt standen die Sterne nicht gut.

Nach dem Tod der Mutter nahm sich Marschall Ruan, ein treuer Diener und Weggefährte von König Riwalin, des Jungen an. Und als der ins Mannesalter kam, übergab Ruan den Jüngling an König Marke, den Bruder von Tristans Mutter. Der sollte einen jungen Edelmann aus dem ihm machen.

In den folgenden Wochen und Monaten schlug sich Tristan wirklich wacker am Hofe seines Onkels. In allem, was ein junger Ritter zur damaligen Zeit zu lernen hatte, waren seine Leistungen unübertrefflich. Und schon bald erhielt er den Ritterschlag und der Name Tristan war in aller Munde.

Doch Tristan grämte sich, denn es lag ihm viel daran, den Tod seines Vaters zu rächen. Und so verabschiedete er sich bald von seinem Onkel Marke und zog in die Bretagne, wo es zu einem bitteren Kampf zwischen ihm und dem Mörder seines Vaters, König Morgan kam. Morgan starb und Tristan erhielt nun alle Ländereien seines Vaters zurück. Da er sich selbst noch viel zu jung für das Amt des Königs fühlte, übergab er Ruan, seinem treuen Freund aus Kindertagen, das Land zur Verwaltung. Tristan selbst kehrte an den Hof seines Onkels zurück.

Doch dort fand er nichts mehr in der alten Ordnung vor. Denn in der Zeit, in der Tristan den Tod seines Vaters gerächt hatte, war Morolt, der Schwager des Königs von Irland, nach Cornwell an den Hof von König Marke gekommen, um eine alte Schuld bei diesem einzufordern. 30 schöne Knaben sollte Marke ihm dafür zunächst als Pfand überlassen.

Tristan war damit ganz und gar nicht einverstanden und so schlug er vor, den Zwist in einem Zweikampf zu entscheiden. Er selbst wollte sich dabei Morolt als Gegner anbieten. Der erfahrene Kämpfer stimmte dem sofort zu, denn natürlich ging er davon aus, auf jeden Fall den Sieg über Tristan zu erringen.

Manchmal aber kommt es im Leben ganz anders, als man zunächst denkt. Denn der Unterlegene in diesem Zweikampf war Morolt. Mit seiner letzten Kraft aber hatte er auch Tristan eine tiefe Wunde zugefügt. „Mein Schwert ist vergiftet“, sagte Morolt noch im Sterben. „Einzig meine Schwester Isolde, die Frau des Königs von Irland, kann dir jetzt noch helfen.“ Dann schloss Morolt seine Augen für immer.

Den toten Morolt brachte man schließlich nach Irland, wo die ganze Bevölkerung in tiefe Trauer versank. Als man seinen Leichnam für die Beerdigung herrichtete, fand man in einer seiner Wunden ein Stück von Tristans Schwert. Dieses nahm die Tochter der Königin an sich, ein junges hübsches Mädchen, das ebenfalls den Namen Isolde trug.

Währenddessen ging es Tristan auf der Burg seines Onkels von Tag zu Tag schlechter. Ja, Morolt und sein vergiftetes Schwert hatten ganze Arbeit geleistet. Kein Arzt konnte Tristan helfen. Und so entschloss sich der junge Mann zu einer Reise nach Irland, zur Schwester des Mannes, den er getötet hatte.

Natürlich konnte er dort nicht als Tristan auftauchen, denn dann hätten ja alle gewusst, dass er Morolts Mörder war. So trat Tristan in Irland als Spielmann an und wurde bei Hofe empfangen. Königin Isolde fand bald großen Gefallen an seinem musikalischen Spiel und bot ihm auch ihre Hilfe bei der Heilung der großen Wunde an. Es dauerte nicht lange, da war Tristan wieder ganz hergestellt.

Vor lauter Dankbarkeit spielte Tristan nun so schön und sang dazu, dass Mutter und Tochter ganz begeistert waren. Nein, so herrliche Töne hatten sie in ihrem ganzen Leben noch nicht gehört. Die junge Isolde nutzte nun die kommende Zeit, um sich von solch einem herausragenden Musiker im Gesang und Saitenspiel unterrichten zu lassen. Doch der war nicht immer mit all seinen Gedanken bei der Sache. Immerhin musste Tristan ja fürchten, dass ihn einer von Morolts Männer wiedererkennen könnte. Nein, diesem Risiko wollte und konnte Tristan sich nicht länger stellen. Und so reiste er eines Tages unter dem Vorwand aus Irland ab, er müsse nach Hause zu seiner Frau zurück.

König Marke freue sich natürlich sehr, dass er nach so langer Zeit seinen Neffen wieder an seine Brust drücken konnte. Er überhäufte ihn mit allerlei ritterlichen Ehren, was bei den anderen Edelleuten im Land nicht besonders gut ankam. Sie wurden neidisch, denn sie sahen sich schon bald als Thronfolger ausgegrenzt.

König Marke nämlich war zwar in bestem Mannesalter, aber noch immer nicht verheiratet. Und so hatte er auch noch keinen legitimen Nachfolger, der ihm auf den Thron hätte folgen können. Aus diesem Grund machten sich natürlich die Adeligen seines Landes durchaus berechtigte Hoffnungen auf den Titel. Da kam ihnen einer wie Tristan gar nicht recht!

Tristan erkannte bald, dass die anderen Ritter Neid gegen ihn hegten, und so schlug er seinem Onkel vor, doch zu heiraten. Und natürlich konnte er Marke auch schon eine geeignete Kandidatin empfehlen: Isolde, die Tochter des Königs von Irland.

König Marke überlegte eine ganze Weile. Er wusste nur zu genau, dass die Brautwerbung seines Neffen in Irland durchaus eine gefährliche Sache war. Was, wenn sie ihn dort als Morolts Mörder erkennen würden? Doch schließlich willigte er ein, und Tristan machte sich, dieses Mal als Kaufmann verkleidet, auf zum Hof nach Irland.

Sicherlich weiß jeder, dass es zu dieser Zeit auch noch Drachen auf der Erde gab. Ein solches Untier, ein ganz besonders großer Drache und sehr gefährlich, bedrohte schon seit langer Zeit Irland. Kein Ritter hatte ihn bislang töten können, so sehr sie es auch versucht hatten. Deshalb hatte der König eine Botschaft verbreiten lassen, dass derjenige, der den Drachen erschlagen würde, die Hand seiner Tochter Isolde bekäme.

Auch Tristan hatte von diesem Angebot auf seiner Reise gehört und achte sich gleich auf die Suche nach dem Getier. Und tatsächlich! Tristan gelang, was niemand zuvor geschafft hatte: Er erschlug den Drachen in einem dramatischen Kampf, der all seine Kräfte kostete.

Als das Tier so tot vor dem jungen Edelmann lag, schnitt er ihm zum Beweis die Zunge aus dem Maul und verbarg sie in seiner Jacke. Bevor er aber weiterreisen konnte, musste sich Tristan nun erst einmal ausruhen. Der Kampf mit dem Biest hatte ihn wahrlich sehr ermüdet. Was Tristan nicht wusste, war, dass die Zunge des Drachen über magische Kräfte verfügte, die ihn für eine Zeit außer Gefecht setzen. Und so schlief Tristan Stunde um Stunde in seinem Versteck.

Unterdessen hatte sich ein Ritter am Hofe des Königs von Irland ebenfalls auf den Weg gemacht, um den Drachen zu erschlagen. Natürlich wusste er von dem Angebot des Königs, Isolde zur Frau zu bekommen, wenn er das Tier töten würde. Und er liebte Isolde tatsächlich schon eine ganze Weile aus der Ferne.

Als dieser Ritter nun in die Nähe der Höhle des Drachen kam, sah er, dass er das Tier bereits erschlagen worden war! Der Ritter wurde fürchterlich wütend, ersann aber einen bösen Plan. Weil er weit und breit nichts von dem Helden sah, der den Drachen erschlagen hatte, hieb der Ritter dem toten Tier nun selbst das Schwert in den Leib, zerwühlte seine Kleidung und ritt an den Hof des Königs zurück. Dort teilte er allen überschwenglich mit, dass er den Drache getötet habe und forderte nun natürlich auch die Hand der Königstochter.

Die junge Isolde aber mochte diesen Ritter ganz und gar nicht. Wie sehr hatte sie doch darauf gehofft, dass ein anderer kommen möge, um sie als Frau zu bekommen! Dieser Ritter, der angeblich den Drachen getötet haben wollte, galt nämlich im ganzen Reich als Schwätzer und Aufschneider. Gerade den wollte sie nun wirklich nicht zum Mann nehmen!

Und so ritt sie an nächsten Morgen mit ihrer Mutter, ihrer Cousine Brangäne und einem Knappen in den Wald, um nach dem wahren Bezwinger des Drachen suchen. Es dauerte gar nicht lange, da entdeckten die Frauen Tristan in seinem Versteck. Die Königin sah sogleich, dass er unter der Wirkung eines Zaubers stand und nahm Tristan die Drachenzunge ab. Sogleich erwachte der junge Mann aus seinem tiefen Schlaf und sah erstaunt um sich.

Natürlich erkannt er die schöne Isolde und ihre Mutter sogleich, und auch die beiden Frauen sahen, dass sie den Spielmann vor sich hatten. Gemeinsam ritt man zur Burg des Königs.

Dort wartete der irische Ritter noch immer auf das Ja-Wort der Prinzessin. Es wurde ihm verweigert, aber man bot dem Ritter an, sich in drei Tagen mit dem tatsächlichen Bezwinger des Drachen im Kampf messen zu können.

Unterdessen sorgten sich Isolde und ihre Mutter rührend um den noch immer müden Tristan. Als die junge Isolde eines Tages zu ihm kam, fand sie Tristan schlafend vor. Sie nahm das Schwert ihres Helden in die Hände. Doch was sie da sah, erschreckte sie über alle Maßen. Die Spitze war abgebrochen!

Und da fiel es ihr ein: Hatte man nicht aus dem Leichnam ihres Onkels Morolt die Schwertspitze seines Mörders aus Cornwell geborgen? Dass Tristan nämlich aus diesem Königreich stammte, hatte er Isolde bereits gestanden. Isolde eilte in ihr Zimmer, um die Schwertspitze zu holen. Sie passte tatsächlich an das Schwert des jungen Tristan. Sie war zu Tode erschrocken.

Als ihre Mutter kurze Zeit später das Zimmer Tristans betrat, um nach ihm zu sehen, da rief die Junge Isolde: „Mutter, liebe Mutter. Er hier ist der Mörder deines Bruder Morolt!“ Gleichzeitig stürzte sich die Prinzessin auf den noch immer Schlafenden, um ihn zu töten. Doch ihre Mutter hielt sie davon ab. Immerhin stand sie im Wort, hatte sie doch Tristan Unbescholtenheit für Leib und Seele in ihrem Königreich zugesagt.

Die junge Isolde brach in Tränen aus und ließ sogleich das Schwert, mit dem sie Tristan erschlagen wollte, sinken. Ihre Mutter redete auf sie ein: „Wenn du Tristan tötest, muss du auf jeden Fall den irischen Ritter heiraten, der überall erzählt, er habe den Drachen getötet! Willst du das?“ Natürlich wollte die Tochter das nicht, und so ließen sich die beiden Frauen nichts von dem Geschehenen anmerken, als Tristan endlich erwachte.

Freundlich blickte er von Mutter zu Tochter und erzählte, warum er eigentlich nach Irland gekommen sei: Um nämlich im Namen von König Marke um die Hand der Prinzessin anzuhalten. Die bat sich Bedenkzeit aus, nahm aber dann auf Anraten ihrer Mutter den Heiratsantrag an. Und schließlich gab sogar der irische König sein Einverständnis zur Hochzeit.

Der Ritter aber, der verkündet hatte, dass er den gefährlich Drachen getötet habe, machte sich noch vor dem Zweikampf mit Tristan vor lauter Angst aus dem Staub.

Isolde verabschiedete sich schließlich von ihrer Mutter und bestieg gemeinsam mit Tristan und ihrer Cousine Brangäne das Schiff, das sie zu ihrem Bräutigam nach Cornwell bringen sollte. Ihre Mutter hatte Brangäne noch einen Liebestrunk mit auf den Weg gegeben, den diese Isolde und ihrem Gemahl Marke nach der Trauung geben sollte. Niemand anders, so sagte sie ihr, dürfe allerdings davon trinken.

Nun dauerte die Überfahrt mit dem Schiff nach England damals schon noch längere Zeit. Und eines Tages geschah es, dass Tristan und Isolde alleine waren und Tristan Durst verspürte. Da nahm er ein Gefäß zur Hand, von dem er dachte, es sei mit Wein befüllt, und reichte es erst Isolde, trank dann aber selbst natürlich auch davon. Aber das Gefäß beinhaltete keinen Wein, sondern den Liebestrank der Königin von Irland, Isoldes Mutter!

Kaum hatten die beiden das Gefäß geleert, als Brangäne den Raum betrat. Als sie sah, was geschehen war, brach sie in Schluchzenaus und berichtete Tristan und Isolde von dem Liebeszauber. Doch da war es längst zu spät, denn Tristan war bereits in heftigster Liebe zur Prinzessin entbrannt – und sie hatte sich natürlich auch in ihn verliebt.

So sehr sich die beiden auch dagegen wehrten, es half nichts. Ihre Liebe zueinander war größer als alles andere. Und so brach Isolde ihrem Ehemann noch vor der Vermählung die Treue.

Die Hochzeit zwischen dem König von Cornwell und England und der irischen Prinzessin wurde groß gefeiert. König Marke war sehr stolz drauf, eine so schöne Frau an seiner Seite zu haben. Doch Isolde und Tristan liebten sich noch immer. Jede Gelegenheit, die sich ihnen für ein heimliches Treffen bot, nutzten sie aus. Sie konnten sich gegen ihre Gefühle einfach nichts machen. Brangäne unterstützte die Liebenden und deckte sie, denn sie fühlte sich ja eine tiefe Mitschuld an diesem Treiben.

Doch König Marke spürte schon bald, dass etwas in seinem Hause nicht stimmte, und so bat er einen seiner Vertrauten um Rat. Gemeinsam mit Marjodo wollte er seiner Frau eine Falle stellen. Die junge Königin aber wurde von ihrer Cousine Brangäne gewarnt. Und als der König ihr dann erzählte, er würde für längere Zeit auf Pilgerfahrt gehen und ihr seinen Neffen Tristan zur Seite stellen, da brach sie in Tränen aus und tat so, als könne sie Tristan gar nicht leiden und sei über den Fortgang ihres Mannes zutiefst traurig. Marke kaufe seiner Frau das Schauspiel sofort ab, doch Marjodo blieb skeptisch und beobachtete die Frau weiterhin mit offenen Augen.

Bei nächster Gelegenheit lief er wieder zu seinem König, um ihn über die Untreue seiner Frau zu unterrichten. König Marke ließ sich überreden und schickte nun Tristan auf Reisen. Die Trennung schmerzte die Liebenden sehr und ihre Sehnsucht war groß. Da erdachte sich Brangäne eine List, um den König und seinen Helfershelfer hinters Licht zu führen und um den Liebenden wenige Stunden der Zweisamkeit zu gönnen.

In dem Garten des Schlosses nämlich, in dem Marke und Isolde lebten, war einst ein Turm über einen Bach gebaut worden, der nun zu Isoldes Fluchtpunkt wurde. Immer öfter zog sie sich hierhin zurück, um nachzudenken. So beauftragte Brangäne Tristan nun, Isolde kleine Botschaften zukommen zu lassen. Ein Stück Rinde eines Baumes über dieses Bächlein geschickt, würde seiner Geliebten den Weg zum geheimen Treffpunkt weisen.

Und so geschah es auch. Bald konnten sich Tristan und Isolde wieder in die Arme schließen. Aber Marjodo war nicht dumm. Er ließ sich einfach nicht abschütteln. Und zudem hatte er den Zwerg Merlot an seiner Seite, der so klein wie ein Eichhörnchen war und das junge Paar ungestört beobachten. Über das, was er gesehen hatte, erstattete er Marjodo natürlich sofort Bericht.

Nun war der Betrug der Königin offenkundig! Sie konnte es nicht mehr leugnen, denn Merlot hatte sie und Tristan tatsächlich erwischt. Das ganze Volk war in Aufruhr und die Adeligen des Landes verlangten, dass die Königin vor ein Gottesgericht gestellt würde. Denn auch in dieser ausweglos scheinenden Situation leugnete die junge Königin noch immer ihr Verhältnis zu Tristan.

Es geschah, was geschehen musste: Isolde wurde vor Gericht gezerrt und sollte ihre Unschuld beschwören. „Hast du je in den Armen eines anderen Mannes gelegen als in denen deines Ehemannes?“, wollte der oberste Richter von ihr wissen.

Nun war es so, dass das Gericht auf einer kleinen Insel abgehalten wurde, zu der man nur mit einem Boot gelangte. Als Isolde an jenem Tag aber den Fuß ans Ufer setzen wollte, kam ihr ein Pilger zu Hilfe, dessen Antlitz von seiner Kutte ganz bedeckt war, so dass sie sein Gesicht nicht erkennen konnte. Der nahm Isolde auf den Arm und brachte sie trockenen Fußes an Land. Dann verschwand er.

Nachdem nun der oberste Richter seine alles entscheidende Frage gestellt hatte, antwortete Isolde nach kurzer Überlegung: „Nein, ich habe nie in den Armen eines anderen Mannes gelegen als in denen meines Gatten und in denen des Pilgers, der mir vom Boot ans Ufer geholfen hat.“

Daraufhin befahl man der jungen Frau, ihre Hand auf ein glühendes Eisen zu legen. So sollte ihre Schuld oder ihre Unschuld bewiesen werden. Und man mag es für ein Wunder halten, aber es passierte - nichts. Isolde hatte das Gottesgericht bestanden. Ihre Unschuld war bewiesen und König Marke nahm seine Frau mit Freude wieder bei sich auf.

Tristan war darüber sehr traurig und verzehrte sich nach seiner geliebten Isolde. Da kam es, dass er eines Tages die Schwester des Ritters Kaedin traf, eine junge Frau, die ebenfalls Isolde hieß und den schönen Beinamen „mit den weißen Händen“ trug. Um sich zu trösten, nahm Tristan dieses junge Mädchen zur Frau. Aber er liebte sie nicht, sondern musste immer wieder an seine Isolde, die Frau seines Onkels Marke denken.

Deshalb machte es ihm auch nicht viel aus, dass er nun immer wieder seinen Schwager Kaedin auf seinen Streifzügen begleiten musste. Aber Kaedin war ein richtiger Weiberheld, kein Rock war vor ihm sicher. Und als Kaedin eines Tages Obacht auf die Burg eines befreundeten Ritters geben sollte, aber nichts besseres zu tun hatte, als der Burgherrin den Hof zu machen, da forderte ihn dieser Ritter nach seiner Rückkehr zum Kampfe. Kaedin starb und Tristan rächte den Tod seines Schwagers sofort, wurde bei der Auseinandersetzung aber schwer verwundet.

Seine Frau, Isolde mit den weißen Händen, pflegte ihren Liebsten rührend. Doch er wollte und wollte einfach nicht gesund werden. Aber es kam noch viel schlimmer: Nun musste die junge Ehefrau nämlich bald erkennen, dass die wahre Liebe ihres Gatten einer anderen Frau gehörte. Jener Isolde, die Königin von Cornwell und England war. Immer wieder rief Tristan ihren Namen.

Und als seine Krankheit weiter und weiter fortschritt, da ließ er die Königin zu sich ans Bett rufen. Seine Frau sollte sich unterdessen ans Fenster setzen und nach einem Schiff mit weißen Segeln Ausschau halten. Doch welche Ehefrau freut sich schon auf die Ankunft der verhassten Rivalin? Und so sagte Isolde mit der Weißhand ihrem Manne, als sie die weißen Segel eines Tages tatsächlich erblickte, sie seien schwarz!

Im selben Augenblick starb Tristan. Und da erkannte seine Frau erst, was sie ihm angetan hatte. Doch es half kein Wehklagen mehr, Tristan war tot.

Natürlich erfuhr auch die andere Isolde vom Tod des Geliebten. Und als sie dem Leichnam zum Abschied einen letzen Kuss gab, da brach sie an seinem Totenbett zusammen und schloss für immer die Augen.

Die Körper des Liebespaares, dass durch einen wundersamen Zauber miteinander auch über den Tod hinaus verbunden war, wurden einbalsamiert und auf einem Schiff zu König Marke gebracht. Als der nun die ganze Wahrheit über den Liebestrank aus dem Munde von Brangäne erfuhr, war er mehr als gerührt. „Hätte Tristan doch nur ein Wort gesagt, dann hätte ich ihm Isolde vor unserer Vermählung doch zur Frau gegeben!“

Dann ließ er für die Toten zwei marmorne Särge anfertigen und sie im Schlossgarten begraben. Auf Tristans Grab pflanzte er einen Rosenstock, auf Isoldes eine Weinrebe. Als die Pflanzen wuchsen, neigten sie ihre Äste einander über die Gräber hinweg zu. Und Rose und Rebe verwuchsen zu einer Pflanze.

Walther und Hildegund

Dem Hunnenkönig Etzel, den viele heute besser als Attila kennen, hat in seinem Leben für manchen Schrecken gesorgt. So ist es nicht verwunderlich, dass schon zu seiner Zeit viele Könige dem furchtbaren Herrscher freiwillig Geiseln gaben, damit er ihr Land verschone.

So gab Gibbich, der Frankenkönig in Worms, den adeligen Knaben Hagen von Tronje mit vielen kostbaren Schätzen als Geisel, der Burgundenkönig Herrich gab sein Töchterchen Hildegund her und der König der Goten, Alpherr von Aquitanien, erkaufte sich den Frieden in seinem Land, indem er seinen Sohn Walther dem Hunnenkönig auslieferte. Hildegund und Walther waren sich zu diesem Zeitpunkt übrigens schon als Eheleute versprochen.

König Etzel und seine Frau Helche ließen es den jungen Menschen in ihrer Gefangenschaft an nichts fehlen. So wuchsen sie heran und einzig die hin und wieder aufkeimende Sehnsucht nach dem Land der Väter trog ihre Glückseligkeit. Walther und Hagen wurden sogar richtig streitbare Recken, die sich oft in den Dienst des Hunnenkönigs stellten, und Hildegund war so geschickt im Haushalt, dass ihr Königin Helche eines Tages sogar die Schatzkammer zur Verwaltung übergab.

Ja, das Leben am Hofe des Hunnenkönigs hätte richtig schön sein können, auch auf Dauer. Doch dann starb Gibbich zu Worms und sein Sohn Gunther, der zu Zeiten des Hunneneinfalls noch ein kleines Kind gewesen war, folgte ihm auf dem Thron. Als Hagen von Tronje davon hörte, hielt ihn nichts mehr in Hunnenreich und heimlich stahl er sich davon.

Nun war Etzel natürlich gewarnt. „Wir müssen verhindern, dass auch Walther uns verlässt“, sagte er eines Tages zu Helche. Und er wusste auch schon, wie er das anstellen wollte: Mit der Vermählung Walthers mit einer hunnischen Fürstentochter.

Doch Walther, dessen Herz längst einer anderen Frau gehörte, wusste sich gegen die Hochzeit zu wehren, denn er zog in den Krieg. Als er bereits nach kurzer Zeit mit Ruhm und Ehre nach Hause kam, hatte er auch endlich die Möglichkeit, Hildegund seine Liebe zu gestehen. Da auch Hildegund in Liebe für Walther entbrannt war, war es schon bald klar, dass auch diese beiden Geiseln des Hunnenkönigs ihr Heil in der Flucht suchen wollten.

Eines Tages gab Walther ein Festmahl, zu dem er neben dem Königspaar auch alle anderen wichtigen Vertreter des Reiches eingeladen hatte. Es wurde ausgelassen gefeiert und der Hausherr servierte schweren Wein, von dem bald alle so viel getrunken hatten, dass sie in einen tiefen Schlaf sanken.

Für Walther und Hildegund war zu diesem Moment der Zeitpunkt zur Flucht gekommen. Natürlich hatten die beiden Liebenden alles gut vorbereitet – Hildegund hatte sogar auf Walthers Verlagen hin zwei große Kisten mit goldenen Armbändern und Edelsteinen aus der Schatzkammer gefüllt, die sie nun mit sich nahmen. Außerdem trugen sie eine Angel und eine Leimrute bei sich, um sich auf ihrem beschwerlichen Weg zurück in die Heimat gut versorgen zu können.

Walther selbst hatte die kostbare Rüstung des Hunnenkönigs Etzel angelegt. Und da man ihn und seine Taten im Reich gut kannte, wagte es niemand, sich ihm in den Weg zu stellen oder ihn und seine Gefährtin gar aufzuhalten. Unterwegs lebten er und Hildegund von Wildbret oder frischem Fisch.

40 Tage waren sie schon auf der Flucht, als sie in die Nähe von Worms am Rhein kamen. Dem Fährmann, der Walther und Hildegund auf die andere Seite des Flussufers übersetzte, gaben sie zur Entlohnung zwei Fische, dann zogen sie unbesorgt weiter.

Der Fährmann verkaufte diese Fische gleich am nächsten Tag am Königshof zu Worms. Als König Gunther beim Mahl nach der Herkunft der außergewöhnlichen Fische fragte, da erzählte der Fährmann ihm die Geschichte von dem Recken und der schönen Jungfrau, die mit zwei großen Kisten gereist seien, aus denen es so klang, als würden Gold und Edelsteine aneinander geworfen.

„Das kann nur mein Waffenbruder Walther mit der schönen Jungfrau Hildegund sein“, rief Hagen von Tronje sogleich, der natürlich nach seiner Flucht aus dem Hunnenreich bei König Gunther Unterschlupf gefunden hatte.

Doch während Hagen glücklich über die Nachricht war, ärgerte es Gunther zusehends, denn er war sich sicher, dass das Gold, das Walther bei sich trug, jenes war, das sein Vater Gibbich einst als Pfand Etzel mitgegeben hatte. Sofort ließ Gunther zwölf Männer zusammenrufen, die Walther nachsetzen sollten. Hagen versuchte dagegen zu sprechen, doch ohne Erfolg.

Unterdessen waren Walther und Hildegund in den wilden Wasgenwald gekommen und machten am Wasgenstein, einer kleinen Schlucht, Rast. Bislang hatte Walther stets in seiner Rüstung geschlafen, dieses Mal aber zog er sie aus und bettete seinen Kopf in Hildegunds Schoss. Sie sollte Wache halten.

Nach kurzer Zeit erblickte Hildegund eine Staubwolke und kurze Zeit später jede Menge Reiter. Sofort weckte sie ihren Geliebten auf, der seine Rüstung anzog und sich bereit zum Kampfe machte.

Als die Reiter nahe genug waren, schickte Gunther auf Anraten Hagens zuerst einmal einen Reiter zu Walther, um die Situation zu klären. Doch die beiden gerieten in Streit, denn natürlich hatte Walther nicht vor, seinen Schatz wehrlos aufzugeben und der Bote hatte es abgelehnt, nur einen kleinen Teil davon in Empfang zu nehmen.

Der Streit spitze sich schließlich so zu, dass Walther den Boten erschlug. Weitere folgten, doch immer ging Walther als Sieger hervor. Schließlich blieben nur noch Gunther und Hagen übrig, doch Hagen wollte nicht gegen seinen alten Freund kämpfen. Erst als Gunther ihm berichtete, Walther habe gerade seinen Neffen getötet, war er bereit, sich im Zweikampf dem einstigen Weggefährten zu stellen. Und für beide war nun klar, dass sie Walther aus der Schlucht locken mussten.

Inzwischen war es Nacht geworden. „Man soll mir nicht nachsagen, ich sei wie ein Feigling bei Nacht entwichen“, sagte Walther zu Hildegund und sicherte mit Dornen den Eingang zur Schlucht. Dann legte er sich schlafen, Hildegund wachte und nach einiger Zeit wechselten sie sich ab. Am nächsten Morgen fühlte sich Walther gestärkt, belud die eigenen und die erbeuteten Pferde der Wormser und machte sich auf den Weg.

Sie waren erst ein kurzes Stück des Weges geritten, da stellten sich ihnen Hagen von Tronje und Gunther in den Weg. Walther forderte Hildegund auf, sich mit dem Schatz in dem nahe gelegenen Wald zu verstecken, was sie auch sofort tat.

Der folgende Kampf zwischen den drei Recken war unausweichlich, hart und brutal. Er währte sieben Stunden und noch immer stand kein Sieger fest. Schließlich schleuderte Walther seinen Speer auf Hagen und stürzte sich fast zeitgleich mit dem Schwert auf Gunther, um ihm das Bein abzuschlagen. Als Walther zum letzten Schlag gegen den Gunther ansetzte, warf sich Hagen dazwischen, um das Schlimmste zu verhindern.

Noch einmal gerieten die beiden Freunde heftig aneinander. Hagen hieb Walther dabei die rechte Hand ab, Walther ergriff mit der Linken das Hunnenschwert und schlug Hagen ein Auge und sechs Zähne aus. Erst danach waren alle drei so müde, dass sie nicht mehr kämpfen wollten. Stattdessen versorgten sie sich gegenseitig ihre Wunden, wobei ihnen die aus dem Wald zurückgekehrte Hildegund half.

Die drei Männer schlossen Frieden miteinander, Walther und Hagen fanden sogar zu ihrer alten Freundschaft zurück. Gunther und Hagen gingen nach Worms, Walther ins Land seines Vaters. Dort heiratete er kurze Zeit später die schöne Hildegund. Und als sein Vater starb, wurde er König von Aquitanien, das er mit viel Weisheit und Kraft regierte.

Pidder Lüng

Auch wenn man es sich vielleicht gar nicht mehr vorstellen kann, so gut wie es den Bewohnern der Insel Sylt heute geht, so war es sicherlich nicht immer. Es gab nämlich Zeiten, in denen beispielsweise die Hörnumer Bürger nicht einmal heiraten konnten, weil sie weder ordentliche Wohnungen noch Möbel noch irgendein Auskommen hatten. Ja, sie waren zwar Fischer, doch das brachte nicht wirklich viel ein, und so ging es ihnen mehr schlecht als recht.

Nur einer war damals eine Ausnahme und trug den Namen Jakob Lüng. Er hatte ein ordentliches Haus und von seinem Vater sogar ein altes, aber immer noch seetüchtiges Schiff geerbt und war im Laufe der Jahre zu so viel Geld gekommen, dass er in Notzeiten den übrigen Hörnumern immer wieder einmal unter die Arme greifen konnte.

Jakob Lüng war aber deshalb kein Angeber, sondern lebte mit seiner Frau still und zurückgezogen, sprach wenig und verließ sein Dorf nur selten. Eines Tages schenkte ihm seine Frau einen kleinen Sohn, den Vater und Mutter Peter nannten. Doch bald schon wurde Peter Lüng nur noch Pidder gerufen, so wie es auf der Insel eben vom Wortlaut her üblich ist.

Auf Sylt lebte zur gleichen Zeit auch ein Pfarrer in dem kleinen Ort Rantum, der kaum jemals etwas zu tun bekam. Trauungen und Kindstaufen gab es nicht und wenn mal jemand starb, dann setzte man seinen Leichnam entweder in aller Stille auf einem abgelegenen Kirchhof bei oder bestattete den Toten gleich auf See. So hatte der Pfarrer kaum Einkünfte und auch ansonsten achteten die Menschen ihn besonders gut, denn sie hielten nicht viel von Heiligenverehrung, vom Fegefeuer oder der Hölle.

Da half werden Bitten noch Betteln, die Inselbewohner blieben stur. Der Pfarrer konnte weder etwas mit Bannflüchen noch mit guten Worten erreichen. Und selbst als er den Syltern anbot, dass sie ihm statt Geld auch einen Teil ihrer Fische als Entlohnung geben könnten, reagierten sie nicht.

Doch eigentlich stimmt das nicht ganz. Eines Tages nämlich klopfte ein Fischer an die Tür des Pfarrers und sagte, dass er den Pfarrern von seinen Hörnumer Kollegen grüßen solle. Auf dem Rücken trug der Mann einen großen, schweren Sack. Mit den Worten, er solle dem Herrn Pfarrer einen Teil des Rochenfangs aushändigen, überreichte der Fischer seine Last und verschwand.

Nun freute sich der Pfarrer schon sehr auf seinen Anteil an dem Fang! Wie staunte er aber, als er den Sack öffnete und darin nur lauter „Rochelprotter“ fand, jene Giftstacheln von Giftrochen, die damals im Meer um Sylt herum häufig anzutreffen waren. Da ärgerte es den Pfarrer sogleich sehr, dass er dem Überbringen dieser „Gabe“ auch noch ein Trinkgeld gegeben hatte.

Die Wut des Pfarrers steigerte sich zusehends, je mehr er über diesen Frevel der Hörnumer nachdachte. Und weil er endlich einsah, dass weder die eine, noch die andere Methode zum Erfolg führte, so wandte er sich an die Obrigkeit, sie möge doch Vögte nach Sylt entsenden, um die halsstarrigen Fischer zur Vernunft zu bringen. Und so geschah es dann auch, doch die Fischer hielten nicht viel von diesen feinen Leuten.

Unterdessen war der Sohn von Jakob Lüng herangewachsen. Die Fischer trieben immer wieder mal ihre Späße mit dem Kind, um sich so ein wenig ihre lange Zeit zu vertreiben. Und wenn Pidder bemerkte, dass sie ihn wieder einmal nur „hoch“ genommen hatten, dann wurde er traurig und missmutig. Bald schon vertraute das Kind niemandem mehr – mit Ausnahme seiner Eltern.

Auch wenn Pidder mit anderen Kindern zu tun hatte, mit denen er hin und wieder auch mal ein wenig in Streit geriet, aber nie besonders doll, dann ärgerte ihn das hinterher noch mehr, vor allen Dingen dann, wenn es ein Mädchen gewesen war, mit dem er gestritten hatte. So wurde Pidder Lüng mit den Jahren eigensinnig und misstrauisch, widerspenstig und hartnäckig.

Natürlich half er seinem Vater beim Fischfang, sobald Pidder Lüng den Kinderschuhen entwachsen war. Eines Abends hatte der junge Mann ein unheimliches Erlebnis. Er war zu dem Ort gegangen, an dem einst das Haus seines Großvaters gestanden hatte. Gerade zu dieser Zeit waren die ersten Vögte auf Veranlassung des Pfarrers auf die Insel gekommen. Als Pidder nun so über das Grundstück seines Großvaters schaute, da entdeckte er eine Gestalt im Dunkeln. Je genauer er dieses Wesen anschaute, desto deutlicher konnte Pidder es erkennen.

„Wer bist du?“, fragte er nach einer ganzen Weile. Das Wesen antwortete: „Ich bin die Stavenhüterin. Dort wo einst rechtschaffene und freie Menschen lebten, da bewache ich die Stätte ihres Wirkens, damit der Ort nicht durch Lug und Betrug, durch Unrecht und Unterdrückung entweiht wird.“ Und nach einer Weile fügte die Stavenhüterin hinzu: „Wenn doch nur Jens Lüng noch leben würde!“

Da horchte Pidder Lüng auf: „Jens Lüng? Das war mein Großvater“, sagte er. „Wie schön wäre es“, antwortete da die Stavenhüterin, „wenn du wie dein Großvater Friesland vor der immer näher kommenden Verwüstung, vor allen Ärgernissen retten könntest! Wenn du eintreten würdest für Tugend und Freiheit! Und wenn du dein Leben geben würdest für die gute Sache, so wie es schon deine Vorväter getan haben. Lewwer duad üs Slaaw – lieber tot als Sklave, sagten diese Männer einst.“ Pidder Lüng war tief erschüttert und schwor, sein Leben in den Dienst der Freiheit der Friesen zu stellen. Nach diesem Schwur verschwand die Stavenhüterin ganz plötzlich.

Mehr und mehr Jahre gingen ins Land. An der Situation auf Sylt aber änderte sich nichts. Doch dann kam jener Tag, der das Leben der Inselbewohner drastisch ändern sollte. Pidder Lüng hatte an jenem Morgen für seine Mutter Grünkohl aus Westerland geholt, weil dieser Kohl auf der Erde in Hörnum nicht besonders gut wuchs. Vater und Mutter Lüng liebten Grünkohl über alle Maßen und deshalb hatte es dem Sohn, der inzwischen schon 26 Jahre alt war, nichts ausgemacht, die schwere Last den weiten Weg zu tragen.

Am nächsten Tag kochte die Mutter das Kraut und abends saß man gemütlich beisammen, um sich das Mahl schmecken zu lassen. Plötzlich öffnete sich ohne vorheriges Klopfen die Tür zur Stube und ein junger Mann in kostbarer Kleidung trat ein. Begleitet wurde er von jenem Pfarrer, dem die Fischer einst so übel mitgespielt hatten, dem Landvogt von Hörnum und dem Strandvogt von Rantum.

Der gut gekleidete Mann polterte gleich los: „Wohnt hier jenes Gesindel, dass sich Gott und den Oberen nicht unterwerfen möchte?“ Daraufhin ließ Peters Mutter vor lauter Schreck den Löffel in den Grünkohl fallen und Pidder zerbrach seinen vor lauter Wut. Doch er sagte nichts. Nur sein Vater antwortete: „Wir sind kein Gesindel, sondern gottesfürchtige Fischer. Wer aber seid Ihr, der es wagt, in das Haus eines freien Friesen ohne Aufforderung einzudringen?“

Da staunte der gut gekleidete Jüngling nicht schlecht. „So, so. Ihr wollt also wissen, wer ich bin?“, entgegnete er höhnisch. „Ich bin der Sohn des Amtmanns Henning Pogwisch in Tondern und bin hier, um Euch Gehorsam beizubringen und Euch für Euer rebellisches Verhalten zu strafen. Es kann ja wohl nicht angehen, dass Leute wie Ihr dem Pfarrer zur Entlohnung giftige Rochenstachel zukommen lasst!“

Kaum hatte der Sohn des Amtmanns seine Worte gesprochen, da kroch ein Husten in seiner Kehle empor, der ihn stark röcheln ließ. Umm sich zu befreien, aber auch, um seinem Ärger Luft zu machen, spuckte er aus voller Seele in den Kohltopf der Familie Lüng.

Das war zu viel für Pidder Lüng! Glühend und zitternd vor Zorn stand er auf, packte den Amtmannsohn und stülpte ihn kopfüber in die Kohlschüssel. Dabei sprach er unbeirrt die Wort: „Wer in den Kohl spuckt, der soll ihn auch fressen!“ Klar, dass der junge Pogwisch dieses Attentat nicht überlebte!

Seine Begleiter verließen sofort das Haus, nur diejenigen, die draußen gewartet und es sich dort schon einmal so richtig „gemütlich“ gemacht hatten, kamen nun in Aufruhr. Jene unleidigen Gesellen wie Henker, Fußknechte und Diener hatten nämlich längst damit begonnen, die Plätze, an denen normalerweise die Fische nach dem Fang getrocknet wurden, für ihre eigene „Beute“ vorzubereiten. „Hier hängen wir die Strandräuber“, riefen sie immer wieder.

Doch da hatten die Herren die Rechnung ohne die Fischer gemacht! Denn die waren längst noch nicht gefangen und hatten auch gar nicht vor, sich von diesen Gesellen des Amtmanns fangen zu lassen. „Abgaben wollt Ihr von uns haben?“, riefen sie aufgebracht. „Wir wollen Euch gut entlohnen!“ Und dann ergriffen die Fischer die Schwänze der Giftrochen und hieben damit auf die Knechte des Amtmanns und seiner ganzen Gefolgschaft ein.

Nun meinte auch der Pfarrer, seinen Beitrag leisten zu müssen. „Ich verfluche euch“, rief er immer wieder. „Fahrt zur Hölle, ihr Heiden!“ Mit seinem Geschrei erreichte der Pfarrer aber nicht mehr, als dass er die aufgebrachten Fischer erst recht auf sich aufmerksam machte. Und weil sie eine ungeheure Wut auf den Pfarrer hatten, bekam er es natürlich erst recht mit den giftigen Stacheln ab. So stark, dass ihm zum Schluss die Haut nur noch in Fetzen am Körper hing und er wenige Tage nach dem Vorfall starb.

Pidder Lüng und die anderen Männer aber tauchten unter. Pidder selbst bestieg das Boot seines Vaters und flüchtete über das Meer. Jahrelang soll er sich nicht mehr nach Hörnum gewagt haben. So erzählte man zumindest.

Als der Amtmann vom gewaltsamen Tod seines Sohnes auf Sylt erfuhr, schickte er Männer aus, um die Verantwortlichen strafen zu lassen. Doch auf ganz Sylt lebten nur noch Alte und Kinder, alle anderen hatten die Insel verlassen. Auch Jakob Lüng und seiner Frau hatte man die Flucht nahe gelegt, denn immerhin war es ihr Sohn gewesen, der für den Tod des jungen Mannes verantwortlich gemacht werden konnte.

Jakob Lüng konnte sich allerdings keinen Grund vorstellen, warum er die Insel verlassen sollte. So suchte seine Frau schließlich heimlich Hilfe bei einem Nachbarn. Und der stand der Frau bei. In der Nacht schickte er, so wie er es mit ihr verabredet hatte, einige merkwürdige Gestalten zum Haus der Lüngs. Dort hatte Frau Lüng unterdessen alles für die Flucht vorbereitet. Heimlich natürlich.

Nun ließ sich Jakob Lüng auch ohne großen Widerstand festnehmen und abführen. Schweigend ging man in die Nacht hinaus, durch die Dünen und dann am westlichen Strand Richtung Norden. Drei Stunden Fußweg lag hinter der merkwürdigen Gruppe, als sie an ein halb vom Sand verwehtes Häuschen kam, das in einer Gegend stand, in der sich Jakob Lüng rein gar nicht auskannte. Die Tür wurde auf ein Klopfzeichen hin geöffnet – und das Ehepaar Lüng war gerettet.

Die Häscher des Amtmanns aus Tondern fanden schließlich nur noch ein leeres Haus in Hörnum vor. Das Haus der Familie Lüng plünderten sie nun so wie alle anderen Häuser im Ort auch. Außerdem forderten sie alle wohlgesinnten Sylter auf, sich ihnen anzuschließen. Doch „wohlgesinnte“ Sylter gab es nicht! Ganz im Gegenteil. Bald waren alle Bewohner der Insel dazu bereit, die Rochenschwänze in die Hand zu nehmen, um es den Hörnumer Fischern gleich zu tun!

Für den Amtmann und seine Mannen kam es aber noch viel schlimmer. Denn nachdem sie in und um Tondern herum den Bauern ebenfalls die letzten Dukaten aus der Tasche gezogen hatten, waren auch diese bereit zum Aufstand. Davon aber bekam zur rechten Zeit die Regierung Wind und ließ den Amtmann absetzen und aus dem Reich vertreiben.

Hoppetinken

In der Nähe von Iserlohn, im Tal der Läger, lebte einst ein wunderschönes Mädchen. Alle hatten es von Herzen lieb, denn das Mädchen war nicht nur schön und sittsam, sondern auch fleißig und geschickt. Sie arbeitete als Spinnerin und stellte feines Garn her.

Eines Tages entdeckte ein Erdmännchen die schöne junge Frau und verliebte sich in sie. Von nun an half das Männchen, das nicht einmal halb so groß wie sie war, der jungen Frau bei der Arbeit. Und das Handwerk, was voran schon schön gewesen war, wurde nun noch schöner, das Garn noch feiner. Und weil sich die beiden so gut verstanden, gab das Mädchen dem Erdmännchen – obwohl er kein Mensch war – das Wort auf ewig bei ihm zu bleiben und seine Frau zu werden.

Nun hatte die junge Frau aber auch zahlreiche Freundinnen. Und als sie diesen von ihrer Verbindung mit dem Erdmännchen erzählte, lachten sie nur herzhaft und meinten, dass könne ja wohl nicht ihr Ernst sein. „Mit einem Erdmännchen kann man nicht verheiratet sein“, sagten sie.

Nun wurde es dem Mädchen schwer ums Herz, doch dem Erdmännchen erzählte sie nichts von ihren Sorgen. Das kam weiterhin jeden Tag in dem Glauben, die junge Frau würde bald seine Gattin werden. Es spann gemeinsam mit dem Mädchen inzwischen so feine Garne, dass die Käufer von weit her anreisten, um das Garn zu kaufen, das unzerreißbar wie ein Kettchen war. Kaum jemand konnte glauben, dass allein die beiden zarten Hände des Mädchens solches fertigen können. Doch niemand erfuhr je von der fleißigen Hilfe des Erdmännchens.

Die Jahre gingen ins Land und die Freundinnen des Mädchens schritten nach und nach zum Traualtar. Nun wünschte sich auch das schöne Mädchen einen Ehemann, und zwar einen, der wie sie ein Mensch war. So fragte das Mädchen eines Tages das Erdmännchen nach seinem Namen, doch das Männlein blieb der jungen Frau eine Antwort schuldig. Immer wieder stellte sie nun die Frage, doch nie erhielt sie eine Antwort. „Ich muss doch wissen, welchen Namen ich nach der Hochzeit mit dir tragen werden“, versuchte sie zu argumentieren. Doch das Erdmännchen blieb still.

Die junge Frau wurde immer trauriger, immer verzweifelter. Als eines Abends das Erdmännchen zu ihr kam, schrie sie es an: „Ich will jetzt endlich deinen Namen wissen.“ Wie angewurzelt blieb das Männlein stehen. Schweigend. Doch das Mädchen konnte sich nicht beruhigen und schrie weiter: „Heißt du vielleicht Hoppetinken?“

Da wurde das Männlein rot vor Wut. „Das hat dir der Teufel gesagt“, rief es. Dann wurde es abermals ganz still. Es drehte sich um und ohne ein Wort des Abschieds verschwand das Erdmännchen.

Es wurde nie mehr gesehen.

Das Erdmännlein und der Schäferjunge

Es gab einmal vor vielen Jahren einen Jungen, der hütete die Schafe seines Dorfes, das in der Nähe von Dresden lag. Eines Tages aber geschah etwas ganz Unglaubliches: Der große schwere Stein, neben dem es sich der Junge gemütlich gemacht hatte und den nicht einmal eine Riese hätte transportieren können, begann sich zu bewegen und in die Höhe zu heben. Ganz wie von Geisterhand!

Nun war der Junge keinesfalls erschreckt, sondern wollte sich das alles einmal aus der Nähe ansehen. Er trat also noch einen Schritt näher an den großen Koloss heran und betrachtete ihn von allen Seiten aufmerksam.

Plötzlich, wie aus dem Nichts, hüpfte dem Jungen ein kleines Erdmännchen in den Weg, stemmte seine kleinen Ärmchen in die Seite und sagte: „Ich war verbannt in diesem Stein. Du hast mich erlöst. Dafür vielen Dank!“ Da sah sich das kleine Kerlchen den Jungen noch ein wenig genauer an und sprach weiter: „Und weil du so gut zu mir warst, will ich dir nun für immer dienen und an deiner Seite leben.“

Da staunte das Kind nicht schlecht, doch es kamen ihm Zweifel. Und so sagte es zu dem kleinen Erdmännchen: „Das ist nett von dir. Und ich würde mich auch sehr darüber freuen, wenn du bei mir leben könntest. Nur leider ist es so, dass ich einen bösen Stiefvater und sehr viele Geschwister habe, für die er kaum genügend Essen heran schaffen kann. Würde ich jetzt auch dich noch mit an unseren Tisch bringen, so würde mein Stiefvater sicherlich ziemlich ungehalten werden.“

Natürlich hatte das Erdmännchen großes Verständnis für die Sorgen des Jungen, bestand aber darauf, dass es nun in der Nähe des Kindes leben müsse, weil dieses ja nun verantwortlich für das Erdmännchen sei. Der Junge grübelte eine ganze Weile über das Problem, dann hatte er die Lösung: „Zieh bei unserem Nachbarn ein. Der hat keine Kinder und du wärst trotzdem immer in meiner Nähe.“

Und so geschah es auch: Das Erdmännchen lebte fortan in des Nachbars Haus, der den kleinen Kerl nun nie wieder los wurde.

Das Hochzeitsfest des kleinen Volkes

Lange ist es her, dass man sie zuletzt sah. Heute erinnern sich wohl nur noch die wirklichen alten Leute an die Menschen vom kleinen Volk, die einst auf der Eilenburg in Sachsen lebten. Sie waren so klein, dass sie durch jedes Schlüsselloch und durch jedes Nadelöhr passten.

Eines Tages beschloss das kleine Volk auf der Eilenburg ein großes Hochzeitsfest zu feiern. In der Nacht zogen also alle Männer, Frauen und Kinder durch das Schlüsselloch und die Fensterritzen in den großen Saal des Schlosses ein. Sie hüpften und sprangen wie kleine Erbsen auf dem Boden herum und bemühten sich erst gar nicht darum, leise zu sein.

Natürlich blieb genau deshalb das Treiben der kleinen Gesellen auch nicht unentdeckt. Von dem Hüpfen und Springen war der alte Graf, der sein Bett in jenem großen Saal stehen hatte, geweckt. Er wunderte sich sehr über das kleine Volk, dem er bislang auf seiner Burg noch nie begegnet war.

Doch für große Verwunderung blieb dem Grafen keine Zeit. Einer der kleinen Männer, der sich festlich herausgeputzt hatte, trat auf den Grafen zu und lud ihn sogleich ein, an dem Hochzeitsfest teilzunehmen. Allerdings knüpfte der kleine Kerl eine Bedingung an seine Einladung. „Verehrter Graf“, sagte er, „nur Ihr alleine dürft an diesem Fest teilnehmen, niemand sonst aus Eurem Haus. Kein Gesinde, kein Verwandter. Niemand außer Euch darf einen Blick auf uns werfen.“

Der Graf antwortete freundlich: „Gerne nehme ich eure Einladung zu diesem Fest an. Immerhin habt ihr mich ja aus dem Schlaf gerissen, was sollte ich sonst wohl zu dieser vorgerückten Stunde tun?!“ Gleich darauf wurde dem alten Grafen eine kleine Frau vorgestellt, die er gerne auf die Tanzfläche geleitete. Natürlich hatte der große Graf Probleme, die kleine Frau beim Tanzen nicht zu verlieren, da sie leicht wie eine Feder war und sich wie ein kleiner Wirbelwind im Kreise drehte. Er selbst war bald schon außer Atem.

Mitten im Tanze aber erstarrte plötzlich die kleine Gesellschaft in der Bewegung. Die Musik hört abrupt zu spielen auf und alle Männer, Frauen und Kinder des kleinen Volkes eilten in Mauslöcher, zu Türspalten und Schlüssellöchern hin. Nur das Brautpaar, einige Herolde und Tänzer blieben an ihrem Platz und richteten schließlich ihren Blick zur Decke des großen Saales.

Und dort sahen sie das Gesicht der alten Gräfin, die belustig das Treiben im Saal von einer Balustrade aus verfolgte und sich schließlich höhnisch vor dem alten Grafen verneigte. Kaum war das geschehen, trat der kleine Mann zum Grafen, der die Einladung zum Hochzeitsfest überbracht hatte, und sprach: „Wir danken dir herzlich für die Gastfreundschaft, die du uns hier im Schloss gewährt hast. Nur leider ist es so, dass uns ein weiteres menschliches Auge erblickt hat. So wurde unsere Hochzeit gestört, was sehr schade ist. Und weil alles so gekommen ist wegen eurer Frau, so soll es in eurer Familie fortan nie mehr als sieben Männer mit dem Namen Eilenburg zur gleichen Zeit geben!“ Sagte es und verschwand für immer von der Burg.

Bis heute aber ist es tatsächlich so, dass es nie mehr als sieben männliche Nachkommen gleichzeitig in der Familie Eilenburg gibt. Die Verwünschung hält an, denn kaum ist der siebte Eilenburger Sohn geboren, stirbt einer seiner noch lebenden sechs männlichen Anverwandten. Und niemand weiß, ob und wann sich dieser Fluch aufheben wird…

Der Tannhäuser

Einst lebte ein edler Ritter, der schon viel von der Welt gesehen und viele Länder bereist hatte. Eines Tages kam er auch zu jenem Berg, in dem Frau Venus lebte, eine über alle Maßen verführerische Frau. Sie und ihre Dienerinnen waren bildschön und so beschloss Tannhäuser, so der Name jenes Ritters, bei ihnen Station zu machen.

Tannhäuser blieb sogar eine sehr lange Zeit bei Frau Venus und ließ es sich dort so richtig gut ergehen. Doch eines Tages beschloss er, wieder seines Weges zu ziehen. Frau Venus aber wollte den tapferen Ritter nicht gehen lassen und bot alle Tricks auf, um ihn an sich zu binden. Sie wollte ihm sogar eine ihrer Dienerinnen zur Frau geben, so versprach sie ihm.

Der Ritter aber ließ sich nicht erweichen. Nein, er selbst wolle sich sein Eheweib aussuchen, sagte er zu Frau Venus. Und dann ging er. Je weiter Tannhäuser zog, desto mehr musste er über sein Leben bei Frau Venus nachdenken und ihn überkam die Reue. Nein, die Schuld, die er durch dieses freizügige Leben auf sich geladen hatte, wollte er büßen.

Und so zog Tannhäuser Richtung Rom, um Papst Urban seine vielen Sünden zu beichten. Der Papst aber wollte von all dem nichts wissen. „Dir vergebe ich erst“, so sagte er Tannhäuser ins Gesicht, „wenn der Stecken hier in meiner Hand grün wird und neue Blätter treibt. Vorher nicht!“ Mit diesen Worten schicke er den edlen Ritter, der für eine Zeit vom Pfad der Tugend abgekommen war, wieder auf die Straße.

Nun war Tannhäuser so verzweifelt, dass er sich keinen anderen Rat mehr wusste, als zurück zu Frau Venus zu gehen. Die nahm den Ritter natürlich froh wieder bei sich auf und er lebte dort bis an sein Lebensende.

Papst Urban aber staunte nicht schlecht, als drei Tage, nachdem ihn Tannhäuser verlassen hatte, sein Stecken tatsächlich wieder zu grünen anfing und zarte feine Blättchen trieb. Sofort schicke er seine Boten aus, um Tannhäuser zu suchen. Doch sie konnten ihn nicht finden, so gut sie auch suchten.

Seitdem gilt in der Kirche der Wahlspruch, dass man einen reuigen Sünder nicht einfach fortschicken, sondern ihm Buße und Reue gewähren soll, damit er zurück auf den Weg der Tugend findet.

Die dankbare Maus

Die Stadt Dortmund gehört heute zu den größten Städten im ganzen Ruhrgebiet. Doch einst, vor langer Zeit, gab es hier weder Schornsteine noch Häuser, sondern nur einen weiten, wilden und dichten Wald.

Durch diesen musste einmal ein Kaufmann hindurch. Und das war ein wirklich armer Tropf, denn er hatte auf seiner Geschäftsreise nur schlechte Geschäfte gemacht und kein Geld verdient.

Nun saß er bekümmert auf einem Stein im Wald, dachte an seine Lieben zu Hause, die sehnlichst auf seine Rückkehr warteten, denn mit dem Geld, das er verdient hatte, wollten sie endlich Brot einkaufen. So fiel es dem Mann schwer, seinen eigenen Hunger zu stillen, denn er wusste ja, dass er nicht viel Geld verdient hatte. Also zog er nur ein trockenes Stückchen Brot aus seiner Tasche und verzehrte es.

Als der Mann so dasaß, kam ein kleines Mäuschen daher und sah dem Mann beim Essen zu, ganz so, als erwarte es auch ein Krümelchen für sich. Natürlich hatte der Kaufmann Mitleid mit dem armen Mäuschen, denn er dachte wohl, dass es dem Tierchen noch viel schlechter ginge als ihm selbst. So brache er einen kleinen Brocken seines trockenen Brotes ab, warf es dem Mäuschen hin und sagte: „Lass es dir nur gut schmecken, Graupelzchen!“

Dann stand der Mann auf, ging zur Quelle, die er unter einem Busch entdeckt hatte, und trank einen großen Schluck frischen Wassers. Als das Mäuschen das sah, lief es zu seinem Mauseloch, holte ein Goldstück daraus hervor – und dann noch eines und noch eines und legte alle Goldstücke seinem Wohltäter vor die Füße.

Der arme Kaufmann wusste kaum wie ihm geschah. Das Mäuslein kroch wieder in sein Mauseloch, verschwand aber nicht ganz darin, sondern blieb im Eingang sitzen, ganz so, als wolle es den Kaufmann zu sich einladen.

Der Mann folgte dieser Einladung natürlich gerne und fand dort in der Erde, wo das Mäuslein lebte, einen Schatz vergraben, der seiner bösen Not für immer ein Ende setzte.

Die weiße Jungfrau in der Burg Osterode

Es war an einem Ostersamstag, als sich ein armer Leineweber mit seiner Ware auf den Weg nach Claustal machte, um sie dort zu verkaufen. Die Geschäfte liefen nicht recht gut und dann musste er auch noch, weil er zu spät zu Hause aufgebrochen war, in der Stadt übernachten. Das kostete Geld, das der Leineweber eigentlich nicht übrig hatte.

Am nächsten Morgen machte sich der Leineweber auf den Heimweg. Die Sonne war gerade erst aufgegangen, als er an bei Söse an einem Fluss eine weißgekleidete junge Frau sah, die sich im Fluss wusch. Sie trug an ihrem Gürtel ein schweres Schlüsselbund, das konnte der Leineweber gut erkennen, und weil er ein höflicher Mensch war und die Frau ihm freundlich zugelächelt hatte, sprach er sie an: „Ei, schon so früh unterwegs bei einem Bad im Fluss?“

Die junge Frau antwortete: „Ja, das tue ich an jedem Ostermorgen. So bleibe ich jung und schön.“ Da betrachtete der Leineweber die Frau ein wenig genauer und entdeckte an ihrer Brust eine weiße Lilie. Erstaunt fragte er: „Lilien? Ihr müsst aus einer warmen Region kommen, wenn ich schon zu Ostern blühende Lilien im Garten habt.“

„So ist es“, antwortete die weiße Frau, die den Leineweber sogleich einlud, ihr zu folgen. Der Mann nahm die Einladung gerne an. Doch wie erstaunt war er, als ihn die Jungfrau zur Burg Osterode führte, die der Leineweber gut kannte. Nur irgendwie, so fand er an diesem Morgen, sah die Burg anders aus als sonst. Er entdeckte eine eiserne Tür, die er zuvor bei seinen vielen Besuchen auf der Burg noch nie entdeckt hatte. Vor dieser Tür wuchsen drei weiße Lilien, von denen die Jungfrau nun eine pflückte und dem Mann als Geschenk gab. „Verwahre diese Blume gut“, sagte sie ihm.

Der Leineweber steckte sich die Lilie an den Hut und als er wieder aufblickte, war die Frau verschwunden und auch die Burg sah irgendwie wieder so aus wie immer, selbst die eiserne Tür war verschwunden. Also ging der Leineweber weiter Richtung Heimat.

Dort angekommen, schenkte er seiner Frau die Blume. Die aber staunte nicht schlecht, als ihr Mann ihr die nun durch und durch goldene Blüte reichte. Doch auch er schaute erschrocken: „Nun muss ich mich nicht mehr wundern, warum mein Hut beim Tragen plötzlich so viel schwerer war als zuvor“, sagte er. „Du bist der Osterjungfer begegnet“, erwiderte seine Gattin, die die Sage kannte.

Natürlich wollte der Leineweber die goldene Blume sofort verkaufen, um seiner Familie von nun an ein gutes Leben zu ermöglichen. Er trug sie also zum Goldschmied, der ihm versicherte, die Blume sei aus dem kostbarsten Gold und Silber gefertigt, das man kenne. Nur leider würde niemand in der Stadt so viel Geld besitzen, um sie zu bezahlen. Doch der Goldschmied wollte den armen Leineweber nicht ohne Hoffnung nach Hause schicken. „Versuch es doch einmal beim Herzog“, gab er ihm mit auf den Weg.

Und so kam es, dass der Leineweber bei dem Herzog vorsprach und ihm die goldene Lilie zum Kauf anbot. Der Herzog war mehr als angetan von diesem besonderen Schmuckstück, doch auch er besaß nicht so viel Geld, um sie dem Leineweber abkaufen zu können.

Dem Herzog jedoch kam eine Idee. „Überlasse mir die Lilie, so will ich dir Jahr für Jahr einen festen Betrag als Bezahlung geben, damit du zu deinem Recht kommst“, sprach er. Der Leineweber willigte nach reiflicher Überlegung in den Handel ein. Von nun ab lebte er mit seiner Frau und seinen Kindern in guten Verhältnissen und musste sich um Geld nie wieder Sorgen machen.

Die Herzogin trug die goldene Lilie nur zu ganz besonderen Anlässen an ihrer Kleidung. Der Herzog aber nahm die drei Lilien als Zeichen seiner Verbundenheit mit der Osterjungfer in seinem Wappen auf.

Der Donnerbrunnen auf Hohensyburg

Manchmal sind Namen von Orten über die Jahrhunderte hinweg bekannt geblieben, doch ihre Geschichte geriet in Vergessenheit. Solch eine Geschichte spielt auf der Hohensyburg, die nahe bei Dortmund gelegen noch heute ein beliebtes Ausflugsziel ist. Doch kaum einer der vielen Touristen, die Jahr für Jahr hierher kommen, wird die Sage kennen, die einst von der Petersquelle erzählt wurde.

Diese trug nämlich früher den Namen Donnerquelle. Das Wasser dieser Quelle galt als heilkräftig und so kamen manchmal von weit her Menschen, um sich ihre Gebrechen heilen zu lassen. Sie wuschen sich mit dem Wasser der Donnerquelle und gingen gesund und munter nach Hause.

Eines Tages kam sogar ein Italiener zur Donnerquelle. Und man muss wissen, dass es damals von Italien bis nach Westfalen ein ziemlich anstrengender und weiter Weg war. Der Mann wusch sich also mit dem heilenden Wasser und kroch dann auf bloßen Händen und Füßen den Berg zur nahe gelegenen Kirche hinauf, um dort sein Opfer zu entrichten. Erst dann zog er sich seine Kleidung wieder an und fuhr gesund nach Hause.

Der örtliche Pastor aber rührte die Opfergabe des Italieners nicht an, sondern gab das Geld, den Armen, denn der Mann, der es ihm gegeben hatte, gehörte der reformierten Kirche an.

Der Bäcker zu Dortmund

Dass Männer und Frauen, die regelmäßig in die Kirche gehen, trotzdem nicht automatisch gute Menschen sind, davon weiß eine Geschichte zu berichten, die sich vor einigen Jahrhunderten in Dortmund zutrug.

Dort lebte damals ein Bäcker, dem es an nichts fehlte. Er ging regelmäßig in den Gottesdienst und betete, doch sein Herz war hart wie Stein. Kam jemand zu ihm, der seiner Hilfe bedurfte, so wies er ihn ab wie einen räudigen Hund. Und wenn wirklich mal jemand auf sein Mitleid hoffen durfte, dann bekam er höchstens einmal ein verschimmeltes Stückchen Brot zu essen, das für den Bäcker keinen Wert mehr hatte. Dabei hatte er die Keller und Scheunen voll von bestem Getreide.

Der Bäcker hatte auch eine Schwester, die mit einem armen Leineweber verheiratet war. Als der Schwager eines Tages starb, suchte die Schwester Hilfe bei ihrem Bruder. Sie wusste zwar von seiner Hartherzigkeit, ging aber davon aus, dass er bei seinem eigenen Fleisch und Blut anders reagieren würde. Wie aber hatte sich die Schwester in ihrem Bruder getäuscht! Er wies sie ab ohne Unterstützung, obwohl sie gleich mehrere Kinder zu versorgen hatte.

Doch es kam noch schlimmer. In jenem Jahr nämlich brach die Pest aus und zog über das ganze Land. Die Menschen starben wie Fliegen. Den Bäcker interessierte das alles nicht. Er hatte ja seine Kammer voll, ihm konnte nichts passieren. Und selbst jetzt dachte er nur an sein Geld, backte die Brote noch ein wenig kleiner, bot sie aber teuer an als zuvor und zog so aus der Not der Menschen noch seinen Gewinn.

Eines Tages, es muss gegen Mittag gewesen sein, klopfte es an seiner Tür. Missmutig stand der Bäcker auf, denn er hatte eigentlich nach seinem Tagwerk ein wenig ruhen wollen. Vor der Tür stand eine ausgemergelte Frau, ein jener Bettlerinnen, die Tag für Tag bei ihm vorsprachen.

Unwirsch wies er sie ab. Und reagierte erst, als sie ihn bei seinem Taufnahmen rief. Denn die Frau, die der Bäcker nicht erkannt hatte, war seine eigene Schwester gewesen. Fast verhungert hatte sie im letzten Moment auf seine Unterstützung gezählt. Ihre Kinder waren längst tot, hingerafft durch die Pest.

Und tatsächlich, der Bäcker bot seine Hilfe an. Er wies ihr einen Schlafplatz draußen in der Hütte seines Hundes an, denn der Vierbeiner selbst durfte unter dem Bett seines Herrchens in der warmen Stube schlafen. Dazu gab er ihr einen Kanten Brot, der jedoch so hart war, dass die Frau ihn nicht beißen konnte. Das Blut schoss ihr aus dem Mund, als sie versuchte, ein kleines Stück von dem Brot zu kosten.

Das sah eine alte Magd, die in Diensten des Bäckers stand, und bot der armen Frau ein Glas Bier zur Stärkung an. Doch es war zu spät. Kaum nämlich hatte die Schwester zum Allmächtigen gebetet, er möge sie von ihrem unsäglichen Leiden erlösen, verstarb sie – zusammengekauert in der Hundehütte ihres Bruders.

Manchmal aber gibt es Wendungen im Leben, mit denen man so gar nicht rechnet. An dem Tag nämlich, an dem die alte Frau starb, brach in Dortmund ein Aufstand aus. All jene geknechteten und halb verhungerten Gestalten, die die Pest irgendwie überlebt hatten, wollten sich nicht länger mit ihrer Situation zufrieden geben. Sie wollten essen und trinken und leben.

Natürlich war auch dem Bäcker die Nachricht von dem Aufstand zugetragen worden. Sogleich verkroch er sich mit seinem Geld, einem Sack voll frischer Brote und einem Kübel voll mit köstlichem Wasser im Keller, um die Unruhen abzuwarten. Er konnte sich ja denken, dass der Pöbel sich an ihm rächen wollte, hatte er ihn doch jahrelang verhöhnt und ausgebeutet.

So harrte der Bäcker in seinem Keller Stunde um Stunde aus. Er hatte Angst, und diese Angst ließ ihn zunächst seinen Hunger vergessen. Auf seinen Geldsäcken sitzend verbrachte er schließlich die Nacht in seinem selbst gewählten Verließ. Als er am nächsten Morgen aufwachte, spürte er, dass er Hunger und Durst hatte. Doch dafür hatte der habgierige Bäcker ja vorgesorgt.

Voll guter Hoffnung auf ein gutes Frühstück griff er in den Beutel mit den frischen Broten. Doch wie staunte er, als er das erste Brot aus dem Sack befördert hatte und es sich als Stein entpuppte. So ging es dem Bäcker auch mit dem zweiten, dem dritten und dem vierten Brot. Alle waren zu Stein geworden, keines war genießbar.

Nun gut, dachte der Bäcker, wenigstens meinen Durst kann ich stillen. Doch als er die Hand in den Krug führte, war aus dem Wasser Blut geworden. Da fielen dem Mann all seine Sünden ein, die er in seinem Leben begangen hatte und er gelobte, von nun an ein besserer Mensch und Wohltäter zu werden.

Je länger der Aufstand des Pöbels anhielt, desto verzweifelter wurde der Bäcker in seinem Keller. Schließlich wollte er seinem Leben selbst ein Ende setzen und schlug mit seinem Kopf gegen die Wand. Immer wieder. Doch die Erlösung blieb ihm verwehrt.

Noch Tage dauerte der Aufstand, und erst als in Dortmund wieder vollständig Ruhe eingekehrt war, sah die alte Magd des Bäckers nach ihrem Herren, den sie gut versorgt im Keller glaubte. Sie klopfte an die Kellertür, doch als sie kein Lebenszeichen von ihm bekam, trat sie ohne Aufforderung ein.

Sie erblickte ihn. Tot und mit entstellten Gesichtszügen. Dann sah sie das Brot, das zu Stein geworden war, und das Wasser, das nun Blut war.

Und all der Reichtum, den der geizige Bäcker all die Jahre angehäuft hatte, fiel der Stadtklasse zu, da er keine Erben mehr hatte.

Der Klabautermann

Es ist schon ziemlich lange her, da lebte einmal auf der Insel Rügen in der Ostsee ein Mann, der vor Kraft nur so strotze und Bäume hätte ausreißen können, wenn man ihm Gelegenheit dazu gegeben hätte. Jan Classen hieß er, war von Beruf Fischer und immer im Streit mit den Naturmächten um ihn herum.

Sein Haus hatte er auf einem der Kreidefelsen der Insel gebaut. Nahe am Abgrund, aber so hoch, dass selbst bei stürmischer See die Wellen und Wogen seinem Heim nichts anhaben konnte. Jedes Mal, wenn das Wetter wieder einmal stürmisch umher ging und die Menschen in Angst und Schrecken versetzte, dann stellte sich Jan Classen an den Felsrand und erhob seine Stimme. „Du kannst uns nichts anhaben. Mein Häuschen steht hoch oben auf dem Felsen, mein Boot ist sicher und meine Hand stark“, brüllte er dem Meer entgegen, das dann jedes Mal noch ein wenig wilder tobte.

Nur seine Frau Helge mochte den Fischer dann noch zu bändigen. „Sag nicht solche Worte“, versuchte sie ihn immer und immer wieder zu beschwichtigen. „So redet man nicht. Das bringt Unglück!“ Doch Jan hob nur die Schultern. Was interessierte ihn das Geschwätz einer Frau schon.

Helge Classen war groß gewachsen und so wie ihr Mann vom Wetter gegerbt. Noch erkannte man in ihrem Gesicht die verblühende Schönheit, die es einstmals ausgestrahlt hatte. Ja, Helge Classen war ein hübsches junges Ding gewesen, dem viele junge Männer gerne den Hof gemacht hatten. Viele von denen waren aus gutem Haus gewesen und hätten ihr ein vortreffliches Leben in Reichtum bescheren können. Ein Leben ohne Mühen und Arbeit. Doch Helge hatte sich für Jan Classen entschieden, den armen Fischer.

In ihn hatte sie sich verliebt, und auch er liebte die junge Frau von Herzen, auch wenn er manchmal ein wenig grob mit ihr umging. Helge hatte alle Warnungen ihrer Mutter in den Wind geschlagen und dem eigensinnigen Mann das Ja-Wort gegeben.

ie Ehe war über die Jahre hinweg glücklich geblieben. Helge war ihrem Mann nicht nur eine gute Frau, sondern half ihm auch fleißig bei der Arbeit. Mitunter fuhr sie sogar mit ihm hinaus aufs Meer, um ihn beim Fischfang zu unterstützen. Doch eines trügte das Glück der Eheleute. Noch immer hatten sie kein eigenes Kind, und darüber war vor allen Dingen Helge mehr als traurig. Wie gerne hätte sie einen kleinen Jungen oder ein kleines Mädchen in den Armen gewiegt.

Jan Classen war im Gegensatz zu seiner Frau ein Eigenbrödler. Nicht zuletzt aus diesem Grund hatte er sein kleines Haus weit außerhalb des Dorfes auf den Klippen der Kreidefelsen gebaut. Immerhin hatte er bei dem Bau berücksichtigt, eine Wasserquelle in der Nähe zu haben, um so seiner Frau das Wasserholen nicht allzu schwer zu machen.

Diese Quelle sprudelte das frischeste Wasser überhaupt in der Gegend, doch sie barg irgendein Geheimnis, das hatte Helge schon bei ihrem ersten Besuch gespürt. Irgendwie hatte sie das Gefühl gehabt, dass jemand sie ansah und sich ein Gesicht im Wasser gespiegelt hatte, das nicht das ihre gewesen war.

Doch als sie zu Hause ihrem Mann von diesem Erlebnis erzählte, da hatte er sie nur herzhaft ausgelacht. Eines Tages aber, als Helge wieder einmal mit ihren Eimern an der Quelle saß, kam Knut, der alte Ziegenhirt, daher und sprach sie an. „Du dummes Weib“, sagte er, „was tust du denn da? Du kannst doch aus dieser Quelle kein Wasser holen. Weißt du denn nicht, dass das hier der Eingang zu der Behausung des Klabautermanns ist?“

Vor lauter Schreck ließ Helge den Eimer fallen. „Was“, stammelte sie voller Entsetzen. „Hier wohnt der alte Wassergeist, der so viel Unheil über die Seeleute bringt?“ „So ist es“, entgegnete der alte Mann. „Nimm dich vor ihm in acht.“

Doch auch als Helge ihrem Mann Jan von diesem Erlebnis berichtete, lachte er nur. „Du glaubst doch nicht wirklich diesen Unsinn, den dir der alte Ziegenhirte erzählt hat“, spottete er höhnisch. Und damit war für ihn die Sache erledigt.

Helge aber ging fortan nur noch mit einem mulmigen Gefühl zur nahe gelegenen Quelle. Denn jedes Kind kannte zu dieser Zeit die Sagen um den Klabautermann, der bei Unwettern ganze Besatzungen und ihre Schiffe auf den Grund des Meeres beförderte. Kaum hatten die Seeleute dann ihren letzten Atemzug getan, da soll der Klabautermann jedes Mal in gellendes Gelächter ausgebrochen sein – so erzählte man sich auch auf Rügen unheimliche Geschichten über ihn.

Helge war so unglücklich über den vermeintlichen Nachbarn, dass sie eines Tages ihrem Mann vorschlug, ein neues Haus im Dorf zu bauen. Sie wolle auch alle Ersparnisse dafür opfern, bettelte sie. Doch Jan Classen wollte erneut von dem Ansinnen seiner Frau nichts wissen.

Eines Tages, als Helge wieder einmal am Ufer des Baches saß, in den die Quelle des Klabautermanns ihr Wasser sprudelte, da wurde sie plötzlich durch ein lautes Platschen unmittelbar neben sich aus ihren Gedanken gerissen. Als sie den Blick ins Wasser lenkte, sah sie dort ein Kind zappeln und strampeln – und zog es sofort heraus.

An Land prustete das Menschenkind, das sich schnell als kleiner, vielleicht dreijähriger Junge entpuppte. Auf Helges Frage, wer er sei und woher er komme, konnte der Kleine aber nur sagen: „Bautzmann!“ Ein komischer Name, dachte Helge bei sich und sah sich um. Doch nirgends war ein Erwachsener zu sehen, zu dem der Kleine hätte gehören können. So nahm sie ihn mit nach Hause, trocknete ihn und gab ihm zu essen.

Eine Schönheit, dass hatte die besorgte Frau gleich auf den ersten Blick gesehen, war der Junge nun wirklich nicht. Er hatte eine dicke Knollennase, weit auseinander liegende Augen, die grau schimmerten, und Beine so krumm, dass man hätte meinen können, er könnte darauf kaum laufen. Seine Haare hingen in langen schwarzen Strähnen herunter und der Körper war knorrig und starr. Nein, eine Schönheit war Bautzmann nun wirklich nicht.

Als Jan Classen am Abend dieses Tages vom Fischfang nach Hause kam, da staunte er nicht schlecht! Ein Kind, damit hatte er nun beim besten Willen nicht gerechnet. Natürlich war den Eheleuten schnell klar, dass sie den Jungen nicht einfach bei sich behalten konnten. Seine Eltern würden sicher schon nach ihm suchen.

Gleich am nächsten Morgen zog also Jan Classen ins Dorf aus, um sich nach den Eltern oder anderen Anverwandten des Kindes zu erkundigen. Doch niemand schien den Jungen zu vermissen. Niemand hatte gehört, dass ein Kinder verloren gegangen war. So kam es, dass Classens auch nach Wochen noch nicht wussten, wohin der Knabe, den sie Klaus getauft hatten, nun wirklich gehörte. Und so beschlossen Jan und Helge, Klaus Bautzmann einfach bei sich aufzunehmen.

Der Kleine machte sich gut und durfte mit Jan sogar hin und wieder einmal hinaus aufs Meer fahren. Zunächst war Jan dabei ein wenig bange gewesen, doch der Kleine zeigte an Bord eine unheimliche Standfestigkeit. Als er dann doch einmal über Bord gegangen war, stellte Jan sogleich fest, dass Klaus wie ein Fisch im Wasser schwimmen konnte. Das hätte er dem Kind gar nicht zugetraut!Vielleicht ist der Junge ja doch älter als er aussieht, dachte er bei sich, verschwendete dann aber keinen weiteren Gedanken daran, sondern kehrte zu seiner Arbeit zurück.

Wenn Klaus nicht mit seinem Vater hinaus aufs Meer fuhr, dann half er der Mutter zu Hause bei ihren täglichen Pflichten. Einmal, als die beiden wieder zur Quelle gegangen waren, um Wasser zu holen, begegnete ihnen Knut der Ziegenhirte. Voller Entsetzen blickte er auf den Knaben und zog Helge beiseite. „Weibsbild“, raunzte er sie an, „weißt du denn nicht, wen du da an deiner Seite hast?“ „Das ist Klaus, unser Findelkind“, erwiderte Helge. „Klaus? Du hast wohl wirklich keine Ahnung“, sagte Knut. „Das ist der Klabautermann höchstpersönlich!“

Nun musste auch Helge über den Mann lachen: „Der Klabautermann ist also ein unschuldiges kleines Kind“, sagte sie spöttisch und drehte sich zum Gehen um. Der Kleine war seiner Mutter gefolgt und rief ihr zu: „Lass uns nach Hause gehen, Bautzmann hat Hunger.“ Als Knut der Ziegenhirte das Wort Bautzmann vernahm, zuckte er zusammen. Doch er sagte nichts mehr, sondern ging zurück zu seinen Ziegen, die ein Stück entfernt friedlich grasten.

So zogen die Monate ins Land. Seit dem Frühjahr lebte Klaus nun schon bei seinen Pflegeeltern. Inzwischen war es Herbst geworden und auf der Ostsee tobte ein herrlicher Sturm nach dem anderen. Die Unwetter bereiteten den Fischer arge Probleme, und so manche Frau hatte Angst um ihren Mann. Denn die mussten ja auch bei stürmischer See für den Unterhalt der Familien sorgen.

Auch Jan Classen fuhr mit seinem Boot hinaus aufs Meer. „Mir passiert nichts!“, sagte er eigenwillig, als Helge ihn wieder einmal auf die Gefahren ansprach. Dabei versprach das Wetter an diesem Tag mehr als schlecht zu werden. Schon peitschte der Regen über das Wasser, bäumten sich die Wellen auf. Doch Jan Classen fuhr unbeirrt hinaus.

Auch den kleinen Klaus hatte an diesem Tag eine große Unruhe gepackt. Und in einem unbeobachteten Augenblick war er Helge entschlüpft. Bis zum Einbruch der Dunkelheit hatte sie sich noch keine Sorgen um den Verbleib des Kindes gemacht, denn es passierte schon öfter einmal, dass Bautzmann längere Zeit von zu Hause weg blieb. Doch es wurde dunkler und dunkler - und von dem Kind war weit und breit nichts zu sehen. Da packte Helge große Sorge und sie machte sich auf die Suche nach dem Kind.

Draußen tobte noch immer ein unbändiger Sturm. Alle Mächte des Himmels schienen sich verschworen zu haben. Von dem Kind aber gab es keine Spur. Ganz unvermittelt traf Helge wieder auf den alten Ziegenhirten, den sie bat, sie bei der Suche nach Klaus zu unterstützten.

Knut verzog zuerst das Gesicht, doch dann willigte er ein. „Ich denke“, so sagte er, „wir brauchen gar nicht lange suchen. Folge mir!“ Und dann ging er mit Helge durch die Nacht, hinaus an den entfernt gelegenen Hertasee, dessen Wasser aufgrund seiner Färbung keinen guten Ruf bei den Dorfbewohner genoss. Niemand wäre je auf die Idee gekommen, hier auch nur seinen Fuß hinein zu setzen, geschweige denn sein Trinkwasser zu holen. „Hier werden wir den Klaus sicher nicht finden“, rief Helge gegen den tosenden Wind an. Doch Knut erwiderte nur: „Warte es ab!“

Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, als sich über dem See eine unheimliche Lichtgestalt zeigte. Herta, die weiße Frau, präsentierte sich in dieser Nacht in ihrer vollen Pracht. Wie ein Schleier leuchtete ihr Haar in der Dunkelheit. Das gab es doch gar nicht! Sollten hier etwa alle Wassergeister, Kobolde und Erdgeister zum Leben erweckt werden. Helge traute ihren Augen nicht.

Aber sie sah das Geschehen dort auf dem See ja mit eigenen Augen. Entsetzt blickte sie zu dem alten Ziegenhirten, der noch immer an ihrer Seite stand. Gerade als Helge etwas zu ihm sagen wollte, sah sie aus dem Augenwinkel heraus einen verschrobenen Gnom aus dem Wasser aufsteigen. Keine Frage, das musste der Klabautermann sein. Und obwohl er viele Jahre älter war als ihr Klaus, ihr Bautzmann, erkannte sie mit den Augen der Mutter den Sprößling sofort. Da wusste Helge, was der alte Knut damals gemeint hatte, als er den Bautzmann das erste Mal erblickt hatte! Ja, dieser Sohn war nun für sie verloren. Betrübt ging Helge nach Hause zurück.

Unterdessen hatte sich auf dem Meer ein solcher Sturm breit gemacht, wie ihn die Welt bis dahin noch nicht gesehen hatte. Jan Classen kämpfte unermüdlich mit den gewaltigen Kräften des Meeres, doch je mehr Intensität er in sein Tun steckte, desto schlimmer brauste und sauste es um ihn herum. Schon verließen ihn die Kräfte. Nein, so wurde er sich nun bewusst, dieses Mal würde ihn das Meer besiegen. Er blickte dem Tod ins Auge.

Doch gleich einer Halluzination sah er plötzlich eine Gestalt vorne auf dem Kiel seines Bootes sitzen. Gnomengleich und mit langem Bart. Irgendwo hatte er dieses Gesicht schon mal gesehen. Nur wo? „Bist du es“, fragte Jan erschrocken. „Bist du der Klabautermann? „Hat nun mein letztes Stündlein geschlagen?“

Furchterregend lachte das Männlein auf. „Ja, ich bin es“, entgegnete es dem Fischer. „Ich bin ... Klaus Bautzmann.“ Da schwanden Jan Classen die Sinne und er wusste, dass er dem Tod nun nicht mehr entrinnen konnte. So ergab er sich in sein Schicksal.

Doch der Klabautermann meinte es gut mit dem Mann. Als Jan nämlich die Augen wieder aufschlug, lag er nicht mehr in seinem Boot auf tobender See, sondern in seinem weichen und warmen Bett. An seiner Seite saß Helge, seine Frau, und hielt ihm die Hand. „Wir haben dich heute Morgen am Strand gefunden“, erklärte sie ihm auf seine fragenden Blicke hin. „Du warst bewusstlos und verletzt.“

Ja, nun spürte es Jan auch. Er fühlte sich schwach und ausgelaugt, zugleich aber auch von einer Leichtigkeit beschwingt, wie noch nie zuvor in seinem Leben. Der Klabautermann hatte ihn also nicht geholt.

Jan Classen war von diesem Tage an ein anderer Mensch. Weder aufbrausend noch selbstsüchtig. Das Häuschen an den Klippen gab er auf und erbaute ein hübsches Heim gemeinsam mit seiner Frau Helge mitten im Dorf. Zu beider Glück wurde Helge schwanger und gebar einen prächtigen Sohn, der der Stolz seiner Eltern wurde.

Klaus aber sahen sie nie wieder...

Der Leichnam des heiligen Reinold

Vor vielen hundert Jahren sollte in Dortmund eine Kirche erbaut werden, die man über einem heiligen Leichnam errichten wollte. So erbaten die Dortmunder schließlich von den Kölner die Leiche eines Heiligen. Dort willigte man gerne in das Ansinnen ein.

Denn etwa zu der Zeit, als die Dortmunder ihre Bitte an die Kölner gerichtet hatten, war in der Domstadt der heilige Reinhold erschlagen worden, ein alter Kriegsheld, der sich unerkannt zum Steinmetz hatte ausbilden lassen. Als aber unter den anderen Steinmetzen der Stadt Köln bekannt wurde, wem man dort das Handwerk beigebracht hatte, wurden sie neidisch und erschlugen den Mann. In Köln hielt man deshalb den Leichnam Reinholds für die geeignete Gabe für die Dortmunder.

Die Dortmunder Gesandtschaft reiste alsbald mit einem Pferdefuhrwerk an und bettete den Toten auf die Ladefläche. Doch als man die Gäule wieder stadtauswärts treiben wollte, setzten diese keinen Fuß vor den anderen. „Sie sind müde“, dachte man und wechselte die Tiere gegen zwei ausgeruhte Pferde aus.

Doch auch die vermochten den Wagen mit dem Toten nicht zu ziehen. So spannte man noch einmal zwei Pferde vor, doch wieder regte sich nichts. Der Wagen blieb auf der Stelle stehen. Auch mit sechs und acht Pferden, die man nach und nach vor das Fuhrwerk spannte, ließ sich der Wagen nicht in Bewegung setzen.

Schon wollten die Umstehenden das Unterfangen aufgeben, als eine alte Frau des Weges kam. Sie riet den Leuten, die Pferde gegen zwei Kühe auszutauschen und es erneut zu probieren.

So geschah es auch: Zwei Kühe wurde eingespannt, denn schließlich wollte man ja alles versuchen, um den Heiligen nach Dortmund zu bringen. Und tatsächlich: Was acht Pferde nicht geschafft hatten, erledigten zwei Kühe mühelos. Sie zogen den heiligen Reinhold ohne Probleme durch das Gebirge bis nach Dortmund. Nun stand dem Kirchenbau nichts mehr im Wege.

Der Mäuseturm von Bingen

Vor langer Zeit lebte in Mainz ein böser, habgieriger Erzbischof, der den Namen Hatto trug. Sein Herz war durch und durch schlecht, niemals zeigte es eine menschliche Regung und Mitleid war ihm vollkommen fremd.

In einem Jahr legte sich im Sommer eine fürchterliche Dürre über die Region. Die Tiere verdursteten, das Getreide auf den Felder vertrocknete und irgendwann brach unter den Bewohnern des Landstreichs eine fürchterliche Hungersnot aus.

Doch den Bischof interessierte das Leid seiner Untertanen nicht. Er hatte seine Getreidekammern voll und konnte mit seiner Gefolgschaft weiterhin in Saus und Braus leben. Eines Tages aber kamen Männer, Frauen und Kinder zu ihm und baten um Korn und Brot. Doch der Bischof lachte nur und ließ sie schließlich in einer großen Scheune einsperren.

Sein Herz war so böse, dass er sogar Feuer legen ließ - und die armen Menschen verbrannten unter fürchterlichen Qualen. Ihre Todesschreie waren bis zum Palast des Erzbischofs zu hören, doch wieder hatte er nur ein höhnisches Lachen für ihn über.

„Hört einmal“, sagte er zu seinen Männer, die mit ihm um den Tisch saßen und speisten, „hört ihr dort unten die Kornmäuslein pfeifen.“ Dann aß man gemütlich weiter.

Irgendwann wurde es still. Kein Weinen, kein Rufen war mehr zu hören. Alles stumm. Und sogar die Sonne verdunkelte ihr Gesicht und die Dämmerung zog auf. Und da geschah es: Aus allen Ecken und Winkeln des Palastes krochen Mäuse. Sie fraßen alles, was ihnen in den Weg kam. Kletterten sogar an den Gästen des Erzbischofs empor, um ihnen die Speisen aus dem Mund zu klauen.

Plötzlich hatten alle Anwesenden große Angst. Mägde, Stallburschen und Geistliche verließen fluchtartig das Gebäude. Und der Erzbischof? Der flüchtete sich auf ein Schiff, dass er auf dem Rhein liegen hatte, um zu einem weißen Turm zu flüchten, der mitten im Fluss lag - einige Kilometer von Mainz entfernt.

Dort hoffte er sich in Sicherheit bringen zu können. Doch kaum hatte er die Gemäuer des Turms betreten, da kamen die Mäuse wieder aus allen Ecken und Winkeln gekrochen. Es wurde mehr und mehr. Hunderte. Tausende. Als alle Vorräte von ihnen aufgefressen worden waren, da machten sie sich über den Erzbischof her - und sollen ihn bis zum Knochen abgenagt haben. So erzählt die Sage.

Den Mäuseturm von Bingen könnt ihr noch heute sehen. In Bingen, in der Nähe der Burgruine Ehrenfels, ragt aus den Fluten des Rheins ein altes, zerfallenes Gemäuer hervor. Hier soll der schreckliche Erzbischof sein bitteres Ende gefunden haben.

Der Rattenfänger von Hameln

Vor langer Zeit herrschte in der Stadt Hameln eine fürchterliche Ratten- und Mäuseplage. Alles, was den Tieren in die Quere kam, wurde angenagt und aufgefressen.

Da waren Hamelns Bürger und allen voran der Bürgermeister sehr froh, als eines Tages ein Mann in die Stadt kam, der versprach, Hameln von dieser Plage zu befreien. Der Mann trug den Namen Bundting, weil er so bunte Kleidung trug, die jedermann sogleich ins Auge stach. Natürlich wollte der Mann seinen Dienst nicht umsonst verrichten, aber schnell war man sich über einen Geldbetrag einig. Den sollte Bundting erhalten, wenn alle Mäuse und Ratten aus der Stadt entfernt worden seien.

Und so geschah es auch. Kaum war der Vertrag zwischen dem Bürgermeister und dem Rattenfänger, so nannte sich der Mann, geschlossen, da nahm er aus seiner Jackentasche eine kleine Flöte und spielte darauf eine wunderschöne Melodie. Kaum aber hatte er den ersten Ton angeschlagen, da kamen schon aus allen Ecken und Winkeln die Ratten und Mäuse gelaufen und schlossen sich dem Rattenfänger an.

Als er nun meinte, alle Tiere eingesammelt zu haben, da zog er mit ihnen aus dem Stadttor hinaus, ging an die Ufer der Weser, die durch Hameln fließt, und zog sich seine bunten Kleider aus. Dann stieg er hinab in den Fluss – und alle Ratten und Mäuse folgten ihm und ertranken in den Fluten.

Nun kehrte der Rattenfänger zurück in die Stadt, um seinen Lohn abzuholen. Doch den wollte man dem Bundting plötzlich nicht mehr zahlen und so musste er unverrichteter Dinge abziehen.

Einige Wochen später aber kehrte der Rattenfänger zurück nach Hameln. Dieses Mal kam er im Gewand eines Jägers daher, so dass ihn die Menschen nicht sofort erkannten. Wieder zog er seine kleine Flöte aus der Jackentasche und spielte jene wunderschöne Melodie, mit der er schon die Nagetiere aus Hameln gelockt hatte. Aber was war das! Dem Jäger mit seiner Flöte folgten dieses Mal nicht Ratten und Mäuse, sondern Mädchen und Jungen.

In Scharen liefen alle Kinder mit, die älter als vier Jahre waren. Der Rattenfänger führte sie aus der Stadt hinaus, hin zu einem Berg, der Poppenberg genannt wird, wo er mit ihnen für immer verschwand, noch ehe jemand etwas davon bemerkt hatte. Nur zwei Kinder, die sich etwas verspätet hatten, konnten dem Rattenfänger entkommen. Doch das eine Kind blieb nach dem Vorfall blind, so dass es den Weg nicht mehr zeigen konnte, und das andere wurde taubstumm, so dass es nichts mehr von den Geschehnissen berichten konnte.

Nur ein Kindermädchen hatte den Auszug der Mädchen und Jungen aus der Stadt beobachtet und später allen davon berichten können. Mütter und Väter, Großeltern, Tanten und Onkel trauerten sehr um ihre verlorenen Kinder. Lange Zeit hieß in Hameln jene Straße, durch die die Kinder mit dem Rattenfänger gezogen waren, „bungelose“ Straße (stille, tonlose, trommellose Straße). Und selbst, wenn eine junge Braut an ihrem Hochzeitstage durch diese Straße zog, durfte dort niemals Musik gespielt werden.

Der Schatz bei Schwerte

Seit undenklichen Zeiten liegt auf dem Weidenhofe bei Schwerte ein unermesslicher Schatz vergraben. Viele wissen davon, doch bis heute ist es keinem Menschen gelungen, den Schatz zu bergen.

Dennoch erzählt man sich in Schwerte eine Geschichte, an der viel Wahres sein mag. So waren im 30-jährigen Krieg zahlreiche Soldaten in der Stadt stationiert. Eines Tages gingen zwei Soldaten in ein Wirtshaus, das dort stand, wo heute die Mühle zu finden ist. Als sie nachts ihren Heimweg antraten, begegnete ihnen eine Lichtgestalt. Die Jungfrau rief die Männer bei ihrem Namen und einer der Soldaten antwortete: „Was tust du hier? Was willst du von uns?“

Da antwortete die Jungfrau: „Ich bewache einen Schatz.“ Und sie sagte dem Mann, er solle doch in der kommenden Nacht alleine an diese Stelle zurückkehren, um sie von ihrem Fluch zu erlösen und den Schatz an sich zu nehmen. Doch der Soldat hatte Angst und kehrt in der kommenden Nacht nicht zur Jungfrau zurück.

Kurze Zeit später wurde ein unbescholtener Schwerter Bürger auf die gleiche Weise von der jungen Frau angesprochen. Und weil er so gerne Reichtümer erwerben wollte, kam er des Nachts zurück. Die Jungfrau sprach: „Hier, nimm diese Hacke und grabe hier ein Loch.“ Doch der Mann erwiderte: „Mach du es!“ Und so tat die junge Frau, wie man ihr gesagt hatte. Sie grub und hackte und irgendwann zeigte sich ein goldenes Schloss, das zu einer Kellertür gehörte.

Der Mann ging hinein in den Keller und was seine Augen sahen, war unglaublich: Gold und Silber in Hülle und Fülle. Sogleich stopfte er sich die Taschen voll. Die Jungfrau rief ihm zu: „Vergiss nur das Beste nicht!“ Doch der Mann verstand ihr Ansinnen nicht. Er dachte, er solle nur das Gold, nicht aber das Silber nehmen. Und so tat er auch. Als er genug Reichtümer angehäuft hatte, verschwand er und schloss die Kellertür hinter sich.

Nun aber seufzte die Jungfrau: „Hättest du doch bloß den Schlüssel zu diesem Keller mitgenommen, dann wäre ich nun erlöst worden. Und du, du wärst der reichste Mensch der Welt geworden.“ Nun aber war es zu spät.

Niemals mehr hat jemand das Schloss oder die Kellertür gesehen. Doch die Jungfrau geht noch heute um Mitternacht durch Schwerte und klagt ihr Leid.

Der starke Zwerg auf dem Kyffhäuser

Vor vielen Jahren lebte in dem Örtchen Sondershausen einmal ein Müller, der den Namen Lou trug. Er war groß und kräftig wie ein Bär und hatte seine Mühle, die Wippermühle, von der Stadt gepachtet. In seinen Jugendjahren war der Müller sogar beim Militär gewesen und hatte dort bei den langen Grenadieren gedient.

Eines Tages nun musste der Müller zum Kyffhäuser fahren, um dort einen neuen Mühlstein abzuholen. Er machte den Wagen fertig und wies seinen Gesellen an, ihn zu begleiten. Als sie am Fuße des Kyffhäusers angekommen waren, das sagte der Müller zu seinem Gesellen, dass er nun zu Fuß hinaufgehen würde, der Geselle aber mit dem Fuhrwerk hochfahren solle.

Die Sonne war schon untergegangen, als der Müller endlich oben am Kyffhäuser ankam. Plötzlich sah er, wie ein dicker und stämmiger Zwerg hinter dem Turm den Berg hinauf stiefelte. Der kam nun direkt auf ihn zu und forderte den Müller auf, ihn zu einer Höhle zu begleiten. Weil der Müller ein höflicher Mensch war, ging er mit. Nun aber verlangte der Zwerg, der kaum größer als ein Dachs war, dass sich der Müller in die Höhle hineinarbeiten und einen Stein herausholen solle, der beiden dann Glück bringen würde.

Der Müller aber hatte keine Lust dazu, dem Zwerg zu helfen. Da wurde dieser ziemlich böse und begann ganz fürchterlich zu schimpfen. Doch das wollte sich der Müller nun beim besten Willen nicht gefallen lassen und gab dem Zwerg eine schallende Ohrfeige. Nun wurde dieser noch böser und hängte sich einem Bleiklumpen gleich dem Müller an den Hals und warf ihn anschließend auf die Erde. Die Rippen des Müllers krachten und er schaffte es kaum, sich gegen diesen Zwerg zu wehren.

Kaum hatte der Müller einmal die Oberhand gewonnen, da wurde er von dem Zwerg auch schon wieder in die Kneifzange genommen, so dass er aufschreien musste. Nein, so eine Rauferei hatte der Müller beim besten Willen noch nicht erlebt! Nur gut, dass der Müllergeselle nach einer Zeit auch mit dem Fuhrwerk oben am Kyffhäuser ankam.

Als der Geselle sah, in welch misslicher Lage sich der Müller befand, da nahm er einen Knüppel zur Hand und schlug auf den Zwerg ein. Erst da ließ dieser vom Müller ab und verschwand wie ein Regenwurm in einem Loch in der Erde, das winzig klein war. Der Müller aber war am ganzen Leib grün und blau und ärgerte sich natürlich mächtig, dass er solche Schwierigkeiten gehabt hatte, sich gegen einen so kleinen Zwerg durchzusetzen. Doch was sollte er machen?

Also lud er kurzerhand gemeinsam mit seinem Gesellen den Mühlstein auf sein Fuhrwerk und fuhr zurück zur Wippermühle. Den starken Zwerg aber niemand je mehr gesehen.

Der Zwerg von Volkringhausen und das Hirtenmädchen

Zwischen den beiden kleinen Orten Volkringhausen und Binolen findet man noch heute eine Höhle, über die es seit Urzeiten eine Sage gibt. Dort wohnte nämlich einst ein Zwerg, der sich mit einem Hirtenmädchen aus Volkringhausen angefreundet und es sehr lieb gewonnen hatte. Und das kam so:

Eines Tages, als das Mädchen wieder einmal mit seinen Schafen nahe der Höhe weidete, fand es einen kleinen Hammer auf der Weide. Natürlich dachte sich das Mädchen sofort, dass dieses Werkzeug einem Zwerg gehören könnte und legte es in den Eingang der Höhle. Als sich das Mädchen wieder umdrehte, stand plötzlich tatsächlich ein Zwerg vor ihr. Und er bedankte sich gleich überschwänglich, denn er war glücklich, sein Werkzeug wieder zu haben. Als Zeichen seiner Verbundenheit schenkte er dem Kind ein paar Schuhe mit silbernen Spangen.

Darüber war das Hirtenmädchen nun so erstaunt, dass es glatt vergaß, sich bei dem lieben kleinen Kerl zu bedanken. Und als es ihr einfiel, da war der Zwerg bereits verschwunden.

So blieb dem Mädchen nichts anders, als dem freundlichen Gesellen einen Strauß aus herrlichen Wiesenblumen zu winden, aus Immergrün, Engelsüß und Tausendschön. Diesen Strauß legte das Mädchen vor der Höhle ab, so wie es zuvor dort auch den kleinen Hammer abgelegt hatte.

Als die Hirtin am nächsten Morgen wieder mit ihrer Herde auf der Weide nahe der Höhle weilte und an ihrem Lieblingsplatz, einer kleinen Anhöhe, ein Lied sang, stand ganz plötzlich das kleine Männchen vor ihr. Natürlich war das Mädchen sehr erstaunt, doch der Zwerg sagte: „Hirtin, du bist ein gutes Kind. Bringe mir nun jeden Sommer einen solch schönen Strauß, dann will ich dich reich belohnen. Lege ihn aber nicht in den Eingang der Höhle, sondern unter den Rosenstrauch, der dort vorne, ganz nahe am Eingang wächst.“

So geschah es auch. Sommer für Sommer wand die kleine Hirtin aus Immergrün, Tausendschön und Engelsüß einen Strauß für ihren keinen Freund und legte ihn an der Stelle ab, die er ihr genannt hatte. Und jedes Mal entlohnte der Zwerg das Mädchen für seine Mühe.

Die Jahre gingen ins Land. Aus dem Kind war inzwischen eine hübsche junge Frau geworden, die ein wenig wild und ungestüm war. Eines Tages, die Jungfrau hatte wieder einmal einen Strauß für das kleine Männlein gefertigt, kam ihr eine Idee. „Zeige mir doch bitte einmal deine Wohnung“, bat sie den Zwerg um einen Gefallen. Doch der antwortete sogleich: „Kind, lass von deinem Begehren ab. Es wird dein Unglück sein!“

Die Hirtin aber bestand darauf, den Zwerg einmal begleiten zu wollen, zu neugierig war sie auf die vielen Schätze, die sich da unter der Erde verborgen hielten. Da nahm der Zwerg einen Eibenzweig, steckte ihn dem Mädchen ins Haar, damit es nicht vergaß, woher es kam, und hauchte ihm auf die Augen, damit das Licht in der Höhle ihm keinen Schaden zufügen konnte.

Nachdem die junge Frau die Höhle betreten hatte, schaute sie sich noch einmal um und folgte dem Zwerg auf seinem Weg hinein in die dunkle Welt. Was sie dort zu sehen bekam, überwältigte sie. Der König der Zwerge saß in Purpur und Gold auf seinem Thron, überall entdeckte sie Silber und Edelsteine.

Doch als sie und ihr Begleiter an einem kleinen See vorbeikamen, da entdeckte sie darin ihr eigens Spiegelbild und den Eibenzweig in ihrem Haar. Natürlich erinnerte sich die Jungfrau sofort an ihr Zuhause, an die Eltern und Geschwister und eine große Sehnsucht erfasste sie. Sie wünschte sich sofort zu den Menschen zurückkehren zu können, und dieser Wunsch wurde ihr auch erfüllt.

Als die junge Frau nun wieder vor der Höhle stand und sich die Landschaft besah, da sah alles so verändert aus, obwohl sie doch nur wenige Minuten im Reich der Zwerge gewesen war! Der Rosenstrauch, unter den sie immer ihre Blumensträuße gelegt hatte, war vollkommen verdorrt und die kleinen Bäume, unter denen die immer ihre Tiere geweidet hatte, waren zu haushohen Ungetümen herangewachsen. Auch ihre Schafe waren nicht mehr zu finden. So machte sich die Hirtin auf dem Weg zu ihrem Dorf.

Auch dort schien ihr alles verändert. An der Stelle, an der einst ihr Elternhaus gestanden hatte, fand sie nur noch eine baufällige Ruine, überwuchert mit vielen Ranken. Die Menschen, die ihr begegneten, waren ihr vollkommen fremd. So setzte sie sich auf eine Bank und weinte. Da kamen einige Leute angerannt, darunter auch eine alte Frau. Und als das Mädchen zu erzählen begann, es sein doch nur für einige Minuten zu den Zwerge in die Unterwelt gestiegen, da erhob jene Frau die Stimme und erzählte, dass seit dem Verschwinden der kleinen Hirtin viele viele Jahre ins Land gegangen seinen. Die Eltern seinen vor Kummer gestorben, Bruder und Schwester hätten ihr Bündel gepackt, um in der Welt ihr Glück zu suchen. Wo sie seien, wüsste aber niemand.

So starb die junge Frau nach ihrem unglückseligen Ausflug ins Reich der Zwerge kurze Zeit später an Herzeleid.

Dietrich von Bern

In den Zeiten, in denen die Germanen als Herrscher im Reich der Römer lebten, gab es einen mächtigen König, der Dietrich genannt wurde. Den Thron hatte er von seinem Vater übernommen, erzogen worden war er aber von Hildebrand, der als tapferer Recke galt. Er hatte den jungen Dietrich in allem unterrichtet, was ein guter König zur damaligen Zeit wissen musste. Der Thron dieses mächtigen Geschlechts stand in Verona, das zu dieser Zeit Bern genannt wurde.

Schon bei Dietrichs Geburt hatte man dem Kind eine große Zukunft und ungeheure Taten vorhergesagt. Zum Zeichen, dass alle diese Prophezeiungen auch wirklich wahr seien, sollte Dietrich, sobald er richtig wütend wurde, Feuer aus seinem Mund sprühen können. Und als das eines Tages tatsächlich auch passierte, war klar und deutliche, welcher Weg Dietrich vorherbestimmt war.

Der Königssohn wuchs heran und zog schließlich mit seinem Lehrvater Hildebrand aus, um viele Abenteuer zu erleben. So stellte sich Dietrich dem Riesenpaar Grim und Hilde, die im ganzen Land Schrecken verbreiteten, im Kampfe und besiegte sie.

Als Dietrich schließlich den Thron seines Vaters bestieg, kamen selbst aus weit entfernten Gegenden tapfere Helden nach Bern, um sich Dietrich ergeben anzuschließen. Sein Ruhm war inzwischen so groß, dass ihm alle gerne dienen wollten, manche allerdings erst, nachdem sie sich im Kampfe mit dem König gemessen und festgestellt hatten, dass sie seiner Kraft und Stärke einfach unterlegen waren. Solch ein Mann war beispielsweise Heime und auch der kühne Witege wurde erst nach einer Auseinandersetzung Dietrichs Gefolgsmann.

Doch nicht alle wollten in den Dienst des Königs treten, manchen ging es lediglich darum, sich dem großen Helden zu stellen. Unter diesen Voraussetzungen war auch Ecke nach Bern gekommen, ein Riese, der sich aber ganz der menschlichen Lebensweise verschrieben hatte. Ihm ging es darum, im Kampfe gegen Dietrich Ruhm und Ehre zu erlangen. So ganz freiwillig war der Riese allerdings nicht nach Bern gereist.

In seiner Heimat gab es da drei edle Jungfrauen, die ihn zum Kampf ermuntert und angestachelt hatten – immerhin hatte eine der drei schönen Frauen Ecke die Hand versprochen.

Als Ecke jedoch nach Bern kam, fand er König Dietrich dort nicht vor. Aber er suchte ihn so lange, bis er ihn schließlich bei Nacht in einem Wald entdeckte. Obwohl es längst stockfinster war, musste sich Dietrich dem Riesen stellen. Es war keine leichte Auseinandersetzung, die Funken stoben nur so von den Helmen der beiden Kämpfer und so war auch noch aus einiger Entfernung sichtbar, was im Wald geschah.

Natürlich kam es wie es kommen musste – Dietrich strecke Ecke im Kampf nieder und musste ihn schließlich sogar töten, weil es der Riese für eine zu große Schande empfunden hätte, vom König gefangen genommen zu werden.

Dietrich war alles andere als glücklich über diese Situation, denn es kamen andere, beispielsweise Eckes Bruder Fasolt und weitere Männer aus dem Riesengschlecht, um den Tod Eckes zu rächen. Doch immer siegte Dietrich. Eines Tages zog er allerdings los, um den drei Jungfrauen, die Ecke zum Kampf angestachelt hatten, den Kopf des toten Riesens zu bringen.

Solange Dietrich über Bern herrschte, ging es den Menschen dort gut, denn Dietrich galt als Beschützer der Bedrängten und niemand, der Hilfe bei ihm suchte, ging wieder fort, ohne dass ihm wirklich geholfen worden wurde. So breitete sich die Kunde über Dietrich von Bern immer weiter im Land aus.

Eines Tages kam der alte Hildebrand zum König und erzählte ihm von einem Zwergenvolk, dessen König den Namen Laurin trug und das tief im Inneren eines Berges sein Zuhause hatte. Und obwohl der Zwerg wirklich nur winzig klein sei, so berichtete der treue Hildebrand, würde er über unermessliche Kräfte verfügen. „Laurin besitzt in Tirol einen Rosengarten, in dem die wundervollsten Rosen stehen“, erzählte Dietrichs Lehrmeister weiter. „Durch eine goldene Pforte geht man ein und aus und statt eines Zauns gibt es nur einen dünnen Seidenfaden, der den Garten umgibt. Wer es aber wagt, diesen Faden zu zerreißen, der wird den fürchterlichen Zorn des Zwergenkönigs zu spüren bekommen.“

Da konnte Dietrich natürlich nicht widerstehen und brach mit seinen Männern sogleich Richtung Tirol auf, um sich mit diesem kleinen Wicht zu messen. Nachdem sie den Rosengarten gefunden hatten, war es zuerst Witege, der seinen Fuß in den Garten setzte und dabei ohne Rücksicht alle Rosen niedertrampelte.

Das brachte den Zwergenkönig Laurin fürchterlich in Rage und es folgte ein unerbitterlicher Kampf zwischen ihm und Witege, den dieser sicherlich verloren hätte, wenn ihm nicht Dietrich nicht zu Hilfe gekommen wäre.

„Hau mit dem Schwertknauf auf ihn ein“, rief Hildebrand seinem einstigen Schützling noch zu, doch da hatte sich der Zwerg Laurin bereits seine Tarnkappe über den Kopf gezogen, die ihn unsichtbar machte. Jetzt hatte es Dietrich aber wirklich schwer! Und im Gegenzug dazu traf ihn jeder Schlag des kleinen Mannes umso härter.

Ängstlich verfolgte Hildebrand das Geschehen und rief schließlich: „Zieh dem Zwerg den Gürtel vom Leib.“ So tat es Dietrich dann auch – und siehe da, die Kraft des Zwerges ließ mächtig nach. Denn es war so, dass nur dieser Gürtel ihm die Macht von zwölf ausgewachsenen Männern verliehen hatte.

Dietrich konnte Laurin also besiegen. Und dieser bat den Berner gleich um Gnade, die ihm natürlich auch gewährt wurde. Zugleich lud der Zwergenkönig seine Gegner in sein Reich im Inneren des Berges ein. Dort herrschte buntes Treiben, die Gäste wurden königlich bewirtet und alles schien bei Musik, Gesang und Tanz in bester Ordnung zu sein.

Doch Laurin war gekränkt und sann auf Rache. So flößte er im Laufe der ausgelassenen Feier seinen Gästen einen Schlaftrunk ein, der diese sofort außer Gefecht setzte. Laurin ließ die wehrlosen Männer geknebelt und gefesselt in den Kerker werfen.

Als Dietrich schließlich aus seinem Zauberschlaf erwachte, geriet er so sehr in Wut, dass ihm Feuer aus dem Mund kam, so wie es ja immer war, wenn er sehr wütend wurde. So gelang es Dietrich, die Fesseln zu lösen und er konnte schließlich auch seine Männer befreien. Nur das Verließ selbst konnten sie nicht öffnen, dafür reichten ihre Kräfte nicht aus.

Nun war es aber so, dass Laurin nicht nur Dietrich und seine Gefolgsleute gefangen genommen hatte, sondern auch Künhild, die Schwester von Dietrichs Waffengefährtem Dietleib. Laurin hatte sich nämlich in den Kopf gesetzt, die schöne Künhild zu heiraten. Sie war es nun, die ihren Bruder und alle anderen Männer aus dem Kerker befreite und ihnen Waffen zuspielte.

König Laurin versuchte noch, Tausende von Zwergen um sich zu versammeln und sich im Kampf Dietrich von Bern und seiner Gefolgschaft zu stellen. Doch vergeblich war dieses Bemühen. Laurin wurde gefangen genommen und nach Bern gebracht. Eigentlich hatte Dietrich in töten lassen wollen, weil er so gemein gehandelt hatte, doch Künhild, ihr Bruder Dietleib und Hildebrand hatten für den Zwergenkönig ein gutes Wort eingelegt. Jahre später söhnten sich Dietrich von Bern und Laurin sogar aus – und der Zwergenkönig durfte in sein Reich zurückkehren.

Die erste Kohlenzeche an der Ruhr

Gut 1000 Jahre mag es inzwischen her sein, dass ein Schweinehirte mit seiner Herde zwischen Hattingen und Langenberg auszog und eine ganz besondere Entdeckung machte. Denn längst war der Herbst ins Land gezogen und der Knabe fror. So entzündete er ein Feuer, um sich bei seiner Arbeit wärmen zu können. Als es zu dämmern begann, rief er seine Tiere zu sich und warf dabei die Asche an seiner Feuerstelle auseinander. Erstaunt stellte er fest, dass der Boden glühte.

Am nächsten Tag sah er schon von Weitem, dass auf seiner Weidefläche irgendetwas passiert war, denn seine Augen erblickten einen rot glühenden Streifen. Er ging näher an das Phänomen heran und sah bald, dass genau jene Steine loderten, an denen seine Schweine so gerne knabberten.

Schnell lief der Junge zu seinem Vater, um ihm von dem Geschehen zu berichten. Der besah sich alles aus der Nähe und beschloss, einen Teil dieser seltsamen Steine mit nach Hause zu nehmen. Schnell stellte er fest, dass man wunderbar mit ihnen Feuer machen konnte und sie die Suppe auf dem Herd lange warm hielten.

Schnell sprach es sich in der Nachbarschaft herum, dass auf dem Berg ganz besondere Steine lägen, mit denen man das Feuer im Herd entzünden könnte. Die Leute nannten die Steine „Steinkohle“ und brachten das Brennmaterial mit Schubkarren nach Hause, nachdem sie es aufgelesen hatten.

Mancher Schmied ließ sich zudem in jener Zeit die Steinkohle in seine Werkstatt liefern, weil er erkannt hatte, wie wunderbar sich damit das Feuer anheizen ließ.

So ging es viele hundert Jahre lang. Eines Tages aber kam ein reicher Mann in die Gegend um Hattingen und berichtete, er wolle einen tiefen Gang in den Berg graben, um noch mehr Steinkohle ans Licht fördern zu können. Er warb auch zahlreiche Arbeiter an, die nun gutes Geld bei ihrem Schaffen im Bergwerk verdienten. Sie erzählten dem Unternehmer von dem Hirtenjungen, der einst die wärmende Kraft der Steine entdeckt hatte. Zum Andenken an ihn wurde das erste Bergwerk an der Ruhr „Op de Mutte“ genannt.

Die drei Bergleute im Kuttenberg

In Böhmen lebten einmal drei Bergleute, die sehr fleißig und gläubig waren. Sie arbeiteten Tag für Tag hart, um ihre Frauen und Kinder gut ernähren zu können und gönnten sich kaum je eine Pause.

Schon früh am Morgen zogen sie aus in den Kuttenberg, um ihr Tagwerk zu verrichten, und hatten immer drei Dinge bei sich: ein Gebetbuch, ein Licht, das Öl für einen Tag trug, und einen Kanten trockenes Brot, das ebenfalls den Hunger für einen Tag stillen konnte. Bevor sie zu arbeiten begannen, beteten sie zu Gott und stellten ihr Schaffen im Berg unter seine Obhut. So ging es Tag um Tag, Monat um Monat, Jahr um Jahr.

Doch eines Tages geschah ein großes Unglück, welches das Leben der drei Bergleute von einer Minute auf die andere veränderte. Als die drei nämlich eines Morgens gerade mit ihrer Arbeit begonnen hatten, hörten sie plötzlich ein riesiges Getöse und mussten voller Schrecken feststellen, dass der Berg zu beben begann, Gesteinsbrocken durch die Gegend wirbelten – und schon bald der Eingang verschüttet war.

So sehr sie sich auch abmühten, alleine konnten sie sich aus dieser misslichen Lage nicht mehr befreien. Und so beteten die drei Bergleute im Kuttenberg zu Gott und baten ihn darum, ihnen beizustehen und zu helfen. Sie sagten: „Lieber Gott, wir haben nur Lampenöl und Brot für einen Tag. Wir müssen verhungern.“

Ihr ganzes Leben legten sie in seine Obhut und glaubten schon fest daran, bald sterben zu müssen. Doch bis es so weit war, wollten die drei die Zeit nicht einfach so verstreichen lassen. Und so arbeiteten sie fleißig, so wie sie es immer getan hatten, ihr ganzes Leben über.

Doch sie verhungerten nicht im Kuttenberg. Jahr um Jahr verging, davon jedoch bemerkten die Bergleute nichts. Für sie war es im Kuttenberg so, als würde gerade einmal ein Tag vergehen. Einzig ihre langen Bärte, die ihnen im Laufe der Zeit gewachsen waren und das zottelige Haar erinnerten sie daran, dass mit ihrer eigenen Zeitrechnung etwas nicht stimmen konnte.

Natürlich gingen alle Menschen in dem Dorf, in dem die drei Bergleute bis zu diesem Unglückstag gelebt hatten, davon aus, dass sie längst tot seien. Denn auch nach sieben Jahren hatte es immer noch kein Lebenszeichen von den drei Männern gegeben. Und so trugen sich ihre Frauen bald mit dem Gedanken, neu zu heiraten, denn sie meinten, sieben Jahre der Trauer seien genug.

Diese Veränderung spürten die Verschütteten irgendwie. Und eines Tages wünschte sich einer der verschütteten Bergleute aus vollem Herzen: „Ach, wenn ich doch nur noch einmal das Tageslicht sehen könnte, dann will ich wohl zufrieden sterben.“ Da sprach auch der zweite: „Und wenn ich noch einmal einen Abend bei meiner Frau am Tisch sitzen und ihr gutes Abendmahl genießen könnte, ja, dann wäre auch ich bereit zu sterben.“ Da besann sich auch der dritte Bergmann und sagte: „Ich würde beruhigt sterben können, wenn ich noch ein Jahr an der Seite meiner geliebten Frau leben könnte!“

Kaum hatten die drei Männer ihre Wünsche ausgesprochen, da hörten sie ein furchtbares Grollen. Es schien, als würde sich der Berg bewegen und zu leben beginnen. Und ehe sie sich versahen, tat sich ein Spalt auf, durch den sich die drei so lange Verschütteten den Weg nach draußen bahnen konnten.

Als nun der erste Mann das Tageslicht sah, lächelte er noch einmal und starb auf der Stelle. So wie er es sich gewünscht hatte. Die beiden anderen Männer waren ihm mit Abstand gefolgt und gingen nun zurück in ihr Dorf, wo sie aber niemand erkannte, denn sie trugen ja lange Bärte und zottelige Haare.

Als nun der zweite Bergmann das Haus seiner Frau betrat, da wollte sie ihm gar nicht glauben, dass er ihr Ehemann sei. Er aber entgegnete ihr: „Hol Schere und Rasierzeug aus der unteren Kommode im Badezimmer.“ Und sie tat, wie ihr befohlen worden war. Erst als sich der zweite Bergmann Bart und Haare kräftig gestutzt hatte, erkannte die Frau ihren Gatten und war überglücklich.

Sie bereitete ihm ein herrliches Abendmahl zu, das beide mit großem Appetit verspeisten. Doch als der zweite Bergmann den letzten Bissen hinunter geschluckt und sich bei seiner Frau für das gute Essen bedankt hatte, brach er am Tisch zusammen und war auf der Stelle tot. So wie er es sich im Berg gewünscht hatte.

Und der dritte Bergmann? Ja, der lebte tatsächlich ein ganzes Jahr glücklich mit seiner Frau zusammen. Aber genau in der Stunde, in der sich die unglaubliche Rettung der drei Bergleute jährte, brach auch er tot zusammen – und seine Frau gleich mit ihm. So hatte Gott die Wünsche der drei Männer ihres standhaften Glaubens wegen erfüllt.

Die Entstehung der Bergwerke zu Rammelsberg

Der Brocken wurde einst von einem Zauberwesen beherrscht, das die Menschen „Zauberjette“ nannten. Elf junge Frauen waren stets um sie herum, um ihr zu dienen. So ist es auch nicht verwunderlich, dass eines Tages zwei junge Ritter, die sich in der Wildnis um den Brocken herum heillos verirrt hatten, die Bekanntschaft jener Frauen machten.

Die beiden Ritter waren im Wald Räubern begegnet, die sich auf der Flucht befanden, und hatten sich diesen – mehr oder weniger freiwillig – angeschlossen, denn schließlich wollten die beiden jungen Männer ja im Wald nicht hilflos umkommen.

Gemeinsam mit den Räubern zogen die Ritter also eines Tages aus, um eine Höhle als Unterschlupf zu bauen. Doch die Arbeit, die sie an einem Tag mühevoll erledigt hatte, war am nächsten Morgen hoffnungslos zerstört. Kein Stein stand mehr auf dem anderen. Und so erging es den Männern auch an nächsten Tag, alle Steine, die sie an einem Tag säuberlich aufgestapelt hatte, um eine Höhle zu bauen, versperrten an nächsten Tag wieder den Eingang. Selbst die beiden Räuber, die als Wachen aufgestellt worden waren, konnten sich das nicht erklären, hatten sie doch überhaupt nichts von den Vorgängen bemerkt.

In der dritten Nacht dann standen die beiden Ritter namens Otto und Ramme mitsamt dem Räuberhauptmann Wache. Gegen Mitternacht entdeckte Ramme eine junge Frau, die mit einem kleinen Hammer an dem Pfeiler klopfte, den die Männer am Tag zuvor zur Abstützung ihrer Höhle geschaffen hatten.

Ramme packte die Frau und fragte sie, warum sie das Tagwerk der Männer zerstören würde. Doch die Frau antwortete nicht, auch als der Ritter seine Frage wiederholte, blieb sie stumm. Erst als Ramme ein drittes Mal fragte, antwortete das schöne Mädchen: „Komm mit, alles weitere wirst du von meiner Herrin, der Herrin dieses Berges erfahren.“

Natürlich folgten Ramme und sein Freund dem Mädchen. Sie führte die beiden Freunde in eine große Höhle an der Nordwestseite des Brockens, die einem wahren Schloss ähnlich war, so prächtig schaute es darin aus. Die Herrin erwartete die Männer schon und auf die Frage, warum sie den Befehl gegeben habe, die Arbeit der Männer wieder zu zerstören, antwortete Zauberjette nur, dass der Brocken ihr Reich sein und niemand daran rumzuwerkeln habe.

Doch sie machte den Rittern auch ein Angebot: Wenn diese sich nämlich in ihre Dienste stellen würden, dann würde sie sie gerne aufnehmen, dazu auch noch die Räuber. Und da Otto und Ramme nichts zu verlieren hatten, blieben sie bei der Zauberin.

Die Tage vergingen und bald machten die Jünglinge eine merkwürdige Entdeckung: Die Macht der Zauberin schien von Tag zu Tag schwächer zu werden und sie selbst immer älter. So war es tatsächlich, denn Zauberjette hatte von dem Moment an, als die jungen Männer in ihr Leben getreten waren, vergessen, ihren Zaubertrank pünktlich um 12 Uhr am Wolfsbrunnen zu sich zu nehmen – und nur der erhielt sie am Leben.

Als Zauberjette nun merkte, dass ihr letztes Stündlein gekommen war, bat sie die beiden Ritter zu einem kleinen Umtrunk zu sich. Noch einmal wolle sie aus einem goldenen Becher auf ihr Wohl trinken. Gerade als Ramme seinen Becher an den Mund setzte, trat aus dem hinteren Teil der Höhle ein alter Mann hervor und schrie aufgeregt: „Halt! Trinke den Inhalt dieses Bechers nicht, er ist vergiftet!“ Und an Zauberjette gewandt sagte er: „Nun sind die zwölf Jahre um, die du mich in den Schlaf gezaubert hast!“

Ramme hatte das Gefühl, diese Stimme zu kennen, und als er sich den alten Mann ein wenig genauer besah, erkannte er in ihm seinen schon seit vielen Jahren vermissten Vater. Die beiden schlossen sich bewegt in die Arme und der alte Mann wiederholte noch einmal: „Ich bin dein Retter. Hättest du den Trank der Zauberjette zu dir genommen, so wärst du nun tot!“

Da ergriff Ramme sein Schwert und schlug der alten Zauberin den Kopf ab. Ein fürchterlicher Tumult erhob sich in dem Berg und der schwarze Hund, der bis dahin ruhig in einer Ecke der Höhle gelegen hatte stand auf und zog sich zurück, um kurze Zeit später als alter Mann wieder auf der Bildfläche zu erscheinen. „Für mich ist nun die Erlösung gekommen“, sagte er glücklich. „Der Berg und seine Schätze gehören euch!“

Und so ist es heute auch noch, denn aus den Bergwerken werden noch immer die Schätze der Zauberjette gefördert.

Der tausendjährige Rosenstrauch zu Hildesheim

Mehr als 1000 Jahre ist es inzwischen her, dass Ludwig der Fromme in einem Winter in der Gegend rund um Hildesheim zur Jagd aufbrach. Doch während er jagte, geschah ein Unglück. Ludwig nämlich verlor sein mit einem Heiligtum gefülltes Kreuz, an dem er mit viel Liebe hing.

Als Ludwig der Fromme den Verlust bemerkte, sandte er seine Diener aus, um das Kreuz suchen zu lassen. Und er versprach, sollten sie es finden, an dem Ort, wo sie das Kreuz finden würden, eine Kapelle erbauen zu lassen.

Die Diener machten sich sogleich auf den Weg und folgten den Spuren im Schnee, die Ludwig und seine Gefolgschaft hinterlassen hatten. Sie waren noch gar nicht weit gegangen, da sahen sie mitten im Schnee im dichten Wald grünen Rasen und darauf einen grünen wilden Rosenstrauch. Als die Diener sich diesem Phänomen näherten, sahen sie, dass Ludwigs verloren gegangnes Kreuz an einem der Zweige hing.

Sofort nahmen Ludwigs Untertanen das Kreuz an sich und berichteten dem Kaiser, wo und wie sie es gefunden hatten. Sogleich befahl der Kaiser, so wie er es versprochen hatte, eine Kapelle an jenem Ort errichten zu lassen. Der Altar sollte genau dort stehen, wo der Rosenstrauch stand.

Alles geschah so, wie es Ludwig der Fromme befohlen hatte. Bis auf die heutige Zeit kann jeder, der möchte, den tausendjährigen Rosenstrauch um die Apsis des Domes bestaunen, der eigens von einem dazu bestellten Mann gepflegt und gehegt wird. Die Zweige und Äste dieses Rosenstrauches sind heute so weit verzweigt, dass sie bereits in den Kreuzgang hinein wachsen.

Pater und Nonne bei Letmathe

Unweit des Dorfes Letmathe findet der Besucher am Ufer des Flüsschens Lenne zwei aufrecht stehende Kreidefelsen, die schon allein wegen ihrer Farbe so gar nicht in die Landschaft passen wollen. Im Volksmund heißen diese beiden Felsen „Pater“ und „Nonne“ – diese beiden Namen gehen auf eine alte Geschichte zurück, die man sich im Sauerland gerne einmal erzählt:

Vor vielen, vielen Jahren lebte einmal in einem Kloster ein Mönch, der sehr streitlustig war und so rein gar nichts von dem abstinenten und strengen Leben hinter den Klostermauern hielt. Eines Tages war er der Enge des Klosterlebens entflohen, hatte weiter nichts auf die Warnungen seiner Mitbrüder gegeben und mit ein paar anderen Gesellen zusammen auf einem Hügel oberhalb der Lenne bei Letmathe ein imposantes Ritterschloss errichten lassen.

Dort hatte er wie ein Fürst gelebt und war schließlich zu einer Nonne in heißer Liebe entbrannt. Auch diese Nonne fühlte sich in der strengen Ordnung ihres Klosters nicht wohl, und so war sie dem Pater auf sein Ritterschloss gefolgt. Immerhin hatte die junge Dame den Weg ins Kloster nicht freiwillig gewählt, sondern war von ihren Verwandten hierher gebracht worden.

So lebten nun Pater und Nonne viele Jahre miteinander, doch ihre Ordenstracht, zwei weiße Gewänder, legten sie niemals ab. Eines Tages kündigte ein Bischof den Besuch in der Gegend an. Pater und Nonne stellten sich dem Mann höhnisch lachend in den Weg und ließen ihn sogar schließlich, als er ihnen ihren Lebensstil vorwarf, in die Lenne werfen.

Doch bevor der Mann in den Fluten des Flusses umkam, sagte er den beiden Abtrünnigen ihre Zukunft voraus. Pater und Nonne lachten nur über den sterbenden Bischof. Plötzlich aber zog ein Unwetter auf - und das Ritterschloss samt Mann und Maus versank im Boden. Pater und Nonne aber wurden vom Blitz getroffen und verwandelten sich noch an Ort und Stelle des Geschehens in Stein. Bis zum jüngsten Tag müssen sie nun oberhalb der Lenne in der Nähe des Städtchens Letmathe ausharren.

Und wer der Geschichte keinen Glauben schenkt, der kann heute noch die Umrisse jener Burg oben auf dem Burgberg erkennen, die der Pater einst gebaut hatte.

Frau Holle als Ehestifterin in Andreasberg

In Andreasberg kennt man einen Ort im Wald, den man schon seit Urzeiten „Die drei Jungfern“ nennt. Dorthin zogen eines Sonntags drei junge Mädchen aus dem Ort, die alle schon einen Bräutigam hatten und bald Hochzeit feiern wollten.

Als die drei so unter den Tannen saßen und über ihre Liebsten schwätzen, hörten sie plötzlich ein Geräusch. Die Mädchen blickten auf und sahen vor sich ein altes, ungepflegtes Weib mit verfilzten Haaren, das halb gutmütig, halb zornig in die Welt blickte. „Diejenige von euch dreien, die heute Nacht zwischen elf und zwölf Uhr am Hahnenklee erscheint und ihn blitzblank scheuert, wird in Kürze ihren Bräutigam heiraten.“

Nachdem die Alte diese Worte von sich gegeben hatte, verschwand sie im Nebel und ward nicht mehr gesehen. Die Mädchen aber staunten nicht schlecht, denn sie wussten, dass ihnen gerade Frau Holle erschienen war. Für die kommende Nacht verabredeten sich die drei, denn jede wollte bald gerne Braut sein.

Es war stockfinster, kein Mond, kein Stern leuchtete, als sich die jungen Frauen um halb elf in der Nacht wieder trafen. Nur in der Ferne hörte man ein Donnergrollen. Die Mädchen gingen schweigend nebeneinander her.

Als sie die Stelle, die man im Volksmund „Gesehr“ nennt, erreicht hatten, sprach eines der Mädchen: „Ich kehre um, ich gehe nicht weiter.“ Dann trat die junge Frau den Heimweg an, und die zweite folgte ihr schon kurze Zeit später, denn auch sie hatte die Furcht gepackt. Unbeirrt aber schritt das dritte Mädchen weiter und als es am Hahnenklee angekommen und sogleich mit seiner Arbeit begonnen hatten, den Hahnenklee zu schrubben, trat Frau Holle auf die junge Frau zu: „Du hast Wort gehalten“, sagte Frau Holle, „so will auch ich Wort halten. Du wirst bald zum Traualtar geführt werden. Die anderen beiden aber werden niemals einen Mann bekommen.“

Und die Worte von Frau Holle sollten nicht unwahr sein. Das Mädchen, das zuerst umgekehrt war, hatte einen Bräutigam, der Bergmann war. Wenige Tage nach dem Zusammentreffen mit Frau Holle brachte man den jungen Mann tot nach Hause. Er war bei einem Bergwerksunglück ums Leben gekommen. Vor lauter Trauer und Gram starb das Mädchen drei Tage später an gebrochenem Herzen. Die beiden Leichname wurden nebeneinander bestattet.

Das zweite Mädchen hatte einen Bräutigam, der in den Krieg ziehen musste. Er fiel und die Frau blieb ihr ganzes Leben lang unverheiratet. Nur das dritte Mädchen heiratete tatsächlich bald ihren Verlobten und lebte glücklich bis an ihr Lebensende mit ihm. Sogar Frau Holle erschien zur Hochzeitsfeier und überreichtem einem der Gäste als Gabe für das Brautpaar eine silberne Wiege. Und als man sich das Geschenk ein wenig näher besah, da stellte man voller Rührung fest, dass es voll mit blanken Andreasberger Silbergroschen war.

So gibt es seit diesem Tage in Andreasberg die Tradition, dass ein Mädchen, das keinen Mann zum Heiraten in Aussicht hat, zum Hahnenklee geht und ihn schrubbt, will sie bald Braut sein. Und in Häusern, in denen noch jene alten Öfen stehen, die zwei Zimmer gleichzeitig beheizen können, sagt man oft: „Schrich sachte, de Frau Holle horcht!“

Die Jungfrau am Drachenfels

Vor ewigen Zeiten lebte im Siebengebirge einmal ein stolzer Drache, den die Bewohner dieses Landstrichs über alle Maßen verehrten. Noch nie hatten diese Menschen von Jesus oder Gott gehört, sie waren Heiden und brachten diesem Drachen sogar Menschenopfer.

In der Regel nahmen sie dazu keine Bewohner des Siebengebirges, sondern Menschen, die sie im Krieg gefangen genommen hatten. Eines Tages war die Zeit wieder einmal für ein Menschenopfer gekommen. Da trug es sich zu, dass die Soldaten aus dem Siebengebirge als Kriegsbeute eine schöne Jungfrau mit nach Hause gebracht hatten.

Um die war nun ein Streit zwischen zwei Anführern entbrannt und um diesen zu schlichten, beschloss man kurzerhand, die Jungfrau dem Drachen zu opfern. Als die junge Frau zu diesem schrecklichen Ungeheuer geführt wurde, trug sie ein weißes Kleid und einen Blumenkranz im Haar. Sie sah wunderschön aus und dem Volk, das sich zu dieser Opferung eingefunden hatte, tat sie schon fast Leid. Aber das Schicksal hatte es so beschlossen, die junge Frau musste sterben.

Eigentlich hätte man nun meinen können, dass die Jungfrau im Angesicht ihres Schicksals hätte verzweifelt sein müssen. Aber diesen Eindruck machte sie nun ganz und gar nicht. Sie stand ganz ruhig auf dem Felsen, auf den man sie geführt und auf dem der Eingang zur Höhle des Drachen lag, und schaute mit frommem Blick zum Himmel.

Kaum war die Sonne ganz aufgegangen und hatte den Drachen wach gekitzelt, da erschien das mächtige und gefürchtete Tier auch schon im Eingang seiner Höhle. Voller Vorfreude auf ein gesegnetes Mahl betrachtete er die Jungfrau. Doch die blieb weiterhin ganz ruhig und ließ keine Angst erkennen. Ganz langsam zog sie ein Kreuz mit einem Bild von Jesus Christus aus der Tasche ihres Kleides und hielt es dem Ungeheuer entgegen.

Und womit keiner gerechnet hatte, geschah: Der Drache bebte und zürnte und stürzte sich schließlich mit einem fürchterlichen Schrei vom Felsen in die Tiefe. So etwas hatte noch kein Bewohner des Siebengebirges je gesehen. Nun wollten natürlich alle wissen, um welches „Zaubermittel“ es sich handelte, mit dem die schöne Jungfrau den Drachen besiegt hatte.

Die erzählte nun gerne von Jesus, Gott und dem Christentum und die Bewohner des Siebengebirges waren so begeistert, dass sie die junge Frau baten, zu ihrem eigenen Volk zurückzukehren, um dann einen Priester zu schicken, der ihnen noch mehr von all diesen Wundern erzählten könnte.

Und so geschah es, dass das Christentum auch in die Gegend um das Siebengebirge einzog. An der Drachenhöhle wurde später eine Kapelle errichtet. Und der Drache? Der wurde niemals mehr gesehen.

Die Jungfrau von der Lorelei

Vor langer Zeit lebte auf der Lorelei, einem Felsen am Rhein, ein wunderschönes junges Mädchen. Es hatte eine liebliche Stimme, die alle Menschen verzauberte. Immer wenn sie eines ihrer Lieder sang, dann blieben die Menschen sprachlos stehen, um der faszinierenden Stimme zu lauschen.

Alles hätte so schön sein könne, doch leider ließen sich auch die Fischer auf dem Rhein von dem Gesang der Jungfrau in den Bann ziehen. Und so achteten sie nicht mehr auf die Felsen, die den Rhein an dieser Stelle ganz besonders gefährlich machen, und versanken mit ihren Schiffen mitsamt Mann und Maus in den Fluten des Flusses.

Dabei mochte das Mädchen die Fischer ganz besonders gerne. Nur ihnen zeigte sie sich, kein anderer Mensch wusste, wie schön und liebreizend sie war. Die Fischer waren es schließlich, die die Geschichte von der schönen Jungfrau weit hinaus in die Welt trugen.

So kam es, dass auch der Sohn des Pfalzgrafen von diesem einzigartigen Mädchen, von ihrer Schönheit, ihrem Liebreiz und ihrer wundervollen Stimme hörte, aber auch von den tragischen Ereignissen auf dem Wasser. Und er beschloss sofort, diesem Spuk ein Ende zu bereiten.

Eines Abends zog er also aus, setzte sein Boot auf den Rhein und ruderte zu der Stelle, die ihm die Fischer mitgeteilt hatten. Einen von ihnen hatte der Grafensohn mitgenommen. Als sie nun an die Stelle kamen, wo der Lorelei-Felsen lag, da rief der Fischer: „Seht dort. Dort oben sitzt sie. Hört Ihr ihre Stimme?“ Da sah auch der junge Adelige die schöne Frau, die am Rande des Felsen saß und ihre goldenen Haare kämmte. Dabei sang sie ein trauriges Lied.

Es dauerte nur wenige Minuten, da war der junge Mann der Jungfrau hoffnungslos verfallen. Er befahl dem Fischer das Boot an Land zu rudern. Aber als er selbst an Land springen wollte, da rutsche er unglücklich aus und versank - wie schon viele Männer vor ihm - in den Fluten des Rheins. Nie wieder hat jemand den Sohn des Pfalzgrafen gesehen...

Als der Vater von dem großen Unglück erfuhr, da wurde er sehr zornig. Er befahl einem seiner Soldaten, die Frau - tot oder lebendig - zu ihm zu bringen. Der versprach es und zog schon am folgenden Abend zur Lorelei aus. Tatsächlich schaffte es dieser Mann, den Felsen unversehrt zu erklimmen. Oben saß die schöne Frau mit einer Bernsteinkette in der Hand, sah ihn erwartungsvoll an und fragte schließlich: „Was möchtest du von mir?“

„Natürlich dich, du Zauberin“, rief der Angesprochene. „Ich befehle dir, dich sofort in die Fluten des Rheins zu stürzen, du hast Unglück über das Heim unseres Pfalzgrafen gebracht.“ Da lachte die Jungfrau, warf die Bernsteinkette in den Fluss hinunten und rief: „Vater, Vater, geschwind, geschwind die weißen Rosse schick deinem Kind es will reiten mit Wogen und Wind.“

Kaum hatte sie das Letzte Wort ausgesprochen, da bäumten sich zwei mächtige weiße Wellen im Rhein auf, brachen über dem Felsen, auf dem das schöne Mädchen saß, zusammen und zogen es mit sich in die Tiefe des Flusses, wo sie verschwand.

Nie wieder hat ein Mensch die Jungfrau von der Lorelei gesehen.

Die schöne Melusine und das Schloss Staufenberg

Im Schloss Staufenberg bei Durbach lebte vor vielen Jahren einmal ein Amtsmann, dessen Sohn als Vogelsteller arbeitete. Jeden Morgen zog dieser aus, auf der Suche nach einem besonders schönen gefiederten Freund. Als Sebald, so der Name des Jünglings, eines Tages wieder unterwegs war, hörte er ein liebliches Singen, das ihn sofort faszinierte.

Er erblickte in einem Busch aber keinen Vogel, sondern ein bildhübsches Mädchen, das ihn flehend anschaute.

„Ich warte schon so lange auf dich“, sagte die schöne Ungekannte. „Ich bin verwunschen und nur du kannst mich retten. Du musst mich nur dreimal dreifach küssen.“ Nichts leichter als das, dachte sich Sebald, der das Mädchen sofort nach seinem Namen fragte. „Ich heiße Melusine“, sagte die junge Frau, „und ich habe einen großen Brautschatz. Wenn du mich erlöst, dann werde ich als deine Frau meinen Reichtum mit dir teilen.“

Melusine war derweil aus dem Gebüsch gekommen und da erkannte der Jüngling, dass sie nicht nur wunderschön war, sondern statt der Beine einen Fischschwanz und statt der Finger trichterförmige Höhlungen an den Händen hatte. Natürlich erschrak er ein wenig, aber der Liebreiz dieses blonden Mädchens mit dem schönen Antlitz zog ihn magisch an.

Sofort küsste er sie, so wie sie ihm gesagt hatte auf beide Wanden, dann auf den Mund. Und er versprach, auf jeden Fall am nächsten Morgen wiederzukommen.

Und so stand der junge Mann an nächsten Tag zur gleichen Zeit am gleichen Ort. Doch dieses Mal erschien das Mädchen mit einem Drachenschweif dort, wo andere Menschen ihre Beine haben, und mit Flügeln anstelle von Armen und Händen. Natürlich wunderte sich der Jüngling sehr über das veränderte Bild der jungen Frau, doch ihr Gesicht war noch ebenso schön wie am Tag zuvor. Also küsste er sie, so wie sie ihm gesagt hatte: Zwei Küsse auf die Wangen, dann ein Kuss auf den Mund.

Auch am dritten Morgen tauchte Sebald, der junge Vogelsteller, wieder am verabredeten Ort auf. Doch dieses Mal konnte er sich nicht überwinden, die „Schöne“ zu küssen. Denn die trug nun einen hässlichen Krötenkopf und der Drachenschwanz umschlang ihn sogleich, so dass er kaum noch Luft bekam. Doch er wollte es nicht unversucht lassen: „Ich kann dich nur küssen, wenn du wieder dein menschliches Gesicht annimmst“, sagte er. Da schrie Melusine aus vollem Herzen: „Nein.“ Und als sie Sebald ganz umschlingen wollte, floh er aus dem Wald und kehrt dorthin nicht zurück.

Zwei Jahre später wurde Hochzeit auf Schloss Staufenberg gefeiert. Sebald nahm die Tochter des Amtsvogts seines Vaters zur Frau, die Hochzeit wurde groß gefeiert. An das Mädchen im Wald hatte er schon lange nicht mehr gedacht. Als die Gäste alle fröhlich beim Essen saßen, fiel unbemerkt ein Tropfen von der Decke auf Sebalds Teller. Er aber hatte nichts davon bemerkt und aß sein Mahl unbeirrt weiter. Und starb noch während des Hochzeitessens an der festlich gedeckten Tafel.

An der Decke des Saales aber zog sich ein Schlangenschwanz in seine Behausung zurück.

So rächte sich Melusine an dem Mann, der ihre Rettung hätte sein können, auf grauenvolle Weise.

Die Zwerge vom Goldberg

In Hagen gibt es eine Höhle in einem Berg, den die Menschen „Goldberg“ nennen. Dort lebten vor langer langer Zeit Zwerge, die den Menschen gerne und oft bei ihrer Arbeit halfen. Heimlich natürlich!

So gingen sie beispielsweise in der Nacht in die Schmiede, entfachten das Feuer neu und schmiedeten Schwerter, Messer und Sensen von so hoher Qualität, wie man sie kaum je woanders fand.

Natürlich freuten sich Hagens Schmiede über diese ungewöhnliche Hilfe, denn die Dinge, die die Zwerge fertigten, waren viel besser hergestellt als ihre eigenen Sachen und so konnten sie sie auch für einen höheren Preis verkaufen.

Doch wie es so oft ist, irgendwann wollten die Schmiede mehr, waren mit der Arbeit der Zwerge alleine nicht mehr zufrieden. Denn die Schmiede wussten, dass die Zwerge Hüter eines sagenhaften Goldschatzes waren – und in dessen Besitz wollten sie natürlich kommen.

Eines Nachts lauerten sie deshalb den Zwergen in ihrer Werkstatt auf und nahmen den letzten, der nach getaner Arbeit den Raum verlassen wollte, gefangen. Der Zwerg flehte die Schmiede an, ihn frei zu lassen. Er versprach, sie zur Höhle mit dem Goldschatz zu führen und sie reich zu beschenken. Seine einzige Bedingung: In der Höhle dürfte niemand streiten oder sprechen.

Natürlich versprachen die Schmiede alles, um in den Besitz des Goldes zu kommen. Doch kaum hatten sie den unermesslichen Schatz mit eigenen Augen erblickt, begannen sie zu zanken und zergeln, zu streiten und zu schreien. Jeder wollte den größten Anteil bekommen!

Da ließ der Zwerg die Decke der Höhle einstürzen. Die Gesteinsmassen begruben die Schmiede unter sich, sie alle starben, weil sie nicht Maß halten konnten.

Die Zwerge aber hat seitdem niemals jemand mehr gesehen.

Die DEUTSCHEN SAGEN wurden von Martina Meier für den Lesekorb nacherzählt.


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