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Black Beauty

von Anna Sewell

Vorwort

Das Pferd "Black Beauty" erzählt in diesem Buch seine Lebens- und Leidensgeschichte. Der schwarze Hengst mit einem weißen Fuß und einem weißen Stern auf der Stirn wird in guter Umgebung unter besten Umständen geboren. Leider hat er es im Laufe seines Lebens nicht immer so gut wie beim Landarzt Dr. Gordon, der sein erster Besitzer ist.

Sein Lebensweg führt ihn zu verschiedenen Besitzern, auch zu den Leuten, die ihre Pferde quälen und schinden. Dazu muss man wissen, dass der Roman aus der Zeit vor der Erfindung des Autos erzählt und damals Pferde zu den wichtigsten Verkehrsmitteln zählten - also als Arbeitstiere fungierten.

Anna Sewell schrieb im Laufe ihres Lebens nur diesen einen Roman. Sie wurde am 30. März 1820 in Yarmouth/Norfolk in England geboren. Ihre Mutter war die damals noch unbekannte Schriftstellerin Mary Wright Sewell, ihr Vater war Mitarbeiter einer Bank.

Im Alter von zwölf Jahren hatte Anna einen tragischen Unfall, bei dem sie sich eine Knieverletzung zuzog, die nie wieder verheilen sollte. Dadurch musste sie oft an Krücken gehen und war häufig auf Pferdekutschen angewiesen. Daher kam auch ihre Liebe zu Pferden, die damals oft schlecht behandelt wurden.

Eigentlich wollte sie mit dem Buch "Black Beauty" Tierhalter, Pferdebesitzer oder Pferdepfleger ansprechen. Sie sollten nach der Lektüre rücksichtsvoller mit den Tieren umgehen. Doch die klare Sprache und die Tatsache, dass sie den Roman aus der Perspektive des Pferdes geschrieben hat, führte dazu, dass es mit den Jahren ein Kinderbuch wurde.

Anna Sewell löste mit dem Roman eine weltweite Debatte um den Tierschutz aus. Die Geschichte wurde nicht nur in viele Sprachen übersetzt sondern zudem mehrfach verfilmt.

Leider erlebte Anna Sewell diesen Erfolg nicht mehr. Sie wurde bereits während sie es schrieb schwer krank und war lange Zeit bettlägrig. Ein Jahr nach Erscheinen ihres einzigen Buches verstarb sie am 25. April 1878 in Norwich.

Und nun - reitet lesenderweise mit Black Beauty durch die Abenteuer seines Lebens. Ich wünsche euch einen aufregenden Lesespaß!

Mein erstes Zuhause

Der erste Platz, an den ich mich entsinnen kann, ist eine große wundervolle Koppel mit einem klaren Teich. Einige Bäume säumten das Ufer und in den tieferen Stellen wuchsen Binsen und Seerosen. Hinter der Hecke blickten wir auf Felder und auf der gegenüberliegenden Seite lag das Haus unseres Herrn, ganz nah bei der Straße. Ein Kiefernwäldchen begrenzte unsere Weide am oberen Ende und ein durch die steile Böschung fast unsichtbarer Bach floss am unteren Ende entlang.

Als junges Fohlen ernährte ich mich ausschließlich von der Milch meiner Mutter. Weder tagsüber noch nachts wich ich von ihrer Seite. Bei heißem Wetter hielten wir uns am Teich auf, wo es schattig war und wenn die Kälte hereinbrach, hatten wir einen schönen Unterstand beim Wäldchen.

Dann war ich endlich alt genug, um Gras zu fressen. Fortan ging meine Mutter jeden Morgen zur Arbeit und kam erst am Abend wieder zurück. Außer mir lebten noch sechs andere Fohlen auf unserer Wiese. Sie waren alle älter als ich, einige davon waren sogar schon fast erwachsen. Wir spielten den ganzen Tag, manchmal auch ziemlich wild oder wir galoppierten um die Wette. Auf jeden Fall hatten wir viel Spaß miteinander.

Als wir eines Tages besonders wild herumtobten, wieherte meine Mutter mir zu, ich möge zu ihr kommen. Sie sagte: "Hör zu, Kleines. Deine Freunde hier sind gute junge Fohlen. Aber sie sind Zugpferde, denen jegliches gute Benehmen abgeht. Du dagegen bist wohl erzogen und von bester Zucht. Dein Vater ist berühmt und dein Großvater gewann das große Rennen von Newmarket. Und deine Großmutter war das sanfteste Pferd, das es je gab. Und ich bin mir sicher - auch mich hast du niemals beißen oder ausschlagen sehen. So hoffe ich, dass du die Tradition fortsetzen wirst und zu einem freundlichen und sanftmütigen Pferd heranwächst. Nimm keine Unarten an und erledige stets gewissenhaft deine Arbeit. Schlage nicht aus und beiße nie, nicht einmal aus Spaß."

Der Rat meiner Mutter blieb mir stets in Erinnerung. Sie hieß Duchess - Herzogin - und unser Herr hielt viel von ihr. Meist nannte er sein kluges vertrautes Lieblingspferd zärtlich "Schätzchen".

Unser Besitzer war überhaupt ein freundlicher Mensch. Wir bekamen gutes Futter und hatten ein hübsches Zuhause. Er sprach stets liebevoll mit uns, wie mit kleinen Kindern. Wir liebten ihn alle, aber meine Mutter mochte ihn besonders. Sie begrüßte ihn immer mit einem Wiehern und trabte sofort zu ihm, wenn er ans Tor kam.

Dann streichelte er sie und flüsterte: "Na, mein Schätzchen. Wie geht es deinem kleinen Darkie?" Er nannte mich so wegen meines schwarzen Fells. Dann gab er uns ein wenig Brot und gelegentlich fütterte er meine Mutter mit einer Möhre. Wir schienen seine Lieblinge zu sein. An den Markttagen zog ihn meine Mutter immer mit einem Einspänner in die Stadt.

Auf unserem Hof arbeitete ein Junge namens Dick. Er streifte öfters an der Brombeerhecke vorbei und aß sich satt. Danach langweilte er sich und bewarf uns Fohlen mit Steinen und Stöcken, damit wir galoppierten. Nur so aus Spaß, wie er meinte. Doch manchmal wurde einer von uns getroffen und verletzt. Doch Dick hörte nicht auf.

Eines Tages jedoch beobachtete unser Herr dieses wüste Spiel. Er schwang sich über die Hecke, griff nach Dicks Arm und verpasste ihm eine Ohrfeige. Der Junge schrie überrascht und vor Schmerz auf. Neugierig beobachteten wir, wie unser Herr ihn anschrie: "Du gemeiner Kerl! Du Grobian! Das war das letzte Mal, dass du die Fohlen gejagt hast. Nimm deinen Lohn und verschwinde. So jemanden kann ich auf meinem Hof nicht mehr gebrauchen."

Dick sahen wir nie wieder. Doch der alte Daniel kümmerte sich ebenso freundlich um uns Pferde wie unser Herr. Wir fühlten uns sehr wohl hier!

Die Jagd

Im Frühjahr, bevor ich zwei Jahre alt wurde, ereignete sich etwas Unvergessliches. In der Nacht zuvor war es noch gefroren. Leichte Nebelschwaden lagen über den Wiesen. Gemeinsam mit den anderen Fohlen graste ich auf unserer Weide, als aus der Ferne Hundegebell erklang.

Wir spitzten die Ohren und das älteste Fohlen erkannte: "Es sind Jagdhunde!" Es galoppierte uns voran auf den oberen Teil der Wiese. Über die Hecke hinweg beobachteten wir die benachbarten Felder. Das alte Reitpferd unseres Herrn und meine Mutter standen bereits dort und wussten genau, um was es ging.

"Sie haben einen Hasen aufgespürt", rief meine Mutter, "vielleicht geht die Jagd hier entlang." Und schon preschten Hunde wild durch das Nachbarfeld. Sie jaulten "Jou! Jou-ou-ou!" Grün gekleidete Reiter folgten ihnen in atemberaubendem Tempo. Zu gerne wären wir jungen Fohlen mitgelaufen. Doch die Truppe war zu schnell weg. In den unten liegenden Feldern hielten die Reiter an und ihre Hunde liefen still umher, die Nase dicht über dem Boden.

Ein Pferd sagte: "Wie es scheint, haben sie die Spur des Hasen verloren."

Ich fragte: "Welcher Hase?"

"Irgendein Hase", erklärten sie mir. "Bei einer Jagd ist es denen egal, welchem Hasen sie folgen. Hauptsache, sie haben was zu jagen."

Doch kurz darauf stürmten sie auf unsere Seite der Wiese zu. Meine Mutter rief: "Da ist der Hase!" Die Hunde jagten hinterher, auf das Wäldchen zu, in das der verschreckte Hase gehetzt war. Dicht hinter ihnen folgten die Jäger. Sie flogen auf ihren Pferden nur so über den Bach. Flink versuchte der Hase noch, durch das Gatter zu schlüpfen, aber die Hunde hetzten schon mit wildem Gejaule herbei. Ein Schrei - und es war um den Hasen geschehen.

Ein Jäger trieb die Hunde auseinander, bevor sie ihre Beute in Stücke reißen konnten. Stolz hob er den blutüberströmten Hasen empor. Alle schienen zufrieden.

Ich war derart erschrocken, dass ich erst später merkte, was am Bach passiert war. Zwei Pferde hatten sich verletzt. Eines versuchte gerade, aus dem Bach zu kommen. Das andere lag regungslos auf dem Boden. Es hatte sich das Genick gebrochen.

Eines der Fohlen meinte: "Geschieht ihm doch ganz recht."

Doch meine Mutter widersprach. "Keiner von uns weiß, weshalb die Menschen diesen Sport betreiben. Bei der Jagd richten sie gute Pferde zugrunde, sie schaden sich selbst und verwüsten ihre Felder. Das alles wegen eines unschuldigen Hasen oder eines Hirsches. Aber wir sind Pferde und werden das wohl nie verstehen."

Währenddessen sahen wir den jungen Mann an, der am Bach lag. Unser Herr, der auch dabei war, hob den Verletzten hoch. Sein Kopf fiel leblos nach hinten. Plötzlich war es still und alle blickten sehr ernst. Sogar die Hunde.

Es war der einzige Sohn des Gutsbesitzers Gordon. Der junge George war der Stolz seiner Familie.

In alle Richtungen stoben die Männer davon. Die einen sollten den Eltern des jungen Mannes die traurige Nachricht bringen, die anderen sollten den Doktor und den Tierarzt holen.

Der Tierarzt, Mr. Bond, sah den verletzten Rappen auf der Wiese liegen und untersuchte ihn gründlich. Dann schüttelte er den Kopf. Ein Bein war gebrochen. Jemand rannte zum Haus, holte ein Gewehr. Dann hörten wir den Knall und einen grellen Schrei. Anschließend war alles wieder still.

Meine Mutter erzählte betroffen, dass sie den Rappen, Rob Roy, seit Jahren gekannt hatte. Er sei ein mutiges Pferd gewesen. Seit diesem Ereignis kam sie nicht einmal mehr in die Nähe dieser Stelle auf unserer Wiese.

Wenige Tage später läuteten die Glocken unserer Kirche ziemlich lange. Wir sahen übers Gatter hinweg einen langen schwarzen Wagen. Schwarze Pferde zogen ihn und viele schwarz gekleidete Leute liefen hinterher. Der junge Gordon sollte heute zu seiner letzten Ruhestätte gebracht werden. Nie wieder würde er reiten. Und ich fragte mich, was wohl aus Rob Roy geworden war. Und das alles wegen eines kleinen Hasen!

Meine Ausbildung

Inzwischen wurde ich erwachsen und mein Fell war seidenweich und tiefschwarz. Ich hatte einen weißen Fuß und auf meiner Stirn einen kleinen weißen Stern. Überall galt ich als ausnehmend schön. Trotzdem wollte mein Herr mich nicht verkaufen, bevor ich vier Jahre alt wurde. Er war davon überzeugt, dass Jungen nicht so arbeiten sollten wie Männer und Fohlen nicht wie erwachsene Pferde.

Gutsbesitzer Gordon begutachtete mich, als ich vier Jahre alt war. Er sah sich mein Gebiss, meine Augen und meine Beine an. Danach musste ich traben und galoppieren. Ich glaube, er mochte mich, denn er sagte: "Wenn er sorgfältig eingeritten wird, wird ein gutes Pferd aus ihm."

Mein Herr versprach, dass er mich selbst ausbilden wolle, damit ich nicht scheu wurde. Und leiden sollte ich auch nicht müssen. Gleich am nächsten Tag ging es los.

Wenn ein Pferd eingeritten, bzw. eingefahren wird, muss es lernen, einen Sattel und Zaumzeug zu tragen. Außerdem muss es lernen, einen Menschen auf seinem Rücken reiten zu lassen und es muss sich an das Geschirr gewöhnen. Das Pferd muss absoluten Gehorsam gegenüber seinem Herrn lernen. Es darf weder scheuen, beißen, ausschlagen noch eigenwillig sein. Das Schlimmste ist, dass es nicht mehr vor Freude springen darf und auch nicht mehr vor Müdigkeit abliegen, wenn es angeschirrt ist. Es handelt sich hier also um eine recht schwierige Ausbildung wie ihr seht.

An das Halfter war ich bereits gewöhnt. Nun kam das Zaumzeug dran. Mein Herr war zwar vorsichtig und streichelte und sprach mit mir, dennoch war es ein abscheuliches Gefühl, dieses Stück kalten Stahls, das dick wie ein Menschenfinger zwischen meinen Zähnen über die Zunge geschoben wurde. Beiderseits ragt es aus dem Maul und wird mit dem Riemen um den Kopf, unter der Kehle und um die Nase befestigt. Es gab keine Möglichkeit mehr, das fürchterliche Ding loszuwerden. Aber ich wusste auch, dass meine Mutter und die anderen erwachsenen Pferde immer Zaumzeug trugen, wenn sie fortgingen. Mit vielen Streicheleinheiten und feinem Hafer schaffte es mein Besitzer, mich an das Geschirr zu gewöhnen.

Der Sattel war dann nur noch halb so schlimm. Obwohl es sich merkwürdig anfühlte, trug ich meinen Herrn stolz auf dem Rücken.

Dann kam das Beschlagen meiner Hufe, was zu Beginn sehr unangenehm war. Der Schmid nahm ein Bein nach dem anderen und schnitt etwas vom Huf ab. Das tat nicht arg weh. Dann machte er mit Nägeln ein hufförmiges Stück Eisen an jedem Fuß fest. Danach fühlten sich meine Beine ganz schwer an. Aber auch daran gewöhnte ich mich allmählich.

Das Zuggeschirr, das dann kam, war noch einmal fremd. Mein Herr legte mir dazu noch Scheuklappen an, damit ich nur noch geradeaus sehen konnte. Aber ich gewöhnte mich an alles.

Ein Teil meiner Ausbildung war überaus nützlich. Mein Herr brachte mich für zwei Wochen zu einem benachbarten Bauern, dessen Weide direkt an den Bahnschienen lag. Dort leistete ich Kühen und Schafen Gesellschaft. Ich werde niemals den Tag vergessen, an dem der erste Zug vorbeiraste. Ich graste gerade ruhig vor mich hin, als ich aus der Ferne diesen sonderbaren Ton hörte. Bevor ich begriff, was los war, schoss dieses schwarze qualmende Ungeheuer an mir vorbei. Ich wusste nicht, was es war und ehe ich Luft holen konnte, war der Spuk vorbei. Vor Schreck galoppierte ich wie wild bis ans andere Ende der Wiese, ehe ich schnaubend anhielt. Doch bis zum Ende des Tages kamen noch viele Züge vorbei, jeder mit einem anderen Tempo und Geräusch.

Während der ersten Tage konnte ich kaum grasen. Doch dann gewöhnte ich mich daran und beachtete die Geräuschkulisse gar nicht mehr. Am Ende hob ich nicht einmal mehr den Kopf, wenn das schwarze Monster wieder einmal vorbeifuhr.

Viele Pferde fürchten sich vor den Geräuschen der Dampfmaschine. Dank dieses Trainings fühle ich mich auf Bahnhöfen so sicher wie in meinem Stall. Das verdanke ich meinem Herrn.

Häufig spannte mein Besitzer mich mit meiner Mutter zusammen an. Sie war zuverlässig und lehrte mich alles, was ich wissen musste. Sie erklärte mir auch, dass ich mich stets bemühen sollte, meinen Herrn zufrieden zu stellen. Je besser ich mich betragen würde, desto besser würde ich dann auch behandelt werden. Wobei, eines Tages sagte sie: "Es gibt verschiedene Menschen. Da sind die Achtsamen wie unser jetziger Herr, dem jedes Pferd nur zu gerne dient. Dann gibt es aber auch grausame Menschen, die weder Pferd noch Hund besitzen sollten. Und es gibt noch die Dummen, die aus Unwissenheit die Pferde zugrunde richten. Hoffentlich kommst du einmal in gute Hände. Wir Pferde haben da keinen Einfluss darauf. Wohin das Schicksal dich auch verschlägt, gib stets dein Bestes und mache unserem Namen Ehre."

Birtwick Park

Zu dieser Zeit stand ich meist im Stall. Mein Fell glänzte wie Rabengefieder, weil sie mich täglich bürsteten. Anfang Mai holte mich einer der Leute des Gutsbesitzers Gordon ab. "Machs gut, Darkie", flüsterte mein Herr mir ins Ohr, "bleib ein gutes Pferd und gib auf dich Acht."

Ich berührte seine Hand mit meinen Nüstern - er verstand meinen Abschiedsgruß. Dann verließ ich meine Heimat. Einige Jahre blieb ich auf Mr. Gordons Gutshof, deshalb will ich auf diese Zeit genauer eingehen.

Das Gut lag am Rande des Dorfes Birtwick. Durch ein Eisentor, bei dem ein Wärterhäuschen stand, gelangte man über einen schönen breiten Weg durch den Park zu einem zweiten Tor; ebenfalls mit Häuschen.

Nun erblickte man auf der rechten Seite das Wohnhaus mit Garten und die dazugehörigen Nebengebäude. Die Ställe lagen geradeaus. Dahinter war eine eingezäunte Wiese mit Obstbäumen. An Platz mangelte es nicht, denn allein der Stall, in dem ich stand, bot Platz für vier Pferde und durch das Fenster sah man die Bäume.

Die erste Box war die Größte und in ihr konnte sich ein Pferd frei bewegen. Die anderen Plätze waren herkömmliche schmale Unterstände, in denen Pferde angebunden stehen.

Der Knecht führte mich in die große Box. Sie war sauber und nie war ich besser beherbergt. Über den niedrigen Seitenwänden waren Eisenstangen angebracht, durch die ich den ganzen Stall überblicken konnte. Der Knecht fütterte mich mit leckerem Hafer, tätschelte mich und redete mir freundlich zu. Dann ging er weiter.

Nachdem ich mich satt gefressen hatte, schaute ich mich um. Ein kleines, dralles, graues Pony mit ungewöhnlich dichter Mähne und einem besonders schönen, langen Schweif und einer vorwitzigen Nase stand in der Box neben mir. Ich streckte meinen Kopf über die Wand und fragte: "Wie heißt du? Wie geht es dir?"

Das Pony drehte den Kopf nach mir um, so weit sein Strick es eben zuließ und antwortete: "Ich heiße Merrylegs. Sie halten viel von mir, weil ich sehr brav bin. Ich trage die jungen Damen auf meinem Rücken und gelegentlich fahre ich die Herrin in ihrem Einspänner. James mag mich auch. Bist du jetzt mein neuer Nachbar?"

"Ja, ich wohne jetzt hier."

"Gut", sagte es, "hoffentlich bist du anständig. Ich mag keine Zeitgenossen die beißen."

Just in diesem Moment sah ich den Pferdekopf über der übernächsten Wand. Die große Fuchsstute blickte mich skeptisch an. Sie hatte einen langen, schlanken Hals und sagte: "Du bist das also, der mich aus meiner Box vertrieben hat. Weißt du eigentlich, dass es sich für ein Fohlen nicht geziemt, einer Dame den Platz zu stehlen?"

Empört erklärte ich, dass ich darauf keinen Einfluss hätte. "Außerdem bin ich kein Fohlen mehr. Immerhin bin ich schon vier Jahre alt. Und zanken will ich auch nicht, das habe ich noch nie getan."

Doch die Stute schien das nicht zu verstehen. "Mit einem so jungen Ding wie dir muss ich mich streiten."

Ich blieb still. Am Nachmittag, als sie fort war, erzählte mir Merrylegs die Geschichte von Ginger. "Du musst wissen, dass Ginger beißt. Sie hat zuvor in deiner Box gestanden. Einmal hat sie James so in den Arm gebissen, dass er blutete und selbst die Mädchen fürchten sich derart vor ihr, dass sie nicht mehr in den Stall kamen. Früher brachten sie mir immer einen Apfel, ein Stück Brot oder eine Karotte mit. Ich vermisse sie sehr. Wenn du ihnen nichts tust, dann besuchen sie uns vielleicht."

Nichts lag mir ferner, als jemandem weh zu tun. Ich sagte Merrylegs, dass ich ausschließlich Gras, Heu und Hafer fresse und mir nicht erklären könnte, weshalb Ginger beißen würde.

"Wahrscheinlich ist es nur eine Unart", antwortete Merrylegs. "Sie erzählte mir einmal, dass noch nie jemand nett zu ihr gewesen wäre. John bemüht sich zwar sehr um sie und unser Herr nimmt niemals die Peitsche, solange ein Pferd brav ist. Eigentlich müsste sie inzwischen verstanden haben, dass ein Pferd es nirgends besser haben kann als hier; sie könnte das Beißen sein lassen. Und James, der Stallknecht ist so aufmerksam, du wirst keinen Besseren finden. Deshalb meine ich, dass Ginger selbst schuld ist, dass sie in eine andere Box musste."

Ein guter Anfang

John Manly, unser Kutscher, wohnte mit seiner Frau und seinem Kind im kleinen Haus neben dem Stall. Er kümmerte sich am nächsten Morgen um mich. Als ich mit glänzendem Fell in meiner Box stand, tauchte der Gutsherr auf und betrachtete mich von allen Seiten. Er schien sehr zufrieden mit meinem Äußeren.

"John, würdest du das Pferd heute Morgen Probe reiten? Nimm gleich nach dem Frühstück den Weg an der Gemeindewiese und am Waldrand entlang, an der Mühle und am Bach wieder zurück. Mal sehen, wie er sich in den verschiedenen Gangarten bewegt."

"Ist gut, Sir!", sagte John. Kurz darauf legte er mir das Zaumzeug an und befestigte sorgfältig die Riemen. Mit derselben Sorgfalt suchte er einen passenden Sattel für mich aus. Anfangs ritt er gemächlich, dann im Trab und schließlich fiel ich in einen gemütlichen Galopp. Als wir die Gemeindewiese erreichten, gab er mir einen leichten Klaps mit der Gerte. Nun galoppierten wir ungezwungen dahin.

Als er mich zügelte, rief er schmunzelnd: "Ho, ho, mein Kleiner. Dir würde wohl die Jagd gefallen, oder?"

Auf dem Rückweg trafen wir Mr. Gordon und seine Frau. Der Gutsbesitzer erkundigte sich sogleich, wie sein Kutscher mit mir zufrieden sei. John lobte mich in den höchsten Tönen und meinte noch: "Ich bin überzeugt, dass er noch nie in seinem jungen Dasein etwas Böses erlebt hat."

"Nun gut", erwiderte Mr. Gordon, "morgen werde ich mir selbst ein Bild von ihm machen."

So geschah es dann auch. Der Gutsbesitzer war ein guter Reiter, das merkte ich sogleich. Und dank der hilfreichen Ratschläge meiner Mutter und meines einstigen Herrn bemühte ich mich, ihm zu gehorchen. Als wir zuhause ankamen, stand seine Frau unter der Haustür. Sogleich berichtete er, dass er noch nie ein sanfteres Tier geritten hätte. "Wie soll er heißen?"

"Ebony - weil er so schwarz ist wie Ebenholz!", rief sie.

"Nein, das finde ich unpassend."

"Wie wäre es mit Blackbird? So hieß das alte Pferd deines Onkels", schlug sie vor.

"Nein, er ist viel schöner, als der alte Blackbird."

Sie erwiderte: "Ja, da hast du recht. Er ist eine Schönheit. Dazu sieht er lieb aus und hat so kluge Augen. Wie findest du Black Beauty - die schwarze Schönheit!"

"Black Beauty … Ja, das gefällt mir. So soll er heißen!"

Später erzählte John James, welchen wundervollen Namen die Gordons für mich ausgesucht hatten. Nicht so einen seltsamen Namen wie Marengo, Pegasus oder Abdallah. Sie lachten beide und James meinte: "Am liebsten hätte ich Rob Roy vorgeschlagen - noch nie habe ich Pferde gesehen, die sich ähnlicher waren. Doch dieser Vorschlag hätte alte Erinnerungen geweckt."

"Kein Wunder. Die alte Duchesse vom Farmer Grey ist doch die Mutter von beiden", rief John.

Nun wurde mir klar, weshalb meine Mutter derart aufgebracht war, als Rob Roy bei der Jagd einen so jämmerlichen Tod fand. Er war mein Bruder.

Ich schien John Manlys ganzer Stolz zu sein. Er bürstete mir Mähne und Schweif, bis es seidig auf den Boden fiel. Außerdem erzählte er mir ständig Geschichten. Ich verstand zwar nicht alles, aber begriff immer besser, was er von mir wollte. Wir hatten ein inniges Verhältnis zueinander. Er pflegte mich sanft und freundlich und nahm immer Rücksicht auf die kitzligen Stellen. Nie war er zornig mit mir.

James Howard, der kleine Stallbursche, war ebenso freundlich zu mir und ich war mehr als gut versorgt. Einige Tage später durfte ich mit Ginger zusammen die Kutsche ziehen. Ich war besorgt, ob wir wohl miteinander zurechtkommen würden. Aber Ginger benahm sich vorbildlich, verrichtete ihre Arbeit so gewissenhaft, dass ich mir keinen besseren Partner hätte wünschen können. Als der Weg steiler wurde, zog sie kräftig an, anstatt im Tempo nachzulassen. Wir hatten denselben Arbeitseifer und John musste uns eher zügeln als anspornen. Die Fahrt machte uns ebenso viel Vergnügen wie unserem Herrn oder John. Nachdem wir mehrmals zusammen eingespannt worden waren, freundeten Ginger und ich uns an. So fühlte ich mich in Birtwick Park bald zuhause.

Ebenso wurden auch Merrylegs und ich bald Freunde. Dieser fröhliche kleine Kerl war vor allem der Liebling von Miss Jessie und Miss Flora. Oft ritten sie mit ihm im Obstgarten und spielten dabei mit dem kleinen Hund Frisky.

Auf dem Gut gab es noch zwei weitere Pferde. Justice wurde geritten oder er zog gelegentlich den Gepäckwagen. Sir Oliver, das alte braune Jagdpferd, konnte nicht mehr viel leisten. Er war der Liebling des Gutsbesitzers und durfte frei im Park umherlaufen. Manchmal wurde er noch vor eine leichte Kutsche gespannt oder er trug eine der beiden Ladies bei einem Ausritt. Der Hengst war ein großes, besonders sanftes Pferd. Gelegentlich plauderten wir auf der Koppel - aber natürlich war er mir fremder als Ginger, mit der ich im gleichen Stall wohnte.

Freiheit

Obwohl ich in meinem neuen Zuhause sehr glücklich war, vermisste ich meine Freiheit. Alle waren gut zu mir und mein Stall war hell und luftig und trotzdem vermisste ich sie. Es fiel mir schwer, ruhig im Stall zu stehen, wie ein altes Pferd, das schon zwanzig Jahre Arbeit hinter sich hat.

So konnte ich, wenn ich einmal weniger zu tun hatte, meine Energie kaum zurückhalten. Dann tänzelte ich in meiner Box und John hatte Mühe, mir Geduld beizubringen. Aber er blieb stets nett und nachsichtig.

"Bleib ruhig, mein Kleiner", besänftigte er mich dann. Und wenn wir dann das Dorf endlich hinter uns gelassen hatten, durfte ich einige Meilen bei lockerem Zügel im temperamentvollen Trab genießen. Wenn John mich danach in den Stall brachte, war ich zwar noch nicht müde, doch er meinte, ich hätte dann weniger Flausen im Kopf.

Andere Reiter bestrafen solch ungeduldige, energiegeladene Pferde wie mich, wenn sie unruhig sind. John tat das nie. Er hatte seine eigene Taktik. Mit lockerer Zügelführung und dem sanften aber bestimmten Klang seiner Stimme vermittelte er mir seine Wünsche. Die erfüllte ich dann immer; schon deshalb, weil ich ihn so gerne mochte.

Gelegentlich durften wir für einige Stunden auf die Koppel und unsere Freiheit sorglos genießen. Dies ergab sich an schönen Sonntagen im Sommer, wenn die Kutsche nicht gebraucht wurde. Dann galoppierten wir vergnügt im alten Obstgarten oder auf der eingezäunten Weide oder wir wälzten uns im saftigen Gras. Außerdem nutzten wir die Gelegenheit, um unbekümmert im Schatten des alten Nussbaums zu schwatzen.

Ginger

Eines Tages stand ich mit Ginger alleine unter dem Nussbaum und erzählte ihr meine Geschichte.

Wehmütig meinte sie: "Tja, wenn ich auch so groß geworden wäre wie du, dann wäre ich vielleicht ebenfalls freundlich geworden." Sie erzählte mir ihre Geschichte, die so ganz anders war, als meine …

"Ich war noch nicht recht entwöhnt, trennte man mich von meiner Mutter und stellte mich zu einer Gruppe anderer Fohlen. Niemals war jemand freundlich zu mir und an irgendwelche Leckereien war gar nicht zu denken. Der Mann, der uns versorgte, war nicht wirklich böse, aber er tat gerade das Nötigste.

Auf dem Fußpfad, der durch unsere Weide lief, kamen oft Jungs entlang. Sie hatten riesigen Spaß daran, uns mit Steinen zu bewerfen. Ein sehr hübsches Fohlen verletzte sich so schlimm, dass es sicher heute noch Narben auf der Stirn trägt. So prägten wir uns ein, dass Jungen unsere Feinde waren.

Als wir älter wurden, kamen Männer, die uns zureiten sollten. Eine schreckliche Zeit, voll von roher Gewalt. Es waren grobe Menschen, die ständig ihre Peitschen benutzten. Ihr gewalttätiges Reißen an meinen Nüstern und am Stirnhaar machte mich ganz wild. Ich bin von guter Abstammung und war sehr feurig. Ich glaube, ich machte ihnen richtig viel Mühe. Wie du weißt, ist das Zureiten schon bei einem netten Besitzer schlimm, aber bei meinem Herrn war es ganz schrecklich.

Einen netten Menschen gab es - den alten Mr. Ryder. Er war ein feiner Herr und wäre wohl auch mit mir zurechtgekommen. Leider überließ er seinem Sohn Samson und anderen Leuten die Hauptarbeit und kam nur noch gelegentlich vorbei. Samson galt als mutig und man behauptete, dass ihn noch nie ein Pferd abgeworfen hätte. Aber er war auch barsch, herrisch und ungehobelt. Vom ersten Moment an spürte ich, dass er mich zu einem willenlosen Stück Pferdefleisch machen wollte. Pferdefleisch - genau das waren wir für ihn!", Ginger stampfte bei diesem Gedanken zornig mit dem Huf auf.

Sie erzählte weiter: "Wenn ich nicht das tat, was er von mir verlangte, verfolgte er mich bis zur Erschöpfung. Oft trank er sich Mut an und quälte mich manchmal stundenlang. Er gönnte mir keine Ruhe, kam ständig mit neuen Gebissarten, Sattel und Zaumzeug und zerrte an mir rum.

Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, was auf dem Reitplatz damals passierte. Er saß auf meinem Rücken und ich musste ihn wohl mit irgendeiner Kleinigkeit gereizt haben. Daraufhin zog er so heftig am Zügel, dass ich mich vor Schmerzen am Gebiss aufbäumte. Das brachte ihn noch mehr in Rage und er gab mir die Peitsche. Das war zu viel für mich und es begann ein regelrechter Kampf zwischen uns - an dessen Ende ich ihn endlich abwarf. Obwohl ich ihn dumpf aufprallen hörte, galoppierte ich ans andere Platzende.

Als ich mich umwandte, sah ich, wie mein Peiniger langsam in den Stall hinkte. Dann war ich alleingelassen. Den Rest des Tages verbrachte ich unter der Eiche. Niemand kam, mich zu füttern und gegen den Durst gab es keinen Tropfen Wasser. Nicht einmal hinlegen konnte ich mich, mit dem Zaumzeug auf dem Rücken.

Erst am Abend, als die Sonne unterging, kam der alte Herr zu mir. Er trug ein Sieb in der Hand und flüsterte mir mit seiner freundlichen aber bestimmten Stimme liebevolle Worte ins Ohr. Ganz still stand ich, bis er mir so nahe war, dass ich den Hafer auffressen konnte, den er mir anbot. Währenddessen streichelte er mich. Mein schlechter Zustand empörte ihn und als er mich an den Zügeln in den Stall führte, sagte er zu seinem Sohn: "Aus dem Weg! Du hast dem Pferd Schlimmes angetan."

Samson brummelte, ich sei ein bösartiges Vieh. Doch sein Vater widersprach ihm: "Ein schlecht gelaunter Mann kann kein Pferd der Welt zur Gutmütigkeit bringen. Du taugst nicht zur Pferdezucht, Samson." Im Stall wusch er meine Flanken und die blutverkrusteten Stellen vorsichtig ab, als wüsste er um meine Schmerzen. Und weil ich ein blutverkrustetes Maul hatte, ließ der Herr Kleiebrei zubereiten. Es war ein richtiges Festmahl.

Danach sah er öfters nach mir und übergab einem Reiter namens Joe die Ausbildung. Er war ein friedlich und sanft - ihm gehorchte ich bald."

Gingers Geschichte geht weiter

Ein anderes Mal, als wir wieder zusammen auf der Weide standen, erzählte Ginger mir die Geschichte ihrer ersten Stellung. "Nachdem ich damals ausgebildet war, verkauften sie mich an einen Pferdehändler. Der spannte mich einige Wochen lang mit einem anderen Fuchs zusammen.

Danach kaufte mich ein vornehmer Herr aus London. Bisher war ich schon mit einem Aufsatzzügel gefahren, doch der neue Herr straffte die Zügel noch mehr, weil er meinte, das sähe schöner aus. Du hattest Glück, weil du nie so einen Zügel erdulden musstest. Ich kann dir nur sagen, es ist schrecklich. Stell dir vor, du wirfst den Kopf im Spaß hoch und an der höchsten Stelle wird er dir dann festgezurrt - und mit einem Ruck dann noch höher, dass du die Schmerzen im Nacken kaum aushalten kannst. Außerdem musst du dabei zwei Gebisse tragen, dass dir der Schaum im Mund vom Blut ganz rot gefärbt wird. Wenn ich dann mal ungeduldig aufstampfte, weil es kaum auszuhalten war, bekam ich gleich die Peitsche."

"Ja kümmerte sich denn dein Herr gar nicht um dich?", fragte ich.

"Aber nein. Er wollte nur zwei schöne Prachtpferde haben. Ich denke, dass er gar nichts von Pferden verstand. Er verließ sich auf seinen Kutscher, der ihm erzählte, ich wäre ein überaus nervöses Tier und nicht an solche Zügel gewöhnt. Aber er würde mich schon richten. Doch weil er es nicht hinkriegte, bekam ich nur Ärger. Eigentlich war ich willig, doch weil man mich unnötig quälte, wurde ich immer wilder und unbezähmbarer. Obwohl ich eigentlich ein friedliches Pferd bin.

Als ich dann eines Tages in der Wut die Riemen des Zaumzeugs zerriss, schickte man mich auf den Pferdemarkt. Und trotz meiner Fehler kaufte mich ein anderer Pferdehändler - wegen meiner hübschen Erscheinung und meines guten Ganges. Er probierte verschiedene Gebisse bei mir aus und fand endlich das Problem. Nach einiger Zeit fuhr er mich ohne Aufsatzzügel und konnte mich als völlig sicheres Tier an einen Gutsbesitzer verkaufen. Das war ein guter Herr und es gab nichts zu beklagen, bis der alte Knecht ging.

Der neue Knecht glich dem hartherzigen Samson. Wenn ich nicht absolut folgte, malträtierte er mich mit der Mistgabel und schlug mir auf die Sprunggelenke. Bald hasste ich ihn für seine rohe Art, ließ mich aber nicht unterkriegen. Dazu war ich viel zu temperamentvoll.

Eines Tages biss ich ihn, weil er mir die Reitpeitsche über den Kopf gezogen hatte. Danach durfte er nicht mehr in meine Nähe kommen, ich hätte ihn sofort meine Hufe oder die Zähne spüren lassen. Und weil mein Herr, der eigentlich ganz freundlich war, auf seinen Knecht hörte, verkaufte man mich wieder.

Der Pferdehändler, der mich das letzte Mal verkauft hatte, hörte davon und vermittelte mich dann wenige Wochen vor dir an diesen Ort hier. Vorsichtshalber betrachte ich nun alle Menschen als meine Feinde."

"Aber John oder James musst du doch nicht beißen", entgegnete ich.

"Einmal habe ich James gebissen. Auf Johns Anraten hin, hat er mich nicht gestraft sondern kam später mit verbundenem Arm zu mir, brachte mir Kleiebrei und streichelte mich. Seither habe ich nicht mehr gebissen."

Damals tat mir Ginger unendlich leid, obwohl ich zu Beginn glaubte, dass sie ein wenig übertrieb. Später sah ich, wie sie sanfter wurde und ihren trotzigen Blick verlor. Einmal sagte James: "Als ich Ginger heute Morgen streichelte, hat sie gewiehert. Ich glaube, sie mag mich."

John lachte nur: "Das liegt sicher an den Birtwick-Pillen. Ginger ist bald so sanft wie Black Beauty." Er meinte, dass Birtwick-Pillen eine Mischung aus Geduld, Freundlichkeit, Beständigkeit und Güte, vermischt mit gesundem Menschenverstand, die beste Medizin sei.

Dies sagte er auch unserem Herrn, dem die positive Veränderung auch aufgefallen war. Der verstand auch den Scherz, den John immer mit den Birtwick-Pillen machte.

Merrylegs

Die Kinder des Pfarrers kamen häufig zu uns, um mit Miss Jessie und Miss Flora zu reiten. Eines der Mädchen war in Miss Floras Alter und zwei Jungen waren etwas älter. Die anderen Kinder waren viel jünger. Wenn die Pfarrerskinder hier waren, hatte Merrylegs nichts anderes zu tun, als sie auf seinem Rücken auf der Weide hin und her zu tragen.

An einem Nachmittag dauerte der Spaß ziemlich lange und als James unseren Merrylegs zurückbrachte, schimpfte er mit ihm. Wir wunderten uns, weil Merrylegs sonst nie Probleme hatte oder gar machte.

Er erzählte: "Ich habe den Jungs nur eine Lektion erteilt. Sie wissen nie, wann sie aufhören müssen. Sie haben sich Haselruten geschnitten und diese heute besonders oft benutzt. Ich gab ihnen einige Tipps, bockte und stoppte, um sie zu warnen. Doch sie reagierten nicht und machten immer weiter. Bis ich sie habe hinten von meinem Rücken rutschen lassen …"

"Wie bitte? Du hast die Kinder abgeworfen?", rief ich entsetzt.

"Jetzt tu doch nicht so. Was würdest du tun? Die Jungen meinen manchmal, wir Pferde würden gar nicht müde. In gewisser Weise sind sie manchmal wie junge Pferde und müssen auch erst einmal zugeritten werden. Mädchen sind da viel ruhiger und gesitteter", wehrte sich Merrylegs.

Nun mischte Ginger sich ein: "Ich hätte den beiden einen gehörigen Tritt versetzt. Das wäre ihnen eine Lehre gewesen."

"Aber nicht doch. Da wäre ich schön dumm. Die Kinder stehen unter meinem Schutz und unser Herr vertraut mir da voll und ganz. Er würde mich doch sofort verkaufen, wenn ich dieses Vertrauen missbrauchen würde. Außerdem will ich den Kindern doch nicht weh tun. Sie müssen nur lernen, dass sie uns Pferde gut behandeln müssen."

Nach einer kurzen Pause erklärte Merrylegs noch: "Früher habe ich oft gesehen, wie Pferde sich mit den unterschiedlichsten Dingen zu Tode schinden. Und dass sich kein Mensch um sie kümmert und sonntags werden sie mit der Peitsche dazu gebracht, drei oder vier schwergewichtige Leute zu fahren. Dort wo ich herkomme, habe ich das oft genug beobachtet. Deshalb habe ich nur einen Wunsch: dass es mit mir niemals so enden wird."

Das Gespräch im Obstgarten

Ginger und ich waren keine gewöhnlichen Kutschpferde. Wir hatten mehr das Blut von Rennpferden und waren zum Reiten wie zum Fahren geeignet. Glücklicherweise bereitete unser Herr uns gelegentlich das Vergnügen, gemeinsam auszureiten.

Ginger für den Herrn, ich durfte seine Gattin tragen und Sir Oliver und Merrylegs für die jungen Damen. Wir liebten es, in Gesellschaft zu traben und waren deshalb immer bester Laune dabei. Meine Herrin war eine tolle Reiterin, sie führte mich mit angenehm leichter Hand. Ach, wenn nur alle Menschen wüssten, wie wohl das tut, fürs Maul und für das Wohlergehen.

Ginger beneidete mich manchmal darum. Doch der alte Sir Oliver beruhigte sie dann immer: "Es ist doch eine Ehre für dich, so einen schweren Menschen mit solcher Freude zu tragen wie du. Da musst du nicht traurig sein. Wir Pferde müssen eh die Dinge nehmen, wie sie kommen. Und solange man uns gut behandelt, sollten wir anständig und glücklich sein."

Sir Olivers Schweif war nur 15 oder 20 Zentimeter kurz. Darüber hatte ich mich schon oft gewundert. Und als wir wieder einmal im Obstgarten standen, fragte ich ihn, ob er den Schweif bei einem Unfall verloren hätte.

Da schnaubte er mit wildem Blick. "Das war kein Unfall. Als ich noch jung war, brachte man mich an einen Ort, wo man mir meinen schönen Schweif durch Fleisch und Knochen hindurch abgeschlagen hat. Es war eine grausame Tat."

"Das ist ja schrecklich!", rief ich.

"Ja, das kann man wohl sagen. Aber das Schlimmste waren nicht die höllischen Schmerzen, nein. Obwohl ich mich furchtbar schämte, dass mein schönster Schmuck weg war, so war doch das Schlimmste, dass ich die Fliegen nicht mehr verjagen konnte. Ihr verjagt die lästigen Stechmücken mit eurem Schweif, aber ich bin ihnen hilflos ausgeliefert. Zum Glück macht man das heute nicht mehr."

"Weshalb tat man das denn überhaupt einmal?", fragte Ginger.

Sir Oliver erklärte uns, dass es früher eine Modeerscheinung war. Zu dieser Zeit wurde allen wertvollen Tieren der Schweif gekürzt. Das schien ebenso modisch wie die schrecklichen Zügel, mit denen man Ginger in London gequält hatte.

"Natürlich. Ich finde ja, dass Mode eine der schlimmsten Dummheiten der Menschen ist. Sie quälen ja auch Hunde. Eine liebe Freundin von mir, eine braune Terrierhündin namens Skye, brachte in meinem Stall fünf süße Welpen zur Welt. Eines Tages nahm ein Mann alle mit. Erst dachte ich, er hatte Angst, dass diese süßen herumkrabbelnden Hündchen von uns zertreten werden. Weit gefehlt! Am Abend trug Skye ihre kleinen Tiere blutend und schreiend wieder herein. Man hatte ihnen den Schwanz gekürzt und die Ohren zurechtgeschnitten. Die Mutter hatte sie abgeleckt, gepflegt und irgendwann verheilten die Wunden. Doch die Ohren, die das Innere vor Staub und Verletzungen schützen sollten, waren für immer verstümmelt."

Sir Oliver erzählte uns das mit Bitterkeit in der Stimme und Ginger erklärte aufgebracht alle Menschen zu empfindungslosen Hohlköpfen. Merrylegs bestätigte, dass das alles sehr traurig sei. Doch er nahm unseren Herrn und John und James in Schutz. Er mahnte uns, nicht undankbar zu sein. Und um ein anderes Thema anzuschneiden, fragte ich: "Weshalb gibt es eigentlich Scheuklappen?"

Sir Oliver antwortete knapp: "Die sind nur lästig und gefährlich noch dazu!"

Justice mischte sich ein und erklärte mir, dass Scheuklappen uns Pferde vor Unfällen schützen sollen. Dennoch verstand ich immer noch nicht, weshalb man sie nicht bei Reitpferden verwendete. "Wahrscheinlich der Mode wegen", erklärte Justice. "Menschen meinen, dass ein Pferd erschreckt, wenn es die Räder der Kutsche hinter sich sieht. Sie fürchten, dass wir durchgehen würden. Obwohl das eigentlich blöd ist. Denn wir sehen ja noch viel mehr Räder auf der Straße. Und hätten wir nie Scheuklappen getragen, würden wir sie auch nicht vermissen."

Nun mischte sich Sir Oliver wieder ein. "Ich finde, dass Scheuklappen besonders in der Nacht gefährlich werden können. Wir Pferde können im Dunkeln wesentlich besser sehen als Menschen und wäre unsere Sicht nicht ständig durch diese Scheuklappen behindert, würde mancher Unfall nicht geschehen. So sind vor einigen Jahren zwei Pferde im Dunkeln zu nahe an die Böschung geraten, der Wagen überschlug sich und die Pferde sind ertrunken. Der Kutscher konnte sich damals nur mit Mühe retten. Dann wurde ein weißer Zaun aufgestellt, den man nachts besser erkennen kann. Hätte man den Pferden nicht die Sicht geraubt, wären sie nie verunglückt.

Oder, als damals die Kutsche unseres Besitzers kippte. Sie sagten, die Lampe auf der linken Seite sei kaputt gegangen und deshalb hätte John das Loch auf dem Weg nicht gesehen. Wäre aber das Pferd ohne Scheuklappen gelaufen, dann hätte es dieses große Loch auch ohne Licht sehen können. Unser Herr war verletzt, die Kutsche unbrauchbar und dass John überlebt hat, war allen ein Rätsel.

Daraufhin meinte Ginger: "Ich verstehe nicht, dass diese Menschen, die sich sonst für so klug halten, immer meinen, sie müssten die Natur verbessern. Vielleicht sollten sie dafür sorgen, dass bei den Pferden die Augen künftig in der Mitte der Stirn sitzen."

Bevor sich die Gemüter vollends erhitzten, warf Merrylegs ein: "Ich habe den Eindruck, dass John auch nicht viel von Scheuklappen hält. Neulich habe ich ihn und unseren Herrn belauscht. Und John hat sich dafür eingesetzt, dass Fohlen lernen, ohne Scheuklappen zu fahren - so wie es in einigen anderen Ländern auch gemacht wird. Deshalb regt euch nicht länger auf und lasst uns auf die andere Seite des Gartens traben. Dort liegen Äpfel, die der Wind herabgeworfen hat. Die sollten wir verspeisen, bevor es die Schnecken tun."

Ein offenes Wort

Ich fühlte mich glücklich, in Birtwick eine solche Stellung zu haben. Meine Besitzer waren aufgrund ihrer Freundlichkeit und Offenheit von jedermann geachtet; nicht nur den Menschen gegenüber, nein, auch gegenüber Pferden, Eseln, Hunden, Katzen, Vögeln und Vieh. Sie öffneten ihr Herz für alle Hilfsbedürftigen. So zogen sie die Dorfkinder stets zur Rechenschaft, wenn sie ein Tier schlecht behandelten.

Seit mehr als zwanzig Jahren arbeiteten Farmer Grey und Mr. Gordon daran, die Aufsatzzügel abzuschaffen. Obwohl sie in unserer Gegend nur selten benutzt wurden, sah unsere Herrin gelegentlich ein so geplagtes Pferd. Dann hielt sie sofort an und stellte den Kutscher freundlich aber bestimmt zur Rede.

Unser Herr war nicht so freundlich zu solchen Pferdeschändern. Einmal ritten wir an einem Ponywagen vorbei, dessen Pony schlank gebaut war und auch sonst edel aussah. Als das Pony abbiegen wollte, riss der Kutscher mit Gewalt die Zügel zurück, dass das Pferd beinahe den Halt verlor. Da brach das Pony nach vorne aus, aber der Mann riss es mit aller Kraft zurück, dass sich das Pferd fast den Unterkiefer brach. Nun schlug er mit der Peitsche auf das arme Tier ein. Mir war klar, wie schmerzhaft dies für das Pony sein musste. Mein Herr trieb mich an und wir waren schnell auf gleicher Höhe. Da war mein Herr gar nicht mehr freundlich. "Sawyer! Dies ist ein Pony aus Fleisch und Blut."

"Ja!", rief der Mann genervt, "und aus Eigensinn!" Er war ein Maurer, der öfters geschäftlich mit uns zu tun hatte.

"Ja meinen Sie, eine solche Behandlung macht ihn folgsamer?"

"Wieso läuft er dann hier hinein? Wir müssen geradeaus", erwiderte der Mann mürrisch.

"Sie waren schon so oft mit ihm hier. Das Pony ist intelligent. Woher sollte es denn wissen, dass es diesmal geradeaus fahren soll?", fragte mein Herr aufgebracht. "Noch nie im Leben musste ich mit ansehen, dass ein Pferd so brutal behandelt wurde. Reagieren Sie Ihre Wut doch auf eine andere Art und Weise ab. Auf diesem Weg schaden Sie Ihrem Charakter fast mehr als Ihrem Pferd. Eines Tages werden wir vor dem großen Richter stehen und werden nach unseren Taten gegenüber Menschen und Tieren beurteilt. Bedenken Sie dies!"

Als wir langsam in den Hof fuhren bemerkte ich immer noch, wie aufgebracht und erbost mein Herr über diese Angelegenheit war. Dennoch sprach er offen seine Meinung aus - mit jedem, egal welchen Standes.

Einmal trafen wir unterwegs einen Freund unseres Herrn. Sie hielten kurz an und der Captain fragte unseren Herrn, was er von seinem neuen Gespann hielt. "Sie sind der beste Pferdekenner in der Gegend. Ihre Meinung interessiert mich."

Da nahm unser Herr kein Blatt vor den Mund. Die beiden Grauschimmel mussten ihre Arbeit mit Aufsatzzügeln verrichten und er sagte: "Schade, dass die schöne Kopfhaltung lediglich auf Kosten der Kraft und Gesundheit Ihrer Pferde geht."

Der Freund wusste sofort, auf was unser Herr anspielte und verteidigte diese Modeerscheinung. Doch unser Herr erklärte ihm, dass es einen Unterschied mache, ob die Pferde den Kopf freiwillig hochhalten oder nicht. Zum besseren Verständnis bot er seinem Freund, der Soldat war, ein Beispiel an. "Stellen Sie sich mal vor, Ihre Soldaten trügen beim Parademarsch den Kopf so hoch, dass Sie stolz auf Sie wären. Wären Sie auch so erfreut, wenn sie das nur könnten, wenn der Kopf an einer Latte festgezurrt wäre? Wohl nicht, oder? Außerdem, was wäre dann im Kriegsfall? Deshalb kann ich Ihnen nur raten, ein bisschen weniger mit der Mode zu gehen und etwas mehr Ihren gesunden Menschenverstand zu gebrauchen. Da wäre so manches einfacher. Außerdem will ich noch betonen, dass die Pferde, dürften sie frei laufen, weniger stolpern, wenn Kopf und Nacken frei sind. So, nun habe ich Sie aber völlig überrollt. Hoffentlich war meine Rede nicht ganz umsonst."

"Tja, eigentlich haben Sie recht", meinte der Captain. "Und über den anschaulichen Vergleich mit den Soldaten werde ich nachdenken." So trennten sich ihre Wege.

Der Sturm

An einem kühlen, windigen Tag im Spätherbst musste ich mit meinem Herrn auf eine längere Geschäftsreise. Die hohen Räder des Jagdwagens, den ich ziehen musste, rollten leicht. Tags zuvor hatte es stark geregnet.

Wir kamen zügig bei der Zollschranke an der Holzbrücke an. Die Flussufer lagen hier hoch, und die Brücke senkte sich zur Mitte des Flusses hin ein wenig ab. So kam es, dass bei Hochwasser der Fluss fast bis zur Brücke reichte. Doch die Geländer waren stabil, deshalb hatten die Menschen keine Angst.

Der Mann an der Schranke sagte eine schlimme Nacht voraus und machte uns darauf aufmerksam, dass das Wasser schnell stieg.

Mein Herr fuhr umsichtig und wir kamen ungehindert in die Stadt. Ich bekam eine feine Belohnung und weil die Geschäfte sich hinzogen, traten wir erst am Spätnachmittag den Heimweg an. Inzwischen hatte der Wind schon Sturmstärke erreicht und mein Herr sagte zu John, dass er noch nie bei so einem heftigen Sturm unterwegs gewesen sei. Das kam mir auch so vor. Es war gespenstisch, wie die Bäume sich bogen, als wären es nur dünne Äste.

"Ach, wären wir nur schon durch diesen Wald durch", rief mein Herr.

John nickte und meinte: "Hoffentlich kommt keiner dieser Äste runter." Kaum hatte er den Mund geschlossen, fiel eine Eiche krachend vor uns nieder. Ich erschrak fürchterlich. Zitternd blickte ich auf den entwurzelten Baum und es war nur meiner guten Erziehung zu verdanken, dass ich nicht durchging. John war aber auch schon in der nächsten Sekunde bei mir. Nach kurzer Beratung beschlossen die Beiden, wieder umzukehren. Auch wenn es schon spät war. Mein Herr meinte: "Beauty ist ja noch frisch."

Als wir wieder bei der Brücke ankamen, dämmerte es bereits. Trotzdem erkannten wir, dass das Wasser die Brückenmitte bereits überschwemmte, was öfter mal vorkam. Deshalb spornte mein Herr mich an. Doch sobald ich den ersten Schritt auf die Brücke gemacht hatte, spürte ich, dass hier etwas nicht stimmte. Ich fühlte, dass ich nicht weitergehen durfte. "Los", rief mein Herr und gab mir einen leichten Klaps mit der Peitsche. Aber ich rührte mich nicht von der Stelle. Da schlug er kräftiger zu. Trotzdem blieb ich stehen.

Da bemerkte John, dass etwas nicht stimmen konnte, und sprang ab. Er versuchte, mich am Zügel weiterzuführen. Doch ich weigerte mich, trotz allen guten Zuredens.

Da eilte plötzlich der Mann auf der anderen Uferseite aus seinem Zollhäuschen und schwenkte seine Fackel. "Anhalten!", rief er. "Die Brücke ist in der Mitte mitgeschwenkt worden. Wenn ihr weiterfahrt, dann werdet ihr auch in den Fluss gerissen!"

Da waren mein Herr und John natürlich froh. Sie führten mich zurück auf die Uferstraße. Nun war es ganz dunkel, aber der Wind hatte sich ein wenig beruhigt. Eine Weile war alles ganz still. Dann führten mein Herr und John eine ernste Unterhaltung. Alles konnte ich nicht verstehen, aber einmal sagte mein Herr: "Gott hat den Menschen Verstand verliehen, damit sie für sich sorgen können. Den Tieren aber hat er den Instinkt gegeben. Und der scheint manchmal zuverlässiger als der Verstand. Deshalb rettet er uns Menschen manchmal das Leben." John war sowieso der Ansicht, dass Menschen die Tiere nicht genug zu schätzen wüssten und sich bei weitem nicht genug um deren Freundschaft bemühten.

Als wir endlich in Birtwick Park ankamen, warteten schon alle auf uns. Sie hatten sich Sorgen gemacht. Da erzählte mein Herr, dass ich ihn vor dem sicheren Tod bei der Holzbrücke bewahrt hätte. John brachte mich zum Stall und versorgte mich mit leckerem Kleiebrei und einer besonders weichen Lage Stroh fürs Nachtlager. Darüber freute ich mich, weil ich nun unsagbar müde war.

Teufelswerk

Einmal fuhren wir im Auftrag unseres Besitzers die Landstraße entlang. Da sahen wir einen Jungen, der versuchte, mit seinem Pony über einen Zaun zu springen. Als das Pony scheute, schlug der Junge mit der Peitsche auf sein Tier ein.

Natürlich wurde dadurch nichts besser. So misshandelte er sein Pferd immer stärker. Aber das Pony gehorchte nicht. Als wir ganz dicht dran waren, warf das Pony den Jungen mit den Hinterhufen geschickt in eine Dornenhecke. Dann galoppierte es schnell davon; vermutlich nach Hause.

Da lachte John herzhaft und rief: "Richtig so!"

Der Junge hingegen jammerte in der Hecke. Doch John widersprach ihm, ließ ihn mitsamt seinen Schrammen in der Hecke und nahm den Weg zum Farmer Bushby. Dort angekommen, rannte uns bereits der Farmer und seine Frau entgegen und fragten nach, ob wir ihren Jungen gesehen hätten, weil sein Pony ohne ihn zurückgekommen wäre.

Da klärte John die Bushbys auf: "Vermutlich fühlt sich Ihr Pony ohne seinen Reiter wesentlich wohler. Ich beobachtete Ihren Sohn, wie er das arme Pferd grausam geschlagen und getreten hat, weil es nicht über einen Zaun springen wollte, der eh viel zu hoch gewesen wäre. So gesehen hat sich das Pony sogar sehr gescheit verhalten. Als ihm die Misshandlungen zu viel geworden sind, flog der Junge in die Dornenhecke. Ich weiß, dass ich ihm hätte helfen sollen. Aber ihm ist nichts passiert und ich dachte, dass es ihm auf diese Weise eine Lehre sein würde. Sie verzeihen hoffentlich, aber ich liebe Pferde und ärgere mich maßlos darüber, wenn jemand ungerecht an diesen Tieren handelt."

Das war zu viel für die Mutter. Sie klagte: "Der arme Bill! Ich muss ihn suchen!" Doch der Vater wies sie zurecht und schickte sie ins Haus. Auch er war wütend und wollte dem Jungen gehörig was erzählen. Am Ende bedankte er sich noch bei uns.

Danach kutschierten wir wieder nach Hause und John erzählte James feixend die ganze Geschichte. James lachte und erzählte, dass er diesen Jungen noch aus der Schulzeit kenne. "Er prahlte immer und war ziemlich eingebildet, dass sein Vater Farmer war", erinnerte er sich.

"Einmal beobachtete ich ihn nachmittags, kurz vor Schulende, wie er Fliegen fing und ihnen brutal die Flügel ausriss. Entsetzt brüllte ich auf und ohrfeigte ihn. Sofort kamen der Lehrer und die anderen Jungen. Als ich dem Lehrer die armseligen Fliegen zeigte, war der so wütend, wie ihn zuvor noch keiner gesehen hatte. Bill heulte immer noch, doch der Lehrer setzte ihn nur auf die Strafbank und verbot ihm eine ganze Woche lang, auf den Spielplatz zu gehen. Danach erklärte er uns mit ernstem Gesichtsausdruck, wie barbarisch und feige es sei, sich an Schwachen und Wehrlosen zu vergreifen. Besonders gemerkt habe ich mir seinen letzten Satz. Wer so etwas tue, hätte die Macht des Bösen in sich, schlimmer noch, da sei der Teufel am Werk. Wenn man aber seinen Nächsten freundlich behandle, alle Geschöpfe, der stünde unter Gottes Einfluss, denn seine Taten geschähen aus Liebe."

John nickte bestätigend. "Viele Leute reden nur über Religion. Aber wenn sie nicht danach handeln und die Geschöpfe auf Gottes Erdboden schlecht behandeln, kann an ihrer Religion nicht viel dran sein."

James Howard

An einem Dezembermorgen, John hatte mich gerade in den Stall zurückgebracht und mich zugedeckt, kam unser Besitzer mit ernstem Gesicht zu uns. James war gerade unterwegs, um Hafer zu holen.

Unser Herr hielt einen geöffneten Brief in der Hand und grüßte freundlich. Dann fragte er, ob John sich in irgendeiner Weise über James und dessen Arbeit beklagen könne. John verneinte äußerst verwundert.

"Bist du sicher, dass er seine Arbeit einwandfrei macht? Auch wenn du ihm den Rücken zukehrst?"

"Aber ja doch", rief John. "Noch nie hatten wir einen rechtschaffeneren und freundlicheren Burschen als ihn. Er ist verlässlich und geht mehr als geschickt mit den Pferden um. Ihm traue ich mehr zu als all diesen jungen Schönlingen mit ihren Schnüren an den Hüten. Wer auch immer ihm Schlechtes nachsagen will, der soll nur John Manly fragen!"

Das Gesicht unseres Herrn wurde von einem wissenden Lächeln überzogen. Er blickte zur Tür, in der James schon eine geraume Zeit gestanden hatte. "James, stell den Hafer ab und komm zu mir", sagte er. "John hat meinen Eindruck von dir absolut bestätigt, mein Junge. Und aus John ist normalerweise so schnell nichts herauszubekommen." Er blickte freudig in die Runde und kam zur Sache.

Sein Schwager Clifford Williams aus Clifford Hall benötige einen jungen Reitknecht, der was vom Geschäft verstehe. Sein Kutscher ginge bald in Ruhestand und er brauche jemanden, der dessen Stellung übernähme.

Nun erklärte er genauer: "Zu Anfang bekommst du achtzehn Schilling in der Woche, Arbeitskleidung, eine Kutscheruniform und eine Schlafstatt über dem Kutschenschuppen. Ein Aushilfsjunge ist auch da und Sir Clifford gilt als guter Dienstherr. Ich lasse dich ungern gehen, aber diese Stellung wäre von großem Vorteil für dich."

Unser Herr blickte zu John. "Deine Worte sind entscheidend. Denn Sir Clifford möchte am liebsten jemanden, der bei dir gelernt hat."

"James ist zwar noch jung, erst neunzehn. Aber er ist zuverlässig, kräftig und die fehlende Erfahrung im Reiten und Fahren gleicht er durch seine leichte Hand und seinen scharfen Blick aus. Er geht stets sehr vorsichtig mit den Tieren um und ich bin mir sicher, dass er niemals ein Pferd schlecht behandeln wird", setzte John hinzu.

"Gut, mein lieber James. Überleg dir das Angebot und sprich mit deiner Familie darüber. Dann gibst du mir Bescheid, wie du dich entschieden hast", sagte unser Herr.

Einige Tage später war klar, dass James in vier bis sechs Wochen nach Clifford Hall übersiedeln sollte. Bis dahin sollte er noch möglichst viel lernen. Deshalb wurden Ginger und ich in den nächsten Wochen so viel eingespannt wie noch nie. Neuerdings hatte unser Herr sonntags zu tun und wir mussten durch die engsten Gassen fahren. Man sorgte dafür, dass wir gerade dann am Bahnhof waren, wenn ein Zug einfuhr und sämtliche Droschken sich über die Brücke drängten. Außerdem brauchte es einen erfahrenen Kutscher, wenn die Eisenbahnglocke ertönte und die Kutsche gerade um die scharfe Kurve hinter der Haltestelle fuhr. Doch James behielt alles im Griff.

Der alte Knecht

Einmal machte unsere Herrschaft einen Familienausflug zu Freunden, die 46 Meilen entfernt wohnten. Am ersten Tag legte James mit uns 32 Meilen zurück. Glücklicherweise war James ein erfahrener Kutscher, der diese holprige, kurvige Strecke besonders umsichtig mit uns fuhr.

Nur zweimal machten wir Rast, bevor wir in der Stadt hielten, in der unser Hotel war. Zwei Stallknechte kümmerten sich gleich um uns. Der Oberknecht, ein flinker, freundlicher Mann von gedrungener Gestalt, versorgte uns in Windeseile. Humpelnd brachte er mich in den Stall, der für sechs bis acht Pferde Platz bot. Es waren jedoch nur zwei da. Dann brachte der andere Bursche Ginger herein, während James zusah, wie man uns putzte und wusch.

Die Geschwindigkeit und die Sauberkeit, mit der wir versorgt wurden, beeindruckte James. "Ihr übertrefft alles, was ich je gesehen habe", lobte er den Knecht.

"Das ist nach vierzig Jahren mit den Pferden reine Gewohnheit", antwortete der humpelnde Knecht. "Seit ich zwölf Jahre alt war, dreht sich alles in meinem Leben um Pferde. Wie Sie sehen, bin ich ziemlich klein gewachsen und habe früher als Jockey gearbeitet. Doch hatte ich einen Unfall, brach mir das Bein und vorbei war es mit dem Reiten. Aber so ganz ohne Pferde mag ich nicht leben, deshalb arbeitete ich fortan in Hotels. Pferde wie dieses hier sind mir eine besondere Freude. Man merkt sofort, dass es gut behandelt wurde. Es tut alles, was man möchte. Andere Pferde stellen sich quer im Stall, gehorchen nicht, ja - einige schlagen sogar aus. Die tun mir dann besonders leid, weil ich mir denken kann, wie sie behandelt wurden. Dass so viele Menschen nicht verstehen, dass Pferde so erzogen werden müssen wie Kinder. Wenn man sie richtig erzieht, werden sie ihren Weg gehen und sich treu bleiben - auch wenn ein unschöner Anlass sie in Versuchung brächte."

"Oh ja!", rief James im Brustton der Überzeugung. "Mein Dienstherr, der Gutsbesitzer Gordon von Birtwick Park, denkt genau so wie wir."

"Von dem habe ich schon gehört. Er ist der beste Reiter im Umkreis. Ist nicht sein Sohn bei einem Reitunfall ums Leben gekommen? Sicherlich reitet dein Dienstherr seitdem weniger", sinnerte der humpelnde Knecht.

"Ja, das stimmt. Sein Sohn und das Pferd sind dabei umgekommen. Das Pferd war der Bruder von diesem", erzählte John und zeigte auf mich.

"Es war sicher gleich schön. Schade. Ich kann mich an den Vorfall erinnern. Es war schwieriges Gelände und der Reiter sprang über einen Zaun vor einem steilen Ufer. Ein Pferd muss sehen können, wohin es springen soll. Bei der Jagd werden manchmal die erfahrensten Reiter unvorsichtig. Und alles wegen eines Fuchsschwanzes."

Inzwischen war der andere Stallbursche mit Ginger fertig und wir wurden gefüttert. Der alte Knecht und James gingen hinaus.

Das Feuer

Noch in derselben Nacht brachte der zweite Stallbursche noch ein Pferd zu uns in den Stall. Ein junger, Pfeife rauchender Mann plauderte mit ihm, während der Bursche das Pferd striegelte.

"Hey, Towler", rief der Knecht, "geh auf den Boden hoch und wirf mir ein wenig Heu runter. Aber lass deine Pfeife hier!"

"Gut", versprach der andere und stieg durch eine Falltür hinauf. Nachdem die Geräusche um uns herum dann endlich verstummt waren, kamen wir zur Ruhe. James sah noch einmal nach uns, dann wurde der Stall verschlossen.

Wie spät es war, als ich erwachte, kann ich nicht sagen. Ich hörte nur, dass Ginger hustete und bemerkte sogleich die stickige Luft. Erkennen konnte ich nichts in der Dunkelheit, aber ich konnte kaum atmen, weil der Stall so verqualmt war. Ich vernahm ein leises Knistern und Prasseln. Etwas Beklemmendes lag in der Luft. Ich zitterte am ganzen Leib. Die anderen Pferde erwachten nun ebenfalls. Sie stampften nervös auf den Boden und einige rissen an ihren Zügeln.

Endlich eilte der Knecht herein, der das letzte Pferd gebracht hatte. Doch seine Hetze ließ unsere Furcht stärker werden. Er wollte uns hinausbringen, doch wir widersetzten uns alle - auch ich. Nach mehreren Versuchen eilte er wieder hinaus.

Natürlich benahmen wir uns unvernünftig, aber wir rochen die Gefahr und auf wen sollten wir uns hier verlassen können? Durch die Stalltür kam Luft, die uns das Atmen erleichterte, gleichzeitig wurde aber das Knistern lauter. Draußen riefen Menschen: "Feuer!"

Der alte Stallknecht hinkte auf seine ruhige Art herein und führte das erste Pferd hinaus. Endlich hörte ich James beruhigende Stimme: "Komm Kleines", sagte er zu mir, "komm mit mir, ich bring dich raus aus dem Rauch." Er streichelte mich und zäumte mich gleichzeitig auf. Dann verband er mir mit seinem Halstuch die Augen und brachte mich aus dem Stall. Als wir in Sicherheit waren, band er mir das Tuch wieder ab und sorgte dafür, dass jemand mich festhielt, bis er Ginger holte.

Als James in den Stall zurückrannte, wieherte ich entsetzt auf. Später erzählte mir Ginger, dass sie sich nur rausgetraut hat, weil sie mein Wiehern aus dieser Richtung gehört hätte. Auf dem gesamten Hof herrschte das Chaos. Trotzdem filterte ich aus dem allgemeinen Geschrei die Stimme meines Herrn heraus: "James Howard! Wo bist du!" Erst kam keine Antwort, doch dann wieherte ich, als ich James mit Ginger aus dem Stall kommen sah. Ginger hustete und James konnte kein Wort mehr reden.

Unser Herr klopfte ihm auf die Schulter und fragte, ob er verletzt wäre. Der Mann, der mich festhielt, mischte sich nun ein. "So einen tapferen Burschen wie ihn findet man so schnell nicht!"

Mein Herr sagte nur, dass wir, sobald es James ein wenig besser ginge, von hier verschwinden würden. In dem Moment hörten wir auch schon das Pferdegetrampel und die Wagen der Feuerwehr. Zwei Pferde rasten heran, den schweren Löschwagen hinter sich herziehend. Die Menschen machten den abspringenden Feuerwehrmännern Platz. Inzwischen stieg bereits eine riesengroße Feuersäule aus dem Dach auf.

Wir verzogen uns auf den Marktplatz und abgesehen von dem Lärm um die Ställe herrschte gespenstische Stille. Mein Herr ließ uns mit James alleine, weil er noch nach seiner Frau sehen musste. Wir hörten Geräusche von krachenden Balken und das Geschrei der Pferde, die man nicht mehr retten konnte. Es war furchtbar.

Aber wir waren gut versorgt. Am nächsten Tag sah unser Besitzer nach uns und besprach sich mit James. Das Gesicht von James strahlte vor Freude, als unser Herr ihn lobte. Wegen der Unannehmlichkeiten hatten unsere Herrschaften so schlecht geschlafen, dass unsere Weiterreise auf den Nachmittag verschoben wurde.

Alle rätselten noch, wie das Unglück hatte geschehen können. Doch schließlich erinnerte man sich, dass Towler mit seiner Pfeife den Stall betreten hatte, aber ohne dieselbe wieder herausgekommen sei. Towler stritt das ab - aber keiner glaubte ihm. Da fiel mir die Regel von unserem John ein, im Stall keine Pfeife zu dulden und fand das auf einmal ziemlich klug.

Außerdem erzählte James, dass nur noch schwarze Mauern standen, Dach und Boden waren eingestürzt. Und die zwei Pferde, die nicht mehr den Weg nach draußen gefunden hatten, waren unter den brennenden Balken begraben worden.

John Manlys Geschichte

Die restliche Fahrt war gut verlaufen. Wir erreichten unser Ziel kurz nach Sonnenuntergang. Ein freundlicher Kutscher brachte uns in einen warmen Stall. Als er von dem Feuer hörte, stieg sein Respekt vor James erheblich.

Bewundernd meinte er: "Die Tiere wissen genau, auf wen sie sich verlassen können. Pferde aus einer Überschwemmung oder bei einem Feuer im Griff zu halten ist äußerst schwierig. Obwohl ich nicht genau weiß, weshalb sie sich so dagegen sperren."

Einige Tage später fuhren wir wieder heim und wir waren froh, unseren Stall wiederzusehen. Ebenso freute sich John über unsere Anwesenheit. Abends fragte er bei James nach: "Ich bin mal gespannt, wer hier mein Nachfolger wird."

John, der die Pläne unseres Herrn bereits kannte, erklärte: "Der kleine Joe Green aus dem Pförtnerhaus wird zu uns kommen. Er ist zwar klein, aber mit seinen vierzehn Jahren ist er doch schon sehr flink und willig. Außerdem verstehen wir uns ganz gut. Eigentlich wollte unser Herr einen größeren Jungen, aber ich konnte ihn dazu überreden, es für sechs Wochen mit Joe zu versuchen. Er wollte unbedingt hier arbeiten."

James befand sechs Wochen Einarbeitungszeit als zu kurz und lachte auf. "Es dauert sechs Monate, bis er dir wirklich eine Hilfe sein kann. Bis dahin wirst du für zwei Mann arbeiten müssen."

Doch John beruhigte ihn. Er habe Spaß an seiner Arbeit, erklärte er James, und deshalb mache ihm der Gedanke ans nächste halbe Jahr keine Angst. James Bewunderung war ihm eher unangenehm. Und obwohl John normalerweise kein Wort über sich selbst verlor, erzählte er James nun doch seine Geschichte:

"Als ich vierzehn Jahre alt war - also so alt wie Joe - starben meine Eltern. Ich war nicht allein, denn ich hatte noch eine gelähmte Schwester Nelly. Allerdings hatten wir sonst keine Verwandten. Deshalb arbeitete ich für einen Hungerlohn bei einem Farmer. Wäre unsere Herrin nicht gewesen, hätte meine Schwester im Armenhaus leben müssen. Nelly behauptet heute noch, dass diese Frau ihr Schutzengel sei. Denn sie brachte meine Schwester zur Witwe Mallet und versorgte sie mit Näh- und Strickarbeiten. Sie nahm sich ihrer an, als wäre sie ihre Mutter. Ich wurde zum alten Norman gebracht, der vor mir hier Kutscher war. So hatte ich eine Bleibe und dazu bekam ich wöchentlich drei Schilling, mit denen ich Nelly unterstützen konnte."

John sinnierte kurz und sprach dann weiter: "Norman war sich nicht zu schade, einem kleinen unwissenden Burschen sein ganzes Wissen weiterzugeben. Ich verdanke ihm sehr viel. Einige Jahre später starb er und ich nahm dann seine Position ein. Inzwischen erhalte ich guten Lohn, der sogar ausreicht, fürs Alter vorzusorgen. Nelly führt ein glückliches Leben. Deshalb rümpfe ich auch nicht die Nase über diesen kleinen Burschen, sondern ich will ihm freundlich und hilfsbereit entgegentreten. Niemals würde ich meinen Herrn enttäuschen. Es ist schade, dass du gehen musst - dennoch muss es weitergehen."

James fragte: "Du kennst den Spruch, dass jeder sich selbst der Nächste sei?"

"Ich kenne ihn", antwortete John, "aber ich halte nichts davon! Was wäre aus mir und meiner Schwester geworden, wenn unser Herr damals so gedacht hätte? Nein, mein Junge, dies ist ein egoistischer Spruch und wer so was sagt, der ist verdorben worden."

James lachte wieder auf, doch seine Stimme hörte sich zittrig an. "Hoffentlich vergisst du mich nicht. Du bist mein bester Freund. Sonst habe ich nur noch meine Mutter."

"Aber Junge", versprach John, "wenn du mich mal brauchst, werde ich immer für dich da sein."

Ab dem nächsten Morgen war Joe mit von der Partie. Er wollte möglichst viel lernen, bevor James vom Hof ging. Alle Arbeiten wollte er erlernen, doch um Ginger und mich zu putzen, war er zu klein. Deshalb vertrauten sie ihm zunächst Merrylegs an. Joe war angenehm und liebenswürdig. Immer ein Liedchen pfeifend ging er an die Arbeit.

Zunächst fand Merrylegs den Jungen zu grün hinter den Ohren, doch nach zwei Wochen teilte sie mir vertraulich mit, dass er sich wirklich gut machen würde.

Als James Abschied nahte, wurde er immer trauriger. Wenn seine Mutter nicht wäre, die er unterstützen müsse, würde er nicht fortgehen. Dies beteuerte er immer wieder. John dagegen beteuerte, dass er nicht so viel Respekt vor ihm hätte, würde er mit wehenden Fahnen und leichten Herzens diesen Gutshof verlassen. Er beruhigte seinen Freund: "Wirst sehen, du findest neue Freunde und vor allem wird deine Mutter stolz auf dich sein, dass du an so einer tollen Stelle arbeitest."

Als es dann so weit war, tat es uns allen weh, den lieben James gehen zu lassen. Merrylegs fraß demonstrativ tagelang nichts mehr und war betrübt. Da beschloss John, ihn neben uns herlaufen zu lassen, wenn er mit mir ausritt. Das brachte Merrylegs auf andere Gedanken und munterte ihn so auf, dass er alsbald wieder der Alte war.

Joes Vater, der ebenfalls viel von Pferden verstand, half nun öfter bei uns aus. Joe gab sich so große Mühe, dass John mehr als zufrieden mit ihm war.

Ein Ritt auf Leben und Tod

Nun war James schon einige Tage weg. Ich hatte mich auf meiner Streu gemütlich hingelegt und war gerade eingeschlafen, als mich die schrille Stallglocke weckte. John rannte zum Wohnhaus. Wenig später kam er zurück und rief: "Schnell, Black Beauty, wach auf! Wir müssen los!"

Hastig zog John seine Uniform über, sattelte und zäumte mich und führte mich im Trab zum Wohnhaus. Dort stand unser Herr unter der Tür mit einer Lampe und sagte: "Verliere keinen Moment, John! Es geht um das Leben meiner Frau. Reite zu Dr. White, so schnell das Pferd kann, und gib ihm diesen Zettel. Wenn das Pferd im Gasthof ein wenig geruht hat, kommst du möglichst schnell zurück."

John nickte gewissenhaft: und ritt drei Sekunden später den Park hinaus in Richtung Zollhaus. Dort rief er laut, damit die Schranke geöffnet wurde. "Die können Sie gleich offen lassen. Ich hole den Doktor!" Dann bezahlte er noch und ritt am Flussufer entlang. John brauchte weder Gerte noch Sporen. Ich legte auch so zwei Meilen im schnellsten Galopp zurück. Ich flog fast und ich war mir sicher, dass mein alter Großvater seinerzeit nicht schneller gelaufen war.

An der Brücke wollte John mir ein wenig Ruhe gönnen, doch ich war in Fahrt und außerdem wusste ich ja, dass es ein eiliger Auftrag war. So jagten wir bald wieder in Windeseile dahin.

Es war eine schöne Nacht. Zwar kühl - aber der Mond strahlte hell. Als wir endlich die Stadt erreichten, ritten wir zum Marktplatz. Stille lag über der Stadt und nur das Klappern meiner Hufe war zu hören. Die Turmuhr schlug gerade drei Mal, als John beim Doktor klingelte und laut gegen die Tür pochte.

Aus dem Fenster lugte der Kopf von Dr. White, der verschlafen nachfragte, was wir wünschten.

John erklärte, dass Mrs. Gordon schwer krank sei. Sein Herr habe ihn geschickt und bitte darum, dass der Doktor sofort kommen möge, da die Herrin sonst sterben würde. Dr. White kam kurz darauf zu uns und fragte, ob er mit mir zurückreiten könne, weil sein Pferd wegen der Strapazen des Tages den Weg nicht mehr schaffen würde.

So kam es, dass ich - obwohl ich den ganzen Weg im Galopp geritten war - mit Dr. White den Rückweg antrat. John wollte zu Fuß zurückgehen. Umgehend ritt ich mit der ungewohnt schweren Person auf dem Rücken los. Dazu kam, dass der Doktor kein besonders guter Reiter war. Doch ich gab mein Bestes und wir erreichten bald den Gutshof. Der Herr erwartete uns an der Haustüre und ging mit dem Doktor ins Haus, während Joe mich zum Stall brachte.

Ich war völlig am Ende. Meine Beine schmerzten und ich keuchte atemlos. Mein Körper war nass vor Schweiß und ich war froh, in meinem Stall zu sein. Joe, der arme unerfahrene Junge, wusste erst gar nicht, was er mit mir anfangen sollte. Er rieb mich ab, gab mir aber keine warmen Decken. Vermutlich hatte er Angst, es würde mir zu warm werden. Dann brachte er mir Wasser zu trinken. Das eiskalte Nass schmeckte mir so gut, dass ich den ganzen Eimer leertrank. Joe brachte mir großzügig Heu und Hafer. Als ich versorgt war, ging er fort.

Ziemlich bald wurde mir kalt, ich begann zu zittern und zu frösteln. Meine Beine und überhaupt alle meine Glieder schmerzten und ich fühlte mich todkrank. Ich wünschte mir John herbei, der hätte gleich gemerkt, dass ich eine warme Decke bräuchte und was Warmes zu trinken. Doch der war noch zu Fuß unterwegs im Morgengrauen.

Als ich ihn endlich in der Tür hörte, stöhnte ich laut auf in meinem Schmerz. Sofort kam er zu mir und obwohl ich ihm nicht sagen konnte, was mit mir los war, erkannte er sofort, was mir fehlte. Er versorgte mich mit heißem Wasser und warmen Decken und brachte mir ein wenig Haferschleim. Endlich konnte ich mich schlafen legen.

John ereiferte sich über diesen dummen Joe! Ihm war gleich klar, dass die Unwissenheit dieses Burschen verantwortlich war für die schlimmen Folgen. Ich hatte eine schwere Lungenentzündung. Tag und Nacht pflegte mich John, auch mein Herr besuchte mich öfter im Stall und bedauerte mich.

Eines Tages sagte er: "Du bist ein gutes Pferd, Beauty. Du hast meiner Frau das Leben gerettet, ja du!" Dieses Lob freute mich besonders. Es sah so aus, als hätte der Doktor und John dem Herrn erzählt, dass sie nie ein schnelleres Pferd erlebt hätten. Natürlich glaubten sie nicht wirklich, dass ich verstanden hatte, um was es ging. John konnte das nicht wissen, aber ich hatte tatsächlich verstanden, dass ich mein Bestes geben musste, um das Leben unserer Herrin zu retten.

Aus Unwissenheit

Während meiner langen Krankheit kam der Tierarzt täglich vorbei. Ich fühlte mich so schwach, dass ich einmal sogar glaubte, meine Zeit wäre gekommen. Auch die anderen glaubten, dass ich nun sterben müsste.

Das Fieber machte mich so empfindlich, dass Merrylegs und Ginger in einen anderen Stall mussten, damit ich meine Ruhe hatte. Thomas Green, der Vater des kleinen Joe half John eines Abends, mir eine Arznei zu geben. Nachdem ich versorgt war, wollte John noch eine halbe Stunde bei mir warten. Wohl um zu sehen, ob die Medizin wirkte.

Thomas setzte sich mit John auf eine Bank in meiner Nähe. Eine ganze Weile saßen sie schweigsam da, bis Thomas Green flüsterte: "John, ich wäre so froh, wenn du mit Joe wieder gut sein könntest. Er ist völlig entmutigt. Er sieht ja ein, dass es seine Schuld war. Aber er wusste es doch nicht besser. Joe hat Angst, dass, wenn das Pferd stirbt, keiner mehr mit ihm reden würde. Bitte sei nicht so streng. Er hat es doch nur gut gemeint."

Eine Weile herrschte Stille zwischen den Beiden. Dann sagte John: "Ich glaube dir ja, dass Joe nur das Beste wollte. Ich weiß auch, dass er kein schlechter Bursche ist. Aber ich bin halt arg niedergeschlagen. Dieses Pferd ist mein ganzer Stolz und der Stolz meiner Herrschaft. Allein der Gedanke, dass Black Beauty sterben könnte, ist nicht auszuhalten für mich. Aber wenn du denkst, ich sei zu streng mit dem Jungen, dann rede ich mit ihm und bin ab morgen freundlicher."

Tom bedankte sich: "Zum Glück verstehst du mich und weißt, dass mein Sohn nur aus Unwissenheit falsch gehandelt hat."

Da reagierte John so heftig, dass ich erschrak.: "Aus Unwissenheit?", rief er empört, "dies ist das Schlimmste, was es gibt. Nur der Himmel weiß, wie viel Unglück durch Unwissenheit entsteht. Doch damit ist gar nichts entschuldigt! Erinnerst du dich an Martha Mulwash aus dem Dorf? Sie wollte ihr Kind nicht töten, dem sie Gift statt Sirup gab. Trotzdem wurde sie des Mordes angeklagt. Oder denk an deine Pflanzen, die dir vor zwei Wochen alle eingegangen sind, weil die Mädchen die Tür zum Gewächshaus nicht geschlossen haben und der Ostwind alles hat erfrieren lassen."

"Ja, das stimmt. Keine der zarten Blumen hat das überlebt. Und am schlimmsten ist, dass ich gar nicht weiß, wo ich neue Setzlinge herbekomme."

John antwortete mit erregter Stimme: "Und die Mädchen haben es nicht mit Absicht getan. Es war nur ihre Unwissenheit!"

Nun begann das Medikament zu wirken und ich schlief ein. Deshalb bekam ich das Ende des Gesprächs nicht mehr mit. Am nächsten Morgen ging es mir aber spürbar besser. Und später, als ich mehr von der Welt mitbekam, musste ich noch oft an Johns Worte denken.

Joe Green

Joe Green war zwar sehr klein für sein Alter, aber er war fleißig und hatte eine schnelle Auffassungsgabe. John konnte ihm vieles anvertrauen. Einmal hatte unser Herr einen Eilbrief, der drei Meilen weiter zu einem Bekannten gebracht werden sollte. John war bereits mit Jakesice unterwegs, so schickte er Joe mit mir los. Natürlich ermahnte er den Burschen zu größter Achtsamkeit.

Nachdem wir unseren Auftrag erfüllt hatten, ritten wir gemächlich nach Hause. An der alten Ziegelei steckte ein mit Ziegelsteinen beladener Wagen im lehmigen Weg fest. Der Kutscher prügelte erbarmungslos auf die armen Pferde ein. Joe blieb stehen. Es war schrecklich anzusehen. Während die Pferde ihr Bestes versuchten, den Karren herauszuziehen, schlug der sichtlich angetrunkene Kutscher weiter auf sie ein und fluchte heftig.

Joe schrie: "Hören Sie auf! Die Räder stecken zu tief im Schlamm, das schaffen Ihre Pferde nicht!" Doch der Mann schien ihn gar nicht zu hören.

Joe rief ihm noch einmal zu, diesmal zorniger und lauter. Da antwortete der Mann: "Was geht dich das an? Kümmere dich um deine Sachen!" Und wieder sauste die Peitsche auf das arme Pferd nieder.

Nun trieb Joe mich im gestreckten Galopp zum Haus des Ziegeleibesitzers. Wahrscheinlich hätte sich John über unser Tempo aufgeregt, doch dies war eine dringliche Ausnahme. Joe klopfte ungeduldig an und rief: "Hallo, ist jemand zu Hause?"

Mr. Clay öffnete persönlich und fragte nach, was denn so Dringendes anstünde. Da erzählte Joe empört von dem Kutscher und seinen Machenschaften. Joes Stimme bebte vor Aufregung.

"Hab Dank, meine Junge", rief Mr. Clay. Er eilte sofort, seinen Hut zu holen und sich auf den Weg zu machen. "Bezeugst du auch vor Gericht, was du gesehen hast, wenn ich den Mann anzeige?", rief er, während er zu seinem Pferd rannte.

"Natürlich!", antwortete Joe, "mit Freude!"

So eilte Mr. Clay in Richtung des Kutschers und wir trabten heim. Dort bemerkte John, der inzwischen wieder beim Stall war, sofort Joes empörte Miene. Und nachdem Joe alles erzählt hatte, konnte auch John seinen Ärger über diesen wüsten Menschen nicht verbergen. Er lobte seinen Schützling und betonte, wie wichtig es sei, in solchen Momenten einzuschreiten und nicht einfach weiterzureiten, wie es sicher viele Leute getan hätten. Nur damit sie ihre Ruhe hätten.

Joe hatte sich beruhigt und Johns Lobrede machte ihn stolz. Er putzte mich mit festerer Hand als gewöhnlich. Kurz vor dem Mittagessen wurde Joe zu unserem Herrn gerufen. Er müsse eine Aussage machen. Da wurde Joe ganz rot vor Aufregung und seine Augen glänzten. "Sie haben ihn!"

Joe brachte seine Kleider in Ordnung und ging hinüber. Unser Herr war als Friedensrichter der Grafschaft öfter mit solchen Vorfällen konfrontiert. Es dauerte eine Weile, bis wir Joe wieder im Stall sahen. Er kam bester Laune wieder, gab mir einen freundlichen Klaps und sagte: "Na, mein Freund, so was dürfen wir doch nicht zulassen, oder?"

Später stellte sich heraus, dass die Pferde Merkmale von schlimmen Misshandlungen trugen. Der Fall würde vor Gericht verhandelt und der Kutscher würde mindestens zwei oder drei Monate ins Gefängnis kommen.

Der Abschied

Nach drei Jahren glücklichen Daseins in Birtwick Park, wurde unsere Herrin schwer krank. Die häufigen Besuche des Doktors und der traurige Blick unseres Herrn betrübten auch uns. Schließlich beschlossen sie, England zu verlassen, um in einem milderen Klima zu leben.

Deshalb löste unser Herr seinen Besitz auf. Auch bei uns im Stall drehte sich jetzt alles um die nahende Abreise. John arbeitete schweigend und missmutig und Joe pfiff nicht mehr. Ginger und ich waren sehr beschäftigt. Miss Jessie und Miss Flora reisten als Erstes mit ihrer Erzieherin ab. Sie kamen noch in den Stall, um sich von uns zu verabschieden.

Ginger und mich hatte unser Herr einem Earl of W. verkauft - hörten wir in einem Gespräch. Merrylegs sollte zum Pfarrer kommen, der für seine Frau ein Pony gesucht hatte. Unser Herr hatte ihm das Pferd nur unter der Bedingung überlassen, dass Merrylegs nie verkauft werden durfte. Auch nicht, wenn er nicht mehr arbeiten konnte. Joe sollte Merrylegs Kutscher werden.

John hatte zwar einige gute Stellenangebote, konnte sich aber nicht wirklich entscheiden. Am Abend vor der Abfahrt kam der Herr noch einmal zu uns in den Stall und liebkoste und klopfte uns mit betrübter Miene. Das konnte ich auch aus dem Klang seiner Stimmer heraushören. Wir hören solche Stimmungen schneller als die Menschen.

Unser Herr sprach mit John über dessen Zukunft. "Hast du dich nun entschieden, John?", fragte er.

"Nein, Sir. Ich habe mir überlegt, dass eine Stelle als Fohlenbereiter für mich das Richtige wäre. So viele Jungtiere werden falsch behandelt und fürs Leben verdorben. Ich liebe Pferde und glaube, dies wäre eine sinnvolle Aufgabe für mich. Was meinen Sie, Sir?"

Unser Herr war begeistert und befürwortete Johns Pläne. Er versprach, seinem treuen Kutscher ein gutes Zeugnis und eine Empfehlung zu hinterlegen. Dann dankte er John für seine treuen Dienste. Doch John wollte das gar nicht. Er antwortete: "Aber Sir! Sie und Ihre Frau waren so gut zu mir, dass ich es nie im Leben danken kann. Das werde ich nie vergessen und ich bete zu Gott, dass Ihre Frau wieder gesund wird." Sie gaben sich schweigend die Hand und verließen den Stall.

Der letzte Tag war angebrochen. Am Vortag war das Meiste schon weggebracht worden. Nur noch unsere Herrschaften und ein Mädchen waren da. Ginger und ich fuhren mit der Kutsche ein letztes Mal vor. Der Herr trug seine Gattin sorgsam die Treppe hinunter und setzte sie in die Kutsche. Alle weinten und waren traurig. "Lebt wohl, auf Wiedersehen!" sagte unser Herr.

Joe sprang noch schnell auf, als John bereits losgefahren war. Langsam trabten wir durch den Park. Die Leute standen vor den Türen, um unserer Herrschaft zu winken. "Gott sei mit Ihnen", riefen einige.

Am Bahnhof hörte ich, wie die sanfte Stimme meiner Herrin mit John sprach: "Leb wohl, John. Gott segne dich." Dann ging sie selbst in den Wartesaal. Die Zügel zitterten, doch John gab keine Antwort. Wahrscheinlich versagte ihm die Stimme. Joe hatte das Gepäck ausgeladen und John ging mit den Herrschaften zum Gleis.

Der arme Joe stellte sich ganz nah zu uns und versuchte, seine Tränen zu verbergen. Als der Zug in den Bahnhof einfuhr, ging alles ganz schnell. Es wurden Türen geöffnet, und nach zwei oder drei Minuten wieder zugeschlagen, ein Pfiff ertönte und dann fuhr der Zug davon. Übrig blieben eine Rauchwolke und viele bekümmerte Herzen.

Als der Zug außer Sichtweite war, kam John zu uns zurück. "Dies war ein Abschied für immer", seufzte er. Langsam fuhr er mit Joe zurück. Nun hatten wir kein Zuhause mehr.

Earlshall

Joe siedelte am nächsten Morgen mit Merrylegs zum Pfarrer über. Er wurde vor den Lieblingswagen seiner Herrin gespannt, dann verabschiedete sich Joe von uns und Merrylegs wieherte uns ein letztes Mal zu.

John sattelte Ginger; ich sollte die 15 Meilen nach Earlshall am Zügel nebenher galoppieren. Das Gut des Earl of W. hatte einen riesigen Park und er wohnte in einem feudalen Herrenhaus, zu dem stattliche Stallungen gehörten. John traf sich dort mit einem großen Mann mittleren Alters. Es war Mr. York, der Kutscher unserer neuen Herrschaft. Er machte einen resoluten Eindruck und befahl einem Stallknecht, uns in unsere Boxen zu bringen. Dann ging er mit John weg.

Der Stall von Earlshall war hell und luftig. Wir bekamen ordentlich Futter und wurden gestriegelt. Etwa eine halbe Stunde später kamen John und Mr. York wieder zu uns. Nun befragte unser neuer Kutscher John nach unseren Eigenheiten. John erzählte meine frohe Geschichte und Gingers leidvolle Vorgeschichte in wenigen Sätzen. Mr. York hatte sowieso schon erkannt, dass wir ein besonders gutes Gespann wären. Er versicherte John, dass man uns gut behandeln würde - obwohl er einfließen ließ, dass er bei diesem großen Stall nicht immer sehen könne, wie die Stallburschen handeln würden. "Aber ich werde mein Bestes geben und Ihre Ratschläge um die schönen Pferde beherzigen."

Beim Hinausgehen setzte John noch hinzu: "Was ich noch vergessen habe … die Pferde wurden niemals mit Aufsatzzügel geritten. Der Rappe kennt so etwas gar nicht und die Stute wurde genau dadurch so verdorben!"

York zuckte mit den Schultern und meinte: "Leider geht unsere Herrin mit der Mode und besteht auf die Aufsatzzügel. Sie will die stolze Kopfhaltung der Pferde hervorheben. Ich war immer dagegen, muss mich aber leider fügen."

"Das tut mir leid für euch", flüsterte John uns ins Ohr, als er noch einmal zu uns kam, sich von uns zu verabschieden. Er streichelte uns noch ein letztes Mal und blickte uns traurig an. Wir haben uns nie wieder gesehen.

Der Graf, der uns am nächsten Tag in Augenschein nahm, war sehr angetan von uns. Er meinte zwar, dass wir farblich nicht besonders gut harmonierten. Zum Glück sei das aber auf dem Lande kein wirkliches Problem. Und der Rappe wäre bestimmt auch ein hervorragendes Reitpferd.

York informierte den Grafen über unsere Eigenarten bezüglich der Aufsatzzügel und bekam die Anweisung, auf Ginger ein besonders wachsames Auge zu haben. Er forderte York auf, uns gemächlich an diese unbequemen Zügel zu gewöhnen. "Ich werde auch Ihre Herrin davon informieren."

Um drei Uhr fuhren wir mit unserer neuen Kutsche vor das Herrenhaus. Es war drei- oder viermal so groß wie Birtwick, dennoch wirkte es wenig anheimelnd, wie ich fand. Zwei Diener in festlicher Livree standen rechts und links des Treppenabgangs, als die Herrin im raschelnden Seidenkleid die Treppe herunterschritt. Als sie kritischen Blickes um uns herumschritt, wirkte sie ein wenig unzufrieden. Ich trug heute zum ersten Mal diese Aufsatzzügel, die unangenehm waren und dafür sorgten, dass ich meinen Kopf nicht senken konnte. Aber es war auszuhalten. Meine Sorge galt Ginger, die allerdings noch zufrieden wirkte.

Am nächsten Tag wiederholte sich die Ausfahrt um drei Uhr. Heute war der Gräfin erster Satz: "York, spannen Sie die Pferdeköpfe höher! Das sieht ja schrecklich aus!"

York versuchte trotz seiner Ehrerbietung uns zu verteidigen und erinnerte die Herrin daran, dass auch der Graf meinte, dass man mit den Aufsatzzügeln langsam beginnen müsse. Trotzdem musste er die Zügel höher spannen.

An diesem Tag sollten wir einen steilen Hang hinauf, den ich bisher ohne Probleme bewältigt hätte. Allerdings war ich mit dem Aufsatzzügel so eingeschränkt, dass ich nicht in der Lage war, genügend Schwung zu holen. Wieder im Stall angekommen, sagte Ginger nur: "Nun, hast du gespürt wie das ist? Aber es könnte noch Schlimmer sein. Wenn es so bleibt, will ich noch still sein. Immerhin werden wir gut versorgt. Aber wenn die Zügel weiter verkürzt werden, dann können sie was erleben hier!"

Und es kam so. Täglich schnallte York die Zügel ein Loch kürzer und es kam schnell der Tag, an dem ich mich vor den Ausfahrten, auf die ich mich sonst immer gefreut hatte, fürchtete. Ginger sagte wenig, wirkte aber sehr unruhig. Eines Tages wurden die Aufsatzzügel nicht mehr enger geschnallt und ich begann, mich mit der Situation abzufinden und meiner Pflicht, die eher einer Qual glich, nachzukommen. Aber das Ärgste lag noch vor uns.

Der Befreiungsschlag

Eines Tages, als die Herrin zu einer Gartenparty der Herzogin wollte, befahl sie York, uns den Kopf höher zu schnallen. "Schnallen Sie die Zügel so weit hoch, wie es nur geht. Diese unsinnige Nachgiebigkeit muss ein Ende haben."

York stand bei mir. Der Stallknecht stand an Gingers Kopf. Mein Zügel wurde so eng geschnallt, dass es nahezu unerträglich war. Ginger zerrte bereits ungeduldig am Zügel, wahrscheinlich, weil sie wusste, was nun folgen würde. Als York den Zügel löste, um ihn anschließend straffen zu können, nutzte Ginger die Gelegenheit und bäumte sich derart auf, dass Yorks Nase arge Blessuren davontrug.

Die beiden Männer waren nicht in der Lage, das wild gewordene Pferd zu bändigen. Ginger bäumte sich ständig auf und schlug aus. Verzweifelt machte sie so lange weiter, bis sie über die Deichsel trat und mich dabei an der Hinterhand verletzte.

Nur Yorks Geistesgegenwart war es zu verdanken, dass nicht noch mehr passierte. Er setzte sich auf Gingers Kopf und ließ mich ausspannen. In diesem Moment war es York egal, wie sein Stallbursche dieses schwierige Unterfangen bewerkstelligen sollte. Sie schnitten die Stränge durch und brachte mich in meine Box.

Erzürnt stand ich da und überlegte, dass ich mit etwas mehr Übung dasselbe getan hätte wie Ginger. Mein straff zurückgespannter Kopf tat weh und ich hatte keine Möglichkeit, mich zu befreien.

Nach einiger Zeit führten sie Ginger völlig zerschlagen in den Stall. York sorgte dafür, dass ich von den angezurrten Zügeln befreit wurde. Er schimpfte vor sich hin über diese blöde Modeerscheinung. Außerdem würde sein Herr sich ärgern, dass er der Herrin nachgegeben hatte. Aber was hätte er denn tun sollen? Natürlich sagte er dies nicht laut.

Fürsorglich versorgte er meine angeschwollene Hinterhand mit warmem Wasser und Umschlägen. Der Lord war empört, weil York den Befehlen der Herrin gefolgt war. Nach dieser Zurechtweisung versprach York, künftig nur noch die Anweisungen des Herrn zu befolgen. Doch bald konnte man sehen, dass alles so blieb, wie es war. Ich hatte gehofft, dass York mehr für die Bedürfnisse von uns Pferden einstünde.

Nach diesem Tag wurde Ginger von einem der jüngeren Söhne des Lords als Jagdpferd verwendet. Ich musste mit einem neuen Partner namens Max weiterhin die Plagen des Aufsatzzügels vor der Kutsche meiner Herrin ertragen. Ich fragte Max, wie er dieses Leben bisher aushalten konnte. Er antwortete: "Es muss halt sein, dass ich mich füge. Aber der Aufsatzzügel verkürzt mein Leben und deines auch, wenn du ihn noch länger trägst."

Ich fragte ihn, ob unsere Herrschaft wohl wisse, wie schädlich dies für uns ist. Max berichtete: "Das weiß ich nicht. Aber Tierärzte und Pferdverkäufer wissen darum. Einmal hörte ich ein Gespräch, bei dem ein Pferdehändler einem Herrn erklärte, dass die Leute ihre Pferde eben so haben wollten - mit hoch erhobenem Haupt. Und für sein Geschäft sei das gut, meinte er. Die Pferde würden schneller krank und er könne mehr Tiere verkaufen."

Vier Monate lang war ich nun im Dienste meiner neuen Herrin und es war nicht zu beschreiben, wie diese Aufsatzzügel mich peinigten. Lange hätte ich das nicht mehr durchgehalten. Durch das scharfe Gebiss auf der Zunge und die unnatürliche Kopfhaltung hatte ich ständig Schaum vorm Maul.

Es gab Leute, die meinten, dies wäre das Zeichen für ein feuriges Pferd. Aber das stimmte nicht. Ich bekam durch diese Haltung schwer Luft und hatte nach der Arbeit Schmerzen in Brust, Hals und Nacken. Ich fühlte mich nur noch erschöpft und ausgelaugt.

Früher war ich mir sicher, dass John und mein Herr mich mochten. Doch hier gab es keinen einzigen Freund. Gut, wir wurden ordentlich behandelt. Aber von York hätte ich erwartet, dass er gegen diese Aufsatzzügel etwas unternimmt. Leider fügte er sich dem scheinbar Unanfechtbaren, denn er tat nichts, um mir das Dasein hier zu erleichtern.

Lady Anne

Der Graf zog mit einem Teil seiner Familie im Frühjahr nach London. York kam mit ihm. Ginger, ich und einige andere Pferde blieben auf dem Gut unter Aufsicht des ersten Reitknechts.

Die alte Lady Harriet, die im Herrenhaus blieb, machte nie eine Kutschfahrt. Sie war seit Jahren gelähmt und häufig krank. Die junge Lady Anne dagegen liebte es, mit ihren Brüdern und Vettern auszureiten. Ich liebte die Ausritte mit ihr schon deshalb, weil sie eine ausgezeichnete Reiterin war. Sie war beschwingt und anmutig zugleich und sie wählte mich zum Reitpferd aus. Bei ihr hieß ich "Black Auster".

Die Ausritte in der klaren Luft - manchmal mit Ginger, gelegentlich mit Lizzie - genoss ich in vollen Zügen. Lizzie war eine hübsche Fuchsstute, die wegen ihres Temperamentes und ihrer Schönheit vor allem das Lieblingspferd der Herren war. Doch Ginger erwähnte mir gegenüber, dass die Stute arg nervös sei.

Eines Tages, als einer der Herren Lizzie besonders lobte, wollte Anne unbedingt im Damensattel mit Lizzie ausreiten. Blantyre, so hieß der junge Mann, sah dies nicht gerne und wollte sie umstimmen. Doch Anne ließ sich nicht davon abbringen, die niedliche Lizzie auszuprobieren. "Du siehst doch auch, dass sie sich fast noch besser als Damenpferd eignet als Black Auster."

"Bitte reite sie nicht. Sie ist zwar von ausnehmender Schönheit, dennoch ist sie ebenso unruhig. Es ist gefährlich - lass uns die Reitsitze wechseln", bat Blantyre.

"Blödsinn", lachte Lady Anne, "es ist zwar lieb, dass du so besorgt um mich bist, aber ich konnte schon reiten, bevor ich laufen konnte. Also, sei so nett und hilf mir aufsteigen."

Blantyre ergab sich und gab ihr die Zügel. Dann stieg er auf mich auf. Wir wollten gerade losreiten, als der Diener aus dem Haus rannte mit der Bitte, dem Doktor einen Zettel mit einer Nachricht von Lady Harriet zu überbringen. Auch bat er um sofortige Rückmeldung.

Zügig waren wir am Doktorhaus, das in einem Dorf ungefähr eine Meile von uns entfernt lag. Blantyre stieg am Tor ab. Lady Anne wollte vor dem Tor auf ihn warten und forderte ihn auf, meine Zügel einfach über das Gitter zu legen. Er zögerte kurz, und war bald darauf im Park verschwunden.

Wartend standen wir nun am Straßenrand. Lady Anne trällerte eine Melodie vor sich hin. Aufmerksam verfolgte ich die Schritte meines Reiters, bis ich hörte, dass er an die Tür klopfte. Gegenüber von uns lag eine eingezäunte Koppel. Gerade trieb ein Bursche mit Peitschenknallen einige Pferde und ihre Fohlen hinaus, die noch wild und ausgelassen wirkten. Eines von ihnen traf beim Überqueren der Straße Lizzies Hinterhand.

Ich weiß nicht, ob es der Peitschenknall war oder die Ungeschicktheit des Fohlens. Auf jeden Fall schlug Lizzie erschrocken aus und schoss wie ein Pfeil mitsamt unserer Lady Anne im gestreckten Galopp davon. Fast wäre meine Herrin aus dem Sattel gerissen worden, doch sie hielt sich. Ich wieherte laut, in der Hoffnung, dass Blantyre meinen Ruf verstand. Tatsächlich rannte er kurz darauf auf mich zu und saß zügig auf meinem Rücken. Er musste mich nicht anfeuern - auch ich wollte so schnell es ging die Beiden einholen. Mit lockerem Zügel ließ er mir freien Lauf. Er selbst beugte seinen Oberkörper so weit es ging nach vorn.

Immer wieder verloren wir die Sicht auf Lady Anne, doch die Menschen am Wegesrand, die das Unglück spürten, riefen uns immer die richtige Richtung zu. Auf der Gemeindewiese, ungefähr eineinhalb Meilen weit entfernt, erblickten wir sie wieder. Mit wehendem braunem Haar - weil ihr inzwischen der Hut davongeflogen war - schwebte sie nur so dahin. Sie versuchte mit letzter Kraft, Lizzie zu zügeln. Doch die Gemeindewiese war voll mit Maulwurflöchern und Ameisenhaufen und schon deshalb kein geeigneter Weg für ein Rennen.

Hier holten wir ein wenig auf. Doch ungefähr durch die Mitte der Wiese zog sich ein neulich aufgeworfener Graben, bei dem sie keine andere Wahl hatten, als anzuhalten. Doch mit Erschrecken sahen wir, dass Lizzy zum Sprung ansetzte, in der frisch aufgeworfenen Erde den Halt verlor und stürzte. Blantyre stöhnte auf und spornte mich an: "Black Auster, gib alles!"

Mit voller Konzentration sprang ich über den Graben und den Erdwall. Dort lag meine Herrin bewegungslos im Heidekraut, das Gesicht zur Erde gewandt. Vorsichtig drehte Blantyre sie um und rief leise ihren Namen. Ihre Augen waren geschlossen und ihr Gesicht war ganz fahl. Er fühlte Hände und Puls, um dann aufzuspringen und sich nach Hilfe umzusehen.

Auf seine Rufe hin eilten zwei Männer herbei, die in der Nähe Torf gestochen hatten. Sie wollten eigentlich gerade Lizzy einfangen, doch Blantyre befahl ihnen, sofort den Doktor zu holen. So kam es, dass der Arbeiter ungelenk auf meinen Rücken kletterte. Er rief "Hüa!" und drückte mir mit seinen Schenkeln fast den Rücken zusammen. Ich versuchte so ebenmäßig wie möglich zu bewegen, als ich merkte, dass der Mann so gar keine Reiterfahrung zu haben schien. Doch wir gewöhnten uns aneinander und er konnte den Doktor informieren, der sich dann auch gleich auf den Weg machte. Wir ritten auch wieder zurück.

Als ich wieder in den Stall kam, hatte sich die traurige Nachricht schon rumgesprochen. Ich wurde mit Decken gut versorgt und konnte endlich den Sattel und das Zaumzeug loswerden. Ginger ritt mit Lord George weg und später wurde auch noch eine Kutsche benötigt. Als Ginger spät zurückkam, berichtete sie mir das Neueste.

Sie hatte gesehen, wie der Doktor Lady Anne eine Medizin verabreicht hat und dass er sagte: "Sie lebt!" Danach hob man unsere Herrin in die Kutsche und sie wurde zum Herrenhaus gebracht. Vermutlich hätte sie sich nichts gebrochen, meinte Ginger, aber gesprochen hätte Lady Anne noch kein Wort.

Nach Yorks Dafürhalten dürfte ein Draufgänger wie Lord George ein Pferd wie Ginger nicht selbst zum Jagdpferd trainieren. Doch Ginger mochte die Arbeit mit ihrem neuen Herrn. Nur gelegentlich sah ich, wenn sie von der Jagd heimkam, dass sie keuchte, manchmal auch hustete. Sie beklagte sich nicht, aber ich machte mir Sorgen.

Blantyre kam zwei Tage nach dem Unfall zu mir in den Stall, um mich zu loben und zu streicheln. Er erklärte Lord George, dass er genau bemerkt hätte, dass ich im richtigen Moment den Ernst der Lage erkannt hätte und dass ich in dem Moment, als Lady Anne in Gefahr war, nicht mehr aufzuhalten gewesen wäre, selbst wenn er gewollt hätte. "Sie sollte nie wieder ein anderes Pferd reiten", sagte er.

So hörte ich auch, dass Lady Anne außer Gefahr war und bald wieder reiten konnte. Nun schien einer glücklichen Zukunft nichts mehr im Wege zu stehen.

Reuben Smith

Seit York in London lebte, hatte Reuben Smith die Oberaufsicht über die Stallungen. Es konnte kaum einen zuverlässigeren Nachfolger geben als ihn. Er war ein wahrer Pferdekenner. Und weil er zwei Jahre lang bei einem Tierarzt gearbeitet hatte, konnte er uns sogar behandeln. Er war ein ansehnlicher Mann, zudem gebildet und er konnte eine Kutsche meisterhaft fahren. Er war beliebt, besonders bei uns Pferden.

Anfangs wunderten wir uns, weshalb er keine führende Position einnahm, sondern unter York arbeitete. Wahrscheinlich lag das an seinem einzigen großen Laster - dem Alkohol! Er konnte sich monatelang zusammenreißen, doch wenn er dann seiner Sucht verfiel, versetzte er selbst seine Frau in Angst und Schrecken. Allerdings war er so fleißig, dass York ihn einige Male deckte, damit die Herrschaften nichts bemerkten.

Vom alten Max hatte ich erfahren, dass Reuben schon einmal entlassen worden war. Eines Abends sollte Reuben die Herrschaften vom Ball abholen. Er war derart angetrunken, dass ihm die Zügel entglitten und der Herr die Kutsche selbst lenken musste. Natürlich hatte das ein Nachspiel.

Ab diesem Tag war seine Alkoholsucht bekannt, seine Familie musste aus dem hübschen Häuschen ausziehen und Reuben wurde erst wieder eingestellt, kurz bevor Ginger und ich kamen. York hatte sich für ihn eingesetzt und ihm das Versprechen abgenommen, nie wieder Alkohol zu trinken. Und daran hatte sich Reuben gehalten, sodass ihm nun während Yorks Abwesenheit die Stelle des ersten Stallknechts übertragen wurde.

Ende Mai sollte die Familie des Grafen aus London zurückkommen. Jetzt war Anfang April und es gab viel zu tun auf dem Gut. Es war gerade die Zeit, als Blantyre wieder zurück in sein Regiment musste. Deshalb spannte Reuben den gerade reparierten leichten Wagen an, da man ihn eh in der Stadt abgeben musste. Ich wurde vor die Kutsche gespannt, damit man Blantyre in die Stadt bringen, den Wagen abgeben und anschließend mit mir nach Hause reiten konnte. Blantyre drückte Reuben am Bahnhof ordentlich Trinkgeld in die Hand, mit der Bitte, auf Lady Anne gut aufzupassen und dringend darauf aufzupassen, dass Black Auster von niemandem verdorben würde.

Reuben gab die Kutsche bei der Werkstatt ab und wir ritten weiter zum Gasthof "Weißer Löwe". Dort übergab er die Zügel dem Stallburschen und bat ihn, mich zu füttern. Um vier Uhr solle er mich bereithalten. Dass eines meiner Hufeisen locker saß, bemerkte der Stallbursche erst kurz vor vier. Als Reuben eine Stunde später herauskam, machte er ihn darauf aufmerksam. Doch Reuben winkte ab und meinte, dass er noch gut heimkäme. Er würde noch ein Stündchen bleiben, weil er alte Freunde getroffen hätte.

Seine Stimme klang aufdringlich und laut. Auch passte es gar nicht zu ihm, sich nicht um mein Hufeisen zu kümmern. Außerdem kam er nicht wie versprochen um sechs Uhr heraus sondern erst um neun. Der Gastwirt mahnte ihn noch zur Vorsicht. Doch Reuben fluchte nur ärgerlich. Er schien ziemlich grantig zu sein.

Gegen seine sonstige Gewohnheit benutzte er die Peitsche häufig, obwohl ich bereits im schnellsten Galopp ritt. Es war eine mondlose Nacht. Die Straße war steinig und es war klar, dass sich bei dieser Geschwindigkeit und diesem Untergrund mein Hufeisen lockern musste. Plötzlich löste es sich ganz.

Wäre Reuben nüchtern gewesen, hätte er an meinem Schritt bemerkt, dass etwas nicht stimmt. Doch er saß auf meinem Rücken und peitschte wild fluchend auf mich ein. Ich hatte unbeschreibliche Schmerzen. Mein unbeschlagener Huf war entzwei und brach stückchenweise ab.

Nach einiger Zeit war der Schmerz nicht mehr auszuhalten. Ich knickte auf dem steinigen Untergrund ein und stürzte mit voller Wucht. Reuben flog mit voller Geschwindigkeit auf die steinige Straße. Ich stand wieder auf und humpelte an den Straßenrand. Inzwischen war der Mond hervorgekommen und ich blickte umher.

Reuben lag einige Schritte von mir entfernt - er musste schwer gestürzt sein. Ich sah, wie er vergeblich versuchte, sich aufzurichten. Er stöhnte laut und erbärmlich. Am liebsten hätte ich mit ihm gestöhnt, so sehr peinigten mich meine Verletzungen, doch wir Pferde erleiden unsere Qualen geduldig und schweigsam.

Inzwischen lag Reuben bewegungslos im Mondlicht und gab keinen Laut mehr von sich. Doch ich konnte nichts tun, als auf Hilfe zu warten. In dieser lauen Aprilnacht war es gespenstisch still, bis auf den Gesang einer Nachtigall. Still stand ich in der Dunkelheit und dachte an längst vergangene Tage, als ich noch neben meiner Mutter auf der saftigen Koppel bei Farmer Grey gelegen hatte.

Trauriges Ende

So gegen Mittenacht nahte endlich Hilfe. Ich hörte es am Klappern von Pferdehufen. Sie kamen näher und ich glaubte, Gingers Schritt zu hören. Kurze Zeit später bestätigte sich meine Hoffnung. Es war Ginger. Ich wieherte und freute mich, menschliche Stimmen zu hören. Der Wagen wurde langsamer und hielt neben Reuben, der inmitten des Weges lag. Ein Mann kümmerte sich gleich um den am Boden Liegenden und rief: "Er bewegt sich nicht."

Der andere Mann, der dazu kam, fühlte Reubens Hand und sagte: "Tot!" Sie richteten ihn auf, sahen das vom Blut verkrustete Haupt und legten ihn behutsam wieder ab. Dann kümmerten sie sich um mich. Glücklicherweise erkannten sie sofort mein verletztes Knie. Doch zuerst glaubten sie, ich hätte Schwäche gezeigt und wäre grundlos gefallen. "Unglaublich, dass Black Auster gestürzt ist. Wer hätte das gedacht! Vor allem ist es eigenartig, dass er nicht fortgelaufen ist."

Robert nahm meine Zügel und wollte mich fortführen. Doch ich fiel schon beim ersten Schritt wieder hin. Da sahen sie mein Elend und waren voll des Mitleids. "Da musste er ja stürzen, so schlimm, wie das aussieht. Wenn ich das so anschaue, dann glaube ich fast, dass mit Reuben was nicht in Ordnung war. Wie sonst kommt es, dass er ein Pferd ohne Eisen über eine solch steinige Straße jagt. Hoffentlich ist es nicht wieder der Alkohol. Seine arme Frau - ich glaube sie ahnte schon was, als sie uns ihre Sorgen mitteilte, weil er noch nicht zurück sei. Wir müssen das Pferd in den Stall bringen und die Leiche nach Hause. Aber wie?"

Nach einigen Überlegungen beschlossen sie, dass Robert, der Stallbursche, mich führen solle und Ned würde die Leiche im Wagen transportieren. Letzteres gestaltete sich anfangs schwierig, doch Ginger schien zu spüren, was passiert war und blieb geduldig stehen, obwohl niemand sie festhielt. Ned bewegte sich bald mit seiner traurigen Fracht in Richtung Earlshall.

Der Stallbursche band ein Tuch um meinen geschundenen Huf. Trotzdem waren es die längsten drei Meilen meines Lebens, die ich unter diesen Schmerzen noch zurücklegen musste. Im Stall angekommen, versorgte Robert mich mit feuchten Tüchern, Kleieumschlägen und holte fürsorglich den Tierarzt. Müde schlief ich ein, obwohl die Schmerzen immer noch gewaltig waren.

Der Tierarzt, der am nächsten Morgen genauer nach meinen Verletzungen sah, meinte, es würden zwar Narben zurückbleiben, doch arbeiten könnte ich weiterhin. Trotz der liebevollen Pflege dauerte meine Genesung lange und es war schmerzvoll. Es wuchs auch wildes Fleisch an meinem Knie, das sie wegätzen mussten. Am Ende der gesamten Behandlung goss man mir eine teuflische Lösung über meine Knie. Dann fielen die Haare aus. Aber mir war klar, dass sie ihre Gründe haben mussten, und ließ auch das noch über mich ergehen.

Da es außer mir keine Zeugen für Reubens Tod gab, wurde das Gericht bemüht. Doch am Ende gab man mir keine Schuld. Der Wirt sagte aus, dass Reuben total betrunken die Gaststätte verlassen hätte, der Wachposten der Zollschranke hatte uns in vollem Galopp vorbeijagen sehen und zwischen den Steinen auf der Straße fand man mein Eisen.

Die arme Susan brach nach dem überraschenden Tod ihres Mannes zusammen. Ständig rief sie: "Dieser gute Mann! Er war doch so ein guter Vater! Dieser verdammte Alkohol! Weshalb verkauft man überhaupt so ein Zeug!" So klagte sie, bis nach der Beerdigung. Danach musste sie aus dem Häuschen ausziehen mitsamt ihren sechs kleinen Kindern. Sie hatte keine Verwandten und endete im Armenhaus.

Es geht bergab

Nach meiner Genesung brachte man mich auf eine kleine Koppel. Dort sollte ich einige Monate verweilen. Bei aller Freude, die ich über meine neu gewonnene Freiheit verspürte, machte mir die Einsamkeit im Grünen sehr zu schaffen. Ich war Gesellschaft gewöhnt und vermisste vor allem meine Freundin Ginger.

Nach einigen Wochen gab es eine Überraschung. Man brachte Ginger zu mir auf die Koppel. Ich begrüßte sie fröhlich wiehernd. Doch bald erfuhr ich den wahren Grund unseres Wiedersehens. Um Gingers Gesundheit stand es nicht zum Besten und die Herrschaften erhofften sich von der Ruhepause eine Besserung ihres Zustandes.

George war jung und ungestüm. Er liebte die Jagd und ritt mit, wo es sich anbot, ohne Rücksicht auf Ginger. Obwohl er vor dem letzten großen Rennen vom Stallknecht auf Gingers schlechte Gesundheit aufmerksam gemacht wurde, kam ein Wechsel oder gar Verzicht für Lord George nicht in Frage. Ginger erreichte zwar das Ziel unter den drei Ersten, jedoch hatte ihre Lunge heftigen Schaden genommen. Außerdem sorgte Georges Gewicht noch dafür, dass ihr Rücken gezerrt war.

Ginger sah mich an und sagte: "Nun stehen wir hier auf dieser Koppel, ich - zugrunde gerichtet durch einen Dummkopf und du - am Ende wegen eines Alkoholikers. Dabei sind wir eigentlich noch jung." Froh, dass wir wenigstens uns hatten, genossen wir die gegenseitige Gesellschaft. Stundenlang standen wir Kopf an Kopf unter dem Schatten der Linden. Einige Wochen später kehrte der Graf und seine Familie aus London zurück.

Als er mit York zu uns kam, untersuchten sie uns sorgfältig. Unser Herr war empört, dass man uns derart zugerichtet hatte. Vor allem ärgerte ihn, dass wir an ihn verkauft wurden, in dem Glauben, es wäre ein guter Platz auf dem Gut. Und nun …

Der Graf entschied, dass er Ginger noch ein Jahr behalten würde, um zu sehen, wie sie sich erholte. Mich würde er verkaufen. Er bedaure dies zwar sehr, aber mit den zahlreichen Narben, die die schrecklichen Verletzungen hinterlassen hatten, sah er auf dem edlen Gut keine Zukunft für mich.

York stimmte ihm zu und erzählte unserem Herrn, dass er einen Mann in Bath kenne, der Mietställe führe. Den könne er ja mal fragen, ob er mit mir was anfangen könne. Da würde doch das Äußere bestimmt keine Rolle spielen. Und York war sich sicher, dass dieser Mann gut für seine Pferde sorge. Abschließend bat er den Grafen um eine Bestätigung, dass die gerichtliche Untersuchung bestätigt hätte, dass ich an dem Unglück keine Schuld trüge. Dies wäre Empfehlung genug, meinte er.

"Leiten Sie das in die Wege, York. Es kommt mir nicht auf den Preis an. Ich möchte Black Auster gut versorgt wissen", bat der Herr.

Als sie fortgegangen waren, seufzte Ginger: "Sie verkaufen dich. Dann habe ich meinen einzigen Freund verloren."

Schon eine Woche später holte mich Robert, der Stallknecht. Ginger und ich hatten nicht mal Zeit, uns ordentlich voneinander zu verabschieden. Ich hörte ein letztes Wiehern und sie trabte entlang der anderen Heckenseite, solange es ging und sprach mit mir. Doch bald verklangen die Schritte und wir sahen uns nie wieder.

Der Pferdevermieter hatte mich gekauft. Man brachte mich mit der Eisenbahn nach Bath, was mich am Anfang ängstigte, weil das Rasseln und Holpern ungewohnt war. Doch mit der Zeit beruhigte ich mich, weil mir klar wurde, dass es völlig ungefährlich war, so zu reisen.

Mein Ziel war ein kleiner Stall, in dem ich gut versorgt wurde. Er war nicht mehr so angenehm wie die früheren Behausungen. Hier stand ich auf schiefem Boden und wurde mit dem Kopf an der Krippe festgebunden, was sehr ermüdend war. Schade, dass die Menschen nicht wissen, dass Pferde viel leistungsfähiger sind, wenn man sie frei stehen lässt, damit sie sich in der Box umdrehen und bequemer stehen können.

Der Pferdeverleiher war ein guter Mann, der Kutschen und Pferde unterschiedlichster Art vermietete. Er wollte uns sicher nichts Böses. Zuweilen lenkten seine eigenen Kutscher die Wagen, manchmal übernahmen die Mieter selbst die Zügel.

Mein Leben als Mietpferd

Als Mietpferd konnten mich auch Leute lenken, die weder vom Fahren einer Kutsche noch von Pferden eine Ahnung hatten. Und weil ich ein braves und gutmütiges Tier war, traf ich sehr oft auf solche Menschen. Ich kann gar nicht alle Episoden erzählen, so viel Neues ist mir widerfahren. Jedoch gibt es Vorfälle, die ich nicht verschweigen will.

So gab es die Kutscher, die glaubten, wenn sie die Zügel nur kurz genug hielten, hätten sie ein Pferd gut im Griff - was natürlich Schwachsinn ist. Wir können unsere Köpfe auch so gut aufrecht halten. Und den zarteren Tieren unter uns schadete dieses Verhalten mehr, als dass es half.

Allerdings verhielt es sich mit den laschen Kutschern nicht viel besser. Diese lässig über ihre Knie gelegten Zügel gaben uns weder Halt noch Führung. Und wenn dann doch mal ein Pferd scheute, hatten sie die Kutsche nicht mehr im Griff. Bei mir bestand mit solchen Menschen keine Gefahr, weil ich nie scheute. Außerdem fand ich es angenehm, nur einen leichten Zügeldruck zu fühlen.

Einmal zog ich eine Kutsche, in der eine Familie mit zwei Kindern saß. Obwohl ich mich bereits aufs erste Zeichen hin bewegte, zog mir der Herr mehrere Schläge mit der Peitsche über. Auf der neu reparierten Straße lagen Steine verstreut herum. Anstatt auf den Weg zu achten, scherzte der Herr mit seiner Familie und so kam es, dass sich nach einiger Zeit ein Stein in meinen Vorderhuf gebohrt hatte.

Einem aufmerksameren Fahrer wäre mein veränderter Gang nicht entgangen. Auch nicht im Dunkeln. Doch die Familie fuhr fröhlich weiter übers Land während der spitze Stein sich immer weiter in meinen Huf bohrte. Dies ist mit das Schlimmste, was einem Pferd am Fuß passieren kann, denn so verliert der Fuß seine Stabilität und man kann umknicken.

Nach geraumer Zeit empörte sich mein Mietherr: "Der Gaul lahmt ja! So eine Unverschämtheit, mir diesen Rentnerhengst zu geben!" Um seine Entrüstung zu unterstützen, schlug er mit der Peitsche auf mich ein.

Endlich kam jemand des Wegs, der erkannte, dass mit mir was nicht stimmte. Er machte den Herrn darauf aufmerksam und bot ihm Hilfe an. Der Herr schimpfte immer noch, ließ aber den Mann bereitwillig meinen Vorderlauf ansehen. "Sehen Sie", rief er, "er hat einen spitzen Stein im Huf. Die Steine auf dieser Straße sind sehr gefährlich für Pferde!"

Der Mann versuchte vorsichtig, den Stein mit seiner Hand herauszuziehen, was leider nicht klappte. Dann holte er eine kleine Spitzhacke und es tat nur kurz weh, als er den Stein herausholte. Den Herrn blickte er vorwurfsvoll an: "Zum Glück ist das Pferd nicht gestürzt. Stellen Sie sich vor, es hätte sich das Bein gebrochen …"

Der Herr war erstaunt, weil er angeblich gar nicht wusste, dass Pferde sich Steine eintreten können, und teilte dies seinem vorwurfsvollen Helfer mit. Der riet ihm noch, während der weiteren Fahrt gut Acht zu geben, dass mir nicht noch einmal ein Stein im Huf stecken bliebe. "Vermutlich wird Ihr Pferd noch eine Zeit lang lahmen. Machen Sie also langsam."

Damit verabschiedete sich der Mann, hob seinen Hut vor der Familie und ging wieder seinen Weg. Kaum war er außer Sichtweite, knallte mein Herr wieder mit der Peitsche, um mir zu signalisieren, dass es weitergeht. Natürlich befolgte ich seinen Befehl, auch wenn meine Wunde noch schmerzte.

Leider machten Leihpferde öfter solche Erfahrungen.

Draufgänger

Schwierig war es, die eisenbahnfahrenden Menschen aus der Stadt zu ertragen. Sie hatten in der Regel noch nie ein Pferd besessen und behandelten uns wie ihre Maschinen. Ihr Maß war die Geschwindigkeit der Lokomotive. Egal wie beschwerlich die Straße nun war, immer trieben sie uns zu gleichbleibender Geschwindigkeit an, auch auf steinigen, ansteigenden Straßen - ohne Pause.

Diese Menschen wollen gefahren werden für ihr Geld und kämen nicht mal im Traum auf die Idee, bergauf auszusteigen. Im Gegenteil, sie ließen die Peitsche auf uns niedersausen und zerrten ungeduldig an den Zügeln, wenn es bergauf ein wenig langsamer wurde. Wüste Beschimpfungen mussten wir uns anhören.

Besonders schlimm fand ich die unerfahrenen Draufgänger, die viel zu schnell losfuhren, anstatt dem Pferd die nötige Zeit zu lassen. Ebenso unbesonnen hielten sie uns an. Unter Benutzung der Peitsche zogen sie die Zügel derart straff, dass die Hinterhand fast einknicken musste und unser Maul verletzt wurde.

Einmal erwischte es den alten Rory. Er war mein häufigster Laufpartner und nett noch dazu. Es dämmerte bereits, als unser Kutscher mit uns nach Hause fuhr. Wir fuhren dicht an der Hecke entlang und die Zügel hingen locker. In einer Kurve hörte ich einen Einspänner den Buckel runter jagen, direkt auf uns zu. Man konnte ihn zwar noch nicht sehen, weil die Hecke so hoch war, trotzdem rammte er uns im nächsten Moment. Ich war glücklicherweise auf der Heckenseite, doch Rory erwischte es böse. Er blutete arg und es fehlte nicht viel, dass man ihn hätte töten müssen. Vielleicht wäre das eine Erlösung für ihn gewesen, denn seine Genesung dauerte lange.

Danach wurde der arme Rory zum Kohlen kutschieren verkauft. Er musste dann die schweren Karren den Berg hinaufziehen. Allein der Gedanke daran ließ mich frösteln.

Mir wurde als Partnerin die Stute Peggy zugeteilt. Sie war zwar kein Rassepferd, dennoch unterstützten Ihre gut gebaute Statur und das glänzende Fell ihre freundliche, fügsame Art. Nur wirkte sie ein wenig ängstlich.

Bei unserem ersten Arbeitseinsatz bemerkte ich ihren seltsamen Gang. Sie ging drei Schritte normal, dann hüpfte sie einen kleinen Sprung vorwärts. Diese Gangart machte selbst mich ganz kribbelig. Wieder in unserem Stall angekommen, sprach ich sie darauf an.

Traurig erklärte sie: "Du hast sicher bemerkt, dass meine Beine gute zehn Zentimeter kürzer sind als deine. Dies war schon immer mein Nachteil. Man spannte mich mit großen Pferden ein und erwartete dieselbe Gangart. Doch mit kürzeren Beinen trabt man nun mal langsamer. Meinem ersten Herrn machte das nichts aus. Er war Pfarrer und sehr gut zu mir. Leider wurde er versetzt und ich kam zu einem Farmer, der so gar nichts von Pferden verstand. Der wollte nur eins, nämlich schnell fahren. Und als er dann zur Peitsche griff, damit ich die Geschwindigkeit bekommen sollte, die er wünschte, gewöhnte ich mir diesen Gang an. Einmal, als er es besonders eilig hatte, flog der Gig um und der Farmer verletzte sich. Das war die letzte Fahrt mit ihm. Aber die Menschen hier sind auch nicht viel besser, habe ich festgestellt. Immer in Eile. Ich wünschte, meine Beine wären so lang wie deine."

Ich bedauerte Peggy, weil ich wusste, dass immer die langsamen Pferde im Gespann die Peitsche zu spüren bekamen. Da konnte man nichts tun. Zu Peggys Glück wurde sie weiterverkauft an zwei Damen, die ein sicheres Pferd wünschten. Als ich sie später noch einmal traf, wirkte sie glücklich und trabte mit gleichmäßigem Schritt an mir vorbei - heiter und zufrieden.

Nach Peggy kam ein junges Pferd, von dem man sagte, es würde scheuen. Ich fragte es danach und bekam folgende Antwort: "Eigentlich war ich schon immer ängstlich. Dazu musste ich Scheuklappen tragen und dadurch wurde ich noch unsicherer. Mit diesen Dingern kann man nichts sehen und hätte ich meine Umgebung in Ruhe begutachten können, wäre ich auch nicht ängstlich gewesen. Einmal saß ein älterer Mann mit im Wagen, als ein Stück Papier mich wieder einmal scheuen ließ. Der Herr schlug sofort mit der Peitsche auf mich ein. Da verteidigte mich der ältere Herr, der begriffen hatte, dass ich mich nur erschreckt hatte."

Mein neuer Kollege hatte natürlich Recht. Zum Glück hatte ich gute Herren wie Farmer Grey oder Mr. Gordon. Doch einige Male hatten wir auch nette Kutscher. Einmal holten wir zwei Herren ab. Der größere prüfte mein Zaumzeug, Zügel und Kummet. "Muss diese Kinnkette sein?", fragte er den Knecht.

Der antwortete: "Wegen mir müsste das nicht sein. Er ist ein zuverlässiges Pferd, trotz seines Temperamentes. Aber die Leute wollen die Kinnkette."

Der Herr wollte sie aber nicht und ließ das lästige Teil abnehmen. Nun waren die Zügel weiter oben und der Mann klopfte mir auf die Schulter und sagte: "Na, alter Junge, ein freies Maul macht die Fahrt doch viel schöner, oder?" Diese Fahrt mit dem Mann erinnerte mich an alte Zeiten. Meine Laune wurde zusehends besser.

Scheinbar gefiel ich dem Herrn immer besser, denn er mietete mich mehrmals. Sogar mit dem Sattel probierte er mich aus. Dann überredete er meinen Herrn, mich einem seiner Freunde zu verkaufen. So wechselte ich im Sommer zu Mr. Barry.

Der Dieb

Mr. Barry hatte mich erworben, weil sein Arzt ihm das Reiten empfohlen hatte. In der Nähe seines Hauses mietete der Junggeselle einen Stall für mich an. Filcher sollte mein Stallknecht sein. Von Pferden verstand Mr. Barry rein gar nichts, aber er scheute keine Kosten, mich zu versorgen. Ich bekam Heu, Hafer, gestampfte Bohnen, Kleie, Wicken und Roggen - alles nur vom Feinsten. Zumindest einige Tage lang sollte das so sein.

Zuerst war ich mit meinem neuen Knecht auch zufrieden. Er säuberte den Stall und pflegte mich freundlich. Doch nach einiger Zeit wurden meine Futterrationen kleiner und nach einigen Wochen bekam ich nicht mal mehr ein Viertel von dem, was ich fressen sollte. Die Folgen ließen natürlich nicht lange auf sich warten, denn nach wenigen Wochen wurde ich kraftloser und mein Temperament wollte sich nicht mehr einstellen.

Zwei Monate ging das so. Bis mein Herr mit mir einen Ausritt aufs Land machte, zu einem Freund. Der war Pferdekenner und erkannte mit seinem geübten Blick sofort, dass ich nicht mehr so frisch aussah wie beim Kauf. Und das sagte er auch meinem Herrn. "Mein Knecht meint, dass das auf den Herbst hin normal sei", erklärte er.

"Blödsinn", antwortete sein Freund, "wir haben August." Und als er hörte, was ich angeblich alles zu Fressen kriegen müsste, untersuchte er mich kopfschüttelnd genauer. "Also, ich weiß zwar nicht, was der Gute hier frisst, aber sicher nicht dein Getreide. Wo auch immer das hinkommt."

Der Freund riet meinem Herrn, bald einmal den Stall zu kontrollieren. Womöglich würde ihm Futter gestohlen. "Es lauern überall Schurken."

Ich hätte es den Beiden schon erzählen können. Immer um sechs Uhr in der Frühe kam der Knecht mit einem Jungen, der das Futter in kleinen Beutelchen mitnahm. Aber mein Herr konnte mich ja nicht verstehen.

So fünf oder sechs Tage später kamen zwei Polizisten in den Stall, begleitet von dem Jungen. Sie fragten ihn aus, wo der Vater das Kaninchenfutter hätte. Der Bub weinte. Trotzdem fanden sie die Haferkiste, in der noch so Beutel lagen, wie sie sie bei dem Jungen gefunden hatten. Filcher, der gerade meine Hufe reinigte, wehrte sich heftig, als die Polizei ihn und seinen Jungen mitnahm.

Später erzählte man mir, dass der Stallknecht für zwei Monate ins Gefängnis musste, aber dass man seinen Sohn freigesprochen hatte.

Der Angeber

Nach wenigen Tagen kam ein ansehnlicher, hünenhafter Stallknecht. Leider entpuppte er sich als Angeber namens Alfred Smirk. Im Beisein meines Besitzers behandelte er mich oberflächlich gesehen pfleglich, damit ich elegant aussah. Doch vergaß er, mir die Hufe auszukratzen oder gar die Eisen zu überprüfen. Mit der Zeit wurde mein Zaumzeug rostig, der Sattel feucht und mein Schweifriemen war ganz starr.

Er selbst stand vor Eitelkeit strotzend stundenlang vor dem Spiegel, um sich die Haare zu scheiteln und den Bart zu zwirbeln. Aufgrund seines gewandten Auftretens glaubte alle Welt, er wäre ein netter junger Bursche, der Mr. Barry nur Glück brächte. Aber ich wusste, dass er lediglich ein eingebildeter und bequemer Flegel war.

Ich war schon froh, dass er mich nicht schlug, doch ein Pferd braucht ein wenig mehr der Pflege. Was nutzte es mir, dass ich mich in meiner Box frei bewegen konnte, wenn Alfred zu faul war, dieselbe auszuputzen. Er wechselte nie die ganze Streu, immer nur einen Teil. So kam es, dass sich meine Augen entzündeten, ob der strengen Düfte. Außerdem ließ mein Hunger merklich nach und wegen des feuchten Strohs wurden meine Hufe empfindlich.

Mr. Barry bemerkte die Umstände im Stall und ließ Wände und Abflüsse untersuchen, weil der Geruch immer strenger wurde. Alfred erklärte unserem gutgläubigen Herrn, er würde bereits alles tun, um den Missständen entgegenzuwirken. Als meinem Herrn auffiel, dass ich beim Ausritt unsicher auf den Beinen war, gab ihm der verlogene Knecht recht - obwohl er das gar nicht gemerkt haben konnte, weil er nie mit mir rausging.

Durch diese fehlerhafte Pflege wurde ich immer schwerfälliger, träger und manchmal fieberte ich sogar. Doch anstatt mir Bewegung zu gönnen, stopfte Alfred mich mit Tabletten voll, bis ich immer schlechter dran war.

Als ich einmal trotz meiner empfindlichen Hufe mit meinem Herrn ausreiten musste, bereiteten mir die spitzen Steine auf dem Weg derartige Schmerzen, dass ich stolperte. So kam es, dass mein Herr mit mir beim Tierarzt vorsprach. Der untersuchte mich genau und sagte: "Ihr Pferd hat ziemlich schlimme Stallfäule, mein Herr. Sie können sich glücklich schätzen, dass es noch nicht gestürzt ist. Hat Ihr Knecht denn nichts bemerkt? Stallfäule kommt normalerweise in Ställen vor, in denen nicht vollständig ausgemistet wird und die Pferde auf dem nassen Stroh herumstehen müssen."

Der Tierarzt bestimmte, dass mein Stall peinlichst sauber gehalten werden sollte und man päppelte mich mit Kleie, Grünfutter und Hafer wieder hoch. Nach einer erstaunlich kurzen Zeit fühlte ich mich wieder so frisch wie eh und je. Mr. Barry, der nun schon zum zweiten Mal von seinem Burschen angelogen worden war, wollte mich jetzt verkaufen. Ich durfte noch bis zur völligen Genesung bei ihm bleiben und dann verkaufte er mich. Fortan nahm er sich ein Mietpferd, wenn er einmal reiten wollte.

Der Rossmarkt

Auf einem Rossmarkt gibt es wahrlich viel zu sehen. Er mag vor allem für diejenigen anziehend scheinen, die nichts zu verlieren haben. Hier standen junge Landpferde in Reihen, große Gruppen von zotteligen Welsh Ponys, die ungefähr so groß waren wie Merrylegs. Außerdem gab es zahlreiche Arbeitspferde aller Art. Dazwischen gab es reinrassige Pferde, deren Ansehen aber in der Regel durch einen Unfall oder eine Krankheit beeinträchtigt war. Zu dieser Kategorie zählte auch ich.

Dann gab es noch ausnehmend tolle Pferde, die sich stolz präsentierten, wenn die Stallburschen sie vorführten. Und dann gab es noch die armen Wichte, die ihr Leben als Arbeitstiere fristeten oder gar die vernachlässigten Kreaturen, deren Narben jeweils eigene Leidenswege erzählten.

Aber das Eindrucksvollste an so einem Markt war das Feilschen. Nirgends auf der Welt wird so wenig Wort gehalten und so viel Falsches erzählt wie auf einem Rossmarkt. So drehten einige Kaufinteressenten ab, wenn sie mein zerschundenes Knie sahen. Doch der Händler versicherte glaubhaft, dass ich lediglich im Stall gestürzt wäre.

Die Männer guckten zuerst in mein Maul, dann begutachteten sie meine Augen, die Beine und das Fell und am Ende prüften sie meinen Gang. Jeder der Interessenten erledigte diese Prozedur auf seine Weise. Mal grob und mal sanft. Natürlich erkannte ich dadurch schnell den Charakter eines jeden.

Ein Mann fiel mir besonders auf. Vom ersten Moment an war ich mir sicher, dass ich es bei ihm gut haben würde. Er war nicht sonderlich fein, aber gewandt und kräftig. Er schien was von Pferden zu verstehen. Seine Augen hatten einen gutmütigen Glanz und er roch angenehm. Nicht nach Tabak und Bier, wie so viele. Doch die dreiundzwanzig Pfund, die er für mich bot, waren dem Händler zu wenig.

Nachdem ich ihn aus den Augen verloren hatte, kam ein grobschlächtiger Mann auf mich zu, von dem ich fürchtete, dass er mich kaufen wollte. Doch er ging vorüber und viele andere Kaufinteressenten auch. Später kam der finstere Genosse nochmals zurück und bot dreiundzwanzig Pfund für mich. Inzwischen hatte mein Händler erkannt, dass ich wohl nicht mehr Geld bringen würde, und begann zu handeln.

Glücklicherweise kam der freundliche Herr gerade des Wegs und mischte sich in die Verhandlung ein. Zu guter Letzt kaufte er mich für vierundzwanzig Pfund und zehn Pence. Der Händler lobte mich, während er das Geld entgegennahm. Mein neuer Herr nahm mich am Halfter mit zum Gasthof und gab mir erst einmal zu fressen. Währenddessen streichelte er mich und führte Selbstgespräche, bevor er sich mit mir auf den Weg nach London machte.

Nach einer Weile, es dämmerte bereits, ritten wir an einem großen Droschkenverleih vorbei. Mein neuer Herr grüßte freundlich. Auf die Frage, ob er auf dem Rossmarkt erfolgreich gewesen wäre, antwortete er: "Ja, ich denke schon!"

"Na, dann wünsche ich Ihnen viel Glück mit dem Pferd", rief der Fremde.

Wir ritten weiter, bis wir einige Gässchen später zu einem ärmlich aussehenden Haus kamen, mit einem kleinen Stall dabei. Auf einen Pfiff hin kamen ein kleines Mädchen, ein Bub und eine junge Frau aus dem Haus gerannt. Die Freude über mich war groß und alle standen um mich herum und streichelten mich oder fragten, ob ich lieb sei.

Es war schön, die kleine zaghafte Hand des Mädchens auf meiner Schulter zu fühlen. Dolly hieß sie und sie wurde aufgefordert, mich abzureiben. Die Mutter, die Polly hieß, wollte für mich einen Kleiebrei zubereiten.

"Und für mich, gibt es da auch noch einen Brei?", rief der Vater lächelnd.

"Ja, Bratwurstklöße mit Apfelkuchen", rief der Bub. Alle mussten lachen und sie führten mich in einen Stall, der gut roch. Sie legten mir reichlich trockene Streu in die Box und nachdem ich meine leckere Mahlzeit bekommen hatte, war ich mir sicher, diesmal eine wirklich gute Heimat gefunden zu haben.

Droschkenpferd in London

Jeremiah Barker, so war der Name meines neuen Herrn. Aber alle nannten ihn Jerry. Polly, seine heitere, füllige Ehefrau, passte wunderbar zu ihm. Sie hatte dunkelbraunes Haar, braune Augen und sie lächelte ständig. Jerrys höflicher Sohn Harry war bald zwölf Jahre alt und recht hochgewachsen für sein Alter. Die achtjährige Dolly, die eigentlich Dorothy hieß, war jetzt schon ein Ebenbild ihrer Mutter.

Eine Familie, die sehr liebevoll miteinander umging. In Jerrys Besitz befanden sich eine Droschke und ein großer Schimmel namens Captain, der aber schon ein fortgeschrittenes Alter hatte. Er schien ein wahrer Vollblüter zu sein und hatte angeblich in frühen Jahren den Krimkrieg mitgemacht. Dort war er das Pferd eines Offiziers der Kavallerie und führte mit ihm das Regiment an. Aber davon erzähle ich später.

Am nächsten Morgen kümmerten sich alle rührend um mich. Es war fast wie in alten Zeiten. Polly und Dolly schwärmten mich an und brachten mir als Zeichen ihrer Freundschaft einen Apfel und ein Stück Brot. Dieses wohlige Gefühl, als sie mich streichelten und sanft in mein Ohr säuselten, war unbeschreiblich. Polly fand es schade, dass ich wegen der Narben an meinen Knien als Droschkenpferd eingesetzt werden sollte. Sie rätselten, welches Ereignis mich wohl so zugerichtet hätte. Jerry meinte: "So ein zuverlässiges und tolles Pferd hatten wir noch nie. Nennen wir ihn wieder Jack? Dieser Name hat noch immer zu unseren besten Pferden gehört."

Polly stimmte ihm gerne zu. Am Vormittag zog Captain die Droschke. Nach Schulschluss brachte Harry mir mein Futter und frisches Wasser. Am Nachmittag wurde ich vor die Droschke gespannt. Jerry war ähnlich umsichtig und fürsorglich wie einst John Manly. Endlich durfte ich wieder ohne Aufsatzzügel und Kinnkette fahren. Ein wahrer Segen!

Am Droschkenstand reihten wir uns in die lange Schlange der Kutschen ein, die auf Fahrgäste warteten. Einige Kutscher kamen, mich zu begutachten und ihre Meinung kundzutun. "Für einen Leichentransport mag er gehen", sagte einer. Ein anderer befand mich für zu edel, war sich aber sicher, dass an mir irgendwas falsch sein müsse. Man würde schon noch draufkommen.

Jerry ließ sich nicht drausbringen und meinte: "Der Fehler wird sich dann schon bei mir melden. Und so lange freue ich mich an dem schönen Tier."

Ein Mann mit einem breiten Gesicht und freundlicher Miene kam auf uns zu. Sein grauer langer Mantel, der graue Hut und sein blaues, lose um den Hals geschlungenes Tuch, ließ ihn wichtig erscheinen. Grant, oder besser Governor Grant wie ihn hier alle nannten, schaute mich von allen Seiten an, als wolle er mich kaufen. Dann sah er Jerry an und sagte: "Was auch immer das Pferd gekostet hat, es passt zu dir und er ist es allemal wert."

Die positive Meinung des Ältesten hier am Droschkenstand war wichtig. Er fungierte öfter als Streitschlichter und war bekannt für seine allgemein gutherzige und besonnene Entscheidungskraft. War er jedoch angetrunken, dann war nicht gut Kirschen essen mit ihm.

Der Lärm und die vielen Menschen auf Londons Straßen machten mir während meiner ersten Zeit als Droschkenpferd schwer zu schaffen. Doch nach einigen Wochen bemerkte ich, dass ich einen sehr zuverlässigen, verlässlichen Fahrer hatte. Er machte mir meine Arbeit so leicht, wie es nur möglich war.

Jerry kümmerte sich um uns in wundervoller Weise. Er spürte, dass ich arbeitswillig war, und benutzte die Peitsche nie. Manchmal strich er mit ihr leicht über meinen Rücken, damit ich spürte, dass ich vorwärtsgehen sollte. Doch in der Regel bemerkte ich schon an seiner Zügelhaltung, was er wollte.

Auch der Stall war sehr bequem. Er war so eingerichtet, dass wir uns nachts frei darin bewegen konnten. So hatten wir den Vorzug, uns hinlegen, drehen oder umdrehen zu können, gerade wie es uns gefiel.

Sauberkeit stand für Jerry ganz weit vorne und es fehlte uns an nichts. Stets stand frisches Wasser parat, sodass wir jederzeit in kleinen Mengen trinken konnten. Viele Pferdehalter meinten, sie täten uns einen Gefallen, wenn wir einen ganzen Eimer auf einmal leertrinken durften - das Gegenteil ist der Fall. Pferde müssen jederzeit trinken können.

Am Wichtigsten für uns war aber die Ruhe am Sonntag. Die Arbeit an den Wochentagen war so beschwerlich, dass ich es manchmal schier nicht schaffte. Da diente der freie Sonntag dazu, die Gesellschaft der anderen zu genießen du sich gegenseitig Geschichten zu erzählen. So erfuhr ich auch die Geschichte von Captain.

Ein altes Kriegspferd

Captain nahm als ausgebildetes Militärpferd mit seinem ersten Herrn, der Offizier war, am Krimkrieg teil. Captain war damals ein schöner Schimmel, dem es ungeheuren Spaß bereitete, mit den anderen Pferden zu traben, zu wenden oder im Galopp zu Trompetenklängen den Zeichen des Obersten zu folgen. Er wurde von seinem ersten Herrn, der ein junger, beherzter Mensch war, liebevoll und sorgfältig behandelt.

Nur die Seereisen, die Captain bei diesem Besitzer über sich ergehen lassen musste, die fand er schrecklich. Man schlang ihm Gurte um den Körper und hievte ihn durch die Luft an Bord des großen Schiffes. Während das Schiff heftigen Seegang hatte, standen die Pferde in dunklen, fensterlosen Boxen, in denen sie weder liegen noch die Beine ausstrecken konnten. Am Ende wurden sie wieder mit Gurten versehen an Land gehievt.

Captain erzählte mir mehr aus dieser schrecklichen Zeit. "Wir wurden zwar gut versorgt, aber das neue Land war so ganz anders. Es war kälter und Sturm, Schnee und Regen machten uns sehr zu schaffen. Der Krieg an sich war für uns eher spannend. Wenn wir durch die Trompete aufgefordert wurden, wieder loszugaloppieren, waren wir voll dabei. Für uns gab es weder Granaten noch Bajonette. Jedoch war es eher selten, dass ein Pferd mit seinem Herrn unverwundet aus einer Schlacht hervorging. Wir hatten viel Glück. Doch wir sahen während dieser Zeit viel Elend, Pferde, die niedergeschossen oder von Lanzen durchbohrt waren. Manche lagen noch im Todeskampf. Ich musste mich nie fürchten, weil die Stimme meines Herrn mich stets mit Sicherheit erfüllte. Ich vertraute ihm voll und ganz. Ich sah viele Männer sterben, ritt über blutigen Boden und fürchtete mich trotzdem nicht. Bis eines Tages etwas Schreckliches passierte …"

Geduldig wartete ich, bis der alte Captain sich wieder gesammelt hatte. Die Erzählung schien ihn heute noch mitzunehmen. Dann erzählte er weiter: "An einem Herbsttag geschah es dann. Bei Tagesanbruch hörten wir Kanonendonner, das Lager war bereits auf den Beinen und auf das erste Kommando saßen alle im Sattel und waren in Bereitschaft. Wir Pferde standen unter Spannung und es war allein unserer guten Erziehung zu verdanken, dass wir ruhig standen und lediglich die Köpfe hin und her warfen.

Mein Herr führte mit mir die Truppe an. Er strich eine Strähne meiner Mähne glatt, klopfte liebevoll auf meinen Hals und flüsterte mir ins Ohr, dass uns ein wahrhaft schwerer Tag bevorstünde. Er schien an jenem Tag besinnlicher zu sein als gewöhnlich. Und weil ich ihn und sein Streicheln so mochte, wölbte ich ihm meinen Hals entgegen. Es sollte unser letzter gemeinsamer Angriff sein an diesem Tag.

An jedes Detail kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber es war ein grauenvoller Kampf und es war das stärkste Feuergefecht, das ich je mitgemacht hatte. Doch keiner der Gegner schien nachzugeben. Mein Herr war gerade dabei, seine Kameraden anzutreiben und zu bestärken, als eine Kugel an meinem Kopf vorbei ihn direkt traf. Schweigend schwankte er auf meinem Rücken, ich versuchte langsamer zu werden, aber dann fiel sein Degen und kurz darauf er selbst auf die Erde.

Das Chaos des Kampfes sorgte dafür, dass die anderen Reiter mich vom Ort des Geschehens abdrängten. Ich aber versuchte mit aller Macht, ihn davor zu schützen, zertrampelt zu werden. Es war aussichtslos. Führerlos zog die Geschwindigkeit des Kampfes mich mit und mich überkam ein heftiges Zittern. Ich versuchte trotz meiner unbändigen Furcht mich bei den Pferden, die noch Reiter hatten, einzufinden. Aber sie jagten mich immer weg.

Bis sich ein Mann auf meinen Rücken schwang, dessen Pferd unter ihm das Leben ließ. Nun hatte ich zwar einen Reiter, aber wir hatten den Kampf verloren. Das Schlachtfeld sah inzwischen auch aus wie ein solches. Tote und Sterbende, Menschen und Pferde gleichermaßen … ein erbärmliches Bild, das ich nie vergessen werde. Tierärzte erlösten die schwer verwundeten Pferde mit einem Schuss, die leichter verletzten wurden, versorgt. Die noch lebenden Menschen wurden alle ins Lazarett gebracht.

Die Mehrzahl unserer Pferde blieben auf dem Schlachtfeld. Meinen Herrn habe ich nie wieder gesehen. Ich wechselte dann noch öfter den Besitzer, aber so einen Herrn habe ich nie wieder bekommen. Einmal wurde ich leicht verletzt. Am Ende des Krieges brachte man mich gesund und kräftig zurück nach England."

Ich selbst hatte bis dahin immer nur Schönes aus den Kriegen gehört von den Menschen. Das sagte ich Captain auch.

"Die Leute, die so reden, haben wahrscheinlich noch nie einen richtigen Krieg erlebt", sagte mein Freund. "Die Übungen und die Ausbildung zum Militärpferd - ja, das macht Freude. Aber wenn du zusehen musst, wie tausende unverzagter, guter Männer und Pferde ums Leben kommen oder als Krüppel enden, dann denkst du ganz anders darüber."

Ich fragte noch, ob Captain wüsste, um was es in diesem Kampf überhaupt gegangen war.

Er verneinte. "Wahrscheinlich kann das ein Pferd gar nicht verstehen", meinte er, "aber es muss schon ein böser Feind sein, wenn man absichtlich übers Meer fährt, um so eine Schlacht zu führen."

Jerry Barker

Jerry Barker war der beste Herr, den ich je getroffen habe. In seiner Güte, Freundlichkeit und Gerechtigkeit kam er John Manly sehr nahe. Manchmal sang er selbst gedichtete kleine Lieder:

Immer hilfreich geht zur Hand - einer stets dem andern,
ihr werdet leicht und gut gelaunt - dann durch das Leben wandern.

Dies schien so eine Art Lebensphilosophie von ihm und seiner Familie zu sein. Harry machte geschickt seine Stallarbeit. Morgens halfen Dolly und Polly dabei, die Droschke für den Tag zu richten und Jerry versorgte uns im Stall. Für die Familie begann der Tag sehr früh und Jerry sang häufig:

Versäumst du schon am Morgen - den besten Augenblick,
bringst du ihn mit allen Sorgen - am Tage nicht zurück!

Nichts verurteilte er mehr, als Trödelei und unnütze Zeitverschwendung. Ebenso galt Pünktlichkeit für ihn als eine große Tugend und er hasste es, wenn seine Pferde eilen sollten, weil die Kundschaft zu spät gekommen war. Dies ging so weit, dass er normalerweise eine solche Kundschaft ablehnte. Wenn es aber einen Grund gab, eine eilige Fahrt zu machen, dann konnte Jerry schon mal ‚Dampf' machen, wie er das dann nannte.

So half er eines Morgens einem jungen Mann, der einen schweren Koffer bei sich hatte. Er rutschte auf einem Stück Orangenschale aus und verletzte sich. Jerry half ihm auf und wegen seiner Verletzungen brachte man den jungen Mann in einen naheliegenden Laden. Zehn Minuten später fragte man Jerry, ob er den jungen Mann, der sich wegen seines Unfalls nun in Eile befände, zum Bahnhof fahren könne.

Jerry übernahm diesen Auftrag gerne und fragte herzlich: "Sie sehen blass aus, Sir. Fühlen Sie sich überhaupt in der Lage, zu reisen?" Der Mann betonte mit ernstem Ton, dass er wirklich sehr in Eile sei. Daraufhin setzte sich Jerry zügig auf den Bock und rief: "Auf geht's, Jack, zeig, was du kannst!"

Es war mitten am Tag und im Londoner Geschäftsverkehr war es schwierig, zügig zu fahren. Aber Jerry und ich waren inzwischen ein eingespieltes Team und es genügte ein kurzer Zug am Zügel, um mich zwischen Omnibussen, Karren und Packwagen durchzuführen. Wir hatten jeden Räderabstand und jede Deichsel gemeinsam im Auge und mit viel Geschick und Erfahrung erledigten wir unseren Auftrag, obwohl es Momente gab, in denen unser Fahrgast trotz seines lädierten Zustandes glaubte, er wäre zu Fuß schneller.

Ich war zügig und forsch, Jerry war ein verlässlicher Fahrer mit begabter Hand - so schnell konnte uns keiner den Rang ablaufen. Zum Glück erreichten wir den Bahnhof gerade noch rechtzeitig und unser Fahrgast dankte überschwänglich. Sichtlich erleichtert, dass er den Zug noch erreichen würde, wollte er Jerry zweieinhalb Schilling Trinkgeld geben. Der lehnte dies jedoch ab.

Dann kam auch schon die nächste Kutsche und Jerry trieb mich an, weiterzufahren. Während der Rückfahrt grübelte er laut darüber nach, was den jungen Mann wohl so zur Eile angetrieben hatte. Als wir wieder an unserem Platz am Droschkenstand hielten, kamen uns die Kollegen bereits mit spöttischen Bemerkungen entgegen. Sie belächelten Jerry, der durch diese Fahrt absolut gegen seine bisherigen Prinzipien verstoßen war.

Lachend fragten sie: "Hast du dann wenigstens gut abkassiert?"

"Natürlich. Wesentlich mehr als üblich", antwortete er verschmitzt.

"Und sonst hältst du uns solche Reden!", rief einer gespielt empört, "und jetzt übernimmst du selbst eine eilige Fahrt."

"Jetzt regt euch nicht auf. Der Mann bot mir zwar zweieinhalb Schilling mehr an, aber ich habe es abgelehnt. Sein freudiger Gesichtsausdruck war mir Lohn genug. Außerdem ist das meine Sache, wenn Jack und ich mal Lust auf einen zügigen Trab haben."

Larry entgegnete: "Na ja, so wirst du auf jeden Fall nie reich."

"Und bin ich jetzt weniger glücklich? In keinem der Gebote steht, dass man reich sein soll. Und im neuen Testament ist von reichen Leuten die Rede … so wollte ich nun wirklich nicht werden."

Nun mischte sich Governor Grant ein: "Wenn Jerry mal reich wird, dann verdient er es auch. Aber du Larry, du stirbst einmal als armer Mann. Du erneuerst zu oft die Peitschenschnur."

"Ich habe halt kein Glück mit meinen Pferden. Sie brauchen die Peitsche", rechtfertigte sich Larry.

"Du wirst wohl nie Glück haben", entgegnete der Governor. "Das Glück fährt nicht mit jedem. Es hält sich nur an Menschen, die über Herz und Verstand verfügen. So habe ich das bisher immer erlebt." Dann drehte er sich um und die Anderen kümmerten sich wieder um ihre Droschken.

Sonntagsfahrt

Einmal besuchte uns ein feiner Herr auf dem Hof. Jerry war gerade dabei, mich anzuschirren. Der Herr grüßte freundlich und fragte: "Wäre es möglich, dass Sie sonntagmorgens immer meine Frau zur Kirche fahren? Der Weg zur neuen Kirche ist zu Fuß für meine Gattin zu weit entfernt."

Jerry erklärte dem Herrn, dass er nicht befugt sei, sonntags zu fahren. Da bot ihm der Mann an, die Lizenz zu ändern. Er fügte noch hinzu: "Meine Frau fährt nun mal am liebsten mit Ihnen."

"Es wäre mir eine Ehre, Mrs. Briggs fahren zu dürfen. Aber die Erfahrung hat mir gezeigt, dass dieser eine Ruhetag für mich und für die Pferde von äußerster Wichtigkeit ist", erklärte Jerry dem freundlichen Herrn.

"Ich kann Sie schon verstehen. Aber es wäre doch nur eine kleine Fahrt am Sonntag. Den Rest des Tages hätten Sie dann wieder frei. Und sie kennen uns doch - wir sind doch ganz angenehme Kunden."

"Sicher, Sir. Ich danke Ihnen sehr für Ihr großzügiges Angebot. Und ich fahre Sie und Ihre Gattin gerne. Doch die Sonntage kann ich nicht auch noch arbeiten. Gott hat die Welt an sechs Tagen erschaffen und den siebten Tag heilig erklärt. Seit ich diesen Tag als Ruhetag nutze, geht es mir und meiner Familie viel besser."

Der feine Herr bedauerte diese Entscheidung und meinte: "Nun gut, dann frage ich jemand anders."

Polly war froh, dass ihr Gatte diesen Auftrag abgelehnt hatte. Sie meinte: "Ich hätte dich - selbst wenn Mrs. Briggs dir einen Orden verliehe - nicht fahren lassen wollen. Auch wenn wir dadurch weniger Geld verdienen. Es reicht für uns aus."

Seit drei Wochen hatten wir nun von Mrs. Briggs nichts gehört. So hatten wir nur noch die schwere Arbeit am Droschkenstand. Polly versuchte, Jerry aufzumuntern. Aber als unter den Kollegen bekannt wurde, dass Jerry diesen einfachen Auftrag abgelehnt hatte, nur weil es seinen Ruhetag störte, da nannten sie ihn einen ausgewachsenen Dummkopf.

Es war schon immer eine Diskussion zwischen den Arbeitern wert, ob man den Sonntag als Ruhetag nun einhalten sollte oder nicht. Die einen, die nicht so religiös waren, hätten so einen lohnenswerten Auftrag natürlich nicht abgelehnt. Sie fanden die Kirchgänger äußerst praktisch, denn die brachten ihnen am Sonntag die Einnahmen durch die Fahrt zur neuen Kirche, die etwas außerhalb lag.

Jerry hingegen verteidigte weiterhin seine Entscheidung: "Wenn die Leute wirklich in die Kirche wollen, die Religion so ernst nehmen, wie sie sagen, dann gehen sich auch zu Fuß hin. Und wenn es regnet, dann müssen sie halt Regenmäntel anziehen. Es ist auf jeden Fall nicht in Ordnung, dass wir sie hinfahren sollen und draußen auf sie warten sollen, während sie beten. Wenn eine Sache gut ist, finden die Leute auch so den Weg hin."

Auf dem Land

Einige Wochen später kamen wir eines Abends ziemlich spät nach Hause. Polly kam uns mit einer Laterne entgegen und rief: "Jerry! Mrs. Briggs hat eine Nachricht geschickt. Morgen um elf Uhr möchtest du sie abholen." Man spürte die Erleichterung, denn wir glaubten, dass Mrs. Briggs nun einen neuen Kutscher hatte.

Das Mädchen hatte aber erzählt, dass von den Droschkenkutschern, die Mr. Barker engagiert hatte, keiner so gut war wie Mr. Barker. So jedenfalls berichtete Polly atemlos. Jerry lachte freudig und brachte mich in den Stall, um mich zu versorgen.

Nun fuhren wir wieder regelmäßig für Mrs. Briggs; nur sonntags nicht. Trotzdem kamen wir einmal in die Situation, dass wir eine Ausnahme machen mussten. Polly hatte erfahren, dass die arme Dinah Brown durch einen Brief erfahren hatte, dass ihre Mutter im Sterben lag. Wollte sie sie noch lebend sehen, musste sie sich beeilen.

Doch Dinah Brown war noch ziemlich schwach auf den Beinen, weil sie ein vier Wochen altes Baby hatte. Es war nahezu unmöglich für sie, mit diesem kleinen Wesen den Zug zu nehmen. So blieb ihr nichts anderes übrig, als Polly um Hilfe zu bitten. Sie erwies sich als würdige Vertreterin: "Jerry, sie wird dir diese Fahrt auch bezahlen. Bedenke doch, wie es wäre, wenn meine Mutter im Sterben läge. Jerry, dies ist ein Notfall, dadurch wird der Sonntag doch nicht entweiht, oder?"

Jerry antwortete seiner Gattin: "Oh Polly, du legst dich ja richtig ins Zeug. In diesem Falle verzichte ich natürlich auf die Sonntagspredigt - die hast du mir ja gerade gehalten. Sag Dinah, dass wir um zehn Uhr losfahren. Wir könnten uns den leichten Wagen von Metzger Braydon leihen, dann hätte es das Pferd leichter."

Polly organisierte alles und richtete eine kleine Mahlzeit zusammen. Jerry wählte mich aus, diesen Ausflug mit dem leichten Wagen zu machen. Im Vergleich zu der schweren Droschke, die ich normalerweise zog, war es eine Wohltat, dieses Leichtgewicht zu fahren.

Der laue Maitag bedachte uns mit milder Luft und dem Duft von frischem Gras. Die beschaulichen Landwege weckten freudige Erinnerungen in mir und ich wurde mit jedem Schritt glücklicher.

Wir hielten an einem kleinen Bauernhaus. Hier wohnte also Dinahs Familie. Daneben lag eine wunderbare Wiese mit einer grünen Hecke und schattigen Bäumen. Ein junger Mann wollte, dass Jerry mich im Kuhstall anband. Doch Jerry fragte: "Könnte mein Pferd auch für einige Stunden auf Ihrer wundervollen Wiese bleiben? Oder stört das Ihre Kühe?"

"Aber nein", sagte der junge Mann "wir sind so erleichtert, dass Sie meine Schwester zu uns gebracht haben … Ihr Pferd darf natürlich auf die Weide. Übrigens essen wir in einer Stunde und wir würden uns freuen, wenn Sie hereinkämen. Auch wenn wir alle traurig sind, wegen meiner Mutter."

Jerry lehnte diese freundliche Einladung ab mit der Begründung, er hätte selbst eine Mahlzeit dabei und dass er am liebsten einen Spaziergang auf der Wiese machen würde.

Als ich abgeschirrt auf der Weide stand, wusste ich erst gar nicht, was ich nun anfangen sollte. Sollte ich zuerst Gras fressen oder stillliegen? Oder sollte ich mich wälzen oder über die Wiese galoppieren. Außer mir vor Freude tat ich einfach das, was mir gerade einfiel. Und Jerry schien mindestens so fröhlich wie ich.

Er wanderte auf der Wiese herum, las ein wenig, sang zwischendurch eines seiner Lieder und wanderte am Bächlein auf und ab. Dann pflückte er Blumen und schmückte sie mit Efeuranken. Später versorgte er mich mit dem Hafer, den er eigens für mich mitgebracht hatte. Es war das erste Mal, seit ich mich von Ginger auf Earlshall verabschieden musste, dass ich auf einer Wiese war.

Als wir wieder daheim waren, erzählte Jerry als Erstes: "Polly, dieser Tag war alles Mögliche, aber auf keinen Fall verloren. Die Vögel zwitscherten aus sämtlichen Büschen und Jack hat sich aufgeführt wie ein junges Fohlen!" Dann schenkte er seiner Frau den selbst gepflückten Blumenstrauß. Vor Freude machte sie einen Luftsprung.

Ein Gentleman

Dieser Winter begann schon sehr früh. Ständig gab es Schnee, Hagel oder Regen. Das Klima tat uns Pferden gar nicht gut. Bei Trockenheit reichten uns warme Decken aus, aber die Nässe … Und bei rutschigen Straßenverhältnissen mussten uns die Hufeisen angeraut werden, was uns zu Beginn arg verunsicherte.

Wir Pferde wurden nach einem halben Tag harter Arbeit ausgewechselt und konnten uns im warmen Stall regenerieren. Die Kutscher mussten manchmal bis in die frühen Morgenstunden auf eine Heimfahrt warten.

Einige Kutscher verbrachten viel Zeit in der Kneipe und überließen es irgendjemand, auf uns aufzupassen. Vor allem, wenn das Wetter schlecht war. Jerry machte da nie mit. Er meinte, dass man zu viele Fahrgäste dadurch verlieren könnte und ihm war auch das Geld zu schade, um es im ‚Rising Sun' auszugeben.

Und weil er so vernünftig war und immer in Gedanken bei seiner Familie weilte, schickte Polly ihm regelmäßig was zu essen vorbei. Meist war es Dolly, die zuerst nachsah, ob ihr Vater am Droschkenstand weilte. Kurz darauf stand sie dann immer mit einem Topf voller heißer Suppe oder Pudding da.

Es war erstaunlich, wie gewandt dieses kleine Kind zwischen den Pferden und Wagen durchschlüpfte oder die Straße querte. Die Leute am Droschkenstand mochten die Kleine und wenn Jerry sie nicht selbst über die Straße gebracht hätte, dann hätten es seine Kollegen getan.

Einmal hatte Jerry gerade mit seiner frischen warmen Mahlzeit begonnen, als ein vornehmer Fahrgast hastig herankam. Jerry gab Dolly den Topf wieder und gab dem Herrn zu verstehen, dass er die Fahrt übernehmen könne. Als er mir die Decke abnahm, sagte der Gentleman: "Aber nein, lieber Mann, essen Sie ihre Mahlzeit zu Ende und bringen Sie Ihr Mädchen noch über die Straße. Ich habe es zwar eilig, aber so viel Zeit bleibt immer."

Nachdem Jerry sich bedankt hatte, tat er, wie der Herr ihm geheißen. Seiner Tochter erklärte er, als er sie über die Straße begleitete, dass es sich bei diesem Herrn um einen echten Gentleman handle. "Er muss ein feiner Herr sein, wenn er sich Gedanken um die Mahlzeit eines Droschkenkutschers und um ein kleines Mädchen macht."

Kurz darauf fuhr er den Herrn nach ‚Clapham Rise'. Die Fahrt mit dem Gentleman sollte sich noch mehrmals wiederholen. Ich vermute, dass er sehr tierlieb war. Denn immer wenn wir am Ziel waren, kamen drei Hunde auf ihn zugerannt. Gelegentlich streichelte er auch mir über den Hals und sagte mit seiner ruhigen Stimme: "Schön, dass du einen so guten Herrn hast." Und eine solche Geste hatte Seltenheitswert.

Der Gentleman war schon ein wenig betagt und sein Rücken leicht gebückt. Mit seinen zusammengekniffenen Lippen wirkte er immer nachdenklich, auch wenn er freundlich lächelte. Er wirkte selbstbewusst und seiner wohlklingenden Stimme wäre jedes Pferd gefolgt.

Einmal teilte er unsere Kutsche mit einem anderen Herrn. Während der in einem Geschäft Besorgungen machte, musste der Gentleman in der Droschke warten. Er beobachtete ein Stück entfernt eine Kutsche mit zwei wunderschönen Pferden. Sie warteten vor einem Weinkeller. Sie standen da ohne ihren Kutscher; eine ganze Weile schon. Als sie aus unerfindlichem Grund plötzlich anfuhren, stürzte der Fuhrmann heraus und riss wütend an den Zügeln. Er peitschte auf die armen Pferde ein und wollte sich gar nicht beruhigen.

Da schritt mein Gentleman ein. Beherzt schritt er auf die Droschke zu und rief herrisch: "Lassen Sie das sofort bleiben! Sie sind selbst schuld, wenn Sie Ihre Droschke so lange ohne Aufsicht lassen. Und dann wagen Sie es noch, die Pferde zu misshandeln …"

Der sichtlich angetrunkene Fuhrmann brummte und nickte grimmig lächelnd zurück. Mein Gentleman hatte sich inzwischen den am Wagen stehenden Besitzernamen notiert und kam zu unserer eigenen Droschke zurück.

Inzwischen kam der befreundete Herr aus dem Laden zurück und amüsierte sich über die Initiative. "Hast wohl zu wenig Arbeit?", fragte er süffisant. "Musst dich auch noch um anderer Leute Dienstpersonal und Pferde kümmern, oder?"

Doch der Gentleman schüttelte nur den Kopf über so viel Einfalt und erklärte: "Die Welt ist eigentlich nur so schlecht, weil es vor Egoisten nur so wimmelt. Jeder denkt nur noch an sich und seinen Vorteil. Und kein Mensch kommt mehr auf die Idee, einen Übeltäter zur Rede zu stellen, aus Angst vor den Unannehmlichkeiten, die daraus resultieren könnten. Schon mehr als einmal haben mir die Besitzer der Pferde gedankt, wenn sie erfahren haben, wie die Angestellten mit den Tieren umgehen."

Jerry mischte sich nun ein: "Schade, dass es nicht mehr Gentleman wie Sie in London gibt." Dann fuhren wir weiter. Als die Herren am Ziel waren, sagte unser Gentleman noch: "Grundsätzlich finde ich ja, dass es ebenso unrecht ist, einer grausamen Tat zuzusehen und nichts dagegen zu unternehmen. Allein durchs Beobachten machen wir uns meines Erachtens schon schuldig."

Arme Ginger

Eines Tages, während wir mit anderen Droschken am Park warteten, hielt eine schmutzige alte Kutsche neben uns. Das ungepflegte Fell des Pferdes fiel mir sofort auf. Es hatte geschwollene Knie und man konnte die Rippen zählen. Als der Wind ein wenig von meinem Heu rüberblies, schnappte das arme Tier sofort danach.

Dann blickte es mich an, in der Hoffnung, dass es noch mehr bekam. Aufgrund des traurigen Blicks betrachtete ich das Pferd genauer. Während ich noch überlegte, woher mir dieses Tier wohl so bekannt vorkam, rief es: "Bist du nicht Black Beauty?"

Sofort erkannte ich sie wieder - es war Ginger. Oh, wie hatte sie sich verwandelt. Aus dem wohlgeformten, hübschen Pferd war ein abgemagertes und eingefallenes Arbeitspferd geworden. Das einst so temperamentvolle Gesicht trug nun leidvolle Züge und anhand des Hustens ließ sich leicht erkennen, dass es um ihre Gesundheit nicht gut stand.

Da unsere Kutscher ein paar Schritte von uns entfernt standen, hatten wir Gelegenheit, zu einer kurzen Unterhaltung. Ginger erzählte mir ihre leidvolle Geschichte.

Ein Jahr durfte sie sich noch auf Earlshall erholen, dann wurde sie weiterverkauft. Nach einiger Zeit, in der sie wieder normal arbeitete, holte sie nach einem übertriebenen Ritt ihre Krankheit wieder ein. Wieder durfte sie sich erholen und wurde wieder weiterverkauft. So ging das mehrmals weiter. Mit ihr ging es ständig bergab. Zuletzt landete sie bei einer Droschkenvermietung.

"Du siehst gut aus", sagte sie zu mir. "Bei mir ist das anders. Inzwischen darf ich nur noch die billigen Droschken ziehen, damit ich wenigstens noch einen kleinen Teil des Geldes, das ich den Besitzer gekostet habe, herausarbeiten kann. Ohne Rücksicht auf meine Gesundheit werde ich geschlagen, damit ich meine letzte Kraft noch mobilisieren kann. Dabei denkt niemand an mich. Es geht nur darum, das Geld, das ich mal gekostet habe, wieder herauszuholen aus meiner Leistung. Deshalb darf ich nicht einmal sonntags ausruhen."

Ich erinnerte sie daran, wie sie sich früher beherzt zur Wehr gesetzt hatte, wenn sie schlecht behandelt worden war. Aber Ginger hatte resigniert und meinte: "Die Menschen sind doch sowieso stärker als wir. Uns bleibt nur noch, das ganze Elend auszuhalten, bis zum Tod. Ich wünschte, es wäre schon soweit. Am liebsten wäre es mir, während der Arbeit tot umzufallen - dann würde mir der Pferdeschlächter erspart bleiben."

Erschütterte stupfte ich sie mit meiner Nase an. Doch tröstende Worte wollten mir nicht einfallen. Aber ich spürte, dass sie sich freute. Sie sagte: "In meinem Leben gab es nur einen wirklichen Freund - und das warst du."

Als ihr Kutscher wieder kam, legte er zackig los und ich blieb bekümmert zurück. Nach einigen Wochen fuhr ein Wagen an uns vorbei, aus dem der Kopf eines toten Pferdes hervorlugte. Eingefallene Augen und eine bluttriefende Zunge konnte ich erkennen. Der Anblick war so schrecklich, dass ich am liebsten gar nicht mehr daran denken würde. Aber ich hatte die Blesse auf der Stirn gesehen und war mir fast sicher, dass es Ginger war. Eigentlich hoffte ich es für sie. Dann wäre ihr Leiden endlich vorüber. Es wäre schön, wenn die Menschen barmherzig genug wären, uns zu erschießen, bevor wir ein solch leidvolles Ende ertragen müssen.

Der Wahltag

Eines Nachmittags, wir fuhren gerade in den Hof, kam Polly aufgeregt auf uns zugerannt und rief: "Jerry, Mr. B fragte, ob er am Wahltag unsere Droschke haben kann. Er kommt später noch einmal."

Jerry antwortete seiner Frau, dass er die Droschke bereits anderweitig vergeben hatte. Außerdem mag ich meine Kutsche nicht mit Plakaten vollkleben. Empört setzte er noch hinzu: "Und meine Tiere werden ganz sicher nicht losfahren, um betrunkene Wähler aus Kneipen abzuholen."

Polly reagierte verwundert. "Aber Jerry, der Mann sagte mir, dass du seine politische Meinung teilen würdest. Ich glaubte, du würdest diesen Mann wählen."

"Gut, manche Gedanken kann ich nachvollziehen. Aber deshalb werde ich ihn sicher nicht gleich wählen. Er ist keinesfalls der Richtige, für uns kleine Leute die Gesetze zu machen. Da mag nicht jeder meine Meinung verstehen, aber ich muss das tun, was ich für richtig halte."

Am Vortag der Wahl rannte Dolly weinend in den Hof. Ihr hübsches blaues Kleid war schmutzig. Als Jerry fragte, was denn los sei, antwortete sie stotternd: "Sie, also die Jungs, haben gesagt, dass ich eine Vogel … , Vogel …", sie schluchzte, "und dann haben sie mich mit Schlamm beworfen."

Harry kam hinzugerannt und rief. "Diese roten Halunken, sie können doch meine kleine Schwester nicht als Vogelscheuche beschimpfen! Denen hab ich's aber gezeigt."

Jerry schickte die kleine Dolly zu ihrer Mutter und zu Harry sagte er: "Gut, dass du deine kleine Schwester beschützt. Doch sollst du nie wieder Halunken auf eine Partei beziehen. Es gibt in jeder Partei Schufte - ob Rot oder Blau. Und die meisten, die sich darüber zanken, wissen gar nicht, worum es geht."

Harry fragte verwundert: "Blau soll doch die Farbe der Freiheit sein, Vater!"

"Aber mein Sohn, die Farbe ordnet man nur der Partei zu! Und die Partei ermöglicht dir lediglich die Freiheit, sich auf ihre Kosten zu betrinken, und danach beschimpft sie jeden, der nicht ihrer Meinung ist. Dann kannst du dich an Parolen heiser schreien - auch wenn du sie gar nicht verstehst. Das ist dann auch schon die ganze Freiheit!"

Harry glaubte zuerst, sein Vater mache Witze. Doch Jerry erklärte weiter: "Eine Wahl, mein Sohn, ist was absolut Ernstes. Ich finde es nicht richtig, dass eine Partei mit solch schäbigen Mitteln nach Wählern buhlt. Es sollte jeder Mensch nach seinem besten Gewissen seine Stimme abgeben dürfen!"

Ein Notfall

Als der Wahltag endlich da war, hatten Jerry und ich eine Menge Arbeit. Wir hatten etliche wichtige Fahrten zu erledigen - eine führte uns sogar zur Polizeistation. Als wir endlich wieder am Droschkenstand ankamen, waren alle Wagen unterwegs.

Jerry nutzte die freie Zeit, mich zu füttern. An diesem Tag schien alles anders zu laufen als sonst, schneller und hektischer. Um so glücklicher war ich darüber, dass Jerry mich so verwöhnte. Er setzte sich zu mir und aß die Pastete, die Polly ihm am Morgen eingepackt hatte.

Auf den Straßen herrschte das Chaos. Überall rasten Wagen in den jeweiligen Parteifarben herum, ohne Rücksicht auf Mensch und Tier. Einmal sahen wir sogar einem Unfall zu, bei dem ein Mann und eine Frau einfach überfahren wurden. Doch schlimmer verhielten sich die Wähler, die teilweise stark angetrunken waren und aus ihren Wagen "Hurra!" riefen, wenn sie Leute aus ihrer Partei begegneten. Ich hatte nie zuvor einen Wahltag miterlebt und ich hoffe, dass ich nicht noch einmal einen miterleben muss.

Kurz nachdem wir mit unserer Mahlzeit begonnen hatten, kam eine junge Frau mit einem ungefähr vierjährigen Kind auf dem Arm auf uns zu. Zielstrebig fragte sie Jerry, wie sie am schnellsten zum St.-Thomas-Krankenhaus käme. Der kleine Junge auf ihrem Arm weinte jämmerlich. Die Frau erzählte, sie wäre am Vormittag mit einem Marktwagen in die Stadt gekommen. Von der Wahl hätte sie nichts gewusst.

Sie erzählte, dass ihr vierjähriger Sohn unter heftigsten Schmerzen leide und bis zum heutigen Tage nicht in der Lage war, auf seinen eigenen Beinen zu gehen. Sie hoffe nun, dass man ihm im Krankenhaus weiterhelfen könne.

Jerry klärte sie auf, dass in diesem Gewimmel wahrlich kein Durchkommen möglich wäre, und bot ihr an, in seiner Kutsche zu fahren. Die Frau lehnte ab, weil sie die Kosten auf keinen Fall tragen könne. Doch Jerry beruhigte sie und bot ihr eine kostenfreie Krankenfahrt an. Er habe doch selbst Frau und Kinder und brächte es nicht über sich, eine arme Mutter und ihr Kind den Gefahren dieses unüberschaubaren Gedränges auszusetzen.

Gerade wollte die Frau einsteigen, da drängten sich zwei unverschämte Männer an ihr vorbei, dass sie fast gestolpert wäre, und sprangen in die Kutsche hinein. Jerry sagte: "Meine Herren, die Kutsche ist bereits für diese Dame hier besetzt."

Da lachten die beiden und meinten geringschätzig: "Dame! Pah! Unsere Geschäfte sind auf jeden Fall dringlicher. Außerdem saßen wir zuerst im Wagen. Wir bleiben sitzen!"

Da grinste Jerry spitzbübisch und schloss die Tür. "Schön, meine Herren. Bleiben Sie ruhig sitzen. Ich kann warten und Sie dürfen sich gerne ein Weilchen hier ausruhen." Dann marschierte er zu der jungen Frau, die bei meinem Kopf stand.

Natürlich dauerte es nicht lange, bis die Herren Jerrys Absicht durchschauten. Tatsächlich stiegen sie schimpfend wieder aus und drohten ihm mit einer Anzeige. Endlich konnten wir den Weg zum Krankenhaus nehmen. Jerry nutzte möglichst viele Nebenwege. Vor dem Krankenhaus half er der Dame aus dem Wagen. Sie bedankte sich überschwänglich und war sichtlich erleichtert.

Jerry meinte nur: "Hoffentlich geht es dem Jungen bald wieder besser." Dann wartete er, bis sie im Haus waren, und flüsterte vor sich hin: "Was du dem geringsten meiner Brüder getan hast, das hast du mir getan." Jerry strich mir fröhlich über den Hals.

Inzwischen regnete es heftig. Gerade als wir wenden wollten, rief eine Stimme vom Krankenhaus her: "Kutsche!" So hielten wir wieder und eine Dame kam auf uns zu. Jerry schien die Frau zu kennen. Und als sie ihren Schleier zurückstrich, rief sie: "Barker! Jeremiah Barker! Dass wir uns hier sehen! Toll, dass Sie hier sind - in ganz London ist heute wohl keine Kutsche zu bekommen."

Während der Fahrt in Richtung Bahnhof Paddington erfuhr ich, dass die Dame Pollys frühere Herrin gewesen war. Sie erkundigte sich genau nach der gesamten Familie und bot Jerry freundlich an: "Wenn Ihnen die Arbeit als Droschkenfahrer irgendwann zu anstrengend wird, dann kommen Sie zu mir. Es gibt genügend Stellen für gute Reitknechte." Und dann gab Sie Jerry fünf Schilling für jedes Kind und bat ihn, Polly liebe Grüße auszurichten.

Jerry bedankte sich herzlich und lenkte mich müde nach Hause.

Der alte Captain und sein Nachfolger

Niemals zuvor kam mir der Gedanke, dass der alte Captain und ich einmal getrennt werden könnten. Inzwischen waren wir gute Freunde und wir konnten uns gut unterhalten. Ich war nicht dabei, als ihn das Schicksal ereilte, aber man hatte mir alles erzählt.

Jerry war mit Captain zum großen Bahnhof gefahren und befand sich gerade auf dem Rückweg. Nach der London Bridge kam ihm ein Brauereiwagen entgegen, der von zwei starken Pferden gezogen wurde. Der Fuhrmann trieb die Pferde mit seiner Peitsche noch an. So raste der leere Wagen mit unkontrollierter Geschwindigkeit über die eh schon überfüllten Straßen.

Der Kutscher war machtlos, als er mit seinem Wagen ein Mädchen überrollte und im nächsten Augenblick mit Jerrys Kutsche zusammenstieß. Wie durch ein Wunder wurde Jerry aus der Droschke geschleudert und erlitt nur leichte Kratzer. Doch die Räder der Kutsche waren gebrochen, die Droschke war umgefallen und mit ihr - Captain - dem dabei eine der Deichseln in die Flanke gebohrt wurde.

Als man das Chaos endlich entzerrt hatte und der arme Captain wieder auf seinen Beinen stand, erkannte man, wie schwer er verletzt war. Langsam gingen sie nach Hause, während sich Captains weißes Fell immer mehr mit Blut vollsaugte. Später erzählte man, dass der Kutscher betrunken war und der Brauereibesitzer eine Strafe an Jerry zahlen musste. Doch diese Geste half Captain dann auch nicht mehr.

Einige Tage mussten wir im Stall stehen, bis die Droschke repariert war. Jerry und der Tierarzt bemühten sich redlich um den armen Captain. Sie versuchten, die Schmerzen erträglich zu machen. Doch so, wie es aussah, würde Captain nie wieder ganz gesund werden und war höchstens noch in der Lage einen Karren zu ziehen. Dies würde bedeuten, dass Trunkenbolde über Captain bestimmten, die ihre unvernünftigen Taten dann durch Entschädigungen gut machen wollten. Doch so einfach war das nicht, ein gutes Pferd ist für den Menschen wie ein Freund. Und den kann man auch nicht so einfach mit Geld ersetzen …

Als wir wieder am Droschkenstand eintrafen, fragte Governor nach Captain. Jerry erzählte ihm das Dilemma und sagte: "Zur Hölle mit dem blöden Alkohol. Der ist eine Erfindung des Teufels. Weshalb trinkst du eigentlich noch so viel, Governor. Merkst du nicht, dass du dann eigentlich der Sklave einer schlechten Angewohnheit bist?"

Jerry hatte sich richtig in Rage geredet. Governor antwortete, dass wohl nicht jeder so eine anständige Einstellung zum Leben habe. Er habe es mal mehrere Tage ohne Alkohol versucht und hatte es dann schließlich doch nicht ohne ausgehalten.

Jerry erzählte ihm daraufhin von seiner eigenen Bekanntschaft mit dem Alkohol und dass er sehr wohl wisse, wie schwer es ist, davon loszukommen. Doch mit einem festen Willen, Gottes Hilfe und dank seiner lieben Frau, die ihn bei seinem Vorhaben unterstützte, konnte er sich vom Alkoholgenuss lossagen. "Inzwischen habe ich keine Lust mehr darauf", schloss er seinen Vortrag.

Governor, der interessiert gelauscht hatte, überlegte laut: "Vielleicht sollte ich es noch einmal versuchen. Es ist schon schlimm, nicht mehr Herr seiner Sinne zu sein."

Jerry bestärkte ihn, indem er ihm klar machte, welch großes Vorbild er dann für die Kollegen am Droschkenstand wäre. Es war ja nicht nur ein Problem Governors.

Erst glaubten wir, dass Captain wieder ganz gesund würde. Doch es war nur Jerrys gute Pflege und Captains kräftige Natur, die das verletzte Pferd so lange einsatzbereit gehalten hatte. Jerry lehnte einen Vorschlag des Tierarztes ab, den alten Captain noch für wenige Pfund zu verscherbeln. Er würde es nie übers Herz bringen, einen treuen Diener derart abzuschieben. Er sprach davon, den alten Captain mit einer Kugel von seinem Leiden zu erlösen.

Als ich am nächsten Tag von der Schmiede heimkehrte, war Captain nicht mehr da. Er fehlte mir ebenso wie der gesamten Familie. Nun war es an Jerry, nach einem neuen Pferd zu sehen.

Jerry hatte von einem jungen, temperamentvollen Pferd erfahren, das neulich durchgegangen war. An dem Pferd sei angeblich nichts falsch - es hatte zuvor zu wenig Auslauf und war zu diesem Anlass zu eng aufgezäumt worden. Vermutlich war es nur deshalb ausgeflippt.

Jerry wollte sich Hotspur - so hieß Captains Nachfolger - ansehen. Er brachte ihn mit in unseren Stall. Er war ungefähr gleich groß wie Captain, hatte keine Zeichnung sondern ein durchgehend schönes braunes Fell. Ich begrüßte meinen fünf Jahre alten neuen Mitbewohner freundlich. Aber wir sprachen nichts.

Die erste Nacht verbrachte er eher unruhig. Er stampfte und zog am Halfter. Somit konnte ich auch nicht schlafen. Als Hotspur am nächsten Tag nach fünf Stunden Arbeit mit der Droschke zurückkam, war er vernünftig und ruhig. Jerry war - wie zu erwarten - gut zu ihm und streichelte ihn. Bald waren sie die besten Freunde. Jerry war glücklich, ein so gutes, kräftiges Pferd bekommen zu haben.

Hotspot dagegen schämte sich, als Droschkenpferd zu arbeiten. Doch schon nach einer Woche gab er mir zu verstehen, dass er sein freies Maul und die leichte Hand am Zügel sehr genoss. So befand er die neue Arbeit weniger entwürdigend als die quälende Arbeit seiner früheren Stellung.

Jerrys Neujahr

Während die anderen Menschen Weihnachten und Neujahr feierten, ist diese Zeit für Droschkenkutscher und ihre Pferde sehr arbeitsreich. In diesen Tagen wird viel Geld verdient, weil alle Menschen auf Bälle und Gesellschaften und in die Kirche gefahren werden wollten. Oft mussten die Kutscher stundenlang auf ihrem Bock warten, egal wie kalt es war. Wahrscheinlich verschwendete nie eine der Damen auch nur einen Gedanken an den Kutscher.

Weil ich abgehärteter war, blieben mir immer die Nachtfahrten. Hotspur war auch noch nicht an das lange Warten gewöhnt. Wir hatten viele Aufträge und Jerry, der schon öfter mal ein wenig Husten hatte, bekam diesmal ziemlich heftigen Husten. Polly begann bald, sich Sorgen zu machen.

Am Neujahrsabend mussten wir zwei Herren um neun Uhr zum Kartenspielen fahren. Sie beteuerten, dass es nicht länger als elf Uhr gehen würde. Höchstens einige Minuten Wartezeit sollte Jerry einkalkulieren. Es war eine eisige Nacht, in der Wind und Schneefall einsetzten. Jerry versuchte, sich durch Bewegung warmzuhalten - was seinen Husten aber derart verschlimmerte, dass er sich in das Wageninnere setzte. So ging das ewig lange. Natürlich kamen die Herren nicht um elf … es wurde Viertel nach eins, bis sie endlich einstiegen.

Ohne ein Wort des Dankes stiegen sie ein und ließen sich von Jerry fahren. Ich hatte ganz steife Beine und musste aufpassen, dass ich nicht stolperte. Als die Herren am Ziel waren, hatten sie keinen Gedanken an unsere Mühe verschwendet. Im Gegenteil, sie regten sich noch über den Preis auf. Doch Jerry, der nie zu viel berechnete, ließ sich nicht herunterhandeln. Es waren hart verdiente Münzen für zweieinviertel Stunden Wartezeit in Eiseskälte.

Zuhause bekam Jerry kaum noch einen Ton heraus und sein Husten war beinahe unerträglich. Polly bekam es mit der Angst zu tun und unterstützte ihn, indem sie mich fütterte und abrieb. Am nächsten Morgen dauerte es dann ziemlich lange, bis endlich jemand zu uns kam. Aber es war nicht Jerry sondern Harry.

Er machte den Stall, als wäre es Sonntag und am eigentümlichsten war, dass er nicht pfiff oder sang. Als er am Mittag wiederkam, war Dolly dabei. Sie weinte und ihrem gemeinsamen Gespräch konnte ich entnehmen, dass Jerry schwer krank war. Sie hofften, dass er diese schwere Lungenentzündung überstehen würde.

Governor kam vorbei und erkundigte sich nach Jerry. Harry sprach mit ihm und sie kamen zu dem Schluss, dass es ein Glück war, dass Jerry kein Trinker wäre. Dann würde er die Krankheit wohl nicht überleben. Außerdem meinte der Governor, dass er daran glaube, dass gute Menschen so etwas überwinden. Und er hielt Jerry für einen der besten Menschen, die er kenne.

Nach wenigen Tagen war klar, dass Jerry wieder gesund werden würde. Und für mich war es nicht schlimm, einmal einige Wochen im Stall auszuruhen. Doch Hotspot wurde langsam unruhig. So nahm ihn Governor gelegentlich mit zur Arbeit und teilte den Verdienst, den er mit ihm einfuhr mit Polly. So kam wenigstens ein wenig Geld für unser Futter rein.

Jerry wurde zwar wieder gesund, doch der Arzt riet ihm, das Droschkenfahren aufzugeben. Nun war guter Rat teuer und alle warteten gespannt auf eine Entscheidung.

Wenige Tage später erfuhren wir, dass Polly Kontakt zu ihrer früheren Herrin, Mrs. Fowler hatte. Und so sollte es sich ergeben, dass Jerrys ganze Familie in ein leerstehendes Häuschen auf dem Gut von Mrs. Fowler ziehen konnte. Jerry würde dort als Kutscher arbeiten können, weil der Jetzige im Frühjahr seinen Dienst aufhörte. Harry würde in dieser Umgebung sicher auch Arbeit finden und die ganze Familie strahlte vor Glück.

Für mich war dies natürlich die schlimmste Nachricht. Man würde Droschke und Pferde verkaufen - und wer wollte schon so ein altes Pferd. Seit Birtwick war dies meine schönste Stellung, auch wenn die drei Jahre vor der Droschke an mir gezehrt hatten.

Der Governor übernahm sofort Hotspot. Und es gab einige Kollegen, die mich gekauft hätten. Doch Jerry lehnte ab. Er beauftragte Governor, für mich einen guten Platz zu finden.

Ich hatte Jerry seit Neujahr nicht mehr gesehen. Er organisierte dies alles hinter seiner Haustüre. Am Tag des Abschieds kamen Polly, Dolly und Harry zu mir in den Stall. "Oh Jack, armer alter Jack!", riefen sie, "am liebsten würden wir dich mitnehmen!" Polly umarmte mich und drückte ihr Gesicht an meinen Hals. Die Kinder streichelten mich und küssten mich. Harry schien sehr traurig. Gleich danach brachte man mich zu meiner neuen Stelle.

Jakes und die Lady

Anfangs behandelte man mich in meinem neuen Stall gut. Es war ein Getreidehändler und Bäcker, der allerdings besser daran getan hätte, ein wenig mehr nach mir zu sehen. Sein Vorarbeiter trieb stets zur Eile, lud viel zu viel Gewicht auf den Wagen. Dazu kam, dass er sich vom Fuhrmann nicht belehren lassen wollte, dass man uns zu viel zumutete. "Das Geschäft geht vor!", sagte er immer.

Jakes benutzte leider Aufsatzzügel, wie die anderen Kutscher auch. So wurde mir die Arbeit wieder unnötig schwer gemacht. Nach drei bis vier Monaten bemerkte ich bereits, dass ich dieser Arbeit fast nicht mehr gewachsen war. Als man mir eines Tages noch mehr Gewicht auflud, und ich den Berg fast nicht hinaufkam, griff Jake zur Peitsche und machte ordentlich Gebrauch davon.

Ich versuchte wirklich mein Bestes, aber die Ladung war einfach zu schwer. Jake wurde immer zorniger und hieb auf mich ein. Da kam eine Dame auf uns zu: "Bitte, guter Mann, hören Sie auf, das arme Pferd zu schlagen. Es tut doch bereits, was es kann!"

Es folgte ein Wortwechsel, in dem Jakes zu erkennen gab, dass es nicht seine Schuld sei. Der Vorarbeiter befehle ihm, diese Ladungen zu transportieren. "Dann muss das Pferd eben noch mehr tun!", schloss er seine engagierte Rede.

"Bitte, mein Herr!", rief die Dame, als Jake wieder die Peitsche hob, "lassen Sie sich von mir helfen. Wenn sie dem Pferd die Aufsatzzügel abnehmen, wird es den Berg bewältigen." Sie lächelte ihn freundlich an.

Jakes ließ sich darauf ein - wahrscheinlich nur, um der Dame einen Gefallen zu tun. Es war ein herrliches Gefühl, diese schrecklichen Aufsatzzügel nicht mehr zu spüren. Ich lockerte mein steifes Genick. Die Dame streichelte mir über den Rücken und freute sich mit mir. Jakes trieb mich an. Nun, da ich den Kopf senken konnte, bewältigte ich auch die schwere Last und zog alles bis ganz hinauf. Ohne Pause.

Die Dame ging neben uns her und oben unterhielten sie sich noch eine Weile über die Art, Pferde zu behandeln. Sie erklärte Jakes, dass es schon wieder aus der Mode käme, Aufsatzzügel zu benutzen. Ihre eigenen Pferde hätten schon seit fünfzehn Jahren keine mehr zu sehen bekommen. Dann verabschiedete sie sich von uns.

Jakes war beeindruckt. Selten hatte eine Lady mit ihm gesprochen, wie mit einem Gentleman. Wahrscheinlich nahm er deshalb ihren Rat an und ab diesem Tag befestigte er den Aufsatzzügel nur noch locker und bergauf verzichtete er ganz darauf. Trotzdem blieben die Lasten dieselben und es kam der Tag, da musste man an meiner statt ein jüngeres Pferd kaufen.

Dazu kam, dass ich hier etwas erdulden musste, von dem ich bisher lediglich gehört hatte. Unser Stall war ganz abgedunkelt und wenn ich hinausgeführt wurde, kam es vor, dass ich so geblendet war, dass ich über die Schwelle stolperte. Hätte man mich noch länger dort gelassen, wäre meine Sehkraft sicher geschwächt worden. Und sehschwache Pferde werden schreckhaft und scheuen öfter. Außerdem machte dieses düstere Licht auch eine düstere Stimmung. Glücklicherweise blieb der Aufenthalt dort ohne schlimmere Auswirkungen auf meine Augen und man verkaufte mich an einen größeren Droschkenbesitzer.

Schwere Zeiten

Mein neuer Besitzer, Nicholas Skinner, wird mir immer im Gedächtnis bleiben; allein schon wegen seiner Hakennase, dem finsteren Blick und den Zähnen wie eine Bulldogge. Ich glaube, für ihn hatte auch der arme Sam gearbeitet.

Skinner besaß eine große Anzahl verwahrloster Droschken und unzuverlässiger Kutscher. So schlecht, wie er seine Kutscher behandelte, behandelten diese wiederum die Pferde.

An manchen Sonntagen wurde eine Droschke einen ganzen Tag lang an junge Männer vermietet. Die musste ich dann viele Meilen über Land zeihen. Bergauf kam keiner auf die Idee, abzusteigen - auch wenn es noch so steil war. Es gab Tage, da fühlte ich mich richtig krank, dann konnte ich nicht einmal mehr fressen.

Hier war nichts mehr zu spüren von der guten Behandlung, die Jerry uns Pferden hatte zuteilwerden lassen. Es gab keine Ruhepausen und die Kutscher waren so grob wie mein neuer Herr. Manchmal schlugen sie mich mit einer Peitsche, an deren Ende etwas Spitzes hing, bis ich blutig war. Trotz aller Empörung gab ich mein Bestes. Denn von Ginger hatte ich gelernt, dass es keinen Sinn machte, sich gegen Menschen aufzulehnen. Sie waren nun mal stärker als wir.

Mehr als einmal wünschte ich mir, dass ich einfach während der Arbeit tot umfallen würde. Nun konnte ich Ginger verstehen. Einmal hätte sich mein Wunsch fast erfüllt.

Es war an einem Tag, an dem wir schon einige Fahrten hinter uns hatten. Wir befanden uns gerade am Bahnhof, als ein lauter Mann mit seiner Frau, einem kleinen Buben und einem jungen Mädchen unseren Dienst suchte.

Das Mädchen rief: "Aber Papa! Dieses arme Pferd kann uns und unser schweres Gepäck doch niemals ziehen!" Doch mein Kutscher widersprach und obwohl der Gepäckträger ebenfalls Zweifel zeigte, wurde das wuchtige Gepäck in die Droschke gehievt. Ich spürte, wie die Sprungfedern der Droschke sich senkten.

Das Mädchen ließ keine Ruhe, bis ihr Vater streng rief: "Grace, jetzt mach hier keinen Aufstand! Wenn der Kutscher sagt, dass es in Ordnung geht, dann wird das schon so sein. Halt den Mund!"

Das mitfühlende Kind gehorchte, während ein Koffer nach dem anderen eingeladen wurde. Als es losging, merkte ich, dass die Droschke ungewöhnlich schwer war. Das konnte aber auch daran liegen, dass ich seit dem frühen Morgen weder Futter noch Pause hatte. Trotzdem gab ich wieder mein Bestes …

… bis zum Ludgate Hill. Dort brach ich trotz Peitsche und ständigem Antreiben einfach zusammen. Ich fiel zur Seite und lag regungslos da. Wie im Traum hörte ich fluchende Ausrufe, registrierte das Abladen der Koffer und hörte die sanfte mitleidige Stimme, die sagte: "Herrje, das ist allein unsere Schuld, das arme Tier!" Meine Riemen wurden gelöst und ich hörte Stimmen, die riefen: "Er ist tot!"

Ein Polizist eilte herbei. Ich konnte lediglich ein wenig keuchen. Man verabreichte mir Stärkungsmittel und kippte mir kaltes Wasser über den Kopf. Später deckte mich jemand zu. Als ich nach einer langen Zeit aufwachte, konnte ich nach mehreren Versuchen wieder auf meine Beine stehen. Jemand brachte mich in einen naheliegenden Stall, wo ich in eine Box mit dicker Streu gelegt wurde. Außerdem bekam ich Haferschleim.

Bis zum Abend war ich so erholt, dass man mich wieder zu Skinner brachte. Der ließ mich am nächsten Morgen vom Tierarzt untersuchen, der ihm erklärte: "Dieses Tier ist einfach nur überlastet. Dem fehlt gar nichts. Gönnen Sie ihm ein wenig Erholung im nächsten halben Jahr."

Man kann sich ja denken, was Skinner davon hielt. Er habe keine Möglichkeit, alte kranke Pferde durchzufüttern, sagte er. Entweder er arbeitet, oder er muss weg. Da ermutigte ihn der Tierarzt, mir bis zum nächsten Pferdemarkt, der in zehn Tagen stattfinden sollte, gute Pflege zuteilwerden zu lassen. Dann würde Skinner noch einen angemessenen Betrag für mich erhalten.

Widerwillig tat Skinner, wie ihm geheißen. Als er mich dann gut genährt und gepflegt auf diesen Pferdemarkt brachte, war ich sicher, dass es sich lohnte, zu leben. Jeder neue Platz konnte nur besser sein. Deshalb ließ ich den Kopf nicht hängen sondern hob ihn stolz an und hoffte auf bessere Zeiten.

Gerettet

Auf dem Pferdemarkt fand sich so manches Tier, für das der Tod erlösend gewesen wäre. Viele waren lahm, lungenkrank oder einfach nur alt und überarbeitet. Die Händler und Käufer befanden sich in einem ähnlichen Zustand wie ihre Tiere.

Wieder einmal konnte ich die Menschen beobachten. Manche verhielten sich hartherzig und unerbittlich, aber ich sah auch Leute, denen ich zu gerne zu Diensten gewesen wäre, weil ihr liebenswürdiger Blick und ihre barmherzigen Stimmen vertrauenerweckend waren.

Man hatte schon Interesse an mir, aber letztendlich war ich allen zu kränklich. Gegen später kam ein älterer Herr mit seinem Enkel auf mich zu. Er begutachtete mich mit mitleidigen Blicken. Ich sah ihn mit spitzen Ohren an, als er zu dem Jungen sagte: "Siehst du das Pferd hier, Will? Der hatte auch schon bessere Zeiten." Dann spekulierten sie darüber, was ich wohl mal gewesen war und der ältere Mann meinte, ich hätte Rasse. Der Junge gab mir einen leichten Klaps und streichelte meinen Hals.

Er fragte: "Großvater, kannst du ihn nicht kaufen und wieder jung machen. So wie Ladybird?" Der alte Mann lachte und erklärte ihm, dass man alte Pferde wie mich nicht mehr verjüngen könne. Doch der Junge hatte mich schon in sein Herz geschlossen und ließ nicht locker. Er zählte meine einzigen Vorzüge auf, nämlich den langen Schweif und meine hübsche Mähne. "Großvater!", rief er, "auf unserer Wiese würde er bestimmt wieder jung werden!"

Nun mischte sich mein Händler ein. Er erklärte, weshalb ich verkauft werden sollte und dass der Tierarzt ganz sicher war, dass ich nach einer halbjährigen Pause wieder fit sein würde. "Nur fünf Pfund soll er kosten!", sagte er überschwänglich, "Im nächsten Frühjahr ist er zwanzig wert."

Der Junge diskutierte mit seinem Großvater: "Für das Fohlen hast du doch fünf Pfund mehr bekommen, oder? Dann würdest du mit dem Kauf dieses Pferdes überhaupt nichts verlieren."

Der alte Mann ließ mich vorführen und ich zeigte mich von meiner besten Seite. Und obwohl der Großvater den Kopf schüttelte, ob des großen Risikos das dieser Kauf für ihn bedeuten würde, stimmte er letztendlich zu. Der Junge war außer sich vor Freude. Im nahegelegenen Gasthaus bekam ich Futter und anschließend ritt ein Bediensteter meines neuen Herrn mit mir nach Hause.

Mein neuer Besitzer, Mr. Thoroughgood, ließ mich auf eine wundervolle Wiese bringen, auf der es sogar einen Unterstand gab. Dort wurde ich täglich zweimal mit Heu und Hafer versorgt. Ansonsten wurde ich dem Jungen anvertraut. Will sollte mich beaufsichtigen, worauf er sehr stolz war.

Er kam täglich und gelegentlich brachte er mir eine Karotte mit. Stets redete er liebevoll mit mir und streichelte mich. Er nannte mich Old Crony, was so viel wie - alter Freund - bedeutete. Der Großvater kümmerte sich trotzdem noch um mich, indem er ab und zu nach meinen maroden Gelenken sah. Einmal sagte er: "Will, sieh her. Das ist sein Problem. Aber im Frühjahr wird er sich bestimmt davon erholt haben."

Und tatsächlich - die gute Veranlagung meiner Mutter, die Ruhe und die gute Ernährung verhalfen mir wieder zu Kraft und Lebensfreude. Der freie Auslauf im Gras tat meinen Gelenken so gut, dass meine Beine während des Winters vollends verheilten. Im März spannte mich Mr. Thoroughgood einmal vor den leichten Wagen und ich durfte Will und ihn einige Meilen fahren. Diesen Auftrag erfüllte ich mit Freude.

Daraufhin beschlossen sie, mir im Sommer leichte Arbeit zu geben. Sie freuten sich, dass ich immer jünger wurde. Will rief begeistert: "Oh Großvater, zum Glück hast du ihn gekauft!"

"Tja, diese Tatsache hat er wohl dir zu verdanken", antwortete er schmunzelnd. "Irgendwann sollten wir ihm dann einen netten Platz suchen, bei Menschen, die ihn zu schätzen wissen."

Mein letztes Zuhause

Als mein Knecht mich im Sommer hübsch machte, keimte in mir schon der Verdacht auf, dass wieder eine Veränderung ins Haus stand. Will war teils traurig und teils vergnügt, als er mit seinem Großvater in den Wagen stieg.

"Wir müssen es versuchen", sagte der alte Herr eindringlich, "wenn die Damen ihn wollen, werden sie mit ihm glücklich sein und er mit ihnen."

Nach einer oder zwei Meilen hielten wir an und Will klingelte an einem kleinen hübschen Häuschen. Er fragte nach Mrs. Blomefield oder Miss Ellen. Sie seien zuhause, hieß es. Da ging sein Großvater ins Haus und Will verweilte bei mir.

Nach zehn Minuten kam er mit drei Damen aus dem Haus. Sie waren sich unsicher, als sie mich sahen. Doch Mr. Thoroughgood überredete sie, dass man es mit mir wenigstens probeweise versuchen solle. Er versicherte ihnen, dass mit mir alles in Ordnung sei und dass letztendlich der Kutscher dann entscheiden könne, ob ich geeignet wäre. Die Damen hielten viel von Mr. Thoroughgoods Beratung und ließen sich auf den Handel ein. Am nächsten Tag sollte ich geholt werden.

Als der junge Mann mich sah, war er erst ganz angetan. Doch als er mein Knie betrachtete, meinte er: "Also Mr. Thoroughgood, dass Sie den Damen ein solches Pferd empfehlen!"

Doch mein Herr meinte gelassen: "Jetzt nehmen Sie es erst einmal zur Probe und wenn Sie bemerken sollten, dass dieses Tier Unsicherheiten im Gang aufweist, dann bringen sie es wieder."

Mein neues Zuhause sollte ein schöner bequemer Stall sein. Ich wurde gefüttert und dann erst einmal mir selbst überlassen. Am nächsten Tag kam der junge Mann wieder und als er mir das Gesicht putzte, sagte er: "Black Beauty hatte denselben Stern. Was wohl aus ihm geworden ist?" Als er dann später über meine Narbe am Hals strich, die noch übrig war von meiner ersten schweren Krankheit, erschrak er.

Dann begann er, mich ganz genau zu untersuchen. Er entdeckte immer mehr meiner Eigenheiten. Den weißen Stern auf der Stirn, den weißen Fuß, der Knoten … und auf meinem Rücken den weißen Fleck, den John einst "Beautys Dreipennystück" genannt hatte. Freudig erregt rief er: "Du bist Black Beauty! Oh, erkennst du mich wieder? Ich bin es, Joe Green. Ich hätte dich damals fast umgebracht?"

Um ehrlich zu sein - ich hätte ihn beinahe nicht wieder erkannt. Da stand ein hübscher Jüngling mit schwarzem Schnurrbart vor mir und sprach mit männlicher Stimme zu mir. Aber ich musste es ihm glauben, denn woher sollte er all die Dinge sonst wissen, wenn er es nicht wahrhaftig erlebt hätte. Da streckte ich ihm meine Nase entgegen. Noch nie zuvor habe ich einen so glücklichen Menschen gesehen.

Nun war ja klar, dass es hier nicht nur ein Aufenthalt zur Probe sein würde. Joe schimpfte vor sich hin, wer denn wohl mein Knie so zugerichtet hätte. Und wenn John mich so sehen könnte …

Während am Nachmittag Miss Ellen mit mir fuhr, begleitet von Joe Green, hörte ich, wie er ihr von mir erzählte und dass er sicher sei, Mr. Gordons alten Black Beauty wieder gefunden zu haben. Sie fuhr geübt und außerdem schien sie mit mir zufrieden zu sein.

Nun fuhren sie eine Woche lang mit mir. Gleich am ersten Tag hatten sie Mrs. Gordon von dem Verbleib ihres Lieblingspferdes berichtet. Als sich Ende der Woche sogar die pferdescheue Miss Laviana in den Wagen traute, war es besiegelte Sache, dass ich unter meinem alten Namen "Black Beauty" hier bleiben durfte.

Inzwischen ist ein Jahr vergangen, seit ich dieses schöne Zuhause gefunden habe. Joe ist mir der beste Knecht, den ich je hatte und meine Arbeit ist nicht schwer. Mein altes Temperament kommt wieder und ebenso meine Kraft. Neulich hörte ich, wie Mr. Thoroughgood zu Joe sagte, dass ich hier locker zwanzig Jahre und älter werden könnte.

Will kommt häufig zu mir und ist mir ein guter Freund. Die drei Damen haben versprochen, mich zu behalten. So kann ich nun mein Leid hinter mir lassen. Ich habe nichts mehr zu befürchten. Meine Geschichte geht hier zu Ende. Manchmal, wenn ich morgens im Halbschlaf vor mich hinträume, kommt es mir so vor, als verweilte ich unter den alten Apfelbäumen von Birtwick, in Gesellschaft meiner alten Freunde.

Der Klassiker BLACK BEAUTY von Anna Sewell (1820 - 1878) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt.


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