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Lesekorb - Das Web-Magazin für Kinder

Ein Yankee am Hofe des König Artus

von Mark Twain

Vorwort

Angenommen, du wärest im Besitz einer Zeitmaschine - wohin würdest du gerne reisen? In die Zukunft, um zu sehen, was der Menschheit bevorsteht? Spannend wäre es sicherlich im Wilden Westen zwischen Cowboys und Indianern. Oder viel weiter zurück ins alte Ägypten zu den Pharaonen.

Du siehst schon, es gibt unzählige Möglichkeiten und wenn man es sich aussuchen kann, mag es eine abenteuerliche Angelegenheit sein.

Unser Held in der folgenden Geschichte hatte allerdings keine Wahl. Bei einem handfesten Streit im Amerika des 19. Jahrhunderts erhält er einen fürchterlichen Schlag auf den Kopf. Als er wieder zu sich kommt, muss er nach und nach feststellen, dass er 1300 Jahre in die Vergangenheit gereist ist und sich am Hofe des Königs Artus befindet.

Ein Ort, den es angeblich nur der Sage nach gibt!

Ausgestattet mit seinem vergleichsweise modernen Wissen und keinerlei Respekt vor Monarchie, Adel und Kirche beschließt der Yankee, die Menschen für eine aufgeklärte und demokratische Lebensform zu begeistern.

Der Autor Marc Twain räumt durch diese Zeitreise auf satirische Weise mit den verklärten Vorstellungen des Rittertums auf. Seinem Protagonisten, seiner Hauptperson, gelingt es tatsächlich, das England im 6. Jahrhundert auf sensationelle Weise zu modernisieren. Wie und warum er dennoch scheitert, lies einfach selbst.

Marc Twain war nur ein Pseudonym für den 1835 im Staat Missouri geborenen Samuel Langhorne Clemens. Seine berühmtesten Bücher sind die Abenteuer um Tom Sawyer und Huckleberry Finn, die du ebenfalls hier im Lesekorb finden kannst.

Der sonderbare Fremde

Die Geschichte, die ich erzählen möchte, begann mit einer Begegnung, die ich im Schloss Warwick hatte. Ein sonderbarer Mann erregte meine Aufmerksamkeit, da er sich durch erstaunliche Kenntnisse über das Leben der Ritter auszeichnete.

Wir bildeten das Ende einer Schlossführung und dieser Herr begann sehr leise von Dingen zu sprechen, die mich interessierten. Mit jedem Wort, schien er fortzutreiben in eine längst vergangene Epoche und bald war mir, als unterhielt ich mit einem leibhaftigen Zeitzeugen des frühen Mittelalters.

In einer kurzen Pause des Fremden vernahm ich die Erklärungen des Schlossführers: "Alter Harnisch aus dem 6. Jahrhundert, die Zeit des König Artus und seiner Tafelrunde. Er soll dem Ritter Sir Sagramor gehört haben. Man bemerke das runde Loch an der linken Brustseite des Kettenpanzers. Da es zur damaligen Zeit keine Feuerwaffen gab, geht man davon aus, dass es von Soldaten Oliver Cromwells im 16. Jahrhundert böswillig verursacht wurde."

Mein neuer Bekannter lächelte und murmelte zu sich selbst: "Wisset wohl, ich sah, wie es geschah! Ich tat es selbst."

Ich war wie vom Donner gerührt und als ich mich erholt hatte, war der Mann verschwunden.

Den ganzen Abend saß ich am Kamin im Gasthof von Warwick, versunken in einem Traum von alten Zeiten, während der Regen an mein Fenster schlug. Schlaftrunken las ich in einem Buch von Sir Thomas Malory, der Erzählungen über König Artus und seine Ritter in bezaubernder prächtiger Weise aufgeschrieben hatte.

Als ich das Buch beiseitelegte, klopfte es an die Tür und mein neuer Bekannter trat ein. Ich bot ihm eine Pfeife und einen Stuhl sowie einen schottischen Whisky an. Nach dem vierten Glas begann er ganz von selbst mit seiner unglaublichen Geschichte:

Ich bin Amerikaner. Geboren und erzogen wurde ich in Hartfort im Staat Connecticut. Sozusagen ein waschechter Yankee. Praktisch veranlagt, ohne jeden Hang zur Poesie. Mein Vater war Schmied, mein Onkel Pferdedoktor und ich war zeitweise beides.

Dann wechselte ich zu einer Waffenfabrik und erlernte meinen eigentlichen Beruf. Ich erstelle Gewehre, Revolver, Kanonen, Maschinen aller Art. Was es noch nicht gab, erfand ich einfach. So wurde ich schnell zum Oberaufseher von ein paar tausend Leuten.

Wenn so viele raue Gesellen unter sich sind, gibt es genügend Gelegenheiten sich zu raufen. Eines Tages geriet ich an einen, den wir Herkules nannten. Wir trugen unseren Streit mit Brechstangen aus. Mit einem Hieb gegen meinen Kopf, bei dem ich das Gefühl hatte, alle Nahtstellen würden zerspringen, setzte er mich außer Gefecht.

Die Welt versank in Dunkelheit. Als ich wieder zu mir kam, saß ich unter einer Eiche im Gras. Vor mit stand ein Kerl auf einem Pferd, der auf mich herunter sah. Seiner Kleidung nach, wer er eben einem Bilderbuch entsprungen, denn er steckte von Kopf bis Fuß in einer Eisenrüstung.

"Edler Herr, wollt Ihr turnieren?", fragte der Kerl.

"Ob ich was will? Was soll das Gerede? Machen Sie, dass Sie zu Ihrem Zirkus zurückkommen, oder ich erstatte Anzeige!"

Aber was tat der Kerl. Er wendete sein Pferd, ritt ein Stück zurück und sprengte in vollem Galopp und langem Speer auf mich los. So schnell ich konnte, rettete ich mich auf den Baum. Er bestand darauf, dass ich sein Eigentum sei und da er die schlagenderen Argumente hatte, gab ich nach.

Wir marschierten los über Lichtungen und Bäche. Nirgends konnte ich einen Zirkus erkennen. Also folgerte ich, dass er der Irrenanstalt entlaufen sein müsste. Ich fragte ihn, wie weit es noch nach Hartford sei. Seine Antwort, einen solchen Ort gäbe es nicht, hielt ich für eine Lüge, die ich aber durchgehen ließ.

Nach einer Stunde sahen wir in der Ferne eine verträumte Stadt, über der auf einem Hügel eine graue Festung mit zahlreichen Türmen stand.

"Wo sind wir?", fragte ich.

"Camelot", antwortete er.

Mein neuer Bekannter hatte Anzeichen von Müdigkeit gezeigt. Er bat mich, mit ihm in sein Zimmer zu kommen. Dort hätte er seine gesamte Geschichte aufgeschrieben. Er gab mir das Manuskript und deutete auf die Stelle, wo ich beginne sollte.

"Fangen Sie hier an. Was vorher kommt, habe ich Ihnen schon erzählt. Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht."

Ich ging zurück zu meinem Sessel am Kamin und besah mir die Seiten genauer. Ein Großteil war aus Pergament und von den Jahren vergilbt. Ich blätterte bis zu jener Stelle, die mir der Fremde gezeigt hatte, und begann zu lesen.

Camelot

"Camelot, ich kann mich nicht erinnern, dass es hier einen solchen Ort gibt. Das kann nur der Name der Irrenanstalt sein", sagte ich zu mir.

Die sommerliche Landschaft war sanft und friedlich. Die Luft erfüllt vom Duft der Blumen, vom Summen der Insekten und Zwitschern der Vögel. Die Straße verlassen.

Auf einmal kam uns ein hübsches Mädchen mit einem wunderschönen Kostüm entgegen. Auf dem Kopf trug es einen Kranz aus Mohnblumen. Mit weit aufgesperrtem Mund starrte sie mich ängstlich an. Es war mir unbegreiflich, dass sie vor mir, anstatt vor dem Mann erschrak. Darauf konnte ich mir keinen Reim machen.

Als wir uns der Stadt näherten, zeigten sich die ersten Anzeichen von Leben. Die Häuser waren armselige Hütten mit Strohdächern. Die Männer hatten zottelige lange Haare und die Frauen trugen Kleider aus grobem Leinen. Die Jungen und Mädchen waren alle nackt, was keinen zu stören schien.

Aus der Ferne erklang Marschmusik und bald wand sich ein prächtiger Reiterzug an uns vorbei. Es war ein großartiger Anblick: gefiederte Helme, glänzende Rüstungen, flatternde Banner. Wir folgten dem Zug als Nachhut.

Sobald sich mir die Gelegenheit bot, schlüpfte ich beiseite, fasste einen alten, gewöhnlich aussehenden Mann und fragte ihn überaus freundlich:

"Freund, sagen Sie mir. Gehören Sie auch zu der Irrenanstalt, oder sind Sie nur Besucher?"

Der Mann musterte mich mit dümmlicher Miene und sagte:

"Fürwahr, edler Mann, mich dünkt …"

"Das genügt!", sagte ich. Er konnte nur ein Patient sein.

Nachdenklich ging ich weiter, immer Ausschau haltend nach einem Menschen, der bei Verstand wäre. Ein Junge mit einer orangeroten Strumpfhose, die ihm das Aussehen einer gegabelten Mohrrübe verlieh, stach mir ins Auge. Er war ein hübscher Bengel mit langen blonden Haaren und kam lachend auf mich zu. Dabei musterte er mich von oben bis unten und meinte, er habe Befehl mich zu holen.

Ich ging mit ihm, was hätte ich auch tun sollen und der Junge begann auf unbekümmerte Weise zu sprechen und zu lachen, als seien wir alte Freunde. Beiläufig erwähnte er, dass er zu Beginn des Jahres 513 geboren sei.

Ein Schauder erfasste mich. Ich blieb stehen und sagte mit schwacher Stimme:

"Habe ich dich richtig verstanden? Du bist im Jahr 513 geboren. Sei aufrichtig. Bis du bei Verstand?"

Er sagte, das sei er.

"Wenn das hier kein Irrenhaus ist, sag mir, wo bin ich dann?"

"Am Hofe des Königs Artus."

Ich wartete einen Moment, bis ich seine Worte halbwegs begriffen hatte, und fragte dann:

"Welches Jahr haben wir?"

"Das Jahr 528 - heute ist der 19. Juni."

Mir wurde schwer ums Herz, denn ich begriff, dass ich meine Freunde nie wiedersehen würde. Sie kämen erst in mehr als 1300 Jahren zur Welt. Ich glaubte dem Jungen, keine Ahnung warum. Aber mein Verstand brauchte Beweise. Da fiel mir etwas Geniales ein. Ich wusste, dass die einzige totale Sonnenfinsternis in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts am 21. Juni drei Minuten vor zwölf Uhr angefangen hatte. Außerdem wusste ich, dass in dem Jahr, in dem ich mich eigentlich zu befinden glaubte, keine Sonnenfinsternis stattfinden sollte. Ich musste mich nur achtundvierzig Stunden gedulden, dann hatte ich Klarheit.

Jedes Ding zu seiner Zeit, ist mein Wahlspruch - und immer hoch reizen, auch wenn man nur zwei Paare und einen Buben auf der Hand hat. Ich nahm mir zwei Dinge vor: Sollte ich noch im 19. Jahrhundert und damit in einer Irrenanstalt sein, aus der mir keine Flucht gelänge, würde ich dieses Haus in kürzester Zeit kommandieren.

Wäre ich jedoch im 6. Jahrhundert, auch gut, innerhalb drei Monate würde es mir gelingen, an der Spitze des gesamten Landes zu stehen. Schließlich hatte ich selbst zum gebildetsten Mann des Landes einen Vorsprung von 1300 Jahren.

"Mein Junge, kannst du mir erklären, wer der Mann war, der mich herbrachte. Außerdem nenne mir deinen Namen."

"Ich heiße Clarence und unser beider Herr ist der gute Ritter Lord Sir Kay, der Milchbruder unseres Königs. Sobald er sein Mahl beendet hat, wird er euch vor König Artus und die berühmten Ritter der Tafelrunde führen lassen. Hört auf meinen Rat, und last Sir Kay seine Geschichte erzählen, auch wenn er dabei maßlos übertreiben sollte. Es ist nicht ungefährlich, ihm ins Wort zu fallen. Ich werde euch im Kerker besuchen und dafür Sorgen, dass ihr euren Freunden Nachrichten schicken könnt."

Meinen Freunden Nachrichten geben! Der gute Junge hatte ja keine Ahnung. Da kam bereits ein Diener und brachte mich in einen ziemlich kahlen Saal. Entlang der Wände standen Bewaffnete mit Brustplatten und Hellebarden. Inmitten eines von einem Kreuzgewölbe überdachten Platzes stand ein Tisch aus Eichenholz, den sie die Tafelrunde nannten. Er war so groß wie eine Zirkusmanege.

Drum herum saßen in leuchtenden Farben gekleidete Männer, deren Hauptbeschäftigung es war, aus Ochsenhörnern zu trinken, und an Rinderknochen zu nagen.

Mir fiel auf, dass ich nicht der einzige Gefangene im Saal war. Mit mir standen zwanzig arme Teufel da, die von der Folter gezeichnet waren.

Die Ritter der Tafelrunde führten hauptsächlich Monologe, in denen sie von Abenteuern erzählten, die sie angeblich selbst erlebt hatten. Einen nannten sie Sir Galahad, einen anderen Sir Lanzelot vom See. Als Sir Kay, dessen Gefangener ich war, an der Reihe war, musste ich mit anhören, in welch gefährlichem Kampf gegen ein ganzes Bataillon er mich zu seinem Gefangenen gemacht hatte.

Meine Kleidung bezeichnete er als Zauberkleidung, gegen die er durch sein Gebet die Oberhand behielt. In einer dreistündigen Schlacht hatte er meine dreizehn Ritter und mich besiegt, wobei er nur mich vom Tod verschont habe, um König Artus die Wahl meines Todes zu überlassen.

Clarence erwiderte nur spöttisch: "Hätte Sir Kay noch mehr Wein getrunken, hätte sich die Anzahl seiner Gegner mindestens verdoppelt."

Ich beobachtete, wie sich innerhalb weniger Sekunden sein Blick von Spott auf Qual veränderte. Ein alter weißbärtiger Mann mit einem fließenden schwarzen Gewand hatte sich erhoben.

"Bei Gott, nun werden wir sie wieder hören - diese alten, ermüdenden Geschichten. Guter Freund, weckt mich zum Abendgebet." Mit diesen Worten schmiegte sich der Junge an meine Schulter und gab vor einzuschlafen.

"Wer ist das?"

"Merlin, der mächtige Lügner und Zauberer. Möge er in der Hölle schmoren für die Langeweile, die er mit seinen Geschichten verbreitet", grummelte Clarence mit geschlossenen Augen.

Der alte Mann begann seine Geschichte und kurz darauf schlief beinahe der gesamte Hof. Für mich, der ich dieses kuriose Lügenmärchen zum ersten Mal hörte, war es hübsch anzuhören. Nachdem er geendet hatte, wachten alle wieder auf und es entbrannte unter den Rittern ein Streit darum, wie man meine Wenigkeit am besten umbringen sollte. Sie waren so beunruhigt über meine verzauberten Kleider, dass sie äußerst erleichtert waren, als endlich der alte Merlin mit einer gesunden Portion Menschenverstand die Schwierigkeiten aus dem Weg räumte.

Er schlug vor, mich auszuziehen und eine halbe Minute später stand ich nackt wie ein Säugling vor ihnen. Schließlich wurde ich in die eine und meine gefährliche Kleidung in die andere Richtung fortgeschleppt. Sie stießen mich in eine enge Kerkerzelle mit fauligem Stroh und unzähligen Ratten als Gesellschaft.

Die Eingebung

Ich war so müde, dass ich ewig schlief. Mein erster Gedanke war: Was für ein erstaunlicher Traum. Gut, dass ich rechtzeitig aufgewacht bin, sonst wäre ich noch gehenkt oder ertränkt worden.

Aber in diesem Moment hörte ich die barsche Musik rostiger Ketten und Clarence erschien vor mir. Mir verschlug es die Sprache; war dieser Jüngling immer noch da!

"Verschwinde mit dem übrigen Traum", rief ich. Aber der Junge lachte nur fröhlich.

"Nun gut, soll der Traum eben weitergehen, ich habe keine Eile."

"Welcher Traum? Ich bin doch Wirklichkeit."

"In meinem Traum gibt es Camelot und König Artus. Ein Ort und eine Person, die nie existiert haben. Und du bist auch nur eine Ausgeburt meiner Fantasie."

"Nun, dann denkst du es ist auch nur ein Traum, dass du morgen verbrannt wirst?"

Mich durchfuhr ein furchtbarer Schreck. Egal, ob Traum oder Wirklichkeit, eine Hinrichtung auf dem Scheiterhaufen war in keinem Fall das, was mir vorschwebte. Also flehte ich Clarence an, mir bei einer Flucht zu helfen. Doch der Junge erklärte mir, dass überall Wachen stünden und Merlin einen Bann auf diesen Kerker gelegt hatte, durch den es kein Entkommen gab.

Ich lachte so herzhaft wie schon lange nicht mehr und rief:

"Merlin hat einen Bann gesprochen! Ausgerechnet der alte schwatzhafte Schwindler."

Clarence fiel auf die Knie und erwiderte angstvoll:

"Hüte dich! Dies sind furchtbare Worte! Jeden Augenblick könnten diese Wände zusammenstürzen, wenn du so etwas sagst."

Dieses merkwürdige Verhalten brachte mich dazu, nachzudenken. Wenn hier jeder eine solche Angst vor Merlins Zauberkraft hatte, musste dies einem geistig weitaus überlegenerem Mann wie mir, von Nutzen sein.

"Steh auf, Clarence. Ich will dir erklären, weshalb ich gelacht habe. Ich bin selbst ein Zauberer. Merlin kenne ich seit 700 Jahren. Wohin ich auch komme, überall taucht er auf und geht mir ziemlich auf die Nerven. Clarence, geh für mich zum König und überbringe ihm die Nachricht, dass ich ein mächtiger Magier bin. König Artus soll begreifen, dass ich in aller Stille ein Unheil vorbereite, sollte ich auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden."

Der arme Junge war so durcheinander, dass er nicht antworten konnte. Er tastete sich aus meiner Zelle und verschwand. Mir blieb zu bangen, ob Clarence nicht misstrauisch wurde. Sollte ich tatsächlich ein solch großer Magier sein, wäre es für mich ein Leichtes aus dem Gefängnis zu entkommen.

Doch dann fiel mir ein, dass diese Kreaturen ja nicht nachdachten. Das beruhigte mich. Aber ich hatte einen weiteren Fehler begangen. Welches Wunder sollte ich vollbringen, um ein Unheil anzurichten. Was mir fehlte, war Zeit um einen geeigneten Plan zu schmieden. Auf dem Gang waren bereits Schritte zu hören - was sollte ich nur tun?

Da! Wie ein Geistesblitz fiel es mir ein, die Sonnenfinsternis sollte meine Rettung sein. Diese abergläubischen Wilden würden mir glauben, dass es mein Werk sei.

Clarence kam niedergeschlagen vom König zurück und berichtete mir. Der König wollte mich schon begnadigen, als Merlin Einspruch erhob. Ihm fiel auf, dass ich das Unheil nicht beim Namen genannt hatte und er mir kein Wort glaubte. Der Junge beschwor mich, das Unheil zu benennen.

Ich schwieg eine Weile, um mich möglichst eindrucksvoll darzustellen, dann sagte ich:

"Wie lange bin ich schon in diesem Loch eingesperrt?"

"Seit gestern Abend. Jetzt haben wir die neunte Stunde des zwanzigsten Tages."

"Und morgen soll ich lebendig verbrannt werden. Um welche Zeit?"

"Zur Mittagsstunde." Der Junge schauderte.

"Nun gut, so geht zu deinem König und sage ihm Folgendes: Zu jener Stunde werde ich die ganze Welt in mitternächtliche Dunkelheit legen. Ich werde die Sonne auslöschen und sie wird nie wieder scheinen. Ohne ihr Licht wird keine Frucht mehr wachsen und die Völker der Erde werden Hungers sterben und verderben."

Clarence brach vor mir zusammen. Ich trug ihn eigenhändig hinaus und übergab ihn den Soldaten. In der Stille und Dunkelheit meiner Zelle wurde mir erst richtig bewusst, in welcher Gefahr ich schwebte. Doch mein genialer Einfall mit der Sonnenfinsternis würde mich retten und so stieg mein Stimmungsbarometer bis zum Anschlag.

Wenig später öffnete sich die Tür und ein Bewaffneter erschien:

"Der Scheiterhaufen ist bereit. Kommt!"

Der Scheiterhaufen? Meine neu gewonnen Kräfte, verließen mich augenblicklich. Ich rang nach Luft und konnte kaum sprechen:

"Das ist ein Irrtum - die Hinrichtung ist erst morgen!"

"Neuer Befehl: Sie ist um einen Tag vorgezogen, beeilt Euch."

Ich war verloren. Durch ein Labyrinth unterirdischer Gänge wurde ich zum riesigen Innenhof des Schlosses gebracht. In der Mitte türmte sich der Scheiterhaufen. An allen vier Seiten des Hofes stiegen die Sitzbänke Reihe um Reihe terrassenförmig an. Der König und die Königin saßen auf ihren Thronen.

Das zu überblicken dauerte nur wenige Sekunden und im nächsten Moment schlüpfte Clarence aus irgendeinem Versteck und flüsterte mir mit strahlenden Augen seine Neuigkeiten ins Ohr:

"Ich war es! Ich habe die Vorverlegung bewirkt! Es war fürwahr ein harter Kampf. Aber ich habe den hohen Herren vorgeflunkert, dass Eure völlige Zauberkraft erst morgen um die Mittagszeit wirken kann. Das trieb sie zur Eile und so wurde Eure Hinrichtung vorgezogen. Jetzt könnt Ihr mit einem klitzekleinen Zauber die Sonne nur ein bisschen verdunkeln und schon wird man Euch glauben und freilassen. Aber versprecht mir, der Sonne kein Leid anzutun."

Nicht zu fassen. Die gut gemeinte Torheit des Jungen würde mich in den Tod treiben. Auf dem Hof herrschte tiefe Stille. Man kettete mich auf dem Scheiterhaufen fest und ein Mann mit einer lodernden Fackel kniete bei meinen Füßen nieder.

Ein Mönch hielt seine Hände über meinen Kopf, wandte seinen Blick zum Himmel und sprach ein paar lateinische Worte. Plötzlich froren seine Worte ein und ich folgte seinen Augen. Was ich dort sah, konnte ich kaum glauben.

Da ging doch tatsächlich meine Sonnenfinsternis los! Ein schwarzer Rand schob sich langsam in die Sonnenscheibe. Leben strömte durch meine Adern. Ich war ein neuer Mensch. Augenblicklich nahm ich eine großartige Pose ein und deutete auf die Sonne.

Merlin befahl mit kräftiger Stimme: "Lege die Fackel an!"

König Artus rief: "Ich verbiete es!"

Die Menge sank demütig auf ihre Sitze und Merlin zögerte, bevor auch er sich setzte. Dann sprach der König:

"Seid gnädig, guter Herr, und führt dieses gefährliche Unterfangen nicht weiter aus. Nennt mir Eure Bedingungen, verlangt die Hälfte meines Königreichs, aber wendet dieses Unglück ab."

Mein Glück war gemacht. Ich wäre sofort einverstanden gewesen, leider konnte ich die Finsternis nicht aufhalten - so viel stand fest. Also bat ich um Bedenkzeit.

"Die Dunkelheit wächst mit jedem Augenblick, wie lange wollt Ihr nachdenken?", fragte der König.

"Nicht lange, eine halbe Stunde - vielleicht eine Stunde."

Eines stand fest Clarence musste sich im Datum geirrt haben. Heute musste der 21. sein. Außerdem wusste ich nicht, wie lange eine totale Sonnenfinsternis dauern sollte. Es blieb nichts übrig, als die Sonne im Auge zu behalten und eine bedeutungsvolle Pose einzunehmen. Als der Mond sich schon zu zwei Dritteln vor die Sonne geschoben hatte, sagte ich:

"Ich habe nachgedacht! Als Mahnung will ich die Dunkelheit fortschreiten lassen und Nacht über die Welt ausbreiten. Wenn ihr auf meine Forderung eingeht, soll die Sonne danach wieder erscheinen. Macht mich zu Eurem Minister und Bevollmächtigten. Für meine Dienste verlange ich ein Prozent des Zuwachses, den ihr dank meiner Arbeit erzielen werdet. Seid Ihr damit einverstanden?"

Tumultartiger Applaus setzte ein und der König befahl, mich freizulassen. Da mir bewusst war, dass die völlige Finsternis noch ein Weilchen auf sich warten ließ, kam mir die Idee nach meinen Kleidern zu fragen, um die Zeit sinnvoll zu überbrücken.

König Artus hieß seine Diener angemessene Gewänder kommen zu lassen, und mich wie einen Prinzen zu kleiden.

Es wurde immer finsterer, während ich mich mit den neuen unbequemen Kleidern des 6. Jahrhunderts abmühte. Schließlich wurde es stockdunkel und die Menge stöhnte entsetzt auf. Ich sagte:

"Der König hat meine Bedingungen angenommen. Der Zauber weiche und kein Schaden bleibe zurück!"

Als kurz darauf der silberne Rand der Sonne sich zeigte, brach die Versammlung in lauten Jubel aus.

Merlins Turm

Da ich nun der zweite Mann im Königreich war, wurde viel Aufhebens um mich gemacht. Meine Kleidung bestand aus Samt, Seide und Goldstoffen und war dementsprechend protzig. In der Burg bekam ich die zweitbeste Zimmerflucht nach der des Königs. Was den Komfort anging, so gab es im Grund keinen. Damit meine ich die kleinen Annehmlichkeiten, die ich aus dem 19. Jahrhundert gewohnt war.

Es gab keine Seife, keine Streichhölzer, keinen Spiegel. Weder Bücher und Papier noch Stifte und Tinte. Ich hatte einen Haufen Diener, die im Vorzimmer herumlungerten. Allerdings gab es keine Klingel und wenn ich sie brauchte, musste ich zu ihnen gehen.

Am Schlimmsten war vielleicht, dass es keinen Zucker, Kaffee, Tee oder Tabak gab. Ich kam mir vor, wie ein zweiter Robinson Crusoe. Es blieb mir nichts anderes übrig, als meinen Kopf und die Hände einzusetzen, um neue Dinge zu erfinden, zu entwerfen und zu erschaffen.

Das ungeheure Interesse der Leute an meiner Person ließ nicht nach. Offenbar wollte die gesamte Nation einen Blick auf mich werfen. Bald erhielt ich die Nachricht, dass die Sonnenfinsternis die gesamte britische Welt fast zu Tode erschreckt hatte. Ganz Delegationen reisten an, um mich zu treffen.

Was mir Sorgen bereitete, die Leute begannen bald, auf ein weiteres Wunder zu drängen. Das war nur natürlich. Clarence fand außerdem heraus, dass der alte Merlin sich unter die Leute mischte und das Gerücht verbreitete, ich sei ein Schwindler.

Kraft meiner Amtsgewalt als oberster Bevollmächtigter ließ ich Merlin ins Gefängnis werfen. In genau jene Zelle, die ich einst bewohnt hatte. Dann ließ ich durch Herolde und Trompeter verkünden, dass meine Staatsgeschäfte mich noch für vierzehn Tage in Anspruch nahmen. Danach wollte ich Merlins steinernen Turm mit himmlischem Feuer in die Luft sprengen. Daraufhin kehrte Ruhe ein.

Ich zog Clarence bis zu einem gewissen Grad ins Vertrauen, und wir gingen heimlich ans Werk. In aller Stille stellten wir ein paar Scheffel erstklassiges Sprengpulver her. Der alte Steinturm war überaus massiv gebaut - allerdings schon recht verfallen. Er stand auf einer Anhöhe, von der Burg aus gut sichtbar und etwa eine halbe Meile entfernt.

Nachts lagerten wir Pulver im Turm, gruben innen Steine aus und versenkten das Pulver in den Mauern. Mit unserer Ladung hätten wir den Tower von London in die Luft sprengen können, wenn es den bereits gegeben hätte. In der dreizehnten Nacht stellten wir einen Blitzableiter auf, setzten ihn in einen Pulverhaufen und legten Draht von ihm zu den anderen Sprengstellen.

Aufgrund meiner Ankündigung waren die Menschen dem Turm seither fern geblieben. Die Aktion sollte losgehen, wenn das nächste Gewitter aufzog. Natürlich war der vierzehnte Tag der erste sonnige seit drei Wochen. Ich hielt mich verborgen und beobachtete das Wetter.

Clarence schaute immer wieder herein und berichtet, dass die Aufregung unter den Menschen wuchs. Weit entfernt zog eine Wolke auf, die sich schnell ausbreitete und schwärzer wurde. Der Zeitpunkt für meinen Auftritt war gekommen. Ich gab Befehl, Merlin freizulassen und zu mir zu bringen.

Inzwischen war es ziemlich dunkel geworden. Merlin schien übel gelaunt und so sagte ich:

"Du wolltest mich lebendig verbrennen lassen und hast meinem beruflichen Ansehen geschadet. Deshalb werde ich Feuer vom Himmel herabrufen und deinen Turm in die Luft sprengen."

Blitze leuchteten auf und mein Blitzableiter lud sich auf. Das große Ereignis stand unmittelbar bevor. Ich vollführte ein paar Armbewegungen in der Luft, dann hörte man einen furchtbaren Knall und der alte Turm flog in seinen Einzelteilen in die Luft.

Das Wunder war recht wirksam. Die Leute zogen von dannen und Merlins Aktien standen schlecht. Nicht ein Stein seines Turmes stand noch, aber ich ließ ihn durch die Regierung wieder aufbauen.

Die Turm-Episode festigte meinen Einfluss und machte mich unangreifbar. Neben dem König und mir gab es nur noch eine Macht, die ein wenig stärker war, als wir beide zusammen. Das war die Kirche. Das bekümmerte mich anfangs nicht, doch darauf, komme ich später zu sprechen.

Das Volk selber war so drollig und einfältig - die reinsten Schafe! Sie existierten nur zu einem Zweck - sich für König, Kirche und Adel abzurackern und Blut zu schwitzen. Hier lebte ich also - ein geistiger Riese unter Pygmäen, ein Erwachsener unter Kindern. Meine Umwelt schien diese Tatsache auch mehr und mehr wahrzunehmen.

Es dauerte nicht sehr lange, da bekam ich einen Titel, der in unsere moderne Sprache übersetzt "Der Boss" bedeuten würde. Gewählt vom Volk. Das gefiel mir.

Das Turnier

In Camelot wurden ständig große Turniere abgehalten. Jemand, der beliebt sein will, darf sich von solchen Dingen nicht abschirmen. Ich sah diese Veranstaltungen als willkommenen Anlass zu studieren, was man verbessern oder verändern konnte.

Fast jede Woche fand ein solches Turnier statt. Eines dauerte einmal eine ganze Woche und über fünfhundert Ritter nahmen daran teil. Ich beobachtete das Geschehen nicht nur täglich, sondern kommandierte einen gescheiten Priester dorthin ab, er solle darüber Bericht erstatten.

Ich war neugierig, wie der Priester sich als Reporter anstellen würde. Schließlich hatte ich vor, recht bald eine Zeitung herauszubringen. Nun, der Kerl stellte sich gar nicht so schlecht an. Natürlich fehlten dem Bericht noch Schwung und Dramatik, aber seine altertümliche Wortwahl war überaus vergnüglich.

An einem dieser Turniertage ereignete sich ein unangenehmer Zwischenfall. Eine dumme Verwechslung führte dazu, dass Sir Sagramor eine Bemerkung meinerseits falsch auffing, und glaubte, er sei gemeint. Wenn sich diese Leute einmal etwas in den Kopf gesetzt haben, bringt sie nichts mehr von ihrer Meinung ab. Also ersparte ich mir auch eine Erklärung.

Er trat vor mich und erklärte, dass er Genugtuung fordere. Zuerst müsse er losziehen, um den Heiligen Gral zu suchen. In drei oder vier Jahren jedoch würde er mich hier auf diesem Turnierplatz herausfordern. Eine Verabredung auf solch unbestimmte Zeit schreckte mich nicht sonderlich. Wer weiß, ob Sir Sagramor überhaupt von seiner Suche zurückkam, oder ich noch hier wäre.

Der König meinte, ich solle jetzt auf Abenteuerfahrt gehen, um dort Ruhm und Ehre zu erlangen, um in ein paar Jahren Sir Sagramor noch würdiger entgegentreten zu können. Ich hatte jedoch wichtigere Dinge zu tun. Zuerst musste ich hier die Staatsgeschäfte in Ordnung bringen. Das dauerte ein paar Jahre. Sicherlich war Sir Sagramor danach immer noch am Gralen und ich könnte mich beruhigt für einige Zeit in die Ferien begeben.

Ich war ziemlich zufrieden mit dem, was ich bisher erreicht hatte. In den unterschiedlichsten Winkeln des Landes war ich dabei, Industriebetriebe aufzubauen. In ihnen hatte ich die hellsten Köpfe versammelt und bildete sie zu Experten aus. Meine Bildungsstätten arbeiteten problemlos und unauffällig.

Das Schulsystem lief auf vollen Touren und im Bergbau wurde pro Tag eine Tonne Erz abgebaut, das natürlich königliches Eigentum war.

Ja, ich hatte wirklich ansehnliche Fortschritte gemacht, als Sir Sagramors Forderung mich traf. Seit meiner Ankunft in Camelot waren nun vier Jahre vergangen und auch in der folgenden Zeit blühte das englische Königreich unter meiner Regierungsform auf. Ohne dass jemand Verdacht schöpfte, entwickelte sich vor aller Augen die Zivilisation des 19. Jahrhunderts.

Was zuvor noch Werkstätten waren, wurde zu Fabriken, in denen tausende zu Facharbeitern ausgebildet wurden. Trotz allem ging ich überlegt und zurückhaltend vor. Als Letztes wollte ich die römisch-katholische Kirche am Hals haben.

Eines meiner größten Geheimnisse war West Point - meine Militärakademie.

Clarence war jetzt zweiundzwanzig und mein oberster Bevollmächtigter, meine rechte Hand. Es gab nichts, was er nicht anpackte. Seit kurzem bildete ich ihn zum Journalisten heran, denn die Zeit schien reif, eine Zeitung ins Leben zu rufen. Nichts Großes, nur ein kleines Wochenblatt.

Zu diesem Zeitpunkt, als alles wunderbar lief und ich mich an den Früchten meiner Arbeit erfreuen konnte, erinnerte mich der König an meine Abenteuerfahrt, die ich auf unbestimmte Zeit verschoben hatte. Früher hätte mich diese Unterbrechung geärgert, aber jetzt wusste ich alles in guten Händen.

Also brach ich auf, mir einen Ruf zu erwerben, der mich der Ehre würdig machte, mit Sir Sagramor die Lanzen zu kreuzen.

Das Abenteuer beginnt

Kein Land war für umherziehende Lügner so geeignet wie dieses. Kaum ein Monat verging, ohne dass einem die Geschichte irgendeiner Prinzessin zu Ohren kam, die dringend Hilfe benötigte.

Als ich nun eines Tages nicht da war, kam ein Mädchen und erzählte eine Geschichte im üblichen Muster. Ihr Herrin werde in einer gewaltigen düsteren Burg zusammen mir vierundvierzig anderen schönen Mädchen seit sechsundzwanzig Jahren von drei riesigen Brüdern, von denen jeder vier Arme und ein Auge habe, gefangen gehalten.

Wer sollte das glauben? Der König und die gesamte Tafelrunde waren vor Freude über ein solches Abenteuer ganz außer sich. Alle rissen sich um diese Gelegenheit. Aber zu meinem Ärger und Kummer übertrug sie der König mir, der ich überhaupt nicht darum gebeten hatte.

Clarence überbrachte mir die freudige Nachricht. Er war ganz aus dem Häuschen und so unterdrückte ich meinen Verdruss, um ebenfalls fröhlich zu wirken.

Man muss aus allem das Beste machen und nicht die Zeit mit nutzlosem Ärger vergeuden. Daher schickte ich nach dem Mädchen. Es war ein hübsches Ding, sanft und bescheiden. Unser Gespräch war, sagen wir, unergiebig. Ich befragte sie eingehend, aber erfuhr weder den Ort noch die Himmelsrichtung, in die ich zu reiten hatte.

Ich teilte dies Clarence mit und der wunderte sich sehr:

"Aber Euer Gnaden, was kümmert euch der Weg. Das Mädchen wird euch doch führen. Sie wird mit dir reiten!"

"Mit mir reiten? Unsinn! Sie soll mit mir allein durch Berge und Wälder ziehen und das, wo ich so gut wie verlobt bin? Das ist ein Skandal!"

Durch diese unbedachte Aussage hatte ich die Neugierde des Jungen geweckt. Wie konnte er wissen, dass dreizehnhundert Jahre später eine wunderbare Frau auf mich wartete. Ich ließ mich erweichen und vertraute Clarence unter größter Geheimhaltung den Namen an - Puss Flanagan.

Da er von einer solchen Gräfin noch nie etwas gehört hatte, machte er ein enttäuschtes Gesicht. Ich seufzte nur und beendete unser Gespräch.

Meine Expedition war der einzige Gesprächsstoff. Am nächsten Tag wollte ich in der Morgendämmerung aufbrechen. Leider hatte ich große Probleme in meine Rüstung zu kommen. Ohne die Hilfe der Jungs, hätte ich es niemals geschafft. Sie trugen mich auf mein Pferd und ich fühlte mich ganz eigenartig. Ich war bereit - nur meine Jungfer musste noch auf dem Reitkissen hinter mir Platz nehmen. Sie legte einen Arm um mich und ich ritt los.

Alle riefen Lebewohl und winkten mit ihren Schnupftüchern oder Helmen.

Schnell befanden wir uns auf dem Lande. Wunderbar erfreulich war diese waldige Einsamkeit in der kühlen Morgenluft eines frischen Herbsttages. Etwa zwei Stunden nach Sonnenaufgang war es allerdings nicht mehr ganz so angenehm. Allmählich wurde es heiß. Vor uns lag eine lange Strecke ganz ohne Schatten.

Der Staub des Bodens wirbelte in Wolken direkt in mein Visier und meine Gesichtsöffnungen, brachte mich zum Niesen und Weinen. In meinem Eisengefängnis wurde es immer heißer. Ich begann Dinge zu sagen, die ich besser nicht hätte sagen sollen. Aber wenn einem derartig heiß ist, regt jede Kleinigkeit auf.

Man kennt das ja - der Schweiß rinnt und es kommt unweigerlich der Moment, in dem es einen juckt. Ich war drinnen und meine Hände draußen - und zwischen uns nichts als Eisen. Als es am Schlimmsten war und ich glaubte es nicht länger auszuhalten, kam eine Fliege durch das Gitter herein und setzte sich auf meine Nase.

Sie machte sich einen Spaß daraus von Mund zu Ohr zu Nase zu brummen und stach mehrere Male zu. Das konnte ich nicht länger ertragen. Ich stieg vom Pferd und ließ meine Jungfer, die im übrigen Alisande hieß, den Helm abmontieren.

Sandy, wie ich sie für mich nannte, holte mit meinem Helm Wasser, ließ mich trinken und goss mir den Rest über den Kopf. Das tat gut. Ich genoss den Moment, bis mir einfiel, dass ich ohne Hilfe nicht mehr auf mein Pferd kommen würde. Sandy allein konnte da auch nichts bewirken.

Also machten wir es uns im Schatten eines Baumes bequem und warteten auf Hilfe. Das Mädchen entpuppte sich zu einer überaus redseligen Person. Es dauerte nicht allzu lange, bis ich von ihrem Geplapper Kopfschmerzen bekam.

Ja, es ist seltsam, wie der Mensch immer nur für kurze Zeit zufrieden sein kann. Wie ich so dalag und der Dinge harrte, bemerkte ich, dass ich großen Hunger bekam. Auf die Idee mir einige belegte Brote mit auf den Weg zu geben waren meine Jungs nicht gekommen.

Es wurde Nacht und ein Sturm zog auf. Natürlich mussten wir im Freien lagern. Ich fand für meine Jungfer einen guten Unterschlupf unter einem Felsen, dann ging ich weiter und fand an einer anderen Stelle einen für mich. Leider war ich gezwungen, meine Rüstung anzubehalten, weil ich sie ohne Hilfe nicht ablegen konnte. Sandy wollte ich nicht um Hilfe bitten, das war mir zu unangenehm.

Mit dem Sturm kam ein Wetterumschwung und es wurde kälter. Bald krochen Käfer, Ameisen und Würmer aus irgendwelchen Löchern hervor und krabbelten in meine Rüstung, um sich aufzuwärmen. Ich wälzte mich am Boden hin und her aber es half nicht wirklich. Selbst als ich schon fast steifgefroren war, spürte ich immer noch das Kitzeln, wie eine Leiche, die mit Elektroschocks behandelt wird.

Ich versprach mir, nach dieser Reise nie wieder eine Rüstung zu tragen!

Als endlich der Morgen herankam, war ich in einem schlimmen Zustand: verkatert, matt und hungrig. Und wie es dem Fräulein Alisande la Carteloise ergangen? Oh, sie war munter wie ein Eichhörnchen. Wir machten uns vor Sonnenaufgang auf den Weg. Sandy ritt und ich humpelte hinterdrein.

Nach einer halben Stunde stießen wir auf eine Gruppe armseliger Männer, die den Weg reparierten. Sie benahmen sich mir gegenüber sehr demütig und waren hocherfreut, als ich ihnen vorschlug, gemeinsam zu frühstücken. Meine Dame verzog schmollend den Mund - es war wohl unter ihrer Würde, mit derlei Leuten zu speisen.

Da mein Hunger weitaus überwog, war mir ihr stiller Protest einerlei. Wir setzten uns und so erfuhr ich, dass die Leute sogenannte "Freie" waren. Jedoch durften sie die Ländereien ihres Grundherren nicht ohne Erlaubnis verlassen und auch nicht ihr eigenes Brot backen. Wirklich frei hörten sich ihre Berichte für mich nicht an.

Diese armeseligen angeblich Freien, die mich an ihrem Frühstück und ihrem Gespräch teilhaben ließen, verehrten ihren König, die Kirche und den Adel. Ich fragte sie, ob sie sich vorstellen konnten, dass ein Volk selbst entscheidet, wer es regiert und dieses Vorrecht nicht einfach vererbt wird.

Sie sahen mich ungerührt an. Doch plötzlich blickte ein Mann hoch und meinte, dass ein Volk, das selbst wählen konnte, sich nicht freiwillig so schlecht behandeln lassen würde, wie es ihnen erging.

Ich dachte mir: Das ist mein Mann. Ich nahm ihn zur Seite und erzählte ihm von einigen Dingen, die ich bisher bewegt hatte. Wie er erfuhr, dass die Menschen in meinen Fabriken alle lesen und schreiben konnten, wurde er ganz aufgeregt und rief:

"Ich gäbe mein Herzblut dafür, diese Kunst zu beherrschen. Oh, ich will Euer Sklave sein …"

"Nein, das wirst du nicht. Du wirst niemandes Sklaven sein. Hol deine Familie und mach dich auf den Weg. Gehe zu Amyas le Poulet, den ich Clarence nenne, und sage ihm, dass ich dich schicke. Er gibt dir alles, was du zum Leben brauchst."

Die gewonnenen Ritter

Ich bezahlte drei Pennies für mein Frühstück. Das war außerordentlich viel und die Bauern schenkten mir dafür einen Feuerstein und ein Stück Stahl. Sobald sie Sandy und mich auf unser Pferd verfrachtet hatten, zündete ich mir meine lang ersehnte Pfeife an, die ich bisher in meinem Helm transportiert hatte.

Als die ersten Rauchwolken durch die Öffnungen meines Helms pafften, flüchteten die Freien hastig in die Wälder. Sandy kippte rückwärts vom Pferd und fiel mit einem Plumps auf den Boden. Sie alle glaubten, ich sei ein Feuer speiender Drache, von denen sie in zahlreichen Lügengeschichten so oft gehört hatten.

Es kostete mich einige Zeit die Männer zurückzulocken und ihnen zu versichern, dass meine Pfeife gänzlich ungefährlich war. Schließlich waren diese großen Kinder so hingerissen, dass ich noch ein Weilchen bleiben und ein paar Pfeifen rauchen musste.

Einen Vorteil hatte dieser Zwischenfall. Sandys Plappermühle brauchte eine beträchtliche Zeit, bis sie den Schreck überwunden hatte - ich genoss die Stille. Außerdem war ich mir nun sicher, es mit den größten Unholden aufnehmen zu können.

Die nächste Nacht verbrachten wir bei einem heiligen Eremiten und am nächsten Nachmittag kam meine Gelegenheit. Wir überquerten gerade eine Wiese, als Sandy rief:

"Verteidigt Euch, Herr - Gefahr für Euer Leben droht!"

Sie glitt vom Pferd hinab und ich blickte in die angezeigte Richtung. Im Schatten eines Baumes erkannte ich ein halbes Dutzend bewaffnete Ritter mir ihren Knappen. Augenblicklich zündete ich mir meine Pfeife an. Die Angreifer kamen heran, alle auf einmal. Bedächtig blies ich die Rauchwolken durch die Stäbe meines Visiers.

Ihr hättet sehen sollen, wie die Angriffswelle sich da zerteilte und auseinander stob! Das war ein hübscher Anblick. Etwa dreihundert Ellen entfernt blieben sie stehen, was mich sehr beunruhigte, da ich mit einem erneuten Sturm rechnete. Ich fragte Sandy, warum sie nicht wegritten.

"Wegreiten sagt Ihr? Oh, sorgt euch nicht darüber. Sie warten, um sich zu ergeben. Sie fürchten sich nur zu sehr vor Euch, da sie glauben, einem Drachen gegenüberzustehen. Ich werde zu Ihnen gehen."

Das tat sie. Was soll ich sagen, sie regelte die Angelegenheit fulminant. Sie erklärte den Leuten, dass sie es mit dem Boss zu tun hätten. Voller Furcht nahm Sandy ihnen den Schwur ab, dass sie nach Camelot reiten und sich bei König Artus ergeben sollten. Von nun an waren sie meine Ritter, die meinen Befehlen zu gehorchen hatten.

Besser hätte ich die Sache nicht bewerkstelligt. Sandy war ein Prachtkerl!

Wir ritten weiter und ich meinte:

"Nun bin ich also Eigentümer von ein paar Rittern. Wer hätte gedacht, dass ich jemals solche Vermögenswerte erwerben sollte. Wie viele sind es eigentlich, Sandy?"

"Sieben, wenn es gefällig ist, Herr, und ihre Knappen."

Mit dieser Frage öffnete ich ihre Schleusen und Sandy begann erneut, ohne Punkt und Komma zu plappern. Auch wenn ich meinen Fehler gleich erkannt hatte, konnte ich sie doch nicht mehr aufhalten. Etwa um drei Uhr hatte Alisande mit ihrer Erzählung begonnen, nun ging die Sonne unter, als wir uns einer mächtigen Burg näherten, die auf einer Anhöhe lag.

Es war die größte Burg, die wir auf unserer bisherigen Reise gesehen hatten, aber Sandy wusste nicht, wem sie gehörte.

Morgan le Fay

Wenn man fahrenden Rittern glauben darf, waren nicht alle Burgen geeignete Orte, um darin Gastfreundschaft zu erleben. Meine Erfahrung sagte mir, dass man ihnen jedoch nicht wirklich glauben sollte. Am besten zog man von ihren Aussagen siebenundneunzig Prozent ab, der Rest war dann Tatsache.

Daher hielt ich es für besser, erst etwas mehr über die Eigentümer der Burg zu erfahren, bevor wir anklopften. Aus der Ferne erkannte ich einen Reiter, der aus Richtung der Festung kam. Welch glücklicher Zufall! Er konnte uns sicherlich Näheres mitteilen.

So war es auch. Der Ritter selbst hieß La Cote Male Taile und er sagte, diese Burg sei die Wohnstätte von Morgan le Fay, der Schwester des Königs Artus und Frau des Königs Uriens. Das Königreich war so klein, dass man in der Mitte stehend einen Stein ins angrenzende Königreich hätte werfen können.

Der Ruf von Frau le Fay war, sagen wir mal, schlecht! Sie war im ganzen Land als Zauberin gefürchtet und ein bis zum Rand mit Bosheit gefüllter Mensch. Mir war also bewusst, dass dies kein angenehmer Aufenthalt werden würde. Die Wärter riefen uns von den Zinnen an und wir wurden nach einer kurzen Unterredung eingelassen.

Ich war sehr neugierig darauf Morgan le Fay zu sehen - sie musste im Bund mit dem Teufel stehen. Zu meiner Überraschung war sie überaus schön. Zuerst dachte ich, mir stünde die Enkeltochter gegenüber, aber dem war nicht so. König Uriens war ebenfalls anwesend - ein freundlich dreinblickender alter Mann.

Die eindeutige Chefin war Morgan. Sie wies uns Sitze an und begann dann mit aller Liebenswürdigkeit und Anmut, mir Fragen zu stellen. Nach wenigen Sekunden war ich überzeugt, dass man dieser Frau Unrecht getan und gemeine Lügen über sie verbreitet habe.

Unterdessen trat ein hübscher junger Page ein, der eine goldene Schale trug. Irgendwie verlor er sein Gleichgewicht und stieß leicht gegen das Knie der Königin. Als würde sie mal eben eine Ratte aufspießen, hieb sie einen Dolch in seinen Leib.

Armes Kind! Er sackte tot auf den Boden! Dem alten König entrang ein mitleidleidiges "Oh", doch unter dem Blick seiner Frau verstummte er augenblicklich. Dann führte sie unsere Unterhaltung weiter, als wäre nichts passiert. Sie plauderte melodischer denn je.

Mitten im Gespräch ließ ich eine schmeichelhafte Bemerkung über König Artus fallen. Für einen Moment hatte ich vergessen, wie diese Frau ihren Bruder hasste. Ihre Mine verfinsterte sich und sie rief nach den Wachen:

"Schafft mir diesen Schurken ins Verlies!"

Es traf mich wie ein kalter Windstoß - ihr Verlies war berüchtigt. Meine Gedanken waren wie gelähmt. Glücklicherweise gab es noch Sandy. Als die Wachen mich ergriffen, flötete sie:

"Wagt Ihr es, ihn ins Gefängnis zu werfen? Er ist Der Boss!"

Welch wunderbarer Einfall. Darauf wäre ich nie gekommen. Die Wirkung auf Madame war geradezu elektrisch. Ihre Miene erhellte sich und sie säuselte etwas von einem kleinen Scherz.

Als Madame sah, dass ich friedlich war, nahm sie zweifellos an, ich habe mich von ihrer Ausrede täuschen lassen. Wir wurden von einem Priester unterbrochen, der zum Gebet rief. Danach aßen wir im großen Bankettsaal, der durch hunderte von Talglampen erleuchtet war. Auf der Galerie eröffnete ein Orchester mit Zimbeln, Hörnern und Harfen mit eher schrägen Tönen die Veranstaltung.

Die Vernichtung der Nahrungsmittel dauerte eineinhalb Stunden und überstieg jede Vorstellung. Der Hauptgang war ein riesiger Eber und mit den Nachspeisen wurde das Trinkgelage begonnen. Um Mitternacht waren alle erschöpft und hatten sich heiser gelacht. Die meisten waren betrunken und andere lagen wie tot unter dem Tisch.

Plötzlich erschien unter dem Türbogen eine alte, weißhaarige Frau, die sich auf eine Krücke stützte. Sie erhob die Gehhilfe, deutete auf die Königin und schrie:

"Gottes Zorn und Fluch kommt über dich, du Frau ohne Erbarmen, die du meinen Enkelsohn ermordet hast."

Alle bekreuzigten sich in schrecklicher Angst, denn ein Fluch war für diese Leute etwas Furchtbares. Die Königin erhob sich und rief:

"Ergreift sie! Auf den Scheiterhaufen mit ihr!"

Es war grausam mitanzusehen. Wie konnte man der Frau helfen? Wieder war es Sandy, die eine Idee hatte. Sie erhob sich und sprach:

"Madame, Der Boss sagt, es solle nicht geschehen. Widerruft den Befehl, sonst wird er Eure Burg zum Verschwinden bringen!"

Zum Kuckuck, was für eine verrückte Verpflichtung. Was, wenn die Königin …

Aber meine Befürchtung war umsonst. Die arme Königin war völlig gebrochen und gab nur ein Zeichen, den Befehl nicht auszuführen. Dann sank sie auf ihren Stuhl. Langsam beruhigte sie sich und mit jedem Glas Wein, das sie leerte, setzte auch ihr Gezwitscher wieder ein. Sie war eine meisterliche Rednerin.

Ihre Stimme klang durch die geisterhaft stille Burg. Bis mit einem Mal ein ferner Laut zu hören war. Ein gedämpfter Schrei, der solche Todesqual verströmte, dass es mir eiskalt den Rücken hinablief.

"Was war das?", fragte ich.

"Eine verstockte Seele, das geht schon mehrere Stunden. Ich bin gespannt, wie lange er es noch auf der Streckbank aushält. Kommt, Ihr solltet Euch diesen Anblick nicht entgehen lassen. Wenn er sein Geheimnis nicht preisgibt, so seid Ihr wenigstens dabei, wenn er in Stücke gerissen wird."

Was für seidenglatter Teufelsbraten sie doch war. Jeder Muskel meines Körpers stemmte sich dagegen, doch es blieb mir keine Wahl. Von gepanzerten Wachen mit lodernden Fackeln begleitet, trotteten wir durch hallende Gänge, die nach Moder aus Jahrhunderten rochen.

Morgan zwitscherte in gewohntem Ton weiter und erklärte, dass der Verbrecher von einem anonymen Ankläger beschuldigt worden war, im königlichen Gehege einen Hirsch erlegt zu haben.

Meinen Einwurf, dass ein anonymes Zeugnis eine sehr unsichere Grundlage für eine Verurteilung sei, wischte die Königin mit wenigen Worten vom Tisch. Sie hatte vor, ihn so lange zu foltern, bis er gestand.

"Aber Eure Hoheit, wenn er nun nichts zu gestehen hat?", warf ich ein.

"Das wissen wir, wenn er bis zu seinem Tod, nichts zugegeben hat."

Das war die sture Unvernunft der Menschen in dieser Zeit. Es war nutzlos, mit ihr zu streiten. Argumente machtlos.

Als ich die Folterkammer betrat, bot sich mir ein Bild, das ich nie vergessen werde. Der junge Mann auf der Streckbank lag verzerrt und starr. Alle Farbe war aus seinem Gesicht gewichen. In einer Ecke kauerte eine junge Frau, auf ihrem Schoß schlief ein kleines Kind.

In dem Moment, als wir über die Schwelle traten, drehte der Henker ein wenig fester zu und ein zweistimmiger Schrei entrang dem armen Teufel und seiner Frau. Ich konnte unmöglich zulassen, dass dieses furchtbare Geschehen weiterging. Ich bat die Königin, allein mit dem Gefangenen zu sprechen.

Mit leiser Stimme erinnerte ich sie daran, dass ich König Artus Stellvertreter war und sie gab unerwartet schnell nach. Ich ließ den Mann von dem Gestell nehmen und auf sein Bett legen. Dort erhielt er eine Arznei und ich schickte alle, bis auf die Frau mit dem Kind hinaus.

Sie kroch heran und streichelte ihren Mann liebevoll. Der Anblick brach mir beinahe das Herz. Doch noch viel mehr erstaunte mich das, was ich zu hören bekam.

In der Tat hatte der junge Mann diesen Hirsch erlegt. Seine Familie leidete großen Hunger und er sah keine andere Lösung. Das Gesetz verlangt, dass der Familie eines Verbrechers alles genommen wird. Frau und Waisen werden zu Bettlern. Daher hatte der Mann beschlossen, sein Geheimnis mit in den Tod zu nehmen.

Seine Frau wiederum, die das nicht mit ansehen konnte, wollte schnelle Erlösung für ihren Mann und hatte ihn beschworen, die Tat zu gestehen. Die tiefe Liebe der beiden beschämte mich. Ich bot ihnen an, sie in meine Kolonie aufzunehmen, um dort ein menschenwürdiges Leben zu führen.

Im Verlies der Königin

Ich traf also Vorkehrungen und ließ die Familie frei. Die offizielle Version war, dass der Hirsch die Felder des Mannes verwüstet habe und er das Tier im Affekt getötet hatte, was ich als mildernde Umstände ansah.

Morgan wollte oder konnte das nicht verstehen und schmollte ausgiebig. Ich hatte genug von diesem schauerlichen Ort gesehen und wollte gehen. Doch mein Gewissen plagte mich, da ich wusste, dass noch viele unglückliche Kreaturen im Gefängnis von Morgan vegetierten.

So fasste ich den Mut und erklärte der Königin, dass in Camelot und den benachbarten Burgen eine allgemeine Gefangenenbefreiung vorgenommen wurde, und ich mit ihrer Erlaubnis gerne ihre Kollektion überprüfen wolle.

Sie sträubte sich, aber das hatte ich erwartet. Schließlich gab sie nach.

Siebenundvierzig Gefangene holte ich aus ihren grässlichen Rattenlöchern. Nur einen ließ ich dort, der hatte einen Verwandten der Königin umgebracht.

Als meine Prozession menschlicher Fledermäuse in die freie Luft ging, boten sie ein schauerliches Schauspiel: Skelette, Vogelscheuchen, Gnome, jeder Einzelne in einem erbarmungswürdigen Zustand.

"Ich wünschte, ich könnte sie fotografieren!", murmelte ich geistesabwesend vor mir her.

Kennt ihr diese Menschen, die niemals zugeben würden, ein hochtrabendes Wort nicht zu kennen? Zu dieser Sorge gehörte Morgan la Faye. Sie zögerte einen Augenblick und meinte dann:

"Ich mache es für Sie!"

Was konnte diese Frau von Fotografie wissen? Als ich mich umsah, ging sie auf die Menschen mit einer Axt los! Sie hatte keine Ahnung, aber es sah ihr ähnlich, dass sie es im Zweifel gleich mit einer Axt versuchte. Mit viel Mühe konnte ich sie davon abhalten.

Am nächsten Morgen reisten Sandy und ich weiter. Das arme Mädchen hatte seine Plappermühlen in den letzten Tagen mehr oder weniger ruhen lassen müssen. Deshalb schaltete ich meine Ohren auf Durchzug und ertrug ihren Redestau.

Zwischen sechs und neun Uhr legten wir zehn Meilen zurück - eine gute Strecke für ein dreifach beladenes Pferd, mit Mann, Frau und Rüstung. Unter ein paar Bäumen legten wir eine lange Rast ein. Bald kam ein Ritter des Weges, den ich schon von Weitem vor sich hinjammern hörte.

Bei sich trug er eine Anzeigetafel mit den Worten: Petersons prophylaktische Zahnbürste - keine ist besser. Welch ein Glück! Aber ich sollte diesen Umstand vielleicht näher erklären. Was macht ein Ritter im 6. Jahrhundert mit einer Werbetafel für Zahnbürsten? Das war selbstverständlich eine Idee von mir.

Die Hygienebedingungen, die ich bei meiner Ankunft vor vielen Jahren angetroffen hatte, hatten mich schockiert. Wie sollte man jedoch den sturen Köpfen eintrichtern, dass ein Stück Seife und eine Zahnbürste zum täglichen Umgang gehörten? In meinen Fabriken ließ ich die Gegenstände herstellen und sandte zahlreiche Botenritter im gesamten Land, die sozusagen als freie Handelsvertreter die Hygieneartikel unters Volk bringen sollten.

Nun war dieser arme Ritter ausgerechnet meinen entlassenen Gefangenen begegnet, die teilweise seit zwanzig Jahren nicht mal mehr einen Zahnstummel im Mund trugen. Dabei hatte er beim Anblick der Gruppe das große Geschäft gewittert.

Ich fand tröstende und aufmunternde Worte für den fleißigen Händler und er zog seiner Wege. Auch Sandy und ich ritten weiter. In den nächsten Stunden merkte ich, wie Sandy immer unruhiger wurde. Sie erklärte mir, dass wir uns der Burg des Ungeheuers näherten. Wir bogen um eine Kurve und sie flüsterte atemlos:

"Die Burg! Seht Ihr, wie so hoch emporragt?"

Welch eine Enttäuschung ich jetzt erlebte!

"Burg? Das ist nichts weiter als ein Schweinestall mit einem Zaun!"

Sie sah überrascht aus und blickte gedankenverloren drein. Plötzlich sagte sie:

"Als ich fortgegangen bin, um Hilfe zu holen, war sie noch nicht verzaubert. Der Zauber bewirkt offenbar, dass ich die Burg sehe und Ihr nicht."

Was sollte ich darauf antworten. Es wäre reine Zeitverschwendung gewesen, Sandy ihre Täuschung auszureden, also ließ ich mich darauf ein.

"Macht euch keine Sorgen - offenbar sind nur meine Augen verzaubert. Ich weiß ja nun, dass ein scheinbares Schwein eine Dame ist, das genügt. Ich werde nicht eine Prinzessin im Stall lassen."

Ich machte mich auf zu den Schweinhirten, die Sandy für die gefährlichen Riesen hielt, und kaufte alle Damen für sechzehn Pennies ab, was ein guter Preis war. Sandy strahlte vor stolz und öffnete die Stalltüre, um ihre adligen Freunde frei zu lassen. Sie umarmte die fürstlichen Rüssel und sprach sie mit ihren adligen Namen an. Ich schämte mich für sie!

Wir mussten die Schweine nach Hause treiben - zehn Meilen weit. Die unleidlichste alte Sau musste Mylady oder Eure Hoheit genannt werden. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit waren wir am Ziel. Natürlich wurde die Gesellschaft im Wohnhaus einquartiert. Heiliges Kanonenrohr, so etwas hatte ich noch nie gerochen!

Die heilige Quelle

Als ich endlich ins Bett kam, war ich unglaublich müde. Aber Schlaf war mir nicht vergönnt. Der Adel, der quiekend in den Sälen und Gängen herumsauste, veranstaltete ein Höllenspektakel.

Es war fatal. Jedermann in meiner Umgebung glaubte an Zauberei, niemand zweifelte daran, dass eine Burg in einen Stall und deren Bewohner in Schweine verwandelt werden können. Mein Weltverständnis war ein völlig anderes. Ich glaubte nicht, dass die Erde flach sei und auf Stützpfeilern ruhe.

Hätte ich dieses Wissen laut ausgesprochen, wäre ich es, der für verrückt erklärt werden würde.

Am nächsten Morgen trieb Sandy die Schweine ins Speisezimmer und bediente jedes persönlich. Wir nahmen unser Frühstück an einem Nebentisch ein, von Sandys Familie ließ sich immer noch keiner blicken.

"Wie viele Personen gehören zu deiner Familie und wo stecken sie?"

"Familie? Ich habe keine Familie."

"Ist das hier nicht dein Zuhause?"

"Nein, ich habe auch kein Zuhause."

"Aber wem gehört dieses Haus?"

"Woher soll ich das wissen."

"Du kennst die Leute nicht und belagerst einfach ihr Haus mit deinen tierischen Adelsfreunden?"

"Aber Herr, es ist für die Menschen, die hier wohnen doch eine große Ehre, eine Gesellschaft von solch hohem Stand zu beherbergen. Sie werden dankbar dafür sein."

Die Situation gefiel mir gar nicht. Daher sagte ich:

"Lass uns die Herrschaften nach Hause bringen und unsere Mission damit abschließen."

"Oh hört, sie kommen aus allen Gegenden der Erde, wir können diese Wege in einem Leben gar nicht begehen. Ihre Freunde werden aus den fernsten Teilen der Welt kommen, um sie abzuholen."

Ich war beruhigt. Sandy würde natürlich hierbleiben, um die Ware zu übergeben und ich war somit ein freier Mann. Aber da hatte ich die Rechnung ohne meine Jungfrau gemacht. Sandy dachte nicht im geringsten daran, von meiner Seite zu weichen.

Während sie sich tränenreich von den Schweinen verabschiedete, verschenkte ich den Hochadel an die Dienerschaft des Hauses. Kurz darauf brachen wir auf.

Das erste, worauf wir an diesem Tag trafen, war ein Pilgerzug. Er bewegte sich nicht in unsere Richtung, aber wir schlossen uns ihm dennoch an. In meiner Amtszeit wurde mir immer bewusster, dass ich über alle Bereiche des Lebens in meinem Land Bescheid wissen musste, um es klug zu regieren.

Die Pilger waren ein bunter und angenehm geselliger Haufen. Sandy kannte Ziel und Absicht ihrer Fahrt und sie unterrichtete mich davon.

"Sie reisen in das Tal der Heiligkeit, um von den gottesfürchtigen Einsiedlern gesegnet zu werden und von dem wundertätigen Wasser zu trinken."

Ich erfuhr, dass dieses Tal zwei Tagesreisen von hier entfernt lag. Sandys Plappermühlen waren bald voll in Fahrt. In den wenigen Momenten, in denen ich zuhörte erfuhr ich, dass durch das Gebet eines Abtes in dieser völlig trockenen Gegend wie durch ein Wunder ein mächtiger Strom klaren Wassers aus einem Felsen hervor sprudelte. Als sich ein Mann darin waschen wollte, versiegte die Quelle für viele Jahre und nur durch dass demütige Leben des Abtes, begann sie eines Tages wieder zu fließen. Dies war natürlich nur die Kurzfassung. Gegen Ende erklärte sie noch etwas über die Einsiedler, die sich an jenem Ort niedergelassen hatten.

Bei Anbruch der Nacht fanden wir Unterkunft in einem Dorfgasthof. Als ich am nächsten Morgen hinaussah, bemerkte ich einen Ritter, der sich im Schein des neuen Tages näherte. Ich erkannte einen meiner Handelsritter - Sir Ozana.

Von ihm erfuhr ich, dass die wundersame Quelle schon seit neun Tagen aufgehört hat, zu fließen. Als alles Beten nichts half, sandten sie einen Boten nach mir, dem Boss. Dieser Bote hatte die Anweisung, sollte er mich nicht finden, wenigstens Merlin holen sollte.

Der zauberte jetzt schon drei Tage vor sich hin, ohne einen Hauch Feuchtigkeit aus dem Fels gebracht zu haben.

Augenblicklich schrieb ich einen Brief an Clarence, in dem ich wichtige Zubehörteile, sowie zwei meiner ausgebildeten Assistenten anforderte, und schickte Sir Ozana mit diesem Schreiben nach Camelot.

Am nächsten Tag erreichten wir das Mönchskloster vor Einbruch der Dunkelheit. Die Freude des Abts, mich zu sehen, war rührend. Er erklärte mir, dass Merlin mit allen Mitteln versuche, der Quelle Wasser zu entlocken.

Da ich Zeit brauchte, bis meine kleine Delegation aus Camelot eintraf, meinte ich:

"Es ist nicht gut, die Methoden zu vermengen, Vater. Lasst Merlin fortfahren. Es würde sich nicht mit der Berufsehre vertragen, wenn ich mich einmischen würde."

Der Abt versuchte verzweifelt mich zu überzeugen, Merlin zu helfen. Ich überzeugte ihn, dass Merlin die Quelle verzaubern würde, wenn wir ihm nun verbieten würden, es weiterhin zu versuchen. Und solch ein Zauber braucht einige Wochen, bis er gelöst wird.

Das wirkte und der Abt gab nach. Allein meine Anwesenheit gab ihm Hoffnung. Mir war klar, dass es Merlin niemals gelingen würde.

Ich begab mich am nächsten Tag frühzeitig zur Quelle. Merlin war schon dort und zauberte emsig wie ein Biber vor sich hin. Die Dinge standen ungefähr so, wie ich sie erwartet hatte. Die "Quelle" war ein gewöhnlicher Brunnen. Er stand in der Mitte einer dunklen Kapelle. Mein erster Gedanke war, dass es eine undichte Stelle geben musste.

Ohne Merlin besondere Beachtung zu schenken, ließ ich mich von Helfern in einem großen Eimer und mit einer Kerze in den Brunnen hinab. Tatsächlich die Brunnenwand hatte einen großen Riss. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis meine Leute hier ankamen und dann konnte ich mit großem Brimborium die Quelle wieder instand setzen.

Als ich aus dem Brunnen stieg, hörte ich wie Merlin sich mit dem Abt unterhielt und eine Erklärung parat hatte, wie nur er sie erfinden konnte. Der mächtigste Geist, den die Magier des Ostens kennen, habe die Quelle mit einem Fluch belegt. Keiner könne diesen Fluch brechen und damit sei das Wasser für immer versiegt.

Diese Nachricht versetzte den Abt in große Bestürzung. Er wandte sich zu mir und fragte:

"Spricht er die Wahrheit?"

"Zum Teil", antwortete ich. Es lag mir fern, den alten Merlin vollkommen lächerlich zu machen. Daher erklärte ich, dass es noch eine winzige Möglichkeit gab, den Bann des russischen Geistes zu brechen. Der alte Quacksalber regte sich trotz meiner Zurückhaltung fürchterlich auf und meinte, ich würde beim Versuch den Gegenfluch zu sprechen zu Tode kommen, und er würde es Artus als Erster melden.

Am Abend kamen meine zwei Experten. Das Gebiet um den Brunnen hatte ich weiträumig absperren lassen und so konnten wir ohne Probleme das Werkzeug an Ort und Stelle bringen. Ein Bündel großer Raketen, Leuchtkugeln und farbigen Sprühregens machte meine Ausstattung zur Vollbringung eines imposanten Wunders perfekt.

In der folgenden Nacht war es soweit. Der Himmel war schwarz und sternenlos. Die Menschenmengen, die sich zur Besichtigung meines Wunders eingefunden hatten, strömten in einer Prozession ins Tal. Allen voran Merlin, der sich in die erste Reihe setzte.

Die Mönche stimmten einen von mir organisierten lateinischen Gesang an. Als er zu Ende war, stellte ich mich mit ausgebreiteten Armen zum Himmel gewandt auf eine Plattform. Auf ein Zeichen von mir, erstrahlte die Nacht plötzlich in blauem Licht und die Menge schrie entsetzt auf. Die Mönche bekreuzigten sich, und begannen zu beten.

Ich hielt den Zeitpunkt für gekommen, das magische Zauberwort zu sprechen und so sagte ich:

"KONSTANTINOPOLITIANISCHEDUDELSACKPFEIFENMACHERGESELLSCHAFT!"

Im selben Moment sprühten das rote, das grüne und das blaue Feuerwerk wie drei wütende Vulkane los. Ich sprach weiter:

"Ich gebiete dem grausamen Geist, von dem die heilige Quelle besessen ist, seinen Zauber aufzuheben. Das befehle ich mit seinem Namen: BGWJJILLIGKKK!"

Mit diesen Worten vermischte sich plötzlicher Jubelschrei, denn das befreite Wasser sprudelte wieder. Ihr hättet sehen sollen, wie die Leute ins Wasser stürzten und es küssten und mit ihm sprachen, als wäre es lebendig.

Merlin war zusammengebrochen, als ich den schrecklichen Namen ausgesprochen hatte. Er hatte ihn nie zuvor gehört - ich im Übrigen auch nicht, aber für diese gutgläubigen Narren reichte jedes Kauderwelsch.

Es war eine großartige Nacht. Sie versprach Ruhm und Ehre. Ich konnte kaum einschlafen, so freute ich mich darüber.

Konkurrenz

Mein Einfluss im Tal der Heiligkeit hatte gewaltige Ausmaße angenommen. Ich nahm mir vor, ihn auch zu nutzen. Die richtige Idee kam mir, als ich am nächsten Morgen einen auf Seifenwerbung spezialisierten Ritter heranreiten sah.

Irgendwie musste es mir doch gelingen, die Mönche wieder zum Baden zu bewegen. Also fühlte ich bei einem Bruder vor:

"Würdest du nicht gerne ein Bad nehmen?"

"Edler Herr, wie gerne täte ich das. Aber es ist verboten. Die Quelle wird erneute versiegen, wie es vor langer Zeit geschehen ist."

Dann seufzte er so kummervoll, dass ich beschloss, beim Abt um eine Sondergenehmigung zu fragen. So ging ich zum Abt und schlug ihm vor, das alte Bad wieder zu errichten.

"Mein Sohn, willst du das heilige Wasser für immer vertreiben?", fragte dieser entsetzt.

"Ehrwürden, lassen Sie mich das Bad wieder aufbauen und ich verspreche, die Quelle wird ewig fließen."

"Das versprichst du? Also geh - und beginne dein Werk."

Meine Jungs und ich machten uns gleich ans Werk. Die Ruinen des alten Bades befanden sich im Keller des Klosters und es fehlte kein Stein.

Nach zwei Tagen war alles erledigt. Das Wasser wurde ins Becken eingelassen - ein geräumiges Becken mit klarem, reinem Wasser, so groß, dass man sogar darin schwimmen konnte. Der alte Abt traute sich als Erster. Schwarz und zitternd stieg er hinein und weiß und frohgemut tauchte er wieder auf.

Was für ein Erfolg. Im Tal er Heiligkeit hatte ich eine wichtige Schlacht geschlagen. Ich war bereit, weiterzuziehen. Doch da ereilte mich ein derber Rückschlag. Ich bekam eine schwere Erkältung, die mein Rheuma wieder aufleben ließ.

Sandys unermüdliche Pflege und die vielen Aufmerksamkeiten der Menschen sorgten dafür, dass es mir bald wieder besser ging. Nur meine arme Jungfer war von meiner Pflege so erschöpft, dass wir übereinkamen, sie solle sich im Kloster ausruhen, bis ich wieder kam.

Mein Plan war, mich als Freier aus dem Bauernstand zu verkleiden und ein oder zwei Wochen zu Fuß durch das Land zu wandern.

Eines Morgens unternahm ich einen langen Spaziergang, um meine Muskeln auf die bevorstehende Reise vorzubereiten. Da entdeckte ich eine künstliche Öffnung in der Wand, die ich als eine Einsiedelei erkannte. Sofort beschloss ich, mir die Örtlichkeiten genauer anzusehen. Zu meiner Überraschung war der Raum frisch gekehrt und gescheuert und ganz hinten im Dämmerlicht hörte ich das leise Klingeln einer Glocke und den Ausruf: "Hallo Zentrale. Ist dort Camelot?"

Was für eine fantastische Wendung. Die Höhle eines mittelalterlichen Einsiedlers war zur Fernsprechzelle umfunktioniert wurden. Der Telefonist trat ans Licht und ich erkannte einen meiner jungen Burschen. Ich fragte ihn, seit wann es dieses Büro gäbe.

"Seit Mitternacht, edler Sir Boss."

"So ruft Camelot an und lasst mich mit Clarence verbinden."

Das tat er und es war eine Wohltat, die Stimme meines Jungen zu hören. Mir war, als sei ich zu Hause. Nach einigen herzlichen Begrüßungsworten und einem kurzen Bericht über meine gerade überstandene Krankheit fragte ich ihn, was es Neues gäbe.

"Der König und die Königin und viele vom Hofe sind eben im Begriff zu deinem Tal abzureisen, um dem Wasser Huldigung zu erweisen. Sie werden wohl in drei Tagen bei dir sein. Außerdem hat der König beschlossen, ein stehendes Heer aufzustellen. Leider hat er dafür nur Männer aus dem Adel berufen und nicht einen deiner Leute aus West Point. Zwei der Bewerber werden mit ihm anreisen."

"Das gefällt mir aber gar nicht. Du musst unverzüglich veranlassen, dass mein bester Mann aus der Schule hierher ins Tal der Heiligkeit kommt."

Clarence versprach, sich augenblicklich darum zukümmern und ich begab mich wieder zurück ins Kloster. Dort lief gerade eine interessante Vorführung, eines angeblichen Zauberers aus Asien. Er behauptete, über jede Person auf unserer Welt den derzeitigen Aufenthaltsort und dessen Tätigkeit bestimmen zu können. Diesem elenden Schwindler wollte ich das Handwerk legen. Ich trat hervor und fragte:

"So könnt Ihr mir sicherlich mitteilen, wo sich unser König Artus gerade befindet, und was er macht."

Der Zauberer zögerte kurz und erklärte dann: "Der König ist ermüdet von der Jagd und liegt seit drei Stunden in seinem Palast in traumlosem Schlaf."

"Was, wenn ich Euch sage, der König schläft nicht, sondern er reitet."

Der Magier geriet in Zorn und sagte: "Wahrlich, wenn ich es Euch sage, der König und sein Hofstaat schlafen. Aber sie werden morgen Früh reiten - sie unternehmen eine Reise zur See."

"Das ist eine Lüge", rief ich. "Der König und sein Hofstaat befinden sich auf dem Weg ins Tal der Heiligkeit. Wenn er nicht in drei Tagen hier eintrifft, werde ich auf einer Stange reiten; wenn er kommt, werde ich dich auf der Stange reiten lassen."

Der Treffer saß. Unnötig zu erklären, wer am dritten Tag auf der Stange reiten musste.

Der König traf mit großem Gefolge ein. Er hatte die gesamte Verwaltung mitgebracht, die zur Auswahl und Prüfung neuer Armeebewerber zuständig war. Er hatte diese Angelegenheiten weitaus mehr vorangetrieben, als ich es vermutet hatte. Mein Kandidat war in der Zwischenzeit auch angekommen und ich war ungeduldig, der Kommission zu beweisen, um wie viel besser mein Mann aus West Point war als so ein dahergelaufener Adliger.

Leider muss ich gestehen, dass ich hier einen derben Rückschlag hinnehmen musste. Als die Prüfer zu Beginn erfuhren, dass mein Bewerber von keiner namhaften Familie abstammt, sanken seine Chancen unter null. Sie wollten ihn nicht einmal zur Prüfung zulassen. Nur meinem Einfluss war es zu verdanken, dass er zu allen Aufgaben befragt wurde und jede Kategorie, wie erwartet, mit Bravour bestand.

Doch all das half nichts. Ich schämte mich, meinem enttäuschten Kadetten ins Gesicht zu sehen. Ich schickte in nach Hause und bat ihn um Geduld. Offenbar war es nicht der richtige Zeitpunkt, aber ich würde auf keinen Fall aufgeben.

Ein König reist incognito

Als ich dem König erzählte, ich hätte vor, als niederer Freier verkleidet, im Land umherzustreifen und mich mit dem bescheidenen Leben des Volkes vertraut zu machen, war er sofort Feuer und Flamme und fest entschlossen, sich selbst ins Abenteuer zu stürzen.

Er wollte zur Hintertür hinausschlüpfen und gleich losziehen. Aber ich machte ihm klar, dass es vorher einiger Vorbereitung bedarf. Um die Schlafenszeit führte ich Artus in meine Privatgemächer, um ihm das Haar zu schneiden, und ihm zu helfen, mit den armseligen Kleidern zurechtzukommen.

Eine Stunde vor Sonnenaufgang schlichen wir fort und hatten, als die Sonne am Himmel hochstieg, schon acht bis zehn Meilen zurückgelegt. Am Wegesrand fand ich für den König einen bequemen Sitz und gab ihm ein paar Brocken, um seinen Magen zu stärken. Dann machte ich mich auf die Suche nach etwas Wasser.

Etwa dreihundert Yards entfernt wurde ich fündig. Ich hatte mich ungefähr zwanzig Minuten ausgeruht, als ich Stimmen hörte, die näher kamen. Es waren elegant gekleidete Leute mit Lasteseln und Dienern. Wie der Blitz sauste ich Los.

Ich musste unter allen Umständen vor ihnen beim König sein, was mir äußerst knapp gelang.

"Verzeihen Sie, mein König, aber es bleibt keine Zeit für Förmlichkeiten. Stehen Sie schnell auf und verneigen Sie sich. Dort drüben kommt eine adelige Gesellschaft."

"So lass sie kommen."

"Aber Majestät! Sie dürfen nicht sitzen! Sie sind ein Bauer, und als solcher müssen Sie sich vor diesen Herrschaften demütig verneigen."

"Das ist wahr. Das habe ich ganz vergessen."

Er tat ehrlich sein Bestes, aber das war bei Gott nichts Großartiges! Er sah so demütig aus wie der schiefe Turm von Pisa, und erregte damit einigen Unmut bei der feinen Reisegruppe. In diesem Moment fasste ich einen Entschluss: Der König musste gedrillt werden.

Ich sagte: "Sire, Ihre Kleidung und Ihr Aussehen passen ganz gut zueinander, zwischen ihnen besteht kein Widerspruch. Aber zwischen Ihrer Kleidung und Ihrem Benehmen ist ein gravierender Unterschied. Euer Gang ist militärisch - Eure Haltung herrisch. Der Kopf zu aufrecht und der Blick zu stolz."

Geduldig führte ich dem König vor, was ich meinte und er beobachtete mich sorgfältig und versuchte, mich nachzuahmen. Er machte seine Sache ganz ordentlich, aber alles in allem passte das Gesamtbild nicht zusammen.

Nachdem wir eine Weile geprobt hatten, beschloss ich mit den Haltungsübungen eine Pause einzulegen und sagte:

"Nun stellen Sie sich vor, Sire, wir stehen vor jener Hütte dort drüben. Sie bitten das Familienoberhaupt um seine Gastfreundschaft."

Unbewusst richtete sich Artus wieder auf und begann mit strenger Stimme:

"Knappe, bring einen Sitz herbei und trage mir auf, was du an Bewirtung hast."

"Oh, Euer Gnaden, das war nicht so gut."

"Woran fehlt es?"

"Als erstes, dürft Ihr solche Leute nicht als Knappen ansprechen - Bruder, wäre die richtige Wahl. Außerdem fragtet Ihr nur nach einem Sitz."

"Wolltest du gar auch einen Sitz haben?"

"Wenn ich mich nicht setzen würde, müsste der Mann entdecken, dass wir beide nicht von gleichem Rang sind und unser Versteckspiel wäre in Gefahr aufzufliegen."

"Das ist wahr!"

Mir war bewusst, wie schwer es für einen König war, sich in die Rolle eines einfachen Bauers einzufügen. Daher begann ich, ihm von den schrecklichen Entbehrungen und der harten körperlichen Arbeit der Leute zu erzählen, die er darstellen wollte. Allerdings hatte ich das Gefühl, dass meine Berichte ihn nicht wirklich bewegten, vor allem nicht in eine demütige Haltung.

Am Nachmittag erreichten wir besagte Hütte, in der es kein Lebenszeichen gab. Alles wirkte verlassen, verwahrlost und furchterregend still - es war die Stille des Todes.

Die Tür stand einen Spalt offen und wir schlichen verstohlen hinein. Undeutlich erkannte ich eine Gestalt. Eine Frau fuhr vom Boden auf und starrte mich an.

"Habt Erbarmen!", flehte sie, "alles wurde uns genommen."

"Wir sind nicht gekommen, um euch etwas wegzunehmen", beruhigte ich die verängstigte Frau. Ihre Augen waren eingesunken und ihr Körper vollkommen ausgemergelt.

"Ihr müsst diesen Ort sofort verlassen. Dieses Haus liegt unter dem Bann der Kirche. Rettet Euch!", warnte sie uns.

Ich machte ihr klar, dass uns der Kirchenbann nicht kümmere und wir nur helfen wollten. Der König öffnete die Klappe, die das Fensterloch verschloss, um Licht und Luft in diesen ekelerregenden Raum zu lassen. Wie die Helligkeit in ihr Gesicht fiel, erkannte ich es sofort: Pocken!

"Augenblicklich aus diesem Raum hinaus, Sire! Diese Frau stirbt an der Krankheit, die vor zwei Jahren einen Großteil der Bevölkerung von Camelot vernichtet hat!", raunte ich Artus zu.

Doch dieser rührte sich nicht von der Stelle. Alle meine Warnungen waren vergebens. Der König fühlte sich bei seiner Ehre als Ritter gepackt und war fest entschlossen, zu helfen. Doch es sollte ganz anders kommen.

Um Mitternacht war alles vorüber. Der König und ich saßen bei vier Leichen und bedeckten ihre Körper mit Lumpen.

Die Frau hatte Artus gebeten die Leiter nach oben zu klettern, und ihr die Wahrheit zu sagen, was mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern sei. Den Mann und ein Kind fand er bereits tot auf und das zweite Mädchen trug er vorsichtig zur Mutter. Diese küsste und streichelte das Mädchen. An ihren Reaktionen konnte man erkennen, dass der Tod auch hier nicht mehr fern war.

Die Mutter dankte Gott für seine Güte, dass die Qualen endlich ein Ende hätten. Dem König liefen Tränen die Wangen hinunter und auch ich konnte kaum an mich halten. Um das ganze Elend noch zu steigern, erfuhren wir, dass die drei Söhne unschuldig im Gefängnis saßen, eines Mordes angeklagt, den sie niemals begangen hatten.

Als die Frau das Todesröcheln ihrer Tochter hörte, nahm sie sie fest in ihre Arme, lehnte sich beruhigt zurück und erwartete ebenfalls den erlösenden Tod.

Wir hatten keine Wahl und mussten diese armen Kreaturen so zurücklassen. Kaum waren wir aus der Hütte getreten, hörte ich das Geräusch von Schritten auf Kies. Mein Herz schlug bis zum Hals. Keiner durfte uns hier entdecken. Ich zupfte den König am Gewand, wir zogen uns zurück und versteckten uns hinter der Hütte.

Die Schritte kamen auf uns zu. Einen Augenblick herrschte Stille, dann ein leises Klopfen an der Haustür. Es überlief mich kalt, als jemand vorsichtig sagte:

"Mutter! Vater! Öffnet - wir sind freigekommen. Wir haben nicht viel Zeit, da wir fliehen müssen. Warum antwortet ihr nicht?"

Ich zog den König davon und flüsterte:

"Kommen Sie - jetzt können wir zur Straße gelangen."

Der König zögerte, doch da hörten wir das Knarren der Tür und wussten, dass die jungen Männer gleich vor ihren Toten Angehörigen stehen würden. Wir wollten gar nicht darüber nachdenken, welch schreckliche Szene sich nun in der Hütte abspielen würde und so rannte sogar Artus, wenig majestätisch, so schnell er konnte.

Auf der Straße angekommen, fand der König erstaunlich schnell zu seinem adligen Gehabe zurück. Was ihn plötzlich am meisten besorgte, war die Tatsache, dass die Söhne aus der Gefangenschaft geflohen waren und es seine Pflicht wäre, sie zu ergreifen und ihrem Herrn zurückzubringen.

Da hatten wir es wieder. Er konnte nur seine Seite der Sache sehen. Er war so geboren und erzogen. Die arme Familie waren nur einfache Bauern und nichts wert. Jeder von höherem Stand hatte das Recht sie ohne Beweise einzusperren und zu quälen.

Ich mühte mich mehr als eine halbe Stunde, um das Thema zu wechseln. Was mir zur Hilfe kam, war ein roter Schein in der Ferne - ein Feuer. Wir standen eine Weile in der tiefen Dunkelheit und Stille und beobachteten den roten Schimmer in der Ferne.

Es gab keinen Zweifel - dies konnte nur das Herrenhaus sein, von dem die drei Söhne aus der Gefangenschaft geflohen waren. Wir tasteten uns etwa eine halbe Meile den Hügel hinab, als ich plötzlich stolperte und gegen einen weichen schweren Gegenstand stieß.

In diesem Moment zuckte ein Blitz auf und ich erkannte vor mir das Gesicht eines Mannes, der an einem Ast baumelte!

Welch grausiger Anblick. Doch es sollte nicht der letzte in dieser Nacht werden. Je näher wir dem brennenden Herrenhaus kamen, desto mehr Tumult breitete sich aus. Menschen rannten davon und wurden von anderen verfolgt. Und immer wieder erkannten wir hängende Gestalten.

Wir zogen uns zurück und warteten bis zum Morgengrauen. Endlich herrschte Stille und wir wagten uns hervor und eilten davon. Als wir den Ort des Schreckens einige Meilen hinter uns gelassen hatten, baten wir in der Hütte eines Köhlers vollkommen erschöpft und hungrig um Gastfreundschaft.

Feuer im Herrenhaus

Die Frau des Hauses war schon wach und ich erklärte ihr, dass wir Reisende seien, vom Weg abgekommen. Sie führte uns in ihre Stube und wurde schnell gesprächig. Das Thema waren die Ereignisse der vergangenen Nacht im Herrenhaus von Abblasoure. Wir bestätigten, davon gehört zu haben und baten eilig um ein Lager, weil wir vollkommen erschöpft waren.

Bis in den Nachmittag hinein schliefen wir und erwachten derart hungrig, dass selbst Bauernkost für den König annehmbar war. Während wir aßen, erzählte uns die Frau Einzelheiten, wie es zu dem Feuer gekommen war.

Gegen zehn Uhr des Vorabends ging das Herrenhaus in Flammen auf. Die ganze Gegend eilte zu Hilfe und die adlige Familie wurde gerettet. Mit einer Ausnahme: Der Herr selbst. Ihn fanden die Helfer einige Yards entfernt im Unterholz geknebelt und gefesselt und mit einem Dutzend Dolchstichen hingerichtet.

Der Verdacht fiel schnell auf eine bescheidene Familie aus der Nachbarschaft, die seit einiger Zeit vom Baron mit besonderer Härte behandelt worden war. Dieser einfach Verdacht genügte, und der Mob machte sich auf zu einem Kreuzzug, um diese Familie auszulöschen.

Auch der Ehemann der Frau war dabei gewesen. Er war inzwischen aufgestanden und berichtete uns entsetzliche Tatsachen. Achtzehn Menschen waren erhängt oder hingemetzelt worden. Außerdem kamen dreizehn Gefangene in den Flammen um, weil niemand es für nötig befunden hatte, die Gefängnistüren zu öffnen.

Da erhob plötzlich der König seine Stimme: "Und dennoch sind drei der Gefangenen entkommen! Und es wäre eure Aufgabe, nach ihnen zu suchen und für Gerechtigkeit zu sorgen."

Genau das hatte ich erwartet - dass er damit herausrückte. Das Bauernpaar zeigte zuerst reges Interesse an dieser Neuigkeit und stellten einige Fragen. Ich beantwortete sie so gut ich konnte und erkannte, in dem Moment, als die beiden erfuhren, wer die Entflohenen waren, ihren schockierten Gesichtsausdruck.

Der König nahm diese Veränderung nicht war und meinte nur: "Schwatzt ihr hier den ganzen Tag, wird die Gerechtigkeit fehlgehen. Glaubt ihr, die Verbrecher werden in ihres Vaters Haus eilen? Sie werden fliehen und ihr müsst zusehen, dass ihnen jemand folgt!"

Die Frau erbleichte und der Mann sah verwirrt aus. Ich sagte:

"Komm, Freund. Ich will mit dir ein Stück gehen und erklären, welche Richtung sie meiner Ansicht nach eingeschlagen haben."

Artus schien zufrieden und ich schob den Mann mit mir auf die Straße. Dort begann ich zu fragen:

"Wie sind diese Leute mit dir verwandt? Sind es Vettern?"

Der wurde bleich und blieb zitternd stehen.

"Oh mein Gott, woher wisst Ihr das?"

"Ich habe es geraten."

"Die armen Jungen. Sie waren gute Söhne."

"Und du willst sie wirklich anzeigen?"

Zögernd antwortete er: "Ja-a."

"Dann finde ich, du bist ein verdammter Schuft."

Meine Worte machten ihn froh, und während wir uns in irgendeine Richtung vom Haus entfernten, erzählte er. Sein Name war Marco und der Baron hatte seiner Meinung nach nur das bekommen, was er auch verdiente.

Wir beschlossen uns die Zeit so lange zu vertreiben, wie wir brauchen würden, um nach Abblasoure und wieder zurückzulaufen, damit der König keinen Verdacht schöpfen würde. Plötzlich kam vor uns eine Schar halb nackter Jungen und Mädchen aus dem Wald gerannt. Sie bestürmten uns, ihnen zu helfen. Sie redeten so aufgeregt, dass wir kein Wort verstanden - also folgten wir ihnen.

Bald war die schlimme Geschichte aufgeklärt. Das kleine Volk ahmte die Großen nach und hatte einen kleinen Burschen an einem Seil aufgehängt. Dieser strampelte nun und schlug in Panik um sich, während das Seil ihn allmählich erwürgte. Wir retten ihn und brachten in wieder ins Leben zurück.

Meine Stunden mit Marco waren überaus interessant für meine Studien. Ich lernte die verschiedensten Leute kennen und erfuhr einiges über ihre Lebensumstände.

Der König hatte uns kaum vermisst, als wir bei Einbruch der Dämmerung zurückkehrten. Seine Gedanken waren bei einer groß angelegten Invasion Galliens und darüber war sein Nachmittag vergangen.

Für den übernächsten Tag hatte ich in Marcos Haus einige seiner Freund und Bekannte eingeladen. Ich beruhigte Marco, der in Sorge war, weil er sich eine solche Einladung nicht leisten konnte. Als meine bestellte Lieferung am Vorabend ankam, hatte ich alle Hände voll zu tun, dass die Familie nicht in Ohnmacht fiel.

Zu den Lebensmitteln, die ich bereits mehr als üppig berechnet hatte, wurde noch einiges mehr angeliefert. Ich wollte die Familie ein bisschen unterstützen und so bestaunten sie einen großen Vorrat an Weizen, einen Esstisch aus Fichtenholz und zwei volle Pfund Salz.

Die Marcos glaubten, dass der König, dem ich den Decknamen Jones gegeben hatte, also dass Jones und ich uns in den Bankrott getrieben haben, und machten sich große Vorwürfe. Es gelang mir, sie zu beruhigen uns so erwarteten wir für den nächsten Mittag die Gäste.

Im Nachhinein muss ich zugeben, dass der Besuch so gar nicht nach meinen Vorstellungen verlaufen ist. Es bestätigte sich, dass gewisse Themen bei Tisch eher problematisch sind. Eines davon ist die Politik. Wir redeten über Löhne und Gesetze und ich versuchte den Narren begreiflich zu machen, dass sie zwar hohe Löhne hatten, aber auch viel zu hohe Preise und sich von ihrem Geld nichts kaufen konnten.

Es war vergebene Müh, also erklärte ich ihnen ihre unsinnigen Gesetze. Der Richter legte fest, wie viel ein Handwerker verdienen durfte und sollte er von seinem Meister mehr bekommen, macht dieser sich schuldig.

An einen Handwerkermeister namens Dowley gewandt sagte ich:

"Hast du nicht vorher erklärt, du hättest gerade letzte Woche deinen Angestellten einen Cent und fünfzehn Milreis bezahlt? Soweit ich informiert bin, sind das genau fünfzehn Milreis zu viel."

Dieser Einwand saß. Doch stellte ich bald fest, dass ich übers Ziel hinausgeschossen war. Meine Absicht war, dem etwas großmauligen Dowley lediglich einen kleinen Schrecken zu verpassen. Was ich aber erreicht hatte, war Todesangst, an den Pranger gestellt zu werden.

So mühte ich mich nach allen Kräften vom Thema abzukommen, und die Wogen zu glätten. Was mir genau so lange gelang, wie der König sein Schläfchen hielt. Erfrischt und wohl gelaunt gesellte er sich zu uns. Ich wurde überaus nervös, weil unsere Lage mehr als brenzlig war. Die Gäste waren noch alles andere als erholt von meiner Drohung, da holte Artus aus und gab eine Kostprobe seines Wissens über die Landwirtschaft.

Es war sein Versuch, sich seiner Umgebung anzupassen. Nur was soll ich sagen - er schlug gänzlich fehl. Leider haperte es bei seiner Majestät schon bei den einfachsten Kenntnissen. Und als er Zwiebeln als Beeren bezeichnete, Pflaumen als Getreide und dies vom Baum ernten wollte, schrie einer laut:

"Dieser Mann ist mit Wahnsinn geschlagen. Der eine will uns an den Richter verraten und der andere ist wahnsinnig!"

Mit diesen Worten stürzte sich der Mob auf uns. Wie sich da der König freute. Sein Wissen über Landwirtschaft war zwar mangelhaft, aber jetzt war er in seinem Element. Es soll hier nicht angeberisch klingen, aber es war uns beiden ein Leichtes die stämmigen Handwerker zu besiegen. Doch ich beschloss, dass uns keine Zeit blieb, uns an diesem Erfolg zu erfreuen.

Wir gaben Fersengeld und eilten davon. Unsere Flucht brachte uns bis auf einen Baum. In kurzer Zeit hatte uns die Meute samt Hundeschar eingeholt und uns blieb keine andere Wahl, als erneut gegen sie anzutreten.

Vom König zum Sklaven

Wir sprangen von unserem Baum und begannen mit aller Kraft uns zu verteidigen. Plötzlich sprengten Reiter mitten in die Menge, und eine Stimme rief:

"Haltet ein, oder ihr seid des Todes!"

Das war Musik in meinen Ohren. Der Eigentümer dieser Stimme schien ein Gentleman zu sein und würde uns sicherlich aus unserer misslichen Lage befreien. Er betrachtete uns kritisch und herrschte dann die Bauern an:

"Was tut ihr diesen Leuten an?"

"Es sind Wahnsinnige, ehrenwerter Herr …"

"Still. Ihr wisst nicht, was ihr sagt. Wer seid Ihr und woher kommt Ihr?"

"Wir sind friedliche Fremde, Herr aus einem fernen Land. Wir führen nichts Böses im Schilde", antwortete ich.

Der Gentleman wandte sich an sein Gefolge und befahl ihnen, die Meute in ihre Hütten zurückzutreiben. Augenblicklich verschwand der Haufen und ich atmete erleichtert auf. Wie konnte ich ahnen, dass wir nur vom Regen in die Traufe geraten waren. Der Gentleman war Graf Griff und stellte uns seine Lastpferde zu Verfügung und bot uns Geleit bis zur nächsten Stadt, die den Namen Cambenet trug.

Wir sprachen unseren Dank aus und nahmen das Angebot an. Am späten Vormittag erreichten wir den Marktplatz von Cambenet, in dessen Mitte sich eine klägliche Ansammlung von Sklaven in Ketten befand. Es war ein abscheulicher Anblick und noch während ich mich um die armen Seelen grämte, machte es plötzlich - Klick!

Schon waren der König und ich mit Handschellen aneinandergefesselt. Der König rief wutentbrannt:

"Was bedeutet dieser ungehobelte Scherz?"

Der Graf blickte gelassen drein und befahl:

"Führt diese Sklaven hinweg und verkauft sie."

Sklaven! Das Wort hatte plötzlich einen neuen Klang - einen unsagbar schrecklichen. Wir wurden ausgestellt und bei der Versteigerung verkauft. Nun sollte ich vielleicht erwähnen, dass zu meiner Zeit, also 1300 Jahre später im Süden meines Heimatlandes auf genau dieselbe Weise Menschen, die eigentlich frei waren, versklavt wurden. Doch dieser Umstand hatte mich nie in besonderem Maße beeindruckt. Wie anders fühlte ich nun, da es um meine Person ging.

Ja, wir wurden wie Schweine versteigert, zu einem Preis, der geradezu lachhaft war. Der König von England brachte sieben Dollar, sein Premierminister neun. Der Sklavenhändler ließ uns an seine lange Kette anschließen; wir bildeten den Schluss des Zuges. Um die Mittagszeit verließen wir Cambenet.

Der König brütete vor sich hin. Worüber er nachdachte? Was glaubt ihr? Er kam einfach nicht darüber hinweg, dass er nur sieben Dollar wert war. Weniger als ich! Was die nächsten Tage erschwerend hinzukam, war die Tatsache, dass potenzielle Käufer erklärten:

"Dieser Kerl ist zwei Dollar wert und gebärdet sich, als seien es dreißig. Schade, dass Stil nicht verkäuflich ist."

Ja, da war es wieder - das alte Problem. Was für ein Brocken Arbeit war es gewesen, aus seiner Majestät einen passablen Bauern hinzubekommen. Nun machte es sich unser Besitzer zur Aufgabe, aus dem Bauern einen Sklaven zu machen. Die Einzelheiten möchte ich euch ersparen. Nur so viel: Am Ende der Woche war der Körper des Königs mit reichlich Spuren versehen, die auf jeden Fall schmerzhaft waren. Aber der König war ein zäher Kerl und steckte alle Hiebe tapfer weg.

Einen Monat lang hatten wir es schwer, trotteten kreuz und quer durch das Land und litten. In diesem Monat wurde Artus zum größten Gegner der Sklaverei.

Irgendwann erreichten wir London. Das war zu dieser Zeit noch ein großes Dorf, aus Lehm und Stroh gebaut. Doch was mein Herz höher schlagen ließ, war der Anblick eines Zeitungsjungen. Das war der Beweis, dass Clarence noch lebte und eifrig am Werk war. Außerdem bemerkte ich einen Draht, der von einem Dach zum anderen gespannt war. Sicher ein Telegrafen- oder Telefondraht. Das wäre unsere Rettung.

Mein Fluchtplan war längst gesponnen. Irgendwie musste ich an ein Stück Draht gelangen, um mir eine Art Dietrich für unsere plumpen Schlösser zu basteln. Wenn unser Besitzer zu seiner nächtlichen Kontrolle käme, würden wir ihn überwältigen und fliehen. Der Zufall wollte es, dass ich eine Art Tuchnadel aus Stahl fand, die einer der potenziellen Käufer verloren haben musste.

Ich flüsterte dem König zu, dass wir in dieser Nacht fliehen werden. Mehr sagte ich nicht, aber der König war entzückt und zufrieden.

Endlose Zeit verstrich, bis ich mir sicher war, dass alle anderen Sklaven um uns herum, schliefen. Schließlich verursachten meine Ketten einen ziemlichen Lärm. Als ich mich ihrer endlich entledigt hatte, und seine Majestät befreien wollte, trat unser Besitzer herein. Er schaute sich kurz um, und verließ den Raum wieder.

"Schnell", sagte König Artus, "hol ihn dir!"

Natürlich war dies das einzig Richtige und im nächsten Moment war ich aufgesprungen und mit einem Satz hinter ihm her. Wir rauften und prügelten uns und hatten in kürzester Zeit ziemlich viele Zuschauer. Plötzlich sauste von hinten eine Hellebarde auf meinen Rücken nieder. Es waren die Stadtwachen, die ohne viel Worte mich und meinen Gegner zum Gefängnis abführten.

Dabei musste ich erkennen, dass ich gar nicht gegen unseren Besitzer gekämpft hatte. In der Dunkelheit war mir das nicht aufgefallen.

Was für ein Elend. Mein schöner Plan. Es war eine lange Nacht und beim Morgengrauen wurde ich dem Richter vorgeführt. Dem erzählte ich, ich sei ein Sklave des Grafen Griff, der schwer verletzt im Gasthof zum Wappenrock lag und mich gesandt hatte, einen Arzt zu holen. Mein Gegner habe mich in der Dunkelheit ohne Grund angegriffen.

Ich weiß nicht warum, aber der Richter glaubte mir, und so war ich zum Frühstück ein freier Mann. Mein Weg führte mich sofort zum Sklavenquartier, das ich leer auffand. Leer bis auf eine Leiche - die des Sklavenhändlers. Ich erfuhr, dass alle Sklaven gefangen genommen worden waren und bereits zum Tode verurteilt. Das Gericht überlegte nur noch zu warten, bis der fehlende Sklave auch eingefangen war. Damit meinten sie mich! In der ganzen Stadt patrouillierten Polizisten auf der Suche nach mir.

Jetzt half nur noch Clarence. Er musste Sir Lanzelot mit einer Armee schicken, um das Leben des Königs zu retten. Ich suchte den Draht und fand den Ursprung in einer kleinen Kammer über einem Fleischerladen. Es tat so gut die Stimme meines Jungen zu hören und er versprach mir, die Männer seien in dreißig Minuten aufbruchbereit.

Ich verließ die Kammer und begann zu rechnen. Vor sechs Uhr am Abend konnten sie nicht eintreffen und falls das Gericht die Hinrichtung doch vorzog, war alles verloren. Was nun geschah, werde ich nur ganz kurz beschreiben, denn es fällt unter das Kapitel "Schwere Niederlagen". Noch während ich rechnete, lief ich, ohne es zu merken einem Polizisten in die Arme und die Handschellen klickten ein. Nun hatten sie ihren letzten Sklaven und die Hinrichtung konnte heute noch stattfinden.

Die Uhrzeit - vier Uhr nachmittags. Der Schauplatz - vor den Stadtmauern von London. Wir saßen auf unserem hohen Schafott als Zielscheibe des Hasses und Gespötts. Unsere Verbrechen wurden vorgetragen und ein Priester sprach ein Gebet. Danach wurden dem ersten Sklaven die Augen verbunden. Es gab einen Ruck und er baumelte - nicht lange, da hingen schon Nummer zwei und drei.

Ich wandte mich ab und als ich mich wieder umdrehte, war der König nicht mehr an meiner Seite. Er war an der Reihe! Ich war wie gelähmt. Wie sie ihm die Schlinge um den Hals legten, tat ich plötzlich einen Satz, wobei mein Blick für einen Moment in die Ferne ging. Alle Heiligen - da kamen sie an, mit gesenkten Lanzen, fünfhundert gepanzerte Ritter - auf Fahrrädern!

Es war der großartigste Anblick, den es je gab. Lanzelot sauste herbei und ich riss dem König Schlinge und Augenbinde herunter und rief:

"Auf die Knie mit euch, ihr Schufte, und grüßt den König."

Die verblüffte Menge sank auf die Knie und huldigte den Mann, den sie eben noch verspottet hatte. Ich war unendlich zufrieden. Nimmt man die Situation als ganze, erzielte ich mit ihr eine der großartigsten Wirkungen meiner Laufbahn.

Und plötzlich kam Clarence, ganz der Alte, augenzwinkernd auf mich zu und sagt bescheiden:

"Schöne Überraschung, nicht wahr? Ich wusste, dass es dir gefallen würde. Ich habe die Jungen schon lange heimlich üben lassen, und sie fieberten nach einer Möglichkeit, damit anzugeben.

Der Yankee gegen die Ritter

Wieder zu Hause in Camelot, fand ich ein paar Tage später neben meinem Frühstücksteller eine druckfrische Zeitung. Dort stand:

Wisset, dass der große Lord und berühmte Ritter SIR SAGRAMOR LE DESIROUS sich herablässt gegen des Königs Minister, auch Der Boss genannt in die Schranken zu treten. Er erhält damit Genugtuung für eine frühere Beleidigung. Es wird ein Kampf bis zum Tod. Die Kontrahenten dürfen ihre Waffen selbst bestimmen.

Bis zum festgesetzten Tag sprach ganz Britannien von nichts anderem als von diesem Kampf. Es war so besonders, weil es nicht einfach ein Duell zweier Männer darstellte, sondern ein Duell zwischen zwei mächtigen Zauberern. Merlin war Tage und Nächte damit beschäftigt, Sir Sagramors Waffen und Rüstung mit übermächtigen Kräften auszustatten und keiner konnte sich vorstellen, dass er, so gewappnet, verlieren könne.

Der Kampfplatz war riesig und doch fand sich außerhalb der Schranken bereits um zehn Uhr morgens des besagten Tages kein einziger Platz mehr. Die riesige Tribüne war mit Flaggen, Wimpeln und kostbaren Wandteppichen geschmückt.

Aus einem Zelt ritt der große Sir Sagramor, ein imposanter Eisenturm, stattlich und steif! Laute Rufe der Bewunderung erklangen. Dann erschien ich. Wurde aber von keinen Rufen begrüßt. Einen Augenblick herrschte Verwunderung und Schweigen, dann rollte eine Woge des Gelächters durch den Ozean von Menschen. Ich trug einen ganz einfachen und bequemen Sportanzug und mein Pferd war nur mittelgroß, aber gewandt und feingliedrig.

Die Königin rief aus:

"Oh weh, Sir Boss, willst du nackt kämpfen und ohne Lanze oder Schwert …"

Aber der König unterbrach sie und gab ihr mit ein paar höflichen Worten zu verstehen, dass sie das nichts anginge. Er gab ein Zeichen, die Hörner ertönten, Sir Sagramor senkte seine Lanze und wir stoben aufeinander zu. Eineinhalb Yards entfernt, riss ich mein Pferd mühelos zur Seite und der Ritter fegte an mir vorbei - null Punkte für ihn.

Diesmal erhielt ich großen Applaus. Dieses Spiel wiederholten wir einige Male, bis Sir Sagramor die Geduld verlor. Nun machte er Ernst, das war klar. Ich ergriff mein Lasso, das ich am Sattelknauf hängen hatte, schwang es in großen Kreisen über meinen Kopf, warf und riss Sagramor damit glatt aus dem Sattel. Großer Gott - war das eine Sensation.

Diese Leute hatten noch nie einen Cowboy-Trick gesehen und waren ganz aus dem Häuschen. Sie riefen Zugabe und die sollten sie bekommen. Der nächste Ritter war Sir Hervis de Revel. Danach erlegte ich Sir Lamorak de Galis und nach ihm Sir Galahad. Nun blieb den ehrenwerten Rittern nichts anderes übrig, als ihre Trumpfkarte auszuspielen - Sir Lanzelot selbst!

War das ein stolzer Augenblick! Dort drüben saß Artus, König von Britannien, daneben Ginerva und seine gesamte Provinzkönigssippschaft. Lanzelot kam herangefegt und meine Schlinge kreiste erneut durch die Luft. Bevor man mit den Augen zwinkern konnte, schleifte ich Ritter Lanzelot auf seinem Rücken über das Feld und warf Kusshändchen als Dank für den Applaus.

Während ich mich noch im Erfolg aalte, ertönte das Horn und Sir Sagramor ritt auf mich zu. Er forderte mich ein zweites Mal heraus. Ich willigte ein. Als nächstes bemerkte ich, wie Merlin davonschlich und mein Lasso fehlte. Dieser alte Taschenspieler vertraute offenbar nicht auf seine Zauberkünste. Wir ritten vor den König und der fragte mich, wo meine wunderliche Waffe sei.

"Sie wurde gestohlen, Sire."

"Hast du eine andere bei der Hand?"

"Nein, Sire, ich brachte nur diese eine mit."

Da mischte sich Merlin ein:

"Jeder weiß, dass diese Waffe nur über acht Waffengänge benutzt werden kann. Jetzt ist sie wieder beim König der Meeresdämonen."

"Aber, so ist er waffenlos", sagte der König.

Da hinkte Lanzelot herbei, um mir sein Schwert anzubieten. Aber Sagramor bestand darauf, dass ich mit meinen eigenen Waffen kämpfe. Merlin nötigte den König das Horn blasen zu lassen und wir begaben uns auf unsere Plätze.

Sir Sagramors Schwert beschrieb einen blitzenden Bogen. Die Zuschauer waren sehr erregt und riefen:

"Flieht, flieht! Das ist Mord!"

Ich wich nicht einen Zoll, bis die herandonnernde Erscheinung nur noch fünfzehn Schritt von mir entfernt war. Dann zog ich einen Dragonerrevolver aus dem Halfter, es gab einen Blitz und einen Knall, und der Revolver steckte schon wieder im Halfter, bevor jemand sagen konnte, was geschehen war. Ein reiterloses Pferd stob vorbei, und dort unten lag Sir Sagramor, mausetot!

Dieser Tag gehörte mir. Das fahrende Rittertum war zum Untergang verdammt. Der Vormarsch der Zivilisation hatte begonnen. Und Kollege Merlin? Seine Aktien standen wieder einmal ganz flau.

Drei Jahre später

Als ich dem fahrenden Rittertum das Rückgrat gebrochen hatte, fühlte ich mich nicht länger verpflichtet, im Geheimen zu arbeiten. Schon am nächsten Tag enthüllte ich deshalb der staunenden Welt meine verborgenen Schulen, meine Bergwerke und das ausgedehnte Netz geheimer Fabriken und Werkstätten.

Es ist immer gut, einen Vorteil gleich zu nutzen. Die Ritter waren vorübergehend matt gesetzt und so sollte es ein Weilchen bleiben. Ich erneuerte meine Herausforderung und formulierte: Ich werde mit fünfzig Gehilfen gegen die gesamte Ritterschaft der Welt antreten und sie vernichten.

Selbst der beschränkteste Ritter begriff, dass es hier darum ging, entweder die Stellung oder den Mund zu halten. Sie waren klug und taten das Zweite. Für die nächsten drei Jahre machten sie mir keinen nennenswerten Ärger mehr.

Es sind nun also drei Jahre vergangen. Seht euch in England um. Es ist ein glückliches, wohlhabendes und verändertes Land. Überall gibt es Schulen und Zeitungen. Die Zeit der Sklaverei ist vorüber, alle Menschen waren vor dem Gesetz gleich. Wir bauten Eisenbahnlinien und im ganzen Land gab es kaum einen Ritter, der nicht irgendeiner nützlichen Arbeit nachging.

Ich war sehr glücklich. Die Dinge entwickelten sich stetig auf einen heimlich ersehnen Punkt zu. Ihr müsst wissen, dass ich zwei Projekte im Kopf hatte, die alle meine anderen übertrafen. Das eine war, die katholische Kirche zu stürzen und auf ihren Ruinen den protestantischen Glauben auf freiwilliger Basis aufzubauen.

Der andere Plan war, nach Artus Tod das uneingeschränkte Wahlrecht für Männer und Frauen einzuführen. Das Ergebnis sollte eine Republik sein. Nun, ich kann auch gleich gestehen - ich hatte vor selbst der erste Präsident dieser neuen Staatsordnung zu werden.

Auch privat hatte es in meinem Leben einige Veränderungen gegeben. Meine treue Sandy und ich haben geheiratet und ich muss sagen, mit ihr das große Los gezogen zu haben. Einen besseren Partner konnte es nicht geben. Sie brachte einen Sohn zur Welt, der unser ganzer Stolz war und eigentlich war alles perfekt.

Bis zu dem Augenblick, als sie, ich war gerade mit Clarence in eine Diskussion über die Monarchie vertieft, hereinstürzte. Sie schluchzte und ich nahm meine liebe Frau besorgt in die Arme.

"Sprich doch, Liebling. Was ist passiert?"

"Unser Kind!"

Ich rief Clarence zu, er solle nach dem Arzt rufen und stürmte zu unserem Sohn ins Zimmer. Schnell erfasste ich die Lage: Kehlkopfdiphterie. Dieses Kind war der Sonnenschein im Hofstaat und so gab es kaum jemanden, der nicht alles tat, um ihm zu helfen. Sogar Sir Lanzelot höchstpersönlich heizte den Inhalierkessel an.

Die Ärzte rieten uns, das Kind fortzubringen, damit es sich bei milderem Klima und Seeluft erholen konnte. Wir nahmen also ein Kriegsschiff und ein Gefolge von zweihundertsechzig Personen und lichteten den Anker. Nach etwa vierzehn Tagen erreichten wir die französische Küste.

Der Provinzkönig bot uns seine Gastfreundschaft an. Dort merkten wir, auf welch hohem Niveau wir bereits lebten. Am Ende des ersten Monats schickte ich das Schiff nach Hause, um uns mit neuen Vorräten und Nachrichten zu versorgen. Es sollte in drei bis vier Tagen zurück sein.

Unserem Sohn ging es mit jedem Tag besser, doch unser Schiff kehrte nicht zurück. Nach zwei Wochen wurde ich unruhig. Ich lieh mir ein Schiff, verabschiedete mich tränenreich von Sandy und meinem Kind und legte ab.

Am nächsten Morgen näherte ich mich England. Ich hatte die ganze breite Salzwasserstraße für mich. Im Hafen von Dover lagen Schiffe, aber keines hatte seine Segel gesetzt. Alles wirkte wie ausgestorben. Schließlich bemerkte ich einen kleinen Leichenzug. Nur eine Familie und ein paar Freunde - kein Priester. Ein Begräbnis ohne den Beistand der Kirche. Ich blickte zum Glockenturm hinauf. Die Glocken waren schwarz verkleidet und der Klöppel festgebunden. Jetzt war mir alles klar!

Die Kirche hatte zugeschlagen. Offenbar hatten sie ein Interdikt, eine Unterlassung, herausgegeben. Sie hatte jetzt die Oberhand und meine ganze schöne Zivilisation schien schlichtweg ausgelöscht.

Ich fand Clarence in seiner Wohnung. Er war in Melancholie versunken. Statt des elektrischen Lichts brannte eine alte Öllampe. Er sprang auf und umarmte mich.

"Was für ein Glück einen lebendigen Menschen zu sehen!", rief er.

Ich forderte ihn auf, mir zu berichten, was ihn den paar Wochen meiner Abwesenheit vorgefallen war und was ich da zu hören bekam, war unbeschreiblich:

Der König war durch einen dummen Zufall nach so vielen dahintergekommen, dass Sir Lanzelot, sein treuer Freund, ihn mit der Königin betrog. Da befahl er, seine Frau auf dem Scheiterhaufen verbrennen zu lassen. Lanzelot und seine Ritter erretteten sie und es kam zum Krieg. König Artus starb dabei durch die Klinge seines Neffen und die Königin flüchtete als Nonne in ein Kloster.

Die Kirche übernahm die Herrschaft und versammelte alle überlebenden Ritter, die Befehl hatten, den Boss zu ergreifen.

"Sobald du entdeckt wirst, werden wir alle Hände voll zu tun haben", sagte Clarence.

"Dummes Zeug", entgegnete ich, "mit unserem wissenschaftlichen Kriegsgerät und unseren vielen ausgebildeten Leuten …"

"Spar dir deine Worte. Es sind kaum sechzig Getreue übrig geblieben. Hast du wirklich geglaubt, du könntest ihnen ihren Aberglauben aberziehen?"

"Allerdings, das dachte ich."

Clarence berichtete weiter, dass alles ein abgekartetes Spiel der Kirche war. Sie hatten die Ärzte veranlasst, uns mit dem kranken Kind wegzuschicken, damit sie freie handhabe hatten. Jeder Offizier auf dem Schiff war ein Lakai der Kirche.

Ich hatte mir alles angehört und sagte zu Clarence:

"Bitte schreibe Folgendes: Bekanntmachung - Allen kund und zu wissen. Da nun der König gestorben ist und keine Erben hinterlassen hat, ist es meine Pflicht, die mir übertragene ausführende Gewalt weiterhin auszuüben, bis eine Regierung gebildet wird und ihre Arbeit aufnimmt. Mit der Monarchie starben auch ihre Gehilfen, darum gibt es keinen Adel, keine privilegierten Klassen, keine Staatskirche mehr; alle Menschen sind völlig gleich geworden. Hiermit wird die Republik ausgerufen.

Ich unterschrieb mit "Der Boss" und gab als Adresse Merlins Höhle an, in die wir uns zurückziehen wollten.

"Aber das verrät doch, wo wir sind", warf Clarence ein.

"Genau das beabsichtige ich. Jetzt sind wir am Zug."

Ein Nachtrag von Clarence

Ich, Clarence, sehe es als meine Verpflichtung für ihn weiterzuschreiben. Leider war es ihm nicht mehr selbst möglich.

In Merlins Höhle waren ich, der Boss und zweiundfünfzig frische, aufgeweckte und gut ausgebildete Knaben. Wir schickten jede Nacht Kundschafter aus, die uns mit Neuigkeiten versorgen. Immer mehr Heere sammelten sich, auf allen Straßen waren Ritter unterwegs, gegen uns zu kämpfen. So hatten wir es erwartet. Wir würden ihre Reihen so lange lichten, bis nur noch das Volk übrig war, bereit für die Republik.

Da hatte sich der Boss leider verrechnet. Ende der Woche wurde uns klar, dass dem nicht so war. Das Volk hatte vielleicht einen Tag die Republik gefeiert, um dann wieder in ihre gewohnten Bahnen überzugehen. Adel und Kirche ließen sie zu einer Herde dummer Schafe zusammenschrumpfen.

Ja, man stelle sich vor - ganz England marschierte gegen uns und rief: "Tod der Republik!" Ganz England! Als die Angreifer vor unserer Höhle standen, erteilte der Boss uns den Befehl:

"An die Gewehre Männer! Eröffnet das Feuer!"

Unsere Geschütze brachten Tod und Verderben über unsere Angreifer und binnen weniger Minuten war unser Feldzug beendet und wir Vierundfünfzig waren die Herren Englands! Fünfundzwanzigtausend Mann lagen tot um uns herum.

Der Boss wollte die Höhle verlassen und nach den Verwundeten sehen. Ich versuchte energisch, ihn davon abzuhalten, aber sein Entschluss war gefasst. Der erste Verwundete, der uns um Hilfe bat, saß mit dem Rücken gegen einen toten Kameraden gelehnt.

Als sich der Boss über ihn beugte und mit ihm sprach, erkannte ihn der Ritter und versetzte ihm einen Dolchstich. Wir trugen den Boss zur Höhle zurück und versorgten seine Wunde, die nicht sehr schwer war. Dabei half uns Merlin, ohne dass wir es wussten.

Er hatte sich als alte Bäuerin verkleidet und angeboten, für uns zu kochen. Dem Boss ging es von Tag zu Tag besser. Aber wir waren in der Falle. Vor unserer Höhle verpesteten die Leichen die Luft, sodass unsere Männer, mitsamt mir, nach und nach krank wurden. Weder der Boss noch ich waren in der Lage, unser selbst gewähltes Gefängnis zu verlassen.

Eines Nachts erwachte ich um Mitternacht und sah, wie die Alte über Kopf und Gesicht des Bosses in der Luft sonderbare Zeichen machte. Ich wunderte mich, was das zu bedeuten hätte. Die Frau hörte mit ihren geheimnisvollen Torheiten auf und schlich auf Zehenspitzen zur Tür. Ich rief sie an:

"Halt! Was hast du getan?"

Sie blieb stehen und sagte im Ton boshafter Befriedigung:

"Ihr dachtet ihr seid die Sieger - doch nun seid ihr besiegt! Die Knaben siechen dahin - dir wird es genauso ergehen. Und er - schläft nun und wird dreizehn Jahrhunderte schlafen. Ich bin Merlin!"

Mit diesen Worten erfasste ihn ein albernes Gekicher und er schwankte wie ein Betrunkener. Dabei berührte er einen unserer Drähte, die unter Strom standen. Sein Mund steht weit offen - man könnte meinen, er lache noch immer und vermutlich wird er das tun, bis seine Leiche zu Staub zerfallen ist.

Der Boss hat sich noch nicht gerührt - er schläft wie ein Toter. Wir werden seinen Körper zu einem abgelegenen Winkel der Höhle tragen, wo ihn keiner jemals finden und entheiligen kann. Wir Übrigen haben beschlossen, dass derjenige, der diesen Ort lebendig verlässt, alles aufschreibt und das Manuskript getreulich neben dem Boss verbergen soll, dessen Eigentum es ist, sei er nun lebendig oder tot.

Ende des Manuskripts!

Der Morgen dämmerte bereits, als ich das Manuskript aus der Hand legte. Ich ging zum Zimmer des Fremden und horchte an der Tür. Der Mann lag auf dem Rücken im Bett und sprach unzusammenhängend, aber lebhaft fuchtelnd.

"Ach Sandy, wache bei mir - verlasse mich nicht. Wie geht es unserem Kind? Ein Horn! Es ist der König. Schnell - besetzt die Zinnen …"

Der Klassiker EIN YANKEE AM HOFE DES KÖNIG ARTUS von Mark Twain (1835-1910) wurde von Gabi Müller für den Lesekorb nacherzählt. Die Illustrationen stammen von Dan Beard (1850-1941).


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