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Ruf der Wildnis

von Jack London

In die Wildnis

Ein großes Haus im sonnenhellen Tal von Santa Clara war Bucks Heimat. Es lag halb versteckt hinter mächtigen Bäumen etwas abseits der Landstraße. Hinter dem Haus befanden sich die großen Stallungen, die grün umrankten Wohnungen der Diener, Treibhäuser, Obstgärten und daran anschließend unendliche Weiden. Außerdem gab es noch den großen Brunnen und den Teich, in dem die Söhne des Pflanzers gern badeten.

Über dieses ganze Reich herrschte Buck. Hier war er geboren, und hier hatte er die vier Jahre seines Lebens verbracht. Im Hause von Millers Farm lebten noch andere Hunde - zum Beispiel Tutt, der dicke Mops, und Bella, der weiße Zwergpinscher. Es gab auch noch eine ganze freche Bande Terrier und andere Hunde, die kamen und gingen, in Ställen wohnten und sich herumtrieben.

Buck war weder Stuben- noch Hofhund, sein war das ganze Reich. Er schwamm mit den Söhnen des Pflanzers im Teich, ging zur Jagd mit ihnen und begleitete Mollie und Alice, die beiden Töchter, durch Wald und Feld. An langen Winterabenden lag er vor dem lodernden Kaminfeuer zu Füßen seines Herrn, ließ dessen Enkel auf seinem Rücken reiten, tobte mit ihnen auf dem Rasen und behütete ihre kleinen Schritte bei der Erkundung von Ställen, Park und Obstgarten.

Bucks Vater Elmo, ein riesenhafter Bernhardiner, war schon der unzertrennliche Freund des Pflanzers gewesen, und nun war er an seine Stelle aufgerückt. Da seine Mutter Flocke eine schottische Schäferhündin war, war er nicht so groß wie sein Vater, aber er benahm sich sehr würdevoll und schritt erhobenen Hauptes stolz den weißen Kiesweg dahin.

Dass er trotz seines Lebens im Überfluss kein verweichlichter Haushund wurde, dafür sorgte vor allem die Jagd. Er hatte einen starken Körper und kräftige Muskeln.

So stand es mit Buck im Jahre 1897, als die großen Goldfunde in Klondike Tausende von Menschen aus allen Gegenden der Welt in den Norden riefen. Er wusste nicht, dass ihm und allen Hunden mit starken Knochen und langen, dichten Haaren dadurch Unheil drohte. Da es dort oben bitter kalt war, brauchte man solche Hunde für die Arbeit.

Gefahr lauerte für Buck durch Manuel, den Gärtnergehilfen, der eine schlimme Leidenschaft hatte - er spielte. Zum Spiel brauchte er Geld, viel Geld, oft mehr als den Lohn eines Gärtnergehilfen.

Eines Abends, als sein Herr zu einer Versammlung war, rief Manuel Buck zu sich. Niemand sah und hörte es. Buck dachte, es wäre ein Abendspaziergang, als er mit ihm durch die Felder davon ging. Unbemerkt von anderen Menschen trat ein Mann aus dem Schatten des kleinen Bahnhofsgebäudes, wechselte einige Worte mit Manuel und gleich darauf klapperte Geld in seiner Hand. Dann zog Manuel einen dicken Strick aus der Tasche und legte ihn als Schlinge um den Hals des Hundes.

"Brauchst nur ein bisschen anzuziehen, dann wird ihm die Puste schon ausgehen", sagte er und lachte.

Mit ruhiger Würde hatte Buck bisher alles über sich ergehen lassen, obwohl es nicht angenehm war, einen Strick angelegt zu bekommen. Er wusste aber aus Erfahrung, dass alles, was die Menschen tun, einen Zweck hat, auch wenn ihm dieser nicht immer ganz klar war. Als aber Manuel die Enden des Strickes dem Fremden in die Hand gab, knurrte er. Da spürte er einen Druck im Hals, der ihm fast den Atem nahm. Mit einem Wutlaut stürzte er sich auf den Fremden, aber ein Ruck an der Leine ließ seine Zähne scharf über der Zunge zusammenschlagen, und ein weiterer Ruck warf ihn zu Boden. Er zog und zerrte vergebens. Immer fester legte sich die Schlinge um seinen Hals.

Nie in seinem Leben war er so behandelt worden, und nie hatte er eine solche Wut in sich gefühlt. Vor seinen Augen begann es zu tanzen, in seinen Ohren brauste es, und seine Sinne schwanden. Er merkte nicht, wie etwas Dunkles über ihn geworfen wurde und man ihn in den Gepäckwagen des Zuges schob.

Das Erste, was ihm zu Bewusstsein kam, war ein Gefühl des Schmerzes an seiner Zunge und ein Rütteln, das durch seinen Körper ging. Der schrille Pfiff einer Lokomotive sagte ihm, wo er sich befand, denn er war oft genug mit seinem Herrn gereist. Langsam öffnete er die Augen und sah um sich. In diesem Augenblick griff der Mann, der neben ihm stand, nach den Enden des Strickes. Er war aber nicht schnell genug um zu verhindern, dass sich die Zähne des Hundes tief in seine ausgestreckte Hand eingruben. Dann aber verließen Buck wieder die Sinne.

Der Mann erzählte dem Gepäckmeister, der durch den Lärm aufmerksam geworden war, dass der Hund Krämpfe hätte und er ihn deshalb zu einem Tierarzt bringen wolle. Darauf half dieser ihm, Buck in einen käfigartigen Verschlag zu stoßen und den Strick von seinem Hals zu lösen.

So lag Buck nun Stunde für Stunde, die ganze lange Nacht mit stillem Zorn und schwer verletzter Ehre. Er konnte sich nicht denken, was das alles zu bedeuten hatte. Was wollten die fremden Leute nur von ihm? Was sollte er hier in diesem Käfig?

Jedes Mal, wenn die große Schiebetür des Wagens kreischte, sprang er auf und dachte, dass nun sein Herr hereinkommen würde. Aber immer war es nur der Schaffner, und Bucks Freudengeheul verwandelte sich zu einem immer heftigeren Knurren.

Als der Morgen graute, hielt der Zug. Vier roh und verwildert aussehende Männer kamen herein. Er bellte sie wütend an, aber sie lachten nur, steckten Stöcke durch den Holzverschlag und stießen und schlugen ihn damit, bis er die Knüppel mit den Zähnen erfasst und in Stücke gebissen hatte.

Bald aber merkte er, dass es gerade das war, was sie ergötzte. Da legte er sich still hin und schloss die Augen. Die Männer fassten den Verschlag und trugen ihn in einen anderen Zug, der wieder viele Stunden dahin sauste.

Als es wieder Abend wurde, brachte man ihn auf ein Fährboot, das über einen Fluss fuhr und dann noch einmal in den Gepäckwagen eines Schnellzuges. Die dortigen Beamten neckten ihn, miauten wie Katzen, bellten wie die gewöhnlichsten Köter, klatschten in die Hände und pfiffen in den höchsten Tönen. Er wusste, dass er sich darüber nicht ärgern sollte, aber er fühlte sich in seiner Ehre gekränkt, und seine Wut stieg von Stunde zu Stunde. Sein einziger Trost war, dass er keinen Strick mehr tragen musste. Wenn ihm nun jemand in den Weg käme, würde er sich seiner Haut wehren!

Zwei Tage hatte er keinen Bissen gegessen. Das war für ihn nicht weiter schlimm, aber der Durst quälte ihn. Der ständige Ärger hatte ihn fieberhaft erregt, und die Schmerzen an Zunge und Hals wurden immer stärker. Seine Augen waren blutunterlaufen, und er sah so verändert aus, dass ihn selbst sein Herr nicht wieder erkannt hätte.

Am dritten Tag wurde er in Seattle ausgeladen. Auf einem Rollwagen wurde er durch enge Straßen bis auf einen kleinen Hof gefahren, der von hohen Mauern umgeben war. Ein dicker Mann nahm ihn in Empfang. Bucks Rückenhaar sträubte sich vor Wut, und mit aller Kraft rüttelte er an den Latten seines Käfigs. Der Mann lachte höhnisch und holte ein Beil und einen Knüppel herbei.

"Er soll doch nicht etwa jetzt raus?", fragte einer der Männer, die ihn gebracht hatten.

"Natürlich!", antwortete der Dicke und hieb mit der Axt auf die Latten.

Die anderen Männer rannten nach allen Seiten davon, flüchteten auf die hohe Mauer und warteten neugierig auf das kommende Schauspiel.

Fast wahnsinnig vor Wut schlug der Hund seine Zähne in das absplitternde Holz. Endlich erschien ihm die Öffnung so groß, dass sein Körper hindurchpassen, und er sich auf den Mann stürzen könnte.

"Nun komm schon, du rotäugiger Satan!", rief dieser, warf die Axt fort und ergriff den Stock.

Ja, der Hund sah wirklich wie ein Satan aus, wie er sich mit blutunterlaufenen Augen und schäumendem Maule mit aller Macht durch den schmalen Spalt drängte und sich mit seiner ganzen Wut auf seinen Widersacher stürzte. Als er gerade die mächtigen Zähne in den Hals des Mannes schlagen wollte, traf ihn ein kräftiger Schlag. Er taumelte zurück und begriff nicht, was geschehen war. Mit einem furchtbaren Geheul sprang er wieder auf die Füße, um erneut auf den Mann loszugehen.

Noch mehrere Versuche startete er, aber immer wieder traf ihn die Wucht des Stockes. Nach einem besonders harten Schlag sprang er nicht mehr auf. Nur mühsam erhob er sich auf die Vorderpfoten. Er zitterte am ganzen Körper, das Blut kam ihm aus Nase und Mund. Trotzdem erhob der Rote wieder den Knüppel, um ihn mit furchtbarer Wucht auf die Nase des Tiers fallen zu lassen. Er sah nichts mehr, und doch raffte er alle seine Kraft zusammen, um sich mit löwenartigem Gebrüll gegen seinen Feind zu werfen. Doch dieser erfasste den Hund mit beiden Händen am Unterkiefer, schleuderte ihn hin und her, bis er schließlich bewusstlos am Boden liegen blieb. Die Männer auf der Mauer johlten vor Bewunderung.

Buck erlangte die Besinnung bald wieder, aber nicht die Kraft. Er blieb regungslos liegen, nur seine Augen folgten dem Mann mit der roten Jacke. Dieser las einen Brief. "Hört auf den Namen Buck", murmelte er.

"Also, Buck, alter Junge", sagte er dann freundlich. "Lassen wir es nun mit dem Kämpfen genug sein. Du weißt jetzt, woran du bist!"

Dann strich er furchtlos über den Kopf des Hundes, auf den er gerade noch eingeschlagen hatte. Bucks Haare sträubten sich unwillkürlich unter der Berührung, aber er blieb still liegen. Als der Mann einen Napf voll Wasser brachte, trank er ihn bis zum letzten Tropfen leer. Auch eine Mahlzeit Fleisch nahm er dankbar aus der Hand seines Peinigers entgegen. Er spürte, dass das Leben jetzt ernster für ihn werden würde, und er machte sich mit all seiner Klugheit darauf gefasst, es mutig mit ihm aufzunehmen.

Die Tage kamen und gingen, und immer mehr Hunde erschienen in dem kleinen Hof, manche in Käfigen, andere an Leinen oder Ketten. Alle erhielten von dem roten Mann mit seinem Knüppel die gleiche Lehre. Ihm musste man gehorchen.

Dann und wann kamen fremde Leute, die mit dem Mann sprachen. Nach einer Weile klapperte Geld, und einer der Hunde wurde fortgeführt. Buck hatte Angst vor der Zukunft, denn er versprach sich von ihr nichts Gutes.

Eines Tages kam ein kleiner untersetzter Mann mit verschrumpeltem Gesicht. Buck konnte seine Sprache fast nicht verstehen. "Teifel, Teifel!", rief er erregt, als seine Augen auf Buck fielen. "Das ist eine verflucht feine Tier! Was kostet das?"

"Dreihundert und ein Trinkgeld", war die Antwort des Roten.

Perrault, ein Kanadier, war damit einverstanden. Er kannte sich mit Hunden aus und hatte sofort gesehen, dass dieser etwas Besonderes war. Geld klapperte, und Buck und Zottel, ein gutmütiger Neufundländer, wurden von dem kleinen Mann hinausgeführt.

Er brachte sie auf einen großen Dampfer, von dessen Verdeck er zum letzten Mal den sonnigen Süden sah. Perrault führte die Hunde hinunter ins Zwischendeck, wo noch mehr Hunde waren. Manche von ihnen waren hinterhältig, andere kümmerten sich nicht um die übrigen Hunde.

Tag und Nacht arbeiteten die Maschinen, und Buck kam es so vor, als ob die Luft kälter und rauer würde. Eines Morgens aber verstummte der Lärm der Maschinen. Eine merkwürdige Aufregung machte sich im ganzen Schiff bemerkbar.

Als Buck vom Schiff gebracht wurde, spürte er, wie seine Füße in einer weißen, lockeren Masse versanken, die ihm unbekannt war. Erschrocken sprang er zurück. Auch vom Himmel fiel solch weißes Zeug herab. Er schnupperte neugierig daran herum und steckte vorsichtig die Zunge hinein und sah, wie es plötzlich verschwand. Er konnte das nicht begreifen, denn Schnee war ihm unbekannt.

Das Recht des Stärkeren

Der erste Tag am Golf von Dyea erschien Buck wie ein böser Traum. Jede Stunde brachte neue Schrecken. Vorbei war sein Leben in Sonnenschein und Üppigkeit. Hier war er mitten in der Wildnis.

Solche Hunde, wie hier in Scharen herumliefen, hatte er noch nie gesehen. Das waren wilde Tiere, so wie Wölfe! Nie hätte er solche Kämpfe für möglich gehalten, wie er sie hier sah! Unvergesslich blieb ihm der Tag, an dem er zum ersten Mal einen solchen Kampf sah. In ihm musste Zottel sterben.

Ganz plötzlich war ein Köter auf den zu gesprungen, der Zottel mit seinen großen Zähnen eine Wunde vom Auge bis zum Kiefer riss. Immer mehr von diesen Kötern kamen und stellten sich im Kreis um die Kämpfer auf. Zottel kämpfte mutig, aber schließlich versetzte ihm der andere einen Stoß, von dem er das Gleichgewicht verlor, zu Boden stürzte und nicht wieder aufstand.

In diesem Augenblick stürzten sich die anderen Köter mit furchtbarem Geheul blitzschnell auf ihn. Die Männer kamen mit Stöcken herbei und trieben die Hunde auseinander, aber von Zottel war nicht mehr übrig als eine blutige Masse im weißen zertrampelten Schnee. Förmlich in Stücke gerissen hatten sie ihn.

Diesen Anblick vergaß Buck nie wieder. Selbst im Traum erschien ihm das grausige Bild. So also ging es hier zu! Er musste zusehen, dass ihm das nicht einmal passierte. Hass zog in sein Herz ein. Spitz, der Hund, der auf Zottel losgegangen war, wurde sein Todfeind.

Noch bevor sich Buck von diesem Schrecken erholt hatte, traf ihn ein neuer. Francois, einer der Männer und sein neuer Herr, kam mit Riemen und Seilen, wie sie Pferde trugen. Und so wie diese schirrte man auch ihn an und spannte ihn mit anderen Hunden vor einen Schlitten.

So wurde aus ihm ein Arbeitstier, das Holz vom Walde holen musste. Es kränkte ihn im tiefsten Herzen, aber seine Klugheit sagte ihm, dass er sich dagegen nicht auflehnen durfte. Francois war ein strenger Herr, der unbedingten Gehorsam verlangte.

Buck lernte sehr schnell, wie man sich als Schlittenhund zu verhalten hat, und sein Herr sprach gut über ihn.

In dieser Nacht litt Buck zum ersten Mal an Schlaflosigkeit. Das Zelt der Männer wurde von einem Feuer matt erleuchtet und lag friedlich und einladend mitten in der weißen Ebene. Buck hielt es für selbstverständlich, sich dort gemütlich zur Nachtruhe niederzulassen, aber er wurde von Francois und Perrault mit Flüchen und Schimpfwörtern hinausgetrieben. Ein scharfer Wind blies, und er wusste nicht, wo er bleiben sollte.

Still legte er sich in den Schnee und versuchte zu schlafen, aber die Kälte war zu groß. Zitternd vor Frost, elend und müde schlich er an den anderen Zelten vorüber. Dann und wann fuhr wütend ein Hund auf ihn los, aber er sträubte sein Rückenhaar und knurrte so grimmig, dass er unbehelligt blieb.

Schließlich entdeckte er, wie die anderen Hunde die Nacht verbrachten. Sie hatten sich unter der Schneedecke vergraben! Wieder hatte Buck etwas Neues gelernt. Mit Eifer grub auch er sich ein tiefes Loch, schlüpfte hinein, rollte sich zusammen, und als die Wärme seines Körpers den kleinen Raum ausgefüllt hatte, schlief er fest ein.

Als er am Morgen erwachte und aus dem tiefen Schnee sprang, der in der Nacht noch auf ihn gefallen war, freute sich Francois wieder, wie schnell er auch das gelernt hatte. Perrault war Bote der kanadischen Regierung, und auch er freute sich, wenn ihm gute Hunde den Dienst erleichterten.

Neun Hunde gehörten nun zu dem Schlittengespann, dem Buck zugeordnet wurde. Als alle angeschirrt waren, ging die Fahrt zum Dyea Canon los. Die neue Arbeit war schwer, aber sie gefiel ihm. Passierten ihm im Verlauf des Tages Fehler, erhielt er einen kleinen Biss von den erfahrenen Hunden oder einen Schlag mit der Peitsche des Herrn.

Sie hatten an diesem Tag einen langen Weg über vereiste Steine und lockeren Schnee hinweg bis zum Lager am Bennetsee zurückgelegt. Hier warteten Hunderte von Goldsuchern, bis die Frühlingssonne die dicke Eisdecke schmelzen würde.

An den nächsten Tagen kamen sie unterschiedlich schnell voran. Meist ging Perrault mit großen, sehr breiten Schneeschuhen voran, um den lockeren Schnee ein wenig festzustampfen. Francois ging neben dem Schlitten her und steuerte ihn.

Tag für Tag war Buck in den Strängen. Jeden Tag tat er die gleiche Arbeit. Noch ehe der Morgen graute, wurde das Zelt abgebrochen und am Ende des Tages bei anbrechender Nacht wieder aufgebaut. Dazwischen waren sie weiter nordwärts gelaufen, und Buck war stets halb ausgehungert. Seine anderthalb Pfund Fisch verzehrte er wie nichts. Steter Hunger quälte ihn.

Es dauerte nur kurze Zeit, und Buck hatte seinen ganzen Stolz verloren. Er merkte, dass ihm gutes Benehmen hier nichts half. Also schlang er sein Futter ebenso gierig wie die anderen herunter, denn sonst stahlen diese es ihm. Sein Hunger war so groß, dass auch er sich bald am Futter der übrigen Hunde vergriff. Als er einmal beobachtete, wie ein Hund ein Stück Speck aus einem der Zelte stahl, versuchte er das auch. Eine ganze Speckseite erbeutete er dabei, und trotz des Aufruhrs, der deshalb im Lager entstand, gelang es ihm, unbemerkt damit zu entkommen. So passte er sich den neuen Lebensverhältnissen an.

Bucks Muskeln wurden hart wie Eisen und unempfindlich gegen Schmerzen. Er vertrug alles Fressen. Das Gehör bildete sich immer mehr aus, so dass er sogar im Schlaf beim geringsten Geräusch unterscheiden konnte, ob es etwas Gutes oder Böses bedeutete. Er lernte, mit den Vorderpfoten die Eisschicht zu zerstampfen, die sich über dem Trinkwasser gebildet hatte, und mit seiner Nase die Windrichtung im Voraus zu bestimmen. Dadurch grub er sein Schlafloch immer so, dass ihn kein Sturmwind stören konnte.

Aber auch alte Hundeinstinkte, die über Generationen geschlummert hatten, wurden in ihm wieder wach. Es fiel ihm nicht schwer, nach Art der Wölfe zu kämpfen oder ein Stück Wild zu Tode zu hetzen.

Das wilde Tier

Bei diesem Leben wurde das Raubtier in Buck immer stärker, aber er zeigte das nicht nach außen. Streitigkeiten ging er nach Möglichkeit aus dem Weg, und keine unbesonnene Handlung ließ er sich zu Schulden kommen. Spitz aber versäumte keine Gelegenheit, ihm die Zähne zu zeigen. Er reizte ihn, wo er nur konnte.

Am Abend eines Tages hatten sie nur einen schlechten Platz an einem See finden können. Treibschnee und Wind hatten sie gezwungen, die Reise früher als gewöhnlich zu unterbrechen. Vor ihnen lagen die Eisfläche des Sees und hinter ihnen nur schroffe Felswände. Die beiden Männer mussten ihre Schlafsäcke auf dem blanken Eis ausbreiten. Da sie dort kein Feuer machen konnten, verzehrten sie das kärgliche Mahl im Dunklen.

Ganz nah am schützenden Felsen machte sich Buck sein Nest. Von Francois holte er sich ein Stück Fisch. Als er zurückkam, war seine Schlafstelle besetzt. Spitz hatte sich seinen Platz angeeignet und knurrte ihm entgegen. Mit einem Wutgeheul stürzte sich Buck auf Spitz. Sowohl Spitz als auch Francois waren über diesen Angriff erstaunt. Der Mann ergriff die Sachlage sofort und feuerte Buck an.

Spitz versuchte vergeblich an Buck heranzukommen. Knurrend und zähnefletschend standen sie einander gegenüber, als etwas Unvorhergesehenes geschah.

Ganz plötzlich wimmelte es im Lager von wüst aussehenden Kötern. Es war eine ganze Rotte, die wohl auf ihrem Streifzug auf das Lager gestoßen war. Perrault hatte sie bei der Vorratskiste bemerkt und war mit dem Knüppel dazwischen gesprungen. Das half aber nichts. Wie dicht die Knüppelhiebe auch auf sie fielen, wie sehr sie auch heulten, so ließen sie doch nicht von ihrer Beute ab, bis auch das letzte Krümelchen verzehrt war.

Inzwischen waren auch die bestürzten Schlittenhunde herangekommen, aber auch sie wurden sofort angegriffen. Drei Köter fielen über Buck her. Sie rissen ein Loch quer über seinen Rücken. Mutig kämpfte er mit den anderen Hunden weiter, als er plötzlich einen Biss an seinem Hals fühlte. Es war Spitz, der Verräter, der ihn von der Seite angriff. Schließlich suchten alle neun Hund Schutz im nahen Wald. Alle hatten Verletzungen erlitten.

Kaum dass der Tag zu dämmern begann, waren sie wieder am Lagerplatz, wo die beiden Männer sie erwarteten. Die Räuber waren fort und auch fast sämtliche Essvorräte. Die Schlittenriemen waren zerkaut ebenso wie Perraults Mokassins und sogar die Schnur von Francois' Peitsche.

Perrault schüttelte den Kopf. Er machte sich Gedanken darüber, ob die Köter Tollwut hatten. Noch vierhundert Meilen waren es bis Dawson. Was sollte er anfangen, wenn die Krankheit bei seinen Tieren ausbrach? Die Männer besserten die Riemen aus und schirrten die Hunde an. Aber das schwerste Stück des Weges lag noch vor ihnen.

Sechs Tage lang fuhren sie am Ufer eines Flusses dahin, dessen Wasser nicht gefror, weil es zu schnell floss. Jeder Schritt brachte Lebensgefahr für Menschen und Hunde. Mehrmals brach Perrault, der voran lief, ein. Das bedeutete immer ein eisiges Bad, denn das Thermometer zeigte fünfzig Grad unter Null. Deshalb musste jedes Mal Rast gemacht und ein Feuer angezündet werden, denn es wäre sein Tod gewesen, hätte er nicht sofort die erstarrten Glieder erwärmt und die steif gefrorenen Kleider aufgetaut und getrocknet.

Perrault aber verlor nicht den Mut. Tapfer kämpfte er vom Morgen bis zum Abend. Deshalb hatte ihn die Regierung zum Boten für die wichtigsten Meldungen erwählt.

Einmal brach auch der Schlitten ein und zog Buck und einen anderen Hund mit sich. Halb erfroren und fast ertrunken wurden sie herausgezogen, und auch für sie wurde ein Feuer angemacht. Immer wieder gerieten Menschen und Hunde in gefährliche Situationen und kamen dadurch nur sehr langsam voran, an einem Tag gar nur eine Viertelmeile.

Alle Hunde waren mit ihren Kräften fast am Ende. Aber Perrault, der die verlorene Zeit wieder einholen wollte, trieb sie von früh bis spät vorwärts. Bucks Füße waren nicht so hart und widerstandsfähig wie die der Nordlandhunde. Er konnte vor Schmerzen kaum auftreten, und abends fiel er wie tot hin. Selbst der Hunger konnte ihn nicht mehr dazu bringen aufzustehen und sein Fleisch zu holen. Francois musste es ihm bringen.

Jeden Abend rieb einer der Männer eine halbe Stunde lang Bucks Füße, und Perrault hatte ihm von einem seiner Mokassins vier kleine Schuhe gemacht. Das war eine sehr große Erleichterung für den Hund.

Eines Morgens hatte Francois vergessen, Buck die Schuhe anzuziehen. Da kam Buck zu ihm, legte sich auf den Rücken und streckte bittend seine vier Pfoten in die Höhe. Da musste sogar der ernste Perrault lächeln.

Eines Tages nutzte Spitz eine günstige Gelegenheit und schlug seine Zähne tief in Bucks Fleisch und riss es an einer Schulter bis auf den Knochen auf. Damit war der Krieg zwischen den beiden Hunden offen ausgebrochen. Spitz mochte Buck nicht leiden, weil er der erste Südstaatenhund war, der ausgehalten hatte und den Nordlandhunden gleich an Ausdauer, Stärke und Schlauheit war Und noch etwas anderes kam hinzu: Spitz fühlte, dass es Bucks Ehrgeiz war, Leithund zu werden, aber das war er, Spitz!

Zum Glück ging die Fahrt ihrem Ende entgegen, Dawson war nicht mehr weit. Das war höchste Zeit, denn das Verhältnis zwischen Spitz und Buck wurde immer gespannter, was sich auch auf die anderen Hunde übertrug. Fortgesetzt gab es Beißereien und Zänkereien. Francois hatte alle Hände voll zu tun, um den Frieden aufrecht zu erhalten. Aber er wusste, dass er das irgendwann nicht mehr schaffen würde.

Endlich, an einem grauen, stürmischen Nachmittag fuhren sie in Dawson ein. Viele Menschen gab es da und unzählige Hunde, und alle waren bei der Arbeit. Es schien ganz selbstverständlich zu sein, dass Hunde hier die Arbeit taten, die anderswo Pferde leisteten. Sie zogen Bauholz, Erz und Steine die Straßen entlang.

Buck traf hier auch einige Südstaatenhunde, aber die meisten waren hier vom Stamm der Eskimohunde. Jede Nacht um neun, zwölf und drei Uhr fingen sie ein betäubendes Geheul an, und es war Bucks größtes Vergnügen, darin einzustimmen.

Sieben Tage nach ihrer Ankunft verließen sie Dawson wieder in Richtung Dyea, zum Meeresstrand. Perrault hatte wieder sehr wichtige Depeschen bei sich. Ihn hatte der Ehrgeiz ergriffen, die Rückreise noch schneller als die Hinreise zu bewältigen. Er wollte den Rekord des Jahres aufstellen.

Die äußeren Umstände waren günstig. Die Woche Rast hatte die Hunde wieder in vorzügliche Form gebracht. Da wenig Neuschnee gefallen war, konnten sie ihre Schlittenspur wieder benutzen. Allerdings hatte Francois seine Not mit dem Gespann. Spitz hatte bei den Hunden keinen Einfluss mehr. Aufsässigkeit war überall. Francois' Peitsche sauste fortwährend durch die Luft, aber ohne Erfolg. Er wusste wohl, dass alles Bucks Schuld war, aber er konnte ihm nichts anhaben, da er ihn nie auf frischer Tat ertappte. Buck zog nach wie vor fleißig den Schlitten, denn die Arbeit machte ihm Freude, aber noch mehr freute es ihn, wenn er hinterlistig einen Streit anzetteln konnte.

Eines Abends tauchte ein Schneehase auf. Die Hunde des Gespanns und andere, die sich noch in der Nähe befanden, setzten ihm mit wildem Geschrei und Geheul nach, ihr Jagdfieber war erwacht. Buck und Spitz waren die schnellsten, aber Spitz hatte den Vorteil, dass er die Gegend schon kannte und so vor Buck den Hasen erreichte. Dieser hatte aber schon in Gedanken seine Zähne in das weiche Fell des Tieres geschlagen und das warme Blut gespürt. Dass Spitz nun dafür sorgen würde, dass das nur ein Traum blieb, war zu viel für Buck. Er konnte sich nicht mehr beherrschen. Wie ein Wahnsinniger sprang er auf Spitz los.

Beide fielen in den Schnee. Spitz war der Erste, der wieder auf die Füße kam. Ein Biss seiner scharfen Zähne riss Bucks Schulter auf.

Buck kam blitzschnell zu der Überzeugung, dass es jetzt um Leben und Tod ging. Zähne fletschend und knurrend, mit zurückgelegten Ohren, gesträubtem Rückenhaar und blitzenden Augen gingen sie umeinander herum. Wer würde den nächsten Sprung tun? Kein Auge ließen sie voneinander. Inzwischen standen die anderen Hunde im Kreis um sie herum.

Immer wieder gingen die Beiden aufeinander los, aber keiner konnte den anderen richtig packen. Jetzt galt nur noch List. Mit gewaltigem Anlauf sprang Buck wieder gegen den weißen Hund. Ein Krachen von brechenden Knochen, ein grässlicher Schrei - und Spitz hatte nur noch drei gesunde Pfoten. Doch noch immer stand er fest genug darauf, um von einem weiteren Angriff nicht zum Straucheln gebracht zu werden.

Schließlich gelang es Buck noch einmal, an die Pfoten seines Gegners zu kommen. Der Kreis der Hunde wurde immer kleiner. Spitz wusste, was das zu bedeuten hatte. Es gab keine Hoffnung mehr für ihn. Er fühlte den Atem der Köter und hörte das Hecheln rund um sich herum.

Buck sprang noch einmal von der Seite auf sein Opfer zu, und diesmal konnte Spitz ihm weder ausweichen noch Widerstand leisten. Als sich die anderen Hunde auf Spitz stürzten, zog sich Buck zurück. Das wilde Tier in ihm war zufrieden. Er hatte die Schlacht gewonnen.

Der Sieger

Am nächsten Morgen machten sich Francois und Perrault so ihre Gedanken, als Spitz nicht mehr auftauchte und Buck über und über mit Wunden bedeckt heranhinkte. Sie kamen zu dem Schluss, dass es nun weniger Ärger geben würde.

Als eingeschirrt wurde, hinkte Buck auf den Platz, den Spitz bisher als Leithund eingenommen hatte. Francois bemerkte das nicht und stellte Solleks an diese Stelle. Wie eine Furie fuhr Buck auf diesen los, warf ihn zur Seite und nahm den ersehnten Platz wieder ein.

Francois wollte ihn verjagen, aber Buck ging nicht. Der Mann packte ihn am Nackenfell und schob ihn zur Seite, um Solleks wieder an die Spitze des Gespanns zu setzen. Sobald er aber den Rücken drehte, hatte Buck den anderen wieder zur Seite geschoben und sich an seinen Platz gestellt.

Francois war wütend. Er griff nach einem Stock, und nun wich Buck zurück, denn er erinnerte sich nur zu gut an die Schläge. Als Solleks wieder auf seinem Platz stand, wurde er nicht verdrängt. Allerdings kam Buck auch nicht näher um sich einspannen zu lassen. Er wollte als Leithund vor dem Schlitten gehen oder überhaupt nicht.

Auch Perrault hatte kein Glück mit ihm. Wohl eine Stunde dauerte das Schauspiel. Sie warfen Stöcke nach ihm, schimpften, fluchten und verwünschten ihn. Er aber knurrte nur und fletschte die Zähne dicht vor ihnen.

Francois verlor die Geduld. Schon eine Stunde hätten sie unterwegs sein müssen. Schließlich nahm er Solleks die Stränge ab und rief Buck. Der lachte, wie Hunde eben lachen können, und blieb, wo er war. Noch einmal rief der Mann, aber Buck kam nicht. Erst als er den Stock wegwarf, kam Buck langsam und würdevoll heran. Er warf einen stolzen Blick auf die anderen Hunde und stellte sich an die Spitze des Gespanns.

Fast augenblicklich sauste das Gespann durch die Landschaft. Die Männer merkten sehr schnell, dass Buck ein vorzüglicher Leithund war. An Stellen, wo es auf Vorsicht und überlegtes, schnelles Denken ankam, übertraf er sogar Spitz, den Francois bisher als den besten Führer kennen gelernt hatte.

Buck sorgte mit seinen scharfen Zähnen dafür, dass alle Hunde fleißig arbeiteten. Er war so unbarmherzig zu ihnen, dass sie ein für allemal ihren Widerstand aufgaben. Die Stimmung im Gespann war wieder besser geworden, die alten Zeiten der Einigkeit und des Friedens waren wieder eingezogen. Als zwei neue wilde Hunde dazu kamen, bändigte Buck sie mit einer Geschwindigkeit, die bei Francois helle Begeisterung hervor rief.

Sie kamen sehr schnell voran. Die Bahn war in ausgezeichneter Verfassung, und Neuschnee war nicht zu befürchten. Trafen sie mit anderen Männern zusammen, erregte ihr Schlitten immer die Aufmerksamkeit aller. Am vierzehnten Tag sahen sie die Lichter der Zeltstadt und der Schiffe im Hafen. Sie wurden mit Jubel begrüßt, denn eine so schnelle Fahrt wie sie hatte noch keiner gemacht.

Dann kam ein neuer Auftrag für Perrault und Francois. Sie verabschiedeten sich von Buck, und der sah sie nie mehr wieder. Sie verschwanden aus seinem Leben.

Auf seiner nächsten Reise, die abermals nach Dawson ging, führte ihn und elf andere Hunde ein Mulatte. Diesmal war er aber keinem Eilschlitten, sondern einem gewöhnlichen Postschlitten zugeteilt. Sie hatten Nachrichten aus aller Welt für die Leute, die oben im hohen Norden nach Gold suchten.

Es war schwere Arbeit, die Buck nicht gern, aber willig tat. Er sorgte auch weiterhin dafür, dass die anderen ihre Pflicht taten. Es war ein eintöniges Leben, in dem ein Tag wie der andere verging. Die einzige Abwechslung brachten die Mahlzeiten. Da wieder einige Raufbolde unter den Hunden waren, gab es drei größere Balgereien, aus denen Buck immer als Sieger hervor ging. Danach fing niemand mehr einen Streit mit ihm an. Er brauchte nur das Rückenhaar zu sträuben und die Zähne zu zeigen, schon gingen sie ihm aus dem Weg.

Am besten gefiel es ihm, wenn er am Feuer liegen durfte. Die Hinterbeine zog er unter den Körper, streckte die Vorderbeine weit von sich und legte den Kopf darauf. Er blinzelte schläfrig in die Flammen, und manchmal wanderten seine Gedanken zurück in seine Heimat. Er dachte an das weiße Haus, die klaren Fluten des Sees, an Tutt, den dicken Mops und Bella, die kleine Pinscherhündin. Er dachte aber auch an seine Todfeinde Zottel und Spitz. Heimweh hatte Buck nicht. Der sonnige Süden lag zu weit hinter ihm und zu viel war inzwischen geschehen. Diese Erinnerungen sah er nur undeutlich.

Viel klarer sah er etwas anderes vor sich. Das war keine Erinnerung an ein eigenes Erlebnis, sondern es war das Erbe seiner Vorfahren, deren Erinnerung, die nun in ihm erwachte. Manchmal war es ihm, als ob ein Mann neben ihm wäre, ein Mann mit starken Sehnen, dicken Muskeln, langen Haaren und kleinen geschlitzten Augen.

Wenn die Fahrt weiter ging, wurde Buck immer wieder in die Wirklichkeit zurückgeholt. Nach der langen Reise mit schwerer Ladung kamen sie in jämmerlichem Zustand in Dawson an. Sie hätten mindestens zehn Tage Ruhe gebraucht, um wieder frisch und munter zu sein, aber schon nach zwei Tagen sollten sie die Rückfahrt antreten, um Briefe und Pakete aus Alaska hinauszuschaffen.

Die Hunde und die Führer waren erschöpft. Dazu schneite es Tag und Nacht, die Bahn war weich und die Kufen sanken tief ein. Die Arbeit war schwerer als je zuvor, aber die Menschen taten für die Hunde, was sie konnten. Jeden Abend rieben sie die Tiere ab, bevor sie an Ruhe für sich selbst dachten. Erst bekamen die Hunde ihre Mahlzeit, dann aßen die Männer.

Und doch nahm die Kraft der Tiere immer mehr ab. Viele von ihnen hatten in diesem Winter schon sehr weite Strecken zurückgelegt. Buck ertrug alles, und er hielt auch die anderen in guter Ordnung.

Von den Hunden hatte Dasch am meisten zu leiden. Er hatte sich wohl innerlich durch die Überanstrengung verletzt und wurde von Tag zu Tag elender. Wenn der Schlitten manchmal mit einem plötzlichen Ruck zum Stillstand kam, schrie er laut auf vor Schmerzen. Wenn ihm abends das Geschirr abgenommen wurde, fiel er auf der Stelle hin. Dann fütterten ihn die Leute und deckten ihn zu. Immer wieder überlegten sie, wie ihm zu helfen sei.

Eines Tages ging es Dasch so schlecht, dass er nicht mehr eingeschirrt werden sollte. Er sollte ausruhen und nur frei hinter dem Schlitten her laufen. Dasch aber heulte und winselte und lief an seiner Stelle neben dem Schlitten im tiefen Schnee her. Die Männer verstanden ihn und wollten ihm die letzte Freude nicht versagen. - Er wollte seinen Platz einnehmen und mit den anderen den Schlitten ziehen. Sie schirrten ihn wieder an und mit erhobenem Kopf und glänzenden Augen zog er mit allen seinen Kräften. Manchmal heulte er vor Schmerzen auf. Einmal stolperte er, und die Schlittenkufen fuhren ihm über die Hinterbeine, so dass er fortan hinkte.

Bis zum Abend hielt er aus, aber am nächsten Morgen war er zu schwach um sich aufzurichten. Seine letzten Kräfte brauchte er, um an den Schlitten heran zu kriechen. Dann lag er lang ausgestreckt im Schnee und winselte jämmerlich. Der Schlitten fuhr um eine Wegbiegung und blieb stehen. Der Mulatte ging zurück. Auch die anderen Schlitten standen still, und die Männer hörten auf zu sprechen. Ein Revolverschuss peitschte durch die Stille. Dann kam der Mann zurück.

Schwere Arbeit

Dreißig Tage nachdem sie Dawson verlassen hatten, kamen sie mit ihrem Postschlitten wieder in Skaguai an. Die Hunde waren in einem jämmerlichen Zustand. Buck und alle anderen Hunde hatten stark an Gewicht verloren, zwei lahmten, und einer hatte sich das Schulterblatt ausgerenkt. Wunde Füße hatten sie alle, aber Lebensmut war in keinem von ihnen mehr. Monatelang hatten sie bis an die Grenzen ihrer Kraft gearbeitet. Nun verlangte jeder Muskel, jede Sehne und jeder Tropfen Blut in ihnen nach Ruhe. Sie waren todmüde.

In fünf Monaten hatten sie nicht weniger als zweitausendfünfhundert Meilen zurückgelegt. Nur fünf Tage Rast hatten sie während der letzten zweitausend Meilen machen können.

Hunde und Männer glaubten, dass nun eine längere Rast eingelegt werden könnte, aber die Post von vielen Menschen wartete darauf, nach Hause zu den Frauen und Kindern geschickt zu werden. Auch amtliche Nachrichten waren zu befördern. Also tauschte man nur die alten Hunde gegen neue aus.

Am Morgen des vierten Tages kamen zwei Männer, die sie für einen Spottpreis kauften. Sie nannten einander Charles und Hal und kamen aus den Vereinigten Staaten.

Charles war etwa vierzig Jahre alt, von heller Gesichtsfarbe, hatte kalte, blaue Augen und einen Schnurrbart, dessen Enden kühn nach oben standen.

Hal war jünger, etwa zwanzig Jahre alt. Er hatte einen großen Revolver und ein Jagdmesser im Gürtel.

Buck sah, dass verhandelt und dann Geld bezahlt wurde und wusste, dass nun auch der Mulatte und die anderen Postschlittenleute aus seinem Leben verschwinden würden.

Als er mit den anderen Hunden in das Zelt seiner neuen Herren kam, fand er dort mehr Unordnung, als er je gesehen hatte. Auch eine Frau sah er dort. Sie wurde Mercedes genannt, war Charles' Frau und Hal's Schwester.

Buck beobachtete aufmerksam, wie sie das Zelt abbrachen und den Schlitten beluden. Nichts machten sie ordentlich. Ständig stand die Frau den Männern im Weg und verlangte, dass das Gepäck anders verpackt werden sollte. Die Leute aus den Nachbarzelten sahen zu und lachten. Sie meinten aber auch, dass sie nicht so viel Gepäck mitnehmen würden, dass der Schlitten so zu schwer sei. Die drei kümmerten sich nicht um die gut gemeinten Ratschläge.

Hal nahm das Steuer in die eine Hand und die Peitsche in die andere. "Hü!", rief er. "Hü!" Die Hunde legten sich in die Riemen, zogen, so fest sie konnten, hielten aber gleich wieder ermattet inne. Der Schlitten hatte sich nicht gerührt.

"Ihr faulen Luder!", schimpfte Hal und schwang die Peitsche. Mercedes fiel ihm aber in den Arm und hinderte ihn daran, die Tiere zu schlagen. Die Umstehenden sagten, dass er den Hunden noch Ruhe gönnen müsse, aber Hal meinte es besser zu wissen. Seine Peitsche fuhr sausend durch die Luft und über die Rücken der Hunde. Sie machten verzweifelte Anstrengungen, den Schlitten vorwärts zu bringen, aber ihre Füße glitten immer wieder auf dem glatten, festgetretenen Schnee aus. Alle Mühe war vergebens, keuchend und zitternd standen sie da.

Wieder sauste die Peitsche durch die Luft. Nun konnte es Mercedes nicht mehr aushalten. Sie warf sich vor Buck auf die Knie, legte ihre Arme um seinen Hals und drückte ihn an sich. Tränen standen in ihren Augen.

"Ihr armen, armen Geschöpfe", rief sie weinend. "Warum wollt ihr auch nicht ziehen? So gebt euch doch Mühe, denn wir müssen fort!"

Buck wusste nicht, was das nun wieder bedeuten sollte. Angenehm war ihm diese stürmische Zärtlichkeit nicht, aber er fühlte sich zu elend, um die Frau abzuschütteln.

Ein Mann machte Charles und Hal darauf aufmerksam, dass die Schlittenkufen festgefroren waren, dass sich der Schlitten also gar nicht ziehen ließ. Sie rüttelten ihn kräftig, und dann mussten die Hunde den Schlitten zum dritten Mal anziehen. Ganz langsam ging es voran. Die Hunde mussten so ziehen, dass ihre Körper fast den Boden berührten. Die hohe schwere Ladung schwankte, und die Peitschenhiebe fielen hageldicht.

Hundert Meter weiter fiel die Straße nach unten ab. Schon ein erfahrener Mann hätte es schwer gehabt. einen solch beladenen Schlitten zu steuern, aber Hal hatte gar keine Erfahrung.

Schon als sie scharf um die Ecke bogen, kam das Gepäck ins Schwanken, und an allen Enden rollten Sachen in den Schnee. Die Hunde merkten das wohl, aber sie hielten nicht an, denn sie waren zu wütend über die ungerechte Behandlung. Buck war es, der das Lauftempo einschlug, und die anderen folgten. Alles "Halt!" und "Brr!" half nichts. Hal wurde einfach mitgeschleift. Nach kurzer Fahrt stürzte der Schlitten vollends um und schleifte nun, leicht wie er war, hinter den Hunden her, die abschüssige Straße nach Skaguai hinunter. Die Zuschauer freuten sich darüber.

Ein paar gutmütige Leute fingen endlich die Hunde ein und sammelten die verstreuten Sachen auf. Dann redeten sie ein ernstes Wort mit den drei Fremden - doppelt so viele Hunde und halb so viel Ladung, wenn sie jemals in Dawson ankommen wollten.

Nun ging es ans Auspacken. Die Umstehenden schütteten sich fast aus vor Lachen, über die vielen unnützen Dinge, die die drei bei sich hatten. Stück für Stück wurde beiseite gelegt, wobei Mercedes weinte und zeterte. Damit konnte sie aber bei niemandem Mitleid erregen. Eigensinnig warf sie nun auch notwendige Sachen fort.

Jetzt war die Ladung halb so groß, aber immer noch schwer genug. Charles und Hal kauften noch sechs neue Hunde, so dass es insgesamt vierzehn waren. Allerdings waren sie völlig unerfahren und für die Arbeit als Schlittenhund auch ungeeignet. Buck hatte seine Not mit ihnen.

Charles und Hal waren stolz auf ihr Gespann mit vierzehn Hunden und dachten nicht darüber nach, warum alle anderen Schlitten mit weniger Hunden fuhren. Sie wussten eben alles besser als andere Leute.

Am nächsten Morgen setzte sich das Gespann nun endgültig in Bewegung. Buck hatte den bevorstehenden Weg schon viermal zurückgelegt und wusste, was sie erwartet. Und dieses Mal war er schon von Anfang an todmüde. Außerdem hatte er längst bemerkt, dass er sich auch nicht auf die Menschen verlassen konnte, die ihn führten. Es wurde immer späte Nacht bevor das Zelt aufzuschlagen war, und bis Mittag dauerte es stets, bis sie es wieder auf den Schlitten gepackt hatten. Das geschah aber so nachlässig, dass es mehrmals am Tag herunter fiel. Manche Tage kamen sie gar nicht zur Abfahrt.

Hal hatte den Hunden stets die doppelte Portion Futter gegeben, weil er dachte, dass sie dann besser ziehen würden. Mercedes hatte ihnen außerdem auch noch heimlich Futter gegeben, weil sie meinte, sie bekämen zu wenig. Aber es fehlte ihnen kein Futter, sondern nur Ruhe, ganz einfach Ruhe.

Das führte dazu, dass bald der Mangel an Essvorräten deutlich wurde. Auf die Tage der Überfütterung folgten dann die des Hungers. Unterwegs konnte nichts gekauft werden, also wurden die Rationen immer wieder gekürzt. Trotzdem sollten die Hunde schneller laufen, damit man früher am Ziel wäre. Das erste Opfer war Dub, auf dessen ausgerenkte Schulter niemand mehr geachtet hatte. Eines Morgens wurde er von Hal erschossen. Bald darauf starben vier von den neuen Hunden, die beiden anderen waren nur noch Haut und Knochen.

Auch die drei Menschen hatten sich verändert. Sie hatten sich die Nordlandfahrt anders vorgestellt, und aus lauter Enttäuschung und der daraus resultierenden schlechten Laune stritten sie ständig. Charles und Hal waren jeder von sich der Meinung, dass er viel mehr tun würde als der andere. Mercedes fühlte sich zu wenig beachtet von den Männern. Sie bestand darauf, dass sie während der Reise auf dem Schlitten sitzen darf. Das wäre allerdings zu viel für die Hunde gewesen. Sie schrie und weinte, und einmal setzte sie sich einfach in den Schnee und blieb da, auch als die Männer weiterfuhren. Diese meinten, sie würde schon aufstehen und loslaufen, wenn der Schlitten nicht mehr zu sehen wäre, aber da hatten sie sich geirrt. Als sie drei Meilen gefahren waren und nichts mehr von Mercedes zu sehen war, luden sie den Schlitten ab, fuhren zurück und fanden sie an der gleichen Stelle sitzend.

Um die Hunde kümmerten sie sich nicht mehr. Als das letzte Futter verteilt war, tauschten sie mit einer alten Indianerin, die sie unterwegs trafen, einen Revolver gegen eine gefrorene Pferdehaut. Diese alte Haut war aber nur ein schlechter Ersatz für Futter.

Buck ging nur noch wie im Traum an der Spitze des elenden Hundegespanns. Er zog so lange, bis er hinfiel. Erst wenn die Peitschenschläge hageldicht fielen, raffte er sich wieder auf. Sein Fell war schmutzig und struppig und an manchen Stellen, wo der Peitschenstiel gar zu hart getroffen hatte, blutverschmiert. Seine Muskeln waren schlaff und knotig geworden, und jede Rippe war zu sehen.

Auch die übrigen sechs Hunde waren wandelnde Gerippe, die die Schläge der Peitsche kaum noch spürten und deren Kräfte immer weiter schwanden. Innerhalb weniger Tage erschlug Hal zwei der Hunde mit dem Beil, da er ja keinen Revolver mehr hatte.

Jetzt waren sie noch fünf - der hinkende Peik, Jeß, der einäugige Solleks, Teek und Buck. Der war noch immer Leithund und setzte halb blind vor Schwäche langsam einen Fuß vor den anderen.

Es war herrliches Frühlingswetter, aber weder Menschen noch Tiere achteten darauf. Die Sonne schien den ganzen Tag, die Quellen fingen an zu rieseln, das Eis des Flusses krachte. Durch all diese Frühlingsherrlichkeit kroch in der Sonnenglut langsam der Schlitten mit den beiden Männern, der Frau und den Hunden bis zum Lager von John Thornten am Ufer des Milchflusses.

Als der Schlitten hielt, fielen die Hunde hin wie tot. Hal prahlte vor John, dass sie trotz der Warnungen anderer Männer die Bahn auf dem Fluss benutzt hatten.

John Thornten erwiderte ruhig: "Narren haben eben manchmal mehr Glück als vernünftige Leute. Ich jedenfalls würde nicht für alles Gold in Alaska wagen, jetzt noch auf dem Eis zu fahren." Mehr sagte er nicht, denn er kannte diese Art Menschen, die sowieso nicht tun würden, was er ihnen riet.

"Aber wir wagen es!", sagte Hal, warf den Kopf eigensinnig in den Nacken und schwang die Peitsche. "He, Buck, marsch!"

Die Hunde rührten sich erst nach vielen Peitschenhieben. Unter Schmerzen und mit Aufbieten der letzten Kräfte erhoben sie sich. Nur Buck blieb liegen. Er lag ruhig da, wo er hingefallen war. Bei den Peitschenhieben winselte er nicht einmal. Es war das erste Mal, dass Buck den Dienst versagte. Hal geriet darüber in helle Wut, schlug mit dem Peitschenstiel, aber Buck rührte sich nicht.

Da stürzte John Thornten hinzu, schrie laut auf und stieß Hal um. Zitternd und kreidebleich vor Aufregung und Zorn beugte er sich über Buck.

"Schlägst du den Hund noch einmal, dann schlage ich dich tot!", stieß er hervor.

"Es ist mein Hund", rief Hal, der aufgestanden war und sich das Blut von der Nase wischte. "Weg da, ich kann machen, was ich will!"

Aber Thornten stellte sich zwischen ihn und den Hund. Mercedes schrie und weinte, und Hal zog sein Messer. Dieses schlug ihm Thornten aber mit dem Stiel seiner Axt aus der Hand, so dass es klirrend zu Boden fiel. Thornten selbst hob es auf und schnitt damit Bucks Stränge durch.

Hal gab es auf sich zu widersetzen. Gleich darauf fuhr der Schlitten ab, wieder auf den Fluss zu. Buck hörte es und hob den Kopf. Peik hatte die Leitung. Mercedes saß oben auf dem Schlitten, Hal ging neben dem Steuer, und Charles stolperte auf der anderen Seite dahin.

Während Buck ihnen nachsah, untersuchte John Thornten ihn mit sanfter Hand. Die Knochen waren nicht gebrochen, aber am ganzen Körper fanden sich Beulen und Wunden.

Inzwischen war der Schlitten über das Ufer gefahren und wieder mitten auf dem Fluss. Plötzlich schwebte das Steuer hoch in der Luft, daran hing Hal. Das Ende des Schlittens war durch das Eis gebrochen. Ein Schrei von Mercedes klang schrill herüber. Da brach noch mehr von dem Eis, und Menschen und Hunde verschwanden. Ein schwarzes Loch in der weißen Fläche war alles, was noch zu sehen war.

John Thornten und Buck sahen einander in die Augen. "Armer Kerl", sagte der Mann leise. Langsam und müde leckte ihm der Hund die Hand.

Um der Liebe willen

Als John Thornten sich im Dezember die Füße erfroren hatte, mussten seine Kameraden ihn hier zurücklassen. Sie schlugen ihm ein Zelt auf und machten es ihm so gemütlich wie möglich. Dann fuhren sie weiter.

Zu der Zeit, als John dem Hund das Leben rettete, hinkte er noch immer ein wenig, aber mit jedem Tag wurden seine Füße besser.

Buck lag im Sonnenschein am Ufer, horchte auf das Rieseln des Wassers und den Gesang der Vögel. Die Ruhe bekam ihm gut nach der langen Reise. Langsam kehrten seine Kräfte zurück, die Muskeln wurden wieder stramm, die Wunden heilten, und auch ein wenig Fleisch bedeckte seine Knochen.

Im Lager gab es noch Skeet, eine kleine irische Setterhündin, die Buck gleich am ersten Tag freundlich entgegen gesprungen war und seine Pflege übernommen hatte. Wie eine Katzenmutter ihre Jungen leckt, so wusch und striegelte sie sein Fell und reinigte die Wunden. Anfangs hatte es Buck nur aus Schwäche geduldet, jetzt freute er sich jeden Tag darauf.

Außerdem war da noch Moor, ein großer, schwarzer Hund von unbestimmter Art, dem die Gutmütigkeit aus den großen, braunen Augen sah. Auch er war Buck freundlich gesinnt.

Als Buck stärker wurde, balgte er sich mit Skeet und Moor herum, und auch John beteiligte sich an ihren närrischen Spielen.

Die Zeit verging und in Bucks Herz zog zum ersten Mal die wahre, leidenschaftliche Liebe ein. So wie John Thornten war noch niemand zu ihm gewesen, auch früher nicht. Wie ein Vater für seine Kinder sorgte er für seine Hunde.

Keine größere Freude gab es für Buck, als wenn Johns Hände sein Fell zausten oder wenn er seinen großen zottigen Kopf zwischen seine beiden Hände nahm und dann auf den Kopf des Hundes seinen eigenen legte.

Auch Buck hatte seine eigene Art für Zärtlichkeiten. Er nahm die Hand seines Herrn in sein großes Maul und presste vorsichtig seine Zähne darauf. Buck war glücklich, wenn er seinen Herrn sehen konnte. Stundenlang konnte er still zu seinen Füßen liegen und ihm ins Gesicht sehen. Stand der Mann auf, so folgten ihm die Augen seines Hundes.

Trotz seiner Liebe zu John Thornten war Buck nicht mehr derselbe Hund wie früher. Er besaß mit Treue und Anhänglichkeit die Eigenschaften eines Haustieres, aber gleichzeitig war da auch das Raubtier, das der Norden in ihm großgezogen hatte. Das bekamen andere Hunde - außer Skeet und Moor - zu spüren. Er war rauflustiger als je zuvor und hinterlistig dazu. Hunde, die nicht sofort seine Oberherrschaft anerkannten, büßten das mit dem Leben. Erbarmen kannte er nicht. Tief in sich hörte er immer wieder die Stimmen seiner wilden Vorfahren.

Alle Menschen außer Thornten waren ihm egal. Als seine Freunde Hans und Peter ankamen, wollte Buck auch mit ihnen erst nichts zu tun haben. Dann merkte er aber, dass sie seinem Herrn nahe standen, und er duldete es, dass sie ihm das Fell klopften. Gemeinsam fuhren sie auf dem Floß nach Dawson.

Bucks Liebe zu John wuchs von Tag zu Tag weiter. Alles hätte er für ihn getan.

Eines Tages waren sie in einem Gasthaus, als zwei Männer Streit anfingen, der schnell in Handgreiflichkeiten überging. John wollte die Kämpfenden trennen, als sich einer der Streitenden gegen ihn wandte und kräftig auf ihn einschlug.

Da erklang plötzlich ein furchtbares Geheul, wie es noch keiner gehört hatte. Buck hatte in der Ecke gelegen und kein Auge von seinem Herrn gelassen. Mit einem Satz war er nun auf den Beinen und auf den Schläger zugesprungen. Nur eine glückliche Armbewegung verhinderte, dass Buck ihm die Kehle durchbiss. So schlug er seine Zähne tief in das Armfleisch des Mannes, und ehe die Zuschauer ihn zurückhalten konnten, hatte er den Mann übel zugerichtet.

Von diesem Tage an war Bucks Name bekannt in ganz Alaska.

Noch einmal rettete Buck seinem Herrn das Leben. Die drei Freunde treidelten ein Boot durch sehr wildes Wasser. Hans und Peter gingen am Ufer entlang und zogen. Thornten stand im Boot und steuerte es um viele Felskanten herum. Buck lief unruhig und aufgeregt am Ufer entlang und beobachtete jede Bewegung seines Herrn.

An einer besonders schlechten Stelle wollte Thornten weiter in die Mitte des Flusses und verlangte mehr Leine. Die Männer am Ufer taten ihr bestes, um den Strick zu halten, aber gegen das reißende Wasser war wenig auszurichten. Das Boot glitt blitzschnell stromabwärts und kippte plötzlich um. Mit dem Boden nach oben blieb es an einem Felsstück hängen, während Thornten durch die Luft geschleudert wurde und dann im Wasser weiter stromabwärts getrieben wurde, den gefährlichen Stromschnellen zu.

Buck war ohne Besinnen ins Wasser gesprungen, hatte sich etwa sechshundert Fuß treiben lassen, bis er endlich Thornten überholte, der ihn am Schwanz ergriff. Sofort wendete er und ruderte mit aller Kraft dem Ufer zu. Aber das Wasser war reißend, und sie wurden immer weiter stromabwärts getrieben. Schon wurde ein gefährliches Rauschen hörbar. Das war die Stelle, wo das Wasser durch die Felsen brach. Es war unmöglich, gemeinsam das Ufer zu erreichen.

Thornten merkte das wohl. Endlich gelang es ihm, die hervorstehende Ecke eines Felsens zu umklammern. Durch das Rauschen des Wassers rief er Buck zu, dass dieser weiter an das Ufer schwimmen solle. Dieser hob seinen Kopf, warf einen langen Blick auf seinen Herrn und wandte sich dann dem Ufer zu. Erschöpft wurde er an Land gezogen.

Sie wussten, dass Thornten nicht lange in seiner gefährlichen Lage ohne Hilfe bleiben durfte. So schnell sie konnten, rannten sie den Fluss hinauf. Dort befestigten sie ein Seil so um Bucks Leib, dass es ihn beim Schwimmen nicht behinderte und ließen ihn ins Wasser. Er schwamm mit mächtigen Stößen, aber die Strömung war so stark, dass er nicht weit genug in die Mitte kam und an seinem Herrn vorbei getrieben wurde.

Hans zog ihn sofort zurück, wobei sein Kopf unter Wasser geriet und er bewusstlos wurde. Die Männer zogen ihn ans Ufer. Sie rieben und schüttelten ihn und versuchten alles, um ihn zum Leben zu bringen. Allein ein schwacher Ruf Thorntens wirkte wie ein elektrischer Schlag auf den Hund. Er sprang auf und lief wieder zu der Uferstelle, von wo aus er vorher auch losgeschwommen war. Ein zweites Mal würde er sich nicht in der Entfernung verschätzen!

Er schwamm und trieb genau auf seinen Herrn zu. Thornten sah den Hund und warf die Arme um seinen Leib. Hans und Peter zogen die beiden mit dem Strick an Land. Manchmal war der Hund, dann wieder der Mann unter Wasser, dann stießen sie gegen vorstehende Felsen oder Äste. Endlich lagen sie im Ufergras

Als Thornten zu Bewusstsein kam, galt sein erster Blick Buck. Neben dessen leblosem Körper saß Moor und heulte jämmerlich. Skeet leckte Bucks Gesicht und seine Augenlider. Es dauerte lange, bis der Hund zu sich kam. Drei Rippen waren gebrochen. Auch John Thornten war übel zugerichtet. Sie schlugen ihr Lager an der Stelle auf und blieben, bis Buck wieder gesund war.

Im nächsten Winter sollte Buck in Dawson seinem Herrn wieder einen Dienst erweisen. In den Gasthäusern prahlten die Männer gern mit ihren Hunden. So auch an diesem Tag.

Einer der Männer meinte, dass sein Hund einen Schlitten mit einer Ladung von fünfhundert Pfund ziehen könne. Da meldete sich ein anderer zu Wort und traute seinem Hund sechshundert Pfund zu und schließlich ein dritter siebenhundert.

Da rief Thornten: "Was sind schon siebenhundert Pfund? Buck kann tausend ziehen!"

"Allein anziehen und hundert Meter weit ziehen?", fragte Mathiessen, der Bonanza-König.

"Jawohl", antwortete Thornten ruhig, "hundert Meter."

"Gut", sagte Mathiessen kühl und etwas spöttisch. "Ich lege tausend Dollar hier hin, dass das nicht wahr ist." Damit warf er einen Sack Goldkörner auf den Tisch.

Niemand sagte ein Wort. Thornten stieg das Blut in den Kopf, denn er wusste nicht, ob Buck das konnte, allerdings traute er seiner Kraft sehr viel zu. Er hatte auch keine tausend Dollar, die er hätte dagegen wetten können. Aber die Augen von einem Dutzend Männern sahen ihn gespannt an.

"Draußen steht ein Schlitten von mir mit zehn Zentnersäcken Mehl", vernahm er Mathiessens spöttische Stimme. "Die Sache ist also ganz einfach."

Zuerst wusste Thornten nicht, was er tun sollte. Dann aber sah er seinen alten Freund Jim O'Brien und den fragte er, ob er ihm tausend Dollar leihen könne.

"Natürlich", erwiderte dieser freundlich und schob einen ebenso großen Sack wie Mathiessen auf den Tisch. Dann sagte er: "Ich glaube aber nicht, John, dass dein Hund das fertigbringt."

Im Nu hatten sich etwa zweihundert Männer um den Schlitten versammelt, die sehen wollten, wie die Wette ausgehen würde. Es war bitterkalt, sechzig Grad unter Null, und der schwere Schlitten hatte schon mehrere Stunden dort im Schnee gestanden, so dass die Kufen festsaßen. Mathiessen verlangte, dass die Kufen nicht locker gerüttelt werden. Die Männer schlossen untereinander weitere Wetten ab. Keiner glaubte, dass es Buck schaffen würde.

Mathiessen setzte höhnisch weitere sechshundert Dollar ein. Thornten, Hans und Peter legten ihr ganzes Vermögen zusammen, kamen dabei aber nur auf zweihundert Dollar.

Buck wurde in seinem eigenen Geschirr vor den Schlitten gespannt. Er fühlte, dass etwas Aufregendes vor sich ging und dass er etwas Großes leisten solle. Die Männer sahen den Hund bewundernd an. Er war wirklich ein wundervolles Tier!

Mathiessen schickte alle zurück, und es wurde ganz still.

Thornten kniete noch einmal neben Buck nieder. Er nahm seinen Kopf in die Hand und legte sein Gesicht darauf. Heiser flüsterte er in Bucks Ohr: "Wenn du mich lieb hast, Buck, wenn du mich lieb hast …" Buck winselte vor Erregung. Er nahm Johns Hand zwischen seine Zähne und biss darauf. Das war seine Antwort.

Thornten trat zurück. "Nur zu, Buck", sagte er ruhig.

Da zog der Hund die Stränge straff, ging dann ein paar Schritte zurück, so wie er es gelernt hatte, aber ein kurzer Ruck brachte ihn zum Stehen. Auch ein zweiter Versuch scheiterte. Dann krachte es, und die Kufen bewegten sich. Die Leute hielten den Atem an.

"Hü!", klang der Ruf durch die Stille.

Buck warf sich mit aller Kraft in die Riemen. Sein ganzer Körper zitterte, jeder Muskel schwoll an. Seine Brust berührte fast den Schnee, sein Kopf lag auf den Vorderpfoten, die versuchten, auf der harten Schneedecke halt zu gewinnen. Der Schlitten bewegte sich ein wenig von der Stelle, langsam, langsam, ganz langsam - einen Zentimeter, zehn, zwanzig, dreißig.

Thornten lief hinter dem Schlitten her und rief Buck aufmunternde Worte zu. Als er am Ziel ankam, schrie die Menge ohrenbetäubend. Jeder lief hinzu, sogar Mathiessen. Hüte und Handschuhe flogen in die Luft. John Thornten war neben Buck auf die Knie gefallen und zauste ihn.

Zwölfhundert Dollar wurden ihm von Mathiessen für den Hund geboten. Thornten sprang auf die Füße. Seine Augen waren feucht, und die Tränen liefen über seine Wangen. "Der Teufel soll sie holen mitsamt ihrem dreckigen Geld!", rief er wütend.

Der Ruf

Mit dem gewonnenen Geld stand der lang ersehnten Reise nach Osten nichts mehr entgegen. Es gab viele Gerüchte über eine Gegend mit einer fabelhaften wertvollen Mine. Auch eine Hütte sollte es dort geben. Viele waren schon dorthin ausgezogen, aber nur wenige hatten die Mine gefunden. Manche hatten bei der Suche ihr Leben verloren.

Die drei Männer, Buck und noch ein halbes Dutzend anderer Hunde machten sich auf den Weg. Erst fuhren sie mit ihrem Schlitten siebzig Meilen den Yukon hinauf und folgten dann dem Stewartfluss bis zu seiner Quelle. Eile hatten sie nicht. Ganz nach ihrem Willen reisten sie oder rasteten und gingen auf die Jagd.

Das war ein Leben ganz nach Bucks Herzen: jagen, fischen und umherrennen. Manchmal ging er wochenlang vor dem Schlitten her, und danach konnte er wieder wochenlang in einem Lager ausruhen. Dann packten die Männer ihre Pfannen aus und schürften nach Gold - aber stets vergeblich.

Als der Sommer ins Land kam, war es mit dem Schlitten fahren vorbei. Jeder musste sein Päckchen auf dem Rücken tragen - über Berge, durch sonnige Täler und finstere Wälder. Sie aßen am Rande des Eises süße Erdbeeren und pflückten wunderschöne Blumen.

Die Monate kamen und gingen. Einmal stießen sie auf menschliche Spuren und eine verlassene Jagdhütte. Einen Menschen sahen sie nicht.

Als es wieder Frühling wurde, fanden sie zwar nicht die gesuchte Hütte, aber in einem weiten Tal ein flaches Becken, auf dessen Grund das reine Gold zwischen dem Sand glänzte.

Nun hatte die Reise ein Ende. Jeden Tag arbeiteten die Männer, und jeden Tag fanden sie wohl Goldklümpchen im Wert von tausend Dollar. Immer fünfzig Pfund wurden in einen Sack aus Elchfell gefüllt. Diese stapelten sie neben dem Zelt wie zu Hause das Feuerholz.

Für die Hunde gab es nichts zu tun. Buck träumte wieder vor sich hin, oft von dem Mann mit den langen Haaren aus der anderen Welt. Dieser Mann schien ständig in Angst zu leben. Geräuschlos kroch er durch den Wald und späte vorsichtig nach allen Seiten. Er konnte so scharf hören und riechen wie ein Hund und von Baum zu Baum springen.

Buck hörte in seinen Träumen manchmal auch ganz deutlich einen Ton, einen Ruf. Ein eigenartiges Glücksgefühl überkam ihn dann und eine unbestimmte Sehnsucht. Manchmal sprang er dann auf und lief dem Ruf nach in den Wald. Dann bellte er laut oder winselte leise vor sich hin, je nachdem, wie ihm zumute war. Mitunter lief er tagelang davon.

Eines Nachts sprang er auf, denn er hatte den Ruf so deutlich wie noch nie gehört. Ein lang anhaltendes Heulen war es gewesen, ähnlich dem eines Hundes, aber doch anders. Wie gehetzt rannte er dahin. Erst als er ganz nah gekommen war, schlich er langsam und vorsichtig vorwärts. Auf einem offenen Platz unter hohen Bäumen saß ein großer, magerer Wolf, die spitze Schnauze zum Nachthimmel erhoben.

Der Wolf hatte Buck bemerkt und hörte auf zu heulen. Buck schlich näher. Seine Körperhaltung drückte Waffenstillstand aus, so wie es unter Raubtieren üblich ist. Doch der Wolf sprang auf und lief davon.

Buck folgte ihm in großen Sätzen, hetzte ihn in einen Hohlweg und versperrte ihm den Rückzug. Da wandte sich der Wolf um, erhob sich auf die Hinterbeine, knurrte, fletschte die Zähne und biss um sich.

Buck aber nahm den Kampf nicht auf. Mit freundlichem Knurren näherte er sich. Der Wolf war argwöhnisch, denn Buck war etwa dreimal so groß wie er. Schließlich beschnüffelte er den Hund, und dann balgten beide spielerisch herum.

Nach einer Weile setzte sich der Wolf in Trab, und Buck folgte ihm. Sie liefen Seite an Seite im dämmrigen Licht der Nacht bis an die Quelle des Flusses und noch weiter.

Die Sonne stieg hoch und höher, der Tag wurde warm. Sie kamen in flaches Land mit tiefen Wäldern und glitzernden Strömen. Buck war glücklich.

Als sie an einem Fluss standen und sich erfrischten, dachte Buck zum ersten Mal an John Thornten. Er setzte sich und stierte vor sich hin. Der Wolf lief weiter, kam zurück, beschnüffelte ihn und forderte ihn auf mitzukommen. Doch Buck drehte um und trabte langsam zurück. Wohl eine Stunde lief sein wilder Bruder neben ihm her, dann blieb er zurück und heulte kläglich in den Abendhimmel. Buck hörte es noch lange.

John Thornten war gerade beim Mittagessen im Zelt, als Buck heranstürmte und mit solcher Wucht gegen ihn sprang, dass er hintenüber fiel. Er leckte ihm quer über das Gesicht und stieß kurze Freudenschreie aus. Zwei Tage und zwei Nächte ließ er seinen Herrn nicht aus den Augen. Selbst in der Nacht sah er ihn an bis zum nächsten Morgen.

Am dritten Tag aber erklang wieder der Ruf aus dem Wald. Eine Unruhe überkam ihn, und wieder rannte er fort. Den Wolf fand er allerdings nicht. Nun blieb er oft tagelang fort und kam auch wieder in das Land, in dem der glitzernde Strom floss.

Einmal tötete er einen Bären, den die Moskitos geblendet hatten, als er fischte, und der nun hilflos durch die Wälder lief. Es war ein harter Kampf, aber er erfüllte Buck mit Genugtuung. Nun war er blutdürstiger als je zuvor. Er war ein Raubtier und ihm gehörte alles, was lebte. Das Gesetz des Stärkeren schrieb es ihm zu. Fast hätte man ihn für einen riesigen Wolf halten können.

Was er hatte, war die Wolfsschlauheit, dazu die Klugheit von Mutter und Vater sowie alle Erfahrungen seines harten Lebens. Dadurch wurde er zu einem furchtbaren Gegner. Da es Wild im Überfluss gab, war er vorzüglich bei Kräften. Immer wieder ging er aber zu seinem Herrn zurück.

"Solch einen Hund gibt es nicht zum zweiten Mal", sagte John Thornten eines Tages, als er Buck nachsah, der auf den Wald zuging.

Die Männer sahen aber nicht die furchtbare Veränderung, die mit Buck vorging, wenn er im Wald verschwand. Dort war er ganz das Raubtier. Er tötete Kaninchen im Schlaf, fing Truthähne im Flug, Fische im fließenden Wasser und Biber auf ihrem Damm. Er tötete aber nur, um Nahrung zu haben und nicht aus Freude am Morden. Besonders gern fing er Eichhörnchen, die er dann wieder laufen ließ und freute sich darüber, wenn sie schimpfend in die höchsten Spitzen der Bäume flüchteten.

Als das Wetter kühler wurde, zogen die Elche wieder tiefer in das Land. Einmal hatte er ein Schmaltier gerissen, aber er wünschte sich würdigere Gegner. Das wurde dann ein wohl sechs Fuß hohes Tier mit mächtigen Schaufeln. Seine kleinen Augen blickten scharf und drohend, und es schnaubte vor Wut beim Anblick des Hundes.

Buck versuchte zuerst, den Elch von den übrigen Tieren abzuschneiden. Das war kein leichtes Werk. Er bellte und sprang vor ihm herum, immer darauf bedacht, nicht von den schweren Schaufeln oder den mächtigen Hufen getroffen zu werden, denn ein Tritt von ihnen hätte genügt, ihn zu zermalmen. Der Elch kam nicht voran und seine Wut steigerte sich immer mehr. Er griff auch an, aber Buck wich aus.

Buck brauchte viel Geduld. Einen halben Tag lang reizte er die jungen Tiere, plagte die älteren mit seinem Gekläff und versetzte die Kälber in Angst und Schrecken. Von allen Seiten griff Buck an, so dass die Elche nicht zur Ruhe kamen. All sein Tun galt aber immer nur dem einen Tier, nur sein Leben forderte er.

Als der Tag zu Ende ging, zogen die Tiere weiter, nur der alte Elch stand noch da. Lange hatte er die anderen Tiere geführt, beschützt und beherrscht. Nun konnte er ihnen nicht folgen, denn vor ihm hüpfte und bellte ein erbarmungsloser Feind, der es ihm verbot, obwohl er viel kleiner war als er.

Tagelang ließ ihm Buck keine Ruhe. Er durfte kein Blättchen von einem Baum pflücken und keinen Schluck Wasser aus dem Bach trinken. In heller Verzweiflung lief er oft davon, aber Buck blieb ihm stets auf den Fersen. Der schwere Kopf des Elchs sank immer tiefer, seine Lauscher hingen schlaff nach vorn, sein Gang wurde von Stunde zu Stunde unsicherer. Dadurch fand Buck mehr Zeit, für sich selbst Nahrung zu suchen.

Am Abend des vierten Tages tötete er den Elch. Einen Tag und eine Nacht gönnte er sich Ruhe und fraß sich satt. Dann trat er erfrischt den Rückweg an.

Buck spürte, dass inzwischen etwas geschehen war. Dann stieß er auf eine Fährte, die aus dem Lager führte, in dem sein Herr gewesen war. Die Rückenhaare sträubten sich, seine Augen glühten, jeder Nerv an ihm bebte. Wie ein Schatten glitt er dahin, folgte der Weisung seiner Nase und fand so im Dickicht Moor. Er lag lang ausgestreckt da und war tot -von Pfeilen durchbohrt, deren Enden Federn trugen.

Hundert Schritte weiter stieß Buck auf einen der neuen Schlittenhunde, die Thornten in Dawson gekauft hatte. Er lag im letzten Todeskampf.

Vom Lagerplatz hörte er viele Stimmen und eintönigen Singsang. Auf dem Gesicht liegend fand er Hans, der mit Pfeilen bedeckt war wie ein Stachelschwein mit Stacheln.

Dann konnte er den Platz vor dem Zelt überblicken. Er sah Yeehats-Indianer ihre Tänze aufführen und dazu singen. Plötzlich hörten diese ein furchtbares Geheul und sahen ein Tier, wie sie noch keins gesehen hatten. Es war Buck, der sich zwischen sie stürzte. Er sprang auf den ersten zu, es war gerade der Häuptling, warf ihn zu Boden und riss ihm die Gurgel auf, dass das Blut weit umherspritzte. Noch bevor die Indianer reagieren und zu Ihren Pfeilen und Bogen greifen konnten, tötete er weitere von ihnen. Panik entstand, alle flohen in den Wald. Buck verfolgte sie. Erst nach einer Woche sammelten sie sich in einem entlegenen Tal, aber sie waren nicht mehr viele.

Als Buck zurückkam, fand er Peter, der im Schlaf auf seinem Lager erschlagen worden war. Thorntens verzweifelten Kampf las er aus den Fußspuren im Sand und verfolgte sie bis hinunter an den See. Seine Spuren führten in das Wasser hinein, aber nicht wieder heraus. Buck wusste, dass er tot war, Am Ufer lag auch Skeet, treu bis zum Ende. Buck fühlte eine große Leere in sich.

Die Nacht kam, und der Vollmond stand am Himmel. Buck lag traurig am Ufer des Sees. Da tönte ein Laut zu ihm herüber, den er kannte, der Laut aus einer anderen Welt. John Thornten war tot, und damit war das letzte Band zerrissen, das ihn an die Menschen band. Er wollte dem Ruf folgen.

Auf ihren Jagdzügen waren die Wölfe bis hier in dieses Tal gezogen. Im Mondschein kamen sie daher, und Buck erwartete sie hoch aufgerichtet. Die Wölfe standen starr vor Schreck, als sie ihn plötzlich sahen. Es dauerte lange, bis der Kühnste zum Angriff vorsprang. Buck fasste ihn gut und brach ihm das Genick. Dann stand er wieder da, still und regungslos. Drei Wölfe griffen ihn noch an, doch sie alle mussten sich blutüberströmt zurückziehen.

Plötzlich fielen alle zusammen über ihn her, und nur seine Gewandtheit konnte ihn retten. Er schnappte nach allen Seiten und passte auf, dass sein Rücken frei blieb. Er kämpfte so tapfer, dass die Wölfe sich nach einer halben Stunde zurückzogen. Sie schnaubten vor Wut, und zeigten ihre Zähne voller Mordlust. Sie wussten aber nicht so richtig, wie sie sich verhalten sollen.

Endlich kam ein alter, magerer, halb lahmer Wolf freundlich näher, und Buck erkannte in ihm seinen wilden Bruder, mit dem er einen Tag und eine Nacht durch die Wildnis gezogen war.

Dann trat noch ein alter, mit Narben bedeckter Wolf herzu, setzte sich, richtete seine Nase empor zum Mond und stieß ein jämmerliches Geheul aus. Buck horchte auf. Das war der Ruf, den er kannte. Er setzte sich neben den Alten und stimmte ein. Schließlich kamen auch die übrigen Wölfe - einer nach dem anderen - heran, beschnupperten ihn und schlossen sich dem Geheul an.

Als ein Wolf aufsprang und zum Wald lief, folgten ihm die anderen. An der Seite des wilden Bruders stürmte auch Buck laut bellend davon.

Es dauerte nicht lange, bis die Yeehats bemerkten, dass die Wölfe ihr Aussehen änderten. Einige hatten tiefbraune Flecken am Kopf und ein weißes Mal vor der Brust. Immer, wenn sie die Wölfe sahen, bemerkten sie an der Spitze des Rudels einen sehr großen Wolf. Sie fürchteten ihn und nannten ihn den Geisterwolf. Er bestahl ihr Lager und beraubte ihre Fallen mit einer solchen Schlauheit, dass sie ihm nichts anhaben konnten. Er zerriss alle ihre Hunde und fürchtete auch die tapfersten Krieger nicht.

Bald zogen die Indianer nicht mehr in dieses Tal, in dem der große Wolf mit dem glänzenden prächtigen Fell lebte. Aber er war nicht immer hier. Wenn die Wölfe vor den langen Winternächten des Nordens flohen und in den Süden zogen, wohin auch ihre Beutetiere gingen, dann lief Buck in langen Sätzen an der Spitze des Rudels.

Was sie nie vergessen

Fortune la Pearle bahnte sich seinen Weg durch den Schnee. Er, der Spieler, hatte gerade im Kasino einen Mann getötet, hatte ihn mit seinem Messer niedergestochen. Nun war er auf der Flucht vor den Leuten, die aus Zelten, Hütten und Tanzlokalen kamen, um ihn zu verfolgen. Die Rufe der Männer und das Heulen der Hunde trieben ihn immer mehr an. Er lief, und die Geräusche wurden undeutlicher. Aber ein Schatten heftete sich an seine Fersen.

Fortune la Pearle rannte völlig erschöpft weiter. Manchmal meinte er, entkommen zu sein. Dann verlangsamte er seine Schritte, weil ihm das Herz so wild hämmerte, dass ihm schwarz vor Augen wurde. Sein Atem ging kurz und schwer, als sollte er ersticken. Doch immer wieder tauchte der Schatten aus der Dunkelheit auf und zwang ihn weiterzulaufen.

Fast ohnmächtig blieb er plötzlich stehen, machte hastig kehrt und holte seine rechte Hand aus dem Fäustling, in der ein schussbereiter Revolver funkelte.

"Schieß nicht! Ich habe kein Gewehr!"

Der Schatten war jetzt sehr nahe, und Fortune la Pearles Knie zitterten, als er die menschliche Stimme vernahm.

"Warum bist du dann hinter mir her, zum Teufel noch mal?", fragte der Spieler und senkte seinen Revolver.

Der Mann, Uri Bram, zuckte die Achseln. "Das ist egal. Ich will, dass du mit mir kommst, in meine Hütte am Rande des Lagers!"

"Wer bist du? Und wer bin ich, dass ich mich auf deinen Befehl in deine Hand begeben soll?"

"Ich bin Uri Bram", sagte der andere einfach. "Ich weiß nicht, wer du bist, aber du hast einen Menschen getötet. Dein Ärmel ist rot von Blut. Du wirst keine Stätte finden, wo du zur Ruhe kommen kannst. Ich habe eine Hütte."

"Halt das Maul!", fiel Fortune la Pearle ihm ins Wort. "Tausend Mann sind hinter mir her, suchen mich, was soll ich da mit deiner Hütte? Ich will weg von hier, weg! Ich habe das Leben satt!"

Da ergriff Uri Bram wieder das Wort, der eigentlich nie viel sprach.

"Deshalb erzähle ich dir ja von meiner Hütte. Ich kann dich dort verstecken, dass sie dich nie finden. Ich habe viel Proviant. Sonst entkommst du nie! St. Michael ist die nächste Poststation, und dort posaunen sie die Neuigkeit aus, ehe du da bist. Ebenso steht es mit dem Hafen von Anvik. Nein, du hast nicht die geringste Möglichkeit. Es ist besser, du bleibst bei mir, bis wieder Ruhe einzieht. Ehe ein Monat vergangen ist, haben sie dich vergessen, und du kannst direkt vor ihrer Nase losziehen, ohne dass sich jemand darum kümmert. Ich habe meine eigenen Ideen in Bezug auf Gerechtigkeit."

Der Mörder zog schweigend ein Gebetbuch aus der Tasche. Beide Männer entblößten ihre Köpfe und fassten mit bloßen Händen das heilige Buch an. Fortune la Pearle ließ Uri Bram das, was er gesagt hatte, beschwören. Und Uri Bram dachte nicht daran, diesen Eid jemals zu brechen.

In der Tür zur Hütte zögerte der Spieler einen Augenblick, von Zweifeln erfüllt. Als das Licht angezündet wurde, sah er, dass es eine sehr gemütliche Hütte war. Er drehte sich eine Zigarette, und der andere kochte Kaffee. Dabei beobachtete er Uri Bram. Die Furchen in seinem Gesicht waren tief, fast wie Narben, und nicht die geringste Spur von Sympathie oder Humor milderte die harten Züge. Die Augen schimmerten kalt und grau unter dichten, buschigen Brauen. Unter den hohen Backenknochen lagen tiefe Höhlen, die dem Gesicht etwas Abstoßendes verliehen. Dieser Mann konnte sicher schonungslos sein! Alles war hart und barsch - die Nase, die Lippen, die Stimme, der Zug um den Mund.

Dieses Gesicht zeugte davon, dass hier ein Mann war, der viel allein lebte und andere Menschen nicht um Rat fragte.

"Hilf mir, Mann", sagte Uri, als sie ihre Tassen geleert hatten. "Wir müssen uns auf Besuch vorbereiten."

Sie bauten ein Versteck, in dem Fortune liegen konnte, ohne dass ihn jemand sah.

In den folgenden Wochen erschienen mehrere Besucher. Keine Hütte und kein Zelt entgingen dieser Untersuchung, aber am allerwenigsten vermutete man den Mörder in dieser Hütte.

Fortune faulenzte, rauchte zahllose Zigaretten und gewöhnte sich schnell an Uris Schweigsamkeit. Sie sprachen kaum miteinander und wenn, dann nur mit wenigen Worten. Manchmal machte Fortune die Einsamkeit aber doch zu schaffen. Dann legte er stundenlang Karten, träumte von Lokalen und Kasinos und klagte über sein bisheriges Leben. Ihm war klar, dass Uri und er nichts gemeinsam hatten, und er fragte sich oft, warum dieser ihm geholfen hatte.

Aber schließlich war das Warten zu Ende. Eines Nachts half Fortune Uri die Hunde vor den Schlitten zu schirren und alles Gepäck festzuzurren. Dann folgten sie der winterlichen Schlittenspur südwärts übers Eis. Bei St. Michael bogen sie nach Osten landeinwärts ab und erreichten schließlich den Yukon bei Anvik. Von dort aus ging die Reise immer weiter. Sie überschritten den nördlichen Polarkreis, und Uri erklärte Fortune den Sinn dieser ermüdenden Reise damit, dass er bei Eagle einige Claims und Arbeiter habe.

An dem Morgen, als sie in Eagle ankamen, waren sie früh auf den Beinen. Es war die letzte Nacht, die sie gemeinsam im Zelt verbracht hatten. Jetzt sollte jeder seines Weges gehen.

Fortune war es sehr leicht ums Herz. Die Freiheit war nahe, die Sonne kehrte wieder und mit jedem Tag kam er der großen Welt draußen näher. Beim Frühstück pfiff er und sang fröhliche Lieder.

Als Uri mit dem Packen seines Schlittens fertig war, zog er einen Baumklotz ans Feuer und setzte sich.

"Hast du je vom ‚Weg der toten Pferde' gehört?"

Er blickte auf, und Fortune schüttelte den Kopf. Er war wütend über die Verzögerung.

"Es geschieht zuweilen, dass man Leute unter Verhältnissen trifft, die man nie vergisst", fuhr Uri fort. Er sprach leise und langsam. "Unter solchen Verhältnissen traf ich einmal einen Mann auf dem ‚Weg der toten Pferde'. Dieser Weg hat seinen Namen bekommen, weil haufenweise Pferde da liegen und verwesen. Der Weg führt über den weißen Pass, und die Pferde sterben beim ersten Frost wie die Fliegen. Sie stürzen neben der Schlittenbahn oder sie gehen durch; sie ertrinken im Fluss mit ihrer Last auf dem Rücken oder zerschmettern an den Steinen; sie brechen sich die Beine in den Spalten und den Rücken, wenn sie sich mit ihrer Last überschlagen; sie versinken im Morast oder ersticken im Schlamm.

Dort war es, wo ich einen Mann mit einem Herzen und einer Geduld wie Christus fand. Ruhte er aus, so nahm er auch seinen Pferden die Last ab. Er kaufte gutes Futter für sie und nahm sein eigenes Bettzeug, um ihnen den Rücken zu verbinden, wenn sie sich wund geritten hatten. Seinen letzten Dollar verwandte er für Hufeisennägel.

Ich weiß das alles so genau, weil wir im gleichen Bett schliefen, aus dem selben Topf aßen und schließlich Brüder wurden. Alles tat er auf dem schwierigen Weg für seine Pferde, aber schließlich kamen wir an eine Stelle, wo es kein Weiterkommen mehr gab. Ein Mann bot uns fünftausend für unsere Pferde, aber er wollte ihnen die Qualen ersparen. Er teilte die Pferde zwischen uns auf, und wir verstanden uns ohne Worte. Wir nahmen unsere Büchsen und erschossen sie.

Der Mann, mit dem ich Brüderschaft geschlossen hatte auf dem ‚Weg der toten Pferde', war - "

"Ja, der Mann war natürlich John Randolph, den ich getötet habe." Fortune beendete den Satz für ihn.

Uri nickte und sagte: "Es freut mich, dass du mich verstanden hast."

Fortune meinte, dass Uri ihn nun töten würde. "Ich bin bereit! Los! Aber mach schnell!"

Uri Bram erhob sich. Er erklärte, dass er sein ganzes Leben an Gott geglaubt habe und dass dieser nun entscheiden soll. Beide sollen sie die gleiche Chance haben.

Fortunes Herz klopfte vor Freude bei diesen Worten, denn er glaubte an sein Glück.

Uri sagte, dass sie nacheinander schießen würden, da sie nur eine Waffe haben. Die Karten sollten entscheiden, wer beginnt. Uri hatte nicht einen einzigen Trumpf, Fortune hatte ein As und eine Zwei.

"Wenn du mich triffst, sind Hunde und Ausrüstung dein. Du wirst in meiner Tasche eine ausgefertigte Übertragungsurkunde finden", erklärte Uri.

Fortune zielte. Er war sehr vorsichtig. Schließlich fasste er den Revolver mit beiden Händen und drückte ab. Uri drehte sich halb herum, hob beide Arme und sank in den Schnee. Fortune wusste, dass er ihn zu weit seitlich getroffen hatte - sonst hätte der Mann sich nicht gedreht.

Als Uri mühsam wieder auf die Füße kam, hätte Fortune am liebsten noch einmal geschossen, aber er schob den Gedanken von sich. Betrog er jetzt, so würde ihn das Glück bei einer anderen Gelegenheit verlassen. Außerdem war Uri schwer verwundet und konnte unmöglich den schweren Revolver so lange halten, um richtig zielen zu können.

Uri wankte wie ein Betrunkener, hob den schweren Revolver mit zwei Händen, wartete eine kurze Pause zwischen zwei Windstößen ab und schoss. Fortune drehte sich nicht. Sein Leben, das er nicht genutzt hatte, war zu Ende.

Der Mann mit der Schmarre

Jacob Kent war ein geiziger, misstrauischer, boshafter Mensch. Es war unangenehm für andere, mit ihm zu tun zu haben. Außerdem hatte er eine Neigung zum Schlafwandeln.

Auch Jacob Kent hatte das Klondike-Fieber gepackt. Seine Hütte stand in der Mitte des Weges von der Handelsstation Sixty Mile und dem Stuart. Bei den jungen Männern, die vor ihm diese Hütte bewohnt hatten, stand die Tür immer für Reisende offen, damit sie die Nacht bei ihnen verbringen konnten.

Jacob Kent hatte beobachtet, dass jede Nacht etwa zwei Dutzend Männer Schutz in der Hütte suchten. Als er sie bezogen hatte, verlangte er von jedem der müden Reisenden Goldstaub im Wert von einem Dollar dafür, dass sie auf dem Fußboden schlafen durften. Beim Abwiegen des Goldes betrog er die Männer stets. Außerdem mussten sie für ihn Brennholz hacken und Wasser tragen.

An einem Aprilnachmittag saß Jacob Kent in der wärmenden Sonne vor seiner Hütte. Er hatte gute Laune, denn in der vergangenen Nacht hatten achtundzwanzig Gäste bei ihm übernachtet, und das war ein gutes Geschäft gewesen. Allerdings lebte er in ständiger Angst, dass einer der bärtigen Fremden ihn bestehlen könnte. In seinen Träumen verfolgten ihn immer wieder Räuber, deren Anführer eine hässliche Schmarre auf der rechten Backe hatte. Die Angst vor ihnen verfolgte Jacob Kent auch am Tag, und er suchte ständig neue Verstecke in der Umgebung für sein Gold.

An diesem schönen Apriltag kam er plötzlich auf die Idee, dass er einmal sein ganzes Gold wiegen wollte, was aber auf seiner kleinen Waage schwer zu machen war. Er ging in die Hütte und geriet bei der Arbeit ins Schwitzen. Er zitterte vor Aufregung beim Anblick des vielen Goldstaubes und war überglücklich.

"Donnerwetter, da hast du ja ein nettes Häufchen Gold!"

Jacob Kent drehte sich um und fasste gleichzeitig nach seiner doppelläufigen Büchse. Als sein Blick auf das Gesicht des ungebetenen Gastes fiel, taumelte er zurück. - Das war der Mann mit der Schmarre aus seinen Träumen!

"Nur ruhig!", sagte dieser. "Du brauchst nicht zu fürchten, dass ich deinem Goldstaub etwas tue."

Jacob starrte auf die Schmarre und fragte den Fremden, woher er sie habe. Darauf reagierte dieser gereizt, und sie gerieten in einen Streit. Schließlich hielt er mitten im Satz inne und sagte, dass die Sonne die Schlittenspur weggeschmolzen habe. Jacob solle sie schnellstens in Ordnung bringen. Er werde inzwischen die Hunde abschirren, die dann auch noch zu fressen bekommen müssten. Jacob solle auch genügend Holz und Wasser herbei schaffen.

Das war etwas ganz Unerhörtes. Jacob Kent machte Feuer, hackte Holz und holte Wasser. Er musste grobe Arbeiten für einen Gast verrichten!

Dieser Gast hieß Jim Cardegee. Er war Seemann gewesen und hatte in Dawson davon gehört, wie Jacob Kent alle Fremden behandelte. Nun wollte er sich einen Spaß daraus machen, ihm das heimzuzahlen. Natürlich hatte er nicht ahnen können, welche Wirkung seine Schmarre hervorruft, welche Angst und Schrecken sie bei Jacob Kent erzeugt.

Schließlich meinte er, dass Jacob ein fixer Kerl wäre, der einen guten Gastwirt abgeben würde.

Dieser spürte einen wütenden Drang, seine Schrotflinte an dem Fremden auszuprobieren. Aber er hatte Angst, denn das war der Mann mit der Schmarre aus seinen Träumen! Er glaubte, dass der nun wirklich gekommen wäre, um seinen Schatz zu stehlen!

Als es Nacht wurde, legten sich beide zum Schlafen nieder. Jacob verkroch sich in seine Decken. Der Seemann schnarchte bald auf seinem harten Lager auf dem Fußboden.

Kent, die eine Hand an der Büchse, starrte in die Finsternis. Er war fest entschlossen, in dieser Nacht kein Auge zuzumachen. Aber so sehr er sich auch bemühte, wach zu bleiben, schlief er doch später ein. Als Mitternacht sich näherte, warf er plötzlich seine Decke ab und stand auf. Schlafwandelnd, mit geschlossenen Augen, nahm er seinen Goldsack und füllte Goldstaub in die beiden Läufe seiner Büchse, ohne auch nur ein Körnchen zu verstreuen. Dann legte er sich wieder in sein Bett.

Als er am frühen Morgen erwachte, schaute er in seinen Goldsack und sah, dass etwas fehlte. Da nahm er ein Seil, schlang es so um einen Holzpflock, der genau über Cardegees Kopf in der Balkendecke war, dass beide Enden auf den Boden herabhingen. Das eine Ende band er sich selbst um den Leib, und aus dem anderen machte er eine Schlinge. Dann legte er dem Schlafenden diese Schlinge um den Hals und zog sie zusammen. Gleichzeitig ergriff er seine Büchse und richtete sie auf den Seemann.

Jim Cardegee erwachte halb erstickt und starrte verwirrt auf die Waffe.

"Wo ist er?", fragte Kent, warf sich zurück, so dass der andere fast erstickte. "Wo ist er?"

"Du verfluchtes Schwein! Was meinst du?", fragte Cardegee, sobald er wieder Luft bekommen konnte.

"Der Goldstaub!"

"Was für Goldstaub?", fragte der verdutzte Seemann.

"Das weißt du sehr gut - mein Goldstaub."

"Ich habe nichts davon genommen. Wofür hältst du mich denn?"

"Vielleicht weißt du, wo das Gold ist, vielleicht auch nicht. Auf jeden Fall schnüre ich dir den Hals zu. Und wenn du die Hand hebst, schieße ich dir eine Kugel vor den Kopf!"

"Lass nach!", brüllte Carnegee, als der andere das Seil straffte.

Kent hatte im Voraus nicht genau über sein Tun nachgedacht, und so wendete sich jetzt das Blatt. Cardegee war der Schwerere von beiden, und Kent konnte ihn nicht vom Boden heben, obwohl er sich mit seinem ganzen Körper hintenüber warf. Er spannte seine Kräfte bis zum Äußersten an, aber die Füße des Seemanns blieben auf dem Boden. Da Kent ihn nicht vom Boden heben konnte, klammerte er sich an ihn, fest entschlossen, ihn zu erwürgen. Beide Männer kämpften erbittert miteinander.

Schließlich gelang es Kent, dem Seemann die Mündung seines Gewehrs an die Stirn zu setzen und ihn mit Riemen aus Elchleder zu fesseln. "Ich gebe dir eine Frist bis Mittag. Wenn du bis dahin nicht sagst, wo das Gold ist, schicke ich dich in die Hölle. Wenn du aber gestehst, übergebe ich dich an die nächste Polizeistreife."

Cardegee schimpfte und fluchte. Schließlich begann er aber still und gründlich über die Sache nachzudenken. Dabei umdrängten ihn seine Hunde. Seine Hilflosigkeit machte einen starken Eindruck auf die Tiere. Sie fühlten, dass etwas nicht in Ordnung war und gaben heulend ihr Mitgefühl zu erkennen.

Als sich der Kreis der Tiere wieder lichtete, entdeckte Jim Cardegee , dass er direkt am Rand eines Erdloches lag. Er dachte darüber nach, welchen Wert das für ihn haben könnte. Dabei versuchte er durch vorsichtige Bewegungen seine Fesseln zu lockern.

Er warf einen besorgten Blick auf die Sonne, die jetzt fast den Zenit erreicht hatte. Plötzlich tauchte aus Richtung Sixty Mile ein dunkler Fleck vor dem weißen Hintergrund auf, der näher und näher kam. Mal verschwand er in den Senkungen zwischen Eisbänken, dann tauchte er wieder auf. Er beobachtete alles durch flüchtige Blicke, um nicht den Verdacht seines Feindes zu erregen.

Als Jacob Kent sich einmal erhob und genau in diese Richtung schaute, war der Hundeschlitten gerade außer Sicht. Cardegee versuchte durch ein Gespräch die Aufmerksamkeit Kents abzulenken. Der Schlitten hatte jetzt einen Hang erreicht, der kaum zwei Kilometer entfernt war. Die Hunde liefen in vollem Trabe, leicht und ohne Anstrengung.

Währenddessen dehnten sich die Riemen um Cardegees Handgelenke langsam, und er bekam allmählich seine Hände frei. Der Seemann machte eine leichte Drehung, um sicher zu sein, dass er im richtigen Augenblick in das Loch fallen konnte, und schob sich gleichzeitig die erste Schlinge über die Hände.

In diesem Augenblick hörte Kent das knirschende Geräusch von Schlittenkufen und wandte sich um. Der Mann, der dort angefahren kam, lag bäuchlings auf dem Schlitten, und die Hunde flogen die gerade Strecke zur Hütte heran. Kent drehte sich hastig um und zielte mit seinem Gewehr auf Cardegee.

Der Mann auf dem Schlitten musste gesehen haben, dass etwas Ungewöhnliches im Gange war, denn er erhob sich auf die Knie und peitschte wie toll auf seine Hunde los.

Als Kent sein Gewehr abdrückte, ließ sich Cardegee einen Augenblick zu spät in das Loch fallen. Die Büchse explodierte dem Seemann mitten ins Gesicht. Aber es kam kein Rauch aus der Mündung, sondern eine mächtige Flamme in der Nähe des Kolbens, und Jacob Kent fiel.

Die Hunde stürzten mit dem Schlitten den Hang herauf, und der Fahrer sprang ab.

"Jim, was ist hier los?"

"Was los ist? Ach nichts, nur ein paar Kleinigkeiten! Was los ist, du verfluchter Idiot? Was los ist, fragst du? Mach mir die Hände frei, aber schnell! Was los ist, das möchte ich selber gerne wissen! Kannst du es mir vielleicht sagen, du Esel?"

Er drehte Jacob Kent auf die Seite, aber der war mausetot. Die Büchse lag neben ihm. Stahl und Holz waren auseinandergesprengt. Das Ende des rechten Laufes zeigte einen klaffenden Riss. Neugierig schaute ihn sich der Seemann an. Ein glitzernder Strom von Goldstaub lief heraus, und im selben Augenblick verstand Jim Cardegee den Zusammenhang.

"Weiß der Teufel!", brüllte er. "Das ist doch die Höhe! Hier ist sein verfluchter Goldstaub! Charley, lauf und hole einen Waschzuber!"

Jan, der Unverbesserliche

Kratzend und um sich tretend wälzte Jan sich auf dem Boden. Er kämpfte mit Händen und Füßen gegen drei Männer, grimmig und schweigend. Sie wollten ihn bändigen. Einer der Männer heulte. Sein Finger steckte zwischen Jans Zähnen. In dem Zelt lag ein Toter, John Gordon.

"Lass jetzt den Unsinn, Jan, und sei vernünftig!", stöhnte der Rote Bill, indem er Jan die Arme um den Hals schlang, so dass er fast erstickte. "Warum kannst du dich nicht ruhig und friedlich hängen lassen, zum Donnerwetter?"

Aber Jan ließ den Finger des einen Mannes nicht los. Er hieß Taylor und sagte: "Du hast Herrn Gordon umgebracht, einen tapferen und rechtschaffenden Mann. Du bist ein Mörder und hast keine Ehre im Leib!"

Auch der dritte Mann redete auf Jan ein. Es war Lawson, ein Seemann. Lange dauerte die kämpferische Auseinandersetzung der Männer. Jan hatte nur ein Ziel vor den Augen: Er wollte leben! Es war nicht möglich, mit ihm fertig zu werden. Der Wahnsinn verlieh ihm Riesenkräfte.

Aber ganz plötzlich, ohne sichtbare Ursache, ließ er seine Gegner los, wälzte sich auf den Rücken und grinste boshaft.

"Meine Freunde", sagte er, immer noch grinsend, "ihr habt mich gebeten höflich zu sein. Das bin ich jetzt. Was wollt ihr von mir?"

Der Rote Bill antwortete beschwichtigend: "Jan, nur ruhig! Ich wusste ja, dass du Vernunft annehmen würdest. Bleib jetzt nur ruhig, dann werden wir dich sauber hängen."

"Mich hängen? Mich? Ha! Ha! Hört den Mann! Was für einen Unsinn er redet. Er will mich hängen! Ich denke ja nicht daran!"

Mit einiger Mühe kam er auf die Beine und sah sich um. Lawson durchschnitt eine Schlittenleine und rollte sie sorgfältig auf. "Heute hat Richter Lynch das Wort."

"Einen Augenblick!" Jan trat einen Schritt von der Schlinge zurück. "Ich habe euch etwas zu fragen und einen Vorschlag zu machen." Er wandte sich an Lawson. "Du kennst Richter Lynch?"

"Ja, auf den kann man sich verlassen, der ist nicht käuflich. Er erweist Gerechtigkeit ohne Bezahlung."

"Nun ja", meinte Jan, "so sag mir denn: Wenn ein Mann einen anderen totschlägt, hängt Richter Lynch dann den Mann?"

"Wenn die Beweise genügen - ja."

"Und wenn Richter Lynch den Mann nicht hängt, was dann?"

"Wenn Richter Lynch den Mann nicht hängt, dann kann er frei hingehen, wohin er will, und seine Hände sind rein, es klebt kein Blut an ihnen. Und noch etwas sagt unsere Verfassung: Kein Mann kann zweimal wegen ein und demselben Verbrechen mit dem Tode bedroht werden."

"Und dem Mann geschieht dann auch wirklich nichts?"

"Nein."

Ungeachtet von Jans Rede begannen die Männer einen Galgen zu bauen. "Nein, nein!", rief er. "Ich lasse mich nicht hängen. Ich will anders sterben, bevor ich mich hängen lasse!"

Er begann mit Taylor und dem Roten Bill zu ringen. Sie wälzten sich wie rasend auf dem Boden. Von Zeit zu Zeit tauchten Jans Hände und Füße aus dem Chaos auf. Lawson bekam diese schließlich zu fassen und band sie zusammen. Um sich tretend, rasend, furchtbare Flüche ausstoßend, wurde Jan besiegt und gefesselt und dann zu der Stelle geschleppt, wo der Galgen stand. Der Rote Bill legte ihm die Schlinge um den Hals. Taylor und Lawson standen bereit, den Galgen auf das Kommando hoch zu ziehen.

In diesem Augenblick stieß Jan hervor: "Herr Gott! Seht, dort!"

Das Entsetzen in seiner Stimme ließ die anderen innehalten. In der Dämmerung kroch John Gordon taumelnd aus der Öffnung des Zeltes hervor.

"Teufel, was -?" Er unterbrach sich, denn mit einem einzigen Blick erfasste er die Situation.

"Wartet ein bisschen, ich bin nicht tot!", rief er und näherte sich zornig der Gruppe. "Er hat mich nur betäubt. Die Kugel traf mich zwischen Hirnschale und Halswirbel. Das lähmte mich eine Weile, aber es ist kein Schaden geschehen."

Dann wandte er sich an den Gefesselten. "Steh auf, Jan! Und wenn du dich nicht bei mir entschuldigst, verbläue ich dich, dass du dich nicht mehr rühren kannst."

"Ich denke nicht daran", antwortete Jan, der Unverbesserliche. "Lasst mich los, und ihr werdet sehen. Dann verbläue ich dich und diese blöden Hunde hier, einen nach dem anderen."

Das weiße Schweigen

"Carmen hält keine zwei Tage mehr aus." Mason betrachtete besorgt das arme Tier. Er nahm die Pfote der Hündin in den Mund und begann das Eis loszubeißen, das zwischen ihren Zehen saß und sie grausam quälte. "Ich habe noch nie einen Hund mit einem so hochtrabenden Namen gesehen, der etwas taugt. Seht dagegen mal Shookum an. Das ist ein richtiger Hund, der hat's in sich! Wetten, dass er Carmen gefressen hat, ehe die Woche um ist?"

"Ich schlage eine andere Wette vor", entgegnete Malemute Kid. "Wir werden Shookum fressen, ehe die Reise zu Ende ist. Was meinst du, Ruth?"

Die Indianerin, die dabei war, Eis aufzutauen um Kaffee zu machen, blickte von Malemute Kid auf ihren Mann und dann auf die Hunde, sagte aber nichts. Sie wusste, dass ihr Mann Recht hatte, denn sie hatten eine Reise von zweihundert Meilen vor sich und Proviant für Menschen und Hunde nur für sechs Tage.

Die Frau und die beiden Männer setzten sich um das Feuer und machten sich an die karge Mittagsmahlzeit, während die Hunde angeschirrt blieben. Neidisch beobachteten sie jeden Bissen.

"Von heute ab gibt es kein Frühstück mehr", sagte Malemute Kid. "Wir müssen auch die Hunde beobachten, denn sie werden bösartig. Wenn sie die Gelegenheit dazu haben, werden sie über uns herfallen."

Mason versuchte, seiner Frau Mut zu machen. Sie liebte ihren Herrn und Gebieter sehr, denn er war der erste Weiße, den sie je gesehen hatte, der erste Mann, der sie besser als ein Lasttier behandelt hatte. Er erzählte ihr von ihrer Zukunft, von großen, hohen Häusern, von Medizinmännern der Weißen, von dem Leben, das sie führen würden.

Als die Hunde unruhig wurden, machten sie sich wieder auf den Weg. Mason ging mit dem ersten Schlitten, Ruth folgte ihm, und zum Schluss kam Malemute Kid. Sie sprachen kaum ein Wort, um ihre Kräfte zu sparen und versuchten, die Hunde zu schonen. Von all den unsäglichen Mühen war das Wegebahnen die schlimmste. Bei jedem Schritt sanken die großen, breiten Schneeschuhe ein, dass der Schnee bis zum Knie reichte.

Unter großen Anstrengungen verging der Tag. Die Menschen mussten dabei auch noch den Tieren helfen, denn deren Kräfte waren fast am Ende.

Einmal beugte sich Mason nieder, um den Riemen des einen Mokassins fester zu ziehen. Die Schlitten hielten, und die Hunde legten sich sofort in den Schnee, ohne auch nur einen Laut von sich zu geben. Die Stille war unheimlich. Plötzlich hörte Mason das warnende Krachen einer riesigen, schneebeladenen Kiefer über sich. Er versuchte aufzuspringen, schaffte es aber nicht ganz. Der mächtige Baum stürzte auf ihn.

Malemute Kid rief der Indianerin zu, sie solle sich mit ihrem ganzen Gewicht auf eine schnell improvisierte Hebestange werfen, um damit den Druck auf Masons Körper zu erleichtern. Sie tat das ohne zu klagen und beide hörten das Stöhnen ihres Mannes. Malemute Kid ging dem Baum mit einer Axt zu Leibe.

Voller Angst sah Ruth auf ihren Mann. Auf der rechten Seite waren ihm Arm, Bein und Rücken zerschmettert. Die Glieder waren von der Hüfte an gelähmt. Wahrscheinlich hatte er auch innere Verletzungen.

Da man bei den herrschenden Temperaturen nicht lange im Schnee liegen konnte, ohne zu sterben, wurde der Verletzte in Pelze gehüllt und auf ein Lager von Zweigen gelegt. Vor ihm knisterte ein Feuer mit Holz von dem Baum, der das Unglück verursacht hatte. Ein gelegentliches Stöhnen war das einzige Lebenszeichen, das er gab. Es gab keine Hoffnung. Malemute Kid und Ruth saßen bei ihm.

Der Morgen brachte den Sterbenden wieder zu Bewusstsein. Malemute Kid beugte sich über ihn, um sein Flüstern zu verstehen. Mason sprach noch einmal davon, wie er Ruth vor vier Jahren kennen gelernt hatte und wie sehr er sie inzwischen liebt. Zum ersten Mal erzählte er auch, dass er schon einmal verheiratet gewesen war.

Er sagte zu Kid: "Schick sie nicht zu ihrem Volk zurück. Es wäre verflucht schwer für sie. Fast vier Jahre hat sie unsere Kost gegessen, Schinken und Bohnen, Mehl und Dörrobst, und da soll sie wieder zu ihren Fischen und Ihrem Rentierfleisch zurück? Es wäre nicht gut für sie. Nimm dich ihrer an, Kid. Sei gut zu ihr. Schicke sie in die Staaten, sobald du kannst. Aber mach es so, dass sie wiederkehren kann, denn sie bekommt so leicht Heimweh.

Und das Kleine, Kid. Ich hoffe nur, dass es ein Junge wird! Es darf nicht hier im Lande bleiben, erst recht, wenn es ein Mädchen wird. Verkauf meine Felle! Sie werden mindestens viertausend einbringen. Ebenso viel habe ich bei der ‚Kompanie' zugute.

Sorg dafür, dass er eine gute Erziehung erhält und, Kid, vor allem, lass ihn nicht hierher zurückkommen. Das Land ist nicht für weiße Männer geschaffen.

Mit mir ist es vorbei, Kid. Drei oder vier Tage höchstens. Ihr sollt weiter! Ihr müsst weiter! Denk daran, dass es meine Frau ist, mein Junge! Mein Gott, ich hoffe, dass es ein Junge ist! Ihr könnt nicht bei mir bleiben, und ich befehle euch, dass ihr weiterzieht."

"Lass mir drei Tage", bat Malemute Kid, "es könnte dir besser gehen, vielleicht geschieht etwas."

"Nein."

"Nur drei Tage."

"Nein. Ihr müsst weiter!"

Malemute Kid bat weiter und schließlich willigte Mason ein, dass sie noch einen einzigen Tag bei ihm blieben. "Kid, nicht eine Minute länger! Und, Kid, lass mich nicht allein dabei! Nur einen Schuss, den Finger auf den Drücker. Du verstehst! Denk daran! Es ist mein Sohn, und ich werde ihn nie sehen.

Schick mir Ruth her. Ich will ihr Lebewohl sagen und sie bitten, an den Jungen zu denken und nicht zu warten, bis ich tot bin."

Als Ruth leise um ihren Mann weinte, zog Malemute Kid seinen Parka und die Schneeschuhe an, nahm die Büchse unter den Arm und schritt in den Wald. Noch nie hatte so eine schwere Aufgabe vor ihm gestanden. Fünf Jahre hatten sie gemeinsam Seite an Seite als Kameraden gelebt, immer den Tod vor Augen. So fest waren die Bande gewesen, dass er manchmal sogar eifersüchtig auf Ruth war, und nun sollte er diese Bande mit eigener Hand zerschneiden.

Bei Einbruch der Nacht schleppte er sich ins Lager zurück. Lärm unter den Hunden und gellende Schreie Ruths ließen ihn seine Schritte beschleunigen.

Als er das Lager erreichte, sah er Ruth mitten unter den knurrenden Hunden stehen und mit einer Axt um sich schlagen. Die Hunde waren an den Proviant gegangen. Mit erhobenem Kolben sprang er zwischen sie, und der Kampf ums Dasein wurde mit der Brutalität seiner Umgebung geführt. Menschen und Tiere kämpften wild um die Übermacht. Schließlich krochen die geschlagenen Bestien ans Feuer, leckten ihre Wunden und heulten ihr Elend den Sternen zu.

Den ganzen Vorrat an getrocknetem Lachs hatten sie gefressen, und kaum fünf Pfund Mehl waren übrig - für einen Weg von zweihundert Meilen.

Ruth kehrte zu ihrem Mann zurück.

Der Morgen brachte neue Schwierigkeiten. Die Hunde kämpften untereinander. Carmen wurde getötet, und sie ließen sich auch von der Peitsche nicht eher auseinander treiben, bis der letzte Bissen verschwunden war - Knochen, Haut, Haare, alles.

Malemute Kid machte sich an die Arbeit. Ruth beobachtete ihn dabei. Er errichtete einen Steinhaufen, wie Jäger es bisweilen tun, um ihr Fleisch vor Hunden und Wölfen zu schützen. Er bog die Wipfel von zwei kleinen Kiefern gegeneinander, bis sie fast den Boden berührten, und band sie mit Riemen aus Elchhaut aneinander. Dann schlug er die Hunde, bis sie zahm wurden, und spannte sie vor zwei von den Schlitten, auf die er alles legte, außer den Fellen, in die Mason gehüllt war. Diese wickelte er dicht um ihn und schnallte sie mit Riemen fest.

Ruth hatte den letzten Wunsch ihres Mannes erfahren und widersetzte sich nicht. Sie küsste ihren Mann noch einmal, und Malemute Kid führte sie dann zu dem ersten Schlitten und half ihr in die Schneeschuhe. Langsam setzte sie den Schlitten in Bewegung.

Kid kehrte zu Mason zurück, der eingeschlummert war. Noch lange, nachdem Ruth verschwunden war, saß er am Feuer und wartete, hoffte und betete, dass sein Kamerad sterben möge. Eine Stunde verging, zwei Stunden, aber Mason starb nicht. Gegen Mittag stand Malemute Kid auf und schleppte sich zu seinem Kameraden. Ein scharfer Knall ertönte, Mason schwang nach oben in sein luftiges Grab, und Malemute Kid peitschte auf die Hunde los, dass sie in wildem Galopp über den Schnee jagten.

Der Sohn des Wolfs

Das Gesicht von Mackenzie war vom fünfundzwanzigjährigen Kampf mit den wildesten Launen der Natur gezeichnet. Dabei waren die beiden letzten die wildesten und härtesten gewesen. Er hatte sie damit verbracht, nach dem Gold zu graben, das in der Finsternis der Eisregion verborgen lag. Er arbeitete schwerer als je zuvor. Den ganzen Sommer kämpfte er mit Moskitos und wusch die steilen Sandbänke im Stuart River rein. Dann flößte er Bauholz den Yukon abwärts nach Forty Mile und baute sich eine bequeme, gemütliche Hütte. Schließlich kaufte er sich doppelten Proviantvorrat.

Mackenzie war ein Mann, der meist das bekam, was er haben wollte. Obwohl er Arbeit und Anstrengungen gewohnt war, scheute er sich aber doch vor der Reise, die vor ihm lag - sechshundert Meilen übers Eis, zweitausend Meilen übers Meer und dann noch dreitausend Meilen bis zu seinem Ziel. Das alles tat er nur, um sich eine Frau zu holen. Das Leben war kurz. Deshalb spannte er seine Hunde vor und verstaute das Gepäck auf seinem Schlitten.

Er war ein zäher Reisender, und seine Wolfshunde konnten bei weniger Nahrung schwerer arbeiten und länger laufen als irgendein Gespann in Yukon. Drei Wochen später zog er in das Jagdlager am oberen Tanana ein. Die dort lebenden Indianer wunderten sich über sein Verhalten, denn sie waren für ihren schlechten Ruf bekannt. Sie hatten schon weiße Männer für unbedeutende Dinge, wie eine geschliffene Axt oder eine zerbrochene Büchse, getötet. Er aber kannte die Mentalität der Indianer genau, wusste, wann er ihnen schmeicheln sollte oder wann er mit dem Donnerkeil seines Zorns drohen musste.

Zuerst machte er dem Häuptling Thling-Tinneh seine Aufwartung und überreichte ihm ein paar Pfund schwarzen Tee und Tabak. Dann mischte er sich unter die Männer und Mädchen. Am Abend trafen sich alle. Der Schnee wurde festgestampft und in der Mitte des Platzes wurde ein Feuer angezündet. Die Hütten standen verlassen, und die ungefähr hundert Mitglieder des Stammes sangen zu Ehren des Gastes. Da der ihren geringen Wortschatz beherrschte, hielt er ihnen Reden in ihrem eigenen Stil und befriedigte ihre angeborene Liebe zur Poesie.

Nachdem Thling-Tinneh und der Schamane geantwortet hatten, schenkte er den Männern Kleinigkeiten, beteiligte sich an ihren Gesängen und erwies sich als ein Meister in ihrem ‚Zweiundfünfzig-Stöcke-Spiel'. Die Indianer rauchten seinen Tabak und waren vergnügt.

Trotzdem spürte er die herausfordernde Haltung der jungen Männer. Als er sich in seinen Schlafsack gewickelt hatte, dachte er genau darüber nach, welchen Plan er verfolgen würde.

Nur ein Mädchen hatte ihn gefesselt, und das war keine andere als Zarinska, die Tochter des Häuptlings. Ihre Züge, ihre Gestalt und Haltung entsprachen am meisten dem Schönheitstyp des weißen Mannes. Sie wollte er zu seiner Frau machen, und er wollte sie ‚Gertrud' nennen.

In den nächsten Tagen achtete Mackenzie darauf, dass die Männer ihn als sicheren Schützen und gewaltigen Jäger kennen lernten. Das Lager erscholl von Beifallsrufen, als er auf sechshundert Ellen einen Elch erlegte. Abends pflegte er dem Häuptling Thling-Tinneh einen Besuch in seinem Zelt abzustatten, mächtig zu prahlen und freigiebig Tabak zu verteilen.

Auch den Schamanen vergaß er nicht, denn er kannte den Einfluss des Medizinmannes auf sein Volk und war bestrebt, ihn auf seine Seite zu bekommen. Aber dieser fühlte sich als großer Mann, wollte sich nicht günstig stimmen lassen, so dass man offenbar mit ihm als einem künftigen Feind rechnen musste.

Obgleich sich keine Gelegenheit für ein Gespräch mit Zarinska ergab, warf Mackenzie ihr manchen verstohlenen Blick zu und gab ihr seine Absicht deutlich zu erkennen. Und sie verstand sie gut, umgab sich aber immer mit einem Kreis von Frauen.

Eines Abends, als er endlich dachte, dass der richtige Zeitpunkt gekommen sei, ging er in ihr Zelt. Die Frauen, die bei ihr waren, schickte er fort, und so war die Neuigkeit bald im ganzen Lager verbreitet. Er sprach mit Zarinska in ihrer Sprache und nach zwei Stunden erhob er sich um zu gehen.

"Zarinska wird also mit in die Wohnung des weißen Mannes gehen? Gut! Ich werde jetzt mit deinem Vater sprechen, denn ihm wird es vielleicht nicht gefallen. Und ich werde ihm viele Geschenke geben. Und wenn er nein sagt, wirst du trotzdem in die Wohnung des weißen Mannes kommen."

Als er schon gehen wollte, nahm sie aus ihrem Nähbeutel eine Scheide aus Elchfell, die herrlich mit bunten Perlen in phantastischen Mustern verziert war. Sie nahm sein großes Jagdmesser und schob es in seine neue Hülle. Daraufhin berührte er ihre Lippen mit seinem Bart - mit dieser ihr fremden Liebkosung der weißen Männer.

Große Erregung lag in der Luft, als er das Zelt von Thling-Tinneh betrat. Er hörte das Geschwirr von Weiberstimmen, und die jungen Männer berieten sich in Gruppen. Aus der Hütte des Schamanen ertönten die unheimlichen Klänge eines Beschwörungsgesanges.

Der Häuptling war allein mit seiner Frau, und ein Blick genügte, um Mackenzie zu sagen, dass die Neuigkeit auch ihnen bekannt war. Also zeigt er sofort die perlenbestickte Scheide, um die Verlobung bekannt zu geben.

"O Thling-Tinneh, du mächtiger Häuptling der Sticks und des Tanana-Landes, du Herrscher über Lachs und Bär, Elch und Rentier! Der weiße Mann steht in einer großen Sache vor dir. Viele Monde hat seine Wohnung leer gestanden, und er ist einsam. Er sehnt sich nach einer Frau, nach dem Trippeln von kleinen Mokassins und nach dem Klang von Kinderstimmen.

Eines Nachts sah er das Gesicht des Großen Raben, deines Vaters. Der Rabe sprach zu dem einsamen weißen Mann: ‚Schnalle deine Schneeschuhe an und belade deinen Schlitten mit Nahrung für eine weite Reise und mit schönen Geschenken für den Häuptling Thling-Tinneh. Du sollst nach den Jagdgründen dieses großen Häuptlings ziehen. In seiner Wohnung ist ein Mädchen, dem ich den Atem des Lebens für dich eingehaucht habe. Dieses Mädchen sollst du zum Weibe nehmen.'

Deshalb lege ich nun meine Geschenke zu deinen Füßen, deshalb bin ich gekommen, um deine Tochter mit mir zu nehmen."

Der Häuptling nahm sich Zeit mit einer Antwort. Ein Kind kroch in die Hütte und sagte, dass er in den Rat kommen solle, und verschwand wieder. Dann sprach Thling-Tinneh:

"Oh, weißer Mann, den wir den ‚Elchtöter' genannt haben, auch bekannt als der ‚Wolf' und der ‚Sohn des Wolfs'! Wir wissen, du kommst von einem mächtigen Volke. Wir sind stolz, dass wir dich als Gast bei uns haben. Aber ein Rabe paart sich nicht mit einem Wolf!"

"Nein, das stimmt nicht!", rief Mackenzie. "Ich habe Töchter des Raben in den Lagern der Wölfe gesehen und von vielen anderen Squaws gehört, auch wenn meine Augen sie nicht gesehen haben."

"Sohn, deine Worte sind wahr, aber sie passen schlecht zusammen, wie Wasser und Sand, wie Schneeflocken und Sonne. Hast du Mason und seine Squaw getroffen? Nein? Er kam vor langer Zeit, der erste aller Wölfe. Mit ihm kam ein mächtiger Mann, groß und stark wie ein Bär, mit einem Herz wie ein Sommermond."

"Mackenzie unterbrach ihn, da er sich gut an die wohlbekannte Gestalt erinnerte: "Malemute Kid!"

"Ja, er war ein mächtiger Mann. Aber sahst du seine Squaw? Sie war Zarinskas Schwester."

"Nein, Häuptling, aber gehört habe ich von ihr. Mason zerschmetterte fern im Norden eine alte Kiefer. Aber seine Liebe war groß, und er hatte viel Gold. Mit dem und mit ihrem Knaben reiste sie viele Tage weit in ein fernes Land ohne schneidenden Frost, ohne Schnee. Dort lebt sie noch."

Wieder kam ein Bote mit der Nachricht, sofort in den Rat zu kommen. Mackenzie sah draußen schwankende Gestalten vor dem Feuer, hörte die tiefen Basstöne vom Gesang der Männer und wusste, dass der Schamane den Zorn des Volkes entfachte. Er wusste, dass Eile geboten war und wandte sich wieder an den Häuptling:

"Ich will dein Kind haben. Hier sind Tabak, Tee, viele Tassen Zucker, warme Decken, Bücher! Und hier, sieh, hier ist eine treffliche Büchse mit vielen Kugeln und viel Pulver."

"Nein", antwortete der alte Mann und wehrte sich gegen die Reichtümer. "In diesem Augenblick hat mein Volk sich versammelt. Es will nichts von dieser Heirat wissen."

"Aber du bist der Häuptling!"

"Doch meine jungen Männer sind wütend, weil die Wölfe ihnen die Mädchen genommen haben, so dass sie nicht heiraten können."

"Höre mich, Thling-Tinneh! Ehe die Nacht dem Tage weicht, wird der Wolf mit seinen Hunden in das Land des Yukon ziehen, und Zarinska wird mit ihm gehen."

"Und ehe die Nacht halb vergangen ist, werfen meine jungen Männer vielleicht das Fleisch des Wolfes den Hunden vor, und seine Knochen liegen im Schnee verstreut."

Das war eine klare Drohung. Mackenzie versuchte es noch einmal: "Der Wolf stirbt mit zusammengebissenen Zähen, und mit ihm werden zehn deiner stärksten Männer zur Ruhe gehen, Männer, die man vermissen wird, bei der Jagd und beim Fischfang. Was nützt es euch, dass ich sterbe? Denke daran, wenn du mir dein Kind gibst, wird dieser ganze Reichtum dir gehören. Und noch eins: Meine Brüder werden kommen und eure Frauen holen! Willige in die Hochzeit ein!"

Mackenzie spannte den Hahn seiner Büchse und lockerte die beiden Revolver im Gürtel. "Sag ja, o Häuptling!"

"Aber mein Volk wird nein sagen."

"Sag ja und, alles ist dein. Mit deinem Volk werde ich später abrechnen!"

"Der Wolf will es so. Schön, ich nehme seine Geschenke, aber ich habe ihn gewarnt."

Mackenzie reichte ihm die Sachen, sorgte aber dafür, dass der Patronenauswerfer der Büchse vernagelt war.

Der Schamane trat jetzt mit einem Dutzend junger Leute ein, aber Mackenzie drängte sich kühn zwischen ihnen hindurch und verließ das Zelt. "Pack ein!", rief er Zarinska in ihr Zelt zu. Dann eilte er, um seine Hunde anzuschirren.

Wenige Minuten später bog er an der Spitze seines Gespanns auf den Ratsplatz ein - Zarinska an seiner Seite. Er setzte sich an das obere Ende des Kreises neben den Häuptling, Zarinska hinter sich. Zu beiden Seiten saßen Männer um das Feuer und sangen ein Lied aus alten Zeiten. Am unteren Ende tanzten Weiber unter den Augen des Schamanen, ganz in Ekstase durch seine Beschwörungen. Es war eine unheimliche Szene. Dann hörten Singen und Tanzen auf. Der Schamane redete wild auf sein Volk ein. Seine Stellung war stark. Er stellte Mackenzie als ein Kind des Teufels dar. Er sagte, dass es der größte Verrat und Gotteslästerung sei, ihre Töchter mit diesen Erbfeinden zu vermählen; er sprach vom Zorn der Götter.

"Oh, Brüder! Der Feuerbringer hat eurem Schamanen eine Botschaft zugeflüstert, und ihr sollt sie hören: ‚Lasst die jungen Männer die jungen Weiber in ihre Hütten führen. Lasst sie dem Wolf an die Kehle fahren. Wir sollen wieder ein mächtiges Volk werden, dass die Wölfe vertreibt, und wir werden wieder über das Land herrschen.' Das war die Botschaft."

Diese Rede ließ die Indianer aufspringen und in ein heiseres Geheul ausbrechen. Geschrei erhob sich, und man rief nach dem Fuchs, bis einer der jungen Männer vortrat und sprach:

"Brüder! Der Schamane hat weise gesprochen. Die Wölfe haben unsere Weiber genommen, und unsere Männer sind kinderlos. Viele schlimme Dinge haben sie über uns gebracht. Ich, der Fuchs, habe mir kein Weib genommen und weshalb? Zweimal sind die Mädchen, die mir gefielen, in das Lager der Wölfe gegangen. Und nun habe ich viele Felle gesammelt, um die Gunst von Thling-Tinneh zu gewinnen, damit er mir Zarinska, seine Tochter, gibt. Aber nun soll sie mit dem Wolf gehen.

So wie mir geht es vielen jungen Männern. Die Wölfe nehmen immer das Beste, die Raben bekommen immer nur den Abfall." Er zeigte auf Frauen mit schielenden Augen, mit Ohren, die nicht hören können und anderen Gebrechen. "Haben die Wölfe sie gewählt?"

"Nein, nein!", brüllten seine Stammesgenossen, und grausamer Beifall erscholl.

Dann trat auch noch der Bär nach vorn, groß und mit breiter Brust. Er war kein gewandter Redner wie der Fuchs, aber er sprach von seinen Heldentaten, die er schon vollbracht hatte. "Als meine Stimme noch die eines Mädchens war, tötete ich bereits Luchs, Elch und Rentier. Später tötete ich drei Männer vom Stamm des weißen Flusses und auch dem grauen Bären wich ich nicht aus.

Heute Nacht will ich mit dem Wolf kämpfen. Ich will ihn töten, und Zarinska soll an meinem Feuer sitzen."

Mackenzie wusste, dass er keine Chance hatte, wenn sie ihn gesammelt angriffen. Er schob beide Revolver im Gürtel so hin, dass er sie mit einem einzigen Griff erreichen konnte. Der Bär aber hielt die anderen Indianer zurück.

Mackenzie blickte sich nach Zarinska um. Sie sah prachtvoll aus. Ihre großen schwarzen Augen beobachteten alles. Sie schien zu Stein verwandelt. Als der Weiße sie ansah, ließ ihre Spannung nach. Sie warf ihm einen Blick zu, der mehr als Liebe enthielt.

Thling-Tinneh versuchte zu reden, aber sein Volk übertönte seine Stimme. Da trat Mackenzie vor. Der Fuchs öffnete den Mund zu einem durchdringenden Schrei, aber Mackenzie sprang so wild auf ihn los, dass er zurückwich und der Schrei in seiner Kehle erstickte. Schallendes Gelächter erklang. Dann trat einen Augenblick Ruhe ein, den Mackenzie zum Sprechen nutzte.

"Brüder! Der weiße Mann, den ihr ‚Wolf' nennt, sprach keine Lügen zu euch. Er kam als Freund und wollte euer Bruder sein. Aber eure Männer haben gesprochen, und die Zeit der sanften Worte ist vorbei.

Zunächst will ich euch sagen, dass der Schamane eine böse Zunge hat und euch belügt. Die Botschaft, von der er sprach, kam nicht von euren Göttern. Als ihr in Hungersnot gelebt habt, als alte Menschen und Kinder starben, brachte da der Schamane euren Jägern Glück? Brachte er euch Fleisch? Ich sage euch, der Schamane hat keine Macht."

Kein Laut war zu hören. Einige Frauen waren entsetzt, aber unter den Männern war nur eine Spannung zu spüren.

Der Schamane war sich klar, dass ein kritischer Augenblick gekommen war. Er fühlte seine Macht wanken, öffnete den Mund zu Drohungen, wich aber vor Mackenzies erhobener Faust und seinem flammenden Blick zurück.

Dieser lächelte höhnisch und fuhr in seiner Rede fort: "Hat mich vielleicht der Blitz getroffen? Sind Sterne vom Himmel gefallen und haben mich zerschmettert? Pah! Mit dem Hund bin ich fertig!

Und jetzt will ich euch von meinem Volk erzählen, dem mächtigsten aller Völker, die auf Erden leben.

Zarinska ist ein schönes Mädchen, aufrecht und stark; wohl geeignet, Mutter von Wölfen zu werden. Wenn ich sterbe, werden meine Brüder kommen. Hört das Gesetz des Wolfes: Wer das Leben eines Wolfes nimmt, wird mit zehn Leben seines eigenen Volkes dafür büßen.

Lasst mich wieder zurückkommen auf den Bären und den Fuchs. Beide hatten ein Auge auf das Mädchen geworfen. Aber seht, ich habe sie gekauft! Thling-Tinneh hat die Büchse und alle anderen Waren. Aber ich will den jungen Männern entgegen kommen. Dem Fuchs will ich fünf lange Rollen Tabak geben. Dem Bären, auf den ich stolz bin, will ich zwei Decken, zwanzig Tassen Mehl und ebenfalls fünf Rollen Tabak geben. Und wenn er mit mir über die Berge nach Osten zieht, will ich ihm eine Büchse geben, wie Thling-Tinneh sie bekam.

Nun ist der Wolf der Worte müde. Doch noch einmal will er die Worte des Gesetzes sagen: Wer das Leben eines Wolfes nimmt -zehn von seinem Volk sollen mit ihrem Leben dafür büßen."

Mackenzie trat lächelnd auf seinen Platz zurück, innerlich sehr unruhig. Die Entscheidung fiel für den Kampf. Der Platz um das Feuer wurde erweitert. Dabei wurde viel über die Niederlage des Schamanen gesprochen. Manche behaupteten, er hätte nur seine Macht zurückgehalten, während andere dem Wolf Recht gaben.

Der Bär trat in die Mitte des Kampfplatzes, ein langes, entblößtes Jagdmesser in der Hand. Mackenzie vertraute seine Büchse Zarinska an und sagte ihr, sie solle ihn warnen, wenn Gefahr von hinten drohe.

Nicht allein an Reichweite und Größe war der Bär ihm überlegen. Seine Klinge war um gut zwei Zoll länger als die Mackenzies, und sein Gesicht war das eines entschlossenen Mannes. Immer wieder wurde der Weiße bis an den Rand des Feuers oder in den tiefen Schnee hinaus gedrängt; aber immer wieder arbeitete er sich mit der Taktik des geübten Faustkämpfers in die Mitte zurück. Nicht eine Stimme erhob sich, um ihn anzufeuern, während sein Gegner Beifall, Hinweise und Warnungen erhielt. Aber er biss die Zähne zusammen, während die Messer klirrten, und kämpfte mit all seiner Kraft. Er wusste, dass er um sein Leben kämpft - und um seine Frau.

Zweimal traf er den Bären und sprang selbst unbeschädigt zurück. Das dritte Mal aber verfing sich sein Messer, und sie blieben aneinander hängen. Jetzt begann er die furchtbare Kraft seines Gegners zu spüren. Seine Muskeln spannten sich schmerzhaft, die Sehnen drohten zu zerreißen, aber die Klinge des Bären kam immer näher. Der Kreis der Indianer schloss sich dichter.

Mackenzie machte mit einem Ringergriff eine halbe Seitwärtsdrehung und hieb nach seinem Gegner. Dieser kam dadurch aus dem Gleichgewicht. Das nutzte Mackenzie aus, warf sich vor und schleuderte den Bären außerhalb des Kreises in den tiefen Schnee. Der Bär taumelte, kam aber zurück.

Da erklang Zarinskas Stimme, zitternd vor Angst. Ein Bogenstrang schwirrte, Mackenzie duckte sich blitzschnell, ein Pfeil mit einer Knochenspitze flog über ihn hinweg und bohrte sich in die Brust des Bären.

Im nächsten Augenblick stand Mackenzie wieder auf den Beinen und hatte sich umgedreht. Der Bär lag unbeweglich da, aber auf der anderen Seite des Feuers stand der Schamane und legte einen neuen Pfeil auf den Bogen.

Mackenzies Messer kreiste durch die Luft. Die schwere Klinge funkelte im Feuerschein, als das Messer über die Flammen schwirrte. Der Schamane schwankte einen Augenblick und stürzte dann nach vorn in die Glut. Das Messer saß bis zum Schaft in seiner Kehle.

Inzwischen hatte sich der Fuchs der Büchse Thling-Tinnehs bemächtigt und versuchte vergeblich, eine Patrone hinein zu schieben. Als er das Lachen des weißen Mannes hörte, ließ er sie fallen.

Mackenzie lacht und höhnte: "Der Fuchs weiß wohl nicht mit dem Spielzeug umzugehen? Er ist nur ein Weib! Komm her und gib sie mir! Dann will ich es dir zeigen!"

Der Fuchs zögerte erst, kroch dann aber wie ein geprügelter Hund vorwärts. Eine Patrone flog an ihren Platz, die Büchse war schussbereit, und Mackenzie hob sie an die Schulter.

"Der Fuchs hat gesagt, heute sollen große Taten verrichtet werden, aber seine war die kleinste. Ist er immer noch entschlossen, Zarinska heimzuführen? Will er vielleicht den gleichen Weg wie der Schamane und der Bär gehen? Nicht? Gut!"

Mackenzie wandte sich verächtlich ab und zog sein Messer aus der Kehle des Schamanen.

"Gibt es noch andere junge Männer, die den Kampf mit mir suchen? Dann will der Wolf sie zu zweit oder zu dritt auf einmal nehmen. Keiner mehr? Gut!

Thling-Tinneh, hier gebe ich dir deine Büchse zurück. Wenn du einmal ins Land des Yukons kommst, so wisse, dass immer ein Platz und viel Essen für dich am Feuer des Wolfes ist.

Ich gehe jetzt, aber vielleicht komme ich wieder. Und noch einmal: Denkt an das Gesetz des Wolfes!"

Er ging zu Zarinska. Sie nahm ihren Platz an der Spitze des Gespanns ein, und die Hunde setzten sich in Gang. Als sie im Wald verschwunden war, schnallte Mackenzie die Schneeschuhe an, um ihr zu folgen.

In fernem Lande

Wenn ein Mann sein bisheriges Leben in der gewohnten Zivilisation hinter sich lässt und in die wilde, primitive Einfachheit des Nordens zieht, muss er Gewohnheiten annehmen, die zu dem Leben in dem neuen Land passen, ansonsten wird er keinen Erfolg dort haben. Er wird bald entdecken, dass es dort einen großen Schatz gibt - die Kameradschaft!

Als man in der ganzen Welt vom arktischen Gold hörte und der Norden Macht über die Herzen der Menschen gewann, änderte auch Carter Weatherbee sein bisheriges Leben. Er ließ die Hälfte seines ersparten Geldes seiner Frau und verbrauchte den Rest für seine Ausrüstung. Er wagte alles in der Hoffnung auf einen großen Gewinn.

Zum Frühlingsanfang eilte er ach Edmonton und schloss sich dort einer Gesellschaft von Männern an. Diese wollten wie viele andere nach Klondike, aber auf einer ungewöhnlichen Route. Selbst die kühnsten Männer, die im Norden geboren und aufgewachsen waren, schnappten nach Luft, wenn sie den Weg auf der Karte sahen.

So auch John Baptiste. Er war ein Mischling, dessen Mutter eine Indianerin und der Vater ein Franzose waren. Er war im tiefsten Norden geboren, und obwohl er ihnen seine Dienste verkaufte und sich verpflichtete, wenn es sein solle, ins ewige Eis zu ziehen, schüttelte er doch unheilverkündend den Kopf, als man ihn um Rat fragte.

Auch Percy Cuthfert schloss sich dieser Gesellschaft an. Er war ein Mensch mit großem Bankkonto und hatte nicht den geringsten Grund, sich auf ein solches Wagnis einzulassen. Er litt aber an einer anomal entwickelten Sentimentalität und verwechselte diese Sache mit Abenteuerlust.

Die erste Frühlingsschmelze fand die Gesellschaft auf dem Elchfluss. Begleitet wurden ihr imposantes Boot sowie ihre kleineren Boote und Kanus von einer ganzen Anzahl von zerlumpten Reisenden mit Weib und Kind. Tag für Tag rackerten sie sich mit den Booten ab, schlugen sich mit Moskitos, schwitzten und fluchten über die Stromschnellen. Diese schwere Arbeit zeigte, was man von jedem Mann zu halten hatte.

Carter Weatherbee und Percy Cuthfert waren Drückeberger und murrten ewig. Alle übrigen beklagten sich nicht über die Anstrengungen und Mühen. Nicht ein einziges Mal meldeten sie sich freiwillig zu den vielen kleinen Pflichten im Lager, wie zum Beispiel einen Eimer Wasser holen, Brennholz schlagen oder Teller aufwaschen. Sie waren die ersten, die abends in ihren Schlafsack krochen, obwohl noch eine Menge Arbeit zu verrichten war. Sie waren aber auch die letzten, die morgens aufstanden, wenn man sich vor dem Frühstück zum Aufbruch bereitmachen sollte. Sie waren die ersten bei den Mahlzeiten und die letzten, die bei den Vorbereitungen dafür halfen. Manchmal vergriffen sie sich sogar an den Rationen der anderen.

Sie glaubten, dass niemand es bemerkt, aber ihre Kameraden fluchten leise und hassten sie schließlich. Nur Jacques Baptiste höhnte offen und verfluchte sie von morgens bis abends.

Am Großen Sklavensee kaufte man Hudson-Bai-Hunde. Als sie am Großen Barren ankamen, verschwanden die ersten ihrer ärmlichen Begleiter, gepackt von der Furcht vor dem Unbekannten, denen bald auch alle anderen folgten.

Schließlich zog Jacques Baptiste allein das große Boot an den Zugleinen die Strömung hinauf. Die fehlerhafte, zum größten Teil nach mündlichen Berichten gezeichnete Karte wurde jetzt oft befragt. Sie mussten sich beeilen, denn die Sonnenwende war schon vorbei, und der Winter näherte sich. Sie fuhren die Küste der Bucht entlang, wo der Mackenzie ins Eismeer strömt, und drangen dann durch die Mündung in den Kleinen Peel-Fluss ein.

Dort begann wieder die Mühe sich stromaufwärts zu arbeiten. Die Anstrengungen mit Leinen und Stangen, Paddeln und Tragriemen, Stromschnellen und Passagen waren schlimmer denn je. Die Männer erkannten, wie das Leben hier wirklich war.

Eines Tages meuterten die beiden Drückeberger, und als Jacques Baptiste sie gehörig zurechtwies, kehrten sie sich wie Giftschlangen gegen ihn. Daraufhin vermöbelte er sie und schickte sie zerschlagen und blutend an die Arbeit.

Der Wettlauf mit dem Winter begann. Schließlich vertäuten sie ihre Flotte an dem dicken Eis und schafften ihre Güter an Land. In der Nacht wurde das Flusseis immer wieder krachend zusammen gepresst.

Als die Männer zur Beratung beieinander saßen, sagte Sloper, indem er die Entfernung mit dem Daumennagel auf der Karte maß: "Wir können nicht weiter als vierhundert Meilen vom Yukon entfernt sein."

Jacques Baptiste vertrat die Meinung, dass es jetzt nicht zu schaffen sei. Sein Vater hatte sich auf einer solchen Tour mehrere Zehen erfroren.

Sloper erklärte weiter, dass es den Yukon hinauf dann noch etwa fünfhundert Meilen wären, also alles in allem gut tausend Meilen von hier.

Weatherbee und Cuthfert stöhnten im Chor.

"Wie lange brauchen wir dazu, Baptiste?"

Der Mischling rechnete einen Augenblick nach. "Wenn wir wie der Teufel arbeiten, und keiner sich drückt, zehn - zwanzig - dreißig - vierzig - fünfzig Tage."

Sie hatten Unterkunft in einer Hütte gefunden, die in der ungeheuren Einöde lag. Sie war verlassen, und niemand wusste, wer sie gebaut hatte. Zwei Gräber unter freiem Himmel mit Steinhaufen enthielten vielleicht das Geheimnis. Aber wer hatte die Steine aufgeschichtet?

Nun war der Augenblick gekommen, wo sie sich entscheiden mussten. Sloper stand auf.

"Wer dafür stimmt, dass wir mit den Hunden weiter ziehen, sobald das Eis sich setzt, sagt ja."

"Ja!", ertöte es von acht Stimmen.

"Und dagegen?"

"Nein!", ertönten die Stimmen der zwei Drückeberger.

"Was werdet ihr nun tun?", fragte Weatherbee.

"Wir werden weiterziehen", verkündete Sloper unter dem Beifall der meisten Männer.

"Und was wird dann aus uns?", fragte Cuthfert ängstlich.

"Tut was ihr wollt!"

Ein anderer sagte: "Beratet euch gegenseitig! Dein Freund Weatherbee wird dir schon sagen, wie du es machen musst, wenn du Essen kochen und Holz sammeln willst."

"Dann ist es also beschlossene Sache", stellte Sloper fest. "Morgen ziehen wir los und kampieren fünf Meilen von hier, nur um alles in Ordnung zu bringen und zu sehen, ob wir etwas vergessen haben."

Die Schlitten waren bereit, und die Hunde lagen flach im Geschirr. John Baptiste stand neben Sloper und warf einen letzten Blick auf die Hütte. Der Rauch quoll zum Schornstein heraus, und die beiden Drückeberger sahen ihnen nach.

Anfangs ging es ausgezeichnet in der kleinen Hütte. Sie wetteiferten miteinander und erfüllten ihre Pflichten bereitwillig. Im Wald, der sie umgab, war genügend Holz und frisches Wasser holten sie durch ein Loch im Eis vom Fluss.

Das Loch fror allerdings immer wieder zu, und sie brauchten eine Stunde, um es wieder aufzuhacken. Das wurde ihnen bald zuviel.

Auf der Rückseite der Hütte gab es einen Vorratsraum, in dem der Hauptvorrat der Gesellschaft aufbewahrt wurde. Es war genügend Nahrung.

Es gab mehr als genug Zucker. Die beiden mischten ihn mit warmem Wasser und tunkten ihre Pfannkuchen und ihr Brot in den weißen Sirup. Sie tranken viel Kaffee und Tee und aßen Dörrobst.

Es dauerte nicht lange, bis es zu den ersten Streitigkeiten kam. Außer dem Kampf ums Dasein hatten sie nichts gemeinsam. Weatherbee war Kontorist und hatte sein Leben lang nichts als Geschäftsbücher gekannt. Cuthfert war akademisch gebildet, malte etwas und hatte allerhand geschrieben. Der Kontorist erschien dem Akademiker wie ein schmutziges, unkultiviertes Tier, und das sagte er ihm auch. Dafür bekam er zu hören, dass er ein Muttersöhnchen sei.

So lebten sie meist schweigend nebeneinander und ignorierten sich. Dabei wurden sie immer fauler. Eines Tages beschlossen sie, dass jeder sein Essen allein zubereiten solle.

Als der Zucker und die anderen Leckereien zur Neige gingen, begann jeder zu fürchten, dass er nicht mehr genug erhalten würde. Sie stopften sich den Bauch voll bis zum Brechen. Aber die Männer ertrugen diese Fresserei nicht. Aus Mangel an frischem Gemüse und Bewegung wurde ihr Blut dick, und ekelhafte Blutknoten bildeten sich unter der Haut. Allerdings beachteten sie diese Warnung nicht. Das nächste war, dass ihre Muskeln und Gewebe anzuschwellen begannen, das Fleisch wurde schwarz, Mund, Kinn und Lippen wurden gelblich wie fette Sahne. Statt sich zu helfen, erfreute sich jeder an den Symptomen der Skorbut beim anderen.

Sie verloren jeden Sinn für ihr Äußeres und für Wohlanständigkeit. Haar und Bart wurden lang und wirr, und ihre Kleider hätten sogar den Abscheu eines Lumpensammlers erregt. Dazu kam, dass der Frost unerbittlich war, und der Herd viel Holz verschlang.

Und es kam noch eine neue Plage hinzu - der Schrecken des Nordens. Die Sonne glitt zum letzten Mal hinter den südlichen Horizont, und die Finsternis des Dezembers war geboren.

Weatherbee fiel abergläubischen Vorstellungen zum Opfer und beschwor Geister. Er sah sie in der Hütte und fühlte sie unter seiner Decke. Wenn sie seine Glieder berührten und ihm von kommenden Dingen ins Ohr flüsterten, hallte die Hütte wider von seinen entsetzten Schreien.

Cuthfert wusste nicht, was mit ihm war, denn sie sprachen nicht miteinander. Er glaubte, dass der andere verrückt wird und fürchtete um sein Leben. Oft saß er dann aufrecht im Bett, zitterte und richtete seinen Revolver auf den Träumenden.

Doch auch Cuthferts Phantasie hielt ihn zum Narren. Er erregte sich über eine Wetterfahne auf dem Dach der Hütte, die immer nach Süden zeigte. Er drehte sie in andere Richtungen, aber immer wieder nahm sie die gewohnte Stellung ein. Zuweilen folgte er der Richtung quer durch die Einöde. Er kämpfte sich durch den tiefen Schnee und verfolgte Spuren, die es nur in seiner Phantasie gab. Spätabends schleppte er sich auf Händen und Knien, mit erfrorenen Wangen und gefühllosen Füßen wieder in die Hütte.

Weatherbee grinste boshaft, bot ihm aber keine Hilfe an. Es stach wie Nadeln in den Zehen, und schließlich entzündeten sie sich.

Weatherbee hatte seine eigenen Sorgen. Die Geister kamen immer häufiger. Eines Nachts zogen sie ihn hinaus. In wildem Entsetzen erwachte er und floh in die Hütte. Er musste aber eine zeitlang draußen gelegen haben, denn auch seine Füße und Wangen waren erfroren.

Zuweilen machte ihn die ständige Anwesenheit der Toten ganz toll. Er tanzte in der Hütte herum, hieb mit einer Axt durch die Luft und zerschmetterte alles, was in seinen Bereich kam.

Während dieser Spukkämpfe verfolgte ihn Cuthfert mit gespanntem Revolver, bereit ihn niederzuschießen, wenn er ihm nahe käme. Einmal, als Weatherbee nach einem solchen Anfall erwachte, sah er die Waffe auf sich gerichtet. Von nun an beobachteten sie einander genau, jeder in ständiger Furcht, dem anderen den Rücken zu kehren.

Wegen ihrer Angst voreinander ließen sie stets die ganze Nacht die Tranlampe brennen und schliefen kaum noch. Bald sahen sie wie wilde, gejagte, verzweifelte Tiere aus. Ihre Wangen und Nasen waren erfroren gewesen und schwarz geworden. Die Zehen begannen beim ersten oder zweiten Gelenk abzufallen. Jede Bewegung bereitete Schmerzen.

Aber der Herd war unersättlich, das Feuer forderte neue Nahrung. Sie schleppten sich in den Wald und sammelten, auf den Knien rutschend, Holz. An einem Tag stießen sie dabei in einem Dickicht von zwei Seiten aufeinander. Sie starrten sich an und erkannten sich nicht. Sie sprangen auf, schrien vor Entsetzen und stürzten auf ihren kranken Füßen fort. Als sie vor der Tür der Hütte zusammenbrachen, erkannten sie ihren Irrtum.

Es gab zuweilen auch noch Augenblicke, in denen sie zu sich kamen. Dann teilten sie den Zucker in gerechte Teile. Jeder bewachte seinen Vorrat mit eifersüchtigen Blicken, denn es waren nur noch wenige Tassen voll übrig.

Eines Tages jedoch irrte sich Cuthfert. Krank vor Schmerzen und mit geblendeten Augen kroch er mit der Zuckerdose in der Hand in die Vorratskammer und verwechselte seinen Sack mit dem Weatherbees.

Gerade an diesem Tag, es war Anfang Januar, hatte die Sonne ihren tiefsten Stand im Süden passiert und warf jetzt blitzende Streifen gelben Lichtes über den Himmel. Als die Mittagszeit sich näherte und der Tag heller wurde, schleppten sie sich hinaus. Sie hatten Tränen in den Augen, als sie sich ansahen. Eine seltsame weiche Stimmung überkam sie, und zum ersten Mal dachten sie wieder an die Zukunft.

Dann kam der Moment, in dem Weatherbee in der Vorratskammer rumorte. Plötzlich stieß er einen Strom von Verwünschungen aus, der aber mit erschreckender Plötzlichkeit abbrach. In seinen Wahnvorstellungen waren die zwei Toten unter den Steinhaufen hervor gekrochen, führten ihn leise zum Holzstapel und legten ihm die Axt in die Hände. Dann halfen sie ihm, die Tür zur Hütte aufzuschieben.

Cuthfert war entsetzt über den Ausdruck im Gesicht des anderen. Der aber folgte ihm mit der Zielbewusstheit eines Menschen, der eine bestimmte Arbeit zu verrichten hat.

Cuthfert überlegte einen Augenblick, machte dann eine blitzschnelle Bewegung nach seinem Bett und griff nach seiner Waffe.

Der Schuss traf Weatherbee gerade ins Gesicht, aber er schwang weiter seine Axt. Diese schnitt Cuthfert tief unten ins Rückgrat, und er spürte, wie jedes Gefühl in seinen unteren Gliedmaßen schwand. Da fiel der Kontorist über ihn und fasste mit schwachen Fingern nach seiner Kehle. Cuthfert fühlte seine Kräfte schwinden. Der untere Teil seines Körpers war unbrauchbar. Ob jemals einer seiner Freunde in der Heimat erfahren würde, was hier geschah? Was würden seine Freunde dazu sagen? Sie würden es wohl beim Kaffee lesen oder im Klub darüber sprechen.

Viele Gedanken gingen ihm im Kopf herum, bis er schließlich die Augen schloss und einschlief.

Auf der Rast

Malemute Kid braute einen starken Punsch aus Whisky, Schnaps, Kognak und Pfeffersoße. Zu den anderen Männern sagte er, dass nur einmal im Jahr Weihnachten ist, und man sich nach einem Jahr mit Kaninchenfährten und Lachsbäuchen einen solchen Trunk verdient habe. Sie unterhielten sich über Erlebnisse aus den vergangenen Jahren, über Auseinandersetzungen mit Indianern und den Raub von Frauen.

Malemute Kids furchtbares Gebräu tat seine Wirkung. Die Männer aus den Lagern und den weiten Einöden tauten unter seiner Wärme auf, und Scherz, Gelächter, Gesang und Erzählungen gingen reihum. Männer, die das Schicksal zusammengewürfelt hatte, tranken sich zu: der große Jim Belden aus seiner Grube bei Mary May, Louis Savoy, ein junger Französisch-Kanadier, der erst vor zwei Jahren als Goldgräber hierher gekommen war, Vater Roubeau, ein Jesuit, der Engländer Prince und andere.

Später hörten sie das wohlbekannte Knallen einer Hundepeitsche, das Heulen der Hunde und das Schnurren eines Schlittens, der vor der Hütte anhielt. Die Unterhaltung hörte auf, man wartete, was kommen würde. Dann ertönte das erwartete Klopfen, scharf und zuversichtlich, und der Fremde trat ein. Vom Licht geblendet, zögerte er einen Augenblick in der Tür und gab den Männern dadurch Gelegenheit, ihn genauer zu betrachten.

Er war sehr groß mit breiten Schultern und trug eine Polartracht aus Wolle und Pelz. Sein glatt rasiertes Gesicht war durch die Kälte rosig gefärbt, die langen Wimpern waren weiß von Reif und die Ohrenklappen sowie der Nackenschutz seiner großen Wolfsfellmütze hingen lose herab. In seinem perlengestickten Gürtel steckten zwei große Revolver und Jagdmesser. Außer seiner Hundepeitsche hielt er in der Hand noch eine Büchse vom schwersten Kaliber. Sein Gang war fest und elastisch, aber er sah müde aus.

Er grüßte mit einem herzlichen "Fröhliche Weihnachten, Leute!", und im nächsten Augenblick schüttelten sich Malemute Kid und er die Hände. Obwohl sie sich noch nie getroffen hatten, kannten sie sich doch vom Hörensagen. Die Männer setzten auch ihm einen Becher Punsch vor.

"Wie lange ist es her, dass hier ein Korbschlitten mit drei Mann und acht Hunden vorbei gekommen ist?", fragte er.

"Wohl zwei Tage. Bist du hinter ihnen her?"

"Ja, es ist mein Gespann. Sind mir direkt vor der Nase davon gelaufen, die Spitzbuben. Zwei Tage habe ich schon eingeholt, jetzt habe ich sie wohl bald." Der Fremde schlug bedeutungsvoll auf seinen Revolver.

"Wann bist du von Dawson aufgebrochen?"

"Heute Mittag um zwölf."

Ein überraschtes Murmeln ging durch den Kreis, denn es war jetzt gerade Mitternacht, und in zwölf Stunden waren siebzig Meilen rauen Flusseises eine große Leistung.

Das Gespräch kam bald wieder auf allgemeine Dinge, während Malemute Kid immer wieder den Fremden betrachtete. Er fand, dass seine Züge hübsch, offen und ehrlich waren und dass sie ihm gefielen. Der Mann war noch jung, aber das harte Leben hatte sein Gesicht streng gemacht. Obwohl seine blauen Augen freundlich blickten, konnte man sich vorstellen, dass sie auch hart werden konnten, wenn es galt zu handeln und es mit einer Übermacht aufzunehmen.

Inzwischen erzählten die Männer von ihren Frauen und Familien.

Belden fragte: "Und du, Fremder, bist du verheiratet?"

Statt zu antworten, öffnete der Mann seine Uhr, löste sie von dem Riemen, der ihm als Uhrkette diente, und reichte sie dem anderen. Dieser sagte: "Donnerwetter!" und gab sie weiter. Die Uhr wanderte von einer rauen Hand zur nächsten, und die Männer bewunderten das Bild einer hübschen Frau mit einem Kind.

"Ich habe den Kleinen nie gesehen. Er ist zwei Jahre alt und ein Junge", sagte der Fremde, als er den Schatz zurück erhielt. Einen Augenblick betrachtete er das Bild und Tränen traten in seine Augen.

Malemute Kid führte ihn zu einer Koje, in der er schlafen sollte.

"Wecke mich Punkt vier! Vergiss es ja nicht!", lauteten seine letzten Worte, und einen Augenblick später atmete er tief im Schlaf der Erschöpfung.

"Donnerwetter, das ist ein Kerl!", meinte Prince.

"Drei Stunden Schlaf nach fünfundsiebzig Meilen und dann wieder los auf die Spur. Wer ist er, Kid?"

"Jack Westondale. Er ist seit drei Jahren hier und arbeitet wie ein Pferd. Allerdings hat er nur ein Pech nach dem anderen gehabt. Ich kenne ihn nicht selbst, aber man hat mir von ihm erzählt."

"Es muss hart sein, dass ein Mann mit einer so reizenden Frau seine besten Jahre in diesem gottverlassenen Land verbringt, wo ein Jahr soviel ist wie zwei anderswo in der Welt."

"Sein Fehler ist, dass er ein zu toller Draufgänger und dabei zu eigensinnig ist. Zweimal hat er alles auf eine Karte gesetzt und alles verloren."

Die Unterhaltung der Männer wandte sich wieder anderen Themen zu. Malemute Kid sah währenddessen immer wieder ängstlich auf seine Uhr. Schließlich nahm er Fausthandschuhe und Biberfellmütze, verließ den Raum und begann in der Vorratskammer zu rumoren.

Er konnte die festgesetzte Zeit nicht abwarten und weckte seinen Gast eine Viertelstunde zu früh. Kid hatte ihm schon die Hunde angeschirrt und alles für die Abfahrt vorbereitet. Die Männer wünschten ihm einen baldigen Erfolg. Vater Roubeau gab ihm einen schnellen Segen. Malemute Kid schüttelte ihm herzlich die Hand und gab ihm gute Ratschläge.

"Du wirst hundert Pfund Lachsrogen auf dem Schlitten finden", sagte er. "Erst in gut zweihundert Meilen bekommst du wieder Nahrung für dich und die Hunde. Achte auf das offene Wasser auf dem Thirty-Mile-Fluss und nimm den Weg über den Le-Barge-See!"

Der Fremde fuhr zusammen, und seine Augen funkelten "Woher weißt du, wohin ich will?"

"Ich weiß nichts und will auch nichts wissen. Aber das Gespann, dem du nachjagst, hat dir nie gehört. Du gefällst mir, also, zum Kuckuck!"

Kid zog sich den Handschuh ab und reichte dem Fremden seinen Geldbeutel.

"Nein, das brauche ich nicht", sagte dieser, und die Tränen gefroren auf seinen Wangen, als er krampfhaft Malemute Kids Hand presste.

"Schone die Hunde nicht. Sobald einer zurück bleibt, schneide ihn los und kaufe dir einen neuen, was du dafür auch geben musst."

Keine fünfzehn Minuten später verkündete Schellengeläut die Ankunft neuer Gäste. Die Tür öffnete sich, und ein Mann von der berittenen Polizei des Nordwest-Territoriums trat ein, gefolgt von zwei Hundeführern. Sie waren schwer bewaffnet und schienen erschöpft zu sein.

"Wann ist Westondale gefahren?", fragte der Polizist. "Er hat hier doch Aufenthalt gemacht, nicht wahr?"

Malemute Kid hatte Belden einen Blick zugeworfen, der verstand den Wink und antwortete ausweichend: "Das ist schon eine ganze Weile her. Was hat er denn angestellt?"

"Er hat Harry Mc Farland vierzigtausend geraubt und sich einen Scheck auf Seattle gekauft. Die Auszahlung können wir nur verhindern, wenn wir ihn einholen. Wann ist er weiter gefahren?"

Nicht ein Blick verriet die allgemeine Spannung. Wie bei Malemute Kid begegnete der Polizist überall nur unbeweglichen Gesichtern. Er sprach die Männer einzeln an. Als er schließlich Vater Roubeau ansprach, konnte dieser nicht lügen. "Vor einer Viertelstunde", antwortete der Priester. "Aber er und seine Hunde haben sich vier Stunden ausgeruht."

"Fünfzehn Minuten Vorsprung und ausgeruht!" Der arme Bursche wankte vor Erschöpfung und Enttäuschung halb bewusstlos zurück.

Malemute Kid zwang ihn, einen Becher Punsch zu trinken, Dann wandte sich dieser der Tür zu, aber die Hundeführer erhoben kräftige Einwände, denn die Wärme und die Aussicht auf Ruhe waren zu verlockend. Sie schworen, dass die Hunde nicht weiter könnten und dass es für sie alle das Beste wäre, sich auszuruhen.

Der Polizist wollte von Malemute Hunde kaufen, aber der weigerte sich. Es kam zum Streit zwischen dem Polizisten und den Hundeführern, aber schließlich gingen sie vor die Tür zu den Hunden und setzten unter großen Anstrengungen ihren Schlitten wieder in Gang.

Nun konnten die Männer ihren Zorn zeigen - den Zorn darüber, dass sie hinters Licht geführt worden waren, aber vor allem darüber, dass die Moral des Nordlandes verletzt worden war, in der Ehrlichkeit die höchste Tugend des Mannes ist.

"Ein dreckiger Schurke und Lügner!"

"Der Blitz soll ihn treffen!"

"Ein Dieb!"

"Und wir haben dem Banditen geholfen!"

Alle Augen richteten sich anklagend auf Malemute Kid. "Ihr seht nur die eine Seite der Sache. Ein ehrlicherer Mann als Jack Westondale war nie hier! Voriges Jahr im Frühling gab er seine ganzen Ersparnisse - vierzigtausend - Joe Castrell, damit er Land von der Regierung für ihn kaufe. Heute wäre er Millionär gewesen. Aber was tut Joe Castrell, während Westondale in Circle City einen kranken Freund pflegt? Er geht zu Mc Farland und verspielt das Ganze. Am nächsten Tag lag er tot im Schnee. Der arme Jack wollte heimreisen zu seiner Frau und dem Jungen, den er noch nie gesehen hatte. Denkt daran: Er nahm genau das, was sein Kompagnon verlor - vierzigtausend! Nun ist er weg. Was wollt ihr machen?"

Kid blickte sich im Kreis um und sah, dass der Zorn sich legte. Er hob seinen Becher: "Und nun wollen wir anstoßen auf den Mann, der auf der Fahrt ist. Möge sein Proviant reichen, mögen seine Hunde frisch bleiben und seine Streichhölzer nie nass werden. Gott sei mit ihm!"

"Nieder mit der berittenen Polizei!" rief Bettles, und sie stießen mit vollen Bechern an.

Eine Odyssee des Nordens

Die Schlitten sangen ihr ewiges Klagelied, begleitet vom Knirschen der Geschirre und dem Läuten der Schellen des Leithundes. Die Männer und die Hunde waren müde und gaben keinen Ton von sich. Es war eine schwere Fahrt durch den frisch gefallenen Schnee. Die Dunkelheit brach herein, aber heute sollte kein Lager aufgeschlagen werden. Der Schnee fiel leise. Für die Männer war es warm - nur zehn Grad Fahrenheit unter Null. Meyers und Bettles hatten ihre Ohrenklappen hoch geschlagen, Malemute Kid hatte sogar die Fausthandschuhe ausgezogen.

Die Hunde waren früh am Nachmittag müde gewesen, begannen sich jetzt aber wieder zu erholen. Die kräftigsten spornten die anderen immer wieder an. Endlich stieß der Leithund des ersten Schlittens ein Freudengeheul aus, streckte sich und warf sich eifrig ins Geschirr. Die anderen folgten seinem Beispiel. Die Schlitten schossen vorwärts, und die Männer feuerten die Hunde noch durch Zurufe an.

Dann kam der Endspurt bis zu dem erleuchteten Fenster, das von der gemütlichen Hütte, dem prasselnden Yukonofen und den dampfenden Teetöpfen erzählte. Aber die Hütte war von Fremden besetzt. Sechzig heisere Mäuler kläfften im Chor, und ebenso viele Körper stürzten sich auf die Hunde, die den ersten Schlitten zogen. Die Tür öffnete sich, ein Mann in dem scharlachroten Mantel der Nordwest-Polizei watete bis zu den Knien durch den Schnee zu den rasenden Tieren und beruhigte sie mit der Peitsche.

Dann drückten die Männer sich die Hände, und so wurde Malemute Kid in seiner eigenen Hütte von einem Fremden willkommen geheißen.

Stanley Prince, der ihn hätte empfangen sollen und der die Verantwortung für den Yukonofen und den Tee trug, war durch die Gäste ganz in Anspruch genommen. Es waren etwa ein Dutzend Männer verschiedener Rassen mit gestählten Muskeln und sonnenverbrannten Gesichtern, lebensfroh, helläugig und zuverlässig. Sie hatten der Königin bei der Handhabung der Gesetze und der Austeilung ihrer Post geholfen. Die Herzen ihrer Feinde versetzten sie in Angst und Schrecken.

Sie fühlten sich vollkommen zu Hause, lagen in den Kojen, saßen im Raum und erzählten ihre Abenteuer. Raue Scherze flogen hin und her. Prince wurde mitgerissen von den Geschichten dieser Helden und ließ seinen kostbaren Tabak die Runde machen.

Als die Reisenden schließlich ihre letzte Pfeife stopften und die Schlafsäcke auseinander rollten, wandte sich Prince an seine Kameraden, um Näheres über die Gäste zu erfahren.

"Nun, über den Cowboy weißt du Bescheid", antwortete Malemute Kid. "In den Adern seines Freundes fließt englisches Blut. Die Anderen sind samt und sonders Mischlinge. Der Kerl mit der Schärpe um den Leib hat garantiert eine indianische Mutter und einen schottischen Vater. Und der hübsche Bursche dort, der den Mantel unter dem Kopf hat, ist französisches Halbblut. Du hast ihn sprechen hören, und er kann die beiden Indianer, die sich neben ihn gelegt haben, nicht leiden."

"Aber was ist der mürrische Bursche am Ofen für einer? Ich möchte darauf schwören, dass er kein Englisch kann. Er hat den ganzen Abend nichts gesagt."

"Da irrst du dich. Er spricht gut genug Englisch. Hast du seine Augen nicht gesehen, als er zuhörte? Ich sah sie. Aber er hat nichts mit den anderen gemein. Ihren Jargon versteht er nicht. Ich möchte selbst gern wissen, was für einer er ist. Wir wollen es herausfinden!"

Malemute Kid sah den Mann an, von dem die Rede war, und befahl ihm: "Leg ein paar Stücke Holz auf!" Dieser gehorchte sofort.

"Hat irgendwo Disziplin gelernt", meinte Prince leise.

Kid nickte und sprach den Mann wieder an: "Wann wollt ihr in Dawson sein?"

"Fünfundsiebzig Meilen. - Ich denke, in zwei Tagen."

"Bist du schon früher in unserem Land gewesen?"

"Nein."

"Nordwest-Territorium?"

"Ja"

"Da geboren?"

"Nein."

"Donnerwetter, wo bist du denn her? Du bist keiner von denen da." Malemute Kid zeigte auf die Hundekutscher und die beiden Polizisten.

"Ich kenne dich", antwortete der Mann.

"Woher? Du hast mich schon gesehen?"

"Nein, aber deinen Freund, den Priester. Ist schon lange her, gab mir Proviant. Er wird über mich reden."

"Ach, dann bist du der, der die Otternfelle für die Hunde verkaufte!"

Der Mann nickte, klopfte seine Pfeife aus, rollte sich in den Schlafsack und erklärte damit die Unterhaltung als beendet.

"Also, wer ist er?", fragte Prince.

"Ich habe von ihm gehört", erzählte Kid. "Die ganze Küste sprach vor acht Jahren über ihn. Er kam mitten im Winter vom Norden her, viele tausend Meilen. Er hatte es eilig, als wenn der Teufel hinter ihm her wäre. Es ging ihm dreckig, als er von schwedischen Missionaren Proviant bekam und sich nach dem Weg nach Süden erkundigte.

Bei schrecklichem Wetter, Schneesturm und Gegenwind kam er an sein Ziel. Tausende hätten ihr Leben gelassen, aber er schaffte es. Als er in Pastilik ankam, hatte er alle Hunde bis auf zwei verloren und war mehr tot als lebendig.

Er hatte solche Eile, dass Vater Roubeau ihm Proviant geben musste, aber Hunde konnte er ihm nicht verschaffen. Auf seinem Schlitten hatte unser Odysseus ein Bündel der schönsten Otternfelle. In Pastilik wohnte ein alter russischer Händler, der viele Hunde hatte. Ohne langes Handeln hatte der Fremde bald ein ansehnliches Gespann und der Händler die herrlichen Otternfelle. Wir rechneten damals, dass ihm die Hunde mindestens fünfhundert Dollar das Stück eingebracht hatten. Doch der Fremde hatte genau gewusst, was seine Felle wert waren. Er war zwar irgendein Indianer, aber seine wenigen Reden zeigten, dass er unter Weißen gelebt hatte.

Nun höre ich zum ersten Mal seit acht Jahren wieder von ihm. Aber wo kam der Mensch her und was hatte er dort getan? Und warum war er fort gegangen? Er ist ein Indianer, aber er hat Disziplin gelernt, was für sie ungewöhnlich ist."

Bald schnarchte Malemute Kid, aber Prince lag mit offenen Augen da und starrte in die Finsternis.

Am nächsten Morgen brachen die Polizisten und die Hundetreiber nach Dawson auf, doch schon eine Woche später waren sie auf dem Rückweg wieder da - schwer beladen mit neuen Briefen. Einige der Indianer dachten daran, ihren Dienst zu beenden und nach Hause zurück zu kehren.

Der mit den Otternfellen schien von einer inneren Unruhe gepackt zu sein. An Unterhaltungen beteiligte er sich kaum.

Schließlich zog er Malemute Kid beiseite und redete eine Weile leise auf ihn ein. Prince blickte neugierig zu ihnen hinüber. Kid und der Fremde nahmen ihre Mützen und Fausthandschuhe und gingen hinaus. Als sie wiederkamen, stellte Kid eine Goldwaage auf den Tisch, wog sechzig Unzen ab und tat sie in den Beutel des Mannes.

Dann schloss sich der erste Hundetreiber der Beratung an, und es wurden Vereinbarungen mit ihm getroffen. Am nächsten Tag zog die Gesellschaft weiter, aber der Mann mit den Otternfellen erhielt Proviant und kehrte in die Richtung nach Dawson um.

Prince wollte von Kid wissen, was passiert war.

"Ich wusste nicht, was ich machen sollte", antwortete der. "Der arme Kerl wollte aus irgendeinem Grund seinen Dienst quittieren. Er hatte sich auf zwei Jahre verpflichtet, und die einzige Möglichkeit, freizukommen, ist, dass man sich loskauft. Er sagte mir, dass er keinen Cent besitze und dass ich der einzige Mensch sei, mit dem er ein paar Worte gewechselt habe.

Er sagte mir, dass er mir das Geld im Laufe eines Jahres abzahlen werde, und wenn ich es wünsche, würde er mich auf die Fährte eines großen Reichtums setzen. Er hätte ihn zwar nie gesehen, aber er wusste, dass es ihn gibt.

Er weinte fast, bat und flehte, warf sich vor mir in den Schnee, bis ich ihn hochzog. Er sagte, dass er unbedingt gehen müsse, denn ansonsten wäre es zu spät. Nie in meinem Leben habe ich einen Menschen gesehen, der so auf etwas versessen war. Als ich ihm sagte, dass ich ihm das Geld geben werde, schwor er mir, er werde mir alles geben, was er fände, er werde mich reich machen.

Ich weiß nicht, was dahinter steckt, aber glaube mir, Prince, wir werden noch von ihm hören."

Die kalte Jahreszeit mit den langen Nächten war gekommen, und dann hörten sie etwas von Malemutes Geld.

An einem rauen Morgen Anfang Januar hielt ein Zug schwer beladener Hundeschlitten vor seiner Hütte. Der Mann mit den Otternfellen war wieder da und mit ihm Axel Gunderson, ein Mann, von dem man an den Lagerfeuern sprach. Wenn man von Draufgängertum, Kraft und Entschlossenheit redete, fiel sein Name. Und man sprach auch von seiner Frau.

Axel Gunderson war riesengroß. Dreihundert Pfund Knochen und Muskeln steckten in seiner malerischen Kleidung und wurden von Schneeschuhen getragen, die reichlich drei Fuß länger waren als die anderer Männer. In seinem Gesicht waren buschige Brauen, gewaltige Kiefer und scharfe Augen von sehr blassem Blau. Wie gelbe Seide umgab das bereifte Haar sein Gesicht und fiel ihm bis auf den Bärenpelz.

Prince bereitete Brotteig zu und warf immer wieder Blicke zu den Gästen. Der merkwürdige Fremde, dem Malemute Kid den Namen Odysseus gegeben hatte, beschäftigte ihn noch immer.

Aber sein Hauptinteresse galt Axel Gunderson und seiner Frau. Sie hatte vor der Reise ein verwöhntes Leben in Reichtum geführt und war nun etwas mitgenommen und müde. Sie war eine Indianerin mit tiefen, schwarzen Augen. In der Unterhaltung erfuhren sie, dass sie schon viel gereist war, auch in das Land der Weißen. Sie erzählte von leckeren Speisen, die die Männer schon fast vergessen hatten. Sie wusste aber auch viel über die Natur und konnte Fährten im Schnee lesen.

Bei Tisch hatten Malemute Kid und Prince viel Spaß mit dieser Frau, nachdem sie die erste Verlegenheit dieser neuen Bekanntschaft überwunden hatten. Ihr Mann beteiligte sich kaum an dem Gespräch, war aber sichtlich stolz auf seine Frau. Jeder seiner Blicke machte deutlich, was sie ihm bedeutet.

Der Mann mit den Otternfellen aß schweigend und ging dann hinaus zu den Hunden. Bald folgten ihm auch Axel Gunderson und seine Frau.

Seit vielen Tagen hatte es nicht geschneit, und der Schlitten glitt leicht dahin. Odysseus führte den ersten Schlitten, mit dem zweiten kamen Prince und Axel Gundersons Frau, während den dritten Malemute Kid und der gelbhaarige Riese lenkten.

"Es ist reine Spekulation, Kid", sagte er. "Ich glaube aber daran. Er ist zwar nie da gewesen, macht aber einen guten Eindruck und hat eine Karte, von der ich schon vor vielen Jahren gehört habe. Ich hätte dich gern mitgenommen, aber er hat gesagt, dass er die Aktion sofort abbricht, wenn noch jemand mitkommen würde. Wenn ich aber wiederkomme, erhältst du den ersten Wink, und ich stecke dir einen Claim gleich neben meinem ab und gebe dir außerdem die Hälfte von den Bauplätzen. Wenn wir das Ganze richtig anfangen, bekommen wir Millionen über Millionen. Wir haben beide schon früher von dem Platz gehört und werden dort eine Stadt bauen für Tausende von Arbeitern - mit guten Wasserwegen, Dampfern, Frachtern, mit Eisenbahnlinien, Sägewerken, Lichtanlagen, Banken und Handelsgesellschaften. Du musst nur den Mund halten, bis ich wieder komme."

Schließlich kamen sie an die Stelle, wo sie Abschied voneinander nahmen.

Viele Wochen später spielten Malemute Kid und Prince eines Abends Schach, als es an der Tür klopfte. Sie wurde aufgestoßen, und etwas wankte blind herein und geradewegs auf sie zu. Prince griff nach seinem Gewehr, und flüsterte Malemute Kid zu: "Herrgott, was ist das?"

"Weiß nicht. Sieht aus wie ein Fall von viel Kälte und wenig Essen", antwortete dieser, indem er sich zurück zog. "Pass auf, vielleicht ist er verrückt!", warnte er.

Das Wesen - ein Mann - näherte sich dem Tisch, begann ein Seemannslied zu singen und wankte plötzlich knurrend wie ein Wolf zum Speiseschrank. Ehe sie dazwischen treten konnten, zerriss er mit den Zähnen ein Stück rohen Speck. Als Malemute Kid mit dem Mann rang, verließen ihn schnell die Kräfte, und er ließ seine Beute fallen. Eine kleine Dosis Whisky kräftigte ihn soweit, dass er ein bisschen Zucker essen konnte. Dann trank er einen Becher dünne Fleischbrühe. Dabei glühten die Augen des Mannes in einem düsteren Feuer.

Sein Gesicht war eingesunken und ausgezehrt und hatte nur wenig Ähnlichkeit mit menschlichen Zügen. Kälte und Frost hatten sich tief eingefressen. Jeder Frost hatte seinen Schorf über einer halbgeheilten älteren Narbe hinterlassen. An manchen Stellen sah das bloße rote Fleisch hervor. Die Haare waren an einer Seite abgesengt, so dass man sehen konnte, wo er am Feuer gelegen hatte. Seine Pelzbekleidung war schmutzig und zerlumpt. Sie sahen, dass das gegerbte Leder Stück für Stück in Streifen geschnitten war - das grausige Zeugnis des Hungers.

Malemute fragte: "Wer bist du?" - Keine Antwort.

"Wo kommst du her?"

"Kam den Fluss herunter", lautete die Antwort mit zitternder Stimme. "Sie lachte mich aus - mit Hass in den Augen, und sie wollte nicht kommen." Seine Stimme erlosch.

Malemute packte ihn am Handgelenk und rief: "Wer? Wer wollte nicht kommen?"

"Sie, Unga. Sie lachte und stach nach mir. Und dann …"

"Was dann?"

"Dann lag er sehr still im Schnee, lange. Er liegt noch immer im Schnee."

Die beiden Männer sahen sich an. "Wer liegt noch im Schnee?"

"Sie, Unga. Sie sah mich an mit Hass in den Augen und dann …"

"Ja?"

"Dann nahm sie das Messer - sie war schwach. Ich kam sehr langsam weiter. Und da ist viel Gold. Sehr viel Gold."

"Wo ist Unga?" Malemute Kid wusste, dass sie vielleicht eine Meile von hier sterbend liegen konnte. Er schüttelte den Mann immer wieder und fragte: "Wo ist Unga? Wer ist Unga?"

"Sie - liegt - im Schnee."

"Weiter!"

"Da wollte ich im Schnee bleiben, aber ich hatte eine Schuld zu bezahlen. Es war schwer - ich hatte eine Schuld zu bezahlen - eine Schuld - ich hatte …" Die stammelnden Worte stockten, während er in eine Tasche griff und einen Hirschbeutel heraus holte. "Eine Schuld zu bezahlen - fünf Pfund Gold - Malemute Kid - ich …"

Der Kopf sank auf den Tisch, und Malemute Kid konnte ihn nicht wieder anheben.

"Es ist Odysseus", sagte er ruhig und warf den Beutel mit dem Goldstaub auf den Tisch. "Ich glaube, mit Axel Gunderson und seiner Frau ist es aus."

Sie trugen ihn ins Bett, und als sie ihm das Zeug vom Leib schnitten, sahen sie nahe der rechten Brust zwei frische Messerstiche.

Als es dem Mann mit den Otternfellen wieder besser ging, sagte er: "Ich will von den Dingen, die geschehen sind, auf meine Weise sprechen. Ich will mit dem Anfang beginnen und von mir und der Frau und hinterher von dem Mann erzählen.

Ich bin Naass, ein Häuptling und der Sohn eines Häuptlings. Wir wohnten auf Akatan, das mitten im Meer am Rande der Welt liegt. Wir jagten und fischten Fische, Ottern und Robben. Wir waren nicht viele und unsere Welt war sehr klein. Wir glaubten, dass die ganze Welt aus kleinen Inseln besteht und machten uns keine Gedanken darüber. An einem unserer Strände standen Überreste von einem Boot, wie unser Volk es nie gebaut hatte. Die alten Männer und Frauen erzählten darüber das, was sie von ihren Eltern gehört hatten. Es hieß, dass damit zwei Männer vom Meer gekommen waren, die weiß und schwach wie kleine Kinder waren. Diesen merkwürdigen Männern gefielen anfangs unsere Bräuche nicht, aber sie wurden stark durch unsere Fische und übermütig. Sie bauten sich jeder eine Hütte und nahmen sich die besten unserer Frauen. Und es kamen Kinder. So wurde der geboren, der der Vater des Vaters meines Vaters werden sollte.

So kam es auch, dass ich anders war als mein Volk, denn in mir habe ich das Blut der weißen Männer, die vom Meer kamen. Diese Männer hatten unser ganzes Leben verändert und unsere Gesetze. Sie zeigten uns auch neue Wege, den Fisch zu fangen und den Bären zu töten. Sie lehrten uns, Vorräte für Hungerszeiten anzulegen, was sehr gut war.

Die weißen Männer wurden Häuptlinge und keiner unserer Männer wagte mehr, mit ihnen zu kämpfen. Da bekriegten sie sich untereinander. Ihre Kinder und Kindeskinder nahmen diesen Kampf auf, es herrschte großer Hass unter ihnen und so lebte bald nur noch einer von jeder Familie, um das Blut fortzupflanzen. Von meinem Blut war ich der einzige. Von denen des anderen Mannes gab es nur ein Mädchen, das bei seiner Mutter lebte: Unga.

Eines Nachts kehrten unsere Väter nicht mehr lebend vom Fischfang zurück. Viele waren der Meinung, dass der Kampf weiter fortgesetzt werden müsse. Als ich ein Jüngling war, fragte ich mich, warum das so sein müsse. Konnten wir nicht in Frieden miteinander leben?

Die Leute sagten, dass ich bald eine Frau und Kinder haben müsse, denn schon damals boten Jäger Ungas Mutter Geschenke für ihre Tochter an. Und wenn ihre Kinder früher stark würden als meine, dann mussten die meinen sicher sterben.

Da ich ein Häuptling war, wäre jede Jungfrau gern zu mir gekommen, aber ich fand nicht die richtige. Als ich eines Abends vom Fischfang heimkehrte, kam Ungas Kajak hinter mir her. Sie sah mich an, und ihr schwarzes Haar flatterte im Wind. Plötzlich wusste ich, dass es die Botschaft zwischen Mann und Frau war.

Noch am selben Abend ging ich zum Haus ihrer Mutter und sah mir die Gaben Yash-Nooshs, eines tüchtigen Jägers, an, die der vor der Tür aufgehäuft hatte. Dann ging ich zurück zu meinem Haus, wo all mein Reichtum lag. Viele Male lief ich zwischen unseren beiden Häusern hin und her, bis mein Haufen fünfmal größer war als der Yash-Nooshs. So hatte ich getrocknete und geräucherte Fische, vierzig Felle von Pelzrobben, halb so viele von Ohrenrobben, zehn Felle von Bären, Perlen, Decken und Tücher dahin gebracht.

Da mein Haufen am nächsten Tag unberührt liegen blieb, vergrößerte ich ihn in der kommenden Nacht noch einmal um ein neues Kajak.

Wieder tat sich nichts. Ich wurde wütend über die Schande, da schon alle Männer und Frauen über mich lachten. Aber Ungas Mutter war schlau. In der dritten Nacht vergrößerte ich den Haufen wieder und legte auch mein Boot dazu, das so viel wert war wie zwanzig Kajaks. Am nächsten Morgen war kein Haufen mehr da.

Nun traf ich die Vorbereitungen zur Hochzeit, und viele Menschen trafen zum Hochzeitsmahl ein.

Eines Tages näherte sich vom Ozean ein Schiff mit Segeln. Vorn stand ein mächtiger Mann, maß die Tiefe des Wassers und gab Befehle mit einer Stimme wie Donner. Seine Augen hatten die blassblaue Farbe tiefen Wassers und sein Kopf trug eine Mähne wie ein Seelöwe. Sein Haar war gelb.

Seit vielen Jahren hatten wir keine fremden Menschen mehr auf unserer Insel gesehen. Die Frauen und Kinder liefen in die Häuser, und wir Männer spannten die Bogen und hielten die Spieße in den Händen. Aber es geschah nichts, und so setzten wir unser Fest fort. Die Seefahrer mischten sich unter uns, sie waren freundlich und brachten Geschenke. Auch ich gab ihnen Geschenke wie allen anderen Gästen, denn es war mein Hochzeitstag, und ich war der Häuptling. Der weiße Mann mit der Mähne warf aber viele Blicke auf Unga.

Später nahm ich Unga an der Hand und führte sie in ein eigenes Haus. Unser Volk ließ uns allein, aber der Häuptling der Seefahrer trat in meine Tür. Er hatte schwarze Flaschen bei sich, und wir tranken und wurden lustig. Bedenkt, dass ich noch sehr jung war und mein ganzes Leben am Rand der Welt verbracht hatte. Mein Blut wurde zu Feuer. Dann kamen seine Männer und häuften so viel Reichtum vor mir auf, wie es ihn in ganz Akatan nicht gab. Da waren große und kleine Büchsen, Pulver, Kugeln, blanke Beile und Messer sowie Dinge, die ich noch nie gesehen hatte.

Er gab mir durch Zeichen zu verstehen, dass alles mir gehören solle, und ich dachte im ersten Moment, dass er ein freigiebiger Mann sei. Aber dann machte er mir auch Zeichen, dass Unga mit ihm auf sein Schiff gehen solle. Da wollte ich ihn mit einem Spieß durchbohren, aber der Geist der Flasche hatte die Kraft aus meinem Arm gestohlen. Da packte mich der Fremde am Hals und schlug meinen Kopf gegen die Wand. Meine Beine wollten mich nicht mehr tragen. Unga schrie und schlug um sich, als er sie zur Tür schleppte.

Ich kroch an den Strand und rief meine Leute, aber sie fürchteten sich. Nur Yash-Noosh kämpfte, aber sie schlugen ihm ein Ruder auf den Kopf, bis er sich nicht mehr regte.

Ich wartete bis zur nächsten Vollmondzeit, legte Fleisch und Öl in mein Kajak und fuhr nach Osten. Ich sah viele Inseln und viele Völker und erkannte, dass die Welt sehr groß war. Niemand hatte den großen Seefahrer und Unga gesehen.

Durch raue See und schwere Stürme kam ich nach Unalaska. Ich ging immer weiter nach Osten in die große Welt, bis ich eines Tages in ein felsiges Land kam, wo Männer große Löcher in den Berg gruben. Die ausgegrabenen Felsstücke luden sie auf einen Schoner. Ich fand das kindisch, denn die ganze Welt war aus Felsen gemacht. Aber man ließ mich dort arbeiten und gab mir zu essen.

Als der Schoner voll beladen war, fragte ich den Kapitän, ob ich mitfahren dürfte. Da er Männer brauchte, stimmte er zu. Wir fuhren nach Süden, und ich lernte, auf ihre Art zu reden und Segel zu setzen.

Ich hatte gedacht, dass es leicht sein würde, den zu finden, den ich suchte, wenn ich erst in sein Land käme, aber in dem Hafen, den wir ansteuerten, lagen viele, viele Schiffe und niemand konnte mir Auskunft über den Mann mit der Seelöwenmähne geben. Oft wurde ich ausgelacht.

Ich ging immer weiter durch Länder, die im warmen Sonnenschein lagen, wo die Ernte reich auf den Feldern lag und wo es große Städte gab. Ich lernte Menschen kennen mit falschen Worten im Munde und dachte an mein Volk auf Akatan.

Aber stets dachte ich auch an Ungas Augen. Ich wusste, dass ich sie finden würde. So wanderte ich durch tausend Städte. Manche Menschen waren freundlich und gaben mir zu essen, andere lachten mich aus oder verfluchten mich.

Als ich in einen Hafen in einem Land im Norden kam, hörte ich schließlich von dem gelbhaarigen Seefahrer. Ich erfuhr, dass er Robbenjäger war und gerade weit entfernt auf dem Ozean in russischen Gewässern sei. So fuhr ich monatelang auf einem Robbenschoner in diese Richtung. Ich hörte von seinen wilden Taten, bekam aber sein Schiff nie zu Gesicht. Man erzählte, dass er mit seinen Männern Faktoreien überfiele und tausende frische Felle stehle und deshalb gejagt würde.

Und ich hörte von Unga, die immer bei ihm war. Die Kapitäne lobten sie sehr. Sie hätte die Bräuche seines Volkes gelernt und sei glücklich. Aber ich glaubte, es besser zu wissen; dass ihr Herz sich nach unserem Volk sehne.

Als ich nach langer Zeit wieder in einen Hafen kam, hörte ich, wo er jetzt auf Robbenjagd sei und folgte ihm ebenfalls auf einem Robbenschiff. Zuerst machen wir viel Beute, aber dann gab es viel Nebel, und wir verloren täglich Männer in den Booten. Schließlich wollte der Kapitän zurück fahren. Aber ich wusste, dass der gelbhaarige Seefahrer unerschrocken war und weiter da jagen würde, wohin nur wenige Männer gingen. So nahm ich in der Finsternis der Nacht ein Boot und machte mich allein auf den Weg in diese Richtung.

In einer Bucht bestieg ich ein Schiff unter japanischer Flagge. Eines Tages wehte ein starker Wind und aus dem Nebel steuerte geradewegs auf uns ein großer Schoner zu, der von einem Kriegsschiff mit Kanonen verfolgt wurde. Wir flohen, aber der Schoner kam immer weiter auf uns zu, denn er war sehr schnell. Auf seiner Brücke stand der Mann mit der Seelöwenmähne. Er lachte stark und übermütig. Und Unga war da. Ich erkannte sie im ersten Augenblick. Er manövrierte so geschickt, dass er unser Schiff zwischen seines und das Kriegsschiff bringen konnte. So entkam er, aber wir wurden in einen russischen Hafen gebracht. Die frischen Felle verrieten, dass wir Robben gewildert hatten. Später schaffte man uns in ein einsames Land, wo sie uns Salz in den Minen graben ließen. Einige von uns starben dort. Unser Fleisch war zerrissen von den Schlägen mit der Knute.

Manche liefen nach Süden fort, aber sie kamen immer wieder. Ich stand mit einigen Kameraden nachts auf. Wir nahmen den Wachen die Gewehre weg und gingen nach Norden. Das Land war sehr groß, mit viel Schnee, und keiner von uns kannte den Weg. Monatelang gingen wir durch endlosen Wald. Es gab wenig Nahrung, und oft legten wir uns nieder um zu sterben. Als wir schließlich das kalte Meer erreichten, waren nur noch drei am Leben. Einer davon war unser Kapitän. Er wusste, wie die Länder lagen und führte uns - ich weiß nicht, wie lange. Bald waren nur noch er und ich am Leben.

Eines Tages trafen wir auf fünf Männer, die Hunde und Felle hatten. Wir kämpften im Schnee bis sie starben, aber der Kapitän starb auch. Die Hunde und Felle gehörten nun mir, und ich ging weiter über das Eis bis in ferne Länder. Ich reiste weit und lernte viele Dinge, sogar wie man schreibt und aus Büchern liest. Meine Augen und Ohren waren aber stets offen, besonders wenn ich mit Männern zusammen traf, die viel reisten.

Schließlich kam ein Mann geradewegs aus den Bergen, und er hatte Steine bei sich, die das reine Gold in erbsengroßen Stücken enthielten. Er kannte Unga und den Seefahrer mit der Mähne. Er hatte sie getroffen und sagte, dass sie reich wären. Sie lebten jetzt an einem Ort, wo sie das Gold aus dem Boden zögen.

Es war ein wildes Land und sehr weit fort, aber nach einer langen Wanderung erreichte ich das Lager. Die Leute dort erzählten, sie wären fortgereist nach England. Ich sah das Haus, in dem sie gewohnt hatten - eher ein Palast. Bei Nacht kroch ich durch ein Fenster und ging von Zimmer zu Zimmer. Ich dachte, dass so Könige wohnen müssen, und alle sagten, dass er sie wie eine Königin behandelt. Wieder dachte ich daran, dass ich - ein Häuptling, einen unermesslichen Preis in Fellen und Booten und Perlen für sie bezahlt hatte.

Ich folgte ihnen auch nach England. Zuweilen hörte ich Leute von ihnen reden, zuweilen las ich über sie. Dennoch konnte ich sie nicht erreichen, denn sie waren reich und reisten schnell. Ich aber war ein armer Mann. Dann kam ein Unglück über sie, und ihr Reichtum schwand eines Tages dahin. Ich wusste, dass sie dorthin zurückkehren würden, wo sie mehr Gold aus dem Boden holen könnten.

Da sie nicht mehr reich waren, hörte und las man nichts mehr von ihnen. Ich reiste kreuz und quer, ohne ihre Spur zu finden. Am Kootenay machte ich eine lange mühselige Reise mit einem Eingeborenen, der sich zum Sterben niederlegte, als die Hungersnot über uns kam. Als er merkte, dass seine Stunde gekommen war, gab er mir eine Karte und das Geheimnis eines Ortes, wo viel Gold sein sollte.

Kurz darauf begann alle Welt im Goldrausch nach Norden zu ziehen. Ich war ein armer Mann und verkaufte mich als Hundetreiber. Das Übrige wisst ihr. Ich traf ihn und sie in Dawson. Sie erkannte mich nicht, denn ich war damals nur ein Knabe gewesen. Sie hatte nicht die Zeit, sich an einen Mann zu erinnern, der einen unermesslichen Preis für sie bezahlt hatte

Und dann? Du kauftest mich von meinem Dienst los. Ich kehrte zurück, um alles auf meine Art zu erledigen. Dabei dachte ich an alles, was ich in den letzten Jahren erlebt hatte, dachte an Kälte und Hungersnot.

Ich führte sie nach Osten, wo viele hingegangen und wenige zurückgehrt sind. Der Weg war weit und ungebahnt. Wir hatten viele Hunde, und sie fraßen viel. Unsere Schlitten konnten nicht so viel tragen, wie bis zum Kommen des Frühlings nötig war. Wir mussten zurück sein, bevor der Fluss eisfrei war. Wir legten hier und dort Depots an, damit unsere Schlitten leichter wurden und wir auf dem Rückweg keinen Hunger fürchten mussten. Oft kamen wir nur sehr langsam voran und schliefen nachts wie die Toten.

Für mich war es ein Leichtes, nachts zu den Depots zurück zu gehen und sie in einer Weise zu zerstören, als wäre es ein Vielfraß gewesen.

Eines Tages richtete ich es so ein, dass mein Schlitten in den Fluss einbrach. Die beiden hielten es für einen unglücklichen Zufall. Mein Schlitten hatte viele Nahrungsmittel getragen, und die Hunde waren die stärksten gewesen.

Er lachte darüber, denn er war stark. Die Hunde bekamen nur noch wenig zu fressen. Einen nach dem anderen schnitten wir vom Geschirr ab und gaben in den anderen Hunden zum Fressen. Als wir keine Hunde mehr hatten, gingen wir zu Fuß weiter.

Um zu der richtigen Stelle zu gelangen, hieben wir Stufen in das Eis einer Felswand. Wir schauten nach einem Tal auf der anderen Seite aus, aber dort war kein Tal. Der Schnee breitete sich über eine riesige Fläche, und hier und da hoben gewaltige Berge ihre weißen Häupter bis zu den Sternen. Und mitten in dieser seltsamen Ebene tat sich ein Abgrund auf, vor dem andere sich gefürchtet hätten. Wir aber gingen an seinen Rand uns suchten eine Möglichkeit, um hinab zu gelangen.

Auf einer Seite fiel die Wand schräg ab, und wir gingen los. Auf dem Grund hatte jemand vor langer Zeit eine Hütte gebaut. Seitdem waren hier viele Männer gestorben. Auf Birkenrindenstücken lasen wir ihre letzten Worte: Einer war an Skorbut gestorben; einem anderen hatte sein Kamerad den ganzen Proviant und das Pulver gestohlen und sich davon gemacht; einen dritten hatte ein Grislybär schwer verletzt; ein vierter war verhungert - und so weiter. Das ganze Gold, das sie gesammelt hatten, lag auf dem Boden der Hütte.

Der Mann, den ich hierher geführt hatte, behielt aber einen klaren Kopf. Er sagte, dass wir uns alles nur ansehen, dass wir schauen, woher das Gold kommt und dann schnell weggehen, um später mit mehr Proviant wiederzukommen, um alles in Besitz zu nehmen. So sahen wir die große Goldader, die durch die Grube ging. Wir maßen sie, teilten sie ein und kennzeichneten unsere Besitzrechte. Dann kletterten wir hinaus und machten uns auf den Heimweg.

Das letzte Stück bis zu unserem ersten Depot mussten wir Unga tragen. Ich hatte meine Sache gut gemacht, denn es gab keinen Proviant, und die Zeichen deuteten auf einen Vielfraß hin. Aber Unga war tapfer und lächelte und legte ihre Hand in die seine. ‚Wir wollen bis morgen am Feuer ausruhen', sagte sie. ‚Neue Kräfte werden wir aus unseren Mokassins gewinnen.' So schnitten wir den oberen Teil unserer Mokassins in Streifen und kochten sie die halbe Nacht, um sie kauen und verschlingen zu können.

Am kommenden Morgen beschlossen wir, auf die Jagd zu gehen, denn das nächste Depot war fünf Tagesmärsche entfernt. Unga sollte beim Feuer bleiben und ihre Kräfte schonen. Während er Elche jagte, ging ich heimlich zu dem Depot, das ich errichtet hatte und aß, aber nicht zu viel, denn ich wollte mich nicht verraten. Als wir uns auf dem Weg zum Lager trafen, fiel er oft hin, und ich tat auch so, als könnte ich vor Schwäche kaum noch laufen.

Am folgenden Tag musste er sich auf der Jagd oft niederlegen, sammelte aber dann in der Nacht wieder so viele Kräfte, um sich abermals auf die Jagd zu begeben. Oft dachte ich, dass sein Ende gekommen wäre, aber er hatte Kräfte wie ein Bär. An diesem Tag schoss er zwei Schneehühner. Er wollte nicht gleich von ihnen essen, sondern sie zum Lager bringen. Dabei kroch er auf allen Vieren und trug die Vögel wie ein Hund im Mund. Ich ging neben ihm her. Mein Herz sprach für Milde, aber ich erinnerte mich wieder an mein Leben mit Hunger und Kälte. Dazu war Unga mein, denn ich hatte den unermesslichen Preis für sie bezahlt.

Wir kamen durch den Wald, bis wir den Geruch von Lagerrauch spürten. Da beugte ich mich über ihn und riss ihm die Schneehühner aus dem Mund. Er drehte sich auf die Seite und schaute mich verwundert an. Dabei glitt seine Hand langsam zu seinem Messer. Ich nahm es ihm fort und lächelte dicht vor seinem Gesicht. Ich tat, als würde ich aus einer Flasche trinken und Geschenke vor ihm auftürmen. Da verstand er. Um seine Lippen lagen Spott und kalter Zorn.

Der Weg war nicht weit, aber der Schnee war tief. Er schleppte sich sehr langsam vorwärts. Zuweilen sah es so aus, als könnte er nicht mehr weiter. Doch er kam bis zum Feuer, wo sofort Unga bei ihm war. Seine Lippen bewegten sich lautlos, und er zeigte auf mich. Dann lag er still, still für immer.

Ich sagte kein Wort, ehe ich die Schneehühner gekocht hatte. Dann sprach ich Unga in unserer Sprache an, die sie seit vielen Jahren nicht gehört hatte. Sie fuhr hoch und fragte, wer ich sei.

‚Ich bin Naass', sagte ich.

‚Du? Du?', fragte sie und kroch dicht zu mir.

‚Ja, ich, der Häuptling von Akatan, der letzte meines Blutes, wie du die letzte des deinen bist. Lass uns gehen. Es ist ein weiter Weg von hier nach Akatan.'

Sie aber lachte, lachte immer wieder, ging zu ihm und grub ihr Gesicht in seine gelbe Mähne. Ich hatte geglaubt, dass sie sich über meinen Anblick freuen würde und packte sie bei der Hand. Da sagte sie mir, dass nie wieder Fisch und Tran essen will und in schmutzigen Hütten leben. Sie ließ ihre Hand durch seine gelben Haare gleiten und lächelte. Ich dachte an die Nacht, als er sie weggeschleppt hatte und an die langen Jahre danach. Dann packte ich sie an der Hand und schleppte sie fort, wie er es getan hatte. Sie wehrte sich, und als das Feuer zwischen uns und dem Mann war, ließ ich sie los.

Ich erzählte ihr alles von dem, was seit jenem Tag geschehen war. Bald hatte ich das Gefühl, dass ihre Augen voller Mitleid und Zärtlichkeit auf mich schauen. Sie öffnete die Arme, und ich näherte mich ihr. Da flammte plötzlich Hass in ihren Augen auf, ihre Hand ging zu meinem Gürtel, und sie stach zweimal zu. Ich sprang weg, und sie lachte und ging zu ihrem Toten zurück.

Am liebsten hätte ich in diesem Moment auch für immer die Augen geschlossen, aber es lag noch eine Schuld auf mir, die mir keine Ruhe ließ. Und der Weg war lang, die Kälte bitter, und es gab nur wenig Nahrung, denn inzwischen waren auch meine heimlichen Depots ausgeraubt worden. Vom letzten Teil des Weges hierher weiß ich nichts mehr."

Als er geendet hatte, kroch er weiter an den Herd.

"Aber Unga!", rief Prince, gefesselt von der Erzählung.

"Unga? Sie wollte nichts von den Schneehühnern essen. Sie lag über ihm, die Arme um seinen Hals geschlungen und das Gesicht tief in seinen gelben Haaren verborgen. Ich errichtete ein Feuer neben ihnen. Das nutzte aber wenig, denn sie wollte nichts essen. Und so liegen sie noch dort im Schnee."

"Und du?", fragte Malemute Kid.

Er wusste nicht, was aus ihm werden sollte. In die kleine Welt von Akatan wollte er nicht zurück.

Prince sagte zu Kid, dass es Mord gewesen sei, aber dieser befahl: "Still! Es gibt Dinge, die größer sind als unsere Weisheit und die jenseits unserer Gerechtigkeit liegen. Wir können nicht sagen, was recht und unrecht dabei ist, und es kommt uns nicht zu, zu richten."

Naass kroch noch näher ans Feuer. Es war ein großes Schweigen, und jeder der drei Männer sah viele Bilder in sich kommen und gehen.

In den Wäldern des Nordens

Die Einöden des Nordens fand Avery van Brunt baumlos und freudlos, so gar nicht einladend. Doch dann stieß er auf bisher unerforschte Gebiete mit reichen Fichtenwäldern und unbekannten Eskimo-Stämmen. Er hatte die Absicht, die noch weißen Stellen auf Landkarten auszufüllen.

Avery van Brunt war Professor am Geologischen Vermessungsinstitut und Führer der Expedition, die er selbst 500 Meilen weit hierher geleitet hatte. Hinter ihm mühten sich seine Männer: zwei französisch-kanadische Reisende, die übrigen stämmige Crees von der Manitoba-Straße. Van Brunt selbst war Angelsachse. Mit ihm schritten Clive und Hastings, Drake und Raleigh, Hengist und Horsa. Vor sich sahen sie ein Dorf.

Als erster aller Männer seiner Rasse sollte er dieses weltabgeschiedene Dorf des Nordlandes betreten. Bei diesem Gedanken überkam ihn ein Triumphgefühl, eine frohe Erregung, und er beschleunigte seine Schritte.

Bei ihrem Näherkommen stellten sich ihnen Männer mit Bogen, Speeren und erhobenen Fäusten entgegen. Dahinter standen Frauen und Kinder. Van Brunt hob den rechten Arm zum Friedenszeichen, was von den Dorfbewohnern erwidert wurde. Plötzlich lief ein fellbekleideter Mann auf ihn zu und streckte die Hand mit einem vertraulichen "Hallo!" aus. Es war ein bärtiger Mann seiner eigenen Rasse.

"Wer sind Sie?", fragte van Brunt, die Hand ergreifend.

"Andree."

Van Brunt sah ihn genauer an: "Bei Gott, Sie müssen schon eine ganze Weile hier gelebt haben."

"Fünf Jahre. Kommen Sie, lassen Sie uns plaudern. Der alte Tant Iatch wird für Sie sorgen."

Mit langen Schritten ging er, und van Brunt folgte ihm durch das ganze Dorf. Es gab Zelte aus Elchfellen, und der Professor schätzte, dass es wohl zweihundert Bewohner außer den Kindern gab. Der Mann bestätigte das, und sie gingen zu seiner Hütte, die etwas abseits lag. Über den angebotenen Tee und den Tabak freute er sich sehr. Genüsslich zog er den Rauch ein.

Schließlich fragte van Brunt: "Fünf Jahre, sagen Sie?"

Der Man n erzählte, dass er auf der Jagd nach Moschusochsen in die Gegend verschlagen wurde, dabei seine Leute und seine Ausrüstung verlor und schließlich vor Hunger auf Händen und Füßen kriechend bei Tant Iatch ankam.

Van Brunt erinnerte sich, dass er in den Zeitungen über das Verschwinden eines Mannes gelesen hatte, der John Fairfax hieß. Einer seiner Leute hatte den Weg zurück geschafft. Er fragte ihn, warum er nie zurückgekommen sei.

Fairfax erzählte ihm, dass sich Tant Iatch den Fuß gebrochen hatte, als er ihn kennenlernte. Er renkte den Fuß ein, und dieser heilte gut. In dieser Zeit kam er selbst zu Kräften. Da er der erste Weiße war, den Tant Iatch je gesehen hatte, erschien er ihm sehr weise. Tatsächlich lernte er dem Volk viele Dinge. Zum Beispiel brachte er ihnen Strategien im Kampf gegen andere Stämme bei. Natürlich wollten sie ihn nicht wieder weg lassen und bewachten ihn Tag und Nacht. So blieb er.

Van Brunt sagte, dass er nun aber sicher mit ihnen kommen wird, doch Fairfax schüttelte den Kopf.

"Die Menschen hier sind ehrlich und einfach. Sie bringen Liebe, Furcht, Hass, Ärger und Freude deutlich zum Ausdruck. Einerseits ist es ein scheußliches Leben, andererseits ist es leicht, keine Irrtümer, keine Missverständnisse." Dann sank er tief in seine Gedanken. Das lange Schweigen war drückend, bis Fairfax endlich sagte: "Sie haben wohl recht. Ich komme mit. Wann brechen Sie auf?"

"Wenn die Leute etwas geschlafen haben."

Dann gingen sie gemeinsam zum Essen, das Michael, der Koch, vorbereitet hatte. Nach dem Abendessen, als die anderen sich zum Schlafen gelegt hatten, saßen die beiden Männer noch an dem erlöschenden Feuer. Sie hatten viel über das zu reden, was in fünf Jahren geschehen war - von Kriegen und Politik, von Ereignissen, Todesfällen und Heiraten. Gerade als sie von einer Seeschlacht sprachen, trat eine junge Frau zu ihnen und stellte sich neben Fairfax. Verwirrt blickte sie van Brunt an.

Errötend erklärte Fairfax: "Sie ist die Tochter Tant Iatchs, eine Art Prinzessin, und ehrlich gesagt ein Grund, warum ich hier geblieben bin. Thom, das ist mein Freund van Brunt."

Thom betrachtete den Professor genau und kauerte sich dann neben ihrem Gatten nieder. Ihre Blicke wanderten unaufhörlich zwischen den beiden Männern hin und her. Nach etwa zwei Stunden erhob sich Fairfax: "Warten Sie einen Augenblick! Ich gehe nur schnell zu Tant Iatch hinüber. Er wird Sie nach dem Frühstück erwarten."

Er verschwand zwischen den Kiefern. Van Brunt betrachtete Thom. Fünf Jahre war Fairfax jetzt hier und die junge Frau konnte nicht älter als zwanzig sein. Sie hatte ein feines Antlitz, eher orientalisch als arktisch. Noch immer starrte sie ihn an.

Dann sagte sie: "Du, es ist nicht gut, dass du hier bist."

"Dein Mann und ich sind Brüder. Nach einem Schlaf gehe ich."

"Und mein Mann?", fragte sie mit zitternder Stimme.

Van Brunt zuckte mit einem heimlichen Schamgefühl die Achseln.

"Mein Mann! Mein Mann!", wiederholte sie heftig und blickte ihm dabei in die Augen.

"Thom", sagte er ernst auf englisch. "Du bist in den Wäldern des Nordlandes geboren; du hast Fleisch und Fisch gegessen; mit Kälte und Hunger gekämpft und alle deine Tage einfach gelebt. Es gibt viele Dinge, die du nicht kennst und verstehst. Du warst diesem Mann eine Frau, aber sein Herz gehörte nie wirklich dir. Du wirst ihm aber sehr fehlen in den kommenden Jahren."

Obwohl sie ihn nicht verstand, lauschte sie aufmerksam. In ihrer Sprache sagte sie: "Er ist mein Mann. Ich habe nie einen anderen gekannt. Es kann nicht sein, dass er von mir geht."

"Wer hat gesagt, dass er von dir gehen soll?", fragte er scharf.

Mit Tränen in der Stimme sagte sie: "Du musst ihm sagen, dass er nicht von mir gehen soll. Du musst es ihm sagen. Er ist mein Mann. Du bist groß und stark. Ich bin schwach." Immer wiederholte sie die Worte: "Er ist mein Mann."

Sie sagte, dass ihr Vater, der Häuptling, auch eine Frau für ihn suchen solle, damit auch er hier bei seinem Bruder bliebe.

"Nach einem Schlaf gehe ich fort."

Dann kam Fairfax zurück. "Alles in Ordnung. Seine Majestät werden Sie nach dem Frühstück empfangen."

"Haben Sie es ihm gesagt?"

"Nein, ich will es ihm auch nicht sagen, bevor wir marschfertig sind. Ich werde froh sein, wenn wir hundert Meilen von hier fort sind."

Thom hob den Fellvorhang von der Hütte ihres Vaters. Neben dem Häuptling kauerte Chugungatte, der Schamane. Ihnen gegenüber saß Keen, ein junger, im Stamm sehr beliebter Mann. Es war still in der Hütte.

Tant Iatch blickte seine Tochter an: "Und dein Mann? Wie steht es mit ihm und dir?"

"Er singt fremde Lieder", antwortete Thom, "und es ist ein neuer Ausdruck in seinem Gesicht."

"Hat er gesprochen?"

"Nein, aber es ist ein neuer Ausdruck in seinem Gesicht, ein neues Licht in seinen Augen, und er sitzt mit dem Fremden am Feuer, und sie reden und reden ohne Ende. Irgendetwas ruft ihn aus der Ferne, und er scheint zu lauschen."

Chugungatte flüsterte dem Häuptling etwas ins Ohr. Keen beugte sich vor.

Thom schwieg, bis ihr Vater ihr ein Zeichen gab, weiter zu sprechen. "Du weißt, dass Tiere in das Land zurückkehren, aus dem sie kommen. Und jetzt ruft ein Land meinen Mann, das Land, in dem er geboren ist, und er gedenkt, dem Ruf zu folgen. Aber er ist doch mein Mann."

Keen rief: "Es ist richtig, wenn er geht! Es ist nicht gut, wenn Fremdlinge ihre Weiber in unseren Dörfern suchen. Daher sage ich, dass der Mann zu seinem eigenen Geschlecht in sein eigenes Land gehen soll."

Thom antwortete: "Er ist mein Mann, und er ist ein großer Mann."

"Ja, er ist ein großer Mann." Chugungatte hob den Kopf. "Er hat deinen Armen Stärke geschenkt, o Tant Iatch. Er hat dir Macht gegeben und deinen Namen bekannt gemacht, gefürchtet und geehrt. Er ist sehr weise, und seine Weisheit bringt viel Nutzen. Ihm haben wir vieles zu verdanken - beim Kämpfen, beim Besiegen des Feindes mit Worten, auf der Jagd, bei der Aufbewahrung von Lebensmitteln und bei der Heilung von Krankheiten und Wunden. Bei schwierigen Fragen hast du, Tant Iatch, ihn um seinen weisen Rat befragt. Wir können ihn deshalb nicht gehen lassen."

Thom forschte vergeblich im Gesicht ihres Vaters. Keen schlug sich kräftig vor die Brust und sagte, dass er seine Beute erfolgreich ohne den Fremden jage und glücklich über das ist, was er allein vollbringt. "Ich sage, es ist gut, dass der Fremdling geht. Seine Weisheit macht uns nicht weise. Wir brauchen ihn nicht."

Der Häuptling blieb noch immer stumm.

"Was gegeben ist, kann nicht zurück genommen werden", erklärte Thom. "Ich war noch ein Kind, als du mich in die Arme des Fremdlings legtest, du und kein anderer, Tant Iatch! Und wie du mich dem M;ann gabst, so gabst du ihn auch mir. Er ist mein Mann und kann nicht aus meinen Armen gerissen werden."

Da meinte auch Keen, dass es gut wäre, daran zurück zu denken, dass das, was gegeben ist, nicht mehr zurück genommen werden kann.

Chugungatte sagte darauf: "Deine Jugend, Keen, geben deinem Mund diese Worte ein, aber Tant Iatch und ich sind Männer, die die Weisheit der Ratsversammlung, die Schlauheit des kühlen Kopfes und der ruhigen Hand gelernt haben. Wir wissen, dass Thom dir in alten Tagen versprochen wurde, als sie noch ein Kind war. Und wir wissen, dass die neuen Tage kamen und mit ihnen der Fremdling. Dadurch verlorst du Thom, und das Versprechen wurde gebrochen. Du weißt auch, dass ich den Rat gab, das Versprechen zu brechen.

Ich sah schon damals, dass der Fremde groß und weise ist. Er erhielt Macht und Stellung und Thom. Der Stamm gedieh unter den neuen Gesetzen, und er wird weiter gedeihen, solange wir den Fremdling in unserer Mitte haben. Wir wissen, dass dies eine Sache des Kopfes ist und nicht des Herzens. Hör meine Worte! Lass den Mann hier bleiben!"

Ein langes Schweigen herrschte, bis Tant Iatch von einem Gesicht zum anderen sah. Er betrachtete jedes lange und sorgfältig. Dann hob er den Kopf und sprach in ruhigem Ton sein Urteil:

"Der Mann bleibt. Lasst die Jäger zusammenrufen. Schickt einen Läufer in das nächste Dorf mit dem Befehl, die Krieger zu schicken. Ich will den neuen Fremdling nicht sehen. Sprich du mit ihm, Chugungatte. Sag ihm, dass er gleich gehen soll, wenn er in Frieden gehen will. Wenn es aber zum Kampf kommt, so tötet alle, nur nicht den Mann meiner Tochter."

Chugungatte stolperte hinaus. Thom folgte ihm.

Zu Keen sagte der Häuptling: "Höre auf mein Wort! Der Mann bleibt. Sorge dafür, dass ihm nichts geschieht!"

Infolge des strategischen Unterrichts von Fairfax krochen die Krieger in Deckung heran. Die Reisenden unten am Fluss konnten nichts sehen oder hören, aber sie fühlten das Leben im Wald.

"Verfixt", brummte Fairfax, "ich habe sie das gelehrt."

Avery van Brunt klopfte seine Pfeife aus und lockerte das Jagdmesser an seiner Hüfte. "Wartet nur, wir wollen euch die Suppe versalzen!"

"Wenn wir sie nur zum Losbrechen reizen könnten", murmelte Fairfax.

Van Brunt sah hinter einem entfernten Baum einen Kopf hervorlugen und brachte den Mann durch einen schnellen Schuss zu Fall. Ein anderer wurde an seiner ungedeckten Schulter getroffen Dann feuerten sie, sobald sich etwas bewegte und hatten dabei viele Treffer.

Zehn Minuten später, als sie ganz nah waren, hörte jede Bewegung auf. Die folgende Stille war unheilverkündend und drohend. Dann erscholl ein Pfeifen und ein Schauer von Pfeilen schwirrte durch die Luft.

"Fertig!", kommandierte van Brunt. "Jetzt!"

Gleichzeitig brachen sie aus der Deckung hervor. Der Wald wurde plötzlich lebendig. Viele Männer des Stammes wurden getötet. Mit den Männern kam auch Unga gerannt. Fast hätte Fairfax abgedrückt, erkannte sie aber noch rechtzeitig.

"Die Frau! Schießt nicht!", rief er. "Sie ist unbewaffnet."

Aber seine Männer hörten das nicht. Unga lief weiter zu ihrem Mann, dem sie die Arme um den Hals schlang. Sie verteidigte ihn, und Fairfax war auch in dieser Situation beeindruckt von ihrer Schönheit. Durch einen fallenden Mann wurde er zu Boden gerissen. Als er wieder zu sich kam, waren seine noch lebenden Kameraden weit zurück getrieben. Er wusste, dass ihr Kampf verloren war. Er stürzte sich aber wieder in das Getümmel, um wenigstens mit seinen Brüdern zu sterben.

Thom schrie: "Mein Mann! Mein Mann! Du bist gerettet!"

Er versuchte, vorwärts zu kommen, aber ihr Gewicht hemmte seine Schritte.

"Es ist unnütz. Sie sind tot, und das Leben ist sehr schön!" Sie hielt seinen Hals fest umschlungen und umklammerte ihn mit ihren Beinen, so dass er strauchelte und fiel. Im Fallen hatte Thom das Sausen eines Pfeiles gehört. Sie deckte seinen Leib mit dem ihren wie mit einem Schilde, während sie ihn noch immer fest mit ihren Armen umschlungen hielt und ihre Lippen gegen seinen Hals presste.

Da erhob sich Keen aus einem Dickicht nur wenige Schritte entfernt. Er blickte sich vorsichtig um. Niemand war zu sehen. Er nahm einen Pfeil und warf einen Blick auf den Mann und die Frau. Zweimal spannte er den Bogen, um sich des Schusses sicher zu sein. Dann schoss er auf eine Stelle des weißen Fleisches, das sich in der Umarmung deutlich von der dunkleren Haut abzeichnete.

Das Gesetz des Lebens

Der alte Koskoosh lauschte begierig. Obwohl er längst das Augenlicht verloren hatte, waren seine Ohren noch scharf.

Er erkannte die Stimme seiner Enkelin, die mit den Hunden schimpfte, damit sie sich einspannen ließen. Das Lager wurde abgebrochen. Keinen Gedanken verschwendete sie an ihren Großvater, der einsam und hilflos dort im Schnee saß. Er dachte daran, dass er dem Tod jetzt sehr nah war. Einen Augenblick erschreckte ihn der Gedanke, und er fasste schnell nach dem kleinen Haufen trockenen Holzes neben sich.

Dann lauschte er wieder. Er hörte, wie die Zelte abgebaut wurden. Der Häuptling war sein Sohn, stark und kraftvoll, der beste Mann des Stammes und ein mächtiger Jäger. Er trieb die Weiber bei der Arbeit an.

Ein Kind wimmerte. Das war die kleine Kootee, ein unruhiges Kind und nicht sehr kräftig. Vielleicht starb es bald.

Die Männer schirrten die Schlitten an und zogen die Leinen fest. Er lauschte dem Geräusch, das er nie wieder hören sollte. Nach und nach fuhren die Schlitten los.

Der Schnee neben ihm knirschte unter einem Mokassin. Ein Mann stand neben ihm und legte eine Hand weich auf sein Haupt. Sein Sohn!

"Geht es dir gut?", fragte er.

"Es geht mir gut", antwortete der alte Mann.

"Es liegt Holz neben dir, und das Feuer brennt hell. Der Stamm hat Eile, und die Lasten sind schwer. Der Weg ist weit, und wir haben wenig Nahrung. Ich gehe jetzt. Ist es gut?"

"Ja, es ist gut. Ich bin wie das letzte Blatt des Jahres, das noch lose am Stamm hängt. Der erste Windhauch, und ich falle. Meine Stimme ist schwach, meine Augen zeigen den Füßen nicht mehr den Weg, und meine Füße sind schwach. Ich bin müde. Es ist gut."

Er neigte ergeben das Haupt. Bald war das Knirschen der Schritte nicht mehr zu hören, und er wusste, dass er seinen Sohn nicht mehr zurück rufen konnte. Wieder tastete seine Hand nach dem Holz. Ein Scheit nach dem anderen würde schwinden, Schritt für Schritt würde der Tod an ihn heranschleichen. Alle Menschen mussten sterben. Er beklagte sich nicht. Das war das Gesetz des Lebens. Überall in der Natur war das so.

Koskoosh' Stamm war sehr alt. Die alten Männer, die er als Knabe gekannt, hatten alte Männer vor ihnen gekannt. Die Frauen waren dazu da, Kindern das Leben zu schenken. Wenn sie alt, krank und schwach waren, wurden sie zurück gelassen - so wie er - mit einem Häufchen Reisig im Schnee. So war das Gesetz.

Er legte behutsam ein Scheit in das Feuer und gab sich wieder seinen Erinnerungen hin. An Zeiten großer Hungersnot dachte er. In einer hatte er seine Mutter verloren. Aber es hatte auch Zeiten der Fülle gegeben.

In einer solchen guten Zeit hatte er gesehen, wie ein Elch von Wölfen getötet wurde. Mit einem Freund hatte er am Bach die frische Fährte eines Elchs und eine Menge Wolfsfährten gesehen. Da es ein altes Tier war, war es den Wölfen gelungen, ihn von seinen Brüdern zu trennen. Tag und Nacht waren sie hinter ihm her, knurrten ihn an und schnappten nach ihm. Die Jungen folgten den Spuren.

Sie erreichten eine Stelle, wo der Elch versucht hatte, den Hang hinauf zu kommen und sich in den Wald zu retten. Aber seine Feinde hatten ihn von hinten angegriffen, so dass er sich rückwärts überschlug. Noch ein Stück hatte er sich weitergeschleppt, wir sahen die blutige Fährte. Und dann hörten wir das erste Geräusch des Kampfes. Wir schoben uns nah heran.

Dieses Bild stand jetzt wieder nah und lebendig vor Koskoosh. Sie sahen das Ende, einen Nahkampf mit in Fleisch vergrabenen Zähnen.

Er legte zwei Scheite in das Feuer und maß sein Leben an dem Holz, das noch übrig war. Eine Weile lauschte er auf die Stille. Vielleicht wurde das Herz seines Sohnes weich, und er kehrte zurück, um seinen alten Vater mit dem Stamm weiter zu bringen. Er strengte sein Ohr an, aber es regte sich nichts.

Horch, was war das? Ein kalter Schauer rann über seinen Körper. Ein wohlbekanntes, lang gezogenes Geheul durchbrach die Stille, ganz nah. Vor seinen Augen tauchte noch einmal das Bild des Elches auf, wie er schwer verletzt bis zum Letzten kämpfte.

Eine kalte Schnauze stieß gegen seine Wange. Bei dieser Berührung war er sofort wieder in der Gegenwart. Seine Hand fuhr ins Feuer und zog ein brennendes Scheit heraus. Das Tier zog sich zurück und schickte seinen Brüdern einen lang gezogenen Ruf. Die antworteten gierig, und ein Kreis geifernder grauer Tiere schloss sich um ihn.

Der alte Mann spürte, wie dieser Kreis enger wurde.

Noch einmal schwang er wild einen Brand, doch dann fragte er sich: Warum sich ans Leben klammern? Er ließ das flammende Scheit in seiner Hand in den Schnee fallen. Es zischte und erlosch. Der Kreis knurrte unruhig.

Wieder sah er den letzten Kampf des alten Elches, und Koskoosh ließ das Haupt müde auf die Knie sinken. Was tat es schließlich? War es nicht das Gesetz des Lebens?

Wie vor Alters zog die Argo ...

Es war im Sommer 1897, als Unruhe in der Familie Tarwater entstand. Bei Großvater Tarwater war das Klondikefieber ausgebrochen. Sie merkten es nur an seinem Gesang. Er sang ein Lied, und von dem kannte er auch nur vier Verse der ersten Strophe.

"Wie vor alters zog die Argo,
Kann uns keiner heut' verwehren
Auszuziehen, tum-tum-tum,
Um das Goldne Vlies zu scheren.

Zehn Jahre zuvor hatte er das Lied ebenfalls gesungen, als ihn das Fieber gepackt hatte. Damals wollte er nach Patagonien ziehen, um nach Gold zu graben. Die ganze Familie war dagegen und hatte eine schwere Zeit mit ihm. Man hatte ihm schließlich mit Rechtsanwälten, seiner Entmündigung und der Einweisung in eine Irrenanstalt gedroht. Ein Grund dafür war, dass er vor einem Vierteljahrhundert seinen ganzen Besitz bis auf zehn Morgen mageren Bodens eines Gutes in Kalifornien verspekuliert hatte. Auch danach hatte er nicht viel Scharfsinn in Geschäften bewiesen.

Da er nichts von Rechtsanwälten hielt, schüttelte er damals das Patagonienfieber ab und blieb. Danach überschrieb er seiner Familie unaufgefordert die zehn Morgen zu Tarwater Flat, einschließlich aller Gebäude und Wasserrechte. Er überschrieb ihnen auch die achthundert Dollar, die er noch auf der Bank hatte. Auch das Rauchen gab er zu dieser Zeit auf.

Alles, was er für sich behalten hatte, war ein Gespann alter Pferde und ein eigenes Zimmer in dem Haus. Da er niemandem Dank schulden wollte, übertrug man ihm die Aufgabe, zweimal wöchentlich die Post der Vereinigten Staaten von Kelterville über die Tarwater-Berge nach Old Almaden zu bringen, einer Quecksilbermine im Viehland in den Bergen. In den zehn Jahren hatte er bei Regen oder Sonnenschein nie eine Fahrt mit seinen beiden alten Pferden versäumt.

Nach seiner Genesung vom Patagonienfieber hatte er auch verlangt, dass er seine Beköstigung bei Mary, seiner ältesten Tochter, wöchentlich bezahlt, obwohl er dafür sogar den Tabak aufgeben musste.

Durch diese beiden Entscheidungen dachte er, sich vor den Rechtsanwälten schützen zu können. Die Anderen hielten ihn dafür für leicht verrückt.

Das erste Mal hatte er im Jahr 1849 das Lied mit zweiundzwanzig Jahren gesungen, als ihn das Kalifornienfieber ergriff. Er hatte seine Ländereien, Ochsengespanne und Wagen in Michigan verkauft und war quer über die Steppe nach Kalifornien gezogen.

Es folgten Jahre mit Frachtfahrten und Minenarbeit. Mit dem Gewinn ließ er sich im Somona-Land nieder, wo er Land kaufte.

Wenn er auf seinen Postfahrten durch die Tarwater-Gemeinde, durch das Tarwater-Tal und über den Tarwater-Berg unterwegs war, träumte er davon, dieses Land vor seinem Tod wieder zu gewinnen, denn das meiste davon hatte ihm einmal gehört.

Nun hörten seine Kinder wieder den Gesang.

"Es hat keinen Zweck, wieder so anzufangen", wandte sich Mary streitsüchtig an ihn. "Die Zeit ist vorbei, als du nach einer Gegend wie dem Klondike durchbrennen konntest."

Ruhig antwortete er: "Ich wette, dass ich im Klondike genug Gold sammeln könnte, um den Tarwater-Besitz zurück zu kaufen."

Seine Kinder und Schwiegerkinder versuchten, ihm diese Idee auszureden. Mary zeigte ihm einen Artikel in der Zeitung. "Was sagen die Klondiker? Hier steht es schwarz auf weiß: Nur die Jungen und Starken können Klondike aushalten. Es ist schlimmer als der Nordpol. Und selbst unter denen gibt es massenhaft Tote. Sie nur die Bilder! Du bist vierzig Jahre älter als die ältesten von ihnen."

John Tarwater sah wirklich auf die Zeitung, aber zu anderen Bildern.

"Und sieh hier die Fotografien von den Goldklumpen, die sie mitgebracht haben", sagte er. "Ich kenne Gold! Wenn ich jetzt nur in Klondike wäre! Warum kann ein Mann nicht Glück haben, wenn er siebzig ist? Vielleicht hätte ich Glück!"

Wieder redeten die Kinder auf ihn ein.

Schließlich stand er auf - lang, hager und knochig. Sein zottiges Haar und sein Bart waren schneeweiß. Er bewegte sich zur Tür, öffnete sie, blieb stehen und blickte zurück:

"Und doch jucken mich die Fußsohlen ganz kräftig", murmelte er.

Lange, ehe am nächsten Morgen die Familie aufstand, hatte der alte Tarwater seine Pferde gefüttert und angespannt, hatte gefrühstückt und war durch das Tarwater-Tal aufgebrochen. Über tausendvierhundertmal hatte er die Fahrt mit der Post gemacht. Aber heute fuhr er nicht nach Kelterville, sondern bog südwärts auf die Landstraße nach Santa Rosa ab. Zu seinen Füßen lag - in Papier gewickelt - sein einziger anständiger schwarzer Anzug.

Diesen verkaufte er in Santa Rosa, ebenso den Trauring seiner längst verstorbenen Frau. Für beides erhielt er sechseinhalb Dollar. Sein Gespann und den Wagen verkaufte er für fünfundsiebzig Dollar, wovon er aber nur fünfundzwanzig in bar erhielt. Dann traf er Alton Granger, der sich vor längerer Zeit zehn Dollar von ihm geliehen hatte. Dieses Geld forderte er nun zurück und erhielt es auch.

Schließlich fuhr er mit dem Nachmittagszug nach San Francisco.

Zwölf Tage später landete er an dem großen Klondikestrom. Er schleppte einen Leinensack mit wollenen Decken und altem Zeug. Der Strand war ein brüllendes Tollhaus - Massen von Menschen, Gepäck und Ausrüstungen. Alle wollten schnell weg von hier, denn der subarktische Winter mit seiner Finsternis stand vor der Tür. Die Preise für die indianischen Träger waren zu dieser Zeit sprunghaft gestiegen, denn wer jetzt nicht wegkam, musste bis zum Frühjahr warten.

John Tarwater brauchte keinen Träger, denn er besaß keine Ausrüstung. In der Nacht schlief er auf der flachen Erde. Am nächsten Morgen sah er einen kleinen Mann, mit gut hundert Pfund Mehl auf dem Rücken. Dieser stolperte über einen Baumstamm und fiel kopfüber in eine große Pfütze. Durch die Last auf seinem Rücken wäre er sicher ertrunken, wenn John Tarwater ihn nicht herausgezogen hätte.

Während er sich die Schuhe aufschnürte, unterhielten sie sich. Der Mann zog ein Zehn-Dollar-Stück aus der Tasche und wollte es seinem Retter geben. Dieser schüttelte aber den Kopf. Er zitterte vor Kälte, denn das Eiswasser hatte ihn bis zu den Knien durchnässt.

So sagte er: "Ich hätte aber nichts gegen eine freundschaftliche Mahlzeit mit Ihnen."

Der kleine Mann, der Anson hieß, fragte: "Haben Sie noch nicht gefrühstückt?"

"Nicht einen Bissen."

"Wo ist Ihre Ausrüstung? Schon voraus?"

"Hab' keine Ausrüstung."

"Wollen Sie sie unterwegs kaufen?"

"Hab' keinen Dollar, um was zu kaufen, mein Freund. Das ist im Augenblick aber nicht so wichtig wie ein warmes Frühstück."

So gingen sie gemeinsam etwa eine Viertelmeile weiter bis zu Ansons Lager. Dort war ein schlanker junger Mann von dreißig Jahren dabei, ein Feuer zu entfachen. Das gelang ihm aber nicht so recht, und Tarwater half ihm. Der Mann hatte einen roten Backenbart und hieß Charles. Außerdem war da noch Bill Wilson, der Große Bill. Er servierte ein sehr schlechtes Frühstück: Die Grütze war halbgar und zum größten Teil verbrannt, der Speck verkohlt und der Kaffee grässlich.

Nach dem Essen machten sich die Männer auf zu dem letzten Lager, wo ein Teil ihrer Ausrüstung lag. Dort bekam der alte Tarwater zu tun. Er wusch die Schüsseln, holte trockenes Holz, reparierte einen zerrissenen Packgurt, schliff Messer und die Axt. Er packte Hacken und Schaufeln um, so dass sie besser zu tragen waren.

Tarwater merkte, dass die anderen beiden Männer großen Respekt vor Charles hatten. Anson erklärte ihm das so:

"Sehen Sie, wir haben die Führerschaft geteilt. Jeder hat seine besondere Aufgabe. Ich bin Zimmermann und werde später am Lindermann-See den Bootsbau leiten. Der Große Bill ist Flößer und Grubenarbeiter. Er hat für das Holz und alle Minenunternehmen zu sorgen. Das meiste von unserer Ausrüstung ist voraus geschickt. Wir mussten den Indianern so viel für den Transport bezahlen, dass wir ruiniert sind. Unser letzter Teilhaber schafft deshalb noch selbst Sachen hinüber. Er heißt Liverpool und ist Seemann. Wenn die Boote gebaut sind, wird es seine Aufgabe sein, ihre Ausrüstung zu leiten, damit wir die Seen und Stromwirbel bis Klondike hinunter fahren können.

Charles ist Geschäftsmann. Er leitet die Organisation und etwaige Geschäfte."

Tarwater meinte: "Es ist ein Glück, eine solche Schar von Sonderkenntnissen für eine Expedition zu bekommen."

"Mehr als Glück", meinte Anson. "Es war auch alles Zufall. Jeder von uns zog allein. Wir trafen uns auf dem Dampfer und gründeten die Gesellschaft."

Als Charles das nächste Mal mit einer Last kam, sagte er zu Tarwater, dass er ihnen eine Mahlzeit zubereiten solle. Das tat dieser - und zwar eine schmackhafte Mahlzeit. Dann wusch er wieder die Schüsseln und am Abend gab es dann Schweinefleisch, Bohnen und Brot. Die Männer langten bei dem leckeren Mahl kräftig zu.

Anschließend wusch Tarwater das Geschirr, hieb Späne, um am Morgen schneller Feuer machen zu können und zeigte Anson einen Trick mit dem Schuhzeug - wichtig bei weiten Märschen. Beim Arbeiten sang es sein Lied ‚Wie vor alters zog die Argo', und später erzählte er den anderen von seiner großen Auswanderung im Jahre neunundvierzig.

Als er merkte, dass die Männer sich wohl fühlten, sprach er:

"Ich will euch einen Vorschlag machen, Jungens. Ihr könnt ihn annehmen oder nicht, aber hört ihn euch bitte an. Ihr möchtet wegen des nahen Winters schnell weiter kommen, aber einer von euch ist immer mit dem Kochen beschäftigt. Wenn ich das für euch besorge, werdet ihr schneller vorankommen. Mein Essen ist auch besser und hält euch bei Kräften. Natürlich kann ich auch ein bisschen tragen."

Anson und der Große Bill wollten schon nicken, als Charles fragte: "Was wollen Sie von uns dafür?"

"Das überlasse ich Ihnen."

"Das ist kein Geschäft", sagte Charles scharf. "Sie haben den Vorschlag gemacht. Nun machen Sie ihn auch ganz."

"Nun, die Sache ist so …"

Charles unterbrach ihn: "Denken Sie, dass wir Sie den ganzen Winter durchfüttern?"

"Nein, mein Herr, das denke ich nicht. Alles, womit ich rechne, ist, dass ich in Ihrem Boot mit nach Klondike reisen darf."

"Sie haben keinen Proviant, Alter! Sie würden unterwegs verhungern."

Tarwater antwortete mit einem lustigen Schimmer in den Augen: "Ich habe bisher immer Glück mit meiner Ernährung gehabt. Ich bin siebzig und bis jetzt noch nicht verhungert."

"Wollen Sie eine Erklärung unterschreiben, dass Sie für sich selbst sorgen werden, sobald wir nach Dawson kommen?", fragte der Geschäftsmann.

"Gewiss", lautete die Antwort.

"Da wir vier Teilhaber sind, wird die endgültige Entscheidung erst getroffen, wenn auch Liverpool seine Meinung dazu sagen kann."

Tarwater sagte, dass er auf jeden Fall nach Klondike wolle und nichts ihn aufhalten könne. Er wolle auf gut Glück mit ihnen gehen, bis sie Liverpool und die Träger einholen. Er könne sich aber nicht vorstellen, dass der nein sagen würde.

Der alte John Tarwater wurde zu einer auffallenden Gestalt auf einem Weg, der von auffallenden Gestalten wimmelte. Tausende von Männern lernten ihn kennen und begrüßten ihn als ‚Vater Weihnacht'. Jeder von ihnen musste jede Meile des Weges zwanzigmal zurücklegen, bis die ganze Ausrüstung transportiert war.

Immer, wenn er arbeitete, sang er sein Lied. Keiner der drei Männer, denen er sich angeschlossen hatte, konnte sich über seine Arbeit beklagen. Zwar waren seine Glieder steif und seine Bewegungen langsam, aber er war der Letzte, der abends in die Wolldecken kroch, und der erste, der morgens heraus kam. So konnten die anderen schon vor dem Holen des ersten Packens einen Kaffee trinken. Zwischen den Mahlzeiten half er selbst beim Tragen des Gepäcks. Zwar trug er nur kleinere Lasten, aber er war eine Hilfe.

Alle Männer auf dem Weg lockte der Traum vom Gold, aber sie trieb auch die Angst vor dem nahenden Winter. Manche von ihnen sanken erschöpft neben dem Weg nieder, andere schossen sich eine Kugel in den Kopf, wenn sie die Hoffnungslosigkeit ihres Unternehmens erkannten. Manche verloren den Verstand, und andere beendeten unter dem Druck Freundschaften, die schon ein ganzes Leben gehalten hatten.

Der alte Tarwater gab den Männern Kraft, obwohl er selbst immer arbeitete und ein schlimmer trockener Husten ihn quälte. Müde Menschen, die vorüber kamen, stellten ihren Packen ab und baten: "Vater Weihnacht, sing uns dein Lied von neunundvierzig!"

Eines Tages sagte der Große Bill zu seinen beiden Kameraden: "Wenn sich je ein Mann eine Reise erarbeitet und verdient hat, dann ist es unser Alter."

"Darauf kannst du wetten", bestätigte Anson. "Er ist ein wertvoller Zuwachs in unserer Gesellschaft, und ich hätte nichts dagegen, ihn zum regelrechten Teilhaber zu machen."

"Nein!", fuhr Charles dazwischen. "Wenn wir nach Dawson kommen, sind wir fertig mit ihm - so lautet des Abkommen. Wenn wir ihn bei uns behalten, müssen wir ihn nur begraben. Außerdem brauchen wir unseren Proviant selbst. Ihr habt Glück, dass ich nicht so gefühlsduselig bin wie ihr, daran werdet ihr bei der nächsten Hungersnot denken."

Während des ganzen schrecklichen, gefährlichen und strapaziösen Weges kochte und arbeite der alte Tarwater. Und immer wieder sang er sein Lied. Wenn er mit seinem weißen Bart - beladen mit seinen Packen - im Schneesturm auftauchte, ertönte es: "Vater Weihnacht! Drei donnernde Hurras für Vater Weihnacht!"

Schließlich gelangten sie zum Glückslager - so genannt, weil hier die Waldgrenze war und die Menschen sich wieder am Feuer wärmen konnten. Der Wald bestand allerdings nur aus zwergenhaften Bergkiefern, deren Wipfel sich nie höher als einen Fuß über das Moos erhoben.

Auf dem letzten Stück zu diesem Ort hatte der alte Tarwater seine Last auf einem großen Stein abgestützt. Die anderen Männer liefen schwer beladen hin und her. Zweimal versuchte er sich zu erheben und weiter zu gehen, aber jedes Mal begann er zu zittern und ließ sich wieder sinken, um Kraft zu schöpfen.

Da hörte er, wie zwei Männer sich begrüßten. Die eine Stimme gehörte Charles Clayton, und dann war der andere ganz sicher Jung Liverpool. Tarwater hörte jedes Wort. Clayton beschrieb ihn wenig schmeichelhaft und machte den Vorschlag, ihm freie Reise bis Dawson zu gewähren.

Liverpool fand diesen Vorschlag nach der ganzen Beschreibung blöd. "Ein alter Großvater von siebzig! Warum habt ihr euch so an ihm festgehakt, wenn er auf dem letzten Loch pfeift? Wenn es Hungersnot gibt, und danach sieht es aus, brauchen wir allen Proviant für uns selbst. Wir haben uns nur für vier versorgt und nicht für fünf."

"Es ist alles in Ordnung", hörte Tarwater den anderen sagen. "Das alte Wrack ist darauf eingegangen, die letzte Entscheidung dir zu überlassen. Du brauchst also nur ‚nein' zu sagen."

"Du meinst, ich soll den Alten einfach so an die Luft setzen, nachdem ihr ihm Mut gemacht habt und bis hierher seine Arbeit gebraucht habt?"

"Die Reise ist hart, und nur harte Männer schaffen sie", versuchte Clayton einzulenken.

"Und da soll ich es sein, der die dreckige Arbeit tut?", beschwerte sich Liverpool.

"Da hast du nicht ganz unrecht", sagte Clayton. "Die Entscheidung liegt bei dir."

Tarwater nahm alle seine Kräfte zusammen, erhob sich wieder und ging weiter.

Vom Glückslager nach dem Langen See, von dort zum Tiefen See und über den ungeheuren Schweinerücken bis zum Lindermann-See ging der Wettlauf mit dem Winter. Männer weinten neben dem Weg vor Ermattung, aber der Winter gab nicht nach. Die Herbststürme wehten, und unter bitterkalten, durchweichenden Regenschauern und zunehmendem Schneegestöber schafften Tarwater und die Männer, mit denen er ging, das letzte von ihrer Ausrüstung an den Strand.

Etwas abseits vom See stachen sie ein Stück Tannenwald ab und bauten ihre Sägegrube. Sie arbeiteten Tag und Nacht und sägten Baumstämme zu Brettern. Dreimal wurde der alte Tarwater bei der Nachtarbeit ohnmächtig. Am Tag bereitete er wie gewöhnlich das Essen, und am Abend half er Anson beim Bau des Bootes.

Die Tage wurden kürzer, und der Wind wurde zum Sturm. Wenn die müden Männer morgens aus ihren Wolldecken krochen, hatte Tarwater schon das Feuer angezündet, damit sie ihre gefrorenen Schuhe auftauen konnten.

Immer mehr wurde von der Hungersnot im Land erzählt. Die Verpflegungsdampfer wurden durch das Wetter aufgehalten. Mehl wurde immer teurer, aber keiner wollte überhaupt welches verkaufen. Leute mit viel Geld verließen das Land. Es kam dazu, dass die Menschen Proviantrationen zugeteilt bekamen.

Unter diesen Anstrengungen begann der alte Tarwater zusammenzubrechen. Sein Husten war schrecklich geworden. Er begann an Kälteschauern zu leiden, so dass er alle Kleidungsstücke, die er besaß, um seine magere, alte Gestalt wickelte.

"Wenn er jetzt bei zwanzig Grad Fahrenheit schon alles anzieht, was will er dann tun, wenn es auf fünfzig oder sechzig Grad unter Null fällt?", sagte der Große Bill.

Mit ihrem Boot ruderten sie über das Südende des Lindermann-Sees direkt in einen Herbststurm hinein. Am nächsten Morgen wollten sie ihre Fahrt nach Norden beginnen - eine gefährliche Fahrt von fünfhundert Meilen über Seen, Stromschnellen und tief eingeschnittene Flussbetten. Liverpool verließ an diesem Abend das Lager und kam erst wieder, als die anderen schon schliefen. Er weckte Tarwater und sprach leise mit ihm:

"Hören Sie, Vater", sagte er. "Sie haben freie Fahrt in unserem Boot. Und wenn sich je ein Mann eine freie Fahrt verdient hat, dann sind Sie das. Aber Sie wissen selbst, dass Sie schon alt sind und Ihre Gesundheit nicht die beste ist. Wenn Sie mit uns weiterziehen, werden Sie sterben. - Lassen Sie mich ausreden, Vater! Die Bezahlung für eine Reise ist jetzt auf fünfhundert Dollar gestiegen. Ich habe meinen Willen durchgesetzt und einen Passagier abgelehnt, der in unserem Boot mitfahren möchte. Er hat sechshundert Dollar geboten. Diese Fahrt gehört Ihnen. Verkaufen Sie sie ihm, stecken Sie die sechshundert Dollar in die Tasche und ziehen Sie wieder heim. Was meinen Sie dazu?"

Tarwater hustete und zitterte eine Weile, ehe er genug Luft zum Sprechen bekam:

"Mein Sohn", sagte er, "ich möchte Ihnen nur eines sagen. Ich habe in meinem Leben vieles erlebt und durchgemacht. Jetzt bin ich nach Klondike unterwegs. Nichts kann mich halten. Ich werde meine Reise nicht verkaufen. Aber ich danke Ihnen herzlich, mein Sohn."

Da ergriff der junge Seemann die Hand des alten Mannes und rief: "Bei Gott, Vater! Sie werden hinkommen! Sie sind aus dem richtigen Stoff gemacht." Dann schaute er verächtlich auf Charles Clayton.

Sie kämpften sich nach Norden, wo das Wasser jeden Tag zufrieren konnte. Männer, die von dort kamen, warnten sie, dass sie erfrieren würden. Die Nachrichten von der Hungersnot waren ernsthafter denn je. Menschen ohne genügend Proviant wurden von der Polizei auf Schiffe verfrachtet und zurück geschickt. Clayton meinte noch einmal zu Tarwater, er solle umkehren, aber Liverpool sagte: "Wir gehen nach Klondike, und der alte Vater geht mit." Einmal hörte Tarwater, wie Liverpool zu Clayton sagte, dass er nicht auf die Idee kommen solle, den alten Vater wegen des fehlenden Proviantes bei dem dafür zuständigen Sicherheitsausschuss zu verraten.

Weiter ging die Fahrt bei gefährlichem Wetter. Sie sahen Boote mit Goldgräbern kentern und die Insassen ertrinken.

Am Le-Barge-See war das Land mit Schnee bedeckt, der das nächste halbe Jahr nicht schmelzen würde. An den Ufern bildete sich schon eine Eiskante. Von Norden wehte quer über den großen See herüber ein unendlicher Schneesturm. Sie kämpften mit dem Sturm und den Wellen, deren Spritzer zu Eis wurden, wenn sie ins Boot fielen. Dreimal versuchten sie die Fahrt, mussten aber immer wieder in die Flussmündung zurückkehren. Gemeinsam mit dreihundert anderen Booten lagen sie da.

Am vierten Tag erklärte Liverpool: "Heute müssen wir durchkommen. Heute gibt es kein Umkehren."

Und sie kamen durch. Sie ruderten den ganzen Tag und die ganze Nacht, während der Wind sich legte. Sie schliefen an den Riemen ein, wurden von Liverpool aufgerüttelt und arbeiteten weiter. Die Sterne kamen zum Vorschein, die Oberfläche des Sees wurde glatt und gefror zu dünnem Eis.

Als der Tag anbrach, ließen sie einen zugefrorenen See hinter sich. Liverpool schaute nach Tarwater und fand ihn fast bewusstlos. Er steuerte das Boot an eine Eiskante, um ein Feuer zu machen, an dem sich Tarwater erwärmen konnte. Clayton protestierte gegen einen solchen Zeitverlust.

Liverpool stellte klar, dass er für die Bootsfahrt verantwortlich ist. "Klettere du heraus und besorge eine Menge Holz! Ich werde für Vater sorgen. Du, Anson, machst ein Feuer, und du, Bill, stellst den Ofen im Boot auf. Der alte Vater ist nicht so jung wie wir. Er soll den Rest der Reise am Feuer sitzen."

So wurde es gemacht. Sie fuhren immer tiefer in den Winter des Nordlandes hinein. Immer mehr wuchs das Randeis, bis es an ruhigen Stellen hundert Meter weit von der Küste in den Strom ragte. Der alte Tarwater saß mit all seinen Kleidungsstücken am Ofen und schürte das Feuer. Tag und Nacht fuhren sie aus Furcht vor dem drohenden völligen Zufrieren des Wassers.

"Hallo, wie steht's, Alter?", rief Liverpool von Zeit zu Zeit.

"Glänzend", antwortete dieser dann stets.

"Mein Sohn, was kann ich je zum Dank für Sie tun?" fragte er zuweilen Liverpool.

"Sing mir dein Lied", lautete die Antwort.

Und Tarwater erhob seine Stimme, auch als sie endlich nach Dawson kamen.

Charles tat es so vorsichtig, dass keiner von seiner Gesellschaft etwas davon erfuhr. Er hatte zwei große Boote mit Männern gesehen, die keinen Proviant hatten und deshalb vom Sicherheitsausschuss geschnappt und wieder zurück geschickt wurden. Dawson sollte von ihnen befreit werden, egal wie es ihnen erginge.

Er begab sich heimlich zum Ausschuss und verriet den alten Tarwater. So wurde dieser abgeholt und als einer der letzten in das Boot gesetzt. Liverpool sah ihn gerade noch hinter einer Flussbiegung verschwinden.

Die Boote fuhren auf dem Fluss hunderte Meilen nordwärts und froren schließlich dicht neben der Proviantflotte ein. Hier, innerhalb des Polarkreises, ließ der alte Tarwater sich für den langen Winter nieder. Er arbeitete täglich einige Stunden, indem er Holz für die Dampfschiffgesellschaft hackte. Das genügte, um ihn zu ernähren. Die übrige Zeit schlief er in einer aus Baumstämmen erbauten Hütte.

Wärme, Ruhe und genügend Nahrung heilten seinen schlimmen Husten und stärkten seine Gesundheit und Kraft. Kurz vor Weihnachten verursachte der Mangel an frischem Gemüse eine Skorbutepidemie, und ein Abenteurer nach dem anderen legte sich in seine Koje. Das tat Tarwater nicht. Als sich die ersten Symptome bei ihm zeigten, brachte er sein einziges Heilmittel zur Anwendung - nämlich Bewegung. Er lieh sich vom Dampferkapitän Fallen und eine Büchse.

So ließ er das Holzhacken und verdiente sich mehr als sein bloßes Auskommen. Auch als die Krankheit in seinem eigenen Körper ausbrach, verlor er nicht den Mut. Er versorgte die Fallen und sang sein Lied.

Ende Januar kam sein Unglück. Irgendein kräftiges Tier verfing sich in einer seiner Fallen und schleppte sie fort. Starker Schneefall hielt seine Verfolgung auf halbem Weg auf, verlöschte die Fährte und ließ ihn sich verirren. Glücklicherweise steigt das Thermometer stets, wenn Winterschnee im Nordland fällt. Er war auch warm gekleidet und hatte eine Streichholzschachtel bei sich. Am fünften Tag tötete er einen verwundeten Elch, der mehr als eine halbe Tonne wog. Er schlug sein Lager neben dem Elch in einem tannenbewachsenen Gelände auf und bereitete sich darauf vor, hier den Winter durchzuhalten, falls er nicht vorher gefunden würde oder sich seine Krankheit verschlimmerte.

Nach zwei Wochen hatte sich sein Skorbut verschlechtert, aber kein Mensch hatte sich gezeigt. Viele Stunden lag es schlafend am Feuer. Schließlich war er kaum noch wach, sein Bewusstsein schwand immer mehr. Wenn Tarwater erwachte, bereitete er sein Elchfleisch zu und legte Holz aufs Feuer. Bald wusste er selbst nicht mehr, was Traum und Wirklichkeit ist.

Kurz, unter der Last seines Alters und der Einsamkeit des Nordens fand der Alte das Gemüt eines Kindes wieder. Er kauerte sich nieder und begann nach einem Schatz zu suchen. Seine Schwäche, die Stille und die Kälte waren mächtig. Was sollte ihn noch retten?

Aber eines Tages wurde er doch in die Wirklichkeit zurück gerufen. In seinen Ohren hörte er ein lautes Schnauben. Da seit Tagen kein Laut an seine Ohren gedrungen war, blickte er unsicher umher. Er erblickte einen großen Elch, der ein verwundetes Bein nachschleppte. Er war selbst ermattet und starrte den Menschen erschrocken an.

Matt zog der alte Tarwater seinen großen Fäustling aus und versuchte, den Zeigefinger zu bewegen. Dieser war aber völlig steif. Er wühlte sich durch seine viele Kleidung, bis er endlich die Finger in seine Armhöhle stecken und etwas wärmen konnte. Lange Minuten vergingen, bis er seine Büchse hob und über das Feuer hinweg auf das große Tier zielte.

Erst durch seinen eigenen Schuss kam er wieder richtig zu Bewusstsein. Er erkannte, dass er lange Zeit dem Tod sehr nahe gewesen war, und er spürte die bittere Kälte, die an diesem Tag sehr extrem war.

Langsam schmiedete Tarwaters Gehirn einen vernünftigen Plan. Hier in der unendlichen Einsamkeit wohnte der Tod. Zwei verwundete Elche waren hergekommen. Er wusste, dass sie von Osten gekommen waren. Also musste es dort Menschen geben, die ihm in seiner Not beistehen konnten.

Er konnte sich nur langsam bewegen, nahm seine Büchse, die Streichhölzer und einen Packen Elchfleisch. So hinkte der alte Mann nach Osten - wo die Sonne aufgeht und wieder geboren wird. Dabei sang er immer wieder sein Lied um bei Bewusstsein zu bleiben.

Er wusste nicht, wie viele Tage vergangen waren, als er aus einer Bergschlucht Rauch aufsteigen sah. Dort waren Männer, die mit ihrer Arbeit aufhörten und ihn anstarrten. Immer singend stolperte er zu ihnen hinab. Als er wegen Atemlosigkeit seinen Gesang unterbrechen musste, riefen ihn die Männer mit seinen verschiedenen Namen:

"Heiliger Nikolaus! Vollbart! Vater Weihnacht!"

Als er bei ihnen war, stand er ganz still, während große Tränen aus seinen Augen rannen. Er weinte lange schweigend, bis er sich in den Schnee setzte, seitlich umsank und in eine ruhige, leichte Ohnmacht fiel.

In weniger als einer Woche war der alte Tarwater wieder auf den Beinen und hinkte bei der Hausarbeit in der Hütte umher, bereitete Essen und wusch auf für die fünf Männer am Bach. Sie lebten so abseits, dass sie lange nichts vom Leben in der Welt gehört hatten. Sie ernährten sich fast ausschließlich von Elch- und Renfleisch sowie geräuchertem Lachs. Dazu sammelten sie im Sommer wilde Beeren und einige saftige Wurzeln, von denen sie für die restliche Zeit einen Vorrat anlegten.

Sie hatten vergessen, wie Kaffee schmeckt und machten Feuer mit einem Brennglas. In ihren Pfeifen rauchten sie getrocknetes Gras, das in die Zunge biss und in der Nase brannte.

Vor drei Jahren hatten sie die letzten weißen Männer gesehen. Damals waren sie auf ihrem Weg zu diesem Bach gekommen und hatten beschlossen, hier zu bleiben und nach Gold zu suchen.

Sie freuten sich über Tarwaters Anwesenheit und wurden nicht müde, seine Erzählungen zu hören. Sie tauften ihn um zu "Alter Held". Mit Tee aus Tannennadeln sowie einem Gebräu aus Weidenrinde, Wurzeln und Zwiebeln aus der Erde trieben sie den Skorbut aus ihm heraus. Bald hinkte er nicht mehr, und seine knochige Gestalt bedeckte sich mit Fleisch. Noch immer hatte er die Hoffnung auf einen reichen Goldschatz in sich.

Eines Morgens beim Frühstück sagten die Männer, dass sie einen Claim für ihn abgesteckt haben, der ihrer Berechnung nach nicht zu ganz großem Reichtum führt, aber etwa hunderttausend wert sein sollte.

"Jungens", antwortete der Alte, "ich danke euch herzlich. Alles, was ich sagen kann, ist, dass hunderttausend für mich Anfänger sehr hübsch wären. Aber auch dann würde ich nicht aufhören zu suchen, denn dazu bin ich hierher gekommen."

Sie lachten, lobten seinen Ehrgeiz und meinten, dass sie dann noch einen reicheren Bach für ihn ausfindig machen müssten. Der Alte Held meinte dazu, dass er sich im Frühjahr selbst umschauen werde. Vielleicht hänge das Gold auch in Klumpen an Mooswurzeln.

Lange sprachen sie nicht mehr darüber, doch als die Sonne höher stieg, die Tage länger und wärmer wurden, starrte er oft auf eine Terrasse in halber Höhe des gegenüber liegenden Berges. Als die Schneeschmelze in vollem Gange war, setzte er über den Fluss und erklomm die Terrasse.

Wo der Boden der Sonne ausgesetzt war, war er schon einen Zoll tief geschmolzen. An einer solchen Stelle legte er sich nieder, nahm eine Handvoll Moos in seine knorrigen Hände und zerrte die Wurzeln auseinander. Die Sonne schien auf matt schimmerndes Gold. Er schüttelte das Moos, und derbe Klumpen wie Kies fielen auf die Erde. Es war das Goldene Vlies aus seinem Lied, zum Scheren bereit.

Wenn man über Alaska spricht, wird nie der Sommer 1898 vergessen, in dem die Goldgräber nach den Minen bei den Terrassen von Tarwater Hill strömten. Und als Tarwater seinen Besitz für rund eine halbe Million an eine Gesellschaft verkauft hatte, machte er sich auf den Weg zurück nach Kalifornien. Er ritt auf einem Maultier auf einem neu angelegten Weg mit behaglichen Häusern bis zur Dampferanlegestelle von Fort Yukon.

Bei der ersten Mahlzeit auf dem Ozeandampfer wurde er von einem grauhaarigen Steward bedient, dessen Gesicht von Sorgen und dessen Körper von Skorbut gekennzeichnet waren. Der alte Tarwater musste zweimal genau hinsehen, um sich sicher zu sein, dass es Charles Clayton war.

"Schlecht gegangen, mein Sohn, was?", fragte ihn Tarwater.

Der andere klagte: "Nur einer von uns wurde von Skorbut gepackt. Ich habe Höllenqualen erduldet. Die anderen drei sind gesund und arbeiten alle, damit sie im Winter am Weißen Fluss nach Gold suchen können. Anson arbeitet als Zimmermann, Liverpool schlägt Holz für die Sägemühle, und der Große Bill ist dort Vorarbeiter. Wenn bei mir der Skorbut nicht gewesen wäre …"

"Sicher, mein Sohn. Jetzt bist du so verschandelt, dass du dich für die Arbeit nicht mehr eignest. Ich werde deine Überfahrt beim Kapitän bezahlen, in freundlicher Erinnerung an die Unterstützung, die du mir gewährt hast. So kannst du dich den Rest der Reise ausruhen. Was willst du in San Franzisko tun, wenn du an Land gehst?"

Charles Clayton zuckte die Achseln.

"Ich will dir etwas sagen", fuhr Tarwater fort. "Es gibt Arbeit für dich auf meinem Gut, bis du wieder mit Geschäften anfangen kannst."

"Ich könnte Ihr Geschäft verwalten", begann Charles eifrig.

"Nein, mein Herr", erklärte Tarwater mit Nachdruck. "Aber es gibt immer Löcher für Pfosten zu graben und Brennholz zu hacken."

Tarwater kam heim als der verlorene Großvater, für den das fette Kalb bereitstand und geschlachtet wurde. Ehe er sich an den Tisch setzte, wollte er aber umher gehen. Die ganze Familie musste ihn unbedingt begleiten. Widerspruchslos taten sie es, denn der Alte hatte eine halbe Million.

An dem alten verfallenen Wasserrad blieb er stehen und sein Gesicht strahlte. Er ließ den Blick über das Tarwater-Tal bis zu den Tarwater-Bergen schweifen. Alles gehörte jetzt wieder ihm.

Da kam ihm ein Einfall. Wieder musste ihm die ganze Familie folgen. An der baufälligen Scheune hob er einen Knüppel vom Boden auf.

"William", sagte er zu seinem Sohn. "Erinnerst du dich an die kleine Unterhaltung, die wir hatten, ehe ich nach Klondike ging? Du erinnerst dich sicher. Du sagtest, ich sei verrückt. Ich sagte dir damals, mein Vater würde mir das Fell mit einem Knüppel gegerbt haben, wenn ich so mit ihm geredet hätte."

"Ach, das war ja nur Unsinn", versuchte William sich zu entschuldigen.

Er war ein grauhaariger Mann von fünfundvierzig Jahren. Seine Frau und seine erwachsenen Söhne standen dabei und sahen neugierig zu, wie Großvater Tarwater seinen Rock auszog und ihn Mary zu halten gab.

"William, komm her!", befahl er gebieterisch.

William kam, wenn auch äußerst widerstrebend.

"Nur eine Kostprobe von dem, was mein Vater mir oft genug gegeben hat", brüllte der Alte, indem er auf Rücken und Schultern seines Sohnes mit dem Knüppel losprügelte. "Und nun sage mir eins, mein Sohn: Denkst du immer noch, dass ich verrückt bin?"

"Nein", heulte William, vor Schmerzen herumtanzend. "Du bist nicht verrückt, Vater! Natürlich bist du nicht verrückt!"

"Gut", bemerkte der alte Tarwater kurz, indem er den Knüppel wegwarf und seinen Rock anzog. "Dann lasst uns hinein gehen und essen."

Die Goldschlucht

Ein roter, vielzackiger Hirsch stand mitten im knietiefen Wasser eines ruhigen Teiches in einer grünen Schlucht. Er hielt das Haupt gesenkt und die Augen geschlossen. Auf der einen Seite stieß eine kleine Wiese an den Teich, die sich bis zu einer düsteren Felswand erstreckte. Auf der anderen Seite zog sich ein Sandberg bis zum Felsen empor. Der Hang war mit feinem Gras bewachsen, das mit Blumen vermischt war. Die Schlucht endete mit riesigen Felsblöcken.

Nicht ein Hauch regte sich an diesem Tag. Hin und wieder flatterte ein Schmetterling umher. Von allen Seiten hörte man das leise Summen der Bergbienen. Den kleinen Bach, der durch die Schlucht rieselte, hörte man sanft murmeln. Alles erschien ruhig und friedlich.

Aber es kam ein Augenblick, da der Hirsch gespannt lauschend die Ohren spitzte. Er wandte den Kopf und sah die Schlucht hinab. Einmal hörte er das Klingen von Metall, das gegen den Felsen schlug. Sofort sprang er mit einem Satz aus dem Teich auf die Wiese. Immer wieder spitzte er die Ohren. Schließlich verschwand er leichtfüßig und geräuschlos wie ein Schatten aus der Schlucht.

Das Singen einer Männerstimme wurde immer lauter:

"Lasse deine Augen sehen
Lieblich waldbedeckte Höhen
Achte nicht der Sünde Macht.
Schau dich um die Kreuz und Quere
Deinen Sündensack entleere
Triffst du doch den Herrn bei Nacht."

Ein Mann kam heran und späte über Wiese, Teich und Berghang. Er warf einen schnellen Blick durch die Schlucht und ließ seine Augen dann forschend über alle Einzelheiten gleiten. Dann öffnete er den Mund und sagte mit feierlicher Anerkennung:

"Weiß Gott! Das ist ein Anblick! Wald und Wasser, Gras und ein Berghang. Eine Freude für jedes Goldgräberauge und ein Paradies für jedes Präriepony. Der Teufel soll mich holen!"

Er hatte einen sandfarbenen Teint und dünne ungekämmte Haare von derselben Farbe. Es sah aus, als hätte sich aller Farbstoff in seinen Augen gesammelt, die erstaunlich blau waren. Es waren lachende, frohe Augen. Auf dem Kopf trug er einen Hut, der mit seinen vielen Beulen und Flecken davon zeugte, dass er lange Zeit Wind und Wetter, Sonne und Regen und dem Rauch der Lagerfeuer ausgesetzt gewesen war. Aus seinem Gepäck holte er eine Hacke, eine Schaufel und eine Goldgräberpfanne und warf die Sachen vor sich auf den Boden.

"Donnerwetter, der Duft ist was für mich!" Der Mann hatte die Gewohnheit, laute Selbstgespräche zu führen. Er legte sich am Rand des Teiches nieder und trank tief und lange vom Wasser. "Das schmeckt!", murmelte er, während er sich den Mund mit dem Handrücken abwischte.

Dabei erregte der Hang seine Aufmerksamkeit. Immer noch auf dem Bauch liegend, studierte er lange und sorgfältig die Gebirgsformation. Es war ein geübtes Auge, das den Hang bis zu der verwitterten Felswand hinauf und wieder herab zum Ufer durchforschte. Dann erhob er sich und untersuchte den Hang noch einmal.

"Sieht gut aus", sagte er schließlich und hob Hacke, Schaufel und Pfanne auf. Er überschritt den Bach unterhalb des Teiches. An einer Stelle, wo der Hang direkt bis ans Wasser reichte, hob er eine Schaufel voll Erde aus und schüttete sie in die Pfanne. Diese tauchte er halb in den Bach und versetzte sie in schnelle kreisende Bewegungen. Durch geübte Bewegungen ließ er die größeren und leichteren Teile über den Rand gleiten. Der Inhalt der Pfanne verringerte sich schnell. Zuletzt war scheinbar nur noch eine ganz dünne Schicht schwarzen Sandes auf dem Boden zu sehen. Er untersuchte sie genau. Mittendrin war ein winziger goldener Punkt.

Konzentriert und besonders gründlich arbeitete er weiter. Auf diese Weise entdeckte er immer wieder neue Goldkörnchen. Schließlich zählte er sie und schleuderte sie weg. Aber seine blauen Augen leuchteten vor Verlangen, als er sich erhob. "Sieben", murmelte er laut - die Anzahl der Goldkörnchen, die er soeben weggeworfen hatte. Dann wiederholte er noch einmal: "Sieben." Er stand eine Weile still und betrachtete den Berghang. Ein Ausdruck von brennender Neugier war in seinen Augen.

Er ging ein paar Schritte am Bach entlang und füllte seine Pfanne wieder mit Erde. Wieder wusch er sie sorgfältig aus, um die gefundenen Goldklümpchen danach wegzuwerfen.

"Fünf", murmelte er. "Fünf."

Noch einmal studierte er den Berghang und füllte seine Pfanne ein wenig abseits am Bach. Die Anzahl der Goldstückchen nahm ab.

Nun zündete er ein kleines Feuer an. Er warf die Pfanne hinein und ließ sie so lange im Feuer liegen, bis sie ganz blauschwarz wurde. Dann holte er sie heraus und untersuchte sie kritisch. Er nickte beifällig. Bei dieser Farbe würde ihm nicht das kleinste Goldklümpchen entgehen.

Systematisch untersuchte er das Bachbett weiter Stück für Stück. Später kehrte er zu seinem Ausgangspunkt zurück und arbeitete in der anderen Richtung weiter. Die Zahl der goldenen Ernte wuchs erstaunlich. Am Oberlauf des Baches wusch er seine reichste Pfanne aus - fünfunddreißig Körner. Als er weiter arbeitete, nahm die Anzahl der Körnchen wieder ab. Da richtete er sich auf und warf einen zuversichtlichen Blick auf den Berghang.

Er lief aus der Schlucht und kam nach kurzer Zeit mit einem Pferd zurück, das ein Bündel auf dem Rücken trug. Zuerst starrte es erstaunt die neue Umgebung an, senkte aber schnell den Kopf und begann zufrieden zu weiden. Ein zweites Pferd taumelte plötzlich aus dem Gebüsch heraus. Es hatte auf dem Rücken keinen Reiter, aber einen hohen mexikanischen Sattel, der vom langen Gebrauch abgenutzt und mitgenommen war. Der Mann suchte sich einen passenden Lagerplatz und ließ die Tiere weiden.

Er packte Proviant, eine Bratpfanne und eine Kaffeekanne aus. Dann sammelte er einen Armvoll trockenen Reisigs und errichtete mit Steinen eine Feuerstelle.

Gerade als er das Feuer entzünden wollte, glitten seine Blicke wieder über den Hang. "Ich glaube, ich will noch einen Versuch machen", sagte er schließlich und ging über den Bach.

"Es hat nicht viel Sinn, das weiß ich", entschuldigte er sich bei sich selbst, "aber ich glaube nicht, dass es mir jemand übel nehmen wird, wenn ich das Essen eine Stunde verschiebe."

So grub er immer neue Löcher bis eine Reihe von ihnen quer über den Hang verlief. Die Löcher in der Mitte ergaben stets die reichste Ausbeute. Immer höher stieg er. Die Linie der Löcher ergab ein umgekehrtes V. Zu dessen Spitze wollte er. Jede Pfanne brachte er ans Wasser hinunter und wusch sie aus. Je höher er kam, desto reicher wurde der Inhalt der Pfanne. Er schüttete das Gold jetzt in eine Dose, die er in der Hosentasche trug. So arbeitete er bis zur Dunkelheit.

Erst dann bereitete er sich eine Mahlzeit, legte sich hin und schlief. Am nächsten Morgen zündete er ein Feuer an und sah auf den Berg. Dann sprach er zu sich:

"Der läuft nicht weg. Du musst erst frühstücken, Bill. Was du brauchst, ist ein bisschen Abwechslung auf der Speisekarte. Du musst mal sehen, was du zu fassen kriegst."

Am Ufer des Teiches schnitt er einen kurzen Stock ab und zog eine Schnur und eine Fliege aus einer seiner Taschen. Er warf die Schnur aus, an der nach kurzer Zeit eine schimmernde Forelle hing. Sie und noch drei weitere machten sein Frühstück aus. Danach wollte er eigentlich die Umgebung erkunden, ließ es dann aber sein und machte sich abermals an die Arbeit.

Erst bei Einbruch der Dunkelheit richtete er sich auf. Seine Lenden waren steif vom langen Bücken. Er sagte: "So was habe ich noch nicht erlebt! Jetzt habe ich doch das Mittagessen vergessen." Als er sich später in seine Decken rollte, rief er dem Hang zu: "Gute Nacht! Gute Nacht!"

Mit der Sonne stand er auf, aß eilig sein Frühstück und machte sich an seine Arbeit. Er war wie von einem Fieber ergriffen. Die Pfannen waren immer reicher gefüllt. Er vergaß Müdigkeit und Zeit. Er war jetzt hundert Meter vom Wasser entfernt. Wenn er eine Pfanne mit Erde gefüllt hatte, lief er den Hang hinab, um sie auszuwaschen. Schnaufend stolperte er danach wieder hinauf, um die Pfanne von neuem zu füllen.

Die Spitze des V war sein Ziel. Schließlich hielt er es nicht mehr aus, die Versuchung war zu groß. Er kletterte an die Stelle, an der er die V-Spitze vermutete. Er füllte seine Pfanne, lief den Berg hinunter und wusch sie aus. Nicht ein einziges Goldstückchen fand er. Auch die weiteren zehn Pfannen enthielten nichts. Leise sprach er sich selbst Mut zu.

Nun grub er wieder systematisch weiter. Die Goldkörner lagen in immer größerer Tiefe. Als er einen Augenblick innehielt, um seinen schmerzenden Rücken zu reiben, seufzte er: "Und kein Mensch weiß, wie tief es später noch geht."

Mit fieberhafter Gier, schmerzendem Rücken und steifen Muskeln arbeitete sich der Mann langsam den Berg hinauf. Die immer tiefere Lage der Goldader vermehrte die Arbeit des Mannes, doch er tröstete sich an dem immer reicheren Goldinhalt der Pfannen. Die letzte Pfanne ergab einen Wert von einem Dollar.

Bevor er an dem Abend einschlief, murmelte er noch müde: "Ich möchte wetten, dass irgend ein Kerl zufällig auf meine kleine Weide kommt. Morgen früh werde ich zeitig aufstehen und mich umsehen." Dann rief er dem Hang wieder sein "Gute Nacht!" zu.

Am Morgen kam er der Sonne zuvor. Als sie aufging, hatte er schon gefrühstückt und versuchte, die Felswand zu erklimmen. Als er den Gipfel erreicht hatte, sah er sich nach allen Seiten um - nur Öde und Einsamkeit. So weit er sehen konnte, erhob sich eine Bergkette hinter der anderen. Keine Spur von einem Menschen war zu entdecken. Einmal kam es ihm so vor, als würde aus seiner eigenen Schlucht feiner Rauch aufsteigen, Er kam aber zu dem Schluss, dass das Bergnebel sei.

So machte er sich wieder auf den Rückweg. Heute enthielt seine erste Probepfanne Gold im Wert von zwei Dollar. Die Erde war fast aus der Spitze des V entnommen. Früh am Nachmittag musste er die Probelöcher fünf Fuß tief machen, ehe die Pfannen Gold enthielten. Dann enthielten sie aber Gold im Wert von drei bis vier Dollar; der Boden bestand fast aus reinem Gold.

Der Mann kratzte sich am Kopf und sah nachdenklich zu der Stelle, an der er den Hauptfund vermutete. Er nickte und sagte zu sich:

"Es gibt zwei Möglichkeiten, Bill. Entweder ist das Gold über den ganzen Berghang verstreut oder die Hauptader ist so verdammt reich, dass du vielleicht nicht imstande bist, sie auf einmal mit nach Hause zu nehmen. Das wäre doch eine verfluchte Geschichte, nicht wahr?" Er lachte bei dem Gedanken, möglicherweise vor so einem angenehmen Dilemma zu stehen.

Als die Dunkelheit hereinbrach, starrte er sich beim Auswaschen einer Probepfanne fast die Augen aus dem Kopf. Sie enthielt Gold für fünf Dollar.

In dieser Nacht konnte er kaum schlafen und wartete sehnsüchtig auf den Sonnenaufgang. Als die Morgendämmerung kam, hatte er schon gefrühstückt und war im Begriff, den Berghang zu erklimmen.

Bei seinen Grabungen war er nun fast an der Quelle des goldenen Stromes angekommen.

"Ruhig, Bill, ruhig!", ermahnte er sich als er das letzte Loch genau an der Stelle grub, wo die Seiten des umgekehrten V in ihrem Schnittpunkt zusammenliefen. Vier, fünf, sechs Fuß grub er in den Boden. Das Graben wurde immer schwieriger. Schließlich kam er auf reinen Felsboden, den er mit seiner Hacke bearbeitete. Dann setzte er die Schaufel in die lose Masse. Da sah er einen goldenen Schimmer. Er warf die Schaufel fort und hockte nieder, um die Erde in seinen Händen zu reiben.

"Heiliger Himmel!", rief er. "Hier sind ja ganze Klumpen! Wahrhaftig, ganze Klumpen!"

Die Hälfte dessen, was er in der Hand hielt, war reines Gold. Ein Stück nach dem anderen rieb er von der Erde rein und warf es in die Goldpfanne. Das Loch war die reinste Schatzkammer. Ein großer Klumpen, den die Hacke zerbrochen hatte, leuchtete wie gelbe Edelsteine. Mit schiefem Kopf betrachtete er ihn und drehte ihn langsam, um das strahlende Spiel des Lichtes darin zu beobachten.

"Die Leute reden oft von reichen Goldfunden", sagte er höhnisch. "Aber hiermit verglichen ist das meiste nicht viel wert. Das hier ist ja durch und durch Gold. Daher taufe ich die Schlucht auf den Namen ‚Goldschlucht'."

Immer weiter untersuchte er den Boden und warf die Goldstücke in die Pfanne. Plötzlich hatte er das Gefühl, dass ihm eine Gefahr drohe. Es war, als fiele ein Schatten auf ihn, aber es war kein Schatten. Ihm war, als hätte er einen Klumpen in den Hals bekommen, und er sollte ersticken. Im nächsten Augenblick gefror ihm das Blut in den Adern, und er fühlte, wie ihm sein verschwitztes Hemd am Körper klebte. Er sprang nicht auf und sah sich nicht um. Er rührte sich nicht. Welche Warnung hatte er bekommen? Jeder Nerv in ihm war gespannt.

Er wagte nicht, sich umzusehen, aber er wusste jetzt, dass etwas hinter ihm war. Er tat, als wäre er ganz von dem Gold in seiner Hand in Anspruch genommen. Aber die ganze Zeit fühlte er, dass ein Wesen hinter ihm stand, ihm über die Schulter blickte und das Gold betrachtete.

Als er angespannt lauschte, hörte er das Wesen hinter sich atmen. Sein Blick glitt suchend über den Boden vor ihm, um eine Waffe zu entdecken. Da war nichts, aber er hatte ja seine Hacke! Nur, konnte sie ihm in dieser Situation helfen? Der Mann erkannte, wie gefährlich seine Lage war. Er befand sich in einem engen, sieben Fuß tiefen Loch. Mit seinem Kopf reichte er nicht bis zur Erdoberfläche. Er saß in einer Falle.

Sein Verstand überdachte alle Möglichkeiten, sagte ihm aber auch, dass seine Lage hoffnungslos war. Er rieb weiter die Erde in seinen Händen und warf das Gold in die Pfanne. Es war nichts anderes zu tun. Und doch wusste er, dass er früher oder später gezwungen war sich zu erheben und der Gefahr ins Gesicht zu schauen. Die Minuten vergingen, und er überlegte fieberhaft. Sollte er sich ganz langsam erheben, so als entdecke er das Wesen zufällig oder sollte er plötzlich aus dem Loch springen?

Während er das alles überdachte, ertönte plötzlich ein lauter Knall an seinem Ohr. Im selben Augenblick erhielt er einen lähmenden Schlag auf die linke Seite des Rückens, und ein brennender Schmerz verbreitete sich durch seinen Körper. Er sprang hoch, brach aber zusammen, bevor er ganz auf den Füßen war. Er fiel mit der Brust gegen die Pfanne und bohrte das Gesicht in den Boden. Seine Glieder zitterten mehrmals krampfhaft und seinen Körper durchfuhr es wie ein heftiger Kälteschauer. Die Lungen weiteten sich, und man hörte einen tiefen Seufzer. Langsam fiel sein Körper schlaff zusammen.

Von oben guckte ein Mann, der einen Revolver in der Hand hielt, über den Rand des Loches. Er starrte lange auf den unbeweglichen Körper unter sich. Nach einer Weile setzte er sich auf den Rand des Loches und legte den Revolver auf seine Knie. Er zog einen Streifen braunes Papier aus der Tasche, streute Tabak darauf und drehte sich eine Zigarette. Unaufhörlich starrte er auf den ausgestreckten Körper am Boden des Loches. Er zündete sich die Zigarette an und zog mit Genuss den Rauch in die Lungen.

Nachdem er den Zigarettenstummel weggeworfen und sich erhoben hatte, trat er wieder an den Rand des Loches. Mit dem Revolver in der Hand kletterte er hinein.

Im selben Augenblick, als seine Füße den Boden berührten, sah er den Arm des Goldgräbers hervor schießen und fühlte einen festen Griff an seinem Bein. Dann wurde er umgerissen. Blitzschnell senkte er die Hand, in der er den Revolver hielt und schoss. Der Knall ertönte ohrenbetäubend in dem engen Loch, und der Rauch füllte es, so dass man nichts sehen konnte. Er fiel rücklings auf den Boden des Loches, und wie eine Katze sprang der Goldgräber über ihn. Der Fremde wollte noch einmal schießen, aber der Goldgräber stieß mit dem Ellbogen sein Handgelenk beiseite. Der Revolver fuhr hoch, und die Kugel schlug klatschend in die Erdwand des Loches.

Im selben Augenblick begann der Kampf um den Revolver. Als sich der Rauch verzog, lag der Fremde auf dem Rücken. Plötzlich wurde er von einer Handvoll Erde geblendet, die sein Gegner ihm in die Augen warf. Bei diesem Schreck löste er den Griff um den Revolver. Im nächsten Augenblick spürte er, wie Finsternis sein Gehirn verschleierte. Dann hörte selbst diese Finsternis auf. Der Goldgräber feuerte, bis der Revolver leer war. Dann schleuderte er ihn fort und setzte sich atemlos auf die Beine des Toten.

Er stöhnte und schnappte nach Luft. "Elender Schuft!", keuchte er. "Schleicht mir nach, lässt mich die Arbeit tun und schießt mich dann in den Rücken."

Er weinte fast vor Wut und Erschöpfung. Fortwährend starrte er dem Toten ins Gesicht. "Habe ihn noch nie gesehen, ein ganz gewöhnlicher Dieb. Der Teufel soll ihn holen! Mich in den Rücken zu schießen! In den Rücken!"

Dann befühlte er das Loch, das die Kugel ihm in die linke Seite geschlagen hatte. "Das wird mich verdammt steif machen", sagte er. "Es ist wohl am besten, wenn ich einen Verband kriege."

Er kroch aus dem Loch hinaus und ging zu seinem Lagerplatz. Eine halbe Stunde später kam er mit seinem Packpferd zurück. Unter seinem offenen Hemd sah man einen primitiven Verband, den er sich gemacht hatte. Die Bewegungen seiner linken Hand waren langsam. Mit Hilfe eines Strickes, den er dem Toten unter den Armen hindurch zog, beförderte er ihn aus dem Loch. Dann sammelte er sein Gold auf. Er arbeitete mehrere Stunden. Dabei musste er oft ausruhen und schimpfte:

"Mich in den Rücken zu schießen, der elende Kerl! Mich in den Rücken zu schießen!"

Als er seinen ganzen Schatz in seine Decken und Bündel gepackt hatte, überschlug er, wie viel er wohl wert sein mochte. "Vierhundert Pfund - oder ich will mich hängen lassen", erklärte er. "Falls die Hälfte davon noch Erde sein sollte, bleiben immer noch zweihundert, Bill. Zweihundert Pfund Gold! Vierzigtausend Dollar! Bill, wach auf! Das ist alles dein!"

Er kratzte sich am Kopf und bemerkte dabei noch eine Verletzung, die der zweite Schuss ihm beigebracht hatte. Ärgerlich trat er zu dem Toten.

"Du hättest mich gern um die Ecke gebracht, was? Das hättest du gern getan! Aber ich habe dir dein Teil gegeben. Du sollst ein hübsches Begräbnis haben."

Damit schleppte er die Leiche zum Loch und ließ sie hinein fallen. Mit Hacke und Schaufel füllte er das Loch. Dann belud er sein Pferd mit dem Gold. Da die Last für ein Tier zu groß war, verteilte er sie auf die zwei Pferde. Aber selbst dann war er gezwungen, einen Teil seiner Ausrüstung zurück zu lassen. Als er sich auf den Weg machte, sang er wieder sein Lied.

Der Gesang wurde immer schwächer. Der Bach flüsterte wieder schläfrig, und das Summen der Bergbienen ertönte. Die Schmetterlinge glitten zwischen den Blumen hin und her, und über dem Ganzen flammte der ruhige Sonnenschein. Nur die Spuren der Pferdehufe und der aufgewühlte Berghang erinnerten daran, dass jemand den Frieden dieser Stätte gebrochen hatte.

Der Klassiker RUF DER WILDNIS von Jack London (1876-1916)wurde von Birgit Weiße für den Lesekorb nacherzählt. Die Illustrationen stammen von Philip R. Goodwin (1882-1935) and Charles Livingston (1874-1932).


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