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Lesekorb - Das Web-Magazin für Kinder

Heidi kann brauchen, was es gelernt hat

von Johanna Spyri

Reisezurüstungen

Der freundliche Herr Doktor, der entschieden hatte, dass Heidi wieder in ihre Heimat zurückgebracht werden sollte, ging gerade durch die breite Straße auf das Haus Sesemann zu. Der sonnige Septembermorgen war so hell und schön, dass sich eigentlich alle Menschen darüber hätten freuen müssen. Aber der Herr Doktor schaute auf die weißen Steine zu seinen Füßen, so dass er den blauen Himmel über sich nicht einmal bemerken konnte.

Es lag eine Traurigkeit auf seinem Gesichte, die man vorher nie da gesehen hatte, und seine Haare waren viel grauer geworden seit dem Frühjahr. Der Doktor hatte eine einzige Tochter gehabt, mit der er seit dem Tode seiner Frau sehr eng zusammen gelebt hatte und die seine ganze Freude gewesen war. Vor einigen Monaten war das junge Mädchen ganz plötzlich gestorben. Seither sah man den Herrn Doktor nie mehr so recht fröhlich, was er vorher fast immer gewesen war.

Auf das Klingeln an der Haustür hin öffnete Sebastian sehr freundlich die Eingangstür und begrüßte ihn wie es sich für einen ergebenen Diener gehörte; denn der Herr Doktor war nicht nur der beste Freund des Hausherrn und von Klara, seiner Tochter, sondern er hatte sich durch seine Liebenswürdigkeit sämtliche Hausbewohner zu guten Freunden gemacht.

"Alles beim alten, Sebastian?" fragte der Herr Doktor wie gewohnt mit freundlicher Stimme und ging die Treppe hinauf, gefolgt von Sebastian, der immer noch, allerlei Zeichen der Ehrerbietung machte, obwohl der Herr Doktor sie eigentlich nicht sehen konnte, denn er kehrte Sebastian den Rücken zu.

"Gut, dass du kommst, Doktor", rief Herr Sesemann dem Eintretenden entgegen. "Wir müssen unbedingt noch einmal die Schweizerreise besprechen, ich muss von dir hören, ob du unter allen Umständen bei deiner Ablehnung bleibst, auch nachdem es Klärchen entschieden besser geht."

"Mein lieber Sesemann, wie kommst du mir denn vor?" entgegnete der Angekommene, während er sich zu seinem Freunde setzte. "Ich wünschte wirklich, deine Mutter wäre hier; sie versteht die Dinge sofort und alles wird vernünftig geregelt Mit dir aber kommt man nie zu einem Ende. Du lässt mich heute zum dritten Male zu dir kommen, damit ich dir immer noch einmal dasselbe sage."

"Ja, du hast recht, mein Verhalten muss dich ungeduldig machen, aber du musst doch begreifen, lieber Freund" - und Herr Sesemann legte seine Hand wie bittend auf die Schulter seines Freundes-, "es fällt mir schwer, dem Kind diesen sehnlichsten Wunsch nicht zu erfüllen, obwohl ich es so sicher versprochen hatte und worauf Klara sich nun monatelang Tag und Nacht gefreut hat. Auch diese letzte schlimme Zeit hat das Kind so geduldig ertragen, immer in der Hoffnung, dass die Schweizreise nahe sei und dass es seine Freundin Heidi auf der Alp besuchen könne; und nun soll ich Klara, die ja sonst schon so vieles entbehren muss, die lang gehegte Hoffnung wieder zunichte machen- das ist mir fast nicht möglich."

"Sesemann, das muss sein", sagte der Arzt sehr bestimmt, und als sein Freund stillschweigend und niedergeschlagen da saß, fuhr er nach einer Weile fort: "Bedenke doch, wie die Sache aussieht. Klara hat seit Jahren keinen so schlimmen Sommer gehabt, wie dieser letzte war. Von einer so großen Reise kann keine Rede sein, ohne dass wir die schlimmsten Folgen zu befürchten hätten.

Außerdem haben wir nun schon September, da kann es oben auf der Alp ja noch schön sein, es kann aber auch schon sehr kühl werden. Die Tage sind nicht mehr lang, und oben bleiben und da die Nächte zubringen kann Klara doch nun gar nicht. So könnte sie immer nur ein paar Stunden oben verweilen. Der Weg von Bad Ragaz dort hinauf muss ja schon mehrere Stunden dauern, denn zur Alp hinauf muss sie auf jeden Fall im Sessel getragen werden. Kurz, Sesemann, es geht nicht!

Aber ich will mit dir hineingehen und mit Klara reden, sie ist ja ein vernünftiges Mädchen, ich will ihr meinen Plan mitteilen. Im kommenden Mai soll sie erst nach Ragaz fahren; dort soll eine längere Badekur unternommen werden, so lange, bis es oben auf der Alp schön warm wird. Dann kann sie dort von Zeit zu Zeit hinaufgetragen werden; dann wird sie gut erholt sein und kann diese Ausflüge auf den Berg ganz anders genießen, als es jetzt geschähe. Du begreifst auch, Sesemann, wenn wir noch ein wenig Hoffnung auf Besserung von Klaras Zustand behalten wollen, so müssen wir auf äußerste Schonung und sorgfältigste Behandlung achten."

Herr Sesemann, der bis dahin schweigend und mit dem Ausdrucke trauriger Ergebenheit zugehört hatte, fuhr jetzt auf einmal empor:

"Doktor", rief er aus, "sag es mir ehrlich: Hast du wirklich noch Hoffnung auf eine Änderung dieses Zustandes?"

Der Herr Doktor zuckte die Achseln. "Wenig", sagte er halblaut. "Aber komm, denk einmal einen Augenblick an mich, lieber Freund! Hast du nicht ein liebes Kind, das nach dir verlangt und sich auf deine Heimkehr freut, wenn du weg bist? Du musst nie in ein leeres Haus zurückkehren und dich allein an deinen Tisch hinsetzen. Und dein Kind hat's auch gut daheim. Muss es auch vieles entbehren, was andere genießen können, so ist es in manch anderem auch vor vielen bevorzugt. Nein, Sesemann, ihr seid nicht so sehr zu beklagen, ihr habt es doch recht gut, so zusammen zu sein; denk an mein einsames Haus!"

Herr Sesemann war aufgestanden und ging nun mit großen Schritten im Zimmer auf und ab, wie er es immer zu tun pflegte, wenn ihn irgendeine Sache stark beschäftigte. Auf einmal blieb er vor seinem Freunde stehen und klopfte ihm auf die Schulter.

"Doktor, ich habe eine Idee: Ich kann dich nicht so sehen, du bist ja gar nicht mehr der alte. Du musst ein wenig aus dir heraus, und weißt du, wie? Du sollst die Reise unternehmen und Heidi auf ihrer Alp besuchen in unser aller Namen."

Der Herr Doktor war sehr überrascht von dem Vorschlage und wollte sich dagegen wehren, aber Herr Sesemann ließ ihm keine Zeit. Er war so erfreut und erfüllt von seiner neuen Idee, dass er den Freund unter den Arm fasste und zum Zimmer seiner Tochter hinüberzog. Klara hatte sich schon immer sehr gefreut, wenn der Doktor sie besuchte, denn er hatte sie von jeher mit einer großen Freundlichkeit behandelt und ihr jedes Mal, wenn er kam, etwas Lustiges und Erheiterndes zu erzählen gewusst. Warum er das jetzt nicht mehr konnte, wusste sie wohl, dabei hätte sie ihn so gern wieder froh gesehen.

Sie streckte ihm gleich die Hand entgegen, und er setzte sich zu ihr hin. Herr Sesemann rückte seinen Stuhl auch heran, und während er Klara bei der Hand fasste, fing er an von der Schweizreise zu reden und wie er sich selbst darauf gefreut hatte. Über den Hauptpunkt aber, dass sie nun unmöglich mehr stattfinden könnte, glitt er eilig hinweg, denn er fürchtete sich ein wenig vor den kommenden Tränen. Dann ging er schnell auf den neuen Gedanken über und machte Klara darauf aufmerksam, wie gut es für ihren guten Freund wäre, wenn er diese Erholungsreise unternehmen würde.

Die Tränen waren wirklich aufgestiegen und schwammen in den blauen Augen, wie sehr sich auch Klara Mühe gab, sie zu unterdrücken, denn sie wusste, wie ungern Papa sie weinen sah. Aber es war auch hart, dass nun alles aus sein sollte. Den ganzen Sommer hindurch war die Aussicht auf die Reise zu Heidi ihre einzige Freude und ihr Trost gewesen in all den langen, einsamen Stunden, die sie durchlebt hatte.

Aber Klara war nicht gewohnt zu verhandeln, sie wusste recht gut, dass der Vater ihr nur versagte, was ihr schaden würde und darum nicht sein durfte. Sie schluckte ihre Tränen hinunter und wandte sich nun der einzigen Hoffnung zu, die ihr blieb. Sie nahm die Hand ihres guten Freundes und streichelte sie und bat flehentlich:

"O bitte, Herr Doktor, nicht wahr, Sie gehen zu Heidi, und dann kommen Sie, um mir alles zu erzählen, wie es dort oben ist und was Heidi macht und der Großvater und der Peter und die Geißen, ich kenne sie alle so gut! Und dann nehmen Sie mit, was ich Heidi schicken will, ich habe schon alles ausgedacht und auch etwas für die Großmutter. Bitte, Herr Doktor, tun Sie's doch; ich will auch gewiss unterdessen Fischtran nehmen, soviel Sie nur wollen."

Über dieses Versprechen musste Arzt lächeln und sagte: "Dann muss ich ja wohl gehen, Klärchen, so wirst du uns einmal rund und fest, wie wir dich haben wollen, Papa und ich. Und wann muss ich denn reisen, hast du das schon bestimmt?"

"Am liebsten gleich morgen früh, Herr Doktor", entgegnete Klara.

"Ja, sie hat recht", fiel hier der Vater ein; "die Sonne scheint, der Himmel ist blau, es ist keine Zeit zu verlieren, für jeden solchen Tag ist es schade, den du noch nicht auf der Alp genießen kannst."

Der Herr Doktor musste ein wenig lachen: "Demnächst wirst du mir vorwerfen, dass ich noch da bin, Sesemann; so muss ich wohl machen, dass ich fortkomme."

Aber Klara hielt ihn fest; erst musste sie ihm ja noch alle Aufträge an Heidi mitteilen und ihm noch so vieles ans Herz legen, das er sich ansehen und ihr dann davon erzählen sollte. Die Sendung an Heidi konnte ihm erst später zugeschickt werden, denn Fräulein Rottenmeier musste erst alles verpacken helfen; sie war aber in der Stadt, von wo sie nicht so schnell zurückkehren würde.

Der Herr Doktor versprach, alles genau auszurichten, die Reise, wenn nicht am nächsten Morgen, so doch wenn möglich noch im Laufe des folgenden Tages anzutreten und dann bei seiner Heimkehr getreulich Bericht zu erstatten über alles, was er gesehen und erlebt habe.

Die Diener eines Hauses haben oft eine merkwürdige Gabe, die Dinge zu erfassen, die im Hause ihrer Herren vor sich gehen, lange bevor diese dazu kommen, ihnen Mitteilung davon zu machen. Sebastian und Tinette mussten diese Gabe in hohem Grade besitzen, denn eben, als der Herr Doktor, von Sebastian begleitet, die Treppe hinunterging, trat Tinette in Klaras Zimmer ein, die nach dem Hausmädchen geschellt hatte.

"Holen Sie diese Schachtel voll ganz frischer, weicher Kuchen, wie wir sie zum Kaffee haben, Tinette", sagte Klara und deutete auf die Schachtel hin, die schon lange bereitgestanden hatte. Tinette erfasste das bezeichnete Ding an einer Ecke und ließ es verächtlich an ihrer Hand baumeln. Unter der Türe sagte sie schnippisch:

"Es ist wohl der Mühe wert."

Als Sebastian unten mit gewohnter Höflichkeit die Türe geöffnet hatte, sagte er mit einer Verbeugung:

"Herr Doktor bitte bestellen sie Heidi auch einen Gruß vom Sebastian."

"Ah, sieh da, Sebastian", sagte der Herr Doktor freundlich; "so wissen Sie denn auch schon, dass ich reise?"

Sebastian musste ein wenig husten.

"Ich bin... ich habe... ich weiß selbst nicht mehr recht... ach ja, jetzt erinnere ich mich: Ich bin eben zufällig durch das Esszimmer gegangen, da habe ich den Namen des jungen Mädchens gehört, und wie es so geht, man macht sich so seine Gedanken, nicht wahr..."

"Jawohl, jawohl", lächelte der Herr Doktor, "und je mehr Gedanken sich einer macht, desto mehr erfährt er. Auf Wiedersehen, Sebastian, der Gruß wird bestellt."

Gerade wollte der Arzte das Haus durch die geöffnete Türe verlassen, als ihm Fräulein Rottemeier förmlich entgegengeweht kam. Draußen herrschte ein solch schlechtes, stürmisches Wetter, dass sie beschlossen hatte, ihren Spaziergang vorzeitig zu beenden und es sich stattdessen lieber zu Hause gemütlich zu machen

Da beide höfliche Menschen mit sehr guter Erziehung waren, wollten beide dem jeweils anderen den Vortritt lassen. Das führte dazu, dass die beiden eine ganze Weile gar nicht vorwärts kamen und sich gegenseitig mit rücksichtvollen Gesten zum Eintreten aufforderten.

Jetzt aber kam ein so starker Windstoß, dass Fräulein Rottenmeier auf einmal mit vollen Segeln gegen den Doktor stieß. Er konnte eben noch ausweichen; die Dame aber wurde noch ein gutes Stück an ihm vorbei getrieben, so dass sie wieder zurückkehren musste, um nun den Freund des Hauses mit Anstand zu begrüßen. Diese Art der Begrüßung hatte sie ein wenig aus dem Konzept gebracht, aber durch die humorvolle Art des Arztes konnte auch sie schnell darüber lachen. Er teilte ihr seinen Reiseplan mit und bat sie in der freundlichsten Weise, ihm die Sendung an Heidi so zu verpacken, wie nur sie zu packen verstehe. Dann empfahl sich der Herr Doktor.

Klara erwartete, dass sie erst einige Kämpfe mit Fräulein Rottenmeier zu bestehen haben würde, bevor diese ihre Zustimmung zum Absenden all der Gegenstände geben werde, die Klara für Heidi bestimmt hatte. Aber diesmal hatte sie sich getäuscht: Fräulein Rottenmeier war ausnehmend gut gelaunt. Sogleich räumte sie alles weg, was auf dem großen Tische lag, um alle die Dinge, die Klara ausgesucht hatte, darauf auszubreiten und dann vor ihren Augen die Sendung zu verpacken.

Es war keine leichte Arbeit, denn die Gegenstände, die da zusammengerollt werden sollten, waren vielgestaltig.

Erst kam der kleine dicke Mantel mit der Kapuze, den Klara für Heidi ausgewählt hatte, damit sie im kommenden Winter die Großmutter besuchen könnte, wann sie wollte, und nicht warten müsste, bis der Großvater kommen konnte und sie dann in den Sack eingewickelt werden musste, damit sie nicht erfriere.

Dann kam ein dickes, warmes Tuch für die alte Großmutter, damit sie sich darin einhülle und nicht frieren müsse, wenn der Wind wieder so schaurig um die Hütte klappern würde.

Als nächstes kam die große Schachtel mit den Kuchen; die war auch für die Großmutter bestimmt, damit sie zu ihrem Kaffee auch einmal etwas anderes als Brötchen zu essen habe.

Jetzt folgte eine ungeheure Wurst; die hatte Klara ursprünglich für den Peter bestimmt, weil er doch nie etwas anderes als Käse und Brot bekam. Aber sie hatte sich jetzt anders besonnen, denn sie fürchtete, der Peter könnte vor Freuden die ganze Wurst auf einmal aufessen. Darum sollte die Mutter Brigitte diese bekommen und zuerst für sich selbst und die Großmutter einen guten Teil davon nehmen und Peter seinen Anteil in kleineren Portionen abgeben.

Jetzt kam noch ein Säckchen Tabak; der war für den Großvater, der ja so gern ein Pfeifchen rauchte, wenn er am Abend vor der Hütte saß.

Zuletzt kam noch eine Anzahl geheimnisvoller Säckchen, Päckchen und Schächtelchen, welche Klara mit besonderer Freude zusammengekramt hatte, denn da sollte Heidi allerhand Überraschungen finden, die ihr große Freude machen würden. Endlich war das Werk beendet, und ein stattliches Paket lag reisefertig an der Erde.

Fräulein Rottenmeier schaute darauf nieder, in tiefsinnige Betrachtungen über die Kunst zu packen versunken. Klara ihrerseits warf Blicke froher Erwartung darauf hin, denn sie sah Heidi vor sich, wie sie vor Überraschung in die Höhe springen und aufjauchzen würde, wenn das ungeheure Paket bei ihr anlangte.

Jetzt trat Sebastian herein und hob mit einem großen Schwung das Paket auf seine Schulter, um es unverzüglich zum Haus des Herrn Doktors zu bringen.

Ein Gast auf der Alm

Das Morgenrot war über den Bergen zu sehen, und ein frischer Morgenwind rauschte durch die Tannen und bewegte die alten Äste mächtig hin und her. Heidi schlug die Augen auf, der Klang des Windes hatte sie geweckt. Dieses Rauschen packte Heidi immer ganz tief in ihrem Inneren und zog sie mit magischer Kraft hinaus unter die Tannen.

Heidi sprang von ihrem Lager auf und hatte kaum Zeit, sich fertig zu machen; das musste aber doch sein, denn Heidi wusste genau, dass man immer sauber und ordentlich aussehen muss. Jetzt kam sie von dem Leiterchen herunter; das Bett des Großvaters war schon leer; sie rannte hinaus. Draußen vor der Tür stand der Großvater und schaute nach allen Seiten in den Himmel, wie er es jeden Morgen tat, um zu sehen, wie der Tag werden würde.

Das Morgenlicht färbte die kleinen Wölkchen am Himmel rosa, der Himmel wurde immer blauer und die Bergrücken und Wiesen lagen in goldenem Licht, denn gerade stieg die Sonne über die hohen Felsen auf.

"O wie schön! O wie schön! Guten Morgen, Großvater", rief Heidi.

"Bist Du auch schon wach?" antwortete der Großvater und reichte Heidi die Hand zum Morgengruß.

Heidi freute sich so sehr über die Geräusche, die der kräftige Wind verursachte, dass sie unter die Tannen lief und unter den sich auf und ab bewegenden Ästen hin und her hüpfte. Und bei jedem neuen Windstoß sprang sie noch ein wenig höher und jauchzte vor Freude auf.

Unterdessen war der Großvater zum Stall gegangen und hatte Schwänli und Bärli gemolken; dann hatte er beide für ihren Weg auf die Weide schön herausgeputzt und brachte sie nun auf den Platz heraus.

Als Heidi ihre Freunde erblickte, kam sie heran gesprungen und fasste die beiden um den Hals, begrüßte sie zärtlich, und die Ziegen meckerten fröhlich und zutraulich., Jedes der Tiere wollte Heidi mehr Zuneigung beweisen und drückte seinen Kopf immer näher an ihre Schultern heran, so dass Heidi zwischen den beiden fast zerdrückt wurde..

Jetzt hörte man von unten herauf die Pfiffe von Peter erklingen, und bald kamen die lustigen Ziegen alle herauf gesprungen, voran der flinke Distelfink in hohen Sprüngen. Gleich war Heidi wieder mitten in der Herde drin, und vor lauter stürmischen Begrüßungen wurde sie hin- und her geschubst; und dann schob Heidi wieder ein wenig, denn sie wollte zu dem schüchternen Schneehöppli vordringen, das ja von den größeren immer wieder weggedrängt wurde, wenn es auf Heidi zu laufen wollte.

Nun kam Peter heran und stieß einen letzten, fürchterlichlauten Pfiff aus, der sollte die Ziegen aufscheuchen und auf die Weide zu jagen, denn er wollte zu Heidi um ihr etwas zu sagen.

"Du könntest heute wieder einmal mitkommen", war seine etwas kurze Begrüßung.

"Nein, das kann ich nicht, Peter", entgegnete Heidi. "Jeden Augenblick können sie jetzt von Frankfurt kommen, und dann muss ich daheim sein."

"Das hast du schon oft gesagt", brummte der Peter.

"Es gilt aber immer noch, und es gilt, bis sie kommen", gab Heidi zurück. "Oder meinst du etwa, ich müsse nicht daheim sein, wenn sie von Frankfurt zu mir kommen? Meinst du das, Peter?"

"Sie können zum Öhi kommen", versetzte der Peter knurrend.

Jetzt ertönte von der Hütte her die kräftige Stimme des Großvaters: "Warum geht's nicht vorwärts mit der Armee? Fehlt's am Feldmarschall oder an den Truppen?"

Augenblicklich drehte sich Peter um, schwang seine Rute in der Luft, dass sie sauste und alle Ziegen, die den Ton wohl kannten, auf und davon rannten, Peter hinter ihnen her, alle miteinander in vollem Trabe den Berg hinauf.

Seit Heidi wieder daheim beim Großvater war, hatte sie sich einige Dinge zur Gewohnheit gemacht, an die sie vorher nicht gedacht hatte. So machte Heidi jetzt jeden Morgen mit großer Anstrengung ihr Bett und strich so lange daran herum, bis es ganz glatt aussah. Dann lief sie in der Hütte hin und her, stellte jeden Stuhl an seinen Ort, und was da und dort herumlag oder -hing, räumte sie alles in den Schrank hinein. Dann holte Heidi einen Lappen, kletterte auf einen Stuhl hinauf und rieb so lange mit dem Lappen auf dem Tische herum, bis dieser ganz blank war. Wenn dann der Großvater wieder hereinkam, schaute er sich erfreut um und sagte etwa: "Bei uns ist's jetzt immer wie Sonntag, Heidi ist nicht vergebens in der Fremde gewesen."

Auch heute hatte Heidi, nachdem Peter fort war und sie mit dem Großvater gefrühstückt hatte, sich gleich an diese Aufgabe gemacht, aber sie wurde heute fast nicht fertig damit.

Draußen war es heut morgen ganz besonders schön, und alle Augenblicke geschah wieder etwas, was das Kind in seiner Tätigkeit unterbrach. Jetzt schien ein Sonnenstrahl hell durch das offene Fenster herein, und es war gerade so, als riefe er: "Komm heraus, Heidi, komm heraus!" Da konnte Heidi nicht mehr drinnen bleiben, sie rannte hinaus. Die ganze Hütte lag im strahlenden Sonnenschein, und die Sonne schien über alle Berge, weit das Tal hinunter, und der Boden dort am Abhang sah so golden und trocken aus, dass Heidi sich ein wenig dort hin setzen und umherschauen musste.

Dann erinnerte sich Heidi, dass das Dreibeinstühlchen noch mitten in der Hütte stand und der Tisch noch nicht geputzt war vom Frühstück. Sie sprang auf und lief in die Hütte zurück. Aber es dauerte gar nicht lange, so sauste es draußen so mächtig durch die Tannen, dass es Heidi in alle Glieder fuhr, sie musste schon wieder hinaus und ein wenig mithüpfen, wenn alle Zweige da droben hin und her wogten und rauschten.

Der Großvater hatte in dieser Zeit hinten im Schuppen allerlei Arbeit zu verrichten; er trat von Zeit zu Zeit unter die Tür hinaus und schaute lächelnd Heidis Sprüngen zu. Gerade war er wieder zurückgegangen, als mit einemmal Heidi laut aufschrie:

"Großvater, Großvater! Komm, komm!"

Er trat rasch wieder heraus, fast erschrocken, was mit dem Kinde sei. Da sah er, wie dieses dem Abhange zulief, laut schreiend: "Sie kommen, sie kommen! Und voran der Herr Doktor!"

Heidi lief ihrem alten Freund entgegen. Dieser streckte grüßend die Hand aus. Als Heidi ihn erreicht hatte, umfasste sie zärtlich den ausgestreckten Arm und rief in voller Freude: "Guten Tag, Herr Doktor! Und ich danke auch noch vieltausendmal!"

"Grüß Gott, Heidi! Und wofür dankst du denn schon?" fragte freundlich lächelnd der Herr Doktor.

"Dass ich wieder heim konnte zum Großvater", erklärte ihm das Kind.

Der Arzt strahlte über das ganze Gesicht. Diesen Empfang auf der Alp hatte er nicht erwartet. Er fühlte sich sehr einsam und so war er ganz in traurigen Gedanken versunken den Berg hinaufgestiegen und hatte noch nicht einmal gesehen, wie schön es um ihn her war und dass es immer schöner wurde. Er hatte angenommen, Heidi werde ihn kaum mehr kennen; sie hatte ihn so wenig gesehen, und er kam sich vor wie einer, der kommt, den Leuten eine Enttäuschung zu bereiten, und den sie darum nicht ansehen mögen, weil er ja die erwarteten Freunde nicht mitbrachte. Stattdessen leuchteten Heidis Augen vor Freude, und voller Dank und Liebe hielt sie immer noch den Arm ihres guten Freundes fest.

Mit väterlicher Zärtlichkeit nahm der Arzt das Kind bei der Hand. "Komm, Heidi", sagte er in freundlichster Weise, "führe mich nun zu deinem Großvater und zeige mir, wo du daheim bist."

Aber Heidi blieb noch stehen und schaute verwundert den Berg hinunter.

"Wo sind denn Klara und die Großmama?" fragte sie jetzt.

"Ja, nun muss ich dir etwas sagen, das dir genauso leid tun wird wie mir auch", erwiderte der Herr Doktor. "Sieh, Heidi, ich komme allein. Klara war recht krank und konnte nicht mehr reisen, und so kam auch die Großmama nicht mit. Aber dann im Frühjahr, wenn die Tage wieder warm und schön lang werden, dann kommen sie ganz sicher."

Heidi stand sehr betroffen da; sie konnte gar nicht fassen, dass nun alles, was sie so sicher vor sich gesehen hatte, auf einmal nicht geschehen sollte. Regungslos stand Heidi eine Weile und war verwirrt von dem Unerwarteten. Schweigend stand der Herr Doktor vor ihr, und ringsum war alles still, nur hoch oben hörte man den Wind durch die Tannen sausen.

. Aber Heidis Fassungslosigkeit legte sich aber recht schnell und sie erinnertes sich, dass sie dem Herr Doktor entgegengelaufen war, um ihn zu begrüßen. Sie schaute zu ihm auf. Da war etwas so Trauriges in den Augen, die zu ihr nieder schauten, wie Heidi es noch nie gesehen hatte. So war es nie gewesen, wenn der Herr Doktor in Frankfurt Heidi angeblickt hatte. Das ging Heidi zu Herzen; sie konnte nicht ertragen, wenn jemand traurig war, und schon gar nicht, wenn es der gute Herr Doktor war. Gewiss war er so, weil Klara und die Großmama nicht hatten mitkommen können. Heidi suchte schnell nach einem Trost und fand ihn.

"Oh, es dauert sicher nicht lange, bis es wieder Frühling wird, und dann kommen sie ja bestimmt", tröstete Heidi. "Bei uns dauert der Winter nie lange, und dann können sie ja viel länger dableiben, das will Klara sicher noch lieber. Und jetzt wollen wir zum Großvater hinauf."

Hand in Hand mit dem guten Freunde stieg Heidi nun zu der Hütte hinauf. Es war Heidi sehr wichtig, den Herrn Doktor wieder froh zu machen; deshalb versuchte sie noch einmal ihn davon zu überzeugen, dass es auf der Alm nur sehr kurze Zeit dauere, bis die langen, warmen Sommertage wiederkommen, und dabei wurde Heidi selbst so überzeugt von ihrem Trost, dass sie oben dem Großvater ganz fröhlich entgegen rief:

"Sie sind noch nicht da, aber es dauert gar nicht lange, so kommen sie auch."

Für den Großvater war der Herr Doktor kein Fremder, Heidi hatte ja so viel von ihm erzählt. Der Alte streckte seinem Gast die Hand entgegen und begrüßte ihn mit Herzlichkeit. Dann setzten sich die Männer auf die Bank an der Hütte. Auch für Heidi wurde da noch ein Plätzchen gemacht, und der Herr Doktor zeigte freundlich, dass Heidi neben ihm sitzen solle.

Nun fing er an zu erzählen, wie Herr Sesemann ihn ermuntert habe, die Reise zu machen, und dass er auch selbst gefunden habe, es werde gut für ihn sein, weil er sich seit langem nicht mehr recht frisch und wohl fühle. Heidi sagte er dann ins Ohr, es werde bald noch etwas den Berg heraufkommen, das aus Frankfurt mit hergereist sei und ihr eine viel größere Freude machen werde als der alte Doktor. Heidi war sehr gespannt darauf zu erfahren, was das sein könne.

Der Großvater ermunterte den Herrn Doktor sehr, die schönen Herbsttage noch auf der Alm zuzubringen oder wenigstens an jedem schönen Tage heraufzukommen; denn hier oben zu bleiben, dazu konnte ihn der Almöhi nicht einladen, es gab ja keine Möglichkeit auf der Alm zu übernachten.

Er riet aber seinem Gaste, nicht bis nach Ragaz zurückzukehren, sondern unten im Dörfli ein Zimmer zu beziehen, das er im dortigen Wirthause in einer einfachen, aber ganz ordentlichen Art finden werde. So könnte der Arzt jeden Morgen auf die Alm heraufkommen, was ihm sicher gut tun werde, meinte der Öhi, auch würde er dann gern den Herrn noch zu allerlei Punkten führen, weiter hinauf in die Berge, wo es ihm gefallen werde.

Dem Arzt gefiel der Vorschlag sehr gut und so wurde beschlossen, dass es so geschehen solle.

Unterdessen war es Mittag geworden; der Wind hatte sich schon lange gelegt, und die Tannen waren ganz still geworden. Die Luft war für die Höhe noch warm und angenehm, der Wind wehte erfrischende Kühle um die in der Sonne liegende Bank.

Jetzt stand der Almöhi auf und ging in die Hütte hinein, kam aber gleich wieder und brachte einen Tisch heraus, den er vor die Bank hinstellte.

"So, Heidi, nun hol herbei, was wir zum Essen brauchen", sagte er. "Der Herr Doktormuss nun mit dem zufrieden sein, was wir hier oben haben; ist unsere Küche auch einfach, so ist das Esszimmer doch anständig."

"Das meine ich auch", erwiderte der Herr Doktor, während er auf das sonnige Tal hinunterschaute, "und die Einladung nehme ich an, hier oben muss es schmecken."

Heidi lief nun hin und her wie ein Wiesel und brachte herbei, was sie drinnen im Schranke finden konnte, denn dass sie den Herrn Doktor bewirten durfte, freute sie sehr. Der Großvater bereitete unterdessen das Mahl und trat nun heraus mit dem dampfenden Milchkrug und dem golden glänzenden Käsebraten. Dann schnitt er schöne, dünne Schnitten von dem rosigen Fleisch herunter, das er hier oben an der reinen Luft getrocknet hatte. Dem Herrn Doktor schmeckte sein Mittagsmahl so gut wie das ganze Jahr durch noch kein einziges Mal.

"Ja, ja, hierhin muss unsere Klara kommen", sagte er jetzt. "Da wird sie zu ganz neuen Kräften kommen, und wenn sie eine Zeitlang isst wie ich heute, so wird sie rund und kräftig werden, wie sie in ihrem Leben noch nie war."

Jetzt kam jemand von unten herauf gestiegen, der hatte ein großes Paket auf dem Rücken. Als er oben bei der Hütte ankam, warf er seine Last auf den Boden und zog ein paar gute Züge von der frischen Almluft ein.

"Ah, da kommt, was mit mir von Frankfurt hergereist ist", sagte der Herr Doktor. Er stand auf und zog Heidi mit sich zu dem Paket und fing an, es aufzupacken. Als die erste schwere Hülle weg war, sagte er: "So, Kind, nun fahr weiter fort und hol dir deine Schätze selbst heraus."

Das tat Heidi, und als nun alles auseinanderrollte, schaute Heidi mit großen, verwunderten Augen auf all die Dinge, die jetzt vor ihr lagen. Erst als der Herr Doktor wieder herzu kam und von der großen Schachtel den Deckel abhob, und zu Heidi sagte: "Sieh, was die Großmutter zum Kaffee bekommt", da schrie Heidi vor Freude auf: "Oh! Oh! Jetzt kann die Großmutter einmal schöne Kuchen essen!" und sprang rings um die Schachtel herum und wollte gleich alles zusammenpacken und zur Großmutter hinuntereilen.

Aber der Großvater sagte, gegen Abend wollten sie dann miteinander den Herrn Doktor begleiten und die Sachen mitnehmen. Jetzt fand Heidi auch das schöne Säckchen Tabak und brachte es schnell dem Großvater herüber. Das gefiel ihm sehr wohl. Er füllte gleich sein Pfeifchen damit, und die beiden Männer sprachen nun, auf der Bank sitzend und große Rauchwolken von sich blasend, über allerhand Dinge, während Heidi hin und her sprang von einem Geschenk zum andern. Auf einmal kam sie wieder zu der Bank zurück, stellte sich vor den Gast hin, und sobald die erste Pause im Gespräch entstand, sagte Heidi sehr bestimmt:

"Nein, das andere hat mir nicht mehr Freude gemacht als der alte Herr Doktor."

Die beiden Männer mussten ein wenig lachen, und der Herr Doktor sagte, das hätte er nicht gedacht.

Als die Sonne halb hinter den Bergen versunken war, stand der Gast auf, um den Rückweg ins Dörfli anzutreten und dort ein Zimmer zu nehmen. Der Großvater packte die Kuchenschachtel, die große Wurst und das Tuch unter seinen Arm, der Herr Doktor nahm Heidi an die Hand, und so wanderten sie den Berg hinunter bis zur Ziegenpeter-Hütte. Hier musste Heidi Abschied nehmen. Sie sollte drinnen bei der Großmutter warten, bis sie wieder vom Großvater abgeholt würde, der seinen Gast ins Dörfli hinunter geleiten wollte. Als der Arzt Heidi die Hand zum Abschied gab, fragte sie: "Wollen Sie vielleicht morgen mit den Ziegen auf die Weide hinaufgehen?", denn das war das Schönste, was Heidi kannte.

"Das machen wir, Heidi", erwiderte er, "wir gehen zusammen."

Nun gingen die Männer weiter, und Heidi trat bei der Großmutter ein. Erst schleppte sie mit Anstrengung die Kuchenschachtel mit, dann musste sie wieder hinaus, um die Wurst zu holen, denn der Großvater hatte alles vor der Tür niedergelegt. Danach musste sie noch einmal hinaus, um das große Tuch zu holen. Heidi brachte alles so nahe als möglich zur Großmutter heran, damit sie alles berühren könne und wisse, was es sei. Das Tuch legte sie ihr auf die Knie.

"Es ist alles aus Frankfurt, von der Klara und der Großmama", berichtete Heidi der sehr erstaunten Großmutter und der verwunderten Brigitte; die war so überrascht, dass sie die ganze Zeit zugeschaut hatte, wie Heidi mit der größten Anstrengung die schweren Gegenstände hereingeschleppt und nun alles vor ihren Augen ausgebreitet hatte.

"Nicht wahr, Großmutter, die Kuchen freuen dich ganz besonders? Sieh nur, wie weich sie sind!" rief Heidi immer wieder, und die Großmutter bestätigte: "Ja, ja, gewiss, Heidi, was sind das auch für gute Leute!" Dann strich sie wieder mit der Hand über das warme, weiche Tuch und sagte: "Aber das ist etwas Herrliches für den kalten Winter! Das ist etwas so Prächtiges; ich hätte nie geglaubt, dass ich so etwas jemals in meinem Leben besitzen würde."

Heidi aber wunderte sich sehr, dass die Großmutter an dem grauen Tuch noch mehr Freude haben konnte als an den Kuchen. Brigitte stand immer noch vor der Wurst, die auf dem Tische lag, und schaute sie fast mit Verehrung an. In ihrem ganzen Leben hatte sie nie eine solche Riesenwurst gesehen, und diese sollte sie nun selbst besitzen und einmal sogar anschneiden; das kam ihr unglaublich vor. Sie schüttelte den Kopf und sagte zaghaft: "Man wird doch noch den Öhi fragen müssen, wie das gemeint ist."

Aber Heidi sagte ganz ohne Zweifel:

"Das ist zum Essen gedacht, wozu denn sonst?."

Jetzt kam der Peter hereingestolpert: "Der Öhi kommt hinter mir drein, Heidi soll..."; er konnte nicht mehr weiter. Seine Blicke waren auf den Tisch gefallen, wo die Wurst lag, und der Anblick hatte ihn so überwältigt, dass er kein Wort mehr fand. Aber Heidi hatte schon gemerkt, was kommen sollte, und gab schnell der Großmutter die Hand. Der Großvater ging zwar jetzt nie mehr an der Hütte vorbei, ohne schnell herein zu treten und die Großmutter zu grüßen, und sie freute sich auch immer, wenn sie seinen Schritt hörte, denn er hatte jedes mal ein ermunterndes Wort für sie; aber heute war es spät geworden für Heidi, die jeden Morgen mit Sonnenaufgang aufstand. Der Großvater aber sagte: "Das Kind muss seinen Schlaf haben", und dabei blieb er. So rief er durch die offene Tür der Großmutter nur eine gute Nacht zu und nahm die heran springende Heidi bei der Hand, und unter dem flimmernden Sternenhimmel hin wanderten die beiden ihrer friedlichen Hütte zu.

Eine Vergeltung

Am nächsten Morgen in der Frühe stieg der Herr Doktor in Gesellschaft von Peter und seinen Ziegen vom Dörfli den Berg hinauf. Der freundliche Herr versuchte ein paar Mal mit dem Hütejungen ein Gespräch anzuknüpfen, aber es gelang ihm nicht; er bekam als Antwort auf seine Fragen höchstens unbestimmte, einsilbige Worte zu hören. Peter ließ sich nicht so leicht in ein Gespräch verwickeln. So wanderte die ganze schweigende Gesellschaft bis hinauf zur Almhütte. Dort erwarte sie schon Heidi mit ihren beiden Ziegen; alle drei munter und fröhlich bei dem herrlichen frühen Sonnenschein auf allen Höhen.

"Kommst du mit?" fragte Peter, denn als Frage oder als Aufforderung sprach er jeden Morgen diesen Gedanken aus.

"Freilich, natürlich, wenn der Herr Doktor mitkommt", gab Heidi zurück.

Der Peter sah den Herrn ein wenig von der Seite an.

Jetzt trat der Großvater hinzu, das Mittagsbrotsäckchen in der Hand. Erst begrüßte er höflich den Herrn mit aller Ehrerbietung, dann ging er zu Peter und hing ihm das Säckchen um.

Es war schwerer als sonst, denn der Öhi hatte ein schönes Stück von dem rötlichen Fleische hineingelegt. Er hatte gedacht, vielleicht gefalle es dem Herrn Doktor oben auf der Weide und er nehme dann gern sein Mittagsmahl gleich dort mit den Kindern ein. Peter lächelte fast von einem Ohr bis zum andern, denn er ahnte, dass da drinnen etwas Ungewöhnliches versteckt war.

Nun begannen sie ihren Weg hinauf zu den Weiden. Heidi wurde ganz von den Ziegen umringt, jede wollte am dichtesten bei ihr sein, und eine schob die andere immer ein wenig seitwärts. So wurde Heidi eine Zeitlang mitten in dem Rudel mit fort geschoben. Aber jetzt stand sie still und sagte ermahnend: "Nun müsst ihr artig vorauslaufen, aber dann nicht immer wiederkommen und mich drängen und stoßen. Ich muss jetzt ein wenig mit dem Herrn Doktor gehen." Dann klopfte Heidi dem Schneehöppli, das sich immer am nächsten bei ihr hielt, zärtlich auf den Rücken und ermahnte es noch besonders, nun recht folgsam zu sein.

Dann arbeitete Heidi sich aus dem Rudel heraus und ging nun neben dem Arzt, der sie gleich bei der Hand fasste und festhielt. Er musste jetzt nicht mit Mühe nach einem Gespräch suchen wie vorher, denn Heidi fing sofort an und hatte ihm so viel zu erzählen von den Ziegen und ihren merkwürdigen Einfällen und von den Blumen oben und den Felsen und Vögeln, dass die Zeit unbemerkt dahinging und sie ganz unerwartet oben auf der Weide anlangten. Peter hatte im Hinaufgehen öfters dem Herrn Doktor Blicke zugeworfen, die diesem einen rechten Schrecken hätten einjagen können; er sah sie aber glücklicherweise nicht.

Oben angelangt, führte Heidi ihren guten Freund gleich auf die schönste Stelle, wohin sie selbst am liebsten ging und sich auf den Boden setzte und umherschaute, denn da gefiel es ihr am besten. Der Herr Doktor ließ sich gleich neben Heidi auf den sonnigen Weideboden nieder.

Ringsum leuchtete der goldene Herbsttag über die Höhen und das weite grüne Tal. Von den unteren Alpen klangen überall die Herdenglocken herauf, und es lag eine friedliche Stimmung über der Gegend. Auf dem großen Schneefelde drüben blitzten funkelnd und flimmernd goldene Sonnenstrahlen hin und her, und der graue Falknis hob seine Felsentürme in alter Majestät hoch in den dunkelblauen Himmel hinauf.

Der Morgenwind wehte sanft über die Alp und bewegte nur sachte die letzten blauen Glockenblümchen, die noch übrig geblieben waren und nun noch wohlig ihre Köpfchen im warmen Sonnenscheine wiegten; im Sommer waren es noch viel mehr gewesen.

Hoch oben am Himmel flog der große Adler in weiten Bogen umher, aber er krächzte heute nicht. Mit ausgebreiteten Flügeln glitt er ruhig durch das Blau des Himmels und ließ sich's gut ergehen. Heidi guckte dahin und dorthin. Die lustig nickenden Blumen, der blaue Himmel, der fröhliche Sonnenschein, der vergnügte Vogel in den Lüften, alles war so schön, so schön! Heidis Augen funkelten vor Freude. Sie beobachtete ihren Freund, ob auch er alles so schön empfinde wie sie. Der Herr Doktor hatte bis jetzt still und gedankenvoll um sich geblickt. Als er nun den vor Freude glänzenden Augen des Kindes begegnete, sagte er:

"Ja, Heidi, es könnte hier so schön sein, aber was meinst du? Wenn einer ein trauriges Herz hierher brächte, was müsste er wohl machen, damit er sich an all dem Schönen freuen könnte?"

"Oh, oh!" rief Heidi ganz fröhlich aus. "Hier hat man niemals ein trauriges Herz, nur in Frankfurt."

Der Herr Doktor lächelte ein wenig, aber das ging schnell vorüber. Dann sagte er wieder: "Und wenn einer käme und alles Traurige aus Frankfurt mit hier heraufbrächte, Heidi; weißt du da auch noch etwas, das ihm helfen könnte?"

"Man muss nur alles dem lieben Gott sagen, wenn man gar nicht mehr weiß, was man machen soll", sagte Heidi ganz zuversichtlich.

"Ja, das ist schon ein guter Gedanke, Kind", bemerkte der Arzt. "Wenn es aber von ihm selbst kommt, was so ganz traurig und elend macht, was kann man da dem lieben Gott sagen?"

Heidi musste nachdenken, was dann zu machen sei; sie war aber ganz zuversichtlich, dass man für alle Traurigkeit eine Hilfe vom lieben Gott erhalten könne. Heidi suchte ihre Antwort in ihren eigenen Erlebnissen.

"Dann muss man warten", sagte sie nach einer Weile mit Sicherheit, "man muss denken, der liebe Gott macht am Ende aus allem Traurigen etwas Gutes und Freudiges. Man muss nur ruhig bleiben, wenn man das nicht sofort erkennen kann. Dann kommt auf einmal alles so, dass man weiß, der liebe Gott hat es die ganze Zeit schon so gut gewollt, man konnte es selbst nur nicht so sehen.."

"Das ist ein schöner Glaube, den musst du festhalten, Heidi", sagte der Herr Doktor. Eine Weile schaute er schweigend auf die mächtigen Felsen hinüber und in das in der Sonne liegende grüne Tal hinab, dann sagte er wieder:

"Siehst du, Heidi, es könnte einer hier sitzen, der einen großen Schatten auf den Augen, oder besser gesagt einen so großen Kummer hätte, so dass er das Schöne gar nicht aufnehmen könnte, das ihn hier umgibt. Dann könnte doch wohl sein Herz hier traurig werden, doppelt traurig, wo es so schön sein könnte. Kannst du das verstehen?"

Jetzt schoss Heidi etwas Schmerzliches in ihr frohes Herz. Der große Schatten auf den Augen brachte ihr die Großmutter in Erinnerung, die ja nie mehr die helle Sonne und all das Schöne hier oben sehen konnte. Das war ein Leid in Heidis Herzen, das immer neu erwachte, sobald die Sache ihr wieder ins Bewusstsein kam. Heidi schwieg eine Weile, denn der Gedanken an das Leid der Großmutter hatte Heidi sehr betroffen gemacht .Dann sagte sie ernsthaft:

"Ja, das kann ich schon verstehen. Aber ich weiß etwas: Dann muss man die Lieder der Großmutter sagen, die machen die Stimmung wieder ein wenig hell und manchmal so hell, dass man ganz fröhlich wird. Das hat die Großmutter gesagt."

"Welche Lieder, Heidi?" fragte der Herr Doktor.

"Ich kann nur das von der Sonne und dem schönen Garten und noch von dem andern langen die Verse, die die Großmutter so gerne mag, denn die muss ich immer dreimal lesen", erwiderte Heidi.

"So sag mir einmal diese Verse, die möchte ich auch hören", und der Herr Doktor setzte sich zurecht, um aufmerksam zuzuhören.

Heidi legte ihre Hände ineinander und besann sich noch ein Weilchen:

"Soll ich dort anfangen, wo die Großmutter sagt, dass man in seinem Herzen wieder Hoffnung spürt?"

Der Herr Doktor nickte bejahend.

Jetzt begann Heidi:

"Ihn, ihn laß tun und walten,
Er ist ein weiser Fürst
Und wird es so gestalten,
Dass du dich wundern wirst,
Wenn er, wie ihm gebühret,
Mit wunderbarem Rat
Das Werk hinausgeführet,
Das dich bekümmert hat.

Er wird zwar eine Weile
Mit seinem Trost verziehn
Und tun an seinem Teile,
Als hätt' in seinem Sinn
Er deiner sich begeben,
Als sollt'st du für und für
In Angst und Nöten schweben,
Als fragt' er nichts nach dir.

Wird's aber sich begeben,
Dass du ihm treu verbleibst,
So wird er dich erheben,
Da du's am mind'sten gläubst.

Er wird dein Herz erlösen
Von der so schweren Last,
Die du zu keinem Bösen
Bisher getragen hast."

Heidi hielt plötzlich inne, sie war nicht sicher, dass der Arzt auch noch zuhöre. Er hatte die Hand über seine Augen gebreitet und saß unbeweglich da. Heidi dachte, er sei vielleicht ein wenig eingeschlafen; wenn er dann wieder erwachte und noch mehr Verse hören wollte, würde er es schon sagen. Jetzt war alles still. Der Herr Doktor sagte nichts, aber er schlief doch nicht. Er war in eine längst vergangene Zeit zurückversetzt. Da stand er als ein kleiner Junge neben dem Sessel seiner lieben Mutter; die hatte ihren Arm um seinen Hals gelegt und sagte ihm das Lied vor, das er eben von Heidi hörte und das er so lange nicht mehr vernommen hatte. Jetzt hörte er die Stimme seiner Mutter wieder und sah ihre guten Augen so liebevoll auf ihm ruhen, und als die Worte des Liedes verklungen waren, hörte er die freundliche Stimme noch andere Worte zu ihm sprechen. Die hörte er sehr gerne und er hing seinen Gedanken nach, denn er saß noch lange Zeit so da, das Gesicht in seine Hand gelegt, schweigend und regungslos. Als er sich endlich aufrichtete, sah er, wie Heidi ihn verwundert anblickte. Er nahm die Hand des Kindes in die seinige.

"Heidi, dein Lied war schön", sagte er, und seine Stimme klang froher, als sie bis jetzt geklungen hatte. "Wir wollen wieder hier herkommen, dann sagst du mir's noch einmal."

Während dieser ganzen Zeit hatte Peter genug zu tun gehabt, seinem Ärger Luft zu machen. Da war Heidi seit vielen Tagen nicht mit auf der Weide gewesen, und nun, da sie endlich einmal wieder mit war, saß der alte Herr die ganze Zeit neben ihr, und Peter konnte gar nicht an Heidi herankommen. Das ärgerte ihn sehr .Er stellte sich in einiger Entfernung hinter dem ahnungslosen Herrn auf, so dass dieser ihn nicht sehen konnte, und hier machte er erst eine große Faust und schwang sie drohend in der Luft herum, und nach einiger Zeit machte er zwei Fäuste, und je länger Heidi neben dem Herrn sitzen blieb, je schrecklicher ballte Peter seine Fäuste und streckte sie immer höher und drohender in die Luft hinauf hinter dem Rücken des Bedrohten.

Unterdessen war die Sonne dahin gekommen, wo sie steht, wenn man zu Mittag essen muss; das kannte Peter genau. Auf einmal schrie er aus allen Kräften zu den zweien hinüber:

"Man muss essen!"

Heidi stand auf und wollte den Sack herbeiholen, damit der Herr Doktor auf dem Platze, wo er saß, sein Mittagsmahl abhalten könne. Aber er sagte, er habe keinen Hunger, er würde nur gerne ein Glas Milch trinken, danach wolle er gern noch ein wenig auf der Alp umhergehen und etwas weiter hinaufsteigen. Da fand Heidi, dann habe sie auch keinen Hunger und wolle auch nur Milch trinken, und nachher wolle sie den Herrn Doktor hinaufführen zu den großen, moosbedeckten Steinen hoch oben, wo der Distelfink einmal fast hinunter gesprungen wäre und wo alle die würzigen Kräuter wuchsen. Sie lief zu Peter hinüber und erklärte ihm alles und dass er nun erst eine Schale Milch vom Schwänli nehmen müsse für den Herrn Doktor und dann noch eine, die wolle sie für sich haben. Peter schaute erst eine Weile sehr erstaunt Heidi an, dann fragte er:

"Wer bekommt, was im Sack ist?"

"Das kannst du haben, aber zuerst musst du die Milch geben, und hurtig", war Heidis Antwort.

So rasch hatte Peter in seinem Leben noch keine Arbeit vollendet wie diese, denn er sah immer den Sack vor sich und wusste noch nicht, wie das aussah, was drinnen war und ihm gehörte. Sobald drüben die beiden ruhig ihre Milch tranken, öffnete Peter den Sack und warf einen Blick hinein. Als er das wundervolle Stück Fleisch sah, da schüttelte es den ganzen Peter vor Freude, und er warf noch einen Blick hinein, um sich zu versichern, dass es auch wahr sei.

Er wollte gerade das Fleisch aus den Sack nehmen. Aber auf einmal zog er die Hand wieder zurück, als ob er nicht zugreifen dürfe. Es war Peter in den Sinn gekommen, wie er dort hinter dem Herrn gestanden und gegen ihn die Fäuste gehoben hatte, und nun schenkte ihm derselbe Herr sein ganzes unvergleichliches Mittagsessen. Jetzt bereute Peter seine Tat, denn es war ihm gerade so, als wenn sie ihn daran hindere, sein schönes Geschenk herauszunehmen und sich daran zu stärken und zu freuen.

Auf einmal sprang er in die Höhe und lief zurück zu der Stelle hin, wo er gestanden hatte. Da streckte er seine beiden Hände ganz flach in die Luft hinauf, zum Zeichen, dass das Fausten nicht mehr gelte, und so blieb er eine gute Weile stehen, bis er das Gefühl hatte, die Sache sei nun wieder ausgeglichen. Dann kam er in großen Sprüngen zu dem Sack zurück, und nun, da das gute Gewissen hergestellt war, konnte er mit vollem Vergnügen in sein ungewöhnlich leckeres Mittagsmahl beißen.

Der Herr Doktor und Heidi waren lange miteinander herumgewandert und hatten sich sehr gut unterhalten. Jetzt aber fand der Herr, es sei Zeit für ihn zurückzukehren, und meinte, das Kind wolle nun auch gern noch ein wenig bei seinen Ziegen bleiben.

Aber das kam Heidi nicht in den Sinn, denn dann musste ja der Herr Doktor mutterseelenallein die ganze Alp hinuntergehen. Bis zur Hütte vom Großvater wollte sie ihn durchaus begleiten und auch noch ein Stück darüber hinaus. Sie ging immer Hand in Hand mit ihrem guten Freund und hatte ihm auf dem ganzen Wege noch genug zu erzählen und ihm alle Stellen zu zeigen, wo die Ziegen am liebsten weideten und wo es im Sommer am meisten von den glänzenden gelben Weideröschen und vom roten Tausendgüldenkraut und noch anderen Blumen gebe. Die kannte sie alle mit Namen, denn der Großvater hatte sie ihr den Sommer über beigebracht, so, wie er sie kannte.

Aber dann sagte der Herr Doktor, nun müsse Heidi zurückkehren. Sie nahmen Abschied, und der Herr ging den Berg hinunter, doch drehte er sich von Zeit zu Zeit noch einmal um. Dann sah er, wie Heidi immer noch auf derselben Stelle stand und ihm nachschaute und mit der Hand ihm nachwinkte. So hatte seine eigene, liebe Tochter es getan, wenn er von zu Hause fort ging.

Es war ein klarer, sonniger Herbstmonat. Jeden Morgen kam der Herr Doktor zur Alp herauf, und dann ging es gleich weiter auf eine schöne Wanderung. öfters zog er mit dem Almöhi aus, hoch in die Felsenberge hinauf, wo die alten Wettertannen standen und der Adler in der Nähe hausen musste, denn da schwirrte er manchmal sausend und krächzend ganz nahe an den Köpfen der beiden Männer vorbei.

Der Arzt hatte ein große Freude an der Unterhaltung seines Begleiters, und er wunderte sich immer mehr, wie gut der Öhi alle Kräuter ringsherum auf seiner Alp kannte und wusste, wozu sie gut waren, und wie viel kostbare und gute Dinge er da oben überall heraus zu finden wusste; so in den harzigen Tannen und in den dunklen Fichtenbäumen mit den duftenden Nadeln, in dem gekräuselten Moos, das zwischen den alten Baumwurzeln heraus wuchs, und in all den feinen Pflänzchen und unscheinbaren Blümchen, die noch ganz hoch oben dem kräftigen Alpenboden entsprangen.

Ebenso genau kannte der Alte auch das Wesen und Treiben aller Tiere da oben, der großen und der kleinen, und er wusste dem Herrn Doktor ganz lustige Dinge von der Lebensweise dieser Bewohner der Felsenlöcher, der Erdhöhlen und auch der hohen Tannenwipfel zu erzählen.

Auf diesen Wanderungen verflog die Zeit so schnell, dass der Arzt kaum wusste wie, und oftmals, wenn er am Abend dem Öhi herzlich die Hand zum Abschiede schüttelte, musste er von neuem sagen: "Guter Freund, von Ihnen gehe ich nie fort, ohne wieder etwas gelernt zu haben."

An vielen Tagen aber, und zwar meistens an den allerschönsten, wollte der Arzt mit Heidi losgehen. Dann saßen die beiden öfter miteinander auf dem schönen Vorsprung der Alp, wo sie am ersten Tage gesessen hatten, und Heidi musste wieder ihre Liederverse sagen und dem Herrn Doktor erzählen, was sie noch wusste. Dann saß Peter öfter hinter ihnen an seinem Platz, aber er war jetzt ganz zahm und drohte nie mehr mit den geballten Fäusten.

So ging der schöne Septembermonat zu Ende. Da kam der Herr Doktor eines Morgens und sah nicht so fröhlich aus, wie er sonst immer ausgesehen hatte. Er sagte, es sei sein letzter Tag, er müsse nach Frankfurt zurückkehren; das mache ihm große Mühe, denn er habe die Alp so lieb gewonnen, als wäre sie seine Heimat. Dem Almöhi tat die Nachricht sehr leid, denn auch er hatte sich überaus gern mit dem Arzt unterhalten, und Heidi hatte sich so daran gewöhnt, alle Tage ihren liebevollen Freund zu sehen, dass sie gar nicht begreifen konnte, dass das nun mit einem Male zu Ende sein sollte. Sie schaute fragend und ganz verwundert zu ihm auf. Aber es war wirklich so. Der Herr Doktor nahm Abschied vom Großvater und fragte dann, ob Heidi ihn noch ein wenig begleiten werde. Sie ging an seiner Hand den Berg hinunter, aber sie konnte immer noch nicht recht fassen, dass er ganz fortgehe.

Nach einer Weile blieb der Herr Doktor stehen und sagte, nun sei Heidi weit genug gekommen, sie müsse zurückkehren. Er fuhr ein paar Mal zärtlich mit seiner Hand über das krause Haar des Kindes hin und sagte: "Nun muss ich fort, Heidi! Wenn ich dich nur mit mir nach Frankfurt nehmen und bei mir behalten könnte!"

Heidi sah auf einmal ganz Frankfurt vor den Augen, die vielen, vielen Häuser und steinernen Straßen und auch Fräulein Rottenmeier und die Tinette, und sie antwortete ein wenig zaghaft: "Ich wollte doch lieber, dass Sie wieder zu uns kämen."

"Nun ja, so wird's besser sein. So leb wohl, Heidi", sagte der Arzt freundlich und hielt Heidi die Hand hin. Heidi legte ihre Hand in die seine hinein und schaute zu ihm auf. Der Arzt konnte es nicht verhindern, dass ihm Tränen in die Augen stiegen. Jetzt wandte er sich rasch um und eilte den Berg hinunter.

Heidi blieb stehen und rührte sich nicht. Die liebevollen Augen und die Tränen, die sie darin gesehen hatte, ließen sie nicht zur Ruhe kommen. Auf einmal brach sie in ein lautes Weinen aus, und rannte dem Arzt nach und rief, von Schluchzen unterbrochen, aus allen Kräften:

"Herr Doktor! Herr Doktor!"

Er drehte sich um und blieb stehen.

Jetzt hatte ihn das Kind erreicht. Die Tränen liefen Heidi die Wangen herunter, während sie herausschluchzte:

"Ich will gewiss auf der Stelle mit nach Frankfurt kommen und will bei Ihnen bleiben, so lang Sie wollen, ich muss es nur noch geschwind dem Großvater sagen."

Der Herr Doktor streichelte beruhigend das erregte Kind.

"Nein, meine liebe Heidi", sagte er mit dem freundlichsten Tone, "nicht jetzt auf der Stelle; du musst noch unter den Tannen bleiben, du könntest mir wieder krank werden. Aber komm, ich will dich etwas fragen: Wenn ich einmal krank und allein bin, willst du dann zu mir kommen und bei mir bleiben? Kann ich denken, dass sich dann noch jemand um mich kümmern und mich lieb haben will?"

"Ja, ja, dann will ich sicher kommen, noch am gleichen Tag, und Sie sind mir auch fast so lieb wie der Großvater", versicherte Heidi noch unter fortwährendem Schluchzen.

Jetzt drückte ihr der Arzt noch einmal die Hand, dann setzte er rasch seinen Weg fort. Heidi aber blieb auf derselben Stelle stehen und winkte, solange sie nur noch ein Pünktchen von dem forteilenden Herrn entdecken konnte. Als dieser sich zum letzten Mal umwandte und nach der winkenden Heidi und der sonnigen Alp zurückschaute, sagte er leise vor sich hin: "Dort oben ist's gut sein, da können Leib und Seele gesunden, und man wird wieder seines Lebens froh."

Der Winter im Dörfli

Um die Almhütte lag der Schnee so hoch, dass es aussah, als ständen die Fenster auf dem flachen Boden, denn weiter unten war von der ganzen Hütte gar nichts zu sehen, auch die Haustür war völlig verschwunden. Wäre der Almöhi noch oben gewesen, so hätte er dasselbe tun müssen, was Peter täglich ausführen musste, weil es fast immer über Nacht wieder geschneit hatte.

Jeden Morgen musste Peter jetzt aus dem Fenster der Stube hinausspringen, und war es nicht sehr kalt, so dass über Nacht der neu gefallene Schnee fest gefroren war, so versank er dann so tief in dem weichen Schnee; dann musste er mit Händen und Füßen und mit dem Kopf auf alle Seiten stoßen und werfen und ausschlagen, bis er sich wieder herausgearbeitet hatte. Dann gab ihm die Mutter den großen Besen aus dem Fenster, und mit diesem stieß und scharrte Peter nun den Schnee vor sich weg, bis er zur Tür kam. Dort hatte er dann eine besonders schwere Arbeit, denn da musste aller Schnee abgegraben werden. Tat man das nicht fiel der Schnee, wenn er noch weich war und die Tür aufging, in die Küche hinein, oder er fror fest, und dann war man drinnen ganz eingemauert ,denn durch diesen Eisfelsen konnte man nicht dringen, und durch das kleine Fenster konnte nur Peter hinausschlüpfen.

Für Peter brachte der strenge Frost aber auch viele Bequemlichkeiten mit sich. Wenn er ins Dorf hinunter musste, öffnete er nur das Fenster, kroch durch und kam draußen zu ebener Erde auf dem festen Schneefelde an. Dann schob ihm die Mutter den kleinen Schlitten durch das Fenster nach, und Peter hatte sich nur darauf zu setzen und abzufahren, wie und wo er wollte, er kam jedenfalls hinunter, denn die ganze Alm war zu einer einzigen großen Schlittenbahn geworden.

Der Öhi hatte Wort gehalten und war diesen Winter nicht auf der Alm geblieben. Sobald der erste Schnee gefallen war, hatte er Hütte und Stall abgeschlossen und war mit Heidi und den Ziegen ins Dorf hinuntergezogen. Dort stand in der Nähe der Kirche und des Pfarrhauses ein weitläufiges Gemäuer, das war in alter Zeit ein großes Herrenhaus gewesen, was man noch an vielen Stellen sehen konnte, obschon jetzt das Gebäude überall ganz oder halb zerfallen war.

Da hatte einmal ein tapferer Soldat gewohnt; er hatte dem spanischen König gedient und er hatte wegen seiner Tapferkeit großen Reichtum erworben. Dann war er heimgekommen ins Dorf und hatte von seinem verdienten Geld ein prächtiges Haus errichtet; in dem er leben wollte. Aber schon nach kurzer Zeit konnte er es in dem ruhigen Dorf vor Langweile nicht mehr aushalten, denn er hatte zu lange in einer lauten, unruhigen Welt gelebt. Er zog weg und kam nicht mehr zurück. Als man nach vielen, vielen Jahren sicher wusste, dass er tot war, übernahm ein ferner Verwandter unten im Tal das Haus, aber es war schon am verfallen, und der neue Besitzer wollte es nicht mehr aufbauen. So zogen arme Leute in das Haus, die wenig dafür bezahlen mussten, und wenn ein Stück abfiel von dem Gebäude, so ließ man es liegen. Seit jener Zeit waren aber auch schon wieder viele Jahre vergangen.

Schon als der Öhi mit seinem kleinen Sohn Tobias hergekommen war, hatte er das verfallene Haus bezogen und darin gelebt. Seither hatte es meistens leer gestanden, denn man konnte dort nur leben, wenn man genug handwerkliches Geschick besaß, um das Haus wenigstens ein wenig zu reparieren. Der Winter oben im Dorf war lang und kalt. Dann blies und wehte es von allen Seiten durch die Räume, dass die Kerzenflammen ausgeblasen wurden und die armen Leute fürchterlich froren. Aber der Öhi wusste sich zu helfen. Gleich nachdem er beschlossen hatte, den Winter über im Dorf zu leben, hatte er das alte Haus wieder übernommen und war den Herbst durch öfter heruntergekommen, um darin alles so herzurichten, wie es ihm gefiel. Mitte Oktober war er dann mit Heidi heruntergezogen.

Kam man von hinten an das Haus heran, so trat man gleich in einen offenen Raum ein, da war auf einer Seite die ganze Wand und auf der anderen die halbe eingefallen. Über dieser war noch ein Bogenfenster zu sehen, aber das Glas daraus war längst weg, und dicker Efeu rankte sich darum und hoch hinauf bis zur Decke, die noch zur Hälfte fest war. Die war schön gewölbt, und man konnte gut sehen, das war die Kapelle gewesen. Ohne Tür kam man weiter in eine große Halle hinein, da waren hier und da noch schöne Steinplatten auf dem Boden, und zwischendurch wuchs das Gras dicht empor. Da waren die Mauern auch alle eingestürzt und große Stücke der Decke dazu, und hätten da nicht ein paar dicke Säulen noch ein festes Stück der Decke getragen, so hätte man denken müssen, diese könne jeden Augenblick auf die Köpfe derer niederfallen, die darunter standen. Hier hatte der Öhi einen Bretterverschlag ringsum gemacht und den Boden dick mit Streu belegt, denn hier in der alten Halle sollten die Ziegen ihren Stall haben.

Dann ging es durch mehrere Gänge, immer halb offen, dass einmal der Himmel hereinguckte und einmal wieder die Wiese und der Weg draußen. Aber ganz vorne, wo die schwere, eichene Tür noch fest in den Angeln hing, kam man in eine große, weite Stube hinein, die war noch gut. Da waren noch die vier festen Wände mit dem dunkeln Holzgetäfel ohne Lücken, und in der einen Ecke stand ein riesiger Ofen, der ging fast bis an die Decke hinauf, und auf die weißen Kacheln waren große, blaue Bilder gemalt. Da waren alte Türme darauf, mit hohen Bäumen ringsum, und unter den Bäumen ging ein Jäger mit seinen Hunden. Dann war ein stiller See unter großen, Schatten spendenden Eichen zu sehen, und ein Fischer stand daran und hielt seine Rute weit in das Wasser hinaus.

Um den ganzen Ofen herum ging eine Bank, so dass man sich hinsetzen und die Bilder studieren konnte. Hier gefiel es Heidi sogleich. Sobald sie mit dem Großvater in die Stube eingetreten war, lief sie zu dem Ofen, setzte sich auf die Bank und fing an die Bilder zu betrachten. Heidi rutschte auf der Bank entlang und dabei entdeckte sie wieder etwas Neues: In dem ziemlich großen Raume zwischen dem Ofen und der Wand waren vier Bretter aufgestellt, so wie zu einem Apfelbehälter. Darinnen lagen aber nicht Äpfel, da lag unverkennbar Heidis Bett, ganz so, wie es oben auf der Alm gewesen war: ein hohes Heulager mit dem Leintuch und dem Sack als Decke darauf. Heidi jauchzte auf:

"Oh, Großvater, da ist meine Kammer, o wie schön! Aber wo kannst du schlafen?"

"Deine Kammer muss nahe beim Ofen sein, damit du nicht frierst", sagte der Großvater, "die meine kannst du auch sehen."

Heidi hüpfte durch die weite Stube dem Großvater nach, der auf der anderen Seite eine Tür aufmachte, die in einen kleinen Raum hineinführte, da hatte der Großvater sein Schlafzimmer eingerichtet.

Dann kam aber wieder eine Tür. Heidi machte sie geschwind auf und stand ganz verwundert still, denn da sah man in eine Art von Küche hinein, die war so ungeheuer groß, wie Heidi sie noch nie in ihrem Leben gesehen hatte. Da hatte es viel Arbeit für den Großvater gegeben, und es blieb auch noch immer viel zu tun übrig, denn da waren Löcher und weite Spalten in den Mauern auf allen Seiten, wo der Wind herein pfiff, und doch waren schon so viele mit Holzbrettern vernagelt worden, dass es aussah, als wären ringsum kleine Holzschränke in der Mauer angebracht. Auch die große, uralte Tür hatte der Großvater wieder mit vielen Drähten und Nägeln festzumachen verstanden, so dass man sie schließen konnte, und das war gut, denn nachher ging es in lauter verfallenes Gemäuer hinaus, wo dickes Gestrüpp emporwuchs und Scharen von Käfern und Eidechsen ihre Wohnungen hatten.

Heidi gefiel es gut in ihrem neuen Zuhause, und schon am anderen Tage, als Peter kam , hatte sie viel zu tun, um ihm alles in dem neuen zu Hause zu zeigen

Heidi schlief vortrefflich in ihrem Ofenwinkel, aber am Morgen dachte Heidi doch immer, sie sei noch auf der Alp. Sie vermisste ihre gewohnte Umgebung und war immer ein wenig traurig, nicht dort sein zu können. Aber wenn sie dann den Großvater draußen mit dem Schwänli und dem Bärli reden hörte und dann die Ziegen so laut und lustig meckerten, als wollten sie Heidi zurufen: "Mach doch, dass du einmal kommst, Heidi", dann merkte Heidi, dass sie doch daheim war, und sprang fröhlich aus ihrem Bett und dann so schnell als möglich in den großen Ziegenstall hinaus. Aber am vierten Tage sagte Heidi besorgt: "Heute muss ich unbedingt zur Großmutter hinauf, sie kann nicht so lange allein sein."

Aber der Großvater war damit nicht einverstanden. "Heute nicht und morgen auch noch nicht", sagte er. "Die Alm hinauf liegt der Schnee meterhoch, und immer noch schneit es weiter; selbst der kräftige Peter kann kaum durchkommen. Ein kleines Mädchen wie du, Heidi, wäre auf der Stelle eingeschneit und zugedeckt und nicht mehr zu finden. Wart noch ein wenig, bis es friert, dann kannst du bequem über die Schneedecke hinaufspazieren."

Das Wartenmüssen machte Heidi zunächst noch ein wenig Sorge. Aber die Tage waren jetzt so angefüllt von Arbeit, dass sie wie im Flug vergingen Jeden Morgen und jeden Nachmittag ging Heidi jetzt in die Schule im Dorf und lernte ganz eifrig, was da zu lernen war. Den Peter sah Heidi aber fast nie in der Schule, denn meistens kam er nicht. Der Lehrer war ein milder Mann, der nur dann und wann sagte: "Es scheint mir, Peter ist wieder nicht da. Die Schule täte ihm doch gut, aber es liegt auch gar viel Schnee dort hinauf, er wird wohl nicht durchkommen." Aber gegen Abend, wenn die Schule aus war, kam Peter meistens durch und machte seinen Besuch bei Heidi.

Nach einigen Tagen kam die Sonne wieder hervor und strahlte ganz hell über den weißen Boden, aber sie ging ganz früh wieder hinter den Bergen unter, so als gefalle es ihr lange nicht so gut zu scheinen wie im Sommer, wenn alles grünte und blühte. Aber am Abend ging der Mond ganz hell und groß auf und leuchtete die ganze Nacht über die weiten Schneefelder hin, und am anderen Morgen glitzerte und flimmerte die ganze Alp von oben bis unten wie ein Kristall.

Als Peter wie die Tage vorher aus seinem Fenster in den tiefen Schnee hinab springen wollte, landete er so, wie er es nicht erwartet hatte. Er machte einen Satz hinaus, aber anstatt im Weichen zu landen, schlug es ihn auf dem unerwartet harten Boden gleich um, und unversehens rutschte er ein gutes Stück den Berg hinunter wie ein herrenloser Schlitten. Sehr verwundert kam er schließlich wieder auf seine Füße, und nun stampfte er mit aller Macht auf den Schneeboden, um sich zu versichern, dass auch wirklich möglich sei, was ihm soeben geschehen war. Es war richtig: Wie er auch stampfte und einschlug mit den Absätzen, kaum konnte er ein kleines Eissplitterchen herausschlagen. Die ganze Alm war steinhart zugefroren.

Das war Peter gerade recht: Er wusste, dass dieser Zustand der Dinge nötig war, damit Heidi einmal wieder da heraufkommen konnte. Schleunigst kehrte er um, trank seine Milch, die die Mutter eben auf den Tisch gestellt hatte, steckte sein Stück Brot in die Tasche und sagte eilig: "Ich muss in die Schule."

"Ja, so geh und lern auch brav", sagte die Mutter zustimmend.

Peter kroch zum Fenster hinaus - denn nun war man eingesperrt wegen des Eisberges vor der Türe-, zog seinen kleinen Schlitten nach sich, setzte sich darauf und schoss den Berg hinunter.

Es ging wie der Blitz, und als er beim Dorf da ankam, wo es gleich weiter hinab Richtung Maienfeld ging, fuhr Peter weiter, denn es kam ihm so vor, als müsste er sich und dem Schlitten Gewalt antun, wenn er auf einmal den Lauf stoppen wollte. So fuhr er zu, bis er ganz unten in der Ebene ankam und es von selbst nicht mehr weiterging. Dann stieg er ab und schaute sich um. Das Tempo der Schlittenfahrt hatte ihn noch weit über Maienfeld hinausgetrieben.

Jetzt bedachte er, dass er jedenfalls zu spät in die Schule käme, weil sie schon lange begonnen hatte, er aber zum Hinaufsteigen fast eine Stunde brauchte. So konnte er sich alle Zeit lassen zur Rückkehr. Das tat er denn auch und kam gerade oben im Dorf wieder an, als Heidi aus der Schule zurückgekehrt war und sich mit dem Großvater an den Mittagstisch setzte. Peter trat ein, und da er diesmal eine besondere Nachricht mitzuteilen hatte, so lag sie ihm so auf der Zunge, und er sie gleich beim Eintreten loswerden musste.

"Der Schnee ist ganz hart gefroren""Oh! Oh! Jetzt kann ich zur Großmutter hinauf!" frohlockte Heidi, "Aber warum bist du denn nicht in die Schule gekommen? Du konntest ja gut herunterschlittern", setzte sie auf einmal vorwurfsvoll hinzu, denn Heidi meinte, dass es nicht in Ordnung sei, so draußen zu bleiben, wenn man doch gut in die Schule gehen könnte.

"Bin zu weit gekommen mit dem Schlitten, war zu spät", gab Peter zurück.

"Das nennt man Schule schwänzen", sagte der Öhi, "und Leute, die das tun, nimmt man bei den Ohren, hörst du?"

Peter riss erschrocken an seiner Kappe herum, denn vor keinem Menschen auf der Welt hatte er einen so großen Respekt wie vor dem Almöhi.

"Und dazu ein Anführer, wie du einer bist, der muss sich doppelt schämen, sich so zu drücken", fuhr der Öhi fort. "Was meinst du, wenn einmal deine Ziegen eine da und die andere dort hinliefen und sie wollten dir nicht mehr folgen und nicht tun, was gut für sie ist, was würdest du dann machen?"

"Sie hauen", entgegnete Peter kundig.

"Und wenn einmal ein Bub so täte wie eine ungezogene Ziege und er würde ein wenig durchgehauen, was würdest du dann sagen?"

"Geschieht ihm recht", war die Antwort.

"So, jetzt hör zu, Ziegenoberst: Wenn du noch einmal auf deinem Schlitten über die Schule hinausfährst zu einer Zeit, da du hinein solltest, so komm dann nachher zu mir und hol dir, was du dafür verdienst."

Jetzt verstand Peter den Zusammenhang der Rede und dass er mit dem Buben gemeint war, der fortlaufe wie eine ungezogene Ziege. Er war ganz betroffen von dieser Ähnlichkeit und schaute ein wenig ängstlich in die Winkel hinein, ob so etwas zu entdecken sei, wie er es in solchen Fällen für die Ziegen gebrauchte.

Aber ermunternd sagte nun der Öhi: "Komm an den Tisch jetzt und iss mit, dann geht Heidi mit dir. Am Abend bringst du sie wieder heim, dann isst du dein Abendbrot hier."

Über diese unerwartete Wendung der Dinge war Peter höchst erfreut. Sein Gesicht verzog sich nach allen Seiten vor Vergnügen. Er gehorchte unverzüglich und setzte sich neben Heidi hin. Die hatte aber schon genug und konnte vor Freude, dass es zur Großmutter gehen sollte, gar nicht mehr essen. Heidi schob die große Kartoffel und den Käsebraten, die noch auf ihrem Teller lagen, Peter zu, der von der anderen Seite vom Öhi den Teller voll bekommen hatte, so dass ein ganzer Berg vor ihm aufgerichtet stand, aber der Mut zum Angriff fehlte ihm nicht.

Heidi rannte an den Schrank und holte ihren Mantel, den sie von Klara bekommen hatte, hervor. Jetzt konnte sie, ganz warm eingepackt, mit der Kapuze über dem Kopf, ihren Weg antreten. Sie stellte sich nun neben den Peter hin, und sobald dieser sein letztes Stück eingeschoben hatte, sagte sie: "Jetzt komm!" Dann machten sie sich auf den Weg.

Heidi hatte Peter sehr viel von Schwänli und Bärli zu erzählen, z.B. dass sie beide am ersten Tage in dem neuen Stall gar nicht hatten fressen wollen und dass sie den ganzen Tag die Köpfe hatten hängen lassen und keinen Ton von sich gegeben hatten. Und sie habe den Großvater gefragt, warum das so sei. Dann habe er gesagt: Den Ziegen ginge es so wie es Heidi in Frankfurt ergangen sei, denn sie seien ihr Leben lang noch nie von der Alm heruntergekommen. Und Heidi setzte hinzu: "Du solltest nur einmal erleben, wie das ist, Peter."

Die beiden waren schon fast oben angekommen, ohne dass Peter ein einziges Wort gesagt hätte, und es war auch, als ob ihn ein Gedanke so sehr beschäftige, dass er noch nicht einmal richtig zuhören konnte. Als sie nun bei der Hütte angekommen waren blieb Peter stehen und sagte ein wenig brummig: "Dann will ich noch lieber in die Schule gehen, als beim Öhi holen, was er gesagt hat."

Heidi war derselben Meinung und bestärkte Peter ganz eifrig in seinem Vorsatz. Drinnen in der Stube saß die Mutter allein und flickte Kleider. Sie sagte, die Großmutter müsse die Tage im Bett bleiben, es sei zu kalt für sie, und es gehe ihr auch sonst nicht so gut. Das war für Heidi etwas Neues; sonst saß die Großmutter immer an ihrem Platz in der Ecke. Heidi rannte gleich zu ihr in die Kammer hinein. Sie lag ganz von dem grauen Tuch umwickelt in ihrem schmalen Bett mit der dünnen Decke.

"Gott Lob und Dank!" sagte die Großmutter erleichtert, als sie Heidi herein springen hörte. Seit Peter berichtet hatte, dass ein fremder Herr aus Frankfurt gekommen sei und mit ihnen auf die Alm gehe und immer mit Heidi reden wolle, befürchtete die Großmutter, dass man Heidi wieder mit nach Frankfurt nehmen wolle. Auch wenn der Herr alleine abgereist war, hatte sie doch Angst davor, ein Abgesandter könnte kommen und Heidi holen. Heidi sprang zu dem Bett der Kranken hin und fragte sorglich: "Bist du sehr krank, Großmutter?"

"Nein, nein, Kind", beruhigte die Alte, indem sie Heidi liebevoll streichelte, "der Frost ist mir nur ein wenig in die Glieder gefahren."

"Wirst du dann auf der Stelle gesund, wenn es wieder warm ist?" fragte Heidi eindringlich weiter.

"Ja, ja, wenn Gott will, noch vorher, damit ich wieder an mein Spinnrad kann. Ich meinte schon heute, ich könnte es probieren, morgen wird's dann schon wieder gehen", sagte die Großmutter in zuversichtlicher Weise, denn sie hatte schon gemerkt, dass das Kind erschrocken war.

Ihre Worte beruhigten Heidi, die sich sehr gesorgt hatte, denn krank im Bett hatte Heidi die Großmutter noch nie getroffen. Heidi betrachtete sie jetzt ein wenig verwundert, dann sagte sie:

"In Frankfurt legen sie einen Schal an zum Spazierengehen. Hast du etwa gemeint, man müsse ihn anlegen, wenn man ins Bett geht, Großmutter?"

"Weißt du, Heidi", entgegnete sie, "ich nehme den Schal so um im Bett, dass ich nicht friere. Ich bin so froh darüber, die Decke ist ein wenig dünn."

"Aber Großmutter", fing Heidi wieder an, "dein Bett geht ja da wo dein Kopf liegt nach unten, wo er doch eigentlich höher liegen sollte; so sollte ein Bett nicht sein"

"Ich weiß schon, Kind, ich spüre es auch wohl", und die Großmutter suchte auf dem Kissen, das wie ein dünnes Brett unter ihrem Kopfe lag, einen besseren Platz zu gewinnen. "Siehst du, das Kissen war nie besonders dick, und jetzt habe ich so viele Jahre darauf geschlafen, dass ich es ein wenig flachgelegen habe."

"O hätte ich doch in Frankfurt die Klara gefragt, ob ich nicht mein Bett mitnehmen könnte", sagte jetzt Heidi. "Da gab es drei große, dicke Kissen aufeinander, so dass ich gar nicht schlafen konnte und immer weiter herunterrutschte, bis ich flach lag, und dann musste ich wieder hinauf, weil man dort so schlafen muss. Könntest du so schlafen, Großmutter?"

"Ja freilich, das macht warm, und man kann so gut atmen, wenn man mit dem Kopf so hoch liegen kann", sagte die Großmutter, ein wenig mühsam ihren Kopf aufrichtend, so als wolle sie eine höhere Stelle finden. "Aber wir wollen jetzt nicht weiter davon reden, ich habe ja dem lieben Gott für so vieles zu danken, was andere Alte und Kranke nicht haben. Schon das gute Brötchen, das ich immer bekomme, und das schöne, warme Tuch hier und dass du so zu mir kommst, Heidi. Willst du mir auch wieder etwas lesen heute?"

Heidi lief hinaus und holte das alte Liederbuch herbei. Nun suchte sie ein schönes Lied nach dem andern, denn Heidi kannte sie jetzt ganz genau, und sie freute sich selbst, das alles wieder zu hören denn Heidi hatte ja, seit sie nicht mehr zur Großmutter hatte kommen können, die Verse, die ihr auch sehr gefielen, nicht mehr gehört.

Die Großmutter lag mit gefalteten Händen da, und auf ihrem Gesichte, das erst so bekümmert ausgesehen hatte, lag jetzt ein so freudiges Lächeln, als wäre ihr eben ein großes Glück zuteil geworden.

Heidi hielt auf einmal inne.

"Großmutter, bist du schon gesund geworden?" fragte sie.

"Es geht mir gut, Heidi, es ist mir gut geworden darüber. Lies es noch fertig, willst du?"

Das Kind las sein Lied zu Ende, und als die letzten Worte kamen:

"Wird mein Auge dunkler, trüber,
Dann erleuchte meinen Geist,
Dass ich fröhlich zieh' hinüber,
Wie man nach der Heimat reist",

da wiederholte sie die Großmutter und dann noch einmal und noch einmal, und auf ihrem Gesicht lag jetzt eine große freudige Erwartung. Auch Heidi fühlte sich jetzt ganz wohl. Heidi erinnerte sich an den Tag, als sie aus Frankfurt heimkehrte, und voller Freude rief sie aus: "Großmutter, ich weiß schon, wie es ist, wenn man nach der Heimat reist." Sie antwortete nichts, aber sie hatte die Worte wohl vernommen, und der Ausdruck, der Heidi so gut gefallen hatte, blieb auf ihrem Gesicht.

Nach einer Weile sagte das Kind wieder: "Jetzt wird's dunkel, Großmutter, ich muss heim; aber ich bin so froh, dass es dir jetzt wieder gut geht."

Die Großmutter nahm die Hand des Kindes in die ihrige und hielt sie fest; dann sagte sie:

"Ja, ich bin auch wieder so froh; wenn ich auch noch liegen bleiben muss, so geht es mir doch gut. Siehst du, das weiß niemand, der es nicht erfahren hat, wie das ist, wenn man viele, viele Tage so ganz allein daliegt und hört kein Wort von einem andern Menschen und kann nichts sehen, nicht einen einzigen Sonnenstrahl. Dann kommen so schwere Gedanken über einen, dass man manchmal meint, es könne nie mehr Tag werden und man könne nicht mehr weiter. Aber wenn man dann einmal wieder die Worte hört, die du mir vorgelesen hast, so ist es, wie wenn einem ein Licht davon aufgehen würde im Herzen, an dem man sich wieder freuen kann."

Jetzt ließ die Großmutter die Hand des Kindes los, und nachdem es ihr gute Nacht gesagt hatte, lief es in die Stube zurück und zog den Peter eilig hinaus, denn es war unterdessen Nacht geworden. Aber draußen stand der Mond am Himmel und schien hell auf den weißen Schnee, dass es war, als sei es noch heller Tag. Peter zog seinen Schlitten heran, setzte sich vorn darauf, und Heidi hinter ihn, und schon sausten sie die Alm hinunter,.

Als Heidi später auf ihrem schönen, hohen Heubette hinter dem Ofen lag, da kam ihr die Großmutter wieder in den Sinn, wie sie so schlecht mit dem Kopf lag, und dann musste Heidi an alles denken, was sie gesagt hatte, und an das Licht, das ihr die Worte im Herzen anzünden.

Und Heidi dachte: Wenn die Großmutter nur jeden Tag die Worte hören könnte, dann würde es ihr jeden Tag wenigstens einmal gut gehen. Aber Heidi wusste, nun konnten eine ganze Woche, oder vielleicht auch zwei, vergehen, ehe sie wieder zur Großmutter hinauf durfte. Das machte Heidi so traurig, dass sie ganz angestrengt darüber nachdachte, was sie nur tun könnte, damit die Großmutter die Worte jeden Tag zu hören bekäme.

Auf einmal hatte Heidi eine Idee, und sie freute sich so sehr darüber, dass es ihr fast zu lange bis zum nächsten Morgen dauerte.. Auf einmal setzte Heidi sich wieder ganz gerade auf in ihrem Bett, denn vor lauter Nachdenken hatte sie ihr Nachtgebet noch nicht zum lieben Gott hinaufgeschickt, und das wollte sie doch nie mehr vergessen.

Als Heidi nun so recht von Herzen für sich und den Großvater und die Großmutter gebetet hatte, fiel sie auf einmal in das weiches Heu zurück und schlief ganz fest und friedlich bis zum nächsten Morgen.

Der Winter dauert fort

Am andern Tage kam Peter gerade rechtzeitig in die Schule heruntergefahren. Sein Mittagessen hatte er in seinem Rucksack mitgebracht; denn in der Schule war es folgendermaßen üblich: Wenn um Mittag die Kinder im Dörfli nach Hause gingen, dann setzten sich die einzelnen Schüler, die weit weg wohnten, auf die Klassentische, stemmten die Füße fest auf die Bänke und breiteten auf den Knien die mitgebrachten Speisen aus, um so ihr Mittagsmahl zu halten. Bis um ein Uhr konnten sie ihr Essen genießen und hatten Pause, dann fing die Schule wieder an. Hatte Peter einen solchen Schultag mitgemacht, dann ging er nach Schulende zum Öhi hinüber und machte seinen Besuch bei Heidi.

Als er heute nach Schulschluss in die große Stube beim Öhi eintrat, kam Heidi gleich auf ihn zu, denn sie hatte schon auf ihn gewartet. "Peter, ich weiß etwas", rief Heidi ihm entgegen.

"Sag's", gab er zurück.

"Jetzt musst du lesen lernen", lautete die Nachricht.

"Hab's schon getan", war die Antwort.

"Ja, ja, Peter, so mein ich es nicht", eiferte jetzt Heidi. "Ich meine so, dass du es nachher kannst.

"Kann nicht", bemerkte der Peter.

"Das glaubt dir jetzt kein Mensch mehr und ich auch nicht", sagte Heidi sehr entschieden. "Die Großmama in Frankfurt hat schon gewusst, dass es nicht wahr ist, und sie hat mir gesagt, ich soll es nicht glauben."

Der Peter staunte über diese Nachricht.

"Ich will dich schon lesen lehren, ich weiß ganz gut, wie", fuhr Heidi fort. "Du musst es jetzt einmal erlernen, und dann musst du jeden Tag der Großmutter ein Lied lesen oder zwei."

"Das ist nichts", brummte der Peter.

Dieser hartnäckige Widerstand gegen etwas, das gut und richtig war und Heidi so sehr am Herzen lag, regte Heidi richtig auf. Mit blitzenden Augen stellte sie sich jetzt vor den Jungen hin und sagte bedrohlich:

"Dann will ich dir schon sagen, was kommt, wenn du nie etwas lernen willst: Deine Mutter hat schon zweimal gesagt, du müssest auch nach Frankfurt, dass du allerhand lernst, und ich weiß schon, wo dort die Jungen in die Schule gehen. Beim Ausfahren hat mir Klara das furchtbar große Haus gezeigt. Aber dorthin gehen sie nicht nur, wenn sie Jungen sind, sondern immerfort, wenn sie schon ganz große Herren sind, das habe ich selber gesehen. Und dann musst du nicht denken, dass nur ein einziger Lehrer da ist wie bei uns, und ein so guter. Da gehen immer ganze Reihen, viele miteinander in das Haus hinein, und alle sehen ganz schwarz aus, als ob sie in die Kirche gingen, und haben so hohe schwarze Hüte auf den Köpfen" - und Heidi zeigte die Größe der Hüte mit den Händen an.

Peter lief ein Schauder den Rücken herunter.

"Und dann musst du dort hinein unter alle die Herren", fuhr Heidi mit Eifer fort, "und wenn du dann an der Reihe bist, so kannst du gar nicht lesen und machst noch Fehler beim Buchstabieren. Dann kannst du erleben, wie dich die Herren auslachen, das ist dann noch viel schlimmer als wenn die Tinette mich verspottet, und du solltest nur wissen, wie es ist, wenn diese spottet."

"So will ich", sagte der Peter halb kläglich, halb ärgerlich.

Im Augenblick war Heidi besänftigt. "So, dann ist es ja gut, dann wollen wir gleich anfangen", sagte sie erfreut, und eifrig zog Heidi Peter an den Tisch heran und holte das nötige Werkzeug herbei.

In dem großen Paket von Klara hatte sich auch ein Büchlein befunden, das Heidi besonders gut gefiel, und schon gestern Nacht war es Heidi in den Sinn gekommen, das könne man gut für Peters Unterricht gebrauchen, denn es war ein Abc-Büchlein mit Sprüchen.

Jetzt saßen die beiden am Tisch, die Köpfe über das kleine Buch gebeugt, und die Lehrstunde konnte beginnen.

Peter musste den ersten Spruch buchstabieren und dann wieder und dann noch einmal, denn Heidi wollte die Sache sauber und geläufig haben.

Schließlich sagte sie: "Du kannst es immer noch nicht, aber ich will dir ihn jetzt einmal hintereinander lesen; wenn du weißt, wie's heißen muss, kannst du's dann besser zusammenbuchstabieren." Und Heidi las:

"Geht heut das A B C noch nicht,
Kommst morgen du vors Schulgericht."

"Ich geh nicht", sagte Peter störrisch.

"Wohin?" fragte Heidi.

"Vor das Gericht", war die Antwort.

"So mach, dass du einmal die drei Buchstaben kennst, dann musst du ja nicht gehen", entgegnete Heidi.

Jetzt setzte Peter noch einmal an und wiederholte beharrlich die drei Buchstaben so lange, bis Heidi sagte:

"Jetzt kannst du die drei."

Da Heidi aber bemerkt hatte, welch eine Wirkung der Spruch auf Peter hatte, wollte sie gleich noch ein wenig vorarbeiten für die folgenden Lehrstunden.

"Wart, ich will dir jetzt noch die anderen Sprüche lesen", fuhr sie fort, "dann wirst du sehen, was alles noch kommen kann."

Und Heidi begann sehr klar und verständlich zu lesen:

"D E F G muss fließend sein,
Sonst kommt ein Unglück hintendrein.
Vergessen H I K,
Das Unglück ist schon da.
Wer am L M noch stottern kann,
Zahlt eine Buß und schämt sich dann.
Es gibt etwas, und wüßtest's du,
Du lerntest schnell N O P Q.
Stehst du noch an bei R S T,
Kommt etwas nach, das tut dir weh."

Hier hielt Heidi inne, denn Peter war so mäuschenstill, dass sie einmal sehen musste, was er mache. Alle die Drohungen und unheimlichen Andeutungen hatten ihm so zugesetzt, dass er kein Glied mehr bewegte und ganz erschrocken Heidi anstarrte.

Heidi hatte sofort Mitleid mit ihm und meinte tröstend: "Du musst dich nicht fürchten, Peter; komm du jetzt nur jeden Abend zu mir, und wenn du dann lernst wie heut, so kennst du bald die Buchstaben, und dann passiert ja nichts. Aber nun musst du jeden Tag kommen, nicht so unregelmäßig, wie du in die Schule gehst; wenn es auch schneit, es macht dir ja nichts."

Peter versprach alles, denn er hatte sich so erschrocken, dass er jetzt ganz willig und folgsam war. Jetzt trat er seinen Heimweg an.

Peter befolgte Heidis Vorschrift ganz genau, und jeden Abend wurden mit Eifer die folgenden Buchstaben einstudiert und der Spruch beherzigt.

Oft saß auch der Großvater in der Stube und hörte dem Unterricht zu, wobei er vergnüglich sein Pfeifchen rauchte, während es öfter in seinen Mundwinkeln zuckte, so, als ob ihn von Zeit zu Zeit eine große Heiterkeit überkommen wollte.

Nach der großen Anstrengung wurde Peter dann meistens aufgefordert, noch dazubleiben und beim Abendessen mitzuhalten, was ihn sehr schnell für die ausgestandene Angst, die der heutige Spruch mit sich gebracht hatte, reichlich entschädigte.

So gingen die Wintertage dahin. Peter erschien regelmäßig und machte wirklich Fortschritte mit seinen Buchstaben.

Mit den Sprüchen hatte er aber täglich zu kämpfen. Man war jetzt beim U angelangt. Als Heidi den Spruch las:

"Wer noch das U in V verdreht,
Kommt dahin, wo er nicht gern geht",

da knurrte Peter: "Ja, wenn ich ginge!" Aber er lernte doch ordentlich weiter, so, als stehe er unter dem Eindruck, es könnte ihn doch heimlich einer beim Kragen nehmen und dorthin bringen, wohin er nicht gern ginge.

Am folgenden Abend las Heidi:

Ist dir das W noch nicht bekannt,
Schau nach dem Rütlein an der Wand."

Da schaut Peter zur Wand und meinte grinsend: "Ist keines da" "Ja, ja, aber weißt du, was der Großvater im Kasten hat?" fragte das Heidi. "Einen Stock, fast so dick wie mein Arm, und wenn man ihn herausnimmt, so kann man nur sagen: ›Schau nach dem Stock da an der Wand!"

Peter kannte den dicken Haselstock. Augenblicklich beugte er sich über sein W und suchte es zu erfassen.

Am anderen Tage hieß es:

"Willst du noch das X vergessen,
Kriegst du heute nix zu essen."

Da schaute Peter forschend zu dem Schrank hinüber, in dem das Brot und der Käse lagen, und sagte ärgerlich: "Ich habe ja gar nicht gesagt, dass ich das X vergessen will."

"Es ist recht, wenn du das nicht vergessen willst, dann können wir auch gleich noch einen lernen", schlug Heidi vor, "dann hast du morgen nur noch einen einzigen Buchstaben."

Peter war nicht einverstanden. Aber schon las Heidi:

"Machst du noch Halt beim Y,
Kommst du mit Hohn und Spott davon."

Da sah Peters plötzlich alle die Herren in Frankfurt vor sich, die mit den hohen schwarzen Hüten auf den Köpfen und Hohn und Spott in den Gesichtern. Augenblicklich nahm er sich das Ypsilon vor und hörte nicht eher damit auf, bis er es so gut kannte, dass er die Augen zumachen konnte und doch noch wusste, wie es aussah.

Am Tag darauf kam Peter schon sehr vergnügt bei Heidi an, denn da war ja nur noch ein einziger Buchstabe zu verarbeiten, und als ihm Heidi gleich den Spruch las:

"Wer zögernd noch beim Z bleibt stehn,
Muss zu den Hottentotten gehn!",

da höhnte Peter: "Ja, wenn kein Mensch weiß, wo die sind!"

"Freilich, Peter, das weiß der Großvater schon", versicherte Heidi. "Wart nur, ich will ihn geschwind fragen, wo sie sind, er ist nur beim Herrn Pfarrer drüben." Und schon war Heidi aufgesprungen und wollte zur Tür hinaus.

"Warte", schrie jetzt Peter in voller Angst, denn schon sah er in seiner Einbildung den Almöhi mitsamt dem Herrn Pfarrer daherkommen und wie ihn die zwei nun gleich anpacken und den Hottentotten übersenden würden, denn er hatte ja wirklich nicht mehr gewusst, wie das Z hieß. Sein Angstgeschrei ließ Heidi stehen bleiben.

"Was hast du denn?" fragte sie verwundert.

"Nichts! Komm zurück! Ich will lernen", stieß Peter mit Unterbrechungen hervor. Aber Heidi hätte jetzt selbst gern gewusst, wo die Hottentotten leben, und sie wollte unbedingt den Großvater fragen. Peter rief ihr aber so verzweifelt nach, dass Heidi nachgab und zurückkam. Nun musste er aber auch etwas tun dafür. Das Z wurde nicht nur so oft wiederholt, dass der Buchstabe für alle Zeit in seinem Gedächtnis festsitzen musste, sondern Heidi ging gleich noch zum ganze Worte lesen über, und an dem Abend lernte Peter so viel, dass er einen großen Schritt vorwärts kam. So ging es weiter Tag für Tag.

Der Schnee war wieder weich geworden, und darauf schneite es jetzt einen Tag nach dem andern, so dass Heidi wohl drei Wochen lang gar nicht zur Großmutter hinauf konnte. Umso fleißiger arbeitete sie mit Peter, damit er Heidi bald beim Liederlesen ersetzen könne. So kam Peter eines abends von Heidi nach Hause, trat in die Stube ein und sagte:

"Ich kann's!"

"Was kannst du, Peterli?" fragte erwartungsvoll die Mutter.

"Das Lesen", antwortete er.

"Ja ist das denn möglich! Hast du's gehört, Großmutter?" rief die Brigitte aus.

Die Großmutter hatte es gehört und war ganz überrascht und fragte sich, wieso er das jetzt auf einmal könne.

"Ich muss jetzt ein Lied lesen, Heidi hat's gesagt", berichtete Peter weiter. Die Mutter holte schnell das Buch herunter, und die Großmutter freute sich, sie hatte so lange kein gutes Wort gehört. Peter setzte sich an den Tisch hin und begann zu lesen. Seine Mutter saß neben ihm und hörte ganz erstaunt zu; nach jedem Verse musste sie mit Bewunderung sagen: "Wer hätte das gedacht!"

Auch die Großmutter folgte mit Spannung einem Verse nach dem andern, sie sagte aber nichts dazu.

Am darauf folgenden Tag fand in der Schule in Peters Klasse eine Leseübung statt. Als die Reihe an Peter kommen sollte, sagte der Lehrer:

"Peter, muss man dich wieder übergehen, wie immer, oder willst du einmal wieder - ich will nicht sagen lesen, ich will sagen: versuchen, an einer Zeile herumzustottern?"

Peter fing an und las hintereinander drei Zeilen, ohne abzusetzen.

Der Lehrer legte sein Buch weg. Mit stummem Erstaunen blickte er auf Peter, so, als habe er so etwas noch nie gesehen. Endlich sagte er: "Peter, an dir ist ein Wunder geschehen! Solange ich mit unbeschreiblicher Geduld mit dir gearbeitet habe, warst du nicht imstande, auch nur das Buchstabieren richtig zu erfassen. Jetzt, wo ich, wenn auch ungern, die Arbeit mit dir aufgegeben habe, weil sie doch nicht erfolgreich war, geschieht es, dass du kommst und hast nicht nur das Buchstabieren, sondern ein ordentliches, sogar deutliches Lesen erlernt. Woher können zu unserer Zeit denn noch solche Wunder kommen, Peter?"

"Durch Heidi", antwortete dieser.

Höchst verwundert schaute der Lehrer zu Heidi hinüber, die ganz bescheiden auf ihrer Bank saß,. Er fuhr fort:

"Ich habe überhaupt eine Veränderung an dir bemerkt, Peter. Während du früher oftmals die ganze Woche, ja mehrere Wochen hintereinander in der Schule gefehlt hast, so bist du in der letzten Zeit nicht einen Tag ausgeblieben. Woher kann eine solche Änderung zum Guten gekommen sein?"

"Vom Öhi", war die Antwort.

Mit immer größerem Erstaunen blickte der Lehrer von Peter zu Heidi und von dieser wieder zu Peter zurück.

"Wir wollen es noch einmal versuchen", sagte er dann behutsam, und noch einmal musste Peter an drei Zeilen seine Kenntnisse erproben. Es war richtig, er hatte lesen gelernt.

Sobald die Schule zu Ende war, eilte der Lehrer zum Herrn Pfarrer hinüber, um ihm mitzuteilen, was vorgefallen war und in welcher erfreulichen Weise der Öhi und Heidi in der Gemeinde wirkten.

Jeden Abend las jetzt Peter daheim ein Lied vor. So weit gehorchte er Heidi, weiter aber nicht, ein zweites Lied las er nie; die Großmutter forderte ihn aber auch nie dazu auf.

Die Mutter Brigitte wunderte sich täglich, dass Peter dieses Ziel erreicht hatte, und an manchen Abenden, wenn die Vorlesung vorbei war und der Vorleser in seinem Bett lag, musste sie wieder zur Großmutter sagen:

"Man kann sich doch nicht genug freuen, dass Peter das Lesen so schön erlernt hat. Jetzt kann man gar nicht wissen, was noch aus ihm werden kann."

Da antwortete einmal die Großmutter:

"Ja, es ist so gut für ihn, dass er etwas gelernt hat; aber ich will doch herzlich froh sein, wenn der liebe Gott nun bald den Frühling schickt, damit Heidi auch wieder heraufkommen kann. Es ist doch, als ob Heidi ganz andere Lieder läse. Es fehlt so manchmal etwas in den Versen, wenn sie Peter liest, und ich muss es dann suchen, und dann komme ich nicht mehr nach mit den Gedanken, und der Eindruck kommt mir nicht ins Herz, wie wenn mir Heidi die Worte liest."

Das kam aber daher, weil Peter es sich beim Lesen ein wenig bequem machte. Wenn ein Wort kam, das gar zu lang war oder sonst schlimm aussah, so ließ er es lieber ganz aus, denn er dachte, auf drei oder vier Worte in einem Verse werde es der Großmutter wohl nicht ankommen, es kommen ja dann noch viele. So kam es, dass fast keine Hauptwörter mehr in den Liedern vorkamen, die Peter vorlas.

Die fernen Freunde regen sich

Der Mai war gekommen. Von allen Höhen strömten die vollen Frühlingsbäche ins Tal herab. Ein warmer, heller Sonnenschein lag auf der Alp. Sie war wieder grün geworden; der letzte Schnee war weg geschmolzen, und von den lockenden Sonnenstrahlen geweckt, guckten schon die ersten Blümchen aus dem frischen Grase heraus.

Oben rauschte der fröhliche Frühlingswind durch die Tannen und schüttelte aus ihnen die alten, dunkeln Nadeln fort, sodass die jungen, hellgrünen herauskommen und die Bäume herrlich schmücken konnten. Hoch oben schwang wieder der alte Raubvogel seine Flügel in den blauen Lüften, und rings um die Almhütte wärmte der goldene Sonnenschein den Boden und trocknete die letzten feuchten Stellen auf, sodass man sich wieder hinsetzen konnte, wo man wollte.

Heidi war wieder auf der Alp. Sie genoss den Frühling in vollen Zügen und konnte sich kaum an dem satt sehen, was die Natur an Neuem bot. Überall ließen sich die ersten Blüten sehen; der Wind rauschte durch die Tannen und blies die alten dunklen, lockeren Nadeln fort, so dass die neuen hellgrünen hervor kommen konnten. Viele kleine Käfer und kleine Mücken tanzten im Sonnenlicht und Heidi hätte am liebsten mit ihnen getanzt. Es kam ihr so vor, als sei es noch nie so schön auf der Alp gewesen, wie in diesem Frühjahr.

Vom Schuppen hinter der Hütte ertönte hin und wieder ein eifriges Klopfen und Sägen, und Heidi lauschte immer wieder darauf, denn das waren die alten, heimatlichen Töne, die sie so gut kannte, die von Anfang an zum Leben auf der Alp gehört hatten. Jetzt sprang Heidi auf und rannte hinter das Haus, denn sie wollte doch wissen, was beim Großvater vor sich ging. Vor der Schuppentür stand schon fix und fertig ein schöner neuer Stuhl, und am zweiten arbeitete der Großvater mit geschickter Hand.

"Oh, ich weiß schon, was das gibt", rief Heidi in Freuden aus. "Das ist nötig, wenn sie von Frankfurt kommen. Der ist für die Großmama und der, den du jetzt machst, für die Klara, und dann... dann muss noch einer sein", fuhr Heidi zögernd fort, "oder glaubst du nicht, Großvater, dass Fräulein Rottenmeier auch mitkommt?"

"Das kann ich nun nicht sagen", meinte der Großvater, "aber es ist sicherer, einen Stuhl bereit zu haben, so dass wir sie zum Sitzen einladen können, wenn sie kommt."

Heidi betrachtete nachdenklich die hölzernen Stühle ohne Lehne und überlegte im Stillen, wie Fräulein Rottenmeier und ein solches Stühlchen zusammenpassen würden. Nach einer Weile sagte sie, bedenklich den Kopf schüttelnd:

"Großvater, ich glaube nicht, dass sie darauf sitzt."

"Dann laden wir sie auf das Sofa mit dem schönen grünen Rasenüberzug ein", entgegnete ruhig der Großvater.

Als Heidi noch darüber nachdachte, wo das schöne Sofa mit dem grünen Rasenüberzug sei, erklang plötzlich von oben her ein Pfeifen und Rufen und Rutenschwingen durch die Luft, dass Heidi sofort wusste, was nun kam.

Sie eilte hinaus und war augenblicklich von den herab springenden Ziegen umringt. Denen gefiel es anscheinend genau so gut wie Heidi, wieder auf der Alp zu sein, denn sie machten so hohe Sprünge und meckerten so lebenslustig wie noch nie, und Heidi wurde dahin und dorthin gedrängt, denn jede wollte so dicht wie möglich zu Heidi hinkommen und ihre Freude bei ihr zeigen. Aber der Peter stieß sie alle weg, eine rechts und die andere links, denn er hatte Heidi eine Nachricht zu überbringen. Als er bei ihr angekommen war, hielt er ihr einen Brief entgegen.

"Da!" sagte er, nichts weiter. Heidi war sehr erstaunt.

"Hast du denn auf der Weide einen Brief für mich bekommen?" fragte sie voller Verwunderung.

"Nein", war die Antwort.

"Ja, wo hast du ihn denn hergenommen, Peter?"

"Aus dem Brotsack."

Das war richtig. Gestern Abend hatte der Postbeamte im Dörfli ihm den Brief an Heidi mitgegeben. Den hatte Peter in den leeren Sack gelegt. Am Morgen hatte er seinen Käse und sein Stück Brot darauf gepackt und war ausgezogen. Den Öhi und Heidi hatte er wohl gesehen, als er ihre Ziegen abholte, aber erst als er um Mittag sein Brot und den Käse aufgegessen hatte und noch die Krumen herausholen wollte, war der Brief wieder in seine Hand gekommen.

Heidi las aufmerksam die Adresse des Absenders, dann sprang sie zum Großvater in den Schuppen und hielt ihm mit großer Freude den Brief entgegen: "Aus Frankfurt! Von der Klara! Willst du ihn gleich hören, Großvater?"

Das wollte dieser schon gern, und auch Peter, der Heidi gefolgt war, hörte zu. Er stemmte sich mit dem Rücken gegen den Türpfosten, um einen festen Halt zu haben, denn so war es leichter, Heidi zu folgen, während Heidi nun ihren Brief vorlas:

Liebe Heidi!
Wir haben schon alles verpackt, und in zwei oder drei Tagen wollen wir abreisen; aber erst wenn Papa auch abreist, aber nicht mit uns, er muss zuerst noch nach Paris fahren. Jeden Tag kommt der Herr Doktor und ruft schon unter der Tür: "Fort! Fort! Auf die Alp!" Er kann es gar nicht erwarten, dass wir gehen.
Du solltest nur wissen, wie gern er selbst auf der Alp war! Den ganzen Winter ist er fast jeden Tag zu uns gekommen; dann sagte er immer, er komme zu mir, er müsse mir wieder erzählen! Dann setzte er sich zu mir hin und erzählte von allen Tagen, die er mit Dir und dem Großvater auf der Alp zugebracht hat, und von den Bergen und den Blumen und von der Stille so hoch oben über allen Dörfern und Straßen und von der frischen, herrlichen Luft; und er sagte oft: "Dort oben müssen alle Menschen wieder gesund werden."
Er ist auch selbst wieder viel besser gelaunt, als er eine Zeitlang war, ganz jung und fröhlich sieht er wieder aus.
Oh, wie freu ich mich, das alles zu sehen und bei Dir auf der Alp zu sein und auch den Peter und die Ziegen kennen zu lernen! Erst muss ich in Ragaz etwa sechs Wochen lang eine Kur machen, das hat der Herr Doktor befohlen, und dann sollen wir im Dörfli wohnen, und ich soll dann an schönen Tagen in meinem Stuhl auf die Alp hinauf gefahren werden und den Tag über bei Dir bleiben. Die Großmama kommt mit und bleibt bei mir; sie freut sich auch, zu Dir hinaufzukommen.
Aber denk, Fräulein Rottenmeier will nicht mit. Fast jeden Tag sagt die Großmama einmal: "Wie ist's mit der Schweizreise, liebes Fräulein Rottenmeier? Sagen Sie es ruhig, wenn Sie Lust haben mitzukommen." Aber sie dankt immer furchtbar höflich und sagt, sie wolle nicht unbescheiden sein. Aber ich weiß schon, woran sie denkt:
Der Sebastian hat eine so schreckliche Beschreibung von der Alp gegeben, als er von Deiner Begleitung nach Hause kam. er sprach von den furcht erregenden Felsen und dass man überall in Klüfte und Abgründe abstürzen könne und dass es so steil hinaufgehe, dass man bei jedem Tritt befürchten müsse, wieder rückwärts abzurutschen, und dass wohl Ziegen, aber keine Menschen ohne Lebensgefahr da hinaufklettern können.
Diese Beschreibung hat sie richtig abgeschreckt und seither schwärmt sie nicht mehr für Schweizreisen wie früher. Der Schrecken ist auch in die Tinette gefahren, sie will auch nicht mit. So kommen wir allein, Großmama und ich; nur Sebastian muss uns bis nach Ragaz begleiten, dann kann er wieder heimkehren.
Ich kann es fast nicht erwarten, bis ich zu Dir kommen kann.
Lebe wohl, liebe Heidi, die Großmama lässt Dich tausendmal grüßen.
Deine treue Freundin Klara.

Als Peter diese Worte vernommen hatte, sprang er von dem Türpfosten weg und hieb mit seiner Rute nach rechts und links so rücksichtslos und wütend drein, dass sich die Ziegen sehr erschreckten und alle die Flucht ergriffen und den Berg in so großen Sprüngen hinunter rannten, wie sie noch selten gemacht hatten. Peter stürmte hinter ihnen her und hieb mit seiner Rute in die Luft hinein, als habe er an einem unsichtbaren Feinde einen unerhörten Ärger auszulassen. Dieser Feind war die Aussicht auf die Ankunft der Gäste aus Frankfurt, die Peter so sehr verärgerte.

Heidi war so voller Glück und Freude, dass sie unbedingt am andern Tage der Großmutter einen Besuch machen und ihr alles erzählen musste, wer nun von Frankfurt kommen und besonders auch, wer nicht kommen werde. Heidi dachte, dass die Großmutter das unbedingt wissen müsse, denn sie kannte alle Personen aus Heidis Erzählungen und sie nahm an allem, was zu Heidis Leben gehörte regen Anteil. Heidi brach auch sehr früh am Nachmittag zu ihrem Besuch auf, denn jetzt konnte sie diese schon wieder allein unternehmen: Die Sonne schien ja wieder hell und blieb lange am Himmel stehen, und über den trockenen Boden hin war es herrlich den Berg herab zu rennen, während der lustige Maiwind hinterher sauste und Heidi noch ein wenig schneller hinunterjagte.

Die Großmutter musste nicht mehr im Bett liegen. Sie saß wieder in ihrer Ecke und spann. Es lag aber ein Ausdruck auf ihrem Gesicht, als beschäftige sie sich mit trüben Gedanken. Das war so seit gestern Abend, und die ganze Nacht durch hatten diese Gedanken sie verfolgt und nicht schlafen lassen. Peter war in seinem großen Ärger heimgekommen, und sie hatte aus seinen abgebrochenen Ausrufungen entnehmen können, dass eine Schar von Leuten aus Frankfurt zu der Almhütte hinaufkommen werde. Was dann weiter geschehen sollte, wusste er nicht, aber die Großmutter musste weiterdenken, und das waren gerade die Gedanken, die sie ängstigten und ihr den Schlaf genommen hatten.

Jetzt sprang Heidi herein und gerade auf die Großmutter zu, setzte sich auf das Schemelchen, das immer dastand, und erzählte ihr mit einem solchen Eifer alles, was sie wusste, dass Heidi selbst noch immer mehr davon erfüllt wurde. Aber auf einmal hörte Heidi mitten in seinem Satze auf und fragte besorgt:

"Was hast du, Großmutter, freut dich alles gar kein bisschen?"

"Doch, doch, Heidi, es freut mich schon für dich, weil du eine so große Freude daran haben kannst", antwortete sie und suchte ein wenig fröhlich auszusehen.

"Aber Großmutter, ich kann ganz gut sehen, dass du Angst hast. Meinst du etwa, Fräulein Rottenmeier kommt doch noch mit?" fragte Heidi, selber etwas ängstlich.

"Nein, nein! Es ist nichts, es ist nichts!" beruhigte die Großmutter. "Gib mir ein wenig deine Hand, Heidi, dass ich spüren kann, dass du noch da bist. Es wird ja doch zu deinem Besten sein, auch wenn ich es fast nicht überleben kann."

"Ich will nichts von dem Besten, wenn du es fast nicht überleben kannst, Großmutter", sagte Heidi so bestimmt, dass sie sich erst recht erschrak. Sie musste ja annehmen, dass die Leute aus Frankfurt kämen, um Heidi wiederzuholen, denn da Heidi nun wieder gesund war, konnte es ja nicht anders sein, als dass sie Heidi wieder haben wollten. Das war die große Angst der Großmutter. Aber sie fühlte jetzt, dass sie sich vor Heidi nichts anmerken lassen durfte. Heidi hatte ja soviel Mitleid mit ihr, und da könnte sie sich vielleicht widersetzen und nicht gehen wollen, und das durfte nicht sein. Sie suchte nach einer Ausrede, aber nicht lange, denn sie kannte nur eine.

"Ich weiß etwas, Heidi", sagte sie nun, "das tut mir gut und bringt mir die guten Gedanken wieder. Lies mir das Lied, wo es gleich im Anfang heißt: ›Gott will's machen.‹"

Heidi wusste jetzt so gut Bescheid in dem alten Liederbuch, dass sie auf der Stelle fand, was die Großmutter begehrte, und sie las mit hellem Ton:

"Gott will's machen,
Dass die Sachen
Gehen, wie es heilsam ist.
Laß die Wellen
Immer schwellen,
Denk, wie du so sicher bist!"

"Ja, ja, das ist's grad, was ich hören musste", sagte die Großmutter erleichtert, und der Ausdruck der Bekümmernis verschwand aus ihrem Gesichte. Heidi schaute sie nachdenklich an, dann sagte es:

"Gell, Großmutter, ›heilsam‹ heißt, wenn alles heilt, dass es einem wieder ganz gut geht?"

"Ja, ja, so wird's sein", nickte die Großmutter zustimmend, "und weil der liebe Gott es so machen will, so kann man ja sicher sein, wie's auch kommt. Lies es noch einmal, Heidi, dass wir's so recht behalten können und nicht wieder vergessen."

Heidi las ihren Vers gleich noch einmal und dann noch ein paar Mal, denn die Sicherheit gefiel auch ihr so gut.

Als es so Abend geworden war und Heidi wieder den Berg hinaufwanderte, da kam über ihr ein Stern nach dem andern heraus und funkelte und leuchtete zu ihr herunter. Es schien als leuchteten alle Sterne nur, um Heidi eine Freude zu machen und alle Augenblicke musste Heidi wieder stehen bleiben und hinaufschauen, und ganz laut hinauf rufen: "Ja, ich weiß schon, weil der liebe Gott alles so gut weiß, wie es heilsam ist, kann man eine solche Freude haben und ganz sicher sein!" Und alle Sterne schimmerten und glänzten und winkten Heidi zu, bis sie oben bei der Hütte angekommen war, wo der Großvater stand und auch zu den Sternen hinaufschaute, denn so schön hatten sie lange nicht mehr geleuchtet.

Nicht nur die Nächte, auch die Tage dieses Maimonats waren so hell und klar wie seit vielen Jahren nicht mehr, und öfters schaute der Großvater am Morgen mit Erstaunen zu, wie die Sonne mit derselben Pracht am wolkenlosen Himmel wieder aufstieg, mit der sie am Abend zuvor untergegangen war, und er musste wiederholt sagen: "Das ist ein besonders gutes Sonnenjahr; das gibt besondere Kraft in die Kräuter. Pass auf, Anführer, dass deine Springer nicht zu übermütig werden vom guten Futter!"

Dann schwang Peter ganz kühn seine Rute in der Luft, und auf seinem Gesicht stand deutlich die Antwort geschrieben: "Mit denen will ich's schon aufnehmen."

So verfloss der Mai, und es kam der Juni mit seiner noch wärmeren Sonne und den langen, langen lichten Tagen, die alle Blumen auf der ganzen Alp herauslockten und die ganze Luft weit umher mit ihrem süßen Duft erfüllten. Schon ging auch dieser Monat seinem Ende entgegen, als Heidi eines morgens aus der Hütte heraus kam, und ihre Morgenbeschäftigungen bereits erledigt hatte Sie wollte schnell einmal unter die Tannen hinaus und dann ein wenig weiter hinauf, um zu sehen, ob der große Busch von dem Tausendgüldenkraut aufgeblüht sei, denn die Blümchen waren ganz besonders schön in der durchscheinenden Sonne. Aber als Heidi um die Hütte herumrennen wollte, schrie sie auf einmal aus allen Kräften so laut, dass der Öhi aus dem Schuppen heraustrat, denn das war etwas Ungewöhnliches.

"Großvater! Großvater!" rief das Kind wie außer sich. "Komm hierher! Komm hierher! Sieh! Sieh!"

Der Großvater erschien auf den Ruf, und sein Blick folgte dem ausgestreckten Arm des aufgeregten Kindes.

Die Alm herauf schlängelte sich ein seltsamer Zug, wie ihn hier noch keiner gesehen hatte. Zuerst kamen zwei Männer mit einem offenen Tragsessel, darauf saß ein junges Mädchen, in viele Tücher eingehüllt. Dann kam ein Pferd, darauf saß eine stattliche Dame, die sehr lebhaft nach allen Seiten blickte und sich eifrig mit dem jungen Führer unterhielt, der an ihrer Seite ging. Dann kam ein leerer Rollstuhl, von einem andern jungen Burschen geschoben, denn die Kranke, die hineingehörte, wurde den steilen Berg hinauf auf dem Tragsessel sicherer transportiert. Zuletzt kam ein Träger, der hatte auf seinem Traggestell so viele Decken, Tücher und Pelze übereinander gehäuft, dass sie oben noch hoch über seinen Kopf hinausragten.

"Sie sind's! Sie sind's!" schrie Heidi und hüpfte hoch auf vor Freude. Sie waren es wirklich. Nun kamen sie näher und näher, und nun waren sie da. Die Träger setzten ihren Sessel auf die Erde, Heidi sprang herzu, und die beiden Kinder begrüßten sich mit ungeheurer Freude. Jetzt war auch die Großmama oben und stieg von ihrem Pferde herunter. Heidi rannte zu ihr hin und wurde mit großer Zärtlichkeit begrüßt. Dann wandte sich die Großmama zum Almöhi um, der heran gekommen war, um sie zu begrüßen. Da war gar keine Fremdheit in der Begrüßung, denn sie kannte ihn und er sie so gut, als hätten sie schon lange Zeit miteinander verkehrt.

Gleich nach den ersten Worten der Begrüßung sagte auch die Großmama mit großer Lebhaftigkeit: "Mein lieber Öhi, was haben Sie für einen Herrensitz! Wer hätte das gedacht! Mancher König könnte Sie darum beneiden! Wie sieht auch meine Heidi aus! Wie ein Monatsröschen!" fuhr sie fort, während sie das Kind an sich zog und ihm die frischen Wangen streichelte. "Wie das so herrlich hier oben! Was sagst du, Klärchen, mein Kind, was sagst du!"

Klara schaute sich völlig begeistert um. So etwas hatte sie ja in ihrem ganzen Leben bisher nicht kennen gelernt und nicht geahnt.

"Oh, wie schön ist's da! Oh, wie schön ist's da!" rief sie ein ums andere mal aus. "So hab ich mir's nicht gedacht. Oh‚ Großmama, hier möcht ich bleiben!"

Der Öhi hatte derweilen den Rollstuhl herbei geschoben und einige der Tücher vom Traggestell heruntergenommen und hineingelegt. Jetzt trat er an den Tragsessel heran.

"Wenn wir Klara nun in den gewohnten Stuhl setzten, sitzt sie sicher besser, der Reisesessel ist ein wenig hart", sagte er, wartete aber nicht darauf, ob da jemand Hand anlegen werde, sondern hob sofort die kranke Klara mit seinen starken Armen sachte aus dem Strohsessel und setzte sie mit der größten Sorgfalt auf den weichen Sitz. Dann legte er die Tücher über die Knie zurecht und bettete ihr die Füße so bequem auf die Polster, als hätte der Öhi sein Leben lang nichts anderes getan, als Menschen mit kranken Gliedern gepflegt. Die Großmama hatte dabei mit größtem Erstaunen zugeschaut.

"Mein lieber Öhi", rief sie jetzt aus, "wenn ich wüsste, wo Sie die Krankenpflege erlernt haben, noch heute schickte ich alle Pflegerinnen, die ich kenne, dahin, dass sie dasselbe tun. Wie ist denn so etwas möglich?"

Der Öhi lächelte ein wenig. "Es kommt mehr vom Probieren als vom Studieren", entgegnete er, aber auf seinem Gesichte lag trotz des Lächelns ein Zug der Traurigkeit. Er erinnerte sich an seinen Hauptmann, den er, nachdem dieser im Krieg auf Sizilien schwer verletzt worden war, gepflegt hatte. Der Hauptmann wollte nur von ihm gepflegt werden und so hatte der Großvater alles erlernt. Jetzt war es für ihn selbstverständlich, Klara entsprechend zu betreuen und zu helfen.

Der Himmel spannte sich dunkelblau und wolkenlos über der Hütte und über den Tannen und weit über die hohen Felsen, die grau schimmernd in den Himmel ragten. Klara konnte sich gar nicht genug umschauen, sie war ganz begeistert über alles, was sie sah.

"O Heidi, wenn ich nur mit dir herumgehen könnte, hier rund um die Hütte und unter die Tannen!" rief sie sehnsüchtig aus. "Wenn ich doch alles mit dir ansehen könnte, was ich schon so lange kenne und doch noch nie gesehen habe!"

Heidi gab sich große Mühe, und es gelang, der Stuhl rollte ganz schön über den trockenen Grasboden hin bis unter die Tannen. Hier wurde angehalten. So etwas hatte Klara noch nie in ihrem Leben gesehen; sie kannte die hohen, alten Tannen, deren lange, breite Äste bis auf den Boden herab wuchsen und immer größer und dicker wurden nur aus Erzählungen.

Auch die Großmama, die den Kindern gefolgt war, stand bewundernd da. Sie wusste nicht, was das schönste an den uralten Bäumen war, ob die vollen, rauschenden Wipfel hoch oben im Blau oder die geraden, festen Säulenstämme, die mit ihren gewaltigen Ästen von so vielen, vielen Jahren erzählten, die sie schon da oben gestanden und auf das Tal nieder geschaut hatten, wo die Menschen kamen und gingen und immer wieder alles anders wurde, und sie waren immer dieselben geblieben.

Unterdessen hatte Heidi den Rollstuhl vor den Ziegenstall geschoben und hatte die kleine Stalltür weit aufgerissen, damit Klara auch alles gut sehen könne. Da war nun freilich für diesmal nicht sehr viel zu sehen, da die Bewohner nicht daheim waren. Mit großem Bedauern rief Klara zurück:

"O Großmama, wenn ich doch nur Schwänli und Bärli noch erwarten könnte und alle die anderen Ziegen und den Peter! Die kann ich ja alle gar nicht sehen, wenn wir dann immer so früh fort müssen, wie du gesagt hast; das ist so schade!"

"Liebes Kind, jetzt erfreuen wir uns an all dem Schönen, das da ist, und denken nicht daran, was noch fehlen könnte", meinte die Großmama, als sie dem Stuhl folge, der nun wieder weiter geschoben wurde.

"Oh, die Blumen!" schrie Klara wieder auf. "Ganze Büsche so feine, rote Blümchen und alle die nickenden Blauglöckchen! Oh, wenn ich doch heraus könnte und sie holen!"

Heidi rannte augenblicklich hin und brachte einen großen Strauß zurück.

"Aber das ist noch gar nichts, Klara", sagte Heidi, während sie die Blumen auf ihren Schoß legte. "Wenn du einmal mit uns auf die Weide hinaufkommst, dann wirst du erst etwas sehen! Auf einem Platz zusammen so viele, viele Büsche von dem roten Tausendgüldenkraut und noch viel, viel mehr blaue Glockenblümchen als hier und so viele tausend von den hellen, gelben Weideröschen, dass es aussieht wie lauter Gold, das am Boden glänzt. Und dann gibt es noch die mit den großen Blättern, der Großvater sagt, sie heißen Sonnenaugen, und dann gibt es noch die braunen, weißt du, mit den runden Köpfchen, die riechen so gut, und da ist es so schön! Wenn man da sitzt, dann kann man gar nicht mehr aufstehen, so schön ist es!"

Heidis Augen funkelten vor Verlangen wieder zu sehen, was sie beschrieb, und Klara wurde von Heidis Begeisterung angesteckt, und ihre sanften blauen Augen leuchteten.

"O Großmama, kann ich wohl dahin kommen? Glaubst du, ich kann so hoch hinauf?" fragte sie sehnsüchtig. "Oh, wenn ich nur gehen könnte, Heidi, und so mit dir auf der Alp herum steigen, überallhin!"

"Ich will dich schon schieben", beruhigte sie Heidi und nahm nun zum Zeichen, wie leicht das gehe, einen solchen Anlauf um die Ecke herum, dass der Stuhl fast den Berg hinunter geflogen wäre. Da stand aber der Großvater in der Nähe und hielt ihn eben noch rechtzeitig fest.

Während der Besuch unter den Tannen stattgefunden hatte, war der Großvater nicht untätig gewesen. Bei der Bank vor der Hütte stand jetzt der Tisch und die nötigen Stühle, und alles lag schon bereit, damit hier das Mittagessen l eingenommen werden konnte, das noch in der Hütte drinnen im Kessel dampfte und an der großen Gabel über dem Feuer schmorte. Es dauerte aber gar nicht lange, da hatte der Großvater alles auf den Tisch gestellt, und fröhlich saß nun die ganze Gesellschaft beim Essen.

Die Großmama war ganz begeistert von diesem Speisesaal, von dem aus man weit, weit hinab ins Tal und über alle Berge weg in den blauen Himmel hinein schauen konnte. Ein milder Wind brachte den Tischgenossen angenehme Kühlung und säuselte drüben in den Tannen so, als wäre er eine eigens zum Feste bestellte Tafelmusik.

"So etwas habe ich noch nie gesehen; es ist so schön hier" rief die Großmama wieder und wieder aus. "Aber was sehe ich", setzte sie jetzt höchst erstaunt hinzu, "ich glaube fast, du bist an einem zweiten Stück Käsebraten angekommen, Klärchen?"

Wirklich lag das zweite golden glänzende Stück auf Klaras Brotschnitte.

"Oh, das schmeckt so gut, Großmama, besser als alles, was es in Ragaz gegeben hat", versicherte Klara und bis mit großem Appetit in die würzige Speise hinein.

"Nur zu! Nur zu!" sagte der Almöhi mit großem Gefallen. "Das ist unser Bergwind, der hilft nach, wo die Küche zurückbleibt."

So nahm das fröhliche Mahl seinen Verlauf. Die Großmama und der Almöhi verstanden sich ausnehmend gut, und ihr Gespräch war immer lebhafter geworden. Sie stimmten in allerhand Meinungen über Menschen und Dinge und den Verlauf der Welt so gut überein, dass es war, als seien die beiden schon jahrelang befreundet. So verstrich die Zeit, und auf einmal schaute die Großmama gegen Abend hin auf ihre Uhr und sagte:

"Wir müssen bald los, Klärchen, die Sonne ist schon weit vorgerückt; die Leute müssen bald wiederkommen mit Pferd und Sessel."

Aber auf das eben noch so fröhliche Gesicht von Klara kam ein ganz trauriger Ausdruck, und sie bat eindringlich: "Oh, nur noch eine Stunde, Großmama, oder zwei! Wir haben ja die Hütte noch gar nicht gesehen und Heidis Bett und die ganze Einrichtung. Oh, wenn der Tag nur noch zehn Stunden hätte!"

"Das ist nun nicht gut möglich", meinte die Großmama, aber die Hütte wollte sie auch gern noch ansehen. Man stand also gleich vom Tisch auf, und der Öhi lenkte den Stuhl mit fester Hand zur Türe. Aber hier ging es nicht weiter, der Stuhl war viel zu breit, um durch die Öffnung hindurch zu passen. Der Öhi besann sich nicht lange. Er hob Klara heraus und trug sie auf seinem sicheren Arm in die Hütte hinein.

Hier lief die Großmama hin und her und besah sich genau die ganze Einrichtung und hatte ihren großen Spaß an der ganzen Häuslichkeit, die so hübsch aufgeräumt und wohlgeordnet aussah. "Das ist ja wohl dein Bett dort auf der Höhe, Heidi, nicht wahr?" fragte sie jetzt und stieg gleich unerschrocken die kleine Leiter hinauf zum Heuboden. "Oh, wie das gut riecht, das muss ein gesundes Schlafzimmer sein!" Und die Großmama ging zu dem Loche hin und guckte durch, und schon stieg auch der Großvater mit Klara auf dem Arm nach oben gefolgt von Heidi.,

Jetzt standen sie alle um das schön aufgebaute Heubett von Heidi herum, und die Großmama schaut ganz in Gedanken versunken darauf und zog von Zeit zu Zeit in langen Atemzügen den würzigen Duft des frischen Heues mit Behagen ein. Klara war von Heidis Bett völlig hingerissen.

"O Heidi, wie lustig hast du's doch! Vom Bett aus siehst du gerade in den Himmel hinein und hast einen so schönen Geruch um dich und hörst draußen die Tannen rauschen. Oh, so lustig und kurzweilig hab ich noch gar kein Schlafzimmer gesehen!"

Der Öhi schaute jetzt zu der Großmama hinüber.

"Ich hätte so eine Idee", sagte er, "wenn die Frau Großmama einverstanden ist und nichts dagegen hat Ich meine, wenn wir Klara ein wenig hier oben behielten, so könnte sie zu neuen Kräften kommen. Es sind da so allerhand Tücher und Decken mitgekommen, aus denen bereiten wir hier ein ganz besonders weiches Bett, und um die Pflege von Klara muss die Frau Großmama auch keine Sorge haben, die übernehme ich."

Klara und Heidi jauchzten miteinander auf wie zwei freigelassene Vögel, und die Großmutter strahlte über das ganze Gesicht.

"Mein lieber Öhi, Sie sind ein prächtiger Mann!" rief sie aus. "Was meinen Sie, worüber ich gerade nachdachte? Ich sagte im Stillen: Müsste nicht ein Aufenthalt hier oben das Kind ganz besonders stärken? Aber die Pflege! Die Sorge! Die Unbequemlichkeit für den Wirt! Und Sie kommen und sprechen es aus, so als wäre da gar nichts dabei. Ich muss Ihnen danken, mein lieber Öhi, ich muss Ihnen von ganzem Herzen danken!" Und die Großmama schüttelte dem Öhi die Hand ein ums andere Mal und immer wieder, und der Öhi schüttelte auch die ihrige mit einem ganz erfreuten Gesichtsausdruck.

Sofort ging der Öhi zur Tat über. Er trug Klara in ihren Sessel vor die Hütte zurück, von Heidi gefolgt, die nicht wusste, wo sie sich vor Freude lassen sollte. Dann lud er gleich die sämtlichen Tücher und Pelzdecken auf seine Arme und sagte wohlgefällig lächelnd: "Es ist gut, dass die Frau Großmama alles wie für einem Winterfeldzug vorbereitet hat: Das können wir brauchen."

"Mein lieber Öhi", antwortete die Großmama lebhaft, "Vorsicht ist eine schöne Tugend und schützt vor manchen Unannehmlichkeiten. Wenn man auf den Reisen in die Berge ohne Sturm und Wind und Wolkenbrüche davonkommt, so kann man nur danken, und das wollen wir tun, und alles was ich zum Schutz eingepackt habe ist auch so noch gut zu gebrauchen; darin sind wir einig."

Während dieses kleinen Gespräches waren die beiden zum Heuboden hinaufgestiegen und begannen nun die Tücher über das Bett hinzubreiten, eins nach dem andern. Es gab davon so viele, dass das Bett zuletzt aussah wie eine kleine Festung.

"Jetzt soll mir noch ein einziger Heuhalm durchstechen, wenn er kann", sagte die Großmama, während sie noch einmal mit der Hand auf allen Seiten drückte, aber die weiche Mauer war so undurchdringlich, dass wirklich keiner mehr durchstach. Nun stieg sie befriedigt die Leiter hinunter und trat zu den Kindern heraus, die mit strahlenden Gesichtern nahe zusammen saßen und ausmachten, was sie nun tun wollten vom Morgen bis zum Abend, solange Klara auf der Alp bleiben durfte. Aber wie lange würde das sein? Das war nun die große Frage, welche augenblicklich der Großmama vorgelegt wurde. Die sagte, das wisse der Großvater am besten, ihn müssten sie fragen, und als dieser dazu kam und nun die Frage an ihn gerichtet wurde, meinte er, vier Wochen seien gerade recht, um beurteilen zu können, ob die Alpluft Klara gut tue oder nicht. Jetzt jubelten die Kinder erst recht auf, denn die Aussicht so lange bei einander bleiben zu dürfen, übertraf alle ihre Erwartungen.

Nun sah man von unten herauf wieder die Sesselträger und den Pferdeführer mit seinem Tier heranrücken. Die ersteren konnten gleich wieder umkehren.

Als die Großmama sich anschickte, ihr Pferd zu besteigen, rief Klara fröhlich aus: "O' Großmama, das ist kein wirklicher Abschied, wenn du jetzt fort reitest, denn nun kommst du von Zeit zu Zeit zu uns zum Besuch auf die Alp, um zu sehen, was wir machen, und das ist dann so lustig, nicht, Heidi?"

Heidi, die heute von einem Vergnügen ins andere fiel, konnte ihre zustimmende Antwort nur durch einen hohen Freudensprung ausdrücken.

Nun stieg die Großmama in den Sattel und der Öhi ergriff den Zügel und führte das Pferd mit sicherer Hand den steilen Berg hinunter. So sehr auch die Großmama beteuerte, er brauche doch nicht so weit mit zu gehen, es half nichts: Der Öhi erklärte, er werde sie bis zum Dörfli hinunter begleiten, da die Alp so steil und der Ritt nicht ohne Gefahr sei.

In dem einsamen Dörfli wollte die Großmama, da sie ja nun allein war, nicht bleiben. Sie wollte nach Ragaz zurückkehren und von dort aus dann von Zeit zu Zeit ihre Alpenreise wiederholen.

Noch bevor der Öhi wieder zurückgekehrt war, kam Peter mit seinen Ziegen daher gerannt. Als diese merkten, wo Heidi war, liefen sie alle zu ihr hin. Sofort war Klara in ihrem Stuhle zusammen mit Heidi mitten in dem Rudel drinnen, und drängend und stoßend guckte immer eine der Ziegen über die andere her, und jede wurde gleich von Heidi Klara vorgestellt.

So kam es, dass diese in der kürzesten Zeit die lang erwünschte Bekanntschaft mit dem kleinen Schneehöppli, dem lustigen Distelfink, den sauberen Ziegen des Großvaters, mit allen, bis hinauf zum großen Türk gemacht hatte. Peter aber stand derweilen abseits und warf seltsam drohende Blicke auf die vergnügte Klara.

Als nun die Kinder beide freundlich zu ihm hinüberriefen: "Gute Nacht, Peter!", gab er keine Antwort, sondern hieb mit seiner Rute so grimmig in die Luft, als wollte er diese völlig entzweischlagen. Dann lief er davon und sein Gefolge hinter ihm her.

Zu allem Schönen, das Klara heute auf der Alp schon gesehen hatte, kam nun noch der Schluss.

Als sie oben auf dem Heuboden auf dem großen, weichen Bett lag, zu dem nun auch Heidi empor kletterte, da schaute sie durch das offene runde Loch gerade mitten in die schimmernden Sterne hinein, und voller Entzücken rief sie aus:

"O Heidi, sieh, es ist gerade, wie wenn wir auf einem hohen Wagen in den Himmel hineinfahren würden!"

"Ja, und weißt du, warum die Sterne so voller Freude sind und uns so mit den Augen winken?" fragte Heidi.

"Nein, das weiß ich nicht; was meinst du denn?" fragte Klara zurück.

"Weil sie oben im Himmel sehen, wie der liebe Gott alles so gut einrichtet für die Menschen, dass sie gar keine Angst haben müssen und ganz sicher sein können, weil alles so kommt, wie es gut für sie ist. Das freut sie so; sieh, wie sie winken, dass wir auch so fröhlich sein sollen! Aber weißt du, Klara, wir dürfen auch nicht vergessen zu beten, wir müssen den lieben Gott bitten, dass er auch an uns denke, wenn er alles so schön einrichtet, dass wir auch immer so sicher sein können und uns vor gar nichts fürchten müssen."

Jetzt richteten sich die Kinder noch einmal auf und sagten jeder sein Nachtgebet. Dann legte sich Heidi auf ihren Arm und schlief augenblicklich ein. Aber Klara blieb noch lange wach, denn etwas so Wunderbares wie diese Schlafstätte im Sternenschein hatte sie in ihrem Leben noch nicht gesehen.

Sie hatte ja überhaupt kaum je die Sterne gesehen, denn außerhalb vom Hause war sie nachts noch nie gewesen, und drinnen wurden die dichten Vorhänge längst niedergelassen, bevor die Sterne kamen. Wenn sie nun jetzt die Augen zumachen wollte, musste sie sie gleich noch einmal aufschlagen, um zu sehen, ob denn die beiden großen, hellen Sterne immer noch hereinfunkelten und so merkwürdig winkten, wie Heidi gesagt hatte. Und immer noch war es so, und Klara konnte nicht genug davon bekommen, in das Flimmern und Leuchten hineinzuschauen, bis endlich ihre Augen von selbst zufielen und sie nur im Traume noch die zwei großen, schimmernden Sterne sah.

Wie es auf der Alp weitergeht

Eben war die Sonne über den Bergen aufgegangen und schien nun mit ihren goldenen Strahlen über die Hütte und über das Tal. Der Almöhi hatte, wie er es jeden Morgen tat, still und andächtig zugeschaut, wie sich ringsum auf den Höhen und im Tal die leichten Nebel lichteten und das Land aus dem Dämmerschatten herausschaute und zum neuen Tag erwachte.

Heller und heller wurden oben die dünnen Morgenwolken, bis jetzt die Sonne völlig heraustrat und Fels und Wald und Hügel in goldenes Lichte tauchte.

Jetzt trat der Öhi in seine Hütte zurück und ging leise die kleine Leiter hinauf. Klara hatte eben die Augen aufgeschlagen und schaute ganz verwundert auf die hellen Sonnenstrahlen, die durch das runde Loch hereinfielen und auf ihrem Bette tanzten und blitzten. Sie wusste gar nicht, was sie sah und wo sie war. Doch jetzt erblickte sie die schlafende Heidi an ihrer Seite, und nun ertönte auch die freundliche Stimme des Großvaters: "Gut geschlafen? Nicht müde?" Klara versicherte, sie sei nicht müde, und, einmal eingeschlafen, sei sie auch die ganze Nacht nicht mehr erwacht. Das gefiel dem Großvater, und nun fing er gleich an und versorgte Klara so gut und so verständnisvoll, als wäre es sein Beruf, kranke Kinder zu versorgen und es ihnen bequem zu machen.

Heidi hatte jetzt auch ihre Augen aufgeschlagen und sah mit Erstaunen, wie der Großvater die schon fertig angezogene Klara auf den Arm nahm und fort trug. Da musste Heidi doch dabei sein. Blitzschnell zog sie sich an. Dann ging's die Leiter hinunter, und nun war auch Heidi aus der Tür und stand draußen, und beobachtete verwundert, was der Großvater tat.

Er hatte am Abend vorher, als die Kinder schon oben auf ihrem Lager angekommen waren, überlegt, wo der breite Rollstuhl unter Dach gebracht werden könnte. Die Tür der Hütte war ja viel zu schmal, hier konnte er nie hereingefahren werden. Da war ihm ein Gedanke gekommen. Er machte hinten am Schuppen zwei große Holzlatten los, so dass da eine breite Öffnung entstand. Der Stuhl wurde hinein geschoben und die hohen Bretter wieder an ihre Stelle gebracht, wenn auch nicht festgemacht. Heidi kam eben an, nachdem der Großvater Klara drinnen in ihren Stuhl gesetzt, dann die Bretter weggenommen hatte und nun mit ihr aus dem Schuppen in den Morgensonnenschein herausgefahren kam. Mitten auf dem Platz ließ er den Stuhl stehen und ging zum Ziegenstall. Heidi sprang an Klaras Seite.

Der frische Morgenwind wehte um die Gesichter der Kinder, und ein würziger Tannenduft kam mit jedem neuen Windstoß herüber und durchströmte die sonnige Morgenluft. Klara atmete tief durch und fühlte sich so wohl wie noch nie.

Noch nie in ihrem Leben hatte sie ja auch frische Morgenluft draußen in der freien Natur eingeatmet, und nun wehte die reine Alpenluft um sie so kühl und erfrischend, dass jeder Atemzug ein Genuss war. Dazu der helle Sonnenschein, der hier oben gar nicht heiß war und so angenehm warm auf ihren Händen und Füßen lag. Dass es so auf der Alp sein könnte hatte sich Klara nicht vorstellen können.

"O Heidi, wenn ich nur immer, immer hier oben bei dir bleiben könnte!" sagte sie jetzt, und bewegte sich in ihrem Rollstuhl hin und her, damit von allen Seiten Luft und Sonne an ihren Körper herkommen konnte

"Jetzt siehst du, dass es so ist, wie ich dir gesagt habe", entgegnete Heidi erfreut, "dass es beim Großvater auf der Alm am schönsten auf der ganzen Welt ist." Eben trat dieser aus dem Stalle heraus und kam zu den Kindern. Er brachte zwei Schüsselchen voll schäumender, schneeweißer Milch und reichte eins Klara, das andere Heidi.

"Das wird dir gut tun, Klara", sagte er, Klara zunickend. "Sie ist vom Schwänli, die gibt Kraft. Zum Wohl! Nur zu!" Klara hatte noch nie Milch von einer Ziege getrunken, daher roch sie zuerst zur Sicherheit ein wenig daran. Als sie nun aber sah, mit welcher Begier Heidi ihre Milch trank, ohne ein einziges Mal abzusetzen - so phantastisch gut schmeckte sie ihr -, da setzte Klara auch an und trank und trank, und wahrhaftig, sie war so süß und kräftig, als wäre Zucker und Zimt darin, und Klara trank, bis nichts mehr im Schüsselchen war.

"Morgen nehmen wir zwei", sagte der Großvater, der zufrieden zugesehen hatte, wie Klara Heidis Beispiel gefolgt war.

Jetzt kam Peter mit seiner Schar, und während Heidi durch die stürmischen Morgenbegrüßungen gleich mitten in die Herde hineingedrängt wurde, nahm der Öhi den Peter ein wenig auf die Seite, damit dieser verstehen könne, was er ihm zu sagen hatte, denn die Ziegen meckerten immer, eine lauter als die andere, vor lauter Freude und Freundschaftsbezeugungen, sobald sie Heidi in ihrer Mitte hatten.

"Jetzt hör zu und pass auf", sagte der Öhi. "Von heut an lässt du dem Schwänli seinen Willen. Es spürt, wo die kräftigsten Kräuter sind; also wenn es hinauf will, so gehst du nach, den anderen tut's ja auch gut, und wenn es höher will, als du sonst mit ihnen gehst, so gehst du mit und hältst es nicht zurück, hörst du! Wenn du auch ein wenig klettern musst, macht nichts, du gehst, wohin es will, denn in dieser Sache ist es vernünftiger als du, und es muss nur noch vom Besten bekommen, damit es eine Prachtmilch gibt. Warum guckst du dort hinüber, als wenn Du jemanden fressen wolltest? Es wird dir niemand im Wege sein. So, jetzt vorwärts, und denk daran!"

Der Peter war gewohnt, dem Öhi aufs Wort zu gehorchen. Er trat gleich seinen Marsch an; man konnte aber sehen, dass ihn noch etwas beschäftigte, denn er drehte immer den Kopf um und rollte mit den Augen. Die Ziegen folgten und drängten Heidi noch eine Strecke mit vorwärts. Das war dem Peter eben recht. "Du musst mit", rief er jetzt drohend in die Ziegenherde hinein, "du musst mit, wenn man dem Schwänli nach muss."

"Nein, ich kann nicht", rief Heidi zurück, "und ich kann jetzt lange, lange nicht mitkommen, solange die Klara bei mir ist. Aber einmal kommen wir dann miteinander hinauf, der Großvater hat es uns versprochen."

Bei diesen Worten hatte Heidi sich aus der Ziegenherde herausgewunden und lief nun zu Klara zurück. Jetzt machte Peter mit beiden Fäusten eine so drohende Gebärde in Richtung Rollstuhl, dass die Ziegen auf die Seite sprangen. Er rannte aber auf der Stelle nach und ohne Aufenthalt eine ganze Strecke weit hinauf, bis er außer Sicht war, denn er dachte, der Öhi könnte ihn vielleicht gesehen haben, und er wollte lieber nicht wissen, was für einen Eindruck das "Fausten" beim Großvater gemacht hatte.

Klara und Heidi hatten für heute so viel im Sinn, dass sie gar nicht wussten, wo anfangen. Heidi schlug vor, zuerst den Brief an die Großmama zu schreiben, denn sie hatten ja für jeden Tag einen Brief versprochen. Die Großmama war doch nicht so ganz sicher gewesen, ob es Klara auf Dauer gefallen würde und ob es ihrer Gesundheit gut tun würde, und so hatte sie den Kindern das Versprechen abgenommen, ihr jeden Tag einen Brief zu schreiben und alles zu erzählen, was sie erlebten. So konnte die Großmama sofort reagieren, wenn sie auf der Alp benötigt werden sollte, und bis dahin ruhig unten bleiben.

"Müssen wir in die Hütte hinein zum Schreiben?" fragte Klara, die zwar dafür war, der Großmama Bericht zu geben; aber draußen ging es ihr so gut, dass sie gar nicht weg mochte.

Aber Heidi wusste sich zu helfen. Augenblicklich rannte sie in die Hütte hinein und kam mit ihren sämtlichen Schulsachen und dem niedrigen Dreibeinstühlchen beladen wieder zurück. Nun legte Heidi ihr Lesebuch und ihr Schreibheft Klara auf den Schoß, sodass sie darauf schreiben konnte, und sie selbst setzte sich neben die Bank auf ihr Stühlchen, und nun begannen sie beide der Großmama zu erzählen.

Aber nach jedem Satze, den Klara geschrieben hatte, legte sie ihren Bleistift wieder hin und schaute um sich. Es war gar zu schön. Der Wind war nicht mehr so kühl; nur ganz sacht wehte er um ihr Gesicht, und drüben in den Tannen flüsterte er leise. In der klaren Luft tanzten und summten die kleinen, fröhlichen Mücken, und es lag eine große Stille über der ganzen sonnigen Gegend. Majestätisch ragten die hohen Felsen auf, und das ganze weite Tal lag wie im stillen Frieden. Nur dann und wann schallte das frohe Jauchzen eines Hirtenjungen durch die Luft, und leise gab das Echo die Töne in den Felsen wieder.

Der Morgen war so schnell vorbei, dass die Kinder es kaum bemerkten und schon kam der Großvater mit der dampfenden Schüssel daher, denn er sagte, mit Klara bleibe man nun draußen, solang ein Lichtstrahl am Himmel sei. So wurde der Mittagstisch wie gestern vor der Hütte aufgestellt und das Essen mit Vergnügen eingenommen.

Dann rollte Heidi den Stuhl samt Klara unter die Tannen hinüber, denn die Kinder hatten ausgemacht, den Nachmittag wollten sie dort im Schatten sitzen und einander alles erzählen, was sich ereignet hatte, seit Heidi Frankfurt verlassen hatte. Wenn dort auch alles in gewohnten Bahnen weitergegangen war, so hatte Klara doch allerlei Besonderes zu berichten von den Menschen, die im Hause Sesemann lebten und die Heidi ja so gut bekannt waren.

So saßen die Kinder nebeneinander unter den alten Tannen, und je eifriger sie im Erzählen wurden, desto lauter pfiffen die Vögel oben in den Zweigen, denn das Geplauder da unten freute sie, und sie wollten auch mithalten. So flog die Zeit dahin, und unversehens war es Abend geworden, und schon kam die Ziegenschar heruntergestürmt, der Anführer hintendrein mit Stirnrunzeln und grimmiger Miene.

"Gute Nacht, Peter!" rief ihm Heidi zu, als sie sah, dass er nicht stehen bleiben wollte.

"Gute Nacht, Peter!" rief auch Klara freundlich hinüber.

Er gab keinen Gruß zurück und jagte schnaubend die Ziegen weiter.

Als Klara jetzt sah, wie der Großvater das Schwänli zum Melken zum Stalle führte, da bekam sie auf einmal ein solche Lust auf die würzige Milch, dass sie es fast nicht erwarten konnte, bis der Großvater damit kommen würde. Sie wunderte sich selbst darüber.

"Das ist ja komisch, Heidi", sagte sie. "Solange ich denken kann, habe ich nur gegessen, weil ich musste, und alles, was ich bekam, schmeckte nach Fischtran, und tausendmal habe ich gedacht: Wenn man nur nie essen müsste! Und jetzt kann ich es fast nicht erwarten, bis der Großvater mit der Milch kommt."

"Ja, ich weiß schon, was das ist", entgegnete Heidi ganz verständnisvoll, denn sie dachte an die Tage in Frankfurt, als ihr alles im Halse stecken blieb und nicht hinunter wollte. Klara verstand das damals nicht. Sie hatte aber, solange sie lebte, noch nie einen Tag lang in der freien Luft gesessen wie heute, und schon gar nicht in dieser Höhe in belebender Bergluft.

Als der Großvater mit seinen Schüsselchen kam, griff Klara schnell danach, und in durstigen Zügen trank sie und war diesmal noch vor Heidi fertig.

"Darf ich noch ein wenig haben?" fragte sie, dem Großvater das Schüsselchen hinhaltend.

Er nickte zustimmend, nahm auch Heidis Gefäß wieder in Empfang und ging zur Hütte zurück. Als er wiederkam, brachte er auf jedem Schüsselchen einen hohen Deckel mit, der war aber von anderem Stoff, als die Deckel gewöhnlich sind.

Der Großvater war am Nachmittag in das Nachbardorf, das grüne Maiensäß hinüber gegangen, zu der Sennhütte, wo die süße, hellgelbe Butter gemacht wird. Von dort hatte er einen schönen runden Ballen mitgebracht. Jetzt hatte er zwei dicke Schnitten Brot genommen und die süße Butter schön dick darauf gestrichen. Diese sollten nun die Kinder zu ihrem Nachtessen haben. Gleich bissen beide herzhaft in die appetitlichen Schnitten hinein, so dass der Großvater stehen blieb und zuschaute, wie das weitergehen würde, denn das gefiel ihm.

Als Klara nachher auf ihrem Lager wieder nach den schimmernden Sternen schauen wollte, ging es ihr wie Heidi an ihrer Seite: Die Augen fielen ihr auf der Stelle zu, und sie schlief so tief und fest, wie sie es noch nie erlebt hatte

In dieser erfreulichen Weise verging auch der folgende Tag und dann noch einer, und dann folgte eine große Überraschung für die Kinder. Es kamen zwei kräftige Träger den Berg heraufgestiegen; jeder trug auf seinem Traggestell ein hohes Bett, mitsamt allem Bettzeug, beide ganz gleich bedeckt mit einer weißen Decke, sauber und nagelneu. Auch hatten die Männer einen Brief von der Großmama abzugeben. Darin stand, dass diese Betten für Klara und Heidi seien, dass das Heu- und Deckenlager nun aufgehoben werden solle und dass von nun an Heidi immer in einem richtigen Bette schlafen müsse, denn im Winter solle das eine der beiden ins Dorf heruntergeschafft werden, das andere aber oben bleiben, damit Klara es immer vorfinde, wenn sie wiederkomme. Dann lobte die Großmama die Kinder wegen ihrer langen Briefe und bat sie, täglich so weiter zu machen, damit sie immer alles miterleben könne, so als ob sie bei ihnen wäre.

Der Großvater war hineingegangen, hatte den Inhalt von Heidis Lager auf den großen Heuhaufen geworfen und die Decken weggelegt. Nun kam er wieder, um mit Hilfe der Männer die beiden Betten dort hinauf zu transportieren. Dann rückte er sie dicht nebeneinander, damit von beiden Kopfkissen aus die Aussicht durch das Loch dieselbe bliebe, denn er kannte die Freude der Kinder an dem Morgen- und Abendschein, der da in die Kammer herein schien.

Unterdessen saß die Großmama unten in Bad Ragaz und war hocherfreut über die guten Nachrichten, die täglich von der Alp zu ihr heruntergelangten.

Die Begeisterung über ihr neues Leben steigerte sich bei Klara noch von Tag zu Tag, und sie konnte gar nicht genug davon erzählen, wie nett der Großvater war und wie vorbildlich er sie pflegte und wie lustig und kurzweilig Heidi sei, noch viel mehr als in Frankfurt, und wie sie jeden Morgen beim Erwachen immer zuerst denke: O gottlob; ich bin noch auf der Alp!

Über diese ausnehmend erfreulichen Berichte war die Großmama jeden Tag aufs Neue froh. Sie fand auch, da alles so gut ging, so könne sie ihren Besuch auf der Alp wohl noch ein wenig verschieben, was ihr nicht unlieb war, denn der Ritt den steilen Berg hinauf und wieder herunter war doch etwas anstrengend gewesen.

Großvater beschäftigte Klaras Schicksal anscheinend ganz besonders, denn es verging kein Tag, an welchem er nicht irgendetwas Neues zu Klaras Kräftigung ausdachte. Er stieg jetzt jeden Nachmittag weit in die Felsen hinauf, immer höher, und jedes mal brachte er ein Bündelchen mit zurück, das duftete schon von weitem wie würzige Nelken und Thymian, und kehrten die Ziegen am Abend heim, so fingen sie alle zu meckern und zu springen an und wollten alle miteinander in den Stall hinein, wo das Bündelchen lag, denn sie kannten den Geruch. Aber der Öhi hatte die Tür gut zugemacht, denn er kletterte den seltenen Kräutern nicht nach, hoch an die Felsen hinauf, damit die Ziegen ohne Mühe zu einer guten Mahlzeit kämen. Die Kräuter waren alle nur für das Schwänli bestimmt, damit es immer noch kräftigere Milch gebe. Man konnte auch gut beobachten, dass ihm die besondere Pflege sehr gut tat, denn es wurde immer kräftiger und lebendiger.

So war nun schon die dritte Woche gekommen, seit Klara auf der Alp war. Seit einigen Tagen hatte der Großvater des Morgens, wenn er sie herunter trug, um sie in ihren Stuhl zu setzen, jedes mal gesagt: "Klara, willst du nicht einmal probieren, ein wenig auf dem Boden zu stehen?" Klara hatte dann wohl versucht, ihm den Gefallen zu tun, aber sie hatte immer gleich gesagt: "Oh, es tut zu weh!" und hatte sich an ihn festgeklammert; er ließ sie aber jeden Tag ein wenig länger probieren.

Einen so schönen Sommer hatte es auf der Alp seit Jahren nicht mehr gegeben. Jeden Tag schien die Sonne von einem wolkenlosen Himmel, und alle kleinen Blumen machten ihre Kelche weit auf und blühten und dufteten ganz herrlich. Am Abend leuchteten die Berge und das Schneefeld purpurrot und golden in der glänzenden Abendsonne.

Davon erzählte Heidi ihrer Freundin Klara immer wieder, denn nur oben auf der Weide konnte man das alles so richtig sehen. Von der Stelle oben am Abhange erzählte Heidi mit besonderer Begeisterung, davon dass dort jetzt die großen Scharen der glitzernden, goldenen Weideröschen stehen und Blauglöckchen so viele, dass man meine, dort sei das Gras blau geworden, und daneben ganze Büsche von den braunen Kolbenblümchen, die so gut riechen, dass man sich am liebsten einfach auf den Boden zwischen sie setzten würde und gar nicht mehr von dort fort wolle.

Während sie unter den Tannen saßen, hatte Heidi aufs Neue von den Blumen dort oben und der Abendsonne und den leuchtenden Felsen erzählt. Dabei bekam sie solche Lust wieder einmal dorthin zu kommen, dass sie mit einemmal aufsprang und davonrannte, zum Großvater, der im Schuppen auf seinem Schnitzstuhl saß.

"O Großvater", rief Heidi schon von weitem hinüber, "kommst du morgen mit uns auf die Weide? Oh, jetzt ist es so schön dort oben!"

"Es bleibt dabei", sagte der Großvater zustimmend, "aber dann muss mir Klara auch einen Gefallen tun: Sie muss heute Abend das Stehen noch einmal richtig probieren."

Frohlockend kam Heidi mit ihrer Nachricht zu Klara zurück, und diese versprach sooft das Stehen zu versuchen, wie der Großvater es wolle, denn sie freute sich riesig, diesen Ausflug zu der schönen Ziegenweide hinauf zu machen. Heidi war so voller Jubel, dass sie gleich dem Peter entgegen rief, sobald sie ihn am Abend beim Herunterkommen erblickte:

"Peter! Peter! Morgen kommen wir auch mit und bleiben den ganzen Tag dort oben."

Als Antwort brummte der Peter wie ein gereizter Bär und schlug mit Wut nach dem unschuldigen Distelfink, der neben ihm trabte. Aber der flinke Distelfink hatte die Bewegung zur rechten Zeit wahrgenommen. Er machte einen hohen Satz über das Schneehöppli weg, und der Hieb sauste nur in die Luft.

Klara und Heidi gingen heute voller Erwartungen in ihre zwei schönen Betten, und sie waren so mit ihren Plänen für morgen beschäftigt, dass sie beschlossen, die ganze Nacht wach zu bleiben und immerfort davon zu sprechen, bis sie wieder aufstehen durften. Kaum lagen sie aber in ihren weichen Kissen, so hörten die Gespräche plötzlich auf, und Klara sah im Traume ein großes, großes Feld vor sich, das war ganz himmelblau anzusehen, so dicht besät war es von lauter Glockenblumen; und Heidi hörte den Adler oben in den Höhen, wie er herunter schrie: "Kommt! Kommt! Kommt!"

Es geschieht, was keiner erwartet hat

Am andern Morgen trat der Großvater in aller Frühe aus der Hütte um zu sehen, wie der Tag wohl werden würde. Auf den hohen Bergspitzen lag ein rötlich-goldener Schein; ein frischer Wind wiegte die Äste der Tannen hin und her; die Sonne ging gerade auf.

Der Alte noch stand eine Weile und schaute andächtig zu, wie nach den hohen Berggipfeln die grünen Hügel golden zu schimmern begannen und wie dann aus dem Tale leise die dunkeln Schatten wichen und das Land in ein rosiges Licht getaucht wurden und nun Höhen und Tiefen im Morgengolde erglänzten; die Sonne war gekommen.

Jetzt holte der Öhi den Rollstuhl aus dem Schuppen heraus, stellte ihn vor die Hütte hin und ging dann hinein, um den Kindern zu sagen, wie schön der Morgen sei, und um sie herauszuholen.

Gerade zu diesem Zeitpunkt kam Peter herauf gestiegen. Seine Ziegen kamen nicht zutraulich wie gewohnt an seiner Seite und nahe vor und hinter ihm den Berg herauf; sie schossen scheu umher, dahin und dorthin, denn Peter hieb alle Augenblicke ohne jede Veranlassung um sich wie ein Wütender, und wo er traf, tat es nicht gut. Peter war unglaublich zornig und verbittert, denn seit Wochen hatte er Heidi nicht mehr für sich gehabt, so wie er's gewohnt war. Kam er am Morgen von unten herauf, so wurde schon immer das fremde Kind in seinem Stuhle heraus getragen, und Heidi gab sich mit ihm ab. Kam er am Abend von oben herunter, so stand der Rollstuhl samt seiner Besitzerin noch unter den Tannen, und Heidi machte sich mit ihr zu schaffen. Den ganzen Sommer war Heidi noch nicht zur Weide hinaufgekommen, und nun wollte sie heute kommen, aber mitsamt dem Stuhle und der Fremden darin. Sicherwürde sie sich die ganze Zeit nur mit dieser Klara abgeben. Das sah Peter voraus, und das hatte seinen inneren Zorn auf den höchsten Punkt gebracht. Jetzt sah er den Stuhl und schaute ihn an wie einen Feind, der ihm alles zuleide getan hatte und heute noch viel mehr tun wollte. Peter schaute um sich - alles war still, kein Mensch zu sehen. Wie ein Wilder stürzte er jetzt auf den Stuhl, packte ihn an und stieß ihn mit so erbitterter Gewalt auf den Bergabhang zu, dass der Stuhl förmlich davonflog und augenblicklich verschwunden war.

Jetzt rannte Peter die Alm hinauf, als hätte er selber Flügel bekommen, und er hielt kein einziges Mal an, bis er oben zu einem großen Brombeerstrauch gelangte, hinter dem er verschwinden konnte, denn er wollte nicht, dass der Öhi ihn erblickte. Er wollte aber doch gern sehen, was der Stuhl mache, und der Strauch auf dem Bergvorsprunge war gut gelegen. Peter konnte halb verborgen die Alm hinabschauen und, sollte der Großvater kommen, hurtig sich ganz verstecken. So tat er, und was sah er! Weit unten schon stürzte sein Feind dahin, von immer größerer Gewalt getrieben. Jetzt überschlug er sich, wieder und wieder, dann machte er einen hohen Satz, dann schlug es ihn wieder auf die Erde nieder, und sich überschlagend rollte er seinem Verderben entgegen.

Schon flogen da und dort die Stücke von ihm weg, Füße, Lehnen, Polsterfetzen, alles wurde hoch in die Luft geschleudert. Peter empfand eine so unbändige Freude bei diesem Anblick, dass er mit beiden Füßen zugleich in die Luft springen musste. Er lachte laut auf, er stampfte vor Wonne, er sprang in Sätzen im Kreise herum, er kam wieder an denselben Platz und guckte den Berg hinab. Ein neues Gelächter erklang, neue Luftsprünge; Peter war völlig außer sich vor Vergnügen über diesen Untergang seines Feindes, denn er sah lauter gute Dinge vor sich, die nun kommen würden.

Nach Peters Meinung musste die Fremde jetzt abreisen, denn sie hatte keine Möglichkeit mehr, sich zu bewegen. Heidi war wieder allein und kam mit ihm auf die Weide, und am Abend und Morgen war sie für ihn da, wenn er kam, und alles war wieder in der alten Ordnung. Aber Peter bedachte nicht, wie es geht, wenn man eine böse Tat begangen hat, und was dann nachher kommt.

Jetzt kam Heidi aus der Hütte gesprungen und rannte auf den Schuppen zu. Hinter ihr kam der Großvater mit Klara auf dem Arm. Die Schuppentür stand weit offen, die beiden Bretter daneben waren weggestellt, bis in den hintersten Winkel war es taghell. Heidi guckte hin und her, lief um die Ecke, kam wieder zurück und schaute sehr verwundert drein. Nun trat der Großvater heran.

"Was ist das? Hast du den Stuhl weggerollt, Heidi?" fragte er.

"Ich suche ihn ja selbst, Großvater, und du hast gesagt, er stehe neben der Schuppentür", sagte das Kind, immer noch nach allen Seiten mit den Augen herumsuchend.

Der Wind war unterdessen stärker geworden; eben klapperte er an der Schuppentür herum und warf sie auf einmal krachend gegen die Wand zurück.

"Großvater, der Wind hat's gemacht", rief Heidi, und ihre Augen blitzten auf bei der Entdeckung. "Oh, wenn er den Stuhl bis ins Dörfli hinabgejagt hätte, dann bekäme man ihn erst viel zu spät wieder, und wir könnten gar nicht gehen."

"Wenn er dort hinuntergerollt ist, so kommt er gar nicht mehr zurück, dann ist er in hundert Stücken", sagte der Großvater, um die Ecke tretend und den Berg hinabschauend. "Aber merkwürdig ist das Ganze schon", setzte er hinzu, während er auf das Stück zurücksah, das der Stuhl erst um die Ecke der Hütte herum zu machen hatte.

"Oh, wie schade, jetzt können wir heute gar nicht gehen und vielleicht überhaupt nicht", jammerte Klara. "Nun muss ich sicher heimgehen, wenn ich keinen Stuhl mehr habe. Oh, wie schade! Wie schade!"

Aber Heidi schaute ganz vertrauensvoll zu ihrem Großvater auf und sagte:

"Gelt, Großvater, du kannst schon etwas erfinden, dass es nicht so geht, wie die Klara meint, und dass sie nicht auf einmal heim muss?"

"Jetzt gehen wir für diesmal auf die Weide, wie wir uns vorgenommen haben; dann wollen wir sehen, was weiter kommt", sagte der Großvater. Die Kinder jubelten.

Er trat nun wieder in die Hütte zurück, holte einen guten Teil der Tücher heraus, legte sie auf den sonnigsten Platz an die Hütte hin und setzte Klara darauf. Dann holte er den Kindern ihre Morgenmilch und führte Schwänli und Bärli vor den Stall hinaus.

"Warum der nur so lange nicht von da unten heraufkommt", sagte der Öhi vor sich hin, denn Peters Morgenpfiff war ja noch gar nicht ertönt.

Jetzt nahm der Großvater Klara wieder auf den einen Arm, die Tücher auf den andern.

"So, nun vorwärts!" sagte er; "die Ziegen kommen mit uns."

Das war Heidi sehr recht. Einen Arm um Schwänlis und einen um Bärlis Hals gelegt, wanderte Heidi hinter dem Großvater her, und die Ziegen hatten solche Freude, einmal wieder mit Heidi loszuziehen, dass sie Heidi fast zwischen sich erdrückten vor lauter Zärtlichkeit.

Oben auf dem Weideplatze angelangt, sahen sie mit einemmal da und dort an den Abhängen die friedlich grasenden Ziegen in Gruppen stehen und mittendrin den Peter, der Länge nach auf dem Boden liegend.

"Ein andermal will ich dir das Vorbeigehen vertreiben, Faulpelz, was heißt das?" rief ihm der Öhi zu.

Peter war bei dem Ton der bekannten Stimme hochgefahren.

"War noch niemand auf", gab er zurück.

"Hast du etwas von dem Stuhl gesehen?" fragte der Großvater wieder.

"Von welchem?" rief Peter störrisch zurück.

Der Öhi sagte nichts mehr. Er breitete seine Tücher an dem sonnigen Abhang aus, setzte Klara darauf und wollte wissen, ob's ihr so bequem sei.

"So bequem wie im Stuhl", sagte sie dankend, "und am schönsten Platz bin ich da. Da ist's so schön, Heidi, so schön!" rief sie, rings um sich blickend, aus.

Der Großvater schickte sich zur Rückkehr an. Er sagte, sie sollten sich's nun wohl sein lassen miteinander, und wenn die Zeit da sei, sollte Heidi das Mittagsmahl herbeiholen, das er, in den Sack verpackt, drüben in den Schatten gelegt hatte. Dann sollte Peter ihnen Milch dazu geben, soviel sie trinken wollten, aber Heidi sollte gut aufpassen, dass er sie vom Schwänli nehme. Gegen Abend wollte der Großvater wiederkommen; jetzt wollte er vor allem dem Stuhle nachgehen und sehen, was aus ihm geworden sei.

Der Himmel war dunkelblau, und rundherum war nicht ein einziges Wölkchen zu sehen. Drüben auf dem großen Schneefeld blitzte es wie von tausend und tausend Gold- und Silbersternen. Der Adler segelte oben im Blau, und über die Höhen strich der Bergwind und kühlte angenehm.

Den Kindern ging es unbeschreiblich gut. Von Zeit zu Zeit kam eine kleine Ziege heran und ließ sich ein wenig bei ihnen nieder; am häufigsten kam das zärtliche Schneehöppli und legte sein Köpfchen an Heidi heran und wäre da wohl gar nicht mehr weggegangen, hätte es nicht ein anderes von der Herde wieder vertrieben. So lernte Klara jetzt jede einzelne Ziegen so genau kennen, dass sie niemals mehr eine mit der andern verwechselte, denn jede hatte ja auch ein ganz besonderes Gesicht und ihre eigene Art.

Sie wurden jetzt auch so zutraulich zu Klara, dass sie ihr ganz nahe kamen und ihre Köpfe an ihren Schultern rieben; das war immer das Zeichen ihrer nahen Bekanntschaft und Zuneigung.

So waren schon einige Stunden vergangen; da kam es Heidi in den Sinn, sie könnte doch einmal an den Platz hinübergehen , wo die vielen Blumen waren, und sehen, ob sie auch alle aufgeblüht und so schön seien wie vor einem Jahr. Erst am Abend, wenn der Großvater wiederkam, konnte man auch mit Klara hinübergehen, und dann machten die Blumen vielleicht schon wieder die Augen zu. Heidi bekam immer größere Lust dazu, daher fragte sie Klara ein wenig zaghaft:

"Bist du mir böse, Klara, wenn ich geschwind von dir fortlaufe und du allein sein musst? Ich möchte so gern sehen, wie die Blumen sind. Aber warte..." Heidi war ein Gedanke gekommen. Sie sprang auf die Seite und riss ein paar schöne Büschel von den grünen Kräutern aus. Dann nahm sie das Schneehöppli um den Hals, das ihr gleich zugelaufen war, und führte es zu Klara.

"So, jetzt musst du doch nicht allein sein", sagte Heidi, während sie das Schneehöppli auf dem Platz neben Klara ein wenig hindrückte, was das Zicklein sofort richtig verstand und sich niederlegte. Dann warf Heidi die gesammelten Blätter Klara in den Schoß, und diese sagte erfreut, Heidi solle jetzt nur gehen und die Blumen ansehen, sie wolle gern allein mit der kleinen Ziege bleiben; das hatte sie ja noch nie erlebt.

Heidi rannte fort, und Klara fing nun an, Blättchen für Blättchen dem Schneehöppli hinzuhalten, und es wurde so zutraulich, dass es sich ganz an seine neue Freundin anschmiegte und die Blättchen ihr langsam aus der Hand fraß. Man konnte sehen, wie gut es tat, so ruhig und friedlich in gutem Schutze liegen zu dürfen, denn draußen bei der Herde wurde es oft von den großen und starken Ziegen verfolgt.

Klara genoss es, so ganz allein auf einem Berge zu sitzen, nur mit einem zutraulichen Zicklein, das ganz hilfsbedürftig zu ihr aufsah. Ein großer Wunsch stieg auf in ihr, auch einmal ihr eigener Herr zu sein und einem andern helfen zu können und nicht nur immer sich von allen anderen helfen lassen zu müssen. Mit einem mal überkamen Klara viele neue Gedanken und sie empfand eine Lebenslust, die völlig neu für sie war. Klara wollte ihr leben genießen und sie wollte für andere da sein und ihnen Freude bereiten, so wie sie jetzt im Augenblick für die kleine Ziege da war und dieser gut tat.. Mit einem mal konnte Klara alles in einem ganz anderen Licht betrachten und die Welt war schöner, als sie sie je empfunden hatte. Es ging Klara so gut, dass sie das Zicklein um den Hals nehmen und ausrufen musste:

"Oh, Schneehöppli, wie schön ist es hier oben; wenn ich nur immer da bei euch bleiben könnte!"

Heidi war unterdessen an dem Blumenplatze angekommen. Sie stieß einen Freudenschrei aus. Von leuchtendem Golde bedeckt lag die ganze Wiese da. Da waren die schimmernden Ziströschen. Dichte, dunkelblaue Büsche von Glockenblumen wiegten sich darüber, und ein so starker würziger Duft lag über der sonnigen Wiese, als wäre Parfum da oben ausgeschüttet worden. Der besonders angenehme Geruch kam aber von den kleinen braunen Kolbenblümchen her, die ihre runden Köpfchen da und dort bescheiden zwischen den Goldkelchen empor streckten. Heidi stand und schaute und zog den süßen Duft in langen Zügen ein. Auf einmal kehrte sie um und kam außer Atem vor Erregung zu Klara zurück.

"Oh, du musst unbedingt kommen", rief sie ihr schon von weitem zu. "Sie sind so schön, und alles ist so schön, und am Abend ist es vielleicht nicht mehr so. Ich kann dich vielleicht tragen, meinst du nicht?"

Klara schaute die aufgeregte Heidi ganz verwundert an; sie schüttelte aber den Kopf.

"Nein, nein, was denkst du, Heidi; du bist ja viel kleiner als ich. Oh, wenn ich nur gehen könnte!"

Jetzt schaute Heidi suchend um sich, ihr war etwas Neues eingefallen. Dort oben, wo Peter vorher auf dem Boden gelegen hatte, saß er jetzt und starrte auf die Kinder herunter. So hatte er schon seit Stunden gesessen und immerzu herabgestarrt, so als könne er nicht fassen, was er vor sich sah. Er hatte den feindlichen Stuhl zerstört, damit alles aufhören und die Fremde sich gar nicht mehr bewegen könne, und eine kurze Weile nachher erschien sie da oben und saß vor ihm auf dem Boden neben Heidi. Das konnte ja nicht sein, und doch war es immer noch so, er konnte hinsehen, sooft er wollte.

Jetzt schaute Heidi zu ihm auf.

"Komm hier herunter, Peter!" rief sie sehr bestimmt.

"Ich komme nicht", rief er zurück.

"Doch, du musst; komm, ich kann es nicht allein machen, du musst mir helfen; komm schnell!" drängte Heidi.

"Nein, ich komme nicht", ertönte es wieder.

Jetzt lief Heidi ein kleines Stück den Berg hinauf, dem Angeredeten entgegen.

Da stand Heidi mit funkelnden Augen und rief hinauf:

"Peter, wenn du nicht auf der Stelle kommst, so werde ich dir auch etwas machen, das du dann sicher nicht gern hast; das kannst du mir glauben!"

Diese Worte gaben dem Peter einen Stich, und eine große Angst packte ihn. Er hatte etwas Böses getan, das kein Mensch wissen sollte. Bis jetzt hatte es ihn gefreut, aber nun redete Heidi, als ob sie alles wüsste, und was sie wusste, sagte Heidi alles ihrem Großvater, und vor dem fürchtete Peter sich ja wie vor keinem andern. Wenn er erfahren würde, was mit dem Stuhl passiert war! Peters Angst wurde immer größer und nahm ihm fast die Luft. Er stand auf und kam der wartenden Heidi entgegen.

"Ich komme, aber dann darfst du das nicht machen", sagte er, so zahm vor Furcht, dass es Heidi schon wieder leid tat.

"Nein, nein, das tu ich nun schon nicht", versicherte sie. "Komm jetzt nur mit mir, es ist nichts zum Fürchten, was du tun musst."

Bei Klara angelangt, ordnete nun Heidi an, auf der einen Seite sollte Peter, auf der andern wollte sie selbst Klara fest unter den Arm fassen und aufheben. Das ging nun ziemlich gut, aber jetzt kam das Schwierigere. Klara konnte ja nicht stehen, wie sollte man sie nun festhalten und vorwärts bringen? Heidi war zu klein, um ihr mit ihrem Arm eine Stütze zu bieten.

"Du musst mich jetzt um den Hals nehmen, ganz fest, so. Und den Peter musst du am Arm nehmen und ganz fest darauf drücken, dann können wir dich tragen."

Aber Peter hatte noch nie jemandem den Arm gegeben. Klara umfasste diesen wohl, Peter aber hielt ihn ganz steif am Leibe herunter wie einen langen Stecken.

"So macht man es nicht, Peter", sagte Heidi sehr bestimmt. "Du musst mit dem Arm einen Ring machen, und dann muss die Klara mit dem ihrigen durchfahren, und dann muss sie ganz fest aufdrücken, und du musst um keinen Preis nachgeben, dann kommen wir schon vorwärts."

Das wurde nun so gemacht. Man kam aber nicht gut vorwärts. Klara war nicht so leicht, und das Gespann zu ungleich in der Größe. Auf der einen Seite ging es herab und auf der andern hinauf, das gab eine ziemliche Unsicherheit in den Stützen.

Klara probierte es abwechselnd ein wenig mit den eigenen Füßen, zog aber einen nach dem andern immer bald wieder zurück.

"Tritt einmal richtig feste auf", schlug Heidi vor, "dann tut es dir gewiss nachher weniger weh."

"Meinst du?" sagte Klara zaghaft.

Sie gehorchte aber und wagte einen festen Schritt auf den Boden und dann mit dem zweiten Fuß; sie schrie aber ein wenig auf dabei. Dann hob sie den einen wieder und setzte ihn vorsichtiger auf.

"Oh, das hat schon viel weniger weh getan", sagte sie voller Freude.

"Mach's noch einmal", drängte Heidi eifrig. Klara tat es und dann noch einmal und noch einmal, und auf einmal schrie sie auf:

"Ich kann, Heidi! Oh, ich kann! Sieh! Sieh! Ich kann Schritte machen, einen nach dem andern."

Jetzt jauchzte Heidi noch viel mehr auf.

"Oh! Oh! Kannst du ganz sicher selbst Schritte machen? Kannst du jetzt gehen? Kannst du gewiss selbst gehen? Oh, wenn nur der Großvater käme! Jetzt kannst du selbst gehen, Klara, jetzt kannst du gehen!" rief Heidi ein ums andere Mal in jubelnder Freude aus.

Klara hielt sich wohl fest auf beiden Seiten, aber mit jedem Schritt wurde sie ein wenig sicherer, das konnten alle drei empfinden. Heidi war ganz außer sich vor Freude.

"Oh, nun können wir alle Tage miteinander auf die Weide gehen und auf der Alp herum, wo wir wollen", rief sie wieder aus, "und du kannst dein Lebtag gehen, wie ich, und musst nie mehr im Stuhl geschoben werden und wirst gesund. Oh, das ist die größte Freude, die wir haben können!"

Klara stimmte mit ganzem Herzen ein. Sie kannte gar kein größeres Glück auf der Welt, als auch einmal gesund zu sein und herumgehen zu können wie die anderen Menschen und nicht mehr elend die ganzen Tage auf den Rollstuhl angewiesen zu sein.

Es war nicht weit zu der Blumenwiese hinüber. Dort sah man schon das Glitzern der Goldröschen in der Sonne. Jetzt waren sie bei den Büschen der blauen Glockenblumen angekommen, wo zwischendurch der sonnige Boden so einladend aussah.

"Können wir uns nicht hier hinsetzen?" fragte Klara.

Das war ganz nach Heidis Wunsch, und mitten in die Blumen hinein setzten sich die Kinder, Klara saß zum ersten mal, auf den trockenen, warmen Alpenboden ;das gefiel ihr unbeschreiblich gut. Und rings um sie herum waren die wiegenden blauen Glockenblumen, die schimmernden Goldröschen, das rote Tausendgüldenkraut und überall der süße Duft der braunen Kolbenblümchen, der würzigen Prünellen. Alles war so unglaublich schön.

Auch Heidi war überglücklich und ganz außer sich vor Freude darüber, dass Klara jetzt gesund war. Klara wurde ganz still vor Freude und Begeisterung über alles, was sie sah, und über alle die Aussichten, die sich ihr nun durch das eben Erlebte eröffneten. Sie hätte vor lauter Freude fast platzen können, und der Sonnenglanz und Blumenduft dazu überwältigten sie mit einem Glücksgefühl, dass sie völlig verstummen ließ.

Auch Peter lag still und regungslos mitten in dem Blumenfelde, denn er war fest eingeschlafen.

Leise und lieblich wehte hier der Wind hinter den schützenden Felsen hervor und säuselte oben in den Büschen. Von Zeit zu Zeit musste Heidi wieder aufstehen und dahin laufen und dorthin, denn es war immer irgendwo noch schöner, die Blumen noch dichter, der Wohlgeruch noch stärker, weil ihn da der Wind hin und her wehte; überall musste sie sich wieder hinsetzen.

So vergingen die Stunden.

Die Sonne war längst über den höchsten Stand am Mittag hinaus, als ein Trüppchen der Ziegen ganz entschlossen auf die Blumenwiese zugelaufen kam. Es war nicht ihr Weideplatz, sie wurden nie dahin geführt, denn es gefiel ihnen nicht, in den Blumen zu grasen. Sie sahen aus wie eine Gesandtschaft, der Distelfink voran. Die Ziegen waren offensichtlich losgezogen, um ihre Gesellschafter zu suchen, die sie so lange im Stich gelassen hatten und entgegen aller Gewohnheit nicht wiedergekommen waren, denn die Ziegen kannten ihre Zeit ganz genau. Als der Distelfink die drei Vermissten in dem Blumenfelde entdeckte, stieß er ein überlautes Meckern aus, und auf der Stelle stimmte der ganze Chor ein, und fortmeckernd kamen sie alle dahergetrabt.

Jetzt erwachte Peter. Er musste sich aber erst einmal die Augen reiben, denn er hatte geträumt, der Rollstuhl stehe wieder schön rot gepolstert und unversehrt vor der Hütte, und noch beim Erwachen hatte er die goldenen Nägel um das Polster herum in der Sonne blitzen gesehen, aber jetzt entdeckte er, dass es nur die gelben Glitzerblümchen auf dem Boden gewesen waren.

Jetzt kam bei Peter die Angst zurück, die er beim Anblick des unbeschädigten Stuhles ganz verloren hatte. Wenn auch Heidi versprochen hatte, nichts zu machen, so war doch nun die Furcht in Peter lebendig geworden, die Sache könnte auch sonst noch auskommen. Er ließ sich jetzt ganz zahm und willig zum Führer machen und tat alles perfekt so, wie Heidi es haben wollte.

Als nun wieder alle drei auf dem Weideplatz angekommen waren, holte Heidi hurtig ihren vollen Speisesack herbei und schickte sich an, ihr Versprechen einzulösen, denn auf den Inhalt des Sackes hatte sich ihre Drohung bezogen. Heidi hatte nämlich am Morgen bemerkt, wie viel gute Sachen der Großvater da hineinpackte, und mit Freuden hatte sie vorausgesehen, dass dem Peter davon ein guter Teil zufallen werde. Als er dann aber so störrig war, wollte Heidi ihm zu verstehen geben, dass er nichts davon abbekomme; Peter hatte das aber ganz falsch verstanden und anders gedeutet. Nun holte Heidi Stück für Stück aus ihrem Sack heraus und machte drei Häufchen davon, die wurden so hoch, dass sie voller Befriedigung vor sich hinsagte: "Dann bekommt er noch alles, was wir zuviel haben."

Jetzt trug Heidi jedem sein Häufchen zu, und mit dem ihrigen setzte sie sich neben Klara, und die Kinder ließen sich's gut schmecken nach der großen Anstrengung.

Es ging aber, wie Heidi vorausgesehen hatte: Als sie beide völlig satt waren, blieb noch so viel übrig, dass dem Peter noch einmal ein Häufchen, so groß wie das erste, zugeschoben werden konnte. Er aß still und beharrlich alles auf und dann noch die Krumen, aber er vollzog sein Werk nicht mit der gewohnten Befriedigung. Denn Peter lag etwas auf dem Magen, das nagte und schnürte ihm die Kehle zu, so dass ihm fast der Bissen im Hals stecken blieb.

Die Kinder waren so spät zu ihrer Mahlzeit gekommen, dass schon gleich danach der Großvater zu sehen war, der die Alm heraufstieg, um sie abzuholen. Heidi stürzte ihm entgegen; sie musste ihm zuerst sagen, was sich ereignet hatte. Heidi war aber so erregt von ihrer beglückenden Nachricht, dass sie kaum die richtigen Worte fand, um sie dem Großvater mitzuteilen. Er verstand aber sogleich, was das Kind berichtete, und eine helle Freude kam auf sein Gesicht. Er beschleunigte seinen Schritt, und bei Klara angekommen, sagte er fröhlich lächelnd:

"So, hast du's gewagt? Nun hast du's auch gewonnen!"

Dann hob er Klara vom Boden auf, umfasste sie mit dem linken Arm und hielt ihr seine Rechte als starke Stütze für ihre Hand hin, und Klara marschierte, mit der festen Wand im Rücken, noch viel sicherer und unerschrockener dahin, als sie vorher getan hatte.

Heidi hüpfte und jauchzte nebenher, und der Großvater sah aus, als sei ihm ein großes Glück widerfahren. Jetzt nahm er aber Klara mit einemmal auf seinen Arm und sagte: "Wir wollen's nicht übertreiben, es ist auch Zeit zur Heimkehr", und er machte sich gleich auf den Weg, denn er wusste, dass nun der Anstrengungen für heute genug waren und Klara der Ruhe bedurfte.

Als Peter spät am Abend mit seinen Ziegen ins Dörfli herunter kam, standen eine Menge Leute in einer Gruppe zusammen, und einer stieß den anderen ein wenig weg, um besser sehen zu können, was mittendrin am Boden lag. Das musste Peter auch sehen; er drückte und drängte rechts und links und bohrte sich hinein.

Da, jetzt sah er's.

Auf dem Grase lag das Mittelstück vom Rollstuhl, und noch ein Teil des Rückens hing daran. Das rote Polster und die glänzenden Nägel zeugten noch davon, wie prächtig der Stuhl ausgesehen hatte, als er noch ganz war.

"Ich war dabei, als sie ihn hinauftrugen", sagte der Bäcker, der neben dem Peter stand; "wenigstens 500 Franken war er wert, das wett ich mit jedem. Es wundert mich nur, wie das passieren konnte."

"Der Wind kann ihn heruntergejagt haben, das hat der Öhi selbst gesagt", bemerkte die Barbel, die nicht genug das schöne rote Zeug bewundern konnte.

"Es ist gut, dass es kein anderer ist, der's getan hat", sagte der Bäcker wieder; "dem ging's schlecht! Wenn es der Herr in Frankfurt vernimmt, wird er schon untersuchen lassen, wie's zugegangen ist. Ich für mich bin froh, dass ich seit zwei Jahren nie mehr auf der Alm war; der Verdacht kann auf jeden fallen, der um die Zeit dort oben gesehen wurde."

Es wurden noch viele Meinungen ausgesprochen, aber Peter hatte genug gehört. Er kroch ganz zahm und sachte aus der Menschenmenge heraus und lief mit aller Kraft den Berg hinauf, so als wäre einer hinter ihm her, der ihn packen wollte. Die Worte des Bäckers hatten ihm eine furchtbare Angst eingejagt. Er wusste ja jetzt, dass jeden Augenblick ein Polizeidiener aus Frankfurt ankommen konnte, der die Sache untersuchen musste, und dann konnte es doch rauskommen, dass er es getan hatte, und dann würden sie ihn packen und nach Frankfurt ins Zuchthaus schleppen. Das sah Peter vor sich, und seine Haare sträubten sich vor Schrecken.

Ganz verstört kam er daheim an. Er gab keine Antwort, auf gar nichts, er wollte seine Kartoffeln nicht essen; eilends kroch er in sein Bett hinein und stöhnte.

"Peterli hat wieder Sauerampfer gegessen, er hat's im Magen, dass er so ächzen muss", meinte seine Mutter Brigitte.

"Du musst ihm ein wenig mehr Brot mitgeben, gib ihm morgen noch ein Stück von dem meinen", sagte die Großmutter mitleidig.

Als die Kinder heute von ihren Betten in den Sternenschein hinausschauten, sagte Heidi:

"Hast du nicht heut den ganzen Tag denken müssen, wie gut es doch ist, dass der liebe Gott nicht nachgibt, wenn wir noch so sehr um etwas beten, wenn er etwas viel Besseres weiß?"

"Warum sagst du das jetzt auf einmal, Heidi?" fragte Klara.

"Weißt du, weil ich in Frankfurt so sehr gebetet habe, dass ich doch auf der Stelle heimgehen könne, und weil ich das immer nicht konnte, habe ich gedacht, der liebe Gott habe nicht zugehört. Aber weißt du, wenn ich so bald fortgelaufen wäre, so wärest du nie gekommen, und du wärest nicht gesund geworden auf der Alp."

Klara war ganz nachdenklich geworden. "Aber, Heidi", fing sie nun wieder an, "dann müssten wir ja um gar nichts beten, weil der liebe Gott ja schon immer etwas viel Besseres im Sinn hat, als wir wissen und wir von ihm erbitten wollen."

"Ja, ja, Klara, meinst du, es geht so einfach?" eiferte jetzt Heidi. "Alle Tage muss man zum lieben Gott beten und um alles, alles, denn er muss doch hören, dass wir es nicht vergessen, dass wir alles von ihm bekommen. Und wenn wir den lieben Gott vergessen wollen, so vergisst er uns auch, das hat die Großmama gesagt. Aber weißt du, wenn wir dann nicht bekommen, was wir gern hätten, dann müssen wir nicht denken, der liebe Gott hat nicht zugehört; wir dürfen dann nicht aufhören zu beten, sondern dann müssen wir so beten: Jetzt weiß ich schon, lieber Gott, dass du etwas Besseres im Sinn hast, und jetzt will ich nur froh sein, dass du es so gut machen willst."

"Wie ist dir das alles so in den Sinn gekommen, Heidi?" fragte Klara.

"Die Großmama hat es mir zuerst erklärt, und dann ist es auch so gekommen, und dann hab ich's gewusst. Aber ich meine auch, Klara", fuhr Heidi fort, indem sie sich aufsetzte, "heute müssen wir unbedingt dem lieben Gott noch richtig danken, dass er das große Glück geschickt hat, dass du jetzt gehen kannst."

"Ja sicher, Heidi, du hast recht, und ich bin froh, dass du mich noch erinnerst; vor lauter Freude hätte ich es fast vergessen."

Jetzt beteten die Kinder noch und dankten dem lieben Gott jedes in seiner Weise für das herrliche Gut, das er der so lange krank gewesenen Klara geschenkt hatte.

Am andern Morgen meinte der Großvater, nun könnte man einmal an die Frau Großmama schreiben, ob sie nicht jetzt auf die Alp kommen wolle, es wäre da etwas Neues zu sehen. Aber die Kinder hatten einen andern Plan gemacht. Sie wollten der Großmama eine große Überraschung bereiten. Erst sollte Klara das Gehen noch besser lernen, so dass sie, allein auf Heidi gestützt, einen kleinen Gang machen könnte; von allem aber sollte die Großmama keine Ahnung haben. Nun wurde mit dem Großvater beraten, wie lange das noch währen könnte, und da er meinte, kaum acht Tage, so wurde im nächsten Briefe die Großmama dringend eingeladen, um diese Zeit auf die Alp zu kommen; von etwas Neuem wurde ihr aber kein Wort berichtet.

Die Tage, die nun folgten, waren noch schöner als bisher. Jeden Morgen erwachte sie mit besonders großer Freude und guter Laune: "Ich bin gesund! Ich bin gesund! Ich muss nicht mehr im Rollstuhl sitzen, ich kann selbst umhergehen wie die anderen Menschen!"

Dann folgte das Umhergehen, und jeden Tag ging es leichter und besser, und immer längere Gänge konnten gemacht werden. Die Bewegung brachte dann einen solchen Appetit mit sich, dass der Großvater seine dicken Butterschnitten täglich ein wenig größer machte und mit Wohlgefallen sah, wie sie verschwanden. Er brachte jetzt auch immer einen großen Topf voll von der schäumenden Milch herbei und füllte Schüsselchen um Schüsselchen. So kam das Ende der Woche heran und damit der Tag, der die Großmama bringen sollte!

Es wird Abschied genommen, aber auf Wiedersehen

Die Großmama hatte einen Tag vor ihrer Ankunft noch einen Brief zur Alp hinauf geschickt, damit sie oben sicher wüssten, dass sie komme. Diesen Brief brachte am andern Tage Peter in der Frühe mit sich, als er auf die Weide zog. Der Großvater war schon mit den Kindern aus der Hütte getreten, und auch Schwänli und Bärli standen beide draußen und schüttelten lustig ihre Köpfe in der frischen Morgenluft, während die Kinder sie streichelten. Gut gelaunt stand der Großvater dabei und schaute mal auf die frischen Gesichter der Kinder, mal auf seine sauber glänzenden Ziegen herab. Beides musste ihm gefallen, denn er lächelte vergnüglich.

Jetzt kam Peter heran. Als er die Gruppe sah, näherte er sich langsam, streckte den Brief dem Großvater entgegen, und sobald dieser ihn erfasst hatte, sprang er scheu zurück, so als ob ihn etwas erschreckt habe, und dann guckte er schnell hinter sich, gerade als ob von hinten ihn auch noch etwas hätte erschrecken wollen; dann machte er einen Sprung und lief davon, den Berg hinauf.

"Großvater", sagte Heidi, die dem Vorgang verwundert zugeschaut hatte, "warum benimmt sich Peter jetzt immer wie der große Türk, wenn der eine Rute hinter sich merkt; dann scheut er mit dem Kopf und schüttelt ihn nach allen Seiten und macht auf einmal Sprünge in die Luft hinauf."

"Vielleicht merkt Peter auch eine Rute hinter sich, die er verdient", antwortete der Großvater.

Nur die erste Weide hinauf lief Peter so in einem Zuge davon; sobald man ihn von unten nicht mehr sehen konnte, kam es anders. Da stand er still und drehte scheu den Kopf nach allen Seiten. Plötzlich tat er einen Sprung und schaute hinter sich, so erschreckt, als habe ihn eben einer im Genick gepackt. Hinter jedem Busch hervor, aus jeder Hecke heraus meinte jetzt Peter den Polizeidiener aus Frankfurt auf sich losstürzen zu sehen. Je länger aber diese gespannte Erwartung dauerte, je schreckhafter wurde Peter, er hatte keinen ruhigen Augenblick mehr.

Nun musste Heidi ihre Hütte aufräumen, denn die Großmama sollte doch alles in guter Ordnung finden, wenn sie kam. Klara fand Heidis geschäftige Treiben in allen Ecken der Hütte herum immer so kurzweilig, dass sie mit Vorliebe dieser Tätigkeit zuschaute.

So vergingen die frühen Morgenstunden für die Kinder so schnell dass man der Ankunft der Großmama schon entgegensehen konnte.

Voll Erwartung kamen die Kinder wieder aus der Hütte und setzten sich auf die Bank von der Almhütte. Auch der Großvater kam jetzt wieder zu ihnen. Er hatte einen Spaziergang gemacht und hatte einen großen Strauß dunkelblauer Enzianen mitgebracht, die leuchteten so schön in der hellen Morgensonne, dass die Kinder bei dem Anblick aufjauchzten. Der Großvater trug sie in die Hütte hinein. Von Zeit zu Zeit sprang Heidi von der Bank, um nachzusehen, ob von der Großmama noch nichts zu sehen sei.

Aber jetzt: da kam etwas von unten herauf, gerade so, wie Heidi es erwartet hatte. Voran stieg der Führer, dann kamen das weiße Pferd und die Großmama darauf, und zuletzt kam der Träger mit dem hohen Tragkorb, denn ohne reichlich Gepäck zog die Großmama nun einmal nicht auf die Alp.

Näher und näher kam die Gruppe. Jetzt war die Höhe erreicht; die Großmama erblickte die Kinder von ihrem Pferde aus.

"Was ist denn das? Was sehe ich, Klärchen? Du sitzest nicht in deinem Sessel! Wie ist das möglich?" rief sie erschrocken aus und stieg nun eilig herunter. Bevor sie aber noch bei den Kindern angekommen war, schlug sie die Hände zusammen und rief in der höchsten Aufregung:

"Klärchen, bist du's, oder bist du's nicht? Du hast ja rote Wangen, kugelrunde! Kind! Ich kenne dich nicht mehr!" Jetzt wollte die Großmama auf Klara losstürzen. Aber unversehens war Heidi von der Bank geglitten, Klara hatte sich schnell auf ihre Schultern gestützt, und fort wanderten die Kinder, ganz gelassen einen kleinen Spaziergang machend. Die Großmama war plötzlich stehen geblieben, erst vor Schrecken, weil sie glaubte, Heidi stelle eben etwas Unerhörtes an.

Aber was sah sie vor sich!

Aufrecht und sicher ging Klara neben dem Heidi her; jetzt kamen sie wieder zurück, beide mit strahlenden Gesichtern, beide mit rosenroten Wangen.

Jetzt lief die Großmama ihnen entgegen. Lachend und weinend in einem umarmte sie ihr Klärchen, dann Heidi, dann wieder Klara. Vor Freude fand die Großmama gar keine Worte.

Auf einmal fiel ihr Blick auf den Großvater, der bei der Bank stand und mit behaglichem Lächeln nach den dreien herüberschaute. Jetzt hackte die Großmama Klaras unter den Arm und wanderte mit ihr, zu der Bank, wobei sie immer wieder ganz erstaunt ausrief, dass sie es kaum glauben könne, dass Klara wirklich gehen könne. Hier ließ sie Klara los und ergriff den Alten bei beiden Händen.

"Mein lieber Großvater! Mein lieber Großvater! Das haben wir Ihnen zu verdanken! Es ist Ihr Werk! Es ist Ihre Sorge und Pflege..."

"Und unseres Herrgottes Sonnenschein und Almluft", fiel der Großvater lächelnd ein.

"Ja, und Schwänlis gute, schöne Milch sicher auch", rief nun Klara ihrerseits. "Großmama, du solltest nur wissen, wie ich die Ziegenmilch trinken kann und wie gut sie ist!"

"Ja, das kann ich an deinen Wangen sehen, Klärchen", sagte jetzt die Großmama lachend. "Nein, dich kennt man nicht mehr wieder; du hast so gut zugenommen, wie ich nie geglaubt hätte, dass du je werden könntest, und groß bist du, Klärchen! Nein, ist es denn auch wahr? Ich kann dich ja nicht genug ansehen! Aber nun muss auf der Stelle an meinen Sohn in Paris telegrafiert werden, er muss sogleich kommen. Ich sag ihm nicht, warum, das ist die größte Freude seines Lebens. Mein lieber Großvater, wie machen wir das? Sie haben wohl die Männer schon entlassen?"

"Die sind fort", antwortete er, "aber wenn's der Frau Großmama eilt, so lässt man den Ziegenhüter herunterkommen, der hat Zeit."

Die Großmama bestand darauf, sofort ihrem Sohne eine Nachricht zu schicken, denn dieses Glück sollte ihm keinen Tag vorenthalten bleiben.

Nun ging der Großvater ein wenig auf die Seite, und hier tat er einen so durchdringenden Pfiff durch seine Finger, dass es hoch oben von den Felsen zurückpfiff, so weit weg hatte er das Echo geweckt. Es dauerte gar nicht lange, so kam Peter herunter gerannt, er kannte den Pfiff wohl. Peter war kreideweiß, denn er dachte, der Großvater rufe ihn zum Gericht. Es wurde ihm aber nur ein Papier übergeben, das die Großmama unterdessen geschrieben hatte, und der Großvater erklärte ihm, er habe das Papier sofort ins Dorf hinunter zu tragen und auf dem Postamt abzugeben, die Bezahlung werde der Großvater später selbst in Ordnung bringen, denn so viele Dinge auf einmal konnte man dem Peter nicht auftragen.

Dieser ging nun mit seinem Papier in der Hand, fürs erste erleichtert davon, denn der Großvater hatte ja nicht zum Gericht gepfiffen, es war kein Polizeidiener angekommen.

Endlich war Zeit, sich zusammen um den Tisch vor der Hütte herum zu setzen, und nun musste der Großmama erzählt werden, wie sich alles von Anfang an zugetragen hatte. Wie zuerst der Großvater jeden Tag ein wenig das Stehen und dann ein Schrittchen mit Klara probiert hatte, wie dann der Ausflug auf die Weide gekommen war und der Wind den Rollstuhl fortgejagt hatte. Wie Klara vor Begierde nach den Blumen den ersten Gang machen konnte und so eins nach dem andern gekommen war.

Aber es währte lange, bis diese Erzählung von den Kindern zu Ende gebracht wurde, denn zwischendurch musste die Großmama immer wieder in Verwunderung und in Lob und Dank ausbrechen, und immer wieder rief sie aus: "Ja ist es denn auch möglich! Ist es denn auch wirklich kein Traum? Sind wir denn auch alle wach, und sitzen wir hier vor der Almhütte, und das Mädchen vor mir mit dem runden, frischen Gesicht ist mein altes, bleiches, kraftloses Klärchen?"

Und Klara und Heidi hatten immer neue Freude, dass ihre schön ausgedachte Überraschung so gut gelungen war.

Herr Sesemann hatte unterdessen seine Geschäfte in Paris beendet, und auch er hatte vor, eine Überraschung zu bereiten. Ohne ein Wort an seine Mutter zu schreiben, setzte er sich an einem der sonnigen Sommermorgen in die Eisenbahn und fuhr in einem Zuge bis nach Basel, von wo er in aller Frühe des folgenden Tages gleich wieder aufbrach, denn er wollte unbedingt sein Töchterchen wieder sehen, von dem er nun den ganzen Sommer durch getrennt gewesen war. In Bad Ragaz kam er einige Stunden nach der Abfahrt seiner Mutter an.

Die Nachricht, dass sie eben heute die Reise nach der Alp unternommen habe, kam ihm gerade recht. Sofort setzte er sich in einen Wagen und fuhr nach Maienfeld hinüber. Als er da hörte, dass er auch noch bis zum Dörfli hinauffahren könne, tat er dies, denn er dachte, der Fußmarsch den Berg hinauf werde ihm immer noch lang genug werden.

Herr Sesemann hatte sich nicht getäuscht; die ständige Steigung die Alp hinauf kam ihm sehr lang und beschwerlich vor. Noch immer war keine Hütte in Sicht, und er wusste doch, dass er auf halbem Wege auf die Hütte von Ziegenpeter stoßen sollte, denn oftmals hatte er die Beschreibung dieses Weges gehört.

Es waren überall Spuren von Fußgängern zu sehen, manchmal gingen die schmalen Wege nach allen Richtungen hin. Herr Sesemann wurde unsicher, ob er auch auf dem richtigen Wege sei oder ob vielleicht die Hütte auf einer andern Seite der Alp liege. Er sah sich um, ob kein menschliches Wesen zu entdecken sei, das er nach dem Weg fragen könnte. Aber es war still ringsum, weit und breit war nichts zu sehen noch zu hören. Nur der Bergwind war dann und wann zu hören und zu spüren, und im sonnigen Blau summten die kleinen Mücken, und ein kleines Vögelein pfiff da und dort auf einem einsamen Lärchenbaum. Herr Sesemann stand eine Weile still und ließ sich die heiße Stirne vom Alpenwind kühlen.

Jetzt kam jemand von oben herunter gelaufen; es war Peter mit seiner Nachricht in der Hand. Er lief grade aus, steil herunter, nicht auf dem Fußwege, auf dem Herr Sesemann stand. Sobald der Läufer aber nahe genug war, winkte ihm Herr Sesemann, dass er herüberkommen sollte. Zögernd und scheu kam Peter heran, seitwärts, nicht gradaus, und so, als könne er nur mit dem einen Fuß richtig vorankommen und müsse den andern nachschleppen.

"Na, Junge, frisch heran!" ermunterte Herr Sesemann.

"Jetzt sag mir mal, komme ich auf diesem Wege zu der Hütte hinauf, wo der alte Mann mit dem Kinde Heidi wohnt, bei dem die Leute aus Frankfurt sind?"

Peter war s erschrocken, dass er statt einer Antwort nur einen merkwürdigen dumpfen Ton von sich geben konnte, und dann rannte er so schnell davon, dass er kopfüber und über die steile Wiese hinabstürzte und fortrollte in ungewollten Purzelbäumen, immer weiter und weiter, ganz ähnlich, wie es der Rollstuhl getan hatte, nur dass glücklicherweise Peter nicht in Stücke ging, wie es bei dem Sessel der Fall gewesen war.

Nur der Brief wurde arg zugerichtet und flog in Fetzen davon.

"Merkwürdig schüchterner Bergbewohner", sagte Herr Sesemann vor sich hin, denn er dachte dass das Erscheinen eines Fremden diesen starken Eindruck auf den einfachen Jungen von der Alp gemacht habe.

Nachdem er Peters merkwürdigen Abstieg ins Tal noch ein wenig betrachtet hatte, setzte Herr Sesemann seinen Weg weiter fort.

Peter konnte trotz aller Anstrengung keinen festen Standpunkt gewinnen, er rollte immerzu, und von Zeit zu Zeit überschlug er sich noch in besonderer Weise.

Aber das war nicht das Schlimmste in diesem Augenblick, viel schrecklicher waren die Angst und das Entsetzen, die ihn erfüllten, da er nun sicher zu wissen glaubte, dass der Polizeidiener aus Frankfurt wirklich angekommen war. Denn er konnte es sich gar nicht anders vorstellen, als dass es sich um den so gefürchteten Polizeidiener handeln könnte, der ihn nach den Frankfurtern gefragt hatte. Jetzt, am letzten hohen Abhange oberhalb des Dorfes, trieb es den Peter an einen Busch zu, da konnte er sich endlich festklammern. Einen Augenblick blieb er noch liegen, er musste sich erst wieder ein wenig besinnen, was mit ihm sei.

"Na nu, schon wieder einer!" sagte eine Stimme hart neben Peter. "Und wer kriegt morgen den Stoß da droben, dass er herunterkommt wie ein schlecht vernähter Kartoffelsack?"

Es war der Bäcker, der so spottete. Er wollte sich gerade ein wenig von seiner schweißtreibenden Arbeit erholen und abkühlen, und dabei hatte er ruhig zugesehen, wie eben Peter, dem Heranrollen des Stuhles nicht unähnlich, von oben heruntergekommen war.

Peter kam endlich wieder auf seine Füße. Er hatte einen neuen Schrecken. Jetzt wusste der Bäcker auch schon, dass der Stuhl einen Puff bekommen hatte. Ohne ein einziges Mal zurückzusehen, lief Peter wieder den Berg hinauf. Am liebsten wäre er jetzt heimgegangen und in sein Bett gekrochen, damit ihn keiner mehr finden konnte, denn da fühlte er sich am sichersten.

Aber er hatte ja die Ziegen noch oben, und der Großvater hatte ihm noch eingeschärft, bald wiederzukommen, damit die Herde nicht zu lange allein sei. Den Großvater aber fürchtete er vor allen und hatte einen solchen Respekt vor ihm, dass er niemals gewagt hätte, ihm ungehorsam zu sein. Peter ächzte laut und hinkte weiter, es musste ja sein, er musste wieder hinauf. Aber rennen konnte er jetzt nicht mehr, die Angst und die mannigfaltigen Stöße, die er soeben erduldet hatte, konnten nicht ohne Wirkung bleiben. So ging es denn mit Hinken und Stöhnen weiter die Alm hinauf.

Herr Sesemann hatte kurz nach der Begegnung mit Peter die erste Hütte erreicht und wusste nun, dass er auf dem richtigen Wege war. Er stieg guten Mutes weiter, und endlich, nach langer, mühevoller Wanderung, sah er sein Ziel vor sich. Dort oben stand die Almhütte, und oben darüber wogten die dunkeln Wipfel der alten Tannen.

Herr Sesemann ging mit Freuden an die letzte Steigung, gleich konnte er sein Kind überraschen. Aber schon war er von der Gesellschaft vor der Hütte entdeckt und erkannt worden, und für den Vater wurde vorbereitet, was er nicht ahnte.

Als er den letzten Schritt zur Höhe getan hatte, kamen ihm von der Hütte her zwei Gestalten entgegen. Es war ein großes Mädchen mit hellblonden Haaren und einem rosigen Gesichtchen, das stützte sich auf die kleinere Heidi, der die Freuden ins Gesicht geschrieben stand. Herr Sesemann stutzte, er stand still und starrte die Herankommenden an. Auf einmal liefen ihm große Tränen aus den Augen. Was stiegen auch für Erinnerungen in seinem Herzen auf! Ganz so hatte Klaras Mutter ausgesehen, das blonde Mädchen mit den angehauchten Rosenwangen. Herr Sesemann wusste nicht, ob er wach war, oder ob er träumte.

"Papa, kennst du mich denn gar nicht mehr?" rief ihm jetzt Klara mit freudestrahlendem Gesicht entgegen. "Bin ich denn so verändert?"

Nun stürzte Herr Sesemann auf sein Töchterchen zu und schloss es in seine Arme.

"Ja, du bist verändert! Ist es möglich? Ist es Wirklichkeit?"

Und der überglückliche Vater trat wieder einen Schritt zurück, um noch einmal hinzusehen, ob denn das Bild nicht verschwinde vor seinen Augen.

"Bist du's, Klärchen, bist du's denn wirklich?" musste er ein ums andere Mal ausrufen. Dann schloss er sein Kind wieder in die Arme, und gleich nachher musste er noch einmal sehen, ob es wirklich sein Klärchen sei, das aufrecht vor ihm stand.

Jetzt war auch die Großmama herbeigekommen, sie konnte nicht länger warten, bis sie das glückliche Gesicht ihres Sohnes erblicken sollte.

"Na, mein lieber Sohn, was sagst du jetzt?" rief sie ihm zu. "Die Überraschung, die du uns machst, ist recht schön; aber diejenige, die man dir bereitet hat, ist noch viel schöner, nicht?" Und die erfreute Mutter begrüßte nun mit großer Herzlichkeit ihren lieben Sohn. "Aber jetzt, mein Lieber", sagte sie dann, "kommst du mit mir dort hinüber, unsern Großvater begrüßen, der ist unser allergrößter Wohltäter."

"Sicher, und auch unsere Hausgenossin, unsere kleine Heidi, muss ich noch begrüßen", sagte Herr Sesemann, indem er Heidis Hand schüttelte. "Nun? Immer frisch und gesund auf der Alp? Aber man muss nicht fragen, kein Alpenröschen kann blühender aussehen. Das ist mir eine Freude, Kind, das ist mir eine große Freude!"

Auch Heidi schaute mit leuchtender Freude zu dem freundlichen Herrn Sesemann auf. Wie gut war er immer zu ihr gewesen! Und dass er nun hier auf der Alp ein solches Glück finden sollte, das erfüllte Heidis Herz mit großer Freude.

Jetzt führte die Großmama ihren Sohn zum Großvater hinüber, und während nun die beiden Männer sich sehr herzlich die Hände schüttelten und Herr Sesemann begann, seinen tief gefühlten Dank auszusprechen und sein unermessliches Erstaunen darüber, wie nur dieses Wunder hatte geschehen können, da wandte sich die Großmama und ging ein wenig nach der andern Seite hinüber, denn das hatte sie nun schon durchgesprochen. Sie wollte einmal nach den alten Tannen sehen.

Da harrte ihrer schon wieder etwas Unerwartetes. Mitten unter den Bäumen, da, wo die langen Äste noch einen freien Platz gelassen hatten, stand ein großer Busch der wundervollsten, dunkelblauen Enzianen, so frisch und glänzend, als wären sie eben da herausgewachsen. Die Großmama schlug die Hände zusammen vor Entzücken.

"Wie herrlich! Wie prächtig! Welch ein Anblick!" rief sie ein ums andere Mal aus. "Heidi, mein liebes Kind, komm hierher! Hast du mir das zur Freude bereitet? Es ist unglaublich schön."

Die Kinder waren schon da.

"Nein, nein, ich war es sicher nicht", sagte Heidi, "aber ich weiß schon, wer's gemacht hat."

"So ist's droben auf der Weide, Großmama, und noch viel schöner", fiel hier Klara ein. "Aber rat einmal, wer dir heut früh schon die Blumen von der Weide heruntergeholt hat!" Und Klara lächelte so vergnüglich zu ihrer Rede, dass der Großmama einen Augenblick der Gedanke kam, das Kind sei am Ende heute selbst schon dort oben gewesen. Das war doch aber fast nicht möglich.

Jetzt hörte man ein leises Geräusch hinter den Tannenbäumen; es kam vom Peter her, der unterdessen hier oben angelangt war. Da er aber gesehen hatte, wer beim Großvater vor der Hütte stand, hatte er einen großen Bogen gemacht und wollte nun ganz heimlich hinter den Tannen hinauf schleichen. Aber die Großmama hatte ihn erkannt, und plötzlich stieg ein neuer Gedanke in ihr auf. Sollte Peter die Blumen herunter gebracht haben und nun aus lauter Scheu und Bescheidenheit so heimlich vorbei schleichen wollen? Nein, das durfte nicht sein, er sollte doch eine kleine Belohnung haben.

"Komm, mein Junge, komm hier heraus, frisch, ohne Scheu!" rief die Großmama laut und steckte ein wenig den Kopf zwischen die Bäume hinein.

Starr vor Schrecken stand Peter still. Er hatte keine Widerstandskraft mehr nach allem Erlebten. Er fühlte nur noch das eine: Jetzt ist's aus! Alle Haare standen ihm aufrecht auf dem Kopf, und farblos und entstellt von höchster Angst trat Peter hinter den Tannen hervor.

"Nur frisch heran, ohne Umwege", ermunterte die Großmama. "So, nun sag mir mal, Junge, hast du das gemacht?"

Peter hob seine Augen nicht auf und sah nicht, wohin der Zeigefinger der Großmama wies. Er hatte gesehen, dass der Großvater an der Ecke der Hütte stand und dass dessen graue Augen durchdringend auf ihn gerichtet waren, und neben dem Großvater stand das Schrecklichste, das Peter kannte, der Polizeidiener aus Frankfurt. An allen Gliedern zitternd und bebend, stieß Peter einen Laut hervor, es war ein "Ja".

"Nanu", sagte die Großmama, "was ist denn das Schreckliche dabei?"

"Dass er... dass er... dass er auseinander ist und man ihn nicht mehr ganz machen kann", brachte mühsam Peter heraus, und nun schlotterten seine Knie so, dass er fast nicht mehr stehen konnte. Die Großmama ging nach der Hüttenecke hinüber.

"Mein lieber Großvater, rappelt es denn wirklich ernstlich bei dem armen Buben?" fragte sie teilnehmend.

"Gar nicht, gar nicht", versicherte der Großvater. "Der Bube ist nur der Wind, der den Rollstuhl fortgejagt hat, und nun erwartet er seine wohlverdiente Strafe."

Das konnte nun die Großmama gar nicht glauben, denn sie meinte, boshaft sehe Peter doch ganz und gar nicht aus, und sonst hätte er doch keinen Grund gehabt, den so notwendigen Rollstuhl zu zerstören.

Aber für den Großvater war das Geständnis nur die Bestätigung eines Verdachtes gewesen, der gleich nach der Tat in ihm aufgestiegen war. Die grimmigen Blicke, die Peter von Anfang an Klara zugeworfen hatte, und andere Zeichen seiner Verbitterung gegen die Besucher auf der Alp waren dem Großvater nicht entgangen. Er hatte einen Gedanken an den andern gehängt, und so hatte er genau den ganzen Gang der Dinge erkannt und teilte ihn jetzt der Großmama in aller Klarheit mit. Als er zu Ende war, brach die Dame in große Lebhaftigkeit aus.

"Nein, mein lieber Großvater, nein, nein, den armen Buben wollen wir nicht weiter strafen. Man muss gerecht sein. Da kommen die fremden Leute aus Frankfurt einfach hier her und nehmen ihm ganze Wochen lang Heidi weg, sein einziges Gut und wirklich ein großes Gut, und da sitzt er allein Tag für Tag und hat das Nachsehen. Nein, nein, da muss man gerecht sein; der Zorn hat ihn überwältigt und hat ihn zu der Rache getrieben, die ein wenig dumm war, aber im Zorn werden wir alle dumm."

Damit ging die Großmama zu Peter zurück, der noch immer bebte und zitterte.

Sie setzte sich auf die Bank unter die Tanne und sagte freundlich: "So, nun komm, mein Junge, da vor mich hin, ich habe dir etwas zu sagen. Höre auf zu zittern und zu beben und hör mir zu, das will ich haben. Du hast den Rollstuhl den Berg hinuntergejagt, damit er zerschmettere. Das war etwas Böses, das hast du recht wohl gewusst, und dass du eine Strafe verdientest, das wusstest du auch, und damit du diese nicht erhaltest, hast du dich recht anstrengen müssen, damit keiner es merkte, was du getan hattest. Aber siehst du: Wer etwas Böses tut und denkt, es weiß keiner, der verrechnet sich immer.

Der liebe Gott sieht und hört ja doch alles, und sobald er bemerkt, dass ein Mensch seine böse Tat verheimlichen will, so weckt er schnell in dem Menschen das Wächterchen auf, das er schon bei seiner Geburt in ihn hineingesetzt hat und das da drinnen schlafen darf, bis der Mensch ein Unrecht tut. Und das Wächterchen hat einen kleinen Stachel in der Hand, mit dem sticht es nun in einem fort den Menschen, dass er gar keinen ruhigen Augenblick mehr hat. Und auch mit seiner Stimme beängstigt es den Gequälten noch, denn es ruft ihm immer quälend zu: ›Jetzt kommt alles aus! Jetzt holen sie dich zur Strafe!‹ So muss er immer in Angst und Schrecken leben und hat keine Freude mehr, gar keine. Hast du nicht auch so etwas erfahren, Peter, eben jetzt?"

Peter nickte ganz zerknirscht, aber wie ein Kenner, denn gerade so war es ihm ergangen.

"Und noch auf eine andere Weise hast du dich verrechnet", fuhr die Großmama fort. "Sieh, wie das Böse, das du tatest, zum Besten ausfiel für die, der du es zufügen wolltest! Weil Klara keinen Sessel mehr hatte, auf dem man sie hinbringen konnte, und doch die schönen Blumen sehen wollte, so strengte sie sich ganz besonders an zu gehen, und so lernte sie's und geht nun immer besser, und bleibt sie hier, so kann sie am Ende jeden Tag hinauf zur Weide gehen, viel öfter, als sie in ihrem Stuhle hinaufgekommen wäre.

Siehst du wohl, Peter? So kann der liebe Gott, was einer böse machen wollte, nur schnell in seine Hand nehmen und für den andern, der geschädigt werden sollte, etwas Gutes daraus machen, und der Bösewicht hat das Nachsehen und den Schaden davon. Hast du nun auch alles gut verstanden, Peter, ja? So denk daran, und jedes Mal, wenn es dich wieder gelüsten sollte, etwas Böses zu tun, denk an das Wächterchen da drinnen mit dem Stachel und der unangenehmen Stimme. Willst du das tun?"

"Ja, das will ich", antwortete Peter, noch sehr gedrückt, denn noch wusste er ja nicht, wie alles enden würde, da der Polizeidiener immer noch drüben stand neben dem Großvater.

"So, nun ist's gut, die Sache ist abgetan", schloss die Großmama. "Nun sollst du aber auch noch ein Andenken an die Frankfurter haben, das dich freut. So sag mir nun, mein Junge, hast du auch schon mal was gewünscht, das du haben möchtest? Was war's denn? Was möchtest du am liebsten haben?"

Jetzt hob Peter seinen Kopf auf und starrte die Großmama mit ganz kugelrunden, erstaunten Augen an. Noch immer hatte er etwas Schreckliches erwartet, und nun sollte er auf einmal bekommen, was er gern hätte. Dem Peter kam alles durcheinander in seinen Gedanken.

"Ja, ja, es ist mir Ernst", sagte die Großmama. "Du sollst etwas haben, das dich freut, zur Erinnerung an die Leute von Frankfurt und zum Zeichen, dass sie nicht mehr daran denken, dass du etwas Unrechtes getan hast. Verstehst du's nun, Junge?"

Allmählich dämmerte es Peter, dass er keine Strafe mehr zu befürchten habe und dass die gute Frau, die vor ihm saß, ihn aus der Gewalt des Polizeidieners errettet hatte. Jetzt empfand er eine Erleichterung, als fiele ein Berg von ihm ab, der ihn fast zusammengedrückt hatte. Aber nun hatte er auch begriffen, dass es besser ist, wenn man zugibt, was man falsch gemacht hat, und auf einmal sagte er:

"Und das Papier hab ich auch verloren."

Die Großmama musste sich ein wenig besinnen, aber den Zusammenhang verstand sie schnell, und sie sagte freundlich: "So, so, es ist recht, dass du's sagst! Immer gleich bekennen, was nicht recht ist; dann kommt's wieder in Ordnung. Und jetzt, was hättest du gern?"

Nun konnte Peter auf der Welt wünschen, was er nur wollte. Es wurde ihm fast schwindelig. Der ganze Jahrmarkt von Maienfeld flimmerte vor seinen Augen mit all den schönen Sachen, die er oft stundenlang angestaunt und für immer unerreichbar gehalten hatte; denn Peter hatte noch nie mehr besessen als einen Fünfer und alle Dinge, die er gerne gehabt hätte, kosteten immer mindestens das Doppelte. Da waren die schönen roten Pfeifchen, die er so gut für seine Ziegen brauchen konnte. Da waren die verlockenden Messer mit runden Heften, Krötenstecher genannt, mit denen man in allen Haselrutenhecken die besten Ruten schneiden konnte.

Tiefsinnig stand Peter da, denn er überlegte, was von den Zweien er sich denn nun wünschen sollte, aber er konnte sich nicht entscheiden. Aber jetzt kam ihm die Erleuchtung; so konnte er sich noch bis zum nächsten Jahrmarkt besinnen.

"Einen Zehner", antwortete Peter jetzt entschlossen.

Die Großmama lachte ein wenig.

"Das ist nicht übertrieben. So komm her!" Sie zog jetzt ihren Beutel heraus und nahm einen großen, runden Taler heraus; darauf legte sie noch zwei Zehnerstückchen.

"So, wir wollen gerade Rechnung machen", fuhr sie fort; "das will ich dir erklären. Hier hast du nun gerade so viele Zehner, als Wochen im Jahre sind! So kannst du jeden Sonntag einen Zehner hervor nehmen und verbrauchen, das ganze Jahr durch."

"Mein ganzes Leben lang?" fragte Peter ganz harmlos.

Jetzt musste die Großmama so sehr lachen, dass die Herren drüben ihr Gespräch unterbrechen mussten, um zu hören, was da vorgehe.

Die Großmama lachte immer noch.

"Das sollst du haben, Junge, das gibt einen Absatz in meinem Testament, hörst du, mein Sohn? Und nachher geht er in das deinige über, also: Dem Ziegenpeter einen Zehner wöchentlich, solange er am Leben ist."

Herr Sesemann nickte zustimmend und lachte auch darüber.

Peter schaute noch einmal auf das Geschenk in seiner Hand, ob es auch wirklich wahr sei. Dann sagte er: "Vergelts Gott!" Und nun rannte er davon in ganz merkwürdigen Sprüngen, aber diesmal blieb er doch auf den Füßen, denn jetzt trieb ihn nicht der Schrecken davon, sondern eine Freude, wie Peter sie noch nie in seinem Leben erlebt hatte. Alle Angst und Schrecken waren vergangen, und jede Woche hatte er einen Zehner zu erwarten sein Leben lang.

Als später die Gesellschaft vor der Almhütte das fröhliche Mittagessen beendet hatte und nun noch in allerlei Gesprächen zusammen saß, da nahm Klara ihren Vater, der vor Freude strahlte und jedes Mal, wenn er sie wieder anschaute, noch ein wenig glücklicher aussah, bei der Hand und sagte mit einer Lebhaftigkeit, die man nie an der matten Klara gekannt hatte:

"O Papa, wenn du nur wüsstest, was der Großvater alles für mich getan hat! So viel alle Tage, dass man es gar nicht alles erzählen kann, aber ich vergesse es in meinem ganzen Leben nicht. Und immer denke ich, wenn ich nur dem lieben Großvater auch etwas tun könnte oder etwas schenken, das ihm so recht Freude machen würde, auch nur halb soviel, wie er mir Freude gemacht hat."

"Das ist ja auch mein größter Wunsch, liebes Kind", sagte der Vater. "Ich denke auch schon die ganze Zeit darüber nach, wie wir unserem Wohltäter unseren Dank auch nur einigermaßen zeigen könnten."

Herr Sesemann stand jetzt auf und ging zum Großvater hinüber, der neben der Großmama saß und sich ausnehmend gut mit ihr unterhalten hatte. Er stand aber jetzt auch auf. Herr Sesemann ergriff seine Hand und sagte in der freundschaftlichsten Weise: "Mein lieber Freund, lassen Sie uns ein Wort zusammen sprechen! Sie werden es verstehen, wenn ich Ihnen sage, dass ich seit langen Jahren keine rechte Freude mehr kannte. Was war all mein Geld und Gut wert, wenn ich mein armes Kind anblickte, das ich mit keinem Reichtum gesund und glücklich machen konnte? Sie haben mir mit Gottes Hilfe das Kind gesund gemacht und sowohl mir, als auch Klara, damit ein neues Leben geschenkt. Nun sagen Sie, womit kann ich Ihnen meine Dankbarkeit zeigen? Wirklich gut machen kann ich nie, was Sie für uns getan haben, aber was ich kann, das möchte ich auch für Sie tun. Sprechen Sie, mein Freund, was darf ich tun?"

Der Großvater hatte still zugehört und den glücklichen Vater mit vergnügtem Lächeln angeblickt.

"Herr Sesemann, Sie können mir wohl glauben, dass ich meinen Teil an der großen Freude über die Genesung auf unserer Alm habe; meine Mühe ist mir allein schon dadurch vergolten", sagte jetzt der Großvater in seiner festen Weise. "Für das großzügige Angebot danke ich Herrn Sesemann, ich habe nichts nötig. Solange ich lebe, habe ich für das Kind und für mich genug. Aber einen Wunsch hätte ich; wenn mir der erfüllt werden könnte, so hätte ich für dieses Leben keine Sorge mehr."

"Sprechen Sie, sprechen Sie, mein lieber Freund!" drängte Herr Sesemann.

"Ich bin alt", fuhr der Großvater fort, "und werde wohl nicht mehr sehr lange leben. Wenn ich sterbe, kann ich dem Kind nichts hinterlassen, und Verwandte hat es keine mehr; nur eine einzige Person, die würde sicher gerne noch von Heidi profitieren. Wenn mir der Herr Sesemann die Zusicherung geben könnte, dass Heidi nie in ihrem Leben hinaus muss, um ihr Brot unter den Fremden zu suchen, dann hätte er mir reichlich zurückgegeben, was ich für ihn und sein Kind tun konnte."

"Aber, mein lieber Freund, davon kann doch gar keine Rede sein", brach Herr Sesemann nun aus. "Das Kind gehört doch auch zu uns. Fragen Sie meine Mutter, meine Tochter; Heidi werden Sie in ihrem Leben nicht der Sorge anderer Leute überlassen! Aber hier, wenn es Ihnen eine Beruhigung ist, mein Freund, hier meine Hand darauf. Ich verspreche Ihnen: Nie in seinem Leben soll dieses Kind hinaus, um unter fremden Menschen sein Brot zu verdienen; dafür will ich sorgen, auch über meine Lebenszeit hinaus. Nun aber will ich noch etwas sagen. Heidi ist nicht für ein Leben in der Fremde gemacht, egal unter welchen Umständen; das haben wir ja erlebt. Aber Heidi hat sich Freunde gemacht. Einen Freund kenne ich, der ist noch in Frankfurt; da erledigt er noch seine letzten Geschäfte, um dann nachher dahin zu gehen, wo es ihm gefällt, und sich da zur Ruhe zu setzen. Das ist mein Freund, der Doktor, der noch diesen Herbst hier ankommen wird und, Sie um Ihren Rat fragen will, weil er sich in dieser Gegend niederlassen will. Denn er hat sich in Ihrer und Heidis Gesellschaft so wohl gefühlt wie sonst nirgends mehr. So sehen Sie, Heidi wird dann zwei Beschützer in ihrer Nähe haben. Mögen ihm beide miteinander noch recht lange erhalten bleiben!"

"Das gebe der liebe Gott!" fiel hier die Großmama ein, und schüttelte dem Großvater eine ganze Weile mit großer Herzlichkeit die Hand. Dann fasste sie auf einmal Heidi, die neben ihr stand um den Hals, und zog sie zu sich heran.

"Und du, meine liebe Heidi, dich muss man doch auch noch fragen. Komm, sag mir mal: Hast du denn nicht auch einen Wunsch, den du gern erfüllt hättest?"

"Ja freilich, das hab ich schon", antwortete Heidi und blickte sehr erfreut zu der Großmama auf.

"So, das ist recht, so komm heraus damit", ermunterte diese. "Was hättest du denn gern, Kind?"

"Ich hätte gern mein Bett aus Frankfurt mit den drei hohen Kissen und der dicken Decke, dann muss die Großmutter nicht mehr mit dem Kopf bergab liegen so dass sie fast nicht atmen kann, und sie hat warm genug unter der Decke und muss nicht immer mit dem Schal ins Bett gehen, weil sie sonst furchtbar friert."

Heidi hatte vor Eifer alles in einem Atemzuge gesagt, damit ihr Wunsch erfüllt würde.

"Meine liebe Heidi, was sagst du mir da!" rief die Großmama erregt aus. "Das ist gut, dass du mich erinnerst. In der Freude vergisst man leicht, woran man zuallererst hätte denken sollen. Wenn uns der liebe Gott etwas Gutes schickt, müssten wir doch gleich an diejenigen denken, die so viel entbehren! Jetzt wird auf der Stelle nach Frankfurt telegrafiert! Noch heute soll Fräulein Rottenmeier das Bett zusammenpacken, in zwei Tagen kann es hier sein. Und dann soll die Großmutter darin gut schlafen!"

Heidi hüpfte vor Freude rings um die Großmama herum. Aber auf einmal stand sie still und sagte eilig: "Nun muss ich aber ganz schnell zur Großmutter hinunter; sie hat immer Angst, wenn ich so lang nicht mehr komme."

Denn nun konnte Heidi es nicht mehr erwarten, der Großmutter die Freudenbotschaft zu bringen, zumal sie sich daran erinnerte, dass die Großmutter bei Heidis letztem Besuch große Angst gehabt hatte.

"Nein, nein, Heidi, bleib hier!" ermahnte der Großvater. "Wenn man Besuch hat, läuft man nicht mit einemmal auf und davon."

Aber die Großmama unterstützte Heidi.

"Mein lieber Großvater, das Kind hat so unrecht nicht", sagte sie. "Die arme Großmutter ist wegen meines Besuches auch seit langem viel zu kurz gekommen. Nun wollen wir gleich alle miteinander zu ihr gehen, und ich denke, dort warte ich mein Pferd ab, und wir setzen dann unseren Weg weiter fort, und unten im Dorf wird sogleich das Telegramm nach Frankfurt aufgegeben. Mein Sohn, was meinst du dazu?"

Herr Sesemann hatte bis jetzt noch keine Zeit gehabt, über seine Reisepläne zu sprechen. Er bat daher seine Mutter noch einen Augenblick zu warten, bis er über seine weiteren Pläne gesprochen hätte.

Herr Sesemann hatte sich vorgenommen, mit seiner Mutter eine kleine Reise durch die Schweiz zu machen und erst zu sehen, ob sein Klärchen imstande sei, eine kurze Strecke mitzureisen Da es Klara aber jetzt so gut gehe, glaubte Herr Sesemann, dass sie die gesamte Reise mitmachen könne. Und er wollte damit auch nicht mehr länger warten, sondern die schönen Spätsommertage nutzen. Daher schlug er vor, diese Nacht im Dorf zu leiben, morgen Klara von der Alm abzuholen und mit ihr zur Großmutter nach Bad Ragaz zu fahren und von dort weiter zu reisen.

Klara war ein wenig traurig über die plötzliche Abreise von der Alp, aber es war ja andererseits so viel Freude mit der Reise verbunden, und überdies war da gar keine Zeit, sich dem Bedauern hinzugeben.

Schon war die Großmama aufgestanden und hatte Heidis Hand erfasst, um den Zug anzuführen. Jetzt kehrte sie sich plötzlich um.

"Aber was in aller Welt machen wir nun mit Klärchen?" rief sie erschrocken aus, denn es war ihr in den Sinn gekommen, dass der Weg doch viel zu weit für sie sein würde.

Aber schon hatte in gewohnter Weise der Großvater seine kleine Pflegetochter auf den Arm genommen und folgte mit festem Schritt der Großmama nach. Zuletzt kam Herr Sesemann, und so ging die Gruppe weiter den Berg hinunter.

Heidi musste immerfort aufhüpfen vor Freude an der Seite der Großmama, und diese wollte nun alles wissen von der Großmutter, wie sie lebe und wie alles bei ihr zugehe, besonders im Winter bei der großen Kälte da droben.

Heidi berichtete über alles ganz genau, denn sie wusste genau, wie da alles zuging und wie dann die Großmutter zusammengeduckt in ihrem Winkelchen saß und zitterte vor Kälte. Heidi wusste auch gut, was sie dann zu essen hatte, und auch, was sie nicht hatte.

Bis zur Hütte hinunter hörte die Großmama sehr aufmerksam Heidis Berichten zu.

Die Brigitte war eben dabei, Peters zweites Hemd an die Sonne zu hängen, damit, wenn das eine wieder genug getragen war, das andere angezogen werden konnte. Sie erblickte die Gesellschaft und stürzte in die Stube hinein.

"Jetzt grad geht alles fort, Mutter", berichtete sie. "Es ist ein ganzer Zug; der Großvater begleitet sie, er trägt das kranke Mädchen."

"Ach, muss es denn wirklich sein?" seufzte die Großmutter. "So nehmen sie Heidi mit, das hast du gesehen? Ach, wenn sie mir nur auch noch die Hand geben dürfte! Wenn ich Heidi nur auch noch einmal hörte!"

Jetzt wurde stürmisch die Tür aufgemacht, und Heidi war in wenigen Sprüngen in der Ecke bei der Großmutter und umklammerte sie.

"Großmutter! Großmutter! Mein Bett kommt aus Frankfurt und alle drei Kissen und auch die dicke Decke; in zwei Tagen ist es da, das hat die Großmama gesagt."

Heidi konnte gar nicht schnell genug ihren Bericht herausbringen, denn sie konnte die ungeheure Freude der Großmutter fast nicht abwarten. Sie lächelte, aber ein wenig traurig sagte sie:

"Ach, was muss das für eine gute Frau sein! Ich sollte mich nur freuen, dass sie dich mitnimmt, Heidi, aber ich kann es nicht lang überleben."

"Was? Was? Wer sagt denn der guten alten Großmutter so etwas?" fragte hier eine freundliche Stimme, und die Hand der Alten wurde dabei erfasst und herzlich gedrückt, denn die Großmama war hinzugetreten und hatte alles gehört. "Nein, nein, davon ist keine Rede! Heidi bleibt bei der Großmutter und macht ihre Freude aus. Wir wollen das Kind auch wieder sehen, aber wir kommen zu ihm. Jedes Jahr werden wir nach der Alm hinaufkommen, denn wir haben Grund genug, an dieser Stelle dem lieben Gott alljährlich unseren besonderen Dank zu sagen, wo er ein solches Wunder an unserem Kinde getan hat."

Jetzt kam der echte Freudenschein auf das Gesicht der Großmutter, und mit wortlosem Dank drückte sie lange die Hand der guten Frau Sesemann, während ihr vor lauter Freude ein paar große Tränen die alten Wangen herab glitten. Heidi hatte den Freudenschein auf dem Gesichte der Großmutter gleich gesehen und war jetzt ganz glücklich.

"Gell, Großmutter", sagte Heidi während sie sich an sie schmiegte, "jetzt ist es so gekommen, wie ich dir zuletzt gelesen habe? Gell, das Bett aus Frankfurt wird sicher gut tun?"

"Ach ja, Heidi, und noch so vieles, so viel Gutes, das der liebe Gott an mir tut!" sagte die Großmutter mit tiefer Rührung. "Wie ist es nur möglich, dass es so gute Menschen gibt, die sich um eine arme Alte bekümmern und so viel an ihr tun! Es gibt nichts, das einem den Glauben an einen guten Vater im Himmel so stärken kann, der auch sein Geringstes nicht vergessen will, wie so etwas zu erfahren, dass es solche Menschen gibt voll Güte und Barmherzigkeit für eine arme, alte Frau, wie ich eine bin."

"Meine gute Großmutter", fiel hier Frau Sesemann ein, "vor unserem Herrn im Himmel sind wir alle gleich armselig, und alle haben wir es gleich nötig, dass er uns nicht vergesse. Und nun nehmen wir Abschied, aber auf Wiedersehen, denn sobald wir nächstes Jahr wieder nach der Alm kommen, suchen wir auch die Großmutter wieder auf; die wird nie mehr vergessen!" Damit erfasste Frau Sesemann noch einmal die Hand der Alten und schüttelte sie.

Aber sie kam nicht so schnell fort, wie sie meinte, denn die Großmutter konnte nicht aufhören zu danken, und alles Gute, das der liebe Gott in seiner Hand habe, wünschte sie auf ihre Wohltäterin und deren ganzes Haus herab.

Jetzt zog Herr Sesemann mit seiner Mutter talabwärts, während der Großvater Klara noch einmal mit nach Hause trug und Heidi, den ganzen Weg neben ihnen her hüpfte, denn Heidi war so froh über die Aussicht der Großmutter, dass sie mit jedem Schritt einen Sprung machen musste.

Am Morgen darauf aber gab es heiße Tränen als Klara von der schönen Alm Abschied nehmen musste, wo es ihr so gut gegangen war wie noch nie in ihrem Leben. Aber Heidi tröstete sie und sagte:

"Es ist bald wieder Sommer, und dann kommst du wieder, und dann ist's noch viel schöner. Dann kannst du von Anfang an gehen, und wir können alle Tage mit den Ziegen auf die Weide gehen und zu den Blumen hinauf, und alles Lustige geht von vorn an."

Herr Sesemann war wie verabredet gekommen, um seine Tochter abzuholen. Er stand jetzt drüben beim Großvater, die Männer hatten noch allerlei zu besprechen. Klara wischte nun ihre Tränen weg, Heidis Worte hatten sie ein wenig getröstet.

"Ich lasse auch den Peter noch grüßen", sagte sie wieder, "und alle Ziegen, besonders das Schwänli. Oh, wenn ich nur dem Schwänli ein Geschenk machen könnte; es hat so viel dazu geholfen, dass ich gesund geworden bin."

"Das kannst du schon ganz gut", versicherte Heidi. "Schick ihm nur ein wenig Salz, du weißt schon, wie gern es am Abend das Salz aus der Hand des Großvaters schleckt."

Der Rat gefiel Klara gut.

"Oh, dann will ich ihm sicher hundert Pfund Salz aus Frankfurt schicken", rief sie erfreut aus, "es muss auch ein Andenken an mich haben."

Jetzt winkte Herr Sesemann den Kindern, denn er wollte abreisen. Diesmal war das weiße Pferd der Großmama für Klara gekommen, und jetzt konnte sie herunter reiten, sie brauchte keinen Tragsessel mehr.

Heidi stellte sich auf den äußersten Rand des Abhanges hinaus und winkte Klara nach, bis das letzte Restchen von Ross und Reiterin geschwunden war.

Das Bett ist angekommen, und die Großmutter schläft jetzt so gut jede Nacht, dass sie sicher dadurch zu ganz neuen Kräften kommt. Den harten Winter auf der Alp hat die gute Großmama auch nicht vergessen. Sie hat ein großes Paket zur Ziegenpeter-Hütte geschickt. Darin war so viel warmes Zeug verpackt, dass die Großmutter sich ganz damit einhüllen kann und sicher nie mehr vor Kälte zitternd in ihrer Ecke sitzen muss.

Im Dörfli ist ein großer Bau im Gange. Der Herr Doktor ist angekommen und hat vorerst sein altes Quartier bezogen. Auf den Rat seines Freundes hin hat der Herr Doktor das alte Gebäude gekauft, das der Großvater im Winter mit Heidi bewohnt hatte und das ja schon einmal ein großer Herrensitz gewesen war, was man immer noch an der hohen Stube mit dem schönen Ofen und dem kunstreichen Getäfel sehen konnte. Diesen Teil des Hauses lässt der Herr Doktor als seine eigene Wohnung aufbauen. Die andere Seite wird als Winterquartier für den Großvater und Heidi hergestellt, denn der Herr Doktor kennt den Alten als einen unabhängigen Mann, der seine eigene Behausung haben muss. Dahinter wird ein fest gemauerter, warmer Ziegenstall eingerichtet, da werden Schwänli und Bärli in sehr behaglicher Weise ihre Wintertage zubringen.

Der Herr Doktor und der Großvater werden täglich bessere Freunde, und wenn sie zusammen auf dem Gemäuer herum steigen, um den Fortgang des Baues zu besichtigen, sind ihre Gedanken meistens bei Heidi, denn beide freuen sich am meisten darauf, dass sie mit ihrem fröhlichen Kinde hier einziehen werden.

"Mein lieber Freund", sagte kürzlich der Herr Doktor, mit dem Großvater oben auf der Mauer stehend, "Sie müssen die Sache ansehen wie ich. Ich teile alle Freude an dem Kinde mit Ihnen, als wäre ich der nächste nach Ihnen, zu dem das Kind gehört; ich will aber auch alle Verpflichtungen teilen und nach bester Einsicht für das Kind sorgen. So habe ich auch meine Rechte an unserer Heidi und kann hoffen, dass sie mich in meinen alten Tagen pflegt und bei mir bleibt, was mein größter Wunsch ist. Heidi soll alle Rechte wie mein eigenes Kind erhalten; so können wir sie ohne Sorge zurücklassen, wenn wir einmal von ihr gehen müssen, Sie und ich."

Der Großvater drückte dem Herrn Doktor lange die Hand. Er sagte kein Wort, aber sein guter Freund konnte in den Augen des Alten die Rührung und große Freude lesen, die seine Worte erweckt hatten.

Zu diesem Zeitpunkt saßen Heidi und Peter bei der Großmutter, und Heidi hatte so viel zu tun mit Erzählen und Peter mit Zuhören, dass sie alle beide kaum zu Atem kommen konnten und vor Eifer immer näher zur glückliche Großmutter hin rutschten

Wie viel war ihr auch zu berichten von alle dem, was sich den ganzen Sommer über ereignet hatte, denn man war ja so wenig zusammengekommen während dieser Zeit.

Und von den dreien sah immer einer glücklicher aus als der andere über das neue Zusammensein und über alle die wunderbaren Ereignisse. Am glücklichsten aber wirkte Brigitte, denn mit Heidis Hilfe war nun zum ersten Mal klar und verständlich die Geschichte des unaufhörlichen Zehners herausgekommen. Zuletzt aber sagte die Großmutter:

"Heidi, lies mir ein Lob- und Danklied! Es ist mir, als könne ich nur noch loben und preisen und unserem Gott im Himmel Dank sagen für alles, was er an uns getan hat."

Der Klassiker HEIDI KANN BRAUCHEN, WAS ES GELERNT HAT von Johanna Spyri (1827-1901) wurde von Andrea Weber-Tramp für den Lesekorb nacherzählt.


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http://www.labbe.de/lesekorb/index.asp?themaid=147



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