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Die Märchen von 1001 Nacht

von Autor Unbekannt

Der Anfang der Geschichte

Vor langer Zeit lebte in Smarkand ein mächtiger König namens Schahrirar. Er war ein grausamer Mann. Als seine Frau gestorben und in Allahs Reich eingegangen war, langweilte er sich sehr. Darum befahl er seinem Großwesir, er solle ihm jeden Tag ein junges Mädchen in den Palast zu schicken. Dieses Mädchen sollte bei ihm bleiben und ihm die Zeit vertreiben, bis die Sonne aufging. Und dann, wenn es Tag wurde, befahl der König, dem Mädchen den Kopf abzuschlagen. Daran hatte er seinen Spaß.

Der Wesir hatte großes Mitleid mit den Mädchen. Weil er aber Angst vor dem König hatte, führte er die Befehle aus. So tötete der König immer weiter. Die Menschen fürchteten sich vor ihm und beteten zu Allah, er möge diesen Tyrannen vernichten. Die Mütter weinten und die Eltern flüchteten mit ihren Töchtern aus der Stadt. Schließlich gab es in der ganzen Stadt kein einziges junges Mädchen mehr.

Immer wieder befahl der König dem Wesir, ihm ein junges Mädchen zu bringen, doch nach kurzer Zeit konnte der Großwesir in der ganzen Stadt kein einziges mehr finden. Traurig ging er zu sich nach Hause, das Herz voll von Angst und Bitterkeit. Er hatte nämlich selbst zwei Töchter. Sie waren wunderschön und sein ganzer Stolz. Das älteste Mädchen hieß Scheherazade, die jüngere Dunjazade.

Scheherazade hatte in ihrem Leben sehr viele Bücher gelesen. Sie kannte die Geschichten aus alten Zeiten und die Legenden von versunkenen Völkern. Im ganzen Land wusste man, was für ein belesenes Mädchen Scheherazade war. Man erzählte über sie, sie habe bestimmt tausend und mehr Bücher gelesen, denn sie wisse alles über Sagen und Dichter. Sie konnte so lebendig erzählen, dass alle, die ihren Worten lauschten, in ihren Bann gerieten und viele Menschen von ihren Geschichten angerührt waren.

Als Scheherazade sah, dass ihr Vater so verzweifelt war, fragte sie ihn: „Ach Vater, was ist mit euch? Ich sehe doch, dass euer Herz traurig ist.“ Da erzählte ihr der Vater, was geschehen war.

Scheherazade aber sagte: „Oh, Vater, was da geschieht, ist wirklich schrecklich. Dieses Morden muss ein Ende haben. Ich bitte dich, bringe mich zum König.“ „Allah bewahre dich!“, rief der Wesir. „Setze dich nicht so einer großen Gefahr aus!“ Und er flehte sie unter Tränen an, nicht zum König zu gehen. Aber Scheherazade hatte einen Plan geschmiedet und ließ sich von ihrem Wunsch, zum König gebracht zu werden, nicht abbringen.

Der Wesir war beeindruckt von der Ruhe und Kraft, die von dem Mädchen ausging. Ängstlich und schwankend zwischen Furcht und Hoffnung stieg er zum Palast des Königs hinauf. Dort warf er sich vor dem König auf die Knie. „Oh König, wenn es sein muss, bringe ich euch morgen meine Tochter“, sagte er und dabei hatte er Mühe, nicht in Tränen auszubrechen.

In dieser Zeit redete Scheherazade mit ihrer Schwester. „Wenn ich beim König bin, lasse ich dich holen. Dann sollst du zu mir sagen: `Liebe Schwester, erzähle doch eine von deinen wunderbaren Geschichten, damit der Abend für den König schön und angenehm verläuft.` Dann werde ich anfangen, Geschichten zu erzählen. Und, bei Allah, wenn sie ihm gefallen, werden sie uns befreien und sie werden den König von dem blutrünstigen Morden abbringen.“

Dann kam ihr Vater um sie zu holen und brachte sie zu dem König Schahrirar. Als sich der König neben sie setzte, seufzte Scheherazade tief. Da fragte der König: „Was ist mit dir?“ Scheherazade erwiderte: „Oh, mein Gebieter, ich habe eine jüngere Schwester, die ich sehr liebe und die sich große Sorgen um mich macht. Ich möchte mich so gerne von ihr verabschieden.“

Da ließ der König die Schwester holen. Sie kam und setzte sich zu den Füßen des Königs. Als das Gespräch ins Stocken geriet, sagte sie zu Scheherazade: „ Liebe Schwester, erzähle uns doch eine von deinen berühmten Geschichten, die im ganzen Land gehört werden.“ „Aber gerne“, erwiderte Scheherazade. „Wenn der große König es erlaubt.“

„Fang an!“, sprach der König. Er war unruhig und fand sowieso in den Nächten keinen Schlaf mehr. Es gefiel ihm, Geschichten zu hören und er war gespannt, was das Mädchen zu erzählen hatte. Scheherazade freute sich.

Und dann begann sie zu erzählen. Der König hörte ihr zu. Die Nacht verging und Scheherazade erzählte immer noch. Da kam der Morgen und die Vögel begannen zu singen. Als Scheherazade merkte, dass der Tag gekommen war, hielt sie inne. Doch ihre kleine Schwester sprach: „Oh Schwester, wer deinen Geschichten lauscht, gerät in einen Zauberbann.“

Da erwiderte Scheherazade: “Ach, das ist nichts. Ich könnte in der nächsten Nacht noch viel schönere Geschichten erzählen. Jedenfalls, wenn ich noch am Leben wäre…“ `Bei Allah, ich will sie nicht töten lassen, bevor ich nicht noch mehr Geschichten von ihr gehört habe´, dachte der König bei sich.

Dann ging er in sein Arbeitszimmer, wo der Staatsrat auf ihn wartete. Da sah er den Großwesir herkommen. Er trug ein Leichentuch unter dem Arm, das für seine Tochter bestimmt war. Doch der König achtete nicht auf ihn, sondern vertiefte sich in seine Staatsgeschäfte. Das tat er bis zum Ende des Tages, ohne mit dem Wesir auch nur ein Wort zu reden.

Als der Staatsrat gegangen war, kehrte der König in seinen Palast zurück. Dann brach die zweite Nacht heran. Der König schickte Dunjazade fort und wandte sich Scheherazade zu. „Erzähle weiter!“, sagte er ein bisschen verlegen, denn es war ihm peinlich, dass er so einen Spaß an diesen Geschichten hatte. Und Scheherazade erzählte weiter.

Das alles geschah in tausend Nächten und noch einer Nacht. Scheherazade erzählte unendlich viele schöne Geschichten. Die schönsten davon sind in diesem Buch aufgeschrieben. Sie begann mit einer alten Legende. Das war die Geschichte von dem Fischer, der eine Flasche fand.

Die Geschichte vom Fischer, der eine Flasche fand

Es war einmal ein Fischer, der war alt und arm. Er hatte eine Frau und drei Kinder, aber er besaß kein Geld. Tagsüber ging er zum Meer und warf seine Netze aus. Das tat er immer genau dreimal, nicht häufiger.

Eines Tages ging er wieder zum Meer, warf das Netz aus und wartete, bis es auf dem Grund versunken war. Als er dann die Leinen zusammen zog und versuchte, das Netz heraus zu holen, fühlte es sich sehr schwer an. Nur mit Mühe gelang es dem Fischer, es hoch zu ziehen.

Seine Enttäuschung war groß, als er sah, was sich in dem Netz befand: Ein großer Keramiktopf, der mit Sand und Schlamm gefüllt war. Da wurde der Fischer traurig und ärgerlich zugleich und sagte: „Allah ist groß und mächtig, aber die Arbeit, die wir auf Erden tun müssen ist wirklich manchmal zu mühsam.“

Und wieder warf er sein Netz aus und wartete, bis es auf dem Grund versunken war. Als er dann versuchte, es heraus zu ziehen, war es noch schwerer als beim ersten Mal. Der Fischer freute sich, hoffte er doch, es wären dieses Mal viele Fische darin. Er zog und zog, bis er das Netz endlich auf das Land gezogen hatte. Aber was fand er darin? Nur einen toten Hammel, der ertrunken war und stank.

Als der Fischer das sah, presste er das Wasser aus dem Netz, säuberte es und hob den Kopf zum Himmel. Dann sprach er: „Allah, du weißt doch, dass ich meine Netze nicht mehr als dreimal auswerfe. Zweimal aber habe ich es schon getan!“

Dann warf er sein Netz zum letzen Mal ins Meer. Als er es aber nun heraus ziehen wollte, war es so schwer, dass es ihm trotz aller Anstrengung nicht gelang, es aus dem Wasser zu ziehen. Er zog sich aus, sprang ins Wasser und tauchte um das Netz herum. Mit vereinter Kraft brachte er es schließlich an Land.

Dann öffnete er die Maschen. Im Netz fand er eine gurkenförmige Flasche aus gelbem Kupfer, die mit einer Bleikapsel verschlossen war. Die Kapsel trug das Siegel des Königs Salomo.

Der Fischer freute sich und sagte sich: „ Wenn ich diese Flasche auf dem Markt verkaufe, bringt sie sicherlich zehn Golddinare ein.“ Er schüttelte die Flasche. Sie fühlte sich seltsam schwer an.

„Ich wüsste zu gerne, was da darin ist“, überlegte der Fischer weiter. Er nahm sein Messer und schnitt an dem Blei herum, bis es von der Flasche gelöst war. Dann drehte er die Flasche um. Doch es kam nichts heraus. Der Fischer wunderte sich sehr und schüttelte abermals, dieses Mal aber viel kräftiger.

Plötzlich schoss Rauch aus der Flasche. Er stieg bis zum Himmel hinauf. Dann verdichtete er sich und sank wieder auf die Erde zurück. Er veränderte sich und bekam die Gestalt eines Geistes.

Es war ein riesig großer Geist. Seine Beine standen auf dem Sand wie Säulen und sein Scheitel streifte die Wolken. Der Kopf war so groß wie eine Kuppel, die Hände riesig wie Heugabeln und der Mund sah aus wie eine Grotte in einem Felsen. Besonders unheimlich aber waren die Augen. Sie funkelten wie Laternen in der Nacht und der Blick war wild und gefährlich.

Der Fischer war zu Tode erschrocken und wusste nicht, was er tun sollte. Als der Geist den Fischer erblickte, sagte er mit einer Stimme, die an dunkles Donnergrollen erinnerte: „Sei tapfer, mein Fischer!“ „Warum?“ fragte der Fischer ängstlich. „Weil du noch in dieser Stunde sterben wirst“, entgegnete der Geist. Da rief der Fischer: „ Was sagst du da? Ich soll sterben? Was fällt dir ein? Ich war es doch, der dich aus dem Meer gerettet hat und dich aus der Flasche ließ!“

Aber der Geist erwiderte unbeirrt: „Wähle die Todesart, die du bevorzugst.“ „Aber warum denn nur?“ rief der Fischer verzweifelt. „Was ist das denn für eine Art, sich zu bedanken, wenn man seinen Befreier dafür umbringt!“ „Höre die Geschichte, die ich zu erzählen habe!“, bat der Geist. „Beeile dich, du unheimliches Wesen!“, entgegnete der Fischer. „Denn mein Herz sinkt schon in den Bauch und der Atem wird langsamer.“

Und der Geist begann, zu erzählen. „Ich bin ein kämpferischer Geist. Und ich liebe das Chaos. Vor langer Zeit habe ich mich gegen Salomo, den Sohn Davids erhoben. Der König Salomo aber hatte Gewalt über das Geisterreich und er ließ mich fangen und in Fesseln legen.

So führte man mich zu ihm. Er verlangte von mir, aus der Dunkelheit zu treten, Frieden zu schließen und Gutes zu tun. Aber ich komme aus der Nacht und der Dämmerung. Ich liebe das Böse und das Gute langweilt mich. Darum weigerte ich mich. Da ließ er diese Flasche bringen und fing mich darin ein. Dann versiegelte er die Flasche mit Blei und drückte sein Siegel darauf.

Er befahl den weißen Magiern, mich mitzunehmen und mich in das Meer hinaus zu werfen. Ungefähr hundert Jahre verbrachte ich auf dem Meeresgrund. Zuerst sagte ich mir immer: „Wer mich befreit, den will ich reich machen!“ Aber es vergingen weitere hundert Jahre, und niemand kam. Und als das dritte Jahrhundert vergangen war, sprach ich zu mir: „Dem, der mich erlöst, werde ich alle Schätze der Welt zum Geschenk machen.“ Aber auch in der Zeit kam niemand, der mich befreite.

Schließlich wurde ich unheimlich zornig und ich schwor meiner Seele: „Töten will ich denjenigen, der mich befreit. Doch damit er mich nicht für undankbar hält, will ich ihn die Todesart aussuchen lassen.“ Und nun warst du es, Fischer, der mich befreite. So lasse ich dir die freie Wahl: Wie willst du sterben?“

Der Fischer schüttelte verwundert den Kopf. „Was soll das für ein Schwur sein? Und was ist das für eine Freiheit der Wahl. Ausgerechnet ich musste es sein, der dieses wütende Wesen befreite. Oh, Geist, sei gnädig mit mir, dann wird es euch Allah danken.“ Aber der Geist entgegnete: „Verstehst du das nicht? Gerade weil du mich befreit hast, sollst du ja sterben. Schnell, sag mir, wie du sterben möchtest.“

Da dachte der Fischer: „Ich bin zwar nur ein Mensch und er ist ein Geist, aber immerhin hat mich Allah mit Verstand ausgestattet, der Riese dagegen scheint nur wenig davon zu haben. Da wollen wir doch einmal sehen, wem Allah den Vorzug gibt, der Bösartigkeit des Geistes oder meiner Schlauheit.“ Und so sagte er zu dem Geist: „Beim Siegel des Königs Salomo bitte ich dich, antworte mir offen und ehrlich auf das, was ich dich jetzt fragen werde.“

Als der Geist vom König Salomo hörte, war er ein bisschen eingeschüchtert und erwiderte sofort: „Ich werde die reine Wahrheit sagen.“ Da fragte der Fischer: „Wir konntest du mit deiner ganzen Körpergröße in diese kleine Flasche passen, wo doch eigentlich noch nicht einmal eine Hand oder ein Fuß von dir dort hinein passt.“

Der Geist rollte verärgert mit den großen Augen. „Du zweifelst doch nicht daran, dass ich aus der Flasche kam!“, rief er wütend. „Du hast doch genau gesehen, wie ich dort heraus kam, du Narr.“ „In dem Moment habe ich gerade nicht so genau hingeschaut“, erwiderte der Fischer. „Also, wenn ich ganz ehrlich bin, kann ich es nicht glauben – es sei denn ich sähe, wie du vor meinen Augen noch einmal in die Flasche zurück spazierst.“

„Nichts leichter als das!“, rief der Geist. Er rüttelte und schüttelte sich und wurde wieder zu einer Rauchfahne, die zwischen Himmel und Erde stand. Dünner und dünner wurde der Rauch. Dann tauchte er in die Öffnung ein, bis er wieder wie ein kleines Wölkchen in der Flasche saß. Da nahm der Fischer schnell den Deckel aus Blei, der das Siegel Salomos trug, und verschloss die Flasche.

Dann beugte er sich zu dem Verschluss hinunter und rief: „Hallo, du da drin. Jetzt bist du dran, die Todesart zu wählen, die dir am Liebsten ist. Also, ich wusste zwar, dass es gute und böse Geister gibt, du aber gehörst zu denen, die böse und blöde zugleich sind. Du Dummkopf in der Flasche, du undankbarer Zeitgenosse! Am Besten, ich werfe dich wieder ins Meer. Ein paar weitere Jahrhunderte Langeweile sind das Beste für einen wütenden Geist wie dich. Leb wohl, Geist! Ich wünsche dir ein geruhsames Jahrtausend!“

Als der Geist diese Worte hörte, versuchte er verzweifelt, aus der Flasche heraus zu kommen, aber es gelang ihm nicht. Da erkannte er, dass er gefangen war und das Siegel Salomos über sich trug, das die Geister machtlos machte. Und als er bemerkte, dass der Fischer die Flasche wirklich zum Meer hinunter trug, rief er: „Nicht! Bitte nicht!“ Doch der Fischer entgegnete vergnügt: „Aber doch! Aber doch!“

Nun wurde der Geist sehr gehorsam und untertänig und flehte: „Oh lieber Fischer, bitte öffne diese Flasche! Ich will dich mit guten Taten überschütten.“Doch der Fischer schüttelte den Kopf. „Du lügst! Mit dir und mir ist es doch genauso wie mit dem Wesir des Königs Junan und dem Arzt Rujan.“ Verwundert fragte der Geist: „Was ist denn mit dem Wesir des König Junan? Was hat das zu bedeuten? Ist das eine Geschichte?“ Und da erzählte der Fischer die Geschichte vom Weisen und vom Wesir.

Die Geschichte vom Wesir des Königs Junan und dem weisen Rujan

Vor langer Zeit lebte ein reicher und mächtiger König, der Junan hieß. Sein Körper war von einem Hausausschlag befallen, und es fand sich im ganzen Land kein Heilkundiger, der ihn davon befreien konnte. Weder Arznei, noch eine Kur hatten Erfolg. Die Ärzte waren hilflos, und dem König ging es von Tag zu Tag schlechter.

Eines Tages kam der berühmte Arzt Rujan in die Stadt. Er war ein wirklich weiser Arzt und kannte sich mit indischen, ägyptischen, griechischen und arabischen Heilmethoden aus. Aber er kannte nicht nur die Lehre der Medizin, er wusste auch von der Sternkunde und den öffentlichen und geheimen Regeln der Heilkunde.

Außerdem kannte der sich mit dem Heilen durch Heilkräutern und Edelsteine aus. Auch viele andere Gebiete wie die Lehre von der Religion, der Astrologie, der Tier- und Pflanzenkunde und der Geheimwissenschaft hatte er erlernt.

Als der Arzt in die Stadt gekommen war, in der auch der König wohnte, und dort ein paar Tage bliebt, hörte er die Geschichte von dem König und dem Hautausschlag. Rujan verbrachte eine ganze Nacht damit, nachzudenken, wie er dem König helfen könnte. Und als die Sonne aufging, zog er sich seine schönsten Gewänder an und trat vor den König.

„Ich bin Rujan, ein bekannter Arzt und Heiler“, erklärte er dem König. „Ich habe von eurem Leid erfahren und habe auch gehört, dass kein Arzt bis jetzt ein Mittel gefunden hat, euch zu heilen. Darum bitte ich euch, oh König, lasst mich euch behandeln. Ich werde euch heilen, ohne dass ich euch etwas an Medizin eingebe oder ohne dass ich euch mit Salben einreibe. Ich werde euch auch nicht mit einem Messer schneiden oder mit Nadeln stechen oder irgendetwas Schmerzhaftes tun. Wichtig ist eben nur, dass ihr mir und meinen Methoden vertraut. Mehr verlange ich nicht.“

Der König war über diese Worte sehr erstaunt. Er antwortete: „Wenn du mich heilst, will ich dir alle Wünsche dieser Welt erfüllen. Ich will dich reich machen, du sollst mein Weggenosse und mein Freund sein.“

Der Arzt kehrte vom Palast zurück, mietete sich ein Haus in der Stadt und vertiefte sich in seine Bücher. Er las alle seine Sammlungen über aromatische Kräuter. Dann mischte er viele wichtige Kräuter miteinander und stellte daraus eine Flüssigkeit her.

Anschließend ließ er die Flüssigkeit fest werden und fertigte einen Ballschläger daraus. Der Schläger hatte eine kurze und gebogene Form, die am Griffende ausgehöhlt wurde. In diese Höhlung stopfte Rujan weitere Heilkräuter und tränkte den Griff mit neuen Kräuterflüssigkeiten.

Als er damit fertig war, stieg er zum König hinauf, trat zu ihm und verneigte sich. „Wenn ihr gesund werden möchtet, so bitte ich euch, zieht mit eurem Pferd hinaus zum großen Reitplatz. Nehmt einen Ball und einen Schläger, den ich für euch angefertigt habe, und fang an, Polo zu spielen“, sagte er. Der König nickte erstaunt.

Auf dem Reitplatz reichte Rujan dem König den Schläger und erklärte: „Gütiger König, ich bitte euch, nehmt diesen Schläger und fasst ihn so an, wie ich es euch zeige. Schlagt dann den Ball mit all eurer Kraft, sodass eure Hand und danach euer ganzer Körper in Schweiß geraten. Auf diese Weise wird das Heilmittel in die Fläche eurer Hand eindringen und in eurem Körper kreisen. Wenn ihr genug geschwitzt habt und das Mittel Zeit hatte, zu wirken, kehrt zu eurem Palast zurück und nehmt ein heißes Bad. Danach, oh König, seid ihr geheilt. Friede sei mit euch!“

Da nahm der König Junan den Schläger und umfasste ihn mit der Hand, wie es ihm Rujan gezeigt hatte. Er begann, den Ball zu schlagen und hörte nicht eher auf, als bis seine Hand feucht war und er am ganzen Körper zu schwitzen begann. Als Rujan sah, dass der König verschwitzt und ermattet war, riet er ihm, heimzukehren. Der König ging in ein Badehaus und nahm ein heißes Dampfbad.

Als er das Badehaus verließ, betrachtete er seinen Körper und konnte es kaum glauben. Seine Haut war rein geworden, und glänzte wie klarstes Silber. Der König freute sich sehr und war glücklich wie nie zuvor. Dann kehrte er in seinen Königssaal zurück und setzte sich auf seinen goldenen Thron.

Die Großen des Reiches kamen herein. Zuletzt, ganz bescheiden hinter allen, erschien auch der Arzt Rujan. Als der König den Arzt erblickte, stand er ihm zu Ehren auf und forderte ihn auf, an seiner Seite nieder zu sitzen. Er speiste mit ihm, wünschte ihm ein langes Leben und übergab ihm viele schöne Geschenke. Dann unterhielt er sich mit ihm bis tief in die Nacht. Zuletzt wünsche ihm der Arzt alles Gute und zog sich in sein Haus zurück.

Als der nächste Tag anbrach, zog der König erneut in den Audienzsaal ein. Alle Wesire verneigten sich. Unter ihnen aber befand sich einer, der war besonders bösartig. Er hatte ein finsteres Gesicht und einen bösen Blick. Eifersüchtig hatte er verfolgt, wie der König den Arzt Rujan mit Geschenken und freundlichen Worten überhäuft hatte, und sein Herz war zerfressen von Neid und Hass. So beschloss er, den Arzt schlecht zu machen.

Als er Gelegenheit dazu hatte, trat er zum König, küsste die Erde zwischen seinen Händen und sprach: „Oh König des Jahrhunderts, der ihr die Sterblichen einhüllt in eure Wohltaten, ich habe für euch einen wichtigen Rat. Wenn ich ihn nicht verrate, wäre ich ein schlechter Wesir meines großen Königs. Wenn ihr mich auffordert, zu sprechen, werde ich nicht zögern, euch davon zu erzählen.“ Da antwortete der König: „Sprich! Ich will hören, was du zu sagen hast.“

Der Wesir sagte: „Oh, ruhmreicher Herrscher, ich habe gesehen, dass ihr euren größten Feind mit wertvollen Geschenken überhäuft habt und nicht bemerkt habt, dass ausgerechnet der das ganze Reich ins Verderben führen wird. Darum bin ich in großer Sorge.“ Der König wurde ganz blass. „Wer meinst du, ist es, den ich mit Geschenken überhäuft habe, aber der in Wirklichkeit mein Feind ist?“ „Oh König“, rief der Wesir. „Wenn euer Geist einen Moment lang eingeschlafen ist, möge er doch bitte erwachen. Ich spreche von keinem anderen, als von dem Arzt Rujan.“

Der König sprang verärgert auf. „Dieser Arzt ist mein Freund“, rief er. „Und er ist mir der Liebste unter allen Menschen, die ich kenne. Er hat mich von meiner schweren Krankheit geheilt. Es gibt keinen Arzt, der so klug ist, wie er, weder im Morgen- noch im Abendland. Wie kannst du also so etwas von ihm behaupten? Er hat es verdient, dass ich ihm die Hälfte meines Landes schenke. Er hat mich von einem furchtbaren Leiden geheilt. Sei ehrlich, Wesir, aus dir spricht nur der Neid. Oder haben ihn die anderen Ärzte angeschwärzt, weil er auf andere Weise heilt als sie? Das kann ich ihnen nicht raten!“

Doch mit fester Stimme und klarem Blick erwiderte der Wesir geschickt: „Erhabener König! Es wird eine Zeit kommen, da werdet ihr erfahren, dass ich die Wahrheit gesagt habe. Bedenkt, wenn ihr meinem Rat vertraut, seid ihr gerettet, wenn ihr es aber nicht tut, seid ihr verloren.“

Und mit eindringlicher Stimme fuhr er fort: „Wenn ihr euch weiterhin diesem Arzt anvertraut, werdet ihr sterben. Denn er plant den Tod für euch. Bedenkt, wie er euch geheilt hat: mit einem Gegenstand, den er euch in die Hand gegeben hat. Und genau auf diese Weise wird er auch euren Mord planen: mit einem anderen Gegenstand, den er euch dann in die Hand geben wird. Ich habe geheime Pläne und Aufzeichnungen von ihm gelesen. Denkt daran, er kommt aus dem Land unserer Feinde. Und was wollen eure Feinde wohl mit euch? Sie wollen euren Tod.“

Lange dachte der König über die Worte nach. Dann sagte er: „Es beeindruckt mich, dass du deine Gedanken so offen aussprichst, Wesir. Vielleicht ist es ja wirklich so, dass dieser Arzt als Spion zu mir gekommen ist, um meinen Untergang zu bewirken. … Ich habe tatsächlich listige Feinde. Kommt er denn wirklich aus dem Feindesland? Dem Feind traue ich natürlich alles zu, auch dass sie einen wandernde Arzt zu mir senden.

Aber du hast Recht, wenn er mich mit einem Gegenstand in meiner Hand von meinen Leiden heilt, kann er mir auch mit einem anderen Gegenstand das Leben wieder nehmen.“ Und nach einer Weile fragte er weiter: „Was soll ich deiner Meinung nach tun?“

“Lasst ihn köpfen“, schlug der Wesir vor. „Was sonst? Ihr müsst ihn holen und auf der Stelle köpfen lassen. Lasst euch nicht darauf ein, lange Erklärungen abzugeben und euch auf Verhandlungen einzulassen, sonst kommt er nur auf die Idee, euch zu vergiften. Nur wenn ihr schnell seid, könnt ihr euch und euer Reich retten.“

Der König Junan erwiderte: „Du hast Recht, Wesir.“ Und er seufzte tief. Doch tief in seinem Herzen saß schon da Misstrauen gegen den Arzt, und der König sah nichts anderes in ihm als einen Feind. Und aus Angst und Misstrauen wurden Blindheit und Hass.

So schickte der König seinen Boten zum Arzt und ließ den weisen Rujan kommen. Fröhlich und ahnungslos betrat er den Saal des Königs. Als er vor dem König stand, sagte der zu ihm:„Weißt du, was dir jetzt bevor steht?“ „Niemand kann die Zukunft vorhersehen“, erwiderte der Arzt freundlich. Darauf sagte der König: „Dir steht der Tod bevor. Ich habe dich kommen lassen, um dich töten zu lassen.“

Der Arzt konnte die Worte kaum glauben. Verwundert antwortete er: „Oh guter König, das soll wohl ein Scherz sein. Allerdings muss ich zugeben, dass es kein guter Scherz ist. Aber warum solltet ihr mich töten lassen? Bin ich etwa ein Mörder? Ich bin Arzt und ich diene eurer Gesundheit.“ Aber der König entgegnete: „Man berichtete mir, du dienst dem Feind. Du bist ein Spion, der gekommen ist, mich zu ermorden. Darum will ich dich töten, bevor du mich tötest.“

Und er rief den Schwertträger und sagte zu ihm: „Triff den Nacken dieses Verräters mit deinem Schwert, damit wir von diesem Missetäter ein für allemal befreit sind.“ „Oh bitte, schenkt mir das Leben, guter König“, rief der Arzt. „Allah wird es euch danken.“

Doch der König hatte schon sein Herz verschlossen. Seine Angst vor einem Anschlag war größer als alle Vernunft. Da erkannte der Arzt, dass der König, den er leidend und hilflos kennen gelernt hatte, in Wirklichkeit ein jähzorniger und dummer Tyrann war, und dass er einem Menschen geholfen hatte, der es gar nicht verdient hatte.

Aber da trat schon der Schwertträger vor und verband dem Arzt die Augen. Dann verneigte er sich vor dem König und sagte: „Ich bitte euch um die Erlaubnis, diesen Feind töten zu dürfen.“ Doch als er langsam das Schwert hob, rief der Arzt:

„Oh König, wenn mein Tod wirklich beschlossen ist, dann bitte ich euch um ein paar Minuten Leben. Ich hatte keine Gelegenheit, mich auf den Tod vorzubereiten. Aber in meinem Haus gibt es Angelegenheiten, die ich unbedingt ordnen muss, bevor ich sterbe. Meine medizinischen Ausarbeitungen und Bücher sollen nicht verloren gehen, denn sie können vielen Menschen nützlich sein.

Besonders ein Buch befindet sich darunter, das das weiseste Buch aller Bücher ist. Die Grundlage aller Geheimnisse ist darin verborgen, und das will ich euch zum Abschied schenken. Zwar tötet ihr mich ohne Grund, doch ihr seid mein König. So lege ich mein wichtigstes Buch in eure Hände, damit es nicht die Wirtin bekommt, sondern es in den königlichen Besitz übergeht. Hütet es wie euren Augapfel.“

Da fragte der König: „Was ist das für ein Buch?“ Der Schwertträger senkte die Waffe und der Arzt erwiderte: „Das wichtigste Geheimnis, das es enthält, ist folgendes: Wenn ihr mir den Kopf abschlagen lasst, öffnet das Buch, zählt sieben Seiten, die ihr eine nach der anderen durchblättert. Dann findet ihr auf der linken Seite drei Zeilen, die ihr lesen müsst. Und dann wird das abgeschlagene Haupt zu euch sprechen und alle Fragen beantworten, die ihr ihm stellt.“

Der König begann, am ganzen Körper zu zittern. „Oh du großer Magier“, rief er erregt. „Selbst wenn ich dein Haupt abgeschlagen habe, wird es zu mir sprechen?“ „Versucht es nur!“, antwortete Rujan mit dunkler Stimme.

Da gestattete der König ihm, dass er zu seinem Haus zurückkehren durfte, aber er schickte einige Wächter mit. Der Arzt verschwand in seinem Arbeitszimmer und brachte seine Angelegenheiten an diesem und auch an dem darauf folgenden Tag in Ordnung.

Danach trat er wieder vor den König und reichte ihm ein großes Buch und eine kleine Schachtel mit Pulver. Dann bat er um einen großen Teller. Als ihm der Teller gereicht wurde, schüttete er das Pulver darauf und verteilte es.

Dann wandte er sich dem König zu: „Oh König, nehmt dieses Buch und lest es, sobald ihr mein Haupt abgeschlagen habt. Setzt das Haupt auf diesen Teller und presst es gegen das Pulver, damit das Blut gestillt wird. Erst dann öffnet das Buch.“ Doch der König war so unruhig, dass er gar nicht richtig auf die Worte achtete. Hastig nahm er das Buch und schlug es auf.

Aber die Blätter klebten merkwürdig aneinander. Da benetzte der König seine Finger mit Speichel, und versuchte auf diese Weise, die Seiten umzublättern. So gelang es ihm, die erste Seite aufzuschlagen. Dann versuchte er auch, die zweite und dritte Seite zu öffnen, doch es war sehr mühsam.

Wieder benetzte der König seine Finger mit Speichel. Ungeduldig schlug er die fünfte Seite auf und versuchte, zu lesen, aber die Blätter waren alle leer. „Was soll das!“, rief der König. „Es steht doch gar nichts in diesem Buch geschrieben.“ Doch der Arzt entgegnete. „Aber doch, großer König. Das letzte aller Geheimnisse steht darin. Blättert nur weiter, oh König.“

So fuhr der König fort, Seite um Seite umzublättern. Aber als er es eine Zeit lang getan hatte, stürzte er plötzlich von seinem Stuhl, wand sich hin und her und starb. Das Buch war vergiftet.

Der Arzt aber sagte gelassen: „Es war das Geheimnis des Todes, das dieses Buch enthielt. Wer mordet, wir selbst sterben. Es gibt Herrscher, die große Macht ausüben, doch eines Tages sterben sie, und dann ist es, als wären sie nie gewesen.“

Und so war es tatsächlich. Der Name des Königs und der seines Wesirs waren schnell vergessen, und wenn jemand sich noch an den Namen Junan erinnert, dann nur, weil er einen großartigen Arzt namens Rujan hatte.

Damit beendete der Fischer seine Geschichte. Dann fügte er erklärend hinzu: „Begreifst du, was ich damit sagen möchte, du Flaschengeist? Wenn der König dem Arzt gegenüber Gnade hätte walten lassen, hätte sich auch Allah dem König gegenüber gnädig verhalten. Und so ist es auch mit dir. Wenn du dich mir gegenüber gnädig verhalten hättest, hätte dir Allah die Gefangenschaft erspart.“

Der Geist wurde sehr unglücklich. „Gib mich frei“, rief er. „Deine Geschichte hat mir die Augen geöffnet. Ich sehe ein, dass ich mich falsch verhalten habe. Ich war jähzornig, aber jetzt will ich alles anders machen. Ich schwöre dir beim Namen des Erhabenen, ich werde dir nichts Böses tun, sondern dich reich und glücklich machen. Bitte glaube mir. Ich halte meine Schwüre. Darum bitte ich dich, Fischer, gib mich frei!“

Der Fischer überlegte eine Weile. Schließlich kam er zu der Überlegung, dass der Geist sein Versprechen halten würde. Er ließ ihn noch einmal feierlich auf Allah den Allmächtigen schwören, dann öffnete er die Flasche.

Wieder stieg eine Rauchsäule auf, stieg bis zum Himmel, verdichtete sich und wurde wieder zu einem riesigen Geist. Schnaubend vor Wut gab der Geist der Flasche einen kräftigen Fußtritt, sodass sie weit zum Meer hinaus flog.

Als der Fischer das sah, glaubte er, dass er verloren sei und machte sich auf seinen Tod gefasst. Doch der Geist stelzte mit riesigen Schritten auf ihn zu und rief: „Folge mir, Fischer!“ Ungläubig und immer noch ängstlich schritt der Fischer hinter dem Geist her.

Gemeinsam verließen sie die Stadt, stiegen einen Berg hinunter, durchquerten eine Wüste und sahen plötzlich zwischen vier Hügeln einen einsamen See. Hier blieb der Geist stehen. „Wirf deine Netze aus, Fischer!“, sagte er. Der Fischer blickte in das klare Wasser. Bunte Fische schwammen darin, in Farben, die der Fischer nie zuvor gesehen hatte. Weiße, rote, gelbe und blaue Fische gab es. Der Fischer warf sein Netz aus und als er es wieder einholte, hatte er vier Fische gefangen, von jeder Farbe einen.

Da freute sich der Fischer sehr. Der Geist aber sagte zu ihm: „Bringe dem König diese Fische. Er wird dir so viel Geld dafür geben, dass du ein reicher Mann wirst. Aber nun will ich gehen, Fischer. Ich weiß nicht mehr, womit ich dich noch glücklich machen soll. Ich habe tausend Jahre lang im Meer gelegen, und habe die Erde erst vor einer Stunde wieder gesehen. Glaub mir, das kann sogar einen Geist verwirren.

Aber du brauchst mich ja auch nicht mehr. Du kannst jeden Tag hier zum Fischen hinkommen. Aber merke dir, du darfst dein Netz nur einmal am Tag auswerfen. Nicht häufiger. So, mein Fischer, nun will ich mich verabschieden. Lebe wohl.“ Und mit diesen Worten schüttelte sich der Geist hin und her und wurde zu einer riesengroßen Rauchwolke. Zischend und donnernd wie ein Gewitter verschwand er am Horizont.

Der Fischer atmete erleichtert auf. Dann nahm er die bunten Fische, legte sie in seinen Lederbeutel und machte sich auf den Weg in die Stadt. Als er zu Hause angekommen war, füllte er einen großen Behälter mit Wasser, setzte die Fische hinein und betrachtete sie. Sie waren wirklich von ungewöhnlicher Schönheit. Einer war gelb wie Messing, einer rot wie Rubin, einer weiß wie Milch und der vierte blau wie der Himmel. Immer wenn die Sonnenstrahlen sie trafen, leuchteten ihre Schuppen.

Nachdem der Fischer sie eine Weile lang betrachtet hatte, nahm er den Behälter und ging damit zum König. Als der König die Fische sah, staunte er sehr. Noch nie hatte er so schöne bunte Fische gesehen. „Wie gut sie wohl schmecken?“, fragte er sich. „Wir sollten sie der Köchin übergeben.“

Der Wesir befahl der Köchin, die Fische zu rösten. Dem Fischer aber zahlte er auf Befehl des Königs fünfhundert Dinare aus. Überglücklich kehrte der Fischer nach Hause zurück. Und weil sie so arm waren, kaufte er für seine Kinder, seine Frau und sich endlich Dinge, die sie schon lange nötig hatten. Darüber freuten sich alle sehr.

Zur gleichen Zeit legte die Köchin in der Küche des königlichen Palastes die Fische in eine Pfanne und begann, sie zu braten. Doch plötzlich gab es einen zischenden Laut, und die Wand klaffte auseinander. Aus der Wand trat ein wunderschönes Mädchen. Sie hatte weiße Haut und ihre dunklen Augen funkelten. Um den Kopf trug sie einen Schleier aus scharlachroter Seide, und Ringe mit kostbaren Edelsteinen zierten ihre Finger. In ihrer Hand hielt sie ein biegsames Bambusrohr.

Sie beugte sich zu den Fischen in der Pfanne hinunter und berührte die Pfanne mit dem Bambusrohr. Dann sagte sie: „Fische, oh ihr Fische, gefällt euch die Pfanne?“

Als die Köchin diese seltsame Erscheinung sah, bekam sie so einen großen Schrecken, dass sie ohnmächtig hernieder sank. Das Mädchen wiederholte ihre Frage ein zweites und noch ein drittes Mal. Schließlich hoben die Fische ihre Köpfe und sagten im Chor:

„Oh Bann des Bösen, musst du ihn lösen, halte nun ein! Lässt du uns braten, bedenk deine Taten, Wer uns verwünscht, verwünscht soll er sein!“

Da antwortete das seltsame Mädchen: „Vergeblich verwünscht mich verwunschenes Tier! Zu Tisch mit dem Braten, der Fisch soll geraten, Verraten, verwünscht und verwunschen von mir!“ Sie schlug dreimal mit dem Bambusrohr in die Luft. Dann verschwand sie so plötzlich, wie sie gekommen war.

Nur langsam erwachte die Köchin aus der Ohnmacht. Sie briet die Fische, wendete sie und briet sie von der anderen Seite. Doch in ihrer Aufregung ließ sie alle vier verbrennen. Da begann sie, laut zu jammern. Der Wesir erschien in der Küche und betrachtete die verbrannten Fische verärgert. „Bring sie dem König!“, befahl er. Nun begann die Köchin, zu weinen, und sie erzählte dem Wesir, was geschehen war.

Der Wesir war sehr erstaunt darüber. „Wahrlich, das ist eine merkwürdige Geschichte“, sagte er. Dann ließ er den Fischer suchen, und als man ihn zu ihm brachte, sagte er zu ihm: „Wir benötigen unbedingt noch einmal vier Fische, aber es müssen genau die gleichen sein.“

Und wieder ging der Fischer hinunter an den See, warf sein Netz aus und zog genau die gleichen vier bunten Fische heraus, einen gelben, einen roten, einen weißen und einen blauen. Damit ging er zum Palast des Königs und übergab sie dem Wesir.

Der Wesir reichte sie der Köchin weiter und sagte: „Dieses mal will ich dabei sein, wenn du die Fische brätst. Ich will doch wirklich sehen, ob die Geschichte stimmt, die du mir erzählt hast.“

Die Köchin nahm die Fische und mache sich sofort ans Werk. Und wieder spaltete sich die Wand in zwei Hälften und das junge Mädchen erschien mit dem Bambusrohr in der Hand. Wieder berührte sie die Pfanne mit dem Bambusrohr und fragte:

„Fische, oh ihr Fische, gefällt euch die Pfanne?“ Und wieder schauten die Fische aus der Pfanne und antworteten im Chor: „Oh Bann des Bösen, musst du ihn lösen, halte nun ein! Lässt du uns braten, bedenk deine Taten, Wer uns verwünscht, verwünscht soll er sein!“

Und das Mädchen schlug mit dem Bambusrohr durch die Luft, das es nur so zischte und rief: „Vergeblich verwünscht mich verwunschenes Tier! Zu Tisch mit dem Braten, der Fisch soll geraten, Verraten, verwünscht und verwunschen von mir!“ Ihr Lächeln wirkte boshaft und um die Augen war ein dunkler Schein.

Als das Mädchen verschwunden war und die Mauer sich hinter ihr wieder geschlossen hatte, rief der Wesir: „Das ist ja eine merkwürdige Sache. Das muss ich unbedingt dem König erzählen.“ Und er ging zum König und erzählte ihm, was geschehen war.

Aber der König sagte: „Ich will das, was geschehen ist, mit eigenen Augen sehen.“ Wieder schickte er jemanden zum Fischer, damit er vier gleiche Fische fangen und zum Palast bringen sollte. Und wieder brachte der Fischer vier schöne Fische, die aussahen wie die anderen, die er gefangen hatte. Der König ließ ihm tausend Dinare dafür geben. Dann wandte er sich dem Wesir zu und sprach: „Brate du mir selbst die Fische.“

„Ich höre eure Befehle und gehorche“, entgegnete der Wesir. Und er legte die Fische in die Pfanne. Kaum hatte er das Feuer im Herd angezündet, öffnete sich erneut die Wand, und ein großer, starker Mann erschien. Seine Haut war schwarz wie Ebenholz, und in der Hand hielt er eine Keule, wie Kannibalen sie tragen.

Mit tiefer Furcht erregender Stimme sprach er die Fische an: „Fische, oh ihr Fische, gefällt euch die Pfanne?“ Und die Fische antworteten im Chor: „Oh Bann des Bösen, musst du ihn lösen, halte nun ein! Lässt du uns braten, bedenk deine Taten, Wer uns verwünscht, verwünscht soll er sein!“

Da sagte der Schwarze mit einer Stimme, die wie ein Heulen klang: „Vergebliche Wünsche! Was wollt ihr von mir! Der Fisch soll geraten, zu Tisch mit dem Braten! Verwunschene, Verratene, verwünschtes Tier!“

Dreimal schwang er dann seine Keule durch die Luft, lachte dröhnend und ging, wie er gekommen war. Als er gegangen war, atmete der König tief durch. „Bei Allah“, sagte er. „Diese Geschichte ist so merkwürdig, dass man ihr auf den Grund gehen muss. Und zweifellos spielen die Fische in dieser Geschichte eine große Rolle. Also, Wesir, hole mir den Fischer noch einmal.“

Und als der Fischer vor ihm stand, fragte er ihn: „Fischer, woher hast du diese Fische?“ Und der Fischer antwortete: „Aus einem See, der hinter einem Berg vor einer Stadt und zwischen vier Hügeln liegt.“ „Wie viel Tagreisen von hier sind das?“ wollte der König wissen. Doch der Fischer schüttelte den Kopf. „Keine Tagesreisen“, rief er. „Es sind nur drei Stunden bis zu dem See.“

Das wunderte den König sehr. Noch nie zuvor hatte er von diesem See gehört, der sich in der Nähe befand. Er befahl dem Fischer, ihn dorthin zu bringen, und so machten sich der König, seine Leibwächter und viel Gefolge auf den Weg hinter dem Fischer her zum See. Sie stiegen den Berg hinab und gingen durch die Wüste, die sie nie zuvor gesehen hatten. Und als sie schließlich an dem See in der Einöde angekommen waren und die bunten Fische dort schwimmen sahen, wunderten sie sich noch mehr.

Der König fragte: „Ist jemand unter euch, der diesen See schon einmal gesehen hat?“ „Nein, wir kennen ihn nicht“, erwiderten alle, die in seinem Gefolge waren. „Bei Allah“, rief der König. „Ich will nicht eher nach Hause gehen, als bis ich alles über diesen See und die Fische herausgefunden habe.“

Dann befahl der König seiner Leibwache, sich um die Hügel herum zu verteilen und ein Lager aufzubauen. Nun dachte er eine Weile nach. Schließlich rief er seinen treuen Wesir zu sich und sprach zu ihm:

„Ich habe über diesen See nachgedacht, und wenn ich ehrlich bin, möchte ich gerne allein das Geheimnis dieses Sees mit seinen bunten Fischen erkunden. Und damit mich meine Leibwächter nicht suchen, wirst du dich vor mein Lager stellen und ihnen sagen, dass ich krank bin und meine Ruhe brauche.“

Der König liebte Abenteuer. Er nahm sein Schwert, band es um und brach heimlich auf. Die ganze Nacht über wanderte er um den See herum, doch er fand nirgends eine menschliche Siedlung oder irgendjemanden, den er hätte fragen können.

Erst als die Sonne aufging, sah er in der Ferne ein dunkles Haus. Als er näher kam, sah er, dass es ein Palast war. Es war aus schwarzem Stein gebaut und gewaltige Stahlplatten bedeckten das Dach. Der eine Flügel des Eingangstores war geöffnet, der andere geschlossen.

Der König klopfte, aber da er keine Antwort bekam, schritt er einfach durch das Tor in die Halle hinein. „Hallo!“ rief er laut. „He, ihr Bewohner des Schlosses. Hier steht ein Wanderer, der mit euch reden möchte.“

Er rief mehrere Male, aber niemand antwortete ihm. Da nahm er allen Mut zusammen und betrat den dunklen Palast. Aber auch hier war kein Mensch zu sehen.

Der Palast sah merkwürdig aus. An den Wänden hingen goldbestickte Stoffe, und Teppiche zierten die Türen. In der Mitte des Palastes gab es einen großen Innenhof, von dem aus man in vier Säle gelangen konnte. Über jeden Saal war eine Empore gebaut. Im Hof standen Bilder aus Marmor, und es gab sogar einen Springbrunnen mit vier goldenen Löwen, aus deren Mäulern Wasser floss.

Rings um diesen Hof flogen bunte Vögel. Auch zahme Tiere lebten hier und schliefen unter den schattigen Bäumen. So gab es Leben in diesem Hof, nur eben kein menschliches Wesen.

Der König setzte sich auf ein Sofa und träumte vor sich hin. Plötzlich hörte er nicht weit von sich entfernt ein langes Seufzen. Es kam aus tiefstem traurigstem Herzen. Und jetzt setzte eine Stimme ein, die klagend sang:„Oh schweres Schicksal, ungerechte Welt! Hört auf, ihr Schmerzen bittere Qual und seht, wie die Liebe das Herz in Trauer hüllt.“

Als der König das hörte, stand er auf und folgte der Stimme. Er fand eine Tür, die von einem Teppich verdeckt war. Als er den Teppich zur Seite schlug, blickte er in einen großen Saal. Und in der Mitte dieses Saales saß ein schöner und anmutiger Jüngling. Sein hübsches Gesicht hatte eine marmorweiße Stirn, die von bernsteinfarbenen Haaren eingerahmt wurde. Bekleidet war er mit einem langen Gewand aus bestickter Seide.

Als der König den Jüngling erblickte, sprach er zu ihm: „Friede sei mit dir!“ Doch der Jüngling erhob sich nicht und sein Gesicht blieb traurig. „Entschuldige, mein Herr, dass ich mich nicht erhebe“, sagte er. „Aber ich kann nicht.“ „Das macht nichts“, erwiderte der König. „Ich möchte nur wissen, was es mit diesem See und den bunten Fischen auf sich hat. Und warum gibt es dieses einsame Schloss und warum sitzt du hier und klagst.“

Der Jüngling antwortete: „Warum soll ich nicht klagen. Schau, in welchem Zustand ich mich befinde.“ Und er streckte seine Hand zu seinem Gewand aus und schob den Saum an die Seite. Der König erschrak, sah er doch nun, dass die untere Gestalt des Jünglings aus Marmor war. „Was ist geschehen?“ fragte der König entsetzt. Der Jüngling seufzte erneut tief und unglücklich. „Das ist eine lange Geschichte“, sagte er.

Und dann erzählte er die Geschichte von den bunten Fischen, dem einsamen Schloss und dem steinernen Prinzen.

Die Geschichte vom versteinerten Prinzen und den bunten Fischen

Mein Vater hieß Mahmud und war der König dieses Landes. Sein Land war wunderschön mit einer schönen Stadt am See und vier Inseln. Hier herrschte er siebzig Jahre lang. Dann starb er und ging heim zu Allah, dem Erhabenen. Nach seinem Tod ging die Thronfolge an mich.

Aber weil ich so jung war, nannte man mich weiterhin den Prinzen. Ich verliebte mich in die Tochter meines Onkels. Sie war jung und schön, und sie liebte mich ebenfalls. So lebten wir fünf Jahre lang glücklich miteinander. So jedenfalls glaubte ich.

Dann eines Tages ging meine Liebste ins Badehaus. Ich befahl dem Koch, mir ein Abendessen zu bereiten und legte mich in der Zwischenzeit auf mein Lager, um mich auszuruhen. Es war heiß an diesem Tag. Darum befahl ich zwei Sklavinnen, zu mir zu kommen und mit Luft zuzufächern. Eine der Sklavinnen stellte sich hinter meinen Kopf, die andere zu meinen Füßen, und sie fächerten mir Luft zu. Ich schloss die Augen, aber ich fand keinen Schlaf.

Die beiden Sklavinnen aber glaubten, ich sei eingeschlafen. Darum begannen sie, über mich zu sprechen. Die eine, die hinter meinem Kopf stand, begann. „Ach, unser armer Gebieter“, sagte sie. „Er tut mir so Leid. Wenn er wüsste, dass er eine Verbrecherin zur Frau hat.“ Und die andere zu meinen Füßen antwortete: „Ach ja, unser Gebieter ist so sorglos. Ich verstehe nicht, warum er das Treiben seiner Frau nicht bemerkt.“

Da erwiderte die andere. „Aber er kann ja auch nichts merken. Sie mischt ihm Mohn, Hanfsamen und Haschisch in seinen Schlaftrunk. Und erst wenn er fest eingeschlafen ist, macht sie sich auf und davon. Dann kann er natürlich nicht wissen, wohin sie geht und was sie tut. Und erst wenn sie wiederkommt und geheimnisvolle Kräuter unter seiner Nase verbrennt, erwacht er wieder.“

Als ich das hörte, war ich starr vor Entsetzen. Ich konnte kaum erwarten, dass die Nacht herein brach, denn dann wollte ich Gewissheit haben.

Als die Tochter meines Onkels vom Badehaus zurückkam, aßen und tranken wir zu Abend, wie immer. Dann verlangte ich meinen Nachttrunk, und sie reichte mir den Becher. Diesmal aber hütete ich mich davor, davon zu trinken. Ich führte den Becher nur zum Schein an meine Lippen und goss das Getränk heimlich wieder aus. Dann legte ich mich auf mein Lager und tat, als wenn ich schliefe.

Da trat sie ganz nah an mein Bett und sah mich an. „Schlafe ruhig, schlafe fest. Und ich hoffe, dass du niemals mehr erwachst. Ich ekele mich vor dir und ich wünschte mir, ich könnte dich mit meiner Peitsche schlagen.“

Dann stand sie auf, zog sich die schönsten Gewänder an, besprengte sich mit herrlich duftendem Rosenwasser, nahm ihre Reitpeitsche, öffnete die Tür des Palastes und ging hinaus.

Nach einer Weile stand ich ebenfalls auf und ging ihr nach. Was ich nun erlebte, kann ich kaum wiedergeben, so unglücklich macht es mich. Sie ging hinaus zum Lehmhaus am Ende der Stadt, in einen Stadtteil, der bekannt ist für seinen schlechten Ruf. Dort traf sie sich mit einem Schwarzen.

Er war ein böser Mann und hatte Macht über Dämonen und dunkle Kräfte. Meine Frau war ihm verfallen. Sie fiel ihm vor die Knie und küsste seine Füße. Er aber lachte und trat sie mit den Füßen und tat ihr weh, aber sie ließ es sich alles gefallen.

Und durch das Fenster sah ich nun auch, in welcher Hexenküche sich die beiden befanden. Sie kannten sich beide mit Magie aus und vollzogen irgendwelche magischen Spiele und Hexereien, die ich nicht verstand. Ich sah jetzt meine geliebte Frau in einem ganz anderen Licht.

Schäumend vor Wut betrat ich den Hexenraum. Aber da war meine Frau auch schon verschwunden. Nun kam der Schwarze auf mich zu. Ich zog mein Schwert und schwang es gegen ihn. Damit verletzte ich ihn am Hals und an der Kehle. Doch es gelang ihm, zu fliehen.

Wirr kreisten die Gedanken in meinem Kopf herum. Ich rannte nach Hause, um mir meine Frau vorzuknöpfen, und vergaß, dass sie mit diesem schwarzen Mann ein Bündnis hatte, gegen das ich nicht ankommen konnte.

Ich fand sie zu Hause. Als sie mich sah, lachte sie, als wäre nichts geschehen. Da riss ich ihr die Peitsche aus der Hand und schlug sie damit ins Gesicht. Aber sie begann, laut zu lachen. Ich schlug heftiger, aber je mehr ich schlug, desto lauter lachte sie.

Dann rief sie plötzlich: „Kusch, Hund!“ und fuhr mit dem Satz fort: „Die Vergangenheit ist vergangen.“ Dann murmelte sie die Worte, deren Sinn ich nicht verstand: „Verwunschen, verwünscht sollst du sein! Werde halb Mensch und halb Stein.“ Und zur selben Stunde wurde ich so, wie ich bin: halb Mensch und halb Stein. Ich kann mich nicht mehr rühren, bin weder tot noch lebendig. Sie aber nahm ihre Peitsche und schlug mich, bis ich blutete.

Dann verwandelte sie auch mein Land. Sie verzauberte die Inseln in vier Berge, ließ die Stadt in den See sinken und verwandelte alle Untertan zu Fischen. Die Mohammedaner wurden zu weißen Fischen, die Juden zu gelben, die Christen zu blauen und die Parsen zu roten.“

Der König sah den jungen Prinzen an und fragte: „Wo kann ich dieses schreckliche Weib finden?“ Der junge Prinz erwiderte: „In diesem Lehmhaus mit der Kuppel lebt der schwarze Mann. Sie geht jeden Tag zu ihm und bringt ihm geheimnisvolle Kräutertees und Zaubertränke.

Jeden Tag aber, bevor sie zu ihm geht, kommt sie bei mir vorbei, um mich mit ihrer Peitsche zu schlagen. Das tut furchtbar weh, weil ich mich nicht bewegen und mich nicht schützen kann. Ich schreie und flehe sie um Gnade an, aber sie hat kein Mitleid mit mir. Im Gegenteil. Ich glaube sogar, es macht ihr Spaß, zu sehen, wie sehr ich leide.

Und dann, wenn sie mich geschlagen hat, läuft sie zu dem Schwarzen und pflegt ihn mit ihren Zaubertränken. Ich glaube, dass ich ihn mit meinem Schwert sehr schwer verletzt habe. Jetzt habe ich das Gefühl, dass sie das halbe Leben, das sie mir weggenommen hat, für ihn benötigt, damit er nicht stirbt.

Diese Frau ist wirklich böse. Sie hat einen Hass auf die ganze Welt. Nur diesem Schwarzen ist sie ergeben, wie eine Sklavin. Beide aber haben geheimnisvolle dämonische Kräfte, die sie von grausamen Geistern aus der Unterwelt bekommen.“

Als der König das hörte, fasste er einen Plan. Er wartete, bis es Nacht wurde und die Stunde des Zaubers herein brach. Dann nahm er sein Schwert und ging hinaus zu dem Lehmhaus in dem düsteren Stadtteil.

Als er an dem Haus angekommen war, sah er durch das Fenster brennende Kerzen und Räucherstäbchen, aber auch Folterinstrumente. Da wurde ihm sehr unheimlich zumute, und sein Mut sank. Als er aber den Schwarzen bemerkte, dachte er an den armen Prinzen und nahm allen Mut zusammen. Er erhob sein Schwert, ging entschlossen auf ihn zu und tötete ihn mit einem kräftigen Hieb.

Dann entkleidete er den Mann und warf ihn in eine Grube. Nun zog er selbst die Kleider des Schwarzen an, färbte sein Gesicht und legte sich auf das Lager unter der Kuppel. Dabei hielt er das Schwert unter der Decke fest umklammert. Die Kerzen erloschen und das Haus hüllte sich in Finsternis und Schweigen.

Eine Stunde später kam die Zauberin zu dem verwunschenen Prinzen. Als sie ihn sah, lachte sie laut und höhnisch und schlug ihn mit der Peitsche. Der Prinz stöhnte laut auf vor Schmerz und bat um Gnade, doch je mehr er weinte, desto härter schlug sie zu.

Dann verließ sie ihn, um zu dem Schwarzen ins Lehmhaus zu gehen, und ihm Zaubertränke und Kräutertees zu bringen. Es war dunkel im Raum, darum tastete sie sich an das Lager heran und rief: „Oh, mein Geliebter, sprich zu mir! Ich will deine Stimme hören. Du hast schon so lange nicht mehr zu mir gesprochen, mein Herr und Meister.“ Und sie begann, zu weinen.

Da antwortete der König in der Dunkelheit zu ihr mit langsamer Stimme, und bemühte sich dabei, die Stimme des Schwarzen nachzumachen. „Hu“, sagte er. „Ich finde dich widerwärtig!“

Die Zauberin schrie laut auf. „Mein Geliebter, bist du geheilt?“ rief sie entsetzt. Mit schwacher Stimme antwortete der König: „Du elendes Weib. Du verdienst es nicht, dass ich das Wort an dich richte.“

„Warum?“, fragte sie schluchzend. „Weil du jeden Tag nichts anders tust, als deinen Mann auszupeitschen“, entgegnete der König. „Und er weint und jammert bis zum Morgengrauen. Das bringt mich um den Schlaf und lässt meine Kräfte immer mehr entschwinden. Wenn du ihn gut behandeln würdest, hätte ich meine Kräfte längst wieder erlangt.“

Die Zauberin war höchst verwundert über diese Worte. „Ich wusste nicht, dass du das nicht magst“, sagte sie. „Aber wenn du es befiehlst, will ich ihn aus diesem Zustand erlösen.“ „Ich befehle es!“, erwiderte der König. „Nur wenn er Ruhe hat, kann auch ich meine Ruhe finden.“ „Ich werde dir gehorchen!“, versprach die Zauberin.

Sie stand auf und verließ das Haus mit der Kuppel. Dann ging sie zu dem Palast, in dem sich der Prinz immer noch bewegungslos befand. Sie nahm einen Krug, füllte ihn mit Wasser und sprach magische Zaubersprüche in das Wasser. Dann kochte sie es und besprengte den Jüngling damit.

Dabei sprach sie die Worte: „Bei des Wortes Gewalt! Beim geheimen Bann! Vorbei! Nimm die alte Gestalt wieder an!“ Da erhob sich der junge Mann, stellte sich auf seine Füße und dankte Allah für seine Erlösung.

Sie aber schrie ihn an: „Scher dich fort! Ich will dich nie wieder sehen! Wenn du mir noch einmal unter die Augen trittst, bringe ich dich um!“ Da drehte er sich um und verließ sie, so schnell er konnte.

Sie aber kehrte in das Lehmhaus mit der Kuppel zurück und sprach: „Oh mein Gebieter, ich bin froh, dass ich dich wieder sehe. Bitte steh auf, damit ich dich besser sehen kann.“ Der König aber sprach und verstellte dabei seine Stimme, so dass sie sich schwach und gebrochen anhörte: „ Du hast mir erst einen Teil meiner Ruhe zurück gegeben. Es gibt noch etwas Schlimmes, was du für mich tun musst, damit ich wirklich geheilt bin.“

„Was ist das Schlimme, oh Meister?“ rief sie. „Die Fische im See“, murmelte der König. „Sie sind eigentlich die Bewohner der Stadt, die es früher gab, und die vier Inseln. Nachts, zur Stunde um Mitternacht heben sie die Köpfe aus dem See und sprechen Flüche über dich und mich. Wegen diesen Flüchen ist es mir nicht möglich, meine Kräfte wieder zu erlangen. Nur wenn du sie befreist, kann ich wirklich gesund werden.“

Als die Zauberin diese Worte hörte, lief sie so schnell sie konnte zum See hinaus. Sie nahm ein wenig von dem Wasser und murmelte geheimnisvolle Worte. Kurze Zeit später begannen sich die Fische zu schütteln und zu strecken. Einer nach dem anderen wurde zum Menschen, wie er es gewesen war, bevor die böse Zauberin ihn mit ihrem Bann belegte. Auch der Zauber über die Stadt und den See lösten sich auf und die Stadt erblühte zu neuem Leben.

Die Bazare wurden geöffnet, der Handel erblühte, der See kehrte an seine Stelle zurück und die vier Hügel wurden wieder zu Inseln.

Nun kehrte die junge Frau zum König zurück, immer noch in dem Glauben, es sei ihr Geliebter. Lächelnd sprach sie zu ihm: „Reiche mir deine Hand, mein Meister.“ „Komm ganz nah zu mir heran“, erwiderte der König mit schmeichelnder Stimme.

Doch kaum war sie neben sein Lager getreten, ergriff er sein Schwert und stach es ihr tief in die Brust. Sie schrie laut auf, fiel nieder und starb.

Der König verließ das Haus und traf auf den Jüngling, der einst verzaubert war. Der Jüngling lief auf ihn zu, küsste ihn und dankte ihm aus tiefstem Herzen. Der König aber fragte ihn: „Möchtest du nun in deiner Stadt bleiben oder willst du mit mir in meine Stadt kommen?“

„Mein König!“, rief der Jüngling. „Die Entfernung zwischen deiner Stadt und meiner ist viel zu groß.“ „Aber nein“, erwiderte der König. „Drei Stunden ritten wir. Dann aber wanderte ich noch eine Nacht.“

„Oh König, du träumst“, erwiderte der Jüngling. „Um in deine Stadt zu gelangen, braucht man ein ganzes Jahr. Wenn du wirklich, wie du sagst, in so kurzer Zeit hierhin gekommen bist, kann es nur an dem Zauber gelegen haben. Nun aber ist der Zauber vorbei und es gelten wieder andere Gesetze. Aber ich, oh König, werde dich nicht verlassen. Nie wieder und nicht einen Lidschlag lang.“

Der König war überglücklich darüber. „Da Allah mir bis jetzt keine Kinder geschenkt hat, sollst du von nun an mein Sohn sein“, sagte er. Da fielen sie einander um den Hals und freuten sich königlich.

Der König und der Prinz kehrten zum Palast zurück. Dort ließ der Jüngling die Großen seines Landes zu sich kommen. „Ich werde nun auf eine große Reise gehen und vielleicht nicht wiederkommen“, sagte der Prinz. „Ich bitte euch, alles gut zu verwalten, damit alles in die rechten Hände gelangt.“

Dann brachen die beiden zu ihrer Reise auf. Das Herz des Königs brannte vor Sehnsucht nach seiner Stadt. Fünfzig Gefolgsleute begleiteten sie. Die vielen Kamele, die sie bei sich führten, waren mit Geschenken beladen.

Sie reisten ein ganzes Jahr lang, Tag und Nacht. Fast hatten sie schon die Hoffnung aufgegeben, die Stadt zu erreichen. Dann aber waren sie endlich am Palast des Königs angekommen. Da trat der treue Wesir mit seinen Soldaten heraus, um den König zu empfangen.

Er hatte sich große Sorgen um den König gemacht. Monat für Monat hatte er ihn am See gesucht. Schließlich hatte der Fischer sie zurückgeführt. Danach aber, als sie versuchten, abermals an den See zu gelangen, hatten sie ihn nicht wieder gefunden. Nur wenn der Fischer sie führte, konnten sie dorthin gelangen.

Dies alles, besonders aber das Verschwinden des Königs hatte alle beängstigt. Nun aber hatte alle Sorge ein Ende. Die Soldaten schrieen vor Freude. Sie begleiteten den König in seinen Palast und geleiteten ihn zum Thron. Ein großes Fest wurde gefeiert, und der König beschenkte die Armen.

Am nächsten Tag sprach der König zu seinem Wesir: „Lass mir den Fischer kommen, der mir damals diese Fische gebracht hat.“ Da schickte der Wesir den Fischer, denn durch ihn war damals der Zauber bemerkt worden.

Der Fischer trat zum König. Der ließ ihn in schöne Gewänder kleiden und fragte ihn nach seiner Familie. „Ich habe einen Sohn und zwei Töchter“, berichtete der Fischer.

Da ließ der König die Kinder holen und sie gefielen dem König sehr. Die Töchter waren anmutig und freundlich. Der König fand Gefallen an ihnen und heiratete später die Ältere, der Prinz wählte die jüngere als seine Frau. Den Sohn behielten beide bei sich und ließen ihm Ehren und Reichtum zukommen. Der alte Fischer aber wurde zum Schatzmeister ernannt.

Dann schickte der König den Wesir zu der Stadt mit den vier Hügeln und ließ ihn Herrscher über das Gebiet werden. Er gab ihm die fünfzig Gefolgsleute mit, die ihn damals auf seiner Reise begleitet hatten.

Der König und der Prinz aber lebten glücklich bis an ihr Lebensende. Noch oft sprachen sie von der Hexe, dem Schwarzen und den bunten Fischen.

Der Fischer aber, der zum Schatzmeister ernannt wurde, wurde sehr wohlhabend, und gehörte schließlich zu den reichsten Männern der Stadt. Die Menschen schätzen ihn sehr, und sie schüttelten erstaunt den Kopf, wenn er ihnen erzählte, er wäre früher nicht Schatzmeister, sondern ein Fischer gewesen, der eine Flasche fand.

Dies alles erzählte Scheherazade dem König. Es gefiel ihm. Er schlief am Tage ein und freute sich auf die kommende Nacht und eine neue Erzählung von Scheherazade. Als es Abend wurde, sagte der König Schahrirar: „Das war eine merkwürdige Geschichte von dem Geist aus der Flasche, unheimlich und wundersam.“

Doch Scheherazade antwortete: „Nicht wundersamer als die Geschichte von dem Magnetberg und dem Mann aus Messing! Auch sie ist unheimlich, doch sie glänzt wie ein Märchen aus uralten Zeiten.“ „Erzähle!“, forderte der König.

Und Scheherazade erzählte die Geschichte des Adschib, der ein Lastträger war. Denn so beginnt das Märchen von dem Magnetberg.

Die Geschichte vom Magnetberg

Jeden Tag sahen die Gläubigen der Großen Moschee von Bagdad einen Lastenträger des Weges kommen. Sein Bart und sein Haar waren kurz geschoren und über dem linken Auge trug er eine schwarze Binde.

Eines Tages kam eine schöne junge Frau in anmutigen Schritten und mit wiegenden Hüften auf ihn zu. Sie schlug ihren Schleier zurück und sah ihn an.

„Nimm dieses Paket mit Oliven, Safranblüten, Schlangenkraut und Syrerkäse und trage es in mein Haus“, sagte sie. Der Lastträger tat, was sie sagte. Im Haus angekommen, bat sie ihn, sich auszuruhen. Erschöpft ließ er sich auf ihr Bett fallen.

„Woher kommst du?“ fragte sie ihn. „Ich sehe dir an, dass du ein Fremder bist. Deine Haut ist heller als unsere. Also erzähle mir, aus welchem Land kommst du und warum hast du ein Auge verloren? Warst du im Krieg oder hast du es durch eine Krankheit verloren?“

Der Lastträger schüttelte den Kopf. „Nein, nein“, sagte er. „Ich selbst bin schuld daran. Aber das ist eine lange und sonderbare Geschichte.“

„Das dachte ich mir“, antwortete die junge Frau. „Aber ich würde sie gerne erfahren. Ich höre dir gerne zu und es interessiert mich zu erfahren, wer du eigentlich bist.“

„Also höre“, sagte der Lastträger.Und dann begann er, zu erzählen.

Mein Name ist Adschib, ich bin der Sohn des Kassib. Dieser Name war einst in allen Ländern der Erde bekannt, denn ich war König und zugleich Sohn eines Königs. Außerdem war ich Gelehrter. Ich las alle heiligen Bücher, ich kannte die Sterne und die Dichter.

Als mein Vater starb, bestieg ich den Thron. Ich war ein gerechter und freundlicher Herrscher, war weise und tat viel Gutes. Jeder meiner Untertanen mochte mich.

Gerne ging ich auch zur See. Ich liebte das Meer, an dem unserer Hauptstadt lag. Und ich liebte die Inseln, die mir gehörten.

Eines Tages wollte ich meine Inseln besuchen. Darum nahm ich mit meinen Matrosen ein Schiff und wir stachen in See. Die Reise dauerte lange, fast zwanzig Tage, aber es war eine schöne Reise ohne besondere Zwischenfälle.

Doch plötzlich in einer Nacht kamen starke Winde auf. Bis zum Anbruch des Morgens wehte es stürmisch. Als der Sturm endlich vorbei war, erblickten wir eine Insel im Meer, auf der wir rasten konnten. Hier gingen wir an Land und ruhten uns aus, bis wir erneut in See stachen.

Als wir uns aber von der Insel entfernt hatten, verloren wir unseren Weg. Das Gewässer, durch das wir nun trieben, hatte niemand von uns zuvor gesehen, auch der Kapitän nicht. So sagten wir zu dem Matrosen, der Wache hielt:

„Steig zur Spitze des Mastes hinauf und schau, ob du etwas sehen kannst.“

Der Matrose tat, wie wir ihm befohlen hatten. Er stieg den Mast empor und schaute sorgfältig in alle Richtungen. Dann rief er:

„Oh mein Gebieter, ich sehe in der Ferne ein seltsames Ding. Das wird mal hell und mal dunkel.“

Da riss sich der Kapitän seinen Turban vom Kopf und warf ihn in den Schmutz. Dann raufte er sich voller Verzweiflung die Haare.

„Himmel, wir sind des Todes!“, rief er mit einer Grabesstimme. „Ich sage euch, niemand von uns wird gerettet werden.“

Als wir ihn so verzweifelt sahen, wurden auch wir sehr unglücklich. „Oh Kapitän“, rief ich. „Bitte sage uns doch erst mal, was die Wache eigentlich gesehen hat.“

„Mein Fürst“, erwiderte der Kapitän. „Morgen, wenn sich der Tag dem Ende neigt, werden wir zu einem Berg kommen, der aus schwarzem Gestein ist. Das ist der Magnetberg. Auch wenn wir versuchen, gegenzusteuern, wird uns die Strömung genau in diese Richtung treiben und wir sind machtlos dagegen.

Und sobald sich das Schiff zur Leeseite wendet, werden sich die Planken des Schiffes öffnen, und jeder Nagel wird heraus fliegen und an dem Berg haften bleiben. Denn die Allmacht Allahs hat dieses Gestein mit einer geheimnisvollen Kraft ausgestattet, mit der es ihm gelingt, alles Eisen an sich zu ziehen. Unendlich viel Eisen hängt bereits an diesem Magnetstein und alle Schiffe liegen in einzelnen Bestandteilen am Fuße des Berges.

Auf dem Gipfel des Berges aber steht eine Kuppel aus gelbem Kupfer, die von zehn Säulen getragen wird. Auf der Spitze dieser Kuppel steht ein Reiter aus Messing. Er hält eine Lanze in der Hand, die auf einen besonderen Stern am Himmel zeigt. Auf der Brust dieses Reiters befindet sich eine Platte aus Blei. Auf ihr sind Namen geschrieben, die magische Kräfte enthalten.

Und eins müsst ihr wissen, oh mein Fürst: solange dieser Reiter auf seinem Pferd sitzt, werden alle Schiffe, die unter ihm vorbei segeln, zugrunde gehen. Der Zauber wird erst enden, wenn er von seinem Pferd fällt.“

Nach diesen Worten begann der Kapitän, zu fluchen und zu jammern. Wir sahen den Tod nahen. Verzweifelt nahmen wir Abschied voneinander und vertrauten uns unsere letzten Willen an, in der Hoffnung, dass einer von uns überleben würde.

In dieser Nacht bekam niemand von uns ein Auge zu. Und als der neue Tag anbrach, waren wir dem Berg ein ganzes Stück näher gekommen. Das Wasser aber hatte uns ergriffen und trieb uns unaufhörlich dem Berg entgegen, ohne dass wir etwas dagegen tun konnten.

Als das Schiff immer näher kam, flogen tatsächlich alle Nägel und Eisenteile aus den Holzplanken heraus und hafteten am Magnetberg fest. Das Schiff zerfiel. Wir alle stürzten ins Meer. Einige von uns ertranken, andere wurden gerettet. Aber die Geretteten konnten einander nicht wieder finden. Die Wellen und der Wind vertrieben sie ins Ungewisse.

Allah rettete zwar mein Leben, aber nur, um mir neue Leiden zu senden und mich neuen schweren Prüfungen zu unterziehen.

Es gelang mir, mich an einer Planke des Schiffes fest zu halten, und so trieb ich an einen Felsen des Berges. Ich rettete mich schließlich auf den Berg. Dort sank ich auf die Knie, sprach ein Gebet und dankte Allah für meine Rettung. Doch dann überkam mich eine große Müdigkeit und ich fiel auf die Erde und schlief ein.

Da hörte ich im Schlaf eine Stimme, die sprach:

„Oh Sohn des Kassib, höre gut zu! Wenn du erwachst, sollst du die Erde unter den Füßen beiseite scharren. Darunter findest du einen Bogen aus Kupfer und drei Pfeile aus Blei, in denen Talismane eingraviert sind.

Nimm Pfeile und Bogen und schieße damit zu dem Reiter auf der Kuppel. Wenn du ihn triffst und beseitigst, wirst du den Söhnen von der Erde die Ruhe zurückgeben und sie von diesem Fluch befreien. Denn sobald du ihn getroffen hast, wird er ins Meer fallen. Das Pferd aber wird zu deinen Füßen herab stürzen. Dann verscharre es im Sand.

Bleibe ruhig, auch wenn nun das Meer zu brausen beginnt und das Wasser höher und höher bis zu dem Gipfel steigt. Dann wirst du im Meer eine Barke entdecken, in der sich eine Gestalt befindet. Die Gestalt hält ein Ruder in der Hand und kommt direkt auf dich zu. Habe keine Angst, sondern steige in die Barke.

Doch merke dir eins: dreh dich auf keinem Fall um. Wenn du in der Barke bist, wird die Gestalt dich zehn Tage lang führen und lenken. Dann gelangst du zu der Insel, die man „Insel des Heils“ nennt. Hier findest du Leute, die dich in deine Heimat zurück bringen.

Doch vergiss nicht: Alles geschieht nur unter der Bedingung, dass du dich nicht umdrehst.“

Dann erwachte ich aus meinem Schlaf und machte mich sofort daran, den Befehl der geheimnisvollen Stimme auszuführen. Ich suchte Pfeil und Bogen im Sand und schoss den Reiter von der Kuppel herab. Er stürzte ins tiefe Meer, während das Pferd tatsächlich zu meinen Füßen hernieder sank. Dort verscharrte ich es sofort, wie es mir aufgetragen war.

Nun begann tatsächlich die See zu steigen. Das Wasser erreichte den Berggipfel. Und da erblickte ich auch das Boot, das langsam auf mich zu steuerte. Als es näher gekommen war, konnte ich im Boot einen Mann aus Kupfer erkennen, der eine Bleiplatte auf der Brust hatte. In dieser Platte waren Namen, Zahlen und Zeichen eingeritzt.

Und der Mann aus Kupfer fuhr mich zehn lange Tage durch die Fluten. Dann endlich erschienen mir in der Ferne die Inseln des Heils. Ich freute mich, glaubte ich doch, meine Rettung sei gekommen. Und weil ich glaubte, alle Gefahr sei vorbei, drehte ich mich um.

Das hätte ich nicht tun dürfen, denn der Mann aus Kupfer fasste mich und schleuderte mich aus der Barke in das tiefe Meer. Dann entschwand er in der Ferne und war nicht mehr zu sehen.

Wahrlich, ich bin ein guter Schwimmer. So war es mir möglich, einen ganzen Tag lang durch das Meer zu schwimmen. Doch als die Nacht heran bracht, spürte ich, wie meine Arme erlahmten und mein Atem kurz wurde.

Ich befürchtete schon, sterben zu müssen, da erfasste mich eine Welle, hoch wie ein Hügel, und warf mich auf die Küste eines unbekannten Landes. Ich kroch ans Ufer, brach zusammen und schlief so tief wie eine Schildkröte im Herbst.

Am nächsten Morgen erkundete ich das Ufer näher und stellte fest, dass ich auf einer Insel gelandet war. Ich wurde tieftraurig und mir sank jeglicher Mut. Doch plötzlich sah ich in der Ferne ein Schiff, das sich der Insel näherte. Ich kletterte auf einen Baum und versteckte mich im Laubwerk, um abzuwarten, was nun geschah.

Aus dem Schiff stiegen zehn Sklaven, die eine Hacke in der Hand hielten. Sie machten sich auf den Weg landeinwärts über die Insel. Irgendwann machten sie Halt und begannen zu graben, bis sie auf eine Metalltür stießen, die unter der Erde verborgen war.

Sie öffneten diese Falltür und kehrten zum Schiff zurück. Nun transportierten sie Lasten vom Schiff in diese seltsame Unterwelt. Brot und Honig, Butter und Braten trugen sie. Später trugen sie auch Stoffe, Kleider, ein Vogelhaus, ein Ballspiel und Bücher. Ununterbrochen zogen die Sklaven hin und her und her und hin und brachten so viele gute Dinge in ihr Lager.

Als alle Arbeit erledigt war, erschien ein würdiger alter Mann, der einen jungen Mann an der Hand hielt. Der junge Mann war von wunderbarer Schönheit, und er bezauberte mein Herz mit seiner Anmut.

Die Sklaven umringten ihn. Dann gingen alle zusammen in die Höhle hinunter. Als sie wieder heraus kamen, war der schöne junge Mann nicht mehr bei ihnen. Die Sklaven schlossen die Falltür sorgfältig ab, legten die Metallplatte darüber und schütteten die Erde darauf. Nun war alles wie vorher. Dann gingen alle zum Schiff zurück, zogen den Anker ein und fuhren davon.

Als ich sie nicht mehr sehen konnte, kletterte ich von meinem Baum herunter und ging genau zu der Stelle, wo ich die Metallplatte wusste. Ich grub die Erde zur Seite, bis ich an die Deckplatte kam. Ich brauchte all meine Kraft, sie zu heben. Dahinter wurde eine Wendeltreppe sichtbar.

Vorsichtig stieg ich die Treppe hinab und gelangte in eine große Halle. Sie war mit schönen Teppichen behangen. Mitten in der Halle auf einem Ruhebett lag der schöne Jüngling zwischen Kerzen, Blumen und Obst und fächerte sich Luft zu.

Als er mich sah, wurde er blass vor Angst. Doch ich sagte ihm:

„Hab keine Angst, ich bin ein Mensch wie du, der Sohn eines Königs und selbst sogar König. Das Schicksal hat uns zusammen geführt. Bitte erzähle mir, was du hier machst und warum du hier so einsam unter der Erde liegst.“

Er brauchte eine Weile, bis er mir glaubte, dass ich seinesgleichen war, und allmählich schwand die Blässe aus seinem Gesicht und er freute sich sehr, dass ich zu ihm gekommen war. Dann bat er mich, sich zu ihm zu setzen und sprach:

„Oh mein Bruder, die Geschichte, die ich zu erzählen habe, ist eine Geschichte, die Angst macht. Du musst wissen, ich bin der Sohn eines Juwelierhändlers, der im ganzen Land als reicher und edler Mann bekannt ist und der über erlesene Schätze verfügt.

Durch die ganze Welt sandte mein Vater seine Karawanen, um schöne Steine an Könige und Fürsten zu verkaufen.

Leider wurde ihm von Allah kein Kind geschenkt, und weil er täglich älter und älter wurde, verließ ihn der Mut, dass sich dieser große Wunsch für ihn erfüllen werde.

Da träumte er einen Traum. Eine Fee trat zu ihm und prophezeite ihm einen Sohn. Sein Leben, so sagte sie, würde schön aber kurz werden. Und dann wurde ich geboren.

Mein Vater befragte die Astrologen, die die Lehren der Planeten und himmlischen Kräfte kennen, die Gelehrten und die Weisen, die sich über die Seelen der Menschen auskennen, sowie das Buch der Natur, um meine Zukunft heraus zu finden.

Die Weisen berechneten den Stand der Sterne beim Augenblick meiner Geburt, rechneten, verglichen mein Horoskop mit anderen und berieten sich dann lange. Dann sprachen sie zu meinem Vater:

„Dein Sohn wir bis zu seinem fünfzehnten Lebensjahr in Frieden leben, doch dann zeigen sich unheilvolle Zukunftsvisionen. Nur wenn er in der Lage ist, diese schwierige Zeit zu überstehen, wird er in der Lage sein, ein langes Leben zu führen.

Doch eine schwere Prüfung ist ihm auferlegt:

In dem Meer, das man Meer der Gefahren nennt, ragt ein einsamer Berg heraus, den man den Magnetberg nennt. Auf dem Gipfel steht ein Reiter aus Messing, der ein uraltes Zauberbild ist.

Fünfzig Tage aber, nachdem der Messingreiter vom Magnetberg gestürzt ist, ist dein Sohn in großer Gefahr. Es kann sein, dass er sterben muss. Sein Mörder wird der Mann sein, der den Reiter herab geschossen hat, ein Prinz namens Adschib, der Sohn des Königs Kassib.“

Mein Vater wurde von großem Kummer erfasst. Er umsorgte mich mit seiner Liebe und passte auf mich auf. Die Zeit verging, und dann kam der Tag meines fünfzehnten Geburtstages. Es vergingen weitere zwanzig Tage, an denen nichts geschah.

Doch dann zehn weitere Tage später erhielt mein Vater die Nachricht, dass der Messingreiter ins Meer gestürzt war. Mein Vater erschrak und schrie auf vor Schmerz. Und dann ließ er einen unterirdischen Palast auf der Insel bauen, in den er alles bringen ließ, was man zum Leben brauchte.

Nun brachte er mich hier hin und versteckte mich in diesem unterirdischen Palast, fern von allen Menschen. In diesem Versteck brauchte ich mich nicht zu fürchten.

Alles das taten wir nur, um mich vor dem Prinzen Adschib zu verstecken. Darum lebe ich hier in dieser Einsamkeit. Und hier werde ich fünfzig Tage aushalten müssen. Zehn Tage sind schon vorbei, vierzig muss ich noch aushalten. Wenn diese Tage vorbei sind, wird mein Vater kommen und mich zurückholen.

Als ich diese Geschichte hörte, wunderte ich mich sehr.

„Aber ich bin Prinz Adschib, der Sohn des Königs Kassib!“, rief ich aus tiefstem Herzen. „Doch was sprichst du für ein krauses Zeug. Ich werde dich ganz bestimmt nicht töten. Ganz im Gegenteil: Ich werde hier bei dir leben, auf dich aufpassen und dir in dieser langen Zeit Gesellschaft leisten.

Dann will ich dich nach Hause begleiten. Wenn du mir danach ein paar Gefolgsleute zur Verfügung stellst, kann auch ich in meine Heimatstadt zurückkehren. Und Allah wird seine Freude an uns haben und uns unsere guten Taten vergelten.“

Der schöne Jüngling war sehr erfreut über meine Worte.

Ich aber stand auf, zündete einen Leuchter an und reinigte alle Lampen, damit sie heller brannten. Dann deckte ich den Tisch mit Getränken, Speisen und Süßigkeiten. Wir saßen zusammen, aßen und freuten uns an dem köstlichen Essen.

Nebenbei unterhielten wir uns bis in die tiefe Nacht hinein. Dann legten wir uns nieder und schliefen bis zum frühen Morgen. Später bereitete ich das Frühstück. Wieder aßen wir zusammen, spielten, plauderten, lachten, aßen aufs Neue und waren fröhlich bis zum nächsten Abend.

Und er sagte zu mir: „Möge der Himmel dich segnen!“ Und ich erwiderte: „Möge mein letzter Tag vor dem deinen kommen!“ So verbrachten wir die Zeit.

Als nun der letzte Tag gekommen war, der vierzigste nach neununddreißig Tagen, wollte der junge Mann ein Bad nehmen, und ich wärmte ihm das Wasser in einem großen Kupferkessel. Dann goss ich es in ein Becken.

Der junge Mann badete und ich massierte ihn, brachte ihn dann zu seinem Lager und deckte ihn gut zu. Seinen Kopf umwickelte ich mit einem Seidentuch, das mit Silber bestickt war.

Dann wollte der junge Mann essen. Ich wählte die schönste Wassermelone, legte sie auf einen Teller und stellte den Teller auf den Teppich.

Dann stieg ich auf das Bett, um das große Messer zu nehmen, das an der Wand direkt über den Kopf des Jünglings hing.

In diesem Moment wollte der junge Mann mich ein bisschen necken, und kitzelte mich am Unterschenkel. Nun bin ich aber sehr empfindlich gegen Kitzeln. Ich zuckte zusammen, fiel auf den Jüngling, und das Messer, das ich in der Hand hielt stach direkt in sein Herz.

Dann erst sah ich, was ich getan hatte. Der Jüngling war tot, und ich hatte ihn getötet. Da schrie ich auf vor Schmerz und verfluchte mich selbst. Unter Tränen sprach ich zu mir:

„Ein Tag war noch übrig von den vierzig gefährlichen Tagen. Ach, wenn ich doch nie dieses Messer genommen hätte. Ach, wenn ich doch nie diese Melone berührt hätte.

Oh Allah, ich flehe zu dir in meiner Not und erkläre dir hiermit feierlich meine Unschuld an seinem Tode. Doch was dein Wille bestimmt, das geschieht und geschehe.“

Verzweifelt stieg ich die Treppe hinauf und schloss die Falltür hinter mir. Dann bedeckte ich sie mit Erde. Doch kaum hatte ich die Arbeit getan, sah ich ein Schiff mit weißen Segeln, das direkt auf die Insel zukam.

Da wurde ich von großer Angst geschüttelt, und mein Herz erbleichte in meiner Brust.

Ich sagte mir: „Wenn diese Menschen an Land kommen und den toten Jüngling finden, werden sie glauben, dass ich es war, der ihn umgebracht hat. Und dann werden sie mich töten.“

So stieg ich auf einen Baum und versteckte mit zwischen den Blättern. Kaum hatte ich mich versteckt, da ging das Schiff vor Anker. Die Sklaven und der alte Mann stiegen aus und gingen geradewegs auf den Platz zu, an dem sich die Falltür befand. Sie schaufelten die Erde beiseite, öffneten sie und stiegen hinab zur Höhle.

Hier fanden sie den Jüngling. Seine Haut glänzte noch von dem Bad, das ich ihm bereitet hatte, und in seinem Herzen fanden sie das Messer vor, durch das er gestorben war. Ich hörte, wie sie schrieen und den Mörder verfluchten.

Dann trugen sie den toten Jüngling ans Tageslicht und legten ihn auf die Erde. Der alte Mann beugte sich über ihn und fiel in Ohnmacht.

Und ich saß die ganze Zeit über zwischen den Blättern des Baumes, hörte ihr Klagen und Weinen und mein Herz zerriss fast vor Schmerz.

Als die Sonne sank, kam der alte Mann wieder zu sich. Es kam ihm die Erinnerung an das, was geschehen war, und er schüttelte sich vor Schmerz. Dann stieß er einen tiefen Seufzer aus, sank hernieder und starb.

„Oh wehe, unser Herr ist von uns gegangen“, riefen die Sklaven. Und sie streuten Sand auf ihren Kopf.

Dann trugen sie ihren toten Herrn zum Schiff, kamen zurück und nahmen auch den Sohn. Dann setzten sie die Segel, zogen den Anker ein und segelten davon.

Langsam stieg ich vom Baum herunter und kehrte zur Falltür zurück. Ich stieg die Treppe hinunter und betrat den Raum, in dem ich mich vierzig Tage aufgehalten hatte. Alles in diesem Raum erinnerte mich an den toten schönen Jüngling.

Und ich sprach den Vers vor mich hin: „Noch seh ich überall seine Spuren, ach Verlassenheit und Sehnsucht treibt mir die Tränen in die Augen.“

Jeden Tag ging ich nun um diese Insel herum und jede Nacht kehrte ich in diese Höhle unter der Erde zurück. So lebte ich einen Monat lang.

Dann eines Tages bemerkte ich, dass die Flut gesunken war und neues Land am Horizont erschien. Und als der Monat vorbei war, machte ich mich auf, das neue Land kennen zu lernen.

Der Weg war mühsam. Ich ging einen ganzen Tag lang, und als die Sonne sank, sah ich in der Ferne ein leuchtendes Feuer. Ich freute mich, hoffte ich doch, dass ich von dort Hilfe bekäme.

Als ich näher kam, erkannte ich, dass es kein Feuer war, das mich hergeführt hatte. Das Funkeln ging vom Kupferdach eines Palastes aus, auf das die sinkende Sonne ihren Glanz warf.

Lange betrachtete ich den Palast. Fremd und mächtig sah er aus. Plötzlich öffnete sich die Pforte und zehn Jünglinge traten heraus, einer schöner und kraftvoller als der andere.

Als ich näher kam, sah ich, dass alle Jünglinge ihr linkes Auge verloren hatten, mit Ausnahme eines alten Mannes, der als elfter aus der Pforte trat.

Sie kamen auf mich zu und verneigten sich. „Friede sei mit dir!“, sagte sie. Und dann fragten sie mich nach meiner Geschichte.

Nachdem ich ihnen meine Geschichte erzählt hatte, staunte sie sehr. Dann sprachen sie zu mir: „Komm herein zu uns. Möge uns deine Ankunft Glück bringen.“ Und so traten wir ein. Wir durchschritten viele Säle, die mit Goldbrokat bespannt waren, bis wir in einen Saal kamen, der größer und prächtiger als alle anderen war. Zehn Betten waren hier aufgebaut. In der Mitte aber lag ein kostbarer Teppich. Darauf ließ sich der alte Mann nieder, während sich die Jünglinge auf die Betten legten.

Dann sprachen sie zu mir: „Herr, lasse dich am oberen Ende des Saales nieder. Aber verhalte dich ruhig und stelle keine Fragen, was immer auch geschieht und was immer du auch siehst.“

Dann stand der alte Mann auf und verließ den Saal.

Als er zurückkam, verteilte er Speisen und Getränke, und gab allen davon. Wir aßen und tranken gemeinsam. Dann sagten die Jünglinge:“

„Nun bringe uns, was wir brauchen.“

Ohne ein Wort zu sagen, stand der alte Mann auf und verließ den Saal. Als er zurückkam, trug er in der Hand eine Schüssel, die mit einem Tuch zugedeckt war. In der anderen Hand hielt er eine Kerze.

Jedes mal stellte er die Schüssel und die Kerze vor einen der Jünglinge und verschwand wieder, um eine neue Schüssel und eine neue Kerze zu holen.

Nur ich erhielt nichts. Dann nahmen die Jünglinge das Tuch von der Schüssel, und ich sah, dass Asche darin war. Sie nahmen die Asche, streuten sie auf ihren Kopf und schwärzten ihr Gesicht damit. Dann begannen sie zu klagen und zu stöhnen. Dabei riefen sie: „Ach, es ist alles unsere Schuld und alles, was wir tun müssen, geschieht uns recht.“

So stöhnten und klagten sie bis Mitternacht, und es hörte sich schauerlich und beängstigend an. Dann brachte ihnen der alte Mann andere Schüsseln. Sie wuschen sich, zogen sich andere Kleider an und waren wir vorher.

Da alles verwirrte mein Herz sehr und ich fragte: „Was ist mit euch? Warum tut ihr das? Ihr seid doch gesund und normal, warum bei Allah benehmt ihr euch wie Wahnsinnige?“

Sie winkten verlegen ab. „Stell uns keine Fragen!“, sagten sie. Dann legten sie sich schlafen, und ich tat es ihnen nach.

Als wir am nächsten Morgen erwachten, brachte der alte Mann uns Frühstück, und alles war wie immer.

Und der nächste Tag begann und verlief wie der Tag davor. Als es Abend wurde, sagten die Jünglinge wieder zu dem alten Mann:

„Bring uns, was wir brauchen!“ Und wieder brachte er ihnen die Schüsseln, wieder streuten sie Asche auf ihr Haupt und wieder begannen sie zu klagen und zu stöhnen.

Ich konnte das nicht mehr aushalten, und ich rief: „Ich verstehe euch nicht. Ich will wissen, was ihr für ein Geheimnis zu verbergen habt. Ich will wissen, warum ihr euer Auge verloren habt. Ihr sagt immer, ich soll nicht fragen, aber ich kann nicht anders. Ich will wissen, was hier los ist.“

Doch sie sagten: „Es ist besser, wenn du es nicht weißt.“

Aber das machte mich nur noch neugieriger. „Ich muss es wissen“, rief ich. „Sagt es mir bitte.“

Und sie erwiderten: „Wisse, es ist nur zu deinem Besten, dass wir dir nichts verraten. Denn wenn wir dir deine Bitte erfüllen und dir unser Geheimnis verraten, wirst du wie wir ein Auge verlieren. Und das ist nicht alles. Es wird dir noch viel übler ergehen.“

Doch ich wollte es einfach wissen. So sprach ich: „Wenn ihr mir euer Geheimnis nicht verraten wollt, werde ich gehen. Schließlich will ich nicht unter Verrückten leben. Es tut mir Leid, dass ich das sage. Ich will euch nicht beleidigen. Doch beleidigt ihr nicht auch mich durch euer Schweigen? Es ist genug. Ich gehe und verlasse dieses Haus des Schweigens und der Asche.“

Und so erhob ich mich. Da sagten sie: „Bleib!“

Und einer von ihnen sprach: „So soll sich dein Wunsch erfüllen, aber auch dein Schicksal. Es wird dir geschehen, was uns geschehen ist. Aber klage nicht und denke daran, dass es dein Wille war. Aber du musst wissen, wenn du dein Auge verloren hast, kannst du nicht in unser Haus zurückkehren. Wir sind schon zehn, und du bist von anderer Art als wir. Also überlege es dir gut.“

Danach brachte der alte Mann einen Hammel, schlachtete ihn und zog die Eingeweide heraus. Dann zog man dem Hammel die Haut ab und reinigte sie.

Nun sprachen die Jünglinge zu mir: „Lass dich nun in die Haut des Hammels nähen und dich auf das flache Dach des Palastes legen. Kurze Zeit später wird ein großer Vogel kommen und dich holen. Sein Name ist Roch. Er ist so stark, dass er in der Lage ist, einen Elefanten davon zu tragen.

Der Vogel wird dich für einen Hammel halten und dich mitnehmen, um dich zu fressen. Er wird dich hoch in die Wolken tragen und dich auf einem Berg niederlassen, um dich da zu verschlingen. Du musst dann mit deinem Messer die Haut des Hammels aufschlitzen und heraus kriechen.

Der Vogel Roch mag kein Menschenfleisch, und er wird sich vor dir erschrecken und davon fliegen. Du aber bist jetzt weit gereist. Mache dich auf und wandere zu einem Palast, das sich dort ganz in der Nähe befindet. Es ist zehnmal größer und zehnmal schöner als unser Palast.

Gold bedeckt das Dach und das Mauerwerk ist mit Edelsteinen besetzt. Diamanten, Türkise und Smaragde findet man hier.

Die Pforte wird für dich geöffnet sein. Tritt hinein, wie wir es damals auch gemacht haben. dann wird sich dein Wunsch erfüllen, und du wirst das Geheimnis erfahren.

Mehr dürfen wir dir nicht verraten. Da aber deine Neugier nicht zu stillen ist, wirst du den gleichen Weg beschreiten müssen, den auch wir damals gegangen sind. Möge aber dein Schicksal dir gnädig sein.“

Ich ließ mich durch diese mahnenden Worte nicht von meinem Entschluss abbringen, und so gaben sie mir ein Messer und nähten mich in die Haut des Hammels ein. Sie legten mich auf das Dach des Palastes und zogen sich zurück.

Schon nach kurzer Zeit spürte ich den Vogel kommen. Er schnappte mich und flog mit mir davon. Als er mich eine Weile später auf der Erde ablegte, ergriff ich das Messer und kroch aus der Haut des Hammels heraus. Der Vogel erschrak, als er mich sah, und flog davon. Erst jetzt sah ich, dass er ein großer weißer Vogel war, dick wie zehn Elefanten und groß wie zwanzig Kamele.

Ich zögerte nicht lange. Die Neugier trieb mich voran, und so wanderte ich bis ich mittags am Goldpalast ankam.

Der Palast übertraf alles an Schönheit und Reichtum, was ich je gesehen hatte. Neben dem Portal, durch das ich schritt, gab es neunundneunzig Türen aus vornehmstem Sandelholz und Aloe. Sie waren mit Gold und Rubinen verziert, die Türklinken waren aus reinstem Silber.

Und hinter jeder Tür verbarg sich ein Saal oder ein Garten, in dem sich die edelsten Schätze des Meeres oder der Erde häuften.

Im ersten Saal, in den ich trat, fand ich mich zwischen vierzig Mädchen wieder. Sie waren eine schöner als die andere, sodass ich fast den Verstand verlor.

Sie trugen goldene Schleier, ihre Körper waren anmutig, wie Gazellen in der Steppe und ihre Haut war so geschmeidig wie ein Leopard in der Wüste. Ihre Augen sahen sanft aus, und ihr Mund hatte ein heiteres Lächeln. Ihre Gesichter erstrahlten wie Blumen in der Oase.

Ich war so verwirrt von ihrer Schönheit, dass ich für einige Zeit meine Augen schließen musste, so sehr hämmerte mein Herz.

Die Mädchen aber sagten: „Allah sei gepriesen, dass er uns einen Menschen sandte, der so wertvoll ist, wie wir es sind. Möge unser Haus auch dein Haus sein, Fremder.“

Dann baten sie mich, mich auf dem Diwan nieder zu lassen. „Heute bist du unser Herr und Gebieter und wir sind deine Sklavinnen“, sagten sie zu mir. „Sag uns, was wir zu tun haben, und wir werden es für dich tun.“

Dann erhob sich eine und brachte mir Essen, eine andere wärmte Wasser und wusch mir Füße und Hände. Später wechselten sie meine Gewänder, reichten mir Wein, setzten sich zu mir und redeten und lachten mit mir. Als der Abend kam, ließ ich mich auf meinem Lager nieder und schlief glücklich ein.

Auch in den nächsten Tagen wurden alle meine Wünsche erfüllt, und ich lebte und fühlte mich wie im Paradies. So ging es Nacht für Nacht und Tag für Tag.

Glücklich rief ich: „Erst jetzt weiß ich, was es heißt, zu leben. Doch ich weiß auch, dass Glück nicht für immer ist. Eines Tages wird dieses Paradies zu Ende sein.“

„Aber nein“, sagten die Mädchen. „ Du kannst für immer bei uns bleiben. Du musst uns nur versprechen, uns niemals etwas über deine Erlebnisse zu erzählen. Und eins musst du dir ganz besonders zu Herzen nehmen: Niemals darfst du die vierzigste Tür des Saales öffnen, denn dahinter verbirgt sich ein großes Geheimnis.“

Am nächsten Morgen schritt ich durch den Saal und zählte die Türen. Als ich vor der vierzigsten Tür angekommen war, überkam mich meine Neugier und ich öffnete sie mit einem Ruck.

Mitten in dem Saal stand ein herrliches schwarzes Pferd. Es war gesattelt und gezäumt. Vor ihm standen zwei Krippen, eine war aus Kristall und mit Sesam gefällt, die andere war aus Lapislazuli. In ihr befand sich Rosenwasser.

Verwundert schaute ich das Pferd an. Ob das wohl das Geheimnis war? Neugierig nahm ich das Pferd und führte es aus dem Palast heraus. Dann stieg ich in den Sattel. Das Pferd aber bewegte sich nicht.

Da stieß ich meine Fersen in seine Flanken, doch auch jetzt machte das Pferd keine Anstalten, sich in Bewegung zu setzen.

Nun nahm ich die Gerte und schlug zu. Als das Pferd den Schlag fühlte, wieherte es laut. Wie ein Donner klang dieses Wiehern. Dann breitete das Pferd weite Flügel aus und flog mit mir zum Himmel empor. Höher und höher flog es mit mir. Die Landschaft unter mir wurde kleiner und kleiner, schließlich flog es sogar durch die Wolkendecke hindurch.

Die Geheimnisse, die ich hier oben sah, hatte ich noch nie gesehen. Wie eine Wunderwelt sah die Welt des Himmels für mich aus.

Nachdem wir eine Weile geflogen waren, schwebte es auf das Dach eines Palastes herab und warf mich von seinem Rücken. Als ich am Boden lag, schleuderte es mir seinen Schweif ins Gesicht und schlug mir dabei das linke Auge aus.

Ich schrie laut und wand mich in meinem Schmerz. Doch das Pferd drehte sich um und flog davon. Dann verlor ich die Besinnung. Als ich erwachte, war ich sehr verwirrt.

Langsam stieg ich vom Dach herab und befand mich dort, wo ich hergekommen war, zwischen den zehn Jünglingen, die in ihren Ruhebetten lagen.

Als ich sie erblickte, sagte ich zu ihnen: „Nehmt mich in eurer Mitte auf. Seht, ich bin genauso geworden, wie ihr.“

Aber die Jünglinge entgegneten: „Nein! Niemals darfst du in unsere Kreise eindringen. Der Vogel Roch, das fliegende Pferd und die vierzig schönen Mädchen sind unser Geheimnis.

Du kamst vom Magnetberg zu uns und drangst schon viel zu weit in unsere Geheimnisse ein. Nun musst du zurückkehren. Du löst unsere Rätsel nicht. Es reicht, dass du sie erleben durftest. Nun geh in deine Welt zurück und finde den rechten Weg.“

Da drehte ich mich um und ging. Ich schor mir die Haare und den Bart und verzichtete auf mein königliches Dasein. Ich suchte um Vergebung für meinen Übermut und meine Schuld, den schönen Jüngling getötet zu haben. Auch wenn ich es nicht absichtlich getan hatte, so war ich doch nicht mehr würdig, ein Leben im königlichen Goldpalast zu führen.

Jedem von uns wird einmal jede Freude genommen, und jeder von uns fügt einmal einem anderen Leid zu, auch wenn wir es nicht wollen.

So erkannte ich, dass das Leben ohne Leid nur möglich ist, wenn wir auf den Reichtum verzichten. Und weil ich ein Auge verloren hatte, wollte ich zusätzliche Einsicht gewinnen.

So lebte ich als wandernder Mönch und als Fakir. Dann aber erkannte ich, dass nicht in der Einsamkeit das Heil liegt, sondern unter dem Leben mit den Menschen, die Allah erschaffen hat. So wurde ich der, der ich jetzt bin, ein Mann, der Lasten trägt, fremde und eigene.

Ich wanderte durch die Welt, bis ich in die Stadt Bagdad kam. Hier bin ich ein Namenloser geworden, ein einfacher Mensch unter einfachen Menschen. Ich bin ein anderer geworden, zufriedener und weiser als jemals zuvor. Ich habe meinen Frieden gefunden.

Nun, das ist meine Geschichte über mein verlorenes Auge und den geschorenen Bart.

So erzählte der Lastenträger, und die Dame fand seine Geschichte ungewöhnlich, und weil er ihr gefiel, bat sie ihn, zu bleiben. Sie wollte ihn dafür reich beschenken. Doch er, der ein König gewesen war und ein Sohn des Königs, nahm nur den Lohn, der ihn für die Beförderung des Paketes zustand, bedankte sich für die Bewirtung, grüßte die schöne Dame lächelnd und war alsbald in den Straßen der Stadt verschwunden.

Sie aber dachte noch lange über die Geschichte nach.

Den König Schahirar, dem Scheherazade diese Geschichte erzählt hatte, erging es nicht anders. Am nächsten Abend stellte er viele Fragen über die Rätsel des Magnetberges und über den Goldpalast.

„Ich begreife, was diese Geschichte sagen will“, sagte er. „Der Jüngling konnte auf der Insel dem Tode nicht entfliehen, den Allah für ihn bestimmt hatte. Und dafür, dass Adschib in die Geheimnisse der Zehn, dem Flügelpferd und den Wunderwelten eingetaucht war, musste er einen hohen Preis zahlen, sein Auge. Doch dadurch ist ihm eine tiefere Sicht in die Geheimnisse des Lebens gegeben worden, als unsere Augen eigentlich sehen können. Ist es nicht so? Trotzdem verstehe ich von vielen Dingen den Sinn nicht so richtig.“

Da erwiderte Scheherazade: „Oh König. Solche Legenden sind nicht immer leicht zu verstehen. Warum fragt ihr nach dem Sinn? Liegt nicht in jedem Wunderteppich der Märchen mit seinen Linien, Farben und Figuren nicht Sinn genug?“

„Mag sein“, nickte der König. „Mag sein, dass die Geschichten immer dunkler und rätselhafter werden, je länger sie von Mund zu Mund überliefert werden. Doch ich frage dich, Scheherazade, weißt du auch Geschichten aus jüngerer Zeit?“

„Ich kenne eine Geschichte aus der Zeit des großen Kalifen Harun al Raschid“, entgegnete Scheherazade. „Der Inhalt dieser Geschichte ist zunächst, dass ein Mann einen Apfel isst. Doch aus dieser Kleinigkeit ergeben sich seltsame und schreckliche Dinge.“

„Wie seltsam!“, wunderte sich der König. „So seltsam ist das gar nicht“, sagte Scheherazade. „Das Schreckliche oder Seltsame ist oft eine Folge von Kleinigkeiten. Und so wächst aus den kleinen Dingen manchmal etwas Großes. So ist es nicht nur im Märchen, sondern auch im Leben aller Menschen.“

„Erzähle mir die Geschichte“, befahl der König. Und Scheherazade begann.

Die Geschichte von dem Schwarzen, der einen Apfel nahm

Vor langer Zeit, als der Kalif Harum al Raschid noch ein junger Mann war, ließ er seinen Wesir Dscha` afar zu sich rufen und sprach zu ihm: „Ich möchte in die Stadt gehen und alle Menschen befragen, wie sich meine Beamten ihnen gegenüber benehmen. Die Beamten, über die die Menschen schlecht reden, sollen entlassen werden, die aber, mit denen die Menschen zufrieden sind, sollen von uns belohnt werden.“

Dscha` afar nickte und antwortete: „Ich werde gehorchen.“ Und so zogen der Kalif, sein Wesir Dscha` afar und sein Diener Masrur in die Stadt. Sie wanderten durch die engen Straßen und Märkte, bis sie schließlich in eine kleine Gasse kamen. Ein alter Mann ging hier gerade mit einem Fischernetz in der Hand seiner Wege.

Da wandte sich der Kalif an Dscha` afar und sagte: „Diesem Mann ist anzusehen, dass er im Elend lebt. Wir wollen ihn darum befragen.“ Und er wandte sich dem alten Mann zu. „Ehrwürdiger alter Mann“, sagte er. „Was bist du von Beruf?“

Der alte Mann seufzte tief. „Ich bin Fischer“, sagte er. „Und ich habe eine ganze Familie zu ernähren. Doch denke, ich habe gleich am Morgen mit dem Fischen angefangen. Nun neigt sich der Tag dem Ende, aber bei Allah, ich habe nicht einen Fisch gefangen, mit dem ich meine Familie hätte ernähren können. Ach, ich hasse mein Leben und ich wünschte mir, ich würde sterben.“

Da antwortete der Kalif: „Höre. Ich rate dir, mit uns zum Ufer des Tigris zu gehen und dein Netz noch einmal auszuwerfen. Alles, was du dort fängst, will ich dir mit hundert Dinare abkaufen.“ Der Mann lachte und freute sich. „Bei Allah!“, rief er. „Ich komme mit!“

So gingen sie gemeinsam zum Ufer des Tigris. Der Fischer warf seine Netze aus. Sie sanken schnell auf den Grund des Flusses. Nach einer Weile band er die Schüre zusammen und zog das Netz ans Ufer des Flusses. Im Netz befand sich ein großer Kasten, der mit Metall beschlagen war. Er war sehr schwer.

Der Kalif nahm den Kasten an sich und gab dem Fischer zweihundert Golddinare dafür. Der Fischer lief freudig davon. Nun schleppte der Diener mit Hilfe von Dscha` afar die schwere Kiste zum Palast zurück. Dort stellten sie sie ab und entzündeten viele Kerzen, um den Inhalt genauer zu untersuchen.

Dscha` afar brach den Kasten auf und fand darin einen Korb, der aus Palmblättern geflochten und mit einem roten Fäden verknüpft war. In diesem Korb lagen ein Teppich und ein Frauenkleid, das ordentlich zusammengefaltet war.

Als sie das Frauenkleid aber zur Seite nahmen, erschraken sie zutiefst. Am Grunde des Korbes nämlich befand sich eine junge Frau. Sie war schön und rein wie ein Silberbarren, doch jemand hatte sie auf grässliche Art und Weise in neunzehn Stücke zerhackt.

Als der Kalif diese Leiche entdeckte, schlug er die Hand vor die Augen, und Tränen liefen zwischen seinen Fingern hindurch. „Wehe!“, rief er. „Wehe dem, der das getan hat.“ Dann wandte er sich Dscha` afar zu.

„Bist du in diesem Land nicht zum Schutz und zur Sicherheit eingesetzt?“, jammerte er. „Was tust du gegen diese Freveltaten? Sollen weitere unschuldige Menschen ermordet werden? Soll ihr Blut sich an uns rächen? Das ist doch kein Friede, der in diesem Land herrscht. Wehe, wenn du in diesem Land diesen Mördern gegenüber nicht Herr wirst, wird es weitere Morde geben.“

Und zitternd vor Wut klagte er weiter: „Höre, wenn du diesen Täter nicht findest, damit ihm die Strafe zuteil wird, die er verdient, will ich dich an seiner Stelle an den Toren meines Palastes aufhängen.“

Dscha` afar erschrak sehr. „Gebt mir drei Tage!“ bat er. „Ich gebe sie dir“, erwiderte der Kalif.

Dscha` afar machte sich sofort auf die Suche nach dem Mörder. Doch seine Nachforschungen hatten keinen Erfolg. Als der dritte Tag gekommen war, kehrte Dscha` afar ratlos zu sich nach Hause zurück, und sein Herz war voll Angst und Trauer.

Bei sich und seiner Seele sprach er: „Es ist unmöglich, den Schurken zu finden, der diese Frau umgebracht hat. Leicht wäre es allerdings, einen ganz anderen Mörder zu bringen und ihm die Tat in die Schuhe zu schieben. Wenn ich das aber tue, wird Allah Blut über mein Haupt kommen lassen. Also, was soll ich tun?“ Und ratlos blieb er zu Hause sitzen und wartete auf die Dinge, die sich nicht ändern ließen.

Als der vierte Morgen gekommen war, schickte der Kalif seinen Kämmerer zum Wesir und ließ ihn in den Palast des Kalifen führen. Dort fragte der Kalif voller Ungeduld: „Nun sag also, wer ist der Mörder der jungen Frau?“

Da erwiderte Dscha` afar: „Oh mein Kalif, bitte bedenkt, ich bin nicht allwissend. Ich bin doch für das lebende Volk da, nicht für die Toten. Wer weiß, wer diese Frau tötete. Und wenn man es weiß, wird sie davon auch nicht wieder lebendig.“ Da wurde der Kalif sehr sehr zornig. „Hängen sollst du!“, rief er wütend. „Vor den Toren des Palastes.“

Und er ließ einen öffentlichen Rufer durch die Straßen von Bagdad laufen, damit die Hinrichtung bei allen Menschen bekannt gemacht wurde. „Wer sehen möchte wie Dscha` afar, der Wesir des Kalifen, vor den Toren des Palastes gehängt wird, soll vorbei kommen und es sich anschauen“, rief er.

Da kamen aus allen Vierteln der Stadt Menschen, die sich Dscha` afars Hinrichtung sehen wollten. Allerdings wussten sie nicht, warum er hingerichtet werden sollte, und das ließ sie unwillig werden.

Vor den Toren des Palastes wurde ein Galgen errichtet. Dahin ließ man Dscha` afar bringen.

Nun schauten alle zum Kalifen hinüber, damit er das Zeichen für die Hinrichtung gab. Gleichzeitig aber waren die Menschen entsetzt über den Befehl des Kalifen und hatten Mitleid mit Dscha` afar.

Plötzlich aber bahnte sich ein junger Mann den Weg durch die Menge. Er war wunderschön anzusehen, mit seinen schwarzen funkelnden Augen und den rosigen Wangen, die aussahen, als wenn die Sonne hell und funkelnd am Morgen hinter den Bergen hervor schaut. An seinen vornehmen Kleidern war zu erkennen, dass er ein reicher Jüngling war.

Dieser Mann schritt durch die Menge, bis er vor dem Kalifen zum Stehen kam. Dann sprach er zu ihm: „Ich komme, um dich zu retten, erhabener Würdenträger. Denn siehe, ich bin der Mann, den du suchst. Ich bin es nämlich, der diese Frau getötet hat, die in dem Kasten lag. Lasst darum mich hängen, damit ihr Blut an mir gerächt wird.“

Als Dscha` afar das hörte, war er froh über seine Rettung, traurig aber über das Schicksal des jungen Mannes. Während sie weiter miteinander sprachen, drängte sich ein älterer Mann durch das Volk und bahnte sich mühsam einen Weg zu Dscha` afar und dem Wesir. Dann verneigte er sich vor dem Wesir und sprach:

„Oh erhabener Wesir, ich flehe dich an, schenke den Worten des jungen Mannes keine Aufmerksamkeit. Nicht er, sondern ich habe diese Frau getötet. So muss an mir Rache verübt werden.“

„Aber nein, großer Wesir“, rief nun der junge Mann verzweifelt. „Glaubt diesem alten Mann kein Wort. Er weiß nicht, was er spricht. Ich habe diese Frau ermordet und muss darum gehängt werden.“

Darauf flehte der alte Mann den jungen Mann an: „Mein Sohn, du bist jung und kannst dich noch am Leben freuen. Ich aber bin alt und gebrechlich, und freue mich, wenn das Ende des Lebens endlich für mich gekommen ist. Darum lass mich dem Wesir mein Leben für deins anbieten.“

Der Wesir aber wunderte sich sehr. Er nahm beide Männer und führte sie zu dem Kalifen. „Großer Kalif“, sagte er dann. „Hiermit bringe ich euch den Mörder der Frau.“ Der Kalif schaute erstaunt von einem zum anderen. „Wer von den beiden ist es denn?“ fragte er.

Dscha` afar aber erwiderte: „ Das müsst ihr entscheiden. Dieser junge Mann sagt, dass er der Mörder ist, doch der alte Mann behauptet ebenfalls, der Mörder zu sein.“

Der Kalif blickte kopfschüttelnd auf die beiden Männer. Dann fragte er: „Wer von euch hat das Mädchen getötet?“ „Ich allein war es!“, erwiderte der junge Mann. Doch der alte Mann sprach im gleichen Augenblick: „Ich tötete das Mädchen.“

Unwillig wandte sich der Kalif dem Wesir zu. „Hänge sie beide!“, befahl er. Doch Dscha` afar wiegte bedächtig den Kopf hin und her. „Nur einer von den beiden wird der Mörder gewesen sein“, gab er zu Bedenken. „So ist es eine große Ungerechtigkeit, den anderen auch zu hängen.“

Da rief der junge Mann laut: „Bei Allah, der die Welt wie einen Teppich erschaffen hat, bitte glaubt mir doch. Ich war es wirklich, der die Frau tötete.“ Und ganz ausführlich stellte er dar, wie er die Frau getötet hatte und sie mit dem Korb, dem Teppich und dem Umhang in den Kasten gelegt hatte.

So wurde dem Kalifen klar, dass er in dem jungen Mann tatsächlich den Mörder vor sich hatte. Entsetzt fragte er ihn: „Was bei Allah, war der Grund für diese schreckliche Tat. Und wie kommst du dazu, freiwillig das Verbrechen zu gestehen. Und warum bittest du mich, sie an dir zu rächen?“

Da begann der junge Mann zu erzählen: „Wisse, oh Herrscher der Gläubigen, diese junge schöne Frau war meine Frau, und die Tochter dieses alten Mannes. Allah hat mir durch sie drei schöne Knaben geschenkt, und ich liebte sie wie keinen anderen Menschen auf der Welt. Nie hörte sie auf, mich zu lieben, und ich fand nie etwas an ihr auszusetzen.

Dann aber eines Tages wurde sie von einer schweren Krankheit heimgesucht. Ich ließ die klügsten Ärzte kommen, und schon nach kurzer Zeit gelang es ihnen, sie zu heilen. Und da sie so lange Zeit über im Bett gelegen hatte, wünschte ich, sie würde ein Bad nehmen.

Doch sie sagte zu mir: „Bevor ich ins Badehaus gehe, habe ich einen Wunsch an dich.“ „Jeden Wunsch erfülle ich dir“, erwiderte ich. „Was ist es, das du dir wünschst.“ „Ich habe ein unstillbares Verlangen nach einem Apfel“, sagte sie. „Ich möchte seinen Duft einatmen und dann hinein beißen.“ Da sprach ich sofort: „Und hättest du tausend Wünsche, ich würde sie dir sofort erfüllen.“

So ging ich in die Stadt und suchte nach Äpfeln. Aber an diesem Tag hatte ich kein Glück. Ich fand keinen einzigen. Traurig kehrte ich nach Hause zurück. „Oh, meine geliebte Frau, Tochter meines Oheims“, sagte ich. „Bei Allah, es war mir nicht möglich, einen Apfel zu finden.“

Sie wurde sehr traurig und wurde auf`s Neue von einem Schwächeanfall heimgesucht. In der Nacht kehrte ihre Krankheit zurück. Als ich sah, wie ernst ihr Zustand war, bekam ich große Angst.

Dann kam der Morgen, und ich ging erneut zum Bazar und wanderten von einem Stand zum anderen, doch nirgends waren Äpfel zu finden. Schließlich traf ich einen alten Gärtner. Der sprach zu mir: „Mein Sohn, dieser Wunsch ist kaum zu erfüllen. Um diese Zeit gibt es nur an einer Stelle im Land Äpfel, nämlich im Garten des Kalifen von Bassora. Der Gärtner dort bewacht sie wie seinen Augapfel, denn sie sind für die Tafel des Herrschers bestimmt.“

Traurig über meinen Misserfolg kehrte ich nach Hause zurück. Meiner Frau ging es nicht besser, und weil meine Liebe zu ihr so groß war, beschloss ich, nach Bassora zu reiten, um die Äpfel zu besorgen.

Fünfzehn Tage und Nächte war ich unterwegs. In Bassora angekommen, gelang es mir, vom Hofgärtner drei Äpfel für drei Golddinare zu kaufen. So schnell ich konnte, ritt ich nach Hause zurück.

Doch kaum überbrachte ich meiner Frau die Äpfel, rührte sie keinen davon an. Ihr Fieber hatte zugenommen, und sie wurde von einem Schwächeanfall geschüttelt. Zehn Tage lang war ich in großer Angst um sie. Dann aber wurde sie allmählich wieder gesund.

Nun wagte ich es auch wieder, das Haus zu verlassen und zu meinem Geschäft zurück zu kehren. Ich begann wieder mit dem Handel. Als es Mittag war, kam ein schwarzer Sklave an meinem Geschäft vorbei. Er war sehr groß und nicht besonders gut aussehend. In der Hand hielt er einen Apfel, mit dem er spielte.

„Woher hast du diesen Apfel?“, fragte ich ihn. Da lachte er und sagte dann: „Oh, ich bekam ihn von einer schönen weißen Frau. Es ist schon einige Monde her, dass ich sie kennen gelernt habe. Ich brachte ihr einen Korb mit Fischen ins Haus, und sie verliebte sich in mich.

Denkt euch, sie hat einen wirklich dummen Ehemann. Er ahnt nicht, dass sie mich lieber mag als ihn. Vor einiger Zeit spielte sie ihm vor, sie sei krank und bat um Äpfel. Und denkt euch, dieser Narr war so dumm, extra für diese Äpfel nach Bassora zu reisen. Drei Golddinare war er bereit, dafür zu zahlen. Ich blieb bei ihr und aß, trank und lachte mit ihr, bis sie mir zum Abschied diese Äpfel schenkte.“

Als ich diese Geschichte hörte, wurde mir schwarz vor Augen. Rasend vor Zorn schloss ich mein Geschäft und kehrte nach Hause zurück. Hier fand ich meine Frau vor. Ich blickte in die Schale mit den Äpfeln und sah nur zwei Äpfel dort liegen.

„Oh Tochter meines Oheims, sage mir, wo ich den dritten Apfel finden kann“, sagte ich. Und sie erwiderte mit freundlicher Stimme: „Oh Sohn meines Oheims, ich weiß es nicht.“

Da war ich überzeugt davon, dass der Sklave die Wahrheit gesagt hatte. In meiner rasenden Wut griff ich nach dem Schwert und stach auf sie ein. Ich hörte nicht eher wieder auf, als bis sie zerstückelt auf ihrem Bett lag.

Dann erst wurde mir bewusst, was ich getan hatte, und es ergriff mich eine große Verzweifelung. Ich nahm den zerstückelten Körper und legte ihn in den Korb. Dann deckte ich ihn mit dem Teppich und dem Gewand zu. Dies alles legte ich in einen Kasten und lud ihn auf ein Maultier, der es zum Tigris hinunter trug. Dort warf ich alles in den Fluss.

Darum bitte ich euch, mein Herr, tötet mich, damit ich für mein Verbrechen bestraft werde. Denn sonst werde ich am Tag des jüngsten Gerichtes bestraft, und in der Stunde des Sterbens erwartet mich Schlimmes.

Als ich den Körper meiner Frau in den Fluss geworfen habe, kehrte ich nach Hause zurück und fand dort meinen kleinen Sohn vor. Er weinte, obwohl er gar nicht wusste, was mit seiner Mutter geschehen war.

„Mein Sohn, warum weinst du?“, fragte ich ihn.

Da sagte er zu mir: „Ich nahm einen dieser Äpfel, die du meiner Mutter mitgebracht hattest und ging damit auf die Straße, um mit meinen Freunden zu spielen. Plötzlich kam ein schwarzer Sklave und fragte mich:

„Woher hast du diesen Apfel.“ Und ich erzählte ihm, dass du eine lange Reise nach Barossa gemacht hast, um diesen Apfel für meine kranke Mutter für drei Golddinare zu kaufen.“ Aber der Schwarze achtete nicht auf meine Worte. Er lachte nur, stieß mich weg und nahm mir den Apfel aus der Hand. Dann ging er einfach davon.

Ich aber hatte große Angst, dass Mutter mich ausschimpfen würde. Darum ging ich mit meinem Freund aus der Stadt heraus und blieb dort bis zum Abend.“

Oh, mein Herrscher, könnt ihr euch denken, wie mir nun zumute war? Als ich meinen Sohn erzählen hörte, begriff ich, dass ich den Prahlereien des schwarzen Mannes einfach geglaubt hatte und meine Frau ohne jeden Grund getötet hatte.

Da begann ich, schrecklich zu weinen. Und als dieser alte Mann, ihr Vater, bei mir vorbeikam, erzählte ich ihm alles, und wir weinten zusammen. Unser Weinen und Klagen dauerte bis zum nächsten Morgen.

Darum bitte ich euch nun, oh König der Zeiten, lasst mich töten. Ich kann mit diesem schlechten Gewissen nicht mehr weiter leben.

Aber der König schüttelte den Kopf. „Bei Allah!“, rief er aus. „Diesen Mann trifft nicht die Schuld allein. Ich muss überlegen, was ich mit ihm machen werde. Ich fordere aber, mir den Lügner zu bringen. Er allein soll gehängt werden.“

Und so wandte er sich an Dscha` afar und sprach zu ihm: „Dieser Schwarze ist die einzige Ursache des Unglücks. Suche ihn, und bringe ihn, so schnell du kannst. Sollte dir das nicht gelingen, sollst du an seiner Stelle sterben.“

Da sprach Dscha` afar: „Durch einen großen Zufall entging ich dem Tode. Aber nun bin ich ein zweites Mal in Gefahr.“ Und er ging nach Hause. Dort aber tat er gar nichts, um den Schwarzen zu suchen, sondern er blieb in seinem Haus und wartete.

Am Morgen des vierten Tages kam ein Bote des Kalifen zu ihm und sprach zu ihm: „Unser Herrscher ist in großem Zorn auf dich. Er schwört bei Allah, dass am Ende des Tages jemand hängen wird, entweder der Schwarze oder du.“

Als Dscha` afar diese Worte hörte, begann er zu weinen, und alle, die an seinem Hofe lebten, weinten mit ihm. Dann sagte er allen am Hofe Lebewohl, seinen Kindern und auch seinen Sklaven. Nur von seiner jüngsten Tochter konnte er sich nicht verabschieden, denn dieses Mädchen liebte er mehr als alles andere auf der Welt.

Aber er ging zu ihr, küsste sie und drückte sie fest an seine Brust. Plötzlich spürte er etwas Hartes in ihrem Kleid und fragte sie: „Mein kleines Mädchen, was hast du denn da unter deinem Kleid?“

„Oh mein Vater“, rief sie. „Es ist ein Apfel. Unser Sklave Rihan hat ihn mir vor einigen Tagen geschenkt.“ Als Dscha` afar das hörte, atmete er tief. Dann ließ er den Sklaven zu sich kommen.

„Rihan!“ sagte er. „Was hat das mit dem Apfel auf sich? Woher hast du ihn?“ Und der Schwarze erwiderte: „Oh mein Gebieter, ich bitte euch, glaubt mir. Ich habe diesen Apfel nicht aus eurem Palast und auch nicht aus den Gärten des Kalifen gestohlen.

Vor fünf Tagen ging ich durch die Straßen der Stadt. Dort spielten einige Kinder miteinander. Einer von ihnen hatte einen Apfel in der Hand. Ich fragte, woher er den Apfel habe, und er erzählte mir, er habe ihn seiner Mutter weggenommen. Ihr Mann sei extra wegen des Apfels nach Bassora gereist und habe dafür drei Golddinare bezahlt.

Da nahm ich dem Jungen den Apfel weg. Der Junge wurde sehr böse, schimpfte mich aus und trat nach mir. Dass ich den Apfel nahm, war nicht in Ordnung, das weiß ich selbst. Ich aber habe ihn nicht für mich genommen, sondern für eure kleine Tochter, meine Herrin. Ich habe ihr den Apfel geschenkt, und sie hat sich so sehr darüber gefreut, dass es mein Herz erwärmt hat.

Einem neugierigen Mann, der mich nach dem Apfel fragte, band ich einen Bären auf. Nur ein kleiner Schwindel, sonst nichts weiter. Und das, so schwöre ich euch, ist die ganze Geschichte.“

Als Dscha` afar von dieser Geschichte erfuhr, war er entsetzt, dass der Tod der jungen, schönen Frau und all das Elend zwar durch diesen Sklaven herbei geführt war, weil er den Apfel genommen hatte, er sich aber eigentlich nichts Böses dabei gedacht hatte und auch sonst ein freundlicher und zuverlässiger Bursche und allenfalls ein wenig angeberisch war.

Aber es half nichts. Er musste den Schwarzen festnehmen und brachte ihn zu dem Kalifen. Dann erzählte er ihm die Geschichte von Anfang bis Ende.

Der Kalif war sehr erstaunt. Er hatte so eifrig nach dem Mörder suchen lassen, dass er beinahe den Wesir dafür gehängt hatte. Nun sah er den braven Schwarzen, den beschwindelten Mörder und den verhängnisvollen Apfel vor sich, und allmählich verrauchte sein Zorn.

Da begann er zu lachen. „Wie wunderlich das Leben doch ist“, sagte er. Und Dscha` afar erwiderte: „Oh mein Herrscher, es ist nicht merkwürdiger als die Geschichte des Wesirs Nuraeddin von Ägypten und seines Bruders Schaesaeddin.“

„Die Geschichte möchte ich gerne hören“, rief der Kalif. „Gerne“, erwiderte Dscha` afar. „Aber nur unter der Bedingung, dass ihr den Schwarzen begnadigt, wenn euch die Geschichte gefällt.“ „Einverstanden“, sagte der Kalif. Da begann Dscha` afar mit seiner Geschichte.

Die Geschichte von dem Wesir Nuraeddin, von seinem Bruder, dem Wesir Schaemsaeddin, und von Hassan Baedraeddin

Vor langer Zeit lebte in Ägypten ein guter und gerechter König. Er hatte ein Herz für arme und fromme Menschen und liebte die Gesellschaft von klugen und weisen Männern. In seinem Dienst stand auch ein Wesir, der klug und erfahren war, und sich auf die Kunst des Regierens verstand.

Dieser Wesir war ein alter Mann. Er hatte zwei Söhne. Der ältere hieß Schaemsaeddin Muhammed, und er war so vollkommen in seiner Schönheit wie der Mond. Der Jüngere, Nuraeddin, übertraf seinen Bruder noch an Glanz und Anmut, und seine Schönheit war weit in ferne Gebiete bekannt.

Eines Tages starb der Wesir. Da ließ der König die beiden Söhne zu sich kommen. Er überreichte ihnen wunderschöne Ehrengewänder und sprach zu ihnen: „Jetzt, wo euer Vater heimgegangen ist in Allahs Reich, sollt ihr seinen Platz übernehmen und Wesire von Ägypten werden.“

Da freuten sich die beiden sehr. Und als das Trauerjahr vorbei war, traten sie ihre Dienste an. Mit dem Dienst erhielten sie eine große Macht. Und weil sie sich gut verstanden, übte jeder von ihnen den Dienst eine Woche lang aus, dann war der andere an der Reihe. Sie lebten zusammen in einem Haus und verstanden sich gut, und wenn ihre Meinungen bei den Regierungsgeschäften gefragt waren, waren sie sich immer einig.

Immer wenn der Sultan auf Reisen ging, begleiteten sie ihn abwechselnd. Als der König wieder einmal auf Reisen gehen wollte, war der Ältere der Brüder an der Reihe, ihn zu begleiten. In der Nacht zuvor saß er mit seinem Bruder zusammen, und sie aßen und tranken und redeten miteinander.

Da sagte der eine zu dem anderen: „Oh geliebter Bruder, wie wäre es schön, wenn wir beide zwei Schwestern zur Frau nehmen würden.“ Da antwortete Schaemsaeddin: „Das wäre wirklich wundervoll. Und wenn es Allahs Wille ist, mir ein Mädchen und dir einen Jungen als Kinder zu schenken, wollen wir die beiden miteinander verheiraten.“ Da erwiderte Nuraeddin: „Mein Bruder Schaemsaeddin, welchen Preis würdest du in dem Falle von meinem Sohn als Morgengabe für deine Tochter verlangen?“

Schaemsaeddin überlegte eine Weile: „Dreitausend Golddinare, drei Lustgärten und drei der schönsten Länder Ägyptens würde ich verlangen. Und wenn ich es mir recht überlege, ist das wirklich wenig für meine Tochter. Und wenn dein Sohn damit nicht einverstanden sein soll, bekommt er meine Tochter nicht.“

Nuraeddin schnappte empört nach Luft. „Schaemsaeddin, was fällt dir ein!“, rief er empört. „Hast du vergessen, dass wir Brüder sind und so Allah will als Wesire den gleichen Rang haben. Statt so viel Geld und Güter zu verlangen, solltest du meinem Sohn deine Tochter schenken, statt eine Morgengabe zu verlangen. Schließlich ist mein Sohn zehnmal mehr wert als du, und es wäre angemessener, wenn deine Tochter eine Morgengabe mitbringen würde, statt sie von meinem Sohn zu fordern.“

Nun geriet auch Schaemsaeddin in Zorn. „Bruder Nuraeddin, du glaubst doch nicht im Ernst, dass dein Sohn mehr wert ist als meine Tochter? Wenn du das meinst, zeigst du klar, dass dein Verstand sehr beschränkt ist und du außerdem sehr unhöflich bist.

Weißt du nicht, dass du es nur mir zu verdanken hast, dass du das Amt des Wesirs mit mir teilen durftest. Nur aus Mitleid habe ich dich daran teilnehmen lassen. Aber jetzt, wo du so gehässig redest, will ich deinem Sohn niemals meine Tochter zur Frau geben. Nicht einmal, wenn du sein Gewicht in Gold aufwiegen würdest.“

Als Nuraeddin die Worte seines Bruders hörte, wurde er rot vor Zorn und rief: „Auch ich werde um nichts in der Welt meinen Sohn mit deiner Tochter vermählen. Um keinen Preis der Welt! Behalte sie!“

Und Schaemsaeddin erwiderte: „Dein Sohn ist ein Nichts gegen meine Tochter. Wenn ich nicht ausgerechnet jetzt mit unserem König verreisen müsste, würde ich dich meine ganze Wut spüren lassen. Doch warte ab, bis ich zurück bin. Dann wirst du sehen, wie ich meine Würde wahren und meine Ehre rächen werde.“

Als Nuraeddin das hörte, erfüllte sich sein Herz mit Zorn, und er sann auf Rache. Doch es gelang ihm, seine Gefühle zu verbergen. Die beiden Brüder verbrachten die Nacht in unterschiedlichen Räumen und einer hatte gegen den anderen einen unbezähmbaren Zorn. Aus Zorn aber wurde Hass.

Am anderen Morgen machte sich Schaemsaeddin mit dem König auf den Weg von Kahira nach Gezira. Sie fuhren mit einer Barke über den Nil. Zur gleichen Zeit erhob sich Nuraeddin zum Morgengebet. Er hatte die Nacht wach auf seinem Bettlager verbracht, und die bösen Worte seines Bruders wanderten durch seinen Kopf und sein Herz.

Nach dem Gebet ging Nuraeddin in die Schatzkammer hinüber und füllte die Satteltaschen mit Goldstücken. Dann ließ er sein Maultier satteln und sprach zu seinem Sklaven: „Ich möchte einen Ausflug in die Stadt unternehmen. Dort möchte ich drei Nächte bleiben. Es ist aber mein ausdrücklicher Wunsch, allein zu reisen.“

Der Sklave nickte. Und so bestieg Nuraeddin sein Maultier und ritt los. Er ritt aus Kahira hinaus und schlug die Richtung ein, in der die Wüste lag. Dann reiste er Tage und Nächte, bis er nach Bassora kam.

In dem Augenblick, als Nuraeddin am Fenster des Palastes vorbei kam, blickte der Wesir von Bassora auf die Straße und erblickte das Maultier. „Was für ein herrliches Maultier ist das!“, dachte er. „Und was für wunderschönes Sattelzeug es hat. Dieses Tier wird bestimmt einem fremden Wesir, vielleicht sogar einem König gehören.“

Und er folgte Nuraeddin zu seiner Herberge und begrüßte ihn herzlich. „Oh mein Sohn“, sagte er. „Woher kommst du und was tust du hier bei uns in Bassora?“

Da erzählte ihm Nuraeddin die ganze Geschichte vom Anfang bis zum Ende. „Und darum bin ich weg gegangen“, endete er. „Und ich werde nicht eher nach Ägypten zurück kehren, bis ich nicht alle Länder der Welt kennen gelernt habe.“ „Mein Sohn“, mahnte nun der Wesir. „Höre nicht auf die Stimme deiner Leidenschaft. Sie kann dich ins Verderben führen. In vielen Ländern der Welt lauern Gefahren auf dich.“

Dann lud er Nuraeddin in sein Haus ein und bot ihm eine schöne Bleibe und ein gutes Essen an, denn er mochte ihn sehr. Schon nach kurzer Zeit hatte er zu ihm Vertrauen gefasst und bat ihn zu einem Gespräch.

„Mein lieber Sohn“, sprach er. „Wie du siehst, bin ich alt, und die Bürde der Jahre lastet auf meinen Schultern. Leider aber habe ich keine männlichen Nachfolger, die mein Erbe übernehmen würden. Allah jedoch schenkte mir eine wunderschöne Tochter.

Alle Männer, die sie zur Frau haben wollten, habe ich fortgeschickt. Dich aber liebe und schätze ich wie meinen eigenen Sohn, und so frage ich dich: Möchtest du meine Tochter zur Frau haben?

Wenn du das möchtest, werde ich zum König gehen und ihm sagen, du wärst mein Neffe und wärst aus Ägypten gekommen, um um die Hand meiner Tochter anzuhalten. Wie ich den König kenne, wird er mich in den Ruhestand versetzen und dich als Wesir einsetzen. Und dann kann ich mich um mein Haus kümmern und dir die Regierungsgeschäfte überlassen.“

Als Nuraeddin diese Worte hörte, verbeugte er sich und sagte: „Ich höre und gehorche.“ Da freute sich der Wesir, und er bereitete ein großes Fest vor. Freunde und hohe Würdenträger des Landes kamen in sein Haus von Bassora, um mit ihm zu feiern. Und als sie alle gekommen waren, sprach er zu ihnen:

„Ich hatte einen Bruder, der Wesir in Ägypten war. Allah schenkte ihm zwei Söhne und mir eine Tochter. Mein Bruder aber hat mich vor seinem Tode gebeten, meine Tochter mit einem seiner Söhne zu vermählen, und ich habe ihm das Versprechen dafür gegeben.

Nun hat er mir diesen jungen Mann, seinen Sohn gesandt, damit ich ihn mit meiner Tochter verheiraten kann, denn ich liebe ihn wie meinen eigenen Sohn und er steht meinem Herzen nahe.“

Und alle Hochzeitsgäste nickten mit dem Kopf und sagten: „Das was du tust ist gut und richtig.“ So wurden die Hochzeitsvorbereitungen getan, und Nuraeddin strahlte vor Glück und Freude, denn er liebte die Tochter des Wesirs über alles.

So also war die Geschichte über Nuraeddin. Wie aber ging es seinem Bruder Schaemsaeddin? Lange Zeit über war er mit dem König fort gewesen. Nun, als er endlich in seine Heimat zurückkehrte, fand er seinen Bruder Nuraeddin nicht mehr vor.

Schaemsaeddin war zunächst sehr verwundert darüber, dann sorgte er sich und schließlich verfiel er in große Trauer. Und er dachte bei sich: „Ich bin schuld daran, dass mein Bruder weg gegangen ist. Warum nur musste ich so dumm und eigensinnig sein? Er war mein liebster Bruder und mein bester Freund. Ich will mich auf die Suche nach ihm machen, um mich wieder mit ihm zu versöhnen.“

Und er ging zum König und erzählte ihm, was vorgefallen war. Der König ließ Suchbriefe schreiben. Er setzte sein königliches Siegel darauf und ließ die Briefe von seinen Boten in alle Provinzen bringen.

Doch weil Nuraeddin weit fort in Bassora war, erreichten ihn die Suchbriefe nicht, und die Boten kehrten ohne Nachricht von ihm zum Hof zurück. Als Schaemsaeddin das sah, war er tief verzweifelt. „Alles geschah, weil wir uns über unsere Kinder stritten, die überhaupt noch nicht geboren sind“, rief er unglücklich. „Oh, was für Narren wir doch sind!“

Doch die Zeit heilt alle Wunden. Auch Schaemsaeddin tröstete sich irgendwann über den Verlust seinen Bruders hinweg. Er heiratete die Tochter eines reichen Kaufmanns von Kahira und feierte seine Hochzeit zur gleichen Zeit, an dem auch sein Bruder Nuraeddin die Tochter des Wesirs von Bassora heiratete.

Nach einiger Zeit wurde Schaemsaeddin, dem Wesir von Ägypten, eine Tochter geboren. Sie war so schön, dass man in Kahira nie ihresgleichen an Schönheit gesehen hatte. Und am selben Tage wurde Nuraeddin ein Sohn geboren, und er war das schönste Kind unter der Sonne.

Nuraeddins Sohn nannte man Baedraeddin Hassan, und er wurde besonders von seinem Großvater, dem Wesir von Bassora abgöttisch geliebt. Der Wesir ging mit Nuraeddin zum König und sprach:

„Ich habe eine große Bitte an euch, oh Herrscher. Dieser junge Mann ist der Sohn meines Bruders und der Mann meiner Tochter. Er ist jung und klug, ich dagegen werde alt und taub, und bin ein wenig zu müde für die Regierungsgeschäfte geworden.

Darum möchte ich meinen Herrn und Herrscher bitten, die Gnade zu haben, meinen Schwiegersohn als Nachfolger ins Amt zu heben. Er ist es wert und er ist mit Sicherheit der rechte Mann für diese Angelegenheiten.“

Der König mochte Nuraeddin. Er setzte ihn als Wesir von Bassora ein und teilte ihm eine Leibwache zu. Nuraeddin verwaltete sein Amt klug und der König schätze seine Arbeit so sehr, dass sie schon bald gute Freunde wurden.

So wurde er immer mächtiger und seit Ansehen stieg höher und höher. Er verwaltete die Regierungsgeschäfte klug, legte Wasserräder an und erschuf wunderschöne Gärten und Straßen, die die Stadt verschönerten. Auch den Armen gegenüber verhielt er sich freundlich und hatte für ihre Sorgen ein offenes Ohr.

Als sein Sohn Hassan sechzehn Jahre alt war und zu einem vollendeten gut erzogenen Jüngling heran gereift war, kleidete Nuraeddin ihn mit prachtvollen Kleidern und setzte ihn auf das schönste Maultier. Zusammen zogen sie zum Palast des Königs.

Als der König den jungen Hassan erblickte, war er erstaunt über sein liebenswürdiges Wesen, von dem ein Zauber ausging. Zu Nuraeddin sagte er: „Oh Wesir, diesen freundlichen Jüngling solltest du täglich in meinen Palast bringen.“

Nuraeddin nickte. „Ich höre und gehorche“, sagte er. Von diesem Tag an brachte er Hassan jeden Tag in den Palast zum König, bis er das Alter von achtzehn Jahren erreicht hatte.

Dann aber eines Tages wurde der Wesir sehr krank. Da erinnerte er sich an seinen Bruder und alle seine Freunde in Ägypten. Und er dachte an seine Heimat und alle lieben Menschen, die er dort in Kahira zurück gelassen hatte.

So ließ er seinen Sohn zu sich rufen und sprach zu ihm: „Mein Sohn, ich habe dir nie gesagt, dass ich einen Bruder habe, der als Wesir in Ägypten lebt. Er heißt Schaemsaeddin. Ich habe ihn vor langer Zeit verlassen, weil wir einen Streit miteinander hatten. Er weiß nicht, dass ich in Bassora lebe. Darum bitte ich dich, nimm ein Blatt Papier und schreibe etwas für ihn auf, das ich dir diktieren werde.“

Und Hassan schrieb die ganze Geschichte von Anfang bis Ende auf, die ihm sein Vater diktierte. Dazu gehörte seine Ankunft in Bassora, der Tag seiner Vermählung mit der Tochter des alten Wesirs, den Namen ihres Vaters und Großvaters, die Stunde von Hassans Geburt und schließlich das Datum des diktierten Briefes.

Danach faltete er den Brief zusammen und siegelte ihn. Dann sprach er: „Bewahre diesen Brief gut auf. Sollte dir einmal in deinem Leben ein Unglück zustoßen, kehre in das Land Ägypten nach Kahira zurück. Wenn du dort auf deinen Onkel, meinen Bruder triffst, dann grüße ihn von mir. Teile ihm mit, dass ich gestorben bin und sage ihm auch, dass ich traurig in der Fremde gestorben bin, in der ich so oft Sehnsucht nach ihm, meinem geliebten Bruder hatte.“

Und kurze Zeit später starb er und seine Seele kehrte heim zu Allah. Hassan trauerte lange um seinen Vater. Zwei Monate lang stieg er nicht auf sein Pferd, ging nicht in den Reichsrat und besuchte nicht einmal den König.

Der König dagegen ärgerte sich über Baedraeddin Hassans Verhalten und konnte es nicht verstehen. Er glaubte, er würde ihn nicht mehr mögen. Schließlich war er so ärgerlich, dass er nicht Baedraeddin Hassan, sondern einem anderen die Stelle als Wesir übergab.

Hassan kümmerte sich nicht darum. Tief in seiner Trauer versunken übersah er den König. Der wiederum fühlte sich missachtet und beschlagnahmte Baedraeddin Hassans Landgüter. Als Hassan sich immer noch nicht dazu äußerte, geriet der König vollends in Zorn. Er sah das Verhalten als Beleidigung gegen den Thron an.

„Schnappt euch diesen Mann, legt ihn in Ketten und bringt ihn vor den Thron“, rief der König außer sich. Da nahm der neue Wesir seine Leibwächter mit und machte sich auf den Weg zu Hassans Haus.

Unter den Sklaven des Königs aber gab es einen, der vorher im Dienste des verstorbenen Wesirs gestanden hatte. Als er hörte, welche Absichten der König gegen Hassan hatte, nahm er sich ein Pferd und ritt in aller Eile zu Baedraeddin Hassans Haus hinaus.

Er fand Hassan dort in der Mitte des Raumes auf einem Stuhl sitzend vor. Hassan hatte das Haupt gebeugt und war starr vor Kummer um seinen Vater. Kein anderer Gedanke hatte in seinem Kopf Platz.

Da rief der Sklave: “Oh mein Gebieter und Sohn meines Gebieters. Der König hat seinen Zorn auf dich gerichtet und er hat den Befehl gegeben, dich verhaften zu lassen. Darum beeilt euch und flieht, so schnell ihr könnt.“

Hassan erbleichte. „Habe ich noch Zeit, einige Sachen zu packen?“ fragte er. Doch der Sklave schüttelte energisch den Kopf. „Nein mein Gebieter. Es ist Zeit zur Eile. Verlasst das Haus auf der Stelle. Ich bitte euch!“

Da stand Hassan auf, warf einen Umhang über sein Haupt, damit ihn niemand erkennen konnte, und verließ das Haus so schnell er konnte. Als er in der Stadt war, hörte er, wie die Leute um ihn herum sprachen: „Unser König sendet den neuen Wesir zum Hause des alten Wesirs, um den Sohn zu ergreifen und töten zu lassen.“ Und alle riefen. „Oh weh, oh schrecklich!“

Als Hassan das hörte, eilte er noch schneller durch die Straßen der Stadt. Am Friedhof machte er Halt. Dann trat er ein und ging zum Grab seines Vaters. Er ließ seinen Umhang fallen und beugte sein Haupt. Trauer und Furcht waren in seinem Gesicht zu sehen.

Als er so Gedanken versunken dasaß, kam ein jüdischer Geldwechsler vorbei. Die Satteltaschen seines Pferdes waren voll mit purem Gold. Als er Hassan dort sitzen sah, wurde er ebenfalls sehr traurig.

„Oh Herr, es schmerzt mich, dich so bedrückt und unglücklich zu sehen. Bitte lass mich dir einen Vorschlag unterbreiten. Ich habe deinen geliebten Vater, der nun hier im Grabe ruht, sehr geschätzt und geachtet. Oft und gerne denke ich an seine weisen Worte und seinen Sinn für Gerechtigkeit.

Er hatte eine Warenladung mit dem Schiff erwartet. Und da sie bald ankommen soll, möchte ich dir diese Warenladung für tausend Golddinare abkaufen. Dein Vater hat mir so oft geholfen, und so wäre es mir eine große Freude, dir auch einmal helfen zu können. Selbst wenn das Schiff vielleicht nicht ankommen wird, es kümmert mich nicht. Ich kaufe es trotzdem.“

Erleichtert erwiderte Hassan: “Natürlich bin ich damit einverstanden und ich danke dir herzlich.“ Der Jude öffnete seine Satteltaschen und überreichte Hassan die tausend Golddinare. Hassan schrieb eine Empfangsbestätigung und setzte sein Siegel darunter.

Er überreichte sie dem Juden und behielt auch für sich eine Abschrift. Beide wünschten einander Friede und Glück, dann ging jeder seiner Wege. Hassan dachte einen kurzen Moment lang an die Reichtümer, die er zuvor besessen hatte, und Tränen stiegen in seine Augen.

Dann sprach er langsam einen Vers vor sich hin: „O heitere Nächte von einst! Kehren sie jemals zurück? Kehren die Freuden von einst je in mein Herz wieder ein?“

Dann wurde es dunkel. Hassan lehnte seinen Kopf an das Grab des Vaters und schlief ein. Der Mond stand über ihm und beleuchtete sein Haupt feierlich. Sein Gesicht schimmerte hell im Mondenschein.

Viele Geister, aber auch Feen lebten auf dem Friedhof. So kam es, dass eine Fee an Hassan vorbei ging. Sie war berührt von der Schönheit des jungen Mannes. Als sie sich wieder in die Lüfte hob, begegnete sie einem Geist. Er kreiste um sie herum und sie fragte ihn:

„Woher kommst du?“ „Von Kahira“, entgegnete der Geist. „Sieh dir mal den schlafenden Jüngling an“, sagte die Fee und zeigte auf Hassan, der immer noch im Schlaf versunken war. „Ist er nicht wunderschön?“

Beide ließen sich auf die Erde sinken und sahen den schlafenden Hassan an. Der Geist sprach: “Wahrhaftig. Ich habe noch nie in meinem Leben einen schöneren Menschen gesehen.“ Aber dann fügte er hinzu: „Obwohl, so ganz stimmt es nicht. Heute habe ich einen Menschen gesehen, den man mit der Schönheit dieses Jünglings durchaus vergleichen kann. Es ist die Tochter des Wesirs von Ägypten. Sie ist vollkommen in ihrer Anmut.

Als sie achtzehn Jahre alt wurde, hörte der König von Ägypten von ihrer Schönheit und ließ den Wesir, ihren Vater, zu sich kommen. Zu ihm sprach er: “Höre, o Wesir, ich habe gehört, deine Tochter ist schön und ansehnlich. Darum ist es mein Wunsch, sie zur Frau zu nehmen.“

Da erwiderte der Wesir: „Oh, mein Herr, bitte höret euch in Ruhe an, was ich dazu zu sagen habe und spüret auch meine tiefe Trauer. Wie ihr wisst hat mein Bruder, der wie ich Wesir in diesem Land war, seine Heimat verlassen. Niemand weiß, wo er geblieben ist.

Der Grund, dass er verschwunden aber ist der, dass wir in einer Nacht zusammen saßen und über unsere Zukunft sprachen. Wir redeten über unsere Frauen und unsere Kinder, die wir haben wollten. Dabei gerieten wir in einen heftigen Streit.

Ich aber leistete einen Eid, dass ich meine Tochter nur mit dem Sohn meines Bruders vermählen würde. Und um das Andenken meines Bruders zu ehren, will ich mein Versprechen halten.

Nun sagten mir die Sterne, dass mein Bruder gestorben ist und einen Sohn hinterlassen hat, der zum gleichen Zeitpunkt wie meine Tochter geboren wurde. Ich erkannte durch das Horoskop, dass unserer beiden Kinder in ihrem Schicksal fest miteinander verbunden sind.

Oh Herr, verzeiht mir diesen Eid und diese Entscheidung. Für euch gibt es unzählige schöne Mädchen auf der Welt. Darum bitte ich euch, wählt eine andere zur Frau, und nicht meine Tochter.“

Als der König das hörte, war er außer sich vor Zorn über diese Ablehnung. „Wenn ein Herrscher wie ich ein Mädchen zur Frau begehrt, ist das eine hohe Ehre“, sagte er. „Du aber weißt mich mit einem dummen Geschwätz ab. Was interessieren mich deine albernen Familienverhältnisse. Jetzt aber, wo du mich so abgewiesen hast, will ich sie mit dem niedrigsten meiner Knechte verheiraten.“

Im königlichen Palast gab es einen Pferdewärter. Er hatte einen großen Buckel auf seinem Rücken. Das war eigentlich sehr traurig, aber es gab niemanden im Palast, der den Pferdewärter dafür bedauerte. Er war nämlich ein unangenehmer Mann. Ständig suchte er Streit und zankte sich mit jedem, der in seiner Nähe war.

Den bestimmte der König zum Ehemann der Tochter. Obwohl der Wesir wieder und wieder bettelte, ließ der König den Ehevertrag aufsetzen. Dann ordnete er den Termin und die Festlichkeiten für die Hochzeit an.

Gerade in dem Moment, als die jungen Sklavinnen den Pferdewärter umstanden und ihm freche Scherze zuriefen, bin ich davon geflogen“, fuhr der Geist mit seiner Erzählung fort. „Aber eins muss ich sagen, Schwester, dieser bucklige Pferdewärter ist in der Tat nicht nur hässlich, sondern auch dreist und dumm.“ Und der Geist schüttelte sich. „Puh!“, sagte er. Dann lächelte er verzückt. „Aber das junge Mädchen ist wirklich das schönste Geschöpf auf der Welt, das ich je gesehen habe.“

Da rief die Fee: „Das kann nicht sein. Denn dieser Jüngling ist schöner als alles auf der Welt. Du selbst hast zugegeben, dass du nie jemand Schöneren sahst.“ Und der Geist erwiderte: „ Das sagte ich nur, weil ich in dem Moment das Mädchen vergessen hatte. Er ist wirklich schön, aber das Mädchen ist schöner. Wenngleich sie auch Bruder und Schwester sein könnten, so ähnlich sind sie sich.“

Da sprach die Fee: “Mein Bruder, lass uns den jungen Mann nehmen und nach Kahira tragen. Wir wollen ihn neben das Mädchen stellen und dann entscheiden, wer von den beiden schöner ist.“ Der Geist entgegnete: „So soll es sein.“

Und er flog zu Hassan hinunter und umfasste ihn. Wie ein Vogel flog er mit ihm durch die Luft, während die Fee neben ihnen her schwebte. So erreichten sie Kahira. Vorsichtig legten sie ihn an einer Steinbank nieder und weckten ihn.

Als Hassan erwachte, erschrak er sehr. Er saß nicht mehr neben dem Grab seines Vaters, sondern befand sich in einer Gegend, die er nie zuvor gesehen hatte. Vor lauter Schrecken wollte er anfangen, zu schreien, doch da gab ihm der Geist einen vorsichtigen Schubs.

„Sei still!“, flüsterte er. Hassan schwieg erschrocken und wartete auf die Dinge, die da kommen sollten. Der Geist brachte ihm reiche Kleider, kleidete ihn damit an und überreichte ihm eine brennende Kerze. Dann sprach er zu ihm:

„Sei ruhig und habe keine Angst. Glaub mir, ich habe dich hier her gebracht, weil ich dir etwas Gutes tun wollte. Nimm dieses Licht, misch dich unter das Volk und geh hinunter bis zum Badehaus. Dort wirst du einen Buckligen sehen, der heraus kommt.

Dieser Bucklige wird zum Palast gebracht. Folge diesem Zug und gesell dich einfach an die Seite des Buckligen, gerade so, als wenn du zur Familie gehörst. Auch wenn du ihn nicht leiden magst, lass dich nicht von deinen Plänen abhalten. Geh mit ihm in den Palast hinein und lass dich an seiner Seite nieder.

Und jedes Mal, wenn ein Sklave, eine Sängerin oder eine Tänzerin vor euch tritt, greifst du tief in deine Tasche. Immer wirst du Gold darin finden. Nimm eine Handvoll heraus und wirf ihnen reichliche Goldmünzen zu. Hab keine Angst und sei guten Mutes.“

Und Hassan dachte bei sich: „Was hat das alles zu bedeuten? Was will dieser merkwürdige Geist von mir?“ Und es erschien ihm alles sehr sonderbar.

Trotzdem tat er, wie es ihm der Geist geraten hatte. Er ging zum Badehaus und kam genau in dem Moment an, als der Bucklige das Badehaus verließ und auf sein Pferd stieg. Hassan verhielt sich sehr geschickt, und es gelang ihm, die Spitze des Hochzeitszuges zu erreichen und genau an der Seite des Buckligen zu schreiten.

Und jedes Mal, wenn sich Tänzerinnen oder Musikantinnen dem Zug näherten oder wenn sich Bettler oder Arme in den Weg setzten, griff er in seine Tasche und warf ihnen Goldmünzen zu. Das Tamburin einer hübschen jungen Tänzerin füllte er sogar bis zum Rand mit Goldmünzen.

Als sie nun alle am Haus des Wesirs angekommen waren, traten die Torhüter zurück und wollten niemanden als den Buckligen und die Tänzerinnen und Musikerinnen hinein lassen. Doch die Musikerinnen und Tänzerinnen riefen:

„Nein! Wir weigern uns einzutreten, wenn dieser junge Mann nicht mit uns gehen darf, der uns so mit Wohltaten überhäuft hat. Und wir werden uns auch weigern, die junge Braut mit prächtigen Gewändern zu bekleiden, wie es bei uns Sitte ist, wenn dieser junge Mann nicht dabei sein darf.“

Und so nahmen die Künstlerinnen den jungen Mann mit und führten ihn ebenfalls in den Empfangsraum. Der einzige Mann, der sich noch hier befand, war der bucklige Pferdewärter. Er warf Hassan böse Blicke zu und flüsterte ihm ungehörige Schimpfworte zu. Doch Hassan tat, als hörte und sah er nichts davon.

Im Empfangssaal hatten sich alle vornehmen Damen der Stadt versammelt, die Frauen der Wesire, der Kämmerer und Würdenträger des Palastes. Wegen der beiden Männer, die sich in dem Raum befanden, hatten sie ihr Gesicht verschleiert.

Aber als sie Hassan anschauten, waren sie von seiner Schönheit so bewegt, dass sie ihn immer wieder betrachten mussten. Und sie redeten gehässig über den Buckligen und liebevoll über Hassan. „Allah, das ist ein schöner Jüngling! Der wäre der ideale Mann für unsere Herrin. Aber sie muss diesen abscheulichen Pferdeknecht heiraten. Was für eine Schande für sie!“

Nun ertönten Trommeln und Tamburine. Die Tür zum Zimmer der Braut tat sich auf, und die Braut trat in den Festsaal. Sie war von ihren Sklavinnen umringt, die neben ihrem strahlenden Antlitz wie Monde und Sterne in einer hellen Sommernacht leuchteten.

Hassan saß ganz ruhig da und schaute sie an. Da trat die Braut langsam näher, in anmutigen sanften Bewegungen. Der Buckelige stand auf, um sie zu umarmen, doch sie wich aus und trat mit einem großen Schritt zur Seite. Nun stand sie unmittelbar vor Hassan, dem Sohn ihres Onkels, so als gehöre sie zu ihm und nicht zu ihrem eigentlichen Bräutigam.

Da lachten die Zuschauer aus dem Volk und klatschten Beifall. Die Sängerinnen schlugen ihre Tamburine. Nun griff Hassan in seine Tasche und warf ihnen gelassen Goldstücke zu. Die Mädchen freuten sich und riefen: “Wahrlich, wenn es nach uns ginge, gehörte diese Braut dir.“ Hassan lächelte. Der Bucklige aber betrachtete verärgert, dass niemand ihn beachtete.

Nun wurde die Braut von den Dienerinnen entschleiert und zeigte sich in ihrem ersten Brautgewand. Es bestand aus fließender roter Seide, und Hassan war entzückt von ihrer Schönheit.

Danach schritt die Braut durch den Festsaal und zeigte sich in ihren andern Gewändern. Goldfarben, orange, violett, silberblau, nilgrün oder purpurfarben waren sie. Und während sie sich in den verschiedenen Farben zeigte, begleitete Flötenmusik ihre Schritte und die Sängerinnen sangen Lieder der Liebe, wie sie niemals jemand schöner gesungen hatte.

Tamburine und Schellen begleiteten die Tänzerinnen bei jedem Schritt, und sie tanzten wundervolle Figuren. Leicht wie Vögel schwebten sie durch den Raum.

Immer aber, wenn eine Pause eintrat, warf ihnen Hassan Goldstücke zu. Nicht nur sie, auch mancher Gast bückte sich danach, denn man sehnte sich danach, etwas in der Hand zu halten, was Hassan zuvor gehört hatte.

Der Buckeligen stieß einen wütenden Laut aus, und für einen kurzen Augenblick richtete sich die Aufmerksamkeit auf ihn. Dann aber geriet er wieder in Vergessenheit. Hassans Blick war unablässig auf die Braut gerichtet.

Dann zeigte sich die Braut im siebten Gewand, dem Hochzeitskleid. Es war in strahlendes Weiß getaucht und mit türkisen Edelsteinen und roten Korallenketten besetzt. Danach war die Hochzeitsfeier beendet. Die Gäste gingen. Nur Hassan und der Bucklige blieben im Festsaal sitzen.

Die Dienerinnen führten die Braut ins Entkleidungszimmer und entkleideten sie, wie es der Brauch vorsah. Dann gingen auch sie. Nur die alte Amme blieb bei der Braut. Sie führte sie nun ins Brautzimmer, das nur der Bräutigam betreten durfte.

Zur gleichen Zeit stand der Buckelige auf und sah Hassan böse an. „Nun Verehrtester, ist es Zeit für dich, zu verschwinden“, sagte er verärgert. „Du hast uns mit deiner Anwesenheit und deiner Großzügigkeit hoch erfreut. Doch wenn du jetzt nicht gehst, werde ich dich fort jagen müssen.“

Unsicher stand Hassan auf. Er wusste nicht, was er tun sollte. Schließlich verließ er den Saal. Draußen traf er auf den Geist. Der sagte zu ihm: „Wohin willst du, Baedraeddin Hassan? Höre, was ich dir zu sagen habe und achte genau auf meine Anweisungen.

Der Bucklige muss nämlich noch auf ein gewisses Örtchen. Wenn er dort angekommen ist, werde ich mich um ihn kümmern. Du aber gehst direkt in das Brautgemach. Und wenn du dort angekommen bist, sagst du zu deiner Braut:

„Ich bin dein wahrer Ehemann. Dein Vater hat nur eine Komödie mit dir gespielt, damit der Blick des Neides nicht auf dich gerichtet wird. Nun aber ist das Spiel vorbei. Der Buckelige aber bekommt von mir einen großen Krug süßen Wein, den er auf die Gesundheit seiner Braut trinken wird.“ Und der Geist verschwand.

Der Buckelige aber musste wirklich auf das stille Örtchen. Der Geist wartete einen Moment lang, dann verwandelte er sich in eine fette Ratte. Schaurig ahmte er den Schrei des Tieres nach. „Ziig, ziig“, rief er. Der Stallknecht klatschte in die Hände, um die Ratte zu verscheuchen. „Kusch! Verschwinde!“, rief er.

Doch der Geist ließ seinen Rattenkörper wachsen und immer größer werden. Er entwickelte sich zu einer großen schwarzen Katze mit leuchtenden Augen. „Miau, miahu!“ rief er. Und die Katze wuchs weiter und wurde zu einem riesigen Hund. „Wau, wau“, bellte er.

Der Bucklige erschrak sehr. „Verschwinde, du böser Geist“, schrie er.Doch der Hund wuchs weiter und verwandelte sich zu einem Esel, danach zu einem Büffel. Dann sprach der Geist mit tiefer Menschenstimme: „Verschwinde, du stinkender Stänker. Fort mit dir, bevor ich dir etwas antue.“

Den Buckligen packte das Entsetzen. Er warf sich auf den Boden des Raumes und zitterte am ganzen Körper. Da rief der Büffel: „Wahrlich, du bist ein Scheusal. Ausgerechnet die Frau suchst du für dich aus, die unter meinem Schutze steht.“

Der Pferdeknecht war so geschockt, dass er kein Wort heraus brachte. „Antworte mir!“, brüllte der Geist. „Oder ich stecke dich in die Toilettenschüssel und spüle dich hinunter.“

Da warf sich der Bucklige auf die Knie. „Oh, geliebter Herrscher, freundlichster Büffel“, rief er zitternd. „Ich kann für diese ganze Sache überhaupt nichts. Ich bin zu dieser Hochzeit gezwungen worden. Zugegeben, ich hatte nichts dagegen einzuwenden, aber ich schwöre, dass mir meine Tat jetzt sehr Leid tut.“

Da sprach der Geist: „Die ganze Nacht wirst du hier bleiben müssen. Erst dann kannst du fortgehen, wohin du willst. Doch ich warne dich, niemandem sagst du ein Wort. Und wenn du Anstalten machst, dich der Braut zu nähern, ist es mit deinem jämmerlichen Leben vorbei. Überhaupt wird es dringend Zeit, dass du dich besserst. Jahr für Jahr hast du alle mit deiner Bosheit vor den Kopf gestoßen.

Solltest du mir nicht gehorchen, werde ich dir den Kopf zerquetschen. Und um sicher zu gehen, dass du diesen Raum nicht verlässt, werde ich vor der Tür ausharren, bis der Morgen anbricht.“ Und er fasste den Buckligen mit den Zähnen und hielt ihn auf der Toilette fest. “Rühr dich nicht, bis die Sonne aufgeht!“, sagte er noch.

Hassan schlich in den Harem hinein und ließ sich im Zimmer der Braut nieder. Im selben Moment trat auch schon die Braut ein. Als sie ihn sah, stieß sie einen leisen freudigen Schrei aus. Dann flüsterte sie: „Wie bist du hier hinein gekommen? Das darfst du nicht.“

„Ich bin dein wahrer Ehemann“, sagte Hassan nun, wie es ihm der Geist aufgetragen hatte. „Diese Sache mit dem Buckligen war nur eine Idee von deinem Vater. Er wollte ein bisschen Spaß machen und vor allem den bösen Blick von dir fern halten, wie es Sitte bei euch ist.

Dein Vater hat diese Buckligen für zehn Dinare gemietet, und nun sitzt er in seinem Stall und trinkt einen Krug Wein auf deine Gesundheit.“ Die Tochter des Wesirs war zutiefst erleichtert, als sie diese Worte hörte. „Bei Allah“, rief sie. „Ich bin von einem großen Schmerz erlöst worden.“ Und sie ging zu ihm, umarmte ihn und schmiegte sich an ihn.

So viel über Hassan und die Tochter des Wesirs

Der Geist versuchte zur gleichen Zeit, seine Gefährtin, die Fee zu suchen. Sie kam durchs Fenster geschwebt. Für andere unsichtbar ließen sie sich im Gemach der Brautleute nieder und bewunderten die Schönheit des schlafenden Paares. „Siehst du“, sagte der Geist leise zur Fee. „Ich hatte Recht. Sie ist schöner als er.“ „Aber nein“, rief die Fee. „Ich finde, dass er viel schöner aussieht.“

Jetzt lachten sie beide. „Einigen wir uns“, sagte er Geist. „Sie sind beide gleich schön.“ Sie betrachteten das Paar lächelnd. „Welch ein Paar“, sagte die Fee.

„Nun ist es dein Wille, ihn zu dem Ort zurück zu bringen, an dem wir ihn aufgelesen haben. In Bassora auf dem Friedhof“, sagte der Geist. „Du solltest diese Tat ausführen, bevor der Tag anbricht. Ich werde dir dabei helfen.“

Die Fee nickte. Dann nahm sie den schlafenden Hassan und hob ihn auf. Er war nur mit einem seidenen Hemd bekleidet. Schnell hob sie sich mit ihm in die Lüfte und flog davon. Der Geist folgte ihnen.

Plötzlich kam der Geist auf die Idee, Hassan nicht nach Bassora zu bringen, sondern ihn in eine andere Gegend zu entführen. Doch die Fee fand diese Idee nicht gut. Eine lange Zeit stritten die beiden miteinander. Mit aller Gewalt versuchte der Geist, Hassan an sich zu ziehen. Doch die Fee hielt ihn fest. Verbissen kämpften die beiden miteinander, und beinahe wäre Hassan dabei auf die Erde gestürzt.

Da kam ein Engel über den Himmel geflogen. Er bemerkte die böse Absicht des Geistes und warf einen Feuerstein nach ihm. Im Land der Geister gibt es die Regel, dass die Geister die Aufgabe haben, Gutes zu tun. Werden sie böse, bestrafen die Himmelsherscharen sie.

Der Geist wurde von dem Feuerstein am Kopf getroffen und verschwand wir ein Meteor im himmlischen Rauch. Die Fee war sehr verstört, ihren Freund plötzlich nicht mehr neben sich zu sehen. Verwirrt ließ sie Hassan zu Boden gleiten und flog davon.

Es war allein Allahs Wille, dass er vor den Toren der Stadt Damaskus abgesetzt wurde. Als es Tag wurde, und die Stadttore geöffnet wurden, wunderte man sich, dort einen schlafenden Jüngling vorzufinden. Besonders verwundert waren die Menschen, die aus den Stadttoren heraus kamen über die Bekleidung des jungen Mannes. Er war nur mit einem Hemd bekleidet, die Hosen fehlten, und statt eines Turbans trug er eine Nachtmütze auf dem Kopf.

Nun erwachte Hassan. Erschrocken stellte er fest, dass er von vielen Menschen umringt war. So sprang er auf und rief: „Bei Allah, ihr lieben Leute, sagt mir, wo ich bin?“ Und die Menschen antworteten: „Wo hast du denn die Nacht verbracht, dass du nicht weißt, dass du vor den Toren Damaskus stehst.“

„Das ist nicht möglich“, rief Hassan. „Ich habe die Nacht in Kahira verbracht. Nie im Leben bin ich jetzt in Damaskus.“ Da begannen die Umstehenden zu lachen. „Glaubst du, du kannst uns einen Bären aufbinden, du Hosenloser“, sagten sie.

Hassan war ganz aufgeregt. „Ich versichere euch, dass ich diese Nacht in Kahira und die Nacht davor in Bassora verbracht habe“, rief er.

Einer rief: „Was ist das für ein Verrückter.“ Und die anderen klatschten in die Hände und lachten laut. Und wieder einer sagte: „Wie schade, dieser wunderschöne Mann hat tatsächlich den Verstand verloren.“ Und noch einer sprach zu Hassan: „Mein Sohn, wache auf und werde vernünftig. Rede nicht so einen Unsinn.“

„Aber es stimmt“, erwiderte Hassan. Dann sah er an sich herunter. „Bei Allah!“, rief er erschrocken. „Wie sehe ich aus? Wo ist mein Turban, wo ist mein Hose und wo sind meine Schuhe? Auch einen Beutel mit Geld besaß ich.“ Er stand auf, um nach den Sachen zu suchen. Da lachten die Leute noch lauter.

Hassan überlegte einen Moment lang. Dann entschloss er sich, in die Stadt einzutreten. Nur mit seinem Nachtgewand bekleidet schritt er durch die Straßen. Kinder und Erwachsene folgten ihm. „Ein Verrückter!“, riefen sie immer wieder. „Ein Verrückter ohne Hosen!“

Da hatte Allah ein Einsehen mit dem armen Hassan. Er lenkte seine Schritte in einen Bäckerladen, der gerade geöffnet wurde. Dort hinein stürzte Hassan und versteckte sich. Nach und nach ging das Volk weiter.

Da kam der Bäcker auf Hassan zu. Er war ein alter Mann, der Ael-Hadschi Abdallah hieß. Freundlich ging er auf Hassan zu und lächelte ihn an. „Sei ohne Furcht, mein Sohn“, sagte er. „Man sieht auf den ersten Blick, dass du ein guter und freundlicher Jüngling bist, den man sich als Sohn wünscht. Darum sage mir, woher kommst du und was hast du erlebt?“ Und Hassan erzählte dem Bäcker Abdallah die ganze Geschichte.

Als Hassan beendet hatte, wiegte der Bäcker den Kopf. „Deine Geschichte ist seltsam und wunderbar“, sagte er. „Du solltest sie nur nicht zu vielen Menschen anvertrauen, denn man weiß nie, ob andere Geheimnisse hüten können. Ich lade dich ein, in meinem Haus so lange zu bleiben, bis Allah entscheidet, dem ein Ende zu machen. Siehe, ich habe keine Kinder, und es würde mich sehr glücklich machen, wenn du an Sohnes Stelle bei mir bleiben und mich als Vater ansehen würdest.“ „Oh mein Oheim“, rief Hassan. „Es möge sein, wie du sagst.“

Da ging der Bäcker auf den Markt und kaufte schöne Gewänder für Hassan. Dann kleidete er ihn schön ein und nahm ihn an Sohnes Stelle an.

Hassan blieb in dem Bäckerladen. Er verkaufte Backwaren, Zuckerzeug, Töpfe mit eingemachten Früchten, kunstvolle Torten, Schalen mit köstlichem Mus und all die erlesenen Süßigkeiten, für die die Stadt Damaskus berühmt ist.

Er lernte auch, Zuckerbackwaren herzustellen und zeigte darin eine besondere Begabung. Seine Mutter hatte früher in Bassora köstliche Zuckerbäckereien herzustellen gewusst, und dabei hatte er ihr oft zugeschaut. Nun erinnerte er sich ihrer Künste und stellte ebenfalls diese Köstlichkeiten her.

Bald wurde der Laden in Damaskus bekannt. Der Laden Ael-Hadschi Abdallahs gehörte zu den bekanntesten Konditoreien der ganzen Stadt.

Die jungvermählte schöne Herrin und Tochter des Wesirs von Ägypten Schaemsaeddin Muhammed aber erwachte am frühen Morgen. Verwundert bemerkte sie, dass Baedraeddin Hassan nicht mehr neben ihr lag.

Da dachte sie, er wäre kurz eben mal hinausgegangen und wartete auf seine Rückkehr. In der Zwischenzeit kam ihr Vater zu ihr. Er war in großer Angst um sie und sein Zorn hatte sich immer noch auf die Ungerechtigkeit des Königs gerichtet, der ihn gezwungen hatte, seine schöne Tochter mit einem Stallknecht zu vermählen.

Als er aber an das Brautzimmer klopfte, kam ihm seine Tochter fröhlich entgegen, nahm seine Hände und küsste sie. Das überraschte den Wesir und machte ihn nur noch wütender. „Oh, meine schöne Tochter, wie kannst du es wagen, mich anzulächeln, wo du doch gerade mit einem stinkenden Stallknecht vermählt worden bist.“

Da lachte die Tochter laut. „Genug mit den Scherzen, mein Vater“, rief sie. „Bei Allah, auf so einen Scherz falle ich nicht mehr rein. Lange genug habt ihr mich damit zur Verzweiflung getrieben. Vor allen Gästen habt ihr mich lächerlich gemacht, die sich über meinen angeblichen Ehemann mit dem Buckel auf dem Rücken lustig machten.

Mein wirklicher Ehemann aber ist wunderschön. Ich danke euch dafür, mein Vater. Und nun redet nicht mehr über diesen stinkenden Stallknecht. Es war schlimm genug, und auch seltsam, dass ihr mir diesen üblen Scherz angetan habt, damit sich der böse Blick nicht auf mich richtet. Wirklich, ich fand das nicht besonders komisch.“

Da rief der Wesir: „Von welch einem Ehemann sprichst du, mein Kind? Bist du verrückt geworden? Wo ist der Mann, den du Ehemann nennst?“ „Er ist auf die Toilette gegangen“, erwiderte die Tochter.

Da stürzte ihr Vater zum stillen Örtchen und fand dort den Stallknecht vor. Er steckte tief in der Toilette und sah ziemlich unglücklich aus. „Was machst du da?“, fragte der Wesir ratlos.

Der Stallknecht gab eine unverständliche Antwort, denn er dachte, es wäre schon wieder ein Geist, der zu ihm sprach. Da wurde der Wesir sehr wütend. „Antworte, wenn ich mit dir rede!“, fuhr er ihn an.

Da antwortete der Stallknecht mit erstickender Stimme: „Oh großer Geist, Vater der Stiere. Ich bitte dich um Gnade. Ich schwöre dir, dass ich mich die ganze Nacht über nicht vom Fleck gerührt habe. Ich habe dir wirklich gehorcht, obwohl es nicht so leicht war, hier zu schlafen.“

Als der Wesir diese Worte hörte, runzelte er die Stirn. „Was redest du denn für Unsinn“, sagte er. „Ich bin doch kein Geist, schon gar nicht bin ich der Vater der Stiere. Ich bin kein anderer als der Vater der Braut.“

„Oh, wie gut du es hast!“, rief der Buckelige. „Dann kannst du doch weglaufen. Darum rate ich dir, mein Freund, lauf weg. Fliehe, bevor dieser böse Geist kommt. Im Übrigen will ich dich nie wieder sehen. Du allein bist schuld daran, dass ich so viel Unglück hatte. Der König und du habt euch verbündet und mir die Tochter eines Geistes zur Frau gegeben. Verflucht sollst du sein, Wesir! Du, deine Tochter und der ganze Palast.“

Da rief der Wesir: „Du musst verrückt geworden sein. Das liegt daran, dass du sie ganze Zeit über auf diesem Örtchen sitzt. Also darum heraus mit dir!“ „Meinst du, ich bin verrückt geworden!“, schrie der Bucklige ängstlich. „Der Geist hat mir befohlen, bis zum Sonnenaufgang hier sitzen zu bleiben und mich nicht zu rühren. Darum will ich von dir wissen, ob die Sonne aufgegangen ist. Wenn nicht, bewege ich mich nämlich keinen Fingerbreit.“

„Ich will unbedingt die ganze Geschichte hören, die du zu erzählen hast“, sagte der Wesir. Und da erzählte der Stallknecht ihm, was sich in der Nacht zugetragen hatte. „Und darum soll der Teufel diese Braut holen, samt dem Brautvater und dem ganzen Palast“, endete er mit einem tiefen Seufzer.

Da trat der Wesir zu ihm, fasst ihn und zog ihn mit einem Ruck aus der Toilette heraus. Ziemlich fertig sah der Stallmeister nun aus. Aber als er bemerkte, dass die Sonne in der Tat am Himmel stand, lief er so schnell er konnte zu seinem Stall zurück und warf sich auf das schöne trockne warme Stroh. Dort beschloss er, in Zukunft bei seinen Pferden zu bleiben und ein besserer Mensch zu werden.

Der Wesir Schaemsarddin aber lief verwirrt und aufgeregt zu seiner Tochter zurück. „Oh meine Tochter, bitte erklär mir doch, was diese Sache zu bedeuten hat“, rief er unglücklich. Die Tochter antwortete:

„Mein Vater, die Sache ist wirklich einfach. Ich bin mit einem wunderschönen jungen Mann verheiratet worden. Ich wurde vor ihm entschleiert und nun ist er mein Gemahl. Wenn ihr mir keinen Glauben schenken wollt, kann ich es doch beweisen. Hier liegt nämlich noch seine Hose und sein Turban.“

Die Tochter nahm den Turban in die Hand und betrachtete ihn. „Oh“, rief sie dann. „Hier in diesen Turban ist etwas eingenäht. Ich werde mal nachsehen, was es ist.“ Nun trat der Vater näher und betrachtete den Turban ebenfalls. „Das ist ein Turban, wie nur Wesire ihn tragen“, sagte er. „Ein prachtvolles Stück.“

Dann wickelte er das Stück Papier aus, das in den Turban eingenäht war. Anschließend durchsuchte er auch die Hose und fand darin den Beutel mit den tausend Dinaren. In dem Beutel befand sich noch ein weiteres Blatt Papier, das er nun öffnete und las. Es war die Zahlungsbestätigung, die ihm der Jude geschrieben hatte. Darauf befand sich auch der Name des Kunden Baedraeddin Hassan, Sohn Nuraeddin Alis aus Ägypten.“

Kaum hatte Schaemsaeddin das gelesen, brach er ohnmächtig neben seiner Tochter zusammen. Sofort kniete sich seine Tochter zu ihm und kümmerte sich um ihn. Als er wieder zu sich gekommen war, rief er aus: „Allah ist groß! Weißt du, meine geliebte Tochter, wen du da geheiratet hast? Weißt du Näheres über diesen Mann?“

„Nein“, sagte sie. „Ich weiß nur wenig über ihn. Und wo er herkommt, weiß ich auch nicht.“Da sprach der Wesir: „Er ist der Sohn meines Bruders, den ich Zeit meines Lebens gesucht habe. Die tausend Dinare sind deine Morgengabe. Allah sei Dank für seine großen Taten. Aber nun will ich wissen, wie sich das alles zugetragen hat.“

Dann öffnete er den Brief, der in den Turban eingenäht war. Sogleich erkannte er die Handschrift seines Bruders Nuraeddin, dem Vater von Baedraeddin Hassan, und er begann zu weinen und küsste den Brief.

Dann las er den Brief. Er beschrieb den Tag, an dem sich sein Bruder mit der Tochter des Wesirs von Bassora vermählt hatte. Schließlich war der Tag der Geburt Baedraeddin Hassans darin verzeichnet, bis zum Tag, an dem der Bruder gestorben war.

Schaemraeddin verglich die Daten mit den Daten seiner Vermählung und der Geburt seiner Tochter, und er bemerkte, wie geheimnisvoll sie übereinstimmten. Dann nahm er den Brief und machte sich damit auf den Weg zum König. Dem erzählte er die ganze Geschichte.

Der König war höchst verwundert über diese Geschichte und ordnete an, dass sie in allen Chroniken erscheinen sollte. Dann rief er: „Allahs Wege sind wunderbar.“

Der Wesir dagegen wartete auf den Sohn seines Bruders. Er wartete einen Tag lang, danach einen zweiten, schließlich noch einen dritten Tag lang. Und er wartete weiter bis zum siebten Tag, aber es gab keine Nachricht über ihn.

Dann nahm er Feder und Schreibzeug und malte einen genauen Plan des Hauses auf. Hier war zu sehen, wo sich das Schlafgemach befand, wo der Vorhang war und wo das Ruhebett stand. Er vermerkte auch jede Kleinigkeit, die sich in dem Raum befand. Dann nahm er die Beinkleider seines Neffen und auch seinen Turban und schloss alles zusammen ein. Warum er das tat, verriet er niemandem.

Seine Tochter aber war schwanger, und als die Zeit der Geburt kam, schenkte Allah ihr einen Sohn, den sie Adschib nannte. Adschib bedeutet „Der Wunderbare“, und wunderbar war der Junge wirklich. Er war schön wie Sonne und Mond und vollendet an Anmut.

Adschib wuchs heran. Die Zeit verging und es erschien allen ein Monat wie ein Tag und ein Jahr wie ein Monat. Als er sieben Jahre alt war, schickte ihn Schaerraeddin zur Schule. Hier hin ging er vier Jahre lang.

Eines Tages begann Adschib einen Streit mit seinen Mitschülern. Er stieß sie hin und her und sagte: „Niemand von euch ist vom so edlem Blute wie ich. Seht mich an! Ich bin der Sohn des Wesirs von Ägypten.“

Doch die anderen ärgerten sich über ihn. „Was ist das für ein dummer Angeber“, riefen sie. Sie taten sich zusammen und wollten ihn verprügeln, aber Adschib war sehr stark, und er schlug zurück. Da beschwerten sich seine Mitschüler beim Lehrer.

Auch der Lehrer ärgerte sich über Adschib. „Wir werden sein schlechtes Benehmen nicht länger erdulden“, sagte er. „Ich sage euch, was wir morgen tun werden. Wir werden ein Spiel spielen, und dabei darf nur der mitspielen, der den Namen seines Vaters und seiner Mutter sagen kann. Bei diesem Spiel wird ihm der Hochmut vergehen.“

Als der nächste Tag kam, warteten die Kinder auf Adschib. Als er zu ihnen in den Kreis kam, sprachen sie zu ihm: „Wir wollen ein Spiel spielen, bei dem nur der teilnehmen darf, der den Namen seiner Mutter und seines Vaters sagen darf.“ „Das ist ein dummes Spiel“, sagte Adschib. Doch die anderen Kinder meinten: „Oh, welch ein lustiges Spiel. Ja, das wollen wir spielen.“

Ein Mädchen begann: „Mein Name ist Madschi und meine Mutter heißt Alawija und mein Vater Izzaeddin.“ Und einer nach dem anderen war an der Reihe und sagte die Namen seiner Eltern. Dann war die Reihe an Adschib. „Mein Name ist Adschib und meine Mutter heißt Sitt und mein Vater heißt Schaemsaeddin und ist der Wesir von Kahira.“

Da riefen die Kinder: „Das stimmt nicht! Dein Vater ist doch nicht der Wesir von Kahira.“ „Doch!“ sagte Adschib, doch die anderen lachten ihn aus. „Er weiß nicht, wer sein Vater ist“, riefen sie und lachten. „Mach dich davon, Adschib. Niemand darf mit uns spielen, der nicht den Namen seines Vaters nenne kann.“

Und sie liefen lachend davon. Adschib aber wurde sehr traurig und begann, zu weinen. Da ging der Lehrer zu ihm. „Höre Adschib“, sagte er. „Wir wissen, dass dein Großvater der Wesir von Kahira ist. Er ist der Vater deiner Mutter. Deinen Vater kennen wir nicht. Niemand kennt ihn. Alles was wir wissen, ist, dass der König deine Mutter mit einem Stallknecht verheiratet hat.

Du bist jetzt groß genug, dass du nicht mehr Vater und Großvater verwechseln musst. Also merke dir, dein Großvater ist der Wesir, dein Vater aber ist allen unbekannt. Und so ist es wichtig, dass du ein bisschen bescheidener wirst und nicht mit deinem unbekannten Vater angeben musst. Lerne endlich mal, dass Angeberei eine üble Angelegenheit ist.“

Als Adschib diese Worte hörte, liefen ihm die Tränen. Weinend lief er zu seiner Mutter und warf sich ihr in die Arme. Lange weinte er und war gar nicht in der Lage, mit ihr zu sprechen. Die Mutter war sehr mitleidig und sagte: „Mein Sohn, warum weinst du so? Bitte erzähle mir, was dir passiert ist.“

Da erzählte ihr Adschib, was geschehen war. „Mutter“, rief er. „Ich bitte dich, sage mir, wer mein Vater ist.“ Sie aber antwortete: „Dein Vater ist Wesir von Ägypten.“

Da weinte Adschib erneut. „Nein, Mutter, nein“, rief er. „Ich will das nicht mehr hören. Der Wesir ist dein Vater, nicht meiner. Er ist mein Großvater. Wer aber ist mein Vater? Wenn du mir jetzt nicht die Wahrheit sagst, kann ich nie in meinem Leben wieder froh werden. Dann kann ich meinen Freunden und meinen Lehrern nie wieder in die Augen sehen und möchte am liebsten sterben.“

Als die Mutter ihn so sprechen hörte, war es ihr weh ums Herz und sie weinte. All die Erinnerungen an ihren Gemahl kamen wieder. Und plötzlich kam ihr ein alter Vers in den Sinn: Er ging – und nahm alle meine Freude mit sich. Ich wartete getreu – doch finster war mein Herz. Und sie wusste nicht, wie sie ihrem Sohn die ganze Geschichte erklären sollte.

Da trat der Wesir in den Raum. Verwundert sah er die beiden an. „Warum weint ihr denn, ihr Trauerweiden?“, fragte er. Da berichtete ihm seine schöne Tochter, was vorgefallen war.

Traurig schüttelte der Wesir den Kopf und ihm fielen all die seltsamen Dinge wieder ein, die bei der Hochzeit seiner Tochter vorgefallen waren. Betrübt wurde ihm bewusst, dass er damals nicht imstande gewesen war, das Geheimnis um seinen Neffen zu ergründen.

Und plötzlich kam ihm ein Gedanke. Er stand auf und ging geradewegs zum Audienzsaal des Königs hinüber. Ihn bat er, noch einmal nach Bassora reiten zu dürfen, um weitere Erkundigungen nach seinem Neffen einzuholen.

Der König erklärte sich bereit, ihm alle erdenklichen Geleitschreiben und Vollmachten mitzugeben. Er erstellte ihm sogar ein persönliches Handschreiben aus, dass die Statthalter der nächsten Provinzen und Herrscher der benachbarten Länder bat, sich Schaemsaeddin anzunehmen.

Der Wesir war überglücklich über diese Gnade und wünschte seinem König von ganzem Herzen den Segen Allahs. Dann kehrte er zu sich nach Hause zurück. Zu Hause begann er mit den Reisevorbereitungen. Dann nahm er den kleinen Adschib mit und brach auf.

Sie ritten viele Tage, bis sie schließlich nach Damaskus kamen. Hier hielt der Wesir an einem Platz an, der Ael-Hasa hieß und ließ seine Zelte aufschlagen. Dann sprach er zu seinem Gefolge: „Hier machen wir für zwei Tage Rast.“

Alle machten sich auf, in die Stadt zu gehen. Der eine wollte etwas kaufen, der andere ein Bad nehmen, der nächste wollte sich etwas umschauen und wieder einer wollte die Große Moschee besuchen, die als die schönste und größte der Welt gilt.

Auch Adschib machte sich auf, in die Stadt zu gehen. Er war neugierig auf die Stadt und wollte sich gerne ein wenig umsehen. Ein Sklave begleitete ihn dabei. Seit jenem Spiel in der Schule war Adschib stiller und trauriger geworden, und sein Hochmut war verflogen. Jedermann hatte ihn lieb gewonnen.

Als der Junge so durch die Stadt ging, folgte ihm der Sklave dicht auf den Fersen. Er hatte einen dicken Knüppel in der Hand, bereit, jeden zu erschlagen, der sich anmaßte, dem Jungen zu nahe zu kommen. Er kannte die Stadt Damaskus gut und wusste, dass es hier lebhaft zuging.

Und er hatte sich nicht geirrt. Adschib fiel vielen Menschen auf. Er war ungewöhnlich liebreizend, klar wie der Nordwind, süß wie sprudelndes Wasser und fremdartig schön wie ein Traum.

Und obwohl der Sklave mit einem Knüppel hinter ihm hermarschierte, gab es viele Menschen, die dem Jungen folgten. Und es war Allahs Wille, das Adschib an der Konditorei vorbei kam und davor stehen blieb.

In den vielen Jahren, die ins Land gegangen waren, gehörte das Geschäft nun Baedraeddin Hassan, der Vater des Adschib. Der alte Konditor war gestorben und hatte Hassan die Bäckerei als Erbe überlassen.

Als der Knabe nun mit dem Sklaven vor dem Laden stand, blickte Hassan von seinen Geschäften auf und etwas Seltsames ging in ihm vor. Sein Blut rauschte, als spräche das Blut zum Blute, und sein Herz rührte sich.

Gerührt blickte er den Knaben an und rief ihm zu: „Oh, geliebter Knabe, du bist wohl fremd in dieser Stadt und doch ist mein Herz ganz von dir erfüllt. Willst du nicht näher kommen? Nimm dir von dem Kuchen, der dir gefällt. Nicht zum Verkauf, sondern ich will dich bewirten, wie meinen Gast.“

Und während er sprach, wurde sein Herz ganz von Liebe ergriffen. Plötzlich erinnerte er sich, was er einst gewesen ist und was er jetzt war. Und Adschib, der die Worte seines Vaters vernahm, spürte ebenfalls eine große Sehnsucht zu diesem Manne, den er doch gar nicht kannte.

So sagte er zu dem Sklaven: „Mein guter Wächter, lass uns zu dem Mann hingehen. Ich weiß nicht, warum ich mich zu ihm hingezogen fühle. Vielleicht bin ich seinem Kind ähnlich, von dem er fern sein muss. Komm, lass uns in diesen Laden eintreten.“

Als der Sklave die Worte hörte, wurde er sehr aufgeregt. „Bei Allah, mein junger Gebieter, das ist nicht möglich“, rief er. „Ihr seid der Enkel eines Wesirs, und es ist nicht möglich, wie das normale Volk in einen Konditorladen einzutreten und in aller Öffentlichkeit zu speisen. Wenn ihr in den Laden treten wollte, weil ihr vor den Gaffern, die uns die ganze Zeit über verfolgen, weglauft, so sagt es mir. Dann werde ich meinen Knüppel nehmen und sie vertreiben.“

Adschib fühlte sich völlig missverstanden. „Aber nein, das ist es doch nicht“, rief er. „Mein Herz liebt diesen Mann.“ Der Sklave schüttelte den Kopf. „Was soll das heißen“, tadelte er den jungen Mann. „Für einen jungen Mann wie ihr es seid, gehört es sich nicht, in eine Zuckerbäckerei zu gehen und mit diesem Mann zu reden.“

Doch Adschib wusste seinen Sklaven zu überreden. „Sei lieb zu mir und mach mir diese Freude“, sagte er. „Ich will gar nicht so fein sein, wie du von mir wünschst. Darum lass uns zusammen in diese Konditorei gehen und gemeinsam das leckere Zuckerwerk essen. Komm, gib deinem Herzen einen Stoß. Ich wünsche es mir so sehr.“

Da willigte der Schwarze schließlich ein, nahm Adschib an der Hand und betrat das Geschäft. Hassan nahm eine Schale mit Apfelmus von feinsten Granatäpfeln, streute Mandeln und Zucker darüber und reichte sie seinen Gästen. „Ich freue mich und weiß eure Ehre zu schätzen“, sagte er und verbeugte sich. „Nehmt dieses Mus und lasst es euch schmecken. Dann wird Glück und Gesundheit über euch kommen.“

Da erwiderte Adschib: „Setz dich zu uns und speise mit uns. Wir sollten freundlich zueinander sein, vielleicht gibt uns Allah dann das, wonach wir uns sehnen.“ Hassan sah den jungen Mann erstaunt an. „Oh mein Sohn“, sagte er dann. „Gibt es denn schon in deinen jungen Jahren so großen Kummer, dass du dich nach irgendetwas sehnst?“

Adschib nickte. „Ich sehne mich nach meinem Vater“, sagte er. „Mein Großvater ist mit mir in die Welt hinaus gezogen, damit wir ihn finden.“ Kaum hatte er das gesagt, kamen ihm die Tränen, und er begann, laut zu schluchzen.

Da weinte sein Vater mit ihm, einmal, weil er Mitleid mit ihm hatte, zum anderen, weil er an sein eigenes trauriges Schicksal, die Trennung von seiner Mutter und von seinen Freunden denken musste. Und dann wurde auch der Sklave angesteckt und weinte mit ihnen.

So saßen sie alle drei da, aßen das köstliche Mus und weinten dabei. Schließlich erhob sich der Sklave, fasste Abschib an die Hand und verließ das Geschäft. Es gehörte sich nicht, draußen auf der Straße zu weinen, und so trocknete Adschib schnell seine Tränen.

Doch kaum waren sie aus dem Laden gegangen, hatte Hassan das Gefühl, nicht mehr länger ohne diesen Knaben leben zu können. Er schloss seinen Laden und folgte ihnen zum westlichen Tor der Stadt hinaus.

Als der Sklave bemerkte, dass Hassan ihnen gefolgt war und drehte sich verärgert zu ihm um. „Wieso folgst du uns?“ fragte er misstrauisch. Hassan antwortete: „Als ihr meinen Laden verließt, hatte ich das Gefühl, ihr nehmt meine Seele mit. So bin ich hinter euch her gegangen. Und da ich sowieso Geschäfte außerhalb der Stadt erledigen muss, begleite ich euch ein Stück.“

„Seht ihr“, wandte sich der Sklave verärgert an Adschib. „Das habe ich gleich befürchtet. Kaum lässt man sich einladen, folgt einem der Bursche, als wäre er ein alter Freund. Dabei ist er mit seinem Zuckerbäckergeschwätz genau so aufdringlich, wie die anderen aus dem Volke auch.“ Und er schwenkte seinen Knüppel.

Auch Adschib war ein bisschen unsicher geworden. „Du hast recht“, murmelte er. „Ich weiß auch nicht, was ich von ihm halten soll. Wenn wir zu unserem Lager abbiegen und er folgt uns weiter, wollen wir ihm dafür einen kräftigen Denkzettel verpassen.“

So schritt Adschib weiter. Sein Sklave folgte ihm in einem würdigen Abstand, danach aber ging Hassan. Als sie sich dem Platz Ael-Hasa näherten, auf dem die Zelte standen, drehte sich Adschib um und sah, dass ihm Hassan immer noch folgte.

Nun sorgte er sich doch, dass ihm sein Großvater Vorwürfe machen würde, weil er diese Konditorei besucht hatte und sich auf ein Gespräch mit einem Zuckerbäcker eingelassen hatte, der vielleicht wirklich ein übler Mensch war.

Als er Hassan ansah, stellte er fest, dass Hassan seinen Blick unablässig auf ihn gerichtet hatte. Er wirkte dabei wie ein seelenloser Körper. Das war Adschib unheimlich und er bekam es mit der Angst zu tun.

Er bückte sich, hob einen kleinen Stein auf und schleuderte ihn nach Hassan. Er traf ihn mitten zwischen die Augenbraun. Hassan blieb erschrocken stehen und Blut floss aus seiner Stirn.

Diese Zeit nutzten Adschib und der Sklave, so schnell wie sie konnten zu den Zelten zu eilen. Adschib hatte zwar nicht gesehen, dass er Hassan verletzt hatte, doch er spürte eine große Unruhe und bereute sofort, diesen Stein geworfen zu haben.

Doch an diesem Tag verknüpfte sich alles äußerst seltsam, als wenn gute Geister die Schritte und böse Geister die Hände lenken würden.

Nun aber erwachte Hassan. Er nahm einen Zipfel seines Turbans und wischte das Blut von der Stirn. Dann verband er sich die Wunde. „Was ist nur über mich gekommen“, dachte er dann. „Wieso folgte ich so dumm und unüberlegt dem jungen Mann. Es ist ja nur verständlich, dass er Angst bekam. Kein Wunder, dass er mit einem Stein nach mir warf.“

Und er kehrte in seinen Laden zurück und beschäftigte sich weiterhin mit seiner Zuckerbäckerei. Und irgendwie kam er sich dabei einsam und traurig vor.

Der Wesir aber blieb drei Tage lang in Damaskus. Dann wanderte er weiter nach Amesa und zog auch dort Erkundigungen ein, dann zog er weiter und weiter von Ort zu Ort. Er wanderte über Hanna und Alep durch Maridin und Aossul und suchte überall vergeblich, bis er schließlich nach Bassora kam. Er suchte sich eine Herberge und zog zum König, der ihn ehrenvoll empfing.

„Was ist der Grund deines Kommens?“ fragte er ihn. Und der Wesir erzählte ihm von Nueraeddin, seinem Bruder. „Allah möge mit ihm sein“, rief der König. „Er war fünfzehn Jahre lang mein Wesir, und ich liebte ihn sehr. Er hinterließ einen Sohn, der Baedraeddin Hassan heißt. Er war mein Günstling, und ich liebte ihn fast mehr als seinen Vater selbst. Doch als sein Vater gestorben war, verhielt er sich sehr seltsam, und dann auf einmal war er verschwunden. Wir haben nie erfahren, wo er ist. Aber seine Mutter lebt noch in dieser Stadt.“

Als Schaemsaeddin hörte, dass die Frau seines Bruders noch lebte, freute er sich sehr. „Ich wünsche sie zu sprechen“, sagte er. Der König erlaubte es ihm. Als der Wesir Nuraeddins Haus betrat, sah er all die Dinge, die ihn an seinen Bruder erinnerten, und er wurde sehr traurig, dass er ihn nun für immer verloren hatte.

Dann ging er weiter durch`s Haus, bis er zu den Räumen kam, in denen sich die Witwe seines Bruders aufhielt. Seit dem Verschwinden ihres Sohnes hatte sich ihr Leben verdunkelt, und sie verbrachte die hellen und die dunklen Stunden teilnahmslos im Raum.

In der Mitte des Raumes hatte sie ein Grabmal in Erinnerung an ihren Sohn errichten lassen, und sie verbrachte viel Zeit damit, hier zu sitzen und zu weinen und zu klagen. Als sich der Wesir ihren Räumen näherte, hörte er ihre Stimme, die sprach: „Du bist, oh Grab, weder Erde noch Himmel! Und dennoch – Für mich sind Sonne und Mond und die Erde versunken in dir.“

Da ging der Wesir zu ihr und begrüßte sie und sagte ihr, dass er der Bruder ihres Mannes sei. Und er erzählte ihr alles, was sich in den Jahren der Kindheit und Jugend zwischen seinem Bruder und ihm zugetragen hatte. Auch die Geschichte von Baedraeddin Hassan, der vor zwölf Jahren die Hochzeitsnacht mit seiner Tochter verbracht hatte und am Morgen verschwunden war, erzählte er ihr.

Dann endete er mit den Worten: „Und meine Tochter gebar einen Sohn, der ist auch der Sohn deines Sohnes. Er ist mit mir gekommen.“ Als die Frau hörte, dass ihr Sohn noch lebte uns sie sogar einen Enkel besaß, weinte sie vor Freude.

Doch Schaemsaeddin sprach: „Es ist jetzt keine Zeit, zu weinen. Mach dich bereit, mit uns nach Ägypten zu reisen. Es ist möglich, dass Allah uns alle zusammenbringen will, dich und mich und deinen Sohn und meinen Neffen.“ „Ich höre und gehorche“, erwiderte sie.

Und sie packte alles Notwenige zusammen und kleidete sich und ihre Sklavinnen für die weite Reise an. Während dessen ging der Wesir zum König von Bassora, um sich von ihm zu verabschieden und ihm ein kostbares Geschenk zu überreichen.

Dann brachen alle zusammen auf und reisten unermüdlich, bis sie wieder in Damaskus waren. Hier schlugen sie erneut ihr Lager auf und beschlossen, sieben Tage zu verweilen. Da erinnerte sich Adschib an den Zuckerbäcker, der so freundlich zu ihm gewesen war, und den er mit Steinen beworfen hatte.

„Lass uns zu dem großen Bazar von Damaskus gehen und sehen, was aus dem Bäcker geworden ist“, sagte er zu seinem Diener. „Er war doch eigentlich ein freundlicher Mann, und wir haben uns ihm gegenüber nicht gut verhalten.“ „Wie Ihr wünscht“, erwiderte der Diener.

Er liebte Süßigkeiten über alles. So zogen sie durch die Stadt und über den Bazar, bis sie zu dem Laden kamen. Hassan lehnte zufällig in der Ladentür. Er hatte gerade wieder seinen süßen Brei aus Granatäpfeln hergestellt, genau wie an dem Tag des ersten Besuches.

Als die beiden näher kamen, fühlte sich Adschib wieder seltsam von dem Mann angezogen. „Friede sei mit dir! Meine Seele ist bei dir“, sagte er und verneigte sich. Und auch Hassan blickte auf seinen Sohn und sein Herz erzitterte, und er fand keine Worte für seine Gefühle.

„Bleib einen Moment hier und iss von meinen Süßigkeiten“, bat er ihn. „Allah, ich konnte dich nicht vergessen. Es tut mir Leid, dass ich dir an dem einen Tag gefolgt bin. Ich hätte das nicht tun sollen, doch ich war wie von Sinnen.“

„Versprich uns, dass du so etwas nie wieder machst“, sagte Adschib. „Schwöre es, bevor wir hier bei dir essen. Denn sonst kann ich dich nie wieder besuchen. Und wir verweilen eine Woche in dieser Stadt.“ „Ich verspreche es“, gelobte Hassan feierlich.

Da traten Adschib und der Diener ein und ließen sich erneut eine Schale guten Brei vorsetzen. Und Adschib sagte zu Hassan. „Setze dich zu uns, damit Allah die Trauer von uns nehmen kann.“

Hassan setzte sich zu ihnen und sie aßen gemeinsam, bis sie nicht mehr konnten. Dann stand Hassan auf und goss Rosenwasser über die Hände seiner Gäste. Danach brachte er einen Krug mit Scherbet, der war mit Moschus parfümiert und gekühlt. Sie nahmen große Schlucke aus dem Krug und reichten ihn dann zum nächsten weiter.

Dann verabschiedeten sie sich und gingen. Als sie die Zelte erreichten, ging Adschib auf seine Großmutter zu und küsste ihre Hände. „Wo bist du die ganze Zeit über gewesen, mein Sohn?“, fragte sie. „In der Stadt“, erwiderte Adschib abweisend.

Da stand sie auf und reichte ihm eine Schale mit Apfelmus von feinsten Granatäpfeln, doch längst nicht so süß, wie der von Hassan. „Setzt euch und esst“, sagte sie. „Bei Allah“, flüsterte der Sklave verzweifelt. „Ich kann unmöglich noch eine Schale Apfelmus ertragen.“

Doch er setzte sich gehorsam neben Adschib. Adschib nahm ein wenig Gebäck und tauchte es in die Schüssel ein. Er versuchte, zu essen, doch es war nicht so süß und schmeckte im Vergleich zu Hassans Mus richtig sauer. „Nein“, rief er dann. „Das schmeckt mir nicht.“

Erstaunt und verärgert rief die Großmutter: „Mein Kleiner, findest du etwa mein Essen schlecht? Das hat noch nie jemand zu mir gesagt. Und ich sage dir, niemand ist in der Lage, dieses Mus so gut herzustellen, wie ich, allenfalls dein Vater, Baedraeddin Hassan, der immer so gerne backte und kochte.“

„Oh Großmütterchen, ich will dich nicht kränken“, sagte Adschib, „doch eben waren wir bei einem Bäcker, der schmeckte so gut, dass er einen Trauernden fröhlich und einen Satten wieder hungrig machen konnte. Nein, wirklich, dein Mus ist nicht schlecht, aber im Vergleich zu dem ist es wenig wert. Verzeih mir, es tut mir Leid, aber es ist die Wahrheit.“

Da wurde die Großmutter sehr zornig. „Oh du schwarzes Kamel“, fuhr sie den Diener an. „Hast du es etwa gewagt, meinen Enkel in eine gewöhnliche Konditorei zu führen?“ „Nein, nein“, rief der Diener erschrocken. „Wir gingen nicht hinein, sondern nur daran vorbei.“

Aber Adschib rief: „Vorbei gegangen? An so einer Konditorei konnte man gar nicht vorbei gehen. Wir mussten hinein gehen. Wir haben so viel von diesem gezuckerten Brei gegessen, bis er uns fast aus den Nasenlöchern heraus kam. Und wahrhaftig war er besser als dieser hier. Viel besser sogar.“

Da ging die Großmutter wütend zum Wesir und erzählte ihm die Geschichte. Auch der wurde sehr zornig und ließ den Sklaven holen. „Was fällt dir ein, meinen Enkelsohn in eine anrüchige Bäckerei zu führen“, rief er. „Das gehört sich für den Enkel eines Wesirs nicht, und ich habe es dir ausdrücklich verboten.“

„Nein, nein, wir taten das auch nicht“, rief der Sklave ängstlich. „Natürlich taten wir das“, sprach Adschib. „Wir gingen hinein und aßen Granatapfelmus bis wir bis oben hin satt waren. Und Scherbet tranken wir auch.“

Da wurde der Zorn des Wesirs noch größer. Er hielt dem Sklaven ein Schälchen mit Mus unter die Nase. „Wenn du die Wahrheit sprichst, wirst du ja wohl dieses Mus aufessen können“, rief er.

Das setzte sich der Sklave nieder und versuchte, das Mus zu essen. Doch es gelang ihm nicht. „Mein Herr und Gebieter, ich kann nichts mehr essen. Ich bin furchtbar übersättigt“, rief er. Da wusste der Wesir, dass der Sklave gelogen hatte. Er ließ ein Bambusrohr holen und hielt es dem Sklaven hin. „Wenn du nicht die Wahrheit sprichst, lasse ich sie aus dir heraus prügeln“, schrie er.

Da bekam es der Sklave mit der Angst zu tun, denn er wusste, die anderen Diener mochten ihn nicht so gerne, und so würden sie ihn sicherlich kräftig prügeln. „Bei Allah, ich will die Wahrheit sagen“, sprach er. Da ließ der Wesir von ihm ab.

„Wir waren wirklich in einer Konditorei“, erzählte der Sklave. „Es war aber gar nicht anrüchig, sondern sehr fein. Und dann aßen wir diesen Granatapfelmus, und ich muss sagen, dass ich in meinem ganzen Leben noch nie so einen feinen Mus gegessen habe.“ Und verlegen schaute er zu der Großmutter hinüber. „Obwohl dieses Mus von euch auch nicht schlecht ist“, fügte er schnell hinzu.

Nun wurde Hassans Mutter doch sehr böse. „Hier hast du ein halbes Dinar“, sagte sie. „Lauf in den Laden und besorge das Mus. Ich werde entscheiden, welches Mus besser schmeckt.“

Das ließ sich der Diener nicht zweimal sagen. Schnell lief er davon. Als er in Hassans Laden ankam, sagte er: „Oh König der Konditoren, wir haben eine Wette abgeschlossen, ob deine Kochkunst wohl die meines Gebieters übersteigt. Denn auch mein Gebieter versteht es, Mus zuzubereiten. Also gib mir schnell von deinem Mus. Ich habe so davon geschwärmt, dass ich beinahe Hiebe dafür bekommen hätte. Also enttäusche mich nicht.“

Da lachte Hassan und sagte: „Ich bin der einzige, der das machen kann. Außer eben meine Mutter, aber die wohnt weit weg von hier.“ Und er füllte die Schale mit Mus und gab noch Rosenwasser und Moschus dazu. Dann schützte er die Schale mit einem Tuch.

Eilig kehrte der Diener zurück. Kaum hatte Hassans Mutter davon gekostet, wusste sie, dass nur ein Mensch auf der Welt so ein ausgezeichnetes Mus zu kochen vermochte. „Niemand anderes als mein Sohn hat das gekocht“, rief sie. „Der Besitzer dieser Konditorei ist Baedraeddin Hassan. Nur er und ich kennen dieses Rezept, ich habe es ihm beigebracht, aber er kocht es in Vollendung.“

Der Wesir freute sich über alle Maßen, als er das hörte. Dann sprach er zu seinen Dienern: „Ich habe einen Plan, wie wir diesen Konditor holen können. Nehmt Stöcke und Prügel und schlagt alles, was ihr in der Konditorei sehen könnt, zusammen. Dann fesselt den Konditor und verbindet ihm die Augen und sagt zu ihm: „Da ist ja der Koch, der das üble Gericht mit den Granatäpfeln hergestellt hat.“ Und dann bringt ihn hier her. Aber passt auf, dass ihm nicht wirklich ein Leid geschieht.“

Dann stieg der Wesir auf sein Pferd und ritt zum Statthalter von Damaskus. Als er vorgelassen wurde, zeigte er die Begleitschreiben des Königs vor. „Was willst du von mir?“, fragte ihn der Statthalter. „Ich bin gekommen, um einen Zuckerbäcker zu verhaften“, erklärte der Wesir.

„Wenn es weiter nichts ist, nimm ihn mit“, sagte der Statthalter. „Es ist aber der beste Zuckerbäcker am Ort“, meinte der Wesir, doch der Statthalter schüttelte den Kopf. „Damaskus ist voller Zuckerbäcker“, sagte er. „Was schert mich das. Es gibt so viele von ihnen, dass jeder Mensch in der Stadt sich durch sie den Magen verderben kann. Nimm ihn und verhafte ihn. Und wenn du willst, kannst du auch noch einen Koch oder einen Fleischer mitnehmen.“ „Aber nein“, sagte der Wesir.

So kam es, dass seine Leute in Hassans Laden vordrangen und ihn plünderten. Dann banden sie Hassan fest und führten ihn zu dem Wesir. „Bist du der Mann, der den Apfelmus zubereitet hat“, wollte der Wesir wissen. Hassan hatte keine Angst. „Ja, das bin ich“, sagte er. „Und ich möchte wissen, was es daran auszusetzen gibt. Oder willst du mir wegen einer Schale Mus den Kopf abschlagen lassen?“

„Vielleicht schon“, erwiderte der Wesir. „Es war jedenfalls das letzte Mus, das du zubereitet hast.“ „Und trotzdem möchte ich wissen, was es daran auszusetzen gab“, sagte Hassan verärgert.

Doch der Wesir antwortete nicht. Er ließ seine Diener mit den Kamelen vortreten. Dann brachen die Diener das Lager ab und banden einen großen Kasten auf das Kamel. In diesen Kasten wurde Hassan gesperrt.

So ritten sie den ganzen Tag über, und als die Nacht einfiel, hielten sie an und aßen gemeinsam. Dafür ließen sie auch Hassan aus dem Kasten holen und gaben ihm zu essen. Da rief Hassan dem Wesir zu: „Ich weiß immer noch nicht, was an dem Mus gefehlt haben soll. „Zucker“, erwiderte der Wesir.

“Das kann doch nicht sein“, rief Hassan. „Soll ich es wirklich noch mehr zuckern? Und selbst wenn es so wäre, das ist doch kein Grund, mich gleich einsperren zu lassen.“ „Doch“, erwiderte der Wesir. „Bei Apfelmus ist das ein Verbrechen.“ Und er ließ Hassan wieder in den Kasten sperren.

So ging die Reise weiter, bis man nach Kahira gelangte. Der Wesir ließ direkt vor seinem Haus anhalten. Dort ging er zu seiner Tochter und sagte: „Lob und Ehre sei Allah. Er vereint dich wieder mit deinem Mann, dem Sohn deines Onkels. Darum laufe ins Haus und ordne alle Dinge so, wie sie in der Nacht deiner Vermählung gestanden haben.“

Und die Sklaven erhoben sich und zündeten die Kerzen an und stellten alle Dinge so, wie sie in der Brautnacht gestanden hatten. Dann legte der Wesir selbst die Gewänder Baedraeddin Hassans an den Platz, an denen sie gelegen hatten, die Hose, die Unterhose, der Mantel, der Turban und nicht zuletzt der Beutel mit dem Gold.

Nun legte sich die Tochter des Wesirs ins Bett, wie sie in der Brautnacht gelegen hatte. „Ich bin bereit“, rief sie ihrem Vater zu. „Sobald der Mann eintritt rufe ihm zu: Du warst aber lange draußen“, sagte ihr Vater ihr. Die Tochter nickte und lächelte.

Als der Wesir in den Kasten schaute, schlief Baedraeddin Hassan immer noch. Da entkleidete ihn der Wesir, bis er nichts weiter am Leibe hatte, als ein dünnes Hemdchen, gerade so wie zu der Stunde, als er fort gegangen war. Hassan schlief so fest, dass er dies alles nicht merkte.

Und als er erwachte, erkannte er sofort, dass er an diesem Ort war. „Das kann doch nicht wahr sein“, sprach er zu sich. „Ich träume doch wohl!“ Er stand auf und ging auf den Flur und von dort in den Vorraum. Dann blickte er in das Schlafgemach.

Und nun sah er alles vor sich, die Nische mit dem Brautlager, die Unordnung der Kleidungsstücke, seine Hose und seinen Turban. Als er die Sachen erblickte, war er vollständig verwirrt. Er ging einen Schritt vorwärts und einen wieder zurück. „Träum ich oder wache ich“, sprach er leise.

In diesem Moment schob die wunderschöne Tochter des Wesirs ein wenig den Vorhang zur Seite und sagte: „Oh, mein Gebieter, du warst wirklich lange fort. Willst du nicht endlich zu mir herein kommen?“

Nun ging Hassan vorsichtig zwei Schritte voran und zwei zurück und schnappte mit der Hand durch die Luft, als sei er betrunken. Dann setzte er sich auf den Teppich und versuchte, nachzudenken. Plötzlich erblickte er die Hose und den Turban, daneben den Beutel mit dem Gold. Und wieder schüttelte er den Kopf und sagte: „Ich träume, das ist völlig klar!“

Die schöne Tochter sprach lachend: „Was ist mit dir, mein Liebster. Du siehst ja ganz verschüchtert aus. Da warst du am Anfang der Nacht aber anders.“ Nun lachte Hassan ebenfalls. „Wie lange war ich eigentlich von dir fort?“, wollte er wissen. „Eine Stunde bestimmt“, erwiderte die Schöne. „Sehr lange hat das gedauert.“

Hassan sah sehr nachdenklich aus. „Ich muss wohl auf dem stillen Örtchen eingeschlafen sein“, überlegte er. „Jedenfalls habe ich eine seltsame Geschichte geträumt. Ich träumte, ich sei Konditor in Damaskus. Zehn Jahre hätte ich dort verbracht. Dann kam dieser Knabe…“

Wie angewurzelt blieb Hassan stehen und berührte seine Narbe. „Bei Allah, es ist doch wahr“, rief er dann. „Hier, wo diese Narbe ist, traf mich der Knabe mit dem Stein. So muss ich doch wach gewesen sein. Oder hatte ich die Narbe schon früher? Oder habe ich überhaupt keine Narbe.“

Er überlegte weiter. „Ich träumte von Granatapfelmus“, sagte er dann. Da rief seine Frau: „Von Granatapfelmus? Warum ausgerechnet davon?“ „Ich träumte, ich hätte zu wenig Zucker hinein gegeben“, sagte Hassan Gedanken verloren. „Aber bei Allah, das ist ja alles nicht wahr.“

„Ach Hassan, das sagt doch auch niemand“, erwiderte die Schöne. „Aber“, überlegte Hassan weiter, „mich hat ja auch jemand in diesen Kasten gesperrt. Und mein Laden wurde auch geplündert. Oder etwa nicht? Allah, sei Lob und Dank, es war doch alles nur ein Traum.“

Da lachte sie und stand auf und ging zu ihm hinüber. Sie umarmte ihn zärtlich und zog ihn zu sich in das Schlafgemach. Er küsste sie liebevoll, aber dann kamen auch schon die verwirrenden Gedanken wieder. „Ich war wach“, sagte er und dann nach einer Weile wieder „Ich habe doch nur geträumt.“

So verging die Nacht. Als der Morgen kam, betrat sein Onkel Schaemsraeddin das Schlafgemach und begrüßte ihn lächelnd. Als Hassan ihn erblickte, rief er laut: „Bei Allah, du bist doch der Mensch, der mich in diesen Kasten gesteckt hat. Und du warst es auch, der meinen Granatapfelmus nicht mochte.“

Da erwiderte der Wesir: „Oh, mein Sohn, wisse, die Wahrheit ist eine ganz andere. Du bist der Sohn meines Bruders. Und du warst es auch, der damals durch verschiedene Umstände in das Schlafgemach meiner Tochter gelangtest.

Ich tat das alles nur, um mich zu überzeugen, ob du wirklich die Person warst, die damals meine Tochter heiratete. Aber jetzt bin ich sicher: Es ist dein Turban und deine Hose, und bei dir trugst du ein Schriftstück meines Bruders. Nun, ich gebe zu, dass das alles ein etwas großer Scherz war, aber nun ist es genug gespielt.

Deine Mutter ist hier bei uns, oh Hassan. Ich habe darauf bestanden, dass sie mit uns zieht. Und die wirkliche Geschichte ist noch eine ganz andere. Sie hat damit zu tun, dass mein Bruder von Bassora weg gezogen ist, weil wir uns wegen der Kinder gestritten haben. Wegen Kindern, die wir noch gar nicht besaßen.“

Dann ließ er Adschib rufen, und als Hassan ihn erblickte, rief er: „Da ist ja der Knabe, der mich mit dem Stein beworfen hat.“ „Er ist dein Sohn“, erwiderte der Wesir.

Da umarmte Hassan den Knaben herzlich. Dann trat auch seine Mutter ein, die er innig umarmte. Und dann umarmte er auch den Wesir. Es begann ein herzliches Umarmen und Lachen und Weinen und Erzählen. Dann dankten sie alle Allah dem Allmächtigen und feierten ihm zu Ehren ein großes Fest.

Baedraeddin Hassan aber gelangte zu großen Ehren und sein Ruf drang auch bis in die entlegendsten Gegenden der Welt. Er verbrachte die vielen Tage, die ihm und seiner Familie noch geschenkt waren in Ruhe und Glück, bis der Tod sie von dieser Erde hinweg nahm und in Allahs Reich führte.

Als nun der Kalif Harun al Radschid diese Erzählung von seinem Wesir Dscha`afar vernommen hatte, sagte er: „Diese Geschichte ist wahrlich wunderschön. Sie soll mit Buchstaben aus reinstem Gold aufgezeichnet werden.“

Dann ordnete er an, dem Sklaven die Freiheit zu schenken. Der reumütige Übeltäter wurde begnadigt, und der Kalif ließ Gnade über alle die walten, die um ihn waren. Für die Zukunft nahm er sich vor, milder und großzügiger zu werden, um ein weiser und gerechter Herrscher zu sein.

So erzählte Scheherazade und hoffte, auf den König Schahrirar Eindruck zu machen. Sie hoffte, wenn sie von Herrschern erzählte, die zunächst ungerecht und böse, später dann aber weise und freundlich wurden, auch den König umzustimmen. Doch der König sagte nichts dazu.

Allerdings gab er zu, dass ihm die Geschichten gefielen. Besonders diese, die er so abenteuerlich und lustig zugleich fand. „Ich kenne noch andere dieser Geschichten“, sagte Scheherazade. „Kennt Ihr, oh großer König, die Geschichte vom Buckligen Zwerg und den Abenteuern, die ein Schneider, ein Arzt, ein Koch und ein Kaufmann erlebten?“

„Erzähle!“, sprach der König. Und Scheherazade erzählte.

Die Geschichte vom buckeligen Zwerg

Vor langer Zeit lebte ein Schneider in einer Stadt des Morgenlandes. Er war ein freigiebiger und fröhlicher Mann und liebte das Leben. Gerne ging er mit seiner Frau durch die Stadt spazieren. Dabei freute er sich an den schönen Gärten und Straßen der Stadt.

Als er eines Tages von einem Spaziergang zurückkam, traf er einen kleinen, buckligen Mann. Es war ein Spaßmacher, und er war lustig und vergnügt, allerdings auch nicht mehr ganz nüchtern. Mit vielen Späßen brachte er die Menschen zum Lachen und vertrieb Kummer und schlechte Laune.

Der Schneider und seine Frau hatten Spaß an seinen Scherzen und lachten über ihn. Dann luden sie ihn ein, mit ihnen zu kommen und bei ihnen in ihrem Haus die Nacht zu verbringen. Der kleine zwergenhafte Mann freute sich über die Einladung und kam mit ihnen.

Da der Schneider nicht viel zu essen zu Hause hatte, ging er schnell noch einmal auf den Markt, um etwas zum Abendessen zu kaufen. Die Läden hatten noch nicht geschlossen, und er kaufte gerösteten Fisch, weiße Brötchen, schöne Zitronen und leckeres Zuckerwerk zum Nachtisch. Damit kehrte er nach Hause zurück und breitete es von seinem Gast aus.

In seinem Übermut steckte der Schneider dem Buckligen einen großen Bissen Fisch in den Mund, hielt dann seinen Mund zu und sagte zu ihm in seinem Übermut: „Bei Allah, diesen Bissen musst du herunter schlucken, und zwar ohne zu kauen. Eher lasse ich deinen Mund nicht wieder los.“

Da begann der Bucklige, zu würden und versuchte, den Bissen herunter zu schlucken. Er zog allerlei Grimassen, und schließlich schaffte er es. Doch in diesem großen Bissen befand sich eine Gräte. Der bucklige Zwerg verschluckte sich daran, begann zu würgen und starb.

Als der Schneider den leblosen Körper vor sich liegen sah, begann er laut zu weinen. „Wehe, was bin ich für ein Narr“, rief er aus. „Wegen mir musste dieser arme Mann auf so unnötige Weise sterben.“ „Es ist nicht zu ändern“, sagte seine Frau. „Rede nicht so viel Unsinn, sondern tue etwas.“

„Was soll ich denn tun?“, fragte der Schneider verzweifelt. „Wickele ihn in ein Tuch und nimm ihn in deine Arme. Ich werde voran gehen in die Nacht. Wenn wir gefragt werden, wohin wir gehen, so sage, dass wir mit diesem Mann zu einem Arzt gehen.“

Und so taten sie es. Der Schneider trug den buckligen Mann auf den Armen durch die Stadt. Seine Frau eilte weinend voran und rief: „Ach, mein armer Sohn, möge Allah dich gegen diese schrecklichen Pocken schützen.“

Während sie so entlang gingen, fragten sie immer wieder nach einem Arzt, bis sie wirklich vor der Tür eines jüdischen Gelehrten und Arztes anhielten. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als hier anzuklopfen und zu warten. Eine Dienerin öffnete die Tür.

„Was wünscht ihr?“, fragte sie. Die Frau des Schneiders antwortete: „Unser Kind ist krank. Nimm diesen Vierteldinar und bitte deinen Gebieter, zu uns heraus zu kommen und unseren Sohn zu untersuchen.“ Da stieg die Dienerin zu ihrem Herrn die Treppe hinauf.

In der Zwischenzeit traten der Schneider und seine Frau in den Vorraum des Hauses. „Leg ihn schnell hier hin und lass uns dann verschwinden“, sagte die Frau. Da legte der Schneider die Leiche des Buckligen auf die untere Stufe der Treppe und eilte mit seiner Frau davon.

In der Zwischenzeit stieg die Dienerin in das Gemach des Arztes und sprach zu ihm: „O Herr, dort unten stehen ein Mann und eine Frau mit ihrem Kind und bitten dich, ihr Kind zu behandeln. Sie lassen dir einen Vierteldinar geben. Es scheint also schlecht um ihn zu stehen.“

Da beeilte sich der Arzt, die Treppe hinunter zu gehen. In seiner Eile nahm er aber kein Licht mit. So kam es, dass er am unteren Ende der Treppe gegen den Körper des Buckligen stieß, der die Stufe hinunter fiel.

Erschrocken bückte sich der Arzt, um ihn zu untersuchen und erkannte sofort, dass er tot war. Da dachte er bei sich, dass er es selbst gewesen war, der den Kleinen getötet hatte. „Bei Allah“, rief er. „Ich bin im Dunklen gegen einen schwerkranken Menschen gestoßen und habe ihn dadurch getötet. Was soll ich nun tun? Wie bringe ich den Toten aus meinem Haus?“

Und in seinem Schrecken lief er zu seiner Frau und erzählte ihr, was sich zugetragen hatte. „Was stehst du hier herum?“, rief seine Frau. „Willst du ihn hier liegen lassen, bis der Tag anbricht? Sie werden dich verhaften, und behaupten, du bist kein Arzt, sondern ein Mörder. Lass uns die Leiche auf das flache Dach bringen, damit die Katzen, Hunde und Geier den Leichnam vertilgen.“

Der Nachbar des Arztes war nämlich Koch, und da er viele Vorräte, wie Öl und Fett auf seinem Dach lagerte, streunten hier viele wilde Tiere herum. Hungrige Geier kreisten auch immer wieder um das Dach.

Der Arzt schüttelte über die Idee seiner Frau den Kopf, doch es fiel ihm auch nichts Besseres ein. Er hatte nur den Wunsch, die Leiche so schnell wie möglich los zu werden. So gingen sie auf das Dach und ließen die Leiche vorsichtig herunter, bis sie schließlich an eine Mauer gelehnt liegen blieb.

Gerade hatten sie dies getan, da kehrte der Koch heim. Er ging über den dunklen Hofplatz. Da sah er an der Ecke eine dunkle Gestalt stehen. „Bei Allah, es sind nicht die Hunde und die Katzen, die meine Vorräte stehlen“, rief er wütend. „Es ist ein Mensch. Na warte, dir werde ich es zeigen.“

Und er nahm einen Stock und schlug damit auf den schweigenden Unbekannten ein, bis er auf den Boden fiel. Dann bückte er sich nach ihm und fasste ihn an. „Bei Allah“, rief er dann. „Er ist tot, und ich habe ihn umgebracht.“ Entsetzt fasste er sich an den Kopf. „Ich bin ein Mörder!“, rief er erschüttert. „Obwohl dich gar nicht so fest geschlagen habe.“

Und als er dann auch noch sah, dass der Tote ein kleiner buckliger Mann war, wurde er noch trauriger. „Verflucht bin ich“, rief er. „Oh, wenn doch die Hunde und Katzen meine Vorräte gefressen hätten. So bin ich, ein ehrbarer Koch, zum Mörder geworden. Weh mir, die Sterne stehen schlecht für mich diese Nacht.“

Und mit Tränen in den Augen betrachtete er den Buckligen. „Schlimm schon, dass du ein kleiner und buckliger Mann sein musstest“, sagte er. „Aber musstest du unbedingt ein Dieb werden? Und musstest du unbedingt mich bestehlen? Du Unglücklicher!“

Er überlegte eine Weile, dann beschloss er, die Leiche zu beseitigen. Er lud sie auf seine Schulter und trug sie zum Bazar hinunter in die Stadt. Dort lehnte er sie aufrecht gegen die Wand eines Parfümerieladens an der Ecke einer dunklen Straße und machte sich, so schnell er konnte davon.

Nach kurzer Zeit kam ein Kaufmann des Weges. Er kam aus einem anderen Land und hatte in dieser Stadt die Nacht über ausgiebig gefeiert. Zunächst hatte er recht viel des guten Weines getrunken, anschließend war er ins Badehaus gegangen, um ein Bad zu nehmen.

Als er so von einer Seite zur anderen taumelte, stieß er gegen den Buckligen. Da aber ausgerechnet in dieser Nacht sein Turban gestohlen worden war, glaubte er in seiner Trunkenheit in dem Buckligen den Dieb wieder erkannt zu haben.

„Gib mir meinen Turban wieder, du Galgenvogel“, rief er aus. Da aber der Bucklige nicht antwortete, versetzte er ihm einen heftigen Schlag. Der Leichnam fiel um. Das machte den Kaufmann nur noch wütender. „Sag etwas, du besoffener Turbandieb!“, rief er voller Wut. Und als der immer noch nicht antwortete, schlug er noch einmal zu.

Da aber kam die Wache. Sie sahen, wie der ausländische Kaufmann, ein ungläubiger Mensch, einen offenbar rechtgläubigen Mohammedaner prügelte. Das entsetze sie. „Lass diesen Mann sofort los, du wütender Bulle!“, riefen die Wachleute. Schwankend drehte sich der Kaufmann zu ihnen um.

Die Wachen machten sich sofort daran, den Buckligen zu untersuchen. Dabei stellten sie fest, dass er tot war. „Bei Allah“, riefen sie. „Das ist ja nicht zu fassen. Ein ungläubiger Ausländer tötet einen rechtschaffenen Muselmann. Das soll er büßen!“

Und sie fesselten ihn und schleppten ihn zum Haus des Statthalters. Unterwegs jammerte und klagte der Kaufmann die ganze Zeit über: „Aber ich habe ihn doch nur ein bisschen verprügelt. Davon kann man doch nicht sterben. Wie konnte ich nur ahnen, dass er so zart ist? Und mein Turban ist auch gestohlen worden. Welch ein unglücklicher Tag für mich.“

Der Kaufmann und die Leiche wurden im Haus des Statthalters eingeschlossen, bis es Morgen wurde, und sich der Statthalter erhob. Dann wurden die beiden vor den Statthalter gebracht. Er verhörte den Kaufmann, und dieser konnte die Tat nicht leugnen.

So verurteilte der Statthalter den Kaufmann zur Todesstrafe und gab den Befehl, ihn zu hängen. Das Urteil wurde in der ganzen Stadt bekannt gemacht. Dann errichtete man einen Galgen, und der Henker legte dem Kaufmann den Strick um den Hals.

Doch in dem Moment, als der Kaufmann gehängt werden sollte, kam der Koch vorüber und sah und hörte, was dort geschehen sollte. Er drängte sich erschrocken durch das Volk, das sich dort versammelt hatte und rief: „Halt, halt, wen hängt ihr denn da? Tut das nicht! Ich bin es doch, der diesen Buckligen getötet hat.“

„Warum tatest du das?“, wollte der Statthalter wissen und er Koch erzählte ihm, wie er nach Hause gekommen sei und den Buckligen vorgefunden hatte, der die Vorräte stehlen wollte. „Ich schlug mit einem Stock auf ihn ein, und als er tot war, nahm ich ihn und trug ihn auf den Bazar. Dort ließ ich ihn vor einem Geschäft nieder.“

Und als der Statthalter ihn verwundert anschaute, fügte er hinzu: „Es ist schlimm genug, dass ich einen Muselmann getötet habe, aber ich will nicht auch noch Schuld daran sein, dass ein Unschuldiger wegen mir gehängt wird.“

Da sagte der Stadthalter zum Henker: „Nun gut, lass den Kaufmann frei und hänge dafür diesen Mann.“ Da ließ der Henker den Kaufmann laufen und bat den Koch, unter den Galgen zu treten. Ihm legte er nun den Strick um den Hals.

Doch genau in diesem Moment drängte sich der jüdische Arzt durch die Menge. „Haltet inne!“, rief er dem Henker zu. „Du hängst den Falschen. Ich bin es, der diesen Buckligen getötet hat. In der vergangenen Nacht kam ein Ehepaar in unser Haus. Sie trugen den Buckligen bei sich und gaben der Dienerin einen Vierteldinar, damit ich ihn gesund machen sollte.

Als ich aber eilends die Treppe hinunter lief, sah ich den Kranken nicht und stieß gegen ihn. Er fiel hin und starb im selben Augenblick. Da nahmen meine Frau und ich die Leiche, und ließen sie auf das Dach des Kochs herab, damit die Geier die Leiche holen könnten.

Jetzt habe ich große Angst vor dem Sterben, aber was hilft es. Ich hätte noch mehr Angst, wenn ein Unschuldiger durch mich sterben würde. Denn der Koch ist wirklich unschuldig.“

Der Satthalter wandte sich dem Henker zu. „Dann hänge eben den Arzt“, sagte er. Und der Henker legte ihm die Schlinge um den Hals.

Doch genau in diesem Moment bahnte sich der Schneider seinen Weg durch die Menge. „Haltet ein!“, rief er, so laut er konnte. „Dieser gute Arzt hat gar nichts mit der Sache zu tun. Niemand anderes als ich tötete diesen Buckligen. Ich traf ihn auf der Straße und weil er so lustig war und so viele Späße machte, lud ich ihn in mein Haus ein.

Als wir dann zusammen zu Abend aßen, nahm ich ein Stück Fisch und stopfte es ihm in den Mund. Aber wie das Schicksal es wollte, geriet es ihm in den Schlund und er erstickte daran. Dann nahmen meine Frau und ich den Toten und trugen ihn zum Haus des Arztes. Als er dann zu uns kommen wollte, liefen meine Frau und ich davon. Also, nicht der Arzt ist zu hängen, sondern ich.“

„Nun gut“, sagte der Statthalter. „Dann hängen wir eben den!“ Der Henker seufzte tief, nahm die Schlinge vom Hals des Arztes und legte sie dem Schneider um den Hals. „Jetzt reicht es mir aber!“, schimpfte er dabei. „Immer wenn ich gerade jemanden hängen will, wird er ausgewechselt. Das ist jetzt schon der Vierte. Ich kann mir schon vorstellen, wie das ausgeht: Es wird am Ende niemand gehängt.“

Der Bucklige aber war Hofnarr am Hofe des Königs gewesen. Der König war sehr unruhig, weil er ihn nun schon lange nicht mehr gesehen hatte. Und da er wusste, dass er sich sehr betrunken hatte und am nächsten und am übernächsten Tag nicht erschienen war, fragte er den Kammerherren nach ihm.

„Oh König der Zeiten“, erwiderte der Kammerherr. „Wir haben den Buckligen gefunden. Er ist leider tot. Und wir sind gerade dabei, den Mörder zu hängen. Immer aber, wenn wir einen am Strick haben, meldet sich ein anderer, der seinen Mord begangen haben will. Jetzt haben wir einen Arzt an der Schlinge.

Er gibt auch eine genaue Beschreibung, auf welche Art er zu Tode kam, so dass man ihm Glauben schenken muss. Jetzt frage ich mich nur, wie viele Täter sich noch melden. Es ist noch gar nicht abzusehen, ob nicht wieder und wieder einer kommt, der am Tod des Zwergen Schuld ist.“

Da rief der König: „Oh, du Esel merkst du denn gar nicht, was hier passiert? Laufe schnell zum Statthalter und lass das Gericht unterbrechen. Bringe mir alle Leute, die sich darum gedrängt haben, gehängt zu werden – aber lass sie lebendig!“

Da beeilte sich der Kammerherr, zum Henker zu laufen. Er kam gerade in dem Moment, als der Henker den Strick hinauf ziehen wollte. „Halt! Aufhören!“, rief er. Und er teilte dem Statthalter den Befehl des Königs mit, niemanden zu hängen, sondern sie dem König lebendig vorzuführen.

„Auch gut, dann wird eben niemand gehängt“, rief der Statthalter. Und er ließ den Schneider, den Arzt, den Koch und den Kaufmann mitsamt der Leiche zu König bringen. „Es sind vier“, meldete er dem König. „Mehr haben sich bisher nicht gemeldet.

Der König ließ sich die ganze Geschichte in Ruhe erzählen. „Wer von den Vieren soll denn nun gehängt werden?“ erkundigte sich der Kammerherr. „Schweig!“, befahl der König. „Störe mich nicht. Ich muss nachdenken.“

Und als er lange genug nachgedacht hatte, gab er den Befehl, niemanden zu hängen. Er wollte im Gegenteil diese wunderliche Geschichte in Goldbuchstaben aufgeschrieben wissen. „Noch nie habe ich eine Geschichte gehört, die merkwürdiger als diese ist“, fügte er hinzu.

Als nun der Kaufmann wieder nüchtern war, trat er zum König, verneigte sich und sprach: „Oh König aller Zeiten, ich will euch einen Barbier nennen, von dem erzählt wird, er könne Tote wieder lebendig machen. Jedenfalls schafft er es in dem Falle, wenn jemand unter seltsamen Umständen gestorben ist, so wie unser Hofnarr.“

„Lasst mir diesen Wundermann bringen“, befahl der König. Kurze Zeit später traf der Kaufmann mit dem Barbier zusammen bei König ein. Der König betrachtete ihn interessiert. Es war ein alter Mann, bestimmt neunzig Jahre mit gebräunter Haut, weißen Haaren und Augenbraun und einer riesengroßen Nase. Selbstsicher lachte er den König an.

„Mein lieber Barbier, was für eine ungewöhnlich große Nase du hast“, sprach der König und lachte. „Nun, man hat mir ungewöhnliche Dinge über dich berichtet, ungewöhnlichere noch als deine Nase. Wie steht es damit?“

„Oh König“, rief der Barbier nun. „Gestattet mir zunächst die Frage, was es mit den vier Personen, dem Schneider, dem Arzt, dem Koch und dem Kaufmann auf sich hat. Und warum liegt dieser buckelige Zwerg hier auf dem Boden. Ich bin ganz gewiss nicht neugierig, aber die Geschichte interessiert mich schon.“

„Erzähle sie ihm“, befahl der König dem Kammerherrn. „Aber fasse dich kurz.“ Und so berichtete der Kammerherr die ganze Geschichte, die sich zugetragen hatte. Staunend hörte der Barbier zu. Dann beugte er sich zu dem Buckligen hinunter. „Ich werde ihn einmal genauer untersuchen“, sagte er. Aufmerksam schaute er in das Gesicht des Buckligen. Dann begann er, laut zu lachen. Er lachte so laut, dass er auf sein Hinterteil fiel.

„Wahrhaftig“, sagte er dann. „Dieser Tod ist es wert, aufgeschrieben zu werden, mit flüssigem Golde, wie es unser König gesagt hat. Dabei konnte unser König noch überhaupt nicht wissen, was noch so alles geschehen kann.“

Alle Umstehenden schüttelten verwundert den Kopf. „Rede!“, befahl der König. Doch der Barbier redete nicht, sondern sagte nur „Psst“, und begann mit seiner Arbeit.

Er zog eine Dose Creme aus seinem Gürtel und rieb die Schlagadern und den Nacken des Buckligen damit ein. Dann nahm er eine Zange zur Hand, öffnete den Mund des Buckligen, steckte die Zange dort hinein und zog mit einer geschickten Bewegung ein Stückchen Fisch wieder hinaus.

Dann sprach er: „So tot, wie ihr angenommen habt, ist der Tote gar nicht. Ich sage euch nämlich…“ Was er sagen wollte, erfuhren die Umstehenden nicht mehr. Denn der Bucklige schnaufte plötzlich wie ein Nilpferd. Dann öffnete er die Augen, strich mit den Händen durch sein Gesicht und sprang auf seine Füße.

„Allah ist groß“, sagte er. „Beinahe wäre ich an dem Bissen erstickt.“ Und dann blickte er sich erstaunt um, und auch die Anwesenden waren erstaunt. Auch der König blickte verblüfft von einem zum anderen und brach schließlich in ein lautes Lachen aus. Er lachte so laut, dass Tränen über sein Gesicht liefen. Da lachten auch die anderen. Und sie alle bewunderten die Arbeit des Barbiers und freuten sich mit ihm.

Der König erklärte auf`s Neue, dass man die ganze Geschichte mit goldenen Buchstaben aufschreiben und sie im Stadtarchiv sorgfältig aufbewahren sollte. Dann beschenkte er alle Verurteilten, den Schneider, den Arzt, den Koch und den Kaufmann mit wunderschönen Kleidern, den Barbier aber ernannte er zu seinem Leibarzt.

Sein Hofnarr aber wurde sein persönlicher Minister, und er entwickelte sich zu dem besten Minister, den das Land je gesehen hatte. So lebten alle heiter und zufrieden Jahr für Jahr, bis sie von Allah in alle Ewigkeit heimgerufen wurden.

So erzählte Scheherazade und der König lachte und war über die Geschichte höchst zufrieden. Trotzdem war Scheherazade besorgt, der König könne diese Art von Geschichten auf Dauer langweilig finden, und sie überlegte, wie sie eine neue Abwechslung finden konnte. Ihr Blick folgte dem des Königs, und sie sah, wie er zum goldenen Vogelhaus hinüber schaute, das in seinem Gemache stand. Schöne und seltene Vögel waren in diesem Käfig, mit bunten Federn wie ein Feuerwerk.

Da kam ihr eine Idee, und sie lenkte das Gespräch auf die Vögel. Der König sagte, der Mensch sei der Herrscher der Tiere, damit sie ihm dienten und ihn belustigten.

Da wiegte Scheherazade den Kopf hin und her. „Oh König der Zeiten“, sagte sie. „Ich erinnere mich an eine Tiergeschichte, da erzählten sich die Tiere, wie sie den Menschen sehen. Vielleicht ist es gar nicht schlecht, wenn ich ihr davon hört.“ Der König nickte. „Erzähle!“, sprach er.

Und Scheherazade erzählte.

Die Geschichte von den Pfauen, dem Löwen und der Gans

Vor langer Zeit lebte an den Ufern des Meeres ein Pfau. Er liebte es, mit seiner Frau durch den nahe gelegenen Wald spazieren zu gehen. Gemeinsam lauschten sie dem Gesang der Vögel und dem Plätschern der Bächlein. Gemeinsam gingen sie auf Nahrungssuche, und wenn es Abend wurde, verbargen sie sich gemeinsam im Laub eines Baumes. So verging die Zeit.

Eines Tages hatte der Pfau die Idee, einen Ausflug auf die nächstliegende Insel zu unternehmen. Seine Frau war damit einverstanden, und so breiteten beide ihre weiten Flügel aus und flogen zur Insel hinüber.

Hier war es wunderschön. Es gab viele Bäume mit dicken reifen Früchten, dazu breite plätschernde Bäche. Der Pfau und seine Frau waren begeistert von der Insel und beschlossen, hier eine Weile zu verweilen.

Als sie ein paar Tage hier verbracht hatten, beschlossen sie, wieder an ihr Ufer zurück zu kehren. Gerade wollten sie los fliegen, da sahen sie eine Gans auf sich zustürzen. Die Gans war sehr aufgeregt und flatterte ängstlich mit den Flügeln.„Ich brauche Schutz“, rief sie. Da nahmen der Pfau und seine Frau sie herzlich auf. „Sei willkommen bei uns“, sagten sie.

Und als die Gans sich von ihrer Angst erholt hatte, baten die beiden sie, zu erzählen. „Ach, ich bin ganz krank vor Angst“, rief die Gans. „Allah beschütze uns und bewahre uns vor dem Sohne Adams.“ „Beruhige dich, Gans“, erwiderte der Pfau. „Du stehst unter meinem persönlichen Schutz.

„Es ist doch nicht möglich, dass der Sohn Adams auf diese Insel gelangt, oder?“ fragte die Gans ängstlich. „Er kann doch nicht bis hierhin springen, und fliegen kann er auch nicht. Und da er ein schlechter Schwimmer ist, kann er auch die Wassermassen nicht überwinden, oder?“

„Nein, das kann er wahrlich nicht“, erklärte der Pfau. „Darum bist du hier wirklich vor ihm sicher.“ Und die Pfauin erwiderte:“ Meine liebe Schwester, erkläre uns doch, warum du dich so fürchtest.“ Da schüttelte die Gans ihr Gefieder und begann zu erzählen:

Seit meiner Kindheit bewohne ich diese Insel und habe hier ohne Kummer gelebt. Es gab nichts, was meinen Frieden störte. Als ich mich aber in der letzten Nacht zur Ruhe legte, hatte ich einen seltsamen Traum. Mir erschien der Sohn Adams und gleichzeitig rief mir eine Stimme zu:

„Hüte dich, Gans, hüte dich! Misstraue diesem Menschen. Seine Sprache ist freundlich, doch hinterlistig ist sein Handeln. Seine Gerissenheit ist so vollendet, dass er die Bewohner der Gewässer und die Ungeheuer der Tiefe locken und fangen kann.

Er ist in der Lage, den Adler mit einem Pfeil vom Himmel zu holen. So kann er sogar einen Elefanten besiegen, obwohl er eigentlich viel schwächer ist als er. Er ist imstande, ihm die Stoßzähne abzusägen und daraus Werkzeuge zu machen. Darum fliehe vor ihm, gute Gans und pass auf dich auf.“

Ich wachte erschrocken aus meinem Schlaf auf. Dann wartete ich nicht lange, sondern spannte meine Flügel weit aus und flog über das Meer. Ich blieb eine Weile auf dem Felsenvorsprung und überlegte, wo ich hingehen könnte. Gibt es eine Gegend, in der der Sohn Adams nicht hin kommt und wo eine Gans nur ihre natürlichen Feinde zu fürchten hat?

Als ich dort so saß und nachdachte, sah ich mir gegenüber am Eingang einer Höhle einen rothaarigen jungen Löwen. Er sah mich freundlich und gütig an. „Oh, du hübsche kleine Gans“, sprach er. „Komm doch ein wenig näher und sprich mit mir.“ Und weil er so freundlich redete, fasste ich Vertrauen zu ihm.

So kam ich näher. „ Ich sehe, wie du zitterst“, fuhr der Löwe fort. „Was ist denn so Furchtbares geschehen?“ Da erzählte ich ihm von meinem schrecklichen Traum.

Danach war ich sehr erstaunt, als mir der Löwe ebenfalls von einem ähnlichen Traum erzählte, den er von seinem Vater geschildert bekommen hatte. „Mein Vater hat mich eindringlich von dem Sohne Adams gewarnt“, berichtete der Löwe. „Aber da ich bis jetzt noch nie einem begegnet bin, kann ich nichts über ihn sagen.“

Als ich das hörte, sah ich meine Chance gekommen. Wenn ich dem jungen Löwen Mut machen konnte, würden wir den Sohn Adams vielleicht besiegen können. „König der Tiere“, sagte ich. „Du allein bist in der Lage, gegen den Sohn Adams vorzugehen. Gelingt es dir, ihn zu besiegen, wird dein Ruhm unermesslich sein. Alle Geschöpfe der Tierwelt werden dich bewundern.“

Mein Schmeicheln tat ihm gut, und er machte sich tatsächlich auf, nach unserem gemeinsamen Feind zu suchen. Er trat aus seiner Höhle, schritt stolz einher und ließ seinen Schweif kreisen. Daneben sah ich klein und unscheinbar aus. Ich war kaum in der Lage, seinem großen Schritt zu folgen.

Kaum waren wir eine Weile gegangen, sahen wir in der Ferne eine große Staubwolke. Dann erkannten wir einen Esel, der auf uns zu galoppierte. Er benahm sich höchst eigenartig, rannte schnell, hielt dann an und bockte, warf sich anschließend sogar in den Staub und wälzte sich, um dann erneut zu galoppieren.

Mein Freund, der Löwe hatte noch nie seine Höhle verlassen dürfen, darum hatte er noch nie einen Esel gesehen. „Komm doch einmal näher?“ rief er dem Esel zu. Das tat der Esel dann.

Der Löwe betrachtete ihn genauer. „Du scheinst ein Tier mit einem geringen Verstand zu sein“, überlegte der Löwe. „Warum benimmst du dich so eigenartig?“ „Ich versuche, dem Sohn Adams zu entfliehen“, entgegnete der Esel. Da lachte der Löwe.

„Du bist doch ein großes kräftiges Tier. Wie kann es sein, dass du dich vor dem Sohn Adams fürchtest?“„Oh König der Tiere“, entgegnete der Esel. „Du scheinst diese Spezies nicht zu kennen. Es ist noch nicht einmal der Tod, den ich fürchte, sondern ich habe Angst vor seiner Behandlung. Glaub mir, ich weiß, wovon ich spreche. Denke dir, als ich jung und kräftig war, stand ich in seinen Diensten.

Ich musste ein Ding, das er Sattel nannte, auf meinem Rücken tragen. Um meinen Bauch schnürte er ein anderes Ding, das er Gurt nannte, und um meinen Schweif legte er einen Ring. Dann legte er ein Stück Eisen in meinen Mund, das meine Zunge und meinen Gaumen so verletzte, dass sie blutete.

Aber das ist nicht alles. Dann setzte er sich auf mich, nahm eine Peitsche und schlug auf mich ein, dass ich schneller gehen musste, als wir Esel es gewöhnt sind. Ging ich dann doch mal wieder langsamer, weil ich nicht mehr konnte, fluchte er und rief ständige wütende Verwünschungen nach mir.

Und obwohl ich nicht besonders empfindlich bin, begann ich doch zu zittern und bekam es mit der Angst zu tun. Und manchmal ist es auch passiert, dass ich anfing, zu stolpern und hinfiel. Dann aber, das sage ich dir, oh Löwe, kennt seine Wut keine Grenzen. Was er dann tut, kann ich dir weder beschreiben, noch die Worte wiederholen, die er dann benutzt.

Aber das ist noch längst nicht alles. Wenn ich alt bin, verkauft er mich an einen Wasserträger. Dann wird mir ein Holzsattel aufgelegt und mir Krüge und Schläuche aufgelegt, die zu beiden Seiten herab hängen.

Und wenn ich dann unter der Last ächze und stöhne, werde ich noch weiter mit Peitschenhieben bedacht, bis ich schließlich an der schlechten Behandlung und dem mangelhaften Essen elend zugrunde gehe.

Dann aber werde ich den herrenlosen Hunden zum Fraß vorgeworfen. Oh König der Tiere, gibt es unter Allahs Geschöpfen Wesen, die grausamer sind als der Sohn Adams?“

So sprach der Esel und wollte sich dann erneut auf den Weg machen. „Bleibt noch einen Augenblick“, rief ihm der Löwe zu. „Ich möchte dich bitten, mir den Weg zum Sohn Adams zu zeigen.“ Doch der Esel schüttelte seine langen Ohren voller Angst, kehrte uns dann den Rücken und machte sich aus dem Staub.

Doch kaum war der Esel fort, kam eine neue Staubwolke auf uns zu. Bald konnten wir dahinter ein wunderschönes schwarzes Pferd erkennen, das eine große weiße Blesse auf der Stirn hatte. Als das Pferd meinen Freund, den Löwen erblickte, wollte es schnell wieder davon laufen, aber der Löwe sprach es an.

„Wohin willst du denn so schnell laufen, schönes edles Tier? Dahinter beginnt doch die Einöde.“ „Ich bin auf der Flucht vor dem Sohne Adams“, entgegnete das Pferd ängstlich.

Nun war der Löwe vollends verwundert. „Wie ist das möglich?“, fragte er verwundert. „Ein Tier von deiner Größe und Kraft hat so eine Angst? Du bist doch in der Lage, mit einem einzigen Hufschlag zu töten. Trotzdem fürchtest du dich? Schau mich an, junger Freund. Ich bin nicht so groß wie du, trotzdem habe ich meiner liebenswerten Freundin, der Gans, versprochen, den Sohn Adams anzugreifen und zu töten.“

Als das Pferd diese Worte gehört hatte, lächelte es traurig. „Das ist weise und mutig von dir“, sagte es. „Aber glaub nicht, es kommt nur auf Schnelligkeit und Stärke an. Das ist nichts gegen die List des Sohnes Adams. Dagegen bist du machtlos.

Er wollte mich zähmen und hat es auch geschafft. Und als er das geschafft hatte, legte er mir Fesseln an und band mich mit einem Harken an die Wand. Und nicht nur das, ich musste auch einen Sattel tragen, wurde von Gurten eingeengt und bekam ein Stück Stahl in den Mund gelegt, mit dem er mich lenken konnte, wohin er wollte.

Aber das ist nicht alles. Er setzte sich schließlich auf meinen Rücken und mit zwei scharfen Kanten an seinen Füßen trieb er mich an. Und wenn ich mal nicht gehen wollte, stieß er mich damit in die Flanken, bis ich anfiang zu bluten und schließlich losging.

Noch schlimmer aber wird mein Schicksal, wenn ich alt bin und an Schnelligkeit eingebüßt habe und mein Fell keinen Glanz mehr hat. Dann nämlich wird er mich an einen Müller verkaufen, und ich habe Tag und Nacht die Mühle zu drehen.

Und wenn ich dann zusammen breche, weil meine Kräfte erschöpft sind, werde ich an einen Abdecker verkauft. Der wird mich töten, mir die Haut abziehen und an den Gerber weiter verkaufen. Meine Mähne und mein Schweif aber werden an einen Bürstenmacher weiter gegeben.

„Das ist ja schrecklich“, sagte der junge Löwe. „Ich muss die Schöpfung dieser Welt unbedingt von diesem schändlichen Wesen befreien. Sage mir, Pferd, wo kann ich dieses Wesen finden?“ „Ich verließ ihn gegen Mittag“, sagte das Pferd. „Es dürfte nicht lange dauern, dann wird er mich verfolgen.“

Kaum hatte das Pferd diese Worte ausgesprochen, wurde erneut eine Staubwolke sichtbar. Es war eine riesige Staubwolke. Als sie näher kam, erkannten wir ein Kamel, das mit riesigem Geschrei und großen Sprüngen auf uns zukam.

Als der Löwe diese große Staubwolke sah, war er davon überzeugt, dass dieses Wesen nur der Sohn Adams sein konnte. So sprang er mit lautem Gebrüll auf das Kamel zu und wollte es zerfleischen.

Da rief ich so laut ich konnte: „Halt inne, König der Tiere. Dieses Tier ist nicht der Sohn Adams sondern das friedlichste Geschöpf, das wir kennen.“ Da sprang der Löwe rechtzeitig zurück und starrte das Kamel überrascht an. „Ein Kamel bist du?“, fragte er. „Und du hast auch Angst vor dem Sohn Adams? Kannst du ihn nicht mit deinen Füßen zertreten?“

Da sah das Kamel den Löwen lange an. „Oh Sohn des Königs, schaue mich an“, sagte es. „Siehst du, wie meine Nüstern von einem Ring durchbohrt sind? Weißt du, wozu der Ring da ist? Ein Strick wird durch diesen Ring gezogen, und er ist dazu da, mich zu führen und zu leiten.

Der Sohn Adams, ja sogar das kleinste seiner Kinder ist in der Lage, mich nach seinem Willen herum zu zerren, und nicht nur mich, auch die anderen Kamele. Schau dir meinen Rücken an, der ist voll von dicken Schwielen und Blasen. Schwere Lasten schleppe ich seit vielen Jahren.

Und sieh dir auch meine Beine an. Ich habe Knoten an den Gelenken und meine Gelenke sind steif von den vielen langen Wanderungen durch die Wüsten und die steinigen Pfade.

Aber das ist nicht alles. Wenn ich älter werde, nach vielen vielen Jahren Arbeit, werde ich an den Metzger verkauft, meine Haut an den Gerber und mein Haar an die Weber und Seilhersteller.“

So sprach das Kamel. Doch der Löwe entrüstete sich sehr. Er brüllte laut und peitschte mit seinem Schweif die Erde. Dann drehte er sich zu dem Kamel um. „Sage mir, wo ich den Sohn Adams finden kann“, sprach er.

„Oh König der Tiere, er folgte meiner Spur, und so wird es nicht lange dauern, und er wird hier sein. Darum verzeih, aber ich will mich schnell davon machen.“ In aller Eile wünschte er dem Löwen alles Gute und rannte davon.

Kaum war er verschwunden, tauchte ein weißhaariger Mann neben dem Löwen auf. Es war ein kleines Männlein mit einem faltenreichen Gesicht. Auf der Schulter trug er einen Korb mit Werkzeugen, wie sie Tischler verwenden, und auf seinem Kopf transportierte er acht lange Bretter.

Als ich ihn erblickte, bekam ich einen großen Schrecken. Der junge Löwe aber lachte über den Anblick des kleinen Männleins und trat näher, um ihn genauer zu betrachten.

Der Tischler aber verneigte sich vor dem König der Tiere. „Oh mächtiger König! Ich wünsche dir einen guten Tag und bitte Allah, dein Ansehen zu mehren. Wie du siehst, bin ich ein unterdrücktes geknechtetes Geschöpf dieser Erde. Da würde ich mich freuen, wenn du mir helfen könntest.“ Und er seufzte tief.

Der Löwe war sehr gerührt. „Du bist ein freundliches Wesen“, sprach er. „So wohlerzogen und sprachlich so geschickt. Leider bist du nicht mit viel Schönheit ausgestattet. Aber erzähle mir, was ist es, das dich so bedrückt.“

Da erwiderte der Tischler: „Oh König der Tiere, wie du siehst, bin ich Tischler. Und derjenige, der mich bedrückt ist der, den wir als Sohn Adams bezeichnen. Tag für Tag von morgens bis abends zwingt er mich, für sich zu arbeiten. Er bezahlt mich schlecht, so dass ich Hunger leiden muss. So habe ich beschlossen, nicht mehr sein Sklave zu sein und zu fliehen.“

Nun brüllte der Löwe laut: „Wo verdammt noch einmal ist dieser verfluchte Sohn Adams. Ich will ihn zwischen meine Zähne nehmen und zermalmen, damit er gerächt ist.“ „Er wird bald da sein, denn er verfolgt meine Spur“, erwiderte der alte Mann.

„Wo willst du eigentlich mit deinen kleinen unsicheren Hinterfüßen hin?“ fragte der Löwe. Da antwortete der Tischler: „Ich bin auf dem Weg zum Wesir deines Vaters, dem Leoparden. Er bat mich, ihm ein sicheres Haus zu bauen, damit er sich vor dem Sohn Adams verstecken kann.

Denn es hat sich das Gerücht verbreitet, dass er schon bald auch in dieses Gebiet vordringt. Das ist auch der Grund, warum ich mit Holz und Handwerkszeug beladen bin.“

Da wurde der junge Löwe sehr neidisch. „Ich lasse es nicht zu, dass der Wesir dir Aufträge erteilt. Hier bei mir hast du zu bleiben und mir ein Haus zu bauen! Der Wesir soll gefälligst warten.“

Doch der Tischler tat, als habe er das nicht verstanden und wollte weiter gehen, doch der Löwe versperrte ihm den Weg. Da wurde der Tischler sehr unglücklich. „Oh König, lass mich gehen“, rief er. „Ich verspreche dir, ich werde sofort zurückkommen, wenn das Haus des Wesirs fertig ist. Aber ich fürchte mich vor seinem Zorn.“

Doch der Löwe wollte nichts davon hören. Ärgerlich trat er dem Tischler entgegen, und um ihm Angst einzujagen, legte er ihm die große Tatze auf die Brust. Dieser kleine Scherz genügte, den Tischler in Angst und Schrecken zu versetzen. Er warf sich mit all seinen Brettern und Werkzeugen auf die Erde.

Da lachte der Löwe laut. „Du jammervolles Geschöpf“, sagte er. Der Tischler atmete tief durch und bemühte sich, seine Fassung wieder zu erlangen. Dann nahm er seine Bretter und die Werkzeuge und begann mit der Arbeit.

Er nahm Maß und baute dann einen festen Kasten, der nur eine einzige Öffnung aufwies. Dann schlug er von außen einige kräftige Nägel ein, deren Spitzen nach innen standen. Danach fertigte er auch noch einen Deckel für die Öffnung an.

Unter vielen Verbeugungen bat er den Löwen nun, das Haus zu besichtigen. Doch der Löwe war unsicher. „Ich weiß nicht, ob das wirklich etwas taugt“, überlegte er. „Es ist viel zu eng und was soll ich darin?“

Doch der Tischler antwortete: „Schau es dir doch erst einmal genauer an. Es ist sehr gemütlich. Jeder, der schon einmal in so einem Haus gelebt hat, fühlt sich darin wohl.“ So bückte sich der Löwe und kroch in den Kasten. Seine Schwanzspitze aber schaute noch heraus.

„Einen Augenblick noch, König“, sagte der Tischler. „Wir wollen schauen, ob euer Schwanz auch noch Platz in dem Haus hat.“ So rollte er den Schwanz des Löwen ein und schob ihn ebenfalls in das Haus. Dann drückte er, so schnell er konnte, den Deckel hinauf und nagelte ihn mit kräftigen Hammerschlägen fest.

Der Löwe versuchte nun, sich in dem Kasten zu rühren, doch wohin er sich auch wendete, er stieß mit seiner Haut gegen die Spitzen der Nägel. Wütend brüllte er auf: „Was soll das bedeuten? Mach sofort diesen unbequemen Kasten wieder auf.“

Da lachte der Tischler laut und rief: „Oh nein, das hier ist ein ausgezeichneter Kasten. Du dummer Hund der Wüste! Nun hast du mich endlich einmal kennen gelernt, mich, den Sohn Adams, den du hässlich und schwach findest. Aber meine Hässlichkeit und Schwäche besiegen deine Schönheit, deinen Mut und deine Kraft.“

Nach diesen Worten häufte der Tischler Laub und Äste um den Kasten und steckte ihn in Brand. Ich arme Gans aber musste alles mit ansehen. Der Löwe, der herrliche König der Tiere verbrannte. Er brüllte nicht einmal mehr. Bald war von ihm nur noch ein Häufchen Asche übrig.

Der Sohn Adams aber lachte über seine grausame Tat. Allah sei Dank, dass er mich nicht bemerkte. Lange brauchte ich, bis ich mich von meinem Schrecken erholte. Dann erhob ich mich und flog davon.

Als der Pfau und die Pfauin diese Erzählung hörten, sprach die Pfauin: „Meine arme Schwester beruhige dich! Du bist bei uns in Sicherheit. Bleibe bei uns, wir passen auf dich auf, und Allah wird dir den Frieden wieder schenken.“

Die Gans erwiderte jedoch: „Ich danke euch ganz herzlich. Leider habe ich immer noch Angst.“ Doch der Pfau tröstete sie: „Bedenke doch, du bist auf einer Insel mitten im Meer. Hier bist du vor dem Sohn Adams sicher. Er kann nicht springen und nicht schwimmen. Wir Vögel sind zwar nicht so stark, wie der Löwe oder der Elefant, aber unsere Flügel schützen uns besser als die stärksten Zähne. Darum fürchte dich nicht.

Sollte unser Schicksal es aber anders mit uns meinen, können wir es auch nicht ändern. Niemand kann seinem Schicksal entfliehen, das er zugewiesen bekommt. Doch können wir uns immer damit trösten, dass unsere Seele nicht sterben wird, bevor ihr nicht auch etwas Gutes getan wird.“

So sprach der Pfau, und seine Worte waren sehr weise. Noch während alle darüber nachdachten, waren plötzlich Schritte zu hören und die Zweige begannen zu rauschen.

Das verunsicherte die Gans so sehr, dass sie ihre Flügel weit ausbreitete und zum Meer hinüber flog. Dabei rief sie dem Pfau zu: „Rettet euch, bringt euch in Sicherheit!“

Doch die Zweige teilten sich und eine liebliche Gazelle wurde sichtbar. „Komm zurück!“, rief der Pfau nun der Gans zu. „Es ist nur eine Gazelle.“ Und als die Gans zögerte, fügte die Pfauin hinzu: „Es ist wirklich nur eine Gazelle. Ein liebliches freundliches Wesen, das sich von Pflanzen ernährt.“

Da kam die Gans wieder zurück und wiegte sich, als sie des Weges kam, kokett in den Hüften. Die Gazelle blickte von einem zum anderen und sprach: Es ist das erste Mal, das ich auf diese Insel kam, und ich sah nirgends auf der Welt schönere Pflanzen und größere Früchte. So erlaubt mir, euch Gesellschaft zu leisten.“

„Aber gerne, verehrte Gazelle“, erwiderten die drei. „Hier wirst du ein schönes langes Leben finden.“ So lebten sie alle in Frieden miteinander. Die Pfaue und die Gazelle priesen Allah den Schöpfer für dieses schöne Stück Land. Nur die Gans dankte Allah nicht, sie blieb furchtsam und verbittert seit ihrem schlimmen Erlebnis mit dem Löwen.

Auch lebte sie nicht in Freude, wie es die anderen taten, sondern blieb misstrauisch, träge und unleidlich. Dann aber kam die Stunde, in der Allah der Allmächtige sie für ihre Undankbarkeit strafte.

Eines Tages nämlich wurde ein mastloses Schiff vom Sturm an die Insel getrieben. Die Menschen, die sich auf dem Schiff befanden, retteten sich ans Ufer und eilten auf die Tiere, die Pfaue, die Gans und die Gazelle zu.

Schnell flogen der Pfau und seine Frau auf den obersten Wipfel der Bäume, die Gazelle eilte in großen Sätzen davon. Nur die Gans war zu aufgeregt, um zu flüchten. Sie lief mal hierhin und mal dort hin.

So gelang es den Männern, die Gans einzufangen, und sie wetzten das Messer, um sie zu schlachten. „Ach ich Arme“, klagte die Gans. „Da war ich die ganze Zeit über so vorsichtig, doch ich konnte meinem Schicksal nicht entgehen.“

Der Pfau und seine Frau flogen näher, um zu schauen, wie es der Gans ergangen ist, und da sahen sie, dass sie getötet und gerupft wurde. Da flohen sie zu der Gazelle und erzählten ihr alles, und sie waren froh, in Sicherheit zu sein.

Noch oft dachten sie an die Gans. „Die Ärmste“, sagte die Gazelle. „Was hat sie davon gehabt, dass sie immer so verbittert war. Hätte sie Allah gedankt und das Leben gepriesen, hätte sie die Tage, die Allah ihr schenkte, genießen können.“

„So ist es“, sagte der Pfau. „Darum sollten wir für alles Schöne dankbar sein. Überall auf der Welt gibt es Gefahren, aber sie werden nur größer, wenn wir uns fürchten.“ Sie nickten mit ihren Köpfen, und die Pfauin fügte hinzu: „Möge uns Allah vor den Söhnen Adams bewahren, denn sie sind die wahren Geißel der Erde.“

Und sie tranken gemeinsam aus einer kristallklaren Quelle und ihr Kummer verschwand. Sie freuten sich über das herrliche Wasser, den Wald und die wunderschöne Insel und fanden Frieden.

Das erzählte Scheherazade. Der König fand Gefallen an ihren Tierfabeln und wollte mehr davon hören. Da wagte sie nun, eine Geschichte zu erzählen, die geeignet war, das böse Herz eines Herrschers zu erweichen.

Es war die Geschichte von dem Wolf und dem Fuchs. Mit wohl gesetzten Worten begann Scheherazade die Geschichte vom Tod des Tyrannen.

Die Geschichte vom Wolf und vom Fuchs

Jahrelang hatten Wolf und Fuchs gemeinsam in einer Höhle gelebt. Nun aber war der Fuchs die immer wieder kehrenden Wutausbrüche des Wolfes Leid geworden. Er ließ sich auf einem Baumstumpf nieder und dachte über seine Lage nach. Dann endlich hatte er das Gefühl, eine Lösung gefunden zu haben. Er lief zum Wolf und traf ihn, als er vor der Höhle hockte und wieder einmal schlechte Laune verbreitete.

Kaum bemerkte der Fuchs das launische Verhalten des Wolfes, begann er demütig die Erde zu küssen. Mit gesenkten Augen näherte er sich dem Wolf und wartete, bis der ihm erlaubte, zu sprechen.

„Was willst du, du Sohn eines Hundes?“, fuhr ihn der Wolf nach einer Weile mürrisch an. „Oh Gebieter, ich bitte sich, mir die Erlaubnis zu erteilen, dir einen Vorschlag zu machen.“ „Rede!“, erwiderte der Wolf gelangweilt. „Aber fasse dich kurz. Und wenn du mit reden fertig bist, mache dich wieder davon, sonst beiße ich dich!“

Mit demütiger Stimme begann der Fuchs: “Du weißt, mein Gebieter, dass der Sohn Adams schon so lange einen Krieg gegen uns führt. Er kämpft mit Fallen, Schlingen und Angriffen aus dem Hinterhalt gegen uns. Der Wald ist so gefährlich für uns geworden, dass wir kaum mehr darin wohnen können. So hätte ich den Vorschlag zu machen, dass alle Füchse und alle Wölfe miteinander einen Schutzvertrag abschließen sollten. Gemeinsam sollten wir gegen den Sohn Adams vorgehen.“

„Das ist ja nahezu unverschämt, dass du auf meine Hilfe hoffst, du elender Fuchs“, erwiderte der Wolf aufgebracht. „Mit meiner Freundschaft und meinem Bündnis kannst du jedenfalls nicht rechnen.“

Und mit diesen Worten holte der Wolf aus und schlug dem Fuchs die Vorderpfote so hart gegen die Wange, dass er umfiel. Nur mit Mühe richtete er sich wieder auf. Er schluckte seine Wut herunter, lächelte demütig, verbeugte sich und sprach:

“Verzeih, mein Gebieter, dass ich Sklave es wagte, so mit dir zu sprechen. Ich tat Unrecht und sehe ein, dass deine Ohrfeige gerecht ist.“ Diese demütigen Worte beruhigten den Wolf und er sagte: “Gut, die Zukunft soll dich lehren, dich nicht in Dinge zu mischen, die dich nichts angehen.“

„Das ist wahr und richtig“, erwiderte der Fuchs. „Man soll sich nicht um Dinge kümmern, die einen nichts angehen. Und man sollte seine Ratschläge nicht an Leute verschwenden, die sie nicht verstehen.“

Und heimlich dachte der Fuchs bei sich: „Meine Zeit wird kommen. Dieser Wolf wird seine Schuld bezahlen. Dieser eingebildete, hochmütige Gebieter. Ich werde ihm weiterhin Demut vorspielen, bis er in meiner Macht ist.“

Und zum Wolf sprach er: “Allah verzeiht dem Schuldigen, wenn er nur bereut. Ich weiß wohl, dass meine Schuld groß ist, aber ich bereue meine Tat. Auch dein kräftiger Hieb hat mir zwar sehr wehgetan, und hätte mir um ein Haar alle Knochen aus dem Leib geschlagen, aber er war heilsam und hat mich gelehrt: Körperliche Züchtigung ist zwar bitter und schmerzt, aber ihr Nachgeschmack ist wie süßer Honig.“

Und während er das sagte, dachte er noch: „Lass dir bloß weiter Honig ums Maul schmieren! Dir werde ich es heimzahlen.“ Aber er sagte: „Habt Dank, strenger und gerechter Gebieter.“

„Es ist gut, dass du meine Erziehung zu würdigen weißt“, knurrte der Wolf. „Aber nun schere dich an deine Arbeit. Gehe in den Wald und kundschafte ihn aus. Und wenn du ein Wild siehst, komm sofort zurück und melde es mir.“ „Gerne, aber gerne“, beeilte sich der Fuchs zu sagen. Und der Fuchs ging voran in den Wald.

Als er durch den Wald ging und zu einem Weinberg kam, fand er einen Platz, der ihm verdächtig vorkam. Er sah aus wie eine Falle, und der Fuchs hatte ein gutes Gespür dafür. Und er hielt an und überlegte: „Wenn jemand hier entlang kommt und so plump und dumm ist, die Falle nicht zu bemerken, wird er wohl hineinfallen. Und ich kenne da jemanden, der plump und dumm ist.“

Doch der Fuchs wollte sich nicht allein auf sein gutes Gefühl verlassen. Er näherte sich vorsichtig dem verdächtigen Ort und erkannte, dass es sich um eine Grube handelte, die mit Laub überdeckt war.

Als er das sah, freute er sich: „Bei Allah, welch ein schöner Weinberg!“, sagte er zu sich. „Und welch wunderschöne Falle für den, der es versteht, nicht dort hinein zu fallen. Möge es mir gelingen, den Richtigen hinein fallen zu lassen. So haben Fallen am Ende sogar ihr Gutes.“

Schnell kehrte der Fuchs zum Wolf zurück. „Ich bringe gute Nachrichten“, sagte er. „Denn siehe, Allah hat gut für dich gesorgt. Ich sah einen wunderschönen Weinberg mit dicken wohlschmeckenden Trauben. Der Besitzer ist verstorben, von Wölfen in Stücke gerissen, nur noch köstliche Trauben sind zu sehen.“

Der Wolf zweifelte keinen Augenblick an den Worten des Fuchses. Gierig fuhr er den Fuchs an: „Was wartest du noch, elender Sohn einer Warzenkröte. Führe mich sofort dahin.“

Da führte der Fuchs den Wolf zum Weinberg. Und als sie am Eingang angekommen waren, trat er ehrerbietig zurück und ließ dem Wolf den Vortritt. Der rannte in die Richtung, die der Fuchs ihm gezeigt hatte. Dabei achtete er nicht auf den Weg, marschierte über die dünnen Ästchen, die die Grube verbargen und stürzte hinein.

Als der Fuchs das sah, war er von einer großen Freude erfasst. Vor lauter Vergnügen sprang er hoch in die Luft und wälzte sich vor Vergnügen im Gras. Dann aber besann er sich und schaute in die Grube. Hier saß der Wolf gefangen, und vor lauter Trauer über sein Schicksal liefen ihm Tränen die Wangen hinunter.

Da liefen auch dem Fuchs ein paar Tränen hinunter. „Weinst du aus Mitleid, Vater der Klugheit?“ fragte der Wolf. „Aber nein“, entgegnete der Fuchs. „Ich weine darüber, dass du nicht schon eher in die Grube stürztest. Denn bei Allah, mein Leben wäre so schön und friedlich und ohne Heuchelei verlaufen, wenn ich dich schon eher verloren hätte.“

„Was ist das für ein alberner Scherz“, wies ihn der Wolf zurecht. „Ich denke, du giltst als klug und geschickt. So strenge dein Köpfchen an und überlege dir, wie ich hier wieder heraus komme.“

Doch da antwortete ihm der Fuchs: „Bei Allah, du ungeschicktes Nilpferd. Seit Jahren überlege ich mir, wie ich dich in so eine Grube locken kann. Und jetzt soll ich mir den Kopf zerbrechen, wie ich dich dort wieder heraus bekommen soll?

Oh du Sohn des Satans, meinst du, ich habe Spaß daran, mir deine Züchtigungen gefallen zu lassen? Natürlich ist mir nicht daran gelegen, dich auszulachen, aber Mitleid verdienst du nicht. Das verdient nur der, der selbst mitleidig ist.“

Da begann der Wolf jammervoll zu klagen. „Oh, war ich denn wirklich so schlecht zu dir? Ich habe dir doch dein Leben gelassen und zu Fressen hattest du auch immer genug. Was bedeutet dir denn die Freiheit?

Oh weiser Fuchs, jetzt hast du die Macht. Doch denke an Allahs weise Worte, wer die Macht hat und trotzdem verzeiht, dem ist das Himmelreich sicher. Darum flehe ich dich an.“

Doch der Fuchs erwiderte: „Du bist wirklich das dümmste und gemeinste Raubtier unter der Sonne. Seit wann interessierst du dich denn für Allahs Worte? Hast du vergessen, wie wenig du verziehen hast, als du an der Macht warst? Glaubst du, das hätte ich vergessen?

Oh Wolf, du solltest versuchen, dein Schicksal mit Würde zu tragen. Ja, selbst wenn du tobst und schreist bist du mir lieber. Oder wenn du mich beschimpfst, wäre mir das wenigstens an dir bekannt und vertraut. Aber wenn du mich anflehst, zeigst du, dass du ganz unten angekommen bist, ohne Würde, ohne Macht und ohne Mut.“

„Denke von mir, was du willst, großer Fuchs“, jammerte der Wolf. „Aber höre auf zu reden und rette mich. Wirf mir einen Ast herunter, damit ich daran empor klettern kann.“ „Und warum soll ich das tun?“, fragte der Fuchs neugierig.

„Es ist deine Pflicht!“, schrie der Wolf. „Unser Vertrag verlangt von dir Hilfe und Treue.“ „Und du? Hast du dich an Verträge gehalten?“, wollte der Fuchs wissen. Da begann der Wolf laut zu heulen. „Oh lieber Fuchs, du kennst mich gar nicht richtig“, rief er. „Ich war sicherlich manchmal hart zu dir und deines gleichen. Aber ich habe es immer gut gemeint.“

Da lachte der Fuchs und antwortete: „Leider lügst du sehr schlecht, oh Wolf. Und ich verrate dir, wie man lügt, habe ich in deiner harten Schule gelernt. Darum kann ich dir schon verraten, dass du ausgesprochen schlecht lügst.

Dass du es gut mit mir meinst, erinnerst mich an die Geschichte von dem Falken und dem Rebhuhn.“ „Was ist das für eine Geschichte?“, wollte der Wolf wissen. Da erzählte sie der Fuchs ihm.

Die Geschichte vom Falken und vom Rebhuhn

Eines Tages ging ich in einen Weingarten, um dort Trauben zu essen. Als ich dort im Schatten unter den Blättern verweilte, sah ich aus der Luft einen großen Falken heran fliegen. Sein Ziel war ein kleines Rebhuhn.

Als das Rebhuhn den Falken sah, stürzte es auf sein Nest zu und rettete sich da hinein. Der Eingang des Nestes war sehr eng, und so konnte der Falke sich nicht hinein zwängen. Darum rief er dem Rebhuhn zu:

„Warum hast du so große Angst vor mir, kleines Rebhuhn? Ich meine es doch nur gut mit dir. Ich war nur hinter dir her, weil ich Angst um dich hatte. Ich habe nämlich ein paar Körner für dich gesammelt, und wenn du Hunger hast, komm nur heraus und freu dich an dem, was ich dir mitgebracht habe. Dieses Geschenk ist ein Beweis meiner Freundschaft.“

Das Rebhuhn war überrascht über die Freundlichkeit des Falken und kam aus seinem Nest heraus. Doch kaum war es durch den engen Eingang nach draußen gekrochen, stürzte sich der Falke auf das Tier und zerriss es in viele Stücke.

Noch sterbend sprach das Rebhuhn: „Möge Allah mein Fleisch in deinem Magen zu Gift verwandeln.“ Das lachte der Falke nur und verspeiste das Rebhuhn mit Genuss. Danach räkelte er sich genüsslich und legte sich in die Sonne.“

„Ja, so ist das Leben“, entgegnete der Wolf. „Falken sind schlau. Was soll denn an deiner Geschichte Besonderes sein?“ „Warte ab“, entgegnete der Fuchs. „Hör weiter zu. Dass der Falke das Rebhuhn jagt und frisst ist ja nichts Besonderes. Das tun alle Falken. Das Problem ist nur sein Verrat. Er hat das Rebhuhn mit einem falschen Versprechen nach draußen gelockt.

So wurde der Falke zu einem Verräter, der Allahs Missfallen auf sich zog. Vielleicht erhörte Allah die Verwünschungen des Rebhuhns, vielleicht war aber auch das Rebhuhn krank, und die Krankheit hatte sein Fleisch vergiftet. Vielleicht ist es auch möglich, dass der Falke einen kleinen Knochen in den falschen Schlund bekam.

Der Falke jedenfalls verdrehte den Hals, rang nach Atem, fiel plötzlich um und war tot. Da dachte ich mir: „Der Fluch des Rebhuhns hatte eine geheimnisvolle Macht. Und so bekommt der Übeltäter oft, was er verdient, wenn es auch nicht immer so schnell geht, wie bei dem Falken. Bei dir, du schrecklicher Tyrann, dauerte es etwas länger, doch nun bekommst du auch die Strafe, die du verdienst.“

Da heulte der Wolf so laut er konnte. „Bitte, Fuchs, du kennst mich nicht“, rief er. „Ja, ich gebe zu, ich habe dir manchmal Unrecht getan, aber jetzt, wo ich hier in der Grube bin, kann ich sagen, dass es mir Leid tut. Glaube mir, jetzt, wo ich diesen Schicksalsschlag erleide, werde ich mich gewiss ändern. Ich schwöre dir, wenn Allah mich aus dieser Lage befreit, will ich nie wieder schwächere Tiere quälen, sondern mich in die Berge zurück ziehen und nichts weiter tun als Allah zu preisen und meine Taten zu bereuen.“

Dann begann er, zu weinen und zu stöhnen. Schließlich wurde der Fuchs sehr mitleidig, und er beschloss, dem Wolf zu helfen. Er setzte sich an den Rand der Grube, ließ seinen Schweif hinab hängen, damit sich der Wolf daran hinauf ziehen konnte.

Der Wolf aber begriff das nicht. Er stellte sich auf seine Hinterfüße und biss dem Fuchs in den Schweif. Dann zog er daran und zog den Fuchs damit ebenfalls in die Grube. Dabei rief er:

„Oh, du elender Sohn einer Laus, wenn ich schon nicht aus der Grube heraus komme, sollst du wenigstens ebenfalls sterben, und zwar vor mir. Du Elender, der meine Herrschaft missachtete und sich an meinem Unglück erfreute. Ich werde dich jetzt langsam und qualvoll erwürgen, dann dein Blut trinken und dein Fleisch verspeisen, wie es sich für einen Verräter gehört.“

„Wehe“, dachte sich der Fuchs verzweifelt. „Jetzt kommt es auf meine Klugheit an. Nur durch sie kann ich mein Leben retten. Allah wird mir zeigen, ob mein Geist und mein Witz ausreichen, um mich zu retten.“

„Nicht so schnell“, sagte er darum. „Bevor du mich erwürgst, solltest du mich wenigstens anhören. Als ich von deinem Versprechen hörte, dass du ein besseres Leben in der Einöde mit Wurzeln und Früchten leben wolltest, und dein Leben Allah widmen wolltest, war ich doch vom Mitleid ergriffen.

So ließ ich meinen Schweif zu dir herunter. Doch dumm, wie du warst, benutztest du nicht meinen Schweif, um dich zu retten, sondern dachtest nur daran, mir Gewalt anzutun. Nun hast du mich zu dir herunter gezogen und wir sitzen beide hier. Es gibt nun nur einen Weg, uns zu retten, und das ist nur möglich, wenn du dich genau an meine Anordnungen hältst.“

„Was sind das für Anordnungen, Vater der Schlauheit?“, wollte der Wolf wissen. „Richte dich auf deinen Hinterbeinen auf, soweit du kannst und stelle dich dabei an den Rand der Grube“, schlug der Fuchs vor. „Dann will ich af deine Schultern klettern. Wenn ich geschickt bin, kann ich mit einem Satz den Rand der Grube erreichen. Dann werde ich dir einen dicken Ast bringen, an dem du empor klettern kannst. Das ist unsere einzige Möglichkeit.“

Der Wolf war misstrauisch, aber er war bereit alles zu tun, um gerettet zu werden. So richtete er sich auf seinen Hinterbeinen auf. Der Fuchs kletterte auf seine Schultern, trat auf den Schädel des Wolfes und versuchte, den Rand der Grube zu erreichen. Es gelang ihm erst beim dritten Sprung.

Da rief der Wolf: „So, mein Freund, nun vergiss mich in der Not nicht. Bring mir den großen Ast.“ Der Fuchs saß am Rand der Grube und dankte Allah für seine Rettung. Dann rief er zu dem Wolf hinunter: „Ich muss dir leider sagen, dass ich so einen großen Ast nicht finde.“ Und dann fügte er hinzu:

„Ich hoffe, du verstehst! Meine Waffe gegen deine rohe Gewalt ist meine List. Sonst wäre ich deinen schrecklichen Zähnen nicht entgangen. So danke ich dir für deine Dummheit, die mich rettete.

Dich zu retten, sehe ich nicht ein. Beinahe hätte ich mich erweichen lassen, doch da zeigtest du mit deinem Jähzorn dein wahres Gesicht. Da denke ich doch an den Spruch der Weisen: „Das Ende, das die Bösen selbst verschuldet haben, erlöst die Erde.“

„Aber ich werde dich reichlich belohnen, wenn du mich befreist“, schrie der Wolf. Doch der Fuchs winkte ab. „Belohnen willst du mich? Tut mir Leid, aber du erinnerst mich an eine Schlange. Kennst du die Geschichte vom Dank der Schlange?“

„Was ist das für eine Geschichte?“, wollte der Wolf wissen. Und der Fuchs erzählte sie ihm.

Die Geschichte vom Dank der Schlange

Eines Tages entfloh eine Schlange dem Korb ihres Schlangenbeschwörers. Hastig schlängelte sie sich durch die Menschenmenge. „Wohin fliehst du, und warum hast du so große Angst?“, fragte ein Mann. „Ich fliehe vor meinem Gebieter, dem Schlangenbeschwörer. Er will mich wieder einfangen. Darum bitte ich dich, verstecke mich unter deinem Gewand, dann will ich dich auch reichlich für deine Rettung belohnen.“

Der Mann überlegte, und weil er der Schlange helfen wollte, aber auch weil er sich auf die Belohnung freute, nicht zuletzt, weil er wusste, Allah würde es ihm vergelten, versteckte er die Schlange unter seinem Gewand. Als der Schlangenbeschwörer an ihm vorbei gegangen war und seine Schlange nicht fand und darum in der Ferne verschwand, zog er die Schlange aus seinem Versteck hervor.

„Er ist fort, du hast nichts mehr zu befürchten“, sagte er. „Nun bitte ich dich, mir meinen Lohn zu geben.“ „Wir Schlangen haben nur eine Belohnung zu geben“, erwiderte die Schlange. „Sage mir, in welchen Körperteil ich dir mein Gift spritzen soll. Du hast die Wahl, das ist dein Dank.“

Der Mensch war starr vor Entsetzen. Da sagte die Schlange ruhig: „Nun, wenn du dich selbst nicht entscheiden kannst, wähle ich eben für dich.“ Und sie schlug ihre Zähne in seine Brust. Der Mann fiel um und war tot.

Das erzählte der Fuchs, und er blickte hinunter zu dem Wolf, der immer noch in der Grube hockte. Schließlich stand er auf und rief: „So leb denn wohl, du alter Bösewicht. Gebe dir Allah in der rechten Stunde des Todes die Tapferkeit.“

Da brüllte der Wolf laut und böse: „Du erbärmlicher Schwätzer. Wie wagst du es, mit mir zu reden? Weißt du nicht, wer ich bin? Ich bin der Herr der Schrecken, vor meiner Herrschaft erzittert die Erde. Du hast meinen Befehlen zu gehorchen. Tritt vor mich, wenn ich es dir befehle!“

Da lachte der Fuchs leise und sagte: „Du armer Narr. Ich staune, dass du bis zuletzt so wie immer sprichst, und nicht versuchst, eine Maske zu benutzen. Ja, du warst tatsächlich der Herrscher des Schreckens, doch die Zeit ist nun vorbei. Jeder Schrecken hat mal ein Ende und jeder Tyrann muss einmal stürzen. Stärker als der Schrecken ist das Schicksal, das Allah uns schickt. Lebwohl.“

Und mit diesen Worten verließ der Fuchs den Wolf. Er eilte den Hügel hinunter, und als er am Ende angekommen war, begann er sein heiseres Heulen. Da erwachten die Winzer und kamen herbei. Sie blickten in die Falle und fanden den Wolf darin. Dann erhoben sie ihre Schleudern und Stöcke und töteten ihn.

Der Fuchs aber lebte noch lange im Weinberg, ungestört, listig und leise und freute sich an seiner Freiheit.

Als Scheherazade geendet hatte, fand sie, dass sie nun genug Tiergeschichten erzählt hatte. Sie fragte den König, ob es nicht Zeit wäre, mit den Geschichten wieder zu den Menschen zurück zu kehren. Denn die schönste Menschengeschichte, die sie zu erzählen wüsste, wäre die Geschichte aus dem Tagen des großen Kalifen Harun al Raschid. Diese wohl wunderbarste Geschichte der Welt handelte von Sindbad dem Seefahrer. „Sindbad der Seefahrer?“, wunderte sich der König. „Das klingt nicht übel.“ Und er nickte. „Erzähle!“, sprach er.

Und Scheherazade erzählte.

Die Geschichte von Sindbad dem Seefahrer und Sindbad dem Lastträger

In der Zeit des Herrschers Harun al Raschid lebte in Bagdad ein Mann namens Sindbad. Er war ein armer Mann und musste sich als Lastträger sein Geld verdienen. Die Arbeit war schwer, und sehr oft träumte Sindbad davon, reich zu sein und ruhig leben zu können.

Eines Tages, als er wieder einmal eine schwere Last zu tragen hatte und die sengende Sonne erbarmungslos auf ihn hernieder brannte, überkam ihn eine große Müdigkeit. So blieb er stehen, wischte sich den Schweiß von der Stirn und seufzte.

Da sah er, dass er sich vor der Tür eines großen weißen Hauses befand. Vor dieser Pforte stand eine breite Ruhebank. Als Sindbad sie sah, beschloss er, seine Last abzulegen und sich einen Moment auf dieser Bank in Ruhe zu verschnaufen. Er setzte sich seufzend. Dann spürte er, wie aus der Pforte der Duft von Rosen wehte.

Sindband lauschte und hörte nun, wie verschiedene Melodien von Saiteninstrumenten erklangen. Nun hörte er das Gezwitscher von Vögeln. Sindbad liebte Tiere sehr und er unterschied den Gesang der Nachtigall, das Gurren der Turteltaube und den Ruf der Drossel. Und er hörte noch andere Vogelstimmen, die er nicht kannte. So schritt er neugierig näher.

Als er durch das Gitter im Tor blickte, sah er in einen herrlichen Garten. Es gab ungewöhnliche schöne Blumen und Bäume hier. In der Mitte des Gartens befand sich ein Teich, der war voll mit goldenen und silbernen Fischen.

Auch andere Tiere gab es in schönen Käfigen. Die bunten Vögel, die in den Zweigen saßen, sangen ihre Lieder, und auf den breiten Kieswegen schlugen die Pfauen ein Rad. Zwischen all den Tieren und Pflanzen liefen Sklavinnen und Diener herum. Sie lachten und es sah aus, als feierten sie ein Fest.

Als Sindbad das sah, wurde er sehr unglücklich. „Oh Allah!“, rief er. „Warum ist das so? Warum feiern die einen ein Fest und leben im Überfluss, und die anderen arbeiten und leiden und leben im Elend, wie ich.“ Und dann fiel ihm ein Vers ein:

Wenn ich erwache, wartet die Arbeit auf mich.
Und mein Los ist Last.
Wenn der Reiche erwacht, ist alles geschafft.
Und sein Los ist der Spaß.
Die Reichen feiern Feste, die Armen müssen fasten.
Die einen ruhn sich aus, die andern tragen Lasten.

Diese Reime murmelte er immer wieder, und dann fand er eine Melodie dazu und sang sie vor sich hin. Dabei ging er ganz gedankenverloren immer weiter und stand plötzlich am Tor. Da öffnete ein Sklave plötzlich die Pforte und bat ihn, einzutreten. Der Herr des Hauses, so sagte er, wünsche ihn zu sprechen.

Sindbad winkte ab und sagte, das müsse ein Irrtum sein, doch der Sklave bat ihn, ihm zu folgen. Da ging er hinter ihm her. Es erschien ihm alles wie ein Traum. Er durchquerte den Garten, stieg dann die Treppe hinauf und ging durch eine Vorhalle. Schließlich gelangte er in einen festlichen Saal.

Der Saal war mit Blumen geschmückt. In kostbaren Schalen aus glitzerndem Kristall lagen die seltensten Früchte. Kostbare Speisen standen auf dem Tisch. In dieser erlesenen Gesellschaft, die sich hier befand, gab es junge Sklavinnen, die tanzten und musizierten.

Auf einem Platz, der etwas erhöht war, saß ein älterer Mann. Sein Gesicht war voller Falten, seine Haare waren weiß. Würdevoll blickte er auf die Gesellschaft hinunter, dabei lächelte er freundlich.

Sindbad war verwirrt. „Bei Allah“, sagte er sich. „Entweder bin ich hier im Palast des Königs, oder ich bin im Paradies.“ Er grüßte höflich in die Menschenmenge und senkte dann den Kopf, um auf weitere Anweisungen zu warten.

Der Herr des Hauses winkte ihn zu sich und bat ihn, sich zu ihm zu setzen. Dann ließ er ihm ausgesuchte Speisen bringen. „Gelobt sei Allah“, sprach Sindbad. Dann nahm er die Speisen und aß sich satt. Danach wusch er sich die Hände, verbeugte sich und dankte für die Bewirtung.

Da sprach der ältere Mann zu ihm: „Sei willkommen und dein Tag sein gesegnet. Sage mir, wie du heißt und wer du bist.“ „Mein Name ist Sindbad und ich bin Lastträger von Beruf“, entgegnete Sindbad.

„So bist du mir wie ein Bruder, denn auch mein Name ist Sindbad. Allerdings nennt man mich Sindbad den Seefahrer“, erwiderte der Herr. „Immer wenn ich Menschen vor meinem Garten stehen sehe, die ihn bewundern, bitte ich sie, herein zu treten und mein Gast zu sein. Besonders gerne tue ich das, wenn ich sehe, dass den Menschen nicht so viel Glück im Leben geschenkt wurde.

Denn wer in seinem Leben das Glück hat, im Überfluss zu leben, der teile es mit seinen weniger glücklichen Brüdern. Glück zu haben ist eine Gnade und ein Geschenk Allahs, das wir uns immer wieder neu verdienen müssen.

Auch wir müssen wissen, dass uns Allah alles wieder über Nacht nehmen kann, und dass es schon Morgen sein kann, dass wir an anderen Gärten stehen und uns freuen, wenn uns jemand herein bittet.

Dies aber ist ein besonderer Tag, denn weil du den gleichen Namen wie ich trägst, sollen wir besonders daran erinnert werden, dass wir Brüder sind, der eine aber darf sich ausruhen, der andere aber muss die Lasten tragen.“

Sindbad wurde etwas verlegen, und ihm fiel der Vers wieder ein, den er gesungen hatte. Der Herr schien seine Gedanken erraten zu haben. „Man hat mir berichtet, du habest ein kleines Lied vor der Tür gesungen“, sagte er. „Ich möchte dich herzlich bitten, es hier noch einmal zu singen.“

Da entschuldigte sich Sindbad für sein Lied, doch der Herr rief: „Du musst dich nicht entschuldigen, mein Bruder. Du hast doch Recht mit deinem Vers. Er spricht die Wahrheit. Die Reichen müssen an die Armen erinnert werden, damit sie ihnen helfen, ihre Not zu lindern.

Ich sage dir etwas, mein Freund. Wenn du diesen Vers vorträgst, werde ich dir im Gegenzug meine Geschichte erzählen. Dann wirst du erfahren, woher mein Reichtum stammt, und anschließend wirst du sehen, dass ich Mühen und Leiden erleiden musste, bevor ich diesen Wohlstand erreichte.

Ich habe Gefahren erlebt und gefährliche Irrfahrten musste ich überstehen. Sieben Reisen über das Meer machte ich, und an jeder hängt eine Geschichte. In all diesen Zeiten meinte es das Schicksal nicht gerade gut mit mir, weniger noch, als es dir beschieden ist.

Aber glaube fest daran, der Lauf unseres Lebens kann sich ändern, ohne dass wir es ahnen, und dass uns Gutes und Böses widerfahren kann.“

„Du sprichst weise und gütig mit mir“, sagte der Lastträger. „Ich möchte zu gerne deine Geschichte erfahren.“ Und Sindbad der Seefahrer erzählte Sindbad dem Lastträger die Geschichte seiner ersten Reise.

Die erste Reise Sindbad des Seefahrers

Mein Vater, ein reicher Kaufmann, starb, als ich noch klein war. Er hinterließ mir Geld und Gut, und so lebte ich im Wohlstand. Ich aß das beste Essen, ich trank nach Herzenslust und ich trug die schönsten Gewänder.

Ich hatte viele Freunde um mich herum und genoss das Leben in vollen Zügen. Nie hatte ich einen Gedanken an die Zukunft, ich dachte, das Leben würde immer so weiter gehen. So gab ich das Geld mit vollen Händen aus und lebte nur zu meinem eigenen Vergnügen, bis ich eines Tages wie aus einem Rausch erwachte.

Da stellte ich fest, dass ich all mein Geld ausgegeben hatte und mein Leben schal und langweilig geworden war. Aus meiner sorglosen Selbstzufriedenheit waren Unzufriedenheit, Zweifel und Angst geworden.

Ich dachte nach und mir fiel ein alter Spruch von Salomo, dem Sohn Davids wieder ein, den mein Vater oft gesagt hatte: „Es gibt drei Dinge, die besser sind als drei andere Dinge: Der Tag des Todes ist besser als der Tag der Geburt, Mut ist besser als Klagen und das Grab ist besser als die Schwäche. So wage es, dein Leben zu leben und fürchte dich nicht!“

Da verkaufte ich mein ganzes Vermögen, auch meine schönen Kleider, und beschloss, in ferne Länder zu reisen. Ich beschaffte mir alles, was ich für die Reise brauchte und stach mit einer Gesellschaft unternehmenslustiger Kaufleute in See.

Unser Schiff reiste über Bassora bis ins weite Meer hinein. Tag und Nacht segelten wir, vorbei an geheimnisvollen Inseln und bildschönen Küsten. Wo immer wir anhielten, handelten und tauschten wir unsere Waren. Zuerst verdienten wir nicht viel, später dann aber immer mehr. Unsere Waren auf dem Schiff wurden immer mehr. Ein großer Platz mir Waren im Laderaum gehörte mir.

Dann kamen wir an eine Insel, die noch niemand vorher gesehen hatte. Sie sah zunächst aus wie eine Sandbank, doch es wuchsen Gras und Sträucher darauf. Hier warfen wir den Anker und gingen an Land. Einige gingen umher und sahen sich um, andere machten Feuer und kochten, andere badeten. Kurzum, jeder machte das, was ihm gut tat.

Auch ich gehörte zu den Menschen, die ein bisschen über die Insel schlenderten. Plötzlich tönte die Stimme des Kapitäns vom Schiff zu uns herunter. Er schrie, so laut er konnte, und seine Stimme hörte sich schrill und verzweifelt an:

„Heeda, Leute, lauft so schnell ihr könnt zum Schiff zurück! Rettet euch, wenn euch euer Leben lieb ist. Rettet euch auf das Schiff. Die Insel, auf der ihr seid, ist keine Insel, sie ist ein riesiger Fisch. Eure Füße stehen auf dem Rücken eines Fisches.“

„So ein Unsinn“, sagten einige. „Das kann doch gar nicht sein! Hier ist doch Erde und das da vorne sind Sträucher.“ „Ihr täuscht euch!“, schrie der Kapitän. „Der Fisch ist so groß, dass sich Sand auf ihm abgelagert hat. Darauf haben sich sogar Pflanzen gebildet. Jetzt aber habt ihr ein Feuer angemacht, und der Fisch hat die Hitze gespürt. Er hat sich schon bewegt, und jeden Moment kann er in die Tiefe abtauchen.“

Da ließen alle ihre Sachen am Strand zurück, Kessel, Töpfe, Vorräte und Kleider, und rannten zum Schiff. Einige erreichten es mit knapper Müh und Not, andere schafften es nicht. Zu denen, die es nicht mehr schafften, gehörte leider auch ich. Ich war einfach nicht schnell genug.

Die Insel erzitterte und versank mit allem, was auf ihr war, in die Tiefe des Ozeans. Ich ging mit allen, die es nicht geschafft hatten, unter wie ein Stein. Die Wellen schlugen über mir zusammen und ich schlug um mich und kämpfte um mein Leben.

Doch Allah, der Allmächtige bewahrte mich vor dem Ertrinken. Er ließ ein großes Fass vor mir auftauchen. Ich klammerte mich daran, zog mich dann dort hinauf und ritt wie auf einem Pferd auf den hohen Wellen. Dabei benutzte ich meine Beine und Füße wie ein Ruder.

Noch eine Weile konnte ich das Schiff sehen, das sich immer weiter von mir entfernte, bis es schließlich hinter dem Horizont verschwand. Dann machte ich mich auf meinen Tod gefasst. Die Dunkelheit kam. Ich wurde von den Wellen weiter und weiter geworfen, bis ich plötzlich mit samt dem Fass auf eine Insel geschleudert wurde.

Schwach von der langen Reise und zitternd vor Angst klammerte ich mich an einem Ast fest und zog mich an Land. Ich fühlte mich taub und starr von der Verkrampfung und spürte unter meinen Füßen einige Verletzungen, die von Bissen der Fische stammten.

Erschöpft ließ ich mich in den Sand fallen und schlief ein. Mein Schlaf glich einer Ohnmacht, aus der ich erst wieder erwachte, als die Sonne hoch am Himmel stand. Noch liegend sah ich mich um. Es war eine schöne, grüne Insel, auf die ich geraten war. Dicke wunderschöne Bäume neigten sich über den Strand.

Meine Füße fühlten sich dick und geschwollen an, und ich war nicht in der Lage, zu laufen. So musste ich wie ein Tier auf den Knien kriechen. Es entsprangen klare Quellen auf der Insel, und es gab leckere Früchte, auf die ich gierig zu kroch.

Ich aß von den Früchten und trank von dem Wasser, bis ich wieder zu Kräften gekommen war. Irgendwann konnte ich auch wieder aufrecht gehen, wenn ich auch noch mühsam hinkte. Ich machte mich auf, die Insel zu erkunden. Es war eine schöne Insel, und ich freute mich an allem und dankte Allah dafür.

Als ich ein paar Tage später erneut hinkend und mit meinem Stab in der Hand die Insel erkundete, sah ich in der Ferne etwas, das wie ein wildes Tier aussah. Ich ging vorsichtig näher, doch da erkannte ich, dass es eine edle Stute war, die dort stand.

Sie war am Ufer des Meeres festgebunden. Als die Stute mich sah, stieß sie einen Furcht erregenden Schrei aus. Ich bekam es mit der Angst zu tun und flüchtete. Doch da kam ein Mann vor irgendwo hervor und rannte hinter mir her. „Wer bist du, woher kommst du und was machst du an diesem Ort?“, rief er.

Da blieb ich stehen und drehte mich um. „Ach, ich bin in großer Not“, entgegnete ich. „Ich wurde in das Meer gespült und entging nur knapp dem Tode. Allah schickte mir in seiner unendlichen Gnade ein Fass, damit rettete ich mich auf diese Insel.“

Als der Mann das hörte sprach er: „Komm mit mir!“ und führte mich in eine unterirdische Wohnung, die so groß wie ein Haus war. Dann bat er mich, mich nieder zu setzen und brachte mir Essen herbei. Hungrig wie ich war aß ich davon, bis ich nicht mehr konnte.

Der Mann sah mir dabei zu und freute sich, dass ich so einen Hunger hatte. Dann musste ich alles erzählen, was ich erlebt hatte. „Nun musst du auch erzählen, wer du bist und warum du hier unter der Erde wohnst“, wollte ich wissen. „Und warum hast du diese wunderschöne Stute am Strand angebunden?“

Da antwortete er: „Ich bin ein Pferdeknecht des Königs Mihrdaschan. Ich hüte alle Pferde des Königs. Wenn Neumond ist, binden wir die Stuten am Meer an, denn um Mitternacht steigen die schönsten Hengste aus dem Meer.

Sie paaren sich mit den schönen Stuten, wenn sie niemand sieht, und dann ein paar Monate später bekommen sie wunderschöne Fohlen. Sie sind so unglaublich hübsch, wie du sie auf der ganzen Welt nicht gesehen hast.“

Ich war verwundert über diese Geschichte. „Komm mit mir“, sagte der Pferdewirt dann. „Ich bringe dich zum König. Danach zeige ich dir unser Land. Du hast Glück, wir sind hilfsbereite Menschen, wir werden dir helfen, damit du in deine Heimat zurückkommen kannst.“

Ich dankte ihm, und wir saßen noch eine Weile zusammen. Viele andere Pferdewirte kamen dazu, und ich musste meine Geschichte immer wieder erzählen. Dann gaben sie mir eine Stute zum Reiten, und wir ritten landeinwärts, bis wir zur Hauptstadt des Königs Mihrdschan kamen.

Meine Begleiter gingen zum König und erzählten ihm von mir. Er wünschte, mich zu sehen, begrüßte mich herzlich und wünschte mir ein langes Leben. Dann ließ er mich ebenfalls meine Geschichte erzählen. Meine Geschichte gefiel ihm, und er ernannte mich danach zum Wächter über den Hafen und über alle Schiffe, die in dem Hafen einliefen.

Ich brachte es in der Tat zu großem Ansehen. Das Volk hatte Vertrauen zu mir und ich wurde schnell als Vermittler zwischen dem Volk und dem König eingesetzt. So verbrachte ich eine schöne Zeit.

Doch immer wieder dachte ich auch an meine Heimat. Und so oft wenn Seeleute im Hafen einliefen, fragte ich sie nach Bagdad, doch es gab niemanden, der diese Stadt kannte. Das machte mich wirklich unglücklich, denn man wünscht sich nach einem langen Aufenthalt in der Fremde, nach Hause zurück zu kehren.

Aber ich lernte hier in der Fremde auch viel Neues und Sonderbares kennen. Besonders in Erinnerung ist mir die Begegnung mit Indern, die mir von ihrem Land erzählten. Es gibt in Indien, wenn sie mir wirklich die Wahrheit erzählten, verschiedene Kastenwesen, insgesamt wohl zweiundsiebzig. Diese Kasten sind streng voneinander getrennt.

Die vornehmste Kaste nennt sich Schakirijah, und wer ihr angehört, darf niemandem etwas zu Leide tun. Er darf auch nicht zulassen, dass anderen Menschen ein Unrecht geschieht. Diese Kaste kann man wirklich nur loben.

Eine andere Kaste sind die Brahmanen. Sie dürfen keinen Wein trinken. Trotzdem ist es ihnen möglich, fröhlich und heiter, dazu noch weise zu sein. Von den anderen Kasten verstand ich nur wenig. Ich wunderte mich aber ein wenig, dass ein Volk mit diesem Kastendenken so viele kluge und gelehrte Weise und Seher hervor gebracht hat.

Ich sah am Hafen aber nicht nur seltsame Menschen, ich sah auch ungewöhnliche Tiere. Da war zum Beispiel ein riesiger Fisch, fast zweihundert Ellen lang. Vor dem fürchteten die Menschen sich alle. Sie schlugen Holzstücke aneinander, und weil er diesen Krach nicht ertragen konnte, flüchtete er.

Ich sah auch einen Fisch, der ein Schwert am Kopf trug. Auch ungewöhnliche Vögel konnte ich sehen. Ich sah Vögel, die so klein wie Käfer waren, oder andere, die in bunten Farben leuchteten. Es gab so viele seltsame Sachen, dass ich gar nicht alles aufzählen kann. Mit der Zeit hatte ich diese Insel wirklich gut erforscht. Nur die Meereshengste hatte ich nie zu Gesicht bekommen.

Eines Tages stand ich wieder am Hafen, den Stab in der Hand und schaute auf das Meer hinaus, als ein großes Segelboot auf mich zukam. Es rollte die Segel ein, legte an und warf den Landungssteg aus.

Die Mannschaft begann, die Ladung abzuladen. Ich stand am Schiff und schrieb alles gewissenhaft auf. Eine Ware nach der anderen wurde an Land gebracht, und es schien mir wirklich, als wäre dieses Schiff unerschöpflich.

Freundlich fragte ich den Kapitän: „Ist denn immer noch Ware in deinem Schiff? Es scheint ja unerschöpflich zu sein?“ „Oh ja“, entgegnete der Kapitän. „Es sind noch Waren im Schiffsraum. Sie gehören einem Kaufmann, der ertrunken ist. Seine Waren aber bleiben uns anvertraut, und wir wollen sie nun verkaufen, und den Preis, den wir dafür erzielen an seine Angehörigen in Bagdad weiter geben.“

Da wurde ich hellhörig. „Wie war der Name des ertrunkenen Kaufmannes?“, wollte ich wissen. „Er hieß Sindbad“, erwiderte der Kapitän.

Jetzt betrachtete ich den Kapitän aufmerksamer, und ich erkannte ihn wieder. „Oh Kapitän!“, rief ich. „Erkennst du mich nicht? Ich bin Sindbad, der mit euch gefahren ist. Erinnerst du dich, als sich dieser Fisch bewegte und uns alle in die Tiefe riss? Ich ging unter, aber dann fand ich ein Fass und rettete mich auf diese Insel.

Hier bin ich nun Hafenmeister. Der freundliche König Mihrdschan machte mich dazu. Diese Waren in deinem Schiff gehören mir. Ich bin so froh, dich getroffen zu haben, denn ich habe so eine Sehnsucht nach der Stadt Bagdad.“

Da erwiderte der Kapitän: „Bei Allah, es gibt immer wieder Menschen, die haben überhaupt keine Würde.“ „Was soll das heißen?“, fragte ich beunruhigt. „Glaubst du meinen Worten nicht?“ „Natürlich nicht“, erwiderte der Kapitän. „Oder hältst du mich tatsächlich für so dumm? Ich weiß doch genau, kaum erzählt man jemandem von einer kostbaren Ladung, die einem Verstorbenen gehört, kommen gleich ein paar Schwindler und behaupten, sie hätten ein Recht auf das Erbe.

Nein, darauf falle ich nicht herein. Ich erinnere mich zwar nicht mehr an Sindbad, aber ich weiß ganz sicher, dass er ertrunken ist. Und du solltest dich gefälligst besser um deinen Hafen kümmern als um Menschen, die dich nichts angehen.“

Ich war furchtbar wütend und hatte nicht übel Lust, diesem Kapitän meinen Stab über den Kopf zu schlagen. Dann aber riss ich mich zusammen. Der Kapitän des Schiffes war immer ein ehrlicher und zuverlässiger Mann gewesen und auch jetzt hatte er nicht vor, sich meine Waren anzueignen, sondern das Geld, was sie brachten meinen Erben auszuzahlen.

Ich sprach freundlich zu ihm, erzählte ihm alles, was sich damals auf dem Schiff zugetragen hatte. Auch die Gespräche zwischen uns, die ja nur er und ich wissen konnten, erzählte ich ihm. Da musste er einsehen, dass ich die Wahrheit sprach.

Er rief den Steuermann zu sich, ein Mann, der ein gutes Gedächtnis hatte, und der erkannte mich wieder. Und nun kamen auch die anderen Kaufleute herbei geeilt, umarmten mich und hörten immer wieder meine Geschichte.

Dann sah ich mir meine Waren an, auf die sie meinen Namen geschrieben hatten. Es fehlte nichts. Wieder und wieder lobte ich den gewissenhaften Kapitän. Dann suchte ich aus meinen Waren die schönsten und kostbarsten Dinge heraus und legte sie dem König Mihradschan zu Füßen.

Der König freute sich und gab mir zu Ehren an seinem Hof ein großes Fest. Dann verkaufte ich meine Waren und kaufte von dem Geld Waren der Insel ein, die die Inselbewohner hergestellt hatten. Dann ging ich noch einmal zum König und dankte ihm für seine Freundlichkeit.

Er war traurig über den Abschied und schenkte mir einen kostbaren Ring zum Abschied. Den trage ich immer noch an meinem Finger.

Dann segelten wir weiter, Tag und Nacht, und Allah begleitete uns. Wir machten einen kurzen Aufenthalt in Bassore, dann aber ging es endlich zurück nach Bagdad, der Stadt meiner Sehnsucht.

Als ich zu Hause war und meine Verdienste für meine Waren durchrechnete, erkannte ich, dass ich ein reicher Mann war. Ich kaufte ein Haus mit einem Garten und lud alle meine Freunde zu mir ein.

Doch anders als früher verlief mein Leben jetzt viel vernünftiger. Ich verprasste mein Geld nicht mehr, dafür aber lebte ich viel glücklicher und dankte Allah für jeden Tag, den er mir schenkte.

Zu der Zeit wusste ich noch nicht, dass die Zeit der Prüfungen für mich noch nicht vorbei war. Ich war zwar weiser geworden, doch nach einiger Zeit überkam mich das Gefühl großer Selbstzufriedenheit. Dabei vergaß ich meine Todesnot auf dem Meer, und die Zeit in der Fremde, den Fisch und die Insel.

Dies ist die Geschichte meiner ersten Reise. Wenn du Morgen noch mehr hören willst, werde ich dir von meiner zweiten Reise erzählen.

Und Sindbad der Seefahrer lud Sindbad den Lastträger zum Abendessen ein. Dann ließ er ihm hunderte von Geldstücken überreichen und sprach zu ihm: „Wir danken dir für deine gute Gesellschaft.“

Sindbad der Lastträger nahm das Geld dankbar entgegen und kehrte in seine Hütte zurück. Am nächsten Morgen ging er wieder zu dem wunderschönen Garten seines Namensvetters und wurde wieder freundlich empfangen.

Sindbad der Seefahrer wartete, bis sich die Freunde um ihn versammelt hatten. Von draußen waren Vogelstimmen zu hören und die Fische flitzten pfeilschnell durch die Teiche. Sindbad der Seefahrer aber erzählte die Geschichte seiner zweiten Reise.

Die zweite Reise Sindbad des Seefahrers

Zu Hause ging es mir gut. Ich war gesund, hatte viel Geld und war gut angesehen. In meinem schönen Haus gingen meine Freunde ein und aus, und es reihten sich die Tage aneinander, wie Perlen auf einer Schnur. Doch wenn man das eine hat, sehnt man sich nach dem anderen.

Ich jedenfalls bekam immer wieder auch Sehnsucht nach der Ferne. Ich hatte das Gefühl, nicht genug von der Welt gesehen zu haben, und dachte, ich würde etwas versäumen, wenn ich nur noch zu Hause bliebe.

So zog es mich immer wieder zum Meer. Ich nahm meinen Vorrat an Geld und Waren, ging an den Strand und heuerte auf einem Schiff an. Es war ein schönes Segelschiff. Die Mannschaft bestand aus erfahrenen Männern, alles junge Matrosen, die den Ozean liebten.

Mit anderen Kaufleuten zusammen bestieg ich das Schiff. Wir verstauten unsere Waren, dann wurde der Anker gelichtet und wir fuhren davon. Ich freute mich, als mir der Duft von Salz und Meer um die Nase wehte.

Unsere Reise brachte Gewinne. Wir segelten von Hafen zu Hafen, von Insel zu Insel und machten unsere Geschäfte. Wir sahen Länder und Menschen, Meere und Sterne. Die schweren Zeiten der Stürme überstanden wir zusammen und wenn die Sonne schien, standen wir auf dem Deck und sangen unsere Lieder.

Eines Tages kamen wir auf einer Insel an, die wie ein Paradies war. Es gab dort Palmen und Blumen, klares Wasser und zutrauliche Tiere. Die Insel schien unbewohnt zu sein. Wir legten an, gingen an Land und wanderten umher. Die Insel war so schön, dass wir Allah, den Allmächtigen dafür priesen.

Da sah ich einen Vogel, den ich noch nie zuvor gesehen hatte. Ich folgte ihm und entfernte mich dadurch von den anderen. Der Wind wehte sanft und die Blumen dufteten. Mich überkam eine sanfte Müdigkeit. Ich streckte mich aus und schloss die Augen. Im Nu war ich eingeschlafen.

Als ich erwachte, stand die Sonne schon tief. Ich lief zum Strand und musste zu meinem Entsetzen feststellen, dass das Schiff davon gesegelt war. Man hatte mich nicht mitgenommen. Vielleicht hatte man nach mir gesucht und mich nicht gefunden.

Ich rief laut um Hilfe, doch es schien keine Menschenseele zu geben. Das Gefühl von Verlassenheit überkam mich, und mein Herz wurde schwer. Und dann sprach ich zu mir selbst: „Ich habe so etwas schon einmal erlebt. Damals wurde ich durch den Pferdewirt und den freundlichen König gerettet, aber ob es diesmal auch eine Rettung gibt, ist ziemlich unwahrscheinlich.“

Ich machte mir Vorwürfe, dass ich nicht zu Hause geblieben war, sondern meinem Wunsch nach Fernweh nachgegeben hatte. Warum hatte ich mein schönes Leben in Bagdad gegen diese Abenteuer eingetauscht? So unbeständig ist der Mensch in seiner Meinung, wenn er Angst hat.

Schließlich kletterte ich auf einen Baum und blickte in die Ferne. Doch ich sah nichts außer Himmel und Wasser. Dann drehte ich mich um und schaute ins Landesinnere. Hier sah ich etwas Weißes leuchten. Ich stieg vom Baum herunter und machte mich auf den Weg zu diesem Weißen.

Es war eine seltsame Kuppel, die in die Luft ragte. Sie war glatt und glitschig, dass man nicht auf sie steigen konnte, sie hatte aber auch kein Tor, damit man in sie hinein gehen konnte. Und so stand ich stumm da, starrte dieses Ding an und überlegte, wie man wohl hinein geraten kann.

In der Zwischenzeit neigte sich der Tag dem Ende zu. Die Sonne versank und es wurde dunkel um mich. Die Luft erschien mir richtig schwarz und schwer. Erschrocken über so eine große Finsternis blickte ich zum Himmel.

Da sah ich, wie ein riesengroßer Vogel hernieder geflogen kam. Seine riesigen schwarzen Flügel verdeckten alles Licht, das es noch am Himmel gab. Da fiel mir eine Geschichte ein, die mir Pilger und Reisende erzählt hatten, und die ich damals nicht glauben wollte.

Sie erzählten, dass auf einer Insel ein ungeheuer großer Vogel lebte, der Roch hieß. Dieser Vogel fütterte seine Jungen mit Schlangen. Und nun wurde mir schlagartig klar, dass die Kuppel, die ich entdeckt hatte, das Ei dieses Vogels war.

Der Vogel Roch landete auf dieser Kuppel und begann, zu brüten. Dabei hatte er die ganze Kuppel mit seinen Schwingen bedeckt und die Beine nach hinten gelegt. In dieser Stellung schlief er auf dem Ei ein.

Ich betrachtete ihn voller Angst. Dann aber kam mir eine Idee, wie ich mich retten konnte. Diese Rettung war aber gleichzeitig auch eine große Gefahr. Ich nahm meinen Turban vom Kopf, wickelte ihn auf und legte ihn um meine Hüften. Dann band ich mich an einem Bein des Vogels fest.

„Vielleicht bringt er mich in ein bewohntes Land“, dachte ich. „Und selbst wenn er mich in ein Land trägt, in dem Barbaren wohnen, ist es immer noch besser, als auf dieser einsamen Insel zu bleiben. Mit Menschen weiß ich umzugehen, selbst wenn sie schwierig sind, die Einsamkeit aber wird mich umbringen.“

Unruhig erwartete ich den Anbruch des Tages. Dann erwachte die Sonne und stieg vom Meer auf. Der große Vogel breitete seine riesigen Schwingen aus, stieß einen Schrei aus und erhob sich in die Luft. Wie eine winzige Fliege klebte ich am Bein des Vogels und ließ mich mit hinauf in die Luft tragen.

Er flog höher und höher und es schien mir, als flöge er direkt in die rote Sonne hinein. Dann endlich flog er sich wieder der Erde entgegen und ließ sich auf dem Gipfel eines Berges nieder. So schnell ich konnte, band ich mich los. Ich hatte furchtbare Angst vor dem großen Vogel, aber er bemerkte mich nicht.

Ich schleich leise davon. Kaum war ich ein paar Meter von ihm entfernt, sah ich, dass der Vogel mit seinen Klauen im Boden wühlte. Dann zog er eine riesige Schlange hervor. Er nahm sie zwischen seine Krallen. Sie wand sich hin und her, doch sie hatte keine Chance. Der Vogel hielt sie fest und flog mit ihr davon.

Ich stieg auf den Berg und blickte über das weite Tal. Die Sonne schien hell und die Gebirge, die das Tal umschlossen, leuchteten. Ich atmete tief ein und aus, dann machte ich mich an den Abstieg. Das war sehr schwierig und mühsam.Dabei stellte ich fest, dass der Boden aus kostbaren Diamanten bestand.

Im Tal wimmelte es nur so von Schlangen und Reptilien. Ihre Körper waren so groß wie Bäume und mit ihren riesigen Mäulern konnten sie mühelos ein Nilpferd verschlingen. Nachts, wenn es dunkel war, kamen sie aus ihren Höhlen, tagsüber aber waren sie verschwunden.

Ich hatte wahnsinnige Angst vor diesen Ungeheuern und mir war jeder Appetit auf Essen und Trinken vergangen. Unruhig blickte ich mich um und überlegte, wie ich wohl die Nacht verbringen konnte, ohne von diesen Drachen verspeist zu werden.

Schließlich entdeckte ich eine Höhle mit einem niedrigen Eingang. Auf allen Vieren kroch ich hinein, nahm dann einen größeren Stein, der in der Mitte der Höhle lag und verschloss damit den Eingang wieder. „Jetzt bin ich in Sicherheit“, dachte ich.

Doch gerade wollte ich mich übermüdet von der langen Reise auf einen Platz in der Ecke legen, da sah ich in der Dunkelheit eine große Schlange. Sie brütete ihre Eier aus. Ich überlegte, zu fliehen, doch ich wusste nicht, wohin. Schließlich betete ich zu Allah und bat ihn um Schutz für die Nacht. Dann schlief ich ein.

Als ich erwachte, sah ich gerade, wie sich die Schlange über mich beugte und mich mit ihren leblosen Augen anstarrte. So schnell ich konnte, stürzte ich davon. Übermüdet und hungrig und durstig durchwanderte ich das Tal. Plötzlich sah ich zu meinem großen Entsetzen ein blutiges Tier vom Himmel fallen. Nirgends aber sah ich jemanden, der es so zugerichtet hatte.

Und dann fiel mir etwas ein, das so entsetzlich war, dass ich Mühe hatte, zu atmen. Ich war im Diamantental gelandet, das Tal, in dem Drachen leben. Der Vogel Roch und auch andere Pilger und Reisende hatten mir schon davon erzählt. Niemand, so hatten sie gesagt, kommt lebend aus diesem Tal des Schreckens heraus.

Die Diamantensucher aber hatten einen Trick entwickelt, sich in den Besitz von Edelsteinen zu bringen. Sie schlachteten ein Schaf und warfen den blutigen Kadaver ins Tal. An diesem klebrigen Körper klebten nun Diamanten.

Wenn die Sonne hoch am Himmel stand, kamen die Geier und stürzten sich auf die toten Tiere. Sie rissen sie in Stücke und trugen sie an die Stelle, wo sich ihr Host befand. Dann aber kamen die Diamantensucher herbei, vertrieben die Geier und nahmen die Diamanten an sich. Nur so war es möglich, an die Diamanten heran zu kommen.

Während ich darüber nachdachte, fiel erneut ein totes Schaf neben mich. Ich ging an diese Stelle und sah, dass hier tatsächlich Diamanten wie Kiesel herum lagen. Ich bückte mich, nahm sie und füllte mir damit die Taschen voll.

Dann rollte ich meinen Turban aus, legte mich darauf und bedeckte mich dann mit dem toten Fleisch des Schafes, sodass ich ganz darunter verschwand. Ich ekelte mich natürlich unter dem Fleisch, aber es war die einzige Möglichkeit für mich, in die Freiheit zu gelangen. So band ich mich mit meinem Turban an dem Schaf fest.

Kaum hatte ich das gemacht, schoss ein Geier auf mich nieder und riss das Fleisch, an das ich mich gebunden hatte, mit sich fort. Er trug mich damit auf einen Hügel. Kaum war er dort angekommen, begann er mit seinem spitzen Schnabel auf das Fleisch einzuhacken.

Ich hatte große Angst, dass er mich treffen würde. Doch plötzlich, wie erhofft, ertönte über mir lautes Lärmen und schreiende Stimmen von Menschen. Der Vogel erhob sich, so schnell er konnte und floh.

Ich warf das Fleisch von mir. Mein Körper war über und über mit Blut besudelt. Jetzt sah ich den Mann, der versucht hatte, den Geier zu vertreiben, vor mir stehen, und er sah mich auch. Das war ein furchtbarer Schock für ihn. Doch so erschrocken er auch war, er drehte doch auch das Stück Fleisch hin und her und durchsuchte es nach Edelsteinen.

„Oh nein, kein einziges Steinchen ist an meinem Fleisch zu finden“, rief er. „Stattdessen klebt ein Mann an meinem Hammel. Aber was soll ich mit einem Menschen? Menschen gibt es genug auf der Welt.“

Er trat dichter auf mich zu und betrachtete mich angewidert. „Du Hammel von Mensch, was soll ich mit dir“, rief er. „Ich brauche Steine, keine Unholde. Und du bist wahrscheinlich ein Geist oder ein Fleisch fressender Dämon oder ein Räuber, der mich erschlagen wird.“

Da wischte ich mir das Blut von Gesicht und sagte: „Hab keine Angst, ich bin kein Räuber und kein Geist, ich bin Mensch und sogar Kaufmann, wie du, allerdings nicht so gierig wie du. Aber auch deine Gier kann ich stillen. Ich habe nämlich eine Menge Diamanten bei mir, und wenn du magst, kann ich dir gerne einige davon abgeben.

Obwohl ich dich, das muss ich sagen, sehr unhöflich mir gegenüber erlebt habe. Ich habe das Gefühl, dass du selbst einen Diamanten an der Stelle trägst, wo andere Menschen ihr Herz haben.“

Da lachte er und verneigte sich. „Entschuldige mein Freund“, sagte er. „Friede sei mit dir. Gepriesen sei auch Allah. Ich bin kein herzloser Mensch, in bin ein Geschäftsmann. Und dass ich ein bisschen durcheinander bin, darfst du mir nicht verdenken. Es ist schon seltsam, wenn ein Mensch an einem Hammel klebend aus dem Diamantental heraus kommt, das noch nie jemand lebendig verlassen konnte.

Darum verzeih mir mein Freund. Glaub mir, meine Freundschaft und Hilfsbereitschaft sind dir sicher, denn ich bin nicht gierig, sondern ein hilfsbereiter Mensch. Und nun sage mir, wie viele Diamanten du bei dir hast.“

Nun kamen auch die anderen Menschen herbei gelaufen. Kaufleute und Diamantenjäger gehörten dazu. Ich musste ihnen von meinem Abenteuer erzählen und sie konnten nicht genug bekommen, mir zuzuhören.

Der Kaufmann aber, mit dessen Hammel ich mich gerettet hatte, bekam einige schöne Diamanten von mir und er war glücklich darüber. Dann zogen wir weiter durch die Täler. Ich sah wunderschöne Kirchen und Basiliken, aber auch Riesenelefanten und Einhörner, Tiere, die eigentlich zur Urzeit gehörten.

Manches Erlebnis hatten wir, manches Abenteuer gab es zu bestehen, doch nichts ist vergleichbar für mich mit dem Abenteuer in dem Diamantental.

Dann endlich erreichten wir Bassora. Ich verabschiedete mich von meinen Reisegefährten und kehrte nach Bagdad zurück, reich an Diamanten und reich an Erlebnissen.

Dies ist die Geschichte meiner zweiten Reise, und wenn Allah will, werde ich dir morgen von meiner dritten Reise erzählen.

Sindbad der Lastträger und alle, die sich um ihn versammelt hatten staunten sehr über diese Geschichten. Dann aßen sie zusammen. Der Hausherr befahl den anderen, Sindbad dem Lastträger hundert Dinare zu geben, wünschte ihm alles Gute und ließ ihn seiner Wege gehen.

Am nächsten Morgen, als die Sonne aufging, sprach Sindbad der Lastträger sein Morgengebet. Dann begab er sich erneut zum Haus von Sindbad dem Seefahrer. Der Herr hieß ihn willkommen und sie frühstückten zusammen. Als auch die anderen Gäste erschienen waren, lehnte sich Sindbad der Seefahrer auf seinem Stuhl zurück.

„Liebe Brüder“, sagte er. „Höret nun die Geschichte von meiner dritten Reise, der Reise Sindbad des Seefahrers.“

Die dritte Reise Sindbad des Seefahrers

Nach meiner zweiten Reise ging es mir wie nach der ersten. Die Tage gingen dahin und ich feierte viele Feste. Dann aber bekam ich wieder Fernweh. Ich merkte es daran, dass ich durch den Garten ging, die Vögel anschaute und dabei dachte: „Ich sah im fremden Land viel schönere Vögel.“ Dann sah ich die Echsen an und dachte bei mir: „Viel schönere Tiere sah ich im Diamantental.“ Und wenn ich in meinen Fischteich mit den roten Fischen schaute, sprach ich bei mir: „Im Meer vor den Klippen der Inseln gab es buntere Fische.“

In Bagdad blühten die Rosen und dufteten herrlich, doch ich dachte an den Duft der Wälder weit hinter dem Meer. Die Gesichter, die ich täglich sah, langweilten mich, und die Speisen, die es zu essen gab, schmeckten mir nicht mehr. So verändert sich das Herz des Menschen.

Das aber, liebe Brüder, war nicht allein der Grund dafür, dass ich ein weiteres Mal auf Reisen ging. Mich lockte auch, das muss ich offen zugeben, die Gier nach Gold und Edelsteinen. Mich hatte der Wunsch gepackt, reicher und reicher zu werden, um noch schönere und prunkvollere Feste geben zu können. Denn leider, meine Brüder, ist das Herz des Menschen schwach.

Und auch das, meine Freunde, ist nicht der einzige Grund. Ich war auch meine Erzählungen leid. Immer wieder nur hatte ich meinen Freunden dieselben Geschichten zu erzählen, und sie kannten sie alle schon. Ich wollte Neues erleben, mit dem ich meine Freunde beeindrucken und damit angeben konnte.

Dabei vergaß ich, dass Allah vor seine Rettung die Prüfung setzt, und dass man, bevor man mit einer Geschichte angeben kann Hartes erdulden muss. Das alles vergaß ich aus Eitelkeit und Leichtsinn, denn der Mensch ist eher eitel als klug.

So fuhr ich ein drittes Mal bei gutem Wind auf einem großen Schiff los. Wir fuhren von Küste zu Küste, kauften und verkauften und handelten mit unseren Waren.

Es kam wie es kommen musste. Wir gerieten in einen heftigen Sturm, der Wind brauste auf und die Wellen klatschten über Bord. Plötzlich starrte der Kapitän, ein kräftiger Mann, in die Ferne. Dann schrie er aus Leibeskräften: „Rafft die Segel, so schnell ihr könnt und werft den Anker aus.“ Und er raufte sich verzweifelt die Haare und den Bart.

Die Matrosen gehorchten ihm so schnell sie konnten. Vor uns tauchte im Nebel eine Insel auf. „Kapitän?“, fragten wir ihn nun. „Was ist geschehen?“ „O schreckliches Schicksal“, rief der Kapitän. „Der Wind treibt uns den Bergen der Zuhb entgegen. Die Zuhb sind ein haariges Volk, die wie Affen aussehen. Niemand ist bei ihnen bis jetzt mit dem Leben davon gekommen. Darum sage ich euch, wir werden alle sterben.“

Kaum hatte der Kapitän seinen Satz zu Ende gesprochen, kamen auch schon von allen Seiten Kanus auf unser Schiff zugefahren und die Affenmenschen fielen auf das Schiff ein. Diese Geschöpfe sahen wirklich schrecklich aus. Sie waren klein und kräftig, und ihr Körper war über und über mit schwarzem Fell bedeckt. Ihre Gesichter waren ebenfalls schwarz. Aus ihnen blitzten gelbe Augen hervor. Über ihre seltsame Sprache konnte niemand etwas sagen.

Wir beschlossen, nicht gegen sie zu kämpfen, denn sie waren in der Überzahl. Wenn wir angefangen hätten, die ersten von ihnen zu töten, hätten sie uns im Nu nieder gemacht. So standen wir da, die einen zitternd vor Angst, die anderen zitternd vor Wut, die dritten freundlich und bereit, mit ihnen zu verhandeln.

In großen Scharen belagerten sie unser Schiff, bissen oder schnitten die Seile durch und ließen das Schiff an die Küste treiben. Dann kamen sie schnatternd wie die Affen auf uns zu und trieben uns vom Schiff.

Allerdings verzichteten sie darauf, ihre Waffen gegen uns einzusetzen. Warum, konnten wir auch nicht sagen. Vielleicht erschienen wir ihnen zu groß, vielleicht waren sie aber auch im Grunde friedliche Wesen, es kann aber auch sein, dass sie es auf die Schätze auf dem Schiff abgesehen hatten.

Schnatternd und schreiend belagerten sie das Schiff und sorgten dafür, dass es ins Meer hinein fuhr, obwohl sie gar nicht in der Lage waren, es zu steuern. So trieben wir im Nebel dahin, bis wir erneut an einer Insel ankamen.

Nun stiegen wir aus und machten uns auf den Weg über die Insel. Wir wanderten und wanderten, aßen nebenbei köstliche Früchte und tranken aus klaren Quellen. So wanderten wir weiter, bis wir an einer Burg ankamen, die von einem Wall umringt war. In der Wallmauer befand sich ein großes Tor. Es war geöffnet.

Wir gingen in die Burg hinein und gelangten in einen großen kahlen Raum. An der einen Wand dort befand sich eine lange Bank. Ein Feuer war gezündet, und über ihm brutzelten zwei Bratspieße. Wir ließen uns alle dort nieder, und weil wir müde waren, schliefen wir schnell ein.

Als die Erde unter uns plötzlich erzitterte, erwachten wir erschrocken. Von den Zinnen der Burg aus kam uns ein großes behaartes Wesen entgegen. Es war groß wie ein Baum, dicht behaart und hatte lange Arme und Beine. Sein Maul war groß wie ein Brunnenloch.

Wir zitterten vor Angst. Der Riese starrte uns verwundert an, trampelte dann in den Raum und setzte sich auf die Bank. Dann starrte er uns an. Mit seiner riesigen Hand griff er in unsere Mitte, schubste den einen an die eine, den anderen an die andere Seite, als suche er einen bestimmten. Es kam wie es kommen sollte. Er griff mich an den Arm und hob mich auf.

„Warum ausgerechnet ich!“, dachte ich verzweifelt. „Allah, bitte hilf mir. Oh, warum musste ich denn auch auf diese Reise gehen.“ Er hob mich zu sich hinauf, schaute mich genau an und betastete mich wie ein Schlachter ein Schaf. Nun, durch den langen Marsch war ich dünn und mager geworden, und das schien ihm nicht zu gefallen. Er setzte mich wieder auf den Boden und ergriff einen anderen, den er ebenfalls betastete. Aber auch der schien ihm nicht zu gefallen, denn er wurde ebenfalls zurückgesetzt.

Jetzt betastete er einen nach dem anderen, bis er schließlich beim Kapitän angekommen war. Unser Kapitän war ein kräftiger, dicker, breitschultriger Mann. Er schien dem Riesen zu gefallen. Mit einem geübten Griff tötete der Riese den Kapitän und aß ihn wie ein Hühnchen auf. Der Schiffsjunge sank vor meinen Augen in Ohnmacht.

Nach diesem Mahl blieb der Riese eine Zeitlang bei uns sitzen und betrachtete uns nachdenklich. „Bei Allah, er ist noch nicht satt“, flüsterte der Matrose neben mir. Aber der Riese entschied sich anders. Er legte sich der Länge nach auf den Boden, rollte sich zusammen und schlief ein. Dabei schnarchte er wie ein schnaubendes Pferd. Als der Morgen kam, erwachte er, stand auf und ging seiner Wege. Die Tür schlug er fest hinter sich zu.

Dann sprachen wir miteinander. „Oh wäre wir doch nur im Meer ertrunken“, jammerten wir. „So ein Tod ist heldenhafter, als von diesem Affen wie ein Hühnchen verspeist zu werden. Was für ein schrecklicher Tod!“ Und wir beteten und flehten um Hilfe. Nur der Schiffsjunge sagte kühn: „Ich bin froh, dass ich klein und zierlich bin. Da bin ich wenigstens als letzter dran.“

Doch der Steuermann sagte zu ihm: „Das kannst du leider nicht voraussagen, die Dummkopf. Vielleicht will er ja nur eine kleine Vorspeise essen.“ So beschlossen wir, zusammen zu halten und suchten nach einem Ausgang der Burg. Wir fanden tatsächlich einen, gelangten nach draußen und liefen über die Insel. Wir aßen Beeren und Früchte, tranken Wasser und hielten uns versteckt. Doch als die Sonne unter ging, erbebte die Erde neben uns und der Riese stand wieder da.

Er bückte sich und fing uns alle ein, wie jemand, der ein Kaninchen einfängt. Wir waren machtlos gegen ihn, zu langsam und zu unbeholfen. Er steckte uns alle in einen Sack und trug uns davon.

In diesem Sack war es schrecklich. Wir lagen alle durcheinander und aufeinander, und niemand wusste, wessen Beine und wessen Arme es waren. Ich hatte Glück. Ich lag weit oben und auf mir nur noch der Schiffsjunge.

In der Burg öffnete der Riese den Sack und nahm einen nach dem anderen von uns heraus. Wieder betastete er uns alle und wählte sich einen Kaufmann, der einen dicken Bauch und dicke Beine hatte. Er tötete ihn, briet ihn und aß ihn auf. Dann legte er sich wieder in die Ecke und schlief ein. Dabei schnarchte er, wie ein Nilpferd. Als der Morgen kam, erhob er sich und ging davon.

Erneut berieten wir uns. „Es ist zwecklos, zu fliehen“, sagten wir uns. „Soweit wir auch laufen, er holt uns mit ein paar Schritten wieder ein. Auf dieser Insel gibt es auch zu wenige Gelegenheiten, sich zu verstecken. So bleibt uns nur eine Möglichkeit, wir müssen den Riesen töten, wenn er schläft.“

„Aber was können wir gegen ihn aufbringen“, sagten die anderen. „Unsere schärfste Waffe ist für ihn wie ein Grashalm.“ „Ich hätte noch eine andere Idee“, schlug ich vor. „Lasst uns ein Floß aus diesem Feuerholz bauen und damit fliehen. Vielleicht hilft uns Allah, von dieser schrecklichen Insel zu entkommen.“

Und die anderen entgegneten: „Du hast schon Recht, Sindbad, so müsste die Flucht möglich sein. Aber sie wird uns nur gelingen, wenn wir den Riesen loswerden können.“ Sa fiel mein Blick auf die beiden Bratenspieße hinter mir und ich sagte: „Freunde, ich habe eine Idee. Vielleicht können wir versuchen, diese Spieße in seine Augen zu stechen. Ich weiß, es ist eine grausame Tat, doch wir haben keine andere Wahl, wenn wir unser Leben retten wollen.“

„Schrecklich oder nicht. Wir haben doch kein Mitleid mit dem Riesen, der unsere Freunde und Kollegen gefressen hat“, entgegnete der Steuermann. „Auch heute Abend wird er wieder einen von uns fressen. Vielleicht bin sogar ich an der Reihe. Vielleicht aber auch du, mein Freund Sindbad, oder der Schiffsjunge. Darum sollten wir Sindbads Plan in die Tat umsetzen. Es gibt keinen besseren. Lasst uns Allah bitten, uns beizustehen. “

Wir trugen Bretter zum Strand und bauten ein Floß. Als die Sonne im Meer versank, waren wir fertig. Wir sprangen auf das Floß und wollten so schnell wir konnten abstoßen, doch da erschien der Riese neben uns. Mit einem Griff packte er uns alle, trug uns in die Burg, fraß einen von uns, einen Reisenden aus Bassora, legte sich hin und schnarchte, wie ein trompetender Elefant.

Schnell nahmen wir die Bratspieße, schlichen auf den schlafenden Riesen zu, kletterten auf die Bank und stießen zu. Der Riese brüllte, und wir hatten das Gefühl, die Erde würde beben. Er versuchte, uns zu packen, aber wir wichen aus und rannten voller Panik davon.

Der Riese tastete sich zur Tür und lief brüllend in die Nacht hinaus. Wir stürzten zum Floß und hofften, der Riese würde uns nicht finden. Gerade waren wir dort hinauf geklettert, tauchte der Riese nicht weit von uns entfernt auf. Aber er war nicht allein. Links und rechts von ihm waren zwei weitere Riesen erschienen.

Wir lösten die Taue und stießen ab. Zu unserem Glück schleuderte uns eine Riesenwoge ins offene Meer, gerade als die drei Riesen den Strand erreichten. Als sie sahen, dass wir flohen, warfen sie große Felsblöcke hinter uns her. Die Felsblöcke fielen neben uns ins Wasser und sorgten dafür, dass das Floß hin und her geschleudert wurde.

Wir ruderten, so schnell wir konnten. Ein Felsbrocken traf das Floß. Einige von uns wurden erschlagen, andere fielen ins Meer, wo sie den Haien zum Opfer fielen. Immer mehr Felsbrocken kamen vom Strand aus geflogen. Viele von uns kamen bei dem Steinhagel ums Leben.

Wir anderen ruderten aus Leibeskräften. Und als wir schließlich von einem Sturm ergriffen hin und her geschleudert wurden und auf dem Strand einer Insel strandeten, waren nur noch drei Menschen übrig: ein junger Matrose, ein älterer Reisender und ich. Auf dem Strand liegend, fühlten wir uns mehr tot als lebendig.

Endlich konnten wir uns erheben und wir machten uns auf, die Insel zu erkunden. Es gab Bäume mit wundervollen Früchten, Vögeln, Schildkröten, Wasser und Blumen im Überfluss. Wir aßen uns an den Früchten satt und waren froh über unsere wundervolle Rettung. Ruhig legten wir uns schlafen.

Dann aber wurden wir von einem Zischen geweckt, das wie das Pfeifen eines Windes schien. Vor unseren Augen war eine Schlange aufgetaucht. Sie war groß wie ein Drachen und hatte mit ihrem Körper einen Kreis um uns herum gelegt.

Ihr Gesicht kam ganz dicht an den jungen Matrosen heran. Dann packte sie ihn plötzlich und verschlang ihn mit einem Biss. Danach kroch sie wieder davon. Nun waren wir nur noch zu zweit und wir waren sehr verzweifelt.

„Immer wenn man glaubt, der einen Todesart entkommen zu sein, erwartet einen eine neue, die noch viel schauriger ist als die erste“, sagte ich. „Denn es ist doch fast schlimmer, wenn man von einer Schlange gefressen wird, als wenn man von einem Riesen zertreten wird.“

Da erwiderte der ältere Reisende: „Oh Freund, der Tod hat immer zwei Seiten. Es ist schlimm, zu sterben, aber man wird ja auch von allen Plagen auf Erden befreit und die Seele steigt ins Paradies empor. Ob man von Haien gefressen, von Steinen erschlagen, von Riesen zertreten oder von Schlangen verspeist wird, ich werde dem Tod ins Auge sehen. Ich bin bereit für meine letzte Reise.“

Es war wohl weise, was er sagte, und man konnte sehen, dass er sich nicht mehr fürchtete. Ich aber flehte zu Allah und bat um mein Leben. Mein Gefährte und ich kletterten auf einen Baum, um uns vor der Schlange in Sicherheit zu bringen, doch sie kletterte hinter uns her, ergriff meinen Gefährten und verschlang ihn. Dann glitt sie davon.

Als die Sonne schien, stieg ich vom Baum herunter. Ich war vor Angst wie gelähmt und wusste nicht, was ich machen sollte. Zuerst überlegte ich, mich ins Meer zu werfen, aber ich konnte mich nicht dazu überwinden. Das Leben war einfach zu schön.

So nahm ich verschiedene Holzbalken, band mir eins quer unter die Füße, ein anderes links und rechts über die Brust, das Breiteste aber legte ich über meinen Kopf. So legte ich mich auf den Rücken, die Balken umschützten mich nun wie einen Holzsarg.

Als der Tag zu Ende ging, kroch die Schlange aus ihrem Versteck auf mich zu und versuchte, mich zu verschlingen. Es gelang ihr aber nicht. Die Holzbalken waren breiter als ihr Rachen. Sie ringelte sich zischend um mich herum und versuchte von allen Seiten, an mich heran zu kommen, aber es gelang ihr nicht.

So wartete sie neben mir, bis die Sonne wieder hervor kam. Dann machte sie sich fauchend und wütend davon. Ich löste die Balken von mir und streckte mich. Ich war müde und steif von der ungemütlichen Nacht. Müde ging ich hinunter zum Strand und starrte auf das Meer hinaus. Dabei glaubte ich, meinen Augen nicht zu trauen. In der Ferne tauchte ein Schiff auf.

Ich riss einen großen Zweig ab und begann, zu winken, und das Segelboot nahm tatsächlich Kurs auf mich. Mit einem kleinen Boot holten sie mich von der Insel ab und brachten mich in ihr Segelboot. Ich erzählte allen meine schreckliche Geschichte, und man gab mir zu essen und zu trinken.

Ich brauchte drei Tage, bis ich mich von meinem Schrecken erholt hatte. Dann dankte ich Allah dem Allerhöchsten für seine wundervolle Rettung. Doch nach drei Tagen erschien mir das alles nur noch wie ein böser Albtraum.

Wir segelten weiter und erreichten die Insel Aes-Salahitah. Sie ist wunderschön und reich an Sandelholz. Alle Kaufleute gingen mit ihren Waren an Land, doch ich blieb im Schiff sitzen. „Was ist mit dir?“, fragte mich der Kapitän. „Warum gehst du nicht an Land und schaust dich um.“

„Ich habe keine Lust mehr auf irgendwelche Abenteuer“, erwiderte ich. „Ich möchte viel lieber eine Weile lang meine Ruhe haben. Ich habe auch überhaupt keine Waren mehr, außer eben mein nacktes Leben, und dafür bin ich Allah dankbar.“

„Du hast zwar keine Waren, aber du besitzt zwei interessante Ringe“, sagte der Kapitän. „Davon scheint mir der eine besonders kostbar zu sein.“ Ich betrachtete meine Ringe. Der eine war der Ring des Königs Mihrdschan, der andere bestand aus zwei Schlangen, deren Augen aus zwei Rubinen bestanden.

Ich fand die Idee des Kapitäns gut und ging vom Schiff. Im Hafen zeigte ich zunächst den Ring des Königs, weil er mir wertvoller erschien, aber ein Reisender griff nach dem Schlangenring.

„Diesen Ring hätte ich gerne“, sagte er. „Er erinnert mich an ein Tal, in dem ich schon einmal war, und in dem es solche Schlangen gab.“ Ich fragte ihn, welches Tal er meine, und er sagte, es sei das Diamantental. Nun sah ich mir den Mann genauer an und erkannte in ihm den Kaufmann, der mich durch seinen toten Hammel gerettet hatte und dem ich viele meiner Steine geschenkt hatte.

„Oh Vater des Hammels, erkennst du mich?“, fragte ich. „Du sagtest damals, mein Herz sei aus Diamanten“, erinnerte sich der Mann. Da lachten und umarmten wir uns. Und da ich nun in Not war, er aber im Überfluss lebte, gab er mir von seinen Steinen ab. Ich schenkte ihm dafür den Ring. So blieb mir der Ring des Königs erhalten, von dem anderen aber wurde ich reich. Ich kaufte und verkaufte meine Dinge in vielen Häfen, und so wurde ich wieder so reich wie früher.

Ich erlebte auf dieser Reise noch so manches Wunderbare. Ich sah einen riesigen Fisch, der bekam Junge wie ein Mensch und säugte sie wie eine Elefantenmutter ihre Kinder. Ich sah auch ein Tier im Meer, das glich einer Kuh. Es konnte im Wasser und auf dem Land leben. Dann sah ich Fische, die auf Bäume klettern konnten. Und eine Schildkröte sah ich, die zwanzig Ellen breit war. Auf ihrem riesigen Panzer hatte sie silberne Sterne.

Es gab auch ein Tier, das einer Robbe glich, aber einen Kopf wie eine Schlange hatte. Und in der Tiefe des Meeres sah ich Fische, die leuchteten wie Laternen. In all diesen Ländern machte ich gute Geschäfte, und so kehrte ich als reicher Mann nach Bassora zurück. Hier blieb ich einige Tage, bis ich dann nach Bagdad, meiner Heimat, zurückkehrte.

Hier gab ich wieder viele Feste, half den Armen mit Geschenken und Spenden und verhielt mich allen gegenüber großzügig. Und irgendwann hatte ich auch die Schrecken vergessen, die ich erlebt hatte. Ich hatte das Gefühl, das alles nur erlebt zu haben, um davon erzählen zu können und um mich im Ruhm des Weitgereisten sonnen zu können.

Ach Freunde, so ist das mit dem Gedächtnis. Es ist nur kurz, und schnell sind die finsteren Stunden vergessen, in denen man Allah anflehte und ihm Dank schuldete. Und so war das die Geschichte meiner dritten Reise. Morgen, wenn Allah es will, will ich von meiner vierten Reise erzählen.

Dann ließ Sindbad der Vielgereiste Sindbad dem Lastträger hundert Dinare reichen und wartete, bis Sindbad der Lastträger am nächsten Tag zum Frühstück wieder erschien. Als alle Gäste versammelt waren, ließ Sindbad der Seefahrer das Essen auftragen und lud alle ein, mitzuessen. Dann erzählte er von seiner vierten Reise.

Die vierte Reise Sindbad des Seefahrers

Eines Tages erhielt ich viel Besuch von verschiedenen Kaufleuten. Sie erzählten mir von ihren Fahrten und ihren Gewinnen, und berichteten farbenfroh über ihre Reisen, dass ich all meine Bedenken vergaß. All mein Fernweh erwachte erneut, und es reizte mich, in die Ferne hinaus zu ziehen.

Ich suchte Geld und Waren zusammen und nahm mit meinen Besuchern zusammen dasselbe Schiff. Als ein günstiger Wind über dem Hafen von Bassora stand, stießen wir in See.

Doch der Wind blieb nicht lange so ruhig, er entwickelte sich schnell zu einem tosenden Orkan. Wir warfen mitten im Meer den Anker, doch das nützte uns nichts. Der Wind ließ unseren Mast brechen und riss unsere Segel in Fetzen. Dann riss auch der Anker.

Kaum hatten wir unsere Reise begonnen, sank das Schiff mit all unseren Waren vor unseren Augen. Wir sprangen in die Rettungsboote, doch der Sturm schaukelte sie auf den Wellen wild hin und her, sodass sie zerschmetterten. Ich stürzte ins Meer.

Ich war ein guter Schwimmer, und trotz Sturm gelang es mir, mich auf dem Wasser zu halten. Dann legte sich der Wind. Mir trieb eine Schiffsplanke in den Weg, auf der einige Kaufleute saßen, und ich klammerte mich daran fest und kletterte ebenfalls hinauf. So ritten wir zwei Tage und zwei Nächte durch die Wellen. Dann wallte das Meer erneut auf und warf uns an den Strand einer Insel. Wieder lag ich schiffsbrüchig an einem fremden Strand.

Wir gingen an der Küste der Insel entlang, aßen Kräuter und Vogeleier und fanden einen Platz zum Schlafen. Der Morgen erwachte mit einem glitzernden Sonnenaufgang auf dem Meer. Wir waren guter Dinge und durchwanderten die Insel, bis wir auf ein fremdes Gebäude trafen. Wir wollten gerade auf das Tor zugehen, da stürmten nackte Männer auf und zu, warfen sich auf uns, überwältigten uns und brachten uns gefesselt zu ihrem König.

Der König wirkte zum Glück gelassen und freundlich, er ließ uns die Fesseln abnehmen und bat uns, uns zu setzen. Dann ließ er uns Essen kommen. Das Essen sah seltsam aus und wir blieben misstrauisch. Besonders ich ekelte mich allein von dem Geruch. Meine Freunde aber waren hungrig, überwanden ihren Ekel und aßen schließlich davon.

Danach ging eine schreckliche Veränderung in ihnen vor. Eigentlich waren es gut erzogene höfliche Männer, doch nun verwandelten sie sich in gierige, schmatzende, fressende Wesen. Knurrend und gurrend fielen sie über das Essen her.

Ich fragte mich, was in sie gefahren war und hielt mich zurück. Nur von den Früchten, die ich kannte, aß ich ein bisschen. Als man uns ein Getränk anbot, weigerte ich mich erneut, davon zu nehmen, meine Freunde aber schütteten es in sich hinein und schienen danach vollends betrunken zu sein.

Da ich der einzige war, der sich nicht so seltsam aufführte, kam ich mir am Ende selbst verrückt vor. Dann aber sah ich mich um und bemerkte, wie die nackten Wilden unsere Männer grinsend betrachteten und auch der König ein böses Aussehen hatte. Durch mein Beobachten entdeckte ich die Wahrheit.

So bemerkte ich in den nächsten Tagen, dass die Wilden einem Stamm von kannibalischen Zauberern angehörten und ihr König ein Oger, ein Menschen fressender Satan war. Er war riesengroß und stark. Er war begierig auf Menschenfleisch und hatte seinen Spaß an allen erdenklichen Grausamkeiten.

Die Speisen waren nur dazu da, den Magen der Menschen zu erweitern und den Heißhunger zu verstärken. So begannen die Menschen zu fressen, wurde immer fetter und vergaßen das Denken. Wenn sie aber wie Schweine gemästet waren, schnitt man ihnen die Gurgel durch, briet sie in einer riesigen Pfanne und brachte sie dem König. Die nackten Wilden aber aßen das Menschenfleisch sogar roh.

Ich war verzweifelt und versuchte, meine Freunde mit Bitten und Beschwörungen von ihrem Fressen abzubringen, aber sie waren bereits so schwachsinnig geworden, dass sie nicht auf mich hörten. Die Wilden trieben sie jeden Tag auf die Wiese hinaus wie Vieh, und weideten sie im grünen Gras. So wurden sie von Tag zu Tag fetter.

Ich dagegen wurde immer dünner, einmal, weil ich nur Früchte aß, zum anderen weil Kummer und Angst an mir zehrten. Die Wilden verloren ihr Interesse an mir, ich meinerseits gab mir Mühe, so unauffällig wie möglich zu bleiben. So hatte ich eines Tages die Möglichkeit, zu fliehen. Ich versteckte mich im Wald und ernährte mich dort von Früchten, Kräutern und Vogeleiern, bis ich wieder zu Kräften kam.

Weiter und weiter wanderte ich durch den Wald, bis ich schließlich an Feuerstellen auf die Spuren von Menschen traf. Und dann eines Tages sah ich von Ferne menschliche Gestalten. Vorsichtig schlich in näher und beobachtete sie, ich erkannte aber zu meiner Erleichterung, dass es Menschen waren, die im Wald Pfefferkörner ernteten.

So ging ich auf sie zu, grüßte sie und wünschte ihnen Frieden. Sie wollten wissen, wer ich war und woher ich kam und ich erzählte ihnen von den Kannibalen, den ich entflohen war. Sie staunten über mich. „Bei Allah, du bist der erste, der ihnen entkommen konnte“, sagten sie mir. „Denn sie verstehen es, einen Menschen mit einem dunklen Zauber zu überdecken.“ „Noch größer als ihr Zauber ist jedoch die Macht unseres Höchsten“, sagte ich.

Gemeinsam dankten wir Allah und beteten für meine Weggefährten. Dann stiegen die Pfeffersammler mit mir in ihr Schiff und segelten zu ihrer Heimatinsel. Sie lebten in einem schönen Land voller Menschen, die sehr gläubig waren. Doch die Kultur hier war nicht so hoch wie in Bagdad.

Eines Tages führten mich die Pfeffersammler zu ihrem König. Ich erzählte ihm, was ich erlebt hatte, und er war interessiert an meinen Geschichten. Dann schenkte er mir ein schönes Gewand und einen Dolch, der mit edlen Edelsteinen und Elfenbein besetzt war. Ich freute mich sehr darüber.

Danach schlenderte ich über den Markt und freute mich über das bunte Treiben und die schönen Waren, die es hier zu kaufen gab. Ich betrachtete die Krebse und Langusten, die Früchte und Vögel, den interessanten Pfeffermarkt und den Pferdemarkt.

Hier blieb ich besonders lange, weil ich die Pferde sehr liebte. In diesem Land waren die Pferde hoch angesehen und es gab wunderschöne. Alle Menschen besaßen Pferde, selbst die ärmeren Menschen. Und alle ritten ohne Sattel und Steigbügel. Das erstaunte mich sehr und ich nahm mir vor, das dem König zu erzählen.

„Warum, oh mein Herrscher, reitet ihr nicht mit einem Sattel?“, fragte ich ihn. „Es ist viel leichter mit Sattel zu reiten, und es spart den Menschen viel Kraft.“ „Ich weiß gar nicht, was das ist“, sagte der König. „Noch nie habe ich so etwas gesehen oder auch nur davon gehört.“

„Wenn ihr gestattet, werde ich einen Sattel anfertigen lassen“, sagte ich. „Dann könnt ihr euch von dem komfortablen Reiten selbst überzeugen.“ Der König war höchst interessiert. So ließ ich Holz und Leder kommen und bat um tüchtige Handwerker. Man brachte mir zehn davon.

Ich suchte mir den geschicktesten Zimmermann aus und malte ihm auf, wie man einen Sattelbaum anfertigte. Dann fertigte ich aus Wolle Filz an, überzog den Sattelbaum mit Leder und stopfte den Rest mit Filz aus. Anschließend ließ ich einen Schmied die Steigbügel und das Gebiss anfertigen. Er schmiedete schöne Steigbügel und ein Gebiss, feilte alles glatt und verzinnte es. Ich zog die Zügelriemen durch und verzierte das Zaumzeug mit schönen bunten Fransen aus Seide.

Nun ließen wir das schönste Pferd kommen, zäumten es auf, sattelten es und führten es dem König vor. Er stieg auf und war sehr begeistert von der neuen Art und Weise, zu reiten. So wurde ich reich für meine Arbeit belohnt.

Nun wollte auch der Wesir des Königs so einen Sattel haben. Auch die Hofleute und Würdenträger verlangten Sättel und Zaumzeug, und so hatte ich alle Hände voll zu tun. Ich suchte mir Zimmermänner und Schmiede, unterrichtete sie im Handwerk und eröffnete eine Sattelwerkstatt und ein Geschäft.

Schon nach kurzer Zeit brachte ich es zu großem Wohlstand und Ansehen. Besonders der König liebte es, mit mir zu reden. Wir sprachen nicht nur über Pferde und Sättel, wir redeten auch über das Land, und der König interessierte sich für meine Ratschläge.

Als ich eines Tages wieder mit dem König zusammen saß, sagte er zu mir: „Du bist einer von uns geworden, Sindbad, und dein Rat ist mir gut und wichtig geworden. So möchte ich dir etwas erzählen und erwarte in dieser Sache deine Zustimmung.“

Ich verneigte mich und sagte: „Ich höre, oh Herr.“ „Ich möchte dich gerne mit einer schönen und klugen Frau verheiraten, die dazu noch reich ist“, sagte der König. „Dann gehörst du auch von deiner Herkunft zu uns. Deine Wohnung soll in unserem Palast sein, denn ich möchte dich täglich in meiner Nähe wissen.“

Ich war gerührt von der Güte des Königs. Selbst hatte ich schon oft daran gedacht, zu heiraten, aber mir war es lieber, eine Frau in meiner Heimatstadt Bagdad zu suchen. Ich war mir auch nicht sicher, ob der König wirklich die richtige Frau für mich aussuchen würde. Ich versuchte, Zeit zu gewinnen und bat den König, zunächst einmal das Mädchen kennen zu lernen.

Doch als mir nun ein wunderschönes Mädchen gegenüber stand, da wurde mein Herz angerührt, und ich fühlte mich von diesem Mädchen angezogen. So dankte ich Allah für sein gutes Schicksal. Wir heirateten und waren sehr glücklich miteinander.

Nun begann eine wunderschöne und glückliche Zeit für mich, die nicht schöner hätte sein können, wenn mich nicht hin und wieder das Heimweh geplagt hätte, das immer mal wieder über mich kam. Ich liebte meine Frau über alles, aber ich dachte oft an meine Heimat und dachte dabei: „Wenn ich in meine Heimat zurück kehre, werde ich sie mit nehmen.“

Und hin und wieder schmiedete ich Pläne, zurück zu gehen. Aber die Dinge geschehen so, wie sie vorbestimmt sind, und niemand kennt die Zukunft.

Lange Zeit lebten wir zufrieden und glücklich. Dann aber eines Tages geschah es, dass meinem Nachbarn die Frau starb. Er war mein Freund, und ich ging zu ihm und versuchte, ihn zu trösten.

„Mein guter Freund, auch wenn du zerrissen bist vom Schmerz, eines Tages wird die Zeit deine Seele heilen. Allah hat dein Leben so bestimmt, und niemand weiß, wozu er dich noch führen wird. Vielleicht, mein Lieber, findest du eine andere Frau, die noch besser und schöner ist. Jeder Mensch muss sterben, aber das Leben geht weiter, und die Toten haben es bei Allah gut.“

„Niemals werde ich eine andere Frau heiraten“, erwiderte mein Freund, „denn ich habe nur noch einen einzigen Tag zu leben.“ „Oh mein Freund“, rief ich. „Sei vernünftig. Du solltest dein Leben nicht so einfach wegwerfen. Du bist noch jung und gesund. Allah wird dir noch viele Jahre schenken.“

„Was redest du da, mein Freund“, rief der Nachbar. „Schon morgen werde ich sterben und nie mehr da sein.“ „Aber warum den?“, fragte ich verwirrt.

„Es ist so Brauch bei uns“, erwiderte er. „Wenn deine Frau heute stirbt, wirst du schon am nächsten Tag mit ihr in einer Gruft beerdigt. Und genauso verfahren sie mit der Frau, wenn der Mann stirbt.“ Er schluchzte. „So hat man bei der Beerdigung seiner Frau einen doppelten Grund zu weinen. Einmal, weil die Frau gestorben ist, zum anderen, weil man selbst sterben wird.“

„Was ist das denn für ein schrecklicher Brauch!“, schrie ich erschrocken. „Warum hat mir niemand davon erzählt. Oh Allah, bei welchen Menschen lebe ich denn hier?“

Aber es geschah so, wie unser Nachbar uns erzählt hatte. Sie trugen die Verstorbene aus der Stadt, zu den Bergen im Inneren der Insel. Dort legte man einen Felsblock zur Seite, der einen Schacht frei gab. Dieser Schacht führte in eine unterirdische Höhle.

Die Tote wurde nun in den Schacht hinunter gelassen. Dann wurde auch mein Freund an einem Seil in die Tiefe gesenkt. Man reichte ihm einen Krug frisches Wasser und sieben Brote. Dann schnitt er das Seil ab, winkte einen letzten Gruß und wir sahen ihn zum letzten Mal. Der Schacht wurde erneut mit einem Fels verschlossen.

Entsetzt lief ich zum König. „Warum begrabt ihr die Lebenden mit den Toten?“, fragte ich ihn. „Es ist so Sitte bei uns“, sagte er. „Schon unsere Vorfahren machten es so. Es war immer so und wird immer so sein. Freud und Leid der Eheleute werden miteinander geteilt. Die Freude des einen ist die Freude des anderen und das Ende des einen bedeutet auch das Ende des anderen.“

Ich verstand die Welt nicht mehr. „Wie ist es mit den Fremden bei euch, die wie ich eure Sitte nicht kannten. Werde ich auch mit meiner Frau zusammen beerdigt, wenn sie vor mir stirbt, obwohl ich doch ein Fremder bin?“, fragte ich entsetzt. „Gewiss werden wir das tun“, erwiderte der König. „Denn das sind unsere Gesetze und nach denen richten wir uns immer.“

Als ich das hörte, war ich voller Angst. Meine Angst wurde von Tag zu Tag größer und ich wagte mich kaum noch unter Menschen. Besonders groß aber war die Angst, meine Frau könnte sterben.

Eine Weile lang vergaß ich meinen Kummer und lenkte mich durch meine Arbeit ab. Als ich meine Angst fast vergessen hatte, wurde meine Frau sehr schwer krank, und dann eines Tages nahm Allah sie von mir. Der König und alle meine Freunde kamen zu mir um mit mir zu weinen und zu trauern.

Dann trugen sie die geschmückte Tote zu dem Berg, wo man sie in dem Schacht versenken wollte. Anschließend kamen alle zu mir und verabschiedeten sich von mir. Ich aber wollte nicht sterben.

So schrie ich verzweifelt: „Das ist nicht Allahs Wille. Er gestattet niemals, einen lebendigen Menschen zu bestatten. Versteht doch, ich bin niemand von euch. Ich bin ein Fremder und eure Sitte ist mir unbekannt. Wenn ich sie gekannt hätte, wäre ich nie bei euch geblieben. Versteht ihr denn nicht? Ihr seid Mörder. Was haben die Toten davon, wenn ihr Gatte mit ihnen begraben wird. Sie sind doch schon im ewigen Friedensland.“

Aber niemand beachtete mich. Mir wurde ein Leichentuch übergelegt und mit Seilen wurde ich in die Tiefe gelassen. Dann reichte man mir einen Krug Wasser und sieben Brote, wie es die Sitte vorschrieb. Bekümmert, weil ich ihre Sitte nicht mochte, nahmen sie trotzdem Abschied, lösten das Seil und rollten den Stein vor die Tür.

So war ich allein. Ich sah mich um. Um mich herum lagen tote Gebeine und ein furchtbarer Leichengeruch durchströmte die Luft. „Bei Allah“, sagte ich mir. „Es ist alles meine eigene Schuld. Warum muss ich in einem fremden Land leben und mich hier auch noch um die Gunst des Königs bemühen.

Ich wollte ein angesehener Mann werden. Ich wollte Geschäfte machen. Ich war von Ruhm und Ehrgeiz getrieben. Ich wollte diese Frau besitzen, aber hätte ich sie auch geheiratet, wenn der König mich nicht darum gebeten hätte? Und war nicht bei aller Liebe auch immer die Angst da, sie würde eher sterben als ich? Und ist das dann wirklich Liebe?

Und wenn mir meine innere Stimme sagte, ich solle in meine Heimat zurückkehren, warum folgte ich ihr nicht? Ich war gefesselt vom Wunsch nach Ruhm und der Gier nach Gewinn. Ich habe im Grunde alles, was mir nun zugestoßen ist, verdient.“

Aber dann fraget ich mich auch: „Warum bin ich dann nicht gleich im Meer ertrunken? Warum stürzte ich nicht in den Bergen ab? Und warum war ich bis jetzt nicht wie ein guter Mann und Moslem eines natürlichen Todes gestorben? Hatte Allah dieses Schicksal für mich vorgesehen? Wenn ja, durfte ich mich nicht verweigern, sondern mich für den Tod bereithalten.“

Und so setzte ich mich zwischen die Toten und atmete schwer. Ich erlebte wirklich eine schreckliche Nacht, und am nächsten Tag aß ich ein bisschen von den Broten und trank von dem Wasser. Dann erkundete ich die Höhle.

Der Boden der Höhle war mit Knochen und Schädeln bedeckt, sodass ich kaum Platz fand. Ich machte mir in einer Nische ein Lager für die Nacht. Dann legte ich mich nieder. So verbrachte ich einige Zeit, bis mein Brot und mein Wasser allmählich zur Neige ging. Und obwohl ich sehr hungrig war, aß und trank ich nur wenig.

Auch wenn ich mich auf den Tod einstellte, hoffte ich doch insgeheim, dass Allah eine Rettung für mich vorgesehen hatte. Dann eines Tages erwachte ich und nahm einen Schatten war, der aus der Höhle kam. Ich griff mir einen Knochen und fasste ihn wie eine Waffe. Dann folgte ich dem Geräusch und nahm einen Schatten war.

Es war ein Wolf oder ein Schakal, der in der Höhle vor mir aufgetaucht war und nun schnell vor mir davon lief. Ich verfolgte das Tier und sah, dass es in der Ferne verschwand. Dann entdeckte ich in der Ferne einen Lichtpunkt. Es war ein Stern.

Je weiter ich ihm entgegen ging, desto größer wurde er. Dann sah ich eine Spalte in der Felswand, die ins Freie führte. Zuerst war ich unsicher, aber dann sah ich klar, dass es ein Bruch im Gestein war. Zunächst war es vielleicht eine schmale Spalte gewesen. Die Tiere hatten es aber so weit verbreitert, dass sie hinein und hinaus kriechen konnten, um die Toten zu verspeisen.

Als ich das sah, kehrten meine Lebensgeister zurück. Ich kroch aus der Spalte und kehrte zurück ins Leben. Zunächst wurde ich vom Licht geblendet, doch all meine Freude am Leben kehrte zurück, und ich war überglücklich.

Als ich dann aber sah, wo ich gelandet war, war ich erschrocken. Ich befand mich nämlich auf einem hohen Felsen, der vom Meer umgeben war. Der Abstieg aber war sehr gefährlich. Trotzdem danke ich Allah für seine wunderbare Rettung und machte mich vorsichtig an den Abstieg.

Nach all den schrecklichen Erlebnissen war der Abstieg im Verhältnis dazu leicht, und so erreichte ich irgendwann die Küste. Dort fand ich nicht nur Früchte und Vogeleier zum Essen, sondern auch Muscheln, in denen Perlen steckten.

Diese Muscheln fand ich ganz zufällig, als ich zwischen den Fischen umher schwamm, um mich abzukühlen. Die Perlen, die in den Muscheln leuchteten, waren silbern und waren so rein wie Wasser.

Hier lebte ich nun eine Zeitlang, und da ich täglich nach Perlen tauchte, konnte ich mir einen größeren Reichtum aneignen. Die Einsamkeit, die ich hier erlebte, machte mir keine Angst. Im Gegenteil, ich fühlte mich frei und sicher.

Ich baute mir eine Höhle, lebte mit den Tieren, die in diesem Felsen lebten und ordnete und polierte meine Perlen. Ich errichtete mir eine Feuerstelle, ich knüpfte mir ein Netz zum Fischen und errichtete mir ein Lager aus Pflanzen. Wenn die Hitze mittags zu groß wurde, legte ich mich in eine Erdhöhle, die Schildkröten errichtet hatten.

Dann eines Tages geschah das Unfassbare. Ich sah ein Schiff und sandte Signale aus. Das Schiff bemerkte mich und steuerte auf mich zu. Die Besatzung an Bord betrachtete mich verwundert, denn ich trug ja immer noch meine Leichentücher, die man mir zur Bestattung angezogen hatte.

Ich erzählte ihnen meine Geschichte, berichtete aber nicht, dass ich mit meiner Frau beerdigt worden war, weil ich nicht wusste, ob sie so einen Brauch gut finden würden, und mich dann zurück unter die Erde bringen würden. Erst später erfuhr ich, dass sie diesen Brauch nicht kannten. So hätte ich ihnen auch die Wahrheit sagen können.

Ich bot dem Kapitän meine Perlen an, wenn er mich nach Bagdad bringen würde, doch er wollte sie nicht annehmen. „Für uns ist es eine Selbstverständlichkeit, einem Menschen zu helfen, der in Seenot geraten ist“, sagten sie. „Wir kleiden ihn an, wir geben ihm zu essen und wir bringen ihn nach Hause, weil Allah es von uns verlangt. Wir wollen deine Geschenke nicht, im Gegenteil machen wir dir Geschenke. Teile einfach dein Leben mit uns, während du an See bist, und dann bringen wir dich in deine Heimat zurück.“

Ich stieg auf das Schiff und bat Allah um seinen Segen. Schnell wurden die Mannschaft und ich gute Freunde, und da ich ein erfahrener Seefahrer war, konnte ich mich schnell nützlich machen.

Wir fuhren von Insel zu Insel, erreichten die Glockeninsel, machten Fahrt zur Insel Kala, wo ein mächtiger König regiert und landeten schließlich nach langer Fahrt in der Stadt Bassora. Nun war es nicht mehr weit nach Bagdad.

Nach nicht allzu langer Zeit konnte ich mein Haus wieder betreten. Ich lagerte all meine Waren und dann gab ich für alle Witwen und Waisen ein großes Fest, machte den Armen Geschenke und ließ meine Verwandten an meinem Reichtum Anteil haben. Überglücklich über meine Rettung dankte ich Allah, dem Allmächtigen.

Dies ist die Geschichte meiner vierten Reise, und wenn ihr möchtet, könnt ihr gerne morgen meine fünfte Reise erfahren. Aber du, lieber Sindbad, der du lieber auf dem Land als auf dem Wasser lebst, bist herzlich zum Abendessen eingeladen.

Nach dem Abendessen ließ Sindbad der Seefahrer Sindbad dem Lastträger wieder hundert Dinare reichen, dann ging der nach Hause. Am nächsten Tag aber fand er sich nach dem Frühstück im Hause seines Namensvetters ein und wartete, wie die anderen Gäste darauf, dass Sindbad der Seefahrer erzählte. Und er begann die Geschichte seiner fünften Reise.

Die fünfte Reise von Sindbad dem Seefahrer

Eines Tages gingen meine Geschäfte schlechter, und ich erinnerte mich an die schöne Küste, wo ich diese wundervollen Perlen gefunden hatte, die es dort im Überfluss gab. Es war nicht wirklich so, dass ich mich wegen der Geschäfte beunruhigen musste - ich hatte immer noch genug Hab und Gut zum Leben - aber ihr wisst ja, ich habe diese innere Unruhe.

Es ist diese Sehnsucht nach dem Meer, nach Abenteuern. Ich bezähmte mich, denn ich wollte nicht wieder meinem Übermut nachgeben, doch sobald ich über meine Lage nachdachte, schlug mein Herz voller Sehnsucht nach der weiten Welt.

So beschloss ich erneut, die Perlenküste aufzusuchen, um mit neuen Schätzen heim zu kehren. Diesmal kaufte ich ein eigenes Schiff, suchte einen guten Kapitän, stellte eine Mannschaft zusammen und nahm etliche Diener und Sklaven mit. Als der Kapitän den Befehl zur Abfahrt gab, setzten wir die Segel, lichteten den Anker und starteten. Wir hatten einen guten Wind.

Es war eine lange Reise. Zunächst schien alles unter einem guten Stern zu stehen, dann aber fanden wir die Küste mit den Perlen nicht wieder. Es begegnete uns ein Schiff, das aus der Richtung kam und half uns auf den Kurs, dann aber erreichte uns ein Sturm und wir wurden in eine andere Gegend getrieben.

Der Sturm hinterließ keine Schäden, aber wir waren gezwungen, eine unbekannte Insel anzulaufen. Vom Schiff aus sah ich eine seltsame Kuppel, und ich erinnerte mich, schon einmal eine solche Kuppel gesehen zu haben, aber ich konnte mich beim besten Willen nicht daran erinnern, wo das damals gewesen sein konnte.

Die Matrosen waren sehr neugierig über dieses seltsame Bauwerk, und sie baten den Kapitän, an Land gehen zu können, um es sich näher anzusehen. Ich blieb an Bord und wartete auf sie. Dann kamen sie zurück und erzählten: „Diese Kuppel ist gar keine Kuppel, sondern ein riesengroßes Ei“, erzählten sie. „Und etwas kleinere Eier, aber noch viel größere, als alle Eier, die wir bis jetzt gesehen hatte, lagen dort in der Nähe.“

Jetzt fiel es mir plötzlich ein, wo ich diese Eier schon einmal gesehen hatte. „Das sind die Eier des Vogels Roch!“, rief ich. „Das kann wohl sein“, sagte einer der Matrosen. „Jedenfalls haben wir viel Mühe damit gehabt, sie zu zerstören. Die Schale war sehr hart.“

„Was habt ihr gemacht?“, schrie ich entsetzt. „Ihr habt doch wohl nicht etwa die Eier zerstört? Oh, ihr Unglücklichen, warum seid ihr bloß mit so viel Einfältigkeit ausgezeichnet. Euer Unfug setzt uns jetzt einer großen Gefahr aus.“

„So ein Unsinn!“, widersprach der Matrose. „Und genau genommen haben wir es auch nur geschafft, ein kleineres Ei zu zerstören. Das Große war gar nicht kaputt zu kriegen.“ „Um Himmels Willen“, rief ich verzweifelt. „Das zeigt ja, dass mehrere Vögel auf der Insel leben. Freunde, glaubt mir, ich bin bereits so einem Vogel begegnet. Er ist so groß wie ein Haus. Darum rate ich euch, lasst uns sofort abfahren, bevor der Vogel Roch zu uns kommt und uns alle vernichtet.“

Da lachten die Matrosen und der Kapitän schüttelte über mich den Kopf. Wir stritten hin und her und verschwendeten kostbare Zeit. Dann sagte der Kapitän: „Es scheint ein Sturm herauf zu ziehen. Der Himmel bedeckt sich bereits mit schwarzen Wolken.“

Wir sahen zum Himmel und stellten fest, dass es keine Wolken waren, die da auf uns zukamen, sondern riesige Vögel. Sie waren schwarz wie die Nacht. Nun glaubten mir zwar meine Kollegen, aber es war zu spät.

„Lasst uns in See stechen“, rief ich. Wir fuhren so schnell wir konnten los. Doch es war zu spät. Mit einem riesigen Schrei stürzten die Vögel auf uns zu. Wir arbeiteten fieberhaft, um loszufahren. Schnell erreichte unser Schiff eine gute Geschwindigkeit. Und der Matrose, der eben noch über mich gelacht hatte, schrie laut vor Angst: „Hilfe. Was für grauenhafte riesige Vögel.“

Im Nu hatten uns die riesigen Vögel umkreist. Wir sahen erst jetzt, dass sie Felsbrocken zwischen ihren Fängen hatte. So etwas hatten wir alle nie zuvor gesehen. Die Vögel flogen nun direkt über uns, öffneten ihre Krallen und ließen die Felsbrocken auf uns fallen.

Einer der Felsbrocken schlug direkt neben dem Schiff auf und schlug so hohe Wellen, dass unser Schiff in die Höhe gehoben wurde, um dann in die Tiefe zu sinken. Dann ließ der zweite Vogel seinen Felsbrocken fallen und er schlug direkt auf die Kabine und zertrümmerte das Schiffsdeck und das Steuer.

Wir alle fielen ins Meer und kämpften um unser Leben. Ich umklammerte eine Schiffsplanke und Wellen schleuderten mich auf eine Insel zu. Und während meine Schiffsplanke in den Wellen zerschmettert wurde, schwamm ich an den Strand und rettete mich.

„So manchen Schiffsbruch habe ich nun überstanden“, dachte ich bei mir. „Dann werde ich diesen auch überstehen.“ Und ich versprach mir erneut: „Sollte ich das hier alles überstehen, wird das mein letztes Abenteuer sein.“

Die Insel war sehr schön, üppige Bäume mit dicken Früchten wuchsen hier. Helle Bäche hatten sprudelndes Wasser, es duftete nach Blumen und Möwen flogen durch die Luft. Es gab auch Vögel, die ich nie zuvor gesehen hatte, und kleine Affen kletterten auf die Bäume.

Ich sah auch große Schildkröten und grüne Eidechsen, und Echsen, die fliegen konnten und große Blumen in violetten Farben. Müde suchte ich mir einen Ruheplatz und schlief dort bis zum nächsten Morgen. Dann pflückte ich mir Früchte und aß sie. Danach wusch ich mich in einem Bach und trank Wasser aus einem Brunnen.

Am Brunnen aber traf ich einen alten Mann. Ich freute mich, ihn zu sehen, denn es ist besser, zu zweit zu sein, als allein. Ich grüßte ihn und wünschte ihm Frieden. Doch er antwortete nicht. Da fragte ich ihn: „Mein Oheim, warum sitzt du hier?“

Doch statt zu antworten, stöhnte er nur und machte mir ein Zeichen, als wolle er mir sagen: „Nimm mich auf deine Schulter und trage mich dort hinüber.“ Da dachte ich: „Vielleicht ist er krank und hat seine Sprache verloren.“ So nahm ich ihn auf meine Schulter und trug ihn an die Stelle, die er sich gewünscht hatte.

Dann sagte ich zu ihm: „So, Väterchen, jetzt kannst du von deinem gehorsamen Esel absteigen“, und lachte dabei. Er aber antwortete nicht, sondern knurrte nur und umklammerte mich mit seinen Beinen. Erst jetzt sah ich, dass seine Beine schwarz und rau wie die Beine eines Büffels waren.

Ich erschrak und versuchte, ihn abzuwerfen, aber er umklammerte meinen Hals ganz fest. Ich bekam keine Luft mehr und wurde fast ohnmächtig. Er aber stieg immer noch nicht ab, sondern umklammerte meinen Körper mit seinen Beinen und trommelte mit seinen Fersen gegen meinen Rücken.

Ich wehrte mich, aber er umklammerte mich weiter hin und ich war hilflos wie ein Kind. „Au, was machst du?“, rief ich verzweifelt. „Ich habe dich für einen alten Greis gehalten, aber nun zeigst du, dass du ein Ringkämpfer bist. Rede doch mit mir und sag mir, was du von mir willst. Ich bin doch nicht dein Esel, auf dem du reiten kannst, so lange du willst.“

Aber er stieg nicht ab, sondern zwang mich weiterhin durch Tritte, ihn herum zu tragen. Und wenn ich nicht gehorchte, trommelten seinen Füße so sehr, dass ich es kaum aushalten konnte. So war ich sein Sklave geworden und trug ihn über die Insel, bis es Abend wurde. Und auch dann ließ er mich nicht los. Auch als ich mich schlafen legen wollte, blieb er auf mir sitzen, und ich musste in dieser unbequemen Lage schlafen.

Als ich am nächsten Morgen erwachte, saß er noch immer auf mir und forderte von mir, weiter getragen zu werden. Da bereute ich es zutiefst, dass ich mit ihm Mitleid gehabt hatte, denn jetzt musste ich dieses unwürdige Schicksal erleiden. Ich musste alles tun, was er von mir verlangte.

Eines Tages kam ich mit dem Reiter auf mir an eine Stelle, an der es Kürbisse gab. Ich pflückte einen großen trocknen Kürbis, und quetschte Trauben von einem Rebstock dort hinein. Ich stellte den Kürbis in die Sonne und wartete, bis sich daraus Wein gebildet hatte. Den trank ich dann, und es wurde mir etwas leichter ums Herz.

Er aber sah sich an, was ich tat, ohne davon zu kosten. Eines Tages aber wurde er neugierig und machte mir ein Zeichen, als wolle er mich fragen, was es sei. „Das ist ein Getränk, das tröstet und glücklich macht“, erklärte ich.

Und weil ich selbst von dem Wein betrunken war, galoppierte ich mit dem Alten auf dem Rücken über die Insel, sang, torkelte und lachte. Da machte mir der Alte ein Zeichen, ihm auch den Wein zu reichen. Das tat ich.

Er trank von dem Getränk und war sehr angetan. Immer mehr trank er, und dann begann auch er zu grunzen und zu lachen. Dann trank er weiter, bis nichts mehr im Kürbis war, und nun lachte und klatschte er und der Wein stieg ihm wie Nebel in den Kopf.

Als ich merkte, wie er durch den Wein immer mehr das Bewusstsein verlor, riss ich seine Beine von meinem Nacken und warf ihn mit einem Ruck auf den Boden. Da lag er nun, aber seine Augen blitzten vor Wut. Er bemühte sich, wieder aufzusteigen, aber ich nahm einen Stein und schleuderte ihn mit aller Kraft auf ihn. Da blieb er regungslos liegen und war tot.

Erleichtert kehrte ich zur Küste zurück und hielt nach fremden Schiffen Ausschau. Allah meinte es noch einmal gut mit mir und schickte mir ein Schiff vorbei. Es warf seinen Anker vor der Insel, und die Reisenden stiegen aus. Ich lief ihnen, nackt wie ich war, entgegen, denn der Alte hatte bei seinen Satansritten all meine Kleider zerrissen.

Die Reisenden umstanden mich und ließen sich meine Geschichte erzählen. Dann sagten sie: „Wir haben von diesem Mann gehört. Er wurde Scheich ael-Bahr oder auch „der Alte vom Meer“ genannt. Niemand hat es bis jetzt geschafft, ihn loszuwerden. Sobald er seine Beine im Nacken hatte, musste er geritten werden, bis er umfiel. Anschließend fraß der Alte ihn auf, denn er war ein Kannibale, kannte viele Zaubereien und hatte unmenschliche Kraft. Freue dich, dass du ihm entkommen bist.“

Dann luden sie mich auf ihr Schiff ein, und wir segelten Tage und Nächte. Schließlich kamen wir zu einem Ort, den man Affenstadt nannte. Diese Stadt bestand aus hohen Häusern und einem einzigen schmiedeeisernen Tor, von dem aus man in die Boote und aufs offene Meer gelangen konnte. In diesen Booten auf dem Meer verbringen die Bewohner des Ortes ihre Nächte, denn sie haben große Angst vor den riesengroßen Affenhorden, die nachts aus den Bergen kommen.

Als ich das hörte, war ich sehr unruhig. Ich erinnerte mich an mein Erlebnis mit den Menschenaffen. Doch ich erfuhr, dass diese Menschenaffen Tiere seien. Und weil ich mehr von den Tieren erfahren wollte, ging ich an Land.

In der Stadt gab es viel zu sehen. Darum verspätete ich mich. Als ich zum Hafen zurückkehrte, war das Schiff schon abgefahren. So ging ich in die Stadt zurück. Ich war sehr verwirrt. Da fragte mich einer von denen dunkelhäutige Menschen: „Du scheinst in dieser Stadt ein Fremder zu sein."

"Ja", antwortete ich. "Ich bin soeben von meinem Schiff verlassen worden. Jetzt weiß ich nicht, was ich machen soll." „Komm mit auf mein Boot“, antwortete der Fremde. "Wenn du die Nacht in der Stadt verbringst, bringen dich die Affen um."

So stieg ich mit ihm in sein Boot, und wir ruderten auf das Meer hinaus, und warfen nach einer Meile den Anker. Hier verbrachten wir die Nacht. Als es Tag wurde, ruderten wir in die Stadt zurück, und jeder ging seine Arbeit nach. So ging das jeden Tag. Immer kamen nachts die Affen in die Stadt, fraßen von den Früchten, und kehrten am Tag in die Berge zurück.

Eine erstaunliche Sache trug sich in einer Stadt zu, die ebenfalls auf dieser Insel lag. Eines Tages fragte mich einer, mit dem ich die Nacht auf dem Boot verbrachte: „Oh Fremder, sage mir, was willst du hier tun? Wovon willst du leben? Willst du ein Handwerk ausüben? Über welche Kenntnisse verfügst du?"

Ich antwortete: "Bei Allah, ich weiß es selbst nicht. Ich kann alles und gar nichts. Ich bin Seefahrer und Kaufmann, Sattelmacher und Pferdezüchter. Doch ein Handwerk habe ich nicht erlernt. Aber vielleicht ergibt sich eine Aufgabe für mich."

Nun brachte mir der andere einen Sack, der mit etwas gefüllt war, das wie Baumwolle aussah. „Gehe in die Stadt, und nimm diesen Sack mit. Fülle ihn mit Kieselsteinen, und macht dann das, was die Menschen in dieser Stadt auch tun. Vielleicht bekommst du genug Geld, um in deine Heimat zurückzukommen."

Ich ging an den Strand und füllte meinen Sack mit Kieselsteinen. Dann zog ich in die Stadt. Ich war nicht lange gegangen, da begegneten mir anderer Menschen, die ebenfalls einen Sack mit Steinen trugen. „Nehmt diesem Mann mit euch", sagte der Fremde zu den anderen. "Dieser Mann ist fremd hier. Zeigt ihm, wie er sich durch das Sammeln sein Geld verdienen kann. Allah wird es euch danken.“

Und sie nahmen mich mit. Wir kamen in ein weites Tal. Es war voller hoher Bäume. Unter diesen Bäumen hockten viele Affen. Als sie uns sahen, sprangen sie auf flohen auf die Bäume. Die anderen nahmen nun Steine aus ihrem Sack, und bewarfen die Affen damit. Jetzt rissen die Affen Früchte von den Bäumen und schleuderten sie auf uns.

Ich schaute mir die Früchte genau an. Es waren Kokosnüsse. Nun suchte ich mir einen Baum aus, der besonders große Früchte hatte. Ich warf mit meinen Steinen nach den Affen, und sie schleuderten mir die großen Kokosnüsse entgegen. Auf diese Weise ergatterte ich so viele Nüsse, dass ich sie kaum tragen konnte.

Als wir in der Dämmerung wieder in unserer Stadt an kamen, ging ich zu dem freundlichen Mann, der mir geholfen hatte, schenkte ihm alle meine Nüsse und bedanke mich für seine Hilfe. Doch der Mann wollte meine Nüsse nicht haben. Er riet mir ein Geschäft zu eröffnen und meine Kokosnüsse zu verkaufen.

„Das was du heute getan hast, solltest du jeden Tag tun", sagte er. „Dann hast du schnell dein Geld für deine Reise zusammen." Ich tat, was mir der Mann geraten hatte, sammelte jeden Tag Nüsse, verkaufte einen Teil und legte mir Vorräte an. Ich lebte sehr sparsam, und so konnte ich eine schöne Summe Geld an die Seite legen.

Nach einiger Zeit war ich sehr wohlhabend geworden, und ich gewöhnte mich an ein schönes und gemütliches Leben.

Als ich eines Tages an Strand stand, sah ich wie ein großes Schiff auf unsere Küste zu steuerte. Es waren eine Gruppe Kaufleute, die unterwegs waren. Für mich war das eine Gelegenheit, mit ihnen mit zu reisen.

So danke ich meinen Freunden für ihre Hilfe und verabschiedete mich von ihnen. Wir lichteten die Anker noch am selben Tag, und fuhren davon. Die Affenstadt versank am Horizont.

Überall wo wir angelegten, handelte ich mit meinen Kokosnüssen und ich erzielte einen hohen Gewinn. Ich lernte auf dieser Reise vieles Neue kennen, Gewürznelken, Zimt und auch scharfen Pfeffer. Alle diese Sachen kaufte ich für meine Heimat. Wir fuhren auch weiter zu der Insel ael-Usirat, wo ich wertvolle Aloe-Hölzer kaufte.

Diese Insel hat mir aber nicht gefallen. Die Menschen mochten keine Fremden und sie kannten Allah nicht. So fuhren wir schnell weiter zur Perlenküste, und da fand ich die Grotte mit den Muscheln wieder.

Wir holten viele Schätze heraus, und alle, die mit mir gereist waren, wurden reich. Diesen Strand sah ich später nie wieder. Reich an Perlen, Geld und Gewürzen kehrten wir nach Bassora und nach Bagdad zurück. Ich lud alle meine Freunde ein und gab ein großes Fest. Es gab viel zu essen und schöne Geschenke, und ich danke Allah für seinen wunderbaren Wege.

Dies, liebe Freunde, ist die Geschichte meiner fünften Reise. Lasst uns nun zu Abend essen. Morgen aber kommt wieder, damit ich euch von meiner sechsten Reise erzählen kann.

Und wieder ging Sindbad der Lastträger mit 100 Dinaren nach Hause. Am nächsten Tag aber kehrte er zurück und ließ sich das Abenteuer der sechsten Reise von Sindbad dem Seefahrer erzählen.

Die sechsten Reise Sindbad des Seefahrers

Dann meine Brüder ergab sich meine sechsten Reise wie von selbst. Eigentlich wollte ich zu Hause bleiben, denn ich hatte genug Abenteuer und Gefahren erlebt. Dann aber kamen Nachbarn zu mir, die einer Handelsreise machen wollten. Sie brauchten meinen Rat, und ich plante die Reise mit ihnen. Einiges war schwer zu erklären, und so fand ich es am einfachsten, einfach mitzureisen.

Ich war selbst überrascht, als ich mich an Bord eines Schiffes wieder fand. Aber ich lachte und sprach: „Dann ist es wohl so - mein Leben steht unter dem Stern des Meeres, und so kommt es, dass ich mich immer auf einem Meer wieder finden."

Erst als wir losgefahren waren und alles die Unendlichkeit des Meeres umgab, fiel mir ein, dass mein Leben auch unter dem Stern des Schiffbruches steht. Gedanken verloren stand ich da und sah den Delfinen zu. Dieses Mal schien alles ruhig und gefahrlos zu sein. Die Wellen waren sanft, und der Wind brachte das Schiff voran.

Wir waren alle guter Dinge, und ich war schnell der Überzeugung, dass diese Reise meine schönste Reise werden würde. Kein Riesenfisch, kein Riesenvogel und keine Kannibalen würden auf mich warten.

Oh Freunde, kennt ihr dieses Gefühl, wenn man ganz zufrieden erst? Alles lief gut. Wir waren erfolgreich im Handeln, es gab keinen Sturm und keinen Streit, ja, es war fast ein wenig langweilig.

Doch kaum hatte ich meinen Gedanken zu Ende gedacht, da kam ganz unvermutet ein Orkan und wirbelte unser Schiff hin und her. „Oh Sindbad, hast du jemals und so einen Orkan erlebt?“, fragte mich der Kapitän. "Und weißt du überhaupt, wo wir im Moment sind?"

Und ich antwortete: „Oh Kapitän, wenn du den Kurs nicht kennst, wie soll ich dann wissen, wo wir sind. Wir treiben wohl Richtung Indien, aber der Himmel und das Meer erscheinen mir fremd."

Wir kämpften weiter gegen den Sturm. Die Segel zerrissen und der Mast knickte. „Wir sind vom Kurs abgetrieben“, rief der Kapitän dann nach Tagen verzweifelt. „Unser Schiff ist ein Wrack und kann sich nur mühsam über Wasser halten. Uns bleibt nicht anderes, als zu beten, Freunde.“

Und so beteten wir inbrünstig zu Allah. In seiner Verzweifelung kletterte der Kapitän, der eigentlich ein älterer Mann war, selbst auf den Mast und spähte in alle Richtungen. Doch es war kein Land in Sicht.

Als er wieder an Deck war, brach auch der letzte Mast. Unser Schiff war ein Spielball für die Wellen. Wild wurde es hin und her getrieben. Das Ruder wurde zertrümmert. Dann gingen die ersten über Bord. Es wurden mehr und mehr. Der Himmel und die See brausten.

Schließlich trieb der Sturm das Schiff gegen einen Felsen, wo es zerschmetterte. Die meisten ertranken. Darunter war auch mein Freund und Nachbar, wegen dem ich die Reise überhaupt begonnen hatte.

Einige wurden zwischen den Felsen hin und her getrieben und schließlich an Land gespült. Unter den wenigen, die überlebten, war auch ich. Ich war verletzt und zu Tode erschöpft. Mit uns waren einige Kisten mit Waren an Land gespült worden. Waren von unzähligem Wert waren es.

Als meine Gefährten die vielen kostbaren Waren sahen, gerieten sie außer sich vor Erschöpfung und Erregung. So ein Zustand ist schwer zu beschreiben, die Menschen wirken wahnsinnig auf jemanden, der so etwas noch nie gesehen hat.

Ich hatte schon viele Schiffsbrüchige gesehen, und ich warnte sie, sich nicht mit diesen Gütern zu beladen. Niemand konnte schließlich wissen, was uns noch alles bevor stand. Zuerst stritten meine Gefährten mit mir, dann aber vertrauten sie mir und ließen mich die Führung übernehmen.

So begannen wir, die Gegend zu erkunden. Wir fanden nur wenig Nahrung in dieser kargen Gegend, und meine Freunde warfen schnell ihre Lasten wieder ab, die sie in ihrer ersten Gier mitgenommen hatten. Sie ermüdeten noch schneller als ich und waren im Nu erschöpft. Nachdem wir eine Weile gegangen waren, gerieten wir an einen Fluss. Er glitzerte wie ein Edelstein in der Sonne. Wir schauten uns das Flussbett genauer an und fanden wunderschöne Edelsteine, Rubine, Perlen, Mondsteine und Saphire. Eine Handvoll von diesen Steinen machte uns reicher als alle Waren am Strand.

Meine Freunde hatten wieder nichts anderes zu tun, als sich die Taschen voll zu stopfen. Sie beschwerten ihre Taschen und Turbane, ihre Kleider und Hosen. Ich lachte und sagte: „Ihr habgierigen Kamele, ihr werdet auf diese Weise alle in diesem unbekannten Land umkommen.“ Und ich steckte mir nur wenige Steine in meine Taschen.

Noch wusste ich nicht, dass ich schon bald mit meiner Behauptung Recht haben sollte. Wir liefen weiter und kamen in eine Gegend, die mit rohem Ambra überlagert war. Bis zur Meeresküste erstreckte es sich, und zog sich sogar bis in das Meer hinein.

Tiere tauchten aus dem Meer auf, verschlangen es und tauchten wieder in die Tiefe zurück. Meine Freunde stürzten sich auf diese Ambraquelle und beluden sich damit. Ich aber folgte dem Ambrafluss bis zur Quelle. Hier sah ich, dass das Ambra in einem kleinen Rinnsal bis zum Meer floss.

Dieses Rinnsal floss in einem verkrusteten Flussbett, das wie eine Mauer aussah. Wenn die Sonne auf die Quelle schien, duftete sie wie Moschus. Jetzt erkannte ich auch, dass die Quelle des Ambras keine wirkliche Quelle war, sondern unterirdisch weiter floss und wahrscheinlich hoch in den Bergen liegen musste, an einem Ort, den vielleicht noch nie ein Mensch erstiegen hatte.

Hier wuchs auch wunderschönes Aloeholz. Spöttisch und verbittert zugleich sagte ich zu meinen Freunden: „Wollt ihr nicht auch noch Bäume fällen und das Holz mit euch schleppen?“ Sie murrten verärgert. Aber als die Sonne unbarmherzig auf uns hernieder schien, und wir alle hungrig waren, warfen die ersten ihre Lasten wieder ab. Edelsteine und Perlen lagen nun im Sand und es duftete nach Ambra.

Einige von uns waren krank geworden. Es war schwer, sie zu pflegen, weil es nur wenig Nahrung und Wasser gab. Auch Heilkräuter wuchsen hier nicht. So kam es, dass die ersten um uns herum starben.

Nach und nach hörte der Streit unter uns auf. Jeder war froh, wenn er das nackte Leben retten konnte. Ich aber sagte mir: „Warum ärgere ich mich so über ihre Gier nach Gewinn. Ich bin doch früher auch so gewesen. Und im Grunde genommen war ich es immer noch.“

Da wurde ich wirklich mitleidig und nahm mir vor, den anderen zu helfen, in der Hoffnung, dass wir alle gut nach Hause kämen. Aber einer nach dem anderen starb, und ich konnte es nicht ändern. Schließlich war ich ganz alleine übrig.

Schweren Herzens begrub ich meine Freunde, dann schlug ich mich allein weiter. Ich machte mir unterwegs bittere Vorwürfe, dass ich diese sechste Reise angetreten hatte. Was hätte ich zu Hause in Bagdad ein friedliches Leben haben können! Ich hatte so viel Geld, dass ich bis ans Ende meiner Tage damit auskommen konnte.

So war und blieb ich mir selbst ein Rätsel. Ich wanderte einsam weiter, bis ich wieder am Ufer des Flusses stand. Hier fand ich Früchte und auch Fische, um meinen Hunger zu stillen. Doch die Einsamkeit um mich herum machte mir Angst, und ich konnte nicht weiter gehen.

Da schickte mir Allah einen Gedanken, der mir weiterhalf: Wenn der Fluss ein Ende hatte, so musste er auch einen Anfang haben. Und vielleicht fand ich hier Menschen, die mir weiter helfen konnten. Ich kam auf die Idee, mir ein Floß zu bauen. Wenn ich damit die Strömung entlang fuhr, konnte ich gerettet werden, wenn ich im Fluss sterben würde, starb ich eben. Das war nicht zu ändern.

So sammelte ich viele Aloehölzer und band sie mit Tauen aneinander, die ich aus Kokospalmen geflochten hatte. Ich knüpfte es so fest, dass es wie genagelt aussah. Das Floß war ein wenig schmaler als der Fluss. Ich sammelte jetzt die schönsten Edelsteine, Perlen und reinen und wilden Ambra ein und suchte mir ein Holz, das ich als Ruder benutzen konnte.

Dann stieg ich in mein Floß und die Fahrt begann. Wir trieben an Tieren und Palmen, an Wäldern und einsamen Landschaften vorbei. Zuletzt kam ich an eine Stelle, in der der Fluss im Gebirge verschwand.

Klopfenden Herzens trieb ich mit meinem Floß auf ein schwarzes Loch zu. Weiter und weiter trieb mich die Strömung dem unterirdischen Bett zu. Ich geriet in einen Stollen. Die Decke war sehr niedrig und mein Floß stieß überall an. Da saß ich in der Falle und konnte nicht mehr umkehren.

Verzweifelung überkam mich. In meiner Not legte ich mich so flach es möglich war auf das Floß und zog mein Ruder ein. Rechts und links stieß ich mich mit meinen Händen von den Felsen ab. Das war sehr anstrengend. Meine Hände begannen, zu bluten. Eiskaltes Wasser tropfte von der Decke in meinen Nacken. Das Wasser um mich herum schäumte, und die Dunkelheit hüllte mich ein, wie ein Ungeheuer.

Endlich aber spürte ich, wie mich die Strömung wieder fort riss und mein Floß erneut vorangetrieben wurde. Die unterirdische Fahrt ging weiter. Sie führte mich durch Stollen, die mal weiter und mal enger waren. Irgendwann hatte ich keine Kraft mehr und sank in einen tiefen Schlaf.

Ich schief so fest, dass ich beim Erwachen nicht mehr wusste, wie lange ich geschlafen hatte. Aber jetzt war es taghell um mich herum und die Sonne erwartete mich. Ich war in der Mitte des breiten Flusses angekommen.

Am Ufer des Flusses standen Menschen, die aussahen wie Inder. Sie betrachteten mich, und als ich auf sie zu ruderte, sprachen sie mich in ihrer fremden Sprache an. Das alles war für mich wie ein Traum. Nun kam einer auf mich zu, der arabisch sprach. „Friede sei mit dir“, sagte er. „Noch nie ist jemand auf diesem Weg zu uns gekommen.“

„Friede und der Segen Allahs sei auch mit euch“, sagte ich. „Bitte sagt mir, wer ihr seid und in welchem Land ich gelandet bin.“ „Wir sind nette Menschen, Siedler und Bauern. Wir waren hier auf unseren Feldern, als wir dein Floß sahen. Und dann sahen wir dich, der du darauf selig schliefst, und so wollten wir dich nicht wecken. Aber erzähle uns, wie du hierhin gekommen bist.“

„Ich erzähle euch, was ihr wollt“, sagte ich. „Doch bitte gebt mir erst zu essen. Ich sterbe vor Hunger.“ Da lief der Fremde fort und brachte mir etwas zu Essen. Ich aß mich satt, und als mein Magen gefüllt war, fühlte ich mich wie neugeboren. Ich dankte Allah, dem Allmächtigen, für seine Rettung.

Und als ich mich ausgeruht hatte, nahmen sie mein Floß und meine Ladung und mich auf einen großen Ochsenkarren und brachten mich zum König. Ich erfuhr jetzt, dass ich im Lande Sarandib gestrandet war, das man auch Ceylon nennt.

Der König hieß mich willkommen und ließ den Mann kommen, der arabisch sprach. Er bat mich, von mir zu erzählen, und ich berichtete über meine Abenteuer. Dann holte ich Edelsteine, Ambra und Aloe und legte es vor den König. Er behandelte mich mit großer Würde und ließ mir eine Wohnung in der Nähe seines Palastes zukommen. Ich lernte die Großen des Landes kennen und fühlte mich hier sehr wohl.

Sarandib ist eine große Insel. Sie liegt in der Nähe der Tag- und Nachtgleichen, hier haben Tag und Nacht hier genau zwölf Stunden. Sie ist dreißig Meilen breit und achtzig Meilen lang, und ist umgeben von Bergen und Tälern.

Der höchste Berg ist von überall zu sehen. In seinem Inneren verbergen sich Rubine. Viele Gewürze und kostbare Gesteine gibt es hier. Diamanten findet man im Wasser, Perlen in den Tälern. Es gibt auch Saphire und Mondsteine auf dieser Insel.

Eines Tages kletterte ich mit einigen Begleitern den Gipfel des Berges hinauf. Es war sehr gefährlich, doch als wir oben angekommen waren, hatten wir einen wunderschönen Ausblick über die Täler, Wälder und Ströme.

Diese Insel ist voller Wunder und Rätsel, wie das große Indien. Es gibt Säbelzahntiger und Elefanten, rote Affen und weiße Büffel, Schlangen, schöne Vögel und wundervolle Fische. Alle Menschen fragten mich nach meiner Heimat und ich beschrieb alles über den Kalifen Harun al Raschid und seine große Weisheit, das Land so gut zu regieren. Ich dagegen lernte die Sitten und Gebräuche des neuen Landes kennen und erwarb dadurch ein großes Wissen.

Der König wollte mehr über die Regierung des Kalifen und die Verwaltung unseres Landes kennen, und ich beschrieb ihm viele verschiedene Gesetze und Grundsätze. Das imponierte dem König sehr. „Der Kalif muss in der Tat sehr weise sein“, sagte er. „Was du über ihn erzählst, hört sich sehr liebenwert an.“

Darüber freute ich mich sehr. Ich erhoffte mir auch von meinen Erzählungen, dass man mich auf ein Schiff zurückkehren ließ, damit ich meine Heimat wieder sehen konnte. Tatsächlich ließ der König ein wundervolles großes Schiff erbauen. Als es dann aber fertig war, sagte er zu mir: „Oh Sindbad, ich lasse dich nur so ungern gehen. Du bist mir so eine liebenswerte Gesellschaft gewesen.

Aber ich lasse dich frei entscheiden, denn du bist dein eigener Herr. Doch bedenke, dass ich dich so gerne an meiner Seite habe und deinen guten Rat brauche.“ Ich verneigte mich vor ihm.

„O Herr und König“, sprach ich zu ihm. „Ich weiß eure Freundschaft zu schätzen und habe dieses Land und natürlich auch euch sehr lieb gewonnen. Doch meine Zeit verrinnt, ich werde älter und älter und es überkommt mich der Wunsch, meine Heimat wieder zu sehen. Mein Herz sehnt sich nach all den Abenteuern nach Ruhe und Frieden.“

Und der König nickte und hatte Verständnis für mich. Zum Abschied beschenkte er mich mit Schätzen aus seiner Schatzkammer und gab mir auch ein wunderschönes Geschenk für den Kalifen Harun el Raschid mit.

Außerdem ließ er ihm ein Schreiben überbringen. In hellblauer Tinte war es auf dünne Haut geschrieben. Der König ließ ihm seinen Frieden und seine Anerkennung zuteil werden und bat ihn in aller Freundschaft, das Geschenk anzunehmen.

Das Geschenk bestand aus einem Becher reinen Rubins, der mit wunderschönen Perlen verziert war. Außerdem ließ er ihm ein Bett überbringen, das aus der Haut einer Schlange bestand. Diese Schlangenhaut war in der Lage, Krankheiten zu heilen. Zu dem Geschenk gehörten auch kostbare Edelsteine und indische Aloe.

Wir stachen in See. Die roten Segel trotzten dem Wind. Ohne Zwischenfälle erreichten wir Bagdad. Ich machte mich sofort auf den Weg zum großen Kalifen, legte ihm die Geschenke zu Füßen und überreichte ihm den Brief.

Der Kalif konnte kaum glauben, was er dort las. „Ist das alles wahr?“, fragte er mich. „Alles ist wahr“, sagte ich. „Er schätzt euch und verehrt euch, all diese Geschenke hat er euch überbringen lassen.“ „Erzähle mir von dem Land“, bat der Kalif.

Und ich erzählte von den Elefanten und von den Zinnen aus Edelstein. Ich berichtete von den Staatsumzügen, bei denen ein Thron auf einen Elefanten gestellt wird, auf dem sich der König niederlassen muss. Ich erzählte auch, dass ein Mann dem Umzug voraus geht, der einen Spieß trägt.

Und hinter ihm reiten viele Gefolgsleute auf edlen schnellen Pferden, und die Pferde sind in Goldbrokat und Seide gekleidet. Auch reitet ein Mann dem Zug voraus, der den König ankündigt.

Da rief der große Kalif: „Wie beneidenswert er ist.“ Und er wusste nicht, dass auch der König von Sarandib diese Worte über den großen Kalifen gesprochen hatte.

Dann erzählte ich allen, was sich auf der Reise zugetragen hatte. Und der Kalif ließ seine Schreiber meinen Bericht aufschreiben und ließ ihn zusammen mit den Edelsteinen in seiner Schatzkammer aufbewahren.

Dann ging ich in mein Stadtviertel zurück und betrat mein Haus. Dort verteilte ich Geschenke an meine Freunde und feierte ein großes Fest mit ihnen. Ja, meine Freunde, das ist die Geschichte meiner sechsten Reise. Morgen werde ich euch die Geschichte meiner siebten und letzten Reise erzählen, so Allah es will.

Und er ließ Sindbad dem Lastträger hundert Dinare reichen. Und als das Abendessen gegessen war, ging jeder seiner Wege. Am nächsten Morgen aber kam Sindbad der Lastträger wieder. Sindbad der Seefahrer wartete schon auf ihn. Sie aßen zusammen, und dann begann Sindbad der Seefahrer mit seiner Geschichte.

Die siebte Geschichte Sindbad des Seefahrers

Und dann, Freunde, wagte ich mich noch einmal hinaus auf die See. Nach all den Schiffsbrüchen und Todesängsten wollte ich einmal eine schöne Reise, eine Reise des Friedens machen, um diese Reisen als angenehme Erinnerungen für immer abzuschließen.

Aber Freunde, heute weiß ich, dass dieser Gedanke nur eine Selbsttäuschung war. Ich wollte mir nicht eingestehen, dass mich mein Leben zu langweilen begann, und mich die Lust auf ein Abenteuer, aber auch die Gier nach guten Geschäften erneut gepackt hatte.

So ging ich auf ein Schiff. Bei gutem Wind erreichten wir die Stadt Maedinat aes Sim. Es war eine interessante Stadt, und wir waren fröhlichen Herzens, als wir weiter segelten. Dann allerdings kam ein heftiger Wind auf, und ein Gewitter prasselte auf uns hernieder.

Wir wurden hin und her gerissen. Als wir versuchten, den Anker zu werfen, riss die Ankerkette und wir wurden ein Spielball des Meeres. Lange Zeit trieben wir über das Meer und verloren jede Orientierung.

Dann aber setzten sich der Kapitän, alle alten erfahrene Matrosen und der Steuermann zusammen und berieten, wo wir uns befinden könnten. Dann sprachen sie zu uns: „Nun endlich wissen wir, wo wir sind. Nach langer Überlegung haben wir es endlich herausgefunden.“

Da freuten wir uns. „Wie schön, Kapitän“, sagte einer der Reisenden. Doch da wurde der Kapitän sehr wütend. Er riss seinen Turban vom Kopf und trampelte auf ihm herum.

„Nein, nein, nein!“, schrie er. „Das ist überhaupt nicht schön. Im Gegenteil! Es ist so schrecklich, wie es nicht schrecklicher sein kann. Dieses verdammte Meer nämlich, über das wir fahren, wird das Meer der Königsgräber genannt.

Hier in der Mitte befindet sich das Grab des Königs Salomo, der Sohn Davis. Gepriesen ist zwar sein Name, aber verflucht sei das Meer. Es wimmelt hier von Fischen, die so groß sind, dass sie Menschen und sogar ein ganzes Schiff verschlingen können.

In der Tiefe wimmelt es außerdem von Seeschlangen. Das Verfluchteste aber sind die verfluchten Wirbelstürme, die so verflucht sind, dass man ihnen nicht entrinnen kann. Darum sage ich bei Satan: Verflucht noch mal.“

Da sagte ich: „Du brauchst nicht gleich so zu fluchen. Wir haben doch erst einen normalen Sturm, aber keinen Wirbelsturm.“ „Warte ab!“, rief der Kapitän. „Sie fangen immer so an.“ „Aber es ist auch gar kein Fisch oder eine Schlange zu sehen“, fuhr ich fort. „Natürlich nicht“, brüllte der Kapitän. „Sonst wärst du ja auch schon tot.“

Ich konnte die ganze Aufregung nicht verstehen und sprach zu den anderen Reisenden: „Dieser Kapitän ist etwas aufgeregt. Verzweifelt also nicht und gebt die Hoffnung nicht auf.“ Das machte den Kapitän sehr ärgerlich. „Glaubt, was ihr wollt“, rief er. „Aber wir sind im schrecklichsten Meer am schrecklichsten Ort der Welt. Nun kommt ein Sturm auf und wirbelt uns herum. Aber hofft ruhig weiter, es kann ja nicht schaden.“

Kaum hatte er das gesagt, wurde unser Schiff aus dem Wasser empor gehoben und wieder fallen gelassen. Wir schrieen alle laut. Dann beteten wir zu Allah, unsere sterbenden Seelen zu sich zu nehmen.

Jetzt plötzlich hörten wir einen Furcht erregenden Schrei. Er kam aus der Tiefe des Meeres. Und dann tauchte vor uns ein Fisch auf, der war so groß wie ein Berg. Neben ihm erschien nun ein zweiter Fisch, und der war das größte Wesen, das ich jemals in meinem Leben gesehen hatte. Neben ihm tauchte noch ein dritter auf, und der war größer als alle beide zusammen.

Alle drei umkreisten das Schiff. Und dann tat der riesengrößte Fisch sein Maul auf, um uns alle zu verschlingen. Wir schauten in sein Maul, das so groß wie ein Stadttor war. Bevor uns aber der Fisch verschlingen konnte, griff der Wirbelsturm nach dem Schiff. Er hob es empor und schleuderte es auf ein Riff.

Hier legte es sich auf die Seite und spülte mich über Bord. Das Schiff wurde aber erneut ins Meer gespült. Niemals erfuhr ich später, was aus meinen Freunden geworden war. Ich aber wurde von den Wellen an Land gespült.

Schiffsbrüchig lag ich am Strand und fühlte mich sehr elend. „Oh Sindbad“, sprach ich zu mir. „Nur weil du auf deine Gier nach Reichtum nicht verzichten kannst, gerätst du immer wieder in so eine schlimme Lage. Erst wenn du dich wirklich änderst, wirst du von deinem Leiden befreit werden.

Immer aber versprachst du, dich zu ändern, aber du tatest es doch nicht. So musst du nun alles ertragen, was Allah für dich an Prüfungen bestimmt hat. Du hast nur die Wahl, dein Schicksal zu ertragen oder für immer auf deine Gier zu verzichten.“

„Ich erkenne, dass ich falsch gehandelt habe, und dass all meine Situationen als Schiffsbrüchiger Prüfungen Allahs waren, um mich auf den rechten Weg zu bringen. Es tut mir wirklich Leid, dass ich so gehandelt habe, und ich werde mein Fernweh durch Weisheit, Güte und Gelassenheit zu überwinden wissen. Und ich will in Zukunft ein bescheidenes Leben führen und Allah im Himmel lieben und danken“, versprach ich inbrünstig.

Zwei Tage lebte ich in einem verödeten Gebiet, dann gelangte ich endlich an einen Fluss, der eine starke Strömung hatte. Da erinnerte ich mich an den Fluss in Sarandib, der mir das Leben rettete, und ich beschloss auch dieses mal, mir ein Floß zu bauen.

Wieder sammelte ich Holz von Bäumen, wunderbares Sandelholz, das es heute gar nicht mehr gibt, und flocht mir Seile aus Schlingpflanzen. Dann schob ich mein Floß in den Fluss. Lange Zeit plätscherte ich dahin. Die Landschaft zog an mir vorbei. Sie war fruchtbar und schön.

Dann aber hörte ich ein Tosen und musste feststellen, dass ich direkt auf einen Wasserfall zu steuerte. Das Land vor mir senkte sich, und ich stellte fest, dass ich auf einem Hochplateau war. Ich versuchte mein Floß anzuhalten, doch es war nicht mehr möglich. Die Strömung trieb es weiter auf die Tiefe zu.

Schnell nahm ich meinen Turban und band mich in fliehender Hast an dem Floß fest. So stürzten wir gemeinsam in die Tiefe. Ich hing an dem Floß und wurde im Wasser hin und her geschleudert. Wie Peitschenhiebe fühlte sich das an.

Als ich im Wasser versank, kam es mir vor, als versinke ich in eine Meerestiefe. Und dann wieder überschlug sich das Floß und zog mich mit sich. Halb ertrunken, halb erschlagen wurde ich wieder an die Oberfläche gespült. Ich öffnete die Augen und sah, dass das Floß noch heile geblieben war.

Unverletzt, aber erschöpft kletterte ich wieder hinauf und dankte Allah für seine Gnade. Dann aber ließ ich mich weiter treibe. Das Floß glitt durch die Landschaft. Jetzt traf ich auch auf Menschen. Sie warfen mir Seile zu, damit ich mich daran festhalten konnte, aber ich war zu schwach dazu.

Dann warfen sie ein Netz über das Floß und zogen mich an Land. Ich war nicht in der Lage, mich zu bewegen, fiel einfach um, als wenn ich tot wäre. Die Fremden stützten mich und brachten mich wieder auf die Beine.

Dann trat ein alter Mann aus der Menge der Fremden heraus. Er war Scheich und begrüßte mich und hieß mich willkommen. Dann ließ er mir ein Bad anrichten, kleidete mich neu ein und lud mich zum Essen ein. Hier erzählte ich ihm meine Geschichte.

Der alte Mann hatte eine hübsche junge Tochter, die mir gut gefiel. Sie war schön wie das Mondlicht über den Wäldern und wie es Sitte in dem Land ist, beteiligte sie sich eine Weile an der Unterhaltung, bis sie sich mit ihren Dienerinnen in ihre Frauengemächer zurückzog.

Ich sah ihr nach. Das bemerkte mein Gastgeber, und er sagte, seine Tochter gliche seiner Frau, die vor einigen Jahren verstorben sei. Sie sei die schönste Frau des ganzen Landes gewesen.

„Sie ist die schönste Frau, die ich je gesehen habe“, sagte ich. „Und sie wird genauso reich an Klugheit sein.“ Wir tranken zusammen Scherbet und machten uns Gedanken über das Leben und die Welt.

Ich blieb drei Tage im Haus des alten Mannes und seiner Tochter und hatte mich selten irgendwo wohler gefühlt. Am vierten Tag kam der Scheich zu mir und sprach: „Nun komme mit mir, damit du deine Waren verkaufen kannst, die meine Diener die ganze Zeit über bewacht haben.“

Ich war verwirrt. Welche Waren meinte der Mann? Er aber sagte: „Mein Sohn, wundere dich nicht. Komm einfach mit auf den Markt. Dann wirst du sehen, was ich meine. Wenn dir einer für deine Waren einen guten Preis bietet, nimm ihn an, wenn dir der Preis aber zu niedrig erscheint, kannst du deine Waren weiterhin im Lagerhaus lagern lassen.“

„Aber ja, da will ich dir nicht widersprechen, oh mein Herr“, sagte ich, aber ich wusste wirklich nicht, wovon er redete. Ich ging mit dem Scheich auf den Markt. Dort sah ich, wie sie mein Floß in alle Einzelteile zerlegt hatten und das Sandelholz zum Verkauf anboten.

Die Kaufleute eilten herbei und einer nach dem anderen bot einen guten Preis. Ich wartete, bis er eine Höhe von tausend Dinaren erreicht hatte. „Willst du nicht annehmen?“, fragte mich der Scheich verwundert. „Das Geschäft liegt in deinen Händen“, sagte ich.

Da sagte er: „Dann biete ich zweitausend Dinare und kaufe dein Sandelholz selbst.“ „In Ordnung“, sagte ich. „Es sei wie du willst.“ Die Kaufleute waren empört und gingen kopfschüttelnd davon.

Als der Scheich kam und mir elfhundert Dinare auszahlen wollte, freute ich mich zunächst über mein gutes Geschäft. Dann aber fielen mir meine guten Vorsätze wieder ein. Ich wollte doch nicht mehr Gut und Geld nachjagen, sondern das Leben an sich wichtig nehmen.

So sagte ich zu dem Scheich: „Oh edler Freund, ich wusste gar nicht, dass meine Hölzer so edel waren. Ich baute mir das Floß, um mir das Leben zu retten. Ich wollte auch nicht als reicher Mann nach Hause kommen, sondern mich frei von Gier und Geld machen. Darum bitte ich dich, lieber Freund, lass mich dir dieses Sandelholz zum Dank schenken.“

Er wollte aber mein Geschenk nicht annehmen, und ich wollte sein Geld nicht annehmen, und so ließen wir das Holz in Lagerhaus bringen und redeten nicht mehr davon. Aber ich blieb sein Gast und wohnte bei ihm. Dabei gewann ich seine Tochter von Tag zu Tag lieber. Groß war meine Angst, eines Tages von ihr Abschied nehmen zu müssen.

Eines Tages kam der alte Mann in mein Zimmer und begann zu sprechen: „Ich habe eine Tochter, die ich liebe, wie nichts anderes auf der Welt. Manchmal denke ich natürlich an ihre Zukunft, was aus ihr werden soll, wenn sie eines Tages nicht mehr bei mir wohnt.

Wenn ich richtig gesehen habe, hast du sie lieb gewonnen. Das habe ich gemerkt. Umso mehr wundert es mich, dass du darüber nicht mit mir sprichst. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass du ein Fremder bist oder ob du Angst hast, mir die Sonne meines Alters aus meinem Herzen zu nehmen, aber es verwundert mich. Darum bitte ich dich, sage, was dich bewegt.“

Ich habe in meinem Leben viele Abenteuer erlebt, aber jetzt war ich wie ein Jüngling. Ich errötete und sagte nur mühsam: „Ja, so ähnlich ist es wohl.“

Da lächelte der alte Mann. „Höre“, sagte er. „Du bist für mich wie ein Sohn. Wenn du also meine Tochter heiraten möchtest, so freue ich mich und gebe euch meinen Segen.“ Ich war zutiefst gerührt über diese Worte.

„Nur eine Bitte haben ich“, sagte der Mann. „Ich bin ein alter Mann und habe nicht mehr lange zu leben. In der Zeit, wo ich aber noch lebe, möchte ich dich bitten, mit meiner Tochter hier bei mir zu bleiben. Sollte ich gestorben sein, kannst du gerne mit ihr in deine Heimat zurückkehren, wenn du möchtest, oder auch hier bleiben, ganz wie du willst.

Und damit du deine Verpflichtung nicht als Last empfindest, sollst du mein Geschäft erben und mein Haus soll dir genauso gehören, wie mir. Ich weiß, dass wir keinen Streit um den Besitz haben werden, denn ich habe dein Verhalten bei der Sache mit dem Sandelholz nicht vergessen.“

Ich dankte ihm tausend Mal, lief dann zu seiner Tochter, schloss sie in die Arme und hielt um ihre Hand. Und bald darauf wurde unsere Hochzeit gefeiert. Es gab in diesem Land ebenfalls seltsame Bräuche, aber nicht der, dass man mit einem Menschen lebendig begraben wurde. Aber selbst wenn es das gegeben hätte, hätte es mich nicht davon abgehalten, diese wunderbare Frau zu heiraten.

Unser Leben war schön und zufrieden. Ich arbeitete im Geschäft meines Schwiegervaters, und führte es verantwortungsvoll, sodass wir ein gutes Einkommen hatten. Ich wurde sogar wegen meiner großen Erfahrung zum Vorsteher der Kaufmannschaft gewählt. Immer passte ich auf, niemanden zu schädigen und nicht an meine Gewinnsucht zu denken. Und gerade das führte zu großem Segen.

Je länger ich in dem Land wohnte und je besser ich die Bewohner kennen lernte, umso mehr wunderte ich mich über einige Dinge. Es gab Tage, an denen sich die Bewohner seltsam veränderten. An diesen Tagen kamen sie mit Vogelmasken auf die Straße, und aus ihren Schultern wuchsen Flügel. Mit diesen Schwingen gelang es ihnen, sich in die Lüfte zu erheben und als Vogelschwarm davon zu fliegen.

Mein Schwiegervater, der Scheich, zeigte sich überhaupt nicht verwundert, wenn so etwas geschah. Umso verwunderter fragte ich ihn, was das alles zu bedeuten hatte, doch er antwortete: „Oh rede nicht davon. Ich will davon nichts wissen.“

Da beschloss ich allein, dieses Geheimnis zu ergründen. Und als die Zeit kam, in der sich die Menschen verwandelten, ging ich zu einem Bekannten und sprach zu ihm: „Nimm mich mit auf euren Flug.“ „Das geht nicht“, antwortete er.

Doch ich bedrängte ihn immer wieder. Dann endlich stimmte er zu. Ich redete mit niemandem darüber. Als es so weit war, nahm mich der Bekannte auf seinen Rücken, und ich flog mit ihm davon. Fast hatte ich das Gefühl, den Engeln Allahs nahe zu sein. „Gelobt sei Allah“, rief ich laut.

Doch kaum hatte ich diese Worte ausgesprochen, da fuhr ein Feuer vom Himmel direkt zwischen uns. Um ein Haar hätte es uns erwischt. Die Fliegenden waren so wütend auf mich, dass sie sich auf mich stürzten, mich vom Rücken des Bekannten herunter rissen und mich hinunter warfen.

Es war ein Wunder, dass ich unverletzt blieb. Ich war in einen riesigen Heuhaufen gefallen. So erhob ich mich und versuchte, zurück zu wandern. Ich wanderte durch ein seltsames Gebiet, das mir anders als alles andere erschien, was ich bisher gesehen hatte.

Es war ein anders Licht hier, und hin und wieder bildete ich mir ein, Flöten zu hören. Fast erschien mir alles ein wenig unwirklich. Als ich an zwei riesigen Felsblöcken vorbei kam, traten zwei Jünglinge hinter den Felsblöcken hervor. Sie stützten sich auf zwei Wanderstöcke, die aus rotem Gold waren.

„Allah sei mit euch“, sprach ich. „Wer seid ihr, und was tut ihr hier?“ „Wir sind die Diener des Allerhöchsten, und wir wohnen hier im Gebirge“, berichteten sie. Dann reichten sie mir ebenfalls einen Stab aus Gold und gingen weiter.

Ich war höchst verwundert und wanderte weiter, dabei dachte ich ununterbrochen an die schönen Jünglinge. Nun veränderte sich die Landschaft. Marmorblöcke lagen herum und die schroffen Felsen hatten tiefe Höhlen. Plötzlich kam aus einer der Höhlen ein schlangenartiges Untier hervor. Es hielt einen Menschen in seinem riesigen Rachen. Der zappelte und lebte noch. Verzweifelt schrie er um Hilfe.

Da nahm ich meinen goldenen Stab und schlug der Schlange auf den Kopf. Erschrocken spuckte sie den Menschen aus. Dann drehte sie sich zu mir um. Aber ich nahm meinen Stab und stieß ihn ihr ins Maul. Dann zog ich ihn wieder heraus und schlug ihr damit auf den Schädel.

Verwirrt drehte sie sich herum und floh in ihre Höhle zurück. Der Mann aber, dem ich das Leben gerettet hatte, war nur leicht verletzt. Er danke mir für seine Rettung und blieb danach bei mir.

Gemeinsam gingen wir weiter, bis wir auf eine Gruppe von Menschen trafen, mit denen wir mitgingen. Ich aber sah genauer hin und erkannte in der Gruppe den Bekannten, der mich auf seinen Rücken genommen hatte. Auch die anderen waren bei ihm.

Da sprach ich zu ihnen: „Was in aller Welt ist in euch gefahren, mich zu nehmen und hinunter zu werfen. Ihr Wüteriche, ihr Fledermausbrut, ihr hättet mich umbringen können. Was habe ich getan, dass ihr mich so behandelt!“

Da trat einer auf mich zu und sagte: „Zähme deine Zunge! Nicht wir hätten dich umgebracht, du hast unser Leben leichtsinnig auf`s Spiel gesetzt. Was war in dich gefahren, als du auf dem Rücken Allah lobtest?“

„Was ist denn daran schlecht, den Höchsten und Allermächtigsten zu loben und zu preisen?“, fraget ich verwundert. „Wer das tut, ist des Todes“, sagten sie. „Aber ich lebe noch, wie ihr seht“, erwiderte ich.

Nun sprach niemand mehr ein Wort. Das war mir sehr unheimlich. Ich sagte zu meinem Bekannten: „Egal, was du getan hast, du kannst es wieder gut machen, wenn du mich zurück nach Hause bringst.“

„Ich kann es nur tun, wenn du mir versprichst, nie wieder den Namen Allahs auszusprechen, wenn du auf meinem Rücken sitzt“, antwortete er. Das versprach ich ihm. Ich schenkte dem Mann, dem ich das Leben gerettet hatte, meinen goldenen Stab. Dann nahm ich Abschied.

Mein Bekannter nahm mich auf den Rücken und brachte mich zurück zu der Stadt, aus der ich kam. Weinend kam mir meine Frau entgegen gelaufen. Ihr Vater, der Scheich, war in der Zwischenzeit gestorben, und nun wusste sie nicht mehr, ob sie sich über mein Wiedersehen freuen oder um ihren Vater trauern sollte.

Zu mir sagte sie: „Ich bitte dich, nie wieder mit den anderen auszuziehen. Was sie dort machen, ist das Werk des Teufels. Darum darf man auch in ihrem Beisein den Namen Allahs nicht erwähnen.“ „Wie war es euch möglich, unter diesen Menschen zu leben?“, fragte ich verwundert.

„Mein Vater kam als junger Mann und Fremder in dieses Land“, erzählte meine Frau. „Lange Zeit sah er diese Flugkünste, aber er wusste nicht, dass sie etwas Böses waren, und die anderen verrieten es ihm nicht. Mein Vater bemerkte es irgendwann, aber er redete nicht mit ihnen darüber.

Es leben ja eigentlich freundliche Menschen hier, und das Fliegen kommt nur zu wenigen Zeiten über sie. Da mein Vater aber aus einem Land geflohen war, in dem ein böser Tyrann herrschte, blieb er hier.

Zuerst versuchte er, die Einwohner von den Taten abzubringen, aber sie wollten es nicht. So konnte er sich nur gegen sie schützen, weil Allah ihm gnädig war. Mein Vater zog sich immer mehr in sein Haus zurück, denn er war zu alt, um fort zu gehen. Aber er setzte sich dafür ein, dass andere Menschen, die an Allah glaubten, in unserer Stadt kamen und hier blieben. Doch es gelang ihnen niemals, die andere von ihrem Teufelswerk weg zu bekommen.“

„Ich will nicht länger hier bleiben“, sagte ich. „Dein Vater hat mir gesagt, ich sei nach seinem Tode frei, fort zu gehen, und so bitte ich dich, meine Liebe, mit mir nach Bagdad zurück zu kehren.“

Wir verkauften Haus und Geschäft und stiegen auf ein Schiff. Dann fuhren wir in einer friedlichen Reise ohne Sturm und Schiffbruch nach Bagdad zurück. Wie staunten da meine Freunde, dass ich wieder da war. Ich gab allen Menschen zu Ehren ein großes Fest und verteilte den Besitz unter den Armen, wie ich es Allah versprochen hatte.

Meine Freunde konnten es nicht glauben, mich gesund wieder zu sehen. Ich war doch viele Jahre weg gewesen. Nun aber war ich als neuer Sindbad wieder heimgekehrt. Ich strebte nicht mehr nach Geld und Gier, ich lebte in Ruhe und Frieden und ließ Wärme und Freundlichkeit in mein Herz.

Dieses hier ist also die letzte Geschichte meiner Reise. Das heißt, genau genommen ist es die vorletzte Geschichte, denn die letzte Geschichte steht uns noch bevor. Es ist die Reise in Allahs Reich, wenn wir heimfahren zu ihm.

Du, Sindbad der Lastträger, verstehst, was für Umwege ich gehen musste, bis mir diese Weisheit zuteil wurde. Mein Haus und mein schöner Garten, die Tiere und Blumen sind dazu da, mein Herz friedlich zu stimmen.

Du siehst auch, wie viele Lasten ich zu tragen hatte, bis ich zu der Erkenntnis kam. Es muss nicht nur der Reiche daran denken, dem Armen abzugeben von seinem Überfluss, es muss auch der Arme bedenken, dass der Reiche nicht glücklich in seinem Glanze und Besitze lebt, und wenn beide das gesehen haben, haben beide ein Stückchen von Allahs Mantel erfasst. So können wir alle in Frieden in dieser Welt leben, die voll Wunder und Schrecken ist.

Das alles sprach Sindbad der Seefahrer. Da verneigte sich Sindbad der Lastträger vor ihm und bedankte sich. Sie wurden Freunde für`s Leben und trafen sich noch oft in dem schönen Haus mit den schönen Gärten.

Dies alles erzählte Scheherazade. Wieder war ein Tag vergangen und der Morgen graute. Da sprach der König: „Die Geschichte von Sindbad dem Seefahrer war wirklich beeindruckend. Doch ich glaube nicht, dass er durch Einsicht zu so einer Bescheidenheit gelangte.

Es ist leicht, bescheiden zu werden, wenn man alles gehabt hat, wenn man Geld und Schätze besaß und wenn man die Welt bereist hat. Was aber ist, wenn man zu Hause blieb und die Welt nicht kennen lernte.“

Da lächelte Scheherazade und sprach: „Erhabener König, es ist nicht immer nötig, weit über das Meer zu fahren. Einsicht erlangen können wir überall. Hier im Haus genauso wie im Land der Drachen oder auch auf dem Markt dort drüben.“

Der König war immer noch beeindruckt von ihrer Geschichte. „War sie auch wirklich wahr?“, wollte er wissen. „Man sagt, sie ist wahr“, erwiderte Scheherazade. „Die Welt ist voller Wunder, und so sind viele Geschichten der Reisenden voller Kostbarkeiten.

Doch im Grunde sind sogar die Märchen wahr. Es ist nicht wichtig, ob es Zwerge oder Riesen gibt, wichtig ist, welche Wahrheit sie uns mit ihrer Geschichte erzählen wollen. Egal, ob sie sich auf fernen Inseln im Ozean zutragen oder in der nächsten Umgebung im Wald. Sie sind Schätze der Weisheit, früher und heute.

Ich kenne eine Geschichte von Ali Baba, der war kein Weltreisender, sondern Holzfäller. Dazu war er ein Träumer. Trotzdem fand er Schätze, die aus Gold und auch aus Weisheit bestanden.“ „Ich sehe schon, dass du eine neue Geschichte weißt“, sagte der König. „Aber pass bloß auf, dass sie mich nicht langweilt.“ Dann ging er hinaus.

Als er am nächsten Abend wieder kam, fragte er: „Wie war das mit dem Holzfäller und den Schätzen.

Und Scheherazade erzählte.

Die Geschichte von Ali Baba und den vierzig Räubern

In einer Stadt in Persien lebten einst zwei Brüder. Sie hießen Kasim und Ali Baba. Als eines Tages ihr Vater starb und heim ging in Allahs Reich, hinterließ er ihnen sein Hab und Gut. Dies war nicht viel, denn ihr Vater war nicht besonders reich, doch es reichte aus, eine Grundlage für ein Leben zu bieten.

Die beiden Brüder teilten ihr Erbe gerecht in zwei Teile. Doch so recht waren sie nicht zufrieden, denn sie träumten von Reichtum und Glanz und einem guten Leben. So gaben sie ihr weniges Erbe schnell aus und wurden arm.

Kasim, der Gierigere von beiden, machte es sich einfach. Er heiratete ein dickes wohlhabendes Mädchen, das sehr reich war, und wurde, als der Vater des Mädchens plötzlich starb auf die Art und Weise selbst wohlhabend. Glücklich aber wurde er nicht. Denn statt sich über sein schönes Leben zu freuen, sorgte er sich darüber, er könne wieder arm werden, und so wurde er geizig.

Ali Baba verhielt sich anders. Er lief dem Glück nicht hinterher und so hatte er es schwer, doch sein fröhliches Herz bescherte ihm ein glückliches Leben. Er heiratete ein Mädchen, das sehr schön war, doch war sie ärmer noch als er selbst.

So lebten die beiden in einer ärmlichen Hütte. Ali Baba verkaufte Holz, das er in den Wäldern schlug und mit seinem Esel zum Markt trug. Doch er blieb seinem Charakter treu, war fröhlich, verträumt und fest davon überzeugt, dass es ihm eines Tages besser gehen würde.

Nicht allzu fleißig, aber von guten Träumen begleitet, zog er mit seinem Esel über staubige Straßen. Auf einem Mal kam ihm Reiter entgegen. Sie ritten im scharfen Galopp und waren schwer bewaffnet. Ali Baba erschrak, denn es gab in dieser Gegend viele Räuber im Wald, die ihr Unwesen trieben. Unerschrocken fürchteten sie nicht Tod nochTeufel.

Ali Baba hatte keine Möglichkeit, zu flüchten, und so versteckte er seinen Esel im Gebüsch, kletterte selbst auf einen Baum und versteckte sich zwischen den Zweigen. Durch die Äste beobachtete er das Geschehen.

Neben dem Baum stand ein Felsen. Die Reiter ritten nun direkt auf den Felsen zu und sprangen von den Pferden. Ali Baba beobachtete sie aus seinem Versteck in der Höhe des Baumes und konnte sehen, dass es wirklich Räuber waren.

Vierzig Räuber waren es. Sie schienen eine Karawane überfallen zu haben, und sie planten, ihr Diebesgut in einem Versteck in Sicherheit zu bringen. Zu dem Zweck banden sie ihren Pferden die Vorderfüße aneinander. Danach nahmen sie ihnen die Satteltaschen ab. Ali Baba erkannte, dass die Taschen mit Gold und Silber gefüllt waren.

Einer der Räuber schien der Hauptmann zu sein. Er hatte eine schwere Satteltasche auf der Schulter und schritt durch die Dornen hindurch auf den Felsen zu, an eine bestimmte Stelle. Dann rief er die Worte: „Sesam öffne dich!“

Im selben Augenblick erschien ein Tor im Felsen, und die Räuber öffneten es und gingen hinein. Der Hauptmann trat als letzter in den Felsen hinein. Dann schloss sich die Tür. Lange blieben die Räuber in der Höhle.

Ali Baba unterdessen traute sich nicht, sich zu rühren. Er hatte Angst, dass die Räuber in dem Moment aus der Höhle kamen, wenn er von seinem Baum hinunter kam, und dann konnte er sich sicher sein, von ihnen erschlagen zu werden.

Und dann erschien das Tor wieder im Felsen. Zuerst kam der Hauptmann heraus. Einzeln ließ er seine Männer nach sich heraus treten und zählte sie. Dann sagte er die Zauberworte: „Sesam schließe dich!“

Danach schloss sich das Tor. Der Hauptmann musterte seine Räuber eindringlich, dann legten sie ihre leeren Satteltaschen auf die Pferde, entfesselten sie und ritten im wilden Galopp davon.

Als Ali Baba das Gefühl hatte, dass ihm keine Gefahr mehr drohte, kletterte er vom Baum herunter. „Eine seltsame Sache ist mir begegnet“, dachte er bei sich. „Aber vielleicht ist es genau die Gelegenheit, auf die ich immer gewartet habe. Denn vielleicht öffnet sich die Höhle ja auch in dem Moment, wenn ich das Zauberwort spreche.“

So ging er ebenfalls durch die Dornbüsche auf den Felsen zu und sprach mit lauter Stimme: „Sesam, öffne dich!“ Da erschien erneut das Tor im Felsen und öffnete sich. Und Ali Baba trat in diese seltsame Höhle.

Diese Höhle war riesengroß und wurde von einem seltsamen Licht beleuchtet, das aus einer Wand zu kommen schien. Es war genauso seltsam, wie die Tatsache, dass sich ein Fels zur Seite bewegte.

Die Höhle sah nicht wie eine Höhle aus, sondern wirkte wie eine Zaubergrotte, die von einem Menschen erschaffen war. Es gab dort wunderschöne Tücher und Teppiche, Seide und Leder, Gefäße aus Gold und Silber und Töpfe, die mit Münzen gefüllt waren. Ambra und Aloe, Safran und Sandelholz aber auch Edelsteine wie Smaragde und Saphire, Korallen, Hyazinth, Türkise und Amethyste gab es hier.

Die funkelnden Schätze hatten kein Ende. Ali Baba ging von einem zum anderen und konnte es nicht glauben. Wie viele Diebe waren hier zusammen gekommen, um diesen Berg an Beute zusammen zu tragen? Ein unaussprechlicher Reichtum lag hier.

Als Ali Baba alles gesehen hatte, sprach er zu Allah: „Oh Allerhöchster, erleuchte mein verwirrtes Herz. Ich habe in meinem ganzen Leben nicht das kleinste Kupferstückchen gestohlen, nicht einmal ein Steinchen. Aber ist es Diebstahl, wenn man etwas stiehlt, das schon gestohlen worden ist?

Letztendlich ist es gar nicht schlecht, wenn ich die Diebe bestehle. Die Diebe werden sowieso nicht merken, dass ihnen etwas fehlt, und meiner Frau und mir würde schon ein keines Beutelchen Edelsteinchen zum Glück verhelfen.

Und wenn die Räuber doch merken, dass ihnen etwas gestohlen wurde, so ist es auch nicht schlimm. So spüren sie, wie es ist, wenn man bestohlen wird. Und sie merken, dass jeder Mensch seinen Raub verliert, wenn er Unrecht dadurch getan hat.“

Er überlegte weiter. „Was ist mit mir?“, dachte er sich. „Wem nehme ich etwas weg?“ Und er kam zu der Einsicht: „Diese Beute kann nur von reichen Menschen kommen. Und denen täte es auch gut, wenn sie uns Armen von ihrem Reichtum abgäben. So schadet es nichts, Diebe zu schädigen. Mir jedenfalls würde ein bisschen Reichtum gut bekommen.“

So beschloss er, nicht allzu viel zu nehmen. Nur einen Sack Goldmünzen nahm er und lud sie auf seinen Esel. Dann legte er Hölzer und Reisig darüber und ging nach Hause zu seiner Frau. Er rief nach ihr, und als sie erschien, schüttete er seinen Sack mit Goldstücken auf den Boden, dass es nur so klirrte. Dabei lachte er laut.

Seine Frau war entsetzt. „Ali Baba, was in Allahs Namen hast du getan?“ rief sie. „Du stehst hier und lachst, wie ein Irrer. Bist du jetzt völlig verrückt geworden? Bist du unter die Räuber gegangen?“

Wieder schüttelt sich Ali Baba vor Lachen. „Genau das bin ich!“, rief er. „Ich bin unter vielen Räubern gewesen und in einer Räuberhöhle.“ „Oh weh“, rief seine Frau verzweifelt. „Was sollen wir tun? Bist du wirklich ein Dieb geworden?“

„Aber nein, meine Liebe, beruhige dich“, rief Ali Baba nun. „Ich bin zwar ein Dieb, aber es ist ein ehrlicher Diebstahl.“ Und dann erzählte er ihr die ganze Geschichte. Seine Frau war ganz außer sich vor Freude und begann sofort, die Goldstücke zu zählen.

„Das lohnt sich nicht, sie zu zählen“, sagte Ali Baba. „Das sind viel zu viele.“ „Aber ich will doch wissen, wie reich wir sind“, rief seine Frau. „Dann besorge eine Waage, damit wir sie wiegen können“, schlug Ali Baba vor. Und als seine Frau loslaufen wollte, eine Waage zu besorgen, rief er ihr nach: „Aber erzähle niemandem von unserem Schatz, hörst du?“

Seine Frau lief zu Ali Babas Schwägerin, der Frau seines Bruders Kasim. „Willst du die große oder die kleine Waage haben?“, erkundigte sie sich. „Die große“, rief Ali Babas Frau, verbesserte sich dann aber schnell und sagte: „Eigentlich ist es ganz egal. Gib mir die, die du übrig hast.“

„Wozu brauchst du die Waage?“, fragte Kasims Frau. „Nur so“, antwortete Ali Babas Frau. Da wurde Kasims Frau sehr neugierig. Heimlich mischte sie eine Mischung aus Wachs und Talg und strich sie unter die Waage, damit etwas unter der Waage hängen bleibt und Ali Baba verraten würde.

Ali Baba bemerkte nichts, nahm die Waage, bedankte sich und ging wieder nach Hause. Zu Hause wog er das Geld. Dann grub er eine Grube im Garten und sang ein Lied dabei. Er war unendlich glücklich über das viele Geld.

Dabei nahm er sich vor, niemandem über die Höhle zu erzählen und sein Geld nur nach und nach auszugeben, damit niemand seinen Reichtum bemerkte. Denn wenn er etwas verriet, würden andere nur etwas davon abhaben wollen oder ihn wie einen Dieb behandeln, und das wollte er nicht.

So vergruben seine Frau und er das Geld, dann ging Ali Baba los, um Wein und Essen für ein schönes Abendessen zu kaufen. Unterdessen brachte seine Frau die Waage zurück. Sie bedankte sich bei Kasims Frau und lief schnell nach Hause.

Dabei bemerkte sie nicht, dass einige kleine Goldmünzen am Wachs der Waage hängen geblieben waren. Karims Frau aber sah es sofort und sie holte ihren Mann. „Schau nur, was sie gewogen haben“, rief sie aufgeregt. „Echtes Gold. Ich aber frage dich, woher haben diese armen Menschen Gold? So viel Gold sogar, dass sie eine Waage brauchen, um es abzuwiegen.“

„So ein Quatsch“, winkte Karim ab. „Viel kann das nicht gewesen sein.“ Doch seine Frau betrachtete die Münzen genauer. „Es sind alte Münzen“, stellte sie fest. „Und darum sind sie von hohem Wert. Ich glaube, Karim, wir haben uns von den beiden blenden lassen. Sie haben uns immer die armen Verwandten vorgespielt, haben sich Kleider ausgeliehen und in Wirklichkeit sieht es ganz anders bei ihnen aus. Das wundert mich im Übrigen nicht. Sie und ihre leichfertige Tochter wackeln nur allzu gern mit ihrem Hinterteil, wenn sie etwas haben wollen.“

„Rede nicht so über meine Familie!“, rief Karim empört. Denn auch wenn er geizig war und manchmal herzlos wirkte, schätzte er doch seine Familie hoch. Doch seine Frau ließ das nicht gelten. „Oh, du Torfkopf, du Elefant an Torheit. Merkst du nicht, was hier gespielt wird? Du zählst dein Geld, dein Bruder aber wiegt es.

Und was hat das zu bedeuten? Ist nicht dein Bruder vielleicht schon zehnmal reicher als du? Und meinst du, er hat das Geld durch Holzhacken und Reisig sammeln bekommen? Vielleicht hat er sich ja längst mit den Räubern und Wegelagerern zusammengeschlossen. Jedenfalls kannst du die Augen nicht davor verschließen, dass er viel Geld hat.“

So redete sie auf ihn ein und schürte sein Misstrauen. In einer schlaflosen Nacht überkam ihn Misstrauen und Neid. Und so machte er sich am nächsten Tag früh auf den Weg zu seinem Bruder und fragte ohne Umschweife: „Ali Baba, ich bitte dich, sage mir die Wahrheit. Du gibst vor, arm zu sein, doch in Wirklichkeit bist du sehr vermögend. Woher hast du deinen Reichtum?“

Ali Baba versuchte, auszuweichen. „Ich weiß nicht, wovon du redest“, sagte er. Doch Karim ließ diese Ausrede nicht gelten und erzählte ihm von dem Trick mit der Waage. Da sah Ali Baba ein, dass er keine Ausrede mehr verwenden konnte und erzählte seinen Bruder unter dem Siegel der Verschwiegenheit von der Höhle und den vierzig Räubern.

Neidisch und mit großen Augen hörte Karim zu. Dann wollte er unbedingt erfahren, wo die Höhle war und wie das Zauberwort lautete, um herein gelassen zu werden. Das aber wollte ihm Ali Baba nicht verraten.

„Bruder, wenn du es mir nicht verrätst, werde ich dich bei den Behörden anzeigen“, rief er. „Und wenn du dann auch noch schweigst, werden sie dich wie einen Dieb in den Keller werfen. Und wenn du es ihnen verrätst, werden sie loslaufen, und sich das Geld holen.“

Da kam Ali Babas Frau dazu. Sie hatte das Gespräch mit angehört. „Pfui über dich, Karim“, sagte sie. „Das will ein Bruder sein, der seinen eigenen Bruder bei den Behörden anzeigt.“ „Weiber haben zu schweigen“, empörte sie Karim. „Mit dem Schwerte sollen sie dich erschlagen“, entgegnete Ali Babas Frau voller Verachtung.

Aber Ali Baba hatte nun Angst bekommen und so beschrieb er seinem Bruder den Weg zu der Höhle und nannte ihm das Zauberwort. Karim war von Geld und Gier getrieben. Er ließ zehn Maulesel mit Kisten und Säcken beladen und zog mit ihnen in den Wald.

Dann fand er die Felswand, stellte sich davor und rief: „Sasam öffne dich!“ Das Gold und die Reichtümer, die er nun zu sehen bekam, verschlugen ihm fast die Sprache. Verzückt wühlte er in den Edelsteinen, streichelte den goldenen Schmuck und ließ die goldenen Münzen auf den Boden klirren.

Er wusste nicht, was er sich zuerst nehmen sollte und legte sich bald dieses, bald jenes an die Seite. Schließlich hatte er so viel an die Seite gelegt, wie er auf zehn Maultieren kaum transportieren konnte. Er rieb sich die Hände und drehte sich zur Tür.

„Simsam, öffne dich!“, sagte er. Doch es geschah nichts. Kasim trat der Schweiß auf die Stirn. Verzweifelt versuchte er, sich an das Lösungswort zu erinnern, doch der viele Schmuck hatte sein Gedächtnis verwirrt.

„Samson oder Simson, oder wie auch immer – bitte öffne dich“, rief er unruhig. Doch immer noch schwebte die Felswand nicht zur Seite. Kasim überlegte weiter, versuchte es dann mit „Sisal öffne dich“, und probierte danach alle möglichen Pflanzennamen durch.

„Kichererbse, öffne dich!“ Und dann noch einmal „Lilie, öffne dich“, und weiter „Klatschmohn, geh schon auf!“ aber auch „Gurke, mach die Tür auf!“ Es tat sich nichts. So versuchte er es ein letztes Mal mit „Spinat, öffne dich!“, danach aber sank er ratlos neben die Tür.

In dem Moment vernahm er draußen ein Geräusch. Es hörte sich wie das Klappern von Hufen an. Zur Mittagszeit nämlich waren die Räuber auf dem Weg zur Höhle gewesen und hatten die zehn Maultiere davor vorgefunden. „Räuber!“, rief einer von ihnen. „Man versucht uns zu bestehlen!“

Sofort zog der Räuberhauptmann sein Schwert und sprang vom Pferd. Er sprach die Zauberworte und trat in die Höhle. Nun stand er Kasim direkt gegenüber. Kasim ahnte, dass er verloren war, doch er ergriff seine letzte Rettung, erhob eine Kürbisflasche und ließ sie auf den Kopf des Räuberhauptmannes hernieder fallen.

Grunzend sank der Hauptmann nieder. Doch schon war der nächste Räuber zur Stelle. Wieder schlug Kasim zu und wieder sackte der Räuber zusammen. Nun war der nächste an der Reihe, dann der nächste, dann der nächste. Es war ein Wunder, dass die Kürbisflasche nicht zerbrach.

„Lange halte ich das nicht mehr aus“, dachte Kasim verzweifelt. „Es ist ganz schön anstrengend, vierzig Räuber zu erschlagen. Und gleich wird der Eingang mit zusammen geschlagenen Räubern verstellt sein.“ So entschloss er sich, zu fliehen.

In dem Moment, wo ein weiterer Räuber auf ihn zusprang, stürzte er an der Reihe der Banditen vorbei ins Freie. Der Plan war gut, doch Allah wollte es anders mit seinem Schicksal. Vielleicht lag es daran, dass Ali Babas Frau ihm am Morgen zuvor gewünscht hatte, er solle mit dem Schwerte erschlagen werden. Denn ein großer Räuber trat mit dem Schwert auf ihn zu und schlug ihm mit einem Streich den Kopf ab.

Kasim starb mit den Worten „Sesam öffne dich“ auf den Lippen. Die übrigen Räuber eilten nun zu dem Hauptmann, der immer noch am Boden lag und richteten ihn auf. Er fluchte wie ein Kesselflicker. „Oh Hauptmann, sei froh, ich habe den Räuber erschlagen“, rief der Bandit seinem Hauptmann zu.

Wieder fluchte der Hauptmann. „Hättest du ihn bloß am Leben gelassen“, jammerte er. „Dann könnten wir herausfinden, woher er das Geheimnis mit der Höhle kannte.“ „Ja wirklich“, sagten nun auch die anderen. „Wir hätten ihm auch gerne einen mit der Flasche übergebraten. Dann weiß er mal, was er uns angetan hat. So ein Streich mit dem Schwert geht doch viel zu schnell und schmerzlos.“

Der Hauptmann aber nahm Kasims Leiche, durchsuchte sie und legte sie dann wie eine Warnung neben die Schätze. Dann verließen alle die Höhle, nahmen die Maulesel und ritten in schneller Jagd davon.

Kasims Frau aber wartete in großer Ungeduld auf ihren Mann, und als er nicht kam, schaute sie bei Ali Baba vorbei und teilte ihm ihre große Sorge mit. Der aber tröstete sie und sagte, sein Schwager habe sicherlich nur einen Umweg nach Hause gewählt, um von niemandem bemerkt zu werden. Getröstet ging sie wieder nach Hause.

Doch als ihr Mann auch nach Stunden nicht auftauchte, wurde sie immer unruhiger. „Es ist alles meine Schuld“, jammerte sie. „Warum musste ich ihn nur in diese Sache hinein treiben. Ich war so gierig nach Geld und Reichtum, dass ich sogar Ali Baba und seine Frau schlecht gemacht habe. Nun hat mich Allah sicher dafür bestraft.“ Und sie schlug die Hände vor das Gesicht und wartete weiter voller Angst und Ungeduld.

Als dann der Morgen heran brach, machte sie sich erneut auf den Weg zu Ali Baba und seiner Frau. Voller Angst bat sie ihn, sich auf die Suche nach ihrem Mann zu machen. Ali Baba war sofort dazu bereit. Er nahm einen Esel und machte sich auf den Weg. Doch als er vor der Höhle Spuren sah, die auf einen Kampf hindeuteten, bekam er doch große Angst.

Mit klopfendem Herzen trat er vor den Felsen und sagte: „Sesam öffne dich.“ Der Felsen schwebte an die Seite und Ali Baba sah zu seinem Entsetzen den enthaupteten Leichnam Kasims direkt vor sich liegen. Es grauste Ali Baba, doch obwohl sein Herz voller Angst und Erschrecken war, breitete er ein Tuch aus, legte den toten Bruder dort hinein und lud ihn auf den Esel. Dann legte er Holz und Reisig über ihn, damit ihn niemand erkennen konnte.

Tief traurig ging er mit seinem Esel durch den Wald zu Kasims Frau. Sie kam ihm schon an der Tür entgegen, blass vor Angst. Als sie sah, was ihr Ali Baba brachte, brach sie weinend zusammen. Eine Sklavin aber, die Mardschana hieß, bettete Kasims Überreste auf ein Lager und stimmte mit Ali Baba gemeinsam ein Totengebet an.

„Beeile dich, Mardschana, bereite eine Beerdingung vor“, rief Kasims Frau weinend. Mardschana war Ali Baba schon früher aufgefallen, denn sie war nicht nur besonders schön, sie zeigte sich auch in vielen Situationen von großer Klugheit.

„Es ist nicht klug, eine Beerdigung durchzuführen, bei der der Leichnam ausgestellt wird, wie es bei uns Sitte ist“, sagte sie. „Viele werden nach dem Grund fragen, warum die Leiche so hingerichtet ist. Und dann wird man entweder Kasim für einen Räuber halten, der beim Einbruch in einer Höhle umkam, oder man wird vermuten, dass er einem Verbrechen zum Opfer fiel und nach dem Mörder suche. Dann aber können wir uns der Rache der Räuberbande gewiss sein.“

„Woher weißt du von der Höhle und der Räuberbande“, fragte Ali Baba beunruhigt. „Man weiß vieles, wenn man als Sklavin im Hause lebt“, erklärte Mardschana. „Aber seid unbesorgt, ich habe es niemandem weiter erzählt.“

„Recht hast du mit deiner Überlegung“, gab Ali Baba zu. „Wir können Kasim wirklich nicht beerdigen, wie es bei uns Sitte ist. Doch können wir ihn auch nicht einfach im Wald verscharren. Er ist mein Bruder und das ist seiner nicht würdig.“

Da hatte Mardschana eine Idee, die sie Ali Baba erzählte. Er war von dieser Idee ganz angetan. „Genau so machen wir es“, sagte er. Und dann ging er zu seiner Frau, die schon ängstlich auf ihn wartete, und erzählte ihr alles, und gemeinsam beweinten sie den Toten.

Mardschana aber lief in eine Apotheke und kaufte Hima-Saft, ein Heilgift. Der Apotheker schüttelte verwundert den Kopf. „Ist jemand so krank bei euch, dass er dieses Mittel braucht“, erkundigte er sich. Mardschana nickte. „Kasim, mein Herr ist schon lange schwer krank, und wir befürchten das Allerschlimmste.“

Da reichte ihr der Apotheker noch einen anderen Saft. „Gebt ihm auch noch diesen Saft“, riet er. „Auf mich wirkte Kasim immer ein wenig gallenkrank, und so kann er durch diese Entzündung auch einer Gallenkrankheit entgegen wirken.“

Mardschana nickte und lief davon. Hin und wieder kam sie danach bei der Apotheke vorbei und erzählte, dass es ihrem Herrn und Gebieter immer noch nicht besser ginge, und der Apotheker, der ein geschwätziger Mann war, erzählte es allen weiter. Und den Menschen, denen er es weiter erzählte, erzählten es abermals weiter, und bald rechnete jeder in der Stadt mit seinem Tode.

Am selben Abend noch ging Mardschana in das Haus des Schneiders Baba Mustafa. Er war ein alter und etwas sonderlicher Mann, aber ein Meister seines Faches. Über ihn wurde erzählt, dass er sehr geldgierig war und für Geld jede auch noch so absonderliche Tätigkeit annähme. Zudem war er aber trotzdem ein frommer Mann.

Zu ihm ging Mardschana und bat ihn, gegen gutes Geld ein gutes Werk zu tun. „Aber gerne, verschleierte Unbekannte“, erwiderte Baba Mustafa. „Ich tue zu gerne gute Werke, besonders dann, wenn sie gut bezahlt sind.“ „Das sind sie ganz gewiss“, entgegnete Mardschana. „Doch lass uns den Spaß, dir die Augen zu verbinden.“

Der Alte kicherte. „Was für ein Späßchen hast du denn mit einem alten Mann vor“, wunderte er sich. „Keine Spielchen“, erwiderte Mardschane. „Es ist Ernst. Hier, nimm zehn Goldstücke und betrachte sie als Anzahlung. „Zehn Goldstücke? Das ist doch nicht zu fassen!“, rief der Alte aus. „Da sehe ich schon, dir ist es wirklich Ernst damit. Nun gut, ich bin dabei. Besonders dann, wenn es um ein gutes Werk geht.“

So verband Mardschana ihm die Augen und führte ihn auf Umwegen zu Kasims Haus. In Kasims Haus nahm sie ihm die Binde von den Augen und zeigte auf Kasims Kopf, der abgetrennt neben dem Rumpf lag.

„Deine Aufgabe soll es sein, diesen Kopf wieder an den Körper zu nähen“, sagte sie. Der Schneider trat misstrauisch zurück. „Wer ist das und wie ist das passiert?“, fragte er. „Frage nicht“, entgegnete Mardschana.

„Ist ein Verbrechen geschehen?“, wollte der Schneider wissen. „Nein, nein“, entgegnete Mardschana. „Nun denn, will ich mich ans Werk machen“, sagte der Schneider. „Zwar bin ich ein Tuchschneider und kein Menschenschneider, doch auch das wird mir wohl gelingen.“

Lange wählte der Schneider Zwirn und Nadel, dann machte er sich ans Werk. Als er fertig war, zahlte Mardschana ihm eine weitere Summe Geld aus und begleitetet ihn dann mit verbundenen Augen einen langen Umweg zurück. „Wenn du noch einmal einen solchen Auftrag hast, ein Beinchen oder ein Öhrchen anzunähen, denk an mich“, sagte der Schneider, als er zu Hause war.

Als Mardschana nach Hause zurückkam, kleidete sie Kasim in ein Totenkleid und band ihm ein Tuch um den Hals, so dass die Naht nicht zu sehen war. Nun konnte die Beerdigung stattfinden. Man stimmte in Totengesänge ein, erzählte von der schweren Krankheit und dann setzte sich der Trauerzug in Bewegung. Die Witwe Kasims, Ali Baba und seine Frau sowie Nachbarn und Freunde folgten dem Zug zum Friedhof.

Dann saßen sie noch lange im Trauerhaus zusammen und trösteten die arme Witwe. Sie konnte sich von diesem Schlag nicht erholen, wurde schließlich auch krank und starb ebenfalls.

Ali Baba erbte das Haus und wurde auch durch die Goldstücke zum reichsten Mann der Stadt. Doch richtig glücklich wurde er darüber nicht, denn das Geld war ja auch mit dem Tod seines Bruders verbunden, und das bedrückte ihn sehr.

Auch die Tatsache, dass noch immer vierzig Räuber in der Stadt hausten, nahm ihm hin und wieder den Schlaf und er fürchtete ihre Rache.

So war all sein Glück mit Bitterkeit erfüllt. Aber mit Ali Baba zog auch ein neuer fröhlicher Geist in Kasims Haus ein, denn auf die Dauer siegte immer wieder Ali Babas fröhliches Herz und seine Heiterkeit. Was er anfing, gelang ihm, und so wurde er ein angesehener und beliebter Mann.

Er war immer ein großzügiger Mann gewesen, doch jetzt, wo er reich war, gab er von seinem Geld ab und dachte an die Armen. Mardschana blieb bei ihm und blieb neben seiner Frau seine liebste Ansprechpartnerin und Lebensgefährtin. Und obwohl um Ali Baba herum immer auch Gefahr schwebte, herrschte doch auch Fröhlichkeit und Friede.

Unterdessen waren die Räuber auf der Lauer. Sie wussten, dass es jemanden gab, der ihr Geheimnis kannte, und sie setzten alles daran, denjenigen zu finden. Jeden Tag stellten sie Wachposten an die Höhle, weil sie hofften, der Unbekannte würde wieder kommen und sich mehr Geld und Gold aneignen, doch die Rechnung ging nicht auf. Ali Baba hatte genug Reichtum erworben, nach mehr strebte er nicht.

Die Räuber aber versammelten sich und der Räuberhauptmann hielt eine Rede. „Ich bin furchtbar wütend!“, rief er. „Jawohl, furchtbar wütend“, erwiderten die Räuber wie aus einem Munde. Das machte den Hauptmann noch viel wütender. „Ihr Maulaffen, wisst ihr denn überhaupt, warum ich so wütend bin?“, fragte er. „Nein!“, antworteten die Räuber wie aus einem Munde.

„Ich bin so furchtbar wütend, weil wir immer noch nicht wissen, wer in unsere Höhle eingedrungen ist“, rief der Hauptmann nun. „Vierzehn Tage und Nächst sind vergangen…“ „Vierzehn Tage und Nächte…“ „Und wisst ihr, was bis dahin geschehen ist?“ „Nein!“, riefen die Räuber wie aus einem Munde. „Nichts!“, brüllte der Hauptmann. „Es ist überhaupt nichts geschehen. Wir wissen nicht, wen wir geköpft haben und wir wissen nicht, wer den Leichnam aus der Höhle holte.“

„Wir wissen es nicht“, echoten die Räuber im Chor. „Und so lange, wie es noch jemanden auf der Welt gibt, der von dieser Höhle weiß, sind wir in Gefahr“, fuhr der Hauptmann fort. „In Gefahr“, ergänzten die Räuber.

„Darum meine Genossen ist es höchste Zeit, dass wir den Täter erwischen. Es muss unser unerschütterlicher Wille sein, den herauszufinden, der uns diese Schätze raubte. Wozu haben wir uns diese Mühe gemacht, eine Karawane nach der anderen zu überfallen. Und warum haben wir reichen Kaufleuten das Geld abgeluchst? Doch nicht, damit irgendein hergelaufener Mensch daher kommt, um es uns wieder anzunehmen.“

„Nein“, schrieen die Räuber. „Das darf nicht sein.“ „Darum“, rief der Hauptmann, „muss nun gehandelt werden. Und zwar mit großer Härte.“ Alle schwiegen. Nur der Schlagetot, der nie begriff, wenn die Rede zu Ende war, rief noch einmal: „Bravo. Wir erwischen ihn.“ Doch dann verstummte er verlegen.

Sie berieten sich eine Weile lang. Dann überlegten sie, einen von ihnen als Kaufmann verkleidet in die Stadt zu schicken und nachzufragen, ob jemand gestorben und sogar geköpft worden sei. So hoffte man, eine Spur zu erhalten.

Der klügste der Räuber zog hinaus in die Stadt. Er ging auf den Marktplatz, und begegnete dort dem Schneider Baba Mustafa. Er war der einzige, der an dem Morgen schon auf war und arbeitete.

„Es ist noch dunkel am frühen Morgen, und du bist schon fleißig“, sagte der Räuber zu ihm. „Ich staune, wie du erkennen kannst, wohin du deine Nadel führst.“ Baba Mustafa lächelte. „Ich bin zwar ein alter Mann, aber meine Augen sind scharf wie die eines Jünglings. Ich kann erkennen, ob ich einen Hals oder eine Hose nähe.“

Der Räuber wurde aufmerksam. „Einen Hals“, fragte er. „Du meinst wohl ein Halstuch?“ „Wenn ich Hals sage, meine ich Hals und nicht Halstuch“, erwiderte der Schneider verärgert. Der Räuber lachte laut. „Wahrscheinlich bist du ein Halsabschneider, dass du das so sagst, was?“, vermutete er.

Der Schneider wurde sehr verärgert. „Ich weiß nicht, warum du versuchst, mich zu beleidigen. Denn wenn du es genau wissen willst, habe ich vor kurzem eine Leiche so zusammen geflickt, dass man ihr nicht ansehen konnte, dass man ihr den Kopf abgeschlagen hatte.“ Da wurde der Räuber sehr aufmerksam.

„Erzähle, Schneider“, sagte er. „Deine Geschichte interessiert mich.“ Doch der Schneider schüttelte den Kopf. „Nicht jedem hergelaufenen Halunken erzähle ich meine Geschichte“, sagte er.

Da zog der Räuber einen Taler aus der Tasche. „Du musst es nicht kostenlos tun“, sagte er. Und der Schneider steckte das Geld ein und erzählte die ganze Geschichte, wie sie sich zugetragen hatte. Der Räuber hörte gespannt zu.

„Wie schade, dass man dir die Augen verbunden hatte“, sagte er. „So nutzt du mir nichts. Denn du könntest das Haus nie wieder finden, in dem du gearbeitet hast.“ „Ich glaube, du unterschätzt mich“, entgegnete der Schneider. „Bei ein paar ordentlichen Goldstücken könnte ich mein Gedächtnis wohl erinnern.“

Der Räuber lachte. „Reichen drei Goldstücke?“ „Fünf.“ „Ich biete vier.“ „Einverstanden.“

Baba Mustafa ließ sich nun die Augen verbinden, wie damals, als Mardschana bei ihm gewesen war. „Sind deine Absichten auch gut?“, erkundigte sich Baba Mustafa unsicher. „Darauf kannst du dich verlassen“, erwiderte der Räuber.

Da war der Schneider erleichtert. Und dann ging er los. Er verließ sich auf sein Gefühl und sein Gehör. Und als er schließlich stehen blieb, sagte er: „Hier ist es.“ Er war vor Kasims Haus angelangt. Der Räuber malte mit weißer Kreide ein Zeichen an die Tür. „Oh Baba Mustafa“, sagte er dann. „Nun sage mir noch, wer in diesem Haus wohnt.“

„Das weiß ich wirklich nicht“, erwiderte der Schneider. „Wenn du das wissen willst, musst du mir noch weitere Goldstücke zuschustern.“ „Was bist du für ein gieriger Mensch“, empörte sich der Räuber. „Glaubst du, ich bin ein ehrlicher Mann? Geh nach Hause, sonst nehme ich sie dir alle wieder weg.“

Der Schneider schüttelte verwundert den Kopf. „Du hörst dich wie ein Räuber an“, sagte er verwundert. Der Räuber erschrak. „Was denkst du denn von mir“, rief er. „Ich bin ein Kaufmann.“ „Was geht es mich an“, erwiderte der Schneider. Er drehte sich um und ging seiner Wege. Dabei war er froh, dass er auf so leichte Art und Weise sein Geld verdient hatte. Der Räuber aber hatte es eilig, zu seinen Kumpanen zurück zu kommen.

Kurze Zeit später aber trat Madschena aus dem Haus, um Einkäufe zu machen. Sie erblickte das Kreidezeichen an der Tür uns wusste sofort, dass sich jemand dort ein Zeichen gemacht hatte. Zuerst wollte sie es wegwischen, dann aber entschied sie sich anders. Sie malte an alle Türen der Umgebung diese Zeichen. Dann aber vergaß sie die Sache wieder.

Der Hauptmann aber, der von seinem Räuber über das Kreidezeichen erfuhr, freute sich sehr darüber. Er ging sofort los und geriet in die Gegend, in der auch Ali Baba lebte. Als er das Zeichen an der Tür sah, wunderte er sich, denn er sah, dass alle Türen in der Umgebung dieses Zeichen hatten. Da rief er seinen Räuber zu sich.

„Was soll das?“, fragte er. „Wer ist der Mann, der den Schneider zu sich gerufen hat?“ Der Räuber blickte um sich und sah das Kreidezeichen überall. Da war er sehr verwirrt. „Ich verstehe das nicht“, sagte er. „Ich schon“, erwiderte der Hauptmann verärgert. „Du Sohn eines Esels. Komm Morgen zu mir. Ich werde dich auspeitschen lassen.“

„Es war doch eine gute Idee“, erwiderte der Räuber verwirrt. „Sie war nicht gut genug“, antwortete der Hauptmann. Und er tat, wie er angekündigt hatte. Er ließ alle vierzig Räuber um sich versammeln. Dann ließ er den Räuber vorbringen und ließ ihn auspeitschen. Und alle hatten ihren Spaß daran.

„Wer von euch will nun in die Stadt gehen und es besser machen?“, fragte er dann. „Wer es schafft, wird hoch belohnt, wer es aber nicht schafft, wird doppelt bestraft.“ Niemand meldete sich. Dann schließlich trat ein junger Mann vor, der bereit dazu war. Er aber hatte auch keine besseren Ideen, als Baba Mustafa zu fragen, der ihn wieder mit verschlossenen Augen vor die Tür führte.

Der Räuber aber kam sich besonders klug vor. Mit roter Kreide machte er ein anderes Zeichen an die Tür. Zufrieden stellte er fest, dass sie anders war, als die anderen Zeichnungen. So kehrte er zu den anderen Räubern zurück. Wieder aber trat Mardschana aus dem Haus. Ihrem scharfen Blick entging das rote Zeichen nicht. So malte sie das rote Zeichen an alle Häuser der Umgebung.

Der Räuber aber kehrte zufrieden zu seinem Hauptmann zurück. „Bei aller Bescheidenheit muss ich darauf hinweisen, dass ich einer der klügsten und umsichtigsten Räuber der Welt bin“, sagte er. „Ich habe ein rotes Zeichen hinterlassen.“

Die anderen Räuber murrten über diese Angeberei, doch der Hauptmann wies sie zurecht. „Lasst uns los gehen und das rote Zeichen suchen“, sagte er. Doch als sie in der Straße ankamen, sahen sie, dass überall ein rotes Zeichen zu sehen war.

Der Hauptmann tobte vor Wut, und er ließ dem Räuber die versprochene doppelte Tracht Prügel verabreichen. Die Kumpanen machten das nur zu gerne. Dann sagte er: „Offensichtlich habe ich es mit einem Haufen von Idioten zu tun. Ich muss wohl alles selbst machen.“

Und so ließ er sich als arabischer Perlenhändler verkleiden, nahm ein Schwert und ging los. Auch er ging zu Baba Mustafa, ließ ihm gegen Geld die Augen verbinden und sich zum Haus Kasims führen. „Ich finde, ich habe mehr als nur ein paar Goldstücke verdient“, sagte Baba Mustafa dann. „Seit Tagen bieten mir deine Freunde an, meine freundliche Liebenswürdigkeit sei viel mehr Wert, und so bitte ich dich, den Lohn an mich zu erhöhen.“ „Pass auf, dass du keinen Tritt vor mir bekommst!“, zischte der Räuberhauptmann verärgert. Baba Mustafa zuckte über so viel Unhöflichkeit die Achseln und zog von dannen.

Der Hauptmann aber machte keinen Kreidestrich an das Haus, sondern behielt es einfach in seinem Gedächtnis. Als er zu seinen Räubern zurückkehrte, rief er:„Auf auf, ihr nichtsnutziges Pack! Ich weiß jetzt, wo derjenige wohnt, der unser Geld genommen hat. Aber lasst uns nicht das Haus stürmen, sondern unauffällig zu ihm vordringen.

Geht darum auf den Markt und kauft zwanzig Esel und mannshohe Krüge voller Senföl, außerdem aber auch Krüge, in denen gar nichts ist. Jedem Esel sollen nun zwei Krüge aufgebunden werden. In dem einen befindet sich das Senföl, in dem anderen verbirgt sich einer von uns.

Ich werde mich als Ölhändler verkleiden und die Karawane anführen. Dann werde ich bitten, in diesem Haus übernachten zu können und die Maultiere in seinen Stall stellen zu können. Nachts dann gebe ich euch ein Zeichen. Dann sollt ihr aus den Krügen herausklettern. Ihr dürft das Haus plündern, so viel ihr wollt und dazu Lärm machen, dass die ganze Stadt zusammen läuft. Danach nehmen wir uns unser ganzes Geld und Gold zurück und verstecken uns in der Höhle.“

Die Räuber versprachen, sich an den Plan zu halten. Wie besprochen, versteckten sie sich in den Krügen. Das war ziemlich schwierig, denn die Krüge waren eng. Dann, als es Abend wurde, trieb der Hauptmann als afrikanischer Ölhändler verkleidet durch den Ort. Als er Ali Babas Haus erreichte, war dieser gerade draußen im Garten.

Mit einem leidenden Gesicht lehnte sich der Hauptmann gegen die Gartentür und seufzte. Ali Baba grüßte freundlich und der Hauptmann grüßte zurück. „Ich bin mit einer Ladung kostbaren Öls unterwegs“, erzählte der Ali Baba. „Jetzt ist es aber so spät, dass ich es nicht mehr auf dem Markt verkaufen kann.“

„Du hast Recht“, nickte Ali Baba freundlich. „Es ist wirklich spät geworden.“ „Das Problem ist“, erzählte der Räuberhauptmann, „dass alle Herbergen ausgebucht sind. So weiß ich gar nicht, wo ich übernachten soll. Sag, mein Freund, weißt du eine Herberge für mich?“

Ali Baba überlegte einen Moment lang. „Wäre es vielleicht möglich, eine Nacht in deinem Haus zu verbringen und meine Esel in deinem Stall unterzustellen?“, fragte er weiter. „Allah wird es dir danken.“

Ali Baba überlegte weiter. Irgendwo hatte er diese Stimme schon einmal gehört. Er versuchte, sich zu erinnern, aber es wollte ihm nicht wieder einfallen. Und durch die Verkleidung erkannte er den Räuberhauptmann nicht.

So ließ er den Fremden willkommen heißen, wie es die Gastfreundschaft verlangt. Er ließ seine Sklaven rufen und bat, die Tiere in die Ställe bringen zu lassen und zu versorgen. Dann ordnete er an, dem Gast ein schönes Mahl zu bereiten.

In aller Freundlichkeit empfing Ali Baba den Gast, aß mit ihm und redete mit ihm, doch der Gast wirkte unfreundlich, fast barbarisch. So verlief der Abend ungemütlich. Später verabschiedete sich der Hauptmann, um in den Stall zu gehen und nach seinen Tieren zu sehen.

„Höret zu!“, flüsterte er seinen Räubern zu. „Ihr müsst euch noch eine Weile gedulden. Wenn es nach Mitternacht ist, werde ich euch rufen und dann schlagt mit euren Messern zu, wen immer ihr erwischen könnt. Das wird ein wundervolles Gemetzel werden.“

„Wird auch Zeit“, murmelten die anderen. „Es wird allmählich ungemütlich.“ Nur einer von ihnen war eingeschlafen und schnarchte laut vor sich hin. Wütend schlug der Hauptmann mit der Faust gegen den Krug. „Willst du wohl leise sein, du Schnarcher!“, rief er verärgert. Dann wurde es ruhig.

Mardschana bereitete das Nachtlager des Fremden. Dann stellte sie ihm einen Nachttrunk bereit. Als sie hörte, wie der Fremde in seinem Zimmer verschwunden war, war sie plötzlich voller Unruhe. Sie ging vor das Haus und wanderte durch den Garten.

Als sie ins Haus zurückkam, sah sie, dass das Öl in den Lampen verbraucht war, und sie suchte nach neuem Öl. Dabei erwachte Ali Babas Frau, denn auch sie hatte in dieser Nacht einen unruhigen Schlaf.

Als sie aus ihrem Schlafzimmer trat, begegnete sie Mardschana. „Mardschana, was ist mir dir? Was geisterst du hier herum?“, fragte sie beunruhigt. „Ach“, seufzte Mardschana. „Es ist so eine unheimliche Nacht. Und ausgerechnet heute sind alle Lampen erloschen und kein Öl ist zu finden.“

„Kein Grund zur Beunruhigung“, entgegnete Ali Babas Frau. „Nimm welche aus den Krügen des Ölhändlers. Wir werden ihn morgen dafür bezahlen.“ „Das ist eine gute Idee“, erwiderte Mardschana. Und sie trat in den Stall, um Öl aus einem Krug zu holen.

Als sie an den ersten Krug herantrat, hörte ein Räuber sie. Er dachte, es sei der Hauptmann und fragte darum: „Ist es soweit, Hauptmann?“ Mardschana fuhr ein riesengroßer Schrecken in die Glieder. Doch sie fasste sich schnell und entgegnete: „Nein, noch ist es nicht soweit. Wartet noch.“

Dann lief sie schnell aus dem Stall. Zuerst überlegte sie, die große Axt zu holen, mit der Ali Baba früher als Holzfäller gearbeitet hatte. Dann aber sah sie ein großes Fass Öl, das sie vergessen hatte. Sie trug das Öl in einem großen Kessel in die Küche und erhitzte es. Dann lief sie damit in den Stall und goss es in die Krüge, in denen die Räuber saßen. Sie starben einer nach dem anderen im Schlaf, ohne auch nur einen Schrei von sich gegeben zu haben.

In wenigen Minuten war das schaurige Werk getan. Mardschana ging in ihr Zimmer, warf sich auf ihr Bett und fiel in einen traumlosen Schlaf. Und es war für sie, als sei das alles nur ein schrecklicher böser Traum.

Gegen Mitternacht aber, als alles schlief, erwachte der Hauptmann und schlich, so leise er konnte in den Stall. Er klatschte in die Hände und gab den Befehl, zu morden, aber niemand rührte sich. Da wurde der Hauptmann sehr wütend. Er klatschte in die Hände und rief:

„Auf, ihr Faulpelze, aus euren Verstecken heraus. Zieht eure Messer und schneidet alle Gurgeln durch, die ihr finden könnt.“ Immer noch aber rührte sich niemand.

Voller Wut trat der Hauptmann nun gegen die Krüge. Als immer noch niemand heraus kam, griff er hinein, um den Räuber an den Haaren herauszuziehen. Das heiße Öl verbrannte seinen Arm und er stieß auf die verbrannte Leiche seines Kumpanen.

Der Hauptmann erschrak zutiefst. Er untersuchte einen Krug nach dem anderen und fand überall die gleiche schaurige Tat vor. Da überkam ihn große Angst. Er fürchtete, das gleiche Schicksal erleiden zu müssen und rannte hinaus in die Nacht.

Mardschana aber erwachte aus ihrem Schlaf und sie erinnerte sich an alles, was geschehen war. Voller Schrecken fiel ihr ein, dass sich der Räuberhauptmann noch im Haus befand. Und sie schlich in sein Zimmer. Doch sie fand sein Bett leer. Da sah sie, dass der Fremde geflohen war. So ging sie in ihr Schlafzimmer zurück und fiel erneut in einen tiefen Schlaf.

Ali Baba aber erwachte erst spät am Morgen. Zuerst ging er ins Badhaus und verbrachte dort eine Zeit. Als er zurückkam, bemerkte er, dass der Fremde noch nicht zum Markt gezogen war. Verwundert wandte er sich an Mardschana.

„Wieso ist der Fremde immer noch bei uns?“, fragte er. „Es ist jetzt die beste Zeit, seine Geschäfte auf dem Markt zu tätigen.“ „Oh Herr“, flüsterte Mardschana. „Viel ist in dieser Nacht geschehen. Doch was sich in dieser Nacht zutrug, kann ich dir nur unter vier Augen erzählen.“

Da ging Ali Baba mit ihr in den Hof und sie führte ihn zu den Krügen und bat ihn, hineinzuschauen. Das tat Ali Baba, und er erschrak zutiefst. „Bei Allah!“, rief er. „Was ist geschehen? Was hast du getan, Mardschana?“

„Freue dich, oh Herr“, entgegnete Mardschana. „Ich habe diesen Mann und seine Räuber getötet und uns allen damit das Leben gerettet.“ Und sie erzählte die ganze Geschichte in allen Einzelheiten. Ali Baba schüttelte sich.

„Oh, welch dunkle Seele musst du in dir haben, schöne Mardschana“, sagte er. „Nicht dunkler als der Strick des Henkers, den sie alle verdienen“, entgegnete Mardschana. „Und vergiss nicht, oh Herr, ich tat es nur für dich.“

„Das weiß ich doch, Mardschana“, entgegnete Ali Baba. „Du bist eine tapfere Gefährtin und eine mutige Frau. Du hast mit deinem Tod an vierzig Räubern unser aller Leben gerettet. Und doch sind auch Menschen gestorben, und das ist auch immer schrecklich, auch wenn es Räuber waren. Und auch wenn es nötig war, sie zu töten und uns zu retten.“

Mardschana nickte und senkte den Kopf. „Ich bin deine Sklavin Herr“, sagte sie. „Und wenn ich etwas Falsches getan habe, bestrafe mich dafür.“ Aber Ali Baba umarmte sie. „Du bist die tapferste und treuste Frau, die ich kenne, Mardschana“, sagte er. Da weinte sie sehr.

Ali Baba betrachtete die Krüge nachdenklich. „Was sollen wir damit tun?“, fragte er. Mardschana fasste sich. „Wir dürfen niemandem davon erzählen“, sagte sie. „So sei es“, sagte Ali Baba. „Wir werden die Esel mit den Krügen in den Wald treiben und die Menschen dort vergraben.

Und wenn uns jemand fragt, was wir tun, so erzählen wir ihm, wir würden die Esel zu dem Fremden bringen, der schon vorausgegangen ist. Und dass wir ihm helfen, weil er überall fremd ist.“ Dabei lachte Ali Baba über seine eigenen Worte.

„Er wird es noch ganz schön mit der Angst bekommen, dieser schreckliche Schurke“, sagte er dann. „Er hat nun seine Kumpanen nicht mehr an seiner Seite.“ „Nun möchte ich dich warnen, nicht zu leichtfertig zu denken“, sagte Mardschana dann. „Wir haben zwar seine Kumpel beseitigt, aber der Mann bleibt doch gefährlich, wie dreizehn Tiger und neununddreißig Krokodile. Wenn er auf dich trifft, wird er dich bestimmt töten.“

„Das kann wohl sein“, entgegnete Ali Baba, „Aber ich werde immer sterben, wenn Allah es möchte.“ „Du sprichst sehr weise, Herr“, sagte Mardschana. „Aber es wäre doch schön, wenn du ein bisschen aufpasst.“

Dann nahmen sie die Esel und trieben sie zur Tür heraus. Sie hatten Glück. Niemand begegnete ihnen. Im Wald gruben sie eine tiefe Grube aus und warfen die Räuber hinein. Dann deckten sie Moos darüber, und man konnte der Erde nicht ansehen, dass sich darunter etwas verbarg.

„Ich werde nun mit den Eseln in die Stadt gehen und sie verkaufen“, schlug Mardschana vor. „Das möchte ich nicht“, entgegnete Ali Baba. „Sie gehören mir nicht und ich möchte mich nicht an ihnen bereichern.“ Das verstand Mardschana. Darum nahmen sie den Eseln das Zaumzeug ab und warfen es in einen Teich. Dann trieben sie die Esel in den Wald.

Zu Hause merkte niemand von den Vorgängen. Der fremde Ölhändler war fort und man dachte, er wäre weiter gereist. Und nach kurzer Zeit vergaß man den fremden Besuch. Nur Mardschana befürchtete die Rache des Fremden und sorgte sich um Ali Baba und seine Familie. Der aber hatte den Vorfall schon vergessen.

Der Räuberhauptmann aber irrte durch den Wald. Er war längst nicht mehr der Alte. Sein Gesicht war bleich geworden und seine Hände zitterten. Immer wieder dachte er an den Vorfall und zitterte dabei vor Wut. Er wusste nur eine Lösung: Er wollte Ali Baba umbringen.

Denn ihm war auch klar, dass Ali Baba das Zauberwort für die Höhle kannte. Und er war sich auch sicher, dass Ali Baba eines Tages wiederkommen würde, um weitere Schätze aus der Höhle zu rauben. Vielleicht würde Ali Baba auch eines Tages in die Höhle kommen, und ihn umbringen.

Solche Gedanken schossen ihm täglich durch den Kopf, während er in seiner Höhle saß und sein Geld und Gold hütete. Da saß er nun voller Wut auf den Feind und überlegte, wie er ihn töten könnte. Und wenn er dabei dachte, wie sein Messer Ali Babas Brust durchstieß, fühlte er Lust und Vergnügen in sich aufsteigen.

Dann aber zwang er sich, seine Rachelust beiseite zu schieben und einen klaren Plan zu schmieden. Erst wollte er Ali Baba töten und danach die Höhle für immer verlassen, um in der Stadt unterzutauchen. Dann wollte er versuchen, eine neue Räuberbande zu gründen, um mit ihnen zusammen neue Kaufleute zu überfallen.

Am nächsten Tag ließ er sich die Haare und den Bart kürzen und färbte sein Gesicht mit braunem Nussöl ein. Dann sah er sich lachend im Spiegel an, und in seinem Gesicht bleckten sich die Zähne.

Jetzt zog er in die Stadt. Er wollte erfahren, wie man über die Räuber sprach. Dabei stellte er sich vor, dass alle die Geschichte von den Räubern schon gehört hatten und die Menschen Ali Baba als den Sieger feierten.

So ging er in eine Wirtschaft, trank ein Bier und fragte den Wirt: „Was sind das für komische Dinge, die man sich hier in eurer Stadt erzählt?“ „Was meinst du?“, fragte der Wirt überrascht. Er überlegte einen Moment lang. „Ach so“, sagte er dann. „Du meinst wohl die Geschichte von dem Banausen, der dem Konditor den Kuchen stahl?“

„Aber nein“, erwiderte der Räuberhauptmann. „Ich meine diese andere Geschichte.“ „Ach, meinst du die Geschichte auf dem Pferdehof, als Omar das Messer zog.“ „Ja, die meine ich“, sagte der Räuberhauptmann, der nun endlich verstanden hatte, dass man die Geschichte von Ali Baba und den Räubern nicht kannte. Nun musste er sich von dem Wirt eine lange und langweilige Geschichte anhören.

Und während der Wirt endlos weiter erzählte, wurde dem Hauptmann klar, dass Ali Baba nichts von seiner Geschichte weitergegeben hatte, sondern im Gegenteil die Räuber heimlich irgendwo verscharrt haben musste. Und dass jemand, der so etwas tat noch geheimnisvoller und gefährlicher als eine Schlange sein musste.

So vermischte sich sein Hass mit Furcht und wurde größer und größer. Und der Räuberhauptmann mietete einen Laden und brachte dort hin Tuch aus seiner Höhle, das er zum Verkauf anbot. Er ordnete alles wie ein richtiger Kaufmann, setzte sich dann vor den Laden und hielt nach Kunden Ausschau.

Schon nach wenigen Tagen hatte er sich einen guten Kundenstamm erworben und durch seine neue Höflichkeit erwarb er sich hohes Ansehen. In diesen Tagen lernte der Hauptmann auch einen Verwandten Ali Babas kennen. Er hieß Abdullah und war ein netter junger Mann.

Ali Baba und Abdullah waren einander nahe, denn sie waren ähnlich vom Charakter, hatten beide ein fröhliches Gemüt. Auch äußerlich sahen sie einander ähnlich. Beide hatten sanfte Augen und weiche Locken, doch Abdullah konnte, wenn man ihn reizte, wild wie ein Leopard werden.

Auch Abdullah hatte kein einfaches Leben gehabt. Er war ein armer Holzfäller gewesen, doch während Ali Baba hier versucht hatte, sein Glück zu machen, war Abdullah in die Welt gezogen. Viel hatte er in der Fremde erlernt, nur der Reichtum war nicht eingetreten. So war er immer noch bescheiden an Gütern, als er in seine Heimat zurückkehrte.

Ali Baba, der nach Kasims Tod viel Geld geerbt hatte, bot seinem Verwandten Unterstützung an, der aber hatte es abgelehnt, und sich so nach und nach ein wenig Reichtum selbst erarbeitet. Ali Baba betrachtete seinen Verwandten mit großer Achtung, der aber vergaß die Hilfsbereitschaft seines Verwandten nie.

So besuchte Abdullah Ali Baba sehr gerne. Nicht nur die Freundschaft der beiden Männer war der Grund, es lag auch an Mardschana, der schönen Sklavin. Abdullah liebte und schätzte diese schöne und kluge Frau und liebte es, in ihrer Nähe zu sein.

Auch Mardschana schien ihn gerne zu mögen. Doch sie blieb zurückhaltend, denn ihr Herz und ihre Treue gehörten einzig und allein Ali Baba, ihrem Herrn. Doch sah sie wohl, dass Ali Babas Herz allein an seiner Frau hing. Abdullah dagegen erinnerte sie an Ali Baba. Das verwirrte sie noch mehr, besonders dann, wenn die beiden zusammen standen und in der gleichen Weise miteinander scherzten.

Abdullah war auch der junge Mann, den der Räuberhauptmann kennen lernte. Sie beide hatten einander viel zu erzählen, denn sie waren beide weit gereist. Abdullah durch seine Wanderfahrten, Kwadschah Hassan durch sein Räuberleben. So plauderte Abdullah gerne mit dem Fremde, auch wenn er ihm immer ein bisschen düster erschien, und er hin und wieder daran zweifelte, ob der Fremde wirklich mit Tüchern handelte und wirklich so reich war.

Eines Tages saßen der Räuberhauptmann und Abdullah wieder zusammen, als Ali Baba Abdullahs Laden betrat. Der Hauptmann zuckte zusammen, als er Ali Baba erblickte, denn er erkannte ihn sofort. Ali Baba dagegen erkannte sein Gegenüber nicht. Er war nun bartlos und braun und nicht wie früher bärtig und bleich.

Ali Baba unterhielt sich eine Weile mit den Beiden. Dann ging er wieder. Kaum war er gegangen, fragte der Hauptmann und bemühte sich dabei, seine Stimme unter Kontrolle zu haben: „Wer war dieser Mann? Ist er Kaufmann, wie ich? Er interessiert mich sehr.“

„Das war Ali Baba, mein Vetter, ein äußerst liebenswerter und reicher Mann, der von allen Menschen geschätzt wird.“„Dein Vetter?“ Der Hauptmann war nun wirklich verblüfft. „Genau“, erwiderte Abdullah. „Mein Vetter und mein väterlicher Freund, bei dem ich oft zu Gast bin.

Er war einst ein armer Holzfäller, bis er reich wurde. Niemand weiß, warum. Und dann erbte er auch noch das Vermögen seines Bruders. Dazu erbte er auch noch Mardschana, die schönste und klügste Sklavin des Morgenlandes.“ „Interessant“, entgegnete der Hauptmann. „Ich würde ihn zu gerne einmal kennen lernen. Er war mir auf den ersten Blick sympathisch.“

„Das kann ich verstehen“, erwiderte Abdullah. „Du hast einen guten Blick für Menschen. Nichts ist einfacher für mich, als dich mit ihm bekannt zu machen. Er ist sehr gastfreundlich und wird dich sicher gerne einladen.“

Als Abdullah beim nächsten Mal bei seinem Vetter zu Gast war, erzählte er ihm von Kwadschah Hassan. Er schilderte ihn als reichen und weit gereisten Händler, der mit schönen Tüchern, Brokaten und Teppichen handele. Ali Baba war gern bereit, den Mann kennen zu lernen.

Als Kwadschah Hassan dann bei Ali Baba zu Gast war, aß und trank man fröhlich miteinander. Ali Babas Frau erstrahlte in schönem Glanz und zog alle Aufmerksamkeit auf sich. Auch Mardschana war zu Gast, doch hing sie an Abdullahs Lippen und achtete wenig auf den Fremden. Den hatte sie hinter seiner Verkleidung nicht erkannt.

Der Hauptmann fühlte sich an diesem Abend nicht besonders wohl. Er musste immer wieder an die Nacht denken, in der seine Kumpel gestorben waren. Und immer wieder überkam ihn die Rachsucht. Heimlich streichelte er unter seinem Gewand seinen scharfen Dolch.

„Bald ist die Stunde der Wahrheit gekommen“, dachte er sich. „Da werden sich die Weiber zurückziehen und dann werde ich die beiden Männer erlegen, die jetzt noch so fröhlich lachen und essen. Ich werde zuerst Ali Baba den Dolch in den Rücken stoßen, dann, wenn Abdullah versucht, ihm zu Hilfe zu kommen, werde ich ihm die Kehle durchschneiden.“

Es überkam ihm jedoch Unbehagen, wenn er an das Haus dachte. Jetzt erzählte Ali Baba gerade eine lustige Geschichte, zu der alle herzlich lachten. Schnell, um nicht aufzufallen, lachte der Hauptmann laut mit. Bei diesem Lachen zuckte Mardschana zusammen. Sie erinnerte sich, dass sie das Lachen schon einmal gehört hatte, konnte sich aber nicht erinnern, wo das gewesen war.

Aber sie beschloss, den Fremden nicht aus den Augen zu lassen. Dann, als es soweit war, dass sich Ali Babas Frau zurückziehen wollte, sagte sie: „Ich bin noch so wach. Es ist so ein wunderschöner Abend. Zu gerne würde ich einmal für die Gäste tanzen, wie ich es früher schon einmal getan habe.“

Alle waren sehr verwundert, doch Abdullah rief begeistert aus: „Oh ja, Mardschana, tanze für uns. Das ist eine wunderbare Idee!“

Alle waren angetan von dieser Idee, nur der Hauptmann knirschte innerlich mit den Zähnen. Und er beschloss, seinen Plan zu ändern, und Ali Baba und seinen Vetter während des Tanzes umzubringen. Mit den Frauen würde er dann ein leichtes Spiel haben.

Unterdessen ging Mardschana in einen anderen Raum, um sich fertig zu machen. Sie rief eine andere Sklavin zu sich, die die Schellentrommel schlagen sollte. Dann kleidete sie sich mit einem Schleiergewand an. Darunter aber versteckte sie einen messerscharfen Dolch.

Dann traten Mardschana und die Sklavin in den Raum zurück und begannen, zu tanzen. Sie tanzte so wunderschön, dass sie alle in den Bann zog. Ihr biegsamer Körper bog sich graziös in alle Richtungen. Und dann, als Ali Baba eine lustige Bemerkung machte und Kwadschah Hassan herzlich lachte, fiel es Mardschana wie Schuppen von den Augen und sie erkannte ihn wieder.

Aus den Augenwinkeln sah sie nun, dass der Hauptmann aufgestanden war und hinter Ali Baba getreten war. Da tanzte sie auf ihn zu, riss ihren Schleier herunter, zog ihren Dolch und stieß ihn dem Hauptmann in die Brust. Der sank ohne einen Laut zu Boden.

Ali Baba aber war aufgesprungen, rannte auf Mardschana zu und stieß sie zu Boden. „Bist du des Wahnsinns!“, schrie er. Und seine Frau beugte sich über den Hauptmann und schluchzte: „Es ist tot.“ Schluchzend richtete sich Mardschana auf und verbarg das Gesicht in ihren Händen.

„Oh Herr“, schluchzte sie. „Es ist der Räuber, den ich ermordet habe. Ich erstach ihn, weil er sonst dich erstochen hätte. Ich habe ihn vorhin an seinem Gelächter wieder erkannt.“ Und sie schlug sein Gewand zur Seite, dass alle den Dolch sehen konnten, den er darunter verborgen hatte.

Noch später sprach man immer wieder von diesem Abend, der so schön angefangen und so schrecklich geendet hatte. Dann aber, als alles vorbei war, erkannte Ali Baba seine wundersame Rettung und es überkam ihn ein großes Glücksgefühl.

„Jetzt, wo alles vorbei ist, gibt es nur noch zwei Dinge zu tun“, sagte er. „Wir müssen Allah danken, und wir müssen dich, gute Mardschana endlich frei geben. Du warst meine treuste Gefährtin und Dienerin, und dir verdanke ich mehrfach mein Leben. Darum sollst du nicht länger meine Sklavin sein.

Schon lange habe ich bemerkt, Madschana, das dein Herz für Abdullah schlägt. Es fällt mir schwer, dich an ihn abzugeben, doch ich spüre, dass ihr einander verbunden seid, und nur nicht zueinander findet, weil du in Treue zu mir stehst.

Jetzt aber werde ich euch beiden ein wunderschönes Hochzeitsfest anrichten. Und an deinem Fest sollst du, Mardschana noch einmal so wundervoll tanzen, aber ohne einen Dolch in deinem Gürtel. Abdullah war aufgestanden und wollte Madschana sofort umarmen, sie aber trat zu Ali Baba und verbeugte sich tief vor ihm. Und dann begann sie, vor Freude zu weinen.

Abdullah wurde ein Mann von großen Ansehen und großem Reichtum, und Mardschana blieb treu und glücklich an seiner Seite. Ali Baba wurde ein alter weiser Mann voller Liebe und Heiterkeit.

Eines Tages ging er die alten Wege durch den Wald, wie er es so oft als Holzfäller getan hatte. Dann eines Tages stand er vor dieser Höhle und rief das Zauberwort: „Sesam öffne dich.“ Und die Höhle tat sich auf.

Da trat er ein und sah, was er auch früher gesehen hatte: Gold und Edelsteine aus Diamanten, Saphiren, Topasen und Türkisen. Er sah Korallen, Samt und Seide, Brokat, Sandelholz, Aloe und Ambra. Ali Baba stand stumm mitten in der Höhle und schaute sich um. Dann beschloss er, das Geheimnis der Höhle mit in sein Grab zu nehmen.

Es wusste, all diese Schätze würden nur Unglück über die Menschen bringen. Hass und Gier würde unter den Menschen entstehen, Neid und Missgunst. „Wenn Allah will“, dachte er, „Wird es einmal einen Menschen geben, der diese Höhle finden und das Zauberwort kennen wird. Aber wann das sein wird, das soll Allah allein entscheiden.“ Und so trat er aus der Höhle hinaus ins Freie. „Sesam schließe dich“, sagte er, und die Höhle schloss sich hinter ihm.

So erzählte Scheherazade, und der König hörte ihn aufmerksam zu. „Ich glaube nicht, dass ich so wie er gehandelt hätte“, sagte er dann. „Vielleicht liegt es daran, dass es mir an Weisheit mangelt.“ Scheherazade war klug genug, nicht darauf zu antworten.

„Erzähl mir ein weiteres Märchen“, forderte der König dann. „Aber so ein richtiges Zaubermärchen. Oder kennst du keins?“ „Gewiss doch. Es gibt viele alte Zaubermärchen“, sagte Scheherazade. „Das Schönste aller Märchen allerdings ist die Geschichte von Aladdin und der Wunderlanpe.“

„Dann erzähl mir von diesem Aladdin und seiner Wunderlaterne“, befahl der König. „Wunderlampe“, verbesserte Scheherazade. Und dann begann sie, zu erzählen.

Aladdin und die Wunderlampe

Es war einmal ein Schneider, der hatte es im Leben zu nichts Großem gebracht. Er war arm und alt, und setzte, als er das Ende seines Lebens näher spürte, seine ganze Hoffnung auf seinen Sohn Ala ed Din, den er Aladdin nannte.

Aladdin war in der Tat ein ungewöhnlich begabtes Kind. Er hatte viele Talente, doch trieb er sich gerne mit den Gassenjungen und Taugenichtsen auf der Straße herum. Auch zum Arbeiten und zum Lernen hatte er keine rechte Lust.

Als er alt genug war, nahm sein Vater ihn mit in seine Schneiderwerkstatt, damit er etwas erlernen sollte, doch bei jeder Gelegenheit lief Aladdin davon, um in den Gassen mit seinen Freunden zu spielen. Holte ihn sein Vater dann wieder und bestrafte ihn, wurde Aladdin traurig und immer trauriger.

Aladdin war ein Tagträumer, ein Kind, das in seinen Träumen lebte. Er lebte in einer Welt, in der es keinen Faden und keine Nadel gab, und manchmal fand er keinen Ausgang aus seinem Traum in die Wirklichkeit zurück. Seinem Vater aber erzählt er nichts von diesem Träumen.

Der Vater jedoch bemerkte, dass sein Sohn sich nichts aus dem Schneiderhandwerk machte und hin und wieder bemerkte er einen seltsamen Glanz in den Augen seines Sohnes. Das bekümmerte ihn und machte ihn von Tag zu Tag trauriger. Und so wurde er schwächer und schwächer, bis er schließlich krank wurde und starb.

Aladdin war bekümmert darüber. Er fühlte sich zwar befreit, hatte aber auch das Gefühl, am Tod seines Vaters Schuld zu sein. Er war fünfzehn Jahre alt, und seine Mutter wusste nicht, was aus ihm werden sollte. Es hatte nicht viel Sinn, ihn in eine Lehre zu geben, denn er hatte keinerlei handwerkliche Fähigkeiten.

Und als sie schon beschlossen hatte, er solle einfach sein Leben so lange in Träumen verbringen, bis es ihn eines Tages auf den richtigen Weg bringen würde, da geschah es: Aladdin war wie immer auf der Straße und spielte mit seinen Freunden. Da trat ein Fremder zu ihm. Er trug einen schwarzen Mantel und hielt einen Stab in der Hand, den Aladdin gleich als Zauberstab erkannte.

Der Fremde, ein Maure aus Mauretanien, wandte sich ihm zu. „Sage, bist du der Sohn des Schneiders, der vor einigen Tagen starb?“, fragte er. Aladdin nickte verwundert. „Du bist doch im Sternzeichen des Fisches geboren, und in deiner Geburtsnacht zogen am Himmel im Osten die Sterne des Löwen herauf, stimmt es?“

„Das weiß ich nicht“, entgegnete Aladdin, doch er wusste seinen Geburtstag genau zu nennen. Der Fremde hörte aufmerksam zu und nickte. „Du warst die ganze Hoffnung deines Vaters, nicht wahr?“ fragte der Fremde. Und Aladdin nickte traurig und senkte den Blick.

Da ging der Fremde auf ihn zu, umarmet und küsste ihn und begann dann, zu weinen. „Ich habe dich nun endlich gefunden“, sagte er. „Denn ich bin dein Onkel, der Bruder deines Vaters.“ „Das kann nicht sein“, erwiderte Aladdin. „Mein Vater hat nie von ihm erzählt.“

„Das wundert mich nicht“, entgegnete der Fremde. „Wir waren jung und wir stritten uns. Dann trennten sich unsere Wege und wir wollten unsere Namen auslöschen. Ich ging nach Mauretanien und wurde reich. Dann wollte ich mich mit ihm versöhnen und zog Erkundigungen über ihn ein. Ich erfuhr, dass er sich eine Frau genommen hatte und ein Kind mit ihr hatte. Und ich erfuhr auch, dass er arm geblieben war.

Vor allem aber erfuhr ich, dass er gestorben war, und dass ich mich nicht mit ihm versöhnen konnte. Ich beschloss aber, seine Familie trotzdem kennen zu lernen. Nun freue ich mich, dich zu sehen, denn du hast viel Ähnlichkeit mit meinem Bruder, und durch die Stimme des Blutes erkannte ich dich.“

Dann zog er einen Beutel mit Geld aus der Tasche und sagte zu Aladdin. „Bring das deiner Mutter, damit sie mich empfängt und mich lieb gewinnt. Dann will ich euch noch heute Abend besuchen.“ Aladdin lief nach Hause und erzählte seiner Mutter von seiner Begegnung, sie aber schüttelte ungläubig den Kopf.

„Was redest du denn da für einen Unfug“, sagte sie. „Dein Vater hat keinen Bruder.“ „Doch“, sagte Aladdin. „Er ist ein Weiser und ein Sterngucker. Er ist nicht wie Vater, aber er ist ein Mann, wie ich mir immer in meiner Nähe gewünscht habe.“ „Ein Zauberer und Sterngucker hat mir gerade noch gefehlt“, rief die Mutter. „Das kannst du doch deinen Gassenjungen erzählen, aber nicht deiner Mutter, die sich Sorgen über deine Zukunft macht.“

Aladdin aber ließ nicht locker und überreichte ihr den Goldbeutel. Fassungslos starrte sie auf die Goldsumme. „Oh Aladdin“, rief die Mutter nun. „Deine Geschichte klingt wirklich seltsam. Es ist so merkwürdig, dass dein Vater diesen Bruder nie erwähnt hat. Andererseits ist es auch durchaus möglich. Dein Vater war ein schweigsamer und verschlossener Mann. Nie erwähnte er seine Verwandtschaft.

Aber selbst wenn diese Geschichte nicht stimmt, kann uns doch ein Fremder nichts Böses wollen, wenn er uns einen Sack Gold ins Haus bringt. Wäre er ein Dieb – nun, so hätte er uns bestohlen, wollte er dich rauben, hätte er dich auf der Straße geraubt. Auch als Feind kann er nicht kommen, denn dein Vater hatte keine Feinde. Also bei Allah, auch wenn er ein Fremder ist, soll er zu uns kommen.“

Und so kam der Fremde und brachte Gastgeschenke mit. Er aß und trank mit der Mutter und Aladdin. Auch wenn der Abend schön war und freundlich verlief, überkamen die Mutter doch immer wieder Zweifel an der Geschichte. Dann so genau sie auch hinschaute, sie konnte keinerlei Ähnlichkeit zwischen ihrem verstorbenen Mann und dem Fremden entdecken.

Doch die Mutter musste zugeben, dass der Fremde ihr Verständnis gegenüber brachte, und so redeten sie lange miteinander. Dabei kam die Rede auch auf Aladdin zu sprechen, und die Mutter erzählte dem Fremden von Aladdins Ungeschicklichkeit und der Unfähigkeit, ein Handwerk zu erlernen.

„Aber was ist so schlimm daran?“, wunderte sich der Maure. Und er wandte sich Aladdin zu. „Was möchtest du denn werden?“, fragte er. „Zauberer und Heiler will ich werden“, rief Aladdin. „Und die Sternenkunde möchte ich auch erlernen.“

„Das sind drei sehr unterschiedliche Sachen, die zwar im Zusammenhand stehen, aber alle einzeln erlernt werden müssen“, erklärte der Fremde aus Mauretanien. „Du brauchst einen guten Lehrer und Geduld für eine lange Ausbildung. Besser ist es aber, wenn du Geld verdienst und deine arme Mutter unterstützt.

Wie wäre es, wenn du den Beruf des Kaufmanns erlernst. Dann kannst du mit schönen Dingen handeln, mit Edelsteinen und Talismanen. Diese Dinge kennen zu lernen ist schon fast Zauberei, aber du würdest mehr Geld damit verdienen.“

„Oh ja, das ist eine gute Idee“, rief Aladdin begeistert. „Gleich morgen werde ich dir ein Geschäft einrichten und dir die wichtigsten Verlaufsregeln beibringen. Außerdem brauchst du einen guten Anzug, denn ein Kaufmann muss gut aussehen.“

Die Mutter hätte den Fremden beinahe umarmt. Nun war sie doch fast sicher, dass es sich bei dem Mauren um ihren Schwager handelte, denn wer sonst würde so etwas für einen Fremden tun?

Am nächsten Tag kam der Maure tatsächlich, kaufte Aladdin einen neuen Anzug und kleidete ihn dadurch schick und stattlich ein. Dann sagte er: „Ein Geschäft werde ich dir heute nicht kaufen, denn die Sterne stehen schlecht. Aber ich werde mit dir einen Spaziergang durch die Stadt machen, um mit dir über verschiedene Dinge zu reden.“

Und so geschah es. Sie bummelten die Straßen entlang an schönen Häusern, Gärten und Moscheen. Dann ließen sie die Stadt hinter sich, spazierten durch den Wald, so weit, dass ihnen kein Mensch mehr begegnete.

„Mir ist müde“, sagte Aladdin. „Und ich habe Angst vor wilden Tieren. Bestimmt gibt es hier Schlangen oder Löwen. Lass uns umkehren.“ „Noch nicht“, entgegnete der Maurer. „Ich will dir einen ganz besonderen Ort zeigen.“

Und er ging mit Aladdin auf einen hohen Berg. „Ich kann gar nichts Aufregendes erkennen“, wunderte sich Aladdin. „Warte nur eine Weile“, tröstete ihn der Fremde. „Sammle ein wenig Holz und schichte es auf. Dann wirst du dich wundern, was geschehen wird.“

Da machte sich Aladdin an die Arbeit und sammelte Holz. Der Fremde aber entzündete das Holz, tat Weihrauch und ein seltsames Pulver in die Flamme und bewegte seinen Zauberstab auf geheimnisvolle Weise. Dabei murmelte er seltsame Worte, die Aladdin nicht verstand.

Jetzt schoss schwarzer Rauch aus den Flammen. Alles wurde dunkel. Der Fremde rief nurn lauter und rollte unheimlich mit den Augen. Dabei hob er den Zauberstab hoch in die Luft. Nun gab es einen gewaltigen Donner, der aber nicht vom Himmel, sondern aus der Erde kam.

Um den Zauberer und Aladdin wirbelte Rauch. Dann tat sich die Erde auf. Beinahe wäre Aladdin in den Spalt gefallen, der sich plötzlich vor seinen Füßen auftat. Er wurde von dem Rauch eingekreist und bekam plötzlich große Angst.

„Ich will hier weg!“, schrie er. Der Fremde, der vorher so freundlich zu ihm gewesen war, zeigte sich plötzlich von einer anderen Seite. „Halt die Klappe“, sagte er. Und als Aladdin anfing, zu weinen, gab er ihm eine schallende Ohrfeige.

Da drehte sich Aladdin um und rannte davon. Doch mit einem Satz war der Fremde neben ihm. Er packte ihn im Genick und hielt ihn fest. Aladdin war ein kräftiger Bursche. Er schlug wütend um sich, doch es nutzte ihm nichts. Mit einem Schlag schleuderte der Fremde ihn zu Boden. Voller Wut prügelte er dann auf den Jungen ein.

„Siehst du!“, rief er dann. „Es gelingt dir nicht, mir zu entkommen. Du musst dich darum meinem Willen beugen.“ Aber in Aladdin erwachte ein völlig neuer Lebenssinn und er schnappte sich einen dicken kantigen Stein, um ihn auf seinen Peiniger zu schleudern.

Der aber bemerkte die Bewegung. „Bemühe dich nicht“, sagte er. „Ich bin unverwundbar. Sei dankbar, dass ich dich nur geschlagen habe. Ich könnte dich genauso gut lähmen oder dich in eine Ratte verwandeln.“ Da wurde Aladdin das ganze Ausmaß der Gefangenschaft deutlich, und er begann, zu zittern.

Doch der Zauberer wurde nun freundlicher. „Wir wollen uns nicht streiten“, sagte er. „Du sollst nur wissen, dass man einen Zauberer nie bei seiner Arbeit stören sollte. Sonst werden sie schnell gereizt, wie das nun bei mir der Fall war. Mach das darum nie wieder. Und nun schau in die Erdspalte. Dort liegt ein Schatz vergraben, den du suchen sollst. Das war es doch, was du dir immer gewünscht hast, nicht wahr, Aladdin? Du wolltest reich und unabhängig sein, und das könnte dir nun geschehen.“

Aladdin schaut ein die Erdspalte. „Tatsächlich. Dort liegt eine Marmorplatte und ein goldener Rind“, sagte er. „Der Ring ist aus Messing“, erklärte der Maure. „Du musst nun deine Hand in den Ring legen und die Platte heben. Wenn du das tust, wirst du reich wie ein König werden. Und dann wirst du sehen, wie sehr ich dich liebe und ehre, und wie dumm es von dir war, davonzulaufen.“

„Aber wie soll ich denn die Platte heben?“, fragte Aladdin verwundert. „Sie ist doch viel zu schwer. Warum tust du es denn nicht selbst? Du scheinst doch über große Kräfte zu verfügen.“

„Ich kann es nicht“, erklärte der Maure. „Versuch du es.“ Das kam Aladdin mehr als merkwürdig vor. „Ich verstehe nicht, warum du den Schatz nicht selber heben kannst“, sagte er misstrauisch.

„Du musst verstehen, dass es im Zauberreich Gesetzmäßigkeiten gibt, die man nicht erklären kann. So musst du einfach glauben, dass ich den Ring nicht anfassen kann. Du musst es tun, und du bist auch derjenige, der den Schatz heben muss. Mir ist davon nur ein kleiner Teil bestimmt.“

Aladdin begriff das alles nicht, doch er war jetzt vom Fieber des Schatzes gepackt. Er stieg in die Felsspalte und zog an dem Ring, doch die Messingplatte bewegte sich nicht. „Vielleicht kann ich dir helfen“, schlug der Zauberer vor. „Ich könnte dir magische Kräfte verleihen. Komm einmal her zu mir.“

Aladdin trat zu ihm, und er berührte ihn an Kopf und Schultern und murmelte etwas. Dann brachte er ihm einen Zauberspruch bei. „Das musst du dreimal sprechen, wenn deine Hand den Ring berührt“, sagte er.

Das tat Aladdin dann. Er spürte, wie die Marmorplatte leicht wurde und sich beiseite heben ließ, als wäre es ein Stück Holz. Aladdin atmete ein und aus, aber mit dem Atemzug fielen die übermenschlichen Kräfte von ihm ab.

Unter der Marmorplatte tat sich ein unterirdischer Gang auf, der in die Tiefe des Berges führte. „Nun musst du gut zuhören, was ich dir zu erzählen habe“, sagte der Zauberer. „Du hast nun die Aufgabe, den langen Weg in den Berg hinein zu gehen. Du gelangst danach an eine Halle. Dort stehen vier goldene Krüge. Doch berühre sie nicht, sonst verwandelst du dich in einen –schwarzen Stein.

Geh weiter durch die Halle, bis du zu wunderschönen Gärten kommst. Doch auch sie durchquere schnell. Danach kommt eine Treppe mit dreißig Stufen. Sie gehst du hinauf, bis du in eine Grotte gelangst. In dieser Grotte befindet sich eine Lampe, eine unauffällige unscheinbare Lampe. Diese Lampe musst du nehmen, das Öl ausgießen und sie zu mir bringen.

Wenn du auf dem Rückweg bist, siehst du viele Schätze. Du kannst dir davon nehmen, soviel du willst, ohne mir davon etwas abzugeben. Mir genügt nur die Lampe, mehr will ich nicht haben. Aber in dem Moment, wo du aus dem Berg heraus trittst, bist du der reichste Mann der Welt.“

„Und gibt es innen im Berg irgendwelche Gefahren“, fragte Aladdin, dem es nicht behagte, dass er allein in den Berg gehen musste. „Für dich nicht“, entgegnete der Fremde. „Wenn du vorsichtig bist, wird dir nichts geschehen. Du darfst nur nicht stolpern und stürzen. Nimm vorsichtshalber den Ring, und wenn du in Gefahr gerätst, drehe am Finger. Dann wirst du gerettet. Aber nur Mut, gehe voran und zögere nicht.“

Mit klopfendem Herzen betrat Aladdin den Gang. Seine Schritte hallten durch das Gewölbe. Er sah die vier Krüge dort stehen, eilte weiter und durchquerte die Gärten. Sie waren wunderschön. Gewächse und Blumen, die Aladdin nie zuvor gesehen hatte, gab es dort. Sie schimmerten, als wären sie aus Glas.

Bäume mit erlesenen Früchten bogen sich über die Wege und die Fische in den Teichen sahen aus, als seien sie aus Rubin. Aladdin stieg die Treppe hinauf und kam in eine Grotte. Hier stand die geheimnisvolle Lampe. Sie war eigentlich nur eine kleine unscheinbare Lampe, die man in die Tasche stecken konnte, und Aladdin wunderte sich, dass der Zauberer so einen großen Wert auf sie legte. Im Grunde war es eine Lampe, wie man sie überall auf dem Bazar erstehen konnte.

Doch Aladdin tat, wie ihm der Zauberer aufgetragen hatte. Er goss das Öl aus der Lampe und steckte sie dann in seine Hosentasche. Dann ging er den Weg zurück. Als der den Weg durch die Gärten nahm, konnte er dem Zauber der Früchte nicht widerstehen und pflückte sie. Sie waren tatsächlich aus Glas. Er beschloss, einige davon mitzunehmen.

Vorsichtig, damit sie auch nicht zerbrachen, steckte er so viele davon ein, wie er tragen konnte. Diese Früchte und ihr Glitzern beschäftigten ihn so sehr, dass er auf die anderen Schätze gar nicht achtete. Ihn beschäftigte nur der Gedanke, so schnell wie möglich ans Tageslicht zu kommen, um dem Glitzern der Früchte zuzusehen.

Schnell kletterte er den Gang nach oben hinauf. Doch die letzte Stufe war höher als die anderen, und so musste er sich daran hinaufziehen. „Reich mir die Hand, Oheim“, rief er dem Fremden zu. „Ich bin so beladen, dass ich nicht allein nach oben kommen kann.“ „Hast du die Lampe?“, fragte der Zauberer. „Aber ja“, rief Aladdin. „Es war ganz leicht, sie zu holen. Ich habe sie ganz unten in meiner Tasche. Zieh mich herauf, dann gebe ich sie dir.“

„Nein, gib mir erst die Lampe“, befahl der Zauberer. „Aber es wäre doch dumm, wenn ich jetzt meine ganze Tasche ausleere, um sie dir zu geben“, wunderte sich Aladdin. „Sie ist ganz unten in meiner Tasche. Hilf mir also hinauf!“ „Erst die Lampe!“, beharrte der Fremde.

Da wurde es dem Jungen unheimlich. „Vielleicht will mich der Fremde umbringen, wenn ich ihm die Lampe gebe“, dachte er. „Vielleicht ist er gar nicht mein Onkel, sondern er hat das alles hier nur eingefädelt, um an die Lampe zu kommen.“

Und er entschied sich, die Lampe nicht eher herauszugeben, als bis er nicht die letzte Stufe der Höhle erklommen hatte. So versuchte er es allein. Seine Hände umklammerten die letzte Stufe, und er zog sich höher und höher. Doch als er fast den Rand erreicht hatte, trat der Zauberer mit Wucht auf seine Finger. Mit einem Schrei rollte Aladdin ein paar Stufen hinunter.

Verzweifelt dachte Aladdin nach. „Wer immer du bist, Zauberer“, sagte er. „Ich werde mich jetzt nicht länger von dir misshandeln lassen. Ich habe schon gemerkt, dass du diesen Gang hier nicht betreten kannst, ich aber hier vor dir sicher bin. Und so werde ich dir auf keinem Fall die Lampe geben.“

„Gib sie mir!“, bettelte der Maure. „Ich schwöre dir, dass ich dir nichts antun werde.“ „Schwöre es bei Allah und den Engeln!“, befahl Aladdin. Doch da schwieg der Fremde. Aladdin fiel ein, was er einmal in einem alten Legendenbuch gelesen hatte: Ein Zauberer war nicht in der Lage, bei Allah zu schwören, ohne seine Teufelsmacht zu verlieren, denn der Teufel scheut die Engel.

Da wusste Aladdin endgültig Bescheid. „Allah, Herr und Allmächtiger, lass diesen Mann mit seinen bösen Geistern von mir weichen!“, rief er laut. Da heulte der Zauberer laut. „Dann behalte die Lampe, verflucht noch mal!“, rief er. „Aber ich werde dich begraben - und zwar bei lebendigem Leibe.“

Und er warf ein Pulver in den Gang, sprach einige beschwörende Sätze und ging von dannen. Da schob sich eine Marmorplatte über den Eingang und alles um Aladdin herum verdunkelte sich.

Ängstlich ließ sich Aladdin durch den dunklen Tunnel treiben und versuchte, zu den Gärten zurück zu finden. In seiner Verzweifelung erinnerte er sich an den Ring, den ihm der Zauberer gegeben hatte. Er drehte an dem Ring, und plötzlich wie aus dem Boden gewachsen, erschien neben ihm ein Zwerg. Er war von Licht umgeben.

Der Zwerg verneigte sich. „Zu deinen Diensten“, sagte er. „Wer bist du und was willst du hier?“, fragte Aladdin erschrocken. „Da du den Ring des Herrn an deinem Finger trägst, bin ich dein Sklave“, erwiderte der Zwerg.

„Ich brauche deine Hilfe“, erklärte Aladdin. „Kannst du mir helfen?“ „Fragt sich, in welcher Angelegenheit“, erwiderte der Zwerg. „Durch den Ring bin ich gezwungen, dir zu helfen, ich darf mich aber nicht gegen meinen Herrn auflehnen, der mich an diesen Ring band. Denn ich bin nur ein unbedeutender Zwerg und kann es nicht mit großen Zauberern aufnehmen.“

„Ich habe nicht vor, mich gegen den Zauberer aufzulehnen“, erklärte Aladdin. „Obwohl ich ihn schon gerne bestrafen würde. Aber ich habe im Moment nur den Wunsch, an die Oberfläche zu kommen.“ „So sei es“, entgegnete der Zwerg.

Und ehe Aladdin sich versah, stand er auf einem Berg im hellen Sonnenschein. Aladdin kniff die Augen zu. Die helle Sonne tat ihm in den Augen weh. Aladdin setzte sich auf die Spitze des Berges und blickte ins Tal. Er überlegte den ganzen Tag noch einmal und fand keinen Sinn darin.

Unruhig drehte er erneut am Ring, und der Zwerg erschien wieder. „Kannst du mir erklären, was mir passiert ist? Was wollte der Zauberer von mir?“ „Natürlich kann ich das erklären“, entgegnete der Zwerg und verneigte sich erneut. „Aber bedenke, ich habe auch keinen großen Überblick. Ich kann nur die Dinge erklären, die sich in meiner nächsten Nähe zutragen.“

„Dann erzähle“, bat Aladdin ungeduldig. „Dieser Zauberer betrieb magische Studien. Durch einen uralten Papyros erfuhr er von einem verborgenen Schatz in diesem Berg und einer Lampe, die du nun in der Tasche trägst. Er versuchte, in diese Höhle zu gelangen, um die Lampe zu holen, aber er konnte es nicht.

Diese Höhle war nur gläubigen Menschen zugänglich und nicht jemandem, dessen Hände mit Blut befleckt sind. So suchte mein Herr jemanden, den er an seiner Stelle in die Höhle schicken konnte. Er suchte nach einem Jungen, der schon groß und vernünftig ist, aber doch noch ein reines Herz hat. Dabei kam er auf dich.“

„Aber wieso ich?“, wunderte sich Aladdin. „Woher kannte er mich denn? Und bin ich denn reinen Herzens? Ich habe schon so viel Unrechtes getan.“ „Aber nein“, lachte der Zwerg. „Das ist nicht wirklich etwas Unrechtes. Es sind Kindereien, sonst nichts. Er kam auf dich, weil er die Horoskope befragte, und da erfuhr er über dich, dass du reinen Herzens bist.

Er konnte auch erkennen, wann du geboren bist und wusste vieles von dir. Vor allem aber sah er, dass du eines Tages einen Schatz finden würdest. So entschloss er, dich für seinen Plan zu benutzen. Leider zeigte er ein schlechtes Verhalten, so dass sein Plan scheiterte. Und so ist er im Moment auf dem Weg nach Mauretanien und ist sehr sehr wütend.“

„Der Teufel soll ihn holen!“, zischte Aladdin. „Ich darf nichts gegen meinen Herrn sagen“, sagte der Zwerg und verschwand. Aladdin machte sich auf den Rückweg. Dabei war er so müde, dass ihn seine Füße kaum noch tragen konnten. Er stolperte vor sich hin und drehte schließlich den Ring.

„Ja bitte“, sagte der Zwerg und verneigte sich. „Bitte bringe mich nach Hause“, sagte Aladdin. Und in dem Moment fand er sich auf der Schwelle seines Hauses wieder. Aladdin ging in sein Zimmer, legte die Früchte und die Lampe neben sein Bett und ließ sich auf das Laken fallen.

Gerade wollte er die Augen schließen, da stand seine Mutter neben ihm. „Aladdin!“, rief sie. „Wo warst du? Was ist mit dir? Und wo ist dein Oheim?“ Und Aladdin erzählte ihr die ganze Geschichte. Dann drehte er sich zur Seite, um zu schlafen, doch seine Mutter war aufmerksam geworden.

„Ich frage mich, warum er diese Lampe haben wollte“, sagte sie. „Es ist doch eine ganz gewöhnliche Lampe, an der gar nichts Besonderes ist.“ „Oh, genau das wollte ich den Zwerg auch noch fragen“, murmelte Aladdin schlaftrunken.

„Dann frag ihn doch“, drängte seine Mutter. Müde drehte Aladdin an dem Ring. Da erschien der Zwerg neben ihm im Zimmer. „Nicht zu Diensten, Ala el Din“, sagte er. Aladdin wunderte sich. „Was soll das denn heißen?“, fragte er verärgert.

„Ich vergaß zu sagen“, erwiderte der Zwerg, „dass ich nur dreimal in neun Tagen anzusprechen bin. Und diese drei Male hast du bereits in Anspruch genommen.“ „Aber die Lampe“, rief Aladdin. „Ich muss doch wissen, was es mit der Lampe auf sich hat.“ „Nicht zu Diensten“, erwiderte der Zwerg und verschwand.

Mit dem Ring am Finger und den Früchten und der Lampe neben sich versank Aladdin in einen tiefen Schlaf. Am nächsten Morgen dachte Mutter und Sohn erneut darüber nach, was es wohl mit der Lampe auf sich haben könnte.

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser Mann irgendetwas an der Lampe interessant fand“, sagte die Mutter und drehte die Lampe unentschlossen hin und her. „Vielleicht war der Mann einfach nur ein bisschen verrückt.“ „Das glaube ich nicht“, erwiderte Aladdin. „Der Zauberer war wirklich versessen auf die Lampe.“

„Versessen oder nicht, sie muss auf alle Fälle mal gründlich geputzt werden“, sagte die Mutter. Und sie nahm ein bisschen Sand und rieb die Lampe damit ein. Drei Stellen scheuerte sie besonders gründlich. Aber als sie ein drittes Mal daran gerieben hatte, erschien plötzlich neben ihr ein furchtbarer Riese. Er füllte das ganze Zimmer aus und musste sich unter der Zimmerdecke noch bücken, weil er viel zu groß war.

„Ich stehe zu deinen Diensten“, dröhnte er der Mutter ins Ohr. „Was willst du von mir?“ Sie erschrak zutiefst. Dann fiel sie in Ohnmacht. Aladdin fasste sich schnell, griff nach der Lampe und rief: „Oh Diener, ist es so, dass du dreimal erscheinst, wenn ich an der Lampe reibe?“

„So ist es“, antwortete der Riese. „Und kommst du auch nur dreimal in neun Tagen?“ „Ich bin immer für dich da!“ „Und stellst du irgendwelche Bedingungen, wie es der Zwerg tat?“ „Der Zwerg ist ein niedriges Wesen“, erwiderte der Riese. „Ich aber komme immer, wenn man mich ruft, und ich tue alles, was man mir sagt.“

„Das ist ja wundervoll“, rief Aladdin. „Dann bring uns doch bitte etwas zu essen. Aber bitte etwas besonders Gutes!“ Der Riese verschwand und fast im gleichen Augenblick stand ein Tisch mit kostbaren Silberschälchen auf dem Tisch, die mit herrlichen Speisen gefüllt waren.

Auch goldene Becher und eine Flasche Wein standen dort. Nun erwachte die Mutter aus ihrer Ohnmacht. „Was war das für ein Scheusal?“, fragte sie ängstlich. „War das der Zwerg, von dem du mir erzählt hast? Also, dann war das wirklich der größte Zwerg, den ich je gesehen habe.“

Aladdin lachte. „Aber Mutter! Das war doch nicht der Zwerg. Es war ein Geist.“ „Ich verbiete dir, dass du noch irgendwelche Zwerge hier bei mir einschleppst!“, rief die Mutter. „Und dann noch so ein schrecklicher Kerl!“

„Aber Mutter!“, rief Aladdin und lachte erneut. „Verstehst du denn nicht? Wir haben das Rätsel der Lampe gelöst. Uns kann nichts mehr passieren.“ „Hast du nicht verstanden, was ich gesagt habe?“ empörte sich die Mutter. „Ich dulde keinen Spuk in diesem Haus!“ „Mutter, weil wir diese Lampe haben, werden uns alle Wünsche erfüllt. Verstehst du? Wir wollen ja keine bösen Wünsche aussprechen, sondern nur gute. Und wir wollen zu Allah beten, dass wir immer gute Wünsche an die Lampe stellen, damit Allah auf unsere Seite bleibt.“

Dann speisten sie die Dinge, die ihnen der Geist gebracht hatte. Das Silbergeschirr und die goldenen Becher aber verkauften sie auf dem Markt, und da es Geschirr und Becher waren, wie Könige sie benutzen, wurden sie reich von dem Erlös. Doch sie lebten weiter bescheiden wie bisher.

Aladdin war nun über die Jahre ein Mann geworden. Er hatte aus der Zaubergeschichte seine Lehren gezogen und war aus seinen Träumereien erwacht und vernünftig geworden. Er und seine Mutter hatten beschlossen, die Lampe nur zu benutzen, wenn sie wirklich in Not gerieten, und wenn die Hilfe der Lampe vor Allahs Augen gerechtfertigt war.

Er hielt sich wirklich an seine Regel, und die Mutter war froh darüber. Natürlich wünschte sich Aladdin ein kleines Häuschen für sich und seine Mutter am Rande der Stadt mit einem kleinen Garten, aber den Gedenken an ein großes Schloss mit vielen Dienern, oder auch viel Geld und Besitz hatte er nicht.

Und da er zu jedermann hilfsbereit war, wurde er bald bei allen Menschen beliebt und geachtet. In seinem Häuschen lernte er viel und beschäftigte sich mit der Weisheit und Wissenschaft, und nicht mit Reichtum und Ruhm.

Und noch einmal fiel ihm viel Geld zu. Er ging nämlich mit den gläsernen Früchten, die er einst aus der Höhle mitgenommen hatte, zu einem Juwelier, um zu fragen, aus welchem Glas sie seien. Doch der Juwelier staunte über die Arbeit. Er sah, dass die Früchte nicht aus einfachem Glas, sondern aus hauchdünnem Kristall oder sogar Brillianten waren und einen unschätzbaren Wert besaßen.

So verkaufte Aladdin einige Früchte, die Brilliantenblume schenkte er dem Juwelier. Die meisten Früchte aber behielt er für sich, denn sie erinnerten ihn an die Höhle und das unheimliche Abenteuer.

So lebte Aladdin weiterhin bescheiden und friedlich in dem kleinen Häuschen mit seiner Mutter.

Es lebte aber ein König in der Stadt, der eine junge Tochter hatte. Eines Tages sah Aladdin, wie die Tochter des Königs in einer Sänfte vorüber getragen wurde. Ihre Blicke begegneten sich kurz, und Aladdins Herz war entbrannt vor Sehnsucht nach ihr.

Seitdem trieb er sich häufig in der Nähe des Schlosses herum. Eines Tages sah er sie am Fenster stehen. Sie winkte ihm zu und lächelte, und da wusste er, dass sie ihn genau so liebte, wie er sie. So ging er zu seiner Mutter, erzählte ihr von seiner Liebe zu der Tochter des König und berichtete ihr von seiner Absicht, ins Schloss zu gehen und um die Hand der Tochter anzuhalten.

Da fasste sich die Mutter an den Kopf. Sie setzte sich zu ihrem Sohn und sagte: „O mein Sohn, du bist vollkommen verrückt geworden. Wie kannst du es wagen, um die Hand einer Prinzessin anzuhalten. Hast du vergessen, wer du bist? Du bist nicht mehr als der Sohn eines armen Schneiders, kein Fürst. Auch wenn du eine Lampe besitzt, bist du doch nicht Fürst Aladdin von der Wunderlampe.“

„Was redest du von Herkunft und Reichtum“, rief Aladdin verärgert. „Unser König legt auf so etwas auch keinen Wert. Schau dir seinen Wesir an, der war auch ein armer Mann. Und vergiss nicht, ich besitze diese Lampe, und mit ihr kann ich hundertmal reicher sein als der König selbst. Ich wollte zwar den Lampengeist nur bitten, wenn ich in Not bin, aber um Badr el Budurs Hand zu gewinnen ist mir jedes Mittel recht.“

„Reichtum alleine reicht nicht aus“, rief die Mutter. „Dir fehlt es an Umgangformen. Du bist nicht vornehm genug für diese Gesellschaft. Du bist auch nicht berühmt oder hast im Krieg irgendwelche Heldentaten vollbracht. Du hast keine anderen Länder entdeckt. Du bist kein Weiser und kein Dichter. Du hast keine Kranken geheilt oder Moscheen gebaut.

Du bist einfach geblieben, der du immer warst, ein bescheidener Junge mit einem guten Herzen. Das ist wirklich wunderschön, aber es reicht nicht aus, um der Schwiegersohn des Königs zu werden. „Aber ich muss es werden“, entgegnete Aladdin dickköpfig. „Ich kann ohne die Prinzessin nicht leben.“ „Dann gehe halt zum König. Du wirst schon sehen, er wird über dich lachen“, sagte die Mutter, und dann lachte sie selbst ganz laut.

Aladdin ließ sich aber nicht von seinen Plänen abbringen. Er gab seiner Mutter einige der schönsten Früchte und bat sie, ins Schloss zu gehen und den König um die Hand der Tochter für ihren Sohn zu bitten. Seine Mutter zog ihren schönsten Mantel an und ging los. Im Schloss aber war sie sehr verwirrt über die vornehmen Menschen und die edlen Gewänder.

Sie fragte einen bunt angezogenen Menschen nach dem Weg zum Audienzsaal, aber er war nur der Lakai. Und als sie einem anderen Menschen für seine Auskunft ein Trinkgeld geben wollte, war er ein Minister.

Sie war ganz verwirrt von all dem Glanz und dem Trubel, dass sie in ein leer stehendes Zimmer ging und sich dort mit ihrem schwarzen Mantel und der Einkaufstasche ächzend in den großen Sessel fallen ließ.

Sie hatte nicht bemerkt, dass dieser Sessel aus Gold und Brokat bestand, schon gar nicht fiel ihr auf, dass es der Thron war, auf den sie sich gesetzt hatte. Für sie sah ein Prunkgemach genauso wie das andere aus. Geräuschvoll putzte sie sich die Nase.

In dem Moment betrat der Wesir den Raum und blieb wie erstarrt an der Tür stehen. Verwundert schaute er die Frau an, die dort in diesem Sessel saß und ihre Marktasche neben sich stehen hatte.

Dann aber fasste er sich. Und weil er ein lustiger Mann war, ging er zu der Frau, verneigte sich und sagte: „Mir scheint, wir haben soeben eine neue Königin erhalten.“ „Aber nein!“, rief Aladdins Mutter verwirrt. „Das bin ich nicht. Das wäre ich doch nur wenn mein Sohn die Königstochter heiraten würde.“ „Wenn“, sagte der Wesir und lachte noch mehr über diesen Scherz.

Da schämte sich die Mutter über den Unsinn, den sie geredet hatte. Und weil der Wesir immer noch lachte, unterbrach sie ihn. „Hier ist es sehr ungemütlich“, sagte sie. „Da hast du recht“, gab der Wesir zu.

Allmählich gewann Aladdins Mutter ihre Sicherheit zurück. „Ich möchte gerne den König sprechen“, sagte sie leise, aber deutlich. „Da hast du Glück“, erwiderte der Wesir. „Er ist gerade im Nebenraum.“ Und er ging zum König und erzählte ihm von der Frau.

„Es ist sicherlich eine brave Frau“, erklärte er, „Und sie wünscht Euch zu sprechen. Doch ist sie von alle dem Trubel hier verwirrt und durcheinander. Darf ich sie trotzdem herein bitten?“ „Nur zu“, entgegnete der König. Da ging der Wesir zu Aladdins Mutter, fasste sie unter den Arm und schon sie in das Zimmer des Königs.

Der König lächelte Aladdins Mutter aufmunternd zu. „Ich habe wenig Zeit“, sagte er. „Sage darum schnell und ohne Umschweife, was du von mir willst.“ „Ganz kurz?“, fragte die Mutter unsicher. „So kurz wie möglich.“

„Mein Sohn möchte deine Tochter heiraten“, sagte die Mutter. Nun war der König doch verblüfft. Verwirrt ließ er sich auf seinen Thron fallen. „Das ist doch wohl ein Scherz“, lachte er dann. „Und in der Tasche sind jetzt wohl die Brautgeschenke, oder?“ „Genau“, erwiderte die Mutter.

Sie öffnete ihre Einkaufstasche und zog die Früchte aus Edelsteinen hervor. Sie funkelten in der Sonne. Der König war ganz geblendet von ihrem Glanz. Vorsichtig nahm er einen Apfel in die Hand und betrachtete ihn von allen Seiten. „So etwas Wundervolles habe ich noch nie gesehen“, sagte er. „Und in meiner Schatzkammer findet sich nichts, was nur annährend so wertvoll wäre.“

Nun begann die Mutter, von ihrem Sohn zu erzählen. Sie pries sein freundliches Herz und seine Liebe zu der Prinzessin. Am allermeisten aber beeindruckte den König, dass er von diesen Früchten einige verschenkt hatte.

Auch dem Wesir war schnell klar, dass so ein reicher Schwiegersohn die schlechten Finanzen den Königs schnell auf Vordermann bringen konnte. „Wir danken dir für das Geschenk“, erwiderte der König. „Wir wissen den Reichtum deines Sohnes und den … den …“ „… guten Charakter“, flüsterte der Wesir. „den guten Charakter und das reine Herz sehr zu schätzen“, sagte der König nun.

„Er ist zwar weder Dichter, noch Gelehrter, weder Adeliger noch Wissenschaftler, aber ich werde trotz allem über seine Bitte nachdenken.“ Er lächelte. „Ja sagen kann ich allerdings erst, wenn er mir vierzig Sklavinnen als Brautgabe schickt. Diese vierzig Sklavinnen sollen vierzig goldene Schüsseln tragen, die mit Edelsteinen gefüllt sind.

„… Herz“, flüsterte der Wesir leise. „Und damit ihr nicht denkt, ich sei nur an dem Geld interessiert, muss er sich außerdem als herzlicher freundlicher Mensch erweisen. Sag das deinem Sohn.“ Mit besorgtem Gesicht ging die Mutter heim und berichtete Aladdin von ihrem Treffen mit dem König.

„Wenn es weiter nichts ist“, lachte Aladdin. „Er kann auch hundert Schüsseln von mir bekommen.“ „Fünfzig sind auch genug“, erwiderte die Mutter. Und dann ging sie schnell aus dem Zimmer, denn sie wusste, dass Aladdin jetzt wieder den Riesen anrufen würde, und dem wollte sie nun nicht begegnen.

Aladdin rieb dreimal über die Lampe, und als der Geist erschien forderte er fünfzig Sklavinnen, die goldenen Schälchen und die Edelsteine. Mit diesem Zug an Sklavinnen machte sich die Mutter auf den Weg zum Schloss.

Der König staunte nicht schlecht. „Oh, wie unermesslich reich muss euer Sohn sein“, rief er. „Also gut, ich lasse die Hochzeit festlegen.“ „Aber ihr wolltet euch doch auch noch von Aladdins gutem Herzen überzeugen“, sagte die Mutter.

Doch der König winkte ab. „Das ist nicht so wichtig“, sagte er. „Aber soll die Prinzessin ihn nicht einmal kennen lernen?“ fragte die Mutter unsicher. „Die lernen sich noch früh genug bei der Hochzeit kennen“, entgegnete der König. „Und fünfzig goldene Schüsseln mit Edelsteinen sprechen schließlich eine eigene Sprache.“

Der König und der Wesir waren zufrieden, nur die Mutter war unglücklich. Ihr ging alles viel zu schnell und sie fand es immer noch schrecklich ungemütlich im Schloss. Aber Aladdin kümmerte sich nicht um ihre Einwände. Er war überglücklich und konnte es kaum erwarten, bis die Hochzeit mit großer Pracht gefeiert wurde.

Die Prinzessin und er schauten einander immer nur an und es war ihnen, als seien sie füreinander geschaffen. Doch kaum war die Hochzeit gefeiert, brauchte Aladdin ein Schloss an der schönsten Stelle des Landes. Dort lebte er mit seiner jungen Frau in Glück und Frieden. Und immer wenn das Finanzsäckchen des Königs neu gefüllt werden musste, schickte Aladdin ein paar Diener mit Goldsäcken zum König hinaus.

Aber bei aller Macht und allem Reichtum blieb Aladdin wie er immer gewesen war, und sein freundliches Herz machte ihn bei allen Menschen beliebt.

Dann kamen schwere Zeiten für das Land. Ein Krieg stand an. Und eines Tages brachen Reitergruppen in das Land, plünderten es und brannten alles nieder, was sie sehen konnten. Mutig trat der General ihnen mit seinen Truppen entgegen, doch er wurde gefangen genommen und abgeführt.

Nun machte der König Aladdin zum Nachfolger des Generals. Aladdin war zwar ein mutiger Mann, aber Kämpfe und Blutvergießen waren ihm verhasst. So versuchte er, diese Berufung abzulehnen, aber der König bat ihn eindringlich und verzweifelt um Hilfe.

Schließlich fiel Aladdin die Lampe wieder ein, die er ja auch zur Kriegsführung benutzen konnte, und er stimmte dem Vorschlag zu. In der Nacht vor der entscheidenden Schlacht rief Aladdin den Flaschengeist an und bat ihn, die Schlacht gut ausgehen zu lassen.

„Befehle es!“, rief der Riese. „Dann werde ich noch in der kommenden Nacht die Gegner mit Mann und Maus vernichten.“ „Das ist nicht nötig“, entgegnete Aladdin. „Aber ich befehle dir, einen Wirbelsturm aufkommen zu lassen, der den Gegner zurück an ihre eigene Landesgrenze treibt.“

Der Riese nickte schweigend und verschwand. Als die Sonne am nächsten Morgen aufging, gab Aladdin das Signal zum Kampf. Doch riesige Wolken aus Sand wirbelten auf und ließen den Gegner zurück weichen.

Aladdins Truppen rückten immer weiter vor, und als sich der Sturm legte, war das Land befreit. Der Feind aber war so in Panik, dass sie nie wieder beschlossen, in das feindliche Land vorzudringen.

Aladdin nutzte den Zeitpunkt, Frieden mit den Nachbarn zu schließen. Und so blühte das Land erneut auf und Geschäfte und Reichtum entwickelten sich. Das war das einzige Mal in der Geschichte, dass es einen Kampf gegeben hatte, bei dem kein Mensch, weder Sieger noch Verlierer, verletzt wurde.

Als der Frieden beschlossen war, legte Aladdin die Befehlsherrschaft über das Kriegsheer nieder. Er wusste zwar, dass er den Kampf nur mit seiner Wunderlampe gewonnen hatte, den Frieden aber hatte er herbeigeführt.

So wäre nun das Leben weiterhin schön und glücklich gewesen, wenn nicht dieser mauretanische Zauberer gewesen wäre, der nach wie vor besessen von dem Wunsch war, die Wunderlampe zurückzuerhalten.

Er kam in das Land zurück, um die Wunderlampe zu suchen. Zunächst war er überzeugt davon, dass Aladdin verschüttet in dem Berg liege und gestorben wäre, und er überlegte, wen er wohl dazu anstiften könnte, in den Berg zu klettern und die Lampe aus Aladdins Tasche zurückzuholen. Jede Idee, die er hatte, verwarf er aber wieder.

Aladdins Rum aber drang hinaus in alle Welt, und so hörte auch der Zauberer aus Mauretanien von diesem Mann. Er erkannte schnell, dass es sich dabei um Aladdin handelte, der nicht gestorben, sondern mit Hilfe der Lampe zu Macht und Ehren gekommen war.

Er als Zauberer war sich aber auch sicher, dass er diese Lampe viel besser und nützlicher einsetzen würde. So beschloss er, sie Aladdin wieder wegzunehmen. Er verkleidete sich als Laternenhändler und machte sich auf den Weg in Aladdins Reich. Dabei erzählte er jedem, dass er besondere Lampen schmieden und gegen alte eintauschen würde.

„Lampen, Lampen, tausche neue gegen alte Lampen“, schrie er, während er durch die Straßen zog. Die Menschen lachten über ihn und hielten ihn für einen Narr.

Dann beobachtete er Aladdin, und an einem Tag, als Aladdin ausgeritten war und seine Frau allein zu Hause war, ging er zu ihrem Schloss, trat unter ihr Fenster und sagte seinen Spruch. Sie öffnete das Fenster und lachte über ihn.

„Wieso willst du schlechtere Dinge gegen gute Dinge eintauschen?“, fragte sie. „Nicht schlechtere, nur ältere Dinge“, entgegnete der Zauberer. „Ich liebe alte Lampen und bin ein Kenner von Kunstgegenständen. Also, wenn ihr ein altes Schloss oder eine alte Lampe herumstehen habt, so gebt sie mir nur. Ich habe hier eine wunderschöne neue Lampe aus echtem Silber.“

Da wandte sich Badr el Budur an ihre Dienerin. „Im Schlafgemach des Herren steht wirklich so eine alte verrostete Lampe“, sagte sie. „ich habe nie verstanden, warum er sie aufgehoben hat. Aber es wird kein besonderes Erinnerungsstück sein, sonst hätte er mir von ihr erzählt. Geh und hol sie, dann ersetzen wir sie durch eine neue. Das wird Aladdin bestimmt freuen.“

Da brachte die Dienerin die Wunderlampe, und Badr el Budur übergab sie dem Zauberer. Gierig griff er danach, reichte ihr die silberne Lampe und eilte davon. Dann rannte er um die nächste Ecke, griff gierig nach der Lampe, rieb daran und ließ den Riesen kommen.

„Aladdins Schloss soll mit allem, was sich darin befindet, nach Mauretanien gehoben werden“, schrie er. Und so geschah es.

Als Aladdin mit dem König von dem Ausritt zurückkam, traute er seinen Augen nicht. Das Schloss war verschwunden. „Was ist geschehen? Was ist mit meiner Tochter passiert?“, rief er König entsetzt. Auch Aladdin konnte es kaum fassen. „Ich weiß es auch nicht“, sagte er. „Ich kann mir nicht erklären, was geschah.“

„Oh Aladdin, schon lange erzählen die Menschen über dich, dass du mit dem Bösen und dem Zauberer in einem Bunde stehst. Jetzt habe ich den Beweis. Meine Tochter ist weg und mit ihr das Schloss“, rief der König. „Es ist alles fort, was in diesem Schloss war“, rief Aladdin. „Mein ganzer Besitz.“

„Willst du damit sagen, dass auch dein Reichtum verschwunden ist?“ rief der König. Aladdin schwieg.„Ins Gefängnis mit ihm!“, rief der König. „Er hat meine Tochter entführt und betreibt schwarze Magie.“ Da fassten seine Diener Aladdin und warfen ihn in den Kerker.

Aladdin hörte, wie das Volk nach ihm rief, denn man liebte ihn und seine guten Taten, doch die Wächter vertrieben diese Menschen und versuchte, ihnen zu drohen. Doch das Volk wurde immer lauter. Aladdin war beliebter als der König, und niemand hatte vergessen, was er für den Frieden getan hatte. Sie stürmten das Gefängnis und befreiten Aladdin. Auf Händen trugen sie ihn zum Schloss des Königs hinaus. „Tod dem Tyrannen! Es lebe Aladdin!“, riefen sie.

Da bekam der König große Angst und zitterte. Aladdin sprang aber von den Schultern der Rebellen und trat vor den König. „Habe keine Angst“, sagte er. „Ich habe diesen Tumult nicht angestiftet, sondern du hast Unrecht gegen mich begangen. Ich bin bereit, mich einem Gericht zu stellen, aber bitte gib mir vierzig Tage Zeit, damit ich deine Tochter finden kann. Bringe ich sie in der Zeit nicht, gehöre ich dir und du kannst mit mir machen, was du willst.“

Dann verließ Aladdin den Palast und setzte sich auf eine Wiese und betete voller Verzweifelung zu Allah. Als er dann nachdachte, was er tun könnte, fiel sein Blick auf seinen Ring an seinem Finger. Diesen Ring hatte er durch die Wunderlampe völlig vergessen.

Nun drehte er wieder an dem Ring, und der Zwerg erschien neben ihm und verneigte sich. „Zu deinen Diensten, Herr!“ „Bitte“, sagte Aladdin, „Bringe mir das Schloss und meine Frau und meine Mutter wieder.“ „Das kann ich nicht“, entgegnete der Zwerg. „Ich kann nichts tun, was gegen meinen Herrn oder diesen mächtigen Lampendämon geht. Ich bin ja nur ein kleiner Wurzelzwerg.“

„Jaja“, entgegnete Aladdin ungeduldig. „Aber dann bringe mich wenigstens zu meinem Schloss. Oder kannst du das auch nicht tun?“ „Doch, das ist möglich“, entgegnete der Zwerg. Und im gleichen Augenblick stand Aladdin vor seinem Schloss in der maurischen Wüste.

Er sprang durch ein Fenster, lief die Treppe hinauf und betrat das Zimmer seiner Frau. Sie begann vor Freude zu weinen. „O liebster Aladdin“, schluchzte sie. „Dieser Zauberer hat uns erzählt, du wärest tot. Und er wollte mich zwingen, seine Frau zu werden. Doch ich habe ihm nicht geglaubt. Wenn er dich hier erwischt, wird er dich töten.“

„Wo ist meine Mutter?“, wollte Aladdin wissen. „Sie schläft und es geht ihr gut“, erzählte Badr el Budur. „Aber was willst du tun?“ „Ich weiß es noch nicht“, entgegnete Aladdin. „Ich wollte erst einmal so schnell wie möglich zu dir kommen. Aber ich denke, es wird sich eine Möglichkeit finden, dem Zauberer den Zauber abzusprechen. Leider verstehe ich nur überhaupt nichts von Zauberei.“

Da zeigte seine Frau auf ein altes Buch, das auf dem Sofa lag. „Hier liegt ein altes Zauberbuch“, sagte sie. Aladdin beugte sich über das Buch und las Seite um Seite. Plötzlich las er eine Seite, auf der erklärt wurde, wie man Geister und Zauberer an einen Ring bindet, und dass sie ihm dann gehorchen müssen, wenn er daran dreht. Es stand auch geschrieben, wie man sich von diesem Zauber auch wieder befreien kann und sie unter die eigene Herrschaft bringt.

Sofort machte sich Aladdin ans Werk. Er murmelte Beschwörungsformeln, drehte neunmal am Ring in die eine Richtung und siebenmal in die andere. Dann sagte er den Bannspruch, der die Wesen von ihrem Bann freispricht und an einen anderen Herrn bindet. Das Ende des Spruches lautete: „Ich löse dich von deinem Herrn und binde dich an meinen Stern.“

Noch einmal drehte er. Und jetzt erschien der Zwerg neben ihm. „Gehörst du jetzt mir, oder bist du immer noch an deinen Herrn gebunden?“, wollte Aladdin wissen. „Ich gehöre jetzt dir allein“, entgegnete der Zwerg. „Und ich bin sehr froh darüber, denn du bist ein viel freundlicherer Herr als der schreckliche Zauberer. Du hast mich nur zweimal gerufen und warst immer nett und höflich zu mir.

Mein früherer Diener benutzte mich für alle schweren Arbeiten und hetzte mich hin und her. Dabei beschimpfte er mich mit allen erdenklich bösen Worten. Ich hätte ihm zu gerne den Hals umgedreht.“ „Das kannst du von mir aus gerne tun“, erwiderte Aladdin. „Er trachtet mir und meiner Frau nämlich nach dem Leben.“

„Ich bin also frei?“ fragte der Zwerg ungläubig. „Aber ja“, lachte Aladdin. „Aber hast du überhaupt Macht über ihn?“ „Die habe ich schon“, erwiderte der Zwerg. „Ich muss allerdings schnell sein, denn ich bin ja nur ein sehr kleiner Geist.“„So soll es sein“, sagte Aladdin. „Und wenn ich dich brauche, werde ich dich rufen.“

Der Zwerg verschwand. Aladdin aber machte sich auf, um zu seiner Frau zu gehen. Doch da gewahrte er plötzlich den Zauberer, der auch auf dem Weg zum Gemach seiner Frau war. Aladdin schaute durch den Türspalt und sah, wie sich der Maure seiner Frau näherte, sie packte und an sich riss.

Da stieß Aladdin die Tür auf und hielt dem Mauren sein Schwert entgegen. Der aber schob Aladdins Frau zwischen sich und Aladdin, sodass die Gefahr groß war, dass sie beim Kampf getroffen wurde.

Dann zog der Zauberer die Lampe aus der Tasche und drehte daran, um den Geist erscheinen zu lassen und Aladdin töten zu lassen. Aladdin aber drehte schnell an seinem Ring und der Zwerg erschien. Er schlug dem Zauberer die Lampe aus der Hand, dass sie über den Boden rollte. Dann kam ein Wirbelsturm auf, packte den Zauberer und schleuderte ihn aus dem Zimmer.

Badr el Budur lief auf ihren Mann zu, schlang die Arme um ihn und weinte. Aladdin ließ sie los, hob die Wunderlampe auf und trat zum Fenster. Dann fragte er den Zwerg, was mit dem Zauberer geschehen sei. „Es ist alles auf`s Beste erledigt“, erwiderte der Zwerg. „Der Maure ist in der Hölle, wo alle landen, die sich der Magie verschreiben. Wir werden nie wieder von ihm hören.“

„Dann will ich dir danken und dich von nun an in Ruhe lassen“, sagte Aladdin. „Ich habe nun das mächtigste Werkzeug der Wunderlampe. Aber ich will in Zukunft auch versuchen, ohne jede Magie zu leben.“ „Du sprichst weise, mein Freund“, erwiderte der Zwerg. „Aber habe keine Angst. Du hast die Magie nicht für dich benutzt, und so wirst du niemals in der Hölle enden. Leb wohl, mein Freund.“

Nun rieb Aladdin wieder die Lampe, und der Riese erschien. Aladdin aber befahl ihm, ihn mitsamt seinem Schloss an seinen Platz zurückzubringen. Da kehrte er nun zum König zurück. Der König unterdessen hatte seine Wut bitter bereut und die Trauer um seine Tochter und seinen Schwiegersohn hatte sein Herz fast zerrissen. So hatte er eine Reihe von neuen Gesetzte erlassen, die dem Frieden dienten. Auch hatte er die Menschen nicht verfolgen lassen, die Aladdin befreit hatten.

Immer wieder schaute er aus dem Fenster auf den kahlen Flecken, an dem einst das Schloss gestanden hatte. Eines Tages aber stand es wieder da. Er glaubte kaum, seinen Augen zu trauen. Und in dem Moment kamen auch schon Aladdin, seine Tochter und die Mutter aus dem Schloss, um ihm entgegen zu laufen.

Dann erzählte ihm Aladdin die ganze Geschichte von dem bösen Zauberer. Die Wunderlampe aber erwähnte er nicht, denn das Geheimnis wollte er für sich behalten. Nach seinem Tode sollte sie derjenige erhalten, der ihrer würdig war. Was daraus später wurde, ist nicht bekannt, denn Aladdin lebte sehr lange, und als er irgendwann nach vielen Jahren starb, hatte niemand mehr von dieser Lampe gehört.

So erzählte Scheherazade. Der König hörte gebannt zu. „Hörte man wirklich nie wieder von dieser Lampe?“, wollte er wissen. „Und auch von dem Ring nicht?“ „Nein, nie wieder“, entgegnete Scheherazade.

„Das ist zu schade“, seufzte der König. „Eine solche Wunderlampe würde ich auch zu gerne besitzen. Scheherazade, kennst du noch andere Märchen von alten Ringen oder Lampen?“ „Aber ja“, sagte Scheherazade. „Ich kenne die Geschichte von Maruf dem Schuhflicker, der ebenfalls einen Zauberring gewann. Aber das ist eine andere Geschichte.“

„Ich will sie hören“, befahl der König. „Ist sie so wie die Geschichte von Aladdin?“ „Eigentlich nicht“, sagte Scheherazade. „Auch wenn sie auch recht wundersam ist.“ „Erzähle sie!“, rief der König. „Erzähle von diesem Maruf und seinem Zauberring.“

Und Scheherazade erzählte.

Die Geschichte von Maruf dem Schuhflicker

Vor langer Zeit lebte ein Mann namens Maruf in Kahira. Er war Schuhflicker und verdiente nicht viel Geld. Schlimmer aber noch als seine Armut erschien ihm seine Frau Fatma; denn sie war zwar sehr hübsch, aber zänkisch und böse.

Im Gegensatz zu ihr war Maruf ein freundlicher und friedfertiger Mensch. Das aber brachte Fatma oft noch mehr auf die Palme, und so kam es nach einem Streit auch schon mal vor, dass sie ihm eine schallende Ohrfeige verpasste.

Zwar war Maruf eigentlich ein starker und kräftiger Mann und hätte sich so etwas nicht gefallen lassen, aber er war nicht in der Lage, ihr etwas anzutun. Er hatte Angst, einmal so in Wut zu geraten, dass er zuschlagen und nicht mehr aufhören könnte. So hoffte er einfach nur, dass sich eines Tages die Dinge für ihn ändern würden, seine Armut wie auch die Zanksüchtigkeit seiner Frau.

Aber es wurde nicht besser. Maruf bemühte sich, Fatma nicht zu reizen und flüchtete sich ansonsten in seine Schusterwerkstatt, wo er seinen Gedanken nachgehen konnte. „Man kann seinem Schicksal nicht entkommen“, dachte er sich. „Und eines Tages wird Allah es zum Guten wenden.“ So wurde er zwar von Tag zu Tag klüger, doch seine Armut und seine wütende Ehefrau blieben.

Die Nachbarn machten sich über ihn lustig. Sie lachten über Fatma, wenn sie ihren Mann bloß stellte, und hatten ihre Freude an dem Streit der beiden. Maruf wurde klar, dass die größte Freude des Menschen die Schadenfreude war, und sich daran über lange Zeit nichts geändert hatte.

Dann kann ein Tag, an dem sich alles änderte. Es war ein Tag, an dem dem geduldigen Maruf der Geduldsfaden riss. Er brachte damit einen Kieselstein ins Rollen, der eine Lawine auslöste. Genau genommen war es ein Kochlöffel, mit dem die Veränderung anfing. Und vor dem Kochlöffel war es eigentlich ein Honigkuchen.

„Bring mir heute Abend einen Honigkuchen mit“, befahl nämlich Fatma eines Abends ihrem Mann. „Ich habe Hunger darauf.“ „Oh Fatma“, erwiderte Maruf unglücklich. „Du weißt doch genau, dass die Geschäfte in dieser Woche schlecht gingen. Wir haben kein Geld für deine Leckereien.“

„Honigkuchen will ich habe“, schrie Fatma. „Andere Frauen bekommen auch Honigkuchen. Warum soll ich darauf verzichten!“ „Andere Frauen haben eben Männer, die mehr verdienen als ich“, gab Maruf zu bedenken.

„Dann verdiene mehr“, rief Fatma völlig aus dem Häuschen. „Du sitzt den ganzen Tag untüchtig und unnütz herum und starrst blöde in die Gegend.“ „Ich bin nicht untüchtig“, sagte Maruf. „Ich bin Schuhflicker von Beruf. Wenn dir das nicht passt, hättest du eben einen anderen Mann heiraten sollen.“

„Oh, du Oberesel“, rief Fatma. „Streng dich an, dann wirst du König!“ „Ich kann nicht zaubern“, gab Maruf zu Bedenken. „Dann lerne es gefälligst!“, schimpfte Fatma. „Ich kann es ja versuchen“, antwortete Maruf ganz ernst. „Und vielleicht ist es am Ende ja auch so, dass ich zaubern kann und König werde. Nur dass du heute Abend noch Honigkuchen bekommst, ist ziemlich unwahrscheinlich.“

Er wusste nicht, dass das, was er sagte, eine echte Prophezeiung war, und auch Fatma wusste das nicht. Im Gegenteil. Sie wurde immer wütender auf ihn, schwang den Kochlöffel drohend und rief: „Wenn du heute keinen Honigkuchen mitbringst, du lächerliche Jammergestalt, werde ich dich weich prügeln.“

Da flüchtete Maruf. Er hatte zwar keine Angst vor den Prügeln seiner Frau, auch nicht vor ihrem frechen Mundwerk, aber er hatte keine Lust, sich mit jemandem zu streiten. Stattdessen ging er in die Stadt und überlegte, wie er wohl an Honigkuchen kommen konnte.

Er klopfte an verschiedene Häuser und fragte nach der Möglichkeit, Schuhe zu flicken. Das tat er nicht sehr gerne. Er kam sich dabei wie ein Bettler vor, denn den Kunden nachzulaufen war nicht seine Art. Trotzdem hatte er, als es Abend wurde, einiges Geld zusammen.

Damit ging er zu einem Konditor und fragte nach Honigkuchen. Doch er musste sehen, dass das Geld nicht reichte. Traurig erzählte er dem Konditor von seinem Streit mit seiner Frau. Der aber lachte laut.

„Was bist du denn für ein Pantoffelheld“, sagte er. „Hast Angst vor einer Frau, und das alles wegen eines Honigkuchens. Also, wenn es meine Frau wäre, ich würde sie in ihre Schranken weisen. So etwas würde ich mir nie und nimmer gefallen lassen.“

Da schämte sich der Schuhflicker über alles. Einmal wegen seiner Frau, dann wegen seine Geschwätzigkeit und außerdem dafür, dass er eigentlich viel zu klug war, um nur Schuhe zu flicken und sich vor seiner Frau zu fürchten. Beschämt drehte er sich um und wollte gehen.

„Bitte nimm mir meine Worte nicht übel“, sagte der Zuckerbäcker. „Ich habe in der Tat gut reden. Meine Frau ist gut und freundlich, und so kann ich mich wahrscheinlich gar nicht in deine Lage versetzen.

Aber was deinen Honigkuchen betrifft: Ich habe einen Honigkuchen, der durchaus auch gut schmeckt, allerdings nicht mit Bienenhonig, sondern mit Zucker hergestellt wurde. Dieser Kuchen ist längst nicht so teuer, und du kannst ihn bezahlen.“

So kaufte Maruf diesen Kuchen. Doch kaum brachte er ihn seiner Frau zum Essen, wurde sie erneut wütend. „Das soll ein Honigkuchen sein!“, schrie sie. „Der ist doch nur aus Zuckerdreck!“ „Beruhige dich“, sagte Maruf unglücklich. „Ich habe viele Stunden dafür gearbeitet, und außerdem schmeckt er mir ausgesprochen gut.“

„Bring mir auf der Stelle Honigkuchen“, kreischte Fatma, und als ihr Mann zögerte, nahm sie einen Kochlöffel und schlug damit auf ihn ein. Maruf stolperte und fiel auf das Sofa, Fatma aber prügelte wütend weiter. Für einen Moment blieb Maruf verblüfft liegen und konnte nicht fassen, was ihm da geschah. Und dann, zum ersten Mal in seinem Leben riss ihm der Geduldsfaden.

Er drehte sich zu seiner Frau um, riss ihr den Löffel aus der Hand und schlug damit auf seine Frau ein. Fatma schrie, so laut sie konnte, aber Maruf konnte nicht aufhören. Weiter und weiter schlug er auf seine Frau ein.

Schließlich kamen die Nachbarn herbeigelaufen und schauten den beiden zu. Einige amüsierten sich, weil sie fanden, Fatma habe die Prügel schon lange verdient, einige aber hielten zu Fatma und hatten Mitleid mit ihr.

Und als die Prügelei nicht aufhörte, trennte man die beiden Prügelnden schließlich, brachte Fatma in die Küche und Maruf in seine Schusterwerkstatt. An dieser Stelle wendete sich Marufs Leben.

Zuerst sah es nicht so gut um ihn aus, denn zwei Gerichtsdiener kamen, um Maruf zu holen und vor Gericht zu stellen. Hier war auch seine Frau, die die Geschichte aus ihrer Sicht erzählte und kein gutes Haar an ihrem Mann ließ.

Dann traten aber auch Zeugen aus der Nachbarschaft auf, die sagten aus, welch ein gutmütiger und freundlicher Mann Maruf gewesen sei, und wie ungerecht sich Fatma ihm gegenüber verhalten hatte. Auch Maruf erzählte über die Peinigungen, die er durch seine Frau über sich ergehen lassen musste.

Zuletzt erhob sich der Richter und sagte: „Dein Handeln ist zu verstehen, Maruf. Wir alle kennen dich als sanften, weisen und freundlichen Mann, und so kann ich verstehen, dass du so gehandelt hast. Es ist nicht deine Art, deine Frau mit einem Löffel zu prügeln, und da du es trotzdem getan hast, musst du sehr gequält worden sein. Damit das nicht mehr vorkommt, gebe ich dir einen Dinar. Gehe damit zum Zuckerbäcker und kaufe den besten Honigkuchen aus reinem Bienenhonig für deine Frau.“

Doch kaum war Maruf auf dem Weg zum Bäcker, wurde er von den Gerichtsdienern eingeholt, die den Lohn für ihre Vorladung forderten. „Was wollt ihr von mir?“, rief Maruf. „Man hat mich doch sogar frei gesprochen und der Richter hat mir sogar einen Dinar geschenkt.“

„Das ist egal“, erwiderten die Gerichtsdiener. „Wir haben trotzdem unseren Lohn zu bekommen.“ Da gab ihnen Maruf das Geld und musste sogar noch sein Schusterwerkzeug auf dem Bazar verkaufen, um den Rest zu bezahlen.

Als er wieder in seiner Werkstatt saß und nun gar kein Geld mehr hatte, überlegte er, was zu tun wäre. Dabei war ihm sehr schwer ums Herz. Plötzlich ging die Tür auf, und erneut traten zwei Gerichtsdiener auf und forderten ihn auf, zum Richter zu kommen.

„Das darf doch nicht wahr sein!“, rief Maruf. „Ich war doch schon beim Richter, und er hat mich frei gesprochen.“ Aber die Gerichtsdiener hörten nicht auf ihn. Sie packten ihn und schleppten ihn vor einen anderen Richter.

Wieder musste Maruf seine ganze Geschichte erzählen, und auch Fatma erzählte alles noch einmal aus ihrer Sicht. Auch dieser Richter sprach Maruf frei, ohne ihm allerdings einen Dinar zu schenken, und ermahnte auch Fatma, eher Honigkuchen aus Zucker zu essen.

Wieder ging Maruf nach Hause in seine Werkstatt, und wieder kamen die beiden Gerichtsdiener, um ihren Lohn zu fordern. Erneut war Maruf gezwungen, seine letzten Werkzeuge zu verkaufen.

Danach aber war die Pein noch nicht beendet, denn wieder erschienen Gerichtsdiener, um Maruf vor den Richter zu schleppen. Diesmal sah es aber noch schlimmer um ihn aus. Fatma behauptetet nämlich, er habe sie zwischenzeitig noch einmal misshandelt.

Doch auch dieser Richter war auf Marufs Seite und glaubte Fatma nicht. „Kahira hat zwar sieben Richter, aber ich teile mit, dass kein anderes Urteil mehr ergehen darf und Fatma keine weiteren Richter mit ihrer lächerlichen Honigkuchengeschichte belästigen darf“, sagte er. „Darum befehle ich euch beiden: Vertragt euch!“

Fatma und Maruf versichterten, dass sie das tun wollten. Dann ging jeder allein nach Hause. Kaum war Maruf zu Hause, tauchten die Gerichtsdiener wieder auf und forderten ihren Lohn. Und so hatte er alles verloren, was er hatte.

Fatma kam nicht nach Hause, und Maruf war es recht. Er hatte nicht den Wunsch, sie wieder zu sehen. So verkaufte er alles aus seinem Haus, was er noch besaß, kaufte sich davon Brot und Käse und ging davon.

Er verließ das Haus und ging auf Wanderschaft. Er wünschte sich, einen anderen Ort zu finden, an dem es netten Menschen und mitfühlende Nachbarn gab. Und mit der Zeit vergaß er seine Frau. Obwohl er einer ungewissen Zukunft entgegen ging, fühlte er sich so frei, wie schon lange nicht mehr.

In einer verlassenen Gegend hielt er an. Er sah ein verlassenes altes Gebäude, entdeckte ein Loch in der Mauer und schlüpfte hinein. Hier kroch er tiefer und tiefer, bis er schließlich in ein Gewölbe kam, das sich unter der Erde befand. Hier roch es zwar muffig, aber er fühlte sich gegen den Regen und die Kälte geschützt.

Hier in der einsamen Höhle fühlte er sich plötzlich nicht mehr so frei, und sein Herz wurde traurig. Er seufzte tief und sagte: „Warum nur bin ich so arm?“ Und noch einmal seufzte er tief und rief: „Oh Allah, ich bin dein treuer Diener. Warum schickst du mir nicht Hilfe in meiner Einsamkeit. Wie kann ich erkennen, welchen Weg ich zu gehen habe?“

Und er stand auf und rannte unruhig herum. Und weil es so dunkel war, stieß er dabei mit dem Kopf gegen die Wand. Plötzlich gab es an der Wand einen riesigen Riss, und die Wand spaltete sich. Aus der Felsspalte trat ein Dschinni, ein schrecklicher Furcht erregender Geist.

„Wer ruft mich? Was ist geschehen?“ rief er. Maruf bekam es mit der Angst zu tun. Leise flüsterte er: „Ich weiß es selbst nicht. Ich bin aus Versehen mit dem Kopf gegen die Wand geschlagen. Mehr war es nicht.“

„Seit zweihundert Jahren lebe ich hier in diesen dunklen Gemäuern“, rief der Dschinni. „Und noch nie ist ein Mensch in diese Höhle gekommen. Nun läufst du hier herum, jammerst und trampelst, dass man es kaum ertragen kann. Was ist denn los?“

Maruf war nicht in der Lage, zu antworten. Er zitterte so sehr. Aber der Dschinni bekam Mitleid. „Beruhige dich, Ich tue dir doch nichts. Ich freue mich, eine menschliche Stimme zu hören“, sagte er. „Erzähl mir, wer du bist und woher du kommst.“

Und da berichtete Maruf von seiner Armut als Schuhflicker und seiner Frau, die so zanksüchtig war, und von dem Richter und den Gerichtsdienern erzählte er auch. Nach diesem Bericht ging es ihm besser.

Der Dschinni lächelte ihn an. „Deine Geschichte gefällt mir nicht“, sagte er dann. „Ich finde auch, dass du aus deinem Leben etwas Besseres machen solltest. Weißt du denn, wie ich dir helfen kann?“ „Das weiß ich ja selbst nicht“, entgegnete der Schuhflicker. „Ich wünsche mir aber, in ein Land zu kommen, das weit weg von meiner Frau und von Kahira ist. Vielleicht gibt es ein Land, in dem man auch als Fremder etwas werden kann.“

„Wenn ich dich recht verstehe, willst du reich und mächtig werden“, entgegnete der Dschinni. „Sehe ich das richtig?“ „Nein, so stimmt es auch wieder nicht“, antwortete der Schuhflicker. „Natürlich wäre ich gerne reich, aber nicht um jeden Preis. Ich will auch dabei den rechten Weg behalten.

Und nach Macht trachte ich gar nicht. Ich will es nur besser haben, als bisher, ein Leben eben ohne Arbeitsnot und zankende Weiber.“ Der Dschinni nickte. „Solche Menschen wie du haben es besonders verdient, reich und mächtig zu werden, denn sie missbrauchen ihre Macht nicht. Aber du musst wissen, dass du eine Reihe von Prüfungen bestehen musst. Darum bringe ich dich nun in eine Stadt, die dir gefallen wird.“

Er setzte Maruf auf seine Schultern, trug ihn aus der Höhle und flog mit ihm davon. Über Wüsten, Wälder, Flüsse und Täler ging es. Es wurde Tag und Nacht, und dann am Morgen landete der Dschinni mit Maruf auf einem Berg. „Geh dort hin“, sagte er und zeigte in ein Tal. Dann verschwand er.

Der Schuhflicker machte sich auf den Weg. Und als die Sonne höher stand, kam er schließlich in einer großen Stadt an. Die Menschen hier sahen anders aus, als in Kahira. Sie trugen andere Kleidung und schauten sich verwundert nach Maruf um.

„Woher kommst du?“, fragten ihn die Menschen. „Aus Kahira“, antwortete Maruf. „Dann warst du lange unterwegs, Fremder“, sagte man ihm. „Nicht so ganz lange“, erwiderte Maruf. „Gestern zum Nachmittagsgebet war ich noch dort.“ Da lachten die Menschen.

„Bist du ein Spaßvogel oder ein Lügner?“, fragten sie ihn. „Ich sage die Wahrheit“, erwiderte Maruf. „Das kann nicht sein“, erwiderten die anderen. „Von Kahira bis hier her ist man ein gutes Jahr unterwegs. Und auch das nur, wenn man gute Kamele hat.“

Da zog Maruf seine Brote, die er in Kahira gekauft hatte, aus der Tasche. „Seht diese Brote“, sagte er. „Die habe ich gestern in Kahira gekauft.“ Die Brote waren ganz anders und trugen das Zeichen der Bäckerzunft aus Kahira, aber die Menschen glaubten ihm trotzdem nicht. Sie lachten laut über ihn. Da merkte Maruf, dass es nicht viel Zweck hatte, auf die Wahrheit zu bestehen.

In der Menge aber stand auch ein Kaufmann und sah zu, wie Maruf verspottet wurde. „Was fällt euch ein, diesen Fremden auszulachen“, mischte er sich ein. „Er hat uns verkohlt“, erwiderten die Umstehenden. „Unsere Stadt ist nett zu Gästen“, erwiderte der Kaufmann. „Egal, was er gemacht hat. Also lasst ihn in Ruhe.“

Da gingen die Menschen davon. Der Kaufmann aber lud Maruf ein, mit sich zu kommen. Gerne ging Maruf mit ihm. Jetzt erfuhr er auch, dass die Stadt Ichtian-Alchuta hieß, in der er angekommen war.

„Es ist eine gute Stadt“, erklärte der Kaufmann. „Die Menschen sind nur ein wenig neugierig. Aber sie sind herzlich und eigentlich auch nett zu Fremden.“ Und er führte Maruf in sein schönes Haus, ließ ihn ein Bad nehmen und edle schöne neue Kleider bringen.

Maruf hatte noch nie so schöne Gewänder besessen. Er fand diese Tracht auch viel schöner, als die ärmliche Handwerkstracht, die er in Kahira getragen hatte. Und als er sich nun mit dieser schönen Kleidung betrachtete, hatte er das Gefühl, sein ärmliches Leben als Schuhflicker zu vergessen.

Dann bat ihn der Gastgeber zu Tisch. Wieder wollte er wissen, ob Maruf wirklich aus Kahra käme, und da erzählte ihm Maruf die ganze Geschichte. Er schämte sich zwar ein bisschen seiner Herkunft, gerade jetzt, in der neuen Kleidung, doch er beschloss trotzdem, die Wahrheit zu erzählen.

„Aus welchem Stadtviertel stammst du?“, wollte der Fremde wissen. „Ich komme aus dem Roten Quartier“, erzählte Maruf. „Sag, kennst du auch den Drogisten Achmed?“, erkundigte sich der Fremde. „Aber ja, das war mein Nachbar.“

„Berichte mir von seinen Söhnen“, forderte der Fremde Maruf auf. „Er hat drei Söhne“, erzählte Maruf. „Der erste wurde Drogist, wie sein Vater, der zweite wurde Professor, der dritte aber …“ „Was war mit dem dritten?“

„Der dritte war das schwarze Kamel in der Familie. Er trieb sich herum, er soll sogar gestohlen haben. Dann hat ihm sein Vater Achmed das Hinterteil ordentlich versohlt, und er lief davon.“ „Kanntest du ihn?“, fragte der Gastgeber weiter.

„Ja, natürlich“, erzählte Maruf. „Wir spielten als Kinder miteinander, und ich war untröstlich, als er plötzlich verschwand. Ich war damals noch viel zu klein, und konnte mir aus all den Geschichten um Ali keinen Reim machen.“

Da lachte der Kaufmann und sagte: „Der kleine Dieb und das schwarze Kamel bin ich.“ Maruf stand auf und umarmte ihn. „Oh Ali, ist es war?“, rief er. „Mein Freund aus der Kindheit.“ „Ja“, sagte Ali. „Ich war nicht wirklich so böse, wie du erzählst, aber ich habe damals wirklich gestohlen. Und ich bin nicht weggelaufen, weil ich verprügelt wurde, sondern weil ich mich im Roten Quartier nicht mehr blicken lassen konnte.

Ich hatte es nicht so gut wie du und wurde von einem Dschinni hierher versetzt, sondern ich musste den langen Weg zu Fuß gehen und habe dabei viele Erfahrungen machen müssen. Ich lieh mir damals Geld von einem Kaufmann und machte einen Laden auf. Und da ich viele Dinge aus Kahira kannte, die hier nicht bekannt waren, wurde ich reich mit meinem Geschäft und konnte meine Schulden zurückzahlen.

Doch ich denke noch oft an meine Familie und meine Stadt, und eines Tages möchte ich nach Kahira zurückkehren.“ Er sah Maruf lange an. „Wie sonderbar, dass uns das Schicksal zusammengeführt hat. Ich finde, dein Leben als Schuhflicker sollte nun ein Ende haben.“

„Ja“, stimmte Maruf zu. „Mit Allahs und deiner Hilfe möchte ich hier ein neues Leben anfangen. Aber hilf mir dabei.“ „Gut“, nickte Ali. „Dann kann ich dir gleich sagen, dass es schön ist, wenn jemand die Wahrheit erzählt, aber man sollte es auch nicht damit übertreiben. Also, die Geschichte mit deiner Frau und dem Honigkuchen würde ich an deiner Stelle nicht groß herumerzählen. Und die Sache mit dem Dschinni solltest du auch niemandem weitersagen, das glaubt ja doch keiner, und dann machst du dir nur Feinde.“

Maruf sah das genauso. „Ich würde es auch verschweigen, ein armer Schuhflicker zu sein. Lass uns zusammenarbeiten. Ich gebe dir tausend Dinare und du reitest allein zum Bazar. Dort werde ich dich empfangen und dich fragen, wo du deine Waren gelassen hast, und dann wirst du sagen, dass sie bald eintreffen werden.

Dann werde ich dich als reichen Freund empfangen und ein Fest für dich geben. Und dann wirst du sehen, Handel und Kredite werden dir offen stehen. Und nach einiger Zeit haben die Leute vergessen, dass du noch auf Waren wartest.“

Maruf dachte in Ruhe über den Vorschlag nach. Dann schüttelte er den Kopf. „Nein“, sagte er. „Das ist nichts für mich. Du hast zwar recht, dass ich nicht so viel herumschwatzen soll, aber mich als jemand auszugeben, der ich nicht bin, ist mir auch nicht recht.“

„So wirst du immer ein armer Schuhflicker bleiben“, rief Ali verächtlich. „Du sagst zwar die Wahrheit und bist ein gütiger und gerechter Mann, aber angesehen bist du nicht. Nur ein reicher Kaufmann ist ein angesehener Mann.“

„Es ist, wie du sagst“, erwiderte Maruf. „Und doch empfinde ich alles andere als unredlich.“ „Aber wem schadest du denn, wenn du etwas anderes sagst?“ wunderte sich Ali. „Komm, spring über deinen Schatten und spiel dieses Spiel mit mir. Du wirst viel Spaß daran haben.“

Er redete noch eine Weile, und schließlich fand Maruf Gefallen daran und beschloss, sich auf das Spiel einzulassen. „Und vor allem vergiss nicht, den Bettlern und Armen etwas zu geben“, erinnerte ihn Ali. „Das bringt dir einen guten Ruf ein.“

Schließlich spielten sie diese Rolle, wie Ali es vorgeschlagen hatte. Und auf die Frage der Neugierigen im Hafen erklärte Ali, Maruf sei einer der reichsten Kaufleute der Welt und unermesslich sei sein Reichtum. Da schauten alle Menschen ehrfurchtsvoll zu Maruf hinüber.

Maruf war das alles ein wenig unangenehm, und er hielt Abstand zu den anderen. Doch das machte ihn für die anderen nur noch interessanter. „Schaut, was für ein vornehmer Mann“, sagten sie und nannten ihn den reichsten Mann des Morgenlandes.

Als am nächsten Tag ein Bettler auf Maruf zukam und seine Hand aufhielt, legte Maruf eine Handvoll Goldstücke in seine Hand. Der Bettler war sehr verwirrt und konnte kaum fassen, was ihm geschah.

Das sprach sich schnell unter den Bettlern herum und am nächsten Tag war Maruf von Bettlern umdrängt. Er tat so viel Gutes, wie es ihm möglich war. So waren die tausend Dinare schnell ausgegeben, ohne dass etwas Sinnvolles dabei herausgekommen war.

Und so stand Maruf eines Abends genauso arm und mittellos wie früher mitten auf dem Bazar und seufzte. „Hast du Sorgen?“, erkundigte sich ein Kaufmann besorgt. Maruf nickte. „Ich habe das Gefühl, alle mittellosen Menschen haben sich in dieser Stadt versammelt“, sagte er. „Jedenfalls habe ich mein Geld verschenkt und habe nun nichts mehr.“

„Du hast ja auch Millionen verschenkt“, wunderte sich der Kaufmann. „Du musst es so machen wie wir. Du musst einfach sagen: „Allah wird schon für euch sorgen.“ „Ja, ihr Reichen handelt so“, ärgerte sich Maruf. „Dabei solltet ihr bei eurem Vermögen besser für die Armen sorgen.“

„Aber natürlich“, erwiderte der Kaufmann. „Übrigens habe ich gehört, dass deine Karawane noch auf sich warten lässt. Also, wenn du in Geldschwierigkeiten bist, will ich dir gerne tausend Dinare ausleihen. Tu damit, was du möchtest.“

Und er ließ Maruf einen Beutel Goldstücke überreichen. Maruf wusste zwar, dass das Geld nur geliehen war und er es eines Tages wieder zurückgeben musste, aber er kümmerte sich nicht darum. Er begann sofort, das Geld an die Armen zu verteilen.

Und wieder drängten sich die Bettler um ihn, bis das Geld ausgegeben war, und wieder fand sich ein neuer Kaufmann, der ihm tausend Dinare lieh. So ging das immer weiter. Ali ärgerte sich zwar ein bisschen über Marufs Verhalten, er hatte ihm aber selbst dazu geraten, großzügig zu Bettlern zu sein.

Dann gab er ein großes Fest für Maruf und alle wollten eingeladen werden und drängten ihm erneut Geld auf. Mittlerweile hatte Maruf sechzigtausend Dinare Schulden, aber die Menschen lobten seine Mildtätigkeit.

Doch die ersten Kaufleute, die Maruf ihr Geld zur Verfügung gestellt hatten, wurden allmählich misstrauisch, weil sie Marufs Karawane nicht sehen konnten, und er keinen Geschäften nachging, außer eben Menschen zu helfen.

Auch Ali konnte das alles nicht mehr mit ansehen und er fragte Maruf: „Wann in Allahs Namen gedenkst du, das Geld zurückzuzahlen?“ „Wenn meine Karawane ankommt“, erwiderte Maruf gelassen.

Da wurde Ali sehr wütend. „Mach dich bloß über mich lustig“, zischte er. „Du benutzt unser Geld, um den Wohltäter zu spielen.“ „Woher willst du das wissen?“, fragte ihn Maruf verärgert. „Vielleicht gibt es ja diese Karawane. Oder vielleicht geschieht ein Wunder.“

„Du bist wirklich ein Narr!“, empörte sich Ali. „Längst schon hättest du reich und mächtig sein können. Aber so wie du das machst, die Reichen zu schröpfen um es den Armen zu geben, das kann niemals gut gehen.“

„Vielleicht wird es doch ein Wunder geben“, erwiderte Maruf. „Die Begegnung mit dem Dschinni war doch auch ein Wunder. Und es war doch auch ein Wunder, dass wir uns hier nach vielen Jahren trafen. Und du kannst dir ganz sicher sein, Allah wird meine Werke schätzen und mir gnädig sein, auch wenn ich eine Komödie gespielt habe.“

„Dir ist nicht zu helfen“, sagte Ali. Und es kam, wie er befürchtet hatte. Die Kaufleute wollten nicht länger auf ihr Geld warten und gingen zum König, um Maruf zu verklagen. Der König hörte sich den Vorwurf an und sagte dann:

„Eigentlich ist er kein Betrüger, wenn er das Geld verschenkt. Wahrscheinlich erwartet er wirklich eine Karawane von großem Wert. Diese Kaufleute sollen nur den Mund halten, denn sie haben noch nie den Armen etwas abgegeben.“ „Das ist richtig“, entgegnete der Wesir. „Andererseits sollten wir uns den Maruf wirklich einmal vornehmen.“

„Du hast recht“, sagte der König. „Wenn er reich ist, kann er uns sogar nützlich sein. Wir sollten ihn auf die Probe stellen. Ich werde ihm eine kostbare Perle zeigen und ihren Wert schätzen lassen. Nur ein wirklich großer Handelskaufmann kann erkennen, dass diese Perle dreißigtausend Dinare wert ist.“

Der Wesir hielt diese Probe zwar für etwas seltsam, aber er war merkwürdige Einfälle des Königs gewöhnt. So ließ er Maruf holen und zeigte ihm die Perle. Maruf hatte nicht die leiseste Ahnung von Perlen, und als er sie in seinen harten Schuhflickerhänden hin und her bewegte, zerbrach sie plötzlich in viele Splitter.

Schnell tat er so, als habe er sie mit Absicht zerdrückt. „König!“, sagte er. „Diese Perle taugt nicht viel. Allenfalls zwischen tausend und dreißigtausend Dinare. Aber mehr nicht. Ich aber handele mit Perlen, die siebzig bis hunderttausend Dinare wert sind.“

„Indische oder afrikanische?“, wollte der König wissen. „Indische“, antwortete der Schuhflicker, der keine Ahnung hatte. „Die besten aber kommen von einer Insel weit im südlichen Meer.“ „Gibt es auch Perlen in deiner Karawane?“, wollte der Wesir wissen. Maruf nickte. „Viele sogar. Und wenn meine Karawane kommt, will ich euch einige davon schenken.“

Da freute sich der König und entließ Maruf. Maruf aber verließ das Schloss in großer Sorge und erkannte, dass er sich immer weiter in seine Lügengeschichte verstrickte. Wo sollte er denn eine Karawane herbekommen? Und dann auch noch eine Karawane mit Perlen.

Aber es kam alles noch schlimmer. Im Vorsaal des Palastes nämlich begegnete ihm die Prinzessin, die Tochter des Königs. Ihre Blicke trafen sich, und sein Herz entflammte. Sie glich dem schimmernden Mond, und ihre Augen waren wie Teiche der Oasen, in denen Lotusblumen blühten.

Sie war die Frau seiner Träume, das spürte er sofort. Und auch der Prinzessin ging es ähnlich. Sie blickte Maruf mit offenem Munde an und auch ihre Seele war entflammt wie die seine. Da lief sie zu ihrem Vater und fragte, was das für ein Mann gewesen sei.

„Ich habe ihn noch nie zuvor gesehen“, sagte sie. „Und er hat mir sofort gefallen.“ „Mein liebes Kind“, sprach ihr Vater. „Das freut mich sehr.“ Und er ging zum Wesir und redete mit ihm. „Es wäre keine schlechte Idee, wenn wir meine Tochter an diesen Mann geben“, sagte er. „Er ist steinreich. Bisher kamen nur arme Schlucker vorbei, um um die Hand meiner Tochter anzuhalten.“

Der Wesir wollte selbst gerne Nachfolger des Königs werden und riet darum dringend davon ab, aber der König setzte seinen Willen durch. Er ließ Maruf fragen, ob er seine Tochter heiraten wolle, und Maruf war überglücklich darüber. Dann aber überkamen ihn die großen Sorgen über all den Schwindel.

Und als der König die Hochzeit festlegte, ging er zum König, und versuchte, den Termin zu verschieben. „Wovon soll ich denn deiner Tochter ein Brautgeschenk machen?“, fragte er unglücklich. „Und was soll ich all den armen Menschen geben, die dem Hochzeitszug folgen? Lass uns warten, bis die Karawane kommt.“

Das überzeugte den König noch mehr von der Aufrichtigkeit Marufs und er rief: „Oh, Maruf, mein lieber Schwiegersohn, nimm aus meiner Schatzkammer, was immer du möchtest und brauchst.“ Und er bedrängte ihn so, dass Maruf nicht mehr Nein sagen konnte.

Und so lief Maruf die Hochzeit mit Fatma vom Großmufti nach den Gesetzten des Landes lösen und feierte seine Hochzeit mit der Prinzessin. Vier Tage lang feierte das Volk mit Pomp und Freude, und Maruf streute Geld unter die Armen, sodass alle Menschen noch tagelang von der Hochzeit sprachen.

Das Misstrauen gegen Maruf war seit dem Tage verschwunden, seit dem er Schwiegersohn des Königs geworden war. Nur drei Menschen blieben misstrauisch gegen ihn, das eine war Ali, Marufs Freund, das andere war der Wesir, der selbst gerne König geworden wäre, und der dritte war der Schatzmeister, der sich wunderte, warum Maruf so viel Geld für die Armen ausgab.

Maruf war überglücklich mit seiner neuen Frau, und er vergaß in diesen Tagen seinen Kummer und seine Sorgen vollständig. Erst als die Flitterwochen vorbei waren, tauchte die Frage nach der Karawane wieder auf. Der Schatzmeister sagte auch, er solle doch versuchen, eine neue Karawane mit Perlen aus dem Handelshäusern in Bewegung zu setzen und in Ichtian-Alchuta eine große Zweigstelle zu eröffnen.

„Ich werde es mir überlegen“, sagte Maruf. Und nun überkam ihn Trauer und er überlegte, was er tun könnte und fiel in ein dumpfes Brüten. Immer wieder kam seine junge Frau zu ihm und fragte ihn nach seinen Sorgen, aber er wollte sie ihr nicht anvertrauen.

Eines Nachts aber wollte er nicht länger lügen. „Liebes, ich will dir endlich die Wahrheit erzählen“, sagte er. „Ich bin Schuhflicker und kein reicher Kaufmann.“ Und dann erzählte er ihr die ganze Geschichte.

Da war auch die Prinzessin ganz verzweifelt, denn sie liebte Maruf sehr. „Oh, Maruf, ich bin sehr unglücklich“, sagte sie. „Natürlich liebe ich dich, und ich liebe dich auch, wenn du ein armer Schuhflicker bist. Du bist mir tausendmal lieber, als alle reichen Fürsten der Welt, die um meine Hand angehalten haben.

Nur weiß ich gut genug, dass dir Entsetzliches bevorsteht, wenn der Schwindel auffliegt. Mein Vater ist ein launischer Mann, und der Wesir und der Schatzmeister mögen dich nicht und werden Erkundigungen über dich einholen.

Und wenn die Wahrheit ans Licht kommt, werden sie dich verhaften und hinrichten lassen. Dir bleibt nichts anderes, als die Flucht in ein anderes Land. Dort musst du dein Glück versuchen, und mir hin und wieder eine Botschaft zukommen lassen.

Vielleicht gelingt es dir, in der Fremde zu Reichtum zu kommen. Wenn es dir aber nicht gelingt, werde ich dir heimlich nachkommen und mit dir zusammen in Armut leben. Das verspreche ich dir.

Vielleicht erleichtert sich auch hier das Leben für dich, dann schicke ich dir eine Nachricht, und wir werden wieder vereint sein.“

Dann weinte sie. Maruf aber verkleidete sich als Mameluck, nahm ein gutes Pferd, verabschiedete sich von seiner Frau und ritt davon. Die Prinzessin erzählte aber ihrem Vater, die Karawane sei in die Hände von Räubern gefallen, und Maruf hätte zusammen mit seinen Leuten die Verfolgung aufgenommen.

„Warum hat er denn nicht meine Leute zu Hilfe genommen?“, wunderte sich der König. „Ich hätte ihm sogar meine Armee gegeben.“ „Das Geschehen spielt außerhalb der Landesgrenzen“, erklärte die Prinzessin. „Aber sei unbesorgt, er hat in den Ländern Freunde, die ihm weiter helfen.“

Unterdessen ritt Maruf durch die Nacht. Er hatte Hunger und sah einen Bauern auf dem Felde. „Kann ich dir etwas zu essen abkaufen?“, fragte Maruf. „Abkaufen? Du bist mein Gast“, antwortete der Bauer. Und er ging ins nächste Dorf, um für Maruf Essen zu holen.

„Das kann ich doch auch machen“, rief Maruf, doch der Bauer war schon verschwunden. Da beschloss Maruf, die Arbeit des Bauern zu übernehmen. Es setzte sich auf den Pflug, trieb die Stiere an und pflügte, so gut es ihm möglich war.

Plötzlich knirschte es unter dem Pflug und die Pflugschar stieß auf einen Widerstand. Maruf schaute nach, was es war, und fand einen goldenen Ring, der an einer Platte befestigt war. Er hob die Platte hoch und sah eine Treppe vor sich. Sie führte ihn in ein dunkles Gewölbe.

Maruf stieg die Treppe hinunter und geriet in ein dunkles Gemacht. Hier lagerten Gold und Edelsteine, Smaragde, Rubine und Diamanten. In der Mitte des Raumes stand eine Truhe voll mit Kristall. Und dann gab es da auch eine goldene Dose.

Maruf öffnete sie und fand einen Ring aus Feuergold, der in der Mitte einen Skarabäus, einen Käfer aus Stein hatte. Maruf war fasziniert von diesem Ring und drehte daran. Da ertönte eine Stimme:

„Welchen Wunsch hast du?“ zirpte die Stimme und schien von dem Skarabäus zu kommen. „Soll die Wüste blühen? Soll es Feuer regnen? Soll ich einen König töten?“ „Allah, wer bist du denn?“, fragte Maruf ängstlich. Jetzt stand eine leuchtende Gestalt vor ihm, die sich verbeugte.

„Ich bin ein Fürst und dein Diener“, sagte der Geist. „Ich bin Herr über unzählige Dschinnis, Riesen, Kobolde, was immer du haben willst. Mein Name ist Abu Saadar, ich bin ein Meister des Glücks und an diesen Ring gebannt. Reib nur an dem Ring, und so werden deine Wünsche erfüllt. Aber reibe nie mehr als dreimal, sonst sterbe ich.“

„Also, dann wünsche ich mir, dass du mir all diese Schätze an die Oberfläche schaffst“, sagte Maruf. „Nichts leichter als das“, erwiderte der Geist. Und dann war das Gewölbe leer. „Es ist alles oben“, sagte der Geist.

„Da soll es nicht liegen bleiben“, sprach Maruf weiter. „Es soll eine Karawane entstehen, aus Pferden und Kamelen, Sklaven und Trommlern, die all diese Güter wohlverpackt zu mir nach Hause transportieren.“

„Nichts leichter als das“, erwiderte der Geist. „Dann füge den Schätzen noch eine Ladung Perlen hinzu“, sagte Maruf. „Die schönsten Perlen aus ganz Syrien. Außerdem Stoffe, Brokate und Seide. Mehr brauche ich nicht.“

Da verschwand der Geist. Maruf ging nach oben und traf auf eine große Karawane. In dem Moment traf der Bauer mit dem Essen ein. „Ich hielt dich für einen Mameluck“, sagte er. „Aber jetzt sehe ich, dass du der König selber bist.“

„Der bin ich“, sagte Maruf und verneigte sich. Und auch die Sklaven verneigten sich. „Haha, das ist zu komisch“, lachte der Bauer. „Ich habe dir nämlich ganz normale Linsen gebracht. Jetzt habe ich den ganzen Weg wohl umsonst gemacht, denn so ein einfaches Essen willst du bestimmt nicht zu dir nehmen.“

„Ich esse Linsen sehr gerne“, erwiderte Maruf und nahm den Teller an sich. Dann aß er die Mahlzeit und füllte anschließend den Teller mit Gold. Der Bauer traute seinen Augen kaum und ging wie im Traum davon.

„Hee, Bauer“, rief ihm Maruf nach. „Während du fort warst, habe ich ein bisschen gepflügt.“ Der Bauer rieb sich erneut die Augen. „Gepfügt. So ein hoher Herr? Wahrlich, das hast du vortrefflich gemacht. Schnurgerade Furchen. Also, wenn du nicht so ein hoher Herr wärest, könnte ich dich wunderbar als Knecht gebrauchen.“

Der Satz erschien ihm dann ziemlich respektlos, aber Maruf lachte. Dann gab Maruf das Zeichen zum Aufbruch und die Karawane brach nach Ichtian-Alchuta auf. Als er in der Stadt ankam, weinte die Prinzessin vor Glück. „Siehst du!“, sagte der König zu seinem Wesir. „Mein Schwiegersohn ist doch ein großartiger Mann. Und er ist der reichste Mann des Morgenlandes.“

Maruf zahlte alle seine Schulden, schenkte dem König die Perlen und füllte die Schatzkammer wieder auf. Dann gab er auch den Armen von seinem Reichtum ab. Und die ganze Stadt verehrte und liebte diesen Wundertäter.

Nur Ali wunderte sich. „Maruf, wie hast du das bloß gemacht?“, wollte er wissen. „Ich hatte ein magisches Erlebnis“, berichtete Maruf, „Aber du hast mir beigebracht, nicht darüber zu sprechen. Ich bin jetzt reich, aber ich habe mich mit diesem ganzen Schwindel sehr schlecht gefühlt. Zum Dank für deine Unterstützung möchte ich dir auch ein paar Perlen und Edelsteine schenken.“

So blieben sie Freunde und gleichzeitig die reichsten Männer der Stadt. Die Zeit blieb lange glücklich, doch Maruf hatte noch einige Prüfungen zu bestehen. Der Wesir nämlich traute ihm immer noch nicht über den Weg. Und als Maruf immer beliebter wurde, hasste er ihn immer mehr.

Eines Tages ging er zum König. „Verehrter König“, sagte er. „Ich kann dir immer noch sagen, dass mir dein Schwiegersohn unheimlich ist. Woher meinst du, hat er das ganze Geld? Und warum ist er so freigiebig. So freigiebig darf man nicht sein, das macht die Ärmsten nur frech.“

„Ach Unsinn“, winkte der König ab. „Das verhindert den Aufstand im Land. Dass es nicht so viel Elend gibt, haben wir doch Maruf zu verdanken. Er ist ein toller Geschäftsmann und ein guter Ehemann.“ „Aber woher hat er das Geld?“, jammerte der Wesir. „Er betreibt keine Geschäfte, und das Geld scheint von allen zu kommen. Wir sollten versuchen, herauszufinden, wer er in Wirklichkeit ist.“

„Willst du ihn foltern lassen?“, fragte der König entsetzt. „Aber nein“, erwiderte der Wesir. „Wir sollten ihn nur auf ein paar edle tropfen Wein einladen.“ Und so geschah es.

Gemütlich ließen sie sich zu Dritt im Garten des Königs nieder und ließen sich den Wein schmecken. Aber auch wenn Maruf ein bisschen schummrig vom Wein wurde, veriet er doch nichts. Da entdeckte der König den Ring an seinem Finger. „Was ist das für ein Ring?“, fragte er nach.

„Das ist der Ring eines Dschinni – haha“, erzählte Maruf plötzlich. „Welcher Wunsch –befehl – haha – Dschinni kommt und bringt es – haha.“ Und in seiner Betrunkenheit war er nicht mehr Herr über seine Sinne. „Ich verstehe jetzt alles“, sagte der Wesir. „Gib mir doch einmal diesen Ring.“

„Haha“, lachte Maruf wieder. „Der dicke Wesir will den Ring des Schuhflickers haben – haha- des Geisterflickers – haha.“ Und so redete er immer mehr Unsinn. Da ergriff der Wesir plötzlich die Weinflasche und schlug sie Maruf über den Kopf.

Der König war entsetzt und wollte die Leibgarde holen, da aber drehte der Wesir schnell an dem Ring und der Geist erschien. „Nehmt diesen betrunkenen Mann und werft ihn in die Wüste“, befahl er. Und der Dschinni führte den Befehl aus. „Siehst du“, sagte der Wesir zum König. „Er war ein Hexenmeister.“

„Gib mir doch einmal den Ring“, bat der König. Doch da lernte er seinen Wesir endlich einmal kennen. „Das könnte dir so passen“, rief er und schlug dem König kräftig auf die Finger. „ich habe deine Launen lange genug ertragen müssen. Jetzt behalte ich den Ring und mache mich zum König. Und du bist und bleibst ein hilfloser Trottel.“

Er rieb an dem Ring und rief: „Nimm auch diesen eitlen Pavian und trage ihn zu Maruf in die Wüste.“ Und der Dschinni packte den König und verschwand.

Dann ließ der Wesir die Armee zusammen kommen und stellte sich ihnen als neuer König vor. Und wenn sie ihn nicht anerkennen wollten, ließ er sie Dschinnis Faust spüren und hielt sie in Angst und Schrecken. So gehorchten ihm alle schnell.

Dann forderte er von der Prinzessin, sie möge ihn heiraten, und sie ließ ihm noch am gleichen Abend bestellen, sie sei da, um seinem Willen zu folgen. Das überraschte aber erfreute den Wesir.

Marufs Frau aber dachte nicht im Geringsten daran, den Wesir zu heiraten. Sie wusste nur, dass der Widerstand zwecklos war und hatte darum einen Plan. So ließ sie den Wesir freundlich in ihrem Zimmer willkommen heißen. Sie ließ Speisen und Wein auftragen und lud ihn zum Essen ein.

Und dann sah sie den Finger an seiner Hand und atmete heimlich auf. Gerade wollte der Wesir mit ihr über die Hochzeitspläne sprechen, da sagte sie zu ihm: „Was steht da für ein schrecklicher Mann hinter dir? Schicke ihn weg!“

Der Wesir erschrak und drehte sich um, konnte aber niemanden sehen. „Wen meinst du?“, fragte er unsicher. „Er steht immer noch da“, sagte die Prinzessin. Da wurde es dem Wesir unheimlich. „Wie sieht der Mann denn aus?“, fragte er.

„Wie ein Dschinni“, erwiderte die Prinzessin. „Er fliegt durch die Luft und leuchtet. Da ist er wieder!“ Der Wesir drehte sich immer wieder um sich selbst. „Wenn er so aussieht, wie du sagst, ist es der Diener meines Ringes“, sagte er dann.

„Oh, ich habe Angst vor ihm. Bitte lege den Ring ab, ja?“, bat die Prinzessin. Da lachte der Wesir. „Du schlaue Katze! Du willst doch nur den Ring stehlen, nicht wahr? Aber den kriegst du nicht.“

Die Prinzessin bemerkte, dass ihr Trick durchschaut war, aber sie versuchte es noch einmal. „Nein, wirklich, da ist er“, rief sie. Und als der Wesir sich noch einmal umdrehte, schnappte sie sich eine Weinflasche und schlug sie dem Wesir über den Kopf, genau wie er es mit ihrem Mann gemacht hatte.

Der Wesir sank zusammen. Doch die Kraft der Frau war nicht ausreichend, ihn in Ohnmacht zu befördern. Und er hielt seine Hand schützend über den Ring. Nun stürzten zwei Mamelucken der Prinzessin ins Zimmer, packten sich den Wesir und fesselten ihn.

Doch als Marufs Frau versuchte, ihm den Ring von der Hand zu ziehen, biss er sie so fest er konnte in die Hand. Marufs Frau schrie auf, und dann schlug sie auf den Wesir ein, genau wie Fatma früher Maruf geschlagen hatte. Und dann zog sie ihm den Ring von dem Finger.

Auf ihr Zeichen zogen sich dann die Mamelucken zurück. Dann drehte sie an dem Ring und der Diener erschien. „Was wünschst du?“, fragte er. „Bring mir meinen Vater und meinen Mann zurück, und schicke den Wesir in die Wüste, genau dort hin, wo er meinen Mann geschickt hat. Aber nimm ihm die Fesseln ab, damit er nicht verhungert. So kann er als Einsiedler leben.“

Der Diener verschwand und mit ihm auch der Wesir. Und schon nach kurzer Zeit standen der König und Maruf unversehrt im Zimmer, halbnackt und mit zerrissenen Kleidern. Sie umarmten die Prinzessin und alle waren glücklich und feierten ein rauschendes Fest.

Das Volk erfuhr, dass der schreckliche Tyrann gestürzt war, und der Mann, der ein Schuhflicker war, wurde König, und alle waren froh darüber. Er lebte glücklich und zufrieden, und war sich sicher, dass er alle alten Zeiten für immer hinter sich lassen konnte.

Aber eines Tages holte ihn seine Vergangenheit wieder ein. Die Wachen brachten eine Frau zu ihm, die ihn sprechen wollte, und als er sie hereinbat, sah er, dass Fatma, seine erste Frau zu ihm gekommen war.

Sie machte ihm halb unterwürfig, halb verärgert, Vorwürfe, dass er sie verlassen habe, und dass sie eines Tages gehört habe, dass er König geworden sei. Und so habe sie sich von einer Karawane mitnehmen lassen, um zu ihm zu kommen.

„Denn“, so endete sie, „du bist ja immer noch mein Mann.“ „Du irrst dich“, sagte Maruf. „Ich habe einen Großmufti mit der Auflösung der Ehe beauftragt. Aber vielleicht kann ich ja trotzdem etwas für dich tun.“ Und es überkam ihn etwas Mitleid.

Aber Fatma hatte schon Oberwasser bekommen. „Wenn du mich nicht wieder aufnimmst, erzähle ich überall in der Stadt, dass du Schuhflicker gewesen bist“, rief sie zornig. „Das kannst du gerne machen“, erwiderte Maruf und lächelte. „Das ist für niemanden in der Stadt eine Neuigkeit. Und weißt du was? Sie lieben mich gerade deswegen.“

Da merkte Fatma, dass sie einen Fehler gemacht hatte, und schämte sich. „Liebe Fatma, ich habe eine neue Frau, die ich sehr liebe“, sagte Maruf. „Trotzdem will ich dich aufnehmen. Du kannst im Palast wohnen, viel Geld haben und einige Dienerinnen zur Seite bekommen.“

Das nahm Fatma gerne an. Und zunächst ging auch alles gut. Sie genoss ihren Reichtum und lebte glücklich und zufrieden, dann aber kam ihre alte Streitbarkeit wieder durch. Sie zeigte ihre herrschsüchtige und zänkische Seite, behandelte ihre Dienerinnen schlecht und ließ sie auspeitschen.

Als Marufs Frau das erfuhr, warnte sie Fatma, das dem König zu melden. Aber Fatma wurde noch böser und beschloss, die Prinzessin zu ermorden. Längst hatte sie von dem Ring und dem Dschinni gehört, und beschloss, mit dieser Hilfe selbst Königin zu werden.

Heimlich schlich sie zu dem schlafenden Maruf und versuchte, ihm den Ring vom Finger abzuziehen. Doch da der Ring an seinen dicken Schuhflickerfingern sehr eng war, wurde Maruf unruhig, und es sah aus, als würde er erwachen.

Da drehte sich Fatma um und entdeckte eine seidene Schnur an der Gardine. Sie riss sie herunter und schlang sie um Marufs Hals. Da erwachte er, doch sie würgte ihn nun mit aller Kraft. Er brachte keinen Ton hervor und drohte, zu ersticken.

Ausgerechnet in dieser Nacht hatte Marufs Frau nicht schlafen können. Sie beschloss, ins Schlafgemach ihres Mannes herüber zu gehen, und kam gerade in dem Moment, als Fatma Maruf den Ring vom Finger zog.

Schnell rief sie nach den Wachen. Sie kamen sofort und kämpften mit Fatma. Bei dem Kampf stürzte Fatma aus dem Fenster, die Klippen hinab in den reißenden Fluss. Der spülte sie in den Ozean, wo die Haie auf ihr Fressen lauern.

Da kam Maruf zu sich. Als ihm seine Frau die Geschichte erzählte, berichtete er ihr von Fatma und der Geschichte mit dem Pfefferkuchen. Dann erst bemerkten beide, dass der Ring nicht mehr da war.

„Was machen wir denn nun?“, fragte die Königin verzweifelt. Doch Maruf lächelte. „Wir brauchen die Zauberkraft nicht mehr“, sagte er. „Die Geister können unter sich bleiben, und wir können wieder Menschen sein, wie andere auch.“ Und sie lebten noch lange in Frieden, bis eines Tages auch sie wie alle Menschen vom Tod erreicht wurden – ob arm oder reich, ob Schuhflicker oder König.

So erzählte Scheherazade. „Seltsam, dass Zauberringe und Lampen oder geheime Schätze immer nur armen Menschen zuteil werden, nie aber mal einem König“, sagte er. „Das liegt daran, dass sie reinen Herzens waren“, sagte Scheherazade. „Ali Baba oder Maruf oder Aladdin, sie alle waren reinen Herzens, sie waren mildtätig und gerecht. So konnten sie reich und mächtíg werden.“

„Hm“, sagte der König missmutig, denn ihm fiel ein, dass er selbst bisher noch nie milde oder gerecht gewesen war. Aber er verscheuchte die Stimme, die ihm Reue riet. „Erzähle weiter deine Geschichten“, sagte er dann. „Die Nacht ist bald um. Die Vögel erwachen schon.“

„Soll ich die Geschichte vom Rebhuhn und den Schildkröten erzählen?“, fragte Scheherazade. „Das ist mir recht“, erwiderte der König. „Ich habe genug von Dschinnis und Zauberringen gehört.“

Und Scheherazade erzählte.

Die Geschichte von der Schildkröteninsel

Im Süden mitten im Meer unter dem Himmel des ewigen Sommers liegt die Schildkröteninsel. Allah hat sie einzig und allein für Schildkröten geschaffen. Sie sollten hier eine Heimat haben und niemand in der Welt sollte sie verfolgen können. Menschen kennen diese Insel nicht und kommen hier nicht hin.

So lebten die Schildkröten auf dieser Insel in Ruhe und Frieden. Sie langen zusammen im Sand, schwammen zusammen im Meer und hielten dann und wann sogar eine Ratsversammlung ab, bei der aber nichts gesagt oder beschlossen werden musste, weil sich die Schildkröten alle miteinander vertrugen.

Eines Tages gelangte ein Rebhuhn auf die Insel. Es war zunächst ganz verwirrt, als es dann aber sah, wie fruchtbar die Insel war, lief es begeistert über die Insel und begrüßte alle Schildkröten voller Freude.

Auch die Schildkröten freuten sich. Sie hatten noch nie einen Vogel gesehen und fanden ihn wunderschön. Auch waren sie darüber erstaunt, was es alles konnte: hüpfen, laufen, fliegen. Dazu war es noch ausgesprochen quirlig und rannte über die Insel.

Auch das Rebhuhn liebte die Insel. Hier gab es keine Feinde, nur Freunde und außerdem Früchte und Sonne soweit das Auge reichte. Manchmal aber hatte das Rebhuhn den Wunsch, fortzufliegen. Dann spreizte es seine Flügel und flog hoch in den Himmel.

Jedes Mal wenn es fort war, wurden die Schildkröten sehr sehr traurig und sie sahen immer wieder in den Himmel und hofften, es würde bald wieder kommen. „Ich bin mir sicher, dass das Rebhuhn das schönste Tier unter der Sonne ist“, sagten die Schildkröten zueinander. „Es gibt auf dieser Erde kein schöneres Geschöpf.“

Eines Tages, als das Rebhuhn wieder einmal beschloss, in die Welt hinaus zu fliegen, flüsterten die Schildkröten miteinander und baten dann das Rebhuhn zu einer Unterredung. „Rebhuhn“, sagten sie. „Du bist das schönste Tier, das es gibt auf dieser Welt. Wir alle lieben dich so. Doch wir fragen uns, warum du uns immer wieder verlässt und in die Welt hinaus fliegst. Gefällt es dir nicht bei uns?“

„Aber nein“, rief das Rebhuhn. „Das ist es nicht. Es ist nur so, dass ich diese Flügel habe. Und manchmal habe ich den großen Wunsch, sie auszubreiten und davon zu fliegen. Es hat überhaupt nichts mit euch oder dieser wunderschönen Insel zu tun.“

Die Schildkröten sahen sich verwundert an. „Soso“, sagten sie. „Es liegt also an den Flügeln. Nun, das ist komisch. Wir fragen uns nämlich sowieso immerzu, wozu man die braucht.“

„Man braucht die Flügel schon“, rief das Rebhuhn. „Nur einen Panzer, wie ihr ihn habt, den braucht man nicht.“ Doch die Schildkröten sprachen schnell weiter. „Darum wollen wir dir vorschlagen, dir deine Schwungflügel auszureißen. Du bleibst so schön wie vorher, aber du hast nicht mehr den Wunsch, fort zu gehen und bleibst so für immer bei uns.“

Keine Minute dachte das Rebhuhn über diesen Vorschlag nach. Es drehte den Kopf, griff mit dem Schnabel in die Schwungflügel und riss sie mit einem Ruck aus. „Schon geschehen“, rief es. „Ihr habt Recht. Jetzt habe ich nicht mehr den Drang, wegzufliegen.“

Da freuten sich die Schildkröten, und auch das Rebhuhn war zufrieden. Und mit der Zeit verlernte es das Fliegen.

Eines Tages kam ein Marder an den Strand. Er schlich umher und suchte Beute. Da sah er das Rebhuhn und lief darauf zu. Das Rebhuhn lief verzweifelt hin und her. Der Marder aber lachte, erkannte er doch gleich, dass ihm dieses Tier nicht entgehen konnte.

„Lebe wohl, schöne Insel“, flüsterte das Rebhuhn. „Was war ich auch so dumm, mir die Federn auszureißen.“ Und es flatterte noch einmal etwas aufgeregt hin und her. Aber was geschah da? Das Rebhuhn erhob sich in die Lüfte. Seine Federn waren nämlich nachgewachsen.

Hoch und immer höher flog es und kam nie wieder.

Da waren die Schildkröten sehr traurig. „Das geschieht uns Recht“, sagten sie sich. „Wir wollten das Rebhuhn an diese Insel binden, und dadurch haben wir es nun für immer verloren.“

„Ach“, seufzte eine andere Schildkröte. „Und fast hätten wir mit ansehen müssen, wie ein Marder es verspeist. Was sind wir doch für dumme, selbstsüchtige Geschöpfe.“ Alle nickten traurig mit den Köpfen.

„Wir sollten sehen, dass Allah jedem Tier etwas Besonderes gab: Dem einen Flügel, dem anderen einen Panzer, alles aber nur zu seinem eigenen Schutz. Und was Allah seinen Geschöpfen mitgab, sollte man nicht einfach so wegwerfen.“

„Alles ist durch Allah gut eingerichtet, und man sollte es nicht ändern“, sagten die anderen. Und so trösteten sie sich über den Verlust des Rebhuhns hinweg.

So kehrte wieder Frieden auf der Insel ein, und so ist es bis heute geblieben. Allahs Lächeln liegt immer noch über der Schildkröteninsel.

So erzählte Scheherazade. Als sie geendet hatte, ging die Sonne auf. Der König erhob sich. „Das war schön, einmal eine kurze Geschichte zu hören, nach dieser langen“, sagte er. „Aber du erzählst immer so weise Sachen. Das mag ich nicht so gerne. Kennst du nicht auch ein paar lustige Geschichten?“

„Die lustigsten Geschichten sind die, die immer auch ein bisschen weise sind“, sagte Scheherazade. „Genauso wie auch die weisen Geschichten immer lustig sein sollen. Aber sie sollten auch immer einen guten Rat enthalten.“

„Das ist ja in Ordnung“, sagte der König. „Ich mag schon durchaus auch Geschichten, die einen guten Rat enthalten. Aber Morgen, wenn du weitererzählst, will ich etwas Lustiges hören.“

„Es gibt eine Geschichte von Ali, dem Meisterdieb“, berichtete Scheherazade. „Er ist zwar ein Bösewicht, aber auch ein Spaßvogel. Und er ist auf seine Weise sogar ein gerechter Mann.“ „Ich habe noch nie von ihm gehört“, sagte der König. „Erzähle mir die Geschichte heute Abend.“

Und in der Nacht erzählte Scheherazade die Geschichte von Ali, dem Dieb, und dem zweimal bestohlenen Geldwechsler.

Die Geschichte vom zweimal bestohlenen Geldwechsler

Ali war ein Meisterdieb und lebte zur Zeit des Kalifen Suleiman. In dieser Zeit gab es viel Handel, und die Geschäfte blühten, es war aber auch eine günstige Zeit für Diebe. Der Kalif bestrafte Diebe zwar streng, aber er konnte nicht verhindern, dass viel Geld weg kam – und auch Ali sorgte dafür.

Allerdings war Ali kein ganz gewöhnlicher Dieb. Er bestahlt nur die Reichen, und dabei besonders gerne die Reichen, die sehr hartherzig waren. Außerdem hatte auch er eine Art „Ehre“. Er wollte nie einen heimtückischen Diebstahl begehen.

Darunter verstand er auch solch einen Diebstahl, der den Verdacht auf jemand anderen fallen ließ. Er wollte selbst verdächtigt werden, um dann zu entkommen. So rettete er einmal zehn Gäste einer Herberge vor der Folter.

Ali hatte nämlich in der Herberge einen Ring gestohlen. Da der Verdacht auf einen der Gäste in der Herberge fiel, wurden alle Gäste der Reihe nach verhört, aber niemand gestand, der Dieb zu sein. So ordnete der Polizeihauptmann die Folter für alle an.

Als es dann dazu kommen sollte, erschien Ali und legte den Ring auf den Tisch. Da wollte der Hauptmann Ali in Ketten legen lassen. Doch noch bevor er das tat, bat er Ali, genau zu zeigen, wie er den Ring aus der Tasche gestohlen habe.

Ali ließ den Polizisten den Ring in die Tasche stecken und zur Tür gehen. Dann erklärte er, wie er sich von hinten angeschlichen habe und den Ring aus der Tasche gezogen habe, um dann mit einem Satz aus der Tür zu springen.

Und noch während er das sagte, zog er dem Polizisten den Ring aus der Tasche und verschwand. Die zehn Verdächtigen wurden freigelassen.

So war Ali, der Meisterdieb. Doch sein größter Diebstahl war die Geschichte von dem doppelt bestohlenen Geldwechsler. Es war zu der Zeit, als Ali noch Anfänger war. Er zog damals mit Hassan, einem alten Vagabunden durch das Land.

Eines Tages bewunderten die beiden einen Geldwechsler. Er war ein rechter Wucherer, und deswegen besonders reich. Außerdem war er ein besonders hartherziger und geiziger Mann. Ali stieß Hassan an.

„Guck dir den alten Gierkopf an!“, sagte er. „Der hat die Taschen voller Geld. Mensch, wie der Mann schwitzt, mit all seinem Geld, da sollten wir ihm den Gefallen tun, und ihn ein bisschen erleichtern.“

„Mach das, mein Freund“, ermutigte ihn Hassan. „Ich will sehen, ob du auch etwas Ordentliches bei mir gelernt hast. Darum solltest du die Tat einmal alleine durchführen. Ich werde im Wald auf dich warten.“

Und so folgte Ali dem Geldwechsler bis zu seinem Haus. Die Fenster des Hauses waren sehr niedrig und standen weit offen. Ali schaute durch das Fenster und sah, wie der Geldwechsler das Geld in einem Sack auf den Tisch warf. Dann ging er ins Nebenzimmer, um sich von einer Sklavin säubern zu lassen.

Die Sklavin verneigte sich vor ihm, holte ein Handtusch und ließ Wasser in die Wanne ein. Ali sprang durch das Fenster in den leeren Raum, griff den Beutel und sprang wieder aus dem Fenster. Dann lief er zum Wäldchen hinüber.

Triumphierend hielt er Hassan den Beutel entgegen. „Nun, mein Freund, bist du zufrieden?“ „Das bin ich nicht“, erwiderte Hassan streng. „Du hast einfach nur Glück gehabt. Aber auf das Glück allein sollte man sich niemals verlassen. Ein guter Dieb bereitet seinen Diebstahl vor und wartet nicht auf den passenden Augenblick.

Dann gibt es noch etwas, was mir an deiner Arbeit nicht gefällt“, fuhr Hassan fort. „Was nämlich wird passieren, wenn der Geldwechsler den Diebstahl bemerkt? Er wird die Sklavin verdächtigen. Und da der Mann hartherzig ist, wird er sie der Polizei übergeben und sie foltern lassen.“

„Das wollte ich nicht“, rief Ali erschrocken. „Ich wollte den Geldwechsler schädigen. Der Sklavin sollte nichts geschehen.“ „So hast du einen miserablen Diebstahl getan“, schimpfte Hassan. „Aber so ist es nun mal. Lass uns weiterziehen.“

„Nein, nein“, rief Ali. „Warte noch einen Moment auf mich. Ich komme gleich wieder.“ Und er nahm den Beutel und ging zum Hause des Geldwechslers zurück. Schon von weitem hörte er jemanden laut schreien. Als er durch das Fenster schaute, sah er die Sklavin auf dem Sofa liegen, und der Geldwechsler schlug mit seiner Peitsche auf sie ein.

„Wo hast du es? Sag es mir!“, schrie er dabei. Da klopfte Ali an die Tür. Mit rotem Gesicht, die Peitsche noch in der Hand, öffnete der Geldwechsler. „Was willst du?“ fragte er böse.

„Ich bin der Knecht eures Nachbarn“, erklärte Ali. „Unser Nachbar schickt mich, weil er auf der Straße neben deinem Haus einen Beutel gefunden hat. Ich habe nicht hineingesehen, aber ich kann mir vorstellen, dass er wertvoll ist.“

Da schnappte sich der Geldwechsler den Beutel. Die Sklavin lächelte und hörte auf zu schluchzen. „Ich hätte schwören können, dass ich den Beutel hier auf den Tisch gelegt habe“, sagte der Geldwechsler verwundert. „Es ist mir noch nie passiert, dass ich Geld verloren habe.“

„Das kann man sich auch leicht einbilden“, erwiderte Ali. „Immerhin war es gut, dass ich als ehrlicher Finder das Geld zurück gebracht habe. War es viel Geld?“ „Aha, du willst wohl Finderlohn haben“, sagte der Geldwechsler, griff in den Beutel und zog ein paar Geldstücke heraus. „Das ist ja mehr als großzügig“, sagte er dazu.

„Ich bitte dich auch noch, mir einen Brief zu schreiben, dass ich das Geld bei dir abgeliefert habe und dafür Finderlohn erhalten habe“, bat Ali dann. „Sonst wundern sich die Leute, wenn ich so viel Geld bei mir habe.“ „Das will ich wohl tun“, sagte der Geldwechsler.

Er ging in den Nebenraum, um ein paar Zeilen zu schreiben. In dem Moment aber reichte Ali der Sklavin die Geldstücke, die der Geldwechsler ihm zugesteckt hatte und nahm sich seinerseits den Beutel Geld, um damit aus dem Fenster zu springen.

Die Sklavin wartete erst, als er verschwunden war. Dann fing sie an zu schreien. Ali erreichte seinen Freund Hassan nach einigen Umwegen im Wald, als es anfing, dunkel zu werden. Hassan klopfte ihm auf die Schulter.

„Siehst du, mein Freund, das ist ordentliche Arbeit“, sagte er. „So wirst du mit Allahs Hilfe noch ein bedeutender Dieb werden.“ Und so geschah es auch.

So erzählte Scheherazade, und der König schmunzelte. „Hat man ihn wirklich nicht erwischt?“, wollte er wissen. „Doch“. sagte Scheherazade. „Alle Diebe werden einmal erwischt und bestraft. Aber er hatte Glück im Unglück. Als er gehenkt werden wollte, riss der Strick und Ali stürzte zu Boden. Da begnadigte der Kalif Ali. Er hatte schon früher oft über Alis Taten lachen müssen.

Und weil es kein Gesetz gibt, dass jemand zweimal gehenkt werden darf, ließ er ihn laufen. Ali hat dann später auch nicht mehr gestohlen.“ „Du redest viel über Gerechtigkeit“, bemerkte der König verärgert. „Aber ist es denn wirklich so, dass Allah jede böse Tat sühnt? Schau dir die Welt doch an! Das meiste, was geschieht, hat keinen Sinn.

Wenn es wirklich so ist, wie du sagst, wäre ich schon bereit, ein weiser und netter König zu werden. Aber im Grunde ist das, was du erzählst, doch nur ein Märchen.“ „Zuerst sieht es oft so aus“, sagte Scheherazade. „Aber manchmal sehen wir nur die Oberfläche des Lebens. Und deine Frage ist genau die, die Omar, der Eremit auch immer stellte, als er den Mord mit angesehen hat.“

Was ist das für ein Omar und was für ein Mord?“, wollte der König wissen. „Das ist eine alte Geschichte“, erwiderte Scheherazade. „Man nennt sie die Geschichte der himmlischen Vergeltung.“ „Erzähle!“, befahl der König.

Und Scheherazade erzählte.

Die Geschichte von der himmlischen Vergeltung

Omar war ein Eremit. Er lebte zurückgezogen und enttäuscht von der Welt auf einem Berg und dachte über den Lauf der Welt nach. Hier in den Bergen war er zu der Erkenntnis gekommen, dass das Leben von Allah gesteuert wurde, dass das Gute belohnt und das Schlechte bestraft wurde.

Da sah er unten im Tal einen Reiter, der Rast machte. Er war vom Pferd abgestiegen, um aus einer frischen Wasserquelle zu trinken. Dabei hatte er seinen Beutel neben sich gelegt. Als er auch seinem Pferd zu trinken gegeben hatte, ruhte er sich noch eine Weile aus, dann ritt er weiter. Seinen Beutel aber vergaß er.

Kurze Zeit später kam ein anderer Reiter, sah den Beutel, nahm ihn mit und ritt davon. Kurze Zeit später kam wieder ein Holzfäller, legte seinen Beutel ab, trank aus der Quelle und ruhte sich aus. In dem Moment aber kam der erste Reiter zurück.

Er sah den Beutel da liegen, und weil er glaubte, der Holzfäller habe ihn genommen, zog er sein Schwert und schlug dem Holzfäller den Kopf ab. Dies alles sah Omar, der Einsiedler, und er fragte sich:

„Allah, was hat das hier für einen Sinn. Der Dieb entkommt mit dem Gewinn, ein Unschuldiger wird erschlagen und ein Reiter wird zum Mörder. Das ist doch keine gute und gerechte Welt. Allah, ich frage dich, wo ist hier die Gerechtigkeit?“ Doch der Himmel antwortete ihm nicht.

Am nächsten Tag zog ein weiser Mann über die Berge. Er machte bei Omar dem Einsiedler eine Pause, trank etwas Wasser und aß Datteln. Omar erzählte ihm die Geschichte und fragte ihn nach dem Sinn.

Der Fremde lächelte. „Sei nicht ungeduldig, mein Freund“, sagte er. „Es gibt keinen Zufall, und alles, was geschieht hat einen Sinn.“ „Was immer es ist, ich verstehe es nicht“, sagte Omar. Da erzählte ihm der Fremde eine Geschichte.

„In meiner Heimatstadt passierte es einmal, dass zehn Verbrecher, Räuber und Mörder, gehenkt werden sollten. Die Galgen sollten Tag und Nacht bewacht werden, damit niemand die Leichen oder die Kleider zu einem anderen Zweck stehlen konnte.

Als der Richter am nächsten Morgen über den Platz ging, sah er einen Mann, der gehenkt war, obwohl dieser Mann nie verurteilt worden war. Da verhörte der Richter die Wächter. Sie gaben zu, sie seien abends eingeschlafen und am nächsten Tag sei einer der Mörder verschwunden gewesen. Da sei zufällig ein Bauer den Weg entlang gekommen. Er hatte im Wald ohne Familie und Freunde gelebt.

Und weil die Wächter Angst hatten, dass die Flucht des Mörders bemerkt werden könnte, hatten sie diesen Mann gehenkt. Der Richter verstand den Sinn der Tat nicht und wollte schon mit den Wächtern schimpfen. Aber weil er wissen wollte, wen die Wächter gehenkt hatten, ließ er seinen Sack öffnen, den er immer bei sich trug. Und siehe da, eine zerstückelte Leiche befand sich darin.“

„Wie schrecklich!“, rief Omar. „Und was hatte das zu bedeuten?“ „Nun, der Bauer war ein Mörder gewesen. Das hatte zwar niemand gewusst, aber trotzdem bekam er ganz zufällig seine gerechte Strafe.“ „Aber auch die Wächter hatten sich schuldig gemacht“, rief Omar.

„Du hast recht“, entgegnete der Fremde. „Auch sie werden ihrem Schicksal nicht entkommen.“ Sie schwiegen lange. Die Sonne senkte sich und es wurde Abend.

„Ich muss doch noch einmal auf meine Geschichte zurückkommen“, begann Omar noch einmal. „Ich sehe den Sinn immer noch nicht.“ „Das kannst du auch nicht“, erwiderte der Fremde. „Du hast ja nur einen kleinen Ausschnitt gesehen. Alles Leben ist eine Kette vorn Ereignissen, die sich nach strengen Gesetzen vollziehen.“

„Kennst du das Geheimnis des Reiters und der Holzfällers vollständig“, wollte Omar wissen. „Man sagt, dass du ein Weiser bist.“ „Ja, ich kenne es“, erwiderte der Fremde. Dann saß er eine Weile ganz still und starrte ins Leere.

Endlich, nach einer langen Weile begann er zu sprechen. „Höre zu, mein Freund. Der Reiter, der den Beutel vergaß, war ein Räuber und hatte den Beutel gestohlen. Und der Mann, der dann später den Beutel an sich nahm, war der Sohn des Bestohlenen. Er hatte den Räuber um sein Erbe gebracht. Lange schon verfolgte er die Spur des Räubers, doch er holte sie nie ein. Zuletzt schenkte ihm Allah das Geld zurück.“

„Und warum musste der Holzfäller sterben?“, wollte Omar wissen. „Er hatte zunächst einmal nichts mit dem Beutel zu tun. Aber viele Jahre vorher hat dieser Holzfäller im Wald einen Reisenden erschlagen. Niemand hat den Mörder gefunden. Nun hat ihn die himmlische Vergeltung getroffen.

Der Reiter aber wusste nicht, was er tat. Doch auch seine Vergeltung wird kommen. Er reitet durch die Nacht und auch er kann seinem Schicksal nicht entkommen. Den Mann aber, den du für den Dieb hieltest, bringt seinem Vater das Geld zurück. Er war ein geiziger Mann und wird im Stillen beschließen, sich zu bessern, weil er nicht mehr lange zu leben hat.

Und so ist es niemals zu spät, umzukehren.“ Da schwieg Omar und dachte an seine Kleinmütigkeit. Der Fremde aber lächelte ihn an und reichte ihm die Hand.

„Lebwohl mein Freund“, sagte er. „Und lerne Gelassenheit und Geduld. Es gibt viel Leid in der Welt, viel Licht und Schatten, viel Sichtbares und Unsichtbares, die alle miteinander wie ein Teppich verknüpft sind.

Aber die Welt ist auch voller Wunder, die Allah, der Erhabene, nicht ohne Sinn angeordnet hat, ganz wie in den Märchen, die uns aus langer vergangener Zeit erzählen.“

Das Ende der Geschichte

Das war die letzte Geschichte, die Scheherazade erzählte, die letzte Geschichte in den langen tausend Nächten. Und in diesen langen und aberlangen Nächten hatte der König sich verändert. Er begann, auf die Stimme seines Gewissens zu hören, er versuchte, weise und milde zu sein, wie die Männer in den Märchen, von denen Scheherazade erzählte.

Und in all diesen langen Nächten hatte er Scheherazade sehr lieb gewonnen. Zuletzt fragte er sie, ob sie seine Frau werden wolle, und sie war damit einverstanden.

Dann begannen glückliche Zeiten für das Land. Scheherazade, ihr Vater und ihre Schwerster taten viel Gutes, und der König regierte sein Land nach allen guten Kräften. Er versuchte, sein Unrecht wieder gut zu machen und wenn die Reue über ihn kam, befreite er sein Volk von allem Unrecht.

Scheherazade bekam drei Kinder, und sie lebten als Familie in Glück und Frieden. Der König hatte verstanden, dass Scheherazade ein Werkzeug Allahs war, das er ihm geschickt hatte, um ihn aus seinem bösen Handeln herauszuführen.

Und so kamen glückliche Jahre, in denen der König weise und rücksichtsvoll handelte, und so große Ähnlichkeit mit allen Kalifen aus Scheherazades Geschichten hatte. Er dankte Allah für seine Rettung, und hoffte, allen Menschen würde durch die Märchen geholfen werden, die da heißen:

„TAUSEND UND EINE NACHT“

Die MÄRCHEN AUS TAUSEND UND EINE NACHT wurden von Annette Weber für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen aus der deutschen Erstausgabe hergestellt.


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