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Das Hellerlein

Ein fremder Wanderer trat in ein Bauernhaus und fand die ganze Familie in trüber Stimmung und in Trauerkleidern vor. Vor wenigen Wochen war ein liebes und schönes Kind im Hause gestorben, ein Mädchen. Die Leute ließen den Fremden am Mittagsmahle teilhaben. Alle setzten sich zu Tische und sprachen zusammen ein Gebet.

Da schlug die Wanduhr plötzlich Zwölfe. Und mit dem letzten Schlage der Uhr ging ganz leise die Stubentüre auf. Ein bleiches Kind trat in die Stube herein, grüßte niemand, sah sich nicht um, sprach kein Wort, und ging mit schwebendem Gang in die Kammer. Niemand sprach ein Wort. Auch der Fremde fragte nicht, aber es überlief ihn ein entsetzlicher Schauer.

Geschäfte hielten den Wanderer noch einige Tag am Orte fest und er fand keine andere Herberge. Also blieb er bei den sonderbaren Leuten, die ihn aufgenommen hatten. Und wieder zeigte sich dieselbe Erscheinung am zweiten Tag. Das bleiche Kind kam zur Stubentüre herein und ging schweigend in die Kammer. Doch keiner schien es zu bemerken.

Dasselbe geschah auch am dritten Tage, und der Fremde hielt es nun nicht länger aus. Kaum war die wundersame Gestalt entschwunden, fragte er: "Ei, saget doch, was ist das für ein Kind, das jeden Mittag Schlag zwölf so still durch die Stube in die Kammer geht?" "Ich weiß nichts von solch einem Kinde, und ich habe auch noch keines gesehen", antwortete der Vater, doch da fing die Mutter fing an zu weinen.

Jetzt ging der Fremde kurz entschlossen zu der Kammer, öffnete die Türe und blickte ein wenig hinein. Da gewahrte er das Kind. Es saß auf der Erde und grub mit den Fingern in einer Ritze zwischen den Fußbodenbrettern. Das Kind wühlte und wühlte, dann wisperte es ganz leise: "Ach, das Hellerlein! Ach, das Hellerlein!" Als aber die Kammertüre ein wenig knarrte, fuhr das Kind erschrocken auf und verschwand.

Nun sagte der Fremde den Leuten, was er gesehen hatte, und beschrieb die Gestalt des Kindes. Da rief die Mutter mit heftigem Schluchzen: "Mein Gott, mein Gott! Das ist unser Kind, das wir vor vier Wochen begraben haben! Warum nur hat es keine Ruhe im Grabe?" Da gab der Fremde ihr den Rat, den Fußboden aufzubrechen.

Das geschah auch so, und es fand sich darunter ein armseliges Hellerlein. Das Kind sollte dieses Geldstück beim Kirchgang als milde Gabe in den Klingelbeutel legen, hatte es aber behalten. Auch wollte das Kind noch warten, bis es einen zweiten Heller von den Eltern bekäme, um sich dann eine leckere Semmel zu kaufen. Zu Hause aber hatte das Kind das erste Hellerlein fallen lassen, und es war unerreichbar zwischen die Bodenbretter gefallen.

Das war also der Grund, warum das Kind im Grabe keine Ruhe fand. Am Tage darauf warf die Mutter das aufgefundene Hellerlein in den Klingelbeutel, und von nun an kam das Kind nicht mehr wieder.

Dieses Märchen von Ludwig Bechstein (1801-1860) wurde von der Labbé-Redaktion für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Ludwig Richter (1803-1884) hergestellt.


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