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Der Mann mit der Schmarre

Jacob Kent war ein geiziger, misstrauischer, boshafter Mensch. Es war unangenehm für andere, mit ihm zu tun zu haben. Außerdem hatte er eine Neigung zum Schlafwandeln.

Auch Jacob Kent hatte das Klondike-Fieber gepackt. Seine Hütte stand in der Mitte des Weges von der Handelsstation Sixty Mile und dem Stuart. Bei den jungen Männern, die vor ihm diese Hütte bewohnt hatten, stand die Tür immer für Reisende offen, damit sie die Nacht bei ihnen verbringen konnten.

Jacob Kent hatte beobachtet, dass jede Nacht etwa zwei Dutzend Männer Schutz in der Hütte suchten. Als er sie bezogen hatte, verlangte er von jedem der müden Reisenden Goldstaub im Wert von einem Dollar dafür, dass sie auf dem Fußboden schlafen durften. Beim Abwiegen des Goldes betrog er die Männer stets. Außerdem mussten sie für ihn Brennholz hacken und Wasser tragen.

An einem Aprilnachmittag saß Jacob Kent in der wärmenden Sonne vor seiner Hütte. Er hatte gute Laune, denn in der vergangenen Nacht hatten achtundzwanzig Gäste bei ihm übernachtet, und das war ein gutes Geschäft gewesen. Allerdings lebte er in ständiger Angst, dass einer der bärtigen Fremden ihn bestehlen könnte. In seinen Träumen verfolgten ihn immer wieder Räuber, deren Anführer eine hässliche Schmarre auf der rechten Backe hatte. Die Angst vor ihnen verfolgte Jacob Kent auch am Tag, und er suchte ständig neue Verstecke in der Umgebung für sein Gold.

An diesem schönen Apriltag kam er plötzlich auf die Idee, dass er einmal sein ganzes Gold wiegen wollte, was aber auf seiner kleinen Waage schwer zu machen war. Er ging in die Hütte und geriet bei der Arbeit ins Schwitzen. Er zitterte vor Aufregung beim Anblick des vielen Goldstaubes und war überglücklich.

"Donnerwetter, da hast du ja ein nettes Häufchen Gold!"

Jacob Kent drehte sich um und fasste gleichzeitig nach seiner doppelläufigen Büchse. Als sein Blick auf das Gesicht des ungebetenen Gastes fiel, taumelte er zurück. - Das war der Mann mit der Schmarre aus seinen Träumen!

"Nur ruhig!", sagte dieser. "Du brauchst nicht zu fürchten, dass ich deinem Goldstaub etwas tue."

Jacob starrte auf die Schmarre und fragte den Fremden, woher er sie habe. Darauf reagierte dieser gereizt, und sie gerieten in einen Streit. Schließlich hielt er mitten im Satz inne und sagte, dass die Sonne die Schlittenspur weggeschmolzen habe. Jacob solle sie schnellstens in Ordnung bringen. Er werde inzwischen die Hunde abschirren, die dann auch noch zu fressen bekommen müssten. Jacob solle auch genügend Holz und Wasser herbei schaffen.

Das war etwas ganz Unerhörtes. Jacob Kent machte Feuer, hackte Holz und holte Wasser. Er musste grobe Arbeiten für einen Gast verrichten!

Dieser Gast hieß Jim Cardegee. Er war Seemann gewesen und hatte in Dawson davon gehört, wie Jacob Kent alle Fremden behandelte. Nun wollte er sich einen Spaß daraus machen, ihm das heimzuzahlen. Natürlich hatte er nicht ahnen können, welche Wirkung seine Schmarre hervorruft, welche Angst und Schrecken sie bei Jacob Kent erzeugt.

Schließlich meinte er, dass Jacob ein fixer Kerl wäre, der einen guten Gastwirt abgeben würde.

Dieser spürte einen wütenden Drang, seine Schrotflinte an dem Fremden auszuprobieren. Aber er hatte Angst, denn das war der Mann mit der Schmarre aus seinen Träumen! Er glaubte, dass der nun wirklich gekommen wäre, um seinen Schatz zu stehlen!

Als es Nacht wurde, legten sich beide zum Schlafen nieder. Jacob verkroch sich in seine Decken. Der Seemann schnarchte bald auf seinem harten Lager auf dem Fußboden.

Kent, die eine Hand an der Büchse, starrte in die Finsternis. Er war fest entschlossen, in dieser Nacht kein Auge zuzumachen. Aber so sehr er sich auch bemühte, wach zu bleiben, schlief er doch später ein. Als Mitternacht sich näherte, warf er plötzlich seine Decke ab und stand auf. Schlafwandelnd, mit geschlossenen Augen, nahm er seinen Goldsack und füllte Goldstaub in die beiden Läufe seiner Büchse, ohne auch nur ein Körnchen zu verstreuen. Dann legte er sich wieder in sein Bett.

Als er am frühen Morgen erwachte, schaute er in seinen Goldsack und sah, dass etwas fehlte. Da nahm er ein Seil, schlang es so um einen Holzpflock, der genau über Cardegees Kopf in der Balkendecke war, dass beide Enden auf den Boden herabhingen. Das eine Ende band er sich selbst um den Leib, und aus dem anderen machte er eine Schlinge. Dann legte er dem Schlafenden diese Schlinge um den Hals und zog sie zusammen. Gleichzeitig ergriff er seine Büchse und richtete sie auf den Seemann.

Jim Cardegee erwachte halb erstickt und starrte verwirrt auf die Waffe.

"Wo ist er?", fragte Kent, warf sich zurück, so dass der andere fast erstickte. "Wo ist er?"

"Du verfluchtes Schwein! Was meinst du?", fragte Cardegee, sobald er wieder Luft bekommen konnte.

"Der Goldstaub!"

"Was für Goldstaub?", fragte der verdutzte Seemann.

"Das weißt du sehr gut - mein Goldstaub."

"Ich habe nichts davon genommen. Wofür hältst du mich denn?"

"Vielleicht weißt du, wo das Gold ist, vielleicht auch nicht. Auf jeden Fall schnüre ich dir den Hals zu. Und wenn du die Hand hebst, schieße ich dir eine Kugel vor den Kopf!"

"Lass nach!", brüllte Carnegee, als der andere das Seil straffte.

Kent hatte im Voraus nicht genau über sein Tun nachgedacht, und so wendete sich jetzt das Blatt. Cardegee war der Schwerere von beiden, und Kent konnte ihn nicht vom Boden heben, obwohl er sich mit seinem ganzen Körper hintenüber warf. Er spannte seine Kräfte bis zum Äußersten an, aber die Füße des Seemanns blieben auf dem Boden. Da Kent ihn nicht vom Boden heben konnte, klammerte er sich an ihn, fest entschlossen, ihn zu erwürgen. Beide Männer kämpften erbittert miteinander.

Schließlich gelang es Kent, dem Seemann die Mündung seines Gewehrs an die Stirn zu setzen und ihn mit Riemen aus Elchleder zu fesseln. "Ich gebe dir eine Frist bis Mittag. Wenn du bis dahin nicht sagst, wo das Gold ist, schicke ich dich in die Hölle. Wenn du aber gestehst, übergebe ich dich an die nächste Polizeistreife."

Cardegee schimpfte und fluchte. Schließlich begann er aber still und gründlich über die Sache nachzudenken. Dabei umdrängten ihn seine Hunde. Seine Hilflosigkeit machte einen starken Eindruck auf die Tiere. Sie fühlten, dass etwas nicht in Ordnung war und gaben heulend ihr Mitgefühl zu erkennen.

Als sich der Kreis der Tiere wieder lichtete, entdeckte Jim Cardegee , dass er direkt am Rand eines Erdloches lag. Er dachte darüber nach, welchen Wert das für ihn haben könnte. Dabei versuchte er durch vorsichtige Bewegungen seine Fesseln zu lockern.

Er warf einen besorgten Blick auf die Sonne, die jetzt fast den Zenit erreicht hatte. Plötzlich tauchte aus Richtung Sixty Mile ein dunkler Fleck vor dem weißen Hintergrund auf, der näher und näher kam. Mal verschwand er in den Senkungen zwischen Eisbänken, dann tauchte er wieder auf. Er beobachtete alles durch flüchtige Blicke, um nicht den Verdacht seines Feindes zu erregen.

Als Jacob Kent sich einmal erhob und genau in diese Richtung schaute, war der Hundeschlitten gerade außer Sicht. Cardegee versuchte durch ein Gespräch die Aufmerksamkeit Kents abzulenken. Der Schlitten hatte jetzt einen Hang erreicht, der kaum zwei Kilometer entfernt war. Die Hunde liefen in vollem Trabe, leicht und ohne Anstrengung.

Währenddessen dehnten sich die Riemen um Cardegees Handgelenke langsam, und er bekam allmählich seine Hände frei. Der Seemann machte eine leichte Drehung, um sicher zu sein, dass er im richtigen Augenblick in das Loch fallen konnte, und schob sich gleichzeitig die erste Schlinge über die Hände.

In diesem Augenblick hörte Kent das knirschende Geräusch von Schlittenkufen und wandte sich um. Der Mann, der dort angefahren kam, lag bäuchlings auf dem Schlitten, und die Hunde flogen die gerade Strecke zur Hütte heran. Kent drehte sich hastig um und zielte mit seinem Gewehr auf Cardegee.

Der Mann auf dem Schlitten musste gesehen haben, dass etwas Ungewöhnliches im Gange war, denn er erhob sich auf die Knie und peitschte wie toll auf seine Hunde los.

Als Kent sein Gewehr abdrückte, ließ sich Cardegee einen Augenblick zu spät in das Loch fallen. Die Büchse explodierte dem Seemann mitten ins Gesicht. Aber es kam kein Rauch aus der Mündung, sondern eine mächtige Flamme in der Nähe des Kolbens, und Jacob Kent fiel.

Die Hunde stürzten mit dem Schlitten den Hang herauf, und der Fahrer sprang ab.

"Jim, was ist hier los?"

"Was los ist? Ach nichts, nur ein paar Kleinigkeiten! Was los ist, du verfluchter Idiot? Was los ist, fragst du? Mach mir die Hände frei, aber schnell! Was los ist, das möchte ich selber gerne wissen! Kannst du es mir vielleicht sagen, du Esel?"

Er drehte Jacob Kent auf die Seite, aber der war mausetot. Die Büchse lag neben ihm. Stahl und Holz waren auseinandergesprengt. Das Ende des rechten Laufes zeigte einen klaffenden Riss. Neugierig schaute ihn sich der Seemann an. Ein glitzernder Strom von Goldstaub lief heraus, und im selben Augenblick verstand Jim Cardegee den Zusammenhang.

"Weiß der Teufel!", brüllte er. "Das ist doch die Höhe! Hier ist sein verfluchter Goldstaub! Charley, lauf und hole einen Waschzuber!"

Der Klassiker RUF DER WILDNIS von Jack London (1876-1916)wurde von Birgit Weiße für den Lesekorb nacherzählt. Die Illustrationen stammen von Philip R. Goodwin (1882-1935) and Charles Livingston (1874-1932).


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