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Das weiße Schweigen

"Carmen hält keine zwei Tage mehr aus." Mason betrachtete besorgt das arme Tier. Er nahm die Pfote der Hündin in den Mund und begann das Eis loszubeißen, das zwischen ihren Zehen saß und sie grausam quälte. "Ich habe noch nie einen Hund mit einem so hochtrabenden Namen gesehen, der etwas taugt. Seht dagegen mal Shookum an. Das ist ein richtiger Hund, der hat's in sich! Wetten, dass er Carmen gefressen hat, ehe die Woche um ist?"

"Ich schlage eine andere Wette vor", entgegnete Malemute Kid. "Wir werden Shookum fressen, ehe die Reise zu Ende ist. Was meinst du, Ruth?"

Die Indianerin, die dabei war, Eis aufzutauen um Kaffee zu machen, blickte von Malemute Kid auf ihren Mann und dann auf die Hunde, sagte aber nichts. Sie wusste, dass ihr Mann Recht hatte, denn sie hatten eine Reise von zweihundert Meilen vor sich und Proviant für Menschen und Hunde nur für sechs Tage.

Die Frau und die beiden Männer setzten sich um das Feuer und machten sich an die karge Mittagsmahlzeit, während die Hunde angeschirrt blieben. Neidisch beobachteten sie jeden Bissen.

"Von heute ab gibt es kein Frühstück mehr", sagte Malemute Kid. "Wir müssen auch die Hunde beobachten, denn sie werden bösartig. Wenn sie die Gelegenheit dazu haben, werden sie über uns herfallen."

Mason versuchte, seiner Frau Mut zu machen. Sie liebte ihren Herrn und Gebieter sehr, denn er war der erste Weiße, den sie je gesehen hatte, der erste Mann, der sie besser als ein Lasttier behandelt hatte. Er erzählte ihr von ihrer Zukunft, von großen, hohen Häusern, von Medizinmännern der Weißen, von dem Leben, das sie führen würden.

Als die Hunde unruhig wurden, machten sie sich wieder auf den Weg. Mason ging mit dem ersten Schlitten, Ruth folgte ihm, und zum Schluss kam Malemute Kid. Sie sprachen kaum ein Wort, um ihre Kräfte zu sparen und versuchten, die Hunde zu schonen. Von all den unsäglichen Mühen war das Wegebahnen die schlimmste. Bei jedem Schritt sanken die großen, breiten Schneeschuhe ein, dass der Schnee bis zum Knie reichte.

Unter großen Anstrengungen verging der Tag. Die Menschen mussten dabei auch noch den Tieren helfen, denn deren Kräfte waren fast am Ende.

Einmal beugte sich Mason nieder, um den Riemen des einen Mokassins fester zu ziehen. Die Schlitten hielten, und die Hunde legten sich sofort in den Schnee, ohne auch nur einen Laut von sich zu geben. Die Stille war unheimlich. Plötzlich hörte Mason das warnende Krachen einer riesigen, schneebeladenen Kiefer über sich. Er versuchte aufzuspringen, schaffte es aber nicht ganz. Der mächtige Baum stürzte auf ihn.

Malemute Kid rief der Indianerin zu, sie solle sich mit ihrem ganzen Gewicht auf eine schnell improvisierte Hebestange werfen, um damit den Druck auf Masons Körper zu erleichtern. Sie tat das ohne zu klagen und beide hörten das Stöhnen ihres Mannes. Malemute Kid ging dem Baum mit einer Axt zu Leibe.

Voller Angst sah Ruth auf ihren Mann. Auf der rechten Seite waren ihm Arm, Bein und Rücken zerschmettert. Die Glieder waren von der Hüfte an gelähmt. Wahrscheinlich hatte er auch innere Verletzungen.

Da man bei den herrschenden Temperaturen nicht lange im Schnee liegen konnte, ohne zu sterben, wurde der Verletzte in Pelze gehüllt und auf ein Lager von Zweigen gelegt. Vor ihm knisterte ein Feuer mit Holz von dem Baum, der das Unglück verursacht hatte. Ein gelegentliches Stöhnen war das einzige Lebenszeichen, das er gab. Es gab keine Hoffnung. Malemute Kid und Ruth saßen bei ihm.

Der Morgen brachte den Sterbenden wieder zu Bewusstsein. Malemute Kid beugte sich über ihn, um sein Flüstern zu verstehen. Mason sprach noch einmal davon, wie er Ruth vor vier Jahren kennen gelernt hatte und wie sehr er sie inzwischen liebt. Zum ersten Mal erzählte er auch, dass er schon einmal verheiratet gewesen war.

Er sagte zu Kid: "Schick sie nicht zu ihrem Volk zurück. Es wäre verflucht schwer für sie. Fast vier Jahre hat sie unsere Kost gegessen, Schinken und Bohnen, Mehl und Dörrobst, und da soll sie wieder zu ihren Fischen und Ihrem Rentierfleisch zurück? Es wäre nicht gut für sie. Nimm dich ihrer an, Kid. Sei gut zu ihr. Schicke sie in die Staaten, sobald du kannst. Aber mach es so, dass sie wiederkehren kann, denn sie bekommt so leicht Heimweh.

Und das Kleine, Kid. Ich hoffe nur, dass es ein Junge wird! Es darf nicht hier im Lande bleiben, erst recht, wenn es ein Mädchen wird. Verkauf meine Felle! Sie werden mindestens viertausend einbringen. Ebenso viel habe ich bei der ‚Kompanie' zugute.

Sorg dafür, dass er eine gute Erziehung erhält und, Kid, vor allem, lass ihn nicht hierher zurückkommen. Das Land ist nicht für weiße Männer geschaffen.

Mit mir ist es vorbei, Kid. Drei oder vier Tage höchstens. Ihr sollt weiter! Ihr müsst weiter! Denk daran, dass es meine Frau ist, mein Junge! Mein Gott, ich hoffe, dass es ein Junge ist! Ihr könnt nicht bei mir bleiben, und ich befehle euch, dass ihr weiterzieht."

"Lass mir drei Tage", bat Malemute Kid, "es könnte dir besser gehen, vielleicht geschieht etwas."

"Nein."

"Nur drei Tage."

"Nein. Ihr müsst weiter!"

Malemute Kid bat weiter und schließlich willigte Mason ein, dass sie noch einen einzigen Tag bei ihm blieben. "Kid, nicht eine Minute länger! Und, Kid, lass mich nicht allein dabei! Nur einen Schuss, den Finger auf den Drücker. Du verstehst! Denk daran! Es ist mein Sohn, und ich werde ihn nie sehen.

Schick mir Ruth her. Ich will ihr Lebewohl sagen und sie bitten, an den Jungen zu denken und nicht zu warten, bis ich tot bin."

Als Ruth leise um ihren Mann weinte, zog Malemute Kid seinen Parka und die Schneeschuhe an, nahm die Büchse unter den Arm und schritt in den Wald. Noch nie hatte so eine schwere Aufgabe vor ihm gestanden. Fünf Jahre hatten sie gemeinsam Seite an Seite als Kameraden gelebt, immer den Tod vor Augen. So fest waren die Bande gewesen, dass er manchmal sogar eifersüchtig auf Ruth war, und nun sollte er diese Bande mit eigener Hand zerschneiden.

Bei Einbruch der Nacht schleppte er sich ins Lager zurück. Lärm unter den Hunden und gellende Schreie Ruths ließen ihn seine Schritte beschleunigen.

Als er das Lager erreichte, sah er Ruth mitten unter den knurrenden Hunden stehen und mit einer Axt um sich schlagen. Die Hunde waren an den Proviant gegangen. Mit erhobenem Kolben sprang er zwischen sie, und der Kampf ums Dasein wurde mit der Brutalität seiner Umgebung geführt. Menschen und Tiere kämpften wild um die Übermacht. Schließlich krochen die geschlagenen Bestien ans Feuer, leckten ihre Wunden und heulten ihr Elend den Sternen zu.

Den ganzen Vorrat an getrocknetem Lachs hatten sie gefressen, und kaum fünf Pfund Mehl waren übrig - für einen Weg von zweihundert Meilen.

Ruth kehrte zu ihrem Mann zurück.

Der Morgen brachte neue Schwierigkeiten. Die Hunde kämpften untereinander. Carmen wurde getötet, und sie ließen sich auch von der Peitsche nicht eher auseinander treiben, bis der letzte Bissen verschwunden war - Knochen, Haut, Haare, alles.

Malemute Kid machte sich an die Arbeit. Ruth beobachtete ihn dabei. Er errichtete einen Steinhaufen, wie Jäger es bisweilen tun, um ihr Fleisch vor Hunden und Wölfen zu schützen. Er bog die Wipfel von zwei kleinen Kiefern gegeneinander, bis sie fast den Boden berührten, und band sie mit Riemen aus Elchhaut aneinander. Dann schlug er die Hunde, bis sie zahm wurden, und spannte sie vor zwei von den Schlitten, auf die er alles legte, außer den Fellen, in die Mason gehüllt war. Diese wickelte er dicht um ihn und schnallte sie mit Riemen fest.

Ruth hatte den letzten Wunsch ihres Mannes erfahren und widersetzte sich nicht. Sie küsste ihren Mann noch einmal, und Malemute Kid führte sie dann zu dem ersten Schlitten und half ihr in die Schneeschuhe. Langsam setzte sie den Schlitten in Bewegung.

Kid kehrte zu Mason zurück, der eingeschlummert war. Noch lange, nachdem Ruth verschwunden war, saß er am Feuer und wartete, hoffte und betete, dass sein Kamerad sterben möge. Eine Stunde verging, zwei Stunden, aber Mason starb nicht. Gegen Mittag stand Malemute Kid auf und schleppte sich zu seinem Kameraden. Ein scharfer Knall ertönte, Mason schwang nach oben in sein luftiges Grab, und Malemute Kid peitschte auf die Hunde los, dass sie in wildem Galopp über den Schnee jagten.

Der Klassiker RUF DER WILDNIS von Jack London (1876-1916)wurde von Birgit Weiße für den Lesekorb nacherzählt. Die Illustrationen stammen von Philip R. Goodwin (1882-1935) and Charles Livingston (1874-1932).


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