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Eine Odyssee des Nordens

Die Schlitten sangen ihr ewiges Klagelied, begleitet vom Knirschen der Geschirre und dem Läuten der Schellen des Leithundes. Die Männer und die Hunde waren müde und gaben keinen Ton von sich. Es war eine schwere Fahrt durch den frisch gefallenen Schnee. Die Dunkelheit brach herein, aber heute sollte kein Lager aufgeschlagen werden. Der Schnee fiel leise. Für die Männer war es warm - nur zehn Grad Fahrenheit unter Null. Meyers und Bettles hatten ihre Ohrenklappen hoch geschlagen, Malemute Kid hatte sogar die Fausthandschuhe ausgezogen.

Die Hunde waren früh am Nachmittag müde gewesen, begannen sich jetzt aber wieder zu erholen. Die kräftigsten spornten die anderen immer wieder an. Endlich stieß der Leithund des ersten Schlittens ein Freudengeheul aus, streckte sich und warf sich eifrig ins Geschirr. Die anderen folgten seinem Beispiel. Die Schlitten schossen vorwärts, und die Männer feuerten die Hunde noch durch Zurufe an.

Dann kam der Endspurt bis zu dem erleuchteten Fenster, das von der gemütlichen Hütte, dem prasselnden Yukonofen und den dampfenden Teetöpfen erzählte. Aber die Hütte war von Fremden besetzt. Sechzig heisere Mäuler kläfften im Chor, und ebenso viele Körper stürzten sich auf die Hunde, die den ersten Schlitten zogen. Die Tür öffnete sich, ein Mann in dem scharlachroten Mantel der Nordwest-Polizei watete bis zu den Knien durch den Schnee zu den rasenden Tieren und beruhigte sie mit der Peitsche.

Dann drückten die Männer sich die Hände, und so wurde Malemute Kid in seiner eigenen Hütte von einem Fremden willkommen geheißen.

Stanley Prince, der ihn hätte empfangen sollen und der die Verantwortung für den Yukonofen und den Tee trug, war durch die Gäste ganz in Anspruch genommen. Es waren etwa ein Dutzend Männer verschiedener Rassen mit gestählten Muskeln und sonnenverbrannten Gesichtern, lebensfroh, helläugig und zuverlässig. Sie hatten der Königin bei der Handhabung der Gesetze und der Austeilung ihrer Post geholfen. Die Herzen ihrer Feinde versetzten sie in Angst und Schrecken.

Sie fühlten sich vollkommen zu Hause, lagen in den Kojen, saßen im Raum und erzählten ihre Abenteuer. Raue Scherze flogen hin und her. Prince wurde mitgerissen von den Geschichten dieser Helden und ließ seinen kostbaren Tabak die Runde machen.

Als die Reisenden schließlich ihre letzte Pfeife stopften und die Schlafsäcke auseinander rollten, wandte sich Prince an seine Kameraden, um Näheres über die Gäste zu erfahren.

"Nun, über den Cowboy weißt du Bescheid", antwortete Malemute Kid. "In den Adern seines Freundes fließt englisches Blut. Die Anderen sind samt und sonders Mischlinge. Der Kerl mit der Schärpe um den Leib hat garantiert eine indianische Mutter und einen schottischen Vater. Und der hübsche Bursche dort, der den Mantel unter dem Kopf hat, ist französisches Halbblut. Du hast ihn sprechen hören, und er kann die beiden Indianer, die sich neben ihn gelegt haben, nicht leiden."

"Aber was ist der mürrische Bursche am Ofen für einer? Ich möchte darauf schwören, dass er kein Englisch kann. Er hat den ganzen Abend nichts gesagt."

"Da irrst du dich. Er spricht gut genug Englisch. Hast du seine Augen nicht gesehen, als er zuhörte? Ich sah sie. Aber er hat nichts mit den anderen gemein. Ihren Jargon versteht er nicht. Ich möchte selbst gern wissen, was für einer er ist. Wir wollen es herausfinden!"

Malemute Kid sah den Mann an, von dem die Rede war, und befahl ihm: "Leg ein paar Stücke Holz auf!" Dieser gehorchte sofort.

"Hat irgendwo Disziplin gelernt", meinte Prince leise.

Kid nickte und sprach den Mann wieder an: "Wann wollt ihr in Dawson sein?"

"Fünfundsiebzig Meilen. - Ich denke, in zwei Tagen."

"Bist du schon früher in unserem Land gewesen?"

"Nein."

"Nordwest-Territorium?"

"Ja"

"Da geboren?"

"Nein."

"Donnerwetter, wo bist du denn her? Du bist keiner von denen da." Malemute Kid zeigte auf die Hundekutscher und die beiden Polizisten.

"Ich kenne dich", antwortete der Mann.

"Woher? Du hast mich schon gesehen?"

"Nein, aber deinen Freund, den Priester. Ist schon lange her, gab mir Proviant. Er wird über mich reden."

"Ach, dann bist du der, der die Otternfelle für die Hunde verkaufte!"

Der Mann nickte, klopfte seine Pfeife aus, rollte sich in den Schlafsack und erklärte damit die Unterhaltung als beendet.

"Also, wer ist er?", fragte Prince.

"Ich habe von ihm gehört", erzählte Kid. "Die ganze Küste sprach vor acht Jahren über ihn. Er kam mitten im Winter vom Norden her, viele tausend Meilen. Er hatte es eilig, als wenn der Teufel hinter ihm her wäre. Es ging ihm dreckig, als er von schwedischen Missionaren Proviant bekam und sich nach dem Weg nach Süden erkundigte.

Bei schrecklichem Wetter, Schneesturm und Gegenwind kam er an sein Ziel. Tausende hätten ihr Leben gelassen, aber er schaffte es. Als er in Pastilik ankam, hatte er alle Hunde bis auf zwei verloren und war mehr tot als lebendig.

Er hatte solche Eile, dass Vater Roubeau ihm Proviant geben musste, aber Hunde konnte er ihm nicht verschaffen. Auf seinem Schlitten hatte unser Odysseus ein Bündel der schönsten Otternfelle. In Pastilik wohnte ein alter russischer Händler, der viele Hunde hatte. Ohne langes Handeln hatte der Fremde bald ein ansehnliches Gespann und der Händler die herrlichen Otternfelle. Wir rechneten damals, dass ihm die Hunde mindestens fünfhundert Dollar das Stück eingebracht hatten. Doch der Fremde hatte genau gewusst, was seine Felle wert waren. Er war zwar irgendein Indianer, aber seine wenigen Reden zeigten, dass er unter Weißen gelebt hatte.

Nun höre ich zum ersten Mal seit acht Jahren wieder von ihm. Aber wo kam der Mensch her und was hatte er dort getan? Und warum war er fort gegangen? Er ist ein Indianer, aber er hat Disziplin gelernt, was für sie ungewöhnlich ist."

Bald schnarchte Malemute Kid, aber Prince lag mit offenen Augen da und starrte in die Finsternis.

Am nächsten Morgen brachen die Polizisten und die Hundetreiber nach Dawson auf, doch schon eine Woche später waren sie auf dem Rückweg wieder da - schwer beladen mit neuen Briefen. Einige der Indianer dachten daran, ihren Dienst zu beenden und nach Hause zurück zu kehren.

Der mit den Otternfellen schien von einer inneren Unruhe gepackt zu sein. An Unterhaltungen beteiligte er sich kaum.

Schließlich zog er Malemute Kid beiseite und redete eine Weile leise auf ihn ein. Prince blickte neugierig zu ihnen hinüber. Kid und der Fremde nahmen ihre Mützen und Fausthandschuhe und gingen hinaus. Als sie wiederkamen, stellte Kid eine Goldwaage auf den Tisch, wog sechzig Unzen ab und tat sie in den Beutel des Mannes.

Dann schloss sich der erste Hundetreiber der Beratung an, und es wurden Vereinbarungen mit ihm getroffen. Am nächsten Tag zog die Gesellschaft weiter, aber der Mann mit den Otternfellen erhielt Proviant und kehrte in die Richtung nach Dawson um.

Prince wollte von Kid wissen, was passiert war.

"Ich wusste nicht, was ich machen sollte", antwortete der. "Der arme Kerl wollte aus irgendeinem Grund seinen Dienst quittieren. Er hatte sich auf zwei Jahre verpflichtet, und die einzige Möglichkeit, freizukommen, ist, dass man sich loskauft. Er sagte mir, dass er keinen Cent besitze und dass ich der einzige Mensch sei, mit dem er ein paar Worte gewechselt habe.

Er sagte mir, dass er mir das Geld im Laufe eines Jahres abzahlen werde, und wenn ich es wünsche, würde er mich auf die Fährte eines großen Reichtums setzen. Er hätte ihn zwar nie gesehen, aber er wusste, dass es ihn gibt.

Er weinte fast, bat und flehte, warf sich vor mir in den Schnee, bis ich ihn hochzog. Er sagte, dass er unbedingt gehen müsse, denn ansonsten wäre es zu spät. Nie in meinem Leben habe ich einen Menschen gesehen, der so auf etwas versessen war. Als ich ihm sagte, dass ich ihm das Geld geben werde, schwor er mir, er werde mir alles geben, was er fände, er werde mich reich machen.

Ich weiß nicht, was dahinter steckt, aber glaube mir, Prince, wir werden noch von ihm hören."

Die kalte Jahreszeit mit den langen Nächten war gekommen, und dann hörten sie etwas von Malemutes Geld.

An einem rauen Morgen Anfang Januar hielt ein Zug schwer beladener Hundeschlitten vor seiner Hütte. Der Mann mit den Otternfellen war wieder da und mit ihm Axel Gunderson, ein Mann, von dem man an den Lagerfeuern sprach. Wenn man von Draufgängertum, Kraft und Entschlossenheit redete, fiel sein Name. Und man sprach auch von seiner Frau.

Axel Gunderson war riesengroß. Dreihundert Pfund Knochen und Muskeln steckten in seiner malerischen Kleidung und wurden von Schneeschuhen getragen, die reichlich drei Fuß länger waren als die anderer Männer. In seinem Gesicht waren buschige Brauen, gewaltige Kiefer und scharfe Augen von sehr blassem Blau. Wie gelbe Seide umgab das bereifte Haar sein Gesicht und fiel ihm bis auf den Bärenpelz.

Prince bereitete Brotteig zu und warf immer wieder Blicke zu den Gästen. Der merkwürdige Fremde, dem Malemute Kid den Namen Odysseus gegeben hatte, beschäftigte ihn noch immer.

Aber sein Hauptinteresse galt Axel Gunderson und seiner Frau. Sie hatte vor der Reise ein verwöhntes Leben in Reichtum geführt und war nun etwas mitgenommen und müde. Sie war eine Indianerin mit tiefen, schwarzen Augen. In der Unterhaltung erfuhren sie, dass sie schon viel gereist war, auch in das Land der Weißen. Sie erzählte von leckeren Speisen, die die Männer schon fast vergessen hatten. Sie wusste aber auch viel über die Natur und konnte Fährten im Schnee lesen.

Bei Tisch hatten Malemute Kid und Prince viel Spaß mit dieser Frau, nachdem sie die erste Verlegenheit dieser neuen Bekanntschaft überwunden hatten. Ihr Mann beteiligte sich kaum an dem Gespräch, war aber sichtlich stolz auf seine Frau. Jeder seiner Blicke machte deutlich, was sie ihm bedeutet.

Der Mann mit den Otternfellen aß schweigend und ging dann hinaus zu den Hunden. Bald folgten ihm auch Axel Gunderson und seine Frau.

Seit vielen Tagen hatte es nicht geschneit, und der Schlitten glitt leicht dahin. Odysseus führte den ersten Schlitten, mit dem zweiten kamen Prince und Axel Gundersons Frau, während den dritten Malemute Kid und der gelbhaarige Riese lenkten.

"Es ist reine Spekulation, Kid", sagte er. "Ich glaube aber daran. Er ist zwar nie da gewesen, macht aber einen guten Eindruck und hat eine Karte, von der ich schon vor vielen Jahren gehört habe. Ich hätte dich gern mitgenommen, aber er hat gesagt, dass er die Aktion sofort abbricht, wenn noch jemand mitkommen würde. Wenn ich aber wiederkomme, erhältst du den ersten Wink, und ich stecke dir einen Claim gleich neben meinem ab und gebe dir außerdem die Hälfte von den Bauplätzen. Wenn wir das Ganze richtig anfangen, bekommen wir Millionen über Millionen. Wir haben beide schon früher von dem Platz gehört und werden dort eine Stadt bauen für Tausende von Arbeitern - mit guten Wasserwegen, Dampfern, Frachtern, mit Eisenbahnlinien, Sägewerken, Lichtanlagen, Banken und Handelsgesellschaften. Du musst nur den Mund halten, bis ich wieder komme."

Schließlich kamen sie an die Stelle, wo sie Abschied voneinander nahmen.

Viele Wochen später spielten Malemute Kid und Prince eines Abends Schach, als es an der Tür klopfte. Sie wurde aufgestoßen, und etwas wankte blind herein und geradewegs auf sie zu. Prince griff nach seinem Gewehr, und flüsterte Malemute Kid zu: "Herrgott, was ist das?"

"Weiß nicht. Sieht aus wie ein Fall von viel Kälte und wenig Essen", antwortete dieser, indem er sich zurück zog. "Pass auf, vielleicht ist er verrückt!", warnte er.

Das Wesen - ein Mann - näherte sich dem Tisch, begann ein Seemannslied zu singen und wankte plötzlich knurrend wie ein Wolf zum Speiseschrank. Ehe sie dazwischen treten konnten, zerriss er mit den Zähnen ein Stück rohen Speck. Als Malemute Kid mit dem Mann rang, verließen ihn schnell die Kräfte, und er ließ seine Beute fallen. Eine kleine Dosis Whisky kräftigte ihn soweit, dass er ein bisschen Zucker essen konnte. Dann trank er einen Becher dünne Fleischbrühe. Dabei glühten die Augen des Mannes in einem düsteren Feuer.

Sein Gesicht war eingesunken und ausgezehrt und hatte nur wenig Ähnlichkeit mit menschlichen Zügen. Kälte und Frost hatten sich tief eingefressen. Jeder Frost hatte seinen Schorf über einer halbgeheilten älteren Narbe hinterlassen. An manchen Stellen sah das bloße rote Fleisch hervor. Die Haare waren an einer Seite abgesengt, so dass man sehen konnte, wo er am Feuer gelegen hatte. Seine Pelzbekleidung war schmutzig und zerlumpt. Sie sahen, dass das gegerbte Leder Stück für Stück in Streifen geschnitten war - das grausige Zeugnis des Hungers.

Malemute fragte: "Wer bist du?" - Keine Antwort.

"Wo kommst du her?"

"Kam den Fluss herunter", lautete die Antwort mit zitternder Stimme. "Sie lachte mich aus - mit Hass in den Augen, und sie wollte nicht kommen." Seine Stimme erlosch.

Malemute packte ihn am Handgelenk und rief: "Wer? Wer wollte nicht kommen?"

"Sie, Unga. Sie lachte und stach nach mir. Und dann …"

"Was dann?"

"Dann lag er sehr still im Schnee, lange. Er liegt noch immer im Schnee."

Die beiden Männer sahen sich an. "Wer liegt noch im Schnee?"

"Sie, Unga. Sie sah mich an mit Hass in den Augen und dann …"

"Ja?"

"Dann nahm sie das Messer - sie war schwach. Ich kam sehr langsam weiter. Und da ist viel Gold. Sehr viel Gold."

"Wo ist Unga?" Malemute Kid wusste, dass sie vielleicht eine Meile von hier sterbend liegen konnte. Er schüttelte den Mann immer wieder und fragte: "Wo ist Unga? Wer ist Unga?"

"Sie - liegt - im Schnee."

"Weiter!"

"Da wollte ich im Schnee bleiben, aber ich hatte eine Schuld zu bezahlen. Es war schwer - ich hatte eine Schuld zu bezahlen - eine Schuld - ich hatte …" Die stammelnden Worte stockten, während er in eine Tasche griff und einen Hirschbeutel heraus holte. "Eine Schuld zu bezahlen - fünf Pfund Gold - Malemute Kid - ich …"

Der Kopf sank auf den Tisch, und Malemute Kid konnte ihn nicht wieder anheben.

"Es ist Odysseus", sagte er ruhig und warf den Beutel mit dem Goldstaub auf den Tisch. "Ich glaube, mit Axel Gunderson und seiner Frau ist es aus."

Sie trugen ihn ins Bett, und als sie ihm das Zeug vom Leib schnitten, sahen sie nahe der rechten Brust zwei frische Messerstiche.

Als es dem Mann mit den Otternfellen wieder besser ging, sagte er: "Ich will von den Dingen, die geschehen sind, auf meine Weise sprechen. Ich will mit dem Anfang beginnen und von mir und der Frau und hinterher von dem Mann erzählen.

Ich bin Naass, ein Häuptling und der Sohn eines Häuptlings. Wir wohnten auf Akatan, das mitten im Meer am Rande der Welt liegt. Wir jagten und fischten Fische, Ottern und Robben. Wir waren nicht viele und unsere Welt war sehr klein. Wir glaubten, dass die ganze Welt aus kleinen Inseln besteht und machten uns keine Gedanken darüber. An einem unserer Strände standen Überreste von einem Boot, wie unser Volk es nie gebaut hatte. Die alten Männer und Frauen erzählten darüber das, was sie von ihren Eltern gehört hatten. Es hieß, dass damit zwei Männer vom Meer gekommen waren, die weiß und schwach wie kleine Kinder waren. Diesen merkwürdigen Männern gefielen anfangs unsere Bräuche nicht, aber sie wurden stark durch unsere Fische und übermütig. Sie bauten sich jeder eine Hütte und nahmen sich die besten unserer Frauen. Und es kamen Kinder. So wurde der geboren, der der Vater des Vaters meines Vaters werden sollte.

So kam es auch, dass ich anders war als mein Volk, denn in mir habe ich das Blut der weißen Männer, die vom Meer kamen. Diese Männer hatten unser ganzes Leben verändert und unsere Gesetze. Sie zeigten uns auch neue Wege, den Fisch zu fangen und den Bären zu töten. Sie lehrten uns, Vorräte für Hungerszeiten anzulegen, was sehr gut war.

Die weißen Männer wurden Häuptlinge und keiner unserer Männer wagte mehr, mit ihnen zu kämpfen. Da bekriegten sie sich untereinander. Ihre Kinder und Kindeskinder nahmen diesen Kampf auf, es herrschte großer Hass unter ihnen und so lebte bald nur noch einer von jeder Familie, um das Blut fortzupflanzen. Von meinem Blut war ich der einzige. Von denen des anderen Mannes gab es nur ein Mädchen, das bei seiner Mutter lebte: Unga.

Eines Nachts kehrten unsere Väter nicht mehr lebend vom Fischfang zurück. Viele waren der Meinung, dass der Kampf weiter fortgesetzt werden müsse. Als ich ein Jüngling war, fragte ich mich, warum das so sein müsse. Konnten wir nicht in Frieden miteinander leben?

Die Leute sagten, dass ich bald eine Frau und Kinder haben müsse, denn schon damals boten Jäger Ungas Mutter Geschenke für ihre Tochter an. Und wenn ihre Kinder früher stark würden als meine, dann mussten die meinen sicher sterben.

Da ich ein Häuptling war, wäre jede Jungfrau gern zu mir gekommen, aber ich fand nicht die richtige. Als ich eines Abends vom Fischfang heimkehrte, kam Ungas Kajak hinter mir her. Sie sah mich an, und ihr schwarzes Haar flatterte im Wind. Plötzlich wusste ich, dass es die Botschaft zwischen Mann und Frau war.

Noch am selben Abend ging ich zum Haus ihrer Mutter und sah mir die Gaben Yash-Nooshs, eines tüchtigen Jägers, an, die der vor der Tür aufgehäuft hatte. Dann ging ich zurück zu meinem Haus, wo all mein Reichtum lag. Viele Male lief ich zwischen unseren beiden Häusern hin und her, bis mein Haufen fünfmal größer war als der Yash-Nooshs. So hatte ich getrocknete und geräucherte Fische, vierzig Felle von Pelzrobben, halb so viele von Ohrenrobben, zehn Felle von Bären, Perlen, Decken und Tücher dahin gebracht.

Da mein Haufen am nächsten Tag unberührt liegen blieb, vergrößerte ich ihn in der kommenden Nacht noch einmal um ein neues Kajak.

Wieder tat sich nichts. Ich wurde wütend über die Schande, da schon alle Männer und Frauen über mich lachten. Aber Ungas Mutter war schlau. In der dritten Nacht vergrößerte ich den Haufen wieder und legte auch mein Boot dazu, das so viel wert war wie zwanzig Kajaks. Am nächsten Morgen war kein Haufen mehr da.

Nun traf ich die Vorbereitungen zur Hochzeit, und viele Menschen trafen zum Hochzeitsmahl ein.

Eines Tages näherte sich vom Ozean ein Schiff mit Segeln. Vorn stand ein mächtiger Mann, maß die Tiefe des Wassers und gab Befehle mit einer Stimme wie Donner. Seine Augen hatten die blassblaue Farbe tiefen Wassers und sein Kopf trug eine Mähne wie ein Seelöwe. Sein Haar war gelb.

Seit vielen Jahren hatten wir keine fremden Menschen mehr auf unserer Insel gesehen. Die Frauen und Kinder liefen in die Häuser, und wir Männer spannten die Bogen und hielten die Spieße in den Händen. Aber es geschah nichts, und so setzten wir unser Fest fort. Die Seefahrer mischten sich unter uns, sie waren freundlich und brachten Geschenke. Auch ich gab ihnen Geschenke wie allen anderen Gästen, denn es war mein Hochzeitstag, und ich war der Häuptling. Der weiße Mann mit der Mähne warf aber viele Blicke auf Unga.

Später nahm ich Unga an der Hand und führte sie in ein eigenes Haus. Unser Volk ließ uns allein, aber der Häuptling der Seefahrer trat in meine Tür. Er hatte schwarze Flaschen bei sich, und wir tranken und wurden lustig. Bedenkt, dass ich noch sehr jung war und mein ganzes Leben am Rand der Welt verbracht hatte. Mein Blut wurde zu Feuer. Dann kamen seine Männer und häuften so viel Reichtum vor mir auf, wie es ihn in ganz Akatan nicht gab. Da waren große und kleine Büchsen, Pulver, Kugeln, blanke Beile und Messer sowie Dinge, die ich noch nie gesehen hatte.

Er gab mir durch Zeichen zu verstehen, dass alles mir gehören solle, und ich dachte im ersten Moment, dass er ein freigiebiger Mann sei. Aber dann machte er mir auch Zeichen, dass Unga mit ihm auf sein Schiff gehen solle. Da wollte ich ihn mit einem Spieß durchbohren, aber der Geist der Flasche hatte die Kraft aus meinem Arm gestohlen. Da packte mich der Fremde am Hals und schlug meinen Kopf gegen die Wand. Meine Beine wollten mich nicht mehr tragen. Unga schrie und schlug um sich, als er sie zur Tür schleppte.

Ich kroch an den Strand und rief meine Leute, aber sie fürchteten sich. Nur Yash-Noosh kämpfte, aber sie schlugen ihm ein Ruder auf den Kopf, bis er sich nicht mehr regte.

Ich wartete bis zur nächsten Vollmondzeit, legte Fleisch und Öl in mein Kajak und fuhr nach Osten. Ich sah viele Inseln und viele Völker und erkannte, dass die Welt sehr groß war. Niemand hatte den großen Seefahrer und Unga gesehen.

Durch raue See und schwere Stürme kam ich nach Unalaska. Ich ging immer weiter nach Osten in die große Welt, bis ich eines Tages in ein felsiges Land kam, wo Männer große Löcher in den Berg gruben. Die ausgegrabenen Felsstücke luden sie auf einen Schoner. Ich fand das kindisch, denn die ganze Welt war aus Felsen gemacht. Aber man ließ mich dort arbeiten und gab mir zu essen.

Als der Schoner voll beladen war, fragte ich den Kapitän, ob ich mitfahren dürfte. Da er Männer brauchte, stimmte er zu. Wir fuhren nach Süden, und ich lernte, auf ihre Art zu reden und Segel zu setzen.

Ich hatte gedacht, dass es leicht sein würde, den zu finden, den ich suchte, wenn ich erst in sein Land käme, aber in dem Hafen, den wir ansteuerten, lagen viele, viele Schiffe und niemand konnte mir Auskunft über den Mann mit der Seelöwenmähne geben. Oft wurde ich ausgelacht.

Ich ging immer weiter durch Länder, die im warmen Sonnenschein lagen, wo die Ernte reich auf den Feldern lag und wo es große Städte gab. Ich lernte Menschen kennen mit falschen Worten im Munde und dachte an mein Volk auf Akatan.

Aber stets dachte ich auch an Ungas Augen. Ich wusste, dass ich sie finden würde. So wanderte ich durch tausend Städte. Manche Menschen waren freundlich und gaben mir zu essen, andere lachten mich aus oder verfluchten mich.

Als ich in einen Hafen in einem Land im Norden kam, hörte ich schließlich von dem gelbhaarigen Seefahrer. Ich erfuhr, dass er Robbenjäger war und gerade weit entfernt auf dem Ozean in russischen Gewässern sei. So fuhr ich monatelang auf einem Robbenschoner in diese Richtung. Ich hörte von seinen wilden Taten, bekam aber sein Schiff nie zu Gesicht. Man erzählte, dass er mit seinen Männern Faktoreien überfiele und tausende frische Felle stehle und deshalb gejagt würde.

Und ich hörte von Unga, die immer bei ihm war. Die Kapitäne lobten sie sehr. Sie hätte die Bräuche seines Volkes gelernt und sei glücklich. Aber ich glaubte, es besser zu wissen; dass ihr Herz sich nach unserem Volk sehne.

Als ich nach langer Zeit wieder in einen Hafen kam, hörte ich, wo er jetzt auf Robbenjagd sei und folgte ihm ebenfalls auf einem Robbenschiff. Zuerst machen wir viel Beute, aber dann gab es viel Nebel, und wir verloren täglich Männer in den Booten. Schließlich wollte der Kapitän zurück fahren. Aber ich wusste, dass der gelbhaarige Seefahrer unerschrocken war und weiter da jagen würde, wohin nur wenige Männer gingen. So nahm ich in der Finsternis der Nacht ein Boot und machte mich allein auf den Weg in diese Richtung.

In einer Bucht bestieg ich ein Schiff unter japanischer Flagge. Eines Tages wehte ein starker Wind und aus dem Nebel steuerte geradewegs auf uns ein großer Schoner zu, der von einem Kriegsschiff mit Kanonen verfolgt wurde. Wir flohen, aber der Schoner kam immer weiter auf uns zu, denn er war sehr schnell. Auf seiner Brücke stand der Mann mit der Seelöwenmähne. Er lachte stark und übermütig. Und Unga war da. Ich erkannte sie im ersten Augenblick. Er manövrierte so geschickt, dass er unser Schiff zwischen seines und das Kriegsschiff bringen konnte. So entkam er, aber wir wurden in einen russischen Hafen gebracht. Die frischen Felle verrieten, dass wir Robben gewildert hatten. Später schaffte man uns in ein einsames Land, wo sie uns Salz in den Minen graben ließen. Einige von uns starben dort. Unser Fleisch war zerrissen von den Schlägen mit der Knute.

Manche liefen nach Süden fort, aber sie kamen immer wieder. Ich stand mit einigen Kameraden nachts auf. Wir nahmen den Wachen die Gewehre weg und gingen nach Norden. Das Land war sehr groß, mit viel Schnee, und keiner von uns kannte den Weg. Monatelang gingen wir durch endlosen Wald. Es gab wenig Nahrung, und oft legten wir uns nieder um zu sterben. Als wir schließlich das kalte Meer erreichten, waren nur noch drei am Leben. Einer davon war unser Kapitän. Er wusste, wie die Länder lagen und führte uns - ich weiß nicht, wie lange. Bald waren nur noch er und ich am Leben.

Eines Tages trafen wir auf fünf Männer, die Hunde und Felle hatten. Wir kämpften im Schnee bis sie starben, aber der Kapitän starb auch. Die Hunde und Felle gehörten nun mir, und ich ging weiter über das Eis bis in ferne Länder. Ich reiste weit und lernte viele Dinge, sogar wie man schreibt und aus Büchern liest. Meine Augen und Ohren waren aber stets offen, besonders wenn ich mit Männern zusammen traf, die viel reisten.

Schließlich kam ein Mann geradewegs aus den Bergen, und er hatte Steine bei sich, die das reine Gold in erbsengroßen Stücken enthielten. Er kannte Unga und den Seefahrer mit der Mähne. Er hatte sie getroffen und sagte, dass sie reich wären. Sie lebten jetzt an einem Ort, wo sie das Gold aus dem Boden zögen.

Es war ein wildes Land und sehr weit fort, aber nach einer langen Wanderung erreichte ich das Lager. Die Leute dort erzählten, sie wären fortgereist nach England. Ich sah das Haus, in dem sie gewohnt hatten - eher ein Palast. Bei Nacht kroch ich durch ein Fenster und ging von Zimmer zu Zimmer. Ich dachte, dass so Könige wohnen müssen, und alle sagten, dass er sie wie eine Königin behandelt. Wieder dachte ich daran, dass ich - ein Häuptling, einen unermesslichen Preis in Fellen und Booten und Perlen für sie bezahlt hatte.

Ich folgte ihnen auch nach England. Zuweilen hörte ich Leute von ihnen reden, zuweilen las ich über sie. Dennoch konnte ich sie nicht erreichen, denn sie waren reich und reisten schnell. Ich aber war ein armer Mann. Dann kam ein Unglück über sie, und ihr Reichtum schwand eines Tages dahin. Ich wusste, dass sie dorthin zurückkehren würden, wo sie mehr Gold aus dem Boden holen könnten.

Da sie nicht mehr reich waren, hörte und las man nichts mehr von ihnen. Ich reiste kreuz und quer, ohne ihre Spur zu finden. Am Kootenay machte ich eine lange mühselige Reise mit einem Eingeborenen, der sich zum Sterben niederlegte, als die Hungersnot über uns kam. Als er merkte, dass seine Stunde gekommen war, gab er mir eine Karte und das Geheimnis eines Ortes, wo viel Gold sein sollte.

Kurz darauf begann alle Welt im Goldrausch nach Norden zu ziehen. Ich war ein armer Mann und verkaufte mich als Hundetreiber. Das Übrige wisst ihr. Ich traf ihn und sie in Dawson. Sie erkannte mich nicht, denn ich war damals nur ein Knabe gewesen. Sie hatte nicht die Zeit, sich an einen Mann zu erinnern, der einen unermesslichen Preis für sie bezahlt hatte

Und dann? Du kauftest mich von meinem Dienst los. Ich kehrte zurück, um alles auf meine Art zu erledigen. Dabei dachte ich an alles, was ich in den letzten Jahren erlebt hatte, dachte an Kälte und Hungersnot.

Ich führte sie nach Osten, wo viele hingegangen und wenige zurückgehrt sind. Der Weg war weit und ungebahnt. Wir hatten viele Hunde, und sie fraßen viel. Unsere Schlitten konnten nicht so viel tragen, wie bis zum Kommen des Frühlings nötig war. Wir mussten zurück sein, bevor der Fluss eisfrei war. Wir legten hier und dort Depots an, damit unsere Schlitten leichter wurden und wir auf dem Rückweg keinen Hunger fürchten mussten. Oft kamen wir nur sehr langsam voran und schliefen nachts wie die Toten.

Für mich war es ein Leichtes, nachts zu den Depots zurück zu gehen und sie in einer Weise zu zerstören, als wäre es ein Vielfraß gewesen.

Eines Tages richtete ich es so ein, dass mein Schlitten in den Fluss einbrach. Die beiden hielten es für einen unglücklichen Zufall. Mein Schlitten hatte viele Nahrungsmittel getragen, und die Hunde waren die stärksten gewesen.

Er lachte darüber, denn er war stark. Die Hunde bekamen nur noch wenig zu fressen. Einen nach dem anderen schnitten wir vom Geschirr ab und gaben in den anderen Hunden zum Fressen. Als wir keine Hunde mehr hatten, gingen wir zu Fuß weiter.

Um zu der richtigen Stelle zu gelangen, hieben wir Stufen in das Eis einer Felswand. Wir schauten nach einem Tal auf der anderen Seite aus, aber dort war kein Tal. Der Schnee breitete sich über eine riesige Fläche, und hier und da hoben gewaltige Berge ihre weißen Häupter bis zu den Sternen. Und mitten in dieser seltsamen Ebene tat sich ein Abgrund auf, vor dem andere sich gefürchtet hätten. Wir aber gingen an seinen Rand uns suchten eine Möglichkeit, um hinab zu gelangen.

Auf einer Seite fiel die Wand schräg ab, und wir gingen los. Auf dem Grund hatte jemand vor langer Zeit eine Hütte gebaut. Seitdem waren hier viele Männer gestorben. Auf Birkenrindenstücken lasen wir ihre letzten Worte: Einer war an Skorbut gestorben; einem anderen hatte sein Kamerad den ganzen Proviant und das Pulver gestohlen und sich davon gemacht; einen dritten hatte ein Grislybär schwer verletzt; ein vierter war verhungert - und so weiter. Das ganze Gold, das sie gesammelt hatten, lag auf dem Boden der Hütte.

Der Mann, den ich hierher geführt hatte, behielt aber einen klaren Kopf. Er sagte, dass wir uns alles nur ansehen, dass wir schauen, woher das Gold kommt und dann schnell weggehen, um später mit mehr Proviant wiederzukommen, um alles in Besitz zu nehmen. So sahen wir die große Goldader, die durch die Grube ging. Wir maßen sie, teilten sie ein und kennzeichneten unsere Besitzrechte. Dann kletterten wir hinaus und machten uns auf den Heimweg.

Das letzte Stück bis zu unserem ersten Depot mussten wir Unga tragen. Ich hatte meine Sache gut gemacht, denn es gab keinen Proviant, und die Zeichen deuteten auf einen Vielfraß hin. Aber Unga war tapfer und lächelte und legte ihre Hand in die seine. ‚Wir wollen bis morgen am Feuer ausruhen', sagte sie. ‚Neue Kräfte werden wir aus unseren Mokassins gewinnen.' So schnitten wir den oberen Teil unserer Mokassins in Streifen und kochten sie die halbe Nacht, um sie kauen und verschlingen zu können.

Am kommenden Morgen beschlossen wir, auf die Jagd zu gehen, denn das nächste Depot war fünf Tagesmärsche entfernt. Unga sollte beim Feuer bleiben und ihre Kräfte schonen. Während er Elche jagte, ging ich heimlich zu dem Depot, das ich errichtet hatte und aß, aber nicht zu viel, denn ich wollte mich nicht verraten. Als wir uns auf dem Weg zum Lager trafen, fiel er oft hin, und ich tat auch so, als könnte ich vor Schwäche kaum noch laufen.

Am folgenden Tag musste er sich auf der Jagd oft niederlegen, sammelte aber dann in der Nacht wieder so viele Kräfte, um sich abermals auf die Jagd zu begeben. Oft dachte ich, dass sein Ende gekommen wäre, aber er hatte Kräfte wie ein Bär. An diesem Tag schoss er zwei Schneehühner. Er wollte nicht gleich von ihnen essen, sondern sie zum Lager bringen. Dabei kroch er auf allen Vieren und trug die Vögel wie ein Hund im Mund. Ich ging neben ihm her. Mein Herz sprach für Milde, aber ich erinnerte mich wieder an mein Leben mit Hunger und Kälte. Dazu war Unga mein, denn ich hatte den unermesslichen Preis für sie bezahlt.

Wir kamen durch den Wald, bis wir den Geruch von Lagerrauch spürten. Da beugte ich mich über ihn und riss ihm die Schneehühner aus dem Mund. Er drehte sich auf die Seite und schaute mich verwundert an. Dabei glitt seine Hand langsam zu seinem Messer. Ich nahm es ihm fort und lächelte dicht vor seinem Gesicht. Ich tat, als würde ich aus einer Flasche trinken und Geschenke vor ihm auftürmen. Da verstand er. Um seine Lippen lagen Spott und kalter Zorn.

Der Weg war nicht weit, aber der Schnee war tief. Er schleppte sich sehr langsam vorwärts. Zuweilen sah es so aus, als könnte er nicht mehr weiter. Doch er kam bis zum Feuer, wo sofort Unga bei ihm war. Seine Lippen bewegten sich lautlos, und er zeigte auf mich. Dann lag er still, still für immer.

Ich sagte kein Wort, ehe ich die Schneehühner gekocht hatte. Dann sprach ich Unga in unserer Sprache an, die sie seit vielen Jahren nicht gehört hatte. Sie fuhr hoch und fragte, wer ich sei.

‚Ich bin Naass', sagte ich.

‚Du? Du?', fragte sie und kroch dicht zu mir.

‚Ja, ich, der Häuptling von Akatan, der letzte meines Blutes, wie du die letzte des deinen bist. Lass uns gehen. Es ist ein weiter Weg von hier nach Akatan.'

Sie aber lachte, lachte immer wieder, ging zu ihm und grub ihr Gesicht in seine gelbe Mähne. Ich hatte geglaubt, dass sie sich über meinen Anblick freuen würde und packte sie bei der Hand. Da sagte sie mir, dass nie wieder Fisch und Tran essen will und in schmutzigen Hütten leben. Sie ließ ihre Hand durch seine gelben Haare gleiten und lächelte. Ich dachte an die Nacht, als er sie weggeschleppt hatte und an die langen Jahre danach. Dann packte ich sie an der Hand und schleppte sie fort, wie er es getan hatte. Sie wehrte sich, und als das Feuer zwischen uns und dem Mann war, ließ ich sie los.

Ich erzählte ihr alles von dem, was seit jenem Tag geschehen war. Bald hatte ich das Gefühl, dass ihre Augen voller Mitleid und Zärtlichkeit auf mich schauen. Sie öffnete die Arme, und ich näherte mich ihr. Da flammte plötzlich Hass in ihren Augen auf, ihre Hand ging zu meinem Gürtel, und sie stach zweimal zu. Ich sprang weg, und sie lachte und ging zu ihrem Toten zurück.

Am liebsten hätte ich in diesem Moment auch für immer die Augen geschlossen, aber es lag noch eine Schuld auf mir, die mir keine Ruhe ließ. Und der Weg war lang, die Kälte bitter, und es gab nur wenig Nahrung, denn inzwischen waren auch meine heimlichen Depots ausgeraubt worden. Vom letzten Teil des Weges hierher weiß ich nichts mehr."

Als er geendet hatte, kroch er weiter an den Herd.

"Aber Unga!", rief Prince, gefesselt von der Erzählung.

"Unga? Sie wollte nichts von den Schneehühnern essen. Sie lag über ihm, die Arme um seinen Hals geschlungen und das Gesicht tief in seinen gelben Haaren verborgen. Ich errichtete ein Feuer neben ihnen. Das nutzte aber wenig, denn sie wollte nichts essen. Und so liegen sie noch dort im Schnee."

"Und du?", fragte Malemute Kid.

Er wusste nicht, was aus ihm werden sollte. In die kleine Welt von Akatan wollte er nicht zurück.

Prince sagte zu Kid, dass es Mord gewesen sei, aber dieser befahl: "Still! Es gibt Dinge, die größer sind als unsere Weisheit und die jenseits unserer Gerechtigkeit liegen. Wir können nicht sagen, was recht und unrecht dabei ist, und es kommt uns nicht zu, zu richten."

Naass kroch noch näher ans Feuer. Es war ein großes Schweigen, und jeder der drei Männer sah viele Bilder in sich kommen und gehen.

Der Klassiker RUF DER WILDNIS von Jack London (1876-1916)wurde von Birgit Weiße für den Lesekorb nacherzählt. Die Illustrationen stammen von Philip R. Goodwin (1882-1935) and Charles Livingston (1874-1932).


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