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Ödipus, die Entdeckung

Lange Zeit blieb es verborgen, dass Ödipus entgegen aller Natur seine Mutter Iokaste geheiratet hatte. Mochte Ödipus auch manchen Gemütsfehler haben, so war er doch ein guter und gerechter König. Glücklich und geliebt herrschte er über Theben [1].

Da aber sandten die Götter eine Pest über das Land, die im Volke grausam zu wüten begann. Nicht ein einziges Heilmittel wollte gegen diese Plage fruchten. Die Thebaner sahen in diesem Übel eine von den Göttern gesandte Geißel. Darum suchten sie Schutz bei ihrem Herrscher, galt er doch als Günstling des Himmels. Männer und Frauen, Greise und Kinder, selbst die Priester erschienen vor seinem königlichen Palaste. Alle setzten sich um einen Altar, der vor den Toren stand.

Als Ödipus hervortrat und nach der Ursache der Versammlung fragte, antwortete ihm der älteste Priester: "Siehe selbst, oh Herr, welch Elend auf uns lastet. Felder und Weiden sind von unerträglicher Hitze versengt. In unsern Häusern wütet die verzehrende Seuche. Umsonst streckt die Stadt ihr Haupt aus den blutigen Wogen des Verderbens empor. In dieser Not nehmen wir Zuflucht bei dir, geliebter Herrscher. Du hast uns schon einmal aus tödlicher Gefahr befreit, als die grimmige Sphinx [2] uns nach dem Leben trachtete. Gewiss ist dieses nicht ohne Hilfe der Götter geschehen. Und darum vertrauen wir darauf, dass du uns auch dieses Mal zu Hilfe kommen wirst."

"Arme Kinder", erwiderte Ödipus, "mir ist mir die Ursache eures Flehens wohl bekannt. Im Geiste habe ich nach Rettung geforscht, und endlich glaube ich das Richtige gefunden zu haben. Meinen eigenen Schwager Kreon habe ich zum Apollon [3] nach Delphi gesandt, dass er dort frage, welches Werk oder welche Tat die Stadt befreien kann."

Der König sprach noch, als Kreon unter die Menge trat und den Spruch des Orakels verkündete. Dieser lautete: "Das Land beherbergt einen Frevel. Lasst ab davon und pflegt nicht das, was sich der Wiedergutmachung entzieht. Denn der Mord am alten König lastet als schwere Blutschuld auf dem Lande."

Ödipus war noch immer ganz ohne Ahnung, dass der Greis, den er einst erschlagen hatte, den Zorn der Götter heraufbeschworen hatte. Er ließ im ganzen Land verkünden, dass jeder es anzeigen solle, wenn er genauerer Kunde von der Mordtat habe. Den Täter selbst aber verfluchte er, wünschte ihm Not und großes Verderben.

Dann sandte Ödipus zwei Boten zu dem blinden Seher Tiresias, der mit seinem Blick für das Verborgene dem Apollon [3] fast ebenbürtig war. Der Seher erschien auch bald in der Volksversammlung, geführt von der Hand eines Knaben. Ödipus trug ihm die Sorge des Landes vor und bat, der Seher möge seine Kunst darauf verwenden, die Spur des Mordes aufzudecken.

Tiresias aber streckte seine Hände zur Abwehr gegen den König aus und rief mit bebender Stimme: "Entsetzlich ist das Wissen, das nur Unheil über mich bringt! Lass mich heimkehren, oh König! Trage du das Deine und lasse mich das Meinige tragen!"

Ödipus setzte dem Seher noch mehr zu, und das Volk begann ihn zu umringen. Da warf sich Tiresias flehend auf die Knie, doch seine Lippen blieben verschlossen. Dies weckte den Jähzorn in Ödipus, und er beschuldigte den Seher, in die Mordtat verstrickt zu sein.

Diese Beschuldigung löste endlich die Zunge des Sehers und er sprach: "Ödipus, du bist es doch selbst, der diese Stadt beleidigt! Ja, du bist der Königsmörder. Und schlimmer noch! Du lebst mit der Königswitwe Iokaste, deiner Mutter, fluchwürdig zusammen."

Doch Ödipus wollte dies alles nicht wahr haben. Er beschimpfte den Seher nur als Zauberer und listigen Gaukler. Noch blinder als der König war seine Gemahlin Iokaste. Kaum hatte sie von Ödipus erfahren, dass Tiresias den Mörder genannt hatte, da brach sie in laute Verwünschungen aus. "Sieh nur, Gemahl", rief sie, "wie wenig diese Seher doch wissen. Mein erster Gatte, König Laios, hat einst einen Orakelspruch erhalten. Der besagte, dass er von Sohnes Hand sterben werde. Nun wurde er aber von Räuber in einem Hohlweg erschlagen, wie man mir sagte. Und unser einziger neugeborenerer Sohn wurde mit gebunden Füßen ins öde Gebirge geworfen, wo er sicher nicht überlebt hat. So erfüllen sich also die Sprüche der Seher!"

Diese Worte sprach die Königin mit voller Hohn, doch Ödipus ahnte nun das grausige Unheil. "In einem Hohlweg ist der alte König gefallen?", fragte er bangend. "Wie war seine Gestalt, sein Alter?" "Groß war er mit ersten Greisenlocken im Haar", antwortete Iokaste und begriff nicht, was Ödipus so tief bewegte. "Tiresias ist nicht blind, Tiresias ist sehend!" rief Ödipus voller Entsetzen, als er die unbarmherzige Wahrheit erkannte.

Jetzt konnte er nicht anders, er musste immer weiter forschen. So kam Ödipus auch dahinter, dass ein Diener des alten Königs den Mord im Palast mit angesehen hatte. Als dieser Diener aber erfuhr, wer da auf dem Throne saß, ließ er sich weit weg von der Stadt als Hirte nieder. Doch Ödipus verlangte nun ohne Unterlass, den Diener Auge in Auge zu sprechen.

Noch bevor der Diener herbeigeschafft war, erschien ein Bote aus Korinth [4]. Er meldete Ödipus den Tod seines Vaters Polybos und rief ihn dazu auf, den Thron des Landes zu besteigen. Als die Königin dies hörte, sprach sie triumphierend: "Wie töricht diese Weissagungen doch sind! Der Vater, der von Ödipus gemordet werden sollte, ist sanft in seinem Bette verschieden!"

Doch Ödipus glaubte nicht daran, dass sein Orakelspruch unerfüllt bleiben könnte. Darum wollte er auch nicht nach Korinth gehen, weil dort seine vermeintliche Mutter noch lebte.

All diese Zweifel konnte der Bote aus Korinth aber bald entkräften. Denn er war derselbe Mann, der auf dem Berge Kithairon einen gefesselten Knaben von einem königlichen Diener empfangen hatte. Auch konnte der Bote Zeugnis dafür ablegen, dass der König von Korinth den Ödipus nur als Pflegesohn in seine Obhut hatte.

Ein dunkler Trieb nach Wahrheit ließ jetzt Ödipus nach dem Diener forschen, der das gefesselte Kind übergeben hatte. Ödipus erfuhr von seinem Gesinde, dass es derselbe Diener sei, der den Mord am alten König mit angesehen hatte, jetzt aber als Hirte sein Leben in der Ferne friste.

Dieser Hirte war nun endlich auch herbeigeschafft. Der Bote aus Korinth erkannte in ihm sogleich den königlichen Diener, der einst den Knaben auf dem Berge Kithairon übergeben hatte. Der Hirte wurde ganz blass vor Schrecken und wollte alles leugnen. Doch zornige Drohungen von Ödipus entlockten ihm das wahre Geschehen.

Der Hirte legte also dar, dass der ermordete König der Vater von Ödipus sei und Königin Iokaste die Mutter. So erfuhren es alle, dass Ödipus der Gemahl seiner eigenen Mutter war.

 

Erklärungen:

[1] Theben ist eine griechische Stadt, die rund 50 Kilometer nordwestlich von Athen liegt.

[2] Die Sphinx ist ein Ungeheuer, halb Frau, halb geflügelte Löwin. Eine riesige Sphinx aus Stein steht in Ägypten in der Nähe der Cheopspyramide.

[3] Apollon, ein Sohn von Zeus, ist der Gott der Weissagung. Sein berühmtestes Orakel stand griechischen Delphi.

[4] Korinth ist eine griechische Stadt am Meeresgolf von Korinth.

 

Diese Sage von Gustav Schwab (1792-1850) wurde von der Labbé-Redaktion für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von John Flaxman (1755-1826) hergestellt.


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