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Dracula - Kapitel 26

Dr. Sewards Tagebuch - Fortsetzung
29. Oktober. - Geschrieben im Zug von Varna nach Galatz. Gestern Abend versammelten wir uns, nachdem jeder seine Aufgabe erledigt hatte. Frau Harker sollte hypnotisiert werden und Van Helsing hatte Mühe, sie in Trance fallen zu lassen. Zunächst berichtete sie wie so oft von Wellen und den menschlichen Schritten. Dann aber wurde sie plötzlich aufmerksamer: "Was ist das? Ich sehe einen Lichtschimmer. Ich fühle den Wind." Sie stand vom Sofa auf und richtete die Hände mit den Handflächen nach oben, als trüge sie eine schwere Last. Van Helsing und ich sahen uns wissend an. Mina stand still und schwieg. Die Minuten, in denen sie sprechen konnte, flossen unwiederbringlich dahin. Mina schwieg. Plötzlich öffnete sie die Augen und sagte: "Möchte einer der Herren noch etwas Tee? Sie müssen alle sehr müde sein."

Um ihr eine Freude zu machen, gingen wir auf ihren Vorschlag ein. Sie eilte geschäftig nach draußen. Als sie den Raum verlassen hatte, sagte Van Helsing: "Sie haben es gehört, meine Herren. Er ist nahe an Land. Und Sie wissen, so wie es um ihn steht, muss er das Land heute Nacht erreichen, sonst ist ein ganzer Tag für ihn verloren. Dann kommen wir zur rechten Zeit. Wenn er bei Nacht nicht entflieht, kommen wir bei Tag über ihn und er ist uns in dieser Kiste auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Wenn er er selbst wird, wach und sichtbar, ist er entdeckt."

Es gab weiter nichts zu sagen und so warteten wir auf das Morgengrauen, um vielleicht aus Frau Minas Mund Neuigkeiten zu erfahren. Am Morgen fiel es dem Professor schwer, Frau Mina in Trance zu bringen. Die Zeit wurde knapp und Frau Mina sagte nur: "Es ist dunkel. Ich höre Wasser in gleicher Höhe mit mir und ein Knirschen von Holz auf Holz." Dann ging - rot und leuchtend - die Sonne auf. Wir müssen nun bis zum Abend warten.

Wir setzten unsere Reise nach Galatz in höchster Spannung fort. Wir haben leider schon drei Stunden Verspätung. Unser Ziel können wir also erst ein gut Stück nach Sonnenausgang erreichen. Bis dahin haben wir noch zweimal die Gelegenheit, Frau Mina zu hypnotisieren.

Später. - Sonnenuntergang ist vorbei. Es war noch schwieriger als heute morgen, Frau Harker zu hypnotisieren. Fast habe ich den Eindruck, dass sie ihrer Fantasie mehr Raum lässt, oder liegt es nur daran, dass der Einfluss des Scheusals auf sie schwindet? Jedenfalls sprach sie schließlich rätselhafte Worte: "Über mich hin weht ein kühler Wind und irgendetwas geht heraus. Ich kann Stimmen hören. Sie sind weit weg. Sprechen sie in fremden Zungen? Ich höre donnernde Wasserfälle und das Heulen von Wölfen." Dann schwieg sie und erschauerte zugleich. Sie schüttelte und streckte sich, wie vom Schlag getroffen. Als sie aus der Hypnose erwachte, fror sie erbärmlich und war wie zerschlagen. Sie konnte sich an nichts erinnern. Wir teilten ihr mit, was sie gesagt hatte. Sie dachte nach und schwieg.

30. Oktober. 7 Uhr morgens. Vielleicht habe ich später keine Zeit mehr zum Schreiben. Wir nähern uns Galatz. Wir hatten Frau Harker am Morgen hypnotisiert und folgendes von ihr erfahren: "Ich höre Wasser rauschen. Es ist auf der gleichen Höhe wie meine Ohren. Es knirscht Holz auf Holz. Ich kann Vieh brüllen hören und da ist noch ein anderer Ton, ein seltsamer ..." Sie brach ab und erbleichte. Gleich danach war es vorbei und wir konnten nichts mehr aus ihr herausbringen. Van Helsing sieht angespannt aus und jetzt ertönt die Zugpfeife. Wir fahren in Galatz ein. Trotz aller Sorge glühen wir vor Eifer.

Mina Harkers Tagebuch
30. Oktober. Herr Morris brachte mich in unser Hotel. Da er keine fremde Sprache spricht, ist er im Moment am entbehrlichsten. Wie in Varna verteilten die Männer die Aufgaben unter sich. Hier ging allerdings Herr Godalming zum Konsul, damit sein hoher Rang dem Beamten gegenüber der schnellen Erledigung unserer Angelegenheit zu Gute kommen sollte. Die anderen gingen zum Schiffsagenten, um Näheres über die Ankunft der "Czarina Catharina" zu erhalten. Lord Goldaming ist zurück. Der Konsul ist verreist, der Vizekonsul krank. So erledigt ein Sekretär unsere wichtige Angelegenheit.

Jonathan Harkers Tagebuch
30. Oktober. Dr. Seward, Van Helsing und ich sprachen um 9 Uhr bei den Herren Mackenzie & Steinhoff vor. Sie sind die Vertreter der Londoner Firma Hapgood und hatten aus London ein Telegramm erhalten, das sie anwies, uns in jeder Weise behilflich zu sein. Sie führten uns an Bord der "Czarina Catharina", die im Flusshafen vor Anker lag. Der Kapitän heißt Donelson und er erzählte uns, dass er noch in seinem Leben eine so schnelle Fahrt gemacht habe.

"Wir waren wegen des guten Windes in Sorge. So etwas bezahlt man manchmal mit einem Schiffbruch. Der Wind war so stark, dass wir glaubten, der Teufel selbst blase in unsere Segel. Dazu kam, dass wir fast nichts sehen konnten. Wenn wir uns Schiffen, einem Hafen oder einem Kap näherten, fiel dichter Nebel herab. Wenn er sich wieder lichtete, waren wir außer Sicht. In Gibraltar konnten wir kein Signal geben, weil wir einfach im Nebel daran vorbei fuhren. Schließlich dachten wir, eine so flotte Fahrt würde den Schiffseigentümer erfreuen und unser Ansehen steigern." Dieser Kapitän zeigte eine solche Mischung aus Einfalt und Schlauheit, Aberglaube und kaufmännischer Berechnung, dass wir lächeln mussten. Dann fuhr er fort:

"Wir passierten den Bosporus, als meine Mannschaft unruhig wurde. Einige Männer kamen und baten, die Kiste über Bord werfen zu dürfen, die erst kurz vor unserer Abfahrt auf das Schiff gekommen war. Ein alter, unheimlich aussehender Mann hatte sie aufgeladen. Ich hatte gesehen, wie einige Männer zu ihm hinschielten und zwei Finger gabelförmig gegen ihn ausstreckten, um sich vor dem bösen Blick zu schützen. Es war lächerlich. Natürlich erlaubte ich ihnen nicht, die Kiste über Bord zu werfen. Irgendwann kam dann der Nebel, der fünf Tage nicht wich. Ich beschloss, mich treiben zu lassen, um dem Teufel, so er es war, der unsere Segel blähte, seine Freude zu lassen. Wir hatten immer guten Wind und tiefes Wasser unter dem Kiel. Als der Nebel sich lichtete, waren wir schon im Fluss, Galatz gegenüber." Er holte tief Luft und sah uns an.

"Die Männer waren aufgeregt und forderten wieder, die Kiste über Bord zu werfen. Sie hatten sie schon an Deck geschleppt. Ich musste die Kiste wirklich verteidigen. Sie blieb gleich an Deck stehen, dann konnte ich sie von da aus löschen lassen. Eine Stunde vor Sonnenaufgang kam ein Mann, der die Kiste abholen wollte. Alle seine Papiere waren in Ordnung und ich war froh, die Kiste los zu sein. Des Teufels Gepäck kann nicht schlimmer sein als diese Kiste." "Wie hieß der Mann, der die Kiste abholte?", fragte Van Helsing. Der Kapitän stieg in seine Kabine hinunter und kam mit einem Papier zurück. "Der Mann heißt Immanuel Hildesheim. Seine Adresse ist Burgenstraße 16." Mehr wusste der Kapitän nicht. Wir bedankten uns und gingen.

Wir begaben uns sofort zu Hildesheim und trafen ihn in seinem Kontor an. Wir mussten seinem Gedächtnis mit einigen Sovereigns auf die Sprünge helfen, aber dann erzählte er alles, was er wusste. Er hatte von einem Herrn de Ville aus London den Auftrag erhalten, eine Kiste abzuholen, die auf der "Czarina Catharina" befördert wurde. Um den Zoll zu umgehen, sollte es vor Sonnenaufgang geschehen. Gleich nach der Abholung sollte die Kiste einem gewissen Petroff Skinsky übergeben werden. Dieser Skinsky sollte mit den Slowaken in Verbindung stehen, die den Fluss hinunter bis zum Hafen Handel treiben. Hildesheim selbst war mit einer englischen Banknote bezahlt worden und hatte, wie gewünscht, die Kiste am Schiff an Skinsky übergeben. Mehr konnten wir von ihm nicht erfahren.

Wir gingen also weiter, um Skinsky zu finden, aber niemand hatte ihn gesehen. Sein Nachbar erzählte uns, er sei vor zwei Tagen fort gegangen und noch nicht wieder aufgetaucht. Wir suchten noch nach Skinsky als jemand gelaufen kam und berichtete, Skinskys Leichnam sei an der Innenseite der Friedhofsmauer gefunden worden. Seine Kehle sei aufgerissen, wie von einem wilden Tier. Die Menschen, die eben noch mit uns gesprochen hatten, eilten davon, um die Bluttat selbst zu sehen. Wir dagegen machten uns unauffällig aus dem Staub, da wir nicht in die Sache verwickelt werden wollten.

Wir gingen nach Hause und waren ratlos. Die Kiste wurde auf dem Wasserweg irgendwohin geschafft, aber wie sollten wir nun die Spur wieder finden? Mina wieder ins Vertrauen zu ziehen, ist der einzige Weg, der bleibt. Dann muss ich auch von meinem Schweigegelübde ihr gegenüber entbunden werden.

Mina Harkers Tagebuch
30. Oktober, abends. Die Männer waren schrecklich müde und enttäuscht, als sie hier ankamen. Ich bat sie, sich ein wenig auszuruhen, während ich die Eintragungen ergänze. Was bin ich froh über die Reiseschreibmaschine, die Herr Morris mir besorgte. Nun ist alles erledigt. Ich sehe meinen Jonathan auf dem Sofa liegen. Guter Jonathan, was hast du schon alles durch gemacht und was wirst du noch durchleiden müssen? Wo auch immer ich dir helfen kann, ich werde es mit Freuden tun. Van Helsing gab mir die Papiere, die ich bisher nicht sehen durfte. Ich werde sie gründlich durchsehen, während die Tapferen sich ausruhen. Ich muss ohne Vorurteile über die Sache nachdenken, so wie der Professor es mir geraten hat und ich glaube, Gottes Gnade hat mich eine Entdeckung machen lassen. Rasch, ich brauche eine Landkarte! Ich habe auf der Karte nachgesehen und bin mir nun vollkommen sicher. Mein Plan liegt bereit. Ich werde die Freunde zusammen rufen, um ihnen alles vorzulesen.

Minas Denkschrift. Eingetragen in ihr Tagebuch. - Der Graf will in seine Heimat zurückkehren, die Tatsache ist die Grundlage der Untersuchung. Ich glaube, dass er von jemandem zurückgebracht werden muss, denn wenn er sich nach seinem Wunsche bewegen könnte, würde er es tun, als Mensch, als Wolf oder als Fledermaus. Er fürchtet sich entschieden vor einer Entdeckung oder Störung. Zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang ist er an seine Kiste gefesselt. Wie können wir nun seiner habhaft werden? Dazu müssen wir wissen, auf welchem Wege er sich fortbewegt.

Auf der Straße ist es wahrscheinlich zu gefährlich. Es könnte einen Überfall geben oder neugierige Leute, die wissen wollen, was in der Kiste ist. Auch könnten Wach- oder Zollstationen verlangen, die Kiste zu öffnen. Wir könnten ihn leicht verfolgen. Das scheint er am meisten zu fürchten, denn er hat sogar auf mich - sein Opfer - verzichtet. Auch könnte er mit der Bahn reisen, aber dort wäre die Kiste unbeaufsichtigt und es könnte zu Verzögerungen kommen. Diese aber kann er sich nicht leisten, da wir ihm auf den Fersen sind. Selbst wenn er in der Nacht entweichen kann, was sollte er dort, auf fremder Erde, ohne Unterschlupf? Auch diesen Weg wird er nicht eingeschlagen haben.

Bleibt der Weg auf dem Wasser, der für ihn viele Vorteile bringt, selbst wenn ihm auch hier Gefahren drohen. Er kann über Nebel, Sturm und Schnee befehlen. Allerdings darf er keinen Schiffbruch erleiden, denn gegen das Wasser ist er machtlos. Auch an einer ungeeigneten Küste zu stranden, wäre für ihn schrecklich. Wir wissen, dass er sich auf dem Wasser befindet. Wir müssen nur herausfinden, auf welchem Wasser.

Tragen wir zusammen, was wir bisher wissen: Er hatte die Absicht, nach Galatz zu kommen, schickte uns aber auf einer falsche Fährte, in dem er die Frachtpapiere nach Varna ausfertigte. Er wollte uns entkommen, er wusste, dass wir ihn verfolgen. Die "Czarina Catharina" machte schnelle Fahrt, Hildesheim nahm die Kiste rechtzeitig in Empfang und Skinsky übernahm sie. Bis dahin lief alles nach Plan. Aber hier verliert sich auch die Spur. Alles was wir wissen ist, dass Wachen und Zoll glücklich umgangen wurden. Die Kiste schwimmt irgendwo auf dem Wasser.

Was hat der Graf getan, als er in Galatz an Land war? Bei Sonnenaufgang konnte er in seiner eigenen Gestalt erscheinen. Dracula traf also Skinsky und instruierte ihn, wie der Transport der Kiste auf einem der Flüsse zu bewerkstelligen sei. Als Skinsky alles in die Wege geleitet hatte, tötet Dracula den Agenten, um seine Spur zu verwischen. Ich habe nun die Landkarte studiert und ich bin mir sicher: Dracula befindet sich auf dem Sereth, der sich bei Fundu mit der Bistritza vereinigt, die den Borgopass umfließt. Der Fluss macht eine Schleife, die so nahe beim Schloss Dracula liegt, dass es keinen bequemeren Weg als diesen gibt.

Tagebuch. Ich hatte meinen Plan gerade fertig vorgelesen, als Jonathan mich in die Arme schloss und küsste. Auch Van Helsing war voll des Überschwanges: "Wo wir blind waren, hat Frau Mina ihre Augen offen gehalten. Liebe Frau Mina, wir haben die verloren geglaubte Fährte wieder gefunden. Zwar hat der Graf einen Vorsprung, aber er kann ihn nicht nutzen, denn er kann die Kiste nicht verlassen. Er will keinen Verdacht erregen und riskieren, dass die Kiste über Bord geworfen wird. Wir haben keine Zeit zu verlieren. Zum Kriegsrat!"

Lord Goldaming schlug vor, eine Dampfbarkasse zu kaufen und Dracula zu verfolgen, während Morris dem Grafen zu Pferde an Land nachsetzen wollte. Bei Ideen fand Van Helsing ausgezeichnet. Herr Morris wies auf die Winchesters hin, die er besorgt hatte und die im Kampf gegen die Wölfe und anderes Getier sicherlich nützlich sein würden. Dr. Seward hörte sich die Pläne an und beschloss, mit Herrn Morris zu gehen, da die beiden sich von vielen Jagdabenteuern her gut kannten und miteinander vertraut waren. Aber auch Lord Goldaming durfte dem Grafen nicht allein nachsetzen. Ich sah, dass Jonathan zögerte. Er wollte den ... Vampir - ich zögere, da ich dieses Wort schreibe - töten, aber er wollte auch bei mir bleiben und mein Schutz sein. Van Helsing nahm ihm die Entscheidung ab:

"Freund Jonathan, Sie müssen Arthur begleiten. Sie können fechten, sind jung, kräftig und tapfer. Es ist Ihre Frau, über die der Graf so unendlich viel Leid und Kummer gebracht hat. Es ist nur recht und billig, wenn er durch Ihre Hand fällt. Ich bin alt und kann nicht mehr rasch laufen. Auch bin ich es nicht gewöhnt, lange zu reiten, was vielleicht nötig wird, wenn der Graf verfolgt werden muss. Aber ich kann auf andere Weise kämpfen. Ich mache folgenden Vorschlag: Sie und Lord Godalming fahren mit dem Dampfboot den Fluss hinauf, während Morris und Dr. Seward die Ufer des Flusses bewachen, jederzeit bereit, den Feind zu fassen, sollte er irgendwo landen. Ich aber werde Frau Mina direkt in das Herz des Feindesland führen. Während der Graf in der Kiste festgebannt auf dem Flusse schwimmt, werden wir den Weg nach dem Schlosse Dracula einschlagen. Frau Mina wird mich führen und leiten. Es gibt noch viel zu tun, bis dieses Vipernnest endlich ausgehoben ist."

Jonathan war außer sich als er hörte, dass Van Helsing mich direkt in die Hölle hinein führen wollte. Er rang die Hände und rief: "Mein Gott, du überhäufst uns mit Schrecken. Was haben wir nur getan?" Van Helsing aber fasste nach Jonathans Arm und sagte beruhigend: "Mein Freund, ich will Frau Mina vor dem grauenhaften Platz retten, den ich betreten muss. Verstehen Sie mich denn nicht? Ich muss dort hineingehen und ich werde sie nicht mitnehmen. Aber es muss dort etwas geschehen, etwas Furchtbares, was ihre Augen nicht sehen dürfen. Außer Jonathan wissen wir alle, was geschehen muss, um den Grafen unschädlich zu machen.

Wir sind in einer entsetzlichen Lage. Der Graf darf nicht entkommen, er ist gewandt und schlau und bleibt vielleicht ein Jahrhundert lang verborgen. Dann aber wird unsere liebe Frau Mina seine Genossin. Sie würde wie die anderen, von denen Sie, Jonathan uns mit Grausen berichtet haben. Verzeihen Sie mir, dass ich Ihnen Schmerz bereiten muss, aber es muss sein. Wenn es sein muss, gebe ich für dieses Aufgabe mein Leben hin. Wenn jemand dort bleiben muss, als Genosse der Gespenster, so werde ich es sein." Jonathan erbleichte, aber er sagte mit fester Stimme: "Wir sind alle in Gottes Hand."

Später. Ich muss diese Männer recht lieb haben, die sich so sehr anstrengen, treu und tapfer zu sein. Wie froh bin ich, dass Lord Godalming und auch Herr Morris reich sind, und das Geld, das sie besitzen so großzügig in den Dienst unserer Sache stellen. Was könnte dieses Geld in den Händen einer bösen Person für Schaden anrichten! Die Rollen sind verteilt. Die Männer haben inzwischen eine schöne Barkasse, die unten am Fluss unter Dampf liegt und abfahrbereit ist. Auch ein halbes Dutzend guter Pferde mit voller Ausrüstung steht bereit. Wir haben Karten und Reisegegenstände jeder Art erworben. Van Helsing und ich werden mit dem Zug nach Veresti reisen und von dort aus mit dem Wagen zum Borgopass aufbrechen. Wir haben viel Bargeld bei uns, da wir Pferd und Wagen kaufen wollen. Wir können niemandem trauen und müssen also selbst kutschieren. Wir alle haben Waffen. Auch ich trage einen großkalibrigen Revolver. Auf eine Waffe, die die anderen noch haben, muss ich wegen der Narbe an meiner Stirn verzichten, aber Van Helsing meint, gegen Wölfe sei ich zumindest ausreichend bewaffnet. Es ist inzwischen sehr kalt und Schneeschauer fegen über das Land.

Später. Ich musste von meinem geliebten Mann Abschied nehmen, was für eine schwere Prüfung. Ob wir uns wohl lebend wieder sehen?

Jonathan Harkers Tagebuch
30. Oktober, nachts. Wir sind auf der Barkasse und ich schreibe im Schein der Kesselfeuerung. Lord Godalming heizt ein, denn er kennt sich damit aus. Sicher hat Mina richtig gefolgert. Wir sind dem Grafen auf der Spur und machen auch bei Nacht gute Fahrt. Lord Godalming hat mich aufgefordert, schlafen zu gehen, aber ich kann nicht. Immerzu muss ich an Mina denken und daran, welchem schrecklichen Ort sie sich nähert. Herr Morris und Dr. Seward sind aufgebrochen, ehe wir abfuhren. Sie wollen am rechten Ufer reiten und sich nicht zu dicht am Fluss halten, so dass sie von den Höhen aus lange Strecken übersehen können. Zwei Leute sind bei Ihnen, die die Reservepferde reiten und führen. In Kürze müssen sie allerdings diese Leute entlassen und die Pferde selbst übernehmen. Falls wir uns wieder vereinigen müssen, kann einer der Sättel als Damensattel hergerichtet werden. In wilder Fahrt gleiten wir über den Fluss - was für ein Abenteuer. Kalter Nebel steigt auf und flattert uns ins Gesicht. Ringsumher höre ich die unheimlichen Stimmen der Nacht. Auf unserem dunkeln Weg treiben wir einem unbekannten Ziel entgegen.

1. November, abends. Gestern sind wir den ganzen Tag in großer Eile gefahren. Wir überholten einige offene Boote, aber keines von ihnen hatte eine Kiste oder eine andere Ladung an Bord. Auch heute gab es nichts Neues. Wir haben nichts gefunden, von dem, was wir suchten. Inzwischen sind wir in die Bistritza eingelaufen. Haben unsere Vermutungen uns getäuscht? Alle Boote, die wir trafen, haben wir untersucht. Dabei stellten wir fest, dass unser Boot von einigen Leuten für ein Regierungsschiff gehalten wurde. Das erleichterte unsere Suche ungemein. Heute früh haben wir uns in Fundu eine rumänische Flagge gekauft und lassen sie nun auffällig flattern. Wir konnten schließlich in Erfahrung bringen, dass ein großes Schiff mit doppelter Rudermannschaft und in großer Eile gesehen worden war. Ob es allerdings in die Bistritza abgebogen ist oder den Sereth weiter verfolgt hat, konnte uns niemand sagen. Ich bin furchtbar müde und Godalming hat angeboten, die erste Wache zu übernehmen. Gott segne ihn für alles, was er für mich und Mina tut.

2. November, morgens. Ich habe die ganze Nacht geschlafen. Lord Godalming wollte mich nicht wecken, da ich so tief und fest geschlafen habe. Ich mache mir Vorwürfe, dass er die Nacht über wachen musste, aber mir geht es viel besser als gestern nach einer ruhigen Nacht. Wir machen Fahrt und ich fühle, dass meine alte Energie zurückkehrt. Wo Mina und Van Helsing jetzt wohl sind? Wenn alles gut gegangen ist, könnten sie bald schon in der Nähe des Borgopasses sein. Gott möge die beiden beschützen! Ich wünschte, wir könnten schnellere Fahrt machen, aber das Boot leistet schon das Äußerste. Morris und Dr. Seward werden wohl leidlich vorankommen. Vielleicht sehen wir sie ja schon, bevor wir Strasba erreichen. Sollten wir bis dahin den Grafen nicht eingeholt haben, müssen wir erneut beraten, wie es weitergehen soll.

Dr. Sewards Tagebuch
2. November. Wir reiten seit drei Tagen und haben keine Neuigkeiten gehört. Jeder Augenblick ist kostbar, deshalb habe ich auch kaum Zeit zu schreiben. Wir machen nur die nötigsten Pausen und hoffen, dass wir bald die Dampfbarkasse zu Gesicht bekommen.

3. November. In Fundu erfuhren wir, dass die Barkasse in die Bistritza eingebogen ist. Es ist schrecklich kalt. Hoffentlich beginnt es nicht zu schneien, wir müssten sonst einen Schlitten nehmen, um die Verfolgung fortzusetzen.

4. November. Wir hörten, dass die Barkasse an einer Stromschnelle einen Unfall erlitten habe. Godalming ist aber wohl soweit Fachmann, als er das Boot selbst reparieren konnte. Sie haben die Stromschnellen überwunden und nehmen die Verfolgung wieder auf. Die Bauern, mit denen wir sprachen sagten, dass das Boot bei dem Unfall sehr gelitten habe. Wir müssen uns beeilen, vielleicht brauchen die beiden bald unsere Hilfe.

Der Klassiker DRACULA von Bram Stoker (1847-1912) wurde von Kirsten Großmann für den Lesekorb nacherzählt.


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