LABBÉ - 100% Kreativität

Lesekorb - Das Web-Magazin für Kinder

Post aus Washington

Am nächsten Morgen war es noch stockdunkel, als die Mädchen aufstanden, um ihrer Mutter Lebewohl zu sagen. Im ganzen Haus herrschte eine seltsame Stimmung. Die Koffer von Mrs March standen fertig gepackt im Gang, Mantel und Hut lagen griffbereit auf dem Sofa.

"Hanna wird sich um euch kümmern. Und Mr Laurence hat mir versprochen, auf euch Acht zu geben, als wäret ihr seine eigene Familie. Seid nicht traurig und erledigt weiterhin eure kleinen Pflichten. Die Arbeit wird euch Trost spenden."

"Ja, Mutter."

In diesem Moment hörten sie die Kutsche von Mr Laurence, die Mrs March und Mr Brooke zum Bahnhof bringen sollte. Auch Laurie und sein Großvater waren extra aufgestanden, um Mrs March eine gute Reise zu wünschen.

Die Mädchen unterdrückten tapfer ihre Tränen, umarmten ihre Mutter zum Abschied und gaben ihr liebevolle Botschaften für den Vater mit auf den Weg.

"Ohne Mutter wirkt das Haus ganz verlassen", bemerkte Jo, als die Kutsche verschwunden und alle wieder gegangen waren.

Die anderen nickten und sahen traurig auf den Platz, wo Mrs March eben noch gefrühstückt hatte. Von Betty kam ein leises Schluchzen. Es steckte alle an und keine der Schwestern konnte ihre Tränen länger zurückhalten. Einige Minuten weinten alle bitterlich, bis Hanna ins Wohnzimmer kam. "So, Mädchen. Jetzt ist genug der Tränen. Ich habe euch einen Kaffee gekocht, damit ihr danach gestärkt an eure Arbeiten gehen könnt."

Kaffee war in diesen Zeiten etwas Besonderes für die Mädchen und sie freuten sich über die Aufmerksamkeit von Hanna.

Die Schwestern ließen den Alltag einkehren und erledigten ihre Aufgaben. Schon bald erhielten sie die erste Nachricht aus Washington. Ihr Vater war wirklich sehr krank, doch das Eintreffen von Mrs March und die gute Pflege verbesserten seinen Zustand allmählich. Jeden Tag traf ein neuer Brief ein und Meg las ihn am Abend vor dem Kamin den anderen vor.

Zusammen schreiben sie lange Briefe zurück:

Liebste Mutter, ich kann dir gar nicht sagen, wie froh uns die Nachrichten in deinem letzten Brief gemacht haben. Die Mädchen sind alle wahre Goldstücke. Jo hilft mir beim Nähen und besteht darauf, alle möglichen Arbeiten zu übernehmen. Betty ist wie immer eine große Hilfe im Haushalt. Amy ist sehr folgsam und versucht, selbständiger zu werden. Du wärst sicher stolz auf sie.

Mr Laurence wacht über uns wie eine Glucke, wie Jo im Spaß behauptet und Laurie ist sehr aufmerksam und hilfsbereit. Er und Jo schaffen es immer wieder, uns aus unserer sorgenvollen Stimmung zu reißen und uns zum Lachen zu bringen.

Hanna ist eine Heilige und passt sehr gut auf uns auf. Mich nennt sie jetzt immer Miss Margaret und behandelt mich sehr respektvoll. Du siehst, uns geht es allen gut, aber wir vermissen dich ganz schrecklich und hoffen, dass Vater schnell wieder gesund wird und wir bald wieder alle beisammen sind. Meine besten Wünsche an Vater und alles Liebe, eure Meg.

Der Klassiker BETTY UND IHRE SCHWESTERN von Louisa May Alcott (1832-1888) wurde von Gabi Müller für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Jessie Willcox Smith (1863-1935) hergestellt.


Seiten URL:
http://www.labbe.de/lesekorb/index.asp?themaid=125&titelid=1595



Copyright © 2020 LABBÉ GmbH, D-50126 Bergheim