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Der Rossmarkt

Auf einem Rossmarkt gibt es wahrlich viel zu sehen. Er mag vor allem für diejenigen anziehend scheinen, die nichts zu verlieren haben. Hier standen junge Landpferde in Reihen, große Gruppen von zotteligen Welsh Ponys, die ungefähr so groß waren wie Merrylegs. Außerdem gab es zahlreiche Arbeitspferde aller Art. Dazwischen gab es reinrassige Pferde, deren Ansehen aber in der Regel durch einen Unfall oder eine Krankheit beeinträchtigt war. Zu dieser Kategorie zählte auch ich.

Dann gab es noch ausnehmend tolle Pferde, die sich stolz präsentierten, wenn die Stallburschen sie vorführten. Und dann gab es noch die armen Wichte, die ihr Leben als Arbeitstiere fristeten oder gar die vernachlässigten Kreaturen, deren Narben jeweils eigene Leidenswege erzählten.

Aber das Eindrucksvollste an so einem Markt war das Feilschen. Nirgends auf der Welt wird so wenig Wort gehalten und so viel Falsches erzählt wie auf einem Rossmarkt. So drehten einige Kaufinteressenten ab, wenn sie mein zerschundenes Knie sahen. Doch der Händler versicherte glaubhaft, dass ich lediglich im Stall gestürzt wäre.

Die Männer guckten zuerst in mein Maul, dann begutachteten sie meine Augen, die Beine und das Fell und am Ende prüften sie meinen Gang. Jeder der Interessenten erledigte diese Prozedur auf seine Weise. Mal grob und mal sanft. Natürlich erkannte ich dadurch schnell den Charakter eines jeden.

Ein Mann fiel mir besonders auf. Vom ersten Moment an war ich mir sicher, dass ich es bei ihm gut haben würde. Er war nicht sonderlich fein, aber gewandt und kräftig. Er schien was von Pferden zu verstehen. Seine Augen hatten einen gutmütigen Glanz und er roch angenehm. Nicht nach Tabak und Bier, wie so viele. Doch die dreiundzwanzig Pfund, die er für mich bot, waren dem Händler zu wenig.

Nachdem ich ihn aus den Augen verloren hatte, kam ein grobschlächtiger Mann auf mich zu, von dem ich fürchtete, dass er mich kaufen wollte. Doch er ging vorüber und viele andere Kaufinteressenten auch. Später kam der finstere Genosse nochmals zurück und bot dreiundzwanzig Pfund für mich. Inzwischen hatte mein Händler erkannt, dass ich wohl nicht mehr Geld bringen würde, und begann zu handeln.

Glücklicherweise kam der freundliche Herr gerade des Wegs und mischte sich in die Verhandlung ein. Zu guter Letzt kaufte er mich für vierundzwanzig Pfund und zehn Pence. Der Händler lobte mich, während er das Geld entgegennahm. Mein neuer Herr nahm mich am Halfter mit zum Gasthof und gab mir erst einmal zu fressen. Währenddessen streichelte er mich und führte Selbstgespräche, bevor er sich mit mir auf den Weg nach London machte.

Nach einer Weile, es dämmerte bereits, ritten wir an einem großen Droschkenverleih vorbei. Mein neuer Herr grüßte freundlich. Auf die Frage, ob er auf dem Rossmarkt erfolgreich gewesen wäre, antwortete er: "Ja, ich denke schon!"

"Na, dann wünsche ich Ihnen viel Glück mit dem Pferd", rief der Fremde.

Wir ritten weiter, bis wir einige Gässchen später zu einem ärmlich aussehenden Haus kamen, mit einem kleinen Stall dabei. Auf einen Pfiff hin kamen ein kleines Mädchen, ein Bub und eine junge Frau aus dem Haus gerannt. Die Freude über mich war groß und alle standen um mich herum und streichelten mich oder fragten, ob ich lieb sei.

Es war schön, die kleine zaghafte Hand des Mädchens auf meiner Schulter zu fühlen. Dolly hieß sie und sie wurde aufgefordert, mich abzureiben. Die Mutter, die Polly hieß, wollte für mich einen Kleiebrei zubereiten.

"Und für mich, gibt es da auch noch einen Brei?", rief der Vater lächelnd.

"Ja, Bratwurstklöße mit Apfelkuchen", rief der Bub. Alle mussten lachen und sie führten mich in einen Stall, der gut roch. Sie legten mir reichlich trockene Streu in die Box und nachdem ich meine leckere Mahlzeit bekommen hatte, war ich mir sicher, diesmal eine wirklich gute Heimat gefunden zu haben.

Der Klassiker BLACK BEAUTY von Anna Sewell (1820 - 1878) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt.


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