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Die Landstraße

"Rattenschätzchen", sagte der Maulwurf an einem schönen Sommermorgen, "darf ich dich um einen Gefallen bitten?"

Ein kleines Liedchen pfeifend, saß die Ratte am Flussufer. Er hatte es gerade komponiert und war so damit beschäftigt, dass er sich weder um den Maulwurf noch um sonst jemanden kümmern konnte. Seit dem Morgengrauen war er in Gesellschaft der Enten im Fluss geschwommen. Wenn sie, wie sie es häufig machen, ihre Köpfe ins Wasser streckten, tauchte er unter und kitzelte seine Freunde am Hals; gerade unterhalb des Kinns. Jedoch kann man bei Enten nicht von einem Kinn sprechen. Dann tauchten sie sofort wieder auf, schnatternd und prustend jagten sie ihm nach, schlugen mit ihren Flügeln nach ihm, denn unter Wasser können sie ja unmöglich sagen, was sie fühlen. Sie flehten ihn an, abzuhauen, sich um seine eigenen Angelegenheiten zu kümmern und sie in Ruhe zu lassen. Da war die Ratte davon geschwommen. Sie hatte sich am Flussufer in die Sonne gelegt und ein geringschätziges Lied über die Enten erfunden. Er nannte es einfach Entengesang.

Der Maulwurf hörte sich dieses kleine Lied kritisch an und meinte dann vorsichtig: "Hmm, ich weiß nicht, ob mir das gefallen soll, Ratte". Natürlich war er selbst kein Dichter und sagte das auch. "Die Enten mögen mein Lied auch nicht leiden", sagte die Ratte verschmitzt. "Warum Leute wie ich am Ufer hocken und sie beobachten und Gedichte darüber machen, fragten sie. Dies sei ja glatter Unsinn! Das behaupten die Enten."

"Da haben sie wohl Recht", sagte der Maulwurf überzeugt.

"Gar nicht", rief die Ratte entsetzt.

Der Maulwurf lenkte schnell ein. "Wollten wir nicht Herrn Kröte einen Besuch abstatten?", fragte er. "Nun habe ich schon so viel von ihm gehört, dass ich ihn endlich gerne kennen lernen wollte."

Die sanftmütige Ratte hüpfte auf, rief "ja klar", und nahm für heute Abschied von der hohen Kunst der Dichtung. Sie holten das Boot und paddelten sofort hinüber. Den Kröterich könne man zu jeder Zeit besuchen, wusste die Ratte. "Ob morgens oder abends, der Kröterich ist immer gut gelaunt, fröhlich wenn man kommt und traurig, wenn man wieder geht", sagte sie.

"Ein nettes Tier", bemerkte der Maulwurf. Dann stieg er ins Boot, nahm die Ruder, wartete bis die Ratte auf dem Gästesitz saß und ruderte los. "Herr Kröte ist wirklich der Beste aller Tiere", entgegnete die Ratte, "lieb und sensibel. Na ja, er ist nicht der Gescheiteste, aber es kann ja nicht nur Genies geben. Ein wenig großspurig ist er manchmal. Aber er hat wirklich viele gute Seiten."

Als sie um die Flussbiegung kamen, ruderten sie einem würdigen alten Haus entgegen. Errichtet aus verwitterten roten Ziegelsteinen und umgeben von sauber gepflegten Rasenflächen, bis hin zum Ufer.

"Hier siehst du Krötenhall", sagte die Ratte, "wir müssen den Bach entlang, an dem Schild PRIVAT, ANLEGEN VERBOTEN vorbei. So kommen wir zum Bootshaus, wo wir auch festmachen. Rechts liegen die Stallungen. Und hier siehst du den Festsaal; der ist sehr alt. Herr Kröte ist ziemlich reich. Er besitzt eines der schönsten Landhäuser dieser Gegend. Das würden wir vor ihm niemals zugeben, versteht sich.

Sie glitten also in die Bachmündung, der Maulwurf zog die Ruder ein, damit sie unter dem großen Bootshaus anlegen konnten. Innen lagen viele Boote, die entweder festgebunden waren oder an Land lagen. Im Wasser war kein Einziges; der Ort wirkte verlassen.

Die Ratte blickte sich um. "Ah, ich verstehe, Boote sind nicht mehr in Mode", sagte sie, "bin mal gespannt, was sich Kröterich jetzt zugelegt hat. Doch wir werden von der neuen Verrücktheit bald genug erfahren."

Maulwurf und Ratte stiegen aus und machten sich auf den Weg, Kröterich zu suchen. Sie gingen über den farbenfrohen, mit Blumen übersäten Rasen. Bald schon entdeckten sie Herrn Kröte im Korbstuhl, ganz in die Betrachtung einer großen Landkarte versunken.

Mit einem freudigen "Hurra" begrüßte er seine Gäste. Er sprang auf und rief überschwänglich: "Das ist ja super!" Kröterich schüttelte Beiden die Pfote, ohne darauf zu warten, dem Maulwurf vorgestellt zu werden. "Gerade wollte ich euch eine Nachricht schicken lassen, dass ihr mich besucht. Ich brauche euch dringend", rief Kröterich aufgeregt. "Ihr ahnt ja nicht, was es mir bedeutet, dass ihr hier seid. Darf ich euch etwas anbieten?", fragte er und ging den Gästen voran ins Haus.

"Nun lass uns doch erst einmal gemütlich sitzen, Kröterich", verlangte die Ratte. Sie plumpste in den Lehnstuhl, während der Maulwurf eine höfliche Bemerkung über den "wundervollen Landsitz" machte und sich ebenfalls in einen Lehnstuhl setzte.

Kröterich konnte es sich nicht verkneifen, einige angeberische Sprüche loszulassen. "Es ist das tollste Haus am Flussufer", prahlte er, "oder vielleicht überhaupt das schönste Anwesen weit und breit!"

Die Ratte kniff den Maulwurf in die Hüften. Just in diesem Moment blickte Kröterich auf. Ein kurzer Augenblick des Schweigens - dann brachen alle in lautes Gelächter aus.

"Nun wollen wir aber vernünftig miteinander reden", sagte Kröterich. "Ihr seid genau die Richtigen für mich. Ihr müsst mir unbedingt helfen." Die Ratte fragte, ob es wieder mal ums Rudern ginge. Sie riet dem Kröterich, noch ein wenig zu üben, damit er nicht so viel Wasser mit dem Ruder schaufelte, dann würde das schon gut werden.

"Aber nein, Rudern!", rief Kröterich, "das mache ich schon lange nicht mehr. Ich halte das für blanke Zeitverschwendung. Wie könnt Ihr Burschen nur eure ganze Kraft in diese nutzlose Beschäftigung stecken. Ich habe das einzig Richtige entdeckt … eine Arbeit fürs Leben. Ihr will ich den Rest meiner Tage widmen. Schluss mit der Zeitvergeudung!", rief er aus. "Komm mit mir, Ratte und du auch lieber Freund", sagte er, "im Hof werdet ihr die Neuigkeit sehen".

Der Klassiker DER WIND IN DEN WEIDEN von Kenneth Grahame (1859-1932) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt. Die Illustrationen stammen von Paul Bransom (1885-1979).


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