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Lesekorb - Das Web-Magazin für Kinder

Es wird Abschied genommen, aber auf Wiedersehen

Die Großmama hatte einen Tag vor ihrer Ankunft noch einen Brief zur Alp hinauf geschickt, damit sie oben sicher wüssten, dass sie komme. Diesen Brief brachte am andern Tage Peter in der Frühe mit sich, als er auf die Weide zog. Der Großvater war schon mit den Kindern aus der Hütte getreten, und auch Schwänli und Bärli standen beide draußen und schüttelten lustig ihre Köpfe in der frischen Morgenluft, während die Kinder sie streichelten. Gut gelaunt stand der Großvater dabei und schaute mal auf die frischen Gesichter der Kinder, mal auf seine sauber glänzenden Ziegen herab. Beides musste ihm gefallen, denn er lächelte vergnüglich.

Jetzt kam Peter heran. Als er die Gruppe sah, näherte er sich langsam, streckte den Brief dem Großvater entgegen, und sobald dieser ihn erfasst hatte, sprang er scheu zurück, so als ob ihn etwas erschreckt habe, und dann guckte er schnell hinter sich, gerade als ob von hinten ihn auch noch etwas hätte erschrecken wollen; dann machte er einen Sprung und lief davon, den Berg hinauf.

"Großvater", sagte Heidi, die dem Vorgang verwundert zugeschaut hatte, "warum benimmt sich Peter jetzt immer wie der große Türk, wenn der eine Rute hinter sich merkt; dann scheut er mit dem Kopf und schüttelt ihn nach allen Seiten und macht auf einmal Sprünge in die Luft hinauf."

"Vielleicht merkt Peter auch eine Rute hinter sich, die er verdient", antwortete der Großvater.

Nur die erste Weide hinauf lief Peter so in einem Zuge davon; sobald man ihn von unten nicht mehr sehen konnte, kam es anders. Da stand er still und drehte scheu den Kopf nach allen Seiten. Plötzlich tat er einen Sprung und schaute hinter sich, so erschreckt, als habe ihn eben einer im Genick gepackt. Hinter jedem Busch hervor, aus jeder Hecke heraus meinte jetzt Peter den Polizeidiener aus Frankfurt auf sich losstürzen zu sehen. Je länger aber diese gespannte Erwartung dauerte, je schreckhafter wurde Peter, er hatte keinen ruhigen Augenblick mehr.

Nun musste Heidi ihre Hütte aufräumen, denn die Großmama sollte doch alles in guter Ordnung finden, wenn sie kam. Klara fand Heidis geschäftige Treiben in allen Ecken der Hütte herum immer so kurzweilig, dass sie mit Vorliebe dieser Tätigkeit zuschaute.

So vergingen die frühen Morgenstunden für die Kinder so schnell dass man der Ankunft der Großmama schon entgegensehen konnte.

Voll Erwartung kamen die Kinder wieder aus der Hütte und setzten sich auf die Bank von der Almhütte. Auch der Großvater kam jetzt wieder zu ihnen. Er hatte einen Spaziergang gemacht und hatte einen großen Strauß dunkelblauer Enzianen mitgebracht, die leuchteten so schön in der hellen Morgensonne, dass die Kinder bei dem Anblick aufjauchzten. Der Großvater trug sie in die Hütte hinein. Von Zeit zu Zeit sprang Heidi von der Bank, um nachzusehen, ob von der Großmama noch nichts zu sehen sei.

Aber jetzt: da kam etwas von unten herauf, gerade so, wie Heidi es erwartet hatte. Voran stieg der Führer, dann kamen das weiße Pferd und die Großmama darauf, und zuletzt kam der Träger mit dem hohen Tragkorb, denn ohne reichlich Gepäck zog die Großmama nun einmal nicht auf die Alp.

Näher und näher kam die Gruppe. Jetzt war die Höhe erreicht; die Großmama erblickte die Kinder von ihrem Pferde aus.

"Was ist denn das? Was sehe ich, Klärchen? Du sitzest nicht in deinem Sessel! Wie ist das möglich?" rief sie erschrocken aus und stieg nun eilig herunter. Bevor sie aber noch bei den Kindern angekommen war, schlug sie die Hände zusammen und rief in der höchsten Aufregung:

"Klärchen, bist du's, oder bist du's nicht? Du hast ja rote Wangen, kugelrunde! Kind! Ich kenne dich nicht mehr!" Jetzt wollte die Großmama auf Klara losstürzen. Aber unversehens war Heidi von der Bank geglitten, Klara hatte sich schnell auf ihre Schultern gestützt, und fort wanderten die Kinder, ganz gelassen einen kleinen Spaziergang machend. Die Großmama war plötzlich stehen geblieben, erst vor Schrecken, weil sie glaubte, Heidi stelle eben etwas Unerhörtes an.

Aber was sah sie vor sich!

Aufrecht und sicher ging Klara neben dem Heidi her; jetzt kamen sie wieder zurück, beide mit strahlenden Gesichtern, beide mit rosenroten Wangen.

Jetzt lief die Großmama ihnen entgegen. Lachend und weinend in einem umarmte sie ihr Klärchen, dann Heidi, dann wieder Klara. Vor Freude fand die Großmama gar keine Worte.

Auf einmal fiel ihr Blick auf den Großvater, der bei der Bank stand und mit behaglichem Lächeln nach den dreien herüberschaute. Jetzt hackte die Großmama Klaras unter den Arm und wanderte mit ihr, zu der Bank, wobei sie immer wieder ganz erstaunt ausrief, dass sie es kaum glauben könne, dass Klara wirklich gehen könne. Hier ließ sie Klara los und ergriff den Alten bei beiden Händen.

"Mein lieber Großvater! Mein lieber Großvater! Das haben wir Ihnen zu verdanken! Es ist Ihr Werk! Es ist Ihre Sorge und Pflege..."

"Und unseres Herrgottes Sonnenschein und Almluft", fiel der Großvater lächelnd ein.

"Ja, und Schwänlis gute, schöne Milch sicher auch", rief nun Klara ihrerseits. "Großmama, du solltest nur wissen, wie ich die Ziegenmilch trinken kann und wie gut sie ist!"

"Ja, das kann ich an deinen Wangen sehen, Klärchen", sagte jetzt die Großmama lachend. "Nein, dich kennt man nicht mehr wieder; du hast so gut zugenommen, wie ich nie geglaubt hätte, dass du je werden könntest, und groß bist du, Klärchen! Nein, ist es denn auch wahr? Ich kann dich ja nicht genug ansehen! Aber nun muss auf der Stelle an meinen Sohn in Paris telegrafiert werden, er muss sogleich kommen. Ich sag ihm nicht, warum, das ist die größte Freude seines Lebens. Mein lieber Großvater, wie machen wir das? Sie haben wohl die Männer schon entlassen?"

"Die sind fort", antwortete er, "aber wenn's der Frau Großmama eilt, so lässt man den Ziegenhüter herunterkommen, der hat Zeit."

Die Großmama bestand darauf, sofort ihrem Sohne eine Nachricht zu schicken, denn dieses Glück sollte ihm keinen Tag vorenthalten bleiben.

Nun ging der Großvater ein wenig auf die Seite, und hier tat er einen so durchdringenden Pfiff durch seine Finger, dass es hoch oben von den Felsen zurückpfiff, so weit weg hatte er das Echo geweckt. Es dauerte gar nicht lange, so kam Peter herunter gerannt, er kannte den Pfiff wohl. Peter war kreideweiß, denn er dachte, der Großvater rufe ihn zum Gericht. Es wurde ihm aber nur ein Papier übergeben, das die Großmama unterdessen geschrieben hatte, und der Großvater erklärte ihm, er habe das Papier sofort ins Dorf hinunter zu tragen und auf dem Postamt abzugeben, die Bezahlung werde der Großvater später selbst in Ordnung bringen, denn so viele Dinge auf einmal konnte man dem Peter nicht auftragen.

Dieser ging nun mit seinem Papier in der Hand, fürs erste erleichtert davon, denn der Großvater hatte ja nicht zum Gericht gepfiffen, es war kein Polizeidiener angekommen.

Endlich war Zeit, sich zusammen um den Tisch vor der Hütte herum zu setzen, und nun musste der Großmama erzählt werden, wie sich alles von Anfang an zugetragen hatte. Wie zuerst der Großvater jeden Tag ein wenig das Stehen und dann ein Schrittchen mit Klara probiert hatte, wie dann der Ausflug auf die Weide gekommen war und der Wind den Rollstuhl fortgejagt hatte. Wie Klara vor Begierde nach den Blumen den ersten Gang machen konnte und so eins nach dem andern gekommen war.

Aber es währte lange, bis diese Erzählung von den Kindern zu Ende gebracht wurde, denn zwischendurch musste die Großmama immer wieder in Verwunderung und in Lob und Dank ausbrechen, und immer wieder rief sie aus: "Ja ist es denn auch möglich! Ist es denn auch wirklich kein Traum? Sind wir denn auch alle wach, und sitzen wir hier vor der Almhütte, und das Mädchen vor mir mit dem runden, frischen Gesicht ist mein altes, bleiches, kraftloses Klärchen?"

Und Klara und Heidi hatten immer neue Freude, dass ihre schön ausgedachte Überraschung so gut gelungen war.

Herr Sesemann hatte unterdessen seine Geschäfte in Paris beendet, und auch er hatte vor, eine Überraschung zu bereiten. Ohne ein Wort an seine Mutter zu schreiben, setzte er sich an einem der sonnigen Sommermorgen in die Eisenbahn und fuhr in einem Zuge bis nach Basel, von wo er in aller Frühe des folgenden Tages gleich wieder aufbrach, denn er wollte unbedingt sein Töchterchen wieder sehen, von dem er nun den ganzen Sommer durch getrennt gewesen war. In Bad Ragaz kam er einige Stunden nach der Abfahrt seiner Mutter an.

Die Nachricht, dass sie eben heute die Reise nach der Alp unternommen habe, kam ihm gerade recht. Sofort setzte er sich in einen Wagen und fuhr nach Maienfeld hinüber. Als er da hörte, dass er auch noch bis zum Dörfli hinauffahren könne, tat er dies, denn er dachte, der Fußmarsch den Berg hinauf werde ihm immer noch lang genug werden.

Herr Sesemann hatte sich nicht getäuscht; die ständige Steigung die Alp hinauf kam ihm sehr lang und beschwerlich vor. Noch immer war keine Hütte in Sicht, und er wusste doch, dass er auf halbem Wege auf die Hütte von Ziegenpeter stoßen sollte, denn oftmals hatte er die Beschreibung dieses Weges gehört.

Es waren überall Spuren von Fußgängern zu sehen, manchmal gingen die schmalen Wege nach allen Richtungen hin. Herr Sesemann wurde unsicher, ob er auch auf dem richtigen Wege sei oder ob vielleicht die Hütte auf einer andern Seite der Alp liege. Er sah sich um, ob kein menschliches Wesen zu entdecken sei, das er nach dem Weg fragen könnte. Aber es war still ringsum, weit und breit war nichts zu sehen noch zu hören. Nur der Bergwind war dann und wann zu hören und zu spüren, und im sonnigen Blau summten die kleinen Mücken, und ein kleines Vögelein pfiff da und dort auf einem einsamen Lärchenbaum. Herr Sesemann stand eine Weile still und ließ sich die heiße Stirne vom Alpenwind kühlen.

Jetzt kam jemand von oben herunter gelaufen; es war Peter mit seiner Nachricht in der Hand. Er lief grade aus, steil herunter, nicht auf dem Fußwege, auf dem Herr Sesemann stand. Sobald der Läufer aber nahe genug war, winkte ihm Herr Sesemann, dass er herüberkommen sollte. Zögernd und scheu kam Peter heran, seitwärts, nicht gradaus, und so, als könne er nur mit dem einen Fuß richtig vorankommen und müsse den andern nachschleppen.

"Na, Junge, frisch heran!" ermunterte Herr Sesemann.

"Jetzt sag mir mal, komme ich auf diesem Wege zu der Hütte hinauf, wo der alte Mann mit dem Kinde Heidi wohnt, bei dem die Leute aus Frankfurt sind?"

Peter war s erschrocken, dass er statt einer Antwort nur einen merkwürdigen dumpfen Ton von sich geben konnte, und dann rannte er so schnell davon, dass er kopfüber und über die steile Wiese hinabstürzte und fortrollte in ungewollten Purzelbäumen, immer weiter und weiter, ganz ähnlich, wie es der Rollstuhl getan hatte, nur dass glücklicherweise Peter nicht in Stücke ging, wie es bei dem Sessel der Fall gewesen war.

Nur der Brief wurde arg zugerichtet und flog in Fetzen davon.

"Merkwürdig schüchterner Bergbewohner", sagte Herr Sesemann vor sich hin, denn er dachte dass das Erscheinen eines Fremden diesen starken Eindruck auf den einfachen Jungen von der Alp gemacht habe.

Nachdem er Peters merkwürdigen Abstieg ins Tal noch ein wenig betrachtet hatte, setzte Herr Sesemann seinen Weg weiter fort.

Peter konnte trotz aller Anstrengung keinen festen Standpunkt gewinnen, er rollte immerzu, und von Zeit zu Zeit überschlug er sich noch in besonderer Weise.

Aber das war nicht das Schlimmste in diesem Augenblick, viel schrecklicher waren die Angst und das Entsetzen, die ihn erfüllten, da er nun sicher zu wissen glaubte, dass der Polizeidiener aus Frankfurt wirklich angekommen war. Denn er konnte es sich gar nicht anders vorstellen, als dass es sich um den so gefürchteten Polizeidiener handeln könnte, der ihn nach den Frankfurtern gefragt hatte. Jetzt, am letzten hohen Abhange oberhalb des Dorfes, trieb es den Peter an einen Busch zu, da konnte er sich endlich festklammern. Einen Augenblick blieb er noch liegen, er musste sich erst wieder ein wenig besinnen, was mit ihm sei.

"Na nu, schon wieder einer!" sagte eine Stimme hart neben Peter. "Und wer kriegt morgen den Stoß da droben, dass er herunterkommt wie ein schlecht vernähter Kartoffelsack?"

Es war der Bäcker, der so spottete. Er wollte sich gerade ein wenig von seiner schweißtreibenden Arbeit erholen und abkühlen, und dabei hatte er ruhig zugesehen, wie eben Peter, dem Heranrollen des Stuhles nicht unähnlich, von oben heruntergekommen war.

Peter kam endlich wieder auf seine Füße. Er hatte einen neuen Schrecken. Jetzt wusste der Bäcker auch schon, dass der Stuhl einen Puff bekommen hatte. Ohne ein einziges Mal zurückzusehen, lief Peter wieder den Berg hinauf. Am liebsten wäre er jetzt heimgegangen und in sein Bett gekrochen, damit ihn keiner mehr finden konnte, denn da fühlte er sich am sichersten.

Aber er hatte ja die Ziegen noch oben, und der Großvater hatte ihm noch eingeschärft, bald wiederzukommen, damit die Herde nicht zu lange allein sei. Den Großvater aber fürchtete er vor allen und hatte einen solchen Respekt vor ihm, dass er niemals gewagt hätte, ihm ungehorsam zu sein. Peter ächzte laut und hinkte weiter, es musste ja sein, er musste wieder hinauf. Aber rennen konnte er jetzt nicht mehr, die Angst und die mannigfaltigen Stöße, die er soeben erduldet hatte, konnten nicht ohne Wirkung bleiben. So ging es denn mit Hinken und Stöhnen weiter die Alm hinauf.

Herr Sesemann hatte kurz nach der Begegnung mit Peter die erste Hütte erreicht und wusste nun, dass er auf dem richtigen Wege war. Er stieg guten Mutes weiter, und endlich, nach langer, mühevoller Wanderung, sah er sein Ziel vor sich. Dort oben stand die Almhütte, und oben darüber wogten die dunkeln Wipfel der alten Tannen.

Herr Sesemann ging mit Freuden an die letzte Steigung, gleich konnte er sein Kind überraschen. Aber schon war er von der Gesellschaft vor der Hütte entdeckt und erkannt worden, und für den Vater wurde vorbereitet, was er nicht ahnte.

Als er den letzten Schritt zur Höhe getan hatte, kamen ihm von der Hütte her zwei Gestalten entgegen. Es war ein großes Mädchen mit hellblonden Haaren und einem rosigen Gesichtchen, das stützte sich auf die kleinere Heidi, der die Freuden ins Gesicht geschrieben stand. Herr Sesemann stutzte, er stand still und starrte die Herankommenden an. Auf einmal liefen ihm große Tränen aus den Augen. Was stiegen auch für Erinnerungen in seinem Herzen auf! Ganz so hatte Klaras Mutter ausgesehen, das blonde Mädchen mit den angehauchten Rosenwangen. Herr Sesemann wusste nicht, ob er wach war, oder ob er träumte.

"Papa, kennst du mich denn gar nicht mehr?" rief ihm jetzt Klara mit freudestrahlendem Gesicht entgegen. "Bin ich denn so verändert?"

Nun stürzte Herr Sesemann auf sein Töchterchen zu und schloss es in seine Arme.

"Ja, du bist verändert! Ist es möglich? Ist es Wirklichkeit?"

Und der überglückliche Vater trat wieder einen Schritt zurück, um noch einmal hinzusehen, ob denn das Bild nicht verschwinde vor seinen Augen.

"Bist du's, Klärchen, bist du's denn wirklich?" musste er ein ums andere Mal ausrufen. Dann schloss er sein Kind wieder in die Arme, und gleich nachher musste er noch einmal sehen, ob es wirklich sein Klärchen sei, das aufrecht vor ihm stand.

Jetzt war auch die Großmama herbeigekommen, sie konnte nicht länger warten, bis sie das glückliche Gesicht ihres Sohnes erblicken sollte.

"Na, mein lieber Sohn, was sagst du jetzt?" rief sie ihm zu. "Die Überraschung, die du uns machst, ist recht schön; aber diejenige, die man dir bereitet hat, ist noch viel schöner, nicht?" Und die erfreute Mutter begrüßte nun mit großer Herzlichkeit ihren lieben Sohn. "Aber jetzt, mein Lieber", sagte sie dann, "kommst du mit mir dort hinüber, unsern Großvater begrüßen, der ist unser allergrößter Wohltäter."

"Sicher, und auch unsere Hausgenossin, unsere kleine Heidi, muss ich noch begrüßen", sagte Herr Sesemann, indem er Heidis Hand schüttelte. "Nun? Immer frisch und gesund auf der Alp? Aber man muss nicht fragen, kein Alpenröschen kann blühender aussehen. Das ist mir eine Freude, Kind, das ist mir eine große Freude!"

Auch Heidi schaute mit leuchtender Freude zu dem freundlichen Herrn Sesemann auf. Wie gut war er immer zu ihr gewesen! Und dass er nun hier auf der Alp ein solches Glück finden sollte, das erfüllte Heidis Herz mit großer Freude.

Jetzt führte die Großmama ihren Sohn zum Großvater hinüber, und während nun die beiden Männer sich sehr herzlich die Hände schüttelten und Herr Sesemann begann, seinen tief gefühlten Dank auszusprechen und sein unermessliches Erstaunen darüber, wie nur dieses Wunder hatte geschehen können, da wandte sich die Großmama und ging ein wenig nach der andern Seite hinüber, denn das hatte sie nun schon durchgesprochen. Sie wollte einmal nach den alten Tannen sehen.

Da harrte ihrer schon wieder etwas Unerwartetes. Mitten unter den Bäumen, da, wo die langen Äste noch einen freien Platz gelassen hatten, stand ein großer Busch der wundervollsten, dunkelblauen Enzianen, so frisch und glänzend, als wären sie eben da herausgewachsen. Die Großmama schlug die Hände zusammen vor Entzücken.

"Wie herrlich! Wie prächtig! Welch ein Anblick!" rief sie ein ums andere Mal aus. "Heidi, mein liebes Kind, komm hierher! Hast du mir das zur Freude bereitet? Es ist unglaublich schön."

Die Kinder waren schon da.

"Nein, nein, ich war es sicher nicht", sagte Heidi, "aber ich weiß schon, wer's gemacht hat."

"So ist's droben auf der Weide, Großmama, und noch viel schöner", fiel hier Klara ein. "Aber rat einmal, wer dir heut früh schon die Blumen von der Weide heruntergeholt hat!" Und Klara lächelte so vergnüglich zu ihrer Rede, dass der Großmama einen Augenblick der Gedanke kam, das Kind sei am Ende heute selbst schon dort oben gewesen. Das war doch aber fast nicht möglich.

Jetzt hörte man ein leises Geräusch hinter den Tannenbäumen; es kam vom Peter her, der unterdessen hier oben angelangt war. Da er aber gesehen hatte, wer beim Großvater vor der Hütte stand, hatte er einen großen Bogen gemacht und wollte nun ganz heimlich hinter den Tannen hinauf schleichen. Aber die Großmama hatte ihn erkannt, und plötzlich stieg ein neuer Gedanke in ihr auf. Sollte Peter die Blumen herunter gebracht haben und nun aus lauter Scheu und Bescheidenheit so heimlich vorbei schleichen wollen? Nein, das durfte nicht sein, er sollte doch eine kleine Belohnung haben.

"Komm, mein Junge, komm hier heraus, frisch, ohne Scheu!" rief die Großmama laut und steckte ein wenig den Kopf zwischen die Bäume hinein.

Starr vor Schrecken stand Peter still. Er hatte keine Widerstandskraft mehr nach allem Erlebten. Er fühlte nur noch das eine: Jetzt ist's aus! Alle Haare standen ihm aufrecht auf dem Kopf, und farblos und entstellt von höchster Angst trat Peter hinter den Tannen hervor.

"Nur frisch heran, ohne Umwege", ermunterte die Großmama. "So, nun sag mir mal, Junge, hast du das gemacht?"

Peter hob seine Augen nicht auf und sah nicht, wohin der Zeigefinger der Großmama wies. Er hatte gesehen, dass der Großvater an der Ecke der Hütte stand und dass dessen graue Augen durchdringend auf ihn gerichtet waren, und neben dem Großvater stand das Schrecklichste, das Peter kannte, der Polizeidiener aus Frankfurt. An allen Gliedern zitternd und bebend, stieß Peter einen Laut hervor, es war ein "Ja".

"Nanu", sagte die Großmama, "was ist denn das Schreckliche dabei?"

"Dass er... dass er... dass er auseinander ist und man ihn nicht mehr ganz machen kann", brachte mühsam Peter heraus, und nun schlotterten seine Knie so, dass er fast nicht mehr stehen konnte. Die Großmama ging nach der Hüttenecke hinüber.

"Mein lieber Großvater, rappelt es denn wirklich ernstlich bei dem armen Buben?" fragte sie teilnehmend.

"Gar nicht, gar nicht", versicherte der Großvater. "Der Bube ist nur der Wind, der den Rollstuhl fortgejagt hat, und nun erwartet er seine wohlverdiente Strafe."

Das konnte nun die Großmama gar nicht glauben, denn sie meinte, boshaft sehe Peter doch ganz und gar nicht aus, und sonst hätte er doch keinen Grund gehabt, den so notwendigen Rollstuhl zu zerstören.

Aber für den Großvater war das Geständnis nur die Bestätigung eines Verdachtes gewesen, der gleich nach der Tat in ihm aufgestiegen war. Die grimmigen Blicke, die Peter von Anfang an Klara zugeworfen hatte, und andere Zeichen seiner Verbitterung gegen die Besucher auf der Alp waren dem Großvater nicht entgangen. Er hatte einen Gedanken an den andern gehängt, und so hatte er genau den ganzen Gang der Dinge erkannt und teilte ihn jetzt der Großmama in aller Klarheit mit. Als er zu Ende war, brach die Dame in große Lebhaftigkeit aus.

"Nein, mein lieber Großvater, nein, nein, den armen Buben wollen wir nicht weiter strafen. Man muss gerecht sein. Da kommen die fremden Leute aus Frankfurt einfach hier her und nehmen ihm ganze Wochen lang Heidi weg, sein einziges Gut und wirklich ein großes Gut, und da sitzt er allein Tag für Tag und hat das Nachsehen. Nein, nein, da muss man gerecht sein; der Zorn hat ihn überwältigt und hat ihn zu der Rache getrieben, die ein wenig dumm war, aber im Zorn werden wir alle dumm."

Damit ging die Großmama zu Peter zurück, der noch immer bebte und zitterte.

Sie setzte sich auf die Bank unter die Tanne und sagte freundlich: "So, nun komm, mein Junge, da vor mich hin, ich habe dir etwas zu sagen. Höre auf zu zittern und zu beben und hör mir zu, das will ich haben. Du hast den Rollstuhl den Berg hinuntergejagt, damit er zerschmettere. Das war etwas Böses, das hast du recht wohl gewusst, und dass du eine Strafe verdientest, das wusstest du auch, und damit du diese nicht erhaltest, hast du dich recht anstrengen müssen, damit keiner es merkte, was du getan hattest. Aber siehst du: Wer etwas Böses tut und denkt, es weiß keiner, der verrechnet sich immer.

Der liebe Gott sieht und hört ja doch alles, und sobald er bemerkt, dass ein Mensch seine böse Tat verheimlichen will, so weckt er schnell in dem Menschen das Wächterchen auf, das er schon bei seiner Geburt in ihn hineingesetzt hat und das da drinnen schlafen darf, bis der Mensch ein Unrecht tut. Und das Wächterchen hat einen kleinen Stachel in der Hand, mit dem sticht es nun in einem fort den Menschen, dass er gar keinen ruhigen Augenblick mehr hat. Und auch mit seiner Stimme beängstigt es den Gequälten noch, denn es ruft ihm immer quälend zu: ›Jetzt kommt alles aus! Jetzt holen sie dich zur Strafe!‹ So muss er immer in Angst und Schrecken leben und hat keine Freude mehr, gar keine. Hast du nicht auch so etwas erfahren, Peter, eben jetzt?"

Peter nickte ganz zerknirscht, aber wie ein Kenner, denn gerade so war es ihm ergangen.

"Und noch auf eine andere Weise hast du dich verrechnet", fuhr die Großmama fort. "Sieh, wie das Böse, das du tatest, zum Besten ausfiel für die, der du es zufügen wolltest! Weil Klara keinen Sessel mehr hatte, auf dem man sie hinbringen konnte, und doch die schönen Blumen sehen wollte, so strengte sie sich ganz besonders an zu gehen, und so lernte sie's und geht nun immer besser, und bleibt sie hier, so kann sie am Ende jeden Tag hinauf zur Weide gehen, viel öfter, als sie in ihrem Stuhle hinaufgekommen wäre.

Siehst du wohl, Peter? So kann der liebe Gott, was einer böse machen wollte, nur schnell in seine Hand nehmen und für den andern, der geschädigt werden sollte, etwas Gutes daraus machen, und der Bösewicht hat das Nachsehen und den Schaden davon. Hast du nun auch alles gut verstanden, Peter, ja? So denk daran, und jedes Mal, wenn es dich wieder gelüsten sollte, etwas Böses zu tun, denk an das Wächterchen da drinnen mit dem Stachel und der unangenehmen Stimme. Willst du das tun?"

"Ja, das will ich", antwortete Peter, noch sehr gedrückt, denn noch wusste er ja nicht, wie alles enden würde, da der Polizeidiener immer noch drüben stand neben dem Großvater.

"So, nun ist's gut, die Sache ist abgetan", schloss die Großmama. "Nun sollst du aber auch noch ein Andenken an die Frankfurter haben, das dich freut. So sag mir nun, mein Junge, hast du auch schon mal was gewünscht, das du haben möchtest? Was war's denn? Was möchtest du am liebsten haben?"

Jetzt hob Peter seinen Kopf auf und starrte die Großmama mit ganz kugelrunden, erstaunten Augen an. Noch immer hatte er etwas Schreckliches erwartet, und nun sollte er auf einmal bekommen, was er gern hätte. Dem Peter kam alles durcheinander in seinen Gedanken.

"Ja, ja, es ist mir Ernst", sagte die Großmama. "Du sollst etwas haben, das dich freut, zur Erinnerung an die Leute von Frankfurt und zum Zeichen, dass sie nicht mehr daran denken, dass du etwas Unrechtes getan hast. Verstehst du's nun, Junge?"

Allmählich dämmerte es Peter, dass er keine Strafe mehr zu befürchten habe und dass die gute Frau, die vor ihm saß, ihn aus der Gewalt des Polizeidieners errettet hatte. Jetzt empfand er eine Erleichterung, als fiele ein Berg von ihm ab, der ihn fast zusammengedrückt hatte. Aber nun hatte er auch begriffen, dass es besser ist, wenn man zugibt, was man falsch gemacht hat, und auf einmal sagte er:

"Und das Papier hab ich auch verloren."

Die Großmama musste sich ein wenig besinnen, aber den Zusammenhang verstand sie schnell, und sie sagte freundlich: "So, so, es ist recht, dass du's sagst! Immer gleich bekennen, was nicht recht ist; dann kommt's wieder in Ordnung. Und jetzt, was hättest du gern?"

Nun konnte Peter auf der Welt wünschen, was er nur wollte. Es wurde ihm fast schwindelig. Der ganze Jahrmarkt von Maienfeld flimmerte vor seinen Augen mit all den schönen Sachen, die er oft stundenlang angestaunt und für immer unerreichbar gehalten hatte; denn Peter hatte noch nie mehr besessen als einen Fünfer und alle Dinge, die er gerne gehabt hätte, kosteten immer mindestens das Doppelte. Da waren die schönen roten Pfeifchen, die er so gut für seine Ziegen brauchen konnte. Da waren die verlockenden Messer mit runden Heften, Krötenstecher genannt, mit denen man in allen Haselrutenhecken die besten Ruten schneiden konnte.

Tiefsinnig stand Peter da, denn er überlegte, was von den Zweien er sich denn nun wünschen sollte, aber er konnte sich nicht entscheiden. Aber jetzt kam ihm die Erleuchtung; so konnte er sich noch bis zum nächsten Jahrmarkt besinnen.

"Einen Zehner", antwortete Peter jetzt entschlossen.

Die Großmama lachte ein wenig.

"Das ist nicht übertrieben. So komm her!" Sie zog jetzt ihren Beutel heraus und nahm einen großen, runden Taler heraus; darauf legte sie noch zwei Zehnerstückchen.

"So, wir wollen gerade Rechnung machen", fuhr sie fort; "das will ich dir erklären. Hier hast du nun gerade so viele Zehner, als Wochen im Jahre sind! So kannst du jeden Sonntag einen Zehner hervor nehmen und verbrauchen, das ganze Jahr durch."

"Mein ganzes Leben lang?" fragte Peter ganz harmlos.

Jetzt musste die Großmama so sehr lachen, dass die Herren drüben ihr Gespräch unterbrechen mussten, um zu hören, was da vorgehe.

Die Großmama lachte immer noch.

"Das sollst du haben, Junge, das gibt einen Absatz in meinem Testament, hörst du, mein Sohn? Und nachher geht er in das deinige über, also: Dem Ziegenpeter einen Zehner wöchentlich, solange er am Leben ist."

Herr Sesemann nickte zustimmend und lachte auch darüber.

Peter schaute noch einmal auf das Geschenk in seiner Hand, ob es auch wirklich wahr sei. Dann sagte er: "Vergelts Gott!" Und nun rannte er davon in ganz merkwürdigen Sprüngen, aber diesmal blieb er doch auf den Füßen, denn jetzt trieb ihn nicht der Schrecken davon, sondern eine Freude, wie Peter sie noch nie in seinem Leben erlebt hatte. Alle Angst und Schrecken waren vergangen, und jede Woche hatte er einen Zehner zu erwarten sein Leben lang.

Als später die Gesellschaft vor der Almhütte das fröhliche Mittagessen beendet hatte und nun noch in allerlei Gesprächen zusammen saß, da nahm Klara ihren Vater, der vor Freude strahlte und jedes Mal, wenn er sie wieder anschaute, noch ein wenig glücklicher aussah, bei der Hand und sagte mit einer Lebhaftigkeit, die man nie an der matten Klara gekannt hatte:

"O Papa, wenn du nur wüsstest, was der Großvater alles für mich getan hat! So viel alle Tage, dass man es gar nicht alles erzählen kann, aber ich vergesse es in meinem ganzen Leben nicht. Und immer denke ich, wenn ich nur dem lieben Großvater auch etwas tun könnte oder etwas schenken, das ihm so recht Freude machen würde, auch nur halb soviel, wie er mir Freude gemacht hat."

"Das ist ja auch mein größter Wunsch, liebes Kind", sagte der Vater. "Ich denke auch schon die ganze Zeit darüber nach, wie wir unserem Wohltäter unseren Dank auch nur einigermaßen zeigen könnten."

Herr Sesemann stand jetzt auf und ging zum Großvater hinüber, der neben der Großmama saß und sich ausnehmend gut mit ihr unterhalten hatte. Er stand aber jetzt auch auf. Herr Sesemann ergriff seine Hand und sagte in der freundschaftlichsten Weise: "Mein lieber Freund, lassen Sie uns ein Wort zusammen sprechen! Sie werden es verstehen, wenn ich Ihnen sage, dass ich seit langen Jahren keine rechte Freude mehr kannte. Was war all mein Geld und Gut wert, wenn ich mein armes Kind anblickte, das ich mit keinem Reichtum gesund und glücklich machen konnte? Sie haben mir mit Gottes Hilfe das Kind gesund gemacht und sowohl mir, als auch Klara, damit ein neues Leben geschenkt. Nun sagen Sie, womit kann ich Ihnen meine Dankbarkeit zeigen? Wirklich gut machen kann ich nie, was Sie für uns getan haben, aber was ich kann, das möchte ich auch für Sie tun. Sprechen Sie, mein Freund, was darf ich tun?"

Der Großvater hatte still zugehört und den glücklichen Vater mit vergnügtem Lächeln angeblickt.

"Herr Sesemann, Sie können mir wohl glauben, dass ich meinen Teil an der großen Freude über die Genesung auf unserer Alm habe; meine Mühe ist mir allein schon dadurch vergolten", sagte jetzt der Großvater in seiner festen Weise. "Für das großzügige Angebot danke ich Herrn Sesemann, ich habe nichts nötig. Solange ich lebe, habe ich für das Kind und für mich genug. Aber einen Wunsch hätte ich; wenn mir der erfüllt werden könnte, so hätte ich für dieses Leben keine Sorge mehr."

"Sprechen Sie, sprechen Sie, mein lieber Freund!" drängte Herr Sesemann.

"Ich bin alt", fuhr der Großvater fort, "und werde wohl nicht mehr sehr lange leben. Wenn ich sterbe, kann ich dem Kind nichts hinterlassen, und Verwandte hat es keine mehr; nur eine einzige Person, die würde sicher gerne noch von Heidi profitieren. Wenn mir der Herr Sesemann die Zusicherung geben könnte, dass Heidi nie in ihrem Leben hinaus muss, um ihr Brot unter den Fremden zu suchen, dann hätte er mir reichlich zurückgegeben, was ich für ihn und sein Kind tun konnte."

"Aber, mein lieber Freund, davon kann doch gar keine Rede sein", brach Herr Sesemann nun aus. "Das Kind gehört doch auch zu uns. Fragen Sie meine Mutter, meine Tochter; Heidi werden Sie in ihrem Leben nicht der Sorge anderer Leute überlassen! Aber hier, wenn es Ihnen eine Beruhigung ist, mein Freund, hier meine Hand darauf. Ich verspreche Ihnen: Nie in seinem Leben soll dieses Kind hinaus, um unter fremden Menschen sein Brot zu verdienen; dafür will ich sorgen, auch über meine Lebenszeit hinaus. Nun aber will ich noch etwas sagen. Heidi ist nicht für ein Leben in der Fremde gemacht, egal unter welchen Umständen; das haben wir ja erlebt. Aber Heidi hat sich Freunde gemacht. Einen Freund kenne ich, der ist noch in Frankfurt; da erledigt er noch seine letzten Geschäfte, um dann nachher dahin zu gehen, wo es ihm gefällt, und sich da zur Ruhe zu setzen. Das ist mein Freund, der Doktor, der noch diesen Herbst hier ankommen wird und, Sie um Ihren Rat fragen will, weil er sich in dieser Gegend niederlassen will. Denn er hat sich in Ihrer und Heidis Gesellschaft so wohl gefühlt wie sonst nirgends mehr. So sehen Sie, Heidi wird dann zwei Beschützer in ihrer Nähe haben. Mögen ihm beide miteinander noch recht lange erhalten bleiben!"

"Das gebe der liebe Gott!" fiel hier die Großmama ein, und schüttelte dem Großvater eine ganze Weile mit großer Herzlichkeit die Hand. Dann fasste sie auf einmal Heidi, die neben ihr stand um den Hals, und zog sie zu sich heran.

"Und du, meine liebe Heidi, dich muss man doch auch noch fragen. Komm, sag mir mal: Hast du denn nicht auch einen Wunsch, den du gern erfüllt hättest?"

"Ja freilich, das hab ich schon", antwortete Heidi und blickte sehr erfreut zu der Großmama auf.

"So, das ist recht, so komm heraus damit", ermunterte diese. "Was hättest du denn gern, Kind?"

"Ich hätte gern mein Bett aus Frankfurt mit den drei hohen Kissen und der dicken Decke, dann muss die Großmutter nicht mehr mit dem Kopf bergab liegen so dass sie fast nicht atmen kann, und sie hat warm genug unter der Decke und muss nicht immer mit dem Schal ins Bett gehen, weil sie sonst furchtbar friert."

Heidi hatte vor Eifer alles in einem Atemzuge gesagt, damit ihr Wunsch erfüllt würde.

"Meine liebe Heidi, was sagst du mir da!" rief die Großmama erregt aus. "Das ist gut, dass du mich erinnerst. In der Freude vergisst man leicht, woran man zuallererst hätte denken sollen. Wenn uns der liebe Gott etwas Gutes schickt, müssten wir doch gleich an diejenigen denken, die so viel entbehren! Jetzt wird auf der Stelle nach Frankfurt telegrafiert! Noch heute soll Fräulein Rottenmeier das Bett zusammenpacken, in zwei Tagen kann es hier sein. Und dann soll die Großmutter darin gut schlafen!"

Heidi hüpfte vor Freude rings um die Großmama herum. Aber auf einmal stand sie still und sagte eilig: "Nun muss ich aber ganz schnell zur Großmutter hinunter; sie hat immer Angst, wenn ich so lang nicht mehr komme."

Denn nun konnte Heidi es nicht mehr erwarten, der Großmutter die Freudenbotschaft zu bringen, zumal sie sich daran erinnerte, dass die Großmutter bei Heidis letztem Besuch große Angst gehabt hatte.

"Nein, nein, Heidi, bleib hier!" ermahnte der Großvater. "Wenn man Besuch hat, läuft man nicht mit einemmal auf und davon."

Aber die Großmama unterstützte Heidi.

"Mein lieber Großvater, das Kind hat so unrecht nicht", sagte sie. "Die arme Großmutter ist wegen meines Besuches auch seit langem viel zu kurz gekommen. Nun wollen wir gleich alle miteinander zu ihr gehen, und ich denke, dort warte ich mein Pferd ab, und wir setzen dann unseren Weg weiter fort, und unten im Dorf wird sogleich das Telegramm nach Frankfurt aufgegeben. Mein Sohn, was meinst du dazu?"

Herr Sesemann hatte bis jetzt noch keine Zeit gehabt, über seine Reisepläne zu sprechen. Er bat daher seine Mutter noch einen Augenblick zu warten, bis er über seine weiteren Pläne gesprochen hätte.

Herr Sesemann hatte sich vorgenommen, mit seiner Mutter eine kleine Reise durch die Schweiz zu machen und erst zu sehen, ob sein Klärchen imstande sei, eine kurze Strecke mitzureisen Da es Klara aber jetzt so gut gehe, glaubte Herr Sesemann, dass sie die gesamte Reise mitmachen könne. Und er wollte damit auch nicht mehr länger warten, sondern die schönen Spätsommertage nutzen. Daher schlug er vor, diese Nacht im Dorf zu leiben, morgen Klara von der Alm abzuholen und mit ihr zur Großmutter nach Bad Ragaz zu fahren und von dort weiter zu reisen.

Klara war ein wenig traurig über die plötzliche Abreise von der Alp, aber es war ja andererseits so viel Freude mit der Reise verbunden, und überdies war da gar keine Zeit, sich dem Bedauern hinzugeben.

Schon war die Großmama aufgestanden und hatte Heidis Hand erfasst, um den Zug anzuführen. Jetzt kehrte sie sich plötzlich um.

"Aber was in aller Welt machen wir nun mit Klärchen?" rief sie erschrocken aus, denn es war ihr in den Sinn gekommen, dass der Weg doch viel zu weit für sie sein würde.

Aber schon hatte in gewohnter Weise der Großvater seine kleine Pflegetochter auf den Arm genommen und folgte mit festem Schritt der Großmama nach. Zuletzt kam Herr Sesemann, und so ging die Gruppe weiter den Berg hinunter.

Heidi musste immerfort aufhüpfen vor Freude an der Seite der Großmama, und diese wollte nun alles wissen von der Großmutter, wie sie lebe und wie alles bei ihr zugehe, besonders im Winter bei der großen Kälte da droben.

Heidi berichtete über alles ganz genau, denn sie wusste genau, wie da alles zuging und wie dann die Großmutter zusammengeduckt in ihrem Winkelchen saß und zitterte vor Kälte. Heidi wusste auch gut, was sie dann zu essen hatte, und auch, was sie nicht hatte.

Bis zur Hütte hinunter hörte die Großmama sehr aufmerksam Heidis Berichten zu.

Die Brigitte war eben dabei, Peters zweites Hemd an die Sonne zu hängen, damit, wenn das eine wieder genug getragen war, das andere angezogen werden konnte. Sie erblickte die Gesellschaft und stürzte in die Stube hinein.

"Jetzt grad geht alles fort, Mutter", berichtete sie. "Es ist ein ganzer Zug; der Großvater begleitet sie, er trägt das kranke Mädchen."

"Ach, muss es denn wirklich sein?" seufzte die Großmutter. "So nehmen sie Heidi mit, das hast du gesehen? Ach, wenn sie mir nur auch noch die Hand geben dürfte! Wenn ich Heidi nur auch noch einmal hörte!"

Jetzt wurde stürmisch die Tür aufgemacht, und Heidi war in wenigen Sprüngen in der Ecke bei der Großmutter und umklammerte sie.

"Großmutter! Großmutter! Mein Bett kommt aus Frankfurt und alle drei Kissen und auch die dicke Decke; in zwei Tagen ist es da, das hat die Großmama gesagt."

Heidi konnte gar nicht schnell genug ihren Bericht herausbringen, denn sie konnte die ungeheure Freude der Großmutter fast nicht abwarten. Sie lächelte, aber ein wenig traurig sagte sie:

"Ach, was muss das für eine gute Frau sein! Ich sollte mich nur freuen, dass sie dich mitnimmt, Heidi, aber ich kann es nicht lang überleben."

"Was? Was? Wer sagt denn der guten alten Großmutter so etwas?" fragte hier eine freundliche Stimme, und die Hand der Alten wurde dabei erfasst und herzlich gedrückt, denn die Großmama war hinzugetreten und hatte alles gehört. "Nein, nein, davon ist keine Rede! Heidi bleibt bei der Großmutter und macht ihre Freude aus. Wir wollen das Kind auch wieder sehen, aber wir kommen zu ihm. Jedes Jahr werden wir nach der Alm hinaufkommen, denn wir haben Grund genug, an dieser Stelle dem lieben Gott alljährlich unseren besonderen Dank zu sagen, wo er ein solches Wunder an unserem Kinde getan hat."

Jetzt kam der echte Freudenschein auf das Gesicht der Großmutter, und mit wortlosem Dank drückte sie lange die Hand der guten Frau Sesemann, während ihr vor lauter Freude ein paar große Tränen die alten Wangen herab glitten. Heidi hatte den Freudenschein auf dem Gesichte der Großmutter gleich gesehen und war jetzt ganz glücklich.

"Gell, Großmutter", sagte Heidi während sie sich an sie schmiegte, "jetzt ist es so gekommen, wie ich dir zuletzt gelesen habe? Gell, das Bett aus Frankfurt wird sicher gut tun?"

"Ach ja, Heidi, und noch so vieles, so viel Gutes, das der liebe Gott an mir tut!" sagte die Großmutter mit tiefer Rührung. "Wie ist es nur möglich, dass es so gute Menschen gibt, die sich um eine arme Alte bekümmern und so viel an ihr tun! Es gibt nichts, das einem den Glauben an einen guten Vater im Himmel so stärken kann, der auch sein Geringstes nicht vergessen will, wie so etwas zu erfahren, dass es solche Menschen gibt voll Güte und Barmherzigkeit für eine arme, alte Frau, wie ich eine bin."

"Meine gute Großmutter", fiel hier Frau Sesemann ein, "vor unserem Herrn im Himmel sind wir alle gleich armselig, und alle haben wir es gleich nötig, dass er uns nicht vergesse. Und nun nehmen wir Abschied, aber auf Wiedersehen, denn sobald wir nächstes Jahr wieder nach der Alm kommen, suchen wir auch die Großmutter wieder auf; die wird nie mehr vergessen!" Damit erfasste Frau Sesemann noch einmal die Hand der Alten und schüttelte sie.

Aber sie kam nicht so schnell fort, wie sie meinte, denn die Großmutter konnte nicht aufhören zu danken, und alles Gute, das der liebe Gott in seiner Hand habe, wünschte sie auf ihre Wohltäterin und deren ganzes Haus herab.

Jetzt zog Herr Sesemann mit seiner Mutter talabwärts, während der Großvater Klara noch einmal mit nach Hause trug und Heidi, den ganzen Weg neben ihnen her hüpfte, denn Heidi war so froh über die Aussicht der Großmutter, dass sie mit jedem Schritt einen Sprung machen musste.

Am Morgen darauf aber gab es heiße Tränen als Klara von der schönen Alm Abschied nehmen musste, wo es ihr so gut gegangen war wie noch nie in ihrem Leben. Aber Heidi tröstete sie und sagte:

"Es ist bald wieder Sommer, und dann kommst du wieder, und dann ist's noch viel schöner. Dann kannst du von Anfang an gehen, und wir können alle Tage mit den Ziegen auf die Weide gehen und zu den Blumen hinauf, und alles Lustige geht von vorn an."

Herr Sesemann war wie verabredet gekommen, um seine Tochter abzuholen. Er stand jetzt drüben beim Großvater, die Männer hatten noch allerlei zu besprechen. Klara wischte nun ihre Tränen weg, Heidis Worte hatten sie ein wenig getröstet.

"Ich lasse auch den Peter noch grüßen", sagte sie wieder, "und alle Ziegen, besonders das Schwänli. Oh, wenn ich nur dem Schwänli ein Geschenk machen könnte; es hat so viel dazu geholfen, dass ich gesund geworden bin."

"Das kannst du schon ganz gut", versicherte Heidi. "Schick ihm nur ein wenig Salz, du weißt schon, wie gern es am Abend das Salz aus der Hand des Großvaters schleckt."

Der Rat gefiel Klara gut.

"Oh, dann will ich ihm sicher hundert Pfund Salz aus Frankfurt schicken", rief sie erfreut aus, "es muss auch ein Andenken an mich haben."

Jetzt winkte Herr Sesemann den Kindern, denn er wollte abreisen. Diesmal war das weiße Pferd der Großmama für Klara gekommen, und jetzt konnte sie herunter reiten, sie brauchte keinen Tragsessel mehr.

Heidi stellte sich auf den äußersten Rand des Abhanges hinaus und winkte Klara nach, bis das letzte Restchen von Ross und Reiterin geschwunden war.

Das Bett ist angekommen, und die Großmutter schläft jetzt so gut jede Nacht, dass sie sicher dadurch zu ganz neuen Kräften kommt. Den harten Winter auf der Alp hat die gute Großmama auch nicht vergessen. Sie hat ein großes Paket zur Ziegenpeter-Hütte geschickt. Darin war so viel warmes Zeug verpackt, dass die Großmutter sich ganz damit einhüllen kann und sicher nie mehr vor Kälte zitternd in ihrer Ecke sitzen muss.

Im Dörfli ist ein großer Bau im Gange. Der Herr Doktor ist angekommen und hat vorerst sein altes Quartier bezogen. Auf den Rat seines Freundes hin hat der Herr Doktor das alte Gebäude gekauft, das der Großvater im Winter mit Heidi bewohnt hatte und das ja schon einmal ein großer Herrensitz gewesen war, was man immer noch an der hohen Stube mit dem schönen Ofen und dem kunstreichen Getäfel sehen konnte. Diesen Teil des Hauses lässt der Herr Doktor als seine eigene Wohnung aufbauen. Die andere Seite wird als Winterquartier für den Großvater und Heidi hergestellt, denn der Herr Doktor kennt den Alten als einen unabhängigen Mann, der seine eigene Behausung haben muss. Dahinter wird ein fest gemauerter, warmer Ziegenstall eingerichtet, da werden Schwänli und Bärli in sehr behaglicher Weise ihre Wintertage zubringen.

Der Herr Doktor und der Großvater werden täglich bessere Freunde, und wenn sie zusammen auf dem Gemäuer herum steigen, um den Fortgang des Baues zu besichtigen, sind ihre Gedanken meistens bei Heidi, denn beide freuen sich am meisten darauf, dass sie mit ihrem fröhlichen Kinde hier einziehen werden.

"Mein lieber Freund", sagte kürzlich der Herr Doktor, mit dem Großvater oben auf der Mauer stehend, "Sie müssen die Sache ansehen wie ich. Ich teile alle Freude an dem Kinde mit Ihnen, als wäre ich der nächste nach Ihnen, zu dem das Kind gehört; ich will aber auch alle Verpflichtungen teilen und nach bester Einsicht für das Kind sorgen. So habe ich auch meine Rechte an unserer Heidi und kann hoffen, dass sie mich in meinen alten Tagen pflegt und bei mir bleibt, was mein größter Wunsch ist. Heidi soll alle Rechte wie mein eigenes Kind erhalten; so können wir sie ohne Sorge zurücklassen, wenn wir einmal von ihr gehen müssen, Sie und ich."

Der Großvater drückte dem Herrn Doktor lange die Hand. Er sagte kein Wort, aber sein guter Freund konnte in den Augen des Alten die Rührung und große Freude lesen, die seine Worte erweckt hatten.

Zu diesem Zeitpunkt saßen Heidi und Peter bei der Großmutter, und Heidi hatte so viel zu tun mit Erzählen und Peter mit Zuhören, dass sie alle beide kaum zu Atem kommen konnten und vor Eifer immer näher zur glückliche Großmutter hin rutschten

Wie viel war ihr auch zu berichten von alle dem, was sich den ganzen Sommer über ereignet hatte, denn man war ja so wenig zusammengekommen während dieser Zeit.

Und von den dreien sah immer einer glücklicher aus als der andere über das neue Zusammensein und über alle die wunderbaren Ereignisse. Am glücklichsten aber wirkte Brigitte, denn mit Heidis Hilfe war nun zum ersten Mal klar und verständlich die Geschichte des unaufhörlichen Zehners herausgekommen. Zuletzt aber sagte die Großmutter:

"Heidi, lies mir ein Lob- und Danklied! Es ist mir, als könne ich nur noch loben und preisen und unserem Gott im Himmel Dank sagen für alles, was er an uns getan hat."

Der Klassiker HEIDI KANN BRAUCHEN, WAS ES GELERNT HAT von Johanna Spyri (1827-1901) wurde von Andrea Weber-Tramp für den Lesekorb nacherzählt.


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