LABBÉ - 100% Kreativität

Lesekorb - Das Web-Magazin für Kinder

Eine Lehre für Jo

Am Samstagnachmittag waren Meg und Jo gerade dabei, sich hübsch zu machen, als Amy das Zimmer betrat.

"Wo geht ihr hin?", wollte Amy wissen.

"Das geht kleine Mädchen nichts an!", knurrte Jo unfreundlich zurück.

Damit war Amys Neugier erst recht geweckt. Sie wandte sich an Meg, die ihr selten etwas verweigerte: "Sag mir bitte, wo ihr hingeht! Ich möchte mitgehen. Betty ist schon wieder Klavier spielen gegangen und ich langweile mich alleine."

"Das geht nicht, Liebes. Denn du bist nicht eingeladen…"

"Meg, sei still! Du verrätst noch alles", unterbrach Jo vehement.

"Ihr geht bestimmt mit Laurie. Etwas ins Theater, um "Die sieben Burgen" zu sehen? Mutter hat mir erlaubt dieses Stück anzusehen."

"Mutter meint, du sollst erst deine Erkältung auskurieren. Hanna geht nächste Woche mir dir und Betty", versuchte Meg ihre kleine Schwester zu beruhigen.

"Ich will aber lieber mit euch gehen. Ich bin auch ganz artig."

"Auf keinen Fall", rief Jo empört. "Laurie hat nur uns beide eingeladen." Sie hatte sich so sehr auf den Ausflug gefreut und keinerlei Lust, auf Amy aufzupassen.

Als Jo merkte, dass Meg weich wurde rief sie: "Wenn du Amy mitnimmst, dann bleibe ich zu Hause. Und wenn ich nicht dabei bin, hat Laurie keinen Spaß."

Amy setzte sich auf den Boden und begann zornig zu heulen. Meg wollte sie gerade trösten, als sie Lauries Stimme hörten. "Wo bleibt ihr? Wir müssen los!"

Jo und Meg liefen die Treppen hinab und ließen Amy heulend zurück. In ihrer Wut vergaß sie ihre guten Manieren, beugte sich über das Treppengeländer und brüllte: "Das wird dir noch Leid tun, Jo March!"

Das Theaterstück war brillant uns sehr komisch, dennoch ging Jo Amys Drohung nicht aus dem Kopf. Als die Mädchen zurückkehrten, fanden sie Amy lesend im Wohnzimmer. Sie sagte kein Wort, obwohl sie sicherlich beinahe vor Neugierde geplatzt wäre.

Nachdem sie Betty alles erzählt hatten, ging Jo in ihr Zimmer. Alles schien in Ordnung zu sein. Sie konnte keine verdächtigen Spuren erkennen und dachte erleichtert, dass Amy vielleicht eingesehen hatte, dass ihr Auftritt albern war.

Doch am nächsten Tag kam Jo ein fürchterlicher Verdacht. In heller Aufregung kam sie ins Wohnzimmer gerannt. "Hat jemand mein Buch genommen?"

"Nein", antworteten Meg und Betty wie aus einem Mund.

Amy stierte ins Kaminfeuer und sagte nichts. Doch die Röte, die ihr ins Gesicht schoss, verriet sie.

"Amy, du hast es", kreischte Jo, stürzte auf Amy zu, packte sie bei den Schultern und schüttelte sie.

"Nein, ich habe es nicht gesehen."

"Das ist eine Lüge! Du hast etwas mit seinem Verschwinden zu tun. Ich bringe dich schon zum Reden."

"Du kannst mir drohen, wie du willst. Dein dummes, altes Buch wirst du nie wieder sehen!", schrie Amy trotzig.

"Was hast du getan?" Jo sah Amy entsetzt an.

"Ich habe es verbrannt!"

"Was? Mein Buch, an dem ich so lange geschrieben habe. Alle meine schönen Geschichten. Ich habe sie gerade erst fein säuberlich hier hineingeschrieben und die Originalmanuskripte weggeworfen. Du hast die Arbeit von ein paar Jahren zerstört. Du fieses Miststück. Das werde ich dir nie verzeihen."

Meg und Betty waren aufgesprungen. Meg versuchte, Amy zu schützen, während Betty ihr Bestes gab, um Jo zurückzuhalten. Doch Jo schubste Betty unsanft zur Seite und stürmte unter Wutgebrüll auf den Dachboden.

Kurz darauf kam Mrs March nach Hause. Sie spürte sofort die dicke Luft und Meg erzähle ihr, was vorgefallen war. Mrs March redete ein ernstes Wort mit Amy und machte ihr klar, was sie ihrer Schwester angetan hatte. Das Buch war Jos ganzer Stolz.

Mrs March sah ernsthaft betrübt aus. Betty, die Jos Talent zum Geschichtenerzählen absolut bewunderte, war untröstlich und sogar Meg weigerte sich diesmal, ihren Schützling Amy zu verteidigen. Amy fühlte sich von der ganzen Welt allein gelassen.

Als es Zeit zum Abendessen war, erschien Jo mit solch grimmiger Miene, dass es Amys ganzen Mut kostete, sie anzusprechen. "Jo, bitte vergib mir. Es tut mir unendlich Leid."

"Das kann ich dir nie vergeben", fauchte Jo und ignorierte Amy die restliche Zeit des Abendessens.

Auch am nächsten Tag war die Verstimmung noch zu spüren und alle hatten schlechte Laune, als sie nach Hause kamen.

"Ihr seid alle so übel gelaunt. Ich frage jetzt Laurie, ob er mit mir Schlittschuhlaufen geht", verkündete Jo, schnappte ihre Schlittschuhe und rauschte zur Tür hinaus.

"Seht ihr!", beschwerte sich Amy. "Sie hat mir versprochen, sie würden mich das nächste Mal mit zum Schlittschuhlaufen nehmen. Lange hält das Eis nicht mehr. Aber so ist es immer, ich bin ihr ganz egal."

"Sag das nicht, das stimmt nicht. Aber den Vorfall von gestern kann Jo dir eben nicht so schnell verzeihen", meinte Meg. "Vielleicht ist sie wieder versöhnlicher, wenn sie sich mit Laurie ausgetobt hat. Du kannst ihr ja nachgehen, und wenn sie erst einmal lacht, gehst du zu ihr und sagst ihr, wie gern du sie hast."

"Das probier ich."

Als Amy am Fluss ankam, hatten Laurie und Jo bereits ihre Schlittschuhe an. Jo entdeckte Amy zwar noch am Ufer, doch sie drehte ihr den Rücken zu und eile Laurie hinterher. Ihre Wut war noch immer nicht verraucht.

"Bleib nah am Ufer! In der Mitte ist es nicht mehr sicher", schrie Laurie gegen den eisigen Wind. Als sie sich für das Rennen bereit machen, sah Jo, wie Amy unsicher auf das dünnere Eis in der Mitte des Flusses zusteuerte. Für einen Moment blieb ihr das Herz stehen, doch dann gab Laurie das Startzeichen und Jo drehte sich weg. Aber ein ungutes Gefühl stoppte sie und sie sah sich um. Genau in der Sekunde gab das Eis unter Amy nach und sie brach ein. Das Wasser spritzte in die Höhe und Amy schrie laut auf. Ihre Arme ruderten panisch in der Luft.

Jo, war wie gelähmt. Laurie schoss an ihr vorbei und schrie: "Schnell einen dicken Ast!"

Jo befolgte wie eine Maschine Lauries Anweisungen und gemeinsam zogen sie Amy, auf dem Bauch liegend, aus dem eiskalten Wasser. Mit der schlotternden, heulenden Amy in der Mitte, liefen sie, so schnell es ging zum Haus der Marchs.

"Bist du sicher, dass ihr nichts fehlt?", fragte Jo ihre Mutter. Sie sah reumütig auf Amys blonden Lockenkopf und musste pausenlos daran denken, dass sie durch ihre Sturheit beinahe ihre kleine Schwester verloren hätte.

"Amy ist nicht verletzt. Ihr habt schnell und umsichtig reagiert", beruhigte Mrs March.

"Es ist alles meine Schuld. Durch meinen Jähzorn habe ich es erst so weit kommen. Ach, Mutter, ich habe Angst, dass eines Tages noch etwas viel Schlimmeres passiert", schluchzte Jo.

"Ich helfe dir. Und jetzt hör auf zu weinen. Wir haben alle unsere Fehler. Ich war früher genau, wie du. Mit den Jahren habe ich gelernt meinen Jähzorn zu kontrollieren."

"Du?", Jo war völlig erstaunt. Die Tatsache, dass auch ihre Mutter mit einem aufbrausenden Temperament zu kämpfen hatte, gab Jo neuen Mut.

Jo schloss ihre Mutter in die Arme und dann beteten sie zusammen. Bevor Jo ins Bett ging, schlich sie ins Zimmer von Amy und Betty und legte sich kurz zu Amy ins Bett. Sie streichelte ihr über den blonden Lockenkopf und flüsterte:

"Amy, ich habe einen fürchterlichen Fehler gemacht. Nur Laurie ist es zu verdanken, dass du noch bei uns bist. Ich bin so froh."

Als ob sie es gehört hätte, drehte sich Amy im Schlaf um. Sie öffnete die Augen und strahlte Jo an. Ohne ein Wort zu sagen, umarmten sich beide, drückten einander innig und blieben fast die ganze Nacht so liegen.

Der Klassiker BETTY UND IHRE SCHWESTERN von Louisa May Alcott (1832-1888) wurde von Gabi Müller für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Jessie Willcox Smith (1863-1935) hergestellt.


Seiten URL:
http://www.labbe.de/lesekorb/index.asp?themaid=125&titelid=1589



Copyright © 2020 LABBÉ GmbH, D-50126 Bergheim