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Lesekorb - Das Web-Magazin für Kinder

Geheimnisse

Inzwischen war es Oktober. Die wärmende Sonne ließ sich nur noch ein paar Stunden am Tag blicken.

Jo war sehr beschäftigt und verkroch sich fast jeden Tag auf dem Dachboden. Auf dem alten Sofa unter dem Dachfenster genoss sie die letzten Sonnenstrahlen und kritzelte eifrig in ein leeres Buch, das sie selbst gebunden hatte. Mit einem zufriedenen Seufzen setzte sie schließlich schwungvoll ihren Namen unter die letzte Zeile.

"Fertig! Ich habe mein Bestes gegeben. Und wenn es diesmal nicht klappt, muss ich eben warten, bis ich es besser kann."

Konzentriert las Jo noch einmal jede Seite ihres Manuskriptes und verbesserte ein paar Fehler. Dann umwickelte sie es mit einem roten Band und betrachtete es voller Stolz. Sie schlich die Treppen hinunter und zog so geräuschlos wie möglich ihren Mantel an. Dann schlich sie sich nach draußen und ging zur nächsten Haltestelle der öffentlichen Pferdekutschen. Jo bezahlte den Kutscher und fuhr zum ersten Mal in ihrem Leben alleine in die Stadt.

Dort angekommen eilte sie mit großen Schritten durch die belebten Straßen, bis sie das gesuchte Haus fand. Am Eingang hingen viele Schilder unter anderem ein auffälliges Reklameschild eines Zahnarztes. Jo straffte die Schultern und betrat das Haus, doch an der Treppe drehte sie plötzlich um. Wenig später unternahm sie einen erneuten Anlauf.

Der junge Mann, der Jo aus dem gegenüberliegenden Haus beobachtete, schmunzelte. "Das sieht ihr wieder ähnlich, dass sie alleine hierher kommt. Aber hinterher ist sie sicher froh, wenn sie jemand nach Hause begleitet."

Als Jo zehn Minuten später mit hochrotem Kopf aus dem Eingang stürzte, war sie alles andere als erfreut, den jungen Gentleman zu sehen. Sie grüßte ihn kurz und wollte davoneilen. Doch er folgte ihr beharrlich.

"War es schlimm? Du bist aber schnell drangekommen!"

"Gott sei dank."

"Warum bist du alleine hergekommen?"

"Ich wollte nicht, dass es jemand weiß."

"Du bist das seltsamste Mädchen, das ich kenne. Wie viele hat er dir gezogen?"

Jo sah Laurie einen Moment lang verdutzt an und brach dann in schallendes Gelächter aus.

"Nein, mit meinen Zähnen ist alles in Ordnung. Aber was machst du im Billardsalon?"

"Entschuldigen Sie, werte Dame. Das ist kein Billardsalon, sondern eine Turnhalle, ich hatte eine Lektion im Fechten. Wollen wir zusammen nach Hause laufen? Dann erzähle ich dir ein Geheimnis, allerdings nur, wenn du mir deines verrätst."

"Ich habe kein…", begann Jo und stoppte abrupt, als ihr einfiel, dass sie seit heute doch ein Geheimnis besaß.

"Ich weiß, dass du eins hast. Vor mir kannst du nichts verbergen. Also erzähl schon, sonst werde ich den ganzen Heimweg schweigen."

"Du darfst es aber niemandem verraten."

"Versprochen!"

"Ich habe zwei meiner Geschichten bei der Zeitung abgegeben, und sie wollen mir nächste Woche Bescheid geben, ob sie sie abdrucken", flüsterte Jo ihrem Freund ins Ohr.

"Hurra! Josephine March, Amerikas berühmte Autorin!", jubelte Laurie, schloss Jo in die Arme und wirbelte sie herum.

Jos Augen glänzten vor Freude. "So, und jetzt erzähl mir dein Geheimnis."

Laurie räusperte sich. "Ich weiß, wo Megs Handschuh ist", sagte er dann bedeutungsvoll.

"Ist das alles?", fragte Jo enttäuscht. Doch Lauries Grinsen verriet ihr, dass hinter der Sache mehr stecken musste.

"Soll ich dir verraten, wo er ist? Das errätst du nie!"

Laurie beugte sich zu Jo hinüber und flüsterte drei Worte in ihr Ohr. Jo blieb stehen und starrte Laurie erstaunt und ziemlich entsetzt an. Dann rief sie entrüstet: "Woher weißt du das?"

"Ich habe ihn gesehen. In seiner Westentasche. Ist das nicht romantisch?"

"Nein, es ist grauenhaft und lächerlich. Was wird Meg bloß dazu sagen?"

"Wehe, du erzählst es ihr! Du hast versprochen, das Geheimnis für dich zu behalten!"

"Ich verrate es nicht. Aber ich finde es abstoßend und wünschte, du hättest es mir nicht erzählt! Es ist kein schöner Gedanke, dass einer kommt, um uns Meg wegzunehmen."

"Ist es dir lieber, wenn zuerst jemand kommt, um dich mitzunehmen?"

"Das soll erstmal einer versuchen!", kreischte Jo drohend.

"Vielleicht sollte ich es versuchen?", kicherte Laurie.

Um Jo auf andere Gedanken zu bringen, schlug Laurie ein Wettrennen den Hügel hinunter vor. Ihre Haarnadeln lösten sich und als sie unten als Zweite ankam, war ihre Frisur völlig aufgelöst. Laurie machte sich auf die Suche, nach den Nadeln und Jo flocht sich einen Zopf.

In dem Moment kam eine äußerst herausgeputzte Meg in ihrem hübschesten Kleid auf sie zu. Sie stellte Jo zur Rede, dass eine junge Dame keine Wettrenne veranstaltete. Jo reagierte beleidigt. Doch Lauries Geschichte hatte ihr gezeigt, das Meg wirklich erwachsen wurde und dass sie ihre geliebte Schwester bald an einen Mann verlieren könnte. Das machte sie traurig.

Die nächsten zwei Wochen benahm sich Jo so seltsam, dass Meg sich wunderte, was wohl los war. Jo sprintete zur Tür, wenn der Postbote klingelte, war unhöflich zu Mr Brooke und sah Meg oft lange mit einem merkwürdigen Blick an. Sie zankte sich mit ihr wegen jeder Kleinigkeit, um dann plötzlich aufzuspringen und sie in den Arm zu nehmen.

Eines Samstags saß Meg nähend am Fenster und betrachtete, wie Jo und Laurie im Garten herumtobten. Sie spielten fangen und als Laurie sie schließlich erreicht hatte, kitzelte er sie. Meg konnte nichts sehen, aber sie hörte lautes Lachen, gefolgt von heimlichtuerischem Geflüster und lautem Rascheln von Zeitungspapier.

Ein paar Minuten später kam Jo zur Tür hereingehopst, ließ sich aufs Sofa plumpsen und begann interessiert, die Zeitung zu studieren.

"Na, was gibt es Spannendes", fragte Meg herablassend.

"Ach nur so eine Geschichte. Sie heißt die malenden Rivalen", erwiderte Jo belanglos.

"Kling gut. Lies vor! Dann kannst du schon keinen Unfug anstellen", sagte Meg.

Jo räusperte sich, nahm einen tiefen Atemzug und begann zu lesen. Die Mädchen lauschten gespannt. Die Geschichte war sehr romantisch, aber auch sehr traurig, da am Schluss fast alle Helden starben.

"Was für eine wundervolle Geschichte. Wer hat sie geschrieben?", fragte Betty und sah Jo durchdringend an.

Die Vorleserin setzte sich auf, legte die Zeitung beiseite und sagte in feierlichem Ton: "Eure Schwester!"

"Du?", rief Meg und ließ ihr Nähzeug fallen.

"Sie ist ganz wunderbar", lobte Amy.

"Ich wusste es, ich wusste es! Oh Jo, ich bin so stolz auf dich!" Betty rannte zu ihrer Schwester und umarmte sie innig.

Alle freuten sich wahnsinnig für Jo und redeten wild durcheinander. Auch Mrs March und Hanna kamen bei dem Lärm aus der Küche und die Zeitung wanderte von Hand zu Hand. Als sich alle etwas beruhigt hatten, erzählte Jo von ihrem Besuch bei der Zeitungsredaktion. Der Zeitungsmann hatte ihre beiden Geschichten abgenommen und ihr erklärt, dass Anfänger noch kein Geld bekommen würden, aber dafür eine große Chance.

Sie gestand auch, dass Laurie in alles eingeweiht war, weil er sie in der Stadt erwischt hatte. Jo hatte vor Freude Tränen in den Augen. Ihr größter Wunsch war in Erfüllung gegangen. Und es war der erste Schritt auf dem Weg zu ihrem Luftschloss.

Der Klassiker BETTY UND IHRE SCHWESTERN von Louisa May Alcott (1832-1888) wurde von Gabi Müller für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Jessie Willcox Smith (1863-1935) hergestellt.


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