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Amys Testament

Während all dies zu Hause geschah, hatte Amy eine schwere Zeit bei Tante March. Sie fühlte sich einsam, hatte fürchterliches Heimweh und merkte zum ersten Mal in ihrem Leben, wie sehr sie von ihrer Familie verwöhnt und umsorgt wurde.

Tante March hielt wenig davon, Kinder zu verhätscheln, wie sie es nannte. Sie mochte die Mädchen ihres Neffen sehr gerne, doch sie hielt es für ungebracht, dies zu zeigen. Amys gute Manieren gefielen der alten Dame und sie hatte das kleine Mädchen schnell in ihr Herz geschlossen. Nur merkte Amy davon praktisch nichts.

Die alte Dame stellte erleichtert fest, dass Amy nicht so wild und widerspenstig war wie ihre große Schwester, und hielt es für ihre Pflicht wenigstens einem March-Mädchen eine anständige Erziehung zukommen zu lassen.

Amys Tag bestand aus Staub wischen, was bei den vielen Möbeln eine echte Plagerei war, Abspülen, Silber polieren, den dicken Pudel pflegen und ausführen und fleißig lernen. Anschließend wurde das Gelernte peinlich genau abgefragt.

Laurie erschien wie versprochen jeden Tag, und dank seines Scharms schaffte er es, für Amy die Spielstunde immer ein wenig zu verlängern. Ohne Laurie und Esther, dem Dienstmädchen, wäre Amy sicherlich davongelaufen. Aber sie freundete sich mit Esther an und lauschte gespannt ihren Geschichten aus Frankreich und übte mit ihr Französisch.

"Ich wüsste zu gern, was mit all den Schätzen hier passiert, wenn Tante March einmal stirbt", flüsterte Amy eines Nachmittags zu Esther, die neben ihr saß und strickte.

"Du und deine Schwestern werden alles erben", wisperte Esther lächelnd. "Ich weiß es, weil ich als Zeugin ihr Testament unterschrieben habe."

"Ehrlich? Das ist aber nett von ihr. Nur schade, dass sie uns jetzt noch nichts abgibt", meinte Amy.

"Ihr seid noch zu jung. Aber Madame hat erzählt, dass die Erste von euch, die sich verlobt, die Perlen geschenkt bekommt. Und ich habe so eine Vermutung, dass sie dir vielleicht zum Abschied den kleinen Türkisring schenkt, weil sie dein artiges Benehmen sehr schätzt", erzählte Esther lächelnd.

"Glaubst du wirklich? Oh, ich werde mich künftig wie ein Lämmchen benehmen, wenn ich dafür diesen schönen Ring bekomme."

Ab diesem Nachmittag war Amy an Vorbild in gutem Benehmen und eine wahre Musterschülerin. Tante March freute sich darüber sehr und hielt dies für den ersten Erfolg ihrer strengen Erziehungsmethoden.

Das Gespräch mit Esther hatte Amy auf eine Idee gebracht. Sie wollte ihr Testament machen. Wer weiß, wann sie starb, und wie sollten sonst ihre kleinen Kostbarkeiten gerecht verteilt werden? Schließlich wollte Amy auch nach ihrem Tod noch einen guten Eindruck hinterlassen. Esther half Amy dabei, das Testament zu verfassen und unterschrieb als erster Zeuge. Laurie sollte der zweite sein.

Als der am nächsten Tag kam, konnte er sich ein Lächeln nur schwer verkneifen. Als er aber merkte, wie ernst es Amy war, gab er sich Mühe das Testament mit würdevoller Stimme vorzulesen, was ihm bei den vielen Rechschreibfehlern von Amy nicht immer leicht fiel.

Vater sollte ihre besten Bilder sowie ihr gesamtes Bargeld bekommen, Mutter die meisten Kleider und ihr Medaillon. Meg sollte den Ring von Tante March erhalten, falls Amy ihn bis dahin besitzen würde. An alle hatte sie gedacht: Jo, Betty, Laurie, Mr Laurence, Kitty Bryant und Hanna. "Jetzt habe ich alle wertvollen Dinge verteilt und hoffe, dass sich nach meinem Tod niemand beschwärt", las Laurie zu Ende.

"Hier musst du unterschreiben!" Amy deutete auf die Stelle im Dokument und gab Laurie den Stift. Er setzte schwungvoll seinen Namen auf das Papier und gab es Amy zurück.

Der Klassiker BETTY UND IHRE SCHWESTERN von Louisa May Alcott (1832-1888) wurde von Gabi Müller für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Jessie Willcox Smith (1863-1935) hergestellt.


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