LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Schloss Canterville wird gekauft

Mr. Hiram B. Otis, der amerikanische Gesandte, kaufte tatsächlich Schloss Canterville, obwohl ihm jeder gesagt hatte, dass dieses Schloss ohne Zweifel verwünscht sei. Sogar Lord Canterville selbst hatte sich verpflichtet gefühlt, den Amerikaner auf diesen Umstand hinzuweisen, bevor sie den Verkauf abschlossen.

"Wir haben selbst nicht mehr in dem Schloss gewohnt, seit die Herzoginmutter von Bolton - meine Großtante - vor Schreck in Krämpfe verfiel, von denen sie sich nie wieder erholte.", sagte Lord Canterville ehrlich. "Ein Skelett legte ihr beide Hände auf die Schultern, als sie sich gerade ankleidete. Ich fühle mich verpflichtet, Ihnen die ganze Wahrheit zu sagen, Mr. Otis. Der Geist wurde von verschiedenen Mitgliedern der Familie Canterville gesehen. Auch unser Pfarrer Hochwürden August Dampier wurde Zeuge von seiner Anwesenheit. Nach dem Malheur mit der Herzogin wollte keiner der Dienstboten bei uns bleiben und Lady Canterville fand kaum noch Schlaf wegen der unheimlichen Geräusche aus dem Korridor und der Bibliothek."

"Mylord.", begann der Gesandte. "Mylord, ich will das Schloss mit der gesamten Einrichtung und noch den Geist dazu kaufen. Ich komme aus einem Land, in dem man meint, alles mit Geld bezahlen zu können. Wir machen Ihnen die besten Tenöre und Primadonnen abspenstig. Gäbe es wirklich noch ein Gespenst in Europa, so hätten wir es in kürzester Zeit drüben und würden es in einem unserer Museen oder auf dem Jahrmarkt ausstellen."

Lord Canterville lächelte. "Mr. Otis, dieses Gespenst existiert wirklich, selbst wenn es sich bis jetzt Ihren Impresarios gegenüber ablehnend verhalten hat. Seit 1584, also seit drei Jahrhunderten, ist es hier wohlbekannt. Es erscheint regelmäßig, bevor ein Mitglied unserer Familie stirbt." Der amerikanische Gesandte lachte. "Nun, was das anbetrifft, so macht jeder Hausarzt es nicht anders. Ich bitte Sie, Lord Canterville. Es gibt doch gar keine Gespenster und die Gesetze der Natur lassen sich auch nicht zuliebe der britischen Aristokratie aufheben."

Lord Canterville, der die letzte Bemerkung nicht ganz verstanden hatte, schüttelte den Kopf. "Sie sind mir entschieden zu aufgeklärt in Amerika. Und wenn das Gespenst im Haus Sie nicht stört, dann ist ja alles in Ordnung. Vergessen Sie aber nicht, dass ich Sie gewarnt habe!"

Nur wenige Wochen später war der Kauf abgeschlossen und die Familie Otis bezog das Schloss Canterville. Mrs. Otis, die als Miss Lucretia R. Tappan, W. 53-ste Straße, New York, als eine Schönheit gegolten hatte, war jetzt eine hübsche Frau in mittleren Jahren. Sie hatte schöne Augen und ein tadelloses Profil. Sie besaß eine kräftige Konstitution und einen beachtlichen Unternehmungsgeist. Der älteste Sohn der Familie, den die Eltern in einem Anfall von Patriotismus Washington genannt hatten, war ein hübscher, blonder junger Mann. Er mochte seinen Namen nicht, war aber durchaus für den diplomatischen Dienst geeignet, da er im Newport Casino drei Winter lang die Françaisen kommandiert hatte und sogar in London als vorzüglicher Tänzer galt. Seine einzigen Schwächen waren Gardenien und Adelskalender. Im Übrigen war er außerordentlich vernünftig.

Miss Virginia E. Otis war ein entzückendes Mädchen von fünfzehn Jahren. Sie war graziös und lieblich wie ein junges Reh und ihre Augen blickten klar und blau in die Welt. Sie saß brillant zu Pferde und hatte bei einem Wettrennen im Park das Herz des jungen Herzogs von Cheshire im Sturm erobert. Er hielt sofort um ihre Hand an und wurde noch am selben Abend unter Strömen von Tränen nach Eton in seine Schule zurück geschickt. Nach Virginia kamen noch die Zwillinge, reizende Jungen und die einzig wirklichen Republikaner der Familie, wenn man vom Hausherren absah.

Canterville liegt acht Meilen von der nächsten Bahnstation - Ascot - entfernt. Mr. Otis hatte also den Wagen bestellt, der sie abholen sollte und die Familie war in bester Stimmung. Es war ein herrlicher Juli-Abend und die Luft war voll vom frischen Duft der Tannenwälder. Aus der Ferne hörte man ab und zu die süße Stimme der Holztaube und ein bunter Fasan raschelte durch die hohen Farnkräuter. Von den hohen Buchen blickten Eichhörnchen den Amerikanern neugierig nach und wilde Kaninchen ergriffen die Flucht, als der Wagen vorbeirollte. Als man in den Park von Schloss Canterville einbog, verdunkelte sich der Himmel plötzlich; die Luft schien still zu stehen und ein großer Schwarm Krähen flog lautlos über die Familie hinweg. Ehe sie das Haus erreichten fielen die ersten dicken, schweren Tropfen.

Eine alte Frau in schwarzer Seide und mit weißer Haube und Schürze stand auf der Freitreppe. Die Wirtschafterin, Mrs. Umney, empfing die Familie mit einem tiefen Knicks und sagte in einer eigentümlich altmodischen Art: "Ich heiße Sie auf Schloss Canterville willkommen." Alle folgten ihr ins Haus. Sie gingen durch die schöne Tudorhalle in die Bibliothek, ein langes, niedriges Zimmer mit Täfelung von schwarzem Eichenholz und einem großen bunten Glasfenster. Der Tee war gerichtet und die Familie sah sich um, während Mrs. Umney sie bediente.

Da bemerkte Mrs. Otis plötzlich einen großen roten Fleck auf dem Fußboden direkt vor dem Kamin. In völliger Unkenntnis von dessen Bedeutung sagte sie zu Mrs. Umney: "Ich fürchte, da hat man aus Unvorsichtigkeit etwas verschüttet." Mrs. Umney sah Mrs. Otis an und antwortete: "Ja, gnädige Frau. Hier ist Blut vergossen worden." "Wie grässlich. Ich wünsche keine Blutflecke in meinem Wohnzimmer. Dieser Fleck muss sofort entfernt werden!", rief Mrs. Otis. Mrs. Umney lächelte seltsam und sagte: "Es ist das Blut von Lady Eleanore de Canterville. Sie wurde hier an dieser Stelle von Ihrem Gemahl, Sir Simon de Canterville, im Jahre 1575 ermordet. Sir Simon überlebte sie um neun Jahre. Dann verschwand er unter geheimnisvollen Umständen. Seine Leiche wurde nie gefunden. Aber sein schuldbeladener Geist geht noch jetzt hier in diesem Schlosse um. Der Blutfleck wurde schon oft von Reisenden bewundert. Er kann durch nichts entfernt werden."

Jetzt schaltete sich Washington Otis ein. "Das ist doch Unsinn! Pinkertons Universal-Fleckenreiniger wird ihn sofort entfernen." Und bevor die erschrockene Haushälterin ihn zurückhalten konnte, lag er schon auf den Knien und scheuerte die Stelle am Boden mit einem kleinen Stumpf von etwas, das schwarzer Bartwichse ähnlich sah. Nur wenige Augenblicke später war keine Spur mehr von dem Fleck zu sehen.

"Ich wusste doch, dass Pinkerton das schafft!", rief der junge Mann triumphierend und sah sich nach seiner Familie um. In diesem Moment erhellte ein greller Blitz das düstere Zimmer und ein tosender Donnerschlag ließ sie alle in die Höhe fahren. Mrs. Umney fiel in Ohnmacht.

"Das Klima ist hier wirklich schauderhaft.", bemerkte Mr. Otis ruhig und steckte sich eine neue Zigarette an. "Wahrscheinlich ist dieses alte Land so überbevölkert, dass sie nicht mehr genug anständiges Wetter für jeden haben. Meiner Ansicht nach ist Auswanderung das einzig Richtige für England." Mrs. Otis betrachtete Mrs. Umney und sagte: "Mein lieber Hiram, was machen wir bloß mit einer Frau, die ohnmächtig wird?" Der Gesandte überlegte nicht lange. "Rechne es ihr an, als hätte sie etwas zerschlagen. Dann wird es nicht mehr vorkommen." Und tatsächlich, Mrs. Umney kam nach wenigen Augenblicken wieder zu sich, war allerdings noch sehr erschreckt und warnte Mr. Otis, dass dem Haus ein Unglück bevorstände. "Ich habe schreckliche Dinge gesehen, die jedem Christenmenschen die Haare zu Berge lassen würden. In mancher Nacht habe ich kein Auge zugetan aus Angst vor dem Schrecklichen, das hier geschehen ist." Mit schreckgeweiteten Augen flehte die alte Haushälterin noch den Segen der Vorsehung auf ihre neue Herrschaft herab und schlich dann zitternd in ihre Stube.


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Der Klassiker DAS GESPENST VON CANTERVILLE von Oscar Wilde (1854 - 1900) wurde von Kirsten Großmann für den Lesekorb übersetzt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Wallace Goldsmith hergestellt.

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