LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Tom streicht den Zaun

Ein herrlicher Samstagmorgen brach an. Die sommerliche Natur strahlte im hellen Licht und manch einer hatte an diesem wundervollen Tag ein frohes Lied auf den Lippen.

Tom ging mit einem Eimer voll weißer Farbe und einem riesigen Pinsel auf den Weg vor dem Haus. Beim Anblick des dreißig Meter langen Gartenzauns schwand alle Fröhlichkeit aus seinem Gesicht. Seufzend tauchte er den Pinsel in die Farbe ein und strich lustlos über die oberste Latte. Nach wenigen Pinselstrichen sank er entmutigt auf einem Baumstumpf nieder und betrachtete die riesige Fläche, die noch vor ihm lag…

Singend hüpfte Jim durchs Tor, einen Blecheimer in der Hand. Sonst hasste Tom das Wasserholen am Brunnen, doch heute erschien es ihm geradezu paradiesisch im Vergleich zu seiner eigenen Arbeit. An der Pumpe ging es lustig zu. Weiße und Schwarze, Jungen und Mädchen trafen sich da. Während sie darauf warteten, an die Reihe zu kommen, tollten sie herum, tauschten Spielsachen und lachten. Obwohl die Pumpe nur hundertfünfzig Meter entfernt lag, brauchte Jim immer mindestens eine Stunde, bis er mit dem gefüllten Eimer zurückkehrte. Oft musste man ihn auch holen.

"Ich hole das Wasser für dich, wenn du solange am Zaun weiterstreichst", schlug Tom vor.

Doch Jim schüttelte den Kopf. "Geht nicht, Master Tom. Die Missis hat mich geschickt und gesagt, ich darf nirgends stehen bleiben unterwegs."

"So redet sie doch immer, Jim. Hör nicht auf sie. Gib mir den Eimer - ich bleib keine Minute weg!"

"Ich trau mich nicht, Master Tom. Die alte Missis reißt mir den Kopf ab."

"Die? Die kann doch keiner Fliege was zu Leide tun. Sie redet doch nur davon und reden tut nicht weh. Oder? Außerdem wird sie es nie erfahren. Ich gebe dir auch eine weiße Murmel dafür", lockte Tom.

Jim überlegte. Die Verlockung war zu groß. Er setzte den Eimer ab und nahm die weiße Murmel. Doch im nächsten Augenblick floh er die Straße hinunter. Tom strich den Zaun, was das Zeug hielt. Triumphierend zog sich Tante Polly vom Schlachtfeld zurück, den Pantoffel in der erhobenen Hand.

Toms Arbeitseifer erlahmte rasch wieder. All die schönen Pläne, die er für diesen Samstag gehabt hatte, gingen ihm im Kopf herum. Bald würden die anderen Jungen an ihm vorbeikommen und ihn arbeiten sehen. Er konnte ihr höhnisches Gelächter jetzt schon hören und allein der Gedanke daran brannte wie Feuer.

Während er darüber nachdachte, wie er sich wenigstens eine Stunde völliger Freiheit erkaufen könnte, schoss ihm eine großartige Idee durch den Kopf. Eine fabelhafte Idee!

So strich er ruhig und gelassen den Zaun, als kurze Zeit später Ben Rogers am Ende der Straße erschien. Ausgerechnet Ben, vor dessen Spott er sich am meisten gefürchtet hatte. Ben aß einen Apfel und bewegte sich in Form eines Mississippi-Dampfers vorwärts. Er war gleichzeitig Maschine, Kapitän und Schiffsglocke. Als er herankam rief er: "Stoppt die Maschinen! Ding-dong-ding-dong! " Es dauerte eine Weile, bis er alle Befehle gegeben und ausgeführt hatte. Tom strich an seinem Zaun und tat, als würde er den Dampfer nicht bemerken.

"Na, alter Junge, musst arbeiten, was?" sprach Ben ihn an.

Tom gab keine Antwort. Er betrachtete seinen letzten Pinselstrich, als wäre es das Kunstwerk des Jahres. Dann trug er mit elegantem Schwung noch etwas Farbe auf und vertiefte sich wieder in sein Werk. Ben stand interessiert neben ihm.

"Bist ganz schön beschäftigt, wie?" versuchte er es noch einmal.

"Ach, du bist es, Ben… Hab dich gar nicht bemerkt."

"Kommst du mit zum Schwimmen? Obwohl, vermutlich willst du lieber schuften!"

"Ich schufte doch nicht. Das mache ich aus Spaß."

"Du behauptest allen Ernstes, dass du das gerne tust?"

Tom bewegte den Pinsel kunstvoll auf und ab. "Warum denn nicht? Wann kriegt man denn schon mal eine Chance, einen ganzen Zaun alleine anstreichen zu dürfen!"

Das ließ die Angelegenheit in einem ganz anderen Licht erscheinen. Tom malte mit äußerster Eleganz weiter, verbesserte hier und da eine Kleinigkeit, während Ben ihn nicht aus den Augen ließ. Die Sache interessierte ihn immer mehr. "Lässt du mich auch mal?"

Tom zögerte kurz. "Nein, das geht nicht, Ben… Tante Polly ist furchtbar pingelig mit ihrem Zaun. Es wird kaum einen Jungen unter tausend geben, der es ihr recht machen könnte."

"Och, komm. Lass es mich doch wenigstens versuchen. Nur ein kleines Stückchen!"

Tom zierte sich noch ein wenig, aber als Ben ihm den Apfel dafür anbot, reichte Tom ihm scheinbar widerstrebend den Pinsel. Innerlich frohlockte er. Und während das alte ‚Dampfschiff' in der Sonne arbeitete, saß der Künstler auf einem Fass im Schatten und aß genüsslich den Apfel. Im Laufe des Nachmittags schlenderten noch weitere Jungen vorbei, die erst spotteten, um dann zu streichen.

Am frühen Nachmittag war aus Tom ein steinreicher Junge geworden. Vor ihm lagen Schätze wie, ein gut erhaltener Drachen, eine tote Ratte, zwölf Murmeln, eine blaue Glasscherbe zum Durchsehen und vieles mehr. Die ganze Zeit über hatte Tom gemütlich im Schatten gesessen und Unterhaltung gehabt. Eine dreifache weiße Farbschicht bedeckte den Zaun. Wäre die Farbe nicht ausgegangen, hätte Tom sämtliche Jungen des Ortes bankrott gemacht.

Ohne es zu wissen, hatte er entdeckt, dass man, wenn man eine Sache als unerreichbar darstellt, die anderen dazu bringt, sie tun zu wollen. Wäre Tom ein großer weiser Philosoph gewesen, dann hätte er jetzt verstanden, dass eine Arbeit nur lästig ist, wenn man sie tun muss. Wenn man sie jedoch freiwillig tut oder sogar etwas dafür bezahlen muss, dann macht sie Spaß.





Der Klassiker TOM SAWYER von Mark Twain (1835-1910) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von True W. Williams (1839-1897) hergestellt.

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