LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Dracula - Kapitel 27

Mina Harkers Tagebuch
31. Oktober. Heute Morgen konnte der Professor mich kaum hypnotisieren. Alles, was ich gesagt haben soll, war: "Ruhig und dunkel." Wir sind jetzt in Veresti und Van Helsing besorgt gerade Pferd und Wagen. Wir haben ungefähr 70 Meilen vor uns. Es könnte eine schöne Reise sein, wenn die Umstände erfreulicher wären.

Später. Van Helsing ist zurück. In einer Stunde werden wir abreisen. Die Wirtin packt uns gerade einen riesigen Korb mit Lebensmitteln und Van Helsing häuft Pelzmäntel und Decken auf den Wagen. Frieren werde ich wohl nicht. Ich habe Angst vor dem, was uns erwartet. Was die Zukunft auch bringt, wir sind alle in Gottes Hand. Ich wünschte, Jonathan könnte wissen, dass mein letzter Gedanke ihm gilt, falls ich mein Leben lassen muss.

1. November. Mit großer Eile setzten wir unsere Reise fort. Wir wechselten des Öfteren die Pferde und alles verlief gut. Van Helsing sagt wenig, aber er bezahlt die Bauern gut, so dass die Pferdewechsel schnell von statten gehen. Die Leute sind abergläubisch und als sie meine Narbe sahen, streckten sie zwei Finger gegen mich aus und bekreuzigten sich. Ich setzte jetzt Hut und Schleier nicht mehr ab, so dass niemand der Narbe ansichtig wird. Da wir schnell reisen und keinen Kutscher haben, werden wir wohl keine Schwierigkeiten mit dem bösem Blick bekommen. Van Helsing ist unermüdlich. Er hypnotisierte mich am Abend, aber ich sagte wieder nur: "Dunkel, Wasser, krachendes Holzwerk." Der Graf ist also immer noch auf dem Wasser. Ich sehne mich nach Jonathan, aber ich habe keine Angst, weder für ihn noch für mich. Van Helsing ist eingeschlafen. Er braucht Ruhe, denn wir haben schwere Tage vor uns.

2. November. Morgens. Ich konnte den Professor dazu überreden, dass wir abwechselnd kutschieren. Nun kann er ruhen, während ich kutschiere und so bei Kräften bleiben. Der Tag ist sehr kalt und in der Luft liegt eine merkwürdige Schwere. Wir sind bedrückt und bei der Hypnose sagte ich: "Dunkelheit, krachendes Holz, rauschendes Wasser." Verändert sich der Fluss? Hoffentlich bringt Jonathan sich nicht in Gefahr.

2. November. Nachts. Wir fuhren den ganzen Tag durch eine immer wilder werdende Landschaft. Da wir uns gegenseitig aufzuheitern versuchen, sind wir bester Stimmung. Gegen Morgen werden wir den Borgopass erreichen. Wir fahren vierspänning, da die Häuser weniger werden und ein Pferdewechsel immer schwieriger wird. Was wird der morgige Tag uns bringen? Ich bin immer noch unrein und hoffe trotzdem, dass Gott seine Hand schützend über mich und die meinen hält.

Abraham Van Helsings Memorandum
4. November. Falls ich meine treuen Freund Dr. John Seward nicht mehr sehe, so soll dieses Schriftstück zur Aufklärung dienen. Es ist Morgen. Ich schreibe im Schein des Feuers, das wir die ganze Nacht über unterhalten haben. Es ist schrecklich kalt. Frau Mina war heute anders als sonst, denn sie schlief und schlief und schlief. Ich hoffe, sie ist nicht zu angegriffen. Sie isst nicht und macht auch keine Einträge mehr in ihr Tagebuch, dabei war sie doch immer so eifrig. Ich habe eine seltsame Ahnung, irgendetwas stimmt nicht. Am Abend war Frau Mina dann etwas munterer, der lange Schlaf scheint sie erfrischt zu haben. Ich konnte sie aber nicht mehr hypnotisieren, mein Einfluss wurde von Tag zu Tag schwächer und fehlte heute vollkommen. Ich vertraue auf Gott und sehe dem entgegen, was da kommt.

Gestern früh kamen wir zum Borgopass. Ich hypnotisierte Frau Mina und es gelang ein letztes Mal. Sie rief: "Dunkelheit und wirbelnde Wasser." Wir setzten unseren Weg fort und Frau Mina begann vor Eifer zu glühen. Als wäre eine neue Fähigkeit über sie gekommen, zeigt sie mir mit großer Bestimmtheit den Weg. Sie tat, als würde sie sich von Jonathans Notizen her an diesen Weg erinnern, aber mich beschlich ein seltsames Gefühl. Trotzdem ließ ich ihr den Willen und schlug den von ihr gewünschten Weg ein. Die Pferde liefen geduldig dahin und wir erkannten immer mehr von dem, was Jonathan uns geschildert hatte. Ich riet Frau Mina, ein wenig zu ruhen und sie gehorchte. Sie schlief mehrere Stunden und ich wurde misstrauisch. Ich versuchte, sie zu wecken, aber es gelang mir nicht.

Ich habe das Gefühl, als schlafe ich auch. Habe ich irgendetwas begangen? Ich fühle mich schuldig. Der Weg führt steil bergan und die Landschaft ist wild und rau, als seien wir am Ende der Welt. Ich wecke Frau Mina auf und diesmal gelingt es. Als ich versuche, sie zu hypnotisieren, habe ich keinen Einfluss auf sie und plötzlich bemerke ich, dass die Sonne untergegangen ist. Frau Mina lacht, wie in der Nacht, als wir das erste Mal in Carfax waren. Die Sache ist mir nicht geheuer, aber Frau Mina ist lieb und fürsorglich mit mir. Ich vergesse alle Furcht und zünde ein Feuer an. Sie bereitet das Essen, während ich die Pferde versorge. Als wir essen wollen, lehnt sie ab. Sie habe großen Hunger gehabt und schon zuvor etwas gegessen. Ich habe schwere Bedenken. Ich esse allein. Wir wickeln uns in unsere Pelze. Sie soll schlafen, während ich wache. Aber ich schlafe immer ein. Jedesmal, wenn ich hochfahre, liegt Frau Mina mit wachen Augen da und blinzelt mich an.

Ich habe auf diese Weise recht viel Schlaf bekommen. Als wir aufstanden, versuchte ich, sie zu hypnotisieren, aber es misslang. Die Sonne stieg höher und höher und Frau Mina fiel in einen Schlaf, aus dem ich sie nicht aufzuwecken vermochte. Im Schlaf sieht sie gesünder und frischer aus als je zuvor. Ich fürchte! Ich fürchte! Es geht um Leben und Tod oder um mehr als das, aber wir dürfen nicht zurückschrecken!

5. November. Morgens. Ich bin nicht verrückt, glauben Sie mir. Wir haben seltsame Dinge erlebt und gesehen und doch könnten Sie vielleicht auf den Gedanken kommen, der alte Professor habe den Verstand verloren, aber das ist nicht so! Gestern reisten wir den ganzen Tag und kamen immer tiefer in das Gebirge hinein. Die Landschaft war wüst und wild. Frau Mina schlief und auch zu einer Mahlzeit, die ich mir bereitete, konnte ich sie nicht wecken. Der unheimliche Zauber dieses Ortes scheint mehr und mehr Einfluss auf sie auszuüben, hat sie doch die Vampirtaufe schon empfangen. Wenn sie den ganzen Tag schläft, muss ich es eben auch tun, damit ich in der Nacht munter sein kann. Die Pferde liefen wacker voran und ich schlief ein. Wieder erwachte ich mit einem Gefühl der Schuld und verlorenen Zeit. Frau Mina schlief und die Sonne stand schon tief am Himmel.

Die Berge, die uns seit Tagen zu drohen schienen, waren zurück gerückt und wir befanden uns nahe der Spitze eines steilen Hügels, den ein Schloss krönte. So ein Schloss hatte Jonathan in seinem Tagebuch beschrieben. Ich war zwischen Freude und Furcht hin und her gerissen. Egal ob gut oder schlimm, das Ende rückte in greifbare Nähe. Ich weckte Frau Mina und versuchte, sie zu hypnotisieren. Vergeblich. Wie gestern hielten wir, versorgten die Pferde, entzündeten ein Feuer und bereiteten eine Mahlzeit. Frau Mina wollte nichts zu sich nehmen. Ich beschwor sie nicht, ich wusste, dass es zwecklos war. Sie sah mir bei der Mahlzeit zu, denn ich aß, um bei Kräften zu bleiben. Zuvor aber streute ich, in Sorge vor dem, was geschehen könnte, Teilchen der Hostie so dicht wie möglich in einem Ring um den Platz, an dem Frau Mina saß. Während ich aß, wurde Frau Mina immer stiller und blasser. Sie begann zu zittern und als ich auf sie zutrat, klammerte sie sich an mir fest. Ich bat sie, dichter an das Feuer heran zu gehen. Sie erhob sich und tat einen Schritt. Dann aber blieb sie wie gebannt stehen. Dann schüttelte sie den Kopf und wich zurück. "Ich kann nicht!", flüsterte sie. Ich nickte zufrieden. Wenn sie den Ring nicht überwinden konnte, dann kann es auch keiner von denen, die wir fürchteten.

Plötzlich begannen die Pferde zu wiehern. Sie stampften unruhig und ich musste sie beruhigen. Das geschah in dieser Nacht mehrere Male und in der kältesten Stunde der Nacht verlosch unser Feuer. Ich versuchte, ein neues Feuer zu entfachen, aber Schnee und kalter Nebel ließen das Feuer immer wieder ausgehen. Alles war still, nur die Pferde wieherten und stampften sorgenvoll. Entsetzliche Angst bemächtigte sich auch meiner. Immer wieder musste ich mir sagen, dass ich mich innerhalb des schützenden Ringes befand. Ich glaubte, meine Fantasie spiele mir einen Streich. Die Schneeflocken und der Nebel tanzten und wirbelten im Kreise; schon glaubte ich die unheimlichen Frauen zu erkennen, von denen Jonathan berichtete hatte. Die Pferde schrieen inzwischen in Todesnot. Frau Mina saß ruhig am Feuer. Als ich aufstand, um nach den Pferden zu sehen, hielt sie mich fest. "Bleiben Sie hier. Gehen Sie nicht hinaus. Hier sind Sie sicher!" "Was ist mit Ihnen?", rief ich in höchster Sorge. "Ich fürchte vor allem um Sie!", lachte Frau Mina und sah mich an. "Niemand in der Welt kann vor ihnen sicher sein als ich." Die Flammen loderten auf, ich sah die rote Narbe auf ihrer Stirn und verstand. Die Schneeflocken tanzten immer noch, sie wurden dichter und begannen sich zu materialisieren. Ich glaubte, mein Verstand setze aus, denn ich sah, wie die drei Frauen zu Fleisch und Blut wurden. Es waren die drei Frauen, die Jonathan im Schloss hatten küssen wollen. Sie hatten kalte, grausame Augen, weiße, spitze Zähne und wollüstige Lippen.

Sie streckten ihre Arme nach Frau Mina aus uns riefen: "Komm! Komm, Schwesterchen." Ich fuhr herum und sah Frau Mina an. Aber auf ihrem Gesicht lag ein solcher Ausdruck des Grauens, des Entsetzens und der Abscheu, dass mein Herz frohlockte. Ich fasste wieder Hoffnung. Sie gehört noch nicht zu jenen! Ich fasste mit der Hoffnung auch Mut und griff nach der Hostie. Mit einem brennenden Holzscheit und der Hostie ging ich auf die Frauen zu. Sie zogen sich vor mir zurück und lachten ein tiefes, schauerliches Lachen. Ich hatte keine Angst mehr, denn ich wusste, diese Geschöpfe Nacht konnten uns nichts anhaben. Die Pferde hatten sich beruhigt und lagen still auf der Erde. Schnee fiel auf sie und als ich genauer hinsah, bemerkte ich, dass sie immer weißer wurden. Da wusste ich, dass die armen Tiere von nun an nichts mehr zu fürchten hatten. Als die Sonne aufging, durchzog es mich wie ein neues Leben und ich schüttelte die Gespenster der Nacht ab. Wie durchsichtige Schatten flogen sie in Richtung auf das Schloss davon und verschwanden.

Ich ging, um nach Frau Mina zu sehen und sie zu hypnotisieren. Aber sie liegt in einem tiefen Schlummer. Ich habe das Feuer angefacht und gesehen, dass alle Pferde tot sind. Es wird heute viel zu tun geben. Ich muss ein paar Plätze finden, an denen das Sonnenlicht mich schützt. Rasch noch ein stärkendes Frühstück, dann will ich meine schwere Aufgabe in Angriff nehmen. Frau Mina schläft glücklicherweise ruhig.

Jonathan Harkers Tagebuch
4. November. Abends. Hätten wir doch nur nicht den Unfall mit der Barkasse gehabt. Sicherlich hätten wir den Grafen schon eingeholt und meine geliebte Mina wäre schon frei. Ich mache mir große Sorgen, da sie nun so nahe dem entsetzlichen Ort weilt. Wir haben Pferde genommen und werden der Spur folgen. Godalming bereitet alles vor, während ich dies schreibe. Wir sind bewaffnet und zu jedem Kampf bereit. Wären wir nur schon bei Morris und Dr. Seward. Wir können nur noch hoffen. Sollte ich nicht mehr zum Schreiben kommen, so lebe wohl, Mina. Gott behüte und beschütze dich.

Dr. Sewards Tagebuch
5. November. In der Morgendämmerung sahen wir einen Zug von Zigeunern in großer Eile mit ihrem Leiterwagen landeinwärts fahren. Sie sind in großer Hast unterwegs. Der Schnee fällt in dichten Flocken und die Luft ist seltsam unruhig. Vielleicht sind es unsere überreizten Nerven, aber es ist, als liege ein seltsamer Druck auf uns. Das Heulen von Wölfen ist zu hören. Wir werden gleich aufbrechen, trotz der Gefahren, die uns erwarten. Irgendjemandes Tod ist es, zu dem wir reiten. Aber nur Gott weiß, wer, wo, wie oder was sein wird.

Dr. Van Helsings Memorandum
5. November. Nachmittags. Ich verließ Frau Mina, die immer noch schlafend im geweihten Kreis lag und schlug den Weg zum Schloss ein. Ich nahm den Schmiedehammer mit mir. Im Schloss waren alle Türen offen, aber ich zertrümmerte trotzdem die rostigen Angeln, so dass mich weder dummer Zufall noch böser Einfall in dem Schlosse einsperren konnten. Jonathans Berichte kamen mir sehr zustatten. Ich konnte mich gut an den Weg in die Kapelle erinnern. Dort hatte ich meine Aufgabe zu erfüllen. Die Luft war stickig und mehrfach schwanden mit fast die Sinne. Ich hatte ein dumpfes Dröhnen in Ohren und ich fragte mich, ob es vielleicht das Heulen von Wölfen sein konnte. Wie es wohl Frau Mina ging? Ich hatte nicht gewagt, sie mitzunehmen, also musste ich sie allein lassen. Nun drohte ihr Gefahr von den Wölfen.

Ich entschloss mich, mein Werk zu Ende zu führen und schnellstmöglich zu Frau Mina zurückzukehren. Ich musste mindestens drei belegte Gräber aufsuchen. Ich suchte und fand das erste Grab, in dem eines der Weiber lag. In seinem wollüstigen Vampirschlaf lag es da, mit roten Lippen und so schön, dass es mich kalt überlief. Ich verstand nun, was passieren konnte: Man nahm sich vor, den Vampir zu töten, wurde dann von der Schönheit in Bann geschlagen und zögerte und zögerte. Dann bleibt man, bis die Sonne untergegangen und der Vampirschlaf vorbei ist. Die herrlichen Augen des Weibes öffnen sich, es folgt der Kuss. Wieder ein Opfer des Vampirtums. Der Mensch ist schwach!

Ich geriet in der Gegenwart dieser Frau in eine Erregung, die nur durch einen Zauber hervorgerufen sein konnte, denn der Sarg war staubbedeckt und ein grässlicher Geruch hing in der Luft. Mich alten Mann erfüllte plötzlich ein Verlangen, das meine Kräfte zu lähmen schien. Was es auch war, die schwere Luft oder meine Müdigkeit, ich weiß es nicht. Ich fiel in einen Schlaf, mit offenen Augen mich dem Zauber hingebend. Ein Wehruf ertönte durch die Schneeluft, langgezogen und voller Angst. Ich fuhr empor und erkannte Frau Minas Stimme. Erst da fand ich Kraft, mein furchtbares Werk zu vollenden. Als ich den zweiten Sargdeckel hob, lag da ein weiteres Weib. Ich sah es nicht an, um nicht wieder in seinen Bann zu geraten. Der dritte Sarg stand etwas erhöht, das Weib darin war von bestrickendem Liebreiz. Gott sei dank klang mir Frau Minas Schrei noch in den Ohren und hinderte den Zauber daran, sich meiner zu bemächtigen.

Da uns in der Nacht nur drei Gespenster heimgesucht hatten, nahm ich an, dass nicht mehr Untote hier zu finden seien. Ich fand in der Kapelle noch ein weiteres Grabmal. Es war groß und edel ausgeführt. Es stand nur ein Wort darauf: DRACULA. Hier stand ich also vor der Ruhestätte des Königs der Vampire. Das Grab war leer. Bevor ich nun daran ging, durch mein Werk diese Frauen dem natürlich Tode zu überliefern, legte ich eine Hostie in Draculas Grab und verbannte ihn so für immer daraus.

Was ich dann zu tun hatte, war schlimm und schwer. Es war das Schrecklichste, was ich je getan habe. Lucy dem Griff des Untoten zu entreißen war schon grauenhaft, aber nun drei Frauen auf diese Weise zu behandeln! Ich zitterte und wenn ich ehrlich bin, zittere ich heute noch. Meine Nerven hielten durch, bis alles vorüber war. Hätte ich nicht gesehen, welchen Frieden mein Tun brachte, ich hätte diese blutige Arbeit nicht zu Ende führen können. Das Einschlagen des Pfahls verursachte ein furchtbares Knirschen, die Gestalten wanden sich, die Lippen voller blutigem Schaum. Kaum hatte ich die Köpfe abgetrennt, zerfielen diese Leiber zu Staub und ich kann nur noch Mitleid empfinden. Ich hatte mein Werk vollendet und bevor ich zu Frau Mina zurück eilte, sicherte ich die Eingänge des Schlosses noch gegen das Eintreten des Untoten.

Frau Mina schlief, als ich zurückkehrte. Sie erwachte und weinte heiße Tränen als sie sah, was ich durchlitten hatte. "Kommen Sie. Wir wollen fort von hier und Jonathan entgegeneilen. Ich weiß, dass er auf dem Weg zu mir ist." Sie sah so schmal, zerbrechlich und blass aus, aber ich fand diese Blässe beinahe wohltuend gegen die frische Lebendigkeit der drei Vampirfrauen, denen ich gerade ihren Frieden gegeben hatte. Wir zogen also ostwärts, den Freunden entgegen. Und auch ihm, von dem Frau Mina mir sagte, dass wir ihn sicher treffen würden.

Mina Harkers Tagebuch
6. November. Am späten Nachmittag brachen der Professor und ich nach Osten auf. Es ging steil bergab, aber wir liefen nicht rasch. Wir hatten einige Decken und Pelze zu tragen, ebenso einige Lebensmittel. Wir befanden uns in völliger Einöde und nach etwa einer Meile war ich von dem Abstieg ermüdet. Wir rasteten und sahen zurück. Das Schloss Dracula hob sich in klaren Linien vom Himmel ab, tausend Fuß über uns am Rande eines ungeheueren Abgrundes. Von Ferne hörten wir das Heulen der Wölfe. Ihre Stimmen waren durch den dichten Schneefall gedämpft. Wir fühlten uns unbehaglich und Van Helsing suchte einen Platz, an dem wir einem Angriff weniger ausgesetzt wären. Nach einiger Zeit rief Van Helsing nach mir. Er hatte eine natürliche Höhle entdeckt mit einem torartigen Eingang. Er zog mich hinein. "Sehen Sie, hier sind wir vor Wölfen geschützt. Wir können mit einem nach dem anderen abrechnen." Wir richteten uns mit den Decken und Pelzen behaglich ein und Van Helsing nötigte mich zu essen. Ich konnte nicht, denn schon der Gedanke daran erregte in mir Ekel. Van Helsing sah enttäuscht aus, sagte aber nichts.

Stattdessen holte er seinen Feldstecher hervor und suchte den Horizont ab. Plötzlich rief er: "Mina! Da! Sehen Sie!" Ich sprang auf und stellte mich neben Van Helsing. Der Schnee wirbelte in dichten Flocken vor meinen Augen, weit entfernt sah ich den Fluss sich wie ein schwarzes Band winden und krümmen. Und dann - so nahe bei uns, dass ich nicht verstand warum ich sie nicht gleich gesehen hatte, eine Gruppe berittener Männer, die in ihrer Mitte einen langen Leiterwagen mit sich führten. Auf dem Wagen stand eine große viereckige Kiste. Wir waren am Ziel und mein Herz pochte laut. Aber der Abend senkte sich hernieder und ich wusste, dass der Körper, der jetzt noch in der Kiste gefangen war, bald seine Freiheit gewinnen würde. Würde er unseren Nachstellungen entrinnen können? Ich drehte mich nach dem Professor um - er war fort. Erst einige Augenblicke später entdeckte ich ihn, wie er einen Ring um den Felsblock zog, auf dem ich stand und Teilchen der Hostie auf den Ring streute. Es war ein Ring, gleich dem, der mich heute Nacht beschützt hatte.

"Sie eilen sich, wegen des Sonnuntergangs", rief Van Helsing. "Hier sind Sie wenigstens vor ihm sicher. Aber schauen Sie, Frau Mina. Da kommen zwei Reiter von Süden! Es müssen Quincey und John sein. Schauen Sie durch das Glas." Ich schaute, aber konnte keinen der Männer erkennen. Ich wusste nur, dass Jonathan nicht dabei war. Ich blickte weiter über die Landschaft und sah aus nördlicher Richtung auch zwei Reiter kommen. Einer von ihnen war mein geliebter Jonathan. Sie verfolgten die Männer mit dem Leiterwagen. Der Professor zeigte sich glücklich, dass alle Gefährten wieder beieinander waren und griff nach seiner Winchester. Schussbereit ging er am Eingang der Höhle in Stellung. Auch ich zog meinen Revolver heraus. Das Heulen der Wölfe wurde lauter und der Schneefall wurde immer dichter, obwohl weiter draußen die Sonne schien. Ich blickte wieder durch das Glas und entdeckte die Wölfe, die erst noch vereinzelt, sich langsam sammelten, lüstern nach Beute.

Das Warten schien eine Ewigkeit zu dauern. Der Wind heulte und brauste. Der Sonnuntergang stand unmittelbar bevor. Die Zigeuner schienen nicht zu bemerken, dass sie verfolgt wurden, aber sie eilten noch mehr, je näher die Sonne sich den Bergspitzen zu neigte. Die Männer waren nicht mehr weit von uns entfernt. Plötzlich klangen zwei Stimmen durch den Wind. "Halt!" Jonathan und Herr Morris hatten gerufen. Die Männer mit dem Leiterwagen hielten unwillkürlich ihre Pferde an. Im gleichen Moment ritten Jonathan und Lord Godalming von der einen und Herr Morris und Dr. Seward von der anderen Seite an die Männer heran. Die Zigeuner zögerten nur einen Moment, dann gab der Anführer rasch das Zeichen zum Weiterreiten. Sie schlugen auf ihre Pferde ein, die sich aufbäumten, aber die vier Angreifer rissen die Winchesterbüchsen heraus und zwangen die Männer erneut zum Halten. Auch Van Helsing und ich gaben uns zu erkennen und legten die Waffen an. Die Zigeuner zogen nun ebenfalls ihre Waffen. Eine Entscheidung musste fallen.

Der Anführer riss sein Pferd herum und rief seinen Männern etwas zu, das ich nicht verstehen konnte. Er deutete auf die sinkende Sonne und dann auf das Schloss. Jonathan, Lord Godalming, Herr Morris und Dr. Seward stießen in Richtung des Leiterwagens vor. Eigentlich hätte ich Furcht spüren müssen, um Jonathan und um mich. Aber ich fühlte nur das wilde Brennen in mir, handeln zu wollen. Der Anführer erkannte die Absicht unserer Männer und befahl seinen Leuten, den Wagen zu schützen. Sie scharten sich um den Wagen und versperrten den vier Angreifern den Weg. Unseren Männern ging es darum, die Aufgabe zu erfüllen, ehe die Sonne unterging. Nichts schien sie davon abhalten zu können, weder die grimmigen Zigeuner mit ihren blitzenden Messern, noch das scheuerliche Heulen der Wölfe, das immer näher zu kommen schien.

Schließlich gelang es Jonathan, den Wagen zu erklimmen. Mit schier unmenschlicher Kraft warf er sich auf die Kiste und schob sie über den Rand des Leiterwagens. Polternd fiel sie zu Boden. Herr Morris versuchte verzweifelt, den Ring der Zigeuner zu durchbrechen. Ich hatte mehrfach Klingen blitzen sehen. Hatten sie ihn etwa verletzt? Aber Herr Morris parierte mit seinem Jagdmesser und ich war sicher, dass er unverletzt durchgekommen war. Mit aller Kraft und größter Hast machten sich die beiden Männer daran, den Deckel der Kiste zu öffnen. Erst jetzt sah ich, dass Herr Morris sich die Hand auf die Brust presste und Blut zwischen seinen Fingern hindurch lief. Trotzdem ließ er in seiner Anstrengung nicht nach.

Jonathan und Herr Morris hatten den Deckel weggesprengt. Die Zigeuner hatten sich den Winchesterbüchsen von Lord Godalming und Dr. Seward ergeben und wagten keinen Widerstand mehr. Die Sonne berührte beinahe die Bergspitzen und warf lange Schatten auf den Schnee. Mein Blick fiel auf den Grafen, der auf der Erde in der Kiste lag. Eine totenbleiche Wachsfigur, deren Augen rot glühten. Als die Augen die sinkende Sonne sahen, wich der Ausdruck des Hasses dem Ausdruck wilden Triumphes. Im gleichen Augenblick sauste Jonathans Messer nieder. Es durchschnitt die Kehle des Grafen in dem Moment, als Herrn Morris' Jagdmesser das Herz des Grafen durchbohrte. Ich schrie auf und verstummte sofort. Vor unseren Augen und ehe wir es recht fassen konnten, zerfiel der Körper des Grafen zu Staub und entschwand unseren Blicken. Im Augenblick der endlichen Auflösung lag ein Schimmer von Glück über dem Antlitz des Grafen, den ich mein Lebtag nicht vergessen werde. Nie hätte ich den Graf zu solchen Gefühlen fähig gehalten.

Die Zigeuner rissen ihre Pferde herum und ritten, als gelte es ihr Leben. Die Wölfe folgten ihnen nach. Herr Morris lag auf dem Boden. Der geweihte Kreis hielt mich nicht länger und ich eilte zu ihm. Auch Van Helsing und Dr. Seward liefen herbei. Jonathan kniete neben dem todwunden Freund und hielt seine Hand. Als ich heran kam, griff Herr Morris unter großer Anstrengung mit der freien Hand nach mir und sagte: "Ich hoffe, ich konnte Ihnen einen Dienst erweisen." Er unterbrach sich und rief: "Seht! Oh, seht! Das war des Sterbens wert!" Die Sonne versank hinter den Bergspitzen und rosiges Licht fiel auf mein Gesicht. Die Männer knieten ergriffen nieder. Ein "Amen" war zu hören. Dann sprach der sterbende Herr Morris noch einmal: "Es ist nicht umsonst gewesen. Gott sei gelobt. Ihre Stirn ist so fleckenlos wie dieser Schnee. Der Fluch ist von ihr gewichen!" Wir standen um ihn und weinten bittere Tränen, während der tapfere Mann mit einem Lächeln auf den Lippen starb.

Notiz
Sieben Jahre ist es nun her, dass wir so bittere Qualen leiden mussten. Einige von uns haben aber Glück gefunden, das das Furchtbare reichlich aufwiegt. Der Geburtstag unseres Jungen fällt mit dem Todestag von Quincey zusammen, nach dem unser Junge auch benannt ist. Ich weiß, dass Mina im Stillen hofft, der kleine Quincey werde einst so tapfer, edel und mutig wie unser toter Freund. In diesem Sommer machten wir eine Reise nach Transsylvanien und besuchten alle Orte, mit denen uns diese furchtbaren Erinnerungen verbinden. Fast ist es unmöglich zu glauben, dass alles wirklich so geschehen ist. Nichts ist davon mehr zu sehen oder zu finden. Nur das Schloss war dort, hoch emporragend über einer schrecklichen Wildnis.

Wieder zu Hause, plauderten wir über vergangene Zeiten. Wir blicken ohne Bitterkeit zurück. Lord Godalming und auch Dr. Seward sind glücklich verheiratet. Unsere Aufzeichnungen liegen in einem feuerfesten Schrank. Wenn man genau hinsieht, ist kaum ein authentisches Schriftstück dabei. Nur eine Masse von Blättern voll Maschinenschrift und natürlich unsere Notiz- und Tagebücher. Wir können von niemandem verlangen, dass er diese Schriftstücke als Beweise gelten lässt. Aber welches Resümee zog Van Helsing, als er unseren Jungen auf dem Schoß hatte? "Wir verlangen von niemandem, dass er uns Glauben schenkt, darum brauchen wir auch keine Beweise. Aber dieser Junge hier wird eines Tages erfahren, wie tapfer und edel seine Mutter ist. Und dann wird er begreifen, warum wir sie alle so lieben und um ihretwillen so Schweres auf uns nahmen."

Jonathan Harker


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Der Klassiker DRACULA von Bram Stoker (1847-1912) wurde von Kirsten Großmann für den Lesekorb nacherzählt.

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