LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Dracula - Kapitel 15

Dr. Sewards Tagebuch - Fortsetzung
Ein heißer Zorn erfasste mich. War der Professor denn von Sinnen? Ich sprang auf und schlug auf den Tisch. "Ruhig, John", brummte Van Helsing. "Ich weiß, Sie denken, ich wäre wahnsinnig. Und ich wäre es auch lieber, denn Wahnsinn ist manchmal leichter zu ertragen als die Wahrheit, die in diesem Falle wirklich schrecklich ist. Glauben sie mir, John. Ich will Sie nicht quälen. Ich will auch Lucy nichts Böses nachsagen. Ich weiß, dass Sie sie geliebt haben. Umso grausamer ist die Wahrheit für Sie. Sie müssen mir glauben. Ich werde Ihnen heute Abend den Beweis liefern, wenn Sie mich begleiten. Werden Sie kommen?" Ich zögerte.

"John, wenn ich Unrecht habe, ist der Beweis eine Erlösung. Und schaden kann es in keinem Fall. Schlimm wird es nur für uns, wenn ich Recht habe. Ich erzähle Ihnen nun meinen Plan. Wir gehen ins Spital und besuchen das Kind, das unter dem Ginsterbusch gefunden wurde. Ich bin mit dem behandelnden Arzt befreundet, so dass wir Zutritt zu dem Kinde erhalten werden. Wir sind einfach Wissenschaftler, die studienhalber da sind." "Und dann?", fragte ich skeptisch. "Dann werden wir die Nacht auf dem Friedhof verbringen. Ich habe hier den Schlüssel zu Lucys Grab. Der Friedhofswärter übergab ihn mir. Er ist für Arthur."

Ich starrte den Professor an und fühlte, dass etwas Entsetzliches auf mich zukam. Ich ließ mir aber nichts anmerken und eilte mit dem Professor zu dem Kinde. Die Zeit drängte, denn der Abend stand bevor. Wir fanden das Kind wach, es hatte gegessen und es ging ihm recht gut. Dr. Vincent, der Freund von Van Helsing, zeigte uns die Wunden am Hals des Kindes. Sie sahen aus wie die Wunden, die Lucy an der Kehle gehabt hatte. Dr. Vincent vermutete, dass ein Tier das Kind gebissen habe. Eine Ratte vielleicht oder eine Fledermaus, eine, die von den Segelschiffen aus den südlichen Ländern eingeschleppt worden war. So etwas könne vorkommen. Erst vor zehn Tagen sei ein Wolf ausgebrochen. Die Kinder hätten daraufhin nur noch "Rotkäppchen" gespielt. Nun allerdings, nach den Vorkommnissen mit den vermissten Kindern, würden alle nur noch "blutige Dame" spielen. Und auch dieses Kind hier habe den Wunsch geäußert fort gehen zu dürfen, um mit der "blutigen Dame" zu spielen.

"Legen Sie den Eltern der Kleinen ans Herz, sie nicht aus den Augen zu lassen. Sollte das Kind noch einmal über Nacht ausbleiben, könnte das schlimme Folgen haben. Es wird doch nicht demnächst entlassen?" "Nein, eine Woche wird es wohl noch hier bleiben müssen, zumindest bis die Bisswunden verheilt sind", erwiderte Dr. Vincent, als er Van Helsing die Hand zum Abschied gab. Van Helsing nickte und wir verließen das Spital. Draußen war es schon dunkel und der Professor schlug vor, zunächst noch etwas zu essen und so ließen wir uns denn in "Jack Straws Castle" nieder und speisten zu Abend.

Gegen zehn Uhr verließen wir die Gastwirtschaft und der Professor ging zielstrebig durch die Straßen, bis wir schließlich vor der Friedhofsmauer standen. Wir stiegen über die Mauer und fanden mit Mühe die Gruft der Westenraa. Van Helsing zog den Schlüssel aus der Tasche und öffnete die quietschende Tür. Beklommen traten wir ein und Van Helsing schloss die Tür hinter uns, nicht ohne zu prüfen, wie wir die Tür im Notfalle wieder öffnen konnten. Van Helsing zündete eine Kerze an und wir sahen uns um. Schon am Tage der Beerdigung hatte die Gruft unheimlich und grauenvoll ausgesehen, obwohl sie mit Blumen geschmückt war. Nun aber, einige Tage nach der Beerdigung, waren die Blumen fahl und verwelkt. Schlaff lagen sie auf den Särgen und vermittelten den Eindruck von Fäulnis und Verfall.

Van Helsing hatte für die toten Blumen, die krabbelnden Käfer und Spinnen keinen Blick. Systematisch leuchtete er mit seiner Kerze in der Gruft herum, bis er Lucys Sarg gefunden hatte. Dann zog er einen Schraubenschlüssel aus der Tasche. "Was haben Sie vor?", flüsterte ich, denn ich traute mich nicht, lauter zu sprechen. "Ich muss den Sarg öffnen", erklärte Van Helsing. Er zog die Schrauben hervor und hob den Deckel ab. Darunter wurde der Bleisarg sichtbar. Fast war mir der Anblick unerträglich und ich fiel dem Professor in dem Arm, um ihm Einhalt zu gebieten. "Lassen Sie mich", sagte der Professor ruhig und trieb den Schraubenzieher durch das Blei. Es entstand ein Loch, das eben groß genug war, um eine kleine Säge einzulassen. Ich wartete auf den Geruch der Verwesung, der aus dem Sarg austreten musste und zog mich bis zur Türe zurück. Van Helsing sägte unbeirrt ein großes Loch in den Sarg und schlug den entstandenen Ausschnitt zurück. Mit der Kerze fuhr er in den Sarg. Ich trat näher und sah ebenfalls in den Sarg. Er war leer.

Ich erschrak furchtbar, Van Helsing aber schien genau das erwartet zu haben. "Sind Sie zufrieden?", fragte er mich. "Dass Lucys Körper hier nicht liegt, beweist nur, dass der Köper nicht hier ist", antwortete ich störrisch und etwas kindisch. "Das ist logisch", versetzte Van Helsing. "Aber wie erklären Sie sich, dass er nicht hier ist?" "Leichenräuber?", hielt ich ihm entgegen und merkte selber, wie lächerlich meine Einwendungen waren. Van Helsing seufzte. "Nun gut. Wir brauchen noch einen Beweis. Folgen Sie mir." Er schloss den Sarg, packte seine Sachen ein und wir verließen die Gruft. Er schloss die Tür wieder ab und reichte mir den Schlüssel. "Nehmen Sie ihn, Sie haben dann mehr Sicherheit." "Was ist schon ein Schlüssel, Professor. Es könnte Duplikate geben." Der Professor antwortete nicht, sondern steckte den Schlüssel selbst in die Tasche. Dann gab er mir den Auftrag, auf der einen Seite des Friedhofes zu wachen, während er auf der anderen Seite wachen wollte.

Es war kalt und unheimlich. Die Uhr schlug zwölf, dann eins und schließlich zwei. Ich fror und war ärgerlich. Was taten wir hier? Ich veränderte meine Position, weil meine Beine einzuschlafen drohten, da sah ich es! Etwas Weißes huschte über den Friedhof. Der Professor kam aus seinem Versteck hervor und auch ich stolperte los. In der Ferne ließ ein Hahn seinen Schrei ertönen. Die weiße Gestalt huschte auf das Grab der Westenraa zu. Einige Bäume versperrten mir die Sicht und ich hörte etwas an der Stelle, an der ich das Gespenst zum ersten Mal gesehen hatte. Es war Van Helsing! In seinen Armen hatte er ein kleines Kind. "Glauben Sie mir nun?" "Nein!", antwortete ich trotzig und verletzend. "Ich sehe ein Kind, aber wer hat es hierher gebracht? Ist es verletzt?" Van Helsing untersuchte es und verneinte. "Ich wusste es", rief ich triumphierend. "Das heißt nur, dass wir rechtzeitig hier waren, John."

Wir mussten nun überlegen, was mit dem Kind geschehen sollte. Wir wollten es nicht bei einer Polizeistation abliefern. Sonst hätten wir erklären müssen, wo wir es gefunden hatten und was wir auf dem Friedhof taten. Wir beschlossen, auf der Straße auf einen Polizisten zu warten und das Kind dann so hinzulegen, dass er es nicht übersehen konnte. Wir setzten unseren Plan sofort in die Tat um und machten uns davon, sobald wir sicher waren, dass das Kind gefunden worden war. Wir eilten nach Hause, aber ich kann nicht schlafen und mache deshalb diese Aufzeichnungen. Gegen Mittag will Van Helsing mich wieder abholen. Er besteht darauf, dass ich an einer weiteren Expedition teilnehme.

27. September. Erst gegen zwei Uhr fanden wir eine günstige Gelegenheit, unser Vorhaben auszuführen. Wir mussten ein Begräbnis abwarten und hatten uns hinter einer Baumgruppe versteckt gehalten. Als nun die letzten Nachzügler den Friedhof verließen und der Friedhofswärter hinter sich das Gitter absperrte, waren wir sicher, dass wir bis morgen früh freie Hand haben würden. Ich fühlte mich wieder sehr beklommen. Den Sarg eines Mädchens zu öffnen, das nun schon eine Woche tot war, war eine Sache. Den Sarg ein zweites Mal zu öffnen, obwohl wir wussten, dass dieser leer war, eine andere. Van Helsing nahm den Schlüssel und öffnete wie am Tag zuvor die Gruft. Der Ort kam mir nicht mehr so grauenhaft vor wie in der Nacht, er machte mich nur sehr traurig.

Van Helsing ging zielstrebig auf Lucys Sarg zu und schlug das ausgeschnittene Blei zurück. Ich war ihm einigermaßen gelangweilt gefolgt und zuckte nun unter einem entsetzlichen Schreck zusammen. Lucy lag in dem Sarg. Wie am Tage ihrer Beerdigung sah sie entzückend aus, wohlmöglich, dass sie noch schöner geworden war. Ihre Lippen waren rot, röter, als sie je zu Lebzeiten gewesen waren. Auf ihren süßen Wangen war ein rosiger Schimmer zu sehen. "Ist das ein Trick?", fragte ich den Professor. "Sind Sie nun überzeugt?", gab er zurück und zog Lucys Oberlippe empor, so dass ich ihre spitzen Eckzähne sehen konnte. Ich schauderte voller Grauen. "Mit diesen Zähnen können die Kinder gebissen worden sein. Glauben Sie nun?" Mein lächerlicher Widerspruchsgeist regte sich und ich sagte: "Sie könnte ja heute Nacht wieder hierher gebracht worden sein." "John! Wer soll das getan haben?" "Irgendjemand. Was weiß ich." Ich schämte mich, aber ich konnte einfach nicht glauben, was ich sah. "John, sie ist schon eine Woche tot. Die meisten Leichen sehen nach dieser Zeit nicht mehr so aus!" Darauf hatte ich keine Antwort. Ich war selbst verwirrt, dass die tote Lucy so schön war.

Van Helsing sah sich Lucy ganz genau an. "Wir haben hier etwas Ungewöhnliches vor uns, John. Lucy wurde in Trance von einem Vampir gebissen. So konnte er am Besten ihr Blut trinken. Sie starb in Trance. Und nun liegt sie hier als Untote in Trance. Das unterscheidet sie von den anderen. Wenn die Untoten schlafen, zeigt ihr Gesicht das an, was sie wirklich sind. Aber schauen Sie sich Lucy an. Wenn sie nicht untot ist, kehrt sie in die Form einer gewöhnlichen Toten zurück. Es liegt nichts Boshaftes um ihre Augen. Es tut mir so leid, sie in ihrem Schlaf stören zu müssen." Bei seinen Worten überlief es mich kalt und ich begann zum ersten Mal, Van Helsings Vorhaben zu begreifen. Er musste mein Minenspiel beobachtet haben, denn er fragte: "Glauben Sie nun?" Ich schluckte. "Drängen Sie mich nicht, Professor. Aber ich glaube, ich kann Ihnen langsam folgen. Wie werden Sie Ihr blutiges Werk vollbringen?"

"Nun, John, wir müssen ihr der Kopf abschneiden und ihren Mund mit Knoblauch füllen. Zuletzt müssen wir ihr einen Pfahl durch das Herz treiben." Mich erfasste Grauen und unendliche Traurigkeit. Ich sollte das Mädchen, das ich einst geliebt hatte, auf so schreckliche Art verstümmeln? Dann aber fühlte ich auch die leise Abscheu, die ich mittlerweile in Lucys Gegenwart empfand, die Gegenwart einer Untoten. Meine Liebe war dabei, in Hass und Grauen umzuschlagen. War so etwas möglich? Ich wartete darauf, dass Van Helsing beginnen würde, aber er stand nur still da und schwieg. Plötzlich ließ er das Schloss seines Koffers zuschnappen.

"So einfach ist es wohl doch nicht. Wenn es nach mir ginge, würde ich es gleich hier zu Ende bringen. Aber es müssen noch andere Dinge bedacht werden. Lucy hat bisher niemanden getötet, auch wenn sie die Gelegenheit dazu gehabt hätte. Wir brauchen Arthur, obwohl ich nicht weiß, wie ich ihm das Ganze erklären soll. Wenn schon Sie John, mir bis zuletzt nicht glaubten, wie soll es Arthur tun, der sie doch heiraten wollte? Als ich ihn von seiner sterbenden Braut wegriss, sah ich die Zweifel in seinen Augen. Er misstraute mir. Er könnte denken, dass ich seine Braut habe lebendig begraben lassen. Aber wir können nichts anderes tun. Er braucht Gewissheit, um Ruhe zu finden. Er muss durch die bitteren Wasser, wenn er die Süßen kosten will. Ich bin zu allem bereit."

Van Helsing schien nun einen Entschluss gefasst zu haben. "Sie kehren in Ihre Anstalt zurück, John und sehen dort nach dem Rechten. Ich werde die Nacht auf dem Friedhof verbringen, ich habe hier noch einiges zu tun. Holen Sie mich bitte morgen Abend um zehn Uhr im Berkeley-Hotel ab. Ich werde Arthur und den jungen Amerikaner bitten, ebenfalls zu erscheinen. Und nun rasch. Bis Picadilly fahre ich mit Ihnen. Dort werde ich etwas essen aber ehe die Sonne untergeht, muss ich wieder hier sein." Wir schlossen das Grab ab und fuhren nach Picadilly.

Notiz von Dr. Van Helsing für Dr. John Seward, im Handkoffer zurückgelassen
27. September. Lieber Freund John! Ich gehe nun zum Friedhof, um meine Studien zu treiben. Ich habe mir vorgenommen, Lucy heute nicht aus Ihrem Grabe zu lassen, damit sie morgen umso gieriger ist. Diese Notiz schreibe ich, falls mir bei diesem Vorhaben etwas zustößt. Ich werde Knoblauch und Kruzifix vor die Grabtür legen, diese Gegenstände lieben Untote nicht sehr. Da sie noch wenig Erfahrung als Untote hat, gehe ich davon aus, dass sie sich abschrecken lassen wird. Dies hilft allerdings nur, um zu verhindern dass sie fortgeht. Ihren Rückweg könnte ich mit solchen Dingen nicht verhindern. Untote können ziemlich rabiat werden.

Vor Fräulein Lucy fürchte ich mich nicht, aber ich muss an jenen denken, der sie zu dem machte, was sie nun ist. Er hat nun Zutritt zu ihrem Grab und er ist stark. Schlau ist er ebenfalls, das haben wir in jenem Spiel gemerkt, bei dem Lucys Leben der Einsatz war und das wir verloren haben. Die Untoten haben auch körperliche Kraft, sogar unsere Kraft, die wir für Lucy gaben, nennt er nun sein eigen. Er verfügt über die Wölfe und über anderes Getier. Sollte er heute Nacht kommen, wird er auf mich treffen. Ich halte es zwar für unwahrscheinlich, aber man kann nie sicher sein. Sollte mir also etwas zustoßen, nehmen Sie die Papiere, auch Harkers Tagebuch und lesen Sie sie. Dann gehen Sie auf die Suche nach dem großen Untoten. Wenn Sie ihn finden, schneiden Sie ihm den Kopf ab, verbrennen sein Herz oder durchbohren es mit einem Pfahl, damit die Welt Ruhe hat. Leben Sie wohl, wenn es denn sein müsste. Van Helsing

Dr. Sewards Tagebuch
28. September. Eine Nacht ungestörten Schlafes hat einen neuen Menschen aus mir gemacht. Gestern war ich so erschöpft, dass ich fast Van Helsings verrückten Ideen Glauben geschenkt hätte. Aber jetzt im hellen Tageslicht, sieht alles anders aus. Van Helsing selbst glaubt wohl daran. Aber es muss irgendeine natürliche Erklärung für all die mysteriösen Dinge geben. War vielleicht der Professor selbst der Täter? Hat er unter dem Zwang einer fixen Idee gehandelt? Ich kann es mir eigentlich nicht vorstellen. Trotzdem werde ich Van Helsing gründlich beobachten. Es muss doch Licht in diese verworrene Geschichte zu bringen sein!

29. September. Morgens.- Arthur und Quincey kamen, wie angekündigt, kurz vor zehn Uhr in Van Helsings Zimmer. Van Helsing sprach mit uns, richtete aber sein Hauptaugenmerk auf Arthur. Er sprach von einer schweren Aufgabe und der Hoffnung, dass wir alle ihn begleiten würden. Dann fragte er Arthur, ob dieser über den Brief erstaunt gewesen sei. "Allerdings", antwortete Arthur, der jetzt den Titel Lord Godalming führte. "Ihr Brief regte mich sehr auf. Zu viel Unglück habe ich in der letzten Zeit durchlitten. Ich kann auf Weiteres gern verzichten. Und doch haben Sie mich neugierig gemacht, Professor. Quincey und ich versuchten uns einen Reim darauf zu machen, aber wir wurden immer verwirrter."

Van Helsing warf einen Blick auf mich und sagte: "Auch John, kann sich noch keinen Reim auf alles machen." Er musste gesehen haben, dass ich wieder in meine skeptische Haltung zurück gefallen war. Dann sprach er weiter: "Ich bitte Sie, mir zu erlauben, heute Nacht alles zu tun, was ich tun muss. Es ist viel verlangt, dass weiß ich. Und es wird nur noch mehr werden, wenn Sie wissen, um was es geht. Deshalb muss ich Sie auffordern, mir blindlings zu vertrauen und die Erlaubnis ebenso blind auszusprechen. Ich bin mir bewusst, dass Sie mir vielleicht hinterher eine Zeitlang zürnen."

Quincy und Lord Godalming wechselten einen Blick. "Ich stehe für den Professor ein", sagte Quincey. Dann sprach Arthur: "Ich liebe es nicht, 'die Katze im Sack' zu kaufen, Van Helsing. Ich kann Ihnen dieses Versprechen nur bedingt geben, denn wenn Sie etwas tun, was meiner Ehre als Edelmann oder meinem christlichen Glauben zuwider läuft, muss ich es zurücknehmen. Wenn Sie mir versichern, dass Sie weder das eine noch das andere verletzen, gebe ich Ihnen meine Zustimmung, auch wenn ich nicht verstehe, wohin das alles führen soll." Van Helsing bedankt sich bei Quincey und nahm die einschränkenden Bedingungen des Lords an.

"Alles was ich von Ihnen verlange ist, dass Sie erst über meine vielleicht verdammungswürdigen Handlungen nachdenken und sie genau prüfen, ob sie im Widerspruch mit Ihren Anschauungen stehen. Und darum bitte ich Sie nun, mit mir zu kommen. Wir gehen auf den Friedhof von Kingstead, und zwar im Geheimen." Arthur erbleichte. "Was wollen wir dort?" Van Helsing antwortete: "Wir steigen in die Gruft und öffnen den Sarg." Arthur rang nach Luft. "Herr Professor. Das ist kein Scherz! Zu allen Dingen, die auch nur den Schein von Vernunft haben, bin ich bereit, aber die Schändung des Grabes von Lucy ..." Er sah den Professor hilflos an.

"Ich kann es Ihnen nicht ersparen. Es tut mir leid." Van Helsing war voller Mitleid. "Aber wenn wir nicht tun, was zu tun ist, muss die, die Ihr geliebt habt, für immer durch Dornen wandeln und durch das Feuer der Hölle gehen. Hören Sie mich an meine Herren. Sie glauben, Fräulein Lucy ist tot. Dann kann ihr ja nichts geschehen. Aber wenn sie nicht tot sein sollte -" Arthur sprang auf und unterbrach Van Helsing. "Was reden Sie denn da? Ist sie etwa lebendig begraben worden?" Er stöhnte vor Angst. "Ich habe nicht gesagt, dass sie lebt", entgegnete Van Helsing. "Ich habe gesagt, dass sie vielleicht nicht tot ist." "Was macht das für einen Unterschied?", rief Arthur. "Wir sind einem großen Geheimnis auf der Spur, meine Herren, eines, das nur das Wissen von Jahrhunderten aufklären kann. Aber ich habe noch nicht geendet. Lord Godalming, darf ich Lucy das Haupt abschneiden?"

Arthur sprang entsetzt auf. "Nein!", schrie er. "Niemals erlaube ich, dass Ihr den Leichnam verstümmelt. Warum tut Ihr das? Warum quält Ihr mich und meine Lucy so sehr? Und fragt nicht weiter. Ich verweigere jede Zustimmung, egal, was Sie tun wollen. Sie wollen Ihre Grabesruhe stören und da sei Gott vor." Van Helsing erhob sich nun ebenfalls und führte ruhig aus: "Lieber Lord, dann ist alles worum ich Sie zunächst bitte, kommen Sie mit und hören und sehen Sie. Ich werde Ihnen später dieselbe Frage wieder stellen. Vielleicht werden Sie dann noch mehr als ich wollen, dass getan wird, was getan werden muss. Und wenn nicht, dann werde ich es trotzdem tun, Ganz gleich, wie Sie dazu stehen. Ich werde mich allerdings zu Ihrer Verfügung halten, damit Sie mit mir abrechnen können, wann immer Sie es wünschen." Van Helsings Stimme versagte einen Moment. Aber er fuhr fort:

"Gehen Sie jetzt nicht im Zorn von mir. Ich habe schon oft schwere Pflichten erfüllt, aber diese hier zerreißt mir das Herz. Als Lucy noch lebte, habe ich alles versucht, um das Leid von ihr abzuwenden. Es ist mir nicht geglückt. Also muss ich nun das tun, was getan werden muss. Denken Sie nach, meine Herren. Warum füge ich mir selbst Schmerz zu? Warum mache ich mir diese Arbeit? Warum komme ich aus dem fernen Amsterdam? Und warum gebe ich - wie Sie alle - mein Blut für dieses Mädchen? Ich habe sie lieb gehabt, wie jeder von Ihnen auch. Ich wachte Tag und Nacht bei ihr und wenn mein Tod etwas nützen würde, und sie dadurch keine Untote mehr sein müsste, würde ich auch mein Leben für sie geben." Arthur war von dieser ernsten, leidenschaftlichen Rede ergriffen. Er nahm Van Helsings Hand. "Professor, es ist hart daran zu denken und was Sie sagen, verstehe ich nicht. Aber ich will mit Ihnen gehen und abwarten."





Der Klassiker DRACULA von Bram Stoker (1847-1912) wurde von Kirsten Großmann für den Lesekorb nacherzählt.

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