LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Dracula - Kapitel 10

Brief von Dr. Seward an Arthur Holmwood
6. September. Lieber Arthur! Heute habe ich keine guten Nachrichten für dich. Lucy erlitt heute Morgen einen leichten Rückfall. Frau Westenraa war in Sorge und hat mich als Arzt konsultiert, so hat das Unglück doch auch etwas Gutes. So habe ich ihr von Van Helsing erzählt, der ein großer Spezialist ist und mit dem ich beabsichtige Lucy gemeinsam zu behandeln. Nun können wir kommen und gehen ohne befürchten zu müssen, die arme alte Dame zu sehr aufzuregen. Wir sind von großen Schwierigkeiten umgeben und wir müssen neben der ärztlichen Kunst auf Gottes Hilfe vertrauen. Wenn du von mir keine Nachricht erhältst, kannst du davon überzeugt sein, dass nichts Besonderes vorgefallen ist. In Eile aber stets dein John Seward

Dr. Sewards Tagebuch
7. September. "Haben Sie ihrem Bräutigam schon etwas gesagt?", fragte Van Helsing mich, als ich ihn vom Bahnhof abholte. Ich schüttelte den Kopf. "Gut so", nickte Van Helsing. "Es ist besser, er weiß nichts. Vielleicht soll er es nie wissen. Nur wenn es sein muss, soll er es erfahren. Aber Sie, mein Freund John, lassen Sie sich warnen. Sie haben viel mit Verrückten zu tun und jeder Mensch ist ein bisschen verrückt. Ihren Verrückten erzählen Sie auch nicht, was Sie tun und was Sie denken, also behalten Sie auch hier das, was Sie erfahren, für sich. Sie und ich werden geheim halten müssen, was wir da oder dort erfahren." Er berührte mich an der Stirn und in der Herzgegend. "Ich habe mir meine Gedanken gemacht. Später werde ich Sie wohl einweihen." "Warum sagen sie mir es nicht gleich?", fragte ich. "Weil der gute Hausvater erst dann etwas zu Ihnen sagen wird, wenn er sich sicher ist. Aber ganz bestimmt nicht vorher."

Nach einer Pause fuhr er fort: "John, Sie waren immer ein aufmerksamer Student. Heute sind Sie Arzt. Als Student hatten Sie immer die vollständigsten Aufzeichnungen und ich hoffe, dass diese gute Gewohnheit in Ihnen noch lebendig ist. Das sichere Wissen ist immer stärker als die Erinnerung. Der Fall unserer lieben Lucy kann für uns von hohem Interesse werden - ich sage kann. Also merken Sie sich alles recht genau. Nichts ist nebensächlich. Legen Sie Ihre Vermutungen und Zweifel schriftlich nieder. Später ist dies vielleicht von Interesse, denn wir lernen aus unseren Fehlern, nicht aus unseren Erfolgen."

Ich beschrieb ihm die Symptome von Lucys Krankheit, die dieselben waren wie zuvor nur ausgeprägter und Van Helsing sah sehr ernst aus. Er hatte seine Arzttasche dabei, die vielerlei Instrumente und Medikamente enthielt. Frau Westenraa begrüßte uns, als wir ankamen. Sie war sehr besorgt, aber lange nicht so in Aufregung, wie wir vermutet hatten und das war gut so. Ich ordnete an, dass Sie sich von Lucy fernzuhalten habe und sich nur soweit mit deren Krankheit beschäftigen dürfe, wie es unbedingt nötig sei. Sie sagte bereitwillig zu und führte uns dann in Lucys Zimmer. Augenblicklich war ich entsetzt von Lucys Anblick. Sie war von wächserner, gespenstischer Blässe, selbst in ihren Lippen und ihrem Zahnfleisch schien kein Blut mehr zu sein. Ihre Wangenknochen standen weit hervor. Sie rang nach Luft. Van Helsings Gesicht erstarrte. Lucy war völlig kraftlos, sie konnte nicht einmal sprechen.

Van Helsing nickte mir zu und wir verließen leise das Zimmer. Dann packte Van Helsing mich am Arm und zog mich den Gang entlang in das nächste leer stehende Zimmer. Er schloss die Tür und verriegelte sie. "Wie entsetzlich", sagte er. "Wir haben keine Zeit zu verlieren. Sie hat nicht einmal mehr genug Blut in sich, um die Bewegung des Herzens zu gewährleisten. Wir müssen sofort eine Bluttransfusion vornehmen, oder sie wird sterben. Wollen Sie oder soll ich?"

Sofort stimmte ich ihm zu und bot mein Blut an. "Machen Sie sich bereit. Ich werde meine Instrumententasche holen und alles vorbereiten." Van Helsing und ich gingen die Treppe zur Halle hinunter, wo er seine Tasche abgestellt hatte. Als wir auf der Treppe waren, klopfte es an der Haustür. Das Mädchen öffnete und Arthur trat ein. Er stürzte auf mich zu und rief: "Jack, ich bin sehr besorgt. Ich bin in Todesangst. Was ist mit Lucy? Mein Vater ist etwas wohler und so konnte ich hierher eilen. Ist dies hier Doktor Van Helsing? Ich bin Ihnen dankbar, dass Sie sich um meine Lucy kümmern." Van Helsing ließ seinen Blick über Arthurs kräftigen Körper gleiten und erkannte die starke jugendliche Männlichkeit, die dieser ausströmte. Ohne zu Zögern sagte er sehr ernst: "Wenn Sie der Bräutigam sind, kommen Sie gerade zur rechten Zeit. Lucy ist krank, sehr krank. Dennoch müssen Sie nicht verzweifeln. Sie sind nämlich im Stande, etwas zu tun. Wenn Sie genug Mut haben, können Sie mehr für Sie tun als irgend jemand anderes auf dieser Welt."

Arthur schüttelte Van Helsings dargebotene Hand. Heiser antwortete er: "Sagen Sie mir, was ich tun kann, und ich werde es tun. Ich würde meinen letzten Blutstropfen für Sie geben. Sie bedeutet mir mehr als mein Leben." Der Professor, der sich trotz allem seine humoristische Ader bewahrt hatte, meinte, er brauche nicht den letzten Blutstropfen. Arthur wurde blass. "Sie meinen, ich soll ihr Blut spenden? Blut, das von mir zu ihr fließt?" Van Helsing nickte. "Sie ist krank, sehr krank. Sie braucht Ihr Blut oder sie muss sterben. Wir müssen eine Operation vornehmen. Wir nennen es Bluttransfusion. Blut aus Ihren vollen in ihre leeren Adern." Arthur erklärte sich mit allem einverstanden. So eilten wir in Lucys Zimmer hinauf. Arthur musste zunächst draußen warten. Lucy war wach aber zu schwach zum Sprechen. Van Helsing erklärte ihr mit vorsichtigen Worten, dass er eine Medizin für sie habe, die sie tapfer schlucken müsse. Gehorsam wie ein kleines Kind schluckte Lucy mühsam das Narkotikum, das Van Helsing ihr reichte. Es dauerte lange, bis es wirkte, ein Zeichen dafür, dass Lucy vollkommen erschöpft war.

Als Lucy eingeschlummert war, rief Van Helsing Arthur herein. "Während John und ich den Tisch herein tragen, können Sie sich einen Kuss holen", sagte Van Helsing. Arthur beugte sich über seine Braut. "Er ist jung und stark. Sein Blut ist rein, wir werden es nicht defibrinieren müssen", wandte sich Van Helsing an mich. Dann führte er schnell und mit vollkommener Sicherheit die Operation durch. Als die Transfusion eine Weile andauerte, schien ein Hauch von Farbe in Lucys Gesicht zurückzukehren, während Arthurs Gesicht bleicher wurde. Ich begann ängstlich zu werden, da der Blutverlust Arthur anzugreifen schien. Wie erschöpft musste dann erst Lucys Organismus sein? Van Helsing stand da und blickte unverwandt auf die Uhr. Dann sagte er mit sanfter Stimme zu Arthur: "Es ist gut. Bleiben Sie still liegen. John wird Sie verbinden, ich Lucy." Die Operation war vorbei. Arthurs Wunde war schnell verbunden. Er wirkte erschöpft und mitgenommen.

Van Helsing sagte, ohne sich umzudrehen: "Dieser brave Mann hat wohl noch einen Kuss verdient, den er sich jetzt holen darf." Und er richtete das Kissen unter dem Kopf der Patientin. Dabei verschob sich das schwarze Samtband, das Lucy mit einer antiken Diamantschließe um den zarten Hals trug. Ein roter Fleck an ihrer Kehle wurde sichtbar und Van Helsing holte laut und zischend Atem. Arthur dagegen bemerkte nichts, küsste seine Braut und wandte sich zum Gehen.

"Er soll einen Schluck Portwein trinken und noch eine Zeitlang ruhen. Dann soll er heimgehen, gut essen und viel schlafen. Sicher hat er dann das Blut rasch ersetzt, das er jetzt seiner Braut gegeben hat. Lieber Freund, Sie haben gerade noch ihr Leben retten können. Gehen Sie nun heim. Wir werden Ihnen Bericht erstatten, sobald es etwas Neues gibt. Adieu!" Van Helsing reichte Arthur die Hand und ich führte Arthur nach unten.

Als er weg war, trat ich wieder in Lucys Zimmer. Sie schlief nun und ihr Atem war kräftiger. Van Helsing beobachtete sie aufmerksam. Das Samtband bedeckte die Wunden wieder vollständig und ich fragte den Professor nach seiner Meinung die Wunden betreffend. "Was halten Sie davon?" Er erwiderte: "Was halten Sie davon?" "Ich habe die Wunden noch nicht richtig gesehen", musste ich zugeben und untersuchte die Kehle der schlafenden Lucy. Ich fand zwei punktartige Verletzungen; nicht sehr groß aber hässlich. Die Ränder waren weiß und blutleer, wie bei einer Quetschung. Waren diese Wunden Ursache des ernormen Blutverlustes? Sofort verwarf ich diesen dummen Einfall wieder. So etwas war ja gar nicht denkbar! Bei der Menge Blut, die Lucy verloren haben musste, hätten wir in ihrem Bett ganze Blutlachen finden müssen.

"Nun?", fragte Van Helsing. "Nein,", musste ich zugeben, "dazu fällt mir beim besten Willen nichts ein." Van Helsing erhob sich. "Ich muss heute noch nach Amsterdam. Ich habe dort Dinge - Bücher - die ich dringend hier brauche. Lucy aber darf keine Sekunde allein bleiben. Sie müssen die ganze Nacht hier bleiben und dürfen die ganze Zeit kein Auge von ihr lassen." "Soll ich eine Pflegerin bestellen?", fragte ich. "Auf gar keinen Fall. Sie dürfen nicht von ihrer Seite weichen. Sie dürfen auch nicht schlafen. Später, wenn ich wieder da bin, dürfen Sie ruhen. Ich werde mich sehr eilen. Wenn ich zurück bin, können wir beginnen." "Was meinen Sie? Beginnen - womit?" "Das werden Sie dann sehen, lieber Freund. Und nun muss ich fort. Achten Sie gut auf sie. Sollte ihr ein Leid geschehen, weil Sie schlafen, werden Sie es später wohl sehr bereuen." Damit eilte er aus dem Haus und ließ mich mit der kranken Lucy allein.

8. September. Wie Van Helsing angeordnet hatte, blieb ich bei Lucy. Als die Wirkung des Narkotikums nachließ, erwachte sie von allein. Sie sah wohltuend besser aus als vor der Transfusion. Sie war guter Laune und recht lebhaft. Dennoch war sie sehr schwach. Frau Westenraa sah ebenfalls nach ihrer Tochter und froh, sie wohler vorzufinden. Über den Einfall des Professors, bei Lucy zu wachen, lachte sie herzlich. Dennoch blieb ich bei meinen Vorsatz und bereitete mich auf eine schlaflose Nacht vor. Während ein Mädchen Lucy für die Nacht richtete, aß ich ein leichtes Abendessen. Danach ließ ich mich bei Lucy nieder, die keine Einwendungen machte, sondern im Gegenteil sehr dankbar wirkte.

Es dauerte nicht lange, als der Schlaf Lucy zu übermannen schien, sie aber raffte sich wieder auf und schüttelte den Schlaf ab. Dies geschah mehrere Male und ich fragte sie: "Wollen Sie denn nicht schlafen?" Sie antwortete: "Nein, denn ich fürchte ich mich davor." "Sie fürchten sich vor dem Schlaf? Aber warum denn? Schlaf ist genau das, was Sie jetzt brauchen, meine Liebe." Sie schauderte. "Ihnen geht es nicht so wie mir, bei der der Schlaf der Vorbote des Grauens ist." "Der Vorbote des Grauens? Was meinen Sie?" Da wirkte sie plötzlich sehr verzweifelt. "Ich weiß es doch nicht. Ich weiß nur, dass ich immer so elend werde, wenn ich schlafe, so dass ich mich inzwischen fürchte, einzuschlafen. Ich wage nicht einmal mehr, daran zu denken." Ich tätschelte ihre Hand. "Liebes Fräulein, heute bin ich hier, Ihren Schlaf zu bewachen. Ihnen wird nichts geschehen, denn ich bin hier. Ich verspreche Ihnen, dass nichts passiert und wenn Sie einen bösen Traum haben, wecke ich Sie sofort."

Da löste sich die Anspannung in ihrem kleinen Gesicht und sie fragte: "Das versprechen Sie mir? Das wollen Sie wirklich tun? Wie froh bin ich, dass Sie hier sind. Dann will ich schlafen." Kaum hatte sie ausgesprochen, stahl sich ein Seufzer der Erleichterung über ihre Lippen und sie schlief augenblicklich ein.

Ich wachte die ganze Nacht bei ihr. Lucy schlief tief und fest. Ihr Atem ging regelmäßig und man konnte fast sehen, wie Leben und Gesundheit in den Körper zurückkehrten. Kein böser Traum quälte sie in dieser Nacht. Am frühen Morgen kam das Mädchen und ich ließ Lucy in ihrer Obhut zurück. Ich eilte nach Hause, denn ich war auf einige Neuigkeiten sehr gespannt. Ich sendete kurze Telegramme an Van Helsing und Arthur, dann musste ich den ganzen Tag über arbeiten, da viel liegen geblieben war. Erst abends kam ich dazu, mich um meinen Zoophagen zu kümmern. Er war den vergangenen Tag und auch die letzte Nacht ruhig gewesen. Gott sei Dank! Ich saß gerade beim Abendessen, als mich ein Telegramm von Van Helsing erreichte. Er bat mich, auch die nächste Nacht in Hillingham zu verbringen. Er würde den Nachtzug nehmen und am frühen Morgen eintreffen.

9. September. Mein Hirn fühlte sich dumpf und leer an, ein untrügliches Zeichen meiner geistigen Erschöpfung. Ich hatte nun zwei Nächte kaum einige Augenblicke geschlafen und war müde und ausgebrannt. Als ich in Hillingham ankam, war Lucy aufgestanden und in bester Laune. Sie sah in welcher Verfassung ich mich befand und ordnete an: "Heute Nacht wird nicht gewacht! Es geht mir schon wieder viel besser. Heute Nacht kann ich aufbleiben und euren Schlaf bewachen."

Ich lächelte und schwieg und so gingen wir hinunter und nahmen das Abendbrot ein. Ich trank ein paar Gläser vorzüglichen Portweins und wir plauderten. Schließlich gingen wir wieder hinauf und Lucy wies mir ein Zimmer direkt neben dem ihren an, in dessen Kamin ein lustiges Feuer brannte. "Heute Nacht bleiben Sie hier", sagte sie energisch. "Sie legen sich auf das Sofa und ich lasse die Tür offen. Wenn ich etwas brauche, kann ich Sie rufen und Sie sind gleich bei mir." Mir blieb nichts anderes übrige, als zuzustimmen und ich war ja auch wirklich hundemüde. Selbst wenn ich es versucht hätte, so hätte ich nicht wach bleiben können. Und so legte ich mich auf das Sofa und ließ Lucy erneut versprechen, mich zu rufen, wenn irgendetwas sei. Dann vergaß ich alles um mich herum.

Lucy Westenraas Tagebuch
9. September. Heute Abend fühle ich mich glücklich. Ich kann mich wieder bewegen und wieder denken - welch ein köstliches Gefühl nach der entsetzlichen Schwäche der letzten Tage. Ich habe das Gefühl, dass Arthur dicht bei mir ist, so nah, wie nie zuvor. In meiner Krankheit und Schwäche habe ich ganz egoistisch nur auf mich geschaut. Nun, da die Kräfte wiederkehren, ist auch wieder Platz für Amor. Oh, Arthur! Ich denke ganz fest an dich, eigentlich müssten dir die Ohren davon klingen. Wie segensreich war die Ruhe in der vergangenen Nacht. Der teure Dr. Seward wachte treu über meinen Schlaf und auch heute Nacht muss ich mich nicht fürchten zu schlafen, denn er ist in meiner Nähe und in Rufweite. Ich bin dankbar, dass es Menschen gibt, die so gut zu mir sind. Auch Gott sei Dank dafür. Gute Nacht, Arthur!

Dr. Sewards Tagebuch
10. September. Ich erwachte, als ich des Professors Hand auf meinem Kopf spürte. "Wie geht es unserer Patienten?" Ich stand sofort auf und antwortete: "Als ich von ihr wegging, ging es ihr gut. Gestern Abend ging es ihr noch besser." "Kommen Sie mit, wir wollen nach ihr sehen." Und der Professor begab sich sofort in Lucys Zimmer. Der Vorhang war noch geschlossen und ich zog ihn langsam auf, während der Professor an Lucys Bett trat. Als das Sonnenlicht in das Zimmer flutete, hörte ich das zischende Atemholen Van Helsings und wusste sofort, dass etwas geschehen war. Mich durchfuhr ein entsetzlicher Schreck. Van Helsing rief: "Gott steh uns bei!", und deutete mit Schreck geweiteten Augen auf Lucys Lagerstatt.

In tiefer Ohnmacht lag Lucy auf ihrem Bett, bleicher und elender als je zuvor. Ihr Gesicht, sogar ihre Lippen und ihr Zahnfleisch waren weiß. Das Zahnfleisch schien sich von den Zähnen zurück zu ziehen. Van Helsings Gesicht war aschfahl und verzerrt. "Rasch!", sagte er, seine Wut bezwingend. "Versuchen wir es mit Brandy." Schnell holte ich die Karaffe aus dem Speisezimmer und er netzte Lippen, Fußsohlen, Handgelenke und Brust mit dem Alkohol. Dann - nach furchtbaren Minuten des Wartens sagte Van Helsing: "Es ist noch nicht zu spät. Ihr Herz schlägt noch. Aber die Arbeit ist umsonst gewesen und wir müssen von vorn beginnen. Arthur ist nicht hier, deshalb muss ich diesmal Sie in Anspruch nehmen." Er kramte in seinem Koffer während er sprach und holte die für die Operation nötigen Instrumente hervor.

Ich zog meinen Rock aus und krempelte die Hemdsärmel hoch. Wir begannen augenblicklich mit der Transfusion, da man Lucy kein Narkotikum hätte einflößen können. Die Zeit schien mir endlos und das Abziehen von Blut - selbst wenn man es gern gibt - ist eine unheimliche Angelegenheit. Plötzlich hob der Professor warnend den Finger. "Rühren Sie sich jetzt nicht. Es könnte sein, dass mit fortschreitender Kräftigung ihr Bewusstsein wieder kehrt. Das wäre gefährlich! Ich werde eine Vorsichtsmaßnahme treffen müssen." Und so spritzte er ihr rasch eine kleine Dose Morphium. Der Zustand der Ohnmacht ging in einen narkotischen Schlaf über und ein schwacher Schimmer von Farbe legte sich über ihre Lippen und Wangen. Ich fühlte eine persönliche Genugtuung, denn niemand, der es nicht erlebt hat, weiß was es heißt, das eigene Blut in den Körper der geliebten Frau hinüber strömen zu lassen.

Der Professor beendete die Operation und beschwor mich, Arthur nichts von der Transfusion zu sagen, da es ihn erschrecken oder eifersüchtig machen könnte. Ich trank ein Glas zu meiner Stärkung und nickte nur. Der Professor schickte mich zur Erholung auf das Sofa im Nebenraum, auf dem ich sofort einschlief. Noch im Einschlafen fielen mir Lucys Wunden wieder ein, mit den seltsamen zerfetzt aussehenden Rändern.

Lucy schlief weit in den Tag hinein und war recht stark und wohlauf als sie erwachte, aber lange nicht so wie am Vortage. Van Helsing wollte einen Spaziergang unternehmen und schärfte mir ein, Lucy unter keinen Umständen allein zu lassen. Als er ging, hörte ich ihn nach einem Telegraphenbüro fragen. Lucy und ich plauderten ein wenig und sie schien sich an die vergangene Nacht nicht erinnern zu können. Auch ihre Mutter, die später zu uns stieß, bemerkte keine Veränderung und bedankte sich überschwänglich bei mir.

Nach ein paar Stunden kehrte Van Helsing zurück. Er schickte mich nach Hause und ordnete an, dass ich ordentlich essen und trinken solle. In dieser Nacht sollte ich schlafen und Kräfte sammeln, während er bei Lucy bleiben wollte. Dann sagte er noch etwas Seltsames: "Nur wir beide werden den Fall behandeln, bester Freund. Es braucht niemand anderes davon zu wissen. Ich habe meine Gründe, glauben Sie mir. Fragen Sie nicht, noch nicht! Aber seien Sie mutig genug, auch das Unglaublichste für wahr zu halten. Gute Nacht."

Als ich ging, traf ich auf zwei Dienstmädchen, die mich anflehten, bei Lucy wachen zu dürfen. Aber ich sagte ihnen, dass nur der Professor und ich Wache hielten und sonst niemand. Ich traf bei mir zu Hause zu einem verspäteten Diner ein und machte auch sogleich einen Rundgang. Es war alles in Ordnung. Während ich dies schreibe fühle ich, wie mich der Schlaf übermannt.

11. September. Als ich heute in Hillingham ankam, war Van Helsing in bester Laune und Lucy wohlauf. Ich war noch nicht lange da, als ein großes Paket für den Professor abgegeben wurde. Als er es öffnete, kam ein großer Strauß mit weißen Blüten zum Vorschein. "Die sind für Sie, Fräulein Lucy", sagte der Professor. Lucy war sehr erfreut. "Es sind Heilkräuter", erklärte Van Helsing und als Lucy ein Gesicht schnitt, lachte er. "Nein, nein. Wir werden keinen Aufguss daraus machen. Wir legen die Blüten an Ihr Fenster und wir binden einen Kranz für Ihren Hals, damit Sie wieder in Ruhe schlafen können." Lucy hatte dem Professor aufmerksam gelauscht und sich die Blüten derweil näher angeschaut. Nun rief sie halb belustigt halb angewidert aus: "Herr Professor! Wollen Sie sich einen Scherz mit mir erlauben? Das ist doch ganz gemeiner Knoblauch!"

Van Helsing richtete sich zu seiner vollen Größe auf und sagte mit eiserner Mine: "Fräulein Lucy! Keine Scherze, beileibe nicht. In allem, was ich hier tue, liegt ein tödlicher Ernst. Widersetzen Sie sich mir nicht und nehmen Sie sich in Acht, nicht nur um Ihretwillen, sondern auch um anderer willen." Lucy erbleichte erschrocken, aber der Professor fuhr unbeirrt fort: "Wir alle wollen nur Ihr Bestes. In diesem gemeinen Knoblauch liegt eine Kraft, die Ihnen nur Gutes bringen kann. Wir legen Sie auf die Fensterbank und winden einen Kranz für Ihren Hals. Sie müssen gehorchen und dürfen keine Fragen stellen, denn Schweigen ist ein Teil des Gehorsams. Und nun John, werden wir das Zimmer hier mit den Knoblauchblüten zieren, die gerade aus Haarlem kommen, wo sie mein Freund Van der Pool das ganze Jahr über in Glashäusern zieht. Ich musste gestern telegrafieren, damit die Blüten heute hier sein konnten."

Lucy schwieg und auch ich folgte gehorsam den seltsamen Anweisungen Van Helsings, die sich sicherlich in keiner Pharmakopöe gefunden hätten. Wir verteilten die Blüten im ganzen Zimmer. Wir schlossen die Fenster und Van Helsing rieb die Rahmen sorgfältig damit ein. Das ganze Zimmer war von Knoblauchduft geschwängert als wir uns Werk vollendet hatten. Ich konnte nicht umhin zu bemerken: "Sie haben sicherlich für alles, was wir hier tun einen Grund, Herr Professor, aber das was wir jetzt tun, gibt mir wirklich Rätsel auf. Ein Spötter könnte meinen, wir versuchten es hier mit Zauberei, fast so, als wollten wir einen bösen Geist fernhalten." "Vielleicht ist es genau das, was wir tun müssen", antwortete der Professor ruhig und flocht weiter an dem Kranz, der Lucys Hals schmücken sollte.

Als Lucy ihre Nachttoilette beendet hatte, brachten wir sie zu Bett und Van Helsing legte ihr persönlich den Kranz um den Hals. Dann wies er sie an, den Kranz nicht zu verschieben und weder Fenster noch Tür zu öffnen. Lucy versprach alles und war sehr dankbar.

Van Helsing und ich verließen das Haus. Er war sich sicher, dass Lucy heute Nacht nichts zustoßen würde. Wir verabredeten, dass ich ihn am Morgen in aller Frühe aus seinem Hotel abholen sollte. Er schien voller Vertrauen während mich das Grauen packte. Hatte ich doch auch zwei Nächte zuvor den Fehler gemacht und Lucy allein gelassen. Fast hätte es sie das Leben gekostet. Wie würde es nun in dieser Nacht sein?





Der Klassiker DRACULA von Bram Stoker (1847-1912) wurde von Kirsten Großmann für den Lesekorb nacherzählt.

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