LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Die Seemannskiste

Erst jetzt erzählte ich alles meiner Mutter. Einerseits wollten wir schnell die Sachen des Kapitäns nach Geld durchsuchen, damit wir uns das nehmen könnten, was er uns schuldete. Andererseits hatten wir Angst vor seinen Schiffskameraden, vor allem vor dem Schwarzen Hund und dem blinden Bettler. Schließlich entschlossen wir uns, zusammen ins Nachbardorf zu gehen und Hilfe zu holen. Ohne zu zögern liefen wir in den kalten Nebel und den dämmernden Abend.

Meine Freude war riesengroß, als wir nach wenigen hundert Schritten die erleuchteten Fenster im Ort erblickten, aber ganz schnell verwandelte sich diese in Enttäuschung, denn keiner der Männer war bereit, mit uns zum ‚Admiral Benbow' zurückzukehren, nachdem sie von unseren Schwierigkeiten hörten.

Einige von ihnen kannten den Namen des Kapitän Flint, der mir selber vorher unbekannt gewesen war. Dieser Name flößte ihnen einen furchtbaren Schrecken ein. Manche wollten in den letzten Tagen Fremde auf der Landstraße und ein kleines offenes Boot mit Segel in der Bucht gesehen haben.

Aber auch nachdem meine Mutter eine Rede hielt und zu ihnen als Männern mit Hasenherzen sprach, bestand die einzige Hilfe für uns darin, dass ein Mann zu Doktor Livesey ritt, um bewaffnete Hilfe zu holen und dass man uns gesattelte Pferde bereit halten wollte, falls wir verfolgt würden. Mir gaben sie eine geladene Pistole für den Fall, dass wir angegriffen würden.

Mein Herz schlug heftig, als wir beide in der kalten Nacht den gefährlichen Heimweg antraten. Schnell und lautlos schlüpften wir an den Hecken entlang.

Im ‚Admiral Benbow' angekommen, schlossen wir sofort die Fensterläden, und ich bückte mich, um dem toten Kapitän den Schlüssel abzunehmen. Dabei entdeckte ich neben seiner Hand ein kleines rundes Stück Papier, das auf einer Seite geschwärzt war. Ohne Zweifel war das der Schwarze Fleck. In sauberer Handschrift stand auf der anderen Seite: "Du hast Zeit bis zehn Uhr heute Abend!"

In dem Moment begann unsere Uhr zu schlagen. Ich erschrak bei dem Geräusch, aber es war erst sechs Uhr.

Nach längerem Suchen fanden wir den Schlüssel an einem Faden am Hals des Kapitäns. Ohne zu zögern eilten wir die Treppe hinauf zu der kleinen Kammer, in der er geschlafen hatte und wo seit dem Tag seiner Ankunft die alte Seemannskiste stand.

Auf ihrem Deckel war mit einem Eisen ein B eingebrannt worden. Mutter öffnete das Schloss, und der Deckel klappte zurück. Aus dem Inneren wehte uns ein starker Geruch von Tabak und Teer entgegen. Obenauf lag ein ordentlich gefalteter Anzug aus teurem Tuch.

Darunter begann ein ziemliches Durcheinander: ein Quadrant, ein Kännchen aus Zinn, einige Pakete Tabak, zwei Paar sehr schöne Pistolen, ein Barren Silber, eine alte spanische Uhr, einige Schmuckstücke von geringem Wert, ein paar in Messing gefasste Kompasse und fünf oder sechs seltsam geformte Muscheln aus Westindien. Ganz unten lag ein vom Seesalz gebleichter Bootsmantel, den meine Mutter ungeduldig herauszog.

Dann lagen die letzten Gegenstände der Kiste vor uns: ein in Wachstuch eingewickeltes Päckchen, das Papiere zu enthalten schien und ein Beutel aus Segeltuch, der bei Berührungen den Klang von Geldstücken von sich gab.

Meine Mutter wollte sich von den Münzen genau das nehmen, was der Kapitän uns schuldete, was gar nicht so einfach war, da sie aus allen möglichen Ländern stammten.

Plötzlich schlug mein Herz bis zum Hals, denn ich hörte das Klopfen vom Stock des Blinden auf der gefrorenen Straße. Es kam näher und näher, während wir dasaßen und den Atem anhielten. Dann klopfte es laut gegen die Haustür, und wir hörten, wie die Klinke heruntergedrückt wurde. Das Scheusal versuchte die Tür zu öffnen!

Nachdem eine Weile Ruhe geherrscht hatte, fing das Klopfen wieder an, wurde aber immer schwächer. Mutter wollte auch jetzt noch weiter genau das Geld abzählen, welches ihr zustand - nicht mehr und nicht weniger. Als wir aber vom Hügel einen lang gezogenen leisen Pfiff vernahmen, war auch sie bereit, mit den bisher abgezählten Münzen zu verschwinden. Ich schnappte mir als Entschädigung das in Wachstuch eingewickelte Päckchen.

Wir tasteten uns die Treppe hinunter und liefen ins Freie, wo der Nebel schon dabei war sich aufzulösen und der Mond hell und klar auf den Weg und die Hügel schien. Als das Geräusch von eiligen Fußtritten zu uns klang und wir ein hin und her schwankendes, sich schnell näherndes Licht erblickten, wurde meine Mutter vor Aufregung ohnmächtig, und ich schleppte sie an die Böschung unter der kleinen Brücke.





Der Klassiker DIE SCHATZINSEL von Robert Louis Stevenson (1850-1894) wurde von Birgit Weiße für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Georges Roux (1850 - 1929) hergestellt.

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