LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Die weiße Robbe - Teil 2

In dieser Nacht tanzte Kotick mit den anderen Seehunden den Feuertanz. In den Sommernächten steht das Meer von Novastoshnah bis Lukannon in Flammen und jeder Seehund hinterlässt ein Kielwasser wie eine brennende Ölspur.

Nach dem Tanz liefen die Holluschickie landeinwärts zu den Plätzen für die Junggesellen. Sie wälzten sich im Wildweizen und prahlten mit ihren Abenteuern auf See. Da watschelten die drei- und vierjährigen Holluschickie vom Hügel hinunter, um mit ihren noch größeren Erfahrungen zu prahlen.

Einer spottete zu Kotick: "He, du Jährling, wo hast du diesen weißen Mantel gekriegt?" Gerade als er den Spötter umrempeln wollte, tauchten zwei schwarzhaarige Männer hinter einer Sanddüne auf. Kotick, der zu vor noch nie Menschen gesehen hatte, bellte und senkte den Kopf. Die anderen watschelten einige Meter zurück und glotzten dumm.

Die Männer waren niemand Geringerer als Kerick Booterin, der Anführer der Robbenjäger und sein Sohn Patalamon. Sie waren dabei, die Seehunde aufzulesen, die sie zum Schlachtplatz treiben wollten. Robben wurden genau wie Schafe getrieben, um sie später in Robbenfelljacken zu verwandeln.

Als die Männer die weiße Robbe erkannten, wurden sie unsicher. Sie glaubten, es handle sich hier um den Geist des alten Caharrof. Der war letztes Jahr beim großen Sturm umgekommen. Die Robbenjäger trieben trotzdem eine Gruppe von Robben landeinwärts. Hunderttausende von Robben sahen zu, doch keiner konnte Kotick erklären, was hier passierte. Die anderen wussten nur, dass schon seit vielen Jahren Menschen kamen, die immer auf die gleiche Art und Weise Robben forttrieben.

Kotick beschloss, den gefährlichen Männern zu folgen. Da rief Patalamon: "Die weiße Robbe ist hinter uns her!" Trotzdem gingen sie weiter und brachten am Ende die Robben um. Als sie am Schlachtplatz angekommen waren, ließen sie die Tiere kurz auskühlen und dann kamen zwölf Männer, jeder mit einer eisenbeschlagenen Keule. Die Männer schlugen den Robben die Schädel ein, so schnell sie nur konnten. Dann wurde ihnen das Fell von der Nase bis zu den Hinterflossen aufgeschlitzt, mit einer Bewegung abgezogen und auf der Erde gestapelt.

Kotick hatte genug gesehen. Er galoppierte zurück zum Meer und sein neuer Schnurrbart sträubte sich vor Entsetzen. Beim Seelöwenkap warf er sich ins kalte Wasser, ließ sich schaukeln und stöhnte erbärmlich. Dann erzählte er den Seelöwen, was er gesehen hatte. Die jedoch wunderten sich nicht, da sie die Machenschaften des alten Kerick schon seit dreißig Jahren kannten.

Sie brachten Kotick auf die Idee, nach einer Insel zu suchen, auf der es keine Menschen gab. So kam es, dass Kotick nach einer kurzen Ruhepause zur Walrossinsel schwamm. Das war ein kleines flaches Felseneiland, auf dem die Walrösser ganz unter sich bleiben.

Kotick landete dicht vor dem alten Seebär. "Wach auf!", bellte er dem großen, hässlichen, aufgeblähten, fleckigen Walross zu. Zum Glück schlief er gerade, da hatte er die besten Manieren. Der alte Seebär schreckte auf und weckte sogleich seinen Nachbar. Dieser tat es ihm nach, bis alle Walrosse Kotick anglotzten. Sie blickten ihn an, wie ein verschlafener Altherrenklub vermutlich einen kleinen Jungen mustern würde. Deshalb fragte Kotick laut: "Gibt es für uns Robben eine Insel, auf die die Menschen niemals kommen?"

"Such doch selber", antworteten sie unfreundlich. "Hau ab! Wir haben hier zu tun!"

Daraufhin beschimpfte Kotick den alten Seebären als Muschelfresser. Er wusste, dass der Seebär so tat, als ob er eine Furcht einflößende Persönlichkeit wäre. Dabei hatte er in seinem Leben noch nie einen Fisch gefangen; allenfalls nach Muschelseetang gegrapscht. Seebär rollte sich keuchend und grunzend vor Verlegenheit von einer Seite zur anderen.

"Frag die Seekuh", ächzte er und erklärte der weißen Robbe den Weg.

Kotick schwamm zurück nach Novastoshnah. Doch dort zeigte niemand Interesse daran, einen menschenleeren Platz zu entdecken. Als Kotick seine Enttäuschung mit seinem Vater, der alten Seeschnuppe besprach, gab er ihm folgenden Rat: "Du musst erwachsen werden. Dann gründest du deine eigene Familie und noch einmal fünf Jährchen später müsstest du stark genug sein, um dich selber durchzukämpfen."

Seine Mutter, Mathka, sagte ihm, dass er das Töten nie beenden könne. Da watschelte Kotick davon und tanzte schweren Herzens den Feuertanz. In diesem Herbst schwamm er ganz alleine los, denn er wollte die Seekuh suchen. Er beabsichtigte, unbedingt eine ruhige Insel zu finden, auf denen Seehunde leben konnten und kein Mensch ihnen was anhaben könnte.

Und so durchforschte er den Stillen Ozean von Norden bis zum Süden. Manchmal legte er bis zu 300 Meilen an einem Tag und in einer Nacht zurück. Er stieß auf viele gefährliche Fische, aber auch auf große höfliche Zeitgenossen. Der Seekuh begegnete er jedoch nicht und erst recht sah er keine Insel, die ihm gefallen hätte.

Wenn der Strand gut und fest war, mit einer Kuhle dahinter - sodass sie für Seehunde geeignet gewesen wäre, waren vor ihm schon Menschen da. Und Kotick konnte erkennen, dass sich hier das Robbenschlachten wiederholte. Er begriff, dass Menschen immer wieder an einen Ort zurückkehren, wenn sie einmal dort gewesen sind.

Fünf Jahre brauchte Kotick für seine Forschungen. Dabei machte er jedes Jahr in Novastoshnah vier Monate Ruhepause. Und jedes Mal verspotteten ihn die Holluschickie wegen seiner Inselträume.

Als er wieder unterwegs war, führte sein Weg ihn nach Norden. Auf einer Insel mit vielen grünen Bäumen traf er auf einen uralten Seehund, der im Sterben lag. Kotick erzählte ihm seine Geschichte und erklärte, dass er nun aufgeben würde. "Ich kehre jetzt nach Novastoshnah zurück, und wenn ich mit den anderen geschlachtet werde, ist es mir auch egal!", erklärt er kummervoll.

Doch der alte Seehund sagte: "Versuch es noch einmal. Ich bin der Letzte vom verlorenen Brutplatz von Masafuera. Damals, als die Menschen uns erschlugen, hat man in den Buchten eine Geschichte erzählt. Eines Tages würde eine weiße Robbe aus dem Norden kommen und das Robbenvolk an einen friedlichen Ort führen. Ich bin alt und werde den Tag nicht mehr erleben, aber andere schon."

Kotick zwirbelte an seinem Schnurrbart und erkannte, dass nur er diese Robbe sein konnte. Als er in diesem Sommer wieder nach Hause kam, bat er seine Mutter darum, mit der vorgesehenen Heirat noch ein Jahr warten zu dürfen. Und merkwürdigerweise gab es eine zweite Robbe, die das Heiraten bis zum nächsten Jahr verschieben wollte. Mit ihr tanzte er in der Nacht, ehe er zu seiner letzten Entdeckungsreise aufbrach.

Tatsächlich begegnete er diesmal der Seekuh. Er erkannte sie daran, dass sie tatsächlich noch hässlicher war, als der alte Seebär und sie hatten noch schrecklichere Manieren. Und weil Seekühe nicht sprechen können - sie verständigen sich mit einer Art plumper Morsesprache - blieb Kotick nichts anderes übrig, als der Herde zu folgen.

Es war mühselig, da die Herde nie mehr als 40 bis 50 Meilen vorankam. Koticks Laune sank so tief wie die toten Krabben. Alle paar Stunden hielten die Seekühe eine Konferenz ab und Kotick zerbiss sich fast den Schnurrbart vor Ungeduld. Als er aber bemerkte, dass sie einer warmen Wasserströmung folgten, stiegen die Seekühe wieder in seiner Achtung.

Eines Nachts ließen sie sich plötzlich durchs schimmernde Wasser sinken. Und zum ersten Mal, seit er sie kannte, begannen sie rasch zu schwimmen. Kotick folgte ihnen verblüfft. Am Fuß einer senkrechten Klippe, die tief bis zum Meeresgrund reichte, tauchten sie in ein dunkles Loch. Sie mussten eine lange Strecke durch den dunklen Tunnel schwimmen. Kotick rang mit allen Fasern seines Körpers nach frischer Luft.

Als er keuchend und schnaubend am anderen Ende des dunklen Tunnels wieder ins offene Wasser stieß, war er verblüfft. Das lange Tauchen hatte sich gelohnt. Die Seekühe grasten bereits am Rand der herrlichsten Strände, die Kotick je gesehen hatte. Meilenweit zogen sich die Felsen hin.

Hier war ein Ort, der für Robbenkinderstuben wie geschaffen schien, ebenso für den Tanz der Seehunde. Das Allerbeste war, dass hier noch nie ein Mensch gewesen war. Das hatte ihm das Wasser verraten - und das Wasser betrügt einen echten Seehund nie. Wenn es überhaupt im Meer einen sicheren Ort gibt, dann war es hier. Kein Mensch würde je über diese Klippen gelangen.

Er brauchte sechs Tage, um wieder nach Hause zu schwimmen. Als Erste traf er die Robbe, die auf ihn gewartet hatte. Sie wusste sofort, dass er endlich eine Insel gefunden hatte. Aber die Holluschickie und sein Vater lachten ihn aus. Und weil sie ihm vorwarfen, dass er noch nicht einmal um einen Brutplatz gekämpft habe, und er deshalb überhaupt nicht mitreden könne, lieferte er den anderen Robben einen heftigen Kampf. Es hat noch nie zuvor eine derartige Schlacht bei den Robben gegeben, wie Koticks Attacke auf die Brutplätze.

Da war sein Vater sehr stolz auf ihn und verkündete, dass er mit ihm auf die Insel kommen würde. Da lief ein Murmeln die Strände entlang und viele Seehunde beschlossen, dass sie mitkommen würden.

So kam es, dass eine Woche später fast zehntausend Holluschickie und alte Seehunde in Richtung Norden davonschwammen. Die Robben, die in Novastoshnah geblieben waren, nannten sie alle Narren. Als sie sich im nächsten Jahr bei den Fischbänken des Stillen Ozeans trafen, erzählten Koticks Robben solche Wunderdinge von den neuen Stränden, dass immer mehr Seehunde mit zu den neuen Stränden hinter dem Tunnel zogen.

Jahr für Jahr verließen immer mehr Seehunde Novastoshnah und Lukannon und schwammen zu den ruhigen Buchten. Dort sitzt Kotick den ganzen Sommer lang und wird immer dicker. Um ihn herum spielen die Holluschickie - auf jener Insel im Meer, auf die niemals ein Mensch gelangen wird.





Der Klassiker DAS DSCHUNGELBUCH von Rudyard Kipling (1865-1936) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt.

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