LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Pinocchio im Spielzeugland

Die Fee erlaubte Pinocchio die Einladungen selbst auszuteilen und ermahnte ihn bis zur Dunkelheit wieder zu Hause zu sein. Pinocchio versprach, in spätestens einer Stunde zurück zu sein und verabschiedete sich von seiner lieben Mutter.

Nach einer knappen Stunde waren alle Einladungen verteilt. Als die Schulkameraden hörten dass es Butterbrötchen gab, sagten alle freudig zu. Einen der Jungen mochte Pinocchio besonders gern. Er hieß eigentlich Romeo, aber alle nannten ihn wegen seiner schlaksigen Statur nur Docht.

Dieser Docht war der faulste Junge in der ganzen Schule. Pinocchio wollte ihm die Einladung bringen, aber er war nicht zu Hause. Also suchte Pinocchio überall nach seinem Freund. Unter dem Vordach eines Bauernhauses, fand er ihn schließlich.

"Was machst du hier?", fragte Pinocchio.

"Ich warte, bis es Mitternacht ist, dann werde ich von hier fortgehen."

"Du willst fortgehen? Ich habe überall nach dir gesucht, um dir meine Einladung zu bringen."

"Was für eine Einladung?"

"Weißt du denn noch gar nichts von dem großen Ereignis? Ich werde morgen aufhören eine Holzpuppe zu sein."

"Nun viel Spaß dabei. Aber du wirst wohl ohne mich feiern müssen. Ich gehe in das schönste Land auf der ganzen Welt, in ein richtiges Schlaraffenland."

"Und wie heißt dieses Land?"

"Es heißt Spielzeugland. Willst du nicht mitkommen? Zu zweit macht alles noch viel mehr Spaß."

"Ich?", rief Pinocchio, "nein, auf keinen Fall."

Docht begann nun von den Vorzügen des Spielzeuglandes zu berichten. Dort gab es keine Schulen und keine Lehrer. Man brauchte nie zu lernen und konnte den ganzen Tag spielen. Immer donnerstags war schulfrei und die Woche setzte sich aus sechs Donnerstagen und einem Sonntag zusammen. Die Ferien begannen am 1. Januar und endeten am 31. Dezember. Er erklärte Pinocchio, was für ein großer Fehler es wäre, nicht mitzukommen.

Pinocchio wiegte den Kopf, als wollte er sagen: "So ein Leben würde ich auch gerne führen!" Doch dann rief er: "Nein, nein - niemals! Ich habe es der guten Fee versprochen. Und ich werde mein Versprechen auch halten. Außerdem geht die Sonne gerade unter und ich muss bei Anbruch der Dunkelheit zu Hause sein. Also leb wohl und gute Reise!"

So leicht kam Pinocchio seinem Freund nicht davon. Er erzählte weiter: "Um Mitternacht kommt ein großer Wagen der mehr als hundert Jungen ins Spielzeugland bringt. Und es gibt dort tatsächlich nicht einen einzigen Lehrer."

Pinocchio spürte, wie er langsam schwach wurde. Die Dunkelheit war hereingebrochen und er überlegte, sich den Wagen wenigstens anzusehen. Zu spät war er sowieso schon und die Fee würde sich auch wieder beruhigen.

"Und man muss wirklich nie mehr lernen und hat das ganze Jahr Ferien?", fragte er seinen Freund Docht nochmals.

Es war eine besonders finstere Nacht und Pinocchio hatte sich so lange von seinem Freund vom Spielzeugland erzählen lassen, dass plötzlich aus der Ferne ein Licht nahte. Glocken klingelten und Trompeten schallten.

"Das ist er!", rief Docht und sprang auf. "Kommst du jetzt mit?"

"Aber ist es auch ganz bestimmt wahr, was du mir alles erzählt hast?"

"Wenn ich es dir doch sage."

"Was für ein schönes Land!"

Der Wagen kam geräuschlos angefahren, weil um seine Räder Lumpen gewickelt waren. Gezogen wurde er von zwölf Eselgespannen. Die Eselchen waren alle gleich groß, unterschieden sich nur in der Fellfarbe. Was besonders seltsam war, die Esel hatten keine Hufe, sondern trugen richtige Stiefel aus Leder.

Der Kutscher war ein Männlein - mehr breit als hoch. Weich und fettig, wie ein Stück Butter. Alle Kinder mochten ihn sofort und kletterten auf seinen Wagen, der schon voll war mit Kindern zwischen acht und zwölf Jahren.

Kaum hatte er angehalten, wandte sich der Kurtscher an Docht: "Sag, mein hübscher Junge, willst du auch mitkommen? Leider ist im Inneren kein Platz mehr!"

"Das macht nichts, ich werde es mir auf der Deichsel bequem machen", rief Docht und schwang sich rittlings darauf.

Dann fragte das Männlein unseren Pinocchio, ob er auch mitwolle.

"Nein, ich bleibe hier. Ich gehe wieder nach Hause, um in der Schule fleißig zu lernen."

"Wohl bekomm's!"

"Pinocchio", sagte Docht, "hör auf mich, kommt mit. Wir werden ein lustiges Leben führen!"

"Nein, nein, nein!"

Da schrien plötzlich einige Jungen im Innern dasselbe.

Pinocchio dachte an die gute Fee und doch spürte er, wie er weich wurde. Seine guten Vorsätze wurden immer kleiner. Als bestimmt hundert Stimmen ihn lockten, meinte er: "Rückt etwas zusammen, ich will auch noch mit."

"Leider ist drinnen kein Platz, aber du kannst auf eines der Eselchen sitzen."

Gesagt, getan. Doch das Eselchen verpasste Pinocchio einen kräftigen Schlag in den Bauch, sodass er zu Boden flog. Die Kinder lachten schallend. Das Männlein ging scheinbar liebevoll zu dem störrischen Gesellen hin, lehnte sich zu ihm, als wolle er ihm einen Kuss geben und biss ihm das rechte Ohr zur Hälfte ab.

Pinocchio stieg abermals auf und der Wagen fuhr langsam an. Aber während das Eselchen so dahingaloppierte, war es Pinocchio, als hörte eine leise Stimme, die zu ihm sprach: "Du armer Einfaltspinsel! Warum musstest du unbedingt deinen Kopf durchsetzen. Das wist du noch bereuen."

Niemand war zu erkennen. Woher war die Stimme gekommen? Langsam schliefen alle Kinder ein, nur der Kutscher sang ein Lied und steuerte den Wagen. Da erklang wieder diese Stimme: "Du wirst ein rechter Dummkopf werden. Wer nichts lernt, wird ein schlimmes Ende nehmen. Ich habe es am eigenen Leib erfahren. Es kommt der Tag, da wirst du weinen, so wie ich es heute tue… Aber dann ist es zu spät."

Bei diesen Worten erschrak Pinocchio sehr und sprang vom Rücken des Reittiers herunter. Er trat zu dem Eselchen und griff nach seinem Maul. Denkt euch, wie er erschrak, als er erkannte, das es weinte… ganz so wie ein Kind! Er machte den Kutscher darauf aufmerksam, aber der beruhigte ihn mit seiner sanften Stimme und Pinocchio sprang ohne Widerrede wieder auf.

Früh am Morgen erreichten sie das Spielzeugland. Es glich keinem anderen Land. Dort lebten ausschließlich Kinder. In den Straßen herrschte Fröhlichkeit, Lärm und Geschrei. Es war ein solches Getöse, dass man sich Watte in die Ohren stopfen musste, um nicht taub zu werden.

Überall standen Theaterzelte, die voll mit Kindern waren. Pinocchio, Docht und die anderen, stürzten sich ins Getümmel und nach wenigen Minuten hatten sie bereits neue Freundschaften geschlossen. Wo konnte man glücklicher sein?

Bei Spiel und Spaß und ununterbrochenem Vergnügen vergingen die Stunden, die Tage und die Wochen wie im Flug. "Oh, was für ein schönes Leben", sagte Pinocchio jedes Mal, wenn er Docht zufällig traf.

"Siehst du, ich hatte Recht. Und du wolltest gar nicht mitkommen!"

Fünf Monate dauerte nun schon dieses herrliche Schlaraffenland. Da erwachte Pinocchio eines Morgens und erlebte, wie man so schön sagt, eine böse Überraschung, die ihm die Laune gründlich verdarb.





Die Geschichten von PINOCCHIO von Carlo Collodi (1826-1890) wurde von Gabi Müller für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Carlo Chiostri (1863-1890) hergestellt.

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