LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Das Baskerville-Geheimnis

An einem rauen und trüben Novemberabend saßen Holmes und ich vor dem Kamin unseres Wohnzimmers in der Baker Street. Seit den tragischen Ereignissen auf Baskerville Hall hatte Holmes sich mit zwei neuen, ausnehmend wichtigen Fällen beschäftigt. Er war zufrieden und in angeregtester Laune, ob der glücklichen Lösung dieser rasch aufeinander folgenden Fälle.

Geduldig hatte ich auf eine Gelegenheit gewartet, bei der mein Freund nachträglich die Details des Baskerville-Geheimnisses mit mir erörtern würde. Holmes verweilte nach der Lösung eines Falles nie in der Vergangenheit. Auch ließ er sich nie durch Erinnerung an frühere Fälle von dem, den er gerade löste, ablenken.

Jedoch ergab es sich, dass Sir Henry und Dr. Mortimer vor Beginn ihrer langen Reise, die Sir Henry zur Genesung seiner erschütterten Nerven empfohlen worden war, in London weilten. Sie hatten uns an diesem Nachmittag besucht und so begab es sich ganz natürlich, dass wir auf den Fall Baskerville zu sprechen kamen.

"Die Folge der Ereignisse war aus Stapletons Sicht gerade und natürlich", begann Holmes. "Inzwischen habe ich zweimal mit Mrs. Stapleton gesprochen. Deshalb ist der Fall für uns nun restlos aufgeklärt."

"Wäre es möglich, dass Sie mir den Gang der Ereignisse zusammenfassen?"

"Gerne, obwohl es mir ohne meine Notizen schwer fällt. Jeder meiner Fälle verdrängt den Vorangegangenen - so sind meine Erinnerungen an Baskerville Hall etwas verschwommen. Dennoch, meine Nachforschungen haben ergeben, dass dieser Schurke, namens Stapleton, tatsächlich ein Baskerville war. Er war der Sohn von Rodger Baskerville, Sir Charles' jüngstem Bruder, der nach Südamerika floh, einen überaus schlechten Ruf genoss und angeblich unverheiratet starb."

Holmes erzählte mir im Laufe dieses Abends, dass dieser Sohn Baskervilles aber doch verheiratet war und einen Sohn hatte. Dieser heiratete Beryl Garcia, eines der schönsten Mädchen von Costa Rica. Nachdem er große Summen öffentlicher Gelder veruntreut hatte, kehrte er nach England zurück - unter dem Namen Vandeleur. Hier eröffnete er im Norden eine Schule. Auf der Überfahrt hatte er die Bekanntschaft eines Lehrers gemacht, der bereits etwas kränklich schien und dessen Begabung im von großem Nutzen war. Als dieser Lehrer dann starb, war der anfänglich sehr gute Ruf dieser Schule gefährdet und wurde immer schlechter, bis sie geschlossen wurde.

Nun änderten die Vandeleurs ihren Namen noch einmal und nannten sich von nun an Stapleton. Sie zogen mit dem Rest ihres Vermögens nach Südengland um, mit dem Plan, dass Stapleton künftig seiner Liebhaberei für Naturforschung nachginge. Im British Museum galt er als eine anerkannte Autorität in Schmetterlingskunde.

Im Laufe der Zeit hatte Stapleton herausgefunden, dass nur zwei Menschen zwischen ihm und einem großen Grundbesitz standen. Anfänglich hatte er vermutlich noch keinen großen Plan gefasst, aber Übles hatte er schon damals im Sinn. Nur deshalb musste seine Frau sich als seine Schwester ausgeben. Vermutlich hatte er schon eine vage Vorahnung, dass er sie noch als Lockvogel benutzen wollte.

Sein erster Schritt war, sich mit Sir Charles und allen übrigen Nachbarn anzufreunden. Ab dem Moment, als der Baronet ihm die Geschichte des Familiengespenstes erzählte, befand sich dieser in Todesgefahr. Stapleton wusste, dass der alte Mann ein schwaches Herz hatte. Außerdem war es kein Geheimnis, dass Sir Charles diese böse Familienlegende sehr ernst nahm. Damit begannen die Vorbereitungen auf jenes üble Verbrechen.

Als Erstes kaufte Stapleton sich einen Hund. Es war der bösartigste und kräftigste Hund, den die Tierhandlung besaß. Damit niemand ihn sah, machte Stapleton zu Fuß einen großen Umweg über das Moor. Im Laufe seiner Ausflüge aufs Moor hatte er den Pfad im Grimpensumpf entdeckt und damit ein sicheres Versteck für sein böses Tier gefunden.

Da der alte Mann sich jedoch strikt weigerte, sein Schloss des Nachts zu verlassen, musste Stapleton in seine Trickkiste greifen. Erst versuchte er es über seine Frau, die aber nicht dazu zu bewegen war, bei dem alten Herrn Gefühle hervorzurufen, um ihn dann in die Hände des Bösen zu geben. Sie widerstand allen Drohungen und Misshandlungen, sodass Stapleton viel Zeit verlor.

Der Ausweg bot sich ihm mit Mrs. Laura Lyons. Die unglückselige Geschichte dieser Frau, die glaubte, dass Stapleton sie nach der Scheidung von ihrem Mann heiraten würde. Als Stapleton erfuhr, dass Sir Charles auf Anraten von Dr. Mortimer sein Schloss für einige Zeit verlassen wollte, musste er schnell handeln. Er überredete Mrs. Lyons, diesen Brief zu schreiben, gab ihr hinterher einen Grund, doch nicht zu dem vereinbarten Treffen zu gehen. So bekam er die Gelegenheit, auf die er so lange gewartet hatte.

Gegen Abend kehrte er aus Coombe House zurück und die Zeit reichte noch, seine Bestie mit dieser Höllentinktur einzureiben. Er führte sie zur Pforte, und als der alte Sir Charles das leuchtende Ungeheuer erblickte, nahm das Unglück seinen Lauf. Er lief schreiend die Eibenallee hinunter, auf dem Weg, der Hund jagte hinter ihm her, auf dem Rasen. Deshalb gab es keine Spuren. Nur einen Fußtritt hatte Dr. Mortimer erkannt, da musste sich der Bluthund dem am Boden liegenden Sir Charles genähert haben. Stapleton pfiff seinen Hund zurück und versteckte ihn wieder im Moor.

Stapletons Frau und auch Mrs. Laura Lyons schöpften ab diesem Abend Verdacht. Beide Frauen standen jedoch unter seinem überaus großen Einfluss, deshalb fürchtete er von dieser Seite nichts.

Dann erfuhr Stapleton durch Dr. Mortimer von der Ankunft Sir Henry Baskervilles. Vermutlich wusste er bis dahin noch nichts von einem weiteren Erben. Er hatte vor, diesen Störenfried noch vor seiner Ankunft in Devonshire aus dem Weg zu schaffen. Deshalb reiste er nach London, seine Frau nahm er vorsichtshalber mit, da sie sich zu sehr gegen ihn aufgelehnt hatte.

In London verkleidete er sich mit dem Bart und beschattete uns. Als er merkte, dass wir beide ins Spiel kamen, änderte er seine Pläne. Er beschaffte sich einen Schuh, um seinen Hund auf die Fährte hetzen zu können. Leider ging dies beim ersten Mal schief, weil der Schuh noch unbenutzt war. Deshalb beschaffte er sich noch den getragenen Stiefel und gab den Neuen zurück. Dieser Zwischenfall war für mich sehr lehrreich und er überzeugte mich davon, dass wir es mit einem richtigen Bluthund zu tun hatten. Außerdem ist meine Methode die: Je absonderlicher ein Zwischenfall scheint, desto genauer muss ich den Spuren nachgehen.

Stapleton war ein gefährlicher und vor nichts zurückschreckender Mann. Vermutlich hatte er bereits verbrecherische Erfahrung. Nicht umsonst besaß er die Frechheit, mir durch den Kutscher meinen eigenen Namen zurückzuschicken.

Ich fragte zwischendurch: "Und wer kümmerte sich um seinen Hund, während er sich mit seiner Gattin in London aufhielt?"

Auch hierfür hatte Holmes eine Erklärung. In Merripit House lebte ein alter Diener namens Anthony. Er war bereits seit vielen Jahren im Dienst der Stapletons und hatte sie schon von Nordengland in den Süden begleitet. Er musste die Vorgeschichte der Stapletons kennen und Holmes hatte diesen Mann einmal beobachtet, wie er den Fußweg über den Sumpf genommen hat. Daher war anzunehmen, dass er sich in Stapletons Abwesenheit des Tieres angenommen hatte; vermutlich, ohne zu wissen, zu welchem Zweck dieser Bluthund dort gehalten wurde.

Holmes erklärte mir seine damaligen ersten Eindrücke zu dem Fall. Er erinnerte sich an den Bogen Papier, mit den aufgeklebten Worten. Ihm war aufgefallen, als er das Papier genauer untersuchte, dass es nach Jasmin duftete, ganz schwach. Von nun an hatte er die Stapletons in Verdacht.

Stolz verkündete er: "Ich hatte also bereits Gewissheit über die Anwesenheit dieses Hundes und Verdachtsgründe gegen den mutmaßlichen Mörder, ehe ich nach Devonshire ging. Deshalb musste ich Stapleton beobachten, was ich natürlich nicht von Baskerville Hall aus tun konnte. Nur aus diesem Grund musste ich alle täuschen - Sie inbegriffen. Cartwright war mir dabei eine große Hilfe. Ich beobachtete Stapleton und Cartwright beobachtete Sie, während er mich mit Essen und reiner Wäsche versorgte. So hatte ich alle Fäden in der Hand.

Leider stifteten das Ausbrechen des Sträflings und der Zusammenhang mit den Barrymores Verwirrung. Aber das haben Sie ja restlos aufgeklärt. Allerdings fehlten uns trotz der gehäuften Vorkommnisse immer noch handfeste Beweise. Deshalb mussten wir Stapleton auf frischer Tat ertappen. Dazu mussten wir den armen Sir Henry größter Gefahr aussetzen. Doch um den Preis eines schweren Nervenschocks, den unser Klient erlitten hat, konnten wir Stapleton zu seinem Ende bringen. Dr. Mortimer versicherte mir, dass die bevorstehende lange Reise alles wieder gutmachen würde."

Nun hatte Holmes alles Wichtige erwähnt. Trotzdem hatte ich noch eine Frage: "Wie hätte Stapleton denn wohl die Erbschaft einfordern wollen, ohne Verdacht zu erregen?"

"Dazu habe ich seine Frau befragt. Sie meinte, dass er dazu drei Möglichkeiten in Erwägung gezogen hätte. Er konnte nach Südamerika fahren, von dort aus seine Erbansprüche anmelden, seine Identität von den englischen Behörden feststellen lassen und sich den Besitz des Vermögens aneignen, ohne jemals wieder englischen Boden betreten zu haben. Oder, er hätte sich während eines Aufenthaltes in London verkleidet; oder, er hätte einem Komplizen die notwendigen Papiere übergeben, damit der die Geschäfte für ihn abwickeln konnte. Nach dem, was wir von ihm wissen, hätte er zweifellos einen Ausweg gefunden.

Und nun, mein lieber Watson, haben wir einige arbeitsame, aufregende Wochen hinter uns. Meinen Sie nicht auch, dass wir eine Erholung verdient haben? Deshalb habe ich für uns eine Loge im Theater reservieren lassen. Darf ich Sie einladen, in einer halben Stunde bereit zu sein - speisen können wir unterwegs bei Marcini."


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Der Klassiker DER HUND VON BASKERVILLE von Sir Arthur Conan Doyle (1859 - 1930) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Richard Gutschmidt (1861-1926) hergestellt.

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