LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Huckleberry und Tom gestehen die Wahrheit

Bereits vor dem Frühstück war Onkel Silas auf dem Weg ins Städtchen. Er fand wieder keine Spur von Sid. Tante Sally und er sahen sehr betrübt aus. Sie ließen ihren Kaffee kalt werden und aßen nichts. Da sagte der Onkel auf einmal: "Habe ich dir eigentlich den Brief gegeben, den aus St. Petersburg von deiner Schwester?"

"Nein, du hast mir keinen Brief gegeben", erwiderte sie ganz aufgeregt.

Er suchte all seine Taschen durch und holte ihn schließlich von irgendwo, wo er ihn hingelegt hatte. Ich wusste sofort, dass es wieder einmal Zeit für einen Spaziergang war. Ehe Sally aber den Brief geöffnet hatte, ließ sie ihn fallen und lief fort. Sie hatte Tom Sawyer auf einer Bahre gesehen. Der alte Doktor und Jim, die Hände auf dem Rücken gefesselt, begleiteten ihn. Ich versteckte rasch den Brief und stürzte raus. Die Tante warf sich weinend über Tom.

Als sie merkte, dass er noch lebte, war sie sehr erleichtert. "Mehr verlange ich gar nicht.", seufzte sie.

Ich ging hinter den Leuten her und schaute zu, wie sie Jim wieder in seine Hütte brachten. Sie ketteten ihn wieder fest, fesselten ihn an Händen und Füßen und sagten ihm, dass er nach dieser Geschichte nur Wasser und Brot zu erwarten hätte. Natürlich schütteten sie auch unser Loch zu und während der Nacht sollten immer ein paar Farmer mit Flinten Wache stehen. Tagsüber wollten sie dann eine Bulldogge festbinden.

Der Doktor nahm Jim in Schutz. Er lobte vor allem seine Hilfsbereitschaft, als es um Toms Verletzungen ging. Jim hätte seine Freiheit in Gefahr gebracht und vorbildlich assistiert. Er hätte noch nie im Leben einen Neger gesehen, der ein so guter und treuer Krankenpfleger war. "Er ist kein schlechter Kerl, meine Herren.", schloss er seine Lobeshymne.

Da waren die Leute besänftigt. Doch die Ketten nahmen sie Jim trotzdem nicht ab. Ich hielt es aber für besser, vorläufig nichts zu sagen. Erst wollte ich Tante Sally die Erzählung des Doktors stecken. Aber die war Tag und Nacht im Krankenzimmer.

Am nächsten Morgen hörte ich, dass es Tom schon viel besser ging. Als Tante Sally sich zu einem Nickerchen zurückzog, schlich ich ins Krankenzimmer. Falls Tom wach war, wollte ich mit ihm was aushecken und der ganzen Familie einen Bären aufbinden. Aber Tom schlief ganz ruhig. Nach einer Weile kam Tante Sally dazu. Sie sagte, dass es um Sid wieder sehr gut stünde.

Wir warteten, bis er sich endlich ein bisschen bewegte. Er fragte gleich nach Jim und ob ich Tante Sally alles erzählt hätte. Da hatte ich den Salat. Bevor ich einschreiten konnte, begann Tom, Tante Sally die ganze Geschichte zu erzählen. Wie wir den Neger befreit hätten, dass wir alle Sachen geklaut hatten, die Inschriften und das Loch in der Hütte - eben alles.

Tante Sally bebte vor Wut. Die ganze Angst, die sie durchlebt hatte. Sie drohte uns mit Prügel. Sie konnte sich nicht mehr beruhigen.

Tom war so stolz auf seine Heldentat, dass er gar nicht mehr aufhören konnte. Tante Sally unterbrach ihn. Erst jetzt verstand Tom, dass Jim wieder in Gefangenschaft war. Er schrie: "Dazu habt ihr kein Recht! Er ist kein Sklave, er ist frei."

"Was meinst du damit?", fragte Tante Sally.

"Die alte Miss Watson ist vor zwei Monaten gestorben. Und weil sie sich so furchtbar geschämt hat, dass sie Jim hat überhaupt verkaufen wollen, hat sie ihm die Freiheit geschenkt. In ihrem Testament. Jawohl."

"Aber weshalb hast du ihn dann befreien wollen?", fragte sie verständnislos.

"Das kann jetzt nur eine Frau fragen. Ich wollte doch das Abenteuer erleben und mal bis zu den Knöcheln in Blut waten…! Tante Polly!"

Wirklich und wahrhaftig, da stand Tante Polly mitten in der Tür. Wie ein Engel, lieb und sanft. Tante Sally flog ihr um den Hals und weinte. Ich suchte mir derweilen unterm Bett ein Plätzchen. Jetzt konnte die ganze Sache brenzlig werden für uns.

Und tatsächlich. Tante Polly erkannte natürlich, dass der Junge im Bett Tom war und nicht Sid. Und vor allem entlarvte sie mich: Huck Finn. Ich habe noch nie einen Menschen so verblüfft gesehen wie Tante Sally. Obwohl, Onkel Silas war ebenso verblüfft, als er die Geschichte erzählt bekam.

Tante Polly erzählte haarklein, wer und was ich wäre. Ich musste auch erzählen, weshalb ich in der Klemme steckte. Doch Tante Sally war mir nicht wirklich böse, sie bot mir sogar an, sie weiterhin Tante Sally zu nennen. Ich fuhr also fort und gestand alles.

Tante Polly bestätigte, dass Jim laut Miss Watsons Testament ein freier Mann wäre. Als sie aber die Briefe von Tante Sally bekommen hatte, in denen geschrieben stand, dass Tom und Sid gut angekommen waren, da wäre sie etwas verwirrt gewesen. Deshalb war sie überhaupt erst gekommen. Denn Tante Sally hätte auf die vielen Briefe, die sie geschrieben hätte, gar nicht geantwortet.

Sie hatte natürlich keine Briefe bekommen. Tante Polly wusste gleich was los war; sie blickte Tom an und sagte: "Los, wo sind sie. Gib die Briefe her!"

Da zeigte Tom auf die Truhe. Kleinlaut gab er zu, dass er sie alle reingetan hätte, ohne sie zu lesen. Er hatte Angst davor, dass er Unannehmlichkeiten bekommen würde. Tante Polly sagte: "Aber den dritten Brief, den hast du doch bekommen, oder?"

"Aber ja, gestern. Ich habe ihn noch nicht gelesen. Aber den habe ich."

Na ja, ich hätte ruhig um zwei Dollar wetten können, dass sie ihn nicht hatte; aber ich dachte, es ist besser, wenn du kein Wort sagst.





Der Klassiker HUCKLEBERRY FINN von Mark Twain (1835-1910) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Edward Windsor Kemble (1861-1933) hergestellt.

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