LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Das Weinen auf dem Flur

Tag für Tag ging Mary nun in die Gärten, es gab sonst auch nichts, womit sie sich hätte beschäftigen können. Sie bemerkte nicht, dass sie vom rauen Wind, der vom Moor her blies, rote Wangen bekam und sie jeden Tag ein bisschen kräftiger wurde.

Eines Morgens wachte sie auf und hatte zum ersten Mal in ihrem Leben einen knurrenden Magen. Sie hatte den Haferbrei sonst jeden Morgen beiseite geschoben, aber heute aß sie ihn bis ihre Schüssel leer war.

Martha, die immer während Marys Frühstück deren Zimmer säuberte, sah dass Mary aufgegessen hatte und lobte sie. Mary wunderte sich über sich selbst und meinte, heute habe ihr der Brei gut geschmeckt. "Das kommt von der Moorluft, die macht hungrig", sagte Martha. Sie solle nur immer nach draußen gehen, dann würde sie ein wenig zunehmen und nicht mehr so gelb aussehen.

Wenn Mary in den Gärten war, spielte sie nicht, wie andere Kinder in ihrem Alter es vielleicht getan hätten. Sie sah sich nur um, sonst gab es nichts, was sie tun konnte. Manchmal sah sie Ben Weatherstaff, aber er war so in seine Arbeit vertieft, dass er sich nicht mit ihr beschäftigte.

Eine bestimmte Mauer fiel Mary auf und an dieser spazierte sie oft entlang. Hier war der Efeu besonders dicht und es war nichts beschnitten, wie an den anderen Mauern. Als Mary wieder einmal vor dieser Mauer stand und den wild wuchernden Efeu betrachtete, hörte sie auf einmal ein leises Zirpen. Sie sah nach oben und entdeckte das Rotkehlchen, das sie mit schiefgelegtem Kopf ansah.

"Da bist du ja!", freute Mary sich und der Vogel antwortete ihr mit einem fröhlichen Zwitschern. Er hüpfte aufgeregt zwitschernd die Mauer entlang und schien sich auch zu freuen, Mary zu sehen. Es kam Mary so vor, als wenn er ihr etwas erzählen wollte. Mary hüpfte hinter ihm her und trällerte und tat so, als ob sie fliegen würde.

Plötzlich schwang der Vogel sich auf, setzte sich auf die Baumkrone jenseits der Mauer und sang aus voller Kehle. Da erinnerte Mary sich daran, dass der Vogel genau dies bei ihrer ersten Begegnung getan hatte und dachte, dass dies der geheime Garten sein müsste, nur von einer anderen Seite gesehen. Das Rotkehlchen musste darin wohnen! Mary wollte den Garten unbedingt sehen.

Sie lief an der Gartenmauer entlang um den Garten herum und bemerkte, dass der Baum, in dem der Vogel immer noch saß, auch von dieser Seite aus gut zu sehen war. "Das ist der verbotene Garten, ich bin mir sicher.", dachte Mary. Sie lief noch einmal die Mauer ab und suchte das Tor zum Garten, aber es schien einfach keines zu geben.

"Es muss doch ein Tor geben. Es ist sehr seltsam. Vor zehn Jahren sind hier Menschen hinein und hinaus gegangen und Mr. Craven hat dann den Schlüssel vergraben, also muss es doch ein Tor geben!", überlegte Mary.

Das Geheimnis um den Garten, der kein Tor hatte, ließ Mary nicht los. Es beschäftigte sie so sehr, dass sie vergaß, dass sie eigentlich gar nicht in Misselthwaite wohnen mochte. Sie gewöhnte sich auch an Martha und daran ihr zuzuhören, denn sie plauderte viel.

Eines Abends fragte Mary Martha nach dem Grund dafür, dass Mr. Craven den Garten hasste, aber Martha wich ihr aus und sprach über den fürchterlichen Wind, der um das Haus fegte. Als Mary nicht locker ließ, sagte Martha, dass sie nicht über solche Sachen mit Mary sprechen dürfe. Mrs. Medlock habe es ihr verboten. Es gäbe viele Dinge, über die nicht gesprochen werden dürfe, weil Mr. Craven es verboten habe.

"Aber der Garten hat wirklich Mr. Cravens Frau gehört. Sie hat dort Blumen gepflanzt und sie haben sich zusammen um ihn gekümmert.Die Beiden verbrachten oft ganze Tage in dem Garten, lasen und redeten, und ließen meist nicht einmal einen Gärtner hinein.

Es gab dort einen alten Baum, an dem Mr. Cravens Frau Kletterrosen hochzog. Sie hatte dort einen Sitzplatz oben im Baum. Eines Tages brach der Ast und am nächsten Tag starb sie, weil die Verletzungen so schwer waren. Mr. Craven ist vor Traurigkeit fast wahnsinnig geworden. Seit diesem Tag ist niemand mehr in den Garten hinein gegangen und er erlaubt auch nicht, dass jemand davon spricht."

Nach dieser Erklärung aus Marthas Mund schwieg Mary. Es war das vierte Mal seit sie nach Misselthwaite gekommen war, dass sie ein Gefühl bekam, was sie vorher nicht gekannt hatte. Erst war das Rotkehlchen ihr Freund geworden, dann war sie im Wind gerannt, bis sie warm wurde. Als drittes hatte sie zum ersten Mal Hunger gespürt. Und nun fühlte sie zum ersten Mal Mitleid mit einem Menschen.

Der Wind pfiff unaufhörlich um das Anwesen während Mary über das eben Gehörte nachdachte. Aber plötzlich war ihr, als wenn sie durch den Wind noch ein anderes seltsames Geräusch hörte. Es hörte sich so an als ob ein Kind weinte. Im Haus schien irgendwo ein Kind zu weinen.

"Hörst du das, Martha? Da weint jemand", sagte Mary.

Den Blick, den Martha ihr zuwarf, konnte Mary nicht deuten, es lag etwas seltsames in ihm. "Da weint niemand. Es ist der Wind", beeilte Martha sich zu sagen.

"Doch, jetzt ist das Weinen noch lauter geworden, ganz bestimmt weint dort jemand", widersprach Mary.

Da lief Martha zur Zimmertür, warf sie zu und schloss ab.

Martha versuchte, Mary zu beschwichtigen, in dem sie darauf bestand, dass es der Wind gewesen war, der geheult hatte. Oder es müsse eine Küchenhilfe gewesen sein, die schon den ganzen Tag Zahnschmerzen gehabt hätte, behauptete sie. Aber Mary glaubte ihr nicht, Martha benahm sich plötzlich ganz anders und Mary war sich sicher, dass irgend jemand in dem großen Haus geweint hatte.

Als sie am nächsten Tag aus dem Fenster sah, musste sie feststellen, dass es wie aus Eimern regnete. Sie wusste nun überhaupt nicht, was sie tun sollte. In ihrem Zimmer gab es kein Spielzeug und Bücher hatte sie auch keine. Martha erwähnte eine Bibliothek, in die Mary aber leider nicht hinein dürfe. Mary beschloss, diese Bibliothek heimlich zu suchen.

Als Martha weg war, schlich sie sich in den Korridor vor ihrer Zimmertür und begann ihren Rundgang. Es würde niemand bemerken, weil sich außer Martha niemand um sie kümmerte und sie nur pünktlich zu den Mahlzeiten in ihrem Zimmer zu sein brauchte.

Es war beeindruckend. Unzählige Türen befanden sich auf dem Korridor, an den ein anderer Flur anschloss. Hier ging es eine Treppe hinauf und Mary war auf dem nächsten Korridor angelangt. Auch hier befanden sich sehr viele Türen und an den Wänden hingen Gemälde, aus denen seltsam gekleidete Menschen auf Mary herab schauten. Mary fragte sich, wer all diese Menschen waren.

Als sie weiter durch die Gänge streifte, kam sie in eine Galerie, in der Porträts von Kindern zu sehen waren und sie fühlte sich ganz komisch beim Betrachten der Bilder. So, als wäre vor ihr noch nie jemand hier gewesen. So, als wäre außer ihr niemand in diesem großen, dunklen Haus. "Es gibt doch aber so viele Zimmer, es muss doch mal jemand hier gelebt haben.", dachte Mary.

Sie hatte noch keine einzige der unzähligen Türen geöffnet, bis sie im zweiten Stock auf die Idee kam, es einfach einmal auszuprobieren. Sie hatte damit gerechnet, dass das Zimmer abgeschlossen sein würde, aber der Türknauf ließ sich ohne Widerstand drehen und die Tür öffnete sich. Mary stand in einem Schlafzimmer.

Nun wollte Mary mehr Zimmer sehen und machte sämtliche Türen auf. In einem Raum entdeckte sie eine Vitrine, in der viele kleine, handgeschnitzte Elefanten standen. Mit ihnen spielte Mary eine Weile. Als sie keine Lust mehr hatte, mit ihnen zu spielen, stellte sie sie wieder in die Vitrine und wanderte weiter durch die Flure.

Bis auf eine Maus, die für ihre Jungen ein Nest in einem der Samtkissen eines Sofas gebaut hatte, war sie niemandem begegnet und hatte nicht einmal ein Geräusch gehört. Alles schien wie ausgestorben.

Mary beschloss, ihre Wanderung durch die Korridore zu beenden und in ihr Zimmer zurückzukehren. Das stellte sich als nicht ganz einfach heraus. Sie verlief sich ein paar Mal, bis sie endlich den richtigen Flur gefunden hatte, auf dem ihr Zimmer lag.

Aber als sie den langen Korridor herunter ging, hatte sie auf einmal das Gefühl, hier vielleicht doch nicht richtig zu sein. "Bin ich etwa schon wieder in die falsche Richtung gegangen?", murmelte sie vor sich hin, als plötzlich ein gellender Schrei die Stille zerriss. Mary hörte, wie ein Kind herzerweichend jammerte.

Heute war es viel näher, als am Abend, an dem sie das Weinen zum ersten Mal gehört hatte. Marys Herz pochte laut. Sie stand vor einem Wandteppich, auf den sie ihre Hand legte. Sie erschrak und zuckte zusammen, denn der Teppich gab nach. Dahinter befand sich ein Korridor, der von dem Wandteppich verdeckt worden war.

Als Mary in den Flur sah, entdeckte sie Mrs. Medlock, die mit einem Schlüsselbund in der Hand wutschnaubend auf sie zukam.

"Was tust du hier?", fuhr sie Mary an.

"Ich hab mich verlaufen",sagte Mary."Ich fand den Weg zu meinem Zimmer nicht und ich hörte jemanden weinen."

"Gar nichts hast du gehört und jetzt gehst du schnurstracks in dein Zimmer!", sagte Mrs. Medlock zornig und fasste Mary fest am Arm und schleifte sie in ihr Zimmer. "Hier wirst du bleiben, sonst werde ich dich einsperren!", bestimmte sie und schlug die Tür zu.

Wütend mit den Zähnen knirschend und bleich vor Ärger hockte Mary vor dem Kamin. Sie wusste es, es hatte jemand geweint. Sie hatte es heute schon zum zweiten Mal gehört und sie war fest entschlossen, herauszufinden, was es damit auf sich hatte.

Sie hatte heute schon vieles geschafft, sie hatte etwas zum Spielen gefunden, die geschnitzten Elefantenfiguren. Und sie hatte die Maus mit ihren Kindern in dem Samtnest gesehen. Sie würde schon noch dahinterkommen, was das Weinen zu bedeuten hatte.





Der Klassiker DER GEHEIME GARTEN von Frances Hodgson Burnett (1849-1924) wurde von Miriam Bröckling für den Lesekorb nacherzählt.

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