LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Die Jagd

Im Frühjahr, bevor ich zwei Jahre alt wurde, ereignete sich etwas Unvergessliches. In der Nacht zuvor war es noch gefroren. Leichte Nebelschwaden lagen über den Wiesen. Gemeinsam mit den anderen Fohlen graste ich auf unserer Weide, als aus der Ferne Hundegebell erklang.

Wir spitzten die Ohren und das älteste Fohlen erkannte: "Es sind Jagdhunde!" Es galoppierte uns voran auf den oberen Teil der Wiese. Über die Hecke hinweg beobachteten wir die benachbarten Felder. Das alte Reitpferd unseres Herrn und meine Mutter standen bereits dort und wussten genau, um was es ging.

"Sie haben einen Hasen aufgespürt", rief meine Mutter, "vielleicht geht die Jagd hier entlang." Und schon preschten Hunde wild durch das Nachbarfeld. Sie jaulten "Jou! Jou-ou-ou!" Grün gekleidete Reiter folgten ihnen in atemberaubendem Tempo. Zu gerne wären wir jungen Fohlen mitgelaufen. Doch die Truppe war zu schnell weg. In den unten liegenden Feldern hielten die Reiter an und ihre Hunde liefen still umher, die Nase dicht über dem Boden.

Ein Pferd sagte: "Wie es scheint, haben sie die Spur des Hasen verloren."

Ich fragte: "Welcher Hase?"

"Irgendein Hase", erklärten sie mir. "Bei einer Jagd ist es denen egal, welchem Hasen sie folgen. Hauptsache, sie haben was zu jagen."

Doch kurz darauf stürmten sie auf unsere Seite der Wiese zu. Meine Mutter rief: "Da ist der Hase!" Die Hunde jagten hinterher, auf das Wäldchen zu, in das der verschreckte Hase gehetzt war. Dicht hinter ihnen folgten die Jäger. Sie flogen auf ihren Pferden nur so über den Bach. Flink versuchte der Hase noch, durch das Gatter zu schlüpfen, aber die Hunde hetzten schon mit wildem Gejaule herbei. Ein Schrei - und es war um den Hasen geschehen.

Ein Jäger trieb die Hunde auseinander, bevor sie ihre Beute in Stücke reißen konnten. Stolz hob er den blutüberströmten Hasen empor. Alle schienen zufrieden.

Ich war derart erschrocken, dass ich erst später merkte, was am Bach passiert war. Zwei Pferde hatten sich verletzt. Eines versuchte gerade, aus dem Bach zu kommen. Das andere lag regungslos auf dem Boden. Es hatte sich das Genick gebrochen.

Eines der Fohlen meinte: "Geschieht ihm doch ganz recht."

Doch meine Mutter widersprach. "Keiner von uns weiß, weshalb die Menschen diesen Sport betreiben. Bei der Jagd richten sie gute Pferde zugrunde, sie schaden sich selbst und verwüsten ihre Felder. Das alles wegen eines unschuldigen Hasen oder eines Hirsches. Aber wir sind Pferde und werden das wohl nie verstehen."

Währenddessen sahen wir den jungen Mann an, der am Bach lag. Unser Herr, der auch dabei war, hob den Verletzten hoch. Sein Kopf fiel leblos nach hinten. Plötzlich war es still und alle blickten sehr ernst. Sogar die Hunde.

Es war der einzige Sohn des Gutsbesitzers Gordon. Der junge George war der Stolz seiner Familie.

In alle Richtungen stoben die Männer davon. Die einen sollten den Eltern des jungen Mannes die traurige Nachricht bringen, die anderen sollten den Doktor und den Tierarzt holen.

Der Tierarzt, Mr. Bond, sah den verletzten Rappen auf der Wiese liegen und untersuchte ihn gründlich. Dann schüttelte er den Kopf. Ein Bein war gebrochen. Jemand rannte zum Haus, holte ein Gewehr. Dann hörten wir den Knall und einen grellen Schrei. Anschließend war alles wieder still.

Meine Mutter erzählte betroffen, dass sie den Rappen, Rob Roy, seit Jahren gekannt hatte. Er sei ein mutiges Pferd gewesen. Seit diesem Ereignis kam sie nicht einmal mehr in die Nähe dieser Stelle auf unserer Wiese.

Wenige Tage später läuteten die Glocken unserer Kirche ziemlich lange. Wir sahen übers Gatter hinweg einen langen schwarzen Wagen. Schwarze Pferde zogen ihn und viele schwarz gekleidete Leute liefen hinterher. Der junge Gordon sollte heute zu seiner letzten Ruhestätte gebracht werden. Nie wieder würde er reiten. Und ich fragte mich, was wohl aus Rob Roy geworden war. Und das alles wegen eines kleinen Hasen!





Der Klassiker BLACK BEAUTY von Anna Sewell (1820 - 1878) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt.

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