LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

John Manlys Geschichte

Die restliche Fahrt war gut verlaufen. Wir erreichten unser Ziel kurz nach Sonnenuntergang. Ein freundlicher Kutscher brachte uns in einen warmen Stall. Als er von dem Feuer hörte, stieg sein Respekt vor James erheblich.

Bewundernd meinte er: "Die Tiere wissen genau, auf wen sie sich verlassen können. Pferde aus einer Überschwemmung oder bei einem Feuer im Griff zu halten ist äußerst schwierig. Obwohl ich nicht genau weiß, weshalb sie sich so dagegen sperren."

Einige Tage später fuhren wir wieder heim und wir waren froh, unseren Stall wiederzusehen. Ebenso freute sich John über unsere Anwesenheit. Abends fragte er bei James nach: "Ich bin mal gespannt, wer hier mein Nachfolger wird."

John, der die Pläne unseres Herrn bereits kannte, erklärte: "Der kleine Joe Green aus dem Pförtnerhaus wird zu uns kommen. Er ist zwar klein, aber mit seinen vierzehn Jahren ist er doch schon sehr flink und willig. Außerdem verstehen wir uns ganz gut. Eigentlich wollte unser Herr einen größeren Jungen, aber ich konnte ihn dazu überreden, es für sechs Wochen mit Joe zu versuchen. Er wollte unbedingt hier arbeiten."

James befand sechs Wochen Einarbeitungszeit als zu kurz und lachte auf. "Es dauert sechs Monate, bis er dir wirklich eine Hilfe sein kann. Bis dahin wirst du für zwei Mann arbeiten müssen."

Doch John beruhigte ihn. Er habe Spaß an seiner Arbeit, erklärte er James, und deshalb mache ihm der Gedanke ans nächste halbe Jahr keine Angst. James Bewunderung war ihm eher unangenehm. Und obwohl John normalerweise kein Wort über sich selbst verlor, erzählte er James nun doch seine Geschichte:

"Als ich vierzehn Jahre alt war - also so alt wie Joe - starben meine Eltern. Ich war nicht allein, denn ich hatte noch eine gelähmte Schwester Nelly. Allerdings hatten wir sonst keine Verwandten. Deshalb arbeitete ich für einen Hungerlohn bei einem Farmer. Wäre unsere Herrin nicht gewesen, hätte meine Schwester im Armenhaus leben müssen. Nelly behauptet heute noch, dass diese Frau ihr Schutzengel sei. Denn sie brachte meine Schwester zur Witwe Mallet und versorgte sie mit Näh- und Strickarbeiten. Sie nahm sich ihrer an, als wäre sie ihre Mutter. Ich wurde zum alten Norman gebracht, der vor mir hier Kutscher war. So hatte ich eine Bleibe und dazu bekam ich wöchentlich drei Schilling, mit denen ich Nelly unterstützen konnte."

John sinnierte kurz und sprach dann weiter: "Norman war sich nicht zu schade, einem kleinen unwissenden Burschen sein ganzes Wissen weiterzugeben. Ich verdanke ihm sehr viel. Einige Jahre später starb er und ich nahm dann seine Position ein. Inzwischen erhalte ich guten Lohn, der sogar ausreicht, fürs Alter vorzusorgen. Nelly führt ein glückliches Leben. Deshalb rümpfe ich auch nicht die Nase über diesen kleinen Burschen, sondern ich will ihm freundlich und hilfsbereit entgegentreten. Niemals würde ich meinen Herrn enttäuschen. Es ist schade, dass du gehen musst - dennoch muss es weitergehen."

James fragte: "Du kennst den Spruch, dass jeder sich selbst der Nächste sei?"

"Ich kenne ihn", antwortete John, "aber ich halte nichts davon! Was wäre aus mir und meiner Schwester geworden, wenn unser Herr damals so gedacht hätte? Nein, mein Junge, dies ist ein egoistischer Spruch und wer so was sagt, der ist verdorben worden."

James lachte wieder auf, doch seine Stimme hörte sich zittrig an. "Hoffentlich vergisst du mich nicht. Du bist mein bester Freund. Sonst habe ich nur noch meine Mutter."

"Aber Junge", versprach John, "wenn du mich mal brauchst, werde ich immer für dich da sein."

Ab dem nächsten Morgen war Joe mit von der Partie. Er wollte möglichst viel lernen, bevor James vom Hof ging. Alle Arbeiten wollte er erlernen, doch um Ginger und mich zu putzen, war er zu klein. Deshalb vertrauten sie ihm zunächst Merrylegs an. Joe war angenehm und liebenswürdig. Immer ein Liedchen pfeifend ging er an die Arbeit.

Zunächst fand Merrylegs den Jungen zu grün hinter den Ohren, doch nach zwei Wochen teilte sie mir vertraulich mit, dass er sich wirklich gut machen würde.

Als James Abschied nahte, wurde er immer trauriger. Wenn seine Mutter nicht wäre, die er unterstützen müsse, würde er nicht fortgehen. Dies beteuerte er immer wieder. John dagegen beteuerte, dass er nicht so viel Respekt vor ihm hätte, würde er mit wehenden Fahnen und leichten Herzens diesen Gutshof verlassen. Er beruhigte seinen Freund: "Wirst sehen, du findest neue Freunde und vor allem wird deine Mutter stolz auf dich sein, dass du an so einer tollen Stelle arbeitest."

Als es dann so weit war, tat es uns allen weh, den lieben James gehen zu lassen. Merrylegs fraß demonstrativ tagelang nichts mehr und war betrübt. Da beschloss John, ihn neben uns herlaufen zu lassen, wenn er mit mir ausritt. Das brachte Merrylegs auf andere Gedanken und munterte ihn so auf, dass er alsbald wieder der Alte war.

Joes Vater, der ebenfalls viel von Pferden verstand, half nun öfter bei uns aus. Joe gab sich so große Mühe, dass John mehr als zufrieden mit ihm war.





Der Klassiker BLACK BEAUTY von Anna Sewell (1820 - 1878) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt.

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