LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Ein Suchtrupp

Als es an der Haustür klingelte, musste Billy zur Türe; die Ratte hatte fettige Pfoten vom Buttertoast. Mit einem stampfenden und trampelnden Otter im Schlepptau kam Billy zurück. Aufgeregt schreiend stürzte sich der Otter in die Arme der Ratte.

Ratte schubste ihn von sich und rief mit vollem Mund: "Geh weg!"

"Bin ich froh, euch hier gesund und munter zu sehen", rief der Otter fröhlich. Er erzählte, dass am frühen Morgen am Ufer große Aufregung geherrscht habe. Alle hatten bemerkt, dass Ratte und Maulwurf während der Nacht nicht zuhause waren und haben sich fürchterliche Sorgen gemacht. Und dazu hatte der Schnee noch ihre Spuren zugedeckt.

"Aber mir ist ja bekannt, dass in Not geratene Tiere immer beim Dachs unterkommen. Oder wenigstens weiß Meister Dachs, wo dieselben untergekommen sind", sagte der Otter. "Hach, war das schön, durch den Neuschnee zu stapfen. Überall Schneeberge oder Eishöhlen, die über Nacht die Landschaft bereichern. Ich hätte stundenlang spielen können." Noch eine Weile ließ sich der Otter über die Schönheit des Waldes bei Neuschnee aus.

Er erzählte von Krähen, Wildgänsen und Hasen. Die Letzteren haben dem Otter dann mitgeteilt, dass der Maulwurf in dieser Gegend gesichtet worden war. Und auch vom schlechten Zustand der Freunde konnten die Hasen berichten. "Wir haben den Maulwurf und seinen Freund, das Rattenschätzchen im Ring herumgejagt", berichteten die Karnickel fast schon schadenfroh. Der Otter fragte nach, weshalb denn niemand den beiden in Not geratenen Tieren geholfen habe. "Aber ich habe keine Antwort darauf erhalten", sagte der Otter. Danach sei er weitergegangen.

"Und dir war nicht Angst und Bange", fragte der Maulwurf. Er dachte sogleich an die Furcht, die er selbst gestern Nacht im wilden Wald verspürt hatte.

"Ich und Angst?", lachte der Otter. "Wenn sich auch nur einer mit mir hätte anlegen wollen, dann hätten sie aber geschaut." Dann verlangte er vom Maulwurf, dass er ihm einige Scheiben Speck anbraten solle. Er war hungrig und hatte noch Einiges mit dem Rattenschätzelchen zu besprechen. Der Otter hatte die Ratte schon ziemlich lange nicht mehr getroffen.

Der Maulwurf tat, wie ihm geheißen. Die Igel waren ihm behilflich und so kehrte er zum eigenen Frühstück zurück. Otter und Ratte steckten die Köpfe zusammen und vergaßen sich in Gesprächen um den Fluss und das Ufer.

Als der erste Teller leer gegessen war, trat Meister Dachs in die Küche ein. Er gähnte, rieb sich die Augen und begrüßte die Gästeschar herzlich. Freundlich fragte er jeden, ob es ihm gut gehe. "Bleib doch noch zum Mittagessen", lud er den Otter ein, "draußen ist es so kalt, du musst doch hungrig sein."

Der Otter nahm dankend an, zwinkerte dem Maulwurf verschwörerisch zu und sagte: "Ja, der Anblick deiner zwei Igelkinder, die Tellerweise gebratenen Speck essen, macht mich hungrig." Daraufhin blickten die Igel verwundert in die Runde - hatten sie doch lediglich Haferbrei zu essen bekommen … Aber sie waren zu schüchtern, diesen Scherz zu berichtigen.

Der Dachs schickte die beiden Igel freundlich auf den Heimweg. Nach einer Weile gab es dann Mittagessen. Da Otter und Ratte immer noch in Ufer-Gespräche verwickelt waren, sagte der Maulwurf seinem Gastgeber, wie wohl und heimisch er sich in seiner Behausung fühle.

"Ja, wenn man erst einmal unter der Erde wohnt, dann kann einem nichts mehr geschehen. Da ist man sein eigener Herr und es kümmert einen nicht mehr, was die Leute von einem reden", sagte der Maulwurf.

Der Dachs freute sich über so viel Verständnis. "Meine Worte! Nur unter der Erde hat man Frieden und ist in Sicherheit. Und wenn Ideen ihren Raum suchen, dann beginnt man zu graben und schon ist es gut. Und wenn das Heim zu groß wird, dann verstopft man die Löcher wieder." Er schwärmte weiter; weder Bauarbeiter, sonstige Handwerker oder Leute, die einem durchs Fenster gucken.

"Weißt du was", sagte der Dachs zu seinem neuen Freund, "nach dem Mittagessen führe ich dich mal durchs ganze Haus. Ich glaube, dir wird es gefallen. Du weißt auch, wie eine richtige Wohnung aussehen sollte."

Während nach dem Mittagessen Ratte und Otter in eine heftige Diskussion über Aale geraten waren, forderte der Dachs den Maulwurf auf, ihm zu folgen. Mit der flackernden Laterne im Arm ging es durch schmale Flure, große und kleine Räume, dass der Maulwurf über die Größe des Hauses nur staunen konnte. Sie kamen durch gefüllte Vorratskammern, düstere Flure und fest zusammengefügte Gewölbe, an Säulen und Bögen vorbei. "Wo hast du die Energie hergenommen, dieses wunderbare Haus aufzubauen", rief der Maulwurf bewundernd aus.

"Na ja", erwiderte der Dachs, "ich würde das Lob ja gerne annehmen. Aber ich habe das nicht selbst erbaut. Lediglich einige Gänge geschaufelt." Er erklärte dem Maulwurf, dass an der Stelle, an der sie jetzt standen, einmal eine Stadt war, in der Menschen gelebt hatten. "Das war lange bevor der wilde Wald hier entstanden ist", sagte der Dachs. Er erzählte dem Maulwurf von dem Leben der Menschen, den Pferdeställen und den Festen, die sie damals gefeiert hatten. Auch von Kriegen und Handel konnte er berichten.

"Was passierte, als die Menschen weggingen?", fragte der Maulwurf neugierig.

"Den Rest erledigte die Natur für mich", sagte der Dachs. "Regen und Wind bedeckten die Stadt innerhalb vieler Jahre mit Erde, vielleicht haben meine Vorfahren ja auch ein wenig nachgeholfen. Allmählich wurde jedenfalls eine Ruine daraus und aus vielen Saatkörnern säte sich nach und nach der Wald aus.

"Dann konnten wir die Räume unter der Erde für uns nutzen. Über uns geschah immer dasselbe. Tiere kamen und bevölkerten den Wald. Wie es immer ist - Gute, Böse und die, die dazwischen liegen - da brauche ich keine Namen nennen. Auch du hast sicher inzwischen deine Erfahrung mit ihnen gemacht", sagte der Dachs.

Dem Maulwurf lief alleine bei dem Gedanken daran ein Schauer über den Rücken. Der Dachs konnte ihn allerdings beruhigen. "Wenn du erst öfter mit ihnen zu tun hattest, wirst du merken, dass sie gar nicht so übel sind." Er versprach dennoch, eine Mitteilung herauszugeben, damit sein neuer Freund keinen Ärger mehr bekommen sollte.

Wieder in der Küche angekommen, war die Ratte bereits in Aufbruchstimmung. Sie hatte Angst, dass das Leben am Fluss ohne sie nicht stattfinden konnte. "Los, Maulwurf. Wir müssen weiter", sagte die Ratte hektisch. "Ich will noch bei Tag durch den wilden Wald gehen, nicht erst wenn es dunkel ist."

Der Otter beruhigte ihn. "Das wird schon gut gehen; ich komme mit euch, lieber Freund", sagte er. Der Dachs hatte aber die noch bessere Idee. "Meine Gänge führen in alle Richtungen, bis ans Ende des Waldes. Wenn Ihr also gehen müsst, dann führe ich euch unterirdisch durch meine Abkürzungen. Ruht euch noch ein wenig aus", sagte er.

Aber die Ratte gab keine Ruhe mehr. Sie wollte sogleich aufbrechen, also nahm der Dachs eine Laterne und führte sie durch einen Tunnel. Feucht und stickig war es in dem dunklen Gang, der sich schier endlos zu winden schien. Endlich waren einzelne Strahlen von Tageslicht zu erkennen. Es kam durch den überwucherten Eingang hinab in den finsteren Tunnel. Eilig sagte der Dachs "Adieu" zu seinen Gästen und schubste sie durch den Eingang hinaus. Unterholz, Laub und Zweige arrangierte er wieder, damit die Öffnung getarnt blieb. Dann zog er sich zurück.

Ratte, Maulwurf und Otter fanden sich am Ende des wilden Waldes. Ihr Blick fiel auf stille Felder, die von Hecken gesäumt standen, die jetzt voller Schnee lagen. Auch den Fluss sahen sie in der Ferne glitzern. Der Otter ging voran, Ratte und Maulwurf folgten im Gänsemarsch.

Nur einmal blickten sie noch zurück und erschauerten ob der Düsternis, die der wilde Wald ausstrahlte; bedrohlich in der weißen Landschaft. Schnell rannten sie nach Hause, zum Feuer und zum plätschernden Fluss, dessen Geräusche ihnen vertraut waren.





Der Klassiker DER WIND IN DEN WEIDEN von Kenneth Grahame (1859-1932) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt. Die Illustrationen stammen von Paul Bransom (1885-1979).

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