LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Die Goldschlucht

Ein roter, vielzackiger Hirsch stand mitten im knietiefen Wasser eines ruhigen Teiches in einer grünen Schlucht. Er hielt das Haupt gesenkt und die Augen geschlossen. Auf der einen Seite stieß eine kleine Wiese an den Teich, die sich bis zu einer düsteren Felswand erstreckte. Auf der anderen Seite zog sich ein Sandberg bis zum Felsen empor. Der Hang war mit feinem Gras bewachsen, das mit Blumen vermischt war. Die Schlucht endete mit riesigen Felsblöcken.

Nicht ein Hauch regte sich an diesem Tag. Hin und wieder flatterte ein Schmetterling umher. Von allen Seiten hörte man das leise Summen der Bergbienen. Den kleinen Bach, der durch die Schlucht rieselte, hörte man sanft murmeln. Alles erschien ruhig und friedlich.

Aber es kam ein Augenblick, da der Hirsch gespannt lauschend die Ohren spitzte. Er wandte den Kopf und sah die Schlucht hinab. Einmal hörte er das Klingen von Metall, das gegen den Felsen schlug. Sofort sprang er mit einem Satz aus dem Teich auf die Wiese. Immer wieder spitzte er die Ohren. Schließlich verschwand er leichtfüßig und geräuschlos wie ein Schatten aus der Schlucht.

Das Singen einer Männerstimme wurde immer lauter:

"Lasse deine Augen sehen
Lieblich waldbedeckte Höhen
Achte nicht der Sünde Macht.
Schau dich um die Kreuz und Quere
Deinen Sündensack entleere
Triffst du doch den Herrn bei Nacht."

Ein Mann kam heran und späte über Wiese, Teich und Berghang. Er warf einen schnellen Blick durch die Schlucht und ließ seine Augen dann forschend über alle Einzelheiten gleiten. Dann öffnete er den Mund und sagte mit feierlicher Anerkennung:

"Weiß Gott! Das ist ein Anblick! Wald und Wasser, Gras und ein Berghang. Eine Freude für jedes Goldgräberauge und ein Paradies für jedes Präriepony. Der Teufel soll mich holen!"

Er hatte einen sandfarbenen Teint und dünne ungekämmte Haare von derselben Farbe. Es sah aus, als hätte sich aller Farbstoff in seinen Augen gesammelt, die erstaunlich blau waren. Es waren lachende, frohe Augen. Auf dem Kopf trug er einen Hut, der mit seinen vielen Beulen und Flecken davon zeugte, dass er lange Zeit Wind und Wetter, Sonne und Regen und dem Rauch der Lagerfeuer ausgesetzt gewesen war. Aus seinem Gepäck holte er eine Hacke, eine Schaufel und eine Goldgräberpfanne und warf die Sachen vor sich auf den Boden.

"Donnerwetter, der Duft ist was für mich!" Der Mann hatte die Gewohnheit, laute Selbstgespräche zu führen. Er legte sich am Rand des Teiches nieder und trank tief und lange vom Wasser. "Das schmeckt!", murmelte er, während er sich den Mund mit dem Handrücken abwischte.

Dabei erregte der Hang seine Aufmerksamkeit. Immer noch auf dem Bauch liegend, studierte er lange und sorgfältig die Gebirgsformation. Es war ein geübtes Auge, das den Hang bis zu der verwitterten Felswand hinauf und wieder herab zum Ufer durchforschte. Dann erhob er sich und untersuchte den Hang noch einmal.

"Sieht gut aus", sagte er schließlich und hob Hacke, Schaufel und Pfanne auf. Er überschritt den Bach unterhalb des Teiches. An einer Stelle, wo der Hang direkt bis ans Wasser reichte, hob er eine Schaufel voll Erde aus und schüttete sie in die Pfanne. Diese tauchte er halb in den Bach und versetzte sie in schnelle kreisende Bewegungen. Durch geübte Bewegungen ließ er die größeren und leichteren Teile über den Rand gleiten. Der Inhalt der Pfanne verringerte sich schnell. Zuletzt war scheinbar nur noch eine ganz dünne Schicht schwarzen Sandes auf dem Boden zu sehen. Er untersuchte sie genau. Mittendrin war ein winziger goldener Punkt.

Konzentriert und besonders gründlich arbeitete er weiter. Auf diese Weise entdeckte er immer wieder neue Goldkörnchen. Schließlich zählte er sie und schleuderte sie weg. Aber seine blauen Augen leuchteten vor Verlangen, als er sich erhob. "Sieben", murmelte er laut - die Anzahl der Goldkörnchen, die er soeben weggeworfen hatte. Dann wiederholte er noch einmal: "Sieben." Er stand eine Weile still und betrachtete den Berghang. Ein Ausdruck von brennender Neugier war in seinen Augen.

Er ging ein paar Schritte am Bach entlang und füllte seine Pfanne wieder mit Erde. Wieder wusch er sie sorgfältig aus, um die gefundenen Goldklümpchen danach wegzuwerfen.

"Fünf", murmelte er. "Fünf."

Noch einmal studierte er den Berghang und füllte seine Pfanne ein wenig abseits am Bach. Die Anzahl der Goldstückchen nahm ab.

Nun zündete er ein kleines Feuer an. Er warf die Pfanne hinein und ließ sie so lange im Feuer liegen, bis sie ganz blauschwarz wurde. Dann holte er sie heraus und untersuchte sie kritisch. Er nickte beifällig. Bei dieser Farbe würde ihm nicht das kleinste Goldklümpchen entgehen.

Systematisch untersuchte er das Bachbett weiter Stück für Stück. Später kehrte er zu seinem Ausgangspunkt zurück und arbeitete in der anderen Richtung weiter. Die Zahl der goldenen Ernte wuchs erstaunlich. Am Oberlauf des Baches wusch er seine reichste Pfanne aus - fünfunddreißig Körner. Als er weiter arbeitete, nahm die Anzahl der Körnchen wieder ab. Da richtete er sich auf und warf einen zuversichtlichen Blick auf den Berghang.

Er lief aus der Schlucht und kam nach kurzer Zeit mit einem Pferd zurück, das ein Bündel auf dem Rücken trug. Zuerst starrte es erstaunt die neue Umgebung an, senkte aber schnell den Kopf und begann zufrieden zu weiden. Ein zweites Pferd taumelte plötzlich aus dem Gebüsch heraus. Es hatte auf dem Rücken keinen Reiter, aber einen hohen mexikanischen Sattel, der vom langen Gebrauch abgenutzt und mitgenommen war. Der Mann suchte sich einen passenden Lagerplatz und ließ die Tiere weiden.

Er packte Proviant, eine Bratpfanne und eine Kaffeekanne aus. Dann sammelte er einen Armvoll trockenen Reisigs und errichtete mit Steinen eine Feuerstelle.

Gerade als er das Feuer entzünden wollte, glitten seine Blicke wieder über den Hang. "Ich glaube, ich will noch einen Versuch machen", sagte er schließlich und ging über den Bach.

"Es hat nicht viel Sinn, das weiß ich", entschuldigte er sich bei sich selbst, "aber ich glaube nicht, dass es mir jemand übel nehmen wird, wenn ich das Essen eine Stunde verschiebe."

So grub er immer neue Löcher bis eine Reihe von ihnen quer über den Hang verlief. Die Löcher in der Mitte ergaben stets die reichste Ausbeute. Immer höher stieg er. Die Linie der Löcher ergab ein umgekehrtes V. Zu dessen Spitze wollte er. Jede Pfanne brachte er ans Wasser hinunter und wusch sie aus. Je höher er kam, desto reicher wurde der Inhalt der Pfanne. Er schüttete das Gold jetzt in eine Dose, die er in der Hosentasche trug. So arbeitete er bis zur Dunkelheit.

Erst dann bereitete er sich eine Mahlzeit, legte sich hin und schlief. Am nächsten Morgen zündete er ein Feuer an und sah auf den Berg. Dann sprach er zu sich:

"Der läuft nicht weg. Du musst erst frühstücken, Bill. Was du brauchst, ist ein bisschen Abwechslung auf der Speisekarte. Du musst mal sehen, was du zu fassen kriegst."

Am Ufer des Teiches schnitt er einen kurzen Stock ab und zog eine Schnur und eine Fliege aus einer seiner Taschen. Er warf die Schnur aus, an der nach kurzer Zeit eine schimmernde Forelle hing. Sie und noch drei weitere machten sein Frühstück aus. Danach wollte er eigentlich die Umgebung erkunden, ließ es dann aber sein und machte sich abermals an die Arbeit.

Erst bei Einbruch der Dunkelheit richtete er sich auf. Seine Lenden waren steif vom langen Bücken. Er sagte: "So was habe ich noch nicht erlebt! Jetzt habe ich doch das Mittagessen vergessen." Als er sich später in seine Decken rollte, rief er dem Hang zu: "Gute Nacht! Gute Nacht!"

Mit der Sonne stand er auf, aß eilig sein Frühstück und machte sich an seine Arbeit. Er war wie von einem Fieber ergriffen. Die Pfannen waren immer reicher gefüllt. Er vergaß Müdigkeit und Zeit. Er war jetzt hundert Meter vom Wasser entfernt. Wenn er eine Pfanne mit Erde gefüllt hatte, lief er den Hang hinab, um sie auszuwaschen. Schnaufend stolperte er danach wieder hinauf, um die Pfanne von neuem zu füllen.

Die Spitze des V war sein Ziel. Schließlich hielt er es nicht mehr aus, die Versuchung war zu groß. Er kletterte an die Stelle, an der er die V-Spitze vermutete. Er füllte seine Pfanne, lief den Berg hinunter und wusch sie aus. Nicht ein einziges Goldstückchen fand er. Auch die weiteren zehn Pfannen enthielten nichts. Leise sprach er sich selbst Mut zu.

Nun grub er wieder systematisch weiter. Die Goldkörner lagen in immer größerer Tiefe. Als er einen Augenblick innehielt, um seinen schmerzenden Rücken zu reiben, seufzte er: "Und kein Mensch weiß, wie tief es später noch geht."

Mit fieberhafter Gier, schmerzendem Rücken und steifen Muskeln arbeitete sich der Mann langsam den Berg hinauf. Die immer tiefere Lage der Goldader vermehrte die Arbeit des Mannes, doch er tröstete sich an dem immer reicheren Goldinhalt der Pfannen. Die letzte Pfanne ergab einen Wert von einem Dollar.

Bevor er an dem Abend einschlief, murmelte er noch müde: "Ich möchte wetten, dass irgend ein Kerl zufällig auf meine kleine Weide kommt. Morgen früh werde ich zeitig aufstehen und mich umsehen." Dann rief er dem Hang wieder sein "Gute Nacht!" zu.

Am Morgen kam er der Sonne zuvor. Als sie aufging, hatte er schon gefrühstückt und versuchte, die Felswand zu erklimmen. Als er den Gipfel erreicht hatte, sah er sich nach allen Seiten um - nur Öde und Einsamkeit. So weit er sehen konnte, erhob sich eine Bergkette hinter der anderen. Keine Spur von einem Menschen war zu entdecken. Einmal kam es ihm so vor, als würde aus seiner eigenen Schlucht feiner Rauch aufsteigen, Er kam aber zu dem Schluss, dass das Bergnebel sei.

So machte er sich wieder auf den Rückweg. Heute enthielt seine erste Probepfanne Gold im Wert von zwei Dollar. Die Erde war fast aus der Spitze des V entnommen. Früh am Nachmittag musste er die Probelöcher fünf Fuß tief machen, ehe die Pfannen Gold enthielten. Dann enthielten sie aber Gold im Wert von drei bis vier Dollar; der Boden bestand fast aus reinem Gold.

Der Mann kratzte sich am Kopf und sah nachdenklich zu der Stelle, an der er den Hauptfund vermutete. Er nickte und sagte zu sich:

"Es gibt zwei Möglichkeiten, Bill. Entweder ist das Gold über den ganzen Berghang verstreut oder die Hauptader ist so verdammt reich, dass du vielleicht nicht imstande bist, sie auf einmal mit nach Hause zu nehmen. Das wäre doch eine verfluchte Geschichte, nicht wahr?" Er lachte bei dem Gedanken, möglicherweise vor so einem angenehmen Dilemma zu stehen.

Als die Dunkelheit hereinbrach, starrte er sich beim Auswaschen einer Probepfanne fast die Augen aus dem Kopf. Sie enthielt Gold für fünf Dollar.

In dieser Nacht konnte er kaum schlafen und wartete sehnsüchtig auf den Sonnenaufgang. Als die Morgendämmerung kam, hatte er schon gefrühstückt und war im Begriff, den Berghang zu erklimmen.

Bei seinen Grabungen war er nun fast an der Quelle des goldenen Stromes angekommen.

"Ruhig, Bill, ruhig!", ermahnte er sich als er das letzte Loch genau an der Stelle grub, wo die Seiten des umgekehrten V in ihrem Schnittpunkt zusammenliefen. Vier, fünf, sechs Fuß grub er in den Boden. Das Graben wurde immer schwieriger. Schließlich kam er auf reinen Felsboden, den er mit seiner Hacke bearbeitete. Dann setzte er die Schaufel in die lose Masse. Da sah er einen goldenen Schimmer. Er warf die Schaufel fort und hockte nieder, um die Erde in seinen Händen zu reiben.

"Heiliger Himmel!", rief er. "Hier sind ja ganze Klumpen! Wahrhaftig, ganze Klumpen!"

Die Hälfte dessen, was er in der Hand hielt, war reines Gold. Ein Stück nach dem anderen rieb er von der Erde rein und warf es in die Goldpfanne. Das Loch war die reinste Schatzkammer. Ein großer Klumpen, den die Hacke zerbrochen hatte, leuchtete wie gelbe Edelsteine. Mit schiefem Kopf betrachtete er ihn und drehte ihn langsam, um das strahlende Spiel des Lichtes darin zu beobachten.

"Die Leute reden oft von reichen Goldfunden", sagte er höhnisch. "Aber hiermit verglichen ist das meiste nicht viel wert. Das hier ist ja durch und durch Gold. Daher taufe ich die Schlucht auf den Namen ‚Goldschlucht'."

Immer weiter untersuchte er den Boden und warf die Goldstücke in die Pfanne. Plötzlich hatte er das Gefühl, dass ihm eine Gefahr drohe. Es war, als fiele ein Schatten auf ihn, aber es war kein Schatten. Ihm war, als hätte er einen Klumpen in den Hals bekommen, und er sollte ersticken. Im nächsten Augenblick gefror ihm das Blut in den Adern, und er fühlte, wie ihm sein verschwitztes Hemd am Körper klebte. Er sprang nicht auf und sah sich nicht um. Er rührte sich nicht. Welche Warnung hatte er bekommen? Jeder Nerv in ihm war gespannt.

Er wagte nicht, sich umzusehen, aber er wusste jetzt, dass etwas hinter ihm war. Er tat, als wäre er ganz von dem Gold in seiner Hand in Anspruch genommen. Aber die ganze Zeit fühlte er, dass ein Wesen hinter ihm stand, ihm über die Schulter blickte und das Gold betrachtete.

Als er angespannt lauschte, hörte er das Wesen hinter sich atmen. Sein Blick glitt suchend über den Boden vor ihm, um eine Waffe zu entdecken. Da war nichts, aber er hatte ja seine Hacke! Nur, konnte sie ihm in dieser Situation helfen? Der Mann erkannte, wie gefährlich seine Lage war. Er befand sich in einem engen, sieben Fuß tiefen Loch. Mit seinem Kopf reichte er nicht bis zur Erdoberfläche. Er saß in einer Falle.

Sein Verstand überdachte alle Möglichkeiten, sagte ihm aber auch, dass seine Lage hoffnungslos war. Er rieb weiter die Erde in seinen Händen und warf das Gold in die Pfanne. Es war nichts anderes zu tun. Und doch wusste er, dass er früher oder später gezwungen war sich zu erheben und der Gefahr ins Gesicht zu schauen. Die Minuten vergingen, und er überlegte fieberhaft. Sollte er sich ganz langsam erheben, so als entdecke er das Wesen zufällig oder sollte er plötzlich aus dem Loch springen?

Während er das alles überdachte, ertönte plötzlich ein lauter Knall an seinem Ohr. Im selben Augenblick erhielt er einen lähmenden Schlag auf die linke Seite des Rückens, und ein brennender Schmerz verbreitete sich durch seinen Körper. Er sprang hoch, brach aber zusammen, bevor er ganz auf den Füßen war. Er fiel mit der Brust gegen die Pfanne und bohrte das Gesicht in den Boden. Seine Glieder zitterten mehrmals krampfhaft und seinen Körper durchfuhr es wie ein heftiger Kälteschauer. Die Lungen weiteten sich, und man hörte einen tiefen Seufzer. Langsam fiel sein Körper schlaff zusammen.

Von oben guckte ein Mann, der einen Revolver in der Hand hielt, über den Rand des Loches. Er starrte lange auf den unbeweglichen Körper unter sich. Nach einer Weile setzte er sich auf den Rand des Loches und legte den Revolver auf seine Knie. Er zog einen Streifen braunes Papier aus der Tasche, streute Tabak darauf und drehte sich eine Zigarette. Unaufhörlich starrte er auf den ausgestreckten Körper am Boden des Loches. Er zündete sich die Zigarette an und zog mit Genuss den Rauch in die Lungen.

Nachdem er den Zigarettenstummel weggeworfen und sich erhoben hatte, trat er wieder an den Rand des Loches. Mit dem Revolver in der Hand kletterte er hinein.

Im selben Augenblick, als seine Füße den Boden berührten, sah er den Arm des Goldgräbers hervor schießen und fühlte einen festen Griff an seinem Bein. Dann wurde er umgerissen. Blitzschnell senkte er die Hand, in der er den Revolver hielt und schoss. Der Knall ertönte ohrenbetäubend in dem engen Loch, und der Rauch füllte es, so dass man nichts sehen konnte. Er fiel rücklings auf den Boden des Loches, und wie eine Katze sprang der Goldgräber über ihn. Der Fremde wollte noch einmal schießen, aber der Goldgräber stieß mit dem Ellbogen sein Handgelenk beiseite. Der Revolver fuhr hoch, und die Kugel schlug klatschend in die Erdwand des Loches.

Im selben Augenblick begann der Kampf um den Revolver. Als sich der Rauch verzog, lag der Fremde auf dem Rücken. Plötzlich wurde er von einer Handvoll Erde geblendet, die sein Gegner ihm in die Augen warf. Bei diesem Schreck löste er den Griff um den Revolver. Im nächsten Augenblick spürte er, wie Finsternis sein Gehirn verschleierte. Dann hörte selbst diese Finsternis auf. Der Goldgräber feuerte, bis der Revolver leer war. Dann schleuderte er ihn fort und setzte sich atemlos auf die Beine des Toten.

Er stöhnte und schnappte nach Luft. "Elender Schuft!", keuchte er. "Schleicht mir nach, lässt mich die Arbeit tun und schießt mich dann in den Rücken."

Er weinte fast vor Wut und Erschöpfung. Fortwährend starrte er dem Toten ins Gesicht. "Habe ihn noch nie gesehen, ein ganz gewöhnlicher Dieb. Der Teufel soll ihn holen! Mich in den Rücken zu schießen! In den Rücken!"

Dann befühlte er das Loch, das die Kugel ihm in die linke Seite geschlagen hatte. "Das wird mich verdammt steif machen", sagte er. "Es ist wohl am besten, wenn ich einen Verband kriege."

Er kroch aus dem Loch hinaus und ging zu seinem Lagerplatz. Eine halbe Stunde später kam er mit seinem Packpferd zurück. Unter seinem offenen Hemd sah man einen primitiven Verband, den er sich gemacht hatte. Die Bewegungen seiner linken Hand waren langsam. Mit Hilfe eines Strickes, den er dem Toten unter den Armen hindurch zog, beförderte er ihn aus dem Loch. Dann sammelte er sein Gold auf. Er arbeitete mehrere Stunden. Dabei musste er oft ausruhen und schimpfte:

"Mich in den Rücken zu schießen, der elende Kerl! Mich in den Rücken zu schießen!"

Als er seinen ganzen Schatz in seine Decken und Bündel gepackt hatte, überschlug er, wie viel er wohl wert sein mochte. "Vierhundert Pfund - oder ich will mich hängen lassen", erklärte er. "Falls die Hälfte davon noch Erde sein sollte, bleiben immer noch zweihundert, Bill. Zweihundert Pfund Gold! Vierzigtausend Dollar! Bill, wach auf! Das ist alles dein!"

Er kratzte sich am Kopf und bemerkte dabei noch eine Verletzung, die der zweite Schuss ihm beigebracht hatte. Ärgerlich trat er zu dem Toten.

"Du hättest mich gern um die Ecke gebracht, was? Das hättest du gern getan! Aber ich habe dir dein Teil gegeben. Du sollst ein hübsches Begräbnis haben."

Damit schleppte er die Leiche zum Loch und ließ sie hinein fallen. Mit Hacke und Schaufel füllte er das Loch. Dann belud er sein Pferd mit dem Gold. Da die Last für ein Tier zu groß war, verteilte er sie auf die zwei Pferde. Aber selbst dann war er gezwungen, einen Teil seiner Ausrüstung zurück zu lassen. Als er sich auf den Weg machte, sang er wieder sein Lied.

Der Gesang wurde immer schwächer. Der Bach flüsterte wieder schläfrig, und das Summen der Bergbienen ertönte. Die Schmetterlinge glitten zwischen den Blumen hin und her, und über dem Ganzen flammte der ruhige Sonnenschein. Nur die Spuren der Pferdehufe und der aufgewühlte Berghang erinnerten daran, dass jemand den Frieden dieser Stätte gebrochen hatte.


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Der Klassiker RUF DER WILDNIS von Jack London (1876-1916)wurde von Birgit Weiße für den Lesekorb nacherzählt. Die Illustrationen stammen von Philip R. Goodwin (1882-1935) and Charles Livingston (1874-1932).

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