LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Der Schatten

[von Hans Christian Andersen]

In den heißen Ländern brennt die Sonne freilich anders als bei uns. Die Leute werden ganz mahagonibraun, ja, in den allerheißesten Ländern werden sie gar zu Mohren. Aber es waren nur die heißen Länder, wohin ein gelehrter Mann aus den kalten Ländern gekommen war. Der glaubte nun, dass er dort umherlaufen könne wie zu Hause. Das gewöhnte er sich aber bald ab. Er und alle vernünftigen Leute mussten drinnen bleiben. Die Fensterläden und Türen blieben den ganzen Tag über geschlossen. Es sah aus, als schliefe das ganze Haus oder als sei niemand zu Hause. Die schmale Straße mit den hohen Häusern, wo er wohnte, war nun auch gerade so gebaut, dass die Sonne vom Morgen bis zum Abend darauf liegen musste. Es war wirklich nicht auszuhalten!

Der gelehrte Mann aus den kalten Ländern - er war ein junger und kluger Mann - meinte fast, er säße in einem glühenden Ofen. Das zehrte an ihm und er wurde ganz mager. Selbst sein Schatten schrumpfte zusammen. Er wurde viel kleiner als zu Hause, denn die Sonne zehrte auch an diesem. Doch am Abend lebten sie wieder auf, wenn die Sonne untergegangen war.

Das war ein wahres Vergnügen, es mit anzusehen. Sobald das Licht in die Stube gebracht wurde, reckte sich der Schatten an der Wand hinauf, ja sogar bis an die Decke hin. So lang konnte er sich machen. Er musste sich ja strecken, um wieder zu Kräften zu kommen.

Der Gelehrte ging aber auf den Altan hinaus, um sich dort zu strecken. Und sobald die Sterne aus der klaren, herrlichen Luft herabschimmerten, war es ihm, als ob er wieder auflebte. Auf allen Altanen der Straße - und in den warmen Ländern hat fast jeder einen Altan - kamen die Leute hervor. Es wurde überall lebendig. Schuhmacher und Schneider, alle Leute zogen auf die Straße hinaus. Tische und Stühle kamen zum Vorschein, das Licht brannte, ja, über tausend Lichter brannten, und der eine sprach und der andere sang. Die Leute spazierten, die Wagen fuhren, die Esel trabten. "Klingelingeling", machte es, denn sie trugen Glöckchen. Da wurden die Toten unter Psalmengesang begraben, die Straßenjungen schossen mit Leuchtkugeln, und die Kirchenglocken läuteten. Fürwahr, jetzt herrschte Leben in der Straße!

Nur in einem Hause, gerade gegenüber der Wohnung des fremden Gelehrten, war es ganz stille. Und doch wohnte dort jemand, denn auf dem Altan standen Blumen, die trotz der Sonnenhitze gar herrlich gediehen. Das hätten sie nicht gekonnt, ohne begossen zu werden, und jemand musste sie ja begießen. Es mussten also Leute da sein.

Die Tür zum Altan wurde drüben auch des Abends geöffnet, aber drinnen war es dunkel, wenigstens in dem vordersten Zimmer. Tiefer innen ertönte Musik. Dem Gelehrten erschien diese Musik unvergleichlich schön. Aber das war vielleicht auch nur Einbildung von ihm, denn er fand in den warmen Ländern alles unvergleichlich schön, wenn nur keine Sonne da gewesen wäre.

Der Wirt des Fremden sagte, er wisse nicht, wer das Haus gegenüber gemietet habe. Man sähe ja keine Leute. Und was die Musik anginge, wäre sie grässlich langweilig. "Es ist gerade so, als säße einer und übte ein Stück, mit dem er nicht recht fertig werden kann", meinte er. "Es ist immer dasselbe Stück, und es gelingt ihm einfach nicht."

Eines Nachts erwachte der fremde Gelehrte. Er schlief bei offener Altantür. Da lüftete sich der Vorhang im Winde, und es kam ihm vor, als ob ein wunderbarer Glanz von dem Altan gegenüber käme. Alle Blumen leuchteten wie Flammen in den herrlichsten Farben, und mitten zwischen den Blumen stand eine schlanke, liebliche Jungfrau. Es war, als ob auch von ihr ein Glanz ausginge. Es blendete ihn fast und er hatte die Augen gewaltig aufgerissen, als er so plötzlich aus dem Schlafe schreckte.

Mit einem Sprung stand er auf dem Fußboden und schlich sich ganz leise hinter den Vorhang, aber die Jungfrau war fort. Auch der Glanz war fort, und die Blumen leuchteten gar nicht, sondern standen nur sehr frisch und üppig wie immer. Die Türe drüben war angelehnt, und tief von innen heraus klang die Musik so sanft und lieblich, dass man dabei in die süßesten Gedanken versinken konnte. Das war wie ein Zauber - wer mochte da nur wohnen? Und wo war eigentlich der Eingang? Im ganzen Erdgeschoss lag ein Laden neben dem anderen. Dort konnten die Leute doch nicht immer hindurchlaufen!

Eines Abends saß der Gelehrte draußen auf seinem Altan. In der Stube hinter ihm brannte Licht, und so war es ganz natürlich, dass sein Schatten auf die gegenüberliegende Wand fiel. Ja, er saß ihm gerade gegenüber, und wenn er sich bewegte, bewegte sich der Schatten auch.

"Ich glaube, mein Schatten ist das einzig Lebendige, was man da drüben sieht!" sagte der gelehrte Mann. "Sieh, wie nett er zwischen den Blumen sitzt. Die Tür steht nur halb angelehnt, nun sollte er so pfiffig sein, hineinzugehen und sich umzusehen. Dann müsste er zu mir zurückkommen und erzählen, was er gesehen hat! Ja, du solltest sehen, dass du dich nützlich machst!", sagte er im Scherz. "Sei so freundlich und gehe hinein! Na, wirst du wohl gehen?" Und dann nickte er dem Schatten zu, und der Schatten nickte ihm zu. "Ja, geh nur, aber bleibe nicht zu lange dort!" Und der Gelehrte erhob sich und sein Schatten auf dem gegenüberliegenden Altan erhob sich auch. Der Gelehrte wandte sich um und der Schatten wandte sich auch um. Ja hätte jemand genau darauf geachtet, so hätte er deutlich sehen können, dass der Schatten gegenüber in die halb offene Tür hineinging, gerade als der Gelehrte in sein Zimmer ging und den langen Vorhang hinter sich niederfallen ließ.

Am nächsten Morgen ging der gelehrte Mann aus, um Kaffee zu trinken und die Zeitungen zu lesen. "Was ist das?" fragte er, als er in den Sonnenschein hinaustrat. "Ich habe ja keinen Schatten! Also ist er wirklich gestern Abend fortgegangen und nicht wiedergekommen. Das ist recht unangenehm!"

Es ärgerte ihn, weil er wusste, dass es eine Geschichte von einem Mann ohne Schatten gab, die jedermann daheim in den kalten Ländern kannte. Käme der gelehrte Mann nun dorthin, würden alle Leute sagen, dass es eine Kopie sei, und das hatte er nicht nötig. Er nahm sich daher vor, überhaupt nicht davon zu reden, und das war schlau gedacht.

Am Abend ging er wieder auf seinen Altan hinaus. Das Licht hatte er ganz richtig hinter sich gesetzt, denn er wusste, dass ein Schatten stets seinen Herrn als Schirm haben will. Aber er konnte ihn nicht herbeilocken. Er machte sich klein, er machte sich groß, aber der Schatten war nicht da, und es kam auch keiner. Der Gelehrte sagte: "Hm, hm," aber auch das half nichts.

Das war nun wirklich ärgerlich, aber in den warmen Ländern wächst ja alles so geschwind. Schon nach acht Tagen merkte er zu seinem großen Vergnügen, dass ihm ein neuer Schatten von den Beinen aus wuchs, wenn er in die Sonne trat. Und nach drei Wochen hatte er wieder einen ordentlichen Schatten, der, als er sich in die nördlichen Länder begab, mehr und mehr auf der Reise wuchs. Zuletzt war er so lang und groß, dass die Hälfte auch genügt hätte.

So kam der gelehrte Mann nach Hause. Er schrieb Bücher über die Wahrheit in der Welt und über das Gute und Schöne, und so vergingen viele Jahre.

Da sitzt er eines Abends in seinem Zimmer, und es klopft ganz leise an die Tür. "Herein", sagte er, aber es kam niemand. Da schließt er auf, und vor ihm steht ein so außergewöhnlich magerer Mensch, dass es ihm ganz wunderlich zumute wurde. Im Übrigen war der Mensch durchaus fein gekleidet. Es musste also ein vornehmer Mann sein.

"Mit wem habe ich die Ehre zu sprechen?", fragte der Gelehrte. "Ja, das habe ich mir wohl gedacht", sagte der feine Mann, "dass Sie mich nicht erkennen. Ich bin so sehr zum Körper geworden, dass ich mir Fleisch und Kleider zulegte. Sie haben sich wohl auch nicht gedacht, mich in solchem Wohlstand wiederzusehen! Kennen Sie Ihren alten Schatten nicht wieder? - Sie haben sicherlich nicht geglaubt, dass ich noch wiederkommen würde. Mir ist es überaus gut ergangen, seit ich zuletzt bei Ihnen war. Ich bin in jeder Hinsicht sehr vermögend geworden! Wenn ich mich von meinem Dienst loskaufen will, kann ich es." Und dann rasselte er mit einem ganzen Bund kostbarer Berlocken, die an der Uhr hingen, und steckte seine Hand in die dicke goldene Kette, die er um den Hals trug. Nein, wie an seinen Fingern die Diamantringe blitzten. Und alles war echt!

"Nein, ich kann es noch gar nicht fassen", sagte der gelehrte Mann, "was ist das nur?" "Etwas Alltägliches ist es nicht", erwiderte Schatten, "aber Sie selbst gehören ja auch nicht zu den Alltäglichen, und ich, das wissen Sie ja, bin von Kindesbeinen an in Ihre Fußstapfen getreten. Als Sie dann glaubten, dass ich reif sei, alleine in die Welt zu gehen, ging ich meinen eigenen Weg. - Doch dann hatte ich Sehnsucht, Sie noch einmal zu sehen, bevor Sie sterben. Ich wollte auch diese Länder wiedersehen, denn man liebt ja das Vaterland doch immer. - Oh ja, ich weiß! Sie haben wieder einen andern Schatten bekommen. Habe ich diesem oder Ihnen etwas zu bezahlen? Sie brauchen nur die Freundlichkeit haben, es mir zu sagen."

"Nein, bist du es wirklich", sagte der gelehrte Mann, "Niemals hätte ich gedacht, dass mir der alte Schatten als Mensch wieder begegnen könnte!" "Sagen Sie mir, was ich zu bezahlen habe" sagte der Schatten, "denn ich möchte ungern in jemandes Schuld stehen!"

"Wie kannst du nur so sprechen!", rief der gelehrte Mann. "Von welcher Schuld ist hier die Rede? Sei so frei wie nur irgendjemand. Ich freue mich über dein Glück! Setze dich, alter Freund, und erzähle mir, wie es dir ergangen ist. Ich würde gerne wissen, was du in den warmen Ländern bei den Nachbarsleuten gegenübergesehen hast!"

"Ja, das will ich Ihnen erzählen", sagte der Schatten und setzte sich nieder. "Aber Sie müssen mir auch versprechen, dass Sie hier in der Stadt zu niemandem etwas sagen werden, dass ich einst ihr Schatten gewesen bin. Ich habe nämlich die Absicht, mich zu verloben. Ich kann mehr als eine Familie ernähren!"

"Seid ganz ruhig", antwortete der gelehrte Mann, "ich werde niemand sagen, wer du eigentlich bist. Hier ist meine Hand darauf. Ein Mann, ein Wort!" "Ein Wort, ein Schatten", sagte der Schatten.

"Nun will ich erzählen", sagte der Schatten, und setzte seine Beine, so fest er konnte, auf den Arm des neuen Schattens, der dem gelehrten Mann wie ein Pudelhund zu seinen Füßen lag. Aber der liegende Schatten verhielt sich ganz stille und ruhig, um gut zuhören zu können. Er wollte von dem alten Schatten erfahren, wie man loskommen und sich zu seinem eigenen Herren aufschwingen konnte.

"Wissen Sie, wer in dem Hause gegenüber wohnte?", fragte der Schatten. "Das war das Schönste von allem, das war die Poesie. Ich war dort drei Wochen, und es hatte die gleiche Wirkung, als ob ich dreitausend Jahre gelebt und alles gelesen hätte, was je gedichtet und geschrieben wurde." "Die Poesie!", warf der gelehrte Mann ein. "Oh ja", sagte der Schatten, "die Poesie lebt oft als Einsiedlerin in den großen Städten. Als ich damals auf dem Altan zur Tür hineinging, war ich im Vorgemach. Dort war gar keine Beleuchtung, mehr eine Art Dämmerlicht. Aber eine Tür nach der anderen stand dort offen, durch eine ganze Reihe von Zimmern und Sälen. Es war so hell, dass mich das Licht sicherlich erschlagen hätte, wäre ich bis ganz zu der Jungfrau hineingekommen. Aber ich war besonnen und nahm mir Zeit."

"Und was hast du dann gesehen?", fragte der gelehrte Mann. "Ich sah alles, und ich werde es Ihnen erzählen. - Aber ich würde es doch gerne hören, wenn Sie mich mit "Sie" anredeten!" "Entschuldigen Sie", sagte der gelehrte Mann, "das ist eine alte Gewohnheit, die noch festsitzt! Sie haben vollkommen recht, und ich werde daran halten. Aber nun erzählen Sie mir doch alles, was Sie sahen. Wie sah es in den innersten Sälen aus? War es wie in einem frischen Walde? War es wie in einer heiligen Kirche? Oder waren die Säle wie der sternenklare Himmel, wenn man auf hohen Bergen steht?"

"Alles war dort", sagte der Schatten. "Ich ging ja nicht bis ganz hinein, ich blieb in dem vordersten Zimmer im Dämmerlicht. Aber dort stand ich durchaus gut, und ich sah alles und weiß alles! Ich bin am Hofe der Poesie im Vorgemach gewesen."

"Aber was haben sie gesehen? Schritten alle Götter der Vorzeit durch die großen Säle? Kämpften dort die alten Helden, oder spielten dort nur süße Kinder, die ihre Träume erzählten?"

"Ich sage Ihnen, ich war dort und habe alles gesehen, was zu sehen war! Wären Sie hinüber gekommen, so wären Sie nicht Mensch geblieben, ich aber wurde es! Und zugleich lernte ich meine innerste Natur kennen, meine Verwandtschaft mit der Poesie. Ja, damals, als ich bei ihnen war, dachte ich nicht darüber nach. Aber, Sie wissen es wohl! Wenn die Sonne aufging und unterging, wurde ich so seltsam groß, und im Mondschein war ich fast deutlicher als Sie selbst. Damals verstand ich meine Natur noch nicht, aber im Vorgemache ging sie mir auf. Ich wurde ein Mensch! - Reif ging ich daraus hervor, aber Sie, werter Herr, waren nicht mehr in den warmen Ländern, und ich schämte mich, als Mensch zu gehen.

Erst im Mondschein ging ich auf der Straße umher und reckte mich lang gegen die Mauer, denn das kitzelt so herrlich am Rücken! Ich lief hinauf und herunter, sah in die höchsten Fenster hinein, in die Säle und auf die Dächer. Ich sah dahin, wohin niemand sonst sehen konnte, und ich sah, was niemand sah und was niemand sehen sollte. Es ist im Grunde eine nichtswürdige Welt.

Ich sah das Schlimmste bei Frauen, bei Männern, bei Eltern und auch bei den süßen, unschuldigen Kindern. - Ich sah, was kein Mensch wissen durfte", sagte der Schatten, "aber was alle so gerne hören möchten: Das Böse von den Nachbarn!

"Wenn ich eine Zeitung darüber geschrieben hätte, wäre sie fleißig gelesen worden! Aber ich schrieb an die Leute selbst, die es anging. Und es herrschte Entsetzen in allen Städten, in die ich kam. Sie fürchteten mich, und deshalb verehrten sie mich. Die Professoren machten mich zum Professor, die Schneider machten mir neue Kleider, selbst der Münzmeister schlug Münzen für mich. Und die Frauen sagten mir, ich wäre schön! So wurde ich der Mann, der ich bin. Nun kann ich Ihnen gut versorgt Lebewohl sagen, denn ich wohne auf der Sonnenseite. Bei Regenwetter bin ich allerdings immer zu Hause. Hier ist meine Karte." Dann ging der Schatten, und der gelehrte Mann sagte: "Das war doch höchst merkwürdig."

Jahr und Tag vergingen, da kam der Schatten wieder. "Wie geht' s?", fragte er. "Ach," sagte der gelehrte Mann, "ich schreibe über das Wahre und das Gute und das Schöne. Aber kein Mensch macht sich etwas daraus, dergleichen zu hören. Ich bin ganz verzweifelt, denn ich nehme es mir zu Herzen."

"Das tue ich nie", sagte der Schatten. "Seht, ich werde fett, und danach soll man trachten! Ja, Sie verstehen sich nicht auf die Welt, und Sie werden dabei krank. Sie müssen einfach mehr reisen! Ich mache im Sommer wieder eine Reise. Wollen Sie mit? Ich würde gern einen Reisekameraden haben. Wollen Sie nicht mitreisen als mein Schatten? Es wäre mir ein großes Vergnügen, Sie mitzunehmen. Ich werde Ihnen die Reise auch bezahlen."

"Das geht zu weit", sagte der gelehrte Mann. "Ganz wie man es nimmt", erwiderte der Schatten. "Es würde ihnen außerordentlich gut tun, zu reisen. Wenn Sie mein Schatten sein wollen, haben Sie alles auf der Reise frei." "Das ist zu toll", sagte der gelehrte Mann. "Aber so geht es in der Welt", sagte der Schatten, "und es wird immer so bleiben." Dann ging der Schatten wieder.

Dem gelehrten Manne ging es gar nicht gut. Sorgen plagten ihn, und was er über das Wahre und das Gute und das Schöne sprach, war für die meisten wie Rosen für eine Kuh! - Er wurde ganz krank davon.

"Sie sehen wirklich wie ein Schatten aus", sagten die Leute zu ihm, und es schauderte dem gelehrten Manne, denn er dachte sich manches dabei.

"Sie sollten in ein Kurbad", sagte der Schatten, der ihn besuchen kam. "Ich will Sie mitnehmen, weil wir alte Bekannte sind. Ich bezahle die Reise und Sie machen eine Beschreibung darüber und versuchen, mir die Reise angenehm zu machen. Ich will jedenfalls in ein Kurbad. Mein Bart wächst nicht so recht, wie er sollte. Das ist auch eine Krankheit, denn einen Bart muss man haben. Seien Sie nun vernünftig und nehmen Sie mein Angebot an. Wir reisen ja als Kameraden."

So reisten Sie denn. Der Schatten war der Herr und der Herr war der Schatten. Sie fuhren miteinander, sie ritten und gingen zusammen, Seite an Seite, vor- und hintereinander, wie eben die Sonne stand. Der Schatten verstand es, sich stets an der Herrenseite zu halten. Darüber dachte nun der gelehrte Mann nicht weiter nach. Er hatte ein recht gutes Herz und war sanft und freundlich, darum sagte er auch eines Tages zum Schatten: "Da wir doch von Kindheit an zusammen aufgewachsen sind, und jetzt auch zusammen reisen, sollten wir da nicht Brüderschaft trinken und uns dutzen? Das ist doch vertraulicher!"

"Sie haben da etwas gesagt, was gut gemeint ist", sagte der Schatten, der ja nun der eigentliche Herr war. "Ich will ebenso ehrlich antworten. Sie, als gelehrter Mann, wissen zur Genüge, wie seltsam die Natur mitunter ist. Manche Menschen können es nicht vertragen, graues Papier zu berühren, sonst wird ihnen schlecht. Anderen geht es durch und durch, wenn man einen Nagel gegen eine Glasscheibe knirschen lässt. Ich habe ebenso ein Gefühl, wenn Sie "Du" zu mir sagen. Ich fühle mich geradezu in meine frühere Stellung zurückgedrückt. Sie sehen, das ist eine reine Gefühlssache, kein Stolz. Ich kann es nicht zulassen, dass Sie "Du" zu mir sagen, aber ich will es gerne Ihnen gegenüber tun. So kann ich Ihnen wenigstens den halben Gefallen ermöglichen." Seither sagte der Schatten "Du" zu seinem früheren Herrn.

So kamen sie in ein Kurbad, wo viele Fremde waren und unter ihnen eine wunderschöne Königstochter. Sie litt an der sonderbaren Krankheit, dass sie viel zu viel sah, und das war eine sehr beängstigende Sache. Sogleich merkte sie, dass der, der da eben angekommen war, eine ganz andere Person als alle übrigen war. "Er ist hier, um sich einen Bart wachsen zu lassen, sagt man, aber ich sehe die wahre Ursache: Er kann keinen Schatten werfen."

Nun war sie neugierig geworden und fing auf der Promenade ein Gespräch mit dem fremden Herrn an. Als Königstochter brauchte sie ja keine besonderen Umstände zu machen, und so sagte sie: "Ihre Krankheit besteht wohl doch mehr darin, dass Sie keinen Schatten werfen können!" Da sagte der Schatten: "Eure königliche Hoheit müssen sich schon sehr auf dem Wege der Besserung befinden! Ich weiß, dass Sie viel zu viel sehen, aber diese Krankheit hat ja sich nun sehr gebessert. Sie sind geheilt! Ich habe nämlich gerade einen ganz ungewöhnlichen Schatten! Sehen Sie nicht die Person, die mich immer begleitet? Andere Menschen haben einen gewöhnlichen Schatten, ich aber bin nicht für das Gewöhnliche. Ich habe meinen Schatten als Menschen aufputzen lassen! Ja, Sie sehen, dass ich ihm sogar einen Schatten gegeben habe. Das ist sehr kostspielig, aber ich liebe es, etwas für mich alleine zu haben."

"Wie", dachte die Prinzessin, "sollte ich mich wirklich erholt haben? Dieses Kurbad ist freilich als das Beste bekannt! Aber ich werde noch nicht fortreisen, denn jetzt wird es hier erst richtig unterhaltsam. Der Fremde gefällt mir außerordentlich. Hoffentlich wächst ihm kein Bart, sonst reist er ab!"

Am Abend im großen Ballsaal tanzte die Königstochter mit dem Schatten. Sie war leicht, aber er war noch leichter. Solch einen Tänzer hatte sie noch nie gehabt. Sie sagte ihm, aus welchem Lande sie stamme, und er kannte das Land. Er war dort gewesen, aber damals war sie nicht zu Hause. Er hatte oben und unten in die Fenster geschaut. Er hatte sowohl das eine wie das andere erblickt, und so konnte er der Königstochter antworten und Andeutungen machen, über die sie sich sehr wunderte. Sie bekam große Achtung vor seinem Wissen, und als sie wieder zusammen tanzten, verliebte sie sich sogar. Dann dachte sie aber an ihr Land und die vielen Menschen, über die sie regieren sollte. "Er scheint ein weiser Mann zu sein," dachte sie bei sich, "aber ich sollte es noch mal gründlich untersuchen."

Dann begann sie ihn ein bisschen über die allerschwierigsten Sachen auszufragen, und der Schatten hob die Nase. "Darauf können Sie mir also nicht antworten", sagte die Königstochter spitz. " Aber das gehört doch zum einfachsten Schulwissen", antwortete der Schatten. "Ich glaube sogar, dass mein Schatten dort an der Tür darauf antworten kann!" "Ihr Schatten", sagte die Königstochter, "das wäre doch höchst merkwürdig!" "Ja, ich behaupte es, denn er ist mir nun so viele Jahre gefolgt und hat mir oft zugehört. Aber behandeln sie doch bitte wie einen Menschen, denn er ist recht stolz darauf, das er so aussieht." "Das gefällt mir", sagte die Königstochter. Und dann ging sie auf den gelehrten Mann an der Tür zu, und sprach mit ihm von Sonne und Mond und vom Menschen, und er antwortete gar gut und klug. "Was muss das für ein Mann sein, der einen so weisen Schatten hat", dachte sie. "Es wäre eine wahre Wohltat für mein Volk und mein Reich, wenn ich ihn zu meinem Gemahl erwählte. Also werde ich es tun."

Sie waren sich bald einig, sowohl die Königstochter als auch der Schatten. Aber niemand sollte es wissen, bevor sie wieder heim in ihr eigenes Reich kam. "Niemand, nicht einmal mein Schatten!", dachte der Schatten, und dabei hatte er seine ganz besonderen Gedanken. -

Dann kamen sie in das Land, wo die Königstochter regierte. "Höre, mein guter Freund!", sagte der Schatten zu dem gelehrten Manne. "Nun bin ich so glücklich und mächtig geworden, wie man es nur werden kann. Nun will ich etwas ganz Besonderes für dich tun. Du sollst immer bei mir im Schlosse wohnen, mit mir im königlichen Wagen fahren und tausend Reichstaler im Jahr bekommen. Aber du musst dich Schatten von allen Menschen nennen lassen. Du darfst nicht sagen, dass du ein Mensch gewesen bist. Und einmal im Jahr, wenn ich im Sonnenschein auf dem Altan sitze und mich dem Volke zeige, musst du zu meinen Füßen liegen, wie es sich für einen Schatten gehört. Jetzt kann ich es dir ja sagen - ich heirate die Königstochter. Heute Abend soll die Hochzeit sein."

"Nein, das ist doch der Gipfel der Tollheit!" rief der gelehrte Mann. "Das will ich nicht, und das tue ich nicht. Ich würde das ganze Land betrügen, und die Königstochter noch dazu! Ich werde allen sagen, dass ich in Wahrheit der Mensch und du der Schatten bist!" "Das wird dir keiner glauben", sagte der Schatten. "Sei vernünftig, oder ich rufe die Wache!"

"Ich gehe jetzt zur Königstochter", sagte der gelehrte Mann. "Du wirst nur ins Gefängnis gehen!", erwiderte der Schatten. Und das passierte auch dem gelehrten Manne, denn die Schildwache gehorchte dem Bräutigam der Königstochter.

"Du zitterst ja!", sagte die Königstochter, als der Schatten dann zu ihr trat. "Ist etwas geschehen? Du wirst doch nicht krank werden, jetzt, wo wir Hochzeit halten wollen!" "Ich habe das Grauslichste erlebt, was man erleben kann", sagte der Schatten. "Denke dir, mein Schatten ist verrückt geworden. Er glaubt, er wäre der Mensch und ich sein leibhaftiger Schatten!" "Das ist ja furchtbar!", rief die Prinzessin, "Ist er schon eingesperrt?" "Das ist er! Ich fürchte, er wird nie wieder zu Verstand kommen!"

"Armer Schatten", sagte die Prinzessin. "Er muss sehr unglücklich sein. Es wäre eine wahre Wohltat, ihn von dem bisschen Leben zu befreien, das er hat." "Das ist freilich hart!", sagte der Schatten, "denn er war ja ein treuer Diener!" Dann tat er, als ob er seufzte.

Am Abend wurde die ganze Stadt erleuchtet. Bum! Da schossen die Kanonen ihren Salut, und die Soldaten präsentierten das Gewehr. Das ganze Volk lobte den herrlichen Anblick der Hochzeit! Die Königstochter und der Schatten gingen auf den Altan hinaus, um sich sehen zu lassen, und noch einmal riefen alle laut "Hurra!".

Der gelehrte Mann hörte nichts mehr von alledem, denn ihm hatten sie schon das Leben genommen.

Dieses Märchen von Hans Christian Andersen (1805-1875) wurde von der Labbé-Redaktion für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Vilhelm Pedersen (1820-1859) und anderen Illustratoren hergestellt.

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