LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Die drei lustigen Brüder

[von Josef Haltrich]

Es waren einmal drei Brüder. Der eine war stockblind, der andere lahm und der dritte splitternackt. Diese drei gingen eines Tages in den Wald, um Vogelnester auszunehmen. Plötzlich sah der Blinde aus dem Gestrüpp einen Hasen hervorspringen. Kaum hatte er dies seinen Brüdern gesagt, war auch schon der Lahme wie der Wind hinter dem Hasen her und packte ihn bei den Hinterbeinen. Nun aber wussten sie nicht, wie sie den gefangenen Hasen nach Hause schaffen sollten. Da sprach der Nackte: "Gebt ihn her!", und steckte ihn in seine Tasche. In ihrer Freude über diesen Fang vergaßen sie, die Vogelnester zu suchen und gingen heim.

Auf dem Wege aber gerieten sie in Streit, wem der Hase gehöre. Das war nicht so leicht zu entscheiden, wie du denkst. "Ich habe ihn zuerst gesehen", sprach der Blinde. "Was hilft das Sehen", sagte der Lahme, "ich habe ihn gefangen." Da erwiderte der Nackte: "Hätte ich ihn nicht in die Tasche gesteckt, hättet ihr den Hasen wieder laufen gelassen. Der Hase gehört mir!" So stritten die drei Brüder untereinander, und keiner wollte nachgeben.

Endlich kamen sie auf den Gedanken, den Streit durch den Richter entscheiden zu lassen. Sie gingen schnurstracks zu seinem Haus und fanden ihn auch wirklich daheim. Nun musste jeder den Hergang der Sache erzählen, und als der letzte mit seiner Erzählung zu Ende war, sprach der Richter: "Ihr braven Leute! Ich höre, dass ihr alle zusammen gut lügen könnt. Wer mir die dickste Lüge sagen kann, dem soll der Hase gehören."

Da sprach der Blinde: "Mein Vater hatte einmal viele Schafe. Die musste ich jeden Tag zur Tränke treiben. Als ich sie einmal wieder an den Bach trieb, war dieser zugefroren. Ich stand lange ratlos am Ufer, denn ungetränkt durfte ich die Schafe meinem Vater nicht nach Hause bringen. Eine Axt war aber nicht zu finden, um die Eisdecke durchzuhauen. Also legte ich mich platt aufs Eis und schlug mit meinem Kopf ein großes Loch in das Eis, sodass alle Schafe trinken konnten. Als ich nun meine Herde heimwärts trieb, sah ich am Bachufer auf den Weidenbäumen viele Drescher. Die droschen Erbsen, sodass die Körner weit umherflogen wie der Hagel. 'Gott zum Gruße!', rief ich ihnen zu. 'Wir danken dir, du Kopfloser!', war die Antwort. Verwundert griff ich nach meinem Kopf und fühlte, dass ich keinen mehr hatte. Da dachte ich: ‚Jetzt kann er dir auch nicht mehr weh tun.'

 Aber wo war der Kopf nur abgeblieben? War er heruntergefallen, als ich das Loch in das Eis schlug? Eilig kehrte ich um und sah zu meiner Freude schon von weitem den Kopf neben dem Loch auf dem Eise liegen. Eine Henne hatte mir aber inzwischen viele Eier in den Mund gelegt, da er offen stand. Schnell setzte ich mir meinen Kopf wieder auf, kehrte um und gelangte wohlbehalten mit den Schafen nach Hause. Mein Vater war mit mir zufrieden, und siehe da, es geschah noch etwas Merkwürdiges. Die Eier in meinem Kopf waren durch die Wärme ausgebrütet, und die jungen Hühnchen flogen mir aus Mund und Nase. So bekamen wir einen ganzen Hof voller Hühner, was meine Mutter sehr freute."

Als der Blinde geendet hatte, sprach der Richter: "Wenn das alles wahr ist, so ist es eine dicke Lüge! Doch wollen wir auch die anderen hören."

Der Lahme räusperte sich und sprach: "Mein Vater hatte einmal ein altes Pferd. Das borgten die Nachbarn aus, sooft sie in den Wald gingen, um Holz zu holen. Einmal waren wieder zwei Nachbarn mit dem Pferd in den Wald gezogen. Sie banden das Tier an einen Baum und schlugen mit ihren Äxten auf einen benachbarten Baum ein, um ihn zu fällen. Da entglitt dem einen die Axt und fuhr dem Pferd in die Seite. Der Mann stand wie versteinert vor dem getroffenen Tier. Er betrachtete ratlos die blutende Wunde und rief: 'Ach, was soll ich nur machen?' 'Habe keine Angst!', tröstete ihn der andere. 'Wir hauen junge Zweige und flechten ihm die Wunde zu.' Und so geschah es. Damit war das Pferd zwar kuriert, aber es wuchs ihm über Nacht ein so großer Wald in der Seite, dass bald die Zigeuner kamen, um darin Brennholz zu sammeln. Das ärgerte meinen Vater sehr. 'So geht es', sprach er, 'wenn man sein Pferd ausleiht. Ich werde es nie wieder tun!'"

Der Richter atmete tief durch und sprach: "Du hast ebenso wahr gesprochen wie dein Bruder. Nun wollen wir sehen, was der Letzte berichten kann!"

Da sagte der Nackte: "Mein Vater hatte einmal unzählige Bienenstöcke, und alle waren voll mit Bienen. Diese musste ich jeden Abend zählen, wenn sie vom Felde heimkehrten. Eines Abends hatte ich wieder die Bienen gezählt, musste aber dem Vater melden, dass eine fehlte. Mein Vater rief zornig: 'Gehe, und suche die Biene, sonst geht es dir schlecht.' - Was sollte ich tun? Ich lief ängstlich aufs Feld und suchte, und suchte, fand aber die verirrte Biene nicht. Endlich traf ich auf einem Nachbarfeld einen Bauern, der die Biene neben seinen Ochsen an den Pflug gespannt hatte. 'Was untersteht Ihr Euch, mit fremdem Vieh zu pflügen!', rief ich zornig. Der Bauer bat um Verzeihung und erzählte mir, dass einer seiner Ochsen gestürzt sei. Da habe er zum Glück die Biene gesehen und gleich an Stelle des Ochsen eingespannt. Er habe sie aber nicht als sein Eigentum behalten wollen, vielmehr wolle er sie am Abend dem rechtmäßigen Besitzer bringen. Bis dahin wäre es doch wohl möglich, dass die Biene ein wenig Arbeit auf dem Felde verrichte.

Ich nahm die Entschuldigung von dem Bauern an, doch er musste mir die Biene sogleich ausspannen. Als ich sie näher untersuchte, sah ich, dass das Ochsenjoch ihr den Nacken ganz wund gerieben hatte. In solchem Zustand durfte ich die Biene meinem Vater nicht nach Hause bringen. Ich ging zu einem Nussbaum, um ein paar Blätter als Heilmittel für den wunden Nacken zu sammeln. In der Eile nahm ich die Blätter, aber auch eine Nuss vom Boden, und band sie samt den Blättern der Biene auf den Nacken. Nun wuchs über Nacht auf dem Nacken der Biene ein großer Nussbaum.

Kaum waren die Nüsse reif, kamen die Schulknaben und warfen mit Erdschollen nach den Nüssen. Das gefiel meinem Vater gar nicht, aber es hatte auch sein Gutes. Die Knaben hatten nach einiger Zeit einen großen Haufen Erde in unseren Garten geworfen, und mein Vater sagte: ,Warum sollen wir diesen Haufen ungenutzt lassen? Wir pflügen ihn um und säen Hafer darauf.' Gesagt, getan!

Als nun der Hafer reif war, gab mir mein Vater die Sichel in die Hand und befahl, den Hafer zu schneiden. Das Schneiden, und insbesondere das Haferschneiden, ist nun keine leichte Sache. Ich hatte aber keine Wahl, denn mein Vater war sehr streng. Bei ihm galt keine Widerrede, und wehe dem, der nicht aufs Wort gehorchte! Kaum hatte ich mit dem Schneiden begonnen, sprang zu meiner großen Freude ein Hase neben mir auf. Sofort schleuderte ich die Sichel mit Glück und Geschick auf den Hasen, worauf die Schneide aus einem Hinterbein herausschaute. Der Getroffene musste nun das Haferfeld auf- und ablaufen, und im Nu war der Hafer bis auf den letzten Halm geschnitten!"

"War das nicht derselbe Hase, den du heute in der Tasche hierher gebracht hast?", fragte der Richter. "Oh ja", antwortete der Nackte, "der war es." "Nun denn", entschied der Richter, "so war und ist der Hase auch unbestritten dein Eigentum. Aber du solltest dich gütig erweisen und jedem deiner Brüder einen Hasenschlegel überlassen. Sie haben es ebenso redlich verdient!"

Dieses Volksmärchen von Josef Haltrich (1822-1886) wurde von der Labbé-Redaktion für den Lesekorb nacherzählt.

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