LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Die sibyllinischen Bücher

Rom hatte in seinen Anfängen sieben Könige. Der sechste war Tarquinius Priskus. Durch glückliche Kriege konnte er die Sicherheit der Stadt weiter festigen. Auch seine Friedenswerke gereichten ihm zum Ruhme, gelang es ihm doch, die Pontinischen Sümpfe [1] trockenzulegen.

Im letzten Jahr der Regierung von Tarquinius Priskus erschien eine alte Frau im Palast, die niemand zuvor gesehen hatte. Sie bot neun Buchrollen zu einem überaus hohen Preise an.

Der König lachte und rief: "Solch ein Buch muss erst noch geschrieben werden, wofür ich hunderttausend As bezahle!" Da trat die Alte an den Altar der Hausgötter und verbrannte drei Buchrollen am Opferfeuer.

"Sage uns nun den neuen Preis", scherzte der König, "vielleicht werden wir doch noch einig!" "Die sechs Bücherrollen kosten ebenso viel wie die neun", sprach die Alte vergnügt. "Bezahle nur, oh König, deine hunderttausend As." Das ließ den König zornig werden. Er beugte sich vor und rief mit wütender Stimme: "Du Närrin, bist du denn ohne Verstand?" Die Alte ließ sich aber nicht beirren und warf wieder drei Buchrollen ins lodernde Opferfeuer.

Der König atmete tief, wollte er doch die Beherrschung nicht verlieren. Dann sagte er mit nachdenklicher Miene: "Nenne deinen Preis." Die Alte schaute dem König tief in die Augen und sprach: "Du, Tarquinius, wirst mir für die letzten Bücher hunderttausend As bezahlen, oder sie gehen in Flammen auf."

Jetzt überkam Tarquinius eine leidenschaftliche Neugier. Er musste einfach wissen, was es mit den Buchrollen auf sich hatte. Darum ließ er seine Auguren kommen, die aus dem Vogelflug und aus Eingeweiden von Opfertieren die Zukunft lesen. Diese prüften die Bücher und erkannten, dass es die Weissagungen der Sibylle von Kuma [2] waren. Der König zögerte nicht lange, und gab der Alten, was sie verlangte.

 

Erklärungen:

[1] Die Landschaft der pontinischen Sümpfe liegt 40 Kilometer südöstlich von Rom, am Monti Lepini. Durch Trockenlegung konnte neues fruchtbares Land gewonnen und die Malariamücke zurückgedrängt werden.

[2] Die neun Sibyllinischen Bücher wurden lange Zeit im Jupitertempel [3] des Kapitols [4] aufbewahrt. In Notfällen konnten Priester und Politiker die Weissagungen der Sibylle zu Rate ziehen.

[3] Jupiter ist der Schutzgott des römischen Staates. In vielen Dingen ist er auch dem griechischen Gott Zeus sehr ähnlich.

[4] Das Kapitol gehört zu den sieben Hügeln, auf denen Rom erbaut wurde.

 


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Diese Sage von Gustav Schwab (1792-1850) wurde von der Labbé-Redaktion für den Lesekorb nacherzählt.

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