LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Das winzige, winzige Männlein

Es waren einmal drei lustige Gesellen, ein Schmied, ein Schneider und ein Jäger. Die waren gute Freunde, und besprachen sich, zusammen in die Fremde zu gehen. Denn in der Heimat wollte es ihnen nicht mehr so recht gefallen.

Wie sie nun so wanderten, führte sie der Weg in einen tiefen Wald, aber nicht mehr heraus. Sie liefen die ganze Zeit im Walde umher, bis die Nacht hereinbrach. Da stieg der Schmied auf einen Baum und erblickte in einiger Entfernung ein Licht. Er merkte sich die Richtung, stieg vom Baume herab und ging nun mit seinen Gefährten dorthin. Nach einer Weile kamen sie an ein Haus, welches offen stand. Auf dem Tisch stand das Licht, aber ansonsten ließ sich niemand blicken.

"Wer hier wohnt, wird sicher nichts dagegen haben, wenn wir hier die Nacht verbringen" sagte der Schmied. "Wir können ja doch nicht weiter!" Die drei Gesellen suchten sich im Haus ein gemütliches Plätzchen und legten sich nieder. Ohne alle Störung schliefen sie die ganze Nacht und erwachten erst, als sich die Morgensonne zeigte.

"Es ist hübsch in diesem Häuschen", sprach der Schmied. "Wir sollten es nicht so schnell verlassen, damit wir dem Besitzer für die Gastfreundschaft danken können." "Vielleicht kann ich ihm etwas flicken", meinte auch der Schneider. "Ich bin auch nicht dagegen, hier zu rasten", sprach der Jäger, "aber wenn wir das wollen, müssen wir etwas zu essen haben. Hier in diesem Haus scheint ja Schmalhans Küchenmeister zu sein." Also machte der Jäger den Vorschlag, dass Zweie in den Wald gehen sollten, um ein Wildbret zu fangen oder zu schießen. Der Dritte sollte auf das Haus aufpassen.

"Der Vorschlag ist gut", sagte der Schmied. "Draußen ist auch ein Quellbrunnen. Wer daheim bleibt, macht ein Feuer und setzt das Wasser auf. Dann können wir schon bald eine gute Suppe kochen." Der Schmied und der Jäger gingen nun in den Wald, und der Schneider blieb im Häuschen. Er entzündete ein Feuer, setzte Wasser auf und machte es sich gemütlich. Da erschien mit einem Male ein winzig, winzig kleines Männchen und sagte:

"Schneider, Schneider, Schneiderlein!
Ich blas dir aus dein Feuerlein."

"Das lass lieber sein", rief der Schneider mutig, weil das Männlein ja so winzig war. Aber das Männchen pustete nur einmal kurz, da war das Feuer auch schon aus und das Männlein verschwunden. Bald kamen der Jäger und der Schmied mit einem Stück Wild und guten Wurzeln zurück. Der Schneider erzählte, was ihm begegnet war, und nun mussten sie noch einmal Feuer anzünden und Wasser aufsetzen.

Als das Wild verzehrt war, gingen der Schmied und der Schneider in den Wald, und der Jäger hütete jetzt das Haus. Er machte ein schönes Feuer an, setzte Wasser auf und machte es sich bequem. Da kam abermals das winzige, winzige Männchen, und wisperte:

"Jäger, Jäger, Jägerlein!
Ich lösch dir aus dein Feuerlein."

"Probiere es nur", rief der Jäger, "dann werde ich dir den Hals umdrehen!" Kaum hatte er das gesagt, war das Feuer schon ausgeblasen und das Männlein wie vom Erdboden verschluckt.

Als die Kameraden auch noch mit leeren Händen aus dem Wald kamen, hatten sie kein Essen und kein Feuer. "So, nun probiere ich's einmal!", rief der starke Schmied. "Habt Acht, ich werde es dem Knirps schon zeigen." Also blieb er zu Hause, und der Jäger ging mit dem Schneider auf die Jagd. Der Schmied saß noch gar nicht lange bei dem frisch geschürten Feuer, als das winzige, winzige Männlein zum dritten Male erschien und wisperte:

"Schmied, Schmied, Schmiedelein!
Ich lösch dir aus dein Feuerlein."

Aber anstatt zu antworten, griff der Schmied das Männlein am Kragen, schüttelte es tüchtig und klemmte es in einen Schraubstock, dass es erbärmlich zappelte und heulte. Das Zappeln half aber nichts, denn der Schmied gab dem Männlein noch eine Packung Saueres. Und wie nun der Jäger und der Schneider kamen, waren sie sehr erfreut über den Fang. Erst putzte der Jäger das Männlein ordentlich durch, dann legte der Schneider noch ein paar saftige Flicken darauf.

Das Zaubermännchen im Schraubstock tat aber ganz erbärmlich und schrie: "Lasst mich los, dann werde ich auch einen von euch glücklich machen. Komm, Schneiderlein, gehe du mit mir!" "Du einfältiges Männlein, ich geh nicht mit dir!", antwortete der Schneider. "Komm, Jäger, so gehe du mit mir!", bat das winzige, winzige Männlein. "Ei, der Kuckuck soll dich holen!", antwortete der Jäger. "Dann du, Schmied, gehe du mit mir!", bat das Männlein mit gar trauriger Stimme. Da sagte der Schmied: "Nun gut, ich will mit dir gehen. Aber glaube nicht, dass ich dich loslasse. Du würdest mich ja Gott weiß wohin führen. Und die anderen Zwei müssen ein Stück hinter uns her gehen." "Meinetwegen, ich bin damit zufrieden!", winselte das winzige, winzige Männlein. "Macht mich nur aus dem Schraubstock los!"

Das tat der Schmied denn auch, hielt aber das Männlein fest am Kragen. So ging es durch eine Türe in die Stube und durch einen Kellergang in ein großes, matt erhelltes Gewölbe. In diesem Gewölbe saß auf einem elfenbeinernen Stuhle ein Menschenfresser. Hinter ihm stand seine Frau und kämmte ihm sein zotteliges Haar mit einem beinernen Kamme.

Der Menschenfresser schaute plötzlich auf und rief: "Hup, hup! Es riecht nach Menschenfleisch! Hup, hup, endlich mal wieder richtiges Menschenfleisch", und schnalzte behaglich mit der Zunge. "Ach", antwortete die Frau, "wer weiß schon, was du da wieder riechst?"

Der Schmied hielt das winzige Männlein jetzt doppelt fest am Kragen, denn hätte er es losgelassen, wäre es bestimmt zum Menschenfresser gelaufen, um sich Hilfe zu verschaffen. So aber führte das Männlein den Schmied in einen Seitengang, und die Anderen folgten ihm. Nach einer Weile kamen sie an ein Bergloch. Davor lag ein großer Stein, und das Männlein sagte: "Wälze diesen Stein hinweg. Krieche durch die Öffnung hinaus und rufe: 'Vivat! Ich bin erlöst!'" Da meinte der Schmied: "Zum Steine wälzen brauche ich beide Arme. Jäger, nimm du das zappelnde Männlein am Kragen. Dem Schneider möcht' ich es nicht anvertrauen. Er scheint mir nicht stark genug." Gleichwohl half auch der Schneider beim Halten, indem er die Beinchen des Männleins packte.

Jetzt wälzte der Schmied den Stein bei Seite. Da krachte und polterte es im Gewölbe, als bräche alles zusammen. Doch vor ihnen strahlte ein blendender Schimmer und vor aller Augen lag ein stattliches Schloss. Geschwind krochen alle aus dem Gewölbe heraus. Erst der Schmied, dann der Jäger mit dem Männlein, zuletzt der Schneider, der die winzigen Beine des Männleins hielt, und jeder schrie: "Vivat, ich bin erlöst."

Und siehe, das winzige Männlein schrie auch mit und ward verschwunden. Aus dem Schlosse aber trat eine prächtig gekleidete Musikkapelle und spielte wunderschön zum Tanze auf. Dann kamen drei herrliche Prinzessinnen, die sich zum dem Schmied, dem Jäger und dem Schneider gesellten. Und zuletzt kam ein kleiner Mann daher, angetan wie ein König, mit Krone und Zepter. Er hatte einen Purpurmantel mit Hermelinkragen an, und seine Gesichtszüge waren die des winzigen Männleins. Der kleine König sprach mit großer Würde:" Dank euch, die ihr uns erlöset habt! Dank und Lohn!"

Darauf machte der König die drei munteren Gesellen zu Edelleuten, und jeder durfte eine von den drei wunderschönen Prinzessinnen heiraten. Alle lebten in dem schönen Schlosse glücklich beisammen. Und das Feuer in der Schlossküche brannte nun immerzu, und niemand durfte es fortan ausblasen.

Dieses Märchen von Ludwig Bechstein (1801-1860) wurde von der Labbé-Redaktion für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Ludwig Richter (1803-1884) hergestellt.

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